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        <title type="volume" n="vol-46">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
        <title type="content">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,12-19a/Jakobus 1,12-18</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,12-19a/Jakobus 1,12-18, in: Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, 1922 – 1929</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46012 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, hrsg. v. Bohnet, Jörg-Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2009, S. 318–385.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
          <title type="text">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,12-19a/Jakobus 1,12-18</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Bohnet, Jörg-Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2009</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 318–385</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Erklärung des Jakobusbriefes (WS 1922/1923), 4. November 1922 – 28. Februar 1923. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6609">KBA 1667.1</ref>. </bibl>
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        <head type="top">Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> 
            W. S. 1922/23 und <!-- leerzeile -->  W. S. 1928/29 
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        <head xml:id="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p318"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1922/23</head>
    <head xml:id="ps-02">Jakobus 1,12-19a</head>

<p><seg xml:id="ps-03"> <seg type="verse" n="12"/> <foreign xml:lang="el-GR">Μακάριος ἀνὴρ ὃς ὑπομένει πειρασμόν, ὅτι δόκιμος γενόμενος λήμψεται τὸν στέφανον τῆς ζωῆς, ὃν ἐπηγγείλατο τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν</foreign>. 
<seg type="verse" n="13"/> <foreign xml:lang="el-GR">Μηδεὶς πειραζόμενος λεγέτω ὅτι ἀπὸ θεοῦ πειράζομαι· ὁ γὰρ θεὸς ἀπείραστός ἐστιν κακῶν, πειράζει δὲ αὐτὸς οὐδένα</foreign>. 
<seg type="verse" n="14"/> <foreign xml:lang="el-GR">ἕκαστος δὲ πειράζεται ὑπὸ τῆς ἰδίας ἐπιθυμίας ἐξελκόμενος καὶ δελεαζόμενος·</foreign> 
<seg type="verse" n="15"/> <foreign xml:lang="el-GR">εἶτα ἡ ἐπιθυμία συλλαβοῦσα τίκτει ἁμαρτίαν, ἡ δὲ ἁμαρτία ἀποτελεσθεῖσα ἀποκύει θάνατον</foreign>. 
<seg type="verse" n="16"/> <foreign xml:lang="el-GR">Μὴ πλανᾶσθε, ἀδελφοί μου ἀγαπητοί</foreign>. 
<seg type="verse" n="17"/> <foreign xml:lang="el-GR">πᾶσα δόσις <hi rend="spaced">ἀγαθὴ</hi> καὶ πᾶν δώρημα <hi rend="spaced">τέλειον ἄνωθέν</hi> ἐστιν, καταβαῖνον ἀπὸ τοῦ πατρὸς τῶν φώτων, παρ’ ᾧ οὐκ ἔνι <!-- ms28R -->παραλλαγὴ ἢ τροπῆς ἀποσκίασμα</foreign>. 
<seg type="verse" n="18"/> <foreign xml:lang="el-GR">βουληθεὶς ἀπεκύησεν ἡμᾶς λόγῳ ἀληθείας, εἰς τὸ εἶναι ἡμᾶς ἀπαρχήν τινα τῶν αὐτοῦ κτισμάτων</foreign>. 
<seg type="verse" n="19"/> <foreign xml:lang="el-GR">Ἴστε, ἀδελφοί μου ἀγαπητοί</foreign>.<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-04"> <hi rend="italic"> <seg type="verse" n="12"/> Selig der Mann, der in der Versuchung beharrt! Denn als Bewährter wird er den Kranz des Lebens empfangen, den er denen verheißen hat, die ihn lieben. <seg type="verse" n="13"/> Keiner sage in der Versuchung: Von <hi rend="spaced">Gott</hi> werde ich versucht! Denn Gott ist unversucht vom Bösen; <hi rend="spaced">er</hi> versucht also Niemanden. <seg type="verse" n="14"/> Sondern jeder wird so versucht, dass er von seiner eigenen Begierde herausgelockt und geködert wird. <seg type="verse" n="15"/> Dann gebiert die schwanger gewordene Lust die Sünde, die Sünde aber, zur Reife gekommen, gebiert den Tod. <seg type="verse" n="16"/> Irrt euch nicht, meine geliebten Brüder! <seg type="verse" n="17"/> Lauter <hi rend="spaced">gute</hi> Gabe und lauter <hi rend="spaced">vollkommenes</hi> Geschenk kommt von <hi rend="spaced">oben</hi> herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist und keine durch Bewegung verursachte Beschattung. <seg type="verse" n="18"/> Durch seinen Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, damit wir sozusagen Erstlinge seiner Geschöpfe seien. <seg type="verse" n="19"/> Ihr wisst es, meine geliebten Brüder!</hi></seg> </p>
    
<p><seg xml:id="ps-05"> I. Wir fragen zunächst wieder nach dem <hi rend="italic">Zusammenhang</hi>. Sie haben im Bisherigen gesehen, dass ich es für richtig ansehe, die <hi rend="italic">Mitte</hi> zu halten zwischen denjenigen Auslegern, die, wie etwa <hi rend="italic">Hofmann</hi> und <hi rend="italic">Schlatter</hi>, einen mehr oder weniger strikt und detailliert</seg><seg xml:id="ps-06"> nachweisba<pb ed="pga" xml:id="p320" break="no"/>ren logischen Zusammenhang in unserem Brief zu erkennen meinen.<note n="*1" type="original" xml:id="s1"> <hi rend="italic">Hauck</hi>: v 12 Kopfstück einer 2. Reihe. Der Gedanke der ungeteilten Hingabe an Gott steht hier im Vordergrund. [Hauck, S. 56] </note>, und den anderen, die ihn, wie etwa <hi rend="italic">Hollmann</hi>, aber auch <hi rend="italic">Windisch</hi>, als ein Konglomerat von lauter fast zufällig aneinandergereihten Fragmenten auffassen.<note xml:id="n183">Vgl. zu Hofmann, Schlatter, Hollmann oben S. 158.160f.; vgl. Windisch, S. 10.14.15.22, der jedoch auch aufeinander bezogene Texteinheiten ausmacht (S. 5.7.9).</note> Ich möchte also den einzelnen Gedankengruppen ihre Selbständigkeit nicht nehmen durch allzu kunstreiche Beziehungen, aber auch nicht unterdrücken, was an wirklich vorhandenen Verbindungsfäden vorhanden <term type="Begriffe" key="Jakobusbrief, Einheit">ist</term>. Es liegt auf der Hand, dass man sich dabei leicht nach beiden Seiten verfehlen kann. So glaube ich an unserer Stelle nicht, dass <hi rend="italic">Zwingli</hi> im Recht war, wenn er V. 11 und V. 12 verknüpfte durch den Gedanken: Nicht der Reiche ist selig zu <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">preisen</term>, sondern der in mannigfachen <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchungen</term> Geübte und Bewährte!<note xml:id="n185">Zwingli, S. 253.</note>, oder <hi rend="italic">Schlatter</hi>, wenn er auf den Gegensatz zwischen dem <foreign xml:lang="el-GR">μαρανθήσεται</foreign> V. 11 und dem Kranz des <hi rend="italic">Lebens</hi><term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens"/> V. 12 aufmerksam macht<note xml:id="n186">Schlatter, S. 168.</note>. Wohl aber scheint es mir erlaubt und geboten, die ganz allgemeine Tatsache zu beachten, dass nach der Digression von 1,9-11 hier offenbar das Thema von V. 2-8, das Stehen und Bestehen der Christen in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, wieder aufge<!-- ms29L -->nommen wird. Vielleicht darf man sogar so weit gehen, von dem <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="ἀνήρ">ἀνὴρ</term> ὃς <term type="griechisch" key="ὑπομονή">ὑπομένει</term></foreign> V. 12 zurückzublicken auf den <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="ἀνήρ">ἀνὴρ</term> <term type="griechisch" key="δίψυχος">δίψυχος</term></foreign> V. 8, zu dessen Schicksal und Gericht (wie wir V. 8 auffassten) das <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="μακάριος">μακάριος</term></foreign> V. 12 dann das Gegenstück bilden würde. Jedenfalls aber möchte ich den Zusammenhang zwischen V. 12 und V. 13ff. nicht, wie es gewöhnlich geschieht, lösen, sondern von der <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> V. 12 eine Linie ziehen zu dem: «Ihr wisst es, meine geliebten Brüder!», V. 19a, das, wie mir scheint, nicht zu den Imperativen von V. 19bff. gehören kann, sondern sich auf den Inhalt von V. 17 und 18 beziehen muss, speziell auf den von V. 18, in welchem, was ein <term type="Begriffe" key="Christen">Christ</term> ist, abschließend gesagt und damit das Recht zu der <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> V. 12 letztlich begründet wird. Was dazwischen liegt, V. 13-18, ist die Abweisung eines <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtums</term>, der sich an die Tatsache der <term type="Begriffe" key="Versuchlichkeit">Versuchlichkeit</term> des <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> anknüpfen möchte und der die <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> V. 12 allerdings illusorisch machen würde, weil er dem dort geschilderten <term type="griechisch" key="ἀνήρ"><foreign xml:lang="el-GR">ἀνήρ</foreign></term> das Rückgrat bräche,</seg><seg xml:id="ps-07"> des Irrtums nämlich,  <pb ed="pga" xml:id="p322"/> Gott sei der <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">Versucher</term> und der Mensch also von Gottes wegen ein <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="ἀνήρ">ἀνήρ</term> <term type="griechisch" key="δίψυχος">δίψυχος</term></foreign>. Dieser <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term> wird abgewiesen durch eine doppelte Betrachtung: V. 13-15 von unten, vom Menschen, V. 16-18 von oben, von Gott <term type="Begriffe" key="Jakobus, denkt von unten nach oben">her</term>, mit dem Ergebnis, dass dieser rückgratbrechende Gedanke sich <hi rend="italic">nicht</hi> halten lässt, dass also das <term type="griechisch" key="μακάριος"><foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign></term> V. 12, das selber wieder zurückverweist auf das <term type="griechisch" key="καυχάομαι"><foreign xml:lang="el-GR">καυχάσθω</foreign></term> V. 9 und auf das <foreign xml:lang="el-GR">χαρὰν</foreign> <term type="griechisch" key="χαίρειν/χαρά"><foreign xml:lang="el-GR">ἡγήσασθε</foreign></term> V. 2, zu <hi rend="italic">Recht</hi> besteht. «Das wisst ihr, meine geliebten Brüder» (V. 19a). V. 19b ff. würde dann in wesentlich loserer Anknüpfung eine neue Gedankenreihe anfangen.</seg></p> 
<p><seg xml:id="ps-08"/></p>
       
<p><seg xml:id="ps-09">  <pb ed="pga" xml:id="p324"/> </seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-10"> Zum <hi rend="italic">Einzelnen:</hi> Das <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="μακάριος ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">μακάριος ὃς ὑπομένει</foreign></term>,</hi><note n="*2" type="original" xml:id="s2"> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> <term type="griechisch" key="μακάριος"><foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign></term> deutet ein Gottesheil an, dessen sich der M[ensch] gegenwärtig und oft gerade wie hier im Gegensatz gegen eine alltägliche Urteilsweise getrösten darf. <note xml:id="n190">Hauck, S. 56f.: «Nach dem atl Wortgebrauch (vgl. Ps 1,1) geht dies <foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign> nicht auf eine künftige Seligkeit, sondern deutet ein Gottesheil an [...]».</note></note> 
V. 12, wird wohl eine ungewollt-gewollte Reminiszenz sein an das Rätselwort Dan. 12,12.<note xml:id="n191">Windisch, S. 7, verweist u. a. auf diese Parallelstelle.</note> Für die Auslegung ist aus dieser Anspielung kaum etwas zu gewinnen. Das <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ἀνήρ"><foreign xml:lang="el-GR">ἀνήρ</foreign></term></hi> darf man nicht pointieren: er habe sich männlich gehalten; es steht nach alttestamentlichen Vorbildern für: der Mensch.<note xml:id="n192">Vgl. Huther, S. 57, der auf Ps. 1,1 verweist.</note> Das <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="μακάριος"><foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign></term></hi> ist natürlich nicht Wunsch, sondern wie am Anfang der <term type="Begriffe" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> höchst kategorisch gemeinte Prädikation: <hi rend="italic">Der</hi> Mann <hi rend="italic">ist</hi> <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">selig</term>, dem entgegenstehenden Augenschein zum Trotz: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Ὑπομένει τὸν <term type="griechisch" key="πειρασμός ὑπομονή">πειρασμόν</term></foreign></hi>, er tut das, was V. 3 und 4 geschildert ist: er bietet der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, so gut ein Mensch das tun kann, Schach, er stellt Notwendigkeit gegen Notwendigkeit. Warum ist der Mensch, der das tut, <term type="Begriffe" key="Seligkeit">selig</term>? Nach V. 4 könnten wir erwarten: weil die <term type="griechisch" key="ὑπομονή"><foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign></term> das menschlich vollkommene <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit), menschliches Tun">Handeln</term> mit sich bringt oder doch bringen sollte. Aber nun steigt Jakobus in der Begriffsreihe V. 2-4 nicht aufwärts, sondern abwärts, greift also zurück auf das,</seg> <seg xml:id="ps-11"> was er <pb ed="pga" xml:id="p326"/> dort als den Anfang der <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign> beschrieben, und antwortet: weil er als <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">δόκιμος γενόμενος</foreign></hi> den Kranz des <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Lebens</term>.<note n="*3" type="original" xml:id="s3"> <hi rend="italic">Hauck:</hi> Der Kranz wird nur dem Bewährten zuteil; die Bewährung ist ja Ziel und Erfolg der Erprobung. [Hauck, S. 57]</note> empfangen wird, nur dass er jetzt als das, was sich bewährt hat, nicht den <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term>, sondern den Menschen selbst bezeichnet.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-12"> Aber der Gesichtspunkt ist derselbe. Hier wie dort wird die Lage des Menschen so verstanden, dass er im Fall ist, <!-- ms29R -->einem ihm Gegebenen <hi rend="italic">treu</hi> zu bleiben, in <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenz</term> einer Voraussetzung nach Menschenmöglichkeit zu <hi rend="italic">handeln</hi> – das ist der Aspekt, den der Jakobusbrief nun einmal gewollt hat. Aber hier wie dort ist dieses Treubleiben, dieses Handeln innerhalb des Menschenmöglichen nicht mehr als der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi><term type="Begriffe" key="Erkenntnisgrund">grund</term>, auf Grund dessen von Einem gesagt werden kann: dort: Freuet <term type="Begriffe" key="sich feuen">euch</term>!, hier: Selig ist der <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Mann</term>! Wir haben schon in der Stelle über das <term type="Begriffe" key="Gebet">Gebet</term> V. 5-8 ein Beispiel gehabt, und wir werden gleich auf ein weiteres stoßen dafür, dass göttliches und menschliches <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit), menschliches Tun">Handeln</term> für Jakobus Parallelen sind, die sich sehr genau entsprechen, die sich aber nicht schneiden. Die Meinung ist also auch hier nicht etwa die: weil er sich bewährt, empfängt er und ist darum selig zu <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">preisen</term>, sondern, wie es dasteht: er ist selig zu preisen, weil er als Bewährter empfängt, ohne dass die zwei letzten Glieder <hi rend="italic">kausal</hi> verbunden werden. Daran ändert auch der Zusatz nichts, dass der Kranz des <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Lebens</term> denen verheißen ist: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν</foreign></hi>. <!-- identisch_009 -->Es<note xml:id="n194">Vgl. zum folgenden unten S. 331.</note> leuchtet ein, dass der gestrenge <hi rend="italic">Calvin</hi> dazu bemerken muss: «non asserit dilectionem hominis esse causam (praevenit enim nos Deus suo erga nos amore) sed tantum significat, eos demum approbari Dei electos, qui ipsum diligunt.»<note xml:id="n195">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 389.</note> Aber er ist auch <term type="Begriffe" key="Exeget(, Exegese)">exegetisch</term> <hi rend="italic">im Recht</hi>.<note n="*4" type="original" xml:id="s4"><hi rend="italic">Dib[elius]:</hi> Liebe zu Gott nicht Bedingung des Heils. Daß Gott Liebende ausharren ist selbstverständlich. [Dibelius, Jakobus, S. 87]</note> Denn wenn irgend ein menschliches Tun in <hi rend="italic">keinem</hi> kontinuierlichen kausalen Verhältnis steht zu dem, was Gott am Menschen <term type="Begriffe" key="Gott, Tat">tut</term>, so ist es das, was Dtn. 6,5 als Grundpflicht der Israeliten Gott gegenüber aufgestellt ist, was Paulus 1.Kor. 12,31 als die <foreign xml:lang="el-GR">καθ’ ὑπερβολὴν ὁδόν</foreign>, den «unbegreiflichen Weg» bezeichnet oder 1.Kor. 2,9 als Tun </seg><seg xml:id="ps-13"> <hi rend="italic">der</hi> Men<pb ed="pga" xml:id="p328" break="no"/>schen, denen Gott bereitet habe, was <hi rend="italic">kein</hi> Auge gesehen, <hi rend="italic">kein</hi> Ohr gehört, was in <hi rend="italic">keines</hi> Menschen Herz gekommen ist, oder 1.Kor. 8,3 als das, was menschlicherseits <hi rend="italic">geschieht</hi>, wenn der Mensch von <hi rend="italic">Gott</hi> <term type="Begriffe" key="Gotteserkenntnis">erkannt</term> ist, oder Röm. 8,28 als das, was <hi rend="italic">diejenigen</hi> auszeichnet, denen alle Dinge zum Besten dienen. Es entspricht der ganzen Haltung des Jakobus, dass er naiver umgeht, auch mit diesem Begriff, als Paulus<term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus"/>, ganz nüchtern mit der <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> rechnet, dass es Menschen geben kann, die das tun, dieses – wenn wir von den paulinischen Stellen herkommen – so unerhörte und darum bei Paulus vor plattem Verstehenwollen so sorgfältig Gesicherte: Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">lieben</term>! Vor dem <term type="Begriffe" key="Mißverständnis">Mißverständnis</term>, als ob es sich dabei um ein do ut <term type="griechisch" key="do ut des">des</term>-Verhältnis handeln könnte, um ein Verhältnis von Ursache und Wirkung, sollte auch ihn das <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ὃν ἐπηγγείλατο</foreign></hi> und das <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">λήμψεται</foreign></hi> schützen, das den Kranz des <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Lebens</term> sofort wieder in die Hand Gottes zurücklegt, in der er bleibt, auch wenn und nachdem er dem Menschen, der ihn liebt, so kategorisch als möglich zugesprochen ist. Es kommt also auch bei Jakobus wohl zu lebendigster Beziehung, aber zu keinen Vermischungen zwischen Himmel und Erde.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-14"> Es ist ja der <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">στέφανος τῆς ζωῆς</foreign></hi>, der dem Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">Liebenden</term> und als solchem dem, der sich bewährt, zugesprochen wird, nach der Auffassung aller Ausleger der Lohn des <hi rend="italic">ewigen</hi> Lebens,<note n="*5" type="original" xml:id="s5"> <hi rend="italic">Dib[elius]:</hi> Der Myste wird bekleidet mit dem, was seines Gottes Gewand ist. [Dibelius, Jakobus, S. 86]<lb/> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">: Endlohn</hi>, nicht etwas innerer Kraftzuwachs. Kranz ist Ausrüstung d. vollendeten Gerechten. [Hauck, S. 57] </note> also der Lohn, der kein Lohn sein kann, an den auch das höchste verdienstliche Tun in der Zeit so wenig heranreicht, wie man mit einem Fingerhut den Ozean fassen kann, der immer nur als freie <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">Gabe</term> begreiflich ist. Aber diese freie Gabe, ewiges Leben, sagt Jakobus, steht parallel dem, dass der Mensch Gott lieb <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">hat</term>. Wo dies geschieht, da ist diese unerhörte <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">Gabe</term> <term type="Begriffe" key="Verheißung">verheißen</term>. Die sinngemäße Parallelstelle ist Mt. 10,22: Wer beharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden! Und bis auf den Ausdruck ent<!-- ms30L -->sprechend Apk. 2,10: Sei getreu bis in den <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term>, so will ich dir den Kranz des <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Lebens</term> geben. Das Bild ist wahrscheinlich nach Analogie von 1.Kor. 9,25 zu verstehen, wo es heißt, dass die <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term></seg><seg xml:id="ps-15"> im   <pb ed="pga" xml:id="p330"/> Unterschied von denen, die im Stadion um die Wette laufen, um den <foreign xml:lang="el-GR">στέφανος ἄφθαρτος</foreign> sich bemühen sollen. <foreign xml:lang="el-GR">Ζωῆς</foreign> steht appositionell zu <foreign xml:lang="el-GR">στέφανος</foreign>, das ewige Leben ist selbst der verheißene <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Kranz</term>. Wer ihn <term type="Begriffe" key="Verheißung">verheißt</term> und wer der ist, der geliebt werden soll, ist in V. 12 nicht ausdrücklich gesagt. Einige Handschriften haben darum ergänzt: <foreign xml:lang="el-GR">ὁ κύριος</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">ὁ θεός</foreign>.<note xml:id="n198">Windisch, S. 7, nennt u. a. den Codex Ephraemi rescriptus.</note> Es gehört zum Stil des Jakobus, und es ist kein schlechter <term type="Begriffe" key="Jakobus, Eigentümlichkeit seiner Verkündigung">Stil</term>, dass er mit den höchsten Namen sparsam umgeht. <hi rend="italic">Wo</hi> das Genannte verbotenus verheißen ist, darf man meines Erachtens hier nicht fragen und sich also weder nach einem Agraphon <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term> noch nach einer alttestamentlichen <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Stelle</term> umsehen. <hi rend="italic">Diese</hi> <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> bedarf keiner Belegstelle, und <hi rend="italic">Schlatter</hi> hat wohl recht, wenn er einfach auf die <term type="Begriffe" key="Auferstehung">Auferstehung</term> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term> verweist<note xml:id="n199">Schlatter, S. 168.</note>, die in diesem Zusammenhang Alles sagt.</seg></p>
<p><seg xml:id="ps-16"/></p>
<p><seg xml:id="ps-17"><pb ed="pga" xml:id="p332" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg xml:id="ps-18"/></p>
<p><seg xml:id="ps-19"> <pb ed="pga" xml:id="p334" rend="noPipe"/></seg> </p>
   
