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        <title type="volume" n="vol-46">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
        <title type="content">Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 1,1-2,   S. 45–75</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 1,1-2,   S. 45–75, in: Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, 10. November 1921 – 24. November 1921</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46004 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, hrsg. v. Bohnet, Jörg-Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2009, S. 45–75.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
          <title type="text">Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 1,1-2,   S. 45–75</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Bohnet, Jörg-Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2009</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 45–75</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Epheserbrief [1921/1922], 4. November 1921 – 16. Februar 1922. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6607">KBA 1664.1</ref>. </bibl>
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          <term>lecture</term>
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        <head>Erklärung des Epheserbriefes<lb/> W.S. 1921/22</head>

        <head>Epheser 1,1-2</head> 
        <p><date rend="right">10. XI. 21</date>
            [ <seg type="verse" n="1"/> <foreign xml:lang="el-GR">Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ τοῖς ἁγίοις τοῖς οὖσιν [ἐν Ἐφέσῳ] καὶ πιστοῖς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ·</foreign>  <seg type="verse" n="2"/> <foreign xml:lang="el-GR">χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ</foreign>.]</p> <!-- leerzeile --> 
        <p rend="margin-top"><hi rend="italic"> 
            
        <seg type="verse" n="1"/> Paulus, Apostel des Christus Jesus durch den Willen Gottes an die Heiligen und Gläubigen in Christus Jesus. <seg type="verse" n="2"/> Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.</hi></p> <!-- leerzeile --> 
        <p rend="margin-top">Sogenanntes «Präskript», bestehend aus einer Nennung und kurzen Charakterisierung des Briefschreibers und der Adressaten.</p>
        <p><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Παῦλος</foreign></hi>. Das erste Wort unseres Briefes ist das, das in der wohl noch immer nicht abgelaufenen Epoche der sogenannten historisch-kritischen <term type="Begriffe" key="Exegese, historisch-kritisch">Bibelforschung</term> mehr Überlegungen und jedenfalls mehr Interesse auf sich gezogen hat als alle anderen Worte des Briefes zusammen. Die Frage ist gestellt, ob der Apostel Paulus tatsächlich der <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verfasser">Verfasser</term> dieses Briefes ist oder ob wir diesen Verfasser nicht vielmehr in der Person eines unbekannten Schülers des Paulus zu suchen haben, der seinem eigenen Werk nach damals gangbarer und unanstößiger Sitte den Namen des berühmten Mannes voranstellte. Der gegenwärtige Stand der Forschung in dieser Sache lässt sich im Gegensatz zu der Einstimmigkeit, die noch vor 30 Jahren wenigstens in dem einen Lager der neutestamentlichen <term type="Begriffe" key="Exegese, neutestamentlich">Wissenschaft</term> herrschte, in einem vorsichtigen non liquet zusammenfassen, innerhalb dessen die einzelnen Gelehrten mehr oder weniger bestimmt für das Pro und Contra eintreten.<note xml:id="n01">A. Schweitzer, <hi rend="italic">Geschichte der paulinischen Forschung von der Reformation bis auf die Gegenwart</hi>, Tübingen 1911, S. 20f., sieht «diesen allgemei- 36­nen Konsens im kritischen Lager» in H. J. Holtzmanns <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi> (1885<hi rend="sup">1</hi>, 1886<hi rend="sup">2</hi>, 1892<hi rend="sup">3</hi>) «festgelegt». Der Konsens wurde jedoch von A. Jülicher bereits 1894 in der 1./2. Auflage seiner <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi> durchbrochen, indem er die Frage des Verfassers des Epheserbriefs offen ließ (S. 97, ebenso in der 3./4. Aufl. von 1901, S. 114f.). 1921 (5./6. Aufl., S. 128) erklärt Jülicher: «So müssen wir hier die Debatte mit einem non liquet schliessen.»</note> Bezeichnend für die Situation ist vielleicht der Exkurs, den <hi rend="italic">M.</hi>  <pb ed="pga" xml:id="p046"/> <hi rend="italic">Dibelius</hi> in seinem Kommentar über den Brief an die Stelle 4,16 anknüpft.<note xml:id="n02">M. Dibelius, <hi rend="italic">An die Epheser,</hi> in: ders., <hi rend="italic">Die Briefe des Apostels Paulus. II. Die neun kleinen Briefe</hi> (HNT 3), Tübingen 1913, S. 113f.</note> Ich verweise Sie im Übrigen auf die übersichtlichen Darstellungen, die Sie in den Einleitungen ins Neue Testament von <hi rend="italic">Jülicher</hi><note xml:id="n03">A. Jülicher, <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi> (GThW 3,1), Tübingen/Leipzig 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, 4. unveränderter Abdruck, S. 120-128.</note> und <hi rend="italic">Fr. Barth</hi><note xml:id="n04">Fr. Barth, <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi>, Gütersloh 1921<hi rend="sup">4.5</hi>, S. 74-81.</note> finden, und möchte mich, da ich nicht in der Lage bin, eine Lanze in diesen Streit zu tragen, damit begnügen, die Hauptpunkte, um die der heute übrigens ziemlich ruhig gewordene Streit geht, kurz zu nennen und meine eigene Stellungnahme dazu, die auf Originalität keinen Anspruch macht, zu begründen. Sie lassen sich, wenn ich recht sehe, auf zwei Punkte reduzieren. |</p>
        <p>Der erste Punkt besteht in der <hi rend="italic">nahen Verwandtschaft</hi><term type="begriffe" key="Epheserbrief, Verwandschaft zum Kolosserbrief"/> in Wort und Gedanke, die zwischen dem <hi rend="italic">Epheser- und dem Kolosserbrief</hi> besteht. An dieser <term type="Begriffe" key="Verwandschaft zu anderen paulinischen Briefen">Verwandtschaft</term> und daran, dass sie nicht zufällig ist, kann nun schon bei oberflächlichster Vergleichung in der Tat kein <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term> sein, und es ist dann auch unbestritten, dass die beiden Briefe z. B. dem Philipperbrief gegenüber, mit dem sie, wenn sie echt sind, in die gleiche Periode des Lebens des Paulus, nämlich in die Zeit seiner römischen Gefangenschaft, gehören, eine zusammengehörige Gruppe bilden, so dass der eine beständig als Kommentar oder doch erläuternde Parallele des anderen herangezogen werden muss. Man hat nun aber gesagt, die Abhängigkeit des einen vom anderen sei so groß, dass sie einem Geist wie Paulus nicht, sondern nur einem exzerpierenden Schüler zuzutrauen sei. 
        Und da der Kolosserbrief vor dem Epheserbrief den Vorzug der größeren Kürze und der einleuchtenderen historischen Situation hat, hat man das Abhängigkeitsverhältnis in der Regel zuungunsten des <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verwandschaft zum Kolosserbrief">Epheserbriefs</term> geschildert. Entscheidend gegen diese Auffassung spricht für mich die Unmöglichkeit, die Absicht  <pb ed="pga" xml:id="p047"/> und Arbeitsweise des angeblichen Exzerptors anders als durch verdächtig komplizierte Hypothesen anschaulich zu machen, wie eine solche z. B. von <hi rend="italic">H. J.</hi> <hi rend="italic">Holtzmann</hi> vertreten worden ist.<note xml:id="n05">H. J. Holtzmann, <hi rend="italic">Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung in das Neue Testament</hi>, Freiburg i. B. 1892<hi rend="sup">3</hi>, S. 257-266, besonders S. 265; ders., <hi rend="italic">Lehrbuch der neutestamentlichen Theologie</hi> (SThL), 2. Bd., Freiburg i. B. / Leipzig 1897, S. 225ff. Siehe ders., <hi rend="italic">Kritik der Epheser- und Kolosserbriefe. 
        Aufgrund einer Analyse ihres Verwandtschaftsverhältnisses</hi>, Leipzig 1872, besonders S. 303f. Vgl. zur Auseinandersetzung von K. Barth mit Holtzmann: Jülicher, Einleitung 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, S. 127.</note> Irgend eine Regel, auch nur etwa in der Reihenfolge der Parallelstellen, geschweige denn eine deutliche Tendenz in der Auswahl lässt sich nämlich nicht erkennen. Naheliegender scheint mir die Annahme, <hi rend="italic">ein</hi> <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verfasser">Verfasser</term> habe aus demselben Gedankenkreis heraus in verschiedene Situationen hinein beide Briefe geschrieben<note xml:id="n06">Vgl. <persName ref="kbga-actors-829">B. Weiß</persName>, <hi rend="italic">Lehrbuch der Einleitung in das Neue Testament</hi>, Berlin 1897<hi rend="sup">3</hi>, S. 252f., Fr. Barth, S. 78; Jülicher, Einleitung 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, S. 127f.</note>, 
        freien Gebrauch machend von seinem geistigen Eigentum und darin das zweite Mal sich selbst wiederholend, paraphrasierend und gelegentlich umbiegend, wie es jedem von uns auch heute geht, wenn er sich mündlich oder schriftlich kurz nacheinander in ähnlicher Materie verschiedenen Menschen gegenüber zu äußern hat. Die gelegentliche Differenz der Gedanken bei Gebrauch der gleichen Begriffe, auf die <hi rend="italic">M.</hi> <hi rend="italic">Dibelius</hi> besonderes Gewicht legt und die er z. B. in Bezug auf die Begriffe <foreign xml:lang="el-GR">σῶμα</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">μυστήριον</foreign> nachweist<note xml:id="n07">Dibelius, Epheser, S. 113f.</note>, 
        scheint mir keine entscheidende Instanz gegen diese Auffassung, wenn man die hochgradige dialektische Beweglichkeit in Betracht zieht, die Paulus durchgängig (innerhalb desselben Römerbriefs etwa in der Bearbeitung des Begriffes <foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign>) an den Tag legt.</p>
        <p>Der zweite Punkt ist schwerwiegender. Er betrifft die <hi rend="italic">Eigenart des Sprach- und Begriffsmaterials</hi><term type="begriffe" key="Epheserbrief, sprachliche Eigenart"/>, die dem Epheserbrief z. T. mit dem Philipper- und <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verwandtschaft zum Philipper- und Kolosserbrief">Kolosserbrief</term> zusammen, z. T. für sich allein gegenüber den sogenannten Hauptbriefen eigen ist. Auch wird man den Tatbestand zunächst einmal zugeben müssen und nur in seiner Beurteilung verschiedener Ansicht sein können. In der Tat begegnen uns im Epheserbrief, wenn wir etwa von den Korintherbriefen herkommen, formell und inhaltlich allerlei wenigstens scheinbar recht andere  <pb ed="pga" xml:id="p048"/> Dinge, während gewisse andere, die wir unbedingt erwarten, uns durch ihre scheinbare Abwesenheit befremden. Allerlei fremdartige Vokabeln wie <foreign xml:lang="el-GR">τὰ ἐπουράνια, καταβολὴ κόσμου, χαριτοῦν, προελπίζειν</foreign> werden uns gleich im ersten Abschnitt V. 3-14 begegnen, und ebenda werden wir Gelegenheit haben, eines jener für unser Empfinden und besonders auch für unser Nachdenkvermögen fast unerträglichen weitschweifigen Satzgefüge und im Einzelnen allerlei Perlen des seltsamen, solennen (hieratischen, hat man gesagt<note xml:id="n08">P. Wendland, <hi rend="italic">Die urchristlichen Literaturformen</hi> (HNT 1,3), Tübingen 1912<hi rend="sup">2.3</hi>, S. 364; Dibelius, Epheser, S. 97.</note>), girlandenartigen Stils kennen zu lernen, der für den Epheserbrief so bezeichnend ist, während wir uns nach gewissen paulinischen Zentralworten wie <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοῦν, θάνατος, θέλειν, φρονεῖν</foreign>, um nur einige zu nennen, nach den erregten kleinen Sätzchen mit <foreign xml:lang="el-GR">τί οὖν</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">μὴ γένοιτο</foreign>, nach der ganzen zerklüfteten, sprungweisen, direkt angreifenden Redeweise des Römer- und Galaterbriefes im ganzen Brief umsonst umsehen. |</p>
        <p>Und noch mehr zu denken geben die inhaltlichen Beobachtungen, die sich uns aufdrängen. Da wird <hi rend="italic">Christus</hi><term type="begriffe" key="Jesus Christus"/> <hi rend="italic">eine Stellung</hi> angewiesen, für die die Bezeichnungen «kosmisch»<note xml:id="n09">Holtzmann, Theologie, S. 226.251; Wendland, S. 364.</note> oder «metaphysisch»<note xml:id="n10">Holtzmann, Theologie, S. 240.245; vgl. S. 250.</note> den meisten Auslegern unvermeidlich erscheinen. Da erscheint in seltsamem Zusammenhang mit diesem sogenannten kosmischen <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, kosmisch">Christus</term> überraschend in den Mittelpunkt gerückt der Begriff der <hi rend="italic">Kirche</hi><term type="begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)"/>. Da werden Blicke in das Reich der guten und bösen <hi rend="italic">Geister</hi> getan. Da wird das ganze <term type="Begriffe" key="Christentum, als Geheimnis">Christentum</term> unter dem Gesichtspunkt des lange verborgenen, nunmehr aber eröffneten <hi rend="italic">Geheimnisses,</hi> des <foreign xml:lang="el-GR">μυστήριον</foreign> gestellt und dementsprechend unter den Eigenschaften Gottes und unter den zum Heil erforderlichen Eigenschaften des Menschen die <hi rend="italic">intellektuellen</hi>, die <foreign xml:lang="el-GR">γνῶσις</foreign> und was ihr verwandt ist, weit obenan gestellt.<note xml:id="n11">Vgl. Holtzmann, Theologie, S. 236.</note> 
        Da werden, ein besonders schwieriger Punkt, an mehreren Stellen die <hi rend="italic">Apostel</hi><term type="begriffe" key="Apostel"/> bereits wie heilige historische <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Größen</term> neben die <term type="Begriffe" key="Propheten">Propheten</term> gestellt. Da vernimmt man andererseits von dem großen Kampf um die <hi rend="italic">Geltung des Gesetzes</hi><term type="begriffe" key="Gesetz, Kampf um die Geltung"/>scheinbar nur noch einen fern abziehenden Donner. Und wo bleibt hier die in den frühen Briefen des Paulus so entscheidend wichtige <hi rend="italic">Parusieerwartung?</hi><term type="begriffe" key="Parusieerwartung"/> Naturhaft  <pb ed="pga" xml:id="p049"/> scheint hier die <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)">Kirche</term> ihrer Vollendung entgegenzuwachsen, und keine Katastrophe ist hier vorgesehen, die etwa diese Vollendung einleiten müsste.<note xml:id="n12">Vgl. Holtzmann, Theologie, S. 257.</note> Es herrscht – ich zitiere einen Satz von <hi rend="italic">H. J.</hi> <hi rend="italic">Holtzmann</hi> – «die Vorstellung einer sicher und unaufhaltsam fortschreitenden Wellenbewegung, die von dem das All mit immanenter Wirksamkeit durchdringenden <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, kosmisch">Christus</term> ausgeht.»<note xml:id="n13">Holtzmann, Theologie, S. 257.</note> |</p>
