<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-46007">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-46">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
        <title type="content">Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 2–6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 2–6, in: Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, 23. Februar 2022</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46007 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, hrsg. v. Bohnet, Jörg-Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2009, S. 148156.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46007</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
          <title type="text">Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22. Epheser 2–6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Bohnet, Jörg-Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2009</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 148156</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">7</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Epheserbrief [1921/1922], 4. November 1921 – 16. Februar 1922. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6607">KBA 1664.1</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="2022-02-23">23. Februar 2022</date>
      </creation>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>lecture</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:15+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:15+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
       <body>
      <div type="paper">
         

    <pb ed="pga" xml:id="p148"/>
    <head>Erklärung des Epheserbriefes W.S. 1921/22</head>
    <div>    
    <head>Epheser 2 - 6</head>
    <p><date rend="right">23. II. 22</date>Ich habe heute die Aufgabe, Ihnen den Inhalt der fünf letzten Kapitel des Epheserbriefes zu skizzieren. Anders als in Andeutungen kann das nicht geschehen. Und Sie werden sich nicht wundern, wenn alle exegetische und systematische Begründung meiner Auffassungen dabei ausbleiben muss.</p>
    <p><hi rend="italic">2,1 - 10</hi> bietet zunächst deutlich eine Fortsetzung und Umkehrung der Gedanken von 1,20-23. Dass die Leser die rechten weiten Gesichtspunkte und Maßstäbe haben und bekommen möchten für den ihnen im <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> gewordenen <term type="Begriffe" key="Gott, Segen">Gottessegen</term>, darum ging es dort. Um sie daran zu erinnern: ihr habt es nicht mit Etwas, sondern mit Gott, nicht mit der Zeit, sondern mit der Ewigkeit zu tun, hatte Paulus von Christi <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Auferstehung(, Auferstanden)">Auferstehung</term> und <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Erhöhung">Erhöhung</term> geredet. Nun hören wir ausdrücklich: Wer vom Geheimnis Christi redet, der redet vom Geheimnis des menschlichen Lebens. Auch wir waren <hi rend="italic">tot</hi><term type="Begriffe" key="Tod"/>. Unser Leben war ein <foreign xml:lang="el-GR">περιπατεῖν</foreign> nach der Tendenz <hi rend="italic">dieser</hi> Welt und <hi rend="italic">ihres</hi> Geistes. Unsere <foreign xml:lang="el-GR">φύσις</foreign> war gleichbedeutend mit <term type="Begriffe" key="Abfall von Gott">Ungehorsam</term> und darum mit Gottes <term type="Begriffe" key="Zorn">Zorn</term> (V. 1-4). Aber auch uns hat Gott <hi rend="italic">lebendig</hi> gemacht <hi rend="italic">mit</hi> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>, <hi rend="italic">samt</hi> ihm. <foreign xml:lang="el-GR">Ὄντας νεκροὺς συνεζωοποίησεν, συνήγειρεν, συνεκάθισεν</foreign> (V. 5 und 6). Das ist das <term type="Begriffe" key="Paradox">Paradox</term> auch unseres Daseins. Noch ist diese Wendung uns ein schlechthin Verborgenes: in der Zukunft liegt, zeitlich geredet, ihre Auswirkung (V. 7), in Gott allein liegt, menschlich kausal geredet, ihre Begründung (V. 8-10). Aber es <hi rend="italic">besteht</hi> die Beziehung unseres Lebens auf dieses verborgene Neue. Höchst grundsätzlich <hi rend="italic">ist</hi> in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> auseinandergerückt