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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 201</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn, 23. Juni 1935</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45203 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 201: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
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                        Barth an  v.K. in Bonn
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                        <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>, <date when="1935-06-23">23.6.1935</date>
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                    <salute>Liebe <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>!</salute>
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                <p> Berglisonntagnachmittag. Ich sitze am Tisch hinter dem Haus, während alle
                    Anderen in Liegenstühlen und sonst der Ruhe pflegen. <pb xml:id="p484" ed="pga"/> Am Waldrand oben haben sich
                        <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName>
                    und die gestern eingetroffene <persName ref="kbga-actors-9593">Leine Eyth</persName><note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-9593">Therese «Leine» Mosetter</persName>, geb. Eyth, war jüngstes
                        Geschwisterkind und konnte als Kind das «K» in «die Kleine» nicht
                        aussprechen und wurde darum auch später «Leine» genannt; Säuglingspflegerin
                        und Kinderhüterin auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> bei der mit ihr befreundeten Familie <persName ref="kbga-actors-316">Pestalozzi</persName>.</note> eingerichtet. Darum bin ich hier. Ganz
                    allein, aber fröhlichen Herzens, weil ich nun ruhig an m. L. schreiben
                    werde.</p>
                <p> Ja so is es nun in
                    diesem merkwürdigen Jahr, daß du deinen Geburtstag dort feierst und ich hier nur
                    von Weitem dabei sein und an dich denken kann. Dreimal zwölf Jahre alt bist du
                    nun, während ich eben sieben mal sieben Jahre alt geworden bin. Die kräftige
                    Symbolik dieser Zahlen kann dir unmöglich entgehen. Es ist ganz klar, daß in
                    diesem Jahr Alles ein wenig außergewöhnlich zugehen muß. Du bist mir in den
                    schwierigen Zeiten, die hinter uns liegen, und insbesondere in deinem nun
                    vollendeten 36. Lebensjahr eine ganz besonders liebe, treue und kluge <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>
                    gewesen, und dafür wollte ich dir heute hauptsächlich gedankt haben. Laß uns auch in den nun
                    kommenden Entwicklungen immer aufs Neue – und wäre es auch unter kleinen
                    heftigen Streitigkeiten, wie nur wir sie so haben können! – fest und
                    ­unbeweglich zusammenstehen und immer wieder unverzagt weiterrudern. Es wird
                    sich, wenn wir nur die letzte Zuversicht nie fahren lassen, Alles irgendwie
                    klären und in die Reihe stellen, wenn es auch immer wieder ganz anders gehen
                    wird, als man ersorgt oder erhofft hatte. Es wird wohl nicht anders möglich
                    sein, als daß wir den Preis für unser nun einmal nach allen Seiten so seltsames
                    Leben ganz gehörig bezahlen müssen mit allerlei Bekümmernissen und
                    Bedrücktheiten, die Anderen erspart bleiben. Aber was wollen wir? – das ist nun
                    einmal unser Leben, gegen das wir nicht murren können, wie wir es uns auch nicht
                    nehmen lassen könnten.</p>
                <p> Und nun hoffe ich nur, daß es am Dienstag dort auch ein wenig freundlich für
                    dich sein möchte. Alle, die um die Bedeutung des Tages wissen, werden ja sicher
                    auch dort das Ihrige dazu tun, und wenn dir trotzdem noch etwas fehlen sollte,
                    dann denk du ein bißchen nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, wo ich an diesem Tag herumlaufen werde, um
                    dies und das mit der Fakultät
                    (Lektionskatalog, Lehrauftrag) in Ordnung zu bringen. Ich werde dann in Gedanken
                    doch immer wieder in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> sein und mir unterdessen das ganze Basel unter dem
                    Gesichtspunkt ansehen, <pb xml:id="p485" ed="pga"/> daß es nun inskünftig zum Rahmen
                    auch der so ganz unvergleichlichen Existenz und Tätigkeit von <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName> bestimmt
                    ist. Ich bin restlos überzeugt davon, daß alle guten und bedeutenden Menschen
                    dort wie überall binnen Kurzem einsehen werden, mit wem sie es zu tun haben, und
                    daß es dir dann dort wie überall an Ausblicken und Ausläufen nach allen Seiten
                    nicht fehlen wird. <persName ref="kbga-actors-223">Lollo von Kirschbaum</persName>, geb. den 25. Juni 1899 in <placeName ref="kbga-places-1250">Ingolstadt</placeName>.