        <p> Man wird immerhin die Bedeutung aller dieser Dinge nicht überschätzen dürfen. Sie sind auffallend, aber nicht unerhört. Die veränderte <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, sprachliche Eigenart">Sprache</term>, die Paulus hier spricht, erklärt sich aus dem neuen Gedankenkreis, in dem er sich offenbar bewegt. Und beides, die Veränderung des Ausdrucks und die teilweise neuen Gedanken, erklären sich aus dem Unterschied der Zeit und der Verhältnisse, in denen dieser Brief und die zum Vergleich herangezogenen <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verwandschaft zu paulinischen Hauptbriefen">Hauptbriefe</term> entstanden sind. Der Epheserbrief ist ein Werk des älteren Paulus.<note xml:id="n14">Vgl. Fr. Barth, S. 78; Jülicher, Einleitung 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, S. 120.127f.</note> Ich hoffe, dass Sie mit mir den Eindruck gewinnen werden, dass wir durchaus keinen Anlass haben, das in einem kritischen Sinn festzustellen. Aber wenn wir an die seltsamen Wendungen denken, die in ihren späteren Jahren ein Plato<note xml:id="n15">Barth denkt wohl vor allem an die «mystischen Neigungen und <hi rend="italic">pythagorisierenden</hi> Tendenzen von Platos Alter» (K. Vorländer, <hi rend="italic">Geschichte der Philosophie,</hi> 1. Bd. [Philosophische Bibliothek, Bd. 105], Leipzig 1908<hi rend="sup">2</hi>, S. 117).</note>Plato, ein Schelling<note xml:id="n16">Auf die «Metamorphosen» von Fr. W. J. Schelling (1775–1854) kommt Holtzmann, Theologie, S. 243, Anm.3, im weiteren Kontext der Erörterungen über die von ihm bereits negativ entschiedene paulinische Verfasserschaft des Epheserbriefes in einer kurzen Notiz zu sprechen, um eine alternative Möglichkeit in der Beurteilung der Verfasserfrage anzudeuten.</note> oder, um ein Beispiel aus der Gegenwart zu nennen: ein Paul Natorp<note xml:id="n17">Paul Natorp (1854–1924), Professor für Philosophie und Pädagogik in Marburg. Einen Eindruck von dessen Wandlungen verschafft [K.] Bornhausen, Art. «Natorp, 2. Paul», in: RGG<hi rend="sup">2</hi> IV, Sp. 422f.</note> in Form und Inhalt ihrer Gedanken durchgeführt haben, so werden wir das Verhältnis des Epheserbriefs etwa zum <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verwandschaft zum Römerbrief">Römerbrief</term> unmöglich als aus aller Wahrscheinlichkeit und Analogie herausfallend bezeichnen können. Es hat wahrlich schon erstaunlichere Evolutionen gegeben als die, die wir dem Paulus zumuten, wenn wir ihn als Verfasser auch des Epheser<pb ed="pga" xml:id="p050" break="no"/><term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verfasser">briefs</term> annehmen. Dass die Hauptmasse der in ihm verwendeten <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, sprachliche Eigenart">Begriffe</term> und die Substanz dessen, was er vorträgt, gut paulinisch ist, das anerkennen auch diejenigen Forscher, die heute noch an seiner Unechtheit festhalten.<note xml:id="n18">Holtzmann, Theologie, S. 227; Dibelius, Epheser, S. 113.</note> Bei Vielem, was man darin auf den ersten Blick fremdartig empfindet oder aber vermisst (ich denke gerade an die Parusieerwartung), wird die Beurteilung auch hier davon abhängig sein, ob der Leser und Forscher <term type="Begriffe" key="Dialektik">dialektisch</term> findig genug ist, sich nicht gleich verblüffen zu lassen, dem Faden, der von hier nach dort führt, zu folgen und im Alten das Neue, im Neuen das Alte wiederzuentdecken. Wie leicht könnte es einem späteren Jahrhundert einfallen, sehr zu Unrecht einen echten von einem unechten Natorp unterscheiden zu wollen, wenn es vielleicht nur Worte lesen und feststellen und nicht mitgehen, mitdenken sollte, was es liest. Den Vorwurf einer gewissen Schwerfälligkeit in dieser Hinsicht könnte ich einem so verdienstvollen Gelehrten wie H. J. Holtzmann und all den Seinen nicht ganz ersparen.</p>
        <p> Ich möchte also, was mich betrifft, für die Echtheit des Epheserbriefs eintreten. Aber ich sage Ihnen offen, dass ich kein großes Interesse an dieser Frage habe, dass es meinetwegen auch anders sein könnte und dass ich nur dazu so ausführlich auf die Sache eingegangen bin, auf dass alle <term type="Begriffe" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> erfüllt würde [vgl. Mt. 3,15]. Meine wahre Meinung davon fasse ich zusammen in den Worten <persName ref="kbga-actors-38">Bengels</persName>: «Noli quaerere, quis scripserit, sed quid scriptum est.»<note xml:id="n19">Der Satz konnte in den Schriften Johann Albrecht Bengels nicht nachgewiesen werden.</note> Wir werden uns also, wenn wir eine zweite Einleitungsfrage, der wir nicht ausweichen dürfen, glücklich hinter uns haben, ganz dem zuwenden, «quod scriptum est», und werden uns in Beziehung auf die <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verfasser">Verfasserfrage</term> daran begnügen zu wissen, dass jemand – warum sollte es nicht Paulus gewesen sein? – jedenfalls jemand, der den Paulus gut verstanden und auffallend getreu und originell zugleich weitergebildet hat – also dass ein solcher Jemand drei Jahrzehnte oder sieben Jahrzehnte nach Christi Tod (tiefer werden wir wegen der Bezeugung des Briefs durch Ignatius, Polykarp und Justin kaum gehen dürfen<note xml:id="n20">Vgl. Fr. Barth, S. 79.</note>) den Epheserbrief geschrieben hat.</p>  
        <p><pb ed="pga" xml:id="p051" rend="noPipe"/> <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἀπόστολος</foreign></hi> nennt sich der <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verfasser〉〉〈〈Apostel">Briefschreiber</term>. <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἀπόστολος</foreign></hi> heißt wörtlich ein Abgesandter. Aber im klassischen Griechisch hatte das Wort merkwürdigerweise immer – ich stütze mich auf eine Mitteilung von <hi rend="italic">Lietzmann</hi> zu Röm. 1,1 – den speziellen Sinn «Admiral».<note xml:id="n21">H. Lietzmann, <hi rend="italic">An die Römer</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Die Briefe des Apostels Paulus, I. Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer</hi> (HNT 3), Tübingen 1919<hi rend="sup">2</hi>, S. 22f.</note> Wenn wir auch keinen direkten Nachweis haben, der diesen Sinn des Wortes bei seinem Gebrauch im Neuen <term type="Begriffe" key="Neues Testament">Testament</term> bestätigen würde, so ist doch anzunehmen, dass es in den damaligen Ohren einen kriegerischen Nebenklang hatte, der ihm in unseren Ohren abgeht. Zunächst hießen im Neuen <term type="Begriffe" key="Neues Testament">Testament</term> nur die zwölf <term type="Begriffe" key="Jünger, die Zwölf">Jünger</term> so. Dann legte sich Paulus mit einer Vollmacht, die er von niemand hatte außer von <term type="Begriffe" key="Gott, Vollmacht des Paulus">Gott</term>, diesen Titel bei; eine Zeitlang sah es dann aus, als sollte sein Gebrauch allgemein werden. Barnabas wird so genannt Act. 14,4.14, von sogenannten <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολοι ἐκκλησιῶν</foreign> ist 2.Kor. 8,23 die Rede, auch <foreign xml:lang="el-GR">ψευδαπόστολοι</foreign> treten auf (2.Kor. 11,13; Apk. 2,2). In der <term type="Begriffe" key="Didache">Didache</term> und im Hirten des <term type="Begriffe" key="Hirt des Hermas">Hermas</term> scheint <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign> z. T. synonym mit «Prediger» überhaupt; dann bricht dieser allgemeine Gebrauch ab, und das Wort wird wieder zur Ehrenbezeichnung der Zwölfe mit Einschluss des Paulus.<note xml:id="n22">Lietzmann, S. 23.</note> Ein <term type="Begriffe" key="Apostel">Apostel</term> ist Einer, der einen Auftrag hat und die Macht, ihn auszuführen. Zur Blockade einer feindlichen Küste sozusagen, zu Eroberungszwecken ist er ausgesendet.</p> 
        <p>Wir denken daran, dass die <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολοι</foreign> die Boten der <foreign xml:lang="el-GR">βασιλεία</foreign>, der Königsherrschaft sind. Wahrhaftig nicht jeder Prediger ist als solcher ein <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign>, und keiner ist es so, wie er irgend etwas Anderes ist, und wenn er der größte Dichter, Denker oder Künstler wäre. Sondern: «Der Apostelberuf ist ein paradoxes Faktum», sagt <hi rend="italic">Kierkegaard</hi> («Über den Unterschied zwischen einem Apostel und einem Genie»).<note xml:id="n23">S. Kierkegaard, <hi rend="italic">Über den Unterschied zwischen einem Apostel und Genie</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Der Begriff des Auserwählten</hi>, Übersetzung und Nachwort von Th. Haecker, Hellerau 1917, S. 313-333, dort S. 317: «Die Apostelberufung ist ein paradoxes Faktum, das im ersten, wie im letzten Augenblick seines Lebens paradox außerhalb seiner persönlichen Identität mit ihm selbst als dem Bestimmten, der er ist, steht.»</note> Der Apostelberuf spaltet den Menschen sozusagen. Er ist als <term type="Begriffe" key="Apostel">Apostel</term> neben dem, was <hi rend="italic">er</hi> ist, etwas, was durchaus <hi rend="italic">nicht er</hi> ist. Ein Anspruch sehr <hi rend="italic">anderer</hi> <term type="Begriffe" key="Ordnung">Ordnung</term>  <pb ed="pga" xml:id="p052"/> ist an ihn gestellt, und einen Anspruch sehr <hi rend="italic">anderer</hi> Ordnung richtet er auch an seine Mitmenschen. Etwas Ausnahmsweises, Unmögliches haftet ihm an, aber das ist nun nicht etwa sein Genius, sein Erlebnis, sein Unmittelbares, nichts, was auf der psychologischen Fläche Größe und Gestalt hätte, sondern seine Sendung, seine Instruktion, sein Dienst, der nur psychologisch betrachtet in keinem Sinn seine Sache ist noch sein kann, sondern die Sache dessen, der ihn gesandt hat. Von daher die Bürde seiner Stellung, von daher auch ihre Würde. Die Ordre, unter der er steht, ist zugleich die Schranke, die ihm selbst gezogen ist, und die Schranke, die ihn von allen Harmlosen, Unerschrockenen, Sicheren ein für allemal und unerbittlich scheidet.</p>
        <p><foreign xml:lang="el-GR">Ἀπόστολος</foreign> <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Χριστοῦ Ἰησοῦ</foreign></hi> nennt sich Paulus und bezeichnet damit den, auf welchen er seine Vollmacht zurückführt. In dieser Formel <foreign xml:lang="el-GR">Χριστὸς Ἰησοῦς</foreign>, der Christus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesus</term>, oder umgekehrt betont: Jesus, der <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Quintessenz der Lehre des Paulus">Christus</term>, ist die Quintessenz der Lehre des Paulus – und nicht nur der Lehre des Paulus – enthalten und ausgesprochen. Wir können nicht daran denken, ihren Inhalt bei diesem Anlass auch nur andeutungsweise aufzurollen. Sie kennen den Zusammenhang: <foreign xml:lang="el-GR">Xριστός</foreign> = <term type="Begriffe" key="Messias, der gesalbte König Israels">Messias</term> = der gesalbte König Israels, eine historische Größe, erinnernd an den Glanz längstvergangener Zeiten, die nun zum Inbegriff der eschatologischen Erwartung geworden war: der Mensch von oben, der das Königreich bringt und aufrichtet. Das ist nun schnell gesagt, aber was für Hebel müssen in diesem <term type="Begriffe" key="Spätjudentum">Spätjudentum</term> in Bewegung gewesen sein, um diese Erwartung und diesen Begriff zu erzeugen! Und wie rätselhaft, dass das Unternehmen, [sich] mit der Botschaft von dem <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Botschaft">Christus</term> Israels an die ganze Welt zu wenden, 
        ein Unternehmen, dem damals so viele andere ähnliche konkurrierend zur Seite gingen, von diesem Erfolg gekrönt sein konnte! Und wie unbegreiflich vor Allem der nähere Inhalt dieser Botschaft: ein einzelner bestimmter historischer Mensch, Jesus von <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, als historischer Mensch der Christus">Nazareth</term>, <hi rend="italic">ist</hi> dieser <foreign xml:lang="el-GR">Χριστός</foreign>, oder wie man erklärend, mit einem sonst in der politischen wie in der religiösen Sprache der Zeit geläufigen Terminus sagte: der <foreign xml:lang="el-GR">κύριος</foreign>, der <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, der Herr">Herr</term>.<note xml:id="n24">Siehe die Darstellung von W. Bousset, <hi rend="italic">Kyrios Christos. Geschichte des Christusglaubens von den Anfängen des Christentums bis Irenaeus</hi> (­FRLANT NF 4 [= 21]), Göttingen 1921<hi rend="sup">2</hi>. Vgl. A. Deissmann, <hi rend="italic">Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt,</hi> Tübingen 1909<hi rend="sup">2.3</hi>, S. 263-275; J. Weiß, <hi rend="italic">Christus. Die Anfänge 43­des Dogmas</hi> (RV, I. Reihe, 18./19. Heft), Tübingen 1909, S. 24-29; Lietzmann, S. 93-96.</note> <hi rend="italic">Ein</hi>  <pb ed="pga" xml:id="p053"/> Mensch ist <hi rend="italic">der</hi> Mensch, 
        dessen Schattenbilder alle <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschen</term> sind und dessen sie sehnsüchtig warten als ihrer eigenen Erfüllung. Die Vereinigung des Unvereinbaren, die coincidentia oppositorum<note xml:id="n25">Nikolaus von Kues  formuliert in diesem Begriff den Richtpunkt der die «incomprehensibilia incomprehensibiliter» erfassenden «belehrten Unwissenheit» (vgl. die Epistola auctoris am Ende von <hi rend="italic">De docta ignorantia</hi> III).</note>, das ganze Rätsel der Christologie, an dem nachher die Jahrhunderte gearbeitet haben, ist mit dieser Formel <foreign xml:lang="el-GR">Χριστὸς Ἰησοῦς</foreign> aufgestellt.