als <hi rend="italic">Vergangenheit</hi> unser Dasein in seine ganzen Breite auf der einen, als <hi rend="italic">Zukunft</hi> Gott, der Lebendige, der Sieger, der Mächtige, der Herr und Erlöser unseres Daseins [auf der anderen Seite]. Die scheidende Mitte, die ewige Gegenwart, die die Vergangenheit wirklich zur <hi rend="italic">Vergangenheit</hi>, die Zukunft wirklich zur <hi rend="italic">Zukunft</hi> macht, ist <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesus</term>, die Kraft seiner <term type="Begriffe" key="Auferstehung">Auferstehung</term>. Weder eine zufällige Geschichtswahrheit ist die Kraft der Auferstehung noch eine notwendige Vernunftwahrheit, um mit Lessing zu reden<note xml:id="n188">Vgl. G. E. Lessing, <hi rend="italic">Über den Beweis des Geistes und der Kraft,</hi> Werke, hrsg. von H. G. Göpfert u. a., 8. Bd., München 1979, S. 12: <hi rend="italic">«zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden».</hi></note>, sondern die Wahrheit des göttlichen Geschehens an  <pb ed="pga" xml:id="p149"/> uns, das in keinem Sinn zufällig und in keinem Sinn notwendig genannt werden kann, das eins ist mit der Wahrheit des göttlichen <hi rend="italic">Willens:</hi> weder Faktum noch Idee, sondern <hi rend="italic">Offenbarung</hi>.</p>
    <p><hi rend="italic">2,11-22</hi> bringt die erste Entwicklung des Gedankens, die dem <term type="Begriffe" key="Epheserbrief, Verfasser">Verfasser</term> unseres Briefes offenbar besonders am Herzen lag. So radikal ist das menschliche <term type="Begriffe" key="Diesseits">Diesseits</term> in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> in Beziehung gesetzt zum <term type="Begriffe" key="Jenseits">Jenseits</term> Gottes, so umfassend ist unser ganzes bekanntes Dasein in das Licht seiner ewigen Zukunft gerückt, dass eine radikal umfassende <hi rend="italic">Relativierung</hi> der Unterschiede und Gegensätze innerhalb jenes unseres Diesseits und bekannten Daseins die unausweichliche Folge ist. Was bedeutet der Gegensatz von <term type="Begriffe" key="Heiden">Heiden</term> und <term type="Begriffe" key="Israel">Israel</term>, von Fernen und Nahen, dieser endliche Gegensatz, angesichts der Aufhebung des unendlichen Gegensatzes zwischen Gott und <term type="Begriffe" key="Gott, unendlicher Gegensatz zwischen Gott und Mensch">Mensch</term>, die in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> als der verborgene Wille <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Gottes</term> offenbar ist? Der <hi rend="italic">große</hi> Gegensatz ist die grundsätzliche Aufhebung aller <hi rend="italic">kleinen</hi> Gegensätze. Ihr Sinn, ihre Bedeutung wird klar, ja es gibt ein ohne Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt Sein (V. 11-12), aber wie kann das, sofern damit ein Zustand einzelner bestimmter Menschen beschrieben sein soll, etwas Anderes sein als ein Gleichnis, wenn es in Christus klar wird, dass der Zustand dieser einzelnen bestimmten Menschen in Wahrheit <hi rend="italic">aller</hi> Menschen Zustand und wenn nun dieser Zustand <hi rend="italic">aller</hi> Menschen in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, das Licht der Verheißung">Christus</term> in das Licht der Verheißung gerückt ist? Der <term type="Begriffe" key="Universalismus">Universalismus</term> des Gegensatzes von tot und lebendig, Vergangenheit und Zukunft, <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> und <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> nimmt notwendig dem Gegensatz zwischen diesen und jenen Menschen, <term type="Begriffe" key="Heiden">Heiden</term> und <term type="Begriffe" key="Juden">Juden</term>, <term type="Begriffe" key="Pharisäer">Pharisäern</term> und <term type="Begriffe" key="Weltkinder">Weltkindern</term>, <term type="Begriffe" key="Ungläubige">Ungläubigen</term> und <term type="Begriffe" key="Gläubige">Gläubigen</term>, Außerhalb- und Innerhalb-Stehenden seine grundsätzliche Schärfe. «Er ist unser <term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term>. Er hat aus dem Getrennten <hi rend="italic">eins</hi> gemacht und den Zaun, der dazwischen