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        <title type="volume" n="vol-46">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
        <title type="content">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,2-4</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,2-4, in: Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, 1922 – 1929</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46009 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, hrsg. v. Bohnet, Jörg-Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2009, S. 210–245.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
          <title type="text">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,2-4</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Bohnet, Jörg-Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2009</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Erklärung des Jakobusbriefes (WS 1922/1923), 4. November 1922 – 28. Februar 1923. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6609">KBA 1667.1</ref>. </bibl>
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    <head type="top">Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W. S. 1922/23 und <!-- leerzeile -->  W. S. 1928/29 <lb/><!-- leerzeile --> im Paralleltext </head>
        
       
       
        
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        <head xml:id="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p210"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1922/23</head>
        
        <head xml:id="ps-02"> Jakobus 1,2-4</head>

        <p><seg xml:id="ps-03"><seg type="verse" n="2"/> <foreign xml:lang="el-GR">Πᾶσαν χαρὰν ἡγήσασθε, ἀδελφοί μου, ὅταν πειρασμοῖς περιπέσητε ποικίλοις</foreign>, <seg type="verse" n="3"/> <foreign xml:lang="el-GR">γινώσκοντες ὅτι τὸ δοκίμιον ὑμῶν τῆς πίστεως κατεργάζεται ὑπομονήν·</foreign>
        <seg type="verse" n="4"/> <foreign xml:lang="el-GR">ἡ δὲ ὑπομονὴ ἔργον τέλειον ἐχέτω, ἵνα ἦτε τέλειοι καὶ ὁλόκληροι, ἐν μηδενὶ λειπόμενοι</foreign>.</seg> </p>
           
        <p><seg xml:id="ps-04"><lb/> <hi rend="italic"> <seg type="verse" n="2"/> Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt, <seg type="verse" n="3"/> in der Erkenntnis, dass die Bewährung eures Glaubens Beharrlichkeit bewirkt, <seg type="verse" n="4"/> die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen, damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand.</hi></seg></p>
        <p><seg xml:id="ps-05"> <hi rend="italic">Windisch</hi> bemerkt mit Recht, dass die Art, wie Jakobus hier seinen ersten Gedanken an die Grußformel anknüpft <term type="griechisch" key="χαίρειν/χαρά">(<foreign xml:lang="el-GR">χαίρειν-χαράν</foreign>)</term>, die <!-- ms12R -->verlockende Annahme <hi rend="italic">Harnacks</hi>, dass V. 1 eine spätere Zutat sein möchte, sehr unwahrscheinlich <term type="Begriffe" key="Jakobusbrief, Einheit">mache.</term><note xml:id="n91">Windisch, S. 3.</note> Den Ausdruck <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">πᾶσαν <term type="griechisch" key="χαίρειν/χαρά">χαράν</term></foreign></hi> muss man verstehen im Blick auf die <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="πειρασμός">πειρασμοὶ</term> ποικίλοι</foreign>: die Gesamtheit der vielfachen <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term> sollen sie für <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> ansehen. Man beachte für den Stil des <term type="Begriffe" key="Jakobusbrief, Verfasser">Verfassers</term> die Alliterationen: <foreign xml:lang="el-GR"><hi rend="italic">π</hi>ειρασμοῖς</foreign> <foreign xml:lang="el-GR"><hi rend="italic">π</hi>ερι<hi rend="italic">π</hi>έσητε</foreign> <foreign xml:lang="el-GR"><hi rend="italic">π</hi>οικίλοις</foreign>.<note xml:id="n92">Windisch, S. 3.</note> <!-- identisch_001 -->Nichts<note xml:id="n93">Vgl. zum folgenden unten S. 217.</note> im Zusammenhang der Stelle und des Briefes berechtigt oder nötigt uns, den Begriff <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">πειρασμοί</foreign></hi> hier in einem eingeschränkten Sinn aufzufassen, etwa als «Anfechtungen, welchen die <term type="Begriffe" key="Jakobusbrief, Adressaten">Leser</term> in ihrer Eigenschaft als <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> ausgesetzt waren» <hi rend="italic">(Hofmann)</hi>.<note xml:id="n94">Hofmann, Brief Jakobi, S. 10.</note>  <foreign xml:lang="el-GR">Πειρασμοί</foreign> ist Alles, was die von Jakobus hier sofort vorausgesetzte Beziehung dieser Menschen zu <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Gott</term> stören und unterbrechen kann, jeder Anlass zum <term type="Begriffe" key="Abfall von Gott">Abfall</term> und damit zum Versinken in die Trostlosigkeit der Gottesfremde. Also nicht nur die allfälligen Angriffe auf ihre <term type="Begriffe" key="Christlichkeit">Christlichkeit</term>. <foreign xml:lang="el-GR">Πειρασμοί</foreign> kann <term type="Begriffe" key="Lust">Lust</term> oder Schmerz sein, von Menschen oder aus der Natur kommen. Woher die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> eigentlich kommt, davon wird in V. 13ff. die Rede sein. An unserer Stelle wird von diesem letzten Zusammenhang zunächst abgesehen. <!-- identisch_002 -->Die<note xml:id="n95">Vgl. zum folgenden unten S. 225.</note> einer Leiter zu vergleichende Reihe von <term type="griechisch" key="δοκίμιον τῆς πίστεως"><foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον</foreign></term> zur <term type="griechisch" key="ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign></term>, von der <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign> zum <term type="griechisch" key="ἔργον τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign></term> <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">erinnert</term> formal stark an Röm. 5,3-4: «Die Bedrängnis bewirkt <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term>,</seg>
          <seg xml:id="ps-06"> die Beharrlich<pb ed="pga" xml:id="p212" break="no"/>keit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.» Aber der Gedanke ist charakteristisch anders: Von der paulinischen <term type="griechisch" key="θλῖψις"><foreign xml:lang="el-GR">θλῖψις</foreign></term> könnte das nicht gesagt werden, was Jakobus nachher vom letzten Ursprung des <term type="Begriffe" key="Böse(, das), Ursprung des"><foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign></term> sagt. Bei Paulus bewirkt nicht die <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> die <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term>, sondern gerade umgekehrt. Bei Paulus endigt die Reihe nicht mit einem <term type="griechisch" key="ἔργον τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign></term>, sondern mit der Hoffnung. Und die ganze Reihe, die bei Paulus ein Nebensatz ist, der begründet, warum wir uns <hi rend="italic">rühmen</hi> (Indikativ) auch in der Bedrängnis, wird bei Jakobus zu einem Nebensatz, der begründet, warum wir uns in derselben Situation freuen <hi rend="italic">sollen</hi><term type="Begriffe" key="sich freuen"> </term> (Imperativ!). Wenn die beiden Reihen, die paulinische und die jakobeische, dieselbe <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> meinen, was ich trotz Allem nicht bestreiten möchte, so kann man an dem Gegensatz dieser beiden Stellen, der mindestens so groß ist, wie die Kluft, die sich Jak. 2 auftun wird, den radikalen Unterschied der transzendentalen und der psychologischen Betrachtungsweise<note xml:id="n96">Barth knüpft an die anfangs des 20. Jahrhunderts lebhaft geführte Auseinandersetzung an, die Max Scheler, <hi rend="italic">Die transzendentale und die psychologische Methode. Eine grundsätzliche Erörterung zur philosophischen Methodik,</hi> Jena 1900 (wieder abgedruckt in: <hi rend="italic">Frühe Schriften,</hi> Gesammelte Werke, Bd. 1, Bern 1971, S. 197-335), kritisch behandelt hat.</note> studieren. Jakobus ist, ob es uns passt oder nicht, entschlossener <term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">Psychologe</term>. Von den <foreign xml:lang="el-GR">ποικίλοις πειρασμοῖς</foreign> und von dem <term type="griechisch" key="δοκίμιον τῆς πίστεως"><foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον ὑμῶν τῆς πίστεως</foreign></term> ist auch in 1.Petr. 1,6f. die Rede, <!-- ms13L -->ohne dass man daraus einen andern Schluss ziehen könnte, als dass es sich dabei um geläufige Redensarten, um Gemeingut handelte. <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="δοκίμιον τῆς πίστεως"><foreign xml:lang="el-GR">Δοκίμιον</foreign></term></hi> ist die durch Prüfung bewirkte Bewährtheit.<note n="*1" type="original" xml:id="s1">Windisch: Bewährungsmittel?</note><note xml:id="n97">Windisch, S. 5, bezieht sich auf 1.Petr. 1,6f. und interpretiert: «<foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον</foreign> = Prüfungsmittel».</note>; damit also fängt die jakobeische Reihe an. Er hat mehr als einen Grund, nicht etwa, der paulinischen Reihe entsprechend, mit dem <term type="griechisch" key="πειρασμός"><foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign></term> anzufangen, von ihm also zu sagen, er bewirke die <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term>. <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">Ὑπομονή</foreign></term></hi>, bei Jakobus das zweite Glied, das dem paulinischen dritten <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">entspricht</term>, wird am besten mit <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term> im Sinn von perseverantia übersetzt<note xml:id="n98">Vgl. Calvin, Commentarius Iac., Sp. 385.</note>, sie ist <hi rend="italic">mehr</hi> als «Geduld», nicht bloß ein Leiden, sondern ein Tun. Zwingli: Tapfermütigkeit.<note xml:id="n99"> H. Zwingli, <hi rend="italic">In epistolam beati Iacobi brevis expositio</hi> (1531/32), <hi rend="italic">­Huldrici Zuinglii Opera,</hi> hrsg. von M. Schuler und J. Schulthess, Vol. VI, Tom. II, <hi rend="italic">Latinorum Scriptorum Pars Sexta</hi> [recte: Quinta]: <hi rend="italic">Exegetica Novi Testamenti residua,</hi> Zürich 1838, S. 250.</note> Das <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ἔργον τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign></term></hi> ist das <term type="Begriffe" key="Ziel">Ziel</term>, von <hi rend="italic">Windisch</hi> wohl richtig umschrieben mit den Worten: «der ganze reife Mensch».<note xml:id="n100">Windisch, S. 5.</note></seg> <seg xml:id="ps-07"> <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ὁλόκληρος"><foreign xml:lang="el-GR">Ὁλόκληρος</foreign></term></hi> heißt: in allen Tei<pb ed="pga" xml:id="p214" break="no"/>len ganz, voll ausgebildet. <term type="griechisch" key="τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">Τέλειοι</foreign></term> und <term type="griechisch" key="ὁλόκληρος"><foreign xml:lang="el-GR">ὁλόκληροι</foreign></term> werden ergänzt durch das negative <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἐν μηδενὶ λειπόμενοι</foreign></hi>.</seg><lb/> </p>

        <p> <date rend="right">18.XI.22</date>Wir wenden uns nach diesen Einzelerklärungen zum Ganzen.<lb/><lb/> </p>

        <p><seg xml:id="ps-08"> Die Stelle ist gleich ein Beweis für die schon in der Einleitung berührte Eigenart des Jakobus, <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenzen</term> zu ziehen aus allerwichtigsten, aber unausgesprochenen <hi rend="italic">Prämissen</hi><term type="Begriffe" key="Prämisse(, unausgesprochene)"/>. Mit einem Sprung setzt</seg> <seg xml:id="ps-09">es sei doch durchaus nicht selbstverständlich, dass er wirklich schon erreicht sei, nämlich mit der Voraussetzung, dass das <term type="griechisch" key="χαίρειν/χαρά"><foreign xml:lang="el-GR">χαίρειν</foreign></term>, freuet euch!, mit dem er die Leser V. 1 begrüßet hat, durchaus keine fromme, freundliche Redensart sei, dass aus dem Infinitiv, mit dem er sie da in Anspruch genommen, sofort ein Imperativ abzuleiten sei im Blick auf ihre konkrete <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term>.</seg> </p>