         Aber was sagen wir? Sie enthält das tiefste Lebensproblem, wie es uns allen gestellt ist: steht nicht dein und mein Leben in der Zeit, diese ganz bestimmte, zufällige, einmalige Existenz unter dem Anspruch und unter der Verheißung, dass sie teilhaben soll und darf an der Quelle letzter <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und Wirklichkeit, nicht nur teilweise, nicht bloß geistig, sondern in ihrer ganzen Breite, nicht nur als Teil in einem Ganzen, sondern selber als das Ganze, nicht nur als ein Zweites gegenüber einem Ersten, sondern als das Eine, neben dem kein Zweites mehr ist? |</p>
        <p> Aber die Form dieser Botschaft ist auch für ihren Inhalt bezeichnend. Beachten und unterstreichen Sie: <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>, <term type="Begriffe" key="Messias">Messias</term>, heißt König. Die Linie von da zum <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign>, zum beauftragten und mit Macht ausgerüsteten Gesandten, ist unverkennbar. Nicht als eine Idee im Gemeinsinn des Wortes wird die Botschaft von der <term type="Begriffe" key="Inkarnation">Inkarnation</term> etwa verkündigt, sondern als eine Kampfparole, als eine Kriegserklärung tritt sie, das Wort vom <term type="Begriffe" key="Wort, vom Friedensreich">Friedensreich</term>, in die Welt. Hier redet die <foreign xml:lang="el-GR">δύναμις τοῦ θεοῦ</foreign> [vgl. Röm. 1,16], hier fordert Einer Anerkennung, der noch nicht anerkannt und nun schon anerkannt ist, hier will Einer herrschen als Monarch, und alle, alle anderen Ansprüche, die das Leben an uns stellt, sollen durch ihn in Frage gestellt sein. Hier handelt es sich um den Entscheidungskampf <term type="Begriffe" key="Gott, Entscheidungskampf gegen Abgötter">Gottes</term> gegen die Abgötter. Und zur Bewährung [?], dass es mit diesem Kampf unmittelbar ernst gemeint ist, um uns zu verhindern, dass wir etwa eine <term type="Begriffe" key="Wahrheit, religiös">religiöse</term> oder <term type="Begriffe" key="Wahrheit, philosophisch">philosophische</term> sogenannte Wahrheit daraus machen, um uns einzuprägen, dass <term type="Begriffe" key="Wahrheit, im ewigen Augenblick der Erkenntnis">Wahrheit</term> immer nur im ewigen Augenblick der Erkenntnis zu haben ist, ist der greifbare Inhalt dieser Botschaft ein Menschenangesicht in seiner ganzen Rätselhaftigkeit als das Angesicht eines Leidenden, eines Verworfenen, eines Sterbenden in seinen  <pb ed="pga" xml:id="p054"/> bezeichnendsten Zügen, als das Angesicht Jesu von <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Angesicht des Gekreuzigten">Nazareth</term>, des Gekreuzigten. Des zum Gleichnis offenbar das betonte <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign>. Wie der Meister, so die <term type="Begriffe" key="Jünger, wie der Meister">Jünger</term>. Paradox kann nur durch <term type="Begriffe" key="Paradox">Paradox</term> erklärt werden. Immanuel! Gott mit uns [Mt. 1,23]! Das bedeutet die Formel <foreign xml:lang="el-GR">Χριστὸς Ἰησοῦς</foreign>. Die Wiederholung und Variation desselben Themas, aber auf der unteren Stufe ist offenbar die Stellung des <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign>. Auf der unteren Stufe, dort, wo ein Dienst, ein Hinweis, ein Zeugnis möglich ist. Dem <foreign xml:lang="el-GR">Χριστὸς Ἰησοῦς</foreign> will der <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign> dienen. Aber er kann ihm <hi rend="italic">nur</hi> dienen. Selber <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> sein, das kann sachlicherweise nicht in Betracht kommen. Denken Sie daran, dass Sie den Beruf des <term type="Begriffe" key="Pfarrer, Beruf">Pfarrers</term> ergreifen wollen. Wenn das <term type="Begriffe" key="Pfarramt">Pfarramt</term> einen Sinn hat, dann darum, weil da die Möglichkeit, ein <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign> zu sein, irgendwie dahinter steht. Dann ist aber das eigentliche Thema dieses Amtes das Unerhörte, das in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> Ereignis geworden ist. Und dann handelt es sich in diesem Amte darum, dort zu dienen, wo der Mensch <hi rend="italic">nur</hi> dienen kann.</p>
      <p>Paulus fügt hinzu: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">διὰ θελήματος θεοῦ</foreign></hi>, wörtlich gleich 1.Kor. 1,1; 2.Kor. 1,1; Kol. 1,1; 2.Tim. 1,1, scharf und unzweideutig interpretiert Gal. 1,1: <foreign xml:lang="el-GR">οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι’ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν</foreign>. Der Wille <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Gottes</term> macht den <term type="Begriffe" key="Apostel">Apostel</term> zum Apostel. Der Wille <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Gottes</term>, der in der Galater-Stelle nachdrücklich geschildert wird als derselbe unbegreifliche Wille, der Jesus von den Toten <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Auferweckung">erweckte</term>. Darin liegt vor Allem eine Negation. Paulus entäußert sich einer naheliegenden Sicherung. Er geht aus einer Deckung heraus, die er sich hätte dienlich sein lassen können, so gut wie jeder Andere. Wenn ein Mensch das zu sagen wagt, was Paulus zu sagen hatte, dann setzt er sich notwendig dem Verdacht der <hi rend="italic">Anmaßung</hi> aus. Die menschliche Gesellschaft ist zu allen Zeiten, wenn nicht praktisch, so doch grundsätzlich ein wohlgeordneter <hi rend="italic">Kosmos</hi> von mehr oder weniger anerkannten notwendigen und nützlichen Funktionen gewesen, wie er etwa im Gebilde der Universität im Kleinen abgebildet ist. Was aber gibt einem Menschen das Recht, von <hi rend="italic">Gott</hi>, von den letzten Dingen zu reden? Wie lässt sich die Notwendigkeit und Nützlichkeit <hi rend="italic">dieser</hi> Funktion begründen? Gewiss, durch die sogenannten religiösen <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität), Bedürfnisse">Bedürfnisse</term>. Und die Berufung darauf ist bekanntlich die Sicherung, die Deckung, deren sich die <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)">Kirche</term> von jeher innerhalb des Kosmos der menschlichen Gesellschaft zu er<pb ed="pga" xml:id="p055" break="no"/>freuen gehabt hat. Hier die legitima vocatio, von Gott zu reden. Der Gedanke einer solchen menschlichen Begründung des <term type="Begriffe" key="Apostel, Amt">Apostelamtes</term> hat offenbar schon im palästinischen <term type="Begriffe" key="Christentum, Ur-">Urchristentum</term> eine wichtige Rolle gespielt und hat später, in Analogie zu Vorgängen in allen anderen <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religionen</term>, in der römischen <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit), römische">Kirche</term> seine klassische Darstellung gefunden. Es ist grundsätzlich nichts dagegen zu sagen; wie sollte nicht auch die <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> sich fügen in die Ordnung, der alles <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschliche</term> stillschweigend oder ausdrücklich sich unterwerfen muss? |</p>
        <p> Aber wenn nun ein Mensch etwas zu sagen hat, was über die sogenannte <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> und über alle bekannten Anliegen und Bedürfnisse der Menschen so grundsätzlich hinausgreift, dass es sie vielmehr samt der darauf aufgebauten Gesellschaftsordnung zunächst in radikalster Weise in Frage stellt? Was legitimiert einen Sokrates? einen Paulus? einen Kierkegaard? Ist es nicht offenkundig, dass solche Menschen sich zunächst dem Verdacht der Anmaßung, der Schwärmerei, des Nihilismus aussetzen, wenn sie es nicht vorziehen, den Tatbestand zu verschleiern und irgendwo innerhalb des Fachwerks der geordneten menschlichen Tätigkeiten als richtiger Bürger Unterkunft zu suchen? Paulus hat es vorgezogen, den Tatbestand nicht zu verschleiern, nicht einmal den <term type="Begriffe" key="Apostel">Uraposteln</term> gegenüber, wie ja diese selbst ihm gegenüber <hi rend="italic">ihre</hi> kirchliche <term type="Begriffe" key="Obrigkeit, kirchliche">Obrigkeit</term><note xml:id="n26">Mskr: «selbst ihm <hi rend="italic">ihre</hi> kirchliche Obrigkeit gegenüber»; Korrektur vom Hrsg.</note> auch nicht verschleiern konnten. Er verzichtet auf den Schutz und die Bewahrung, die ihm die Autorität von Menschen geben könnte. Er riskiert es, mit seinem <foreign xml:lang="el-GR">διὰ θελήματος θεοῦ</foreign> für einen Narren gehalten zu werden, wie es denn auch geschehen ist [vgl. 2.Kor. 12,11]. Er will keine Autorität ausüben als die, die Gott ihm <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">geben</term> kann. Eben darin dürfte, bei Licht besehen, auch seine <hi rend="italic">Demut</hi><term type="begriffe" key="Demut"/> zu suchen sein. Er meint tatsächlich sich selbst nicht in eine Ehre zu setzen gerade damit, dass er seine Ehre nur bei <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Gott</term> sucht. Er negiert mit seinem <foreign xml:lang="el-GR">διὰ θελήματος</foreign> vor Allem sich selbst. Denn die Ehre, die wir uns von Anderen zuweisen lassen, ist doch wohl die raffinierteste Weise, uns selbst in die Ehre zu setzen. Und darum befürchtet er letzten Grundes nicht, mit seinem Anspruch jemandem zu nahe zu treten, und hat ihn der Verdacht der Anmaßung sicher kalt gelassen. Darum handelt es sich ja beim Apostelberuf, dass hier Keiner dem Menschen sagen kann: du bist kein Schwärmer! als Gott selbst, Gott  <pb ed="pga" xml:id="p056"/> allein<note xml:id="n27">Zur Formel «Gott selbst, Gott allein» vgl. unten S. 69.73.97.106 und weitere Belege in: Vortr. u. kl. A. 1922-25, S. 131, Anm. 74.</note><term type="begriffe" key="Gott selbst(, Gott allein)"/>, und dass der Mensch die Schmach, die damit verbunden sein kann und in der Regel damit verbunden ist, auf sich nehmen muss, weil er nicht anders kann.<note xml:id="n28">Barth hat nachträglich folgenden Entwurf für die Fortsetzung des Gedankens gestrichen: «Wir sind das letztemal stehen geblieben bei dem paulinischen <foreign xml:lang="el-GR">διὰ θελήματος θεοῦ</foreign> V. 1 und haben festgestellt, daß der Verfasser sich mit dieser Wendung dem Vorwurf der Anmaßung bewußterweise gleichzeitig aussetzt <hi rend="italic">und</hi> entzieht. Sie ist Ausdruck seines Selbstbewußtseins <hi rend="italic">und</hi> seiner Demut. Durch Menschen, und wenn es die besten wären, eingesetzt sein in seiner Ehre als <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος</foreign>, dieses scheinbar Demütige wäre für ihn die wahre Überhebung, das Suchen eigener menschlicher Ehre. Sich nur durch Gottes Willen berufen nennen, diese scheinbare Überhebung, ist für ihn, weil er damit auf alle unter Menschen gültige Ehre verzichtet, die wahre Demut. Die beabsichtigte Wirkung dieser Aussage ist offenbar eine Neutralisierung und Indifferenzierung des Schreibenden. <foreign xml:lang="el-GR">διὰ θελήματος θεοῦ</foreign>».</note></p>
        <p><date rend="right">17. XI. 21</date> Die Wendung <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος διὰ θελήματος θεοῦ</foreign> ist <term type="Begriffe" key="Dialektik">dialektisch</term>, d. h. es gibt zwei Möglichkeiten, sie aufzufassen, die, indem sie sich gegenseitig aufheben, aber auch gegenseitig begründen, über sich selbst hinausweisen. Eben in diesem <hi rend="italic">Hinweis</hi> haben wir offenbar ihren Sinn zu finden. Ist es höchstes Selbstbewusstsein oder höchste <term type="Begriffe" key="Demut">Demut</term>, die aus ihr redet? Müssen wir sagen, dass eben die <term type="Begriffe" key="Demut">Demut</term>, mit der Paulus kein unter Menschen anerkanntes Amt in Anspruch nimmt, sondern allein auf Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Einsetzung ins apostolische Amt">Einsetzung</term> rekurriert, sein unheimlich starkes Selbstbewusstsein ist? Oder steht es umgekehrt: ist eben dieses Selbstbewusstsein angesichts der Blöße, die er sich damit gibt, die apostolische, die wahre <term type="Begriffe" key="Demut">Demut</term>? Wer wollte und könnte hier die Waagschale auf die eine oder andere Seite sich endgültig senken lassen? |</p>