war, die Feindschaft, niedergerissen» (V. 14). Er hat aus zweien <hi rend="italic">einen neuen</hi> <term type="Begriffe" key="Mensch, neuer">Menschen</term> geschaffen in ihm selber (V. 15) und fasst die Getrennten als <hi rend="italic">einen</hi> Leib zusammen und <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Versöhnung">versöhnt</term> sie so mit Gott durch das <term type="Begriffe" key="Kreuz">Kreuz</term>. Er hat die Feindschaft getötet durch sich <hi rend="italic">selbst</hi> (V. 16). Er gibt den Getrennten Zugang zum Vater durch <hi rend="italic">einen</hi> <term type="Begriffe" key="Heiliger Geist">Geist</term> (V. 18). In ihm sind auch die Gäste und Fremdlinge Mitbürger der <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiligen</term>  <pb ed="pga" xml:id="p150"/> und Gottes Hausgenossen (V. 19). Gerade <hi rend="italic">weil</hi> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, lebendige Beziehung auf Gott">Christus</term>, die lebendige Beziehung des Menschen auf <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Gott</term>, der Eckstein, die Krisis, die Voraussetzung alles Menschlichen ist, werden die vermeintlich absoluten Gegensätze innerhalb des Menschlichen relativ, werden die verschiedenen Relativitäten zu Bausteinen an <hi rend="italic">einem</hi> Hause, wird Friede auf Erden möglich und notwendig (V. 20-21).</p>
    <p><hi rend="italic">3,1-13</hi> nennt Paulus nun diesen Gedanken, nein diese Entdeckung, dass <term type="Begriffe" key="Heiden">Heiden</term> und <term type="Begriffe" key="Juden">Juden</term> eins sind in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>, das Eigentümliche des ihm selbst gewordenen <term type="Begriffe" key="Apostelberuf">Apostelberufs</term>. Er fühlt sich durchaus nicht als christlicher Prediger im Allgemeinen, sondern als <foreign xml:lang="el-GR">δέσμιος τοῦ Χριστοῦ</foreign> für euch <hi rend="italic">Heiden</hi> (V. 1), als der Mann, der unter dem Zwang steht, das, <hi rend="italic">gerade das</hi> zu sagen, den <term type="Begriffe" key="Heiden">Heiden</term> zu sagen: ihr, die Hoffnungslosen, habt nun Hoffnung, ihr, die <term type="Begriffe" key="Gottlose">Gottlosen</term>, seid Gottes, ihr die Fernen, seid nahe. Die Aufhebung der relativen Gegensätze im Licht des absoluten, das ist das paulinische <term type="Begriffe" key="Evangelium, paulinisches">Evangelium</term>, das ist die <foreign xml:lang="el-GR">οἰκονομία τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης <hi rend="italic">μοι,</hi></foreign> sein spezifischer Auftrag, durch Offenbarung ihm zuteil geworden (V. 2-3). Ja noch mehr: darin sieht er das Spezifische seiner Zeit, der angebrochenen christlichen Ära, das die Zeit <hi rend="italic">nach</hi> der historischen Erscheinung <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, historische Erscheinung">Christi</term> von der Zeit vorher Unterscheidende: nicht darin etwa, dass jetzt erst die lebendige Beziehung zwischen Gott und <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Mensch</term> geschaffen oder ermöglicht sei (2,11-22 zeigt ganz deutlich, dass Paulus mit der heilsamen Gegenwart <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Gegenwart im Alten Testament">Christi</term> auch im Alten <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Testament</term> gerechnet hat), wohl aber darin, dass die <term type="Begriffe" key="Heiden">Heiden</term> <hi rend="italic">Mit</hi>erben, <hi rend="italic">Mit</hi>glieder, <hi rend="italic">Mit</hi>teilhaber der Verheißung sind in Christus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesus</term> durch das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> (V. 6), dass also auch sie in jene lebendige Beziehung, der Israel immer teilhaftig war, <hi rend="italic">einbezogen</hi> sind. Das ist das Geheimnis, das den früheren Geschlechtern der Menschen nicht so bekannt war, wie es jetzt der Fall ist (V. 5), das von Ewigkeit her in Gott, dem <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> aller Dinge, verborgene Geheimnis der Erlösung (V. 9). <hi rend="italic">Ihm</hi>, Paulus, selber der Geringste, der