        <p xml:id="ps-10"> Sie sollen für lauter <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> halten – was? Die Tröstungen und <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißungen</term> ihres <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> im Gegensatz zu ihrer konkreten Lage? Die ihnen beständig offenstehenden Möglichkeiten geistig-religiöser Art, sich über diese hinaus in die unsichtbare Welt der Herrlichkeit Gottes zu erheben? Die mannigfachen Fäden, die sie mit der Realität Gottes, mit dem auferstandenen <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> verbinden können, wenn sie sich nur durch die Bedrängnis immer wieder in die Hoffnung treiben lassen? Nein, Jakobus <hi rend="italic">sagt</hi> wenigstens nicht <term type="Begriffe" key="Prämisse(, unausgesprochene)">das</term>. Er redet, gerade weil er <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>, die zwölf Stämme des Gottesvolkes, die ecclesia <term type="griechisch" key="ecclesia possidentium">possidentium</term> vor sich hat, nicht die <hi rend="italic">Christen</hi> in den Menschen an, sondern die <hi rend="italic">Menschen</hi> in den Christen mit ihrer ganzen Last und Fragwürdigkeit. Denn nur als Menschen und auf ihr <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschliches</term> allzu Menschliches angeredet können die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> hören. </p>

        <p xml:id="ps-11"> Er sagt, sie sollen für lauter <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> halten – eben ihre konkrete <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> <hi rend="italic">selbst</hi>, d. h. aber ihr <hi rend="italic">«Fallen in vielerlei Versuchungen»</hi><term type="Begriffe" key="Versuchung"/>, mit dessen Tatsächlichkeit er ohne Weiteres rechnet. Jakobus sieht seine Leser <!-- ms13R -->in keiner Weise flattern, schweben oder gar fliegen über der Erde, sondern <hi rend="italic">gehen</hi>, wie eben Menschen gehen, und bei diesem Gehen umgeben von den mannigfaltigsten, immer wechselnden, in immer neuer unvermuteter Gestalt auftretenden <hi rend="italic">Gelegenheiten, hereinzufallen</hi> in <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term> und Torheit, in Angst und Überheblichkeit, in Finsternis und <term type="Begriffe" key="Gottlosigkeit">Gottlosigkeit</term>.</p>
        <p><seg xml:id="ps-12"/></p>
        <p><seg xml:id="ps-13">  <pb ed="pga" xml:id="p216" rend="noPipe"/></seg></p>
        <p><seg xml:id="ps-14">  <pb ed="pga" xml:id="p218" rend="noPipe"/></seg> </p>
        <p><seg xml:id="ps-15"> Und dieser ständige Hereinfall ist nicht nur möglich, sondern <hi rend="italic">wirklich</hi>. Mitten wir im Leben <hi rend="italic">sind</hi> von dem <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term> umfangen<note xml:id="n106">Choral von M. Luther: RG (1998) 648,1; EG 518,1.</note>, der in V. 15 als die letzte Konsequenz dieses Hereinfallens in die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> geschildert wird.</seg> </p>
        <p xml:id="ps-16"> Die volle <hi rend="italic">Aktualität</hi> der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> ist die konkrete <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> auch der <hi rend="italic">Christen</hi><term type="Begriffe" key="Christen"/>. «Fidelium vita <hi rend="italic">assidua</hi> est <hi rend="italic">militia</hi> super terram» <hi rend="italic">(Calvin)</hi>.<note xml:id="n107">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 383: «Christianorum vero miserior adhuc conditio erat, quod suos gentiles habebant hostes sibi infestissimos. Quamquam non ita uni tempori haec consolatio propria fuit, quin semper utilis sit fidelibus, quorum vita assidua est militia super terram».</note> Um einen <hi rend="italic">Kampf</hi><term type="Begriffe" key="Kampf"/> gegen den sie angreifenden Gegner handelt es sich natürlich, aber eben <hi rend="italic">wirklich</hi> und in jedem Augenblick um einen Kampf, denn auch der <hi rend="italic">Angriff</hi> ist in jedem Augenblick mit allen seinen Konsequenzen <hi rend="italic">wirklich</hi>. Und eben diese Lage in ihrer Gesamtheit sollen sie für <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> halten. Über die <term type="Begriffe" key="Paradox">Paradoxie</term> dieser Aufforderung an sich braucht nichts bemerkt zu werden. Sie wird noch schärfer, wenn man beachtet, dass der <term type="griechisch" key="πειρασμός"><foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign></term>, von dem Jakobus redet, nicht wie die paulinische <term type="griechisch" key="θλῖψις"><foreign xml:lang="el-GR">θλῖψις</foreign></term> eine objektive <hi rend="italic">Macht</hi> ist, sondern für ihn nach V. 13ff. aufs engste zusammenhängt mit einer schuldhaften Aktivität des <hi rend="italic">Menschen:</hi> «Jeder, der versucht wird, wird es durch das Ziehen und Locken seiner <hi rend="italic">eigenen</hi> Lust» (V. 14). </p>
        <p><seg xml:id="ps-17"> Gerade das Wort «<term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term>» wirkt in diesem Zusammenhang, auch wenn wir von V. 13ff. zunächst absehen wollten, ganz unerwartet. Warum sagt Jakobus nicht: Wachet, betet, kämpfet, wenn ihr in vielerlei <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term> fallt!, wie er doch sagen müsste,</seg><seg xml:id="ps-18"> wenn es so ein<pb ed="pga" xml:id="p220" break="no"/>fach wäre, ihn als <term type="Begriffe" key="Jakobus, Moralist?">Moralisten</term> anzusprechen, wie es nach den üblichen Darstellungen aussieht? Nein, er sagt: <hi rend="italic">«Haltet es für lauter Freude, meine Brüder!»</hi> und dokumentiert damit doch wohl den wahren Ursprung und Sinn seines <term type="Begriffe" key="Bußruf">Bußrufs</term>. Mit diesem <foreign xml:lang="el-GR">πᾶσαν <term type="griechisch" key="χαίρειν/χαρά">χαρὰν</term> ἡγήσασθε, ἀδελφοί μου</foreign>, wendet er sich allerdings einen Augenblick auch an den <hi rend="italic">Christen</hi><term type="Begriffe" key="Christen"/> in den Christen. Auch der <hi rend="italic">Bußruf</hi><term type="Begriffe" key="Bußruf"/>, der den immer und überall in die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term> hereinfallenden Menschen auf die Füße stellen, zum miles christianus machen will, ist eben voll und echt Verkündigung des <hi rend="italic">Evangeliums</hi><term type="Begriffe" key="Evangelium"/><hi rend="italic">,</hi> der <hi rend="italic">frohen</hi> Botschaft. Auch die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> können, wenn es sich darum handelt, die Friedhofsruhe ihrer <term type="Begriffe" key="Christlichkeit">Christlichkeit</term> zu stören, sie zur Besinnung zu rufen und mobil zu machen (<hi rend="italic">gerade</hi> sie, <hi rend="italic">gerade</hi> dann!), nur immer wieder (vgl. Phil. 2,18; 3,1; 4,14) zur <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> aufgerufen werden. Jakobus nun <hi rend="italic">setzt</hi> sofort mit diesem <hi rend="italic">Imperativ</hi>, der alle anderen nötigen Imperative in sich enthält, <hi rend="italic">ein</hi>, bezieht ihn direkt auf die schnöde Wirklichkeit, die zur <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> so gar keinen Anlass gibt, und das, ohne die <term type="Begriffe" key="Prämisse(, unausgesprochene)">Prämisse</term> seiner Aufforderung auch nur mit einem Wort zu nennen, zu begründen und zu erklären. Dieses <hi rend="italic">selbstverständliche</hi> Auftreten der großen Voraussetzung <hi rend="italic">in</hi> und <hi rend="italic">mit</hi> der daraus gezogenen <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenz</term>, diese sofortige Anwendung des Christlichen auf das <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschliche</term> ist das Besondere der jakobeischen <term type="Begriffe" key="Jakobus, Eigentümlichkeit seiner Verkündigung">Verkündigung</term>. 
        Die Voraussetzung soll sich nach seiner Meinung offenbar durch die <term type="Begriffe" key="Paradox">Paradoxie</term> <!-- ms14L -->der darauf gebauten Aufforderung <hi rend="italic">selbst</hi> nennen, begründen und erklären. <!-- identisch_003 -->Er<note xml:id="n109">Vgl. zum folgenden oben S. 217.</note> will nicht a) das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term>, b) das <term type="Begriffe" key="Gesetz">Gesetz</term> predigen, sondern unmittelbar das Evangelium als <hi rend="italic">Gesetz</hi>, das <term type="Begriffe" key="Gesetz">Gesetz</term> als <hi rend="italic">Evangelium</hi><term type="Begriffe" key="Evangelium"/>.
        Er fühlt sich ja gesendet zu denen, die schon wissen, die nicht der synthetischen, sondern der analytischen Aufklärung<note xml:id="n110">D. h. nicht der Hinzufügung von Wissen, sondern der Vertiefung des Verstehens.</note><term type="Begriffe" key="Analyse, analytisch"/> bedürfen. Wie merkwürdig, dass man ihm das Schweigen von der entscheidenden <term type="Begriffe" key="Prämisse(, unausgesprochene)">Prämisse</term> zum Vorwurf machen konnte, wo doch gleich dieser V. 2 ein unerhört lebhaftes <hi rend="italic">Gebrauchmachen</hi> von dieser Prämisse darstellt, eine Applikation, die deutlicher als Alles, was er seinen Lesern erklärend und repetierend sagen könnte, zeigt, woher der Fahrt er kommt<note xml:id="n111">R. Wagner, <hi rend="italic">Lohengrin</hi>, 1. Aufzug, 3. Szene: 
            <q rend="block">
                <lg>
            <l>Nie sollst du mich befragen,</l> 
            <l>nach Wissens Sorge tragen,</l> 
            <l>woher ich kam der Fahrt,</l> 
            <l>noch wie mein Nam’ und Art!</l></lg></q></note>. 
                </seg><seg xml:id="ps-19"> Haltet <pb ed="pga" xml:id="p222"/> es für lauter <hi rend="italic">Freude</hi><term type="Begriffe" key="Freude"/>, wenn ihr in vielerlei <hi rend="italic">Versuchungen</hi><term type="Begriffe" key="Versuchung"/> fallt! <!-- identisch_005 --> <hi rend="italic">C. H. Rieger</hi><note xml:id="n112">Vgl. zum folgenden oben S. 217.</note> 
        nennt das mit Recht «ein Wort, das nicht anders als im Glauben an das <hi rend="italic">Kreuz</hi><term type="Begriffe" key="Kreuz"/> <hi rend="italic">Christi</hi><term type="Begriffe" key="Jesus Christus"/> ausgesprochen werden kann»<note xml:id="n113">C. H. Rieger, <hi rend="italic">Betrachtungen über das Neue Testament, zum Wachsthum in der Gnade und Erkenntniß unsers HErrn und Heilandes JEsu Christi</hi>, 4. Theil: <hi rend="italic">enthaltend die Episteln Petri, Johannis, an die Hebräer, Jakobi, Judä, und die Offenbarung Johannis</hi>, Tübingen 1828, S. 304.</note>.<note n="*2" type="original" xml:id="s2"> («Betrachtungen über das N. T.» 1828). Gut! R.G.G.: «die Form ... für uns nicht mehr erträglich» [Vgl. [H.] Bauke, Art.: «Rieger, 2. Karl Heinrich (1726–1791)», in: RGG<hi rend="sup">1</hi> IV, Sp. 2318].</note> Diese Ergänzung der <term type="Begriffe" key="Prämisse(, unausgesprochene)">Prämisse</term> ist richtig, auch wenn man sich die von <hi rend="italic">Windisch</hi> angeführten spätjüdischen Parallelen<note xml:id="n114">Windisch, S. 5: «Freude im Leid empfindet schon das Judentum Judith 8,25 Sap Sal 3,4 ff. IV Macc 7,22 9,29 11,12 Apoc Bar 52,6 <hi rend="italic">habt eure Lust an dem Leiden, das ihr jetzt leidet</hi>, doch überwiegt diese Stimmung erst im Christentum Mt 5,4.10–12 Lc 6,20-23 Röm 5,3f.»</note> zu diesem Gedanken vor Augen hält, die für mich nur beweisen, dass mit der ganzen alttestamentlichen <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Frömmigkeit</term> seit den Tagen des Deuterojesaja, des Hiob und der Psalmen auch das <term type="Begriffe" key="Spätjudentum">Spätjudentum</term> der Einsicht entgegenstrebt von einer höchst grundsätzlichen und radikalen <term type="Begriffe" key="Umkehrung(, Umwertung)">Umwertung</term> aller Werte<note xml:id="n115">Vgl. Fr. Nietzsche, <hi rend="italic">Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli und M. Montinari, Bd. 5, München/Berlin/New York 1980, S. 409, Z. 2 u. ö. Barth hat die Auslegung von Röm. 2,14-29 in der ersten Fassung des Römerbriefs überschrieben mit: «Umwertung aller Werte» (Römerbrief 1, S. 53).</note>, in der Gott aus <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term> Leben, aus Niederlage Sieg, aus Leiden <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> schafft. Diese Einsicht von dem <hi rend="italic">Überwundensein</hi> der schnöden Wirklichkeit (zu der auch die Quelle der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term>, des Menschen <term type="Begriffe" key="Mensch, Herz des">Herz</term>, gehört) durch die Kraft <term type="Begriffe" key="Gott, Kraft">Gottes</term>, diese Möglichkeit also, die konkrete <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> und ihre Problematik nicht bloß in <term type="Begriffe" key="Stoa">stoischer</term> Ataraxie in ihrer Unvermeidlichkeit zu ertragen, sondern aufzufassen als den dunklen <hi rend="italic">Vorhang</hi>, der uns freilich von der Herrlichkeit Gottes <hi rend="italic">scheidet</hi>, aber doch nur so, dass er auch ihre höchste, ja ihre unmittelbare <hi rend="italic">Nähe</hi> bedeutet, das ist die christliche Einsicht und <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term>. Man kann sie, wenn es sich darum handelt, von ihr zu <hi rend="italic">reden</hi>, dadurch vertreten und verkündigen, dass man von ihrem Ursprung, also von <hi rend="italic">Christus</hi><term type="Begriffe" key="Jesus Christus"/> und dem <hi rend="italic">Glauben</hi><term type="Begriffe" key="Glaube"/> redet, aber auch dadurch, dass man einfach mit ihrer Wahrheit <hi rend="italic">rechnet</hi>, auf ihren Boden sich <hi rend="italic">stellt</hi> und das Leben von diesem Scheitelpunkt aus <hi rend="italic">ansieht</hi>. Beides sind Deutungen, Redeversuche, und beide haben ihre Zeit und ihre Grenze. 
        Paulus hat im Ganzen das Erstere,</seg><seg xml:id="ps-20"> Jakobus hat das Letztere <pb ed="pga" xml:id="p224"/> <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">gewählt</term>. Es handelt sich vielleicht um denselben Gegensatz, der in der Reformationszeit Luther und Zwingli getrennt hat.<note xml:id="n116">Siehe die Darstellung dieser Auseinandersetzung, die im Abendmahlsstreit kulminierte, in der von Barth parallel gehaltenen Vorlesung: K. Barth, <hi rend="italic">Die Theologie Zwinglis.</hi> 1922/1923, hrsg. von M. Freudenberg (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2004, S. 251-497. Vgl. hierzu auch den Abschnitt über Zwingli in K. Barth, <hi rend="italic">Die Theologie Calvins.</hi> 1922, hrsg. von H. Scholl in Verbindung mit A. Reinstädtler (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1993, S. 122-138.</note> Man muss in diesen Dingen lernen, nicht nur zu unterscheiden, sondern auch zusammenzusehen, in diesem Fall also über die scheinbare Lücke in den Gedanken des Jakobus hinwegsehen. Sie ist nur scheinbar. <!-- identisch_004 --> «Fides<note xml:id="n117">Vgl. zum folgenden oben S. 217.</note> 
        etiam Jacobo prora et <hi rend="italic">puppis</hi> est», schreibt <hi rend="italic">Bengel</hi>.<note xml:id="n118">Vgl. Bengel, S. 487.</note>  Abgesehen von Mt. 16,26 («Was hülfe es dem Menschen...»), abgesehen von jenem kritischen Punkt, den wir nur als «Jesus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>» bezeichnen können, ist unser V. 2 überhaupt nicht zu verstehen, auch dann nicht, wenn ihn nach <hi rend="italic">Spitta</hi> ein Jude geschrieben haben sollte<note xml:id="n119">Siehe oben S. 160 und 180.</note>. Es wäre denn, wir wären der Meinung, eine geschraubte, unwahre <hi rend="italic">Phrase</hi> christlichen oder jüdischen Ursprungs vor uns zu haben, eine Annahme, zu der wir vorläufig unserem Autor gegenüber keinen Anlass haben.</seg> </p>

