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        <title type="volume" n="vol-45">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 218</title>
        <title type="content">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Honnef</title>
        <title type="citation_line_1">Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Honnef, 5. Juli 1935</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/45220 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935, hrsg. v. Erler, Rolf-Joachim (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2008, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel Bd. I 1925–1935</title>
          <title type="text">Brief Nr. 218: Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bad Honnef</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Erler, Rolf-Joachim</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2008</date>
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                        Barth an  v.K. in Bad Honnef
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                        <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName>, <date when="1935-07-05">5.7.1935</date>
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                    <salute>Liebe <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>!</salute>
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                <p> Von den vielen Briefen, die ich zweifellos auch heute schreiben werde, soll der
                    erste an dich gehen! Ich war eben im Dorf drunten, um mich endlich wieder einmal
                    selbständig mit Papier und Umschlägen einzudecken, bin nun ganz keuchend und
                    schwitzend wieder hier eingetroffen, und das Werk des Einsiedlers, der ich nun
                    hier bin, kann beginnen.</p>
                <p> Ich danke dir so für deine lieben langen Briefe, aus denen ich ersehen habe, daß
                    es dir langsam wieder besser zu gehen beginnt. Zunächst habe ich freilich daraus
                    erst entnehmen oder doch ahnen können, wie groß der Schaden ursprünglich gewesen
                        ist und daß
                    nur we<pb xml:id="p530" ed="pga" break="no"/>nig gefehlt hat und wir hätten jetzt keine <persName ref="kbga-actors-223">Lollo</persName>
                    mehr. Ja, da kann es einem wohl nachträglich heiß und kalt werden, auch wenn man
                    es nur so nach und nach mitgeteilt bekommt wie ich jetzt. Du wirst mir dann
                    immer noch viel zu erzählen haben und zu erklären, denn nicht einmal das ging
                    aus deinen sonst so klaren Worten hervor, ob der Schaden am Kopf oder am Halse
                    sitzt. Und du darfst den Hals nicht bewegen? Was sind das alles für merkwürdige
                    Zeichen! Mit welcher doppelt und dreifachen Vorsicht werde ich von nun an mit
                    dir umgehen müssen, damit das schwer beschädigte edle Gefäß nicht weiter leide!
                    Und sag mal, wie ist das mit deiner Reise – wenn es endlich so weit sein wird?
                    Kannst und darfst du allein reisen, oder sollte ich nicht heimlich still und
                    leise dorthin kommen, dich abzuholen? Ein Wink, und ich bin dort, gelt? Ich bin
                    für den Augenblick sehr beruhigt, von dir – und doch nicht nur von dir, sondern
                    zur Kontrolle auch aus einem Brieflein von Frau <persName ref="kbga-actors-6470">Schlomka</persName><note xml:id="n01">Briefkarte vom 
                        <date when="1935-07-03">3.7.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26730">KBA 9335.689</ref>).</note> zu hören, daß du Vertrauen
                    zu den dortigen Ärzten habest und darum leidlich folgsam seist. Gelt, du gehst
                    auf diesem guten Weg weiter! Ich habe ja so Angst, du leistest dir irgend einen
                    Ausbruch ins Freie, der dir dann nicht gut bekommen könnte, so gerne ich dich
                    bald wieder hier hätte! Was ist übrigens bei dem allem aus meinem Wuschelköpflein
                    geworden? Haben sie dir einen Bubikopf geschnitten? Und wie geht es unter diesen
                    Umständen deinen anderen Organen und Funktionen? Frau Schlomka schreibt, du blickest jetzt wieder
                    «fröhlich aus den Augen»! Das habe ich gerne gelesen. Wenn es nur dabei bleibt
                    und von keiner Seite ein Rückfall droht! Ich nehme mir schon jetzt vor, mit
                    geradezu unglaublicher Vorsicht, Distanz, Rücksichtnahme, Behutsamkeit, Fürsorge
                    etc. mit dir umzugehen. Wenn es mir nur richtig gelingt!