        <p> Offenbar gilt, wo <term type="Begriffe" key="Hochmut">Hochmut</term> <term type="Begriffe" key="Demut">Demut</term> und Demut Hochmut ist, ein Drittes. <hi rend="italic">Hinaussehen</hi> sollen wir über die ganze Sphäre, wo mit mehr oder weniger Recht sonst das Eine wie das Andere gesagt werden kann und vielleicht gesagt werden muss. Neutralisiert und indifferenziert wird hier offenbar das Kreatürliche dessen, der hier das Wort ergreifen will, <hi rend="italic">überhöht</hi>, in ihrer <hi rend="italic">Art</hi> und Unart, in ihrem <hi rend="italic">Lobens</hi>- und Tadelnswerten. Nicht seine Persönlichkeit, auch nicht seine sogenannte religiöse Persönlichkeit, nicht sein Erlebnis, seine Erfahrung oder sein Wissen will Paulus ausleben, ausspielen, imponieren, durch<pb ed="pga" xml:id="p057" break="no"/>setzen, wenn er sich <foreign xml:lang="el-GR">ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ</foreign> nennt und sich als solcher an seine Leser wendet. Kein Anlass, sich <hi rend="italic">aufzuhalten</hi> bei diesem Erdenrest zu tragen peinlich<note xml:id="n29">Vgl. J. W. von Goethe, <hi rend="italic">Faust II,</hi> V. 11954f. (Bergschluchten).</note>, weder im Guten noch im Bösen. Sein Verhältnis zu seinen Lesern ist ein dienstliches Verhältnis. Eine sachliche Mitteilung hat er ihnen zu machen, und zu sachlicher Entgegennahme dieser Mitteilung will er auffordern mit seinem <foreign xml:lang="el-GR">διὰ θελήματος θεοῦ</foreign>. Hören Sie, was <hi rend="italic">Calvin</hi> in einer am 15. Mai 1558 gehaltenen Predigt über diesen Text dazu bemerkt hat: Eine Arglist des <term type="Begriffe" key="Teufel">Teufels</term> ist es, sagt er, berechnet darauf, unsere Ehrfurcht vor dem Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term> zu vermindern, wenn er unsere Augen auf dessen <hi rend="italic">Träger</hi> richtet. «Or il est certain que nous sommes des vaisseaux <hi rend="italic">fragiles</hi> et de <hi rend="italic">nulle</hi> valeur, voire mesmes comme des pots cassez.» Was liegt an denen, die Gott zu seinen Dienern seines Wortes einsetzt? Soviel liegt an ihnen, dass der Schatz unschätzbar ist und bleibt, wie verächtlich auch die Gefäße sein mögen. «Notons bien donc, quand les <hi rend="italic">hommes</hi> viennent à nous pour estre tesmoins de la remission de nos pechez et du salut qu’il nous faut esperer, que nostre foy doit monter <hi rend="italic">plus</hi> haut, et qu’il n’est pas question de nous enquerir, <hi rend="italic">et</hi> cestuy-ci merite-il d’estre escouté? Et <hi rend="italic">qui</hi> est-il en sa personne? Contentons-nous que <hi rend="italic">Dieu</hi> par ce moyen-là nous veut attirer à <hi rend="italic">soy</hi>».<note xml:id="n30">Vgl. J. Calvin, <hi rend="italic">Sermons sur L’epitre aux Ephesiens</hi>, Premier Sermon, Calvini Opera 51 (= CR 79), Sp. 249; Übersetzung und Hervorhebungen von Barth. Zur Datierung der Predigt s. Calvini Opera 49 (= CR 77), S. XII.</note></p>
        <p> Kein wirklicher Träger des göttlichen <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Wortes</term> wird darin einen Freibrief sehen, während er Anderen predigt, selber verwerflich zu sein (1.Kor. 9,27). Er als Erster steht ja unter dem <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> dieses <term type="Begriffe" key="Wort">Wortes</term>, und dieses Gericht bedeutet und bewirkt Reinigung. Wie sollte es anders sein, als dass unter diesem reinigenden <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> sein Kreatürliches sich zu dem gestaltet, was wir als Persönlichkeit und also dann als religiöse Persönlichkeit zu bezeichnen pflegen? Aber wohlverstanden: es bleibt dieses Gereinigte und Gestaltete sein <hi rend="italic">Kreatürliches</hi>, und es vollzieht sich diese Reinigung und Gestaltung durch das <hi rend="italic">Gericht</hi> und immer wieder durch das Gericht des <term type="Begriffe" key="Wort">Wortes</term>, dessen Träger der sterbliche Mensch ist. Und diese Erinnerung wird ihn strikte daran verhindern, das ihm gegebene Thema: <hi rend="italic">Gottes</hi> <term type="Begriffe" key="Gottesfrage">Fragen</term> und Antworten, jemals zu vertauschen an das andere Thema, welches nun sein  <pb ed="pga" xml:id="p058"/> eigenes Sein, Haben und Tun [wäre], und wenn es sein höchst religiöses Sein, Haben und Tun wäre. Sie soll auch seinen Hörer und Leser verhindern, sich statt mit der Botschaft mit dem Boten zu beschäftigen. «Unser Ruhm ist das Zeugnis unseres <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissens</term>» (2.Kor. 1,12). Aber: «Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, als Herr">Jesus</term>, den Herrn, uns selbst nur als eure Knechte um Jesu willen» (2.Kor. 4,5).</p>
        <p>Wir wenden uns nun zu der Charakterisierung der <hi rend="italic">Adressaten</hi><term type="begriffe" key="Epheserbrief, Adressaten"/> des Briefes. Wir finden sie in den Worten: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">τοῖς ἁγίοις … καὶ πιστοῖς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ</foreign></hi>, indem wir die dazwischen liegenden Worte <foreign xml:lang="el-GR">τοῖς οὖσιν</foreign> (und eventuell <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign>) auf nachher verschieben.</p>
        <p><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἅγιοι</foreign></hi> ist (wie Kol. 1,2) vorangestellt. Im Galater- und in den zwei Thessalonicherbriefen hat Paulus in den Präskripten überhaupt keine solche Charakterisierung seiner Leser vorgenommen, sondern sich damit begnügt, sie als <foreign xml:lang="el-GR">ἐκκλησία</foreign> (resp. <foreign xml:lang="el-GR">ἐκκλησίαι</foreign>, Gal.[1,2] ) <foreign xml:lang="el-GR">θεοῦ</foreign> anzureden. Röm. 1,7; 1.Kor. 1,2; 2.Kor. 1,1; Phil. 1,1 verwendet er nur die Bezeichnung <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign>. Die Erweiterung durch <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> hier und Kol. 1,2 ist wohl bezeichnend für den reiferen, alle Begriffe weiter ausführenden Stil dieser späteren Schriften des Apostels. <foreign xml:lang="el-GR">Πιστοί</foreign> ohne <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> dagegen kommt in diesen Anreden gar nicht vor. Aus diesem Tatbestand ergibt sich, dass wir in <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> mindestens die übergeordnete Bestimmung vor uns haben und auf keinen Fall <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> durch den nächstliegenden Wortsinn von <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> erklären dürfen, sondern, wenn ein Wort das andere zu deuten helfen soll, dann <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> durch <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign>.</p>
        <p><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἅγιος</foreign></hi> bedeutet im alttestamentlichen Sprachgebrauch, von dem Paulus hier wohl zunächst herkommt, einen Ort, Gegenstand oder Menschen, der, obwohl in dieser bekannten Welt befindlich, doch nicht dieser Welt, sondern dem Herrschafts- und Herrlichkeitsbezirk <term type="Begriffe" key="Gott, Herrschaftsbereich">Gottes</term> angehört. <foreign xml:lang="el-GR">Ἅγιος</foreign> ist also eine <hi rend="italic">negative</hi> Bestimmung; eine Absonderung, eine Wegnahme hat sich vollzogen, ein Angriff ist geschehen, und ein Hohlraum ist entstanden wie von einer einschlagenden und explodierenden Granate<note xml:id="n31">Vgl. zu dieser Metapher Römerbrief 2, S. 5.12, auch S. 9.17.25.37.62.84.97f. u. ö.</note>. Aber streng <hi rend="italic">paradox</hi><term type="begriffe" key="Paradox"/> ist diese negative Bestimmung. Es bleibt, mit den Erfahrungsmitteln und Denkmaßstäben der bekannten Welt betrachtet, das Geheiligte oder der <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Geheiligte</term>, was sie sind. Der Heiligende, d. h. der Negierende  <pb ed="pga" xml:id="p059"/> erscheint als solcher nicht, weder raum- noch zeitausfüllend. Unanschaulich ist diese Qualifizierung, die Inanspruchnahme, die Bedrohung, die hier stattfindet, unanschaulich der Hohlraum, der hier an einem Ding oder Menschen dieser Welt entsteht und kraft dessen sie sind, was sie doch nicht sind. <foreign xml:lang="el-GR">Ἅγιος</foreign> heißt im strengsten Sinn A = Non A. Und dass diese Bestimmung eine <hi rend="italic">göttliche</hi>, also eine reale Bestimmung ist, das wird auch nur durch Gott gewährleistet. Keine direkte Kenntlichkeit des <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiligen</term> als solchen! Sichtbare, greifbare, feststellbare, für menschliches Wahrnehmungsvermögen unzweideutige <term type="Begriffe" key="Heiligkeit">Heiligkeit</term> ist keine Heiligkeit. Nichts ist heilig kraft dessen, was es in sich, abgesehen von <term type="Begriffe" key="Gott, ist heilig">Gott</term>, etwa ist oder auch nicht ist. Keiner ist heilig kraft dessen, was er glaubt oder nicht glaubt, tut oder nicht tut. Gott ist’s, der <term type="Begriffe" key="Gott, heiligt">heilig</term> macht, es ist aber immer und immer wieder das Unheilige, das er heilig macht. Und <hi rend="italic">Gott</hi> ist’s, der das <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heilige</term> als solches <term type="Begriffe" key="Gottesoffenbarung, des Heiligen">offenbart</term>; er tut es aber, indem er es als solches erfüllt. Nur die <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges), Gottes">Heiligen</term> <hi rend="italic">Gottes</hi> sind in der Lage, in unwiderstehlicher Vollstreckung dessen, was <hi rend="italic">Gott</hi> an ihnen <term type="Begriffe" key="Gott, Tat">tut</term> und mit ihnen vorhat, <hi rend="italic">sich selbst</hi> zu heiligen, und keine <term type="Begriffe" key="Heiligkeit">Heiligkeit</term> entsteht durch dieses menschliche Tun, die etwa ihre eigene und nicht vielmehr ganz und gar <hi rend="italic">Gottes</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> wäre. |</p>
        <p> <term type="Begriffe" key="Heiligkeit, Beziehung zu Gott">Heiligkeit</term> ist Beziehung zu <hi rend="italic">Gott</hi>. Diese Beziehung wird aber von <hi rend="italic">Gott</hi> aus hergestellt. Nie ist sie gegeben. Nie schon geschehen. Nie für den Menschen etwas Anderes als Frage und Ziel und in dem, was sie mehr ist als Frage und Ziel, freie <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>. Wunderbar ist sie in jedem Augenblick der Zeit begründet in Gottes ewiger <term type="Begriffe" key="Gott, Erwählung">Erwählung</term>, und keine (keine!) Instanz, die etwa über oder mitwirkend neben dem beneplacitum<note xml:id="n32">Erwählung ist z. B. nach den Dordrechter <term type="Begriffe" key="Dordrechter Canones">Canones</term> von 1619, I 7, Gottes ewiger Vorsatz «secundum liberrimum voluntatis suae beneplacitum» (BSRK, 844, 16f.).</note>, dem göttlichen Wohlgefallen stünde, um den Gang dieser Erwählung zu leiten. Wer also nun <hi rend="italic">einen Menschen heilig</hi><term type="begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)"/> <hi rend="italic">nennt</hi>, der sagt von ihm das unendlich Beunruhigende und Beseligende, dass Gott seine Hand auf ihn gelegt hat. Er ist angegriffen und verwundet an seiner vitalsten Stelle, nämlich in seiner Subjektivität, in seiner Existenz. Er ist existentiell nicht mehr sein eigen. Er lebt nicht mehr sich selbst. Er gleicht einem Exzenterrad, das gerade nicht mehr um seinen natürlichen Mittelpunkt kreisen darf. Als ein Fremdling ist  <pb ed="pga" xml:id="p060"/> Gott vor seine Hütte getreten wie einst zu Abraham [vgl. Gen. 18,1-15], Verheißung bringend, Gehorsam fordernd. Ist ein Mirakel geschehen? Nein, kein Mirakel, denn anschaulicherweise ist weit und breit nichts als sündige und sterbliche Kreatur. Vielmehr verborgen, schlechthin verborgen hat sich Gott vor ihm, und gerade darin (gerade dadurch, dass er sich in das undurchdringliche Geheimnis der <term type="Begriffe" key="Gott, Geheimnis">Gottheit</term> hüllte) hat er sich ihm offenbart als <hi rend="italic">sein Gott</hi><term type="begriffe" key="Gottesoffenbarung"/><hi rend="italic">:</hi> als <hi rend="italic">sein</hi> Gott, als der Gott, der denen unendlich nahe ist, die sich in der Welt ganz verlassen, ganz verloren, ganz einsam wissen, denen alle <term type="Begriffe" key="Götter">Götter</term> und <term type="Begriffe" key="Götzen">Götzen</term> zerbrochen sind, aber als sein <hi rend="italic">Gott,</hi> als der Gott, dessen Nähe im Unterschied zu allen Göttern und Götzen seine unendliche Ferne, seine Freiheit und Majestät ist, seine nicht aufzuhebende <term type="Begriffe" key="Gottes Verborgenheit">Verborgenheit</term>. Kein Mirakel, aber ein Wunder ist geschehen, das Wunder der Erkenntnis, wie Gott einen Menschen als seinen <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiligen</term> für sich in Anspruch nimmt.</p>