        <p><seg xml:id="ps-21"> Das Wort <foreign xml:lang="el-GR">γινώσκοντες</foreign> (<hi rend="italic">«in der Erkenntnis»</hi>, V. 3) will also nicht etwa den <hi rend="italic">Grund</hi> angeben, weshalb sie in dieser menschlich gesprochen unbegreiflichen <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> sich freuen sollen, denn dieser Grund steht unausgesprochen als Sinn des <term type="griechisch" key="χαίρειν/χαρά"><foreign xml:lang="el-GR">χαίρειν</foreign></term> und des <foreign xml:lang="el-GR">χαρὰν ἡγήσασθε</foreign> zwischen V. 1 und 2<term type="Begriffe" key="Prämisse(, unausgesprochene)"/>, sondern was nun V. 3-4 folgt als Inhalt des <foreign xml:lang="el-GR">γινώσκοντες</foreign>, das ist der Gegenstand, der Anlass, die <hi rend="italic">Gelegenheit</hi> zu jener in tiefster Einsicht begründeten <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> an und in der konkreten <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term>, die sie sich trotz ihrer schweren Problematik erhalten oder wiedergewinnen sollen.</seg> </p>
        <p><seg xml:id="ps-22"><pb ed="pga" xml:id="p226" rend="noPipe"/></seg></p>

        <p xml:id="ps-23"> Und diese Gelegenheit besteht nun, für Jakobus wiederum bezeichnenderweise, in einem psychologisch-pragmatisch zu verstehenden <hi rend="italic">Vorgang</hi>, einem <hi rend="italic">Weg</hi><term type="Begriffe" key="Weg"/>, dessen <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> er den Lesern in V. 3 indikativisch, beschreibend (<foreign xml:lang="el-GR">κατεργάζεται</foreign>) auf der höheren, schwereren Stufe in V. 4 imperativisch, fordernd (<foreign xml:lang="el-GR">ἐχέτω</foreign>) vor Augen stellt. In und mit dem «Fallen in mancherlei <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term>» (V. 2), will er ihnen sagen, besteht doch die <hi rend="italic">Gelegenheit</hi> zu jener in sich allerdings menschlich unbegreiflichen <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term>, denn in und mit jenem Fallen könnt und sollt ihr doch den <hi rend="italic">Weg</hi><term type="Begriffe" key="Weg"/> gehen von der Bewährung eures <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Glaubens</term> zur <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term>, von der Beharrlichkeit zum vollkommenen Werk. </p>

        <p xml:id="ps-24"> Jakobus zieht sich also nicht zurück von der durch die Erinnerung an die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term>, an den Kriegszustand des <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> <hi rend="italic">berührten</hi> konkreten <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Problematik</term>, sondern er steigt – immer die Erinnerung an die Freudenbotschaft als Wahrheitsbeweis <hi rend="italic">hinter</hi> sich! – <hi rend="italic">tiefer</hi> in sie hinein, um ihren wahren Sinn, wenn nicht aufzudecken, so doch, soweit das in der relativen Sphäre, in der er sich da bewegt, möglich ist, zu veranschaulichen, der Aufmerksamkeit der Leser näher zu rücken und ihnen so nahezulegen, diese konkrete <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Problematik</term> von einer  <pb ed="pga" xml:id="p228"/> neuen, lebendigeren Seite aufzufassen. Er setzt V. 3 ein mit der Möglichkeit, dass es in und mit dem Fallen <!-- ms15L -->in vielerlei <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term> eine <hi rend="italic">«Bewährung des Glaubens»</hi><term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des"/> gebe. Er sagt also nicht, dass es eine Möglichkeit gebe, überhaupt nicht oder nicht mehr in die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> hereinzufallen. Er sagt auch nicht das Gegenteil. Er rührt den <term type="Begriffe" key="Abgrund">Abgrund</term> der letzten Frage nach <term type="Begriffe" key="Sünde">Sünde</term> und <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term> nicht an. Er will nicht vom Unanschaulichen, sondern vom <hi rend="italic">Anschaulichen</hi> reden, weil den Menschen, mit denen er es zu tun hat, das Unanschauliche am <hi rend="italic">Anschaulichen</hi> wieder lebendig werden muss und weil er selber nun einmal Jakobus und nicht Paulus <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">ist</term>. Er rechnet also ganz schlicht mit dem tatsächlichen Fallen in <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, aber auch ebenso schlicht mit der <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term>, dabei und darin seinen Glauben zu <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">bewahren</term>. Beide Größen sind für ihn <hi rend="italic">relative</hi>, auf derselben Ebene befindliche Größen, wobei die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> zunächst groß, der <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> klein ist, wobei sich dieses Verhältnis aber auch ändern und vielleicht <hi rend="italic">umkehren</hi> kann. Der Begriff <term type="griechisch" key="δοκίμιον τῆς πίστεως"><foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον τῆς πίστεως</foreign></term> <hi rend="italic">kann</hi> ja auch gar nicht anders als eben psychologisch verstanden werden. </p>