                    Eine schlechthin entscheidende Tatsache, wie immer sie astrologisch zu deuten sein mag. Das, was ich dir
                    zum Geburtstag schenken möchte, werden wir dann, wenn du wieder hier bist,
                    gemeinsam einkaufen gehen.</p>
                <p>Der gestrige Tag war ja nun recht dramatisch. Ich war nach Tisch mit <persName ref="kbga-actors-1082">Richard</persName><note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-1082">Richard Karwehl</persName>.</note> allein zu Hause (<persName ref="kbga-actors-316">Rudi</persName> nach
                    <placeName ref="kbga-places-1317">Schiltach</placeName> gefahren, <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> und «<persName ref="kbga-actors-7107">Grete</persName>»<note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-7107">Margarete Karwehl</persName>.</note>
                        
                     nach <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>), und ich saß müde und zufrieden nach vollbrachtem Morgenritt am Waldrand, als ein
                    sympathischer junger Mensch aus dem Dorf das Telegramm<note xml:id="n04">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/45/p481#fn_n01">S. 481, Anm. 1</ref>.</note>
                    brachte, das ich dann zuerst mit dem jäh aus dem Schlaf erwachten <persName ref="kbga-actors-1082">Richard</persName>, dann mit dir am
                    Telephon, dann ebenso mit <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> und mit meiner <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> besprochen habe.
                        <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName>, der nun
                    verabredungsgemäß zu benachrichtigen war, war nicht zu erreichen. So bekam er
                    einen Eilbrief<note xml:id="n05">Am 22. 6. schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dem Chef
                        des Erziehungsdepartements, Regierungsrat Dr. <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName>, durch Eilboten «daß ich bereit bin,
                        einem an mich ergehenden Ruf an die <orgName ref="kbga-actors-5398">Universität Basel</orgName> Folge zu leisten. Es
                        würde meine Situation nach verschiedenen Seiten sehr erleichtern, wenn es
                        möglich wäre, diesen Ruf möglichst sofort ergehen zu lassen und ev. gleich
                        zusammen mit meiner Annahme-Erklärung zu veröffentlichen» 
                        (<ref type="kba-objects-id" target="26591">KBA 9235.157</ref>).</note>, den ich in der Abendkühle um 6 Uhr selber zum unteren
                    Bahnhof befördert habe und der ihn heute erreicht haben wird. Du wirst die
                    Gewichtigkeit meiner Frage nach Neuigkeiten hinsichtlich der <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekenntniskirche</orgName> empfunden
                    haben. Mein erster Gedanke war natürlich der, ob nun von dorther doch noch
                    irgend etwas erwartet werden müsse. Dein klares Nein bestätigte mir dann doch,
                    was ich eben auch sofort empfand, daß weitere Experimente oder gar das Warten
                    auf solche nun nicht mehr in Betracht kämen. Abends um zehn Uhr kam dann noch
                    ein Telephon von <persName ref="kbga-actors-5489">Immer</persName><note xml:id="n06">
                            <persName ref="kbga-actors-5489">K. Immer</persName> telephonierte nach Rücksprache mit Moderator <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesse</persName> und im
                        Auftrag des Reformierten Bundes in Deutschland mit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und bat ihn, sich
                        «für eine freie theologische Hochschule für reformatorische Theologie offen
                        zu halten» (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 200</bibl>).</note>, der mir ein Telegramm durchgab,
                    das sie mir von dort aus schicken wollten:</p>
                <p><pb xml:id="p486" ed="pga" rend="noPipe"/> «Bahn frei für Hochschule für reformatorische Theologie. <placeName ref="kbga-places-1649">Rehoboth</placeName> 
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.26.22">1. Mose 26,22</ref>».</p>
                <p>Das scheint ja nun darauf hinzuweisen, daß sie dort auf einmal wieder auf dieses
                    andere Projekt<note xml:id="n07">Siehe oben
                        <ref type="pub" target="../volume/45/p433#fn_n20">S. 433f., Anm. 20.</ref></note>
                    zurückgekommen sind, nachdem ich ja von dem Ergebnis der rheinischen Bruderrats-Sitzung vom Samstag vor acht Tagen auch kein Wort mehr
                    gehört habe<note xml:id="n08">