                    </p>
                <p> Gestern habe ich ein Telephon mit <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> gehabt. Es ging z. T. um den
                        Juliusturm<note xml:id="n02">Eine Geldrücklage der Familie
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, so genannt in Anspielung auf den Juliusturm, einem Festungsturm in
                        <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>-Spandau, in dem von 1871-1914 gemünztes Gold im Werte von 120 Mio.
                        Mark als Reichsschatz aufbewahrt wurde.</note>, den sie, da das Konto offenbar erschöpft ist, nicht angreifen möchte.
                    Im Übrigen lernte ich, daß es wohl besser ist, wenn ich mich am Sonntag abend
                    auch nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> verfüge, um die Befehlsgewalt von Anfang an in die Hand zu
                    nehmen und unnötige ­Ratlosig<pb xml:id="p531" ed="pga" break="no"/>keiten überflüssig zu
                        machen. Ich bin
                    ohnehin zu <persName ref="kbga-actors-7049">Hauser</persName> bestellt zur
                    endgültigen Regelung der Besoldungsfrage. Meinen vorläufigen Wohnsitz werde ich bei <persName ref="kbga-actors-403">Eduards</persName> aufschlagen, die
                    dann zwar weg sind, mir aber das kleine Zimmer von <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName><note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-5802">Franziska Barth</persName> bewohnte vom Sommersemester 1934 an als Studentin in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>
                        ein Zimmer bei <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName>.</note> reserviert haben. Dort werden mich dann also
                    auch Nachrichten von dir zunächst am sichersten erreichen. <persName ref="kbga-actors-24">Markus</persName> wird auch in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> eintreffen und
                    hoffentlich auch für die Bedürfnisse der neuen 
                            <placeName ref="kbga-places-1021">Vatikanstadt</placeName> in etwa zu haben sein. Es wird ja viel
                    brauchen, bis dort Alles wieder einigermaßen auf einander steht. Ich denke mit
                    Sorge daran, wie eben jetzt meine ganze Bibliothek irgendwo im Rollen ist und ob
                    wir Alles ohne Schererei über die Grenze bringen werden. Z. B. auch die neuen
                    Möbel, die ja, wie ich jetzt sehe, in den Zollbestimmungen eigentlich gerade
                    nicht vorgesehen sind! Ich habe übrigens zur Erlangung der verschiedenen Basler
                    Papiere <persName ref="kbga-actors-438">Max Zellweger</persName>
                    in Bewegung gesetzt, der gewiß Alles mit Umsicht und Sachkenntnis ins Geleise zu
                    bringen weiß.</p>
                <p> Vorgestern habe ich also mit <persName ref="kbga-actors-7233">Peter Meyer</persName> den großen Ritt nach
                        
                            <placeName ref="kbga-places-818">Einsiedeln</placeName> getan. Es war doch
                    erheblich weiter und anstrengender, als ich es mir nach unseren vielen bequemen
                    Autofahrten in jene Gegend gedacht hatte! Wenn jeder Meter mit einer jener leise
                    zermürbenden Bewegungen des ganzen Sitz- und sonstigen Fleisches zu bezahlen
                    ist, so sieht sich eine solche Sache am Abend des Tages schon ein bißchen anders
                    an, besonders wenn man noch so dauernd trabt, wie wir es getan haben! Auf dem Heimweg z. B. zehn
                    Kilometer fast ohne Unterbruch! Aber die Sache war ausgesprochen herrlich,
                    temperamentvoll, naturhaft, erquickend über die Maßen! In 
                            <placeName ref="kbga-places-818">Einsiedeln</placeName> durften unsere Pferdlein im Klosterstall
                    stehen, einem im 18. Jahrhundert gebauten kirchenartigen Raum (die
                        «Rosschile»<note xml:id="n04">= Roßkirche.</note> genannt). Und
                    schon das Einreiten in dieses ganze Areal mit allen seinen Höfen, unter Bögen
                    hindurch über hallendes Pflaster war eine irgendwie spanische, das
                    Selbstbewußtsein kräftigende Angelegenheit. Auf dem Heimweg mußten wir den
                    <placeName ref="kbga-places-1626">Etzelpaß</placeName> übersteigen, vorher übrigens ein Moor, die Pferde am Zügel führend,
                    durchqueren, zum Schluß jener lange Trab durch strömenden Regen, für welchen
                    Zweck wir trefflich schützende <pb xml:id="p532" ed="pga"/> Windjacken vorne
                    aufgebunden hatten. O <persName ref="kbga-actors-223">Löllchen</persName>, wenn
                    du doch noch zu Kräften kommen und mit mir etwas Ähnliches unternehmen könntest.