        <p xml:id="ps-25"> Was Paulus <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term> nennt, die <foreign xml:lang="el-GR">πίστις Ἰησοῦ <term type="griechisch" key="Χριστός Ἰησοῦς">Χριστοῦ</term></foreign>, die <foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign>, aus der die <term type="Begriffe" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> kommt, die <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, die an mehr als einer Stelle mit allen Prädikaten einer Handlung Gottes selbst auftritt, dieser Glaube ist einer <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> oder Erprobung oder Prüfung weder bedürftig noch fähig. Er ist in sich selbst sicher und klar, oder er ist nicht <hi rend="italic">dieser</hi> <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term>. Aber es ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, den Glauben auch von seiner <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">menschlichen</term> Seite aus zu sehen als einen menschlichen Akt neben anderen, als den <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">religiösen</term> Akt des <term type="Begriffe" key="Gehorsam">Gehorsams</term> und des Vertrauens, der Anbetung und der Freudigkeit Gott <term type="Begriffe" key="Lobpreis Gottes">gegenüber</term>. Auch Paulus hat auch in <hi rend="italic">diesem</hi> Sinn vom <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> geredet, und Jakobus hat fast <hi rend="italic">nur</hi> in diesem Sinn von ihm <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">geredet</term>. Darum redet er so gedämpft von ihm, darum kann er im Kapitel 2 vor seiner einseitigen Überschätzung warnen, darum an unserer Stelle von seiner <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> reden. </p>
       
      <p><seg xml:id="ps-26"> Ich glaube nicht, dass es der Klarheit dient, wenn Schlatter sagt, dass Jakobus uns hier sofort auf die Höhe von Röm. 8 führe.<note xml:id="n122">Vgl. Schlatter, S. 161.</note> Die Höhe von Röm. 8 steht allerdings jedem Kundigen sichtbar <hi rend="italic">hinter</hi> dem Gedanken des Jakobus, wie die Alpen der Schweiz sichtbar  <hi rend="italic">hinter</hi> dem  <pb ed="pga" xml:id="p230"/> Schwarzwald stehen. Aber der Schwarzwald ist nicht ganz dasselbe wie die Alpen. Und so ist die Höhe, auf die Jakobus uns führt, ganz bewusst und absichtlich eine bescheidenere psychologische <hi rend="italic">Vordergrunds</hi><term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">höhe</term>, auf der aber <hi rend="italic">auch</hi> Einiges zu sehen und zu lernen ist. Er erinnert seine Leser daran, dass zu ihrer <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">menschlichen</term> Situation, auf die er sie angesprochen, nicht nur ihr notvoller <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term> mit der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, sondern auch ihr bisschen mehr oder weniger echtes und tiefes Christentum, ihre <foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign> gehöre, und will ihnen sagen, der Ansturm der Versuchung, den sie zu erleiden haben, <hi rend="italic">könne</hi> jedenfalls auch und <hi rend="italic">müsse</hi>, wenn sie ihn richtig auffasst, bewirken, dass dieser ihr Glaube einer Erprobung auf seine Echtheit und Tiefe unterzogen werde, einer Belastungsprüfung, bei der sich sein faktischer <hi rend="italic">Wert</hi>, einer Bewährung, bei der sich seine <hi rend="italic">Wahrheit</hi> herausstellen werde. Jakobus spricht es <hi rend="italic">nicht</hi> ausdrücklich aus: «die Versuchung bewirkt die Bewährung», wie Paulus Röm. 5 ausspricht, dass die <foreign xml:lang="el-GR">θλῖψις</foreign> die <term type="griechisch" key="ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign></term> bewirke; denn damit würde er die Grenze der anschaulich-menschlichen Situation, die er sich zunächst gesteckt hat, <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">überschreiten</term>; er hat ja auch V. 2 genugsam angedeutet, dass auch er diese Situation letztlich von einem Jenseits ihrer Grenzen aus betrachtet. Er setzt also einfach ein mit der <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term>, <!-- ms15R -->dass dem Vorgang der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> parallel der andere Vorgang der Bewährung des <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Glaubens</term> stattfinden kann und soll (denn der Imperativ von V. 2 klingt noch nach!), unter der mit dem griechischen Wort <term type="griechisch" key="δοκίμιον τῆς πίστεως"><foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον</foreign></term> ausgesprochenen Voraussetzung, dass solche <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> etwas an sich Wertvolles und also Erfreuliches sei. Etwa in dem Sinn, wie wieder <hi rend="italic">C. H. Rieger</hi> umschrieben hat: «Ohne Leidenssinn und Geduld ist man der Gerechtigkeit <term type="Begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term> nie ganz zugetan; es ist im Reiche Gottes nicht auf einen <hi rend="italic">Solchen</hi>, als auf einen zuverlässigen Mann zu rechnen.»<note xml:id="n123">Rieger, Epistel Jakobi, S. 305: «Ohne Leidenssinn und Geduld ist man der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes nie ganz zugethan».</note> «Bewährung des <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Glaubens</term>» findet einmal einfach dadurch statt, dass er <hi rend="italic">nicht aufhört</hi>, sondern sich <hi rend="italic">behauptet</hi>, dann aber dadurch, dass er angeregt durch die Kraftproben, denen er ausgesetzt ist, <hi rend="italic">wächst</hi>, innerlich notwendiger und äußerlich reicher, elastischer und beweglicher wird, wie denn menschliche <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> in der Tat ein Ding ist, das wachsen und sich verbessern kann. Diese Bewährung,</seg><seg xml:id="ps-27"> sagt Jako<pb ed="pga" xml:id="p232" break="no"/>bus, kann <hi rend="italic">trotz</hi> der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> und <hi rend="italic">in</hi> der Versuchung, ja im <hi rend="italic">Fallen</hi> in die Versuchung stattfinden und bedeutet dann, dass gleichzeitig mit der noch so siegreich andringenden und den Menschen niederwerfenden Versuchung ein letztes Nein, ein Widerspruch, ein Aufhalten der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> und ihrer Konsequenzen, ein Wiederaufstehen des Menschen in irgend einem Maß stattfindet. Er ist gefallen und kann sich doch wieder aufrichten. Er ist unterlegen und doch nicht ganz unterlegen. Er ist in Finsternis gehüllt, und doch ist sein Licht nicht erloschen. Er hat in Allem und Allen das durchgehalten, was ja immer relativ des Menschen Bestes war, ja er ist nicht schwächer, sondern kraft dieses Durchhaltens stärker geworden.</seg> </p>

        <p><seg xml:id="ps-28"> Das ist das <term type="griechisch" key="δοκίμιον τῆς πίστεως"><foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον τῆς πίστεως</foreign></term>, wenn man, wie es hier durch seine Stellung am Anfang einer psychologischen Klimax geboten ist,</seg><seg xml:id="ps-29"> das Mindeste, das Bescheidenste versteht, was durch die Begriffe selbst zugelassen ist. Auf die <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> dieses Vorgangs weist Jakobus hin. Das, sagt er, ist in der Problematik eurer konkreten <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> jedenfalls <hi rend="italic">auch</hi> wahr und nicht ohne Bedeutung. Das kann, wenn es Wirklichkeit ist – und das liegt an euch –, wenn nicht Grund, so doch Anlass, <hi rend="italic">Gelegenheit</hi> sein zu der <hi rend="italic">Freude</hi><term type="Begriffe" key="Freude"/>, die ihr als <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> unbegreiflicher-, unbegründeterweise gerade an und in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> gewinnen oder wiedergewinnen könnt und müsst.<lb/><lb/></seg> </p>

        <p><seg xml:id="ps-30"> Und dann geht er weiter und sagt: Diese <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> (und wenn <hi rend="italic">wirklich:</hi> Bewährt<hi rend="italic">heit</hi>) eures Glaubens <hi rend="italic">«bewirkt Beharrlichkeit»</hi><term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit"/>. Sie ist kein Ziel, kein Ruhehafen, keine erreichte Insel der Seligen<note xml:id="n124">Büchmann, S. 70f., verweist zum Ausdruck «Insel der Seligen» auf Hesiod, Werke und Tage, 159ff.; Homer, Odyssee IV, 561ff.</note>. Sie ist nur ein Moment in einem Vorgang. Sie schafft, sie wirkt, sie treibt. Sie drängt von dem ein-, zwei-, dreimaligen Erfolg der <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> weiter und vorwärts zu einem Habitus, zu einer <term type="Begriffe" key="Habitus, Haltung">Haltung</term>. Der zufällige vereinzelte Widerstand will und muss sich organisieren und festigen. Aus der gefühls- und instinktmäßigen Reaktion der <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, der <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, die auch in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> nicht sterben, sondern leben muss und will, muss und will eine gegen die Peripetien des religiösen Erlebens gesicherte grundsätzliche sittliche Stellung werden, das, was Rieger mit «Zuverlässigkeit»<note xml:id="n125">Rieger, Epistel Jakobi, S. 305.</note> und Schlatter mit einem «heldenhaften <hi rend="italic">Sinn</hi>»<note xml:id="n126">Schlatter, S. 161.</note> bezeichnet. Das ist <term type="griechisch" key="ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign></term>.</seg> </p>

        <p xml:id="ps-31"> <pb ed="pga" xml:id="p234" rend="noPipe"/> Es ist wohl kein Zufall, dass Luther dieses dort mit «Geduld»<note xml:id="n127">Luther-Bibel in der «durchgesehenen» bzw. «neu durchgesehenen Ausgabe» von 1892 bzw. 1912.</note>, Zwingli aber mit «Tapfermütigkeit»<note xml:id="n128">Siehe oben S. 213, Anm. 99.</note> übersetzt hat. Ich <!-- ms16L -->wähle die Mitte und sage <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">«Beharrlichkeit»</term>, worin Beides enthalten ist. Man beachte, wie Jakobus ganz unzweideutig einen Aufbau von unten nach <term type="Begriffe" key="Jakobus, denkt von unten nach oben">oben</term> im Auge hat, wie er die <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">«Bewährung»</term> sich sozusagen kristallisieren lässt zur <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term>, während bei Paulus Röm. 5,3f. mit demselben Wort <foreign xml:lang="el-GR">κατεργάζεται</foreign> ein Wirken der selber wunderbar der Bedrängnis entsprungenen Beharrlichkeit zur <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term>, ein Aufbauen von oben nach unten anschaulich oder vielmehr <hi rend="italic">nicht</hi> anschaulich gemacht <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">wird</term>. Wir erinnern uns wieder des Zusammenhangs: Da!, sagt Jakobus und weist die von der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> bestürmten <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> auf die weitere Etappe eines <term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">psychologisch</term> möglichen Vorgangs hin: da, man kann sich nicht nur das eine oder andere Mal <hi rend="italic">bewähren</hi><term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des"/>, man kann auch <hi rend="italic">beharrlich</hi><term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit"/> werden, festen Boden unter die Füße bekommen, so dass die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> insofern <hi rend="italic">ab</hi>nimmt, als man selber <hi rend="italic">zu</hi>nimmt, insofern ihr Gesicht verändert, als man selber ein anderer Mensch wird, insofern den Charakter eines Fatums, eines Schicksals verliert, als man eine der ihrigen wenigstens kommensurable Notwendigkeit in sich selber trägt. </p>