        <p><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ</foreign></hi>, das auf <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> folgt, ist offenbar auch und primär auf <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> zu beziehen. In <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> ist der Mensch <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">geheiligt</term> (Eph. 5,25f.; 1.Kor. 1,2; Gal. 1,4; Kol. 1,22). Erinnern Sie sich an das, was wir in der letzten Stunde über <foreign xml:lang="el-GR">Χριστός</foreign> gehört haben.<note xml:id="n33">Siehe oben S.  52f.</note> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, sein Anspruch">Christus</term> ist der an den Menschen gestellte Anspruch, die auf ihn gelegte Hand, das an ihn gerichtete Ultimatum, die Erklärung Gottes, dass er, der Mensch, die sündige und sterbliche Kreatur dem Herrschafts- und Herrlichkeitsbezirk <term type="Begriffe" key="Gott, Herrschaftsbereich">Gottes</term> angehört. Hier erschließt sich der Sinn des Alten <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Testamentes</term>, dass unser Gott ein verzehrendes, das alte in ein neues Wesen versetzendes Feuer ist [vgl. Ex. 24,17; Dtn. 4,24; 9,3; Hebr. 12,29]. <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Ort der Gottesfrage">Christus</term> ist der Ort, wo die Gottesfrage akut wird, so akut, dass sie unmöglich nicht zugleich Gottesantwort sein kann. Hier ist menschlich betrachtet nichts als Rätsel und darum und eben darin die göttliche Auflösung aller Rätsel. Hier redet Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> ihr letztes, erschütterndes <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term>, und dieses Wort heißt Barmherzigkeit. In <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> ist der Mensch in seiner ganzen eklatanten Unfähigkeit ein <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiliger</term>, heilig, wie sein Gott <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">heilig</term> ist. Ich rede von Christus, dem Gekreuzigten und <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Gekreuzigter und Auferstandener">Auferstandenen</term>, von dem Paulus geredet hat, nicht von dem frommen Menschen Jesus. Und ich rede nicht von einer psychologischen Beziehung zwischen uns und diesem frommen Men<pb ed="pga" xml:id="p061" break="no"/>schen, nicht von einem Weg, der nun etwa von ihm zu uns führte, von einem Erlebnis, das wir an ihm machen könnten. Paulus hat seine Leser wahrhaftig auch nicht als <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heilige</term> angeredet im Hinblick auf ihr Erlebnis, ihre Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, ihren Zustand. Es ist die <hi rend="italic">ewige</hi> Beziehung des Menschen zu <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Gott</term>, die hier in Frage steht, <hi rend="italic">die</hi> Beziehung, in der der Mensch ewig <hi rend="italic">ist</hi>, was er doch nie war noch werden wird, und <hi rend="italic">wird</hi>, was er doch ewig ist: Gottes Eigentum, Werkzeug, Knecht, <term type="Begriffe" key="Gott, Eigentum">Kind</term>. Die Realität dieser Beziehung hängt daran, dass sie dort anfängt, wo Alles (Alles!) zu Ende ist, in <hi rend="italic">dem</hi> Leben, das aus dem Tode kommt. Wir können uns durch das Alte <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Testament</term> nicht genug darüber belehren lassen, dass sie ohne diese letzte Begründung eine heidnische Lüge <term type="Begriffe" key="Heiden">wäre</term>. Es braucht eine weitumspannende, Zeit und Ewigkeit, <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> und <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>, Erde und Himmel wohl unterscheidende und auch wieder wohl zusammenschauende Betrachtungsweise dazu, den Menschen in Christus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, als Heiliger">Jesus</term> als Heiligen anzureden. Wir sind wohl heute erst so weit, dass wir wieder beginnen einzusehen, wie sehr uns diese Betrachtungsweise <hi rend="italic">fehlt</hi>. Kein Wunder, dass das, was unter uns als Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term> gepredigt wird, gemeinhin an Geist, Gehalt und Wahrheit nicht eben auf der Höhe des Epheserbriefes steht.</p>
        <p> Wir wenden uns zu der zweiten Bezeichnung der paulinischen <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Adressaten">Leser</term> durch das Wort <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign></hi>. Man pflegt zu sagen, es bezeichne im Gegensatz zu <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> die subjektive Verfassung der Leser, und daran ist natürlich etwas Richtiges.<note xml:id="n34">Vgl. J. T. Beck, <hi rend="italic">Erklärung des Briefes Pauli an die Epheser nebst Anmerkungen zum Brief Pauli an die Kolosser,</hi> hrsg. von J. Lindenmeyer, Gütersloh 1891, S. 22-24; E. Haupt, <hi rend="italic">Der Brief an die Epheser</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Die Gefangenschaftsbriefe</hi> (KEK 8/9), Göttingen 1902<hi rend="sup">7.8</hi>, Kommentarteil S. 1.</note> Immerhin, es ist im Allgemeinen und bei Paulus insbesondere ratsam, wenn es sich um das Verhältnis von Gott und <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Mensch</term> handelt, mit den Begriffen objektiv und subjektiv sehr vorsichtig umzugehen. Denn was ist hier nicht objektiv, was nicht subjektiv? <foreign xml:lang="el-GR">Ἅγίοι</foreign> bezeichnet, in seinem Vollgehalt verstanden, wahrhaftig durchaus gerade die subjektive Verfassung des Menschen, diejenige freilich, von der <hi rend="italic">Kierkegaard</hi> gesagt hat: das Subjektive ist das Objektive.<note xml:id="n35">S. Kierkegaard, <hi rend="italic">Philosophische Brocken. Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift</hi>, Erster Teil, übers. von Chr. Schrempf und H. Gottsched, 51­Gesammelte Werke, Bd. 6, Jena 1910, S. 209: «Objektiv redet man beständig nur von der Sache, subjektiv redet man vom Subjekt und von der Subjektivität, und siehe, die Subjektivität ist die Sache».</note> Und so empfängt umgekehrt <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> seinen Sinn ganz und <pb ed="pga" xml:id="p062"/> gar durch das Objekt der <foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign>, so sehr, dass <foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign> Röm. 3,3 ausdrücklich und an vielen anderen Stellen des Römer- und Galaterbriefes sonst unvermeidlich mit diesem Objekt zusammenfällt, ohne freilich dadurch seine gleichzeitige Bedeutung als menschliche Haltung zu verlieren. Eine Polarität, ein Gleichgewicht, eine Balance etwa zwischen göttlichem und menschlichem Tun findet jedenfalls bei Paulus nicht statt, sondern wo immer von einer solchen geredet wird, da führt eine vereinfachende und gerade dadurch verfälschende <term type="Begriffe" key="Dogmatik">Dogmatik</term> das Wort. |</p>
        <p>Am sichersten werden wir fahren, wenn wir <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> hier im strengen Zusammenhang mit dem übergeordneten <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> auffassen als diejenigen, die die göttliche Inanspruchnahme vertrauensvoll anerkennen. Also in der Tat eine subjektive Verfassung des Menschen. Aber bedenken Sie, was für eine! Wo, wann und wie findet denn eine solche vertrauensvolle Anerkennung tatsächlich statt? Wo, wann und wie etwa wäre das <term type="Begriffe" key="Glaube, psychologisch-historisch">Glauben</term> im psychologisch-historischen Sinn Ereignis? Wer darf denn in irgend einem Augenblick von sich sagen: ich glaube!, ohne diese Behauptung im selben Augenblick zu bewähren durch ihre Widerlegung: lieber Herr, hilf meinem <term type="Begriffe" key="Unglauben">Unglauben</term> [vgl. Mk. 9,24]? Wer darf und kann denn antworten auf die Frage, die dem Menschen durch seine Erwählung zum Heiligen <term type="Begriffe" key="Gott, Erwählung〉〉〈〈Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Gottes</term> gestellt ist? Wahrlich, <term type="Begriffe" key="Glaube, als paradoxes Faktum">Glaube</term> ist in nicht geringerem Maß ein paradoxes Faktum als <term type="Begriffe" key="Heiligkeit, als paradoxes Faktum">Heiligkeit</term>. <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> ist ein Tun des neuen Menschen in mir, der <hi rend="italic">nicht ich</hi> bin und dessen Identität mit mir die Würde aller Würden ist. <term type="Begriffe" key="Glaube, ewiger">Glaube</term> ist ein ewiges, allem zeitlichen Vorgang überlegenes, wesentliches Geschehen. <term type="Begriffe" key="Glaube, als Gottes Werk">Glaube</term> ist Gottes Werk in uns. In uns, gewiss, und darum kein zweites, unsichtbares, metaphysisches Geschehen neben dem, was in uns geschieht in dem Augenblick, wo wir in Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">Heiligkeit</term> seine <term type="Begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term> erkennen. Aber nur als Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Werk">Werk</term>, als der ewige Augenblick, im zeitlichen Augenblick verborgen, eins mit dem, was in uns geschieht. <term type="Begriffe" key="Glaube, als Schöpfung">Glaube</term> ist Schöpfung, so rein und ursprünglich wie Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfung">Schöpfung</term> selbst, creatio ex nihilo, oder es ist nicht die <foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign>, die im Zusammenhang mit <foreign xml:lang="el-GR">ἁγιασμός</foreign> genannt zu werden ver<pb ed="pga" xml:id="p063" break="no"/>dient. «De re infinita nihil potest dici immodice», sagt Calvin.<note xml:id="n36">Vgl. J. Calvin, <hi rend="italic">Commentarius in Epistolam Pauli ad Ephesios,</hi> Calvini Opera 51 (= CR 79), Sp. 154.</note> Hüten wir uns nicht davor, mit dem Begriff des <term type="Begriffe" key="Glaube, als menschliches Verhalten">Glaubens</term> – darum, weil er zunächst ein menschliches Verhalten bezeichnet – umzugehen wie mit einem Rechenpfennig, den man wieder auszugeben hat.<note xml:id="n37">«Rechenpfennige» dienten beim Spiel zur vorläufigen Auszahlung des Gewinns.</note> Wir haben nun einen <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> auszugeben, und dieser ist res infinita. <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ</foreign></hi> ist man ein <foreign xml:lang="el-GR">πιστός</foreign>, sagt unser Text und richtet damit die enge Pforte der kritischen Negation auf, durch die man nicht nur so hindurchläuft. Das Vorwärts!, das uns hier geboten wird, fängt mit einem Halt! an. Das Leben, das uns hier eröffnet wird, ist zunächst der <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term>. Das Vertrauen, das hier zu fassen ist, ist das Vertrauen dort, wo der Mensch, der religiöse <term type="Begriffe" key="Mensch, religiöser">Mensch</term> inbegriffen, zunächst vielmehr nur an sich verzweifeln kann. Dann freilich die volle Verheißung: Gott ist’s, der seinen <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiligen</term> Treue hält. Als Gott erkannt in Christus <term type="Begriffe" key="Gott, in Christus">Jesus</term>, als der Herr über Leben und Tod [vgl. Röm. 14,9]<note xml:id="n38">Die Formulierung «Gott, der Herr über Leben und Tod» wird in Abdankungs- bzw. Bestattungsagenden verwendet. Vgl. die von Barth in Safenwil benutzte <hi rend="italic">Liturgie. Gebete für die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Bern. Probedruck,</hi> Bern 1909 S. 252.255.</note>, als der Herr aller Herren [vgl. 1.Tim. 6,15; Apk. 17,14; 19,16], er, der unbewegliche Grund und die nichtversagende Hoffnung derer, die auf ihn vertrauen. Aber nur in Christus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, als Grund der Hoffnung">Jesus</term>. Und damit [ist] das Unvergleichliche gesagt.</p>
        <p> Wenn wir das alles gehört haben, mögen wir versuchen, es uns anschaulich zu machen, wenn wir können, wie Paulus es wagen kann, seine Leser als <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">πιστοί</foreign> anzureden. Nach irgendwelchen geschichtlichen, pragmatischen Gründen für dieses Wagnis zu fragen, ist ein unnützes Unternehmen. Hier redet entweder Narrheit oder letzte Einsicht in die Zusammenhänge des menschlichen Lebens.</p>
        <p>Auf etwas friedlicheren, dafür aber auch erheblich unsichereren Boden führt uns die Überlegung der zwischen <foreign xml:lang="el-GR">ἁγίοις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">καὶ πιστοῖς</foreign> stehenden Worte <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">τοῖς οὖσιν</foreign></hi> <hi rend="italic">[</hi><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign></hi><hi rend="italic">]</hi><note xml:id="n39">Eckige Klammern von Barth entsprechend der Vorlage in: <hi rend="italic">Novum Testamentum Graece cum apparatu critico ex editionibus et libris manu scriptis collecto curavit</hi> E. Nestle, Stuttgart 1920<hi rend="sup">11</hi>.</note><hi rend="italic">.</hi></p>  
      <p><pb ed="pga" xml:id="p064" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">1.</hi> Beginnen wir mit den zwei letzteren, so scheinen mir äußere und innere Gründe zwingend zu der Annahme, dass sie nicht zu dem ursprünglichen Bestand des <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Ortsangabe">Briefes</term> gehört haben. Die Codices <foreign xml:lang="heb">א</foreign> und B<note xml:id="n40">Vgl. Fr. Barth, S. 75; H. von Soden, <hi rend="italic">Der Brief an die Epheser</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Die Briefe an die Kolosser, Epheser, Philemon; die Pastoralbriefe</hi> (HC 3,1), Freiburg i. B. / Leipzig 1893<hi rend="sup">2</hi>, S. 79.</note>, sowie Origenes, Basilius und Chrysostomus bezeugen nämlich einen alten Text, in dem diese 
        Worte fehlten<note xml:id="n41">Vgl. Fr. Barth, S. 75; von Soden, Epheser, S. 79; Haupt, Einleitungsteil S. 43f. Die Nennung des Chrysostomus in K. Barths Aufzählung scheint auf einem Missverständnis zu beruhen (vgl. Th. Zahn, <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi>, 1. Bd., Leipzig 1897, S. 346).</note>, und eben für diesen alten Text spricht die Tatsache, dass <term type="Personen" key="Marcion">Marcion</term> den Brief an die Laodicener adressierte<note xml:id="n42">Vgl. Fr. Barth, S. 75.</note>. Der innere Grund, der für die Annahme dieses kürzeren Textes redet, ist die Wahrnehmung, dass der Brief in einer Allgemeinheit und 