                    Aber ich werde dich auf keinen Fall auch nur von ferne dazu veranlassen, wenn es
                    dich nicht ganz von dir aus fein und gut dünkt. Aber gelt, du verstehst es, wie
                    wohl es mir tat und tut, nach all den Wochen und Monaten der ermüdenden Spannung
                    und Erregung nun so ein bißchen unbesonnen zu leben. Der Ernst des Lebens wird
                    ja gleich wieder da sein.</p>
                <p> Gestern abend hat mir <persName ref="kbga-actors-315">Gerty</persName> weitere Erklärungen
                    über sich selbst abgegeben. Würdest du
                    erwartet haben, von ihr zu hören, daß ihr <persName ref="kbga-actors-9267">Emmy Bloch</persName> geradezu «schrecklich auf die Nerven gehe»
                    und daß sie jeweils nach ihren Besuchen völlig erschöpft sei? Überhaupt sei
                    Vieles oder Alles, was uns an ihr verwundere, nur eine mühsam erkämpfte
                    Gegenwehr gegen die physische und psychische Mühsamkeit des Lebens, und man
                    könne sie nicht mehr mißverstehen, als wenn man ihr ihre Gelassenheit etc. als
                    siegreiches Können anrechne. Heute wird <persName ref="kbga-actors-9316">Walter Rühle</persName><note xml:id="n05"><persName ref="kbga-actors-9316">Walter Rühle</persName>, ein mit <persName ref="kbga-actors-8117">Ruth Pestalozzi</persName> befreundeter
                        Violinist, hielt sich des öfteren auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> auf.</note> wieder
                    eintreffen wie gewohnt. Gerty schreibt ihm
                    außerordentliche Qualitäten zu, hat ein mütterliches Verhältnis zu ihm (nachdem
                    sie ihn in einer Krankheit pflegen mußte), während <persName ref="kbga-actors-316">Rudi</persName> ihn nicht mag und
                        Ruth, die er liebt, ihn
                    ihrerseits nur als Freund haben möchte. So gehen eben die menschlichen Schicksale kreuz
                    und quer durcheinander, und alle verlangen offenbar nur das Eine: daß man sie
                    nicht als Objekt zur Abreagierung eigener Komplexe, sondern in Schonung der
                    ihrigen als Mitgeschöpfe ehre und aufnehme und mitnehme. Am Montag trifft <persName ref="kbga-actors-1716">Erica</persName> hier ein, nach
                    umständlichen, z. T. auch an dich gerichteten Korrespondenzen (ich habe dich
                    verschont mit der Weitersendung) über Fahrkarten, <persName ref="kbga-actors-9519">Goti</persName><note xml:id="n06">
                            <persName ref="kbga-actors-9519">Gotlind («Goti») Römheld</persName> (1912–1943),
                        Schwester von <persName ref="kbga-actors-9518">Hildegunt («Hidi») Römheld</persName>, ehemalige Schülerin, nun
                        Freundin und Reisegefährtin von <persName ref="kbga-actors-1716">E. Küppers</persName>.</note>, <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <placeName ref="kbga-places-855">Tirol</placeName> und was weiß ich für weitere
                    Nebenumstände. Daß ich abgesetzt sei, scheint sie aus
                    irgend einem Grunde noch immer nicht für wahr, sondern für eine Erfindung der
                    Magdeburger Presse zu halten!! Die Gute, sie wird nie klug <persName ref="kbga-actors-1716">werden</persName>! Gestern war den ganzen Tag das Ehepaar