<p><seg xml:id="ps-20"> V. 13a bringt den schon formulierten Einwand zur Sprache. Der Begriff <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="πειρασμός"><foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign></term></hi> war weder V. 2 noch V. 12 näher bestimmt worden. Wir fassten ihn V. 2 als «Anlass, von Gott abzufallen»; damit wird auch V. 12, wo er wieder auftaucht, durchzukommen sein. Es scheint mir aber auch im Folgenden nicht nötig, mit <hi rend="italic">Hollmann</hi> und anderen Neueren anzunehmen, dass Jakobus nun einen ganz neuen Begriff von <term type="Begriffe" key="Versuchung">«Versuchung»</term> einführe, nämlich den der Versuchung zum <term type="Begriffe" key="Böse(, das)">Bösen</term>, während V. 2 und 12 von der Anfechtung durch Leiden und Verfolgung die Rede sei<note xml:id="n201">Vgl. Hollmann, S. 507; Windisch, S. 7.</note>, obwohl auch <hi rend="italic">Zwingli</hi> und <hi rend="italic">Calvin</hi></seg><seg xml:id="ps-21"> dieser Mei<pb ed="pga" xml:id="p336" break="no"/>nung waren<note xml:id="n202">Zwingli, S. 253f.; Calvin, Commentarius Iac., Sp. 383f.</note>. Es steht auch in V. 2 und 12 nichts von «Leiden und Verfolgung», obwohl diese Dinge natürlich nicht ausgeschlossen sind,</seg>

<seg xml:id="ps-22"> und wenn es heißt, man solle es für lauter <term type="Begriffe" key="Freude">Freude</term> halten, in mancherlei <!--hier fehlte Text -->
    Versuchung zu fallen, so ist damit nicht behauptet, was nun in V. 13 bestritten wird: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπὸ θεοῦ πειράζομαι</foreign></hi>. Die Freude, von der dort die Rede ist, hängt unveräußerlich daran, dass man zu Gott beten kann, wie V. 5ff. vorgesehen, dass man Gott als Herrn auch über die Macht der Versuchung begreifen und ihn also mit dem Unservater anrufen kann: Führe uns <hi rend="italic">nicht</hi> in Versuchung [vgl. Mt. 6,13]! Aber nicht ist damit und mit der 6. Bitte des Unservaters gesagt, was die Meinung des Einwandes V. 13a ist, dass der Mensch auch nur einen Augenblick in die Lage kommen könne, Gott selbst als den Versucher, als den
   <!-- bis hierhin --> 
Anlass, von ihm abzufallen, zu denken.</seg> <seg xml:id="ps-23">Denn was ist der Sinn dieses Gedankens? Offenbar der: nicht ich bin verantwortlich dafür, ob ich den Anlass zum Anlass nehme, in die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> herein- und also von Gott <term type="Begriffe" key="Abfall von Gott">abfalle</term> in Leid oder Freude. Sondern als eine objektive Notwendigkeit, als Gott selbst tritt mir dieser Anlass entgegen, und so bin ich geliefert, indem er da ist; denn wer könnte Gott widerstehen? </seg></p>