Schuldigste unter den <term type="Begriffe" key="Heilige(, Heiliger, Heiliges)">Heiligen</term>, ist es gegeben, <hi rend="italic">das</hi> den Heiden, seinen mitschuldigen Brüdern zu sagen. Das ist die Verknüpfung seiner Botschaft mit seiner eigenen Lebensführung (V. 8). Und das ist’s, was jetzt durch die Tatsache der <term type="Begriffe" key="Heiden">Heiden</term> und <term type="Begriffe" key="Juden">Juden</term> vereinigenden Gemeinde des <term type="Begriffe" key="Gemeinde Christi">Christus</term> auf Erden den Mächten und Gewalten der himmlischen Welt, all den relativen Absolutheiten, die die Versöhnung <hi rend="italic">aller</hi> Menschen und damit den <term type="Begriffe" key="Friede">Frieden</term> <hi rend="italic">unter</hi> den Menschen in  <pb ed="pga" xml:id="p151"/> Frage stellen wollen, verkündigt werden muss (V. 10-11). Das ist das <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentum</term>: das Ende aller -tümer und -ismen, die volle Umkehrung der gewöhnlichen Anschauung und Denkgewohnheit dadurch, dass alle Mittelbarkeiten hier selber in Frage gestellt werden durch die Unmittelbarkeit, mit der Gott jedem Menschen nahetritt in <term type="Begriffe" key="Gott, in Christus">Christus</term>. Dieses unmittelbare Nahetreten Christi zu jedem Menschen, der <term type="Begriffe" key="Universalismus">Universalismus</term> der Verheißung, die Relativierung aller historisch gegebenen Gegensätze also ist für Paulus das Neue, das Wesentliche der historischen Erscheinung Jesu als solcher. Die <term type="Begriffe" key="Religionsgeschichte">Religionsgeschichte</term> ist mit <hi rend="italic">dieser</hi> Geschichte grundsätzlich zu Ende. Von «Heiden», von «Gottlosen» soll von jetzt an nur noch in Anführungszeichen, nur noch in Hoffnung und <term type="Begriffe" key="Liebe">Liebe</term> geredet werden können, nicht mehr mit dem tragischen, harten, exklusiven Akzent, den diese Worte im Alten <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Testament</term> hatten. <term type="Begriffe" key="Heiden, als zukünftige Christen">Heiden</term> sind zukünftige <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>, <term type="Begriffe" key="Gottlose, als verborgene Gotteskinder">Gottlose</term> sind verborgene <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Gotteskinder</term>; da die Weisheit <term type="Begriffe" key="Gott, Weisheit">Gottes</term> in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> und seiner <term type="Begriffe" key="Gemeinde Christi">Gemeinde</term> offenbar ist, <foreign xml:lang="el-GR">πολυποίκιλος</foreign>, mannigfaltig, unendlich beweglich und stark (V. 10). Menschliche Gerechtigkeit verbindet nicht mit Gott, und menschliche Ungerechtigkeit scheidet nicht von Gott. Nein, Gottes Gerechtigkeit ist Beides, das Scheidende und Verbindende – um denselben Gedanken in den Ausdrücken des Römerbriefs auszusprechen. So, als der Bote des Heils den Heiden, will sich Paulus seinen Lesern in Erinnerung rufen (V. 12-13).</p>
    <p><hi rend="italic">3,14-21</hi> kann ebensowohl als Abschluss des Vorhergehenden wie als Einleitung zum Folgenden aufgefasst werden. Es ist eine Wiederaufnahme des <term type="Begriffe" key="Gebet">Gebetes</term> des Apostels für seine Leser 1,15-19. Paulus beugt sich vor dem, der der <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Väterliche</term> ist in allen Vaterverhältnissen im Himmel und auf Erden, das jenseitige Prinzip aller diesseitigen Verhältnisse von Ursache und Wirkung, <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> und Geschöpf. Von ihm haben sie ihre Namen. Seine Gleichnisse und Abbilder nur sind sie (V. 14). Er muss es seinen Lesern geben, dass ihr innerer Mensch stark werde, dass <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> wohne durch den <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> in ihren Herzen, dass sie so gegründet werden in der <term type="Begriffe" key="Liebe">Liebe</term>, dass ihnen alles das, was jene Gemeinschaft der Menschen in Christus stört, alles Mein und Dein aus den Händen fällt (V. 15-17), dass sie begreifen lernen, dass die Wahrheit