                        <persName ref="kbga-actors-7016">Greiffenhagen</persName><note xml:id="n07">Dr. <persName ref="kbga-actors-7016">Gustav Greiffenhagen</persName> (1902–1968), Hörer
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in Göttingen, 1931-1967 Pfarrer in Bremen, Teilnehmer an den
                        Bekenntnissynoden von Barmen und Dahlem, entschiedener Vertreter der <orgName ref="kbga-actors-7774">BK</orgName> in
                        Bremen.</note> aus <placeName ref="kbga-places-177">Bremen</placeName> unser Gast. Sie kosteten viel Zeit, weil sie <pb xml:id="p533" ed="pga"/> sich wirklich gründlich verewigten, aber zum Schluß
                    verließen sie den Schauplatz so hoch erfreut, daß wir uns sagten, das habe nun
                    eben gewiß so sein müssen.</p>
                <p> Ich hatte unter vielen guten Briefen einen besonders guten von <persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName><note xml:id="n08"> Brief vom <date when="1935-06-29">29.6.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26674">KBA 9335.666</ref>).</note>, in der Hauptsache
                    über das <bibl corresp="kbga-bibls-187 ">Credo</bibl><note xml:id="n09"> Siehe oben
                        <ref type="pub" target="../volume/45/p436#fn_n05">S. 436, Anm. 5</ref>.</note>, das er merkwürdig
                    goutiert zu haben scheint. Denk, auch er ist wieder im Krankenhaus gewesen und «dem
                    Ende aller Dinge nahe» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.4.7">1. Petr. 4,7</ref>], nun aber wieder genesen und will am 25. Juli mit der
                    kleinen <persName ref="kbga-actors-2760">Herrin</persName><note xml:id="n10"><persName ref="kbga-actors-2760">Erna Scholz</persName>, die Ehefrau von <persName ref="kbga-actors-374">Heinrich Scholz</persName>.</note> für vier Wochen ins
                    <placeName ref="kbga-places-1318">Engadin</placeName>. Wir müssen dann versuchen, ihn zu erreichen. Drei Morgenröten gibt es
                    in seinem Leben (außer der kleinen Herrin): die <foreign xml:lang="lat">Mathesis universalis</foreign><note xml:id="n11">Mathesis universalis wird «in ihrer klassischen
                        Form bei <persName ref="kbga-actors-2710">Descartes</persName> und
                            <persName ref="kbga-actors-1114">Leibniz</persName>
                        als die universale Wissenschaft verstanden», «die ohne jede Beschränkung auf
                        einen bestimmt begrenzten Objektbereich das Seiende überhaupt […] zum
                        Gegenstand hat und dabei methodisch alle die Eigenschaften enthält, die den
                        Beweisen der Mathematiker […] Gewißheit geben» (<bibl corresp="kbga-bibls-3309">J. Ritter, Vorwort, in: <persName ref="kbga-actors-374">H. Scholz,</persName> <hi rend="italic">Mathesis
                            universalis. Abhandlungen zur Philosophie als strenger
                            Wissenschaft</hi>, hrsg. von H. Hermes, Fr. Kambartel, J. Ritter,
                        Basel 1969², S. 7-16, dort S. 7</bibl>).</note>, die Schönheit der logistischen
                    Dinge und das Phänomen <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>. Das ist allerhand!, um mit ihm selber zu
                    reden. Ja, so schnörkelt eben auch er sich weiter durch dieses Erdenland! – Zum
                        Credo hat sich übrigens ebenfalls in letzten Tönen unser Freund
                        <persName ref="kbga-actors-1620">Gollwitzer</persName>
                    geäußert.<note xml:id="n12">Postkarte vom <date when="1935-06-29">29.6.1935</date> 