                            Vermutlich ist der Westfälische Bruderrat gemeint. Er hatte auf der
                        Sitzung vom <date when="1935-06-15">15.6.1935</date> «dem Wunsche des Rheinischen Bruderrats"
                        entsprechend beschlossen, die Möglichkeit einer Fortsetzung der
                        Lehrtätigkeit Barths in Deutschland mit dem Rheinischen Bruderrat zu
                        besprechen (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 196</bibl>). Diese gemeinsame Bruderratssitzung fand
                        am <date when="1935-06-25">25.6.1935</date> statt. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erfuhr von dieser gemeinsamen Sitzung erst durch
                        einen Brief <persName ref="kbga-actors-5488">P. Humburgs</persName> vom
                        <ref type="kba-objects-id" target="26624">25.6.1935</ref>, in dem er <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> berichtete, «daß meine optimistischen
                        Hoffnungen, wir kämen heute schon zu einer klaren Entscheidung, enttäuscht
                        worden sind» (abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-670"><persName ref="kbga-actors-6392">H. Aschermann</persName>
                            /<persName ref="kbga-actors-6473">W. Schneider</persName>, <hi rend="italic">Studium im Auftrag der Kirche. Die Anfänge
                            der Kirchlichen Hochschule Wuppertal 1935-1945</hi> [SVRKG 83], Köln
                        1985, S. 301f.</bibl>).</note>. Ich glaube trotz Rehoboth nicht, daß es angesichts
                    dieser Unklarheit des Wollens angebracht gewesen wäre, noch einmal zugunsten der
                    von dieser Seite zu erwartenden Projekte zu temporisieren. Übrigens war ich,
                    gerade als das Telegramm kam, beschäftigt mit der Lektüre der Augsburger Beschlüsse<note xml:id="n09">
                            Die <bibl corresp="kbga-bibls-7528 "><hi rend="italic">Beschlüsse der Bekenntnissynode der
                            Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg vom 4. bis 6. Juni
                            1935</hi> wurden am 12.6.1935 von Präses K. Koch herausgegeben</bibl>: «Nur für die Synodalen
                        bestimmt! Als Handschrift gedruckt». Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3193"><hi rend="italic">Bekenntnissynode der
                            Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4.-6. Juni
                            1935. Verhandlungen, Reden und Beschlüsse.</hi> Im Auftrage des
                        Bruderrates herausgegeben von K. Immer, Wuppertal-Barmen o. J. (1935)</bibl>;
                            <bibl corresp="kbga-bibls-657"><hi rend="italic">Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu
                            Augsburg. Texte-Dokumente-Berichte</hi>, hrsg. von W. Niemöller (AGK
                        20), Göttingen 1969, S. 73-93.</bibl> – Siehe zur Kritik <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an den Beschlüssen
                        von Augsburg seinen Brief an <persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesse</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26682">30. Juni 1935</ref> (<bibl corresp="kbga-bibls-179">Offene
                        Briefe 1909-1935, <ref type="pub" target="../volume/35/p344#p344">S. 344-348</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 348f.</bibl>).</note> und des <persName ref="kbga-actors-1044">Hesseschen</persName><note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-3388"><persName ref="kbga-actors-1044">H. A. Hesse</persName>, <hi rend="italic">Aus der Bekenntnissynode in Augsburg vom 4. bis 6. Juni 1935. I. Barmen ­- Dahlem ­- Augsburg</hi>, in: 23. Vertraulicher
                        Rundbrief [für Mitglieder des Reformierten Bundes], Wuppertal-Elberfeld, am
                        13.6.1935, S. 1f.</bibl></note> und der Bayrischen Berichte<note xml:id="n11">Die Landeskirchliche Pressestelle München, Brief No 22 vom
                        <ref type="kba-objects-id" target="26466">7.6.1935</ref>, S. 1-3, brachte als «Mitteilung nur für Pfarrer» einen Bericht
                        von G. Hildmann über
                        die Augsburger Synode. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> strich sich in der Schilderung der
                        Eröffnungssitzung den Satz an: «Die Bruderschaft des gleichen Blutes war
                        hier erhöht durch die Weihe des gleichen Glaubens.» (S. 2) Im Resümee heißt
                        es: «Durch alle Gespräche und Verhandlungen klang wie ein Unterton das tiefe
                        Bewußtsein, wie sehr wir innerlich zueinander gehören und wie weit Gott
                        schon eine Reichskirche hat wachsen lassen unter uns» (S. 3). Im Brief No 23