        <p xml:id="ps-32"> Diese <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> <hi rend="italic">innerhalb</hi> der <term type="Begriffe" key="Versuchlichkeit">Versuchlichkeit</term> der konkreten <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> des Menschen jedenfalls <hi rend="italic">Schach</hi> zu bieten, ist eine bedeutungsvolle, eine hoffnungsvolle Möglichkeit. Sie weist über sich selbst hinaus. Sie berechtigt dazu, sich dennoch zu <hi rend="italic">freuen</hi><term type="Begriffe" key="sich feuen"/>, obwohl man sich seiner konkreten <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> gegenüber, wie sie immer wieder ist, eigentlich ja wirklich nicht freuen kann. Sie ist ein Zeugnis von jener gänzlichen, radikalen <term type="Begriffe" key="Umkehrung(, Umwertung)">Umkehrung</term> und Überwindung der schnöden Wirklichkeit, in der wir allerdings trotz und mit aller <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term> – aber auch nicht <hi rend="italic">ohne</hi> sie, sagt Jakobus! – jetzt und hier stehen. Sie ist nicht der <hi rend="italic">Real</hi>grund, aber der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi><term type="Begriffe" key="Erkenntnisgrund">grund</term> der christlichen <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term>, die wieder in uns erwachen muss. Und darum sollen wir <hi rend="italic">wissen</hi>, <foreign xml:lang="el-GR">γινώσκοντες ὅτι</foreign>, von der <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> dieses Aufbaus von unten nach <term type="Begriffe" key="Jakobus, denkt von unten nach oben">oben</term> – <hi rend="italic">wissen</hi> und danach uns <hi rend="italic">richten</hi> ist natürlich die Meinung -, und dieses <hi rend="italic">Wissen</hi> zum Anlass nehmen, der Aufforderung zur <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> zu <hi rend="italic">gehorchen</hi>.<lb/><lb/>  </p>

        <p xml:id="ps-33"><pb ed="pga" xml:id="p236" rend="noPipe"/> Es ist bezeichnend, wenn auch sicher unwillkürlich geschehen, dass Jakobus in V. 4 von der indikativischen zur imperativischen Darstellung dieses Aufbaus übergeht: <hi rend="italic">die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen</hi>. Eine letzte Möglichkeit taucht hier auf, eine <hi rend="italic">Möglichkeit</hi><term type="Begriffe" key="Möglichkeit"/> immer noch, denn man darf bei dem <term type="griechisch" key="ἔργον τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign></term> auf keinen Fall an die Realisierung der Idee des Guten oder dergleichen denken, aber immerhin eine <hi rend="italic">letzte</hi> Möglichkeit, angesichts derer <!-- ms16R -->die schon in dem Indikativ von V. 3 verborgene Forderung sichtbar wird, sichtbar natürlich als der Sinn des ganzen Aufbaus. Das alles wächst und wird nicht nur so, das ist Gebot, Aufgabe und Pflicht. Das ist kein Sein, sondern ein Sollen. Und nur wenn die Schilderung des ganzen Vorgangs als <hi rend="italic">das</hi> verstanden wird, als eine Anweisung, die man nicht nur kennen, sondern nach der man sich richten muss, nur dann erfüllt sie ihren Zweck als <term type="Begriffe" key="Erkenntnisgrund">Erkenntnisgrund</term> der christlichen <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term>. Auch die Haltung, der <term type="Begriffe" key="Habitus, Haltung">Habitus</term> der <term type="griechisch" key="ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign></term> ist also kein <term type="Begriffe" key="Letztes">Letztes</term>, sagt Jakobus, nicht einmal innerhalb der psychologischen Betrachtung des <term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">Menschen</term>.</p>

        <p><seg xml:id="ps-34"/></p>
        <p><seg xml:id="ps-35"><pb ed="pga" xml:id="p238" rend="noPipe"/></seg></p>

        <p><seg xml:id="ps-36"><term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">«Beharrlichkeit»</term> weist auch auf dieser Ebene über sich selbst <hi rend="italic">hinaus</hi>. Wohin? Auf das <term type="griechisch" key="ἔργον τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">τέλειον ἔργον</foreign></term>: das vollendete <hi rend="italic">Handeln</hi>, interpretiert man wohl am besten. <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term> ist eine <term type="Begriffe" key="Habitus, Haltung">Haltung</term>. Wessen Haltung? Des handelnden Menschen. <hi rend="italic">Er</hi> ist ja der Kämpfer gegen die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, und sein <term type="griechisch" key="ἔργον"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργον</foreign></term>, also nicht bloß seine Haltung, sondern die fortgesetzte Reihe von <hi rend="italic">Akten</hi>, die er in dieser Haltung vornimmt, ist der <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term> selber. Und dass der Kampf selber <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">möglich</term> sei, das ist’s ja, was Jakobus seinen Lesern, den geborenen <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>, demonstrieren will.</seg> </p>

        <p><seg xml:id="ps-37"> In diesem Sinn hat Jakobus selbst seinen ersten Satz erklärt durch den zweiten: <hi rend="italic">damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand.</hi> Er will ihnen den Spiegel vorhalten und ihnen sagen: es ist auch in dem Schattenreich dieser versuchlichen Welt, in der ihr steht, wirklich <hi rend="italic">mehr</hi> <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">möglich</term>, als ihr denkt. Euer Handeln brauchte nicht in <hi rend="italic">dem</hi> Grad eine Niederlage zu sein. Euer Hunger und Durst nach dem Absoluten, euer Wissen um die Gebrochenheit alles irdischen Wollens und Wirkens, um eure eigene moralische Zersetztheit und Zerfetztheit könnte vielleicht nächstens etwas bequem werden.</seg><seg xml:id="ps-38"> Ihr könn<pb ed="pga" xml:id="p240" break="no"/>tet vielleicht nächstens <hi rend="italic">genug</hi> haben von Einsichten in <hi rend="italic">dieser</hi> Richtung und tätet gut, das Blatt nun umzukehren! Ihr selber könntet <hi rend="italic">in</hi> dieser Welt ganz andere Leute sein!</seg> </p>

        <p xml:id="ps-39">  Das Verständnis des ganzen Verses entscheidet sich an dem des Wortes <term type="griechisch" key="τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">τέλειος</foreign></term>. Wenn <foreign xml:lang="el-GR">τέλειος</foreign> heißen sollte: am Ziel aller <term type="Begriffe" key="Ziel">Ziele</term> angekommen, «omnibus numeris absolutus»<note xml:id="n135">Bengel, S. 487: «<hi rend="italic">Homines seculi, vel et literati, siquando amplissima laude mactare quendam gestiunt, hominis aut viri</hi> omnibus numeris absoluti (consummatissimi) <hi rend="italic">encomio eum ornant. Hoc praedicatum qualibus ex vero competat, videre est hoc ipso loco:</hi> probatio <hi rend="italic">requiritur et</hi> opus perfectum. <hi rend="italic">Quod</hi> absolutum <hi rend="italic">videtur mundo</hi>, nullam <hi rend="italic">coram DEO est, si</hi> fidem <hi rend="italic">detraxeris.</hi>»</note>, schlechthin fehlerfrei, dann würde der Vers offenbaren Wahnsinn aussagen. Denn mit der Annahme, dass hier etwa von dem absoluten Ziel die Rede sei, das im Sinn der idealistischen Ethik nur in unendlichem Progressus, d. h. faktisch <hi rend="italic">nicht</hi> zu erreichen sei, ist hier <hi rend="italic">darum</hi> nichts geholfen, weil der ganze Zusammenhang unzweideutig auf ein <hi rend="italic">mögliches</hi><term type="Begriffe" key="Möglichkeit"/> und <hi rend="italic">erreichbares</hi> <term type="Begriffe" key="Ziel">Ziel</term> hinweist. Und nun steht es so, dass <term type="griechisch" key="τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">τέλειος</foreign></term>, «vollkommen», vielmehr gerade mit dem [Begriff] des Möglichen und Erreichbaren, mit dem Begriff der Grenze zusammenfällt, nämlich mit der diesem und diesem einzelnen konkreten Menschen durch seine Einzelheit und Konkretheit, dadurch, dass er eben dieser und dieser ist, gesteckten Grenze. </p>

        <p><seg xml:id="ps-40"> <term type="griechisch" key="τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">Τέλειοι</foreign></term> sind im Neuen <term type="Begriffe" key="Neues Testament">Testament</term> zunächst einfach die aus Kindern zu <hi rend="italic">Erwachsenen</hi> gewordenen, also ihre Möglichkeiten erschöpft habenden Menschen (Hebr. 5,14; Eph. 4,13; 1.Kor. 14,20), <!-- ms17L -->dann, ebenfalls im Sinn von größtmöglicher Fortgeschrittenheit und Reife, die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>, sofern ihnen Paulus eine gewisse Vollendetheit zutraut oder zuspricht (1.Kor. 2,6; Phil. 3,15; Kol. 1,28). Und auch in der berühmten Parallele zu unserer Stelle Mt. 5,48 (Ihr sollt vollkommen sein, <foreign xml:lang="el-GR">ὡς</foreign>, <hi rend="italic">gleichwie</hi> …!) ist die Meinung nicht die, dass wir die Vollkommenheit Gottes erlangen sollen, was den Imperativ ganz gegenstandslos machen würde, sondern dass wie Gott als <term type="Begriffe" key="Gott, ist Gott">Gott</term>, so auch wir als Menschen uns nicht mit weniger als mit der Erschöpfung unserer <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeiten</term> zufrieden geben sollen. Die Forderung ist wahrhaftig auch so noch unerhört genug, sie wird aber aus einer uferlosen, die vor lauter Ernst gar nicht mehr ernst ist, praktisch und greifbar. <hi rend="italic">Sei</hi>, was du bist<note xml:id="n136">Zu diesem Motto s. die Nachweise in Römerbrief 1, S. 212, Anm. 13.</note>, und tue danach, aber beides <hi rend="italic">wirklich</hi>, nicht </seg><seg xml:id="ps-41"> nach deinem Wunsch und  <pb ed="pga" xml:id="p242"/> deiner Meinung, sondern gemäß dem <hi rend="italic">dir</hi> gesteckten <term type="Begriffe" key="Ziel">Ziel</term>! Und im Gedanken an die Vollkommenheit Gottes, deren Abbild und Widerschein in <hi rend="italic">deinem</hi> Bereich zu realisieren dein Lebenszweck ist.</seg></p>

         <p xml:id="ps-42"/>
        <p><seg xml:id="ps-43"> Das ist’s, was an unserer Stelle auch Jakobus seinen Lesern als letzte <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> vor Augen stellen will. Man könnte sinngemäß Hebr. 12,4 vergleichen: «Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term> gegen die <term type="Begriffe" key="Sünde">Sünde</term>.» Ihr seid noch gar nicht in der Lage, über die Unüberwindlichkeit der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, über die Verlorenheit dieser Welt und der Menschen in ihr zu klagen. Realisiert zuerst, was ihr diesseits eures <foreign xml:lang="el-GR">τέλος</foreign> realisieren <hi rend="italic">könnt</hi>. Tut, was ihr tun <hi rend="italic">könnt!</hi> Seid wenigstens <term type="griechisch" key="ὁλόκληρος"><foreign xml:lang="el-GR">ὁλόκληροι</foreign></term>, ganz das, was ihr sein <hi rend="italic">könnt</hi>, <foreign xml:lang="el-GR">ἐν μηδενὶ <term type="griechisch" key="λείπω">λειπόμενοι</term></foreign>, bleibt wenigstens in dem nicht im Rückstand, worin ihr das Eurige tun <hi rend="italic">könnt</hi>. Und dann, wenn ihr an diesem Ziel [seid], das nicht das Ziel aller Ziele, aber <hi rend="italic">ein</hi> Ziel und zwar <hi rend="italic">euer</hi> <term type="Begriffe" key="Ziel">Ziel</term> ist, dann kommt wieder und klagt darüber, dass ihr trotz Allem und Allen immer noch «in vielerlei <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> fallt». Aber nicht vorher.</seg>   </p>