                        (<ref type="kba-objects-id" target="26670">KBA 9335.667</ref>).</note> Ich bin ja diesmal ein bißchen froh über einige
                    Beifallszeichen, weil ich gerade diesmal meiner Sache nicht so sicher war wie
                    etwa beim <bibl corresp="kbga-bibls-46 ">Anselm</bibl>.</p>
                <p> Ich war dir gestern so dankbar für die Nachrichten aus dem <placeName ref="kbga-places-914">Rheinland</placeName> – und
                    dankbar dafür, daß sie so lauten konnten. Daß sie nun <hi rend="italic">so</hi> rasch in der Lage sind, gleich
                    von Schuld etc. zu reden, kommt mir ja freilich auch wieder ein wenig
                    überraschend. Es könnte darauf hindeuten, daß die Sache für sie wie so viele
                    andere schnell genug auch wieder Episode werden kann. Aber man wird ihnen ihren
                    Gang auch in dieser Hinsicht lassen müssen. <persName ref="kbga-actors-897">Beckmann</persName> freilich muß ein reichlich <pb xml:id="p534" ed="pga"/> unehrlicher Mensch sein. Gerade mit ihm habe ich doch
                    noch am 17. Mai über Alles, auch über die Nordgrenze<note xml:id="n13">
                            Im Januar 1935 hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>
                        während der Kampagne vor der Abstimmung um die eidgenössische «Wehrvorlage»
                        am <date when="1935-02-24">24.2.1935</date> in einem Gespräch geäußert: «Ich bin <hi rend="italic">für</hi> die
                        Landesverteidigung» und hinzugefügt: «besonders für die Befestigung der
                        Nordgrenze» (vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Brief an P. Winckler vom <date when="1935-05-23">23.5.1935</date> 
                        [<ref type="kba-objects-id" target="26394">KBA 9235.129</ref>]). Im März 1935 war sein Ausspruch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> verkürzt (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
                        habe gesagt, «er sei für eine starke Verteidigung der Nordgrenze») publik
                        gemacht und kontrovers besprochen worden (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3310"><persName ref="kbga-actors-6823">Nemo</persName> [= G. Boerlin], 
                                <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> als
                                Staatsbürger</hi>
                            , in: Schweizer
                        Monatshefte für Politik und Kultur, Jg. 14 [1934/35], S. 638f.</bibl>). In
                        Deutschland verbreitete der Informationsdienst des Reichsbischofs <persName ref="kbga-actors-289">Müller</persName> am <date when="1935-05-10">10.5.1935</date>
                        (Nr. 5/35, S. 7) unter der Überschrift «Und so etwas war ein ‹deutscher›
                        Professor!»: «An <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ist von vaterländisch gesinnten Schweizern die Frage
                        gestellt worden, wie er es mit der Landesverteidigung halte; er gab die zwar
                        schlaue, aber ausweichende Antwort, er sei für eine stärkere Verteidigung
                        der 
                                <hi rend="italic">Nordgrenze</hi> gegen Deutschland.» Kommentar: «Auf
                        die Eidesverweigerung dieses Herrn <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> fällt von hier aus neues Licht!»