mehr als zwei Dimensionen hat, dass die Liebe <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Liebe">Christi</term> größer ist als alle einzelne, direkte, diskursive Erkenntnis, die wir von den Dingen und von den Menschen haben können (V. 18-19), dass  <pb ed="pga" xml:id="p152"/> Gott gibt und <term type="Begriffe" key="Gott, Gebergott">geben</term> will über alles Bitten und Verstehen der Menschen. Eben der Ort, wo Gott diese Einsicht gibt und wo sie gefasst wird, der Ort, wo Gott auf den Plan tritt mit seinem Ich bin! [vgl. Ex. 20,2ff.; Dtn. 5,6ff.] und wo es darum <hi rend="italic">gewagt</hi> wird, das unermessliche Wagnis, die sündige, verlorene Welt in ihrem Zusammhang mit Gott zu verstehen und nicht mehr anders, ist die <foreign xml:lang="el-GR">ἐκκλησία</foreign>, ist der Christus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesus</term> selbst verkörpert in der Schar der von ihm Zusammenberufenen (V. 20-21). – Dieser Schluss von Kapitel 3 ist offenbar der Höhepunkt des ganzen Briefes.</p>
    <p>In <hi rend="italic">4,1-16</hi> wird das <term type="Begriffe" key="Gebet">Gebet</term> zur <hi rend="italic">Ermahnung</hi>, zur Ermahnung, den in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> dem Menschen geschenkten <term type="Begriffe" key="Friede">Frieden</term> zu halten, zu bewahren, die relativen Gegensätze menschlichen So- und Soseins nun wirklich in das versöhnende Licht des absoluten Gegensatzes von <term type="Begriffe" key="Gott, absoluter Gegensatz von Gott und Mensch">Gott</term> und Mensch zu stellen. «Seid fleißig, die Einheit des Geistes zu bewahren im Band des <term type="Begriffe" key="Friede">Friedens</term>» (V. 3). Man darf diese Ermahnung nicht lösen aus ihrem Zusammenhang. Nicht aus Friedensliebe mahnt Paulus zum Frieden, sondern um der Ehre <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Gottes</term>, um der Konsequenz der <hi rend="italic">Berufung</hi> willen, die den <term type="Begriffe" key="Christen, Berufung">Christen</term> zuteil geworden ist. Diese Berufung ist Berufung zu <hi rend="italic">einer</hi> Hoffnung. <hi rend="italic">Das</hi> ist das Band des <term type="Begriffe" key="Friede">Friedens</term>. Man betone darum in V. 4-6 nicht ausschließlich das <foreign xml:lang="el-GR">εἷς, μία, ἕν</foreign> usf., sondern mindestens ebenso stark die zugehörigen Hauptwörter. Dass wir ein <hi rend="italic">Leib</hi> und ein <hi rend="italic">Geist</hi> sind, berufen zu einer <hi rend="italic">Hoffnung</hi>, dass wir einen <hi rend="italic">Herrn</hi>, einen <hi rend="italic">Glauben</hi><term type="Begriffe" key="Glaube"/>, eine <hi rend="italic">Taufe</hi>, einen <hi rend="italic">Gott</hi> und <hi rend="italic">Vater</hi><term type="Begriffe" key="Gott, Vater"/> haben, dieses Positive ist die Begründung der Ermahnung, <term type="Begriffe" key="Friede">Frieden</term> zu halten, die unvergleichliche neue <hi rend="italic">Wirklichkeit Gottes</hi>, mit der wir es in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, als die neue Wirklichkeit Gottes">Christus</term> zu tun haben. Diese Gotteswirklichkeit als solche, die uns so klein und so groß macht, so tief beugt und so mächtig aufrichtet, <hi rend="italic">ist</hi> der <term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term>, <hi rend="italic">ist</hi> das Eine, das uns nicht auseinanderfallen lässt in unseren relativen menschlichen Gegensätzen. <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> wir nicht an einen <hi rend="italic">Gott,</hi> so hilft es uns nichts, uns zu beteuern, dass wir an <hi rend="italic">einen</hi> Gott glauben. Indifferenz ist noch immer ein schlechter Weg zur Toleranz gewesen. Die Einheit in <hi rend="italic">Gott</hi> aber ist unmittelbar die Begründung der Freiheit des <hi rend="italic">Einzelnen</hi>, an seinem Ort und auf seine Art Gottes zu sein. Der <term type="Begriffe" key="Weg">Weg</term> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Weg führt vom Leben zum Tod ins Leben">Christi</term> führt vom Leben in den <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term> ins <term type="Begriffe" key="Leben">Leben</term>, er