                        vom <ref type="kba-objects-id" target="26567">19.6.1935</ref> («Mitteilungen nur für Pfarrer»), der in der Beilage Texte
                        der Augsburger Synode enthielt, strich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Vorschlag für eine
                        «Einfügung in das Kirchengebet» aus Anlaß der «Befreiung» «der gefangenen
                        Pfarrer und Gemeindeglieder» an: «Herr, unser getreuer Gott, in aller
                        Ehrfurcht bringen wir heute auch unseren Dank vor Dich dafür, daß Du die
                        Gebete für unsere gefangenen Brüder erhört hast. Durch Deine Barmherzigkeit
                        haben sie wieder in ihre Gemeinden und Häuser zurückkehren dürfen. Gib, daß
                        wir uns durch ihre Heimsuchung zu rechter Buße leiten lassen und zunehmen in
                        der Erkenntnis Deines Willens, Dir und Deiner Kirche zum Preise, uns und
                        unserem Volke zum Segen.» (S. 1)</note> dar<pb xml:id="p487" ed="pga" break="no"/>über. Mir
                    ist nach wie vor Verschiedenes, was da geschehen und gesagt worden ist, nicht
                    nur dunkel, sondern direkt bedenklich, und ich kann nicht nur den Bayrischen
                        Jodler, sondern auch das
                        Hessesche
                        Hallelujah<note xml:id="n12">
                            
                            <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName> bekennt am
                        Anfang seines Berichtes: «Durch Gottes Gnade dürfen wir fortan von der
                            <hi rend="italic">Bekennenden Kirche</hi> in Deutschland sprechen, <hi rend="italic">‹wie sie
                            in Barmen, Dahlem und Augsburg in die Erscheinung getreten ist›</hi>
                        und wie sie nunmehr allen inneren und äußeren Anstürmen zum Trotz in
                            <hi rend="italic">einheitlicher Geschlossenheit</hi> vor uns steht.» Die Synode
                        «war <hi rend="italic">längst geplant</hi>, wurde aber immer wieder hinausgeschoben,
                        bis jetzt, so dürfen wir hinterher sagen, der rechte Augenblick dafür
                        gegeben war, bis jetzt all das, was uns seit November 1934
                        auseinanderzubringen drohte, auf eine Art überwunden werden konnte, die
                        keinen von Menschen gemachten Kompromiß, sondern eine von Gott gegebene
                        Heilung bedeutet» (a.a.O. [s. oben <ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>], <bibl corresp="kbga-bibls-3388">S. 1</bibl>). In seinem Brief an
                            <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName> vom <ref type="kba-objects-id" target="26682">30.
                        Juni 1935</ref> fragte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Besteht wirklich Anlaß zu einem Hallelujah darüber,
                        daß die ‹Linie› inskünftig die Linie <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> – <placeName ref="kbga-places-804">Dahlem</placeName> – – <placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName> heißen
                        werde? Ich konnte und ich kann mich dieses Augsburger Religionsfriedens
                        unmöglich freuen.» (<bibl corresp="kbga-bibls-179">Offene Briefe 1909-1935,<ref type="pub" target="../volume/35/p347#p347"> S. 347</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 348</bibl>).</note> durchaus
                    nicht verstehen. Gerade in dieser triumphierenden und offenkundig der
                    allgemeinen Versöhnung entgegensteuernden Bekenntniskirche hätte mein Platz nur als
                    dauernder Störefried sein können, und diese Rolle dürfte sich nun eben überlebt
                    haben, wie ich umgekehrt auch einen Ruf gerade von <hi rend="italic">dieser</hi> – der
                    über <placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName> und <placeName ref="kbga-places-804">Dahlem</placeName> nach <placeName ref="kbga-places-645">Augsburg</placeName>
                    gesteuerten Bekenntniskirche nicht als giltig bzw. gebieterisch hätte anerkennen
                    können. Es dürfte schließlich <pb xml:id="p488" ed="pga"/>
                    <hi rend="italic">dazu</hi> kommen, daß man sich nach dieser «Verfügung» des <persName ref="kbga-actors-347">Ministers</persName> wohl nicht mehr ohne
                    grobe Illusion hätte vorstellen können, daß eine freie Fortsetzung meiner
                    Tätigkeit draußen physisch möglich sein werde. Wir haben nun die Dinge gerade im
                    letzten entscheidenden Augenblick nicht mehr eingehend zusammen beraten können.