                            (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, vgl. S. 180-182</bibl>, und zum ganzen Vorgang <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p887#p887">S. 887-891</ref> und
                        <ref type="pub" target="../volume/34/p810#p810">S. 810f.</ref></bibl></note>, eingehend gesprochen! Und daß nun ausgerechnet <persName ref="kbga-actors-1045">Klugkist
                        Hesse</persName><note xml:id="n14"><persName ref="kbga-actors-1045">Hermann Klugkist Hesse</persName> (1884–1949), 1920-1949
                        Pfarrer in Wuppertal-Elberfeld, 1926-1933 Schriftleiter des Reformierten
                        Wochenblatts, 1933-1936 (gemeinsam mit <persName ref="kbga-actors-5489">K. Immer</persName>) Herausgeber des bekenntniskirchlich
                        orientierten biblischen Wochenblattes «Unter dem Wort», seit 1934 Dozent an
                        der Theologischen Schule (später Kirchliche Hochschule) in Wuppertal und am
                        Predigerseminar in Wuppertal-Elberfeld.</note> noch und noch einmal mit der
                    <orgName ref="kbga-actors-6133">S. P. D.</orgName><note xml:id="n15">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/45/p519#p519">S. 
                                519</ref> und
                            <ref type="pub" target="../volume/45/p265#fn_n04">S. 265, Anm. 4</ref>. Die Mitgliedschaft <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in der <orgName ref="kbga-actors-6133">SPD</orgName> spielte schon eine
                        Rolle in dem Brief <persName ref="kbga-actors-5488">Humburgs</persName>
                        an Barth vom <ref type="kba-objects-id" target="25735">9.2.1935</ref> und in Barths Antwort vom <ref type="kba-objects-id" target="25757">12.2.1935</ref> (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 296–301</bibl>). Die kritische Haltung <persName ref="kbga-actors-1045">H. Kl. Hesses</persName> und anderer Mitglieder des
                        rheinischen Bruderrates wurde auch deutlich in einer Besprechung von Mitte
                        Februar 1935, die <bibl corresp="kbga-bibls-3311"><persName ref="kbga-actors-7752">G. Abrath</persName>, <hi rend="italic">Subjekt und Milieu im NS-Staat. Die Tagebücher
                            des Pfarrers Hermann Klugkist Hesse 1936-1939</hi> (AKZG, Reihe B, Bd.
                        21), Göttingen 1994, S. 161f.</bibl>, wiedergibt.</note> aufrücken konnte (mir
                    gefiel schon die Art, wie er in «<orgName ref="kbga-actors-10995">Unter dem Wort»</orgName> über die Sache
                        berichtete<note xml:id="n16">In <bibl corresp="kbga-bibls-7535 ">«Unter dem Wort», Jg. 3, Nr. 26
                        vom <date when="1935-06-30">30.6.1935</date>, S. 312, wird unter der Überschrift «Karl Barth in den
                        Ruhestand versetzt»</bibl> nach dem einleitenden Satz: «Die Zeitungen melden
                        darüber folgendes» der Text des Deutschen Nachrichten-Büros wiedergegeben
                        (s. oben <ref type="pub" target="../volume/45/p481#fn_n02">S. 481, Anm. 2</ref>). Dann folgt: «Daß wir
                        diese Nachricht über den Lehrer unserer evangelischen Kirche nur unter
                        tiefem Schmerz abdrucken, kann sich jeder denken. Aber mit zu großer Trauer
                        würden wir dem Evangelium einen schlechten Dienst erweisen. Als ob es nicht
                        unabhängig von Menschen und auch von den tüchtigsten Menschen in Gottes
                        Kraft wirkte! Aber danken wollen wir <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> und mit dankbaren
                        Segenswünschen ihn und die Seinen der Liebe Gottes befehlen.»</note>,
                    wenig!), ist auch selt<pb xml:id="p535" ed="pga" break="no"/>sam. Aber es ist beruhigend, daß
                    die ganze Art, wie die Sache sich dort nun <hi rend="italic">nach</hi> der Entscheidung
                    auslebt, darauf hinweist, daß die Entscheidung nicht wohl anders fallen konnte,
                    daß die Witterung, die ich zu haben meinte, daß ich dort keinen rechten Boden