        <p><seg xml:id="ps-44"><pb ed="pga" xml:id="p244" rend="noPipe"/></seg></p> 
        <p><seg xml:id="ps-45">  Und wenn ihr nun die <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> dieses <term type="Begriffe" key="Ziel">Zieles</term> und dieses ganzen <term type="Begriffe" key="Weg">Weges</term> <hi rend="italic">wisst</hi>, und zwar mit dem <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissen</term> wisst, wenn ihr also <foreign xml:lang="el-GR">γινώσκοντες</foreign> im Sinn von V. 3 seid – nicht dass dieser Weg zu <term type="Begriffe" key="Gott, Weg zu">Gott</term> führt, denn zu Gott führt kein Weg, wohl aber dass dieser Weg um Gottes willen notwendig ist und begangen werden muss –, wie solltet ihr dann nicht Augen haben, um den <term type="Begriffe" key="Weg">Weg</term> zu sehen, der von Gott zu den Menschen führt, und also das Unerhörte zu sehen, dass die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> lauter <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> ist?</seg> </p>
        <p><seg xml:id="ps-46"> Wenn ihr den <term type="Begriffe" key="Bußruf">Bußruf</term> hört, wie solltet ihr dann das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> nicht hören? </seg></p>
     </div>
   
      <div rend="right">

        <head corresp="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p211"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1928/29</head> 
   
            <head corresp="ps-02">Jakobus 1,2-4</head>
 <p corresp="ps-03"/>          
<p><seg corresp="ps-04"><lb/> <hi rend="italic">Haltet es für völlige Freude, meine Brüder,<lb/>  wenn ihr in vielerlei Versuchungen fallt</hi>,<lb/>  <hi rend="italic">in der Erkenntnis, dass die Erprobung eures <lb/> Glaubens Beharrlichkeit bewirkt.<lb/>  Die Beharrlichkeit aber soll es zum vollendeten Werk bringen,<lb/>  damit ihr vollkommen und ganz seid, <lb/> in keinem Stück im Rückstand.</hi></seg></p>  
<p corresp="ps-05"/> 
 <p corresp="ps-06"><pb ed="pga" xml:id="p213" rend="noPipe"/></p>     
<p corresp="ps-07"><pb ed="pga" xml:id="p215" rend="noPipe"/></p> 
<p><seg corresp="ps-08">Der Eingang unserer Stelle ist gleich ein Beweis für die vorhin berührte Eigenart des Jakobus, Konsequenzen zu ziehen aus unausgesprochenen, aber allerwichtigsten Prämissen.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-09">Es versteht sich ja nicht von selbst, dass an das <foreign xml:lang="el-GR">χαίρειν</foreign> von V. 1 nun sofort dieser Imperativ angeknüpft wird,</seg></p> 
<p corresp="ps-10"/>
<p corresp="ps-11">die Aufforderung, die Versuchungen, und zwar die Vielheit der Versuchungen, in denen sich die Leser befinden, und zwar ihr eigenes Stehen, nein wörtlich: Hineinfallen in vielerlei Versuchungen als <hi rend="italic">Freude</hi>, und zwar als völlige, gänzliche Freude zu betrachten und zu behandeln. </p>

<p><seg corresp="ps-12">Dass er zur <term type="Begriffe" key="Buße">Buße</term> aufruft, das schließt nicht aus, sondern ein, dass er nicht weniger als Paulus im Philipperbrief </seg><seg corresp="ps-13"> [vgl. Phil. 2,18; 3,1; 4,14]  <pb ed="pga" xml:id="p217"/> zur <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> aufruft. Ja, die Frage ist sofort zu stellen, ob für sein Denken und seine Absicht jener Aufruf nicht vielmehr in diesem eingeschlossen ist. <!-- identisch_003 -->Jedenfalls: Gesetz und <term type="Begriffe" key="Gesetz und Evangelium">Evangelium </term> fallen für diesen ­Bußprediger nicht auseinander. Indem er <hi rend="italic">mahnt</hi>, das Hineinfallen in die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term> für völlige Freude zu <hi rend="italic">halten</hi>, in dem was ihnen zunächst Scheidung von der Kraft und Seligkeit Gottes bedeuten musste, deren Nähe zu <hi rend="italic">sehen</hi>, die Tatsächlichkeit des schweren und ernsten Kampfes, in dem sie standen und in dem er selbst sie kämpfend stehen sehen will, als schon errungenen Sieg <hi rend="italic">einzuschätzen</hi>, macht er offenbar vor ihren Augen die <pb ed="A" n="18"/> Voraussetzung, dass dem so <hi rend="italic">sei,</hi> dass diese wahrlich nicht selbstverständlichen Gleichungen <hi rend="italic">bestünden</hi>. Diese Voraussetzung ist aber <hi rend="italic">Evangelium</hi><term type="Begriffe" key="Evangelium"/>. <!-- identisch_004 --><hi rend="italic">Bengel</hi><note xml:id="n101">Vgl. zum folgenden unten S. 224.</note> hat recht, wenn er zu diesem Einsatz bemerkt: «Fides etiam Jacobo prora et puppis est»<ptr n="118" type="note" target="n118"/>, und <!-- identisch_005 --><hi rend="italic">C. H. Rieger</hi><note xml:id="n102">Vgl. zum folgenden unten S. 222.</note>, wenn er sagt: dies sei «ein Wort, das nicht anders als im <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> an das Kreuz <term type="Begriffe" key="Kreuz Christi">Christi</term> ausgesprochen werden konnte»<ptr n="113" type="note" target="n113"/>. Dass schon das Spätjudentum diese Gleichsetzung kannte, beweist theologisch nichts dagegen.<ptr n="114" type="note" target="n114"/> Also das sollt ihr für vollkommene Freude halten, darin sollt ihr statt Schaden Gewinn, statt Anlass zur Klage Anlass zum Jubel sehen, wenn ihr in vielerlei <hi rend="italic">Versuchungen</hi> fallt. <!-- identisch_001 -->Nichts<note xml:id="n103">Vgl. zum folgenden oben S. 210.</note> in der Stelle oder im Zusammenhang des Briefes nötigt uns dazu, den Begriff hier in einem eingeschränkten Sinn aufzufassen, etwa mit <hi rend="italic">Hofmann</hi> als «<term type="Begriffe" key="Anfechtung">Anfechtungen</term>, welchen die Leser in ihrer Eigenschaft als Christen ausgesetzt waren»<ptr n="94" type="note" target="n94"/> oder noch enger mit <hi rend="italic">Bardenhewer</hi> als «Glaubensverfolgungen»<note xml:id="n104">Bardenhewer, S. 25.</note>. Es ist aber auch nicht angebracht, den Begriff abzuschwächen und mit <hi rend="italic">Hauck</hi> bloß von den «Störungen und Anfechtungen, welche den Frommen das Leben schwer machen»<note xml:id="n105">Hauck, S. 39.</note>, zu reden unter Umgehung des Gedankens, als ob es etwa auch der Reiz zur Sünde sein könnte, was Jakobus hier wie 1,13ff. unter <foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign> versteht. Wenn das in Versuchung Fallen darum Freude sein soll, weil es der Erprobung des Glaubens dient, offenbar als Widerstand, der sich der Betätigung des Glaubens entgegensetzt und sie eben so herausfordert, dann ist doch wohl unter Versuchung nicht eine</seg><seg corresp="ps-14"> einfache Lebensstö<pb ed="pga" xml:id="p219" break="no"/>rung [zu verstehen], sondern eine solche, die in der Tat einen Reiz zur Sünde, zum Abfall vom Glauben bedeutet. Sie kann Lust oder Leid bedeuten, und in der Wirklichkeit des menschlichen Lebens pflegen diese beiden nicht allzu weit voneinander entfernt zu sein. Woher sie eigentlich stammt, davon wird 1,13ff. die Rede sein. Von diesem Zusammenhang wird hier noch geschwiegen. Die Versuchung ist da.</seg> <seg corresp="ps-15"> Jakobus setzt es offenbar nicht nur als möglich, sondern als wirklich voraus, dass die Leser in Versuchung <hi rend="italic">fallen</hi>. Hereinfallen wörtlich: zu ihrer Überraschung <pb ed="A" n="19"/> plötzlich auf sie stoßen. Dass sie ihr erliegen, ist nicht gesagt, und das würde er natürlich nicht Freude genannt haben. In Versuchung fällt der Glaubende dann, wenn er zusammenstößt mit der Möglichkeit des Unglaubens, wenn sein Glaube, woher es auch sei, in Frage gestellt wird. Diesen Zusammenstoß nennt Jakobus Freude, will er von seinen Lesern als Freude verstanden wissen.</seg> </p>

<p corresp="ps-16">Die volle Aktualität der Versuchung gehört zu der konkreten Lage auch und gerade der Christen. Wo Glaube ist, da ist auch die Möglichkeit des Unglaubens. «Fidelium vita assidua est militia super terram» <hi rend="italic">(Calvin)</hi>.<ptr n="107" type="note" target="n107"/> Der Feind ist auf dem Plan. Eben diese ihre Lage gerade mit dieser Gegenwart des Feindes sollen sie für Freude, nicht nur teilweise für Freude, nicht für eine beiläufige Freude, sondern für völlige gänzliche Freude, für die rechte christliche Hauptfreude halten. Über die Paradoxie dieser Aufforderung, darüber, dass da «eine ganz eigentümlich königliche Sprache» geführt wird <hi rend="italic">(P. Geyser)</hi><note xml:id="n108">P. Geyser, <hi rend="italic">Dein Wort ist meines Fußes Leuchte. Predigten aus dem Nachlasse,</hi> hrsg. von einem Freundeskreise reformierter Pastoren in den Verein. Staaten von Nordamerika, 1. Bd.: <hi rend="italic">Predigten über den Jakobusbrief</hi>, Cleveland (Ohio) 1924, S. 4: «Ich muß jedoch bemerken, daß Jakobus, wenn er auch eine ganz eigentümliche königliche Sprache führt, doch nichts Neues sagt.»</note>, braucht es keiner Worte. </p>
<p><seg corresp="ps-17">Gerade das Wort «Freude» wirkt in diesem Zusammenhang, auch wenn wir von V. 13ff. noch ganz absehen, höchst überraschend. Warum sagt Jakobus nicht: Wachet, betet, kämpfet, wenn ihr in die vielerlei Versuchungen fallt?</seg></p>

<p><seg corresp="ps-18"><pb ed="pga" xml:id="p221" rend="noPipe"/></seg></p> 
<p><seg corresp="ps-19"><pb ed="pga" xml:id="p223" rend="noPipe"/></seg></p> 
<p><seg corresp="ps-20"><pb ed="pga" xml:id="p225" rend="noPipe"/></seg> </p>