                    Aber ich kann mir kaum denken, daß du sie wesentlich anders siehst oder daß du
                    nachträglich doch noch zu einem anderen praktischen Ergebnis gekommen sein
                    solltest.</p>
                <p> Was nun die zunächst nötigen technischen Handlungen hinsichtlich der
                    Wohnungssuche, des Umzugs etc. betrifft, so erwarte ich die Mitteilung der Pläne und
                    Vorschläge, mit denen ihr wohl bereits ausgiebig und – der Himmel gebe es! – in
                    leidlichem Einverständnis beschäftigt seid. Ob ich nicht doch auch noch einmal
                    heraus kommen sollte? Die Anwesenheit irgend eines «Herrn» könnte dort
                    gelegentlich wünschenswert sein. Aber dieser Herr könnte ja auch der Knabe <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> sein, dessen Semester
                    bald einmal zu Ende geht. Keinen Falles soll sich <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> allein gelassen fühlen. Und
                    keinen Falles sollst du dich dort mit Geschäften überanstrengen, die von Gottes
                    und Rechts wegen meine Sache wären. Nun, über das alles wirst du mir klug und
                    weise deine Gedanken mitteilen, und je nachdem komme ich dann gesaust oder nicht
                    gesaust.</p>
                <p> Es ist merkwürdig genug, daß nun diese entscheidungsvollen Tage für mich hier so
                    ganz unter dem Zeichen des Pferdes
                    stehen! Es kam so, daß <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName>
                    <persName ref="kbga-actors-1082">Richard</persName> und mich eines
                    morgens mit der Nachricht überraschte, sie habe von sich aus in Erfahrung
                    gebracht, wie es mit diesen Tieren in <placeName ref="kbga-places-730">Horgen</placeName> stehe. Und siehe, es stand sehr
                    gut, so daß wir uns gestern früh fröhlich ein erstes Mal in Marsch setzten.
                    Heute ist nun auch <persName ref="kbga-actors-316">Rudi</persName>, der gestern noch
                    sehr muderig<note xml:id="n13">= unwohl, matt, unlustig.</note>,
                    skeptisch und ungelockt auf die ganze Sache schaute, mitgekommen, und siehe da,
                    er vor Allem ist heute morgen hocherfreut und mit der Parole «Das wämmer no meh
                        mache!»<note xml:id="n14">= Das wollen wir noch mehr (öfter)
                        machen!</note> zurückgekehrt. Die Tierlein sind natürlich alle ein bißchen munterer als unsere braven
                    Manegegäule in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>, aber doch nicht so hitzig wie jener Dragoner von 1932<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p318#p318">S. 318f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/34/p334#p334">334</ref></bibl>.</note>, und
                    verschiedene (es ist <pb xml:id="p489" ed="pga"/> ein ganzer kleiner Stall voll da!)
                    durchaus auch zum Tragen zarter Damen fähig und willig. Du mußt nur ein
                        <hi rend="italic">bißchen</hi> Freude, Mut und Gewöhnung mitbringen, so erwarten dich
                    in dieser (auch in dieser!) Hinsicht hier schönste Dinge. Ich selbst fühle mich
                    wie neu geboren, seit ich das wieder habe, und ganz zweifellos wird das auch dir
                    zur Stärkung, zum Ausgleich der inneren Funktionen, zum seelischen Frieden etc.
                    etc. dienen. Darum – aber ich will jetzt die bewußte Mahnung, die ich heute früh
                    noch auf einer Karte an <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> wiederholte, nicht noch ein sechstes Mal zu Papier bringen.