<p><seg xml:id="ps-24"><pb ed="pga" xml:id="p338" rend="noPipe"/></seg></p> 

<p><seg xml:id="ps-25">Ich sehe kein Hindernis, den Begriff <foreign xml:lang="el-GR">πειρασμός</foreign> auch bei dieser neuen Wendung im bisherigen und also von V. 2-18 im selben allgemeinen Sinn festzuhalten. Der Begriff verändert sich <hi rend="italic">nicht</hi> und auch nicht seine <hi rend="italic">Betrachtungs</hi>weise, wenigstens bei Jakobus <hi rend="italic">selbst</hi> nicht, höchstens <!-- ms30R -->in unserer Erklärung, wenn wir dabei, wie wohl unvermeidlich, auch der 6. Bitte des <term type="Begriffe" key="Unservater">Unservater</term> und allem, was damit zusammenhängt, gerecht werden möchten.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-26"> <hi rend="italic">Zwingli</hi> und <hi rend="italic">Calvin</hi> haben sich an dieser Stelle wie die Löwen für das Doppelte gewehrt: <hi rend="italic">1.</hi> dafür, dass an der providentia <term type="griechisch" key="providentia Dei">Dei</term>, dass Alles durch Gott geschehe, nicht gerüttelt werden dürfe, <hi rend="italic">2.</hi> dafür, dass Gott unter keinen Umständen als der auctor <term type="griechisch" key="auctor malorum">malorum</term> in Anspruch genommen werde.<note xml:id="n203"> Zwingli, S. 253: «Utcunque enim a deo omnia fiant, malorum tamen autor nullo pacto dici nec potest nec debet»; Calvin, Commentarius Iac., Sp. 389f.: «quum scriptura excaecationem vel obdurationem cordis tribuit Deo, neque illi initium assignat, neque facit mali autorem, ut culpam sustinere debeat».</note> Man sieht auf den ersten Blick, dass nur ihre zweite Behauptung textgemäß ist, während die erste von Jakobus weder aufgestellt noch bestritten wird. Man dürfte eben auch das Letztere nicht sagen: Jakobus war nicht <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus〉〉〈〈Dialektik">Dialektiker</term> wie Paulus und die Reformatoren. Er ist darum nicht blind gewesen für die andere Seite der <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die jene mit ihrer <term type="Begriffe" key="Dialektik">Dialektik</term> an den Tag brachten. Haben jene den Vorzug der Überlegenheit, so hat sein Reden den der <term type="Begriffe" key="Jakobus, Eigentümlichkeit seiner Verkündigung">Eindeutigkeit</term>. Und das kann auch ein Vorzug sein. Er schüttelt den euripideischen Gedanken: Die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">Gotteswerk</term>!<note xml:id="n204">Fr. Barth, <hi rend="italic">Erklärung des Jakobus- und Judasbriefs. Winter 1891/2</hi> (Vorlesungs-Manuskript im Karl Barth-Archiv), S. 13,2: «Die hervorkehrung der unfreiheit [scil. gegenüber Versuchung und Sünde] ist e. zeichen <hi rend="italic">sinkender</hi> culturperioden (vgl. Euripides mit Aeschylus u. Sophocles). <hi rend="italic">Niemand</hi> soll so sprechen […]; denn gott ist <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπείραστος κακῶν</foreign></hi>».</note> einfach von sich ab als etwas Perverses, Dekadentes, Faules – auch Paulus und den <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">Paulinern</term> bleibt ja im entscheidenden Augenblick nichts anderes übrig als <hi rend="italic">diese</hi> Geste Röm. 3,4; 6,1.15<term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus"/> – <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ὁ γὰρ θεὸς ἀπείραστος ἐστιν κακῶν</foreign></hi>. In der patristischen Literatur wird dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἀπείραστός</foreign> geradezu zu einer feststehenden Eigenschaft Gottes.<note xml:id="n205">Vgl. Huther, S. 61.</note> Für Gott kommt kein Anlass in Betracht, der ihm Anlass werden könnte,</seg> <seg xml:id="ps-27"> sich selbst untreu zu <pb ed="pga" xml:id="p340"/> werden. Darum: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">πειράζει δὲ αὐτὸς οὐδένα</foreign></hi>. Der Gedanke ist wohl der: Ein Verführer hat Freude am Verführen, weil er selber ein Verführter ist. «<hi rend="italic">Solamen miseris socios habuisse malorum</hi>.»<note xml:id="n206">B. Spinoza, <hi rend="italic">Ethik</hi> IV,57 Scholium, nach Aesop, <hi rend="italic">Fabulae,</hi> 237b.</note> Gott ist kein Verführter, ergo kommt er auch als <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">Verführer</term> nicht in Betracht. Wer von Gott redet, soll eben wissen, dass er von <hi rend="italic">Gott</hi> redet, und darum: vom auctor omnium? Ja, es gilt, würde wohl auch Jakobus antworten. Aber darum nicht notwendig – auch logisch nicht notwendig – nein, wenn er von <hi rend="italic">Gott</hi> redet, gerade logisch unmöglich, vom auctor <term type="griechisch" key="auctor malorum">malorum</term>. Das <term type="Begriffe" key="Böse(, das)">Böse</term> <hi rend="italic">als Böses</hi>, als der <hi rend="italic">gebrochene</hi> Strahl des göttlich Guten im <term type="Begriffe" key="Prisma">Prisma</term> menschlichen <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit), menschliches Tun">Tuns</term> – und welcher göttliche Lichtstrahl wäre in diesem <term type="Begriffe" key="Prisma">Prisma</term> <hi rend="italic">nicht</hi> gebrochen? –, es hat nicht Gott zum Urheber. <hi rend="italic">Dazu</hi> wird das, was <hi rend="italic">Gott</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Tat">tut</term> – und warum sollte nicht auch Jakobus sagen, dass Gott <hi rend="italic">Alles</hi> tut? –, nur bei <hi rend="italic">uns</hi>, in seinem Verhältnis zum <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Menschen</term>; und im Rätsel des <hi rend="italic">Menschen</hi>, im Rätsel unserer eigenen <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> haben wir die Antwort zu suchen auf die Frage, warum uns dieser und jener Anlass zum Anlass des <term type="Begriffe" key="Abfall von Gott">Abfalls</term> wird.<lb/><lb/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-28">  <date rend="right">13.I.23</date> Darum: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἕκαστος δὲ πειράζεται ὑπὸ τῆς ἰδίας <term type="griechisch" key="πειρασμός ἐπιθυμία">ἐπιθυμίας</term></foreign></hi>. Kommt es zum 
    <!-- es fehlt Text -->
    Hereinfallen in die Versuchung, dann hat jeder sich selbst anzuklagen. Und nun <hi rend="italic">beschreibt</hi> Jakobus mit unheimlicher Drastik wie das zugeht innerhalb des Prismas des menschlichen Tuns, wo also irgend eine Ursächlichkeit Gottes nicht in Betracht kommt; denn mit dem Ein- tritt in diese Sphäre ist das, was Gott tut, gebrochen, nicht mehr <hi rend="italic">sein</hi> Tun. Nur der Verlauf und die Art dieses gebrochenen Strahls soll nun also geschildert werden. Da ist die <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign></hi>, die Lust, heißt es zuerst. Nichts Gutes und nichts Böses wird von ihr gesagt. Es könnte wohl auch einfach heißen: die menschliche Natur in ihrer ganzen Zweideutigkeit. Was bedeutet sie für den Menschen selbst? Er wird von ihr <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἐξελκόμενος καὶ δελεαζόμενος</foreign></hi>, herausgelockt aus dem Ort, wo er sich befinden sollte, und geködert, dorthin zu kommen, wo er nicht hinkommen sollte, wie ein Fisch oder ein Jagdtier. Aber dann ändert sich das Bild und wird noch grimmiger. Nun ist V. 15 die <foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign> auf einmal die Dirne, die den Törichten verführt: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">εἶτα ἡ ἐπιθυμία συλλαβοῦσα τίκτει</foreign></hi> – schwanger geworden (von wem? von ihm <hi rend="italic">selbst!</hi> wie sie seine <hi rend="italic">eigene</hi> Begierde ist!), gebiert sie – jetzt erst ist das Böse da, aber jetzt ist es da: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἁμαρτίαν</foreign></hi>, die böse Tat,</seg> <seg xml:id="ps-29"> denn es handelt sich bei <pb ed="pga" xml:id="p342"/> Jakobus nicht um die Sünde als Macht und Voraussetzung, die allen
    Taten vorausgeht, nicht um die Sünde, die mit Adam in die Welt gekommen ist, wie Röm. 5, sondern konkret um das Böse, das der Mensch <hi rend="italic">tut</hi>; <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἡ δὲ ἁμαρτία ἀποτελεσθεῖσα</foreign></hi>, die böse Tat in ihrer Konsequenz, in ihrer Vollendung und Reife, <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἀποκύει</foreign></hi> – die Tochter ist selbst schon wieder Mutter geworden – <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">θάνατον</foreign></hi>. Jede einzelne Tat ist ja nur der Ausdruck der Gesamttat des menschlichen Lebens. Die
    <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">φθορά</foreign></hi>, die über dem Ganzen hängt, hängt drohend auch über dem
    Einzelnen. Ihr reift das Böse als solches entgegen. Aber nicht das alles zu zeigen war der Zweck dieser Worte, sondern nur den Weg der Versuchung zeigen: Begierde, Sünde, Tod? Sind das Gottes Werke?
    Nein, das sind des Menschen Werke, will Jakobus sagen. Der Mensch der zeugende Vater, der Mensch die gebärende Mutter, der Mensch der Urheber, der Verantwortliche. Wer will es anders sagen? <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Μὴ πλανᾶσθε, ἀδελφοί μου ἀγαπητοί</foreign></hi> (V. 16), eine eindringliche Warnung vor Irrtum, die ich in Analogie zu V. 19a eher zum Vorhergehenden als zum Folgenden ziehen möchte. Sie fasst den Inhalt von V. 13–15
    kurz zusammen (wie V. 19a den von V. 17–18). Der Mensch soll und kann sich über die Wirklichkeit, die mit der Tatsache, dass er in Versuchung steht, gegeben ist, keinen Täuschungen hingeben. In <note xml:id="n207">Vgl. zum folgenden unten S. 371.</note>
    V. 17a scheint es sich, wenn kein Zufall vorliegt, um das Zitat eines nicht ganz einwandfreien Hexameters von unbekannter Herkunft zu handeln:<foreign xml:lang="el-GR">πασα δοσις αγαθη και παν δωρημα τελειον</foreign><note resp="sm" type="digital" xml:id="nα" n="α">Ausschnitt aus dem Original:<figure rend="inline">
      <graphic url="../images/46/Abb-2.png"/>
</figure></note>.<note xml:id="n208">Vgl. von Soden, Jakobus, S. 167.</note>
    <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Πᾶσα</foreign></hi> und <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">πᾶν</foreign></hi> ist wie V.2, wie es auch mit dem Sinn dieses unbekannten Zitates stehen möge, in diesem Zusammenhang nicht mit «jede» oder «alle», sondern mit «lauter» zu übersetzen, sodass der Hauptton des Satzes V.17a auf «gute» und «vollkommene», der Nebenton auf <foreign xml:lang="el-GR">ἄνωθέν 
    <!-- bis hier -->
    ἐστιν καταβαῖνον</foreign> fällt, <foreign xml:lang="el-GR">πᾶσα</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">πᾶν</foreign> dagegen unbetont bleiben.<lb/><lb/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-30">Der Verfasser will im Gegensatz zu dem zurückgewiesenen Gedanken: von <hi rend="italic">Gott</hi> werde ich <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">versucht!</term> (V. 13) sagen: Was von oben kommt, von Gott, das ist ausschließlich <hi rend="italic">gut</hi>. Er will ja jetzt die Abweisung jenes Gedankens auf einer <hi rend="italic">zweiten</hi> Linie, von <hi rend="italic">Gott</hi> aus durchführen und begründen. Er tut das, indem er wie in V. 5 an das Wesen Gottes erinnert, den er dort, wo vom <hi rend="italic">Gebet</hi><term type="Begriffe" key="Gebet"/> die Rede war, als den <hi rend="italic">Gebergott</hi><term type="Begriffe" key="Gott, Gebergott"/> geschildert hat, während er hier,</seg><seg xml:id="ps-31"> wo es sich um die <pb ed="pga" xml:id="p344"/> Natur seines Gebens <!-- ms31R -->handelt, seine <hi rend="italic">Unwandelbarkeit</hi><term type="Begriffe" key="Gott, Unwandelbarkeit"/>, seine Unzweideutigkeit, seine Einheit in sich <term type="Begriffe" key="Gott, ist Gott">selbst</term>, und zwar die Unwandelbarkeit seines <hi rend="italic">Wesens</hi> als des Guten und Vollkommenen [schildert]. Es wäre sehr erleichternd, wenn man zum Folgenden (nach V. 6 und V. 10f. übrigens schon dem dritten <term type="Begriffe" key="Naturgleichnis">Naturgleichnis</term> des Jakobusbriefs!) dem Vorschlag <hi rend="italic">Hofmanns</hi> folgen dürfte, der den Genetiv <foreign xml:lang="el-GR">τῶν φώτων</foreign> von <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγὴ</foreign> abhängen lässt und so den Sinn herausbekommt: «von dem Vater, bei dem es nicht wie bei den Gestirnen eine Veränderung und Beschattung infolge ihrer Bewegung gibt».<note xml:id="n209">Barth faßt die Argumentation von Hofmann, Brief Jakobi, S. 29-31 zusammen.</note> Denn die Bezeichnung Gottes als des <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">πατὴρ τῶν φώτων</foreign></hi> hat etwas Befremdliches, wenn ich auch nicht mit <hi rend="italic">Windisch</hi> sagen möchte, sie sei «nicht im Sinne <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term>».<note xml:id="n210">Windisch, S. 9.</note> Aber der Vorschlag Hofmanns ist doch wohl, wenn man die Wortstellung betrachtet, als eine der nicht seltenen Verirrungen seines an sich so vorbildlichen <term type="Begriffe" key="Exeget(, Exegese)">exegetischen</term> Spürsinns [zu beurteilen]. Sicher<note xml:id="n211">Vgl. zum folgenden unten S. 373.</note> ist, dass Gott als der <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term> – hier im strengen Sinn von <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> – der Gestirne seinen <term type="Begriffe" key="Gottes Geschöpf">Geschöpfen</term> als andersartig gegenübergestellt werden soll. Der Platoniker <hi rend="italic">Zwingli</hi> dürfte das Richtige getroffen haben, wenn er sagt: «<foreign xml:lang="lat">ubi</foreign> <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἀποσκίασμα</foreign></hi> <foreign xml:lang="lat">est, non</foreign> <foreign xml:lang="el-GR">ἀποτέλεσμα.</foreign> … <foreign xml:lang="lat">Est in rebus creatis omnibus, quae verae istius lucis vestigia et umbrae quaedam sunt, nihil solidum, nihil constans, nihilque perfectum.</foreign>»<note xml:id="n212">Zwingli, S. 255.</note> Die geschaffenen und darum in <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγή</foreign></hi>, im Kommen und Gehen begriffenen, durch ihre Bewegung Beschattung erleidenden oder auch verursachenden Lichter weisen zurück auf ein ungeschaffenes, <hi rend="italic">nur</hi> schöpferisches <term type="Begriffe" key="Gott, Licht">Licht</term>, dessen unvollkommen-gebrochene Erscheinungen sie selber sind, nie auch nur annähernd an ihren Ursprung heranreichend oder ihm zu vergleichen, aber gerade in ihrer Unvollkommenheit Zeugen seiner Vollkommenheit. «Das alles hat <hi rend="italic">keine</hi> Ähnlichkeit in Gott» <hi rend="italic">(Schlatter)</hi><note xml:id="n213">Schlatter, S. 171.</note>, 
via <term type="griechisch" key="via negativa">negativa</term><note xml:id="n214">Es wurden drei Wege der Gotteserkenntnis unterschieden: via negationis, via eminentiae und via causalitatis; vgl. <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche,</hi> dargestellt und aus den Quellen belegt von H. <term type="Autor" key="Schmid, Heinrichd">Schmid</term>, neu hrsg. und durchgesehen von H. G. Pöhlmann, Gütersloh 1979, S. 89.92f.</note> nur können wir in den Geschöpfen den <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> erkennen. «Gott ist Licht und Finsternis in <hi rend="italic">ihm</hi> gibt es keine» (1.Joh. 1,5). V. 18 bringt den Abschluss: <hi rend="italic">Dieser</hi> Schöpfer, dessen Art nur </seg><seg xml:id="ps-32"> via  <term type="griechisch" key="via negativa">negativa</term> aus der Art <pb ed="pga" xml:id="p346"/> <hi rend="italic">aller</hi> seiner Geschöpfe zu erkennen ist, ist als solcher auch <hi rend="italic">unser</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term>: damit ist gesagt, was <hi rend="italic">er</hi>, Gott, an uns <term type="Begriffe" key="Gott, Tat">tut</term>, damit ist die Ableitung des <term type="Begriffe" key="Böse(, das)">Bösen</term> aus ihm abgeschnitten. <!-- identisch_012 --> <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Βουληθείς</foreign></hi><note xml:id="n215">Vgl. zum folgenden unten S. 379.</note> möchte ich im Anschluss an <hi rend="italic">Calvin</hi> auffassen als Umschreibung der Freiheit, mit der <term type="Begriffe" key="Gott, ist frei">Gott</term> uns gezeugt, als seine <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term> erschaffen hat: «nulla externa causa inductus», «suo bene placito».<note xml:id="n216">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 392: «Quum Deum volentem, aut sponte sua <hi rend="italic">nos genuisse</hi> dicit, significat nulla externa causa fuisse inductum». 
«Plus ergo quiddam exprimit, quod Deus pro suo beneplacito nos genuerit, atque ita sibi fuerit causa.»</note> Das zu betonen muss [?] dem Verfasser in diesem Zusammenhang wichtig sein: um seinen Lesern zu sagen: <hi rend="italic">dieser</hi> Schöpfer ist <hi rend="italic">euer</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term>, dieser Gott ist <hi rend="italic">euer</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, ist Gott">Gott</term>, zieht die <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenz</term> daraus und tut nicht, als ob ihr ihn nicht kenntet, als ob ihr von Gott wie von einem schicksalsartigen Irgendetwas reden dürftet – um ihnen das sagen zu können, muss er sie an die <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="Begriffe" key="Offenbarung"/> erinnern, muss er appellieren an ihre <hi rend="italic">Christlichkeit</hi><term type="Begriffe" key="Christlichkeit"/><hi rend="italic">.</hi> Was ist sie? Etwas Gewordenes, Gewachsenes, Zeitliches und also auch wieder Geschöpfliches, <!-- ms32L -->teilnehmend an der <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγή</foreign> und dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀποσκίασμα</foreign>, die aller kontingenten Größen Mangel bezeichnen. 
Nein, will er ihnen jetzt sagen: <foreign xml:lang="el-GR">βουληθεὶς <hi rend="italic">ἀπεκύησεν ἡμᾶς</hi></foreign>, aus dem unergründlichen <term type="Begriffe" key="Gott, sein Wohlgefallen">Wohlgefallen</term> seines göttlichen <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Willens</term> brach und bricht dies Wunder hervor, dass wir sind, was wir sind, <hi rend="italic">dieses</hi> Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term>. Wie aber geschah und geschieht das? <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἀληθείας">Λόγῳ ἀληθείας</term></foreign></hi>. Nun befinden wir uns freilich einen Augenblick ganz auf der Erde, bei einem Faktum der Lebensgeschichte und Lebenserfahrung des Verfassers und der Leser. Denn man darf aus dem Begriff <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἀληθείας">λόγος ἀληθείας</term></foreign> nicht etwas Besonderes, etwa mit <hi rend="italic">Zwingli</hi> das «verbum vitale et vivificum»<note xml:id="n217">Zwingli, S. 255.</note>, oder mit <hi rend="italic">Hofmann</hi> «das Wort der Wahrheit, dem er getreu verbleiben will», herauslesen<note xml:id="n218">Hofmann, Brief Jakobi, S. 32: «Ist Wahrheit das Wesen des Worts, mittelst dessen er uns in dieses Leben gesetzt hat, so wird er seinem Worte auch getreu bleiben und es mit der That an uns erfüllen. Hat er es doch mit der Absicht gethan, daß wir eine Erstlingschaft seiner Schöpfungen sein sollten.»</note>, denn Jakobus ist nicht <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>, sondern er ist, wie ein Blick auf 2.Kor. 6,7; Kol. 1,5; Eph.1,13; 2.Tim. 2,15 zeigt, einfach ein terminus technicus für Christliche Lehre. Ihr habt die Wahrheit, die große christliche <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> <hi rend="italic">gehört!</hi> Ihr wisst es, meine geliebten Brüder, wie er nachher V. 19a schließt. 
Auf dieses geschichtliche, erfahrungsmäßige Faktum beruft er sich jetzt und deutet es: es war und ist der lebendige Same,</seg><seg xml:id="ps-33"> aus dessen Kraft <pb ed="pga" xml:id="p348"/> ihr dieses Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term> seid, oder wie er es nun ausdrückt: <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπαρχή τις τῶν αὐτοῦ κτισμάτων</foreign></hi>. Der von Paulus gern gebrauchte Ausdruck <term type="griechisch" key="ἀπαρχή"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπαρχή</foreign></term> [Röm. 8,23; 11,16; 1.Kor. 15,20.23] für das Anheben einer neuen <term type="Begriffe" key="Neue Schöpfung">Welt</term> in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> und den <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> und der Genitiv <foreign xml:lang="el-GR">αὐτοῦ</foreign> bei <foreign xml:lang="el-GR">κτισμάτων</foreign> (= <foreign xml:lang="el-GR">θεοῦ</foreign>) weist darauf hin, dass wir hier nicht etwa an den sehr fragwürdigen Gedanken, dass der Mensch die Krone der <term type="Begriffe" key="Mensch, Krone der Schöpfung?">Schöpfung</term> sei, zu denken haben, sondern im Sinn von Röm. 8,19ff. an die in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> eröffnete Palingenesie, in der – nicht der Mensch als solcher, aber der Mensch als Kind <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Gottes</term> die erste zögernd unter eine neue Ordnung sich stellende – <term type="griechisch" key="ἀπαρχή"><foreign xml:lang="el-GR">ἀπαρχήν</foreign></term> <foreign xml:lang="el-GR">τινα</foreign> sagt Jakobus zurückhaltend – und doch dieser neuen <term type="Begriffe" key="Ordnung, neue">Ordnung</term> nicht mehr ganz fremde Spitze der ihm folgenden anderen zukünftigen <term type="Begriffe" key="Gottes Geschöpf">Gottesgeschöpfe</term> ist. 
Dieses ihr Stehen unter der neuen <term type="Begriffe" key="Ordnung, neue">Ordnung</term> der Wiedergeburt – ihr <hi rend="italic">wisst</hi> es, geliebte Brüder (V. 19a) –, herbeigeführt durch ihre Bekanntschaft mit der christlichen <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, aber begründet in der <term type="Begriffe" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, im göttlichen Beneplacitum, das ist’s, was den <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term>, als ob <hi rend="italic">Gott</hi> es sei, der zum Bösen <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">versuche</term>, letztlich unmöglich macht. Kinder <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Gottes</term> sagen das nicht, weil sie ihren <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term> <hi rend="italic">nicht</hi> so kennen. Und damit ist das Recht zu der <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> von V. 12, mit der der Abschnitt begann, begründet. Ein Christ ist ein durch die <term type="Begriffe" key="Offenbarung">Offenbarung</term> aus Gott gezeugter Mensch, Gott aber ist das <term type="Begriffe" key="Gott, Unwandelbarkeit">unwandelbare</term>, fleckenlose Gute. 
Also kann ein <term type="Begriffe" key="Christen">Christ</term> in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> nicht <hi rend="italic">auch</hi> Gott sehen und sich durch diese vermeintliche Erkenntnis das Rückgrat brechen lassen, sondern sie ist ihm das Gottfremde, dem er widersteht, zu dem er als Christ Nein sagt, in deren Mitte er, siegend oder unterliegend, jedenfalls <hi rend="italic">bekennt</hi>, <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομένει <term type="griechisch" key="πειρασμός">πει<!-- ms32R -->ρασμόν</term></foreign>. <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Selig</term> <hi rend="italic">der</hi> Mann, im Gegensatz zu dem <term type="griechisch" key="ἀνήρ"><foreign xml:lang="el-GR">ἀνὴρ</foreign></term> <term type="griechisch" key="δίψυχος"><foreign xml:lang="el-GR">δίψυχος</foreign></term>, dem <term type="griechisch" key="διακρίνω"><foreign xml:lang="el-GR">διακρινόμενος</foreign></term> von V. 6, dem Mann im Zuschauerparkett, der Gott ernst und gleich darauf wieder nicht <hi rend="italic">ernst</hi> nimmt und damit nur beweist, dass er nicht weiß, was man als Christ eben wissen sollte (V. 19a).<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-34"> II. Wenn die Analyse dieses wichtigen Abschnitts richtig ist, so wird er synthetisch etwa so zu verstehen sein: <!-- identisch_010 -->Ein<note xml:id="n219">Vgl. zum folgenden oben S. 323.</note> <hi rend="italic">Aufruf</hi> zu ernstem Wollen und Tun innerhalb der Schranken des <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichen</term> war der erste Abschnitt des Jakobusbriefs (V. 2-4), in <hi rend="italic">Gerichtsdrohungen</hi><term type="Begriffe" key="Gericht"/>, erst an die Adresse der <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifelnden</term>, Gott unsachlich </seg><seg xml:id="ps-35"> gegenüberstehenden  <pb ed="pga" xml:id="p350"/> <term type="Begriffe" key="Glauben, Sachlichkeit im〉〉〈〈Christen">Christen</term>, dann ganz einfach an die der <term type="Begriffe" key="Reichtum(, Reicher, reich)">Reichen</term> als solchen (V. 5-8 und V. 9-11) mündeten die beiden folgenden. Unser Abschnitt V. 12-19a hebt an und endigt mit dem <hi rend="italic">Evangelium</hi><term type="Begriffe" key="Evangelium"/>, mit einer <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> und mit der Zusage, dass wir Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term> sind. Aber Jakobus muss auch hier als Jakobus verstanden werden. Es kommt in diesem Abschnitt zum Aufwerfen letzter Fragen, zu tiefen Einsichten, zu kühnen Ausblicken. Ohne Paulus und <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> zu kennen, würden wir Jakobus hier nicht verstehen. Er zeigt, dass er als Vorläufer oder Zeitgenosse oder Nachfahre dieser Geister die Gedankenwelt ihres Zeugnisses auch kennt, dass er aus ihr nicht nur Entlehnungen vorzunehmen, sondern ihre wertvollsten Güter selbständig zu gebrauchen weiß im Rahmen seines Zeugnisses und seiner <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Gedankenwelt</term>. Aber es bleibt bei diesem Rahmen. Das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> erscheint als Erfüllung jenes Aufrufs zur <hi rend="italic">Sachlichkeit</hi><term type="Begriffe" key="Glauben, Sachlichkeit im"/><hi rend="italic">,</hi> mit dem der Brief begonnen, und als Gegenspiel zu jenen jähen Worten des <hi rend="italic">Gerichts</hi><term type="Begriffe" key="Gericht"/><hi rend="italic">.</hi> Es gibt eine <hi rend="italic">andere Möglichkeit</hi> als jenen <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifler</term> mit seinem Schicksal, eine andere Möglichkeit auch als den <term type="Begriffe" key="Reichtum(, Reicher, reich)">Reichen</term>, diese verwelkende Blume, möchte man ergänzen, aber wir haben gesehen, dass V. 9-11 eine Digression ist; von V. 11 zu V. 12 kann nur so eine Brücke geschlagen werden, dass man zunächst auf V. 8 zurückgeht. 
Diese andere Möglichkeit ist die bekannte <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> des <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangeliums</term>, wenn man sie eben weiß, wie man sie wissen kann, wenn und sofern sie bei seinen Bekennern nicht nur bekannt ist, sondern in Kraft steht. In <hi rend="italic">dieser</hi> Orientierung und Stimmung redet Jakobus, auch wenn er vom <hi rend="italic">Evangelium</hi><term type="Begriffe" key="Evangelium"/> redet. Die <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> dessen, der auf dem rechten Weg ist, wird bald und kurz abgebrochen, und an ihre Stelle tritt (– die wirkliche <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> der Zuhörer wird nicht aus dem Auge verloren –) die Warnung vor dem <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term>. Und die Zusage der <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Gotteskindschaft</term> ist, das ist nicht zu übersehen, kein selbständiger Gedanke, sondern der letzte, durchschlagende Grund zur Bekämpfung jenes <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtums</term>. So ist schließlich doch auch in dieser Evangeliumsverkündigung das eigentlich Beherrschende der <hi rend="italic">Bußruf</hi><term type="Begriffe" key="Bußruf"/><hi rend="italic">:</hi> Irret euch nicht, geliebte Brüder, aber freilich mit dem positiven Vorzeichen: Ihr braucht euch nicht zu irren, ihr braucht bloß zu sein, was ihr seid, und die <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenzen</term> daraus zu ziehen. <!-- ms33L -->Also: <hi rend="italic">«Selig ist der Mann, der in der Versuchung beharrt! Denn als Bewährter wird er den Kranz des Lebens empfangen, den er denen verheißen</hi><term type="Begriffe" key="Verheißung"/> <hi rend="italic">hat, die ihn lieben!»</hi> |<lb/><lb/></seg></p> 