        persönlichen Unbestimmtheit abgefasst ist<note n="*1" type="original" xml:id="s1"> 6,23-24!</note>, die [bei] der dem Paulus so vertrauten Gemeinde in Ephesus schwer zu erklären ist.</p>
        <p><hi rend="italic">2.</hi> Man hat zunächst zu erwägen, ob der Text allenfalls auch ohne eine <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Adressaten">Ortsbezeichnung</term> zu verstehen ist.</p>
        <p><hi rend="italic">Hieronymus:</hi> <foreign xml:lang="el-GR">τοῖς οὖσιν</foreign> die Existierenden im metaphysischen Sinn.<note xml:id="n43">Vgl. den Bericht, den Hieronymus über diese Deutung gibt, bei Beck, S. 25; vgl. auch H. A. W. Meyer, <hi rend="italic">Kritisch exegetisches Handbuch über den Brief an die Epheser</hi> (KEK 8), Göttingen 1865<hi rend="sup">3</hi>, Zweite Ausgabe, S. 3.</note></p>
        <p><hi rend="italic">B. Weiß</hi><note xml:id="n44">B. Weiß, S. 248.</note>, <hi rend="italic">von Soden</hi><note xml:id="n45">Von Soden, Epheser, S. 105.</note>: die <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiligen</term>, welche auch Gläubige sind, im Gegensatz zum alttestamentlichen Bundesvolk.</p>
        <p><hi rend="italic">J. T.</hi> <hi rend="italic">Beck:</hi> die in den verschiedenen Gemeinden noch treu Verbliebenen wegen Zerwürfnis zwischen Judenchristen und <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">Paulinern</term>.<note xml:id="n46">Beck, S. 30-32, vgl. S. 24.28f.</note></p>
        <p><pb ed="pga" xml:id="p065" rend="noPipe"/> Das alles ist künstlich wegen der Parallelen 2.Kor. 1,1; Röm. 1,7; Phil. 1,1.</p>  
        <p><hi rend="italic">3.</hi> Hat Marcion recht? Harnack: Ja! Laodicea getilgt wegen Apk. 3,15ff.<note xml:id="n47">A. Harnack, <hi rend="italic">Die Adresse des Epheserbriefs des Paulus</hi>, in: SPAW 1910, 2. Halbbd., S. 696-709, begründet die These, dass für Markion der Brief bereits als Laodicenerbrief überliefert war (S. 702f.). Später sei die Adresse getilgt worden, weil die Gemeinde von Laodicea nach Apk. 3,14ff. keinen guten Ruf hatte.</note> Aber auch Laodicea war eine dem Paulus bekannte Gemeinde.</p>
        <p><hi rend="italic">4.</hi> Lücke, die nach Bedarf auszufüllen war.<note xml:id="n48">Vgl. Fr. Barth, S. 75; Haupt, Einleitungsteil S. 49; Jülicher, Einleitung 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, S. 121f.</note> Eine moderne Annahme. Und warum dann nicht in einem Exemplar erhalten?</p>
        <p><hi rend="italic">5.</hi> Zirkularschreiben an verschiedene Gemeinden Kleinasiens (­wegen Tychikus [Eph.] 6,21), das Marcion wegen Kol. 4,16 durch Laodicea, die <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)">Kirche</term> mit dem angesehenen Namen von Ephesus ergänzte.<note xml:id="n49">Vgl. Fr. Barth, S. 75f.; Jülicher, Einleitung 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, S. 122f.</note> Die Benennung der Gemeinde wäre dann zufällig verschwunden. Unbefriedigend, aber am wenigsten unwahrscheinlich.</p>
        <p><date rend="right">24. XI. 21</date> Wir<note xml:id="n50">Randnotiz, die sich wohl auf Fragen von Studenten zum Fortgang der Vorlesung bezieht: «Nicht fertig lesen. ‹Eph.Brief›. Nicht den <hi rend="italic">ganzen</hi> Brief, aber das <hi rend="italic">was gründlich</hi>».</note> haben uns am Ende der letzten Stunde die Möglichkeiten vergegenwärtigt, die der Erklärung des <foreign xml:lang="el-GR">τοῖς οὖσιν ἐν Ἐφέσῳ</foreign> gegeben sind. Man kann jenen alten Gegenzeugnissen und inneren Schwierigkeiten zum Trotz das <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign> als echt <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Adressaten">annehmen</term>, so unter den ­Neueren <hi rend="italic">Meyer</hi><note xml:id="n51">Meyer, S. 1-7.13.</note> und <hi rend="italic">Haupt</hi><note xml:id="n52">Haupt, Einleitungsteil S. 49f. (vgl. auch Kommentarteil S. 1), nimmt an, dass der Epheserbrief ein Rundschreiben mit Lückentext in der Adressierung war. Es habe ein doppeltes Exemplar gegeben, wovon die Abschriften gefertigt worden seien, eines mit der Adresse an die Epheser und eines ohne diese Bestimmung.</note>. Und ich gestehe Ihnen, dass auch ich angesichts des Unbefriedigenden der anderen Lösungen ein gewisses Heimweh nach dieser ersten und naheliegendsten Möglichkeit nicht los werde. Man kann mit den von <hi rend="italic">Hieronymus</hi> zitierten altkirchlichen Theologen<note xml:id="n53">D. h. den «Quidam», deren Auslegung Hieronymus referiert, s. oben S.  64, Anm. 43.</note>, mit <hi rend="italic">Hofmann</hi><note xml:id="n54">J. Chr. K. von Hofmann, <hi rend="italic">Die heilige Schrift neuen Testaments zusammenhängend untersucht,</hi> Vierten Theils erste Abtheilung, <hi rend="italic">Der Brief an die Epheser,</hi> Nördlingen 1870, S. 2-4.</note>, <hi rend="italic">Beck</hi><note xml:id="n55">Beck, S. 29.</note>, <hi rend="italic">B. Weiß</hi><note xml:id="n56">B. Weiß, S. 248-250.</note>, <hi rend="italic">von Soden</hi><note xml:id="n57">Von Soden, Epheser, S. 79f.</note>,  <pb ed="pga" xml:id="p066"/> <hi rend="italic">Barth</hi><note xml:id="n58">Fr. Barth, S. 75.</note> <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign> als einen einfachen Einschub betrachten und versuchen, sich mit dem misslichen <foreign xml:lang="el-GR">τοῖς οὖσιν καὶ πιστοῖς</foreign>, das dann übrig bleibt, sonst irgendwie zurechtzufinden. Man kann mit <hi rend="italic">Marcion</hi> und <hi rend="italic">Harnack</hi> annehmen, ursprünglich hätten hier die Worte <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Λαοδικείᾳ</foreign> gestanden.<note xml:id="n59">Harnack, S. 700f.</note> Man kann mit <hi rend="italic">Bengel</hi><note xml:id="n60">Bengel, S. 256f.</note> und <hi rend="italic">Olshausen</hi><note xml:id="n61">H. Olshausen, <hi rend="italic">Der Brief an die Ephesier,</hi> in: ders., <hi rend="italic">Biblischer Commentar über sämmtliche Schriften des Neuen Testaments, zunächst für Prediger und Studirende,</hi> 4. Bd.: <hi rend="italic">Die Briefe Pauli an die Galater, Ephesier, Kolosser und Thessalonicher enthaltend,</hi> Königsberg 1840, S. 123-125.</note> vermuten, die Stelle der Worte <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign> sei, als in einem Zirkularschreiben, im ursprünglichen Exemplar leer gelassen gewesen. Man kann, so <hi rend="italic">Jülicher</hi>, <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign> für die Konjektur eines alten Abschreibers halten, der die ursprüngliche <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Adressaten">Adressierung</term> an einen Kreis von heidenchristlichen Gemeinden zufällig verschwunden vorgefunden habe.<note xml:id="n62">Vgl. Jülicher, Einleitung 1921<hi rend="sup">5.6</hi>, S. 121f., der offenbar die Zirkularschreiben-These bevorzugt (S. 123).</note> Man kann mit <hi rend="italic">Dibelius</hi> den ganzen Brief für unecht, das <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign> also für eine Eintragung von zweiter Hand aufgrund von 2.Tim. 4,12 ansehen.<note xml:id="n63">Dibelius, Epheser, S. 96.</note> Man kann endlich – Besprechungsstunde!<note xml:id="n64">Die «Übung» bzw. «Fragebeantwortung», die Barth zu seiner Vorlesung abhielt (s. Bw.Th. II, S. 9).</note> – mit <hi rend="italic">Kühl</hi> vermuten, es könnte in V. 1 eine Zeile ausgefallen sein<note xml:id="n65">E. Kühl, <hi rend="italic">Der Brief an die Epheser,</hi> in: ders., <hi rend="italic">Erläuterung der paulinischen Briefe unter Beibehaltung der Briefform,</hi> 2. Bd.: <hi rend="italic">Die jüngeren paulinischen Briefe,</hi> Gr. Lichterfelde-Berlin 1909, S. 48, Anm.1: «Ich halte es für das wahrscheinlichste, daß vom ursprünglichen Text bei den ersten Abschriften bereits eine ganze Zeile versehentlich ausgefallen ist, so daß es ursprünglich etwa gelautet haben mag: ……. <foreign xml:lang="el-GR">τοῖς ἁγίοις τοῖς κατὰ πρόθεσιν κλητοῖς οὖσιν καὶ πιστοῖς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ</foreign>», «das ist: ‹den vorsatzmäßig berufenen und christusgläubigen Heiligen›».</note>; das <foreign xml:lang="el-GR">τοῖς οὖσιν</foreign> wäre dann eine Verstümmelung von <foreign xml:lang="el-GR">κλητοῖς οὖσιν</foreign> (wie Röm. 8,28), und das <foreign xml:lang="el-GR">ἐν Ἐφέσῳ</foreign> könnte ohne weiteres in Wegfall kommen. Ich glaube meiner Pflicht Genüge getan zu haben, wenn ich Sie auf alle diese Möglichkeiten aufmerksam mache, und überlasse es Ihnen, sich darüber zu entscheiden, welche davon die am wenigsten unwahrscheinliche sein  <pb ed="pga" xml:id="p067"/> dürfte. Die antiquarische <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie), antiquarisch">Theologie</term> hat jedenfalls angesichts solcher Leistungen keinen Anlass, sich auf die Sicherheit ihrer <hi rend="italic">Methode</hi> – um von den Ergebnissen nicht zu reden – allzuviel einzubilden.</p>
      <p>Das Verständnis des V. 2, <foreign xml:lang="el-GR">χάρις ὑμῖν</foreign> …, des bekannten <hi rend="italic">apostolischen Grußes</hi><term type="begriffe" key="Epheserbrief, apostolischer Gruß"/>, ist uns vor Allem dadurch erschwert, dass wir ihn nur allzu gut kennen oder doch zu kennen meinen. Vielleicht müsste er zunächst einmal für 50 Jahre in allen <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)">Kirchen</term> unterdrückt werden, damit er wieder so gehört werden könnte, wie er ursprünglich gemeint war. Das ließe sich auch von manchen anderen sogenannten bekannten Bibelworten sagen. Nicht umsonst wird Paulus diese allen seinen Briefen fast wörtlich gemeinsame Formel <hi rend="italic">originell geprägt</hi> haben, denn mehr als begriffliches Material sind ihm offenbar weder das übliche <foreign xml:lang="el-GR">χαίρειν</foreign> der griechischen Briefanfänge noch das mit <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> etwa gleichbedeutende hebräische <foreign xml:lang="heb">שלמ</foreign> gewesen. Mit der Umbiegung von <foreign xml:lang="el-GR">χαίρειν</foreign> in <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und vor Allem mit der Kombination beider Begriffe unter sich und mit dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀπὸ θεοῦ πατρός</foreign> usf. ist ein charakteristisches Neues entstanden, mit dem <hi rend="italic">Paulus</hi> offenbar etwas, und zwar nicht nur etwas liturgisch Klangvolles und Eindrucksvolles, sondern etwas Wesentliches, seine ganze Botschaft Zusammenfassendes sagen wollte. <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Χάρις</foreign></hi> und <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign></hi> haben das gemeinsam, dass sie ein Verhalten (hier Gottes, dort des <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Menschen</term>) bezeichnen, das nichts weniger als selbstverständlich ist. Als nicht-gegeben, als nicht ohne Weiteres vorhanden versteht Paulus offenbar die diesen Begriffen entsprechenden Realitäten. Er muss es ja den Menschen, auch den <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> <hi rend="italic">wünschen</hi>, offenbar immer wieder wünschen, sie möchten ihrer teilhaftig sein. <foreign xml:lang="el-GR">Χάρις</foreign> ist nicht einfach da, sie <hi rend="italic">kommt</hi>, und immer wieder muss sie erst kommen. Und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> hat man nicht nur so, man <hi rend="italic">bekommt</hi> sie, und immer wieder muss man sie bekommen. |</p>
        <p>Damit sind wir im Paulus schon mitten drin. Sein Gruß an seine Gemeinde, seine Botschaft an sie ist eine <hi rend="italic">Erinnerung</hi>, ein <term type="Begriffe" key="Gebet">Gebet</term> für sie. Eine Erinnerung an das, was dem Menschen als Menschen immer entgeht, was ihm immer verloren ist, was er immer vergessen hat und was ihm doch immer unendlich nahe, immer gegenwärtig, immer geschenkt ist, so sehr und so gewiss, dass man ihn eben nur daran zu erinnern braucht. Ein <hi rend="italic">Gebet</hi><term type="begriffe" key="Gebet"/><hi rend="italic">,</hi> mit welchem Paulus seine ganze Persönlichkeit in die Waagschale wirft, um die Menschen zu dieser Erinnerung zu veranlassen, um ihnen zu sagen, was sie ja schon wissen;  <pb ed="pga" xml:id="p068"/> denn nur indem er sich angesichts der Menschen an Gott wendet, nur indem er für sie eintretend an die letzte Instanz appelliert, kann er ihnen gerade das, dieses Allereinfachste sagen; denn das Allereinfachste ist auch das Allerschwerste. (Erinnern Sie sich an all die mit <foreign xml:lang="el-GR">εὐχαριστῶ τῷ θεῷ</foreign> oder ähnlich anhebenden übrigen paulinischen Briefeingänge<note xml:id="n66">Vgl. Röm. 1,8; 1.Kor. 1,4; 2.Kor. 1,4; Phil. 1,3; 1.Thess. 1,2; Phlm. 4.</note>, oder blicken Sie voraus auf den mit <foreign xml:lang="el-GR">εὐλογητὸς ὁ θεός</foreign> anhebenden ersten Abschnitt unseres Briefes V. 3-14, um sich zu vergewissern, wie sich bei Paulus Beides, das an den Menschen gerichtete, nie als überflüssig erachtete <hi rend="italic">Erinnerungs</hi>wort und das an Gott gerichtete <hi rend="italic">Gebets</hi><term type="Begriffe" key="Gebet, Wort">wort</term> ineinander verschlingen, ja im Grunde ganz und gar eins sind.) Paulus sagt schon in seinem Gruß <hi rend="italic">Alles</hi>. Er grüßt seine <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Gruß">Leser</term> mit dem Hinweis auf das, was über ihm und über ihnen steht, was ihm und ihnen immer fehlt, worum er und sie immer nur <term type="Begriffe" key="Beten">beten</term> können, aber auch beten dürfen. Eben darum ist sein Gruß ein wirklicher Gruß, eine Bezeigung der <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi> zwischen ihm und ihnen. Denn Gemeinschaft zwischen Menschen gibt es nur in dem, was über ihnen ist, in dem, was ihnen fehlt, in dem, worum sie nur <term type="Begriffe" key="Beten">beten</term> können. Das Selbstverständliche und das Gegebene begründet keine Gemeinschaft, wohl aber der verborgene <term type="Begriffe" key="Gott, Verborgenheit">Gott</term>, das Nicht-Gegebene.</p>