<p><seg corresp="ps-21">Ich würde nicht sagen, dass das was V. 3-4 als Inhalt ihrer <hi rend="italic">Erkenntnis</hi>, d. h. einer ihnen möglichen und offen stehenden Erkenntnis angegeben wird, der <hi rend="italic">Grund</hi> dieser merkwürdigen Freude sei. Ihr Grund ist offenbar jene unausgesprochene Voraussetzung. Wohl aber weist dieses <foreign xml:lang="el-GR">γινώσκοντες</foreign> hin auf einen Weg, auf dem den Lesern der Grund jener Freude sichtbar und damit diese selbst möglich und wirklich werden kann. Dieser Hinweis ist nun freilich für Jakobus sehr charakteristisch. <!-- identisch_002 -->Die<note xml:id="n120">Vgl. zum folgenden oben S. 210.</note> einer Leiter zu vergleichende Reihe vom <foreign xml:lang="el-GR">δοκίμιον</foreign> zur <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign>, von der <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign> zum <foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign> erinnert formal stark an Röm. 5,3-4: «Die Bedrängnis bewirkt Beharrlichkeit, die Beharrlichkeit aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung». Aber der Gedanke ist charakteristisch verschieden. Bei Paulus <pb ed="A" n="20"/> ist nicht von Erprobung, probatio, sondern eindeutig von stattfindender Bewährung die Rede. Und diese Bewährung bewirkt nicht die Beharrlichkeit, sondern gerade umgekehrt. Die Reihe fängt an mit der <foreign xml:lang="el-GR">θλῖψις</foreign>, von der Paulus kühn zu sagen wagt, dass eben sie die <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign> bewirke, was Jakobus vom <foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign> wohlweislich nicht gesagt hat.</seg><seg corresp="ps-22"> Bei Paulus  <pb ed="pga" xml:id="p227"/> endigt die ganze Reihe nicht mit einem <foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign>, sondern mit der Hoffnung. Und während die ganze Reihe bei Paulus ein Nebensatz ist, der begründet, warum wir uns rühmen (Indikativ!), wird sie bei Jakobus zu einem Nebensatz, dessen Hauptsatz fordert, dass wir uns freuen <hi rend="italic">sollen</hi> (Imperativ!). Wenn die beiden Reihen, die des Paulus und die des Jakobus dieselbe Wahrheit meinen, was man trotz Allem nicht in Abrede stellen sollte, so kann man doch an dem Gegensatz in der Art, wie sie das tun, der mindestens so groß ist, wie die Kluft, die sich uns in Kapitel 2 auftun wird, den freilich radikalen Unterschied der beiden christlichen Denkarten studieren. «Jakobus <hi rend="italic">ermahnt</hi> zur Freude an den Anfechtungen, weil diese dem Frommen zur Vollkommenheit helfen, Paulus sagt, dass Christen sich der Trübsal <hi rend="italic">rühmen</hi>, weil gerade durch Trübsal ihre Hoffnung gefestigt wird» <hi rend="italic">(Dibelius)</hi><note xml:id="n121">Dibelius, Jakobus, S. 74 (Zitat). Barth orientiert sich in der Gegenüberstellung von Röm. 5,3f. und Jak. 1,2-4 an Dibelius, ebd.</note>. Das ist in der Sache nicht, wohl aber in den Worten sehr zweierlei. Wir haben hier nicht Paulus auszulegen.</seg> </p>

<p corresp="ps-23">Jakobus jedenfalls beschreibt psychologisch orientiert, wie man heute sagen würde, einen <hi rend="italic">Weg</hi>, einen konkreten Vorgang in der Seele des Menschen, dessen Möglichkeit er den Lesern in V. 3 indikativisch beschreibend, auf der höhern Stufe imperativisch, fordernd vor Augen stellt. In und mit dem Fallen in Versuchung, will er sagen, besteht doch die <hi rend="italic">Gelegenheit</hi> zu jener, allerdings in jener unausgesprochenen Voraussetzung beruhenden, Freude, denn in und mit jenem Fallen könnt und sollt ihr doch diesen und diesen <hi rend="italic">Weg</hi> gehen. </p>

<p corresp="ps-24">V. 3 bedeutet also, dass der Verfasser in die in V. 2 berührte Problematik des christlichen Lebens nun tiefer hineingreifen will, um ihren wahren <hi rend="italic">Sinn</hi>, wenn auch nicht aufzudecken, so doch, wie es der psychologischen Sphäre, in der er sich bewegt, angemessen ist, zu veranschaulichen und insofern seinen Lesern nahezulegen, die konkrete Problematik ihres Lebens als in das Licht jener Freude gerückt zu sehen. Ohne Herstellung eines ursächlichen Zusammenhangs mit der Versuchung oder mit dem In-­Versuchung-­Fallen setzt er also <pb ed="A" n="21"/> ein<pb ed="pga" xml:id="p229" break="no"/>fach ein mit der Erinnerung an die Möglichkeit: in diesem In-Versuchung-Fallen kann <hi rend="italic">Erprobung</hi>, kann Prüfung des <hi rend="italic">Glaubens</hi> stattfinden. <foreign xml:lang="el-GR">Δοκίμιον</foreign> kann Prüfungsmittel, es kann aber auch Bewährung, Echtheit bedeuten. Ich halte es für das Sicherste, mit der Übersetzung probatio der Vulgata einen Begriff zu wählen, der in der Mitte liegt. Der Glaube als menschlicher Akt bedarf der Wiederholung. Er muss sich bewähren. Insofern bedarf er der Erprobung. </p>

<p corresp="ps-25"> Beachten wir schon hier, dass Jakobus eben vom Glauben als menschlichem Akt redet, ganz anders als Paulus, wo der Begriff oft genug fast mit den Prädikaten einer göttlichen Handlung auftritt. Darum kann Jakobus dann im 2. Kapitel vor einer Überschätzung des Glaubens warnen, darum kann er hier von seiner Erprobung reden. </p>

<p corresp="ps-26">Es dient vielleicht doch nicht der Klarheit, wenn <hi rend="italic">Schlatter</hi> sagt, dass Jakobus uns hier sofort auf die Höhe von Röm. 8 führe.<ptr n="122" type="note" target="n122"/> Die Höhe von Röm. 8 wird im Anfang von V. 2 <hi rend="italic">hinter</hi> den Gedanken des Jakobus eben sichtbar. Diese Gedanken selbst bewegen sich, wenn ich  <pb ed="pga" xml:id="p231"/> recht sehe, auf einer gewissen Vordergrundshöhe, auf der aber auch Einiges zu sehen ist. Jakobus erinnert seine Leser daran, dass zu ihrer menschlichen Situation doch nicht nur die sie bedrängende Versuchung, sondern auch ihr kleiner oder großer, mehr oder weniger echter und tiefer Glaube gehöre. Und er sagt ihnen, dass der Sinn jeder Erprobung dieses Glaubens der sei, dass er nicht aufhöre, sondern sich behaupte. </p>
<p><seg corresp="ps-27"><pb ed="pga" xml:id="p233" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-28"/></p>
<p><seg corresp="ps-29"> Die Erprobung ist kein leeres neutrales Geschehen, sondern sie hat eine Intention: <foreign xml:lang="el-GR">κατεργάζεται</foreign>, die Intention auf die Stärkung des Glaubens. Fallen sie in Versuchung, dann können und sollen sie erkennen, dass jetzt jene Erprobung in Frage kommt, die wenn sie ihrer Intention entsprechend stattfindet, wenn nicht Grund, so doch Anlass, Gelegenheit zu jener merkwürdigen Freude ist, die dem Christen gerade und immer, indem er sich unter das Kreuz gestellt sieht, eigen ist.</seg> </p>
<p corresp="ps-30">Was ist denn jene Intention bei der Prüfung des menschlichen Glaubens? Jakobus sagt: sie <pb ed="A" n="22"/> <hi rend="italic">bewirkt Beharrlichkeit</hi>. Man darf dieses «bewirkt» nicht mechanisch verstehen. Es könnte ja auch sein, dass der Mensch bei dieser Prüfung versagt. Aber wenn sie jetzt an diese Möglichkeit denken wollten, dann hätten sie die Intention jenes Geschehens nicht erkannt.</p>

<p corresp="ps-31"><pb ed="pga" xml:id="p235" rend="noPipe"/> Der <hi rend="italic">Sinn</hi> der Prüfung ist die Möglichkeit der «Beharrlichkeit». So möchte ich übersetzen. <hi rend="italic">Luther</hi> übersetzt mit «Geduld»<ptr n="127" type="note" target="n127"/>, <hi rend="italic">Zwingli</hi> sehr bezeichnend für ihn mit «Tapfermütigkeit»<ptr n="128" type="note" target="n128"/>. Ist jenes zu passiv, so ist dieses zu aktiv. <foreign xml:lang="el-GR">Ὑπομονή</foreign> bezeichnet die Möglichkeit, dem Widerspruch gegen den Glauben, der in der Prüfung stattfindet, seinerseits Widerspruch entgegenzusetzen, also in der Versuchung standzuhalten, durchzuhalten. Wenn dem Menschen, was ihm auch in und mit der Versuchung widerfährt, der Glaube <hi rend="italic">nicht</hi> abhanden kommt, sondern sich behauptet hat, dann hat die Erprobung Beharrlichkeit bewirkt, wie es ihrem Sinn gemäß ist. Jakobus möchte, dass seine Leser ihre Lage, ihr In­-Versuchung­-Fallen als Erprobung, den Sinn dieser Erprobung aber als diesen, dass sie beharrlich im Glauben werden sollen, auffassen. Die Möglichkeit, auf die hier hingewiesen wird, weist ja über sich selbst <hi rend="italic">hinaus</hi>. Wir stehen in einer sehr schnöden Wirklichkeit. Wir fallen in Versuchung. </p>

<p corresp="ps-32">Aber hier: in der Möglichkeit, dieses Geschehen als Prüfung zu verstehen, und in der Möglichkeit, beharrlich im Glauben aus dieser Prüfung hervorzugehen, haben wir ein Zeugnis von der radikalen Umkehrung und Überwindung dieser schnöden Wirklichkeit, deren sich der Christ nun freilich nicht im Blick auf seine eigene Beharrlichkeit, wohl aber im Blick auf Christus mitten in dieser schnöden Wirklichkeit freuen darf und soll. Auf dieses Zeugnis des christlichen Lebens, auf diese ihnen allen naheliegende und zugängliche Gelegenheit zur Freude hat Jakobus in V. 3 hingewiesen. Man wird den imperativischen Ton schon in dem Indikativ von V. 3 nicht überhören dürfen. Es ist ja klar: jene Möglichkeit kann nicht anders als in der Tat ergriffen und bejaht werden. <pb ed="A" n="23"/> Man kann diese Anweisung nur erkennen indem man sich nach ihr richtet. Nur dann zeigt sie wirklich auf den Erkenntnisgrund der christlichen Freude.  </p>