umfasst das ganze Dasein in seinen schärfsten uns denkbaren Gegensätzen, also auch die verhältnismäßig kleinen Gegensätze, die zwischen uns bestehen mögen (V. 7-10). (Dieselbe Begründung der Frei<pb ed="pga" xml:id="p153" break="no"/>heit und Einheit finden Sie Röm. 14,7-11.) Eine <hi rend="italic">Zubereitung</hi> nur ist die Persönlichkeit und Stellung jedes Einzelnen als solchen in seiner Verschiedenheit vom Anderen, die Zubereitung zum Dienst; zur Auferbauung des Christusleibes muss das nämlich so sein (V. 12), ist jeder von <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Auferbauung des Leibes">Christus</term> «gegeben» als das, was gerade er ist (V. 11). Etwas Anderes ist der Dienst selbst, das Werk, das innerhalb der Schranke unserer Einzelheit getan werden soll, das vollkommene Mannesalter Christi, das diese Schranke aufhebt, indem es offenbar wird, dass gerade das Einzigartige auch das Ewige ist (V. 13). Aber dort stehen wir jetzt und hier nicht. Dort können wir von unserem «jetzt und hier» aus nur hinschauen, alle <term type="Begriffe" key="Sektierei">Sektiererei</term> vermeiden (V. 14), der Wahrheit in <term type="Begriffe" key="Liebe">Liebe</term> die Ehre geben (V. 15) und so wachsen an Christus, bis wir – aber das ist nicht etwa das Ende dieses Wachstums, das ist die Erfüllung, die jenseits alles <hi rend="italic">unseres</hi> Wachsens liegt – hinankommen zu der Einheit des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> in der Erkenntnis des Sohnes <term type="Begriffe" key="Gottessohn">Gottes</term> (V. 13). Dieses jenseitige Ziel bestimmte und charakterisierte unseren diesseitigen <term type="Begriffe" key="Weg">Weg</term>. Unsere Hoffnung sei unser <term type="Begriffe" key="Friede">Friede</term>. Auf den Bergen ist Freiheit.<note xml:id="n189">Fr. von Schiller, <hi rend="italic">Die Braut von Messina oder Die feindlichen Brüder,</hi> IV. Akt, 7. Szene.</note> Wir sind noch nicht auf den Bergen. Wir können aber unsere Augen erheben zu den Bergen, von welchen uns Hilfe kommt [vgl. Ps. 121,1].</p>
    <p><hi rend="italic">4,17-24</hi> überträgt dieselbe Ermahnung auf das Gebiet des sittlichen Lebens überhaupt. Paulus predigt nicht <term type="Begriffe" key="Moral">Moral</term>, er bezeugt (V. 17), dass der große Gegensatz, in dessen Licht die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> gekommen sind, die Krisis von <term type="Begriffe" key="Diesseits">Diesseits</term> und <term type="Begriffe" key="Jenseits">Jenseits</term> in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>, auf die sie sich eingelassen haben, Folgen hat. Die Offenbarung <term type="Begriffe" key="Gottesoffenbarung, Angriff auf den Menschen">Gottes</term> ist ein Angriff auf den Menschen. Das <term type="Begriffe" key="Christentum, Gefährlichkeit">Christentum</term> ist eine gefährliche Sache.<note xml:id="n190">Vgl. Barths Leitsatz 19 im Konfirmandenunterricht 1918-1919 (Konfirmandenunterricht, S. 263).</note> Aber diese Gefahr ist über die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> schon hereingebrochen. Sie haben <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> schon Gehör geschenkt, sie sind schon belehrt, wie die Dinge stehen in Jesus (V. 21). Also nicht als ein Seinsollendes erst stellt Paulus ihnen das Gute der Überwindung des Bösen entgegen, sondern wie Röm. 6,1-14 als ein Selbstverständliches. Sie können nicht mehr rückwärts. Der entscheidende Schritt ist schon getan. Das neue Licht umgibt sie schon. Sie haben ja Gottes Verheißung. Wie könnte,  <pb ed="pga" xml:id="p154"/> wer Gottes Verheißung hat, der Alte sein und bleiben wollen? Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Verheißung">Verheißung</term> haben, das heißt den alten Menschen ablegen, den neuen anziehen (V. 22-23). Also analytisch, nicht synthetisch ist die Ermahnung: seid, was ihr seid! und nicht, was ihr nicht seid! Aber das ist für den Menschen immer wieder eine Aufgabe, dass er ist, was er ist, darauf muss er, in der Zeit lebend, sich immer wieder <hi rend="italic">besinnen</hi>. Darum die Notwendigkeit der Ermahnung: Werdet neu durch den Geist in eurem <hi rend="italic">Denken</hi> (V. 23), tut <term type="Begriffe" key="Bußruf">Buße</term>!, damit die Gotteswahrheit eure Verwandlung, eure Lebenswahrheit <hi rend="italic">werde</hi>. Immer wieder muss die Erkenntnis Gottes damit anfangen, dass wir begreifen, dass wir Sünder sind, dass wir uns also allen anderen Menschen gleichstellen, immer wieder damit fortfahren, dass wir begreifen: wir können nicht Sünder bleiben, dass wir uns also den anderen Menschen um keinen Preis gleichstellen können. Das Schreiten von hier nach dort, das immer ein Schreiten bleibt, nie ein Angekommensein werden darf, ist die vita christiana.</p>
    <p><hi rend="italic">4,25-5,20</hi> entfaltet nun die Einsicht von dem großen Schatten, der von Gott her auf unser Leben fällt, von dem schweren Angriff, dem großen Krieg, unter dem wir stehen, positiv und negativ nach allen Seiten. Es ist ausgeschlossen, dass wir hier auf Einzelheiten auch nur andeutend eintreten können. Ich bemerke über ihre allgemeine Richtung nur Weniges in meinen eigenen Worten. Wer Gott verstanden hat, der wird sorgfältig und aufmerksam. Ihm ist etwas anvertraut, das nicht zerstört werden darf. Er lernt Respekt vor der hohen Notwendigkeit des Reiches <term type="Begriffe" key="Gottes Reich">Gottes</term> und bekommt von Schritt zu Schritt neue Klarheit und Freiheiten, während die alten Methoden zurückbleiben, ohne dass doch sein Tun etwas Anderes wäre als Stückwerk und Vorbereitung, Übung und <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term>. Das Leben wird ihm schwer, aber das ist ein Zeichen der Barmherzigkeit <term type="Begriffe" key="Gott, Barmherzigkeit">Gottes</term>, die sich ihm zuwendet. Der Ernst der göttlichen Gebote bedrückt nur die, die in der <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> stehen. Dem Erkennen <term type="Begriffe" key="Gotteserkenntnis">Gottes</term> in Furcht und <term type="Begriffe" key="Furcht, und Zittern">Zittern</term> [vgl. Hiob 4,14; Ps. 55,6; Phil. 2,12] können und wollen wir nicht ausweichen. Gerade es gibt uns den folgsamen, lenksamen Geist der Beweglichkeit, die das Neue des christlichen Ethos ist. Es wird sich immer wieder fragen, ob wir Ohren haben zu hören [vgl. Mt. 11,15; Mk. 4,12 u. ö.], ob wir an das Licht glauben, so dass wir des Lichtes Kinder sein können [Joh. 12,36; vgl. Eph. 5,9]. Ohne diese Frage hilft uns aller christliche Eifer  <pb ed="pga" xml:id="p155"/> nichts. Bedrängt und beunruhigt uns diese Frage nach der Voraussetzung des christlichen <term type="Begriffe" key="Ethos, christliches">Ethos</term>, dann gerade können und sollen wir uns seine Ermahnungen ins <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissen</term> schreiben, dann gehen sie uns unter allen Umständen an.</p>
    <p>Eine Sonderstellung in der Reihe dieser Ermahnungen nimmt <hi rend="italic">5,21-6,9</hi> ein. Es behandelt die natürlichen Verhältnisse von Mann und Weib, Eltern und Kinder, Herr und Knecht. <hi rend="italic">Luther</hi> hat diese Ausführungen überschrieben mit «Christliche <term type="Begriffe" key="Christliche Haustafel">Haustafel</term>».<note xml:id="n191">Siehe oben S.  34, Anm. 46.</note> Es ist aber zu beachten, dass Paulus und das ganze Neue <term type="Begriffe" key="Neues Testament">Testament</term> kein selbstständiges Interesse nimmt an den menschlichen Gemeinschaftsformen als solchen, dass wir es also hier nicht etwa mit dem primitiven Versuch einer <term type="Begriffe" key="Sozialethik">Sozialethik</term> zu tun haben. Nicht auf die Aufrichtung, Erhaltung und Wohlfahrt der Familie hat es Paulus abgesehen, sondern darauf, dass auch das Leben des Menschen in der Familie, dieses wichtigste, konkreteste Stück seines Lebens in das Licht des großen Gegensatzes gerückt werde. Es geschieht das so, dass überall gezeigt wird, wie die in der Welt bestehenden einseitigen Abhängigkeitsverhältnisse Abbilder sind der großen Abhängigkeit des Menschen von <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Gott</term>, in die wir durch <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> versetzt sind, und wie das Leben in jenen menschlichen