<p><seg xml:id="ps-36"> <pb ed="pga" xml:id="p352" rend="noPipe"/> Jakobus weiß also nicht nur von den Schatten, von <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> und <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term>, die über den Menschen, auch den <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> liegen. Er weiß davon – das haben wir früher gehört –, und darum hat es nun auch Gewicht, wenn er bezeugt, dass er auch von etwas Anderem weiß. <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">Seligpreisung</term> aus seinem Mund ist nicht <hi rend="italic">billig</hi> zu haben, aber eben darum horchen wir auf, da wir sehen, dass sie bei ihm zu <hi rend="italic">haben</hi> ist. Er sieht eine menschliche <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Möglichkeit</term>, die er für würdig hält, als <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term> bezeichnet zu werden. Wir staunen. Wie steht es mit dieser Möglichkeit? Man liest, um zu verstehen, den Vers am besten von hinten nach vorne. Es gibt Menschen, die Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">lieben</term>, sagt er zuletzt. Das ist das eigentlich Evangelische, die frohe <term type="Begriffe" key="Evangelium">Botschaft</term> in dieser Stelle, dass er es wagt, damit zu rechnen, dass es solche Menschen gibt. Schon hier ragt jenes Unerhörte herein, von dem er nachher redet, wenn er daran erinnert, dass wir durch Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, sein Wohlgefallen">Wohlgefallen</term> gezeugt sind als seine <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term>. Denn Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">lieben</term> ist nicht das geringere Wunder als Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term> sein. Denken Sie an die paulinischen <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Parallelen</term>, die ich zu diesem <term type="griechisch" key="ἀγάπη"><foreign xml:lang="el-GR">ἀγαπῶν</foreign></term> <foreign xml:lang="el-GR">θεόν</foreign> anführte. Unbegreiflich kühn steht hier dem Unmöglichen, dass Gott uns liebt als seine <term type="Begriffe" key="Liebe, Gottes zu den Menschen">Kinder</term>, das andere Unmögliche gegenüber, dass wir Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">lieben</term>. Denn wie soll das Eine, wie soll das Andere möglich und wirklich sein? Von hüben nach drüben und von drüben nach hüben führt keine Brücke. Nur von <hi rend="italic">Christus</hi><term type="Begriffe" key="Jesus Christus"/> aus kann damit gerechnet werden. Und indem Jakobus damit rechnet, von <hi rend="italic">Christus</hi><term type="Begriffe" key="Jesus Christus"/> aus damit rechnet, dass es Menschen gibt, die Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">lieben</term> (wie er nachher wiederum von <hi rend="italic">Christus</hi><term type="Begriffe" key="Jesus Christus"/> aus damit rechnet, dass Gott in unergründlicher <term type="Begriffe" key="Gott, ist frei">Freiheit</term> uns <hi rend="italic">zuerst</hi> geliebt <term type="Begriffe" key="Liebe, Gottes zu den Menschen">hat</term>), nennt er diese Menschen Besitzer einer <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term>. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir denken an das Bild Abrahams, wie Paulus es in der Genesis gefunden hat [vgl. Röm. 4; Gal. 3,26-29]: Der Freund Gottes ist ein Verheißungsträger, das muss ihm genug sein, 
aber daran hat er die Fülle. Seiner wartet der Kranz, das ewige <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Leben</term>. Darauf kann man <hi rend="italic">nur</hi> warten, das kann <hi rend="italic">nur</hi> <term type="Begriffe" key="Verheißung">verheißen</term> sein. Ewiges und zeitliches Leben schließen sich gegenseitig aus. Hörte das Warten auf und würde zum Besitz, dann wäre es entweder mit dem einen oder mit dem anderen zu Ende. Besitzen kann man den Siegerkranz des ewigen <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Lebens</term> nur als <term type="Begriffe" key="Verheißung">verheißenes</term>, d. h. aber als noch nicht besessenes Leben. In <hi rend="italic">diesem Besitz stehen,</hi> die Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">lieben</term>. «Er <hi rend="italic">wird</hi> empfangen», sagt Jakobus, wie auch <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Paulus</term>, wenn er <hi rend="italic">davon</hi> redet,</seg><seg xml:id="ps-37"> immer nur im Futurum redet, <pb ed="pga" xml:id="p354"/> freilich in dem Futurum, das in keiner Zeit zur Gegenwart wird. Die Gegenwart, der es in aller Zeit entgegen zeigt, ist ja die Ewigkeit. Eben darum ist der, von dem das zu sagen ist, selig zu <term type="Begriffe" key="Seligpreisung">preisen</term>. Selig? Wir staunen. Heißt <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term> nicht Besitz? Ja, Seligkeit als menschliche <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Möglichkeit</term> heißt Besitz, Besitz dieser <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> ewigen Lebens. Dieses «Er <hi rend="italic">wird</hi> empfangen», das ist die <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term>, von der wir noch reden <!-- ms33R -->können. «In Hoffnung seid ihr gerettet» (Röm. 8,24). Woran erkennt man einen solchen Menschen? Daran, dass er sich <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">bewährt</term>, antwortet Jakobus. Daran, dass er siegt, erkennt man ihn als den, der den <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Kranz</term> empfangen wird. Nicht etwa: <hi rend="italic">weil</hi> er siegt, wird er ihn empfangen; kein Wort davon steht da. Wollte man nach der Ursache fragen, so müsste man bis auf das Letzte zurückgehen: weil er Gott <term type="Begriffe" key="Liebe, des Menschen zu Gott">liebt</term> – und dann steht man erst recht nicht vor der Ursache, sondern vor dem Wunder. Ja, <hi rend="italic">weil</hi> er Gott liebt – noch einmal: Jakobus wagt es, mit diesem Wunder zu rechnen –, <hi rend="italic">darum</hi> siegt er, <hi rend="italic">darum</hi> <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">bewährt</term> er sich, und daran mag man denn <hi rend="italic">erkennen</hi>, dass er ein Besitzer der <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> ist, dass er den Kranz, das ewige <term type="Begriffe" key="Kranz des Lebens">Leben</term> empfangen wird, dass er zu Abrahams geistlichem Samen, zu dem Volk gehört, das im Finstern wandernd ein großes Licht gesehen hat [vgl. Jes. 9,1; Mt. 4,16]. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-38">Der Sieg, die <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term> ist aber etwas ganz Schlichtes: dass er bleibt, was er ist, und bei dem, was ihm gesagt ist und was er gehört hat. Wenn Jakobus es wagt, mit <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> und darum mit der <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term> eines solchen Menschen zu rechnen, so rechnet er ja allerdings einerseits mit dem Höchsten und Letzten, nämlich mit der Wirklichkeit des lebendigen Gottes, mit der <term type="Begriffe" key="Auferstehung">Auferstehung</term> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term> von den Toten, d. h. damit, dass jenes Unmögliche zwischen Gott und den Menschen <hi rend="italic">Ereignis</hi><term type="Begriffe" key="Ereignis"/> ist, aber andererseits auch ganz schlicht damit, dass dieses Unmögliche den <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> <hi rend="italic">gesagt</hi> ist und dass sie es <hi rend="italic">gehört</hi> haben, gesagt und gehört als Möglichkeit, als <term type="Begriffe" key="Ereignis">Ereignis</term>. Wer <hi rend="italic">selber</hi> glaubt, kann auch glauben, dass <hi rend="italic">Andere</hi> glauben. Er baut auf den schlichten <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἀληθείας">λόγος ἀληθείας</term></foreign>, zu dem er sie ja schließlich einzig auch zurückführen will. Das Festhalten daran, das Bleiben bei dem dazu gesagten Ja meint er mit der <term type="Begriffe" key="Glauben, Bewährung des">Bewährung</term>. Und wie vollzieht sich die? Jetzt sind wir auf den Anfang zurückgekommen: im <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharren</term> in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>. Also im Nichtabfallen von der <hi rend="italic">Richtung</hi> aufs <hi rend="italic">Ziel</hi><term type="Begriffe" key="Ziel"/>, die <hi rend="italic">ihr</hi> Dasein durch das, was ihnen gesagt ist und was sie gehört haben,</seg><seg xml:id="ps-39"> gewonnen hat, ein <pb ed="pga" xml:id="p356"/> Nichtabbrechen des <hi rend="italic">Weges</hi><term type="Begriffe" key="Weg"/>, auf den sie damit getreten sind, ein Nicht-Vergessen, dass sie <hi rend="italic">Wanderer</hi> und was für Wanderer sie sind. Von Überwindung der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> ist nicht die Rede. Sie <hi rend="italic">fallen</hi> vielleicht, nein irgendwie fallen sie <hi rend="italic">sicher</hi> – kann das Leben des Menschen etwas Anderes sein als ein fortgesetztes mehr oder weniger völliges und schweres <hi rend="italic">Erliegen</hi> gegenüber der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>? Aber es gibt ein <hi rend="italic">Beharren</hi><term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit"/> in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> auch in diesem großen beständigen Erliegen, 
ein treues hartnäckiges <hi rend="italic">Zurückkommen</hi> auf den mit Gott gemachten Anfang, auf das mit ihm gegen sich selbst und gegen die ganze Welt gemachte <term type="Begriffe" key="Wagnis">Wagnis</term>, ein letztes grimmiges <hi rend="italic">Ablehnen</hi> der <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term>, als ob etwa die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, und wäre sie noch so groß und siegreich, recht haben könnte, als könnten wir etwa zu ihr statt zu dem, der uns berufen hat, Ja sagen, ein nicht mehr ganz aufhörendes <hi rend="italic">Sich-Besinnen</hi> auf das, was gilt und nicht gilt, ist und nicht ist, und damit – stehe es mit uns, wie es wolle – ein letztliches Nein auch zu der siegreichsten <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, <!-- ms34L -->also Alles in Allem ein <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharren</term> nicht bei sich selbst oder bei einer eigenen oder fremden Bewegung, aber in dem Bewegt<hi rend="italic">sein</hi> durch Gott, ohne das wir die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> ja gar nicht als Versuchung verstehen könnten, das die <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> auch unseres schlechtesten <term type="Begriffe" key="Gewissen, schlechtes">Gewissens</term>, auch unseres tiefsten, bittersten Schuldgefühls, auch der gründlichsten Erkenntnis unserer Ohnmacht ist, ein <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharren</term> in <hi rend="italic">dem</hi> Bewegtsein, das sich schließlich einfach darin manifestiert, dass wir uns vor Gott als <term type="Begriffe" key="Sünder">Sünder</term> bekennen – das ist’s, was Jakobus als Zeuge von <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>, vom <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> hier meint. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-40">Den Menschen, bei dem <hi rend="italic">das</hi> geschieht, stellt er wie einen aus dem Feuer geretteten Brand in seiner <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term> dem anderen gegenüber, der die Richtung verliert, dessen Weg stockt, der aufhört, ein Wanderer zu sein, das <term type="Begriffe" key="Wagnis">Wagnis</term> mit Gott unterlässt, das rechte Ja und das rechte Nein unterdrückt, vergisst, was ist und was nicht ist, und bei sich selbst und in seiner Bewegung und in der Weltbewegung beharrt und über dem allem, vielleicht bei manchen, auch schönen Siegen über die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, unselig wird, wie V. 7-8 beschrieben. <hi rend="italic">Niemand sage in der Versuchung: Von Gott werde ich versucht</hi><term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?"/><hi rend="italic">!</hi> Denn was wäre das Anderes als das <hi rend="italic">Nicht</hi>-Beharren und darum das <hi rend="italic">Heraus</hi>treten aus dem Licht der vorher gehörten Worte? Wer das sagt: Von Gott werde ich <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">versucht</term>, der will irgendwie nicht mehr als <term type="Begriffe" key="Sünder">Sünder</term> vor Gott stehen, er will die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> nicht mehr</seg><seg xml:id="ps-41"> als Versuchung verstehen, kein <pb ed="pga" xml:id="p358"/> schlechtes <term type="Begriffe" key="Gewissen, schlechtes">Gewissen</term>, kein Schuldgefühl mehr haben, er möchte den Streit los sein, er sucht einen Vorwand, zum Feind überzulaufen, den Vorwand: der Feind sei gar kein Feind, Gott selbst sei der <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">Versucher</term>. Das wäre freilich das Ende der Spannung, in der sich der Mensch auch in der tiefsten, vollständigsten Niederlage ganz heimlich immer noch befindet. 
Gott stünde auf unserer Seite, wenn und indem wir der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> nachgeben, ja wir täten damit ganz eigentlich sein Werk und seinen Willen. Gibt es eine verlockendere Möglichkeit? Eine Möglichkeit, die uns rascher und sicherer in den Frieden, in die Harmonie, in die Ruhe und Freude hineinführte, nach der wir doch begehren? Ja, und wenn wir wollen, könnten wir ja auch weiter gehen und behaupten, dass gerade dieses Nachgeben und Friedenschließen mit der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> unser Beharren bei Gott und in dem Bewegtsein durch ihn sei. Wenn der <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἀληθείας">λόγος ἀληθείας</term></foreign>, der uns gesagt ist und den wir gehört haben, uns nicht vorhalten würde, dass gerade dieses Nachgeben und Friedenschließen, und wenn wir die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> Gott nennen würden, Verrat ist. Am Bleiben bei diesem Gesagten und Gehörten hängt aber unsere Teilnahme an der <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term>, unser Bleiben in der Liebe, und also unsere <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term>. Darum, um unserer Seligkeit willen, wenn wir nicht mehr verstehen sollten, was das heißt: um Gottes willen! <hi rend="italic">Das</hi> nicht. Niemand sage das! <lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-42"> <date rend="right">20.I.23</date>Jakobus begründet seine Warnung: Niemand sage in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>: Von Gott werde ich <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">versucht</term>! zunächst einfach mit der Gegenbehaup<!-- ms34R -->tung: <hi rend="italic">Denn Gott ist unversucht vom Bösen, er versucht also niemanden!</hi> Und doch ist auch diese Behauptung schon voll Begründung. Die Nebeneinanderstellung von Passiv und Aktiv ist keine bloße Redefigur. Er will sagen: In Gott ist keine Wechselwirkung, kein Gegensatz, kein Kampf, auch kein <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term> gegen das <term type="Begriffe" key="Böse(, das)">Böse</term>. Wer von Gott redet und zugleich von einer ihm gegenüberstehenden, ihn beeinträchtigenden Gegenmacht, die dann doch als solche irgendwie eine Auswirkung seiner Macht sein soll, so dass der Mensch, wenn er ihr begegnet, denken könnte: das ist <hi rend="italic">Gottes</hi> Macht, wer so von Gott redet, der redet eben <hi rend="italic">nicht</hi> von Gott. Freilich gehört die <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> dieser Gegenmacht zum unveräußerlichen Bestand des Daseins und Soseins der Welt. Die Welt, die wir kennen, ist ja eben die Sphäre der Wechselwirkung des <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampfes</term>, und wir kennen, von Gottes <term type="Begriffe" key="Gottesoffenbarung">Offenbarung</term> <hi rend="italic">abgesehen</hi>, keine andere Welt. Es ist aber,</seg> <seg xml:id="ps-43"> eben weil wir auf <pb ed="pga" xml:id="p360"/> <hi rend="italic">Grund</hi> von Gottes Offenbarung eine <hi rend="italic">andere</hi> Welt oder vielmehr die verborgene <hi rend="italic">Wahrheit dieser</hi> unserer Welt kennen, ein Missbrauch des Schöpfungs- und Allmachtsgedankens, im Dasein und Sosein dieser unserer Welt die Urheberschaft <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Gottes</term> feststellen zu wollen, als ob zwischen ihr und der Welt, die Gott geschaffen hat und erlösen wird, nicht der <term type="Begriffe" key="Abgrund">Abgrund</term> eines radikalsten Vergehens und <term type="Begriffe" key="Neue Schöpfung">Neuwerdens</term> klaffte. Von <hi rend="italic">daher</hi> allein ist die Gegenbehauptung des Jakobus V. 13b zu verstehen. Sie ist keine Leugnung des Gedankens der providentia <term type="griechisch" key="providentia Dei">Dei</term>. <hi rend="italic">Zwingli</hi> und <hi rend="italic">Calvin</hi> haben wohl Recht, wenn sie auch hier zähe daran festhielten.<note xml:id="n220">Siehe oben S. 338, Anm. 203.</note> Sie sichert ihn aber vor der unreinlichen Vermischung mit dem Kausalitätsgedanken. Sie warnt vor allen direkten Schlüssen, von dem, was <hi rend="italic">ist</hi>, auf das, was <hi rend="italic">Gott</hi> ist. Sie empfiehlt, wenn denn von einem Weg zu Gott die Rede sein soll, die via <term type="griechisch" key="via negativa">negativa</term>. Im Hintergrund aber steht die <term type="Begriffe" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, die uns allein sagen kann, wer und was Gott ist.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-44"> Das Interesse der Ausleger hat sich bei dieser Stelle <hi rend="italic">2.</hi> von jeher auf die Frage gerichtet, wie sich diese Aussage mit der <hi rend="italic">6. Bitte des Unservater</hi><term type="Begriffe" key="Unservater"/> vereinigen lasse [vgl. Mt. 6,13; Lk. 11,4]. Ich würde dazu sagen, dass das «führe uns nicht in <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>!» auf keinen Fall die Aussage enthält: Gott führt in Versuchung, sondern eben wirklich als <term type="Begriffe" key="Gebet">Gebetswort</term> verstanden werden muss, d. h. als ein bewegtes Vordringen von dem Gott dieser Welt, dem auctor <term type="griechisch" key="auctor malorum">malorum</term>, der den Menschen versucht und hinter dessen Bild der lebendige <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfergott</term> dem Auge des Beters zunächst verborgen ist, zu eben diesem lebendigen Gott, <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> Himmels und der Erde<note xml:id="n221">Symbolum Apostolicum, BSLK, 21, 8.</note>, wie er war im Anfang und sein wird am Ende der Zeit und ist in Ewigkeit, dem Gott, der in der Tat, mit Jakobus zu reden, niemand versucht. Oder wie <hi rend="italic">Luther</hi> es im kleinen Katechismus ausdrückt: «Gott versucht zwar <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">niemand</term>; aber <hi rend="italic">wir</hi> bitten in diesem <term type="Begriffe" key="Gebet">Gebet</term>, dass uns Gott wollt behüten und erhalten, auf dass uns der <hi rend="italic">Teufel</hi><term type="Begriffe" key="Böse(, das)"/><hi rend="italic">,</hi> die <hi rend="italic">Welt</hi> und unser <hi rend="italic">Fleisch</hi> nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweifeln und ander große Schande und Laster, und <hi rend="italic">ob</hi> wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich <hi rend="italic">gewinnen</hi> und den Sieg <hi rend="italic">behalten</hi>» (21,16).<note xml:id="n222">M. Luther, <hi rend="italic">Enchiridion, Der kleine Katechismus fur die gemeine Pfarrherr und Prediger</hi>, EA 21, 16 (Hervorhebungen von Barth); BSLK, 514, 31-39.</note> Die Aussage des Jakobus wäre <hi rend="italic">nicht</hi> wahr ohne das Fragen, Ringen,</seg><seg xml:id="ps-45">  Flehen um diese  <pb ed="pga" xml:id="p362"/> Wahrheit, das wir in der 6. Bitte vor uns <term type="Begriffe" key="Unservater">haben</term>. Und wie sollte umgekehrt die Frage, die Hiobsfrage an Gott: Wer bist du? in der 6. Bitte verständlich sein ohne die allen Fragen vorausgehende Antwort, wie sie in der Aussage des Jakobus formuliert ist? Das <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">Beharren</term> des Menschen in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, will er sagen, hat einen Sinn, weil auch Gott treu ist, weil in ihm die Versuchung ein Nichts ist, weil auch der den Ungeheuern erliegende Antonius in der Wüste<note xml:id="n223">Zum Kampf des Wüstenheiligen Antonius mit den Dämonen: H. Lietzmann, <hi rend="italic">Geschichte der Alten Kirche</hi>, 4./5. Aufl. in einem Band, Berlin / New York 1975, S. 1117ff. (= Bd. IV: Die Zeit der Kirchenväter, S. 125ff.).</note>, indem er <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">beharrt</term>, Gott auf <hi rend="italic">seiner</hi> Seite hat. Aber woher dann die <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>? Es liegt in <!-- ms35L -->der ganzen Richtung des Jakobus im Unterschied von <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Paulus</term>, dass er bei der positiven Beantwortung dieser Frage, nachdem er Gott gegeben, was Gottes ist [vgl. Mt. 22,21], sofort wieder den einzelnen konkreten Menschen und seine <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term> ins Auge fasst: <hi rend="italic">«Ein jeder wird so versucht, dass er von seiner eigenen Lust herausgelockt und geködert wird. Und dann gebiert die schwanger gewordene Lust die Sünde</hi><term type="Begriffe" key="Sünde"/><hi rend="italic">, die Sünde aber, zur Reife gekommen, gebiert den Tod</hi><term type="Begriffe" key="Tod"/><hi rend="italic">. Irrt euch nicht, meine geliebten Brüder!»</hi></seg> </p>
<p><seg xml:id="ps-46"> Der Mensch <hi rend="italic">steht</hi> eben im <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term>, im Widerspruch, vor der Realität der Macht des <term type="Begriffe" key="Böse(, das)">Bösen</term>. So gewiss Gott nicht als Gott verstanden ist, wenn man diesen Widerspruch in seinen Willen hineinträgt, ihn begreift nach Analogie der Welt, die wir <term type="Begriffe" key="Gottesbild">kennen</term>, so gewiss wäre es Lüge, den Menschen anders sehen zu wollen als in diesen Widerspruch verwickelt, in die Wechselwirkung erlittener und selbst ausgeübter <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>. Man muss zunächst diesen <hi rend="italic">Kontrast</hi> schon in diesen Worten [sehen], den Kontrast zwischen dem reinen, göttlichen <term type="Begriffe" key="Gott, Licht">Licht</term></seg> <seg xml:id="ps-47"> und den  <pb ed="pga" xml:id="p364"/> gebrochenen Strahlen, die im <term type="Begriffe" key="Prisma">Prisma</term> der Menschenwelt daraus geworden sind. Und dann das <hi rend="italic">Zweite:</hi> die <hi rend="italic">Menschen</hi>welt, in der die Macht der Finsternis allein ihre Möglichkeit ist, kein Äußeres, sondern ein Inneres, kein allgemeines Ganzes, sondern der Mensch <hi rend="italic">selbst</hi>, jeder <hi rend="italic">Einzelne.</hi> Wenn Paulus Röm. 5[,12ff.] von Adam redet, durch den die <term type="Begriffe" key="Sünde">Sünde</term> in die Welt kam, so meint er natürlich <hi rend="italic">auch</hi> den Menschen, den Einzelnen als solchen, in ungeheurer Projektion an die Wand geworfen im Bild des <term type="Begriffe" key="Protoplast">Protoplasten</term>, des <hi rend="italic">Ahnherrn</hi>. Der Jakobusbrief ist, wie wir sahen, aus einer Atmosphäre entstanden, in der diese Verkündigung al fresco <hi rend="italic">nicht</hi> mehr verstanden, vielleicht missbraucht wurde zu bequemer <term type="Begriffe" key="Mythologie">mythologischer</term> Vernünftelei über den Ursprung des <term type="Begriffe" key="Böse(, das), Ursprung des">Bösen</term>, über der der einzelne Mensch seine Haftbarkeit für das in Adam Geschehene <hi rend="italic">vergaß</hi> und zum bequemen <hi rend="italic">Zuschauer</hi><term type="Begriffe" key="Zuschauer"/> ferner Heils- und Unheilsvorgänge wurde. <!-- fn224 --></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-48"> Darum redet Jakobus <hi rend="italic">nicht</hi> auf <hi rend="italic">dieser</hi> Linie weiter – es hat auch solche Zeiten gegeben, wo der Römerbrief der allzu sehr auf seine großen Konturen eingestellten Christenheit wieder weggenommen und scheinbar durch ganz gewöhnliche Psychologie und Moral ersetzt werden musste. An dieser kritischen Wende stand im apostolischen Zeitalter oder an seinem Ende Jakobus. Darum redet er nicht von Adam, sondern appliziert die Antwort auf das schwerste Problem alles Denkens direkt und ausschließlich ad hominem: Du bist der Mann [vgl. 2.Sam. 12,7]! Unerbittlich soll jeder Einzelne genötigt werden, sich als Objekt <hi rend="italic">und</hi> Subjekt der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> zu begreifen. Ich erinnere an die das letzte Mal besprochenen Einzelheiten der Bilder von der Jagd, vom Fischfang, von der Dirne, in denen er hier redet.<note xml:id="n225">Siehe oben S. 340.</note> Man beachte aber wohl, dass ihm diese ganze <term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">Psychologie</term> nur Mittel zum Zweck ist. Um zu begründen, dass <hi rend="italic">Gott niemand</hi> versucht, darum redet er jetzt so einlässlich, <hi rend="italic">als ob kein Gott wäre</hi>, davon, wie es bei der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> zugeht: du bist der <hi rend="italic">Versuchte</hi>, ja, aber du bist auch der <hi rend="italic">Versucher</hi>. <term type="Begriffe" key="Lust">Lust</term> kommt <!-- ms35R -->über dich, ja, aber keine kosmische Notwendigkeit, kein Zwang von Natur, kein Teufel, der von außen versucht, sondern deine <hi rend="italic">eigene</hi> <term type="Begriffe" key="Lust">Lust</term>, <hi rend="italic">du</hi> empfindest sie, <hi rend="italic">du</hi> gibst ihr Recht, <hi rend="italic">du</hi> willst, was sie will.</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-49"><pb ed="pga" xml:id="p366" rend="noPipe"/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-50"/></p>
<p><seg xml:id="ps-51"> Hier gilt nun allerdings Kausalität, aber das erste Glied in der Reihe, deren Ende <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term> heißt, bist du selber. Wir können für <term type="griechisch" key="ἐπιθυμία"><foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign></term> Menschennatur einsetzen oder Kreatürlichkeit, Bewusstsein oder Unterbewusstsein oder die <term type="griechisch" key="Libido">Libido</term>, von der die <term type="Begriffe" key="Psychoanalytiker">Psychanalytiker</term> reden, wenn es nur dabei bleibt, dass <hi rend="italic">wir</hi> hier <hi rend="italic">Subjekt</hi> ebensowohl wie Objekt sind, wenn es nur zu keinem Nebenhinaustreten und Betrachten seiner selbst von <hi rend="italic">außen</hi> kommt. Darin unterscheidet sich nun allerdings die Psychologie des <term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">Jakobus</term> aufs Stärkste von der gewöhnlichen Psychologie, dass es eben dazu <hi rend="italic">nicht</hi> kommt. Es bleibt der <hi rend="italic">Mensch</hi>, der <hi rend="italic">Einzelne</hi> im Mittelpunkt, nicht auf seine Prädikate, sondern auf seine <hi rend="italic">Existenz</hi><term type="Begriffe" key="Existenz"/> wird er angeredet, keine Abschiebung findet statt auf dritte, dingliche Größen, sondern auf ihm selbst, wie er vor Gott steht,</seg><seg xml:id="ps-52"> bleibt <pb ed="pga" xml:id="p368"/> Alles liegen, Frage und Antwort und neue Frage. Die positive Beantwortung der Frage nach dem Woher? der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> ist also die Erkenntnis des <term type="Begriffe" key="Gericht">Gerichtes</term>, unter dem der Mensch steht.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-53"> Er fängt an mit dem befremdeten Seufzer über die Unheimlichkeit der Macht des <term type="Begriffe" key="Böse(, das)">Bösen</term>, die ihn bedrängt, und er endigt mit der Einsicht, dass diese Macht nicht wäre, wenn <hi rend="italic">er</hi> der <hi rend="italic">Mensch</hi> nicht wäre. Ich brauche wohl nicht zu zeigen, wie in <hi rend="italic">diesem</hi> Ergebnis der Jakobusbrief mit dem Römerbrief sich wieder <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">findet</term>. Und auch das ist deutlich, dass auch diese Aussage so gut wie die vorher über Gott gemachte nur möglich ist als Aussage des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> auf Grund von 
<!-- hier fehlt Text -->
Offenbarung. Jede Aussage auf Grund anderer Quellen würde sich verraten durch den irgendwie unternommenen Versuch, das Böse zu objektivieren, es der Natur, dem Schicksal, der Geschichte aufzubürden. Der Satz, dass der Mensch böse ist, der in diesem Vers ausgesprochen ist, kann nur aus dem Wissen von Gott stammen, von dem Gott, der unversucht ist und niemand versucht, dem Schöpfer und 
<!-- bis hier -->
 <term type="Begriffe" key="Gott, Erlöser">Erlöser</term>.</seg><seg xml:id="ps-54"> Denn nur in der zwingenden Gegenwart <hi rend="italic">Gottes</hi> kann der Mensch sich selbst <term type="Begriffe" key="Preisgabe des Menschen">preisgeben</term>; nur in einem Atemzug mit der Verherrlichung <hi rend="italic">Gottes</hi> kann ich von mir sagen, dass das, was ich hervorbringe, schließlich der <term type="Begriffe" key="Tod">Tod</term> ist. Und dieses ursprüngliche Wissen, aus dem jene Aussage allein hervorgehen kann, das<note xml:id="n227">Mskr.: «die»; Korrektur vom Hrsg.</note> kann der Mensch nicht <hi rend="italic">haben</hi>, sondern nur und immer wieder <hi rend="italic">nur</hi> empfangen. Das ist <term type="Begriffe" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, das immer neue <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">Geschenk</term> dieses Wissens von Gott, durch das wir gerichtet und gerade in diesem <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> zu unserer Errettung und <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term> an Gott gebunden sind. Und das ist <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term>, dass wir uns dieses Wissen von Gott immer aufs neue schenken lassen und nicht anders als in der Beugung unter das damit gesetzte <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> errettet und selig werden wollen.</seg>  </p>