<p corresp="ps-33"><pb ed="pga" xml:id="p237" rend="noPipe"/> In V. 4 wird der Imperativ offen sichtbar. «Beharrlichkeit» im Glauben weist doch auch auf der psychologischen Ebene, auf der Jakobus reden will, über sich selbst hinaus. «Die Beharrlichkeit soll es zum vollendeten Werk bringen.» </p>
<p><seg corresp="ps-34">An dem <foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign> ist schon viel herumgeraten worden. <hi rend="italic">Dibelius</hi> hat den ganzen Gedanken von V. 4 so verstehen zu müssen geglaubt: Die <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharrlichkeit</term> soll euch selbst vollkommen machen und so sollt ihr vollkommen sein.<note xml:id="n129">Dibelius, Jakobus, S. 72f.</note> Aber <hi rend="italic">Bardenhewer</hi> hat dagegen mit Recht eingewendet, dass der Imperativ <foreign xml:lang="el-GR">ἐχέτω</foreign> nicht sagt, was die Beharrlichkeit schaffen, sondern was sie bei sich haben, bei sich führen soll, man könnte sagen: was ihr notwendig zugeordnet ist.<note xml:id="n130">Bardenhewer, S. 28.</note> <hi rend="italic">Hofmann</hi> wollte verstehen: die Beharrlichkeit muss bis zum Ende ausharren, sie muss ganz und endgültig sein<note xml:id="n131">Hofmann, Brief Jakobi, S. 12f.</note>, und <hi rend="italic">Hauck</hi> in etwas anderer Deutung des <foreign xml:lang="el-GR">τέλειον</foreign>: die Leistung und Äußerung der Standhaftigkeit soll eine Höchstleistung, eine unübertreffliche Glanzleistung sittlicher Kraft sein<note xml:id="n132">Hauck, S. 41 (Zitat).</note>. Gegen <hi rend="italic">Hofmann</hi> scheint zu sagen, dass die Wendung <foreign xml:lang="el-GR">ἐχέτω ἔργον τέλειον</foreign> und die Fortsetzung V. 4b seiner Deutung kaum günstig ist, gegen <hi rend="italic">Hauck</hi>, dass das Reden von der Vortrefflichkeit der Leistung des beharrlichen Glaubens insofern einen allzu auffallenden Sprung bedeuten würde, als ja von einer solchen Leistung des Glaubens noch gar nicht die Rede gewesen ist. <hi rend="italic">Bardenhewer</hi> dürfte recht haben:</seg><seg corresp="ps-35"> «Es  <pb ed="pga" xml:id="p239"/> wird auf die Notwendigkeit guter Werke neben dem Glauben hingewiesen».<note xml:id="n133">Bardenhewer, S. 28.</note> In dem Ausdruck <foreign xml:lang="el-GR">ἔργον τέλειον</foreign> hat das <foreign xml:lang="el-GR">ἔργον</foreign> den Nachdruck. Die Glaubensbeharrlichkeit ist die Glaubensbeharrlichkeit des Menschen, des <hi rend="italic">handelnden</hi> Menschen. Jener Widerspruch gegen die Versuchung muss sich vollziehen in der <hi rend="italic">Tat</hi>. Nicht uns selbst <hi rend="italic">betrachtend</hi> in unserer Beharrlichkeit, sondern in dieser Beharrlichkeit <hi rend="italic">handelnd</hi>, finden wir in ihr den Erkenntnisgrund der christlichen Freude, kann uns unser eigenes <pb ed="A" n="24"/> christliches Leben zum Zeugnis werden. Die <foreign xml:lang="el-GR">τελειότης</foreign>, die Vollkommenheit dieses Handelns kann nun aber, das scheint mir von fast allen Auslegern übersehen zu sein, nach dem ganzen Zusammenhang keine andere sein als eben die des Glaubens, die dem Glauben entsprechende. Ich würde also so umschreiben: Wenn ich euch gesagt habe, dass der Sinn eurer Prüfung euer Beharrlichwerden im Glauben ist, so versteht wohl, dass ich damit meine: das Beharrlichwerden und -sein, das in einem dem Glauben entsprechenden <term type="Begriffe" key="Gehorsam, des Glaubens">Gehorsam</term> zur Erscheinung kommt. In diesem Gehorsam des Glaubens werdet ihr fröhlich sein.</seg></p> 

<p><seg corresp="ps-36"/></p>
<p><seg corresp="ps-37">Aber diese damit in der Sache abgeschlossene erste Mahnung des Briefes bekommt in V. 4 noch eine Erläuterung: «Damit ihr vollkommen und ganz seid, in keinem Stück im Rückstand».</seg></p>

<p><seg corresp="ps-38"><pb ed="pga" xml:id="p241" rend="noPipe"/></seg></p>
<p corresp="ps-39">Wir müssen uns, wenn wir hier unzweifelhaft hören, dass von den Christen gefordert wird, dass sie vollkommen seien, vor Augen halten, dass damit in unserm ganzen Zusammenhang auf ein mögliches und erreichbares Ziel hingewiesen sein muss. «Jakobus macht sich über die Relativität aller menschlichen Vollkommenheit so wenig Gedanken wie die Spruchweisheit in ähnlichen Zusammenhängen», bemerkt <hi rend="italic">Dibelius</hi> sicher mit Recht.<note xml:id="n134">Dibelius, Jakobus, S. 73, mit Verweis auf Sir. 44,3; Sap. 9,6; Mt. 5,48.</note> Aber man wird hinzufügen müssen: weil sie ihm selbstverständlich ist. Derselbe, der diesen Satz geschrieben, hat auch 3,2 geschrieben: «in vielen Dingen fehlen wir allesamt». Es wird darum nicht angehen, <foreign xml:lang="el-GR">τέλειος</foreign> mit am Ziel angekommen, «omnibus numeris absolutus»<ptr n="135" type="note" target="n135"/>, schlechthin fehlerfrei, zu übersetzen. </p>

<p><seg corresp="ps-40"><foreign xml:lang="el-GR">Τέλειοι</foreign> sind im Neuen Testament zunächst einfach die aus Kindern zu Erwachsenen Gewordenen, also die in diesem Sinn ihre <hi rend="italic">Möglichkeiten</hi> erschöpft habenden Menschen (1.Kor. 14,20; Eph. 4,13; Hebr. 5,14), dann ebenfalls im Sinn von größt<hi rend="italic">möglicher</hi> Fortgeschrittenheit und Reife die Christen, sofern ihnen Paulus einen gewisse Vollendetheit zutraut oder zuspricht (1.Kor. 2,6; Phil. 3,15; Kol. 1,28). Und auch in der berühmten Parallele zu unserer Stelle Mt. 5,48 (Ihr sollt vollkommen sein, <foreign xml:lang="el-GR">ὡς</foreign>, «gleichwie» …) ist die Meinung nicht die, dass wir die Vollkommenheit Gottes erlangen sollen, <pb ed="A" n="25"/> was ja den Imperativ gegenstandslos machen würde, sondern dass wie Gott göttlich vollkommen ist, so auch wir als Menschen uns nicht mit weniger als mit der Erschöpfung unserer menschlichen Möglichkeiten zufrieden geben sollen. Die Forderung ist wahrhaftig auch so noch unerhört genug, sie wird aber so aus einer uferlosen, die vor lauter Ernst gar nicht mehr ernst ist, praktisch und greifbar.</seg>   </p>

<p><seg corresp="ps-41"><pb ed="pga" xml:id="p243" rend="noPipe"/></seg></p>

<p corresp="ps-42">Jakobus scheint es mit Christen zu tun zu haben, die nicht mehr wissen, dass es jedenfalls neben dem unerreichbaren, dem nur in Christus erreichbaren Ziel auch ein mögliches und erreichbares Ziel gibt, dass der menschliche Glaube und der glaubende Mensch auf seiner Ebene, in der ganzen Fragwürdigkeit alles Menschlichen und unter den Vorbehalten, die er sich ja sicher nicht wird verbergen wollen, doch eine in sich vollendete Größe sein, dass man sehr wohl im Geringsten treu sein kann [vgl. Lk. 16,10], ohne dass damit das Treusein im Großen gegeben wäre, wohl aber so, dass Treue im Geringsten dem Menschen im beschriebenen Sinn zum Zeugnis dafür werden kann, dass für seine Treue im <hi rend="italic">Großen</hi> (die er, in Versuchung fallend alle Tage, auch alle Tage für bedroht halten möchte) <hi rend="italic">gesorgt</hi> und nun wirklich fern von seinem eigenen Werk gesorgt ist. Um christliche Vollkommenheit als <hi rend="italic">signum</hi> electionis geht es hier dem Jakobus. Darin besteht sie aber nach dem Vorangehenden: dass der Glaube sich in der ihm notwendig immer wieder widerfahrenden Prüfung bewähre in der Tat, im <term type="Begriffe" key="Gehorsam">Gehorsam</term>, in dem ihm entsprechenden Werk. </p>

<p><seg corresp="ps-43">Dieser Schritt des Glaubens in die Tat oder vielmehr diese selbstverständliche Betätigung des Glaubens, der wirklicher Glaube ist, das ist’s, was Jakobus den Lesern mit dem Imperativ unseres Verses zumutet. Sie klagen über die Versuchung, in der sie stehen. Er macht sie aufmerksam auf den Entscheidungscharakter des Glaubens und auf den praktischen Charakter dieser Entscheidung. So, indem sie den Begriff des Glaubens voll realisieren, sollen sie vollkommen sein. Man könnte sinngemäß Hebr. 12,4 vergleichen: «Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden <pb ed="A" n="26"/> im Kampf gegen die Sünde!» Ihr seid noch gar nicht in der Lage über die Unüberwindlichkeit der Versuchung, über die Verlorenheit des Menschen zu seufzen und euch dann wohl in vermeintlichem «Glauben» vor dem, was von euch gefordert ist, auf das zurückzuziehen, das Christus für euch getan hat. Ihr sollt, euer Glaube soll vollkommen sein. Nicht ein besonders starker, tiefer, feuriger Glaube ist gemeint, sondern eben der seinen Begriff erfüllende Glaube, der Glaube des im Glauben handelnden Menschen. Das erläuternde <foreign xml:lang="el-GR">ὁλόκληροι</foreign> heißt <hi rend="italic">unversehrt</hi>. Als Glaubenden </seg> <seg corresp="ps-44">redet Jakobus <pb ed="pga" xml:id="p245"/> seinen Leser an. Er heißt ihn, seinen Glauben unversehrt zu bewahren. Sei, was du bist!<ptr n="136" type="note" target="n136"/> Tu, was du im Glauben tun kannst und tun musst. Nicht im Rückstand bleiben mit dem, was ihr ja schon seid und habt und tut! Aus Kindern im Glauben zu Männern und Frauen im Glauben werden, die die gewiss <hi rend="italic">menschliche, irdische</hi> Möglichkeit, aber die <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> des Glaubens ergreifen und erfüllen!<lb/><lb/></seg></p> 
<p><seg corresp="ps-45">Wenn ihr um die Möglichkeit dieses Weges wisst, und zwar mit dem Gewissen wisst, also so wisst, dass in und mit dem Wissen die Tat schon begonnen hat, wenn ihr wisst, dass dieser Weg im Glauben begangen werden muss vom Menschen, wie solltet ihr dann nicht – das ist’s, was Jakobus in diesen Versen sagen wollte - auch Augen haben, zu sehen den Weg Gottes zu den Menschen mitten hinein in ihre schnöde Wirklichkeit und also das Unerhörte zu sehen, dass es wirklich lauter Freude ist, in Versuchung zu fallen. Denn wer in jenem höchst lebendigen <foreign xml:lang="el-GR">γιγνώσκειν</foreign> steht, der ist vor den Überraschungen und Enttäuschungen geschützt, denen der ausgesetzt ist, der sich in der Sackgasse eines Glaubens befindet, der gar kein <hi rend="italic">vollkommener</hi> und darum auch kein <hi rend="italic">wirklicher</hi> Glaube ist, weil ihm das Werk nicht zugeordnet ist, weil er nicht <hi rend="italic">Gehorsam</hi> ist. Jakobus ruft zur <hi rend="italic">Freude</hi> auf, indem er diesen unvollkommenen und also unwirklichen</seg> <seg corresp="ps-104">Glauben zur Sache, zur <hi rend="italic">Buße</hi> ruft.</seg><seg corresp="ps-46"> Wenn ihr den Bußruf wirklich hört, wie solltet ihr dann das Evangelium nicht hören? – Ein erster von den vielen kleinen Gedankenkreisen des Jakobus ist damit nachgezeichnet. Er ist für die ganz besondere Welt, in der wir bei ihm heimisch werden müssen, so bezeichnend, als man es sich nur wünschen kann.</seg></p> 

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