Verhältnissen umso sinnvoller, umso christlicher wird, je mehr wir das Gleichnis des Göttlichen, das sie eigentlich bedeuten, in ihnen zu Ehren bringen. Darum völliger Gehorsam auf der ganzen Linie, aber eben nur darum. Was jene Verhältnisse rechtfertigt, die Furcht <term type="Begriffe" key="Furcht, des Herrn">Christi</term> (5,21), das ist auch die Gewähr dafür, dass sie nicht absolute Verhältnisse sind. Ein Geheimnis ist die <term type="Begriffe" key="Ehe">Ehe</term> (5,32), d. h. eine Notwendigkeit, die aber einen Widerspruch und die Verheißung einer kommenden Veränderung in sich trägt. So ist auch der Sinn des Verhältnisses von Eltern und Kindern die Bildung und Ermahnung zum Herrn (6,4) und der Sinn der sozialen Überordnungen der, dass es nur <hi rend="italic">einen</hi> Übergeordneten, nur einen Herrn gibt, nämlich Gott. Man hüte sich wohl, dass man diese Stelle nicht so konservativ und romantisch auslege, wie sie in den einzelnen Wendungen klingen. Sie sind revolutionärer, als sie auf den ersten Blick aussehen, aber es ist freilich die <term type="Begriffe" key="Revolution, von oben">Revolution</term> von oben her, die sich in ihnen ankündigt, und gerade weil diese <term type="Begriffe" key="Revolution, radikal und konservativ">Revolution</term> so radikal ist, ist ihr Tenor so konservativ. Die Wie<pb ed="pga" xml:id="p156" break="no"/>derherstellung der ursprünglichen, der Schöpfungsordnungen des menschlichen Lebens greift die bestehenden Verhältnisse nicht direkt, nicht von außen, sondern von innen und von unten an. Sie greift sie an, indem sie sie stehen lässt!!</p>
    <p>Der Schluss des Briefes <hi rend="italic">6,10-24</hi> bringt uns noch einmal scharf zum Bewusstsein, dass es sich im <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentum</term> auf der <hi rend="italic">menschlichen</hi> Seite immer nur um ein Ansetzen, Ergreifen, <term type="Begriffe" key="Kampf">Kämpfen</term> handeln kann und in jedem Augenblick aufs Neue, mit neuem, <hi rend="italic">ganzen</hi> Ernst, als ob es der erste Augenblick wäre, darum handeln muss. Wahre <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> ist und bleibt eine theologia viatorum<note xml:id="n192">D. h. eine theologia «viae» oder «hujus vitae» im Unterschied zur «theologia comprehensorum»: der theologia «patriae seu vitae alterius et beatae» (vgl. <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche,</hi> dargestellt und aus den Quellen belegt von H. Schmid, neu hrsg. und durchgesehen von H. G. Pöhlmann, Gütersloh 1979, S. 28).</note>. Aber wenn wir nur Wanderer sein <hi rend="italic">können</hi>, so sollen und wollen wir nun eben Wanderer <hi rend="italic">sein</hi>. Sie kennen das berühmte Bild vom Anziehen der <foreign xml:lang="el-GR">πανοπλία</foreign>, der Waffenrüstung Christi (6,10-17). So sollen die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> dastehen als Gotteskämpfer in dunkler Nacht wie Jakob und doch und gerade als solche im Morgenrot des neuen Tages: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! [Gen. 32,27]. <term type="Begriffe" key="Beten">Beten</term> und Wachen! [vgl. 6,18] heißt die Parole, unter die Paulus seine Leser stellen möchte, unter die er auch sich selbst stellt. Er ist ja selber einer, der Trost nötig hat, und gerade aus diesem Entbehren heraus kann er Andere trösten. Gerade die erkannte Fragwürdigkeit unseres Daseins ist ja das Korrelat der lebendigen Hoffnung, die wir haben, und diese wieder der Grund und die Möglichkeit, dieses Dasein ohne Illusion, aber auch ohne Trägheit zu gestalten zur Ehre <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Gottes</term>. Den Herrn Jesus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, liebhaben">Christus</term> liebhaben <foreign xml:lang="el-GR">ἐν ἀφθαρσίᾳ</foreign> (V. 24), in seinem unvergänglichen Wesen, als den, der Gottes eigene überhimmlische Sache führt und gerade darin die unsrige, das ist <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>. Das ist’s, was Paulus sich und seinen Lesern zum Schluss noch einmal wünscht.</p> 
</div>  
    
    
    
      </div>
    </body>
</text>
</TEI>