                    Ich sage dir, der Wald ist noch einmal so schön, nun man ihn wieder in der
                    beschwingten Eile dieser Tierlein
                    durchschreiten, durchtraben, durchgaloppieren kann. Ich reite übrigens einen
                        <hi rend="italic">Schimmel</hi>. <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> hat mir ein neues
                    gelbes Jeggjen
                    geschenkt! Heute um 6 Uhr fahre ich nun nach <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName><note xml:id="n16">D. h. zu <persName ref="kbga-actors-2644">Rolf Eberhard</persName>.</note>.</p>
                <p> Die Stimmung der Gesellschaft hier ist, von den üblichen kleinen Stauungen
                    abgesehen, sehr befriedigt und befriedigend. Wir sind eben dabei, <persName ref="kbga-actors-1082">Richard</persName> zu überreden, daß er
                    doch noch diese Woche hier bleibe. Ich verstehe mich wirklich sehr gut mit
                    ihm.</p>
                <p> Am Freitag abend haben wir übrigens einen sehr guten französischen Film gesehen, der zu nachdenklichen
                    Gesprächen Anlaß gab, weil man wohl die ganze (oder doch fast die ganze)
                    Rechtfertigungslehre darin veranschaulicht finden konnte.</p>
                <p> Ich freue mich aber trotz allem auf die Bücher. Und überhaupt auf die nun wieder
                    in greifbare Nähe gerückte regelmäßige und positive Arbeit. Es wird schön sein, wenn wir unser
                    Studierzimmer erst wieder aufgebaut haben und an unsere nächsten Aufgaben gehen
                    können.</p>
                <p> ­Liebe <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>, wie geht es dir? Ich habe noch gar nichts von dir bekommen und
                    werde nun wegen <placeName ref="kbga-places-721">Bubendorf</placeName> noch länger warten müssen, bis mich etwas erreicht.
                    Ich wüßte vor Allem so gerne, wie es mit deinem inneren Frieden und
                    Gleichgewicht steht, dessen ganze Bedrohtheit in dieser Lage und unter den
                    Umständen dieses Augenblicks mir sehr klar ist. Was machen und sagen <persName ref="kbga-actors-408">Träublein</persName>, Frau
                        <persName ref="kbga-actors-6470">Schlomka</persName> und alle
                    Getreuen? Sollte ich nicht schon zum Abschiednehmen noch einmal dorthin kommen?
                    Es kommt mir so seltsam vor, auf einmal denken zu müssen, daß ich sie alle
                    vielleicht für sehr lange <pb xml:id="p490" ed="pga"/> nicht mehr sehen soll. Ich
                    würde mich freilich auch dann durch dich aufs Beste bei ihnen vertreten
                    wissen.</p>
                <p>Du hast mir einmal gesagt, daß du die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> auch lieb haben werdest. Ich war so
                    froh, daß du das sagen konntest, und bin nun, da die Würfel so gefallen sind,
                    erst recht froh. Denn was wäre mir die ganze Schweiz, wenn du sie dauernd mit
                    Grimm und Geringschätzung betrachten müßtest?</p>
                <p> Von <persName ref="kbga-actors-403">Eduard</persName> hörte ich eben
                    telephonisch, daß es im Bericht der deutschen Depeschenagentur heiße, ich sei in
                        «Ruhestand»<note xml:id="n17">
                            Die <bibl corresp="kbga-bibls-3381">National-Zeitung (Basel), Jg. 93, Nr. 283 vom
                        24.6.1935</bibl>, übernahm die Mitteilung des Deutschen Nachrichtenbüros vom
                        <date when="1935-06-23">23.6.1935</date> mit der Überschrift: «Professor <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom deutschen <persName ref="kbga-actors-347">Kultusminister</persName> in den
                        Ruhestand versetzt.» Mit dem Untertitel «Prof. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kommt nach Basel» wurde
                        an derselben Stelle mitgeteilt, daß er «eine Berufung an die theologische
                        Fakultät der Universität Basel bereits angenommen» habe (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">
                                Prolingheuer,
                        S. 201f.</bibl>).</note> versetzt. Dieser Ausdruck ergötzt mich über die Maßen.</p>
                <p>Grüße <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> und die Büblein! Und natürlich alle die schon erwähnten Lieben
                    Getreuen!</p>
                <closer>
                    <salute>Dein</salute> <signed><persName ref="kbga-actors-2151">K</persName>.</signed> 
                </closer>
                <postscript>
                    <p>An dem Zurückgelassenen freue ich mich immer wieder. Leider ist unter meinen
                        Händen ein kleiner Schaden daran entstanden.</p>
                </postscript>
            
        </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