<p><seg xml:id="ps-55"/></p>

<p><seg xml:id="ps-56"> So kann Jakobus sagen: <hi rend="italic">Irrt euch nicht, geliebte Brüder!</hi> [V. 16] Auch <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term> gibt es nur an der <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, und «Irrt euch nicht!» kann man nur zu solchen sagen, denen die Wahrheit nicht fremd, sondern bekannt, wenn auch vielleicht ver<!-- ms36L -->dunkelt ist. Die Wahrheit,</seg> <seg xml:id="ps-57"> die mit der  <pb ed="pga" xml:id="p370"/> Tatsache, dass der Mensch in <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> steht, gegeben ist, ist die Gerechtigkeit <term type="Begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term>. Von ihr sollen wir nicht abschweifen, ruft Jakobus uns zu. Um sie sollen wir uns sammeln, an sie uns halten, und wenn wir damit unser <term type="Begriffe" key="Tod">Todesurteil</term> unterzeichneten. Es hängt Alles daran, dass wir zu uns selbst Nein sagen, oder vielmehr, dass wir das zu uns selbst schon gesagte, von Gott gesagte Nein anerkennen. Dann und damit wird der Weg frei zu der anderen Erkenntnis [V. 17]: <hi rend="italic">«Lauter gute Gabe und lauter vollkommenes Geschenk kommt von oben herab von dem Vater der Lichter</hi><term type="Begriffe" key="Gott, Licht"/><hi rend="italic">, bei dem keine Veränderung ist und keine durch Bewegung verursachte Beschattung.»</hi> </seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-58"/></p>

<p><seg xml:id="ps-59"> Wir sahen, dass der ganze Nachdruck dieses Satzes auf der <hi rend="italic">Güte</hi> und <hi rend="italic">Vollkommenheit</hi> dessen, was von <hi rend="italic">oben</hi>, von <hi rend="italic">Gott</hi> kommt, liegen muss.
</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-60"/></p>  
<p><seg xml:id="ps-61"><pb ed="pga" xml:id="p372" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-62"> Der Satz ist nicht gleichbedeutend mit dem von V. 13b, dass Gott nicht versucht werde noch <term type="Begriffe" key="Gott, Versucher?">versuche</term>. Er redet von <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">Gabe</term> und Geschenk, von dem, was von oben herunter zu uns kommt, und sagt, dass das ausschließlich gut und vollkommen sei. Wir sollen nicht nur wissen, wer und was Gott ist, wir sollen wissen, wie wir mit ihm <hi rend="italic">dran</hi> sind, wie er an uns <hi rend="italic">handelt</hi><term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch"/>. Daran hängt ja schließlich die <term type="Begriffe" key="Möglichkeit">Möglichkeit</term>, nach V. 12 zu <term type="Begriffe" key="Beharrlichkeit">beharren</term> in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, d. h. <hi rend="italic">in</hi> der unvermeidlichen Versuchung, in der wir stehen, der Versuchung doch nicht Recht zu geben. Wir könnten das nicht tun, wenn wir nicht Gott die <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Ehre</term> und darum uns selbst Unrecht geben würden. Denn solange wir Gott vielleicht die Ehre geben, aber ihm doch auch direkt oder indirekt einen Teil unseres Unrechts zuschieben und vielleicht einiges Unrecht auf uns nehmen und uns doch auch noch etwas Ehre wahren wollen, dann verwischen sich alle Grenzen, dann kann von einem Entweder – Oder, dann kann von Beharren nicht mehr die</seg> <seg xml:id="ps-63"> Rede sein. <pb ed="pga" xml:id="p374"/> Wir könnten aber noch immer nicht beharren, wenn Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Ehre</term> in unserem Unrechthaben nicht der in unserem Leben unserer ganzen <term type="Begriffe" key="Versuchlichkeit">Versuchlichkeit</term> zum Trotz sich ereignende Triumph des Guten und Vollkommenen wäre. Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> ist unsere <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">Rechtfertigung</term> und nichts Anderes, das ist’s, was Jakobus hier sagen will.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-64"> Gottes Beziehung zu <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">uns</term> ist unzweideutig, ohne Vorbehalt, ohne Beimischung anderer Möglichkeiten ein rundes volles <hi rend="italic">Ja</hi>, das der zu uns spricht, der von <hi rend="italic">keiner</hi> <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> weiß, zu uns, die wir ganz und gar nur Subjekt ebensowohl wie Objekt von Versuchung sind, uns der Einsicht, dass wir böse <term type="Begriffe" key="Mensch, ist böse">sind</term>, vor ihm nicht entwinden können. Von einem Gott, den wir uns nach Analogie der Welt, der Natur, der Geschichte, des Schicksals gedacht <term type="Begriffe" key="Gottesbild">hätten</term> oder dessen <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> wir etwa aus <hi rend="italic">diesen</hi> Wirklichkeiten ablesen wollten, könnten wir <hi rend="italic">das</hi> nicht sagen, denn alle <hi rend="italic">diese</hi> Wirklichkeiten sind in sich selber zweideutig, gemischt aus gut und böse – wie sollte ihre <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Beziehung</term> zu uns anders als zweideutig sein? Die <hi rend="italic">Gewissheit</hi>, dass Gott uns <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">rechtfertigt</term>, hängt daran, dass wir seine <term type="Begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und unsere Ungerechtigkeit unverworren lassen. <!-- ms36R --></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-65"> Wer das <hi rend="italic">Gericht</hi><term type="Begriffe" key="Gericht"/> sieht, unter dem der Mensch, er selbst steht, der und nur der kann daraus auch Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> sehen, nicht nur in der Ferne, sondern in der Nähe, nicht nur als das Andere, Fremde, sondern als das Eine, neben dem es kein Anderes gibt, nicht nur <hi rend="italic">Gottes</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, sondern eben auch unsere <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">Rechtfertigung</term> und das – ich wiederhole – ohne Wanken und Schwanken, ohne <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term> und Einwand: lauter <hi rend="italic">gute</hi> <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">Gabe</term> und lauter <hi rend="italic">vollkommenes</hi> Geschenk.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-66"> Aber wohlverstanden: immer <hi rend="italic">von oben herab,</hi> nicht umgekehrt. Von Gottes Beziehung zu uns gilt das, nicht von unserer Beziehung zu <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">ihm</term>, von dem, was er gibt und schenkt, nicht von dem, was wir darbringen können. Das steht immer wieder unter dem <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term>, von dem er vorher redete. Aber von Gottes <term type="Begriffe" key="Beziehung zwischen Gott und Mensch">Beziehung</term> zu uns <hi rend="italic">gilt</hi> das; das ist’s, was er jetzt sagen will. Er erläutert es durch das Gleichnis von <hi rend="italic">dem</hi> Licht und <hi rend="italic">den</hi> <term type="Begriffe" key="Naturgleichnis">Lichtern</term>. Der den Menschen rechtfertigt mitten in seiner <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschlichkeit</term> und <term type="Begriffe" key="Versuchlichkeit">Versuchlichkeit</term>, der ihn, den <term type="Begriffe" key="Mensch, ist böse">Bösen</term>, sein <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kind</term> nennt, und das in unerschütterlicher Klarheit und Wahrheit, ohne dass etwa daneben auch noch etwas Anderes gelten könnte, der gleicht <hi rend="italic">dem</hi> Licht, das alle Lichter teilnehmen lässt an seiner Helle, ohne dass sie doch mehr sind als seine dunklen, schattenhaften,</seg> <seg xml:id="ps-67">vorübergehen<pb ed="pga" xml:id="p376" break="no"/>den, zeitlichen Erscheinungen, dem <term type="Begriffe" key="Gott, Unwandelbarkeit">Wandellosen</term>, das aller Bewegung Voraussetzung, dem Unberührten, das aller Wechselwirkung Bedingung ist. Gebrochen, verdunkelt, veränderlich lebt doch auch das kleinste geschaffene Licht von seiner Beziehung zu seinem <hi rend="italic">Ursprung</hi>, von der Güte und Vollkommenheit jenes <hi rend="italic">ungeschaffenen</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Licht">Lichtes</term>, das nie war noch sein wird.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-68"> Aber das Wort vom «Vater der Lichter» ist nur <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnis</term>, nicht Begründung. Es hat Sinn nur als Erläuterung eines Bekannten, Gegebenen. Andernfalls, wenn etwa damit <hi rend="italic">Gott</hi> dem Menschen gezeigt werden sollte, dass er auf den gestirnten Himmel über ihm<note xml:id="n232">Vgl. I. Kant, <hi rend="italic">Kritik der praktischen Vernunft</hi>, Kant’s gesammelte Schriften, hrsg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 5, Berlin 1908, S. 161: «Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: <hi rend="italic">der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.</hi>»</note> verwiesen wird, wäre nur ein Rätsel anstelle eines andern gesetzt, denn davon gingen wir ja <hi rend="italic">aus</hi>, dass es, wohin auch der Mensch auf Erden blickt, ebenso aussieht wie am gestirnten Himmel: Veränderung, Bewegung, Beschattung. Und wie das Licht des <term type="Begriffe" key="Gott, Ursprung">Ursprungs</term> nicht das Licht des Ursprungs wäre, wenn wir es irgendwo und irgendwann <hi rend="italic">sehen</hi> könnten, um so die Güte und Vollkommenheit, an der die Lichter des Himmels teilhaben, direkt zu sehen, wie die Idee nicht zur Erscheinung werden kann, um uns so zu überzeugen von der Güte und Vollkommenheit, die in der Mangelhaftigkeit der Idee erscheint, so wäre Gott nicht Gott, wenn etwa die gute <term type="Begriffe" key="Gottes Gabe">Gabe</term> und das vollkommene Geschenk seiner uns rechtfertigenden <term type="Begriffe" key="Gott, Liebe">Liebe</term> irgendwo und irgendwann ein Ding unter anderen werden würde – es wäre denn, wir meinten damit wieder das Unmögliche, Gottes <term type="Begriffe" key="Gottesoffenbarung">Offenbarung</term>, Jesus <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>, denn Gottes Offenbarung ist gerade <hi rend="italic">als</hi> Offenbarung zugleich das dem Menschen <hi rend="italic">Aller</hi>verborgenste, Gottes alleinige <term type="Begriffe" key="Gott, Tat">Tat</term>.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-69"> Die <term type="Begriffe" key="Offenbarung">Offenbarung</term> löst <hi rend="italic">beide</hi> Rätsel, das Rätsel des gestirnten Himmels und das des Menschenlebens, und wer von Offenbarung weiß, dem mag dann wohl der gestirnte Himmel zum <term type="Begriffe" key="Naturgleichnis">Gleichnis</term> des Menschenlebens werden und veranschaulichen, was er doch nicht begründen kann, die Gegenwart des Einen in dem Vielen, die Gegenwart Gottes unter den Menschen. Wer da hat, dem wird gegeben werden [vgl. Lk. 19,26 par.]. Anders kann es Jakobus mit diesem Gleichnis nicht gemeint haben. <!-- ms37L --></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-70"> <pb ed="pga" xml:id="p378" rend="noPipe"/> Und <hi rend="italic">dieser</hi> Gott nun, schließt Jakobus, der das ist (V. 13)  und so an uns handelt (V. 17), er ist <hi rend="italic">unser</hi> Gott. <hi rend="italic">Durch seinen Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, damit wir sozusagen Erstlinge <hi rend="italic">seiner Geschöpfe seien</hi> [V. 18]. Ihr wisst es, liebe Brüder</hi> [V. 19a].</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-71"><pb ed="pga" xml:id="p380" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-72">Ich halte mich durch diesen Vers für gerechtfertigt, wenn ich bei der ganzen Stelle immer wieder an die Voraussetzung der <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="Begriffe" key="Offenbarung"/> oder des <hi rend="italic">Glaubens</hi><term type="Begriffe" key="Glaube"/> erinnert habe. Jakobus hat die höchsten Dinge über Gottes Wesen und Tun ausgesagt. Es würde</seg> <seg xml:id="ps-73"> Alles wenig glaub<pb ed="pga" xml:id="p382" break="no"/>würdig tönen, wenn wir diesen Abschluss nicht beständig im Auge behalten hätten. Auch Jakobus mit seinem <term type="Begriffe" key="Bußruf">Bußruf</term> <term type="Begriffe" key="Jakobus, Moralist?">moralisiert</term> nicht von unten her, auch er ist Zeuge Jesu <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christi</term>. Wenn er von Gott und vom <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> und von dem, was Gott an uns tut, [redet,] dann appelliert er fortwährend an die höchste, letzte Instanz – ihr <hi rend="italic">wisst</hi> es, geliebte Brüder!, schließt er hier in der eindringlichsten Weise. Er vollzieht aber diesen Appell, indem er an das scheinbar so Einfache erinnert, an das «Wort der Wahrheit», das sie empfangen und gehört haben. Man könnte «das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term>» hier vielleicht einfach mit <term type="Begriffe" key="Christentum">«Christentum»</term> übersetzen, so schlicht ist es gemeint. Jakobus will ja wirklich nur den <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">menschlichen</term> Rechtstitel nennen, der ihm das Anrecht gibt, sie zum Beharren aufzufordern, vor Untreue und <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term> zu warnen. Aber was <hi rend="italic">steckt</hi> hinter dieser Aufforderung und Warnung und dem, was ihm dazu das Recht gibt? Hinter der scheinbar so belanglosen Tatsache, dass da Einer und dort Einer <hi rend="italic">diese</hi> Botschaft gehört, empfangen hat?</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-74"> Der Wille <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Gottes</term> steckt dahinter, erklärt Jakobus, das Wunder der ewigen Majestät, der den Himmel zerrissen hat [vgl. Jes. 64,1], damit wir, die das gehört haben, nun nicht mehr <hi rend="italic">nur</hi> <term type="Begriffe" key="Versuchlichkeit">versuchliche</term> Menschen, <hi rend="italic">nur</hi> verlorene Atome dieser Welt, <hi rend="italic">nur</hi> Gerichtete und Getötete seien, nicht mehr <hi rend="italic">nur</hi> geschaffene Lichter, sondern nun wirklich teilhaftig der Güte und Vollkommenheit des ewigen <term type="Begriffe" key="Gott, Licht">Lichtes</term>, nun wirklich <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">Gerechtfertigte</term>, nun wirklich in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term>, nun wirklich <hi rend="italic">«Erstlinge von Gottes Geschöpfen</hi><term type="Begriffe" key="Gottes Geschöpf"/><hi rend="italic">»,</hi> sagt Jakobus, von Gottes <hi rend="italic">neuen</hi> <term type="Begriffe" key="Neue Schöpfung">Geschöpfen</term>, haben wir uns das erläutert. Es geht ein Seufzen durch die Kreatur [vgl. Röm. 8,22], ein Entbehren der Güte und Vollkommenheit des <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfers</term>, an der sie doch teilnehmen möchte. Wer das <term type="Begriffe" key="Kreuz">Kreuz</term> verstanden als das Ende und den Anfang der Wege Gottes mit dem <hi rend="italic">Menschen,</hi> der kann nicht anders, als es am Ende und Anfang <hi rend="italic">aller</hi> Gotteswege sehen. Die Schöpfung <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfung">Gottes</term> ist noch nicht erschienen, sie will aber erscheinen. Dazu sind wir Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term>, um «sozusagen» dieses Erscheinens erste Zeugen zu sein. Dazu haben wir das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> gehört. Und darum <hi rend="italic">können</hi> und <hi rend="italic">müssen</hi> wir nach V. 12 beharren. Wir können, weil Gott mit seinem <term type="Begriffe" key="Gott, Wille">Willen</term> hinter uns steht, hinter der schlichten Tatsache, dass wir von <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term></seg> <seg xml:id="ps-75"> gehört  <pb ed="pga" xml:id="p384"/> haben. Wir müssen aber auch, denn die Untreue gegen das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> wäre die gegen Gott, in dessen Hände wir schon gefallen sind [vgl. Hebr. 10,31].</seg></p>