                    haben würde, faktisch – wie man auch das Phänomen deute – richtig war, daß den
                    Leuten in der Sache jedenfalls nicht ein solches Leid angetan ist, das zugleich
                    ein Unrecht bedeuten würde. Wer weiß, ob es nun mit der <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekenntniskirche</orgName> nicht viel besser
                    weitergehen wird <hi rend="italic">ohne</hi> mich, weil nun allerlei Kräfte und Einsichten
                    mobil werden, die bisher wegen Mikoxen und Gekränktheiten
                    gegenüber dem ewigen Besserwisser und Rechthaber in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> nicht zur Geltung
                    kamen. Ich will es also versuchen, an <persName ref="kbga-actors-5488">Humburg</persName> zu schreiben.<note xml:id="n17">Brief vom
                        <ref type="kba-objects-id" target="26747">5.7.1935</ref> an <persName ref="kbga-actors-5488">P. Humburg</persName>
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 352f.</bibl>).</note> Aber auch <persName ref="kbga-actors-408">Träublein</persName> soll seinen Brief
                    gewißlich bekommen.<note xml:id="n18">Brief vom <ref type="kba-objects-id" target="26750">5.7.1935</ref> an <persName ref="kbga-actors-408">H. Traub</persName>
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 341–343</bibl>).</note>
                    </p>
                <p> Und nun sehe ich mit Spannung den nächsten Tagen entgegen. Es wird wohl in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>
                    etlicher Weisheit bedürfen, um Alles nach allen Seiten und in jeder Hinsicht –
                    es gibt so viele Seiten und Hinsichten! – recht zu machen. Stürze dich nur ja nicht zu
                    schnell mit in den dort sicher einsetzenden Trubel! M. E. wird es sich für dich
                    nur um ein rasches Hereinschauen handeln können, damit du dann rasch hieher in
                    die Ruhe kommst. – Sag, ist es
                    nicht nachgerade merkwürdig, daß ich die Bücherkiste noch immer nicht habe?
                    Vielleicht hast du sie an die Adresse von <persName ref="kbga-actors-316">Rudis</persName> Geschäft gesandt,
                    und nun stockt dort die Sache wegen Rudis Abwesenheit. Kurzum,
                    ich bin annoch ohne sie. Die Genfer Vorlesungen<note xml:id="n19">
                            <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hielt vom <date to="1935-07-25" from="1935-07-22">22.-25.7.1935</date> vier Vorlesungen im
                        Ökumenischen Seminar in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>: <bibl corresp="kbga-bibls-748"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><ref type="pub" target="55003">Die Kirche und die Kirchen</ref></hi> (ThExh 27), München 1935</bibl> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 276f</bibl>).</note>
                    müssen dann plötzlich entstehen!</p>
                <p>Genug für heute! Ich kann dir ja nicht sagen, wie froh ich bin über die guten
                    Nachrichten von dir. Und gelt, es wird mir doch jetzt nichts verheimlicht, was
                    ich auch noch wissen müßte?</p>
                <p> Eben hatte ich ein Telephon mit <persName ref="kbga-actors-438">Max Zellweger</persName>. Die Vorbereitungen für einen
                    glatten Empfang unserer Materialien am Schweizer Zoll <pb xml:id="p536" ed="pga"/>
                    sind im besten Gang. Ich werde nun am Sonntag abend nicht im leeren
                    <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>haus, sondern <hi rend="italic">bei <persName ref="kbga-actors-5802">Fränzeli</persName></hi>, St. Johanns-Vorstadt 88,
                        einkehren. <persName ref="kbga-actors-26">Nelly</persName> ist bei <persName ref="kbga-actors-438">Zellwegers</persName><note xml:id="n20">Bei <persName ref="kbga-actors-438">Max
                            Zellwegers</persName>
                        Mutter <persName ref="kbga-actors-7559">Elisabeth Zellweger-Preiswerk</persName> (1867–1949), in deren Haushalt auch die