        <p><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Χάρις</foreign></hi> bezeichnet ein unerhörtes, seltsames Verhalten Gottes gegen den <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Menschen</term>. Der Gott, von dem der Mensch nichts wissen kann – denn was der Mensch wissen kann, das ist nicht Gott –, der Gott, der in einem Licht <term type="Begriffe" key="Gott, Licht">wohnt</term>, da niemand zukann [vgl. 1.Tim. 6,16], der Gott, vor dem Jesaja mit höchstem Recht zurückweicht mit dem Wort: «Weh mir, ich vergehe!» [Jes. 6,5], der deus absconditus ist der deus revelatus<note xml:id="n67">Vgl. Römerbrief 2, S. 408: «Daß der Deus absconditus <hi rend="italic">als solcher</hi> in Jesus Christus Deus revelatus ist, das ist der Inhalt des Römerbriefs (1, 16-17). Wohl verstanden: Nur daß es <hi rend="italic">dieses Subjekt</hi> (Deus absc.) ist, das dieses Prädikat (Deus revel.) hat, kann Inhalt des Römerbriefs, der Theologie, des Gotteswortes im Menschenmund sein.» Zur Unterscheidung Luthers zwischen dem verborgenen und dem offenbarten Gott vgl. besonders in <hi rend="italic">De servo arbitrio</hi> (1525) den Abschnitt WA 16, 684, 32 – 686, 13.</note>. Sich selber zum Trotz, nämlich allem dem, was wir, die wir nur in Negationen von Gott reden können, von ihm auszusagen vermögen, zum Trotz, sagt Gott Ja zum Menschen, zu diesem bekannten <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschen</term> in seiner ganzen <term type="Begriffe" key="Sünde">Sündigkeit</term> und darum Kreatürlichkeit  <pb ed="pga" xml:id="p069"/> und darum <term type="Begriffe" key="Tod">Sterblichkeit</term> und darum absoluten <term type="Begriffe" key="Gottesferne">Gottesferne</term>. Das Absolute ist gegenwärtig dem Menschen, der für das Absolute kein Organ, keine Möglichkeit, keine Voraussetzungen besitzt. (Denn was ist die sogenannte religiöse <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität), Anlage des Menschen">Anlage</term> des Menschen Anderes als ein Fragezeichen, das in diese Richtung weist, ohne dass doch die Antwort, die wir zu geben vermögen, je eine andere sein kann als die Einsicht, dass wir in diese Richtung keinen Schritt, auch nicht das kleinste Schrittlein zu tun vermögen? Was kann auf den Gipfeln der <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> Anderes entdeckt werden, als dass der Mensch der <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Mensch</term> ist?) |</p>
        <p>Nein, was <hi rend="italic">kein</hi> Auge gesehen, <hi rend="italic">kein</hi> Ohr gehört, was in <hi rend="italic">keines</hi> Menschen <term type="Begriffe" key="Mensch, Herz des">Herz</term> gekommen ist, <hi rend="italic">das</hi> hat Gott bereitet denen, die ihn <term type="Begriffe" key="Liebe, zu Gott">lieben</term> (1.Kor. 2,9). Indem er es ihnen <hi rend="italic">bereitet</hi>, <hi rend="italic">werden</hi> sie zu solchen, die ihn <term type="Begriffe" key="Liebe, zu Gott">lieben</term>, recht verstanden! Denn es gilt zu bedenken, was Röm. 5,5; 8,28f. und 1.Kor. 8,3 über das Woher? der Liebe des Menschen zu <term type="Begriffe" key="Liebe, zu Gott">Gott</term> gesagt ist. <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> ist des Menschen Begründung in Gott. Aber ganz und gar begründet ist diese Begründung, sonst ist sie nicht Begründung, in Gott. <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> ist die aus keinerlei Kontinuität 
        (außer der des Willens <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Gottes</term> selbst, Gottes <term type="Begriffe" key="Gott selbst(, Gott allein)">allein!</term>) zu begreifende Tatsache der <term type="Begriffe" key="Vergebung">Vergebung</term>: dieser gefallene und, soweit das Auge reicht, Gott verkennende <term type="Begriffe" key="Abfall von Gott">Mensch</term> ist von Gott <term type="Begriffe" key="Gott, Erwählung">erkannt</term> als sein Kind. Wir können, wenn wir wirklich zu <hi rend="italic">denken</hi> versuchen wollen, was durch den Begriff der <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> bezeichnet ist, <hi rend="italic">uns nicht genug tun</hi>, Gott in unseren Gedanken in die Höhe zu heben, um uns zu entfernen, uns zu verwundern vor dem unerforschlichen Geheimnis seines Wohlgefallens, ihm allein die <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Ehre</term> zu geben [vgl. Dtn. 32,3]<note xml:id="n68">Gott «allein die Ehre» zu erweisen ist ein Leitmotiv der Theologie J. Calvins. Vgl. <hi rend="italic">Institutio Christianae religionis</hi> (1559) I 2.</note> – und dann: das <hi rend="italic">Trotzdem!</hi> gegenüber unseren <hi rend="italic">ehrfürchtigsten</hi> Gedanken, gegenüber unserer <hi rend="italic">tiefsten</hi> Furcht, gegenüber unserem <hi rend="italic">aufrichtigsten</hi> Staunen, 
        das ja doch nie auch nur annähernd groß genug sein kann – das gänzlich Unerwartete, Unvorhergesehene, nicht in Rechnung zu Ziehende, also nicht etwa durch eine logische Umkehrung zu Erschließende, die Überraschung sondergleichen, so überraschend, wie wenn wir einen Toten wieder <term type="Begriffe" key="Auferstehung">auferstehen</term> sehen mit unseren leiblichen Augen, das Wunder der <hi rend="italic">Realität</hi> Gottes gegenüber Allem, was wir von Gott <hi rend="italic">denken</hi> können, <hi rend="italic">das</hi> ist <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>. Und das ist die große <hi rend="italic">Möglichkeit</hi>, in deren  <pb ed="pga" xml:id="p070"/> Licht Paulus seine Leser sieht. <hi rend="italic">Gnade</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> ist über ihnen; sie sind ja die <foreign xml:lang="el-GR">ἅγιοι καὶ πιστοί</foreign>. |</p>
        <p>Wie könnte man mehr sagen? wie könnte man sagen: sie <hi rend="italic">sind</hi> begnadigt, sie <hi rend="italic">haben</hi> <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>, sie <hi rend="italic">stehen</hi> in der Gnade? Nun, man <hi rend="italic">kann</hi> ja auch das alles sagen, aber im Gedanken daran, dass man an die <hi rend="italic">Wirklichkeit</hi> der <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> nur erinnern, nur darum <term type="Begriffe" key="Beten">beten</term> kann. <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> sei mit euch! Ich halte dafür, dass das <hi rend="italic">«mit»</hi> Luthers<note xml:id="n69">Luther-Bibel von 1892 bzw. 1912.</note> etwas sehr Ursprüngliches trifft. Gnade ergießt sich nicht in den Menschen, sie wird nicht sein Eigentum oder seine Eigenschaft. <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> kann nur <hi rend="italic">mit</hi> ihm sein, ihn begleiten: er bleibt ja, der er ist, der Mensch in seiner ganzen Fragwürdigkeit. Wie sollte er die <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> als Gnade erkennen, ohne immer aufs Neue sich selbst und seine Gottes<hi rend="italic">ferne</hi><term type="begriffe" key="Gottesferne"/> zu erkennen? Dass Gott <hi rend="italic">mit</hi> ihm ist, Gott in seiner Majestät mit ihm, dem Menschen in seiner Kreatürlichkeit, das ist das Gnädige der <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>. Wir würden weniger sagen, wenn wir mehr sagen wollten.</p>
        <p>Und nun bezeichnet <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign></hi> ein ebenso seltsames und unerhörtes Verhalten des Menschen gegen <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Gott</term>. <foreign xml:lang="el-GR">Χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> sind für Paulus, der sie immer wieder mit solchem Nachdruck zusammenstellt, offenbar korrespondierende Begriffe; sie bezeichnen ihm offenbar die beiden Endpunkte der unendlich realen und eben darum nie gegebenen Relation, in der er Gott und den Menschen, den Menschen und Gott sieht. Auch <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> ist ein Trotzdem!, ein überwundenes Hindernis, ein Sieg, ein Durchbruch. Nicht ein Friedens<hi rend="italic">zustand</hi><term type="begriffe" key="Friede"/> besteht, sondern ein Friedens<hi rend="italic">schluss</hi><term type="begriffe" key="Friede, mit Gott"/> findet statt (vgl. Röm. 5,1f.). <hi rend="italic">Obwohl</hi> der Mensch der Mensch ist, <hi rend="italic">obwohl</hi> das, was ihn von Gott trennt, seine <term type="Begriffe" key="Sünde, als Trennung">Sünde</term>, eine unendliche, absolute Trennung bedeutet, <hi rend="italic">obwohl</hi> es für ihn keine Vermittlungen, keine Brücke, keine Wege zu <term type="Begriffe" key="Gott, Weg zu">Gott</term> gibt, <hi rend="italic">obwohl</hi> er auf den Höhepunkten seiner Existenz – ich denke wiederum an die <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> – von sich nichts Anderes wissen kann, als dass er ein Aufrührer ist gegen <term type="Begriffe" key="Mensch, als Aufrührer gegen Gott">Gott</term>, ist er versöhnt mit <term type="Begriffe" key="Mensch, Versöhnung mit Gott">Gott</term>. Er, der Mensch der <term type="Begriffe" key="Mensch, der Ungerechtigkeit">Ungerechtigkeit</term>, den wir kennen, mit dem heiligen <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">Gott</term>, den wir nicht kennen! Gott steht vor ihm, und er steht vor Gott. Gott hat ein Verhältnis aufgerichtet zum Menschen. Da ist das Unbegreifliche Ereignis<note xml:id="n70">Vgl. J. W. von Goethe, <hi rend="italic">Faust II,</hi> V. 12106-12109 (Bergschluchten, Chorus mysticus).</note>: es  <pb ed="pga" xml:id="p071"/> ist Nähe zwischen Ewigkeit und Zeit. Er kann und darf und soll in einem erneuerten [?], geordneten, friedlichen Verhältnis zu Gott stehen. Es gibt einen Punkt, da hält der gegen ihn erhobene Arm Gottes, der ihn doch nur zerschmettern kann, inne, da ist auch seine <term type="Begriffe" key="Mensch, Revolution gegen Gott">Revolution</term> gegen Gott (das einzige, was wir von unserem Verhältnis zu ihm wissen können) gebremst, gebrochen. Das Unmögliche wird möglich. Die Beziehung zwischen Gott und <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Mensch</term> wird sachgemäß: die unendliche <term type="Begriffe" key="Gott, unendliche Distanz">Distanz</term> zwischen <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> und <term type="Begriffe" key="Gottes Geschöpf">Geschöpf</term> ist erkannt und eben als erkannt ist sie ihm unendliche Nähe. Das ist <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign>, <term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term>. |</p>
        <p>Man findet in den Kommentaren gewöhnlich die Erklärung, <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> sei das <hi rend="italic">Gefühl</hi> des <term type="Begriffe" key="Friede">Friedens</term>, das dem Menschen Gott gegenüber zuteil werden kann.<note xml:id="n71">Barth denkt wohl (vgl. Römerbrief 2, S. 127) an die Kommentierung von Röm. 5,1 durch E. Kühl, <hi rend="italic">Der Brief an die Römer</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Erläuterung der paulinischen Briefe</hi>, 1. Bd.: <hi rend="italic">Die älteren paulinischen Briefe</hi>, Gr. Lichterfelde-Berlin 1907, S. 323: «Da ist alles Mißtrauen und alle Feindschaft geschwunden, und ein seliges, fröhliches <hi rend="italic">Gefühl des Friedens</hi> hat Einzug in unser Herz gehalten.» In der Epheserauslegung spricht Kühl, S. 48, lediglich von einem «Herzensfriede[n], der die Gewissheit des Heils in sich trägt».</note> Man kann das sagen. Es fällt mir gar nicht ein, hier eine diokletianische Verfolgung gegen die <term type="Begriffe" key="Psychologie">Psychologie</term> eröffnen zu wollen, so wenig wie gegen die <term type="Begriffe" key="Historie">Historie</term>!<note xml:id="n72">Im Vorwort zur 3. Auflage seines Römerbriefs von 1922 erwähnt Barth, dass die frühe Kritik an seiner Auslegung verbunden war mit der Klage über seine «diokletianische Verfolgung der historisch-kritischen Theologie» (Römerbrief 2, S. XIX).</note> Aber man sehe wohl zu, dass man damit nicht zu wenig sage. 