</div>



  <div rend="right">
    <head corresp="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p319"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1928/29</head>   
    <head corresp="ps-02">Jakobus 1,12-18</head> 
<p><seg corresp="ps-03"/></p>
<p><seg corresp="ps-04"><hi rend="italic">Selig der Mann, der in der Versuchung beharrt!<lb/>  
    Denn als Bewährter<lb/>  
    wird er den Kranz des Lebens empfangen,<lb/>  
    den er denen verheißen hat, die ihn lieben.<lb/>  
    Keiner sage in der Versuchung:<lb/>  
    Von <hi rend="spaced">Gott</hi> werde ich versucht!</hi><lb/>
    <hi rend="italic">Denn Gott ist unversucht vom Bösen;<lb/>  
    <hi rend="spaced">er</hi> versucht also niemanden.<lb/>  
    Sondern jeder wird von seiner eigenen Begierde versucht,<lb/>  
    herausgelockt und geködert.<lb/>  
    Dann gebiert die schwanger gewordene Lust die Sünde,<lb/>  
    die Sünde aber, zur Reife gekommen, gebiert den Tod.<lb/>  
    Irret euch nicht, meine geliebten Brüder!<lb/>  
    Lauter <hi rend="spaced">gute</hi> Gabe und lauter vollkommenes Geschenk<lb/>
    kommt von oben herab,<lb/>  
    von dem Vater der Lichter,<lb/>  
    bei dem keine Veränderung ist und keine durch Bewegung verursachte Beschattung.<lb/>  
    Durch seinen Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit,<lb/>  
    damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.</hi><lb/><lb/><lb/></seg> </p> 

<p><seg corresp="ps-05">Wir fragen auch hier zunächst nach dem Zusammenhang. Ich halte es auch hier für geboten, eine gewisse Mittelstellung einzunehmen zwischen Auslegern wie <hi rend="italic">Hofmann</hi> und <hi rend="italic">Schlatter</hi> einerseits, <hi rend="italic">Hollmann</hi>, <hi rend="italic">Windisch</hi><ptr n="183" type="note" target="n183"/>, <hi rend="italic">Dibelius</hi><note xml:id="n184">Dibelius, Jakobus, S. 2.7 u. ö., stellt betont die gedankliche und strukturelle Inhomogenität des Jakobusbriefes heraus und konstatiert lediglich Stichwortverbindungen (S. 7-9 u. ö.).</note> andererseits. </seg>
    <seg corresp="ps-06">Die Verbindungsfä<pb ed="pga" xml:id="p321" break="no"/>den zum Vorangehenden und Nachfolgenden sind dünn und locker – das ist gegen die ersten –, sie sind aber vorhanden – das ist gegen die zweiten unter den Genannten zu sagen. So glaube ich nicht, dass <hi rend="italic">Zwingli</hi> im Recht war, wenn er V. 11 und 12 verknüpfte durch den Gedanken: Nicht der Reiche ist selig zu preisen, sondern der in mannigfachen Versuchungen Geübte und Bewährte<ptr n="185" type="note" target="n185"/>, oder <hi rend="italic">Schlatter</hi>, wenn er auf den Gegensatz zwischen dem <foreign xml:lang="el-GR">μαρανθήσεται</foreign> V. 11 und dem Kranz des Lebens V. 12 aufmerksam macht<ptr n="186" type="note" target="n186"/>. Wohl aber scheint es mir erlaubt und geboten, die Tatsache zu beachten, dass nach der Digression von V. 9-11 hier offenkundig das Thema von V. 2-8, das Stehen und Bestehen des Christen in der Versuchung wieder aufgenommen wird. Vielleicht darf man sogar so weit gehen, von dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀνὴρ ὃς ὑπομένει</foreign> V. 12 zurückzublicken auf den <foreign xml:lang="el-GR">ἀνὴρ δίψυχος</foreign> V. 8, zu dessen Schicksal und Gericht das <foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign> V. 12 dann das Gegenstück bilden würde. </seg>  </p>
    <p><seg corresp="ps-07"><pb ed="pga" xml:id="p323" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-08">  Jedenfalls aber scheint es mir unmöglich, V. 12, wie es wieder mit besonderem Nachdruck <hi rend="italic">Dibelius</hi> tut<note xml:id="n187">Dibelius, Jakobus, S. 85.</note>, als aus dem Zusammenhang auch nach vorwärts ganz herausfallenden Einzelspruch aufzufassen. Er wirkt ja zunächst zweifellos formal störend, weil er nach Inhalt und Wortlaut so starke Ähnlichkeit mit V. 2-4 zeigt. Dieser Schönheitsfehler wird aber, wie <hi rend="italic">Hauck</hi> gut gezeigt hat<note xml:id="n188">Vgl. die Gliederung Haucks und deren Begründung, S. 56.58.63, die Barth teils wörtlich übernimmt.</note>, als absichtsvolle Kunst verständlich, wenn der Vers als Kopfstück einer bis V. 18 gehenden Reihe aufzufassen ist, so, dass V. 13-18 in zwei Gängen, V. 13-15 von unten vom Menschen her, V. 16-18 <pb ed="A" n="50"/> von oben, von Gott her, das Recht der Seligpreisung V. 12 beweisen, indem sie sie schützen vor dem Irrtum, als ob Gott der Versucher und also der Mensch von Gottes wegen ein <foreign xml:lang="el-GR">ἀνήρ δίψυχος</foreign> sei. <!-- identisch_010 -->Wir<note xml:id="n189">Vgl. zum folgenden unten S. 348.</note> haben V. 2-4 verstanden als einen Aufruf zu christlichem Wollen und Tun innerhalb der Schranken des Möglichen, V. 5-8 und V. 9-11 dagegen als Gerichtsdrohungen. Unser neuer Abschnitt hebt an und endigt mit dem <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term>, mit seiner Seligpreisung und mit der Zusage, dass wir Gottes Kinder sind. Jakobus muss auch hier als Jakobus verstanden werden. Wir sehen ihn freilich gerade hier von Gedanken Gebrauch machen, die ohne Zusammenhang seines Zeugnisses mit dem des Paulus und Johannes nicht begreiflich wären. Aber er stellt sie in den Rahmen seines Zeugnisses und seines Wollens. Das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> erscheint als Erfüllung jenes Aufrufs zu christlicher Sachlichkeit und als Gegenspiel zu jenen jähen Worten des Gerichts. Es gibt eine andere Möglichkeit als die jenes Zweiflers und seines Schicksals (eine andere auch als die des Reichen, dieser verwelkenden Blume,</seg><seg corresp="ps-09"> möchte man im  <pb ed="pga" xml:id="p325"/> Blick auf die Digression V. 9-11 hinzufügen). Diese andere Möglichkeit ist die des <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangeliums</term>, des wohlbekannten <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangeliums</term>, sofern es eben seinen Bekennern nicht nur bekannt ist, sondern, vor Irrtum geschützt, in ihrem Gehorsam in Kraft steht. In dieser Stimmung und Orientierung redet Jakobus von der Seligkeit und Gotteskindschaft der Christen. Die Seligpreisung bricht rasch genug ab und an ihre Stelle tritt – die wirkliche Lage der Leser wird nicht aus dem Auge verloren – die Warnung vor dem den Gehorsam bedrohenden und damit die Seligpreisung illusorisch machenden Irrtum, und so ist auch die Zusage der <term type="Begriffe" key="Gotteskindschaft">Gotteskindschaft </term> am Schluss kein selbständiger Gedanke, sondern der letzte durchschlagende Grund zur Bekämpfung jenes Irrtums. So ist schließlich auch in diesem Abschnitt der Bußruf beherrschend: Irret euch nicht geliebte Brüder! (V. 16), aber freilich mit dem positiven Vorzeichen: Ihr braucht euch nicht zu irren, ihr braucht bloß zu sein, was ihr seid, und die Konsequenzen daraus zu ziehen, um selig zu <hi rend="italic">sein.</hi></seg> </p>

<p><seg corresp="ps-10"><hi rend="italic">«Selig der Mann, der in</hi> <pb ed="A" n="51"/> <hi rend="italic">der Versuchung beharrt»</hi>. Man darf das <foreign xml:lang="el-GR">ἀνήρ</foreign> hier nicht pointieren: er habe sich männlich gehalten oder dergleichen; es steht nach alttestamentlichen Vorbildern einfach für: der Mensch.<ptr n="192" type="note" target="n192"/> <foreign xml:lang="el-GR">Μακάριος</foreign> «deutet ein Gottesheil an, dessen sich der Mensch gegenwärtig und oft gerade wie hier im Gegensatz gegen eine alltägliche Urteilsweise getrösten darf» <hi rend="italic">(Hauck</hi><hi rend="italic">)</hi><ptr n="190" type="note" target="n190"/>. Es handelt sich natürlich nicht um einen Wunsch, sondern wie am Anfang der Bergpredigt um eine höchst kategorisch gemeinte Prädikation: <hi rend="italic">Der</hi> Mann <hi rend="italic">ist</hi> selig! Der Mann nämlich, der das tut, was V. 3-4 geschildert wurde. Aber warum ist er selig? Nach V. 4 könnten wir erwarten: weil und sofern die <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign> das menschlich vollkommene Werk mit sich bringt. Aber diesmal steigt Jakobus in der Begriffsreihe V. 2-4 nicht aufwärts, sondern abwärts, greift er also zurück auf das, was er dort als den Anfang der <foreign xml:lang="el-GR">ὑπομονή</foreign> beschrieben, und antwortet: <hi rend="italic">«Denn als Bewährter wird er den Kranz des Lebens empfangen»</hi>,</seg><seg corresp="ps-11"> nur dass jetzt als  <pb ed="pga" xml:id="p327"/> das, was sich bewährt hat, nicht der Glaube, sondern der Mensch selber genannt wird.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-12">Aber hier wie dort wird die Lage des Menschen so verstanden, dass er im Falle ist, einem ihm Gegebenen treu zu bleiben, in Konsequenz einer Voraussetzung nach Menschenmöglichkeit zu handeln. Und hier wie dort ist dieses Treubleiben, dieses konsequente Handeln der <hi rend="italic">Erkenntnis</hi>grund dort: des Freuet euch! hier: des Selig ist der Mann! Göttliches und menschliches Handeln erscheinen bei Jakobus als Parallelen, die aufs Strengste und Intimste auf einander bezogen sind, die sich aber nicht schneiden. Die Meinung ist also nicht etwa die: <hi rend="italic">weil</hi> er sich bewährt, empfängt er <hi rend="italic">(Bardenhewer</hi><note xml:id="n193"> Bardenhewer, S. 40.</note><hi rend="italic">)</hi> und ist darum selig zu preisen, sondern wie es dasteht: er ist selig zu preisen, weil er als Bewährter <hi rend="italic">empfängt</hi>, ohne dass die zwei letzten Glieder kausal miteinander verbunden wären.</seg>  </p>
<p><seg corresp="ps-13"><pb ed="pga" xml:id="p329" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-14"> Es ist ja der «Kranz des Lebens», den der sich Bewährende empfängt. <foreign xml:lang="el-GR">Ζωῆς</foreign> steht appositionell zu <foreign xml:lang="el-GR">στέφανος</foreign>, das Leben, das ewige Leben natürlich ist selbst der Kranz, mit dem der Bewährte gekrönt wird. Es <pb ed="A" n="52"/> ist also der «Endlohn» <hi rend="italic">(Hauck</hi><note xml:id="n196">Hauck, S. 57.</note><hi rend="italic">)</hi>, von dem die Rede ist. Mt. 10,22 ist die genaue Parallele: «Wer beharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden», und bis auf den Ausdruck genau Apk. 2,10: «Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir den Kranz des Lebens geben». Wo in den gleichzeitigen Mysterienreligionen<note xml:id="n197">Vgl. Dibelius, Jakobus, S. 86.</note> die Vergottung des Eingeweihten anschaulich und greifbar vollzogen wird in der Bekleidung des Mysten mit dem Gewande seines Gottes, da setzt das Neue Testament dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἔσχατον</foreign>, den Kranz, der in der Zeit Verheißung bleibt, den überschwänglichen Lohn, der auch als Lohn freie Gabe bleibt. Aber dieses Eschatons zeitliche Entsprechung</seg> <seg corresp="ps-15"> ist eben die Bewährung.  <pb ed="pga" xml:id="p331"/> Seine Entsprechung, nicht seine Ursache. Daran ändert auch der Zusatz nichts: <hi rend="italic">«den er denen verheißen hat, die ihn lieben.»</hi> Wer der ist, der verheißt und der geliebt werden soll, wird nicht ausdrücklich gesagt. <foreign xml:lang="el-GR">Ὁ θεός</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">ὁ κύριος</foreign> haben darum manche Handschriften ergänzt<ptr n="198" type="note" target="n198"/> und die Vulgata: Deus. Es gehört zum Stil des Jakobus, und es ist kein schlechter Stil, dass er mit dem höchsten Namen sparsam umgeht. Nach einer alttestamentlichen Belegstelle für diese Verheißung oder nach einem Agraphon Jesu wird man hier nicht fragen dürfen. Diese Verheißung bedarf keines Beleges, und <hi rend="italic">Schlatter</hi> hat wohl recht, wenn er einfach auf die Auferstehung Jesu verweist<ptr n="199" type="note" target="n199"/>, die in diesem Zusammenhang der ersten Christenheit Alles sagte. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-16">«Denen die ihn lieben». <hi rend="italic">Calvin</hi><note xml:id="n200">Vgl. zum folgenden oben S. 326.</note> hatte nicht nur dogmatisch, sondern auch exegetisch recht, wenn er dazu bemerkte: «non asserit dilectionem hominis esse causam (praevenit enim nos Deus suo amore) sed tantum significat eos demum approbari Dei electos, qui ipsum diligunt».<ptr n="195" type="note" target="n195"/> Denn wenn irgend ein menschliches Tun in keinem kontinuierlichen, kausalen Verhältnis steht zu dem, was Gott am Menschen tut, dann sicher das, was Dtn. 6,5 als Grundpflicht des Israeliten Gott gegenüber aufgestellt ist, was Paulus 1.Kor. 12,31 als die <foreign xml:lang="el-GR">καθ’ ὑπερβολὴν ὁδόν</foreign> oder 1.Kor. 2,9 als Tun der Menschen, denen Gott bereitet habe, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz gekommen ist, oder <pb ed="A" n="53"/> 1.Kor. 8,3 als das, was menschlicherseits geschieht, wenn der Mensch von Gott erkannt ist, oder Röm. 8,28 als das, was diejenigen auszeichnet, denen alle Dinge zum Besten dienen. Jakobus rechnet nach seiner ganzen Art sehr nüchtern damit, dass Menschen dieses – wenn wir von den paulinischen Stellen herkommen so unerhörte – tun: Gott <term type="Begriffe" key="Gott, Liebe">lieben</term>. Er sollte aber vor dem von <hi rend="italic">Calvin</hi> abgewehrten Missverständnis, als ob hier menschliches Tun das göttliche bedingte, schon dadurch geschützt sein, dass er den ihm zuteil werdenden Lohn eben als <foreign xml:lang="el-GR">ἔσχατον</foreign> und als <hi rend="italic">verheißenen</hi> Lohn charakterisiert hat. Wir gehen zum synthetischen Verständnis des Verses wohl am Besten gerade von</seg><seg corresp="ps-17"> diesem Schluss aus.  <pb ed="pga" xml:id="p333"/> Jakobus wagt es in der Tat, damit zu rechnen, dass es Menschen gibt, die Gott lieben. Das ist das eigentlich Evangelische, die frohe Botschaft in dieser Stelle. Es ist dasselbe Wunder, auf das er nachher [V. 18] verweist, wenn er sagt, dass wir durch Gottes Wohlgefallen durch das Wort der Wahrheit Gezeugte sind. Dass Gott uns für seine Kinder hält und dass wir Gott lieben, damit kann nur in Christus gerechnet werden, wie es hier geschieht. Indem Jakobus das tut, nennt er diese Menschen Besitzer einer <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term>. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir denken an das Bild Abrahams, wie Paulus es in der Genesis gefunden hat [vgl. Röm. 4; Gal. 3,6-9]: Der Freund Gottes ist ein <term type="Begriffe" key="Verheißungsträger">Verheißungsträger</term>, das muss ihm genug sein, aber daran hat er die Fülle. Seiner wartet der Kranz, das ewige <term type="Begriffe" key="Leben(, das ewige)">Leben</term>, der überschwängliche Lohn, der seinem Begriff nach in der Zeit nur verheißen sein, nur in der Verheißung besessen werden kann. |<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg corresp="ps-18">V. 12 <foreign xml:lang="el-GR">λήμψεται τὸν στέφανον τῆς ζωῆς</foreign>. Hörte das <hi rend="italic">Warten</hi> auf, gäbe es hier ein anderes Besitzen als eben das in der <hi rend="italic">Verheißung</hi><term type="Begriffe" key="Verheißung"/>, dann würde das bedeuten, dass die Zeit aufgehört hätte. In der Zeit das ewige <term type="Begriffe" key="Leben(, das ewige)">Leben</term> haben, wie es bei Johannes [3,16.36; 5,24; 6,54] heißt, heißt des ewigen Lebens warten, nicht wie irgendwelche Menschen auf irgend etwas warten, sondern wie solche, die Gottes <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> haben, auf deren Erfüllung warten. Solche Habende sind die, die Gott lieben. «Er <hi rend="italic">wird</hi> empfangen», sagt Jakobus wie Paulus, wenn er <hi rend="italic">davon</hi> redet. Die Gegenwart, <pb ed="A" n="54"/> auf die dieses Futurum hinzeigt, ist keine zeitliche, sondern die ewige Gegenwart. Eben darum und insofern ist der, von dem das gilt, selig zu preisen. Die Seligkeit als in der Zeit möglicher und wirklicher Besitz besteht eben in dem Besitz der ewigen <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term>. Als der, der den Kranz empfanden <hi rend="italic">wird, ist</hi> er selig. «In Hoffnung <hi rend="italic">seid</hi> ihr - aber eben: in <hi rend="italic">Hoffnung</hi> seid ihr gerettet» oder selig, wie Luther übersetzt hat (Röm. 8,24). Und daran erkennt man einen solchen Menschen, erkennt man den, der den Kranz empfangen wird und deshalb selig zu preisen ist – daran, dass er sich bewährt. Nicht etwa: weil er sich bewährt, wird er empfangen – kein Wort davon steht da. Wollte man hier nach der Ursache fragen, so müsste man danach fragen, wie er denn dazu kommt, Gott zu lieben, ein durch das Wort der Wahrheit Gezeugter zu sein. Jakobus greift auch hier nicht auf diese letzte Frage zurück, er rechnet von ihrer Antwort aus und also damit, dass es Menschen gibt, zwischen denen und Gott jenes Letzte Unerhörte</seg><seg corresp="ps-19"> Ereignis ist und  <pb ed="pga" xml:id="p335"/> denen nun nur das zugerufen werden muss, dass sie sich als solche bewähren, dass sie als solche, die aus dem <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἀληθείας</foreign> Gezeugte [sind], existieren sollen. Das geschieht, indem sie in der Versuchung <hi rend="italic">beharren</hi>. Er wird später sagen: dass sie Täter des Wortes sind, 1,22, dass sie nicht vergessen, dass sie solche sind, die in das vollkommene Gesetz der Freiheit hineingesehen haben, 1,25, dass ihr Glaube nicht ohne Werke sein kann, 2,14ff. Es handelt sich immer um dasselbe. Jakobus rechnet einerseits mit dem Unmöglichen, das zwischen Gott und den Menschen Ereignis geworden ist, aber auch mit der Möglichkeit, dass ihnen das gesagt ist und dass sie es gehört haben und dass man sie darauf anreden kann, anreden kann als solche, von denen zu erwarten ist, dass sie auch in der Versuchung bei der durch das Gesagte und Gehörte bestimmten Linie beharren werden. Von Überwindung, von Besiegung der Versuchung und dergleichen ist nicht die Rede. Es gibt aber ein Beharren auch in der übermächtigen Versuchung, ein Beharren, das auch durch menschliches Unterliegen hindurch darum Beharren <pb ed="A" n="55"/> ist, weil der Mensch es nicht aufgegeben hat, sich durch das Wort, aus dem er gezeugt ist, <hi rend="italic">bewegen</hi> zu lassen. Ob zu großen sichtbaren oder zu kleinen unsichtbaren Taten, darauf kommt es nicht an. Nicht das große sichtbare Werk ist gefordert, sondern das Werk als solches, das Verharren in der Bewegung durch das Wort. <hi rend="italic">Den</hi> Menschen, bei dem das geschieht, stellt er wie einen aus dem Feuer geretteten Brand [Sach. 3,2; vgl. Am. 4,11] dem <hi rend="italic">Andern</hi> gegenüber, der nicht in seiner Bewegung durch das Wort, sondern in seiner eigenen Bewegung verharrt und eben darum in der Versuchung ein Unseliger ist, wie V. 7-8 beschrieben. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-20">V. 13a bringt den schon formulierten Einwand in scharfer Ablehnung zur Sprache: <hi rend="italic">«Niemand sage in der Versuchung. Von Gott werde ich versucht!»</hi> Ich sehe keinen Grund, bei dem nun in den Mittelpunkt tretenden Begriff der Versuchung mit den meisten Exegeten einen an dieser Stelle eintretenden Bedeutungswechsel anzunehmen.<ptr n="201" type="note" target="n201"/> Bis dahin sei nur von der Anfechtung durch Verfolgung und Leiden die Rede gewesen, von jetzt an von der Versuchung zum Bösen. Aber auch in V. 2 und 12 war mit der allgemeinen und umfassenden Deutung: «Anlass zum Abfall von Gott» durchzukommen</seg><seg corresp="ps-21"> (war doch V. 2  <pb ed="pga" xml:id="p337"/> ausdrücklich von «mancherlei Versuchung» die Rede), und wenn nun in V. 13f. das Entstehen der Versuchung im Menschen selbst so nachdrücklich unterstrichen wird, so ist damit noch nicht gesagt, dass dabei an von außen kommende Anlässe zur Übertretung nicht gedacht werden dürfe. Versuchung zum Bösen ist offenbar auch die Versuchung durch Leiden und Verfolgung, sofern sie eben Versuchung ist.</seg>  </p>