                        unverheirateten Söhne <persName ref="kbga-actors-1977">Eduard</persName> (1892–1964) und <persName ref="kbga-actors-7558">Albert</persName> (1897–1950) lebten.</note>
                    erwartet.</p>
                <p> Und mit der Post erhielt ich eben ein Rundschreiben des <orgName ref="kbga-actors-7796">Bruderrats der
                    altpreußischen Union</orgName>, in
                    welchem ich eine Ehrenmeldung erhalte<note xml:id="n21">In seinem
                        Rundschreiben vom <ref type="kba-objects-id" target="88470">4.7.1935</ref> dankte der Bruderrat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> für seinen Dienst in
                        der Evangelischen Kirche und bezeugte, «daß er getreu seinem Auftrag als
                        Lehrer der Kirche in der Stunde der Gefahr zum Bekennen aufgerufen hat. Die
                        von ihm vertretene Sache der Erneuerung von Kirche und Theologie aus dem
                        ewigen Wort des dreieinigen Gottes ist und bleibt die Lebensfrage der
                        Christenheit und darf von uns in der Deutschen Evangelischen Kirche nicht
                        wieder preisgegeben werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 206f.</bibl>).</note>, in welchem aber weiter zu der
                    neu aufgeworfenen Eidesfrage nur
                    jenes unbestimmte Edikt von <persName ref="kbga-actors-265">Marahrens</persName> vom 6. Dezember<note xml:id="n22">Am
                        <ref type="kba-objects-id" target="90998">6.12.1934</ref> gab die<orgName ref="kbga-actors-8355"> Vorläufige Leitung der DEK</orgName> unter Leitung von Bischof
                            <persName ref="kbga-actors-265">A. Marahrens</persName> «eine
                        vorläufige, deshalb für die Öffentlichkeit nicht bestimmte» von Präses <persName ref="kbga-actors-227">K. Koch</persName> unterzeichnete
                        briefliche Erklärung ab, in der es hieß: «Der unter Anrufung Gottes dem
                        Führer <persName ref="kbga-actors-185">Adolf Hitler</persName>
                        geleistete Eid gibt der Treue- und Gehorsamsverpflichtung den Ernst der
                        Verantwortung vor Gott und damit ihre rechte Begründung. Er schließt durch
                        die Berufung auf Gott ein Tun aus, das wider das in der Heiligen Schrift
                        bezeugte Gebot Gottes ist» (Abbildung des Briefes bei <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 275, vgl.
                        S. 204</bibl>).</note> und dazu ein Satz aus der zweiten Dahlemer Botschaft vom 5.
                        März<note xml:id="n23">Im Rundschreiben vom <ref type="kba-objects-id" target="88470">4.7.1935</ref> fügte
                        der Bruderrat im Anschluß an das Zitat aus der «Erklärung» der <orgName ref="kbga-actors-8355">Vorläufigen
                        Leitung der DEK </orgName>vom <ref type="kba-objects-id" target="90998">6.12.1934</ref> an: «Die gleiche Auffassung hat die
                        Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union am
                        <date when="1935-03-05">5.3.1935</date> kundgetan: ‹Jeder Eid wird vor Gottes Angesicht geleistet und
                        stellt die in ihm übernommene Verpflichtung unter die Verantwortung vor
                        Gott. Der Eid findet seine Grenze darin, daß allein Gottes Wort uns
                        unbedingt bindet.›» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">
                                Prolingheuer, S. 212</bibl>)</note>
                    <hi rend="italic">wiederholt</hi> wird. Das dürfte nun doch keine gute Antwort sein. Ja,
                    aber da habe ich mich nun eben von jetzt an der Stimme zu enthalten.</p>
                <p>­L. <persName ref="kbga-actors-223">L.</persName>,</p>
                <p> dich grüßt</p>
            <closer>
                    <salute>Dein</salute> <signed><persName ref="kbga-actors-2151">K.</persName></signed>
            </closer>
                
            
        </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