        Es müsste dann jedenfalls hinzugefügt werden: ein Gefühl, das wir <hi rend="italic">nicht</hi> kennen, ein Gefühl, das wir als solches <hi rend="italic">nie</hi> haben, ein Gefühl, das allen unseren anderen Gefühlen schlechthin <hi rend="italic">transzendent</hi><term type="begriffe" key="Transzendenz"/> ist. Es müsste dann jedenfalls davor gewarnt werden, dieses Gefühl etwa mit dem zu identifizieren, was <hi rend="italic">Schleiermacher</hi> das schlechthinige <term type="Begriffe" key="Abhängigkeitsgefühl, schlechthiniges">Abhängigkeitsgefühl</term> genannt<note xml:id="n73">Fr. Schleiermacher, <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt,</hi> Berlin 1830/31<hi rend="sup">2</hi>, 1. Bd., § 4 u. ö.</note> und worunter er offenkundig, eine letzte, höchste menschliche Möglichkeit verstanden hat. Welches bekannte oder auch nur denkbare Gefühl dürfte denn genügen, um diesen Inhalt zu fassen? Es wird wohl seinen  <pb ed="pga" xml:id="p072"/> Grund haben, wenn Paulus an einer anderen Stelle, Phil. 4,7 – übrigens ebenfalls ein leider allzu bekanntes Bibelwort –, die <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη τοῦ θεοῦ</foreign>, von der er wünscht, dass sie seiner Leser Herzen und Gedanken behüte, bewahre, bewache, wie ein Soldat seine Gefangenen bewacht, bezeichnet als <foreign xml:lang="el-GR">ὑπερέχουσα πάντα νοῦν</foreign>. In diesem <foreign xml:lang="el-GR">νοῦς</foreign>, der von der <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> überragt – und wir interpretieren sicher zutreffend, wenn wir sagen: schlechthin überragt – [wird], dürften doch wohl auch die höchsten denkbaren menschlichen Gefühle inbegriffen sein. Nein, konstitutiv auch für den Begriff <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> ist offenbar der <hi rend="italic">Gottesgedanke</hi><term type="begriffe" key="Gottesgedanke"/>, der Gedanke der <hi rend="italic">Ewigkeit</hi>. Was «<term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term>» ist, das müssen wir uns durch den Begriff <hi rend="italic">«Gnade»</hi><term type="begriffe" key="Gnade"/> sagen lassen. <hi rend="italic">Schöpfungs-</hi><term type="begriffe" key="Gott, Schöpfung"/> und <hi rend="italic">Erlösungstat</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfungs- und Erlösungstat">Gottes</term> ist auch dieses Verhalten des Menschen und darum, wie <hi rend="italic">Calvin</hi> gesagt hat, «das Gegenteil von aller berauschten Sicherheit des Fleisches»<note xml:id="n74">J. Calvin, <hi rend="italic">Commentarius in Epistolam Pauli ad Romanos,</hi> Calvini Opera 49 (= CR 77), Sp. 89 (zu Röm. 5,1): «Ideo pax erga Deum ebriae carnis securitati opponitur: <hi rend="italic">quia hoc primum est, ut quisque se ad reddendam vitae rationem expergefaciat.</hi>»</note>, 
        das Gegenteil von allen romantischen Illusionen über unsere Beziehungen zu <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Gott</term>, das Gegenteil von allem proleptischen Ansichreißen seiner Fülle, das uns nicht zukommt. Friede mit <term type="Begriffe" key="Friede, mit Gott">Gott</term> haben wir in der Erkenntnis, dass Gott <hi rend="italic">Gott</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, ist Gott">ist</term> und <hi rend="italic">Gott</hi> bleibt, in der Erkenntnis, dass wir an Gott <hi rend="italic">nur</hi> <term type="Begriffe" key="Glaube">glauben</term> können. Nicht im Geringsten hört der Mensch etwa auf, ein <term type="Begriffe" key="Mensch, als Wartender">Wartender</term>, <hi rend="italic">nur</hi> ein Wartender zu sein, ein <term type="Begriffe" key="Mensch, als Hoffender">Hoffender</term>, der nicht schaut. Er wartet und hofft aber auf Gott, und das eben ist sein <term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term> mit ihm. Friede mit <term type="Begriffe" key="Friede, mit Gott">Gott</term> ist also wahrhaftig nicht eine Eigentümlichkeit dieses oder jenes Temperaments, dieser oder jener menschlichen Einstellung und Geistesrichtung. Friede mit <term type="Begriffe" key="Friede, mit Gott">Gott</term> kann ebensowohl hinter der sonnenklaren Einfalt der Predigten und Andachten eines Blumhardt<note xml:id="n75">Es ist nicht eindeutig, an welchen der beiden Blumhardts Barth denkt (siehe unten, S.  93, Anm. 110). Er könnte in diesem Kontext Christoph Blumhardt (1842–1919) meinen. Dafür spricht, dass er in der Predigt am
        <date when="1919-08-10">10.8.1919</date> hervorgehoben hat, wie sehr der jüngere Blumhardt in einfachen Gedankengängen lebte (Predigten 1919, S. 290; vgl. auch den Schlussteil dieser Predigt S. 290-295, in dem Barth ausführlich Christoph Blumhardt würdigt).</note> stehen wie hinter der kritischen Nüchternheit von Kants Kritik der reinen <term type="Begriffe" key="Vernunft, Kritik der reinen">Vernunft</term>, und er ist weder das eine noch das andere, sondern der Sinn, den Beides, höchste Kindlichkeit und höchste Unkindlichkeit, von <hi rend="italic">Gott</hi>  <pb ed="pga" xml:id="p073"/> aus haben kann, aber auch <hi rend="italic">nicht</hi> haben kann, wenn Gott ihn<note xml:id="n76">Mskr.: «es»; Korrektur vom Hrsg.</note> nicht schafft, und darum immer wieder <hi rend="italic">bekommen</hi> muss. Bedenken wir wohl, dass <hi rend="italic">Gott</hi> es ist, der bei diesem <term type="Begriffe" key="Friede, mit Gott">Friedensschluss</term> der diktierende Sieger ist, und dass nur darin, dass Gott hier <hi rend="italic">sein</hi> Recht aufrichtet nach <hi rend="italic">seinem</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, sein Wohlgefallen">Wohlgefallen</term>, die Wahrheit und Unbeweglichkeit dieses <term type="Begriffe" key="Friede">Friedens</term> beruhen kann. Wir würden wiederum weniger sagen, wenn wir mehr sagen wollten.</p>
        <p><hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ</foreign></hi> kommt Beides, <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign>, fügt Paulus ausdrücklich hinzu. Und wenn Sie auch vielleicht vorhin im Stillen gefragt haben sollten, woher ich das alles wisse, was ich über <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> gesagt, so werde ich antworten: eben aus der Begründung dessen, was Paulus seinen Lesern wünscht, auf die er hier ausdrücklich aufmerksam macht. Mit <hi rend="italic">Gott</hi> haben wir es zu tun, wenn wir diese <term type="Begriffe" key="Wort">Worte</term> zu uns reden lassen, so wie sie ursprünglich, so wie sie von dem, der hier schreibt, gemeint waren. In <hi rend="italic">Gott</hi> ist die Realität, von der sie reden, verborgen, und <hi rend="italic">Gott</hi>, Gott selbst, Gott <term type="Begriffe" key="Gott selbst(, Gott allein)">allein</term> ist die Gewähr dafür, dass sie Realität sind. Ich weiß, wenn es uns daran gelegen sein sollte, <hi rend="italic">1.</hi> zu der Realität vorzudringen, von der die <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">paulinischen</term> Begriffe reden, <hi rend="italic">2.</hi> uns zu vergewissern darüber, dass diese Realität Realität <hi rend="italic">ist</hi>, keinen anderen Weg als den, dem Hinweis, den Paulus uns selbst gibt, zu folgen und das, was ausdrücklich im Hinblick auf <hi rend="italic">Gott gesagt</hi> ist, auch im Hinblick auf <hi rend="italic">Gott</hi> zu <hi rend="italic">hören</hi> und zu <hi rend="italic">erklären</hi>. Wenn wir uns ganz dessen bewusst sind, was wir damit tun, und wenn wir es wagen, so konsequent als möglich Gott zu geben, was Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Eigentum">ist</term> [vgl. Mt. 22,21 par.], so werden wir auf diesem Weg, <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term> im Einzelnen natürlich vorbehalten, im Ganzen nicht in die <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irre</term> gehen können.</p>
        <p>Die Hauptsache über das, was zu dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀπὸ θεοῦ πατρός</foreign> usf. vorläufig zu bemerken ist, haben Sie also bei der Erklärung der beiden Begriffe <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> schon gehört.<note xml:id="n77">Siehe oben S.  67f.</note> Eben darum, weil Paulus das Kommen der <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> und das Bekommen des <term type="Begriffe" key="Friede">Friedens</term> verbis expressis von Gott erwartet, müssen <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> so exklusiv, so radikal – vielleicht müsste ich nach Ihrem Empfinden eher sagen: so unmenschlich, so weltfremd – auf <hi rend="italic">Gott</hi> bezogen werden. Eben darum müssen  <pb ed="pga" xml:id="p074"/> wir das unbegreifliche Trotzdem! aufdecken, das in beiden liegt: Trotz der Heiligkeit <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">Gottes</term>: <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>! Trotz der <term type="Begriffe" key="Sünde">Sünde</term> des Menschen: <term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term>! Eben darum muss es hier und dort heißen (ich zitiere nochmals jenes Wort Calvins) «de re infinita nihil potest dici immodice»<note xml:id="n78">Siehe oben S.  63, Anm. 36.</note>. Unterstreichen möchte ich jetzt nur noch zweierlei. |</p>
        <p><hi rend="italic">1.</hi> Das <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν</foreign></hi> bezeichnet in der schärfsten Weise, dass Paulus, wenn er von Gott redet und Gott als den bezeichnet, von dem die <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> kommt und von dem wir den <term type="Begriffe" key="Friede">Frieden</term> bekommen, nicht einen <term type="Begriffe" key="Metaphysik">metaphysischen</term> Dingbegriff vor Augen hat. 
        Er nennt Gott unseren <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term>, also, das Gleichnis als Gleichnis des Unaussprechlichen, Undenkbaren verstanden, unseren <term type="Begriffe" key="Gott, Ursprung">Ursprung</term>. <hi rend="italic">Unser</hi> Ursprung. <hi rend="italic">Wir</hi> die <hi rend="italic">Menschen</hi>, wie wir <hi rend="italic">sind</hi>, sind bezogen auf ihn, den Wunderbaren, den Nicht- und Niegegebenen, den Unbekannten, den <term type="Begriffe" key="Gott, Heiligkeit">Heiligen</term>, den deus absconditus. Von uns <hi rend="italic">selbst</hi>, von unserer <hi rend="italic">Existenz</hi> im tiefsten Sinn, von dem unanschaulichen <term type="Begriffe" key="Geheimnis, des menschlichen Lebens">Geheimnis</term> unseres anschaulichen <hi rend="italic">Lebens</hi>, 
         der <foreign xml:lang="el-GR">θεωρία</foreign>, die nicht die Wahrheit der keineswegs an sich wahren <foreign xml:lang="el-GR">πρᾶξις</foreign> unseres Daseins ist, von der Antwort gerade auf unsere tiefste Frage reden wir, wenn wir von Gott reden. Gott, der uns so unmenschlich, so weltfremd begegnet, dessen <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign> uns vielleicht nach dem Gefühl Mancher unter Ihnen viel mehr wie eine geballte Faust als wie das, was wir sonst unter göttlichen Gütern und Gaben zu verstehen gewohnt sind, in unseren Alltag, in unsere Individualität hineinragt, dieser Gott ist unser <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term>, wir kommen alle schon von ihm her, unsere eigenste, persönlichste und allgemeinste Voraussetzung ist das Wunderbare und Unzugängliche, das uns alsbald vor Augen tritt, wenn wir seiner zu gedenken beginnen. Gerade als der <term type="Begriffe" key="Gott, als der Fremde bekannt">Fremde</term> ist er uns tatsächlich bekannt, und gerade als der, den wir nur über alle Dinge fürchten<note xml:id="n79">Siehe oben S.  8f., Anm. 13.</note> können, will und kann er tatsächlich von uns geliebt werden. Und dass das geschehe, das eben ist der Wunsch des Paulus an seine Leser: <foreign xml:lang="el-GR">χάρις</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">εἰρήνη</foreign>. |</p>
        <p><hi rend="italic">2. <foreign xml:lang="el-GR">Καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ</foreign></hi> bezeichnet ebenfalls in der schärfsten Weise, dass mit diesem Geschehen zwischen Gott und <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Mensch</term> nicht etwa ein logisches Apriori, eine rationale Beziehung gemeint ist – so gewiss es auf dem Felde der Logik repräsentiert ist durch den Begriff  <pb ed="pga" xml:id="p075"/> des Nicht-Gegebenen, der <foreign xml:lang="el-GR">ἀνυπόθεσις</foreign>, des Ursprungs<note xml:id="n80">Barth bezieht sich hier auf an Platon anknüpfende Gedanken H. Cohens: «Da alles Sein auf der Grundlegung des Denkens beruht, so erhebt sich das tiefsinnige Verlangen nach einem Grunde, der von dieser Grundlegung unabhängig sei.» Cohen gebraucht dafür «das methodische Wort» «Ungrundlegung (<foreign xml:lang="el-GR">ἀνυπόθετον = ἀνυπόθεσις</foreign>)» (H. Cohen, <hi rend="italic">System der Philosophie,</hi> 2. Teil: <hi rend="italic">Ethik des reinen Willens,</hi> Berlin 1904, S. 406). Barth spielt auf diese Zusammenhänge im Römerbrief von 1922 mehrfach an: «Platonische Weisheit hat als Ursprung alles Gegebenen längst das Nicht-Gegebene erkannt.» (Römerbrief 2, S. 22) «Das Gegebene» zeugt «selbst von seiner nicht-gegebenen Voraussetzung» (S. 91). «Die Philosophen nennen diese Krisis des menschlichen Erkennens den Ursprung.» (S. XIII). 
        Denn «der wahre Gott» ist «der aller Gegenständlichkeit entbehrende Ursprung der <hi rend="italic">Krisis</hi> aller Gegenständlichkeit» (S. 57).</note>, oder welche Bezeichnung man dort dafür wählen mag –, sondern eben ein Geschehen. Gott ist <term type="Begriffe" key="Gott, ist Gott">Gott</term>. Gott ist <term type="Begriffe" key="Gott, ist frei">frei</term>. Gott handelt. Gott offenbart <term type="Begriffe" key="Gottesoffenbarung">sich</term>. Gottes<hi rend="italic">erkenntnis</hi><term type="begriffe" key="Gotteserkenntnis"/> gibt es nur im Licht der Gottes<hi rend="italic">offenbarung</hi><term type="begriffe" key="Gottesoffenbarung"/>. Dieses Handeln und Sich-Offenbaren <term type="Begriffe" key="Gottesoffenbarung">Gottes</term> ist bezeichnet mit dem merkwürdigen <foreign xml:lang="el-GR">καί</foreign> zwischen Gott und <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesus</term>, das also nicht etwa dahin aufgelöst werden darf, als wolle Paulus Gott unseren und unseres Herrn Jesus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus〉〉〈〈Gott, Vater Jesu Christi">Christus</term> <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term> nennen, das aber auch nicht <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, kein zweiter Gott">Jesus</term> als einen zweiten Gott oder Halbgott neben den Vater stellt. Es ist der eine Gott hier wie dort gemeint, hier sein Werk als <term type="Begriffe" key="Gott, Werk">Gott</term>, dort die Bedeutung seines Werkes. Denn was Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Werk">Werk</term> bedeutet, nämlich das Geheimnis der <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfung">Schöpfung</term> und <term type="Begriffe" key="Gott, Erlöser">Erlösung</term> des Menschen, das ist das Geheimnis, das Paulus in dem Wort <foreign xml:lang="el-GR">κύριος Ἰησοῦς Χριστός</foreign> zugleich verhüllt und aufdeckt. Aber hier stehen wir vor dem letzten Rätsel und vor der letzten Auflösung des Rätsels, das uns durch das <term type="Begriffe" key="Christentum, als geschichtliche Erscheinung">Christentum</term> als geschichtliche Erscheinung und durch die Problematik unseres eigenen Lebens aufgegeben ist.<note xml:id="n81">Hier hat Barth in eckigen Klammern einige Stichworte, offenbar für Mitteilungen an die Hörer, notiert: «[Abmachung mit Lempp. 25% Christ in der Gesellschaft, Biblische Fragen. Zur inneren Lage. Dostojewski. (Römbr.) stud. Hagemann. Testatbuch]». 
        Albert Lempp war der Inhaber des Chr. Kaiser Verlages in München, in dessen Verlagsprogramm, beginnend mit der Übernahme des Bestandes der Exemplare des ersten Römerbriefs (1919) und der Tambacher Rede (1920), viele Schriften Barths erschienen sind. Die Vereinbarung mit Lempp scheint einen den Hörern dieser Vorlesung eingeräumten ermäßigten Kaufpreis für die genannten Publikationen Barths und E. Thurneysens betroffen zu haben: K. Barth, <hi rend="italic">Der Christ in der Gesellschaft. Eine Tambacher Rede</hi>, mit einem Geleitwort von Hans Ehrenberg (Der Bücher vom Kreuzweg 65­1. Folge), Würzburg, Patmos Verlag 1920; K. Barth, <hi rend="italic">Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke. Vortrag, gehalten an der [24.] Aarauer Studentenkonferenz</hi>, München, Kaiser Verlag 1920; K. Barth / E. Thurneysen, <hi rend="italic">Zur inneren Lage des Christentums. Eine Buchanzeige und eine Predigt</hi>, München, Kaiser Verlag 1920; die zweite Fassung des Römerbriefs, die mit der Jahresangabe 1922 bereits im Dezember 1921 ausgeliefert wurde (vgl. H. Stoevesandt, <hi rend="italic">Vorbemerkung zum Neudruck</hi>, in: K. Barth, <hi rend="italic">Der Römerbrief</hi> (Zweite Fassung), Zürich 2005<hi rend="sup">17</hi>, S. V).</note></p> 
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</TEI>