<p> <seg corresp="ps-22"/></p>

<p><seg corresp="ps-23">Der Sinn des besprochenen Einwandes ist offenbar der: nicht <hi rend="italic">ich</hi> bin verantwortlich dafür, wenn ich den Anlass benütze, in die Versuchung herein- und also von Gott abfalle in Leid oder Freude. Sondern als eine objektive Notwendigkeit, als Gottes eigener Wille tritt dieser Anlass mir entgegen, und so bin ich geliefert, indem er da ist; denn wer könnte Gott widerstehen? An die Erklärung von V. 12 anknüpfend könnten wir sagen: der Mensch beharrt darum in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, nicht in der Bewegung durch das Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term>, durch <pb ed="A" n="56"/> das er gezeugt ist, weil er die gewiss entlastende, entspannende Entdeckung gemacht hat, dass ja der drohende Feind da drüben selbst kein Anderer als Gott ist. Er fühlt sich daraufhin, wenn nicht gerechtfertigt, so doch jedenfalls entschuldigt, wenn er den Kampf aufgibt oder nur lässig führt, wenn er sich nicht mehr oder nur noch teilweise durch das ihm Gesagte und von ihm Gehörte, sondern ganz oder doch teilweise durch den in seinem Schicksal entdeckten Gotteswillen leiten lässt. Es liegt ein gewisses Entsetzen in der Abwehr, in der Jakobus dieses Gedankens Erwähnung tut: Niemand sage das! Niemand von denen, die wirklich die <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> empfangen haben, die wirklich Gott lieben V. 12. Die Teilnahme an der Verheißung,</seg><seg corresp="ps-24">  das Stehen in der Liebe zu  <pb ed="pga" xml:id="p339"/> Gott hängt am Bleiben bei dem uns Gesagten und von uns Gehörten. Das Wort der Wahrheit hat uns das nicht gesagt! Jakobus begründet diese Abwehr zunächst einfach mit der Gegenbehauptung V. 13b: <hi rend="italic">«Denn Gott ist unversucht vom Bösen, er versucht also niemanden»</hi>.</seg>  </p>

<p><seg corresp="ps-25"/></p>

<p><seg corresp="ps-26"><hi rend="italic">Zwingli</hi> und <hi rend="italic">Calvin</hi> haben sich bei der Auslegung dieser Stelle wie die Löwen für ein Doppeltes gewehrt, 1. dafür, dass an der providentia Dei, an dem Gedanken, dass Alles durch Gott geschehe, nicht gerüttelt werden dürfe; 2. dafür, dass Gott unter keinen Umständen als auctor malorum in Anspruch genommen werden dürfe.<ptr n="203" type="note" target="n203"/> Man sieht auf den ersten Blick, dass nur ihr zweiter Satz hier textgemäß, der erste aber von Jakobus weder aufgestellt noch bestritten worden ist. Auch nicht bestritten! Aber Jakobus ist nun einmal nicht Pauliner. Er hat für die mögliche Dialektik jener beiden Sätze weder Bedürfnis noch Sinn gehabt. Er schüttelt den euripideischen Gedanken: Die Versuchung das Werk der Gottheit!<ptr n="204" type="note" target="n204"/> einfach ab, wie etwas Dekadentes, Perverses, Faules. Aber wir erinnern uns, dass auch Paulus und den Paulinern im entscheidenden Augenblick jeweils nichts Anderes übrig bleibt als eben diese Geste (Röm. 3,4; 6,1.15). Und eben, wir stellen fest: dass jener erste an seinem Ort unentbehrliche, mit dem zweiten, freilich nur dialektisch zu verknüpfende Satz von dem Eindeutigkeit <pb ed="A" n="57"/> liebenden Jakobus jedenfalls auch nicht bestritten worden ist. Der Gedanke dieser zweiten Vershälfte scheint der zu sein: Ein Verführer hat Freude am Verführen, weil er selber ein </seg> <seg corresp="ps-27">  Verführter ist.  <pb ed="pga" xml:id="p341"/> «Solamen miseris socios habuisse malorum.»<ptr n="206" type="note" target="n206"/> Gott ist aber kein Verführter wie wir, also kommt er auch als Verführer nicht in Betracht. Wer von Gott redet, der soll eben wissen, dass er von <hi rend="italic">Gott</hi> redet, und darum – vom auctor omnium? Ja, würde wohl, wenn gefragt, auch Jakobus geantwortet haben. Aber darum nun nicht notwendig, auch logisch nicht notwendig: vom auctor mali. Das Böse als Böses, als der <hi rend="italic">gebrochene</hi> Strahl des göttlich Guten im Prisma menschlichen Tuns – und welcher göttliche Lichtstrahl erschiene in diesem Prisma etwa nicht gebrochen? – es hat nicht Gott zum Urheber. Dazu wird, was <hi rend="italic">Gott</hi> tut, – und warum sollte nicht auch Jakobus sagen können, dass Gott Alles tut? – nur bei <hi rend="italic">uns</hi>. In uns selbst, im Rätsel des Menschen, nein, im Rätsel unserer eigenen Existenz haben wir die Antwort zu suchen auf die Frage, warum uns dieser und jener Anlass zum Anlass des Abfalls wird.</seg></p> 

<p><seg corresp="ps-28"/></p>
<p><seg corresp="ps-29"><pb ed="pga" xml:id="p343" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-30"/></p>
<p><seg corresp="ps-31"><pb ed="pga" xml:id="p345" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-32"><pb ed="pga" xml:id="p347" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-33"><pb ed="pga" xml:id="p349" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-34"/></p>
<p><seg corresp="ps-35"><pb ed="pga" xml:id="p351" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-36"><pb ed="pga" xml:id="p353" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-37"><pb ed="pga" xml:id="p355" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-38"/></p>
<p><seg corresp="ps-39"><pb ed="pga" xml:id="p357" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-40"/></p>
<p><seg corresp="ps-41"><pb ed="pga" xml:id="p359" rend="noPipe"/></seg></p>



<p><seg corresp="ps-42"> Die scheinbare bloße Behauptung, in der in der zweiten Vershälfte der in der ersten namhaft gemachte Einwand abgefertigt wird, ist doch schon voller Begründung: Von Gott und von der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>, von dem sich uns darbietenden Anlass, von Gott abzufallen, kann man eben nicht in einem Atemzug reden, auch nicht unter dem Gesichtspunkt der Allmacht <term type="Begriffe" key="Gottes Allmacht">Gottes</term>. Der Gegensatz, die Wechselwirkung von Gut und Böse ist bezeichnend für uns selber, für die Welt des Sündenfalls, für den Gott <hi rend="italic">dieser</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Welt">Welt</term>. Sobald wir diesen Gegensatz auch in Gott hineintragen, haben wir eben nicht mehr <hi rend="italic">Gott</hi> vor Augen, sondern ein Spiegelbild unseres eigenen Wesens. Darum ist jener Einwand töricht und unmöglich.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-43"><pb ed="pga" xml:id="p361" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-44">Das Interesse der Ausleger hat sich bei dieser Stelle von jeher auf die Frage gerichtet, wie sich das, was hier gesagt wird, mit der sechsten Bitte des Unservaters vereinigen lasse [vgl. Mt. 6,13; Lk. 11,4]. Ich würde dazu sagen, dass das «Führe uns nicht in Versuchung!» auf keinen Fall die Aussage enthält: «Gott führt in Versuchung», sondern eben wirklich als Gebetswort verstanden werden muss. Im Gebet sucht der Mensch den Weg von dem falschen Gott dieser Welt, <pb ed="A" n="58"/> dem auctor mali, hinter dessen Bild der lebendige Gott für uns so leicht sich verbergen kann, zu eben diesem lebendigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erde<ptr n="221" type="note" target="n221"/>, dem Gott, der in der Tat, wie er unversuchbar und unversucht ist, niemanden versucht, dessen Tun rein ist, von dem, wie es nachher heißt, nur gute Gabe und vollkommenes Geschenk kommt (V. 17). Wie <hi rend="italic">Luther</hi> im Kleinen Katechismus schreibt: «Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott wollt behüten und erhalten, auf dass uns der <hi rend="italic">Teufel</hi>, die <hi rend="italic">Welt</hi> und unser <hi rend="italic">Fleisch</hi> nicht betrüge und verführe in Missglauben, Verzweifeln und ander große Schande und Laster, und ob wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten» (E.A. 21,16).<ptr n="222" type="note" target="n222"/> Die Aussage des Jakobus <hi rend="italic">bekommt</hi> ihre </seg><seg corresp="ps-45"> Wahrheit für uns  <pb ed="pga" xml:id="p363"/> im Gebet der sechsten Bitte. Und wiederum kann die Hiobsfrage an Gott: Wer bist du?, ohne welche die sechste Bitte kein wirkliches Gebet wäre, nicht sein ohne Voraussetzung der Antwort, wie sie eben in der Aussage des Jakobus gegeben ist. Das Beharren des Menschen in der Versuchung, das will Jakobus in V. 13 sagen, ist sinnvoll, weil auch Gott treu ist, weil in ihm, bei dessen Wort der Mensch beharren soll, keine Versuchung ist, weil auch der den Ungeheuern erliegende Antonius in der Wüste<ptr n="223" type="note" target="n223"/>, indem er beharrt, Gott auf seiner Seite hat. Aber woher dann die Versuchung? Und nun ist es wieder bezeichnend für die ganze Richtung des Jakobus, dass er bei der positiven Beantwortung dieser Frage, nachdem er mit der negativen Gott gegeben, was Gottes ist [Mt. 22,21], sofort wieder dem konkreten Menschen und seiner Lage sich zuwendet. Im Blick auf sie vollzieht sich seine entscheidende Abwehr jenes Einwurfes V. 14-16: <hi rend="italic">«Ein jeder wird so versucht, dass er von seiner eigenen Lust herausgelockt und geködert wird. Und dann gebiert die schwanger gewordene Lust die Sünde, die Sünde aber zur Reife gekommen, gebiert den Tod. Irrt euch nicht, meine geliebten Brüder».</hi> Also: da handelt die <foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign>, die Begierde, die Lust im Menschen, da wo er Anlass empfängt und Anlass nimmt, von Gott abzufallen. Der Begriff <foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign> <pb ed="A" n="59"/> ist nicht neutral gebraucht. Sie ist nicht nur die menschliche Natur in ihrer ganzen Zweideutigkeit oder die Libido der Psychanalytiker. Es ist die Lust, die die Sünde gebiert, es ist also schon bestimmt die böse Lust, die gemeint ist. Aber nicht darauf liegt der Nachdruck, dass sie böse, sondern dass sie des Menschen, und zwar <hi rend="italic">eines jeden</hi> Menschen <hi rend="italic">eigene</hi> Lust ist.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-46">Der Mensch <hi rend="italic">steht</hi> eben in dem Gegensatz, in dem nach V. 13 Gott nicht steht, in der Wechselwirkung der erlittenen und selbst ausgeübten Versuchung. Man muss zunächst diesen Kontrast sehen als allgemeinen Sinn unserer Stelle im Gegensatz zu V. 13b: den Kontrast zwischen dem reinen göttlichen Licht und den gebrochenen Strahlen, die im Prisma der Menschenwelt daraus geworden sind. Dann aber, und das ist fast noch wichtiger: Die Menschenwelt, die da mit Gott kontrastiert wird, ist nicht ein Allgemeines, Ganzes,</seg><seg corresp="ps-47"> dem man sich  <pb ed="pga" xml:id="p365"/> allenfalls, auch wenn man sich zu ihm gehörig weiß, betrachtend gegenüberstellen kann, sondern eben «ein jeder», der Einzelne in seiner Existenz. Wenn Paulus Röm. 5,12ff. von Adam redet, durch dessen Sünde die Sünde in die Welt kam, so meint er natürlich auch den Einzelnen, gerade den Einzelnen in seiner Existenz, auf die er ihn verweist, indem er ihn auf den Protoplasten verweist. Diese Verkündigung al fresco konnte und kann aber bekanntlich missverstanden und missbraucht werden zu einer bequemen mythologischen Vernünftelei über den Ursprung des Bösen, bei der der Mensch gerade das vergisst, dass von seiner eigenen Existenz die Rede ist, wenn von Adam die Rede ist, und zum müßigen Zuschauer eines fernen Unheilsvorgangs wird. </seg></p>
 <p>   <seg corresp="ps-48">Derselben Gefahr ist bekanntlich auch der wahrhaftig existentiell gemeinte Gedanke vom Satan als der Quelle des Bösen ausgesetzt. Jakobus scheint es mit einer Christenheit zu tun zu haben, die von dieser Gefahr tatsächlich bedroht war. Und darum redet er weder von Adam (obwohl seine Beschreibung der <foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign> nach Ort und Art aufs Genaueste zusammentrifft mit dem, was das an Paulus orientierte kirchliche Dogma unter dem Namen der <hi rend="italic">concupiscentia</hi> als das Wesen eben der aller bösen Einzeltat vorangehenden und zu Grunde liegenden Sünde unserer Existenz, d. h. eben der <hi rend="italic">Erb</hi>sünde beschrieben hat<note xml:id="n224">Vgl. Confessio Augustana II, BSLK, 53, 1-20.</note>) noch vom Teufel (obwohl er nach 3,15 und 4,7 jedenfalls das sehr wohl schon hier hätte tun können), sondern er appliziert die christliche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Bösen <pb ed="A" n="60"/> direkt und ausschließlich ad hominem: Du bist der Mann [vgl. 2.Sam. 12,7]! Du bist nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt der Versuchung. Und das, nicht dass die Begierde böse, sondern dass sie <hi rend="italic">eines jeden eigene</hi> Begierde ist, ist nun auch als der Sinn des psychologischen Nachweises, der den Inhalt von V. 14-15 ausmacht, anzusehen. Gott versucht niemanden. Darum wird jetzt, als ob kein Gott wäre, davon geredet, wie es bei der Versuchung zugeht. Darum wird jetzt exklusiv vom Menschen geredet. Nicht mit einem selbständigen Interesse an dem menschlichen, allzu menschlichen </seg><seg corresp="ps-49"> Vorgang als sol<pb ed="pga" xml:id="p367" break="no"/>chem, sondern in der Absicht zu zeigen: das ist ein <hi rend="italic">menschliche</hi>r, rebus sic stantibus <hi rend="italic">der</hi> menschliche Vorgang. Du wirst von der Lust «geködert und herausgelockt», wie ein Fisch oder ein Jagdtier. Du wirst verführt, d. h. dahin geführt, wohin du nicht gehen solltest. Es kommt über dich. Jawohl: Es! Aber dieses <hi rend="italic">Es</hi> ist nicht <hi rend="italic">Gott</hi>, auch keine äußere kosmische Notwendigkeit. Auch von Adam und vom Teufel soll nun also nicht die Rede sein. «Es» ist, das will Jakobus einschärfen, deine eigene, eines jeden eigene Lust. Du hast sie, du empfindest sie, du gibst ihr Recht, du willst, was sie will. Jawohl, du bist versucht, aber du bist selbst dein Versucher.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-50">In V. 15 verschiebt sich das Bild. Nun ist die Sünde das Kind, das zur Welt kommt und zwar die Tochter, die alsbald selber wieder Mutter wird und den Tod gebiert. <hi rend="italic">Dibelius</hi> hat recht, wenn er davor warnt, das Interesse des Jakobus etwa in der Aufstellung der Genealogie <foreign xml:lang="el-GR">ἐπιθυμία</foreign> – <foreign xml:lang="el-GR">ἁμαρτία</foreign> – <foreign xml:lang="el-GR">θάνατος</foreign> zu suchen, auch wenn er hier tatsächlich in den Bahnen eines damals beliebten Gedankenganges gedacht haben sollte. Jakobus will bei dieser Kette «vor dem ersten Glied mit Hinweis auf das letzte warnen: hüte dich vor der Begierde, denn sie führt letztlich in den Tod!»<note xml:id="n226">Vgl. Dibelius, Jakobus, S. 91.</note> Wobei doch die Pointe der Warnung vor der <term type="Begriffe" key="Begierde">Begierde</term> besteht in der Warnung des Menschen vor sich selber. Die <term type="Begriffe" key="Sünde">Sünde</term>, die die Mutter des Todes ist, ist eben das Kind meiner eigenen <hi rend="italic">Begierde,</hi> warum sollten wir nicht sagen – es ist sicher die Meinung des Jakobus –: sie ist <hi rend="italic">mein</hi> Kind?</seg></p> 

<p><seg corresp="ps-51"/></p>
<p><seg corresp="ps-52"><pb ed="pga" xml:id="p369" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-53">Fängt diese positive Beantwortung der Frage nach dem Woher? der Versuchung an mit dem befremdeten Seufzer über die unheimlich den Menschen bedrängende Macht des Bösen, so endigt sie mit der Einsicht, <pb ed="A" n="61"/> dass diese Macht nicht wäre, wenn der <hi rend="italic">Mensch</hi> nicht wäre. Er ist böse. Das ist die christliche Antwort auf jene Frage. So redet der Glaube auf Grund der Offenbarung wie vorher über Gott, so jetzt über den Menschen.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-54">Nur in der zwingenden Gegenwart Gottes kann der Mensch sich selbst böse nennen, kann er sich selbst preisgeben. Nur in einem Atemzug mit der Verherrlichung Gottes kann ich von mir sagen, dass das, was ich hervorbringe, die Sünde und schließlich der Tod ist.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-55">Ich kann aber Gott nicht die Ehre geben, ohne von mir selbst eben das zu sagen, ohne Gott schrankenlos und unbedingt Recht, mir selbst aber Unrecht zu geben.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-56">V. 16 ruft auf zur Erkenntnis der eben ausgesprochenen Wahrheit. Die Wahrheit, die mit der Tatsache, dass der Mensch als sein eigener Versucher in Versuchung steht, gegeben ist, ist die Gerechtigkeit Gottes. Von ihr sollen wir nicht abschweifen, ruft Jakobus uns zu. </seg><seg corresp="ps-57"> Um sie  <pb ed="pga" xml:id="p371"/> sollen wir uns sammeln, an sie uns halten, und wenn wir damit unser eigenes Todesurteil unterzeichnen würden. Dann und damit wird der Weg frei zu der andern Erkenntnis V. 17: <hi rend="italic">«Lauter gute Gabe und lauter vollkommenes Geschenk kommt von oben herab von dem Va</hi>- ­<hi rend="italic">ter der Lichter bei dem keine Veränderung ist und keine durch Bewegung verursachte Beschattung»</hi>. </seg></p>

<p><seg corresp="ps-58"> <!-- identisch_011 -->V. 17a<note xml:id="n228">Vgl. zum folgenden oben S. 342.</note> scheint es sich, wenn kein Zufall vorliegt, um das Zitat eines (nicht ganz einwandfreien!) Hexameters <foreign xml:lang="el-GR">πᾶσα δόσις ἀγαθὴ καὶ πᾶν δώρημα τέλειον</foreign> zu handeln.<ptr n="208" type="note" target="n208"/> <foreign xml:lang="el-GR">Πᾶσα</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">πᾶν</foreign> ist, wie es auch mit dem Sinn dieses unbekannten Zitates stehen möge, wie V. 2 in diesem Zusammenhang mit «lauter» zu übersetzen, sodass der Hauptton des</seg> <seg corresp="ps-59">Satzes V. 17a auf «gute» und «vollkommenes», der Nebenton auf <foreign xml:lang="el-GR">ἄνω­θέν ἐστιν καταβαῖνον</foreign> fällt, <foreign xml:lang="el-GR">πᾶσα</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">πᾶν</foreign> dagegen unbetont bleiben.</seg> </p>

<p> <seg corresp="ps-60">Ich bin bei der Übersetzung von V. 17b vom gewöhnlichen Text ausgegangen: der Genitiv <foreign xml:lang="el-GR">τροπῆς</foreign> ist dabei irgendwie adjektivisch zu verstehen, «verändernde» oder eben: durch Veränderung, durch Wechsel, durch Bewegung verursachte Beschattung. Neben dieser gewöhnlichen Lesart kommt <pb ed="A" n="62"/> eine zweite in Betracht: <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγὴ ἢ τροπῆς ἀποσκι<hi rend="italic">άσματος</hi></foreign>, die aber nur übersetzbar wird, wenn man konjiziert: <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγὴ τροπῆς <hi rend="italic">ἢ</hi> ἀποσκιάσματος</foreign> oder: <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγὴ <hi rend="italic">ἢ</hi> τροπῆς <hi rend="italic">ἢ</hi> ἀποσκιάσματος</foreign>.<note xml:id="n229">Siehe die Erörterung des Handschriftenbefundes bei Dibelius, Jakobus, S. 97f.</note> Nach der ersten Lesart stünden <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγή</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">τροπῆς ἀποσκίασμα</foreign> nebeneinander als Ausdruck desselben Gedankens: der Veränderlichkeit, der die Gestirne unterworfen sind. Nach der zweiten wäre <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγή</foreign> der Oberbegriff in dem <foreign xml:lang="el-GR">τροπή</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">ἀποσκίασμα</foreign> genitivisch eingeschlossen wären. So ergibt sich ­bei beiden Lesarten ganz klar, dass der Sinn der Bezeichnung Gottes ­als des Vaters der Lichter nicht der ist, dass etwa sein</seg><seg corresp="ps-61">  Wesen als Licht  <pb ed="pga" xml:id="p373"/> ­bezeichnet werden soll <hi rend="italic">(Windisch</hi><hi rend="italic">)</hi><note xml:id="n230">Barth übernimmt die Kritik von Dibelius, Jakobus, S. 98, die sich u. a. gegen Windisch, S. 8f. richtet.</note>, sondern die Entgegensetzung seines Wesens als des <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfers</term> von dem der Gestirne als seiner Geschöpfe: er ist im Gegensatz zu jenen <hi rend="italic">unveränderlich</hi>. Der Verfasser hat ja V. 12 gesagt: was von oben, von Gott kommt, das ist ausschließlich gut. Die Abweisung des Gedankens: «von Gott werde ich versucht» V. 13 soll ja jetzt auf der zweiten Linie, von Gott her durchgeführt und begründet werden. Das geschieht, indem auf seine Unwandelbarkeit, seine Einheit mit sich selbst hingewiesen wird, im Gegensatz zu der Veränderlichkeit, der sich seine «Kinder», die Gestirne des Himmels unterworfen zeigen. Es<note xml:id="n231"> Vgl. zum folgenden oben S. 344.</note> ist <hi rend="italic">Zwingli</hi>, der in der Deutung von V. 17b das Richtige getroffen haben dürfte, wenn er sagt: «<foreign xml:lang="lat">ubi</foreign> <term type="griechisch" key="ἀποσκίασμα"><foreign xml:lang="el-GR">ἀποσκίασμα</foreign></term> <foreign xml:lang="lat">est, non</foreign> <term type="griechisch" key="ἀποτέλεσμα"><foreign xml:lang="el-GR">ἀποτέλεσμα</foreign></term>. ... <foreign xml:lang="lat">Est in rebus creatis omnibus, quae verae istius lucis vestigia et umbrae quaedam sunt, nihil solidum, nihil constans, nihilque perfectum</foreign>».<ptr n="212" type="note" target="n212"/> Das geschaffene <term type="Begriffe" key="Licht, geschaffenes">Licht</term> weist in seiner Unvollkommenheit zurück auf die Vollkommenheit des <term type="Begriffe" key="Licht, ungeschaffenes">ungeschaffenen</term>. «Das Alles hat keine Ähnlichkeit in Gott» (<hi rend="italic">Schlatter</hi>)<ptr n="213" type="note" target="n213"/>, via negativa<ptr n="214" type="note" target="n214"/> nur können wir den Schöpfer aus den Geschöpfen erkennen. «Gott ist Licht, und Finsternis in ihm gibt es keine» (1.Joh. 1,5).</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-62">V. 17 ist nicht gleichbedeutend mit V. 13b: dass Gott nicht versucht werde, noch versuche. Wir sollen nicht nur wissen, wer und was Gott ist, sondern wie wir mit ihm dran sind, wie er an uns handelt. Daran hängt die Möglichkeit nach V. 12 <pb ed="A" n="63"/> mitten in der unvermeidlichen Versuchung, in der wir stehen, der Versuchung doch nicht recht zu geben.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-63"><pb ed="pga" xml:id="p375" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-64">Gottes Beziehung zu uns ist unzweideutig, ohne Vorbehalt, ohne Beimischung anderer Möglichkeiten, ein rundes volles Ja, das der zu uns spricht, der von keiner Versuchung weiß, zu uns, die wir nach V. 14-15 ganz und gar Objekt sowohl wie Subjekt der Versuchung sind. Von einem Gott, den wir uns etwa nach Analogie der Welt, der Natur, der Geschichte, des Schicksals gedacht hätten, dessen Wahrheit wir aus diesen Wirklichkeiten ablesen wollten, könnten wir das nicht sagen, denn alle diese Wirklichkeiten sind zweideutig, gemischt, gut und böse, und so auch ihre Beziehung zu uns. Und wenn wir Gottes Güte und Vollkommenheit im Sinn von V. 13a verwirren wollten mit unserer eigenen Schuld, dann könnten wir das von Gott auch nicht sagen.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-65">Stellen wir uns selber im Sinn von V. 14-15 unter das Gericht Gottes, dann ist die Bahn frei für die Einsicht, dass das, was von ihm kommt, lauter gute Gabe, lauter vollkommenes Geschenk ist.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-66">Man wird das <foreign xml:lang="el-GR">ἄνωθέν</foreign>, in Bezug auf das dies gesagt ist, nicht stark genug unterstreichen können. Von Gottes Beziehung zu <hi rend="italic">uns</hi> gilt das, nicht von unserer Beziehung zu ihm, von dem, was er <hi rend="italic">uns gibt</hi>, nicht von dem, was wir ihm etwa darbringen können. Das steht wohl immer wieder in dem Gericht, von dem vorher die Rede war. Aber von Gottes Beziehung zu uns gilt das – das ist’s, was er jetzt sagen will. Der zum Menschen in seiner ganzen Menschlichkeit und Versuchlichkeit jenes Ja spricht in unerschütterlicher Klarheit und Wahrheit, der gleicht <hi rend="italic">dem</hi> Licht, von dem alle Lichter ihr Licht nur geliehen haben, dem Wandellosen, das aller Bewegung Voraussetzung, dem Unberührten, das aller Wechselwirkung Bedingung ist. Er <hi rend="italic">gleicht</hi> ihm.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-67"><pb ed="pga" xml:id="p377" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-68">Das Wort vom Vater der Lichter kann doch nur als Gleichnis gemeint sein. Also nicht damit soll dem Menschen Gott gezeigt werden, dass er auf den gestirnten Himmel<ptr n="232" type="note" target="n232"/> verwiesen wird. Das würde ja bedeuten, dass ein Rätsel an die Stelle des andern gesetzt wird. Wie <pb ed="A" n="64"/> auf Erden, bei und in uns Menschen, so sieht es ja auch am Himmel aus: da ist lauter Veränderung, Bewegung, Beschattung. Die Güte und Vollkommenheit Gottes ist weder dort noch hier direkt einzusehen. Aber in Gottes Offenbarung – ein Begriff, der hier wie bei Jakobus fast immer nur stillschweigend vorausgesetzt ist –, in Gottes Offenbarung ist das doppelte Rätsel, das Rätsel des gestirnten Himmels und das des Menschenlebens gelöst. Wer um sie weiß, und an dieses Wissen wird hier stillschweigend appelliert, dem kann dann der gestirnte Himmel, das auf Grund der Offenbarung erkannte Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf in der Natur zum Gleichnis des auf Grund derselben Offenbarung erkennbaren Verhältnisses von Versöhner und Sünder im Menschenleben werden.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-69">Ihm kann der gestirnte Himmel erklären, veranschaulichen, was er ihm freilich nicht begründen kann: die heilvolle Gegenwart Gottes unter und bei den Menschenkindern.</seg></p>

<p><seg corresp="ps-70"><pb ed="pga" xml:id="p379" rend="noPipe"/> Und dieser Gott, so schließt nun Jakobus, der Gott, der <hi rend="italic">das</hi> ist (V. 13) und <hi rend="italic">so</hi> an uns handelt (V. 17), er ist unser Gott, V. 18: <hi rend="italic">Durch seinen</hi> Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, damit <hi rend="italic">wir sozusagen Erstlinge seiner Geschöpfe seien.</hi> Dieser Schöpfer, dessen Art nur via <term type="Begriffe" key="via negativa">negativa </term> aus der Art aller seiner Geschöpfe erkennbar ist, ist als solcher auch unser Schöpfer, der Schöpfer unseres Lebens als Christen. Damit ist gesagt, was er, Gott an uns tut, damit ist der Ableitung des Bösen aus ihm die Wurzel abgeschnitten. <!-- identisch_012 --><foreign xml:lang="el-GR">Βουληθεὶς</foreign><note xml:id="n233">Vgl. zum folgenden oben S. 346.</note> möchte ich im Anschluss an <hi rend="italic">Calvin</hi> auffassen als Umschreibung der Freiheit, in der uns Gott gezeugt, als seine Kinder ins Leben gerufen hat, «nulla externa causa inductus, suo beneplacito»<ptr n="216" type="note" target="n216"/>. Das zu betonen, muss ja dem Verfasser in diesem Zusammenhang wichtig sein. 
Er will seinen Lesern doch sagen: <hi rend="italic">dieser</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> ist euer Schöpfer, <hi rend="italic">dieser</hi> Gott ist euer Gott! Tut nicht, als ob ihr ihn nicht kenntet, als ob ihr von ihm wie von einem schicksalsartigen Irgendetwas reden dürftet. Um ihnen das zu sagen, muss er aber an ihre Christlichkeit erinnern. Was ist sie? Etwas Geworde<pb ed="A" n="65" break="no"/>nes, Gewachsenes, geschöpflich Existierendes, teilnehmend an der <foreign xml:lang="el-GR">παραλλαγή</foreign> und dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀποσκίασμα</foreign>, die aller geschaffenen Dinge Mangel bezeichnen? <hi rend="italic">Sicher</hi>, so gut wie die Gestirne des Himmels, die er vorher auch als Gottes Kinder beschrieben hat. Sicher, sofern wir uns in unserm christlichen Dasein und Sosein betrachten. Aber dieser Außenaspekt verbirgt doch nur das Wunder, dass wir kraft des unergründlichen Wohlgefallens Gottes als Christen noch in einem andern Sinn, als dies gemeinsam von den Gestirnen und von uns als Menschen zu sagen ist, seine <hi rend="italic">Kinder</hi> sind. 
Wir sind doch, was wir sind als Produkt der neuen Zeugung und Geburt durch den <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἀληθείας</foreign>. Das dürfte nach Analogie von Kol. 1,5; Eph. 1,3; 1.Tim. 2,15 zunächst einfach als terminus technicus für «Christliche Lehre» zu verstehen sein. Ihr habt die Wahrheit, die große christliche Wahrheit gehört, das «verbum vitale et vivificum» <hi rend="italic">(Zwingli</hi><hi rend="italic">)</hi><ptr n="217" type="note" target="n217"/>, das aus Gottes Offenbarung stammt und als solches das Wunder eurer Existenz ist. Der Zusatz: <foreign xml:lang="el-GR">εἰς τὸ εἶναι</foreign> usw. bezeichnet das Ziel des in dem gehörten christlichen Wort </seg><seg corresp="ps-71"> in unserm Leben  <pb ed="pga" xml:id="p381"/> erkennbaren Gotteswillens. Der von Paulus gern gebrauchte Ausdruck <foreign xml:lang="el-GR">ἀπαρχή</foreign> [vgl. Röm. 8,23; 11,16; 1. Kor. 15,20.23] für das Anheben einer neuen Welt in Christus und den Christen und der Genitiv <foreign xml:lang="el-GR">αὐτοῦ</foreign> bei <foreign xml:lang="el-GR">κτισμάτων</foreign> weist darauf hin, dass wir hier im Sinn von Röm. 8,19 an die in Christus eröffnete Palingenesie zu denken haben, in der nicht der Mensch als solcher, aber der Mensch als das neugeborene Kind Gottes die erste zögernd unter eine neue Ordnung sich stellende – <foreign xml:lang="el-GR">ἀπαρχήν τινα</foreign>, sagt Jakobus zurückhaltend – und doch dieser neuen Ordnung nicht mehr ganz wesensfremde Spitze der Zukunft der ihm folgenden andern menschlichen und außermenschlichen Gotteskreatur darstellt. Dieses Stehen der Christen unter der neuen Ordnung der Wiedergeburt, <hi rend="italic">herbeigeführt</hi> durch ihre Bekanntschaft mit der christlichen Botschaft, aber <hi rend="italic">begründet</hi> in Gottes Offenbarung, im göttlichen beneplacitum – das ist, was den Irrtum, als ob Gott es sei, der zum Bösen versucht, letzlich un<pb ed="A" n="66" break="no"/>möglich macht. 
Kinder Gottes sagen das nicht, weil sie ihren Vater eben nicht so kennen. Und damit ist das Recht zu der Seligpreisung V. 12 begründet, mit der der Abschnitt anfing. Ein Christ ist ein durch die Offenbarung Gottes gezeugter, ein im Worte Gottes existierender Mensch, Gott aber ist der unwandelbar und fleckenlos Gute. Also kann ein Christ in der Versuchung nicht <hi rend="italic">auch</hi> Gott sehen und sich durch diese vermeintlich fromme Erkenntnis das Rückgrat brechen lassen, sondern sie ist ihm das Gottfremde, das mysterium iniquitatis [2.Thess. 2,7], dem er als Christ nur widerstehen [kann], zu dem er nur Nein sagt dazu, wie das einzige Verhältnis, das Gott selbst dazu hat, eben das ist, dass er Nein dazu sagt. Er kann, in die Versuchung gefallen – in die Versuchung, die nach V. 14-15 in ihm selbst ihren Ursprung hat -, nur beharren, auch im <hi rend="italic">Falle</hi>, <hi rend="italic">gerade</hi> im Falle <hi rend="italic">Gott</hi> recht geben gegen sich selbst, nicht aber mit Hilfe Gottes, d. h. unter Leugnung des wahren Gottes, in seiner Sünde recht haben wollen. Selig <hi rend="italic">der</hi> Mann – im Gegensatz zu dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀνὴρ δίψυχος</foreign>, dem <foreign xml:lang="el-GR">διακρινόμενος</foreign> von V. 6, dem Mann im Zuschauerparkett, der Gott ernst und gleich darauf wieder nicht ernst nimmt und damit nur beweist, dass er nicht weiß, was man als Christ eben wissen sollte. </seg>
<seg corresp="ps-72">V. 18 rechtfertigt uns, wenn wir uns bei der ganzen Stelle – und nicht nur bei dieser Stelle – immer wieder an die Voraussetzung des Glaubens und der Offenbarung erinnert haben. Was Jakobus über das Wesen und Tun Gottes gesagt hat, wird glaubwürdig </seg><seg corresp="ps-73"> und haltbar nur  <pb ed="pga" xml:id="p383"/> im Licht dieses Abschlusses, der «nur aus einer christlichen Glaubens- und Lebenswelt zu verstehen» ist <hi rend="italic">(Dibelius)</hi><note xml:id="n234">Vgl. Dibelius, Jakobus, S. 101.</note>.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-74">Auch Jakobus kann nicht anders als, ohne den Namen zu nennen, an Jesus Christus zu appellieren. Hinter der Tatsache, dass seine Leser das «Wort der Wahrheit» gehört haben, steht der Wille Gottes, das Wunder der ewigen Majestät, das den Himmel zerrissen hat [vgl. Jes. 64,1], damit wir nicht mehr <hi rend="italic">nur</hi> versuchliche Menschen, <hi rend="italic">nur</hi> Gerichtete und Getötete, <hi rend="italic">nur</hi> geschaffene und also veränderliche Lichter seien, sondern nun doch als solche teilhaftig des ewigen unveränderlichen <pb ed="A" n="67"/> Lichtes, nun wirklich in der Versuchung Gottes Kinder, nun wirklich durch ihn Gerechtfertigte, nun wirklich «Erstlinge unter Gottes Geschöpfen» sagt Jakobus, d. h. von Gottes neuer zukünftiger Kreatur. Die Schöpfung in ihrer Vollkommenheit muss ja erst als Wirklichkeit <hi rend="italic">erscheinen</hi>. Dazu sind wir Gottes Kinder, um dieses Erscheinens erste Zeugen zu sein. Und darum können und müssen wir «beharren» nach V. 12. Wir <hi rend="italic">können:</hi> weil Gott mit seinem unveränderlichen Willen hinter uns steht, sofern das Schlichte geschehen ist, dass wir das Wort Christi gehört haben. Wir <hi rend="italic">müssen</hi> aber auch, denn die Untreue gegen das Wort der Wahrheit wäre die gegen Gott, in dessen Hände wir schon gefallen sind [vgl. Hebr. 10,31].</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-75"><pb ed="pga" xml:id="p385" rend="noPipe"/></seg></p>



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</TEI>
