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        <title type="volume" n="vol-46">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
        <title type="content">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,19b…27/Jakobus 1,19–27</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,19b…27/Jakobus 1,19–27, in: Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, 1922 – 1929</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46013 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, hrsg. v. Bohnet, Jörg-Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2009, S. 386–441.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
          <title type="text">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 1,19b…27/Jakobus 1,19–27</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Bohnet, Jörg-Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2009</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 386–441</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Erklärung des Jakobusbriefes (WS 1922/1923), 4. November 1922 – 28. Februar 1923. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6609">KBA 1667.1</ref>. </bibl>
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        <head type="top">Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W. S. 1922/23 und <!-- leerzeile -->  W. S. 1928/29 <lb/><!-- leerzeile --> im Paralleltext </head>
       
        
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    <head xml:id="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p386"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1922/23</head>
    
    <head xml:id="ps-02">Jakobus 1,19b-27</head>

<p><seg xml:id="ps-03"> <date rend="right">[27.I.23?]</date>[<seg type="verse" n="19b"/> <foreign xml:lang="el-GR">ἔστω δὲ πᾶς ἄνθρωπος ταχὺς εἰς τὸ ἀκοῦσαι, βραδὺς εἰς τὸ λαλῆσαι, βραδὺς εἰς ὀργήν·</foreign> <seg type="verse" n="20"/> <foreign xml:lang="el-GR">ὀργὴ γὰρ ἀνδρὸς δικαιοσύνην θεοῦ οὐκ ἐργάζεται</foreign>. <seg type="verse" n="21"/> <foreign xml:lang="el-GR">διὸ ἀποθέμενοι πᾶσαν ῥυπαρίαν καὶ περισσείαν κακίας ἐν πραΰτητι δέξασθε τὸν ἔμφυτον λόγον τὸν δυνάμενον σῶσαι τὰς ψυχὰς ὑμῶν</foreign>. <seg type="verse" n="22"/> <foreign xml:lang="el-GR">γίνεσθε δὲ ποιηταὶ λόγου, καὶ μὴ ἀκροαταὶ μόνον παραλογιζόμενοι ἑαυτούς</foreign>. <seg type="verse" n="23"/> <foreign xml:lang="el-GR">ὅτι εἴ τις ἀκροατὴς λόγου ἐστὶν καὶ οὐ ποιητής, οὗτος ἔοικεν ἀνδρὶ κατανοοῦντι τὸ πρόσωπον τῆς γενέσεως αὐτοῦ ἐν ἐσόπτρῳ·</foreign> <seg type="verse" n="24"/> <foreign xml:lang="el-GR">κατενόησεν γὰρ ἑαυτὸν καὶ ἀπελήλυθεν, καὶ εὐθέως ἐπελάθετο ὁποῖος ἦν</foreign>. <seg type="verse" n="25"/> <foreign xml:lang="el-GR">ὁ δὲ παρακύψας εἰς νόμον τέλειον τὸν τῆς ἐλευθερίας καὶ παραμείνας, οὐκ ἀκροατὴς ἐπιλησμονῆς γενόμενος ἀλλὰ ποιητὴς ἔργου, οὗτος μακάριος ἐν τῇ ποιήσει αὐτοῦ ἔσται</foreign>. <seg type="verse" n="26"/> <foreign xml:lang="el-GR">Εἴ τις δοκεῖ θρησκὸς εἶναι, μὴ χαλιναγωγῶν γλῶσσαν ἑαυτοῦ ἀλλὰ ἀπατῶν καρδίαν αὐτοῦ, τούτου μάταιος ἡ θρησκεία</foreign>. <seg type="verse" n="27"/> <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία καθαρὰ καὶ ἀμίαντος παρὰ τῷ θεῷ καὶ πατρὶ αὕτη ἐστίν, ἐπισκέπτεσθαι ὀρφανοὺς καὶ χήρας ἐν τῇ θλίψει αὐτῶν, ἄσπιλον ἑαυτὸν τηρεῖν ἀπὸ τοῦ κόσμου</foreign>.]<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-04"><hi rend="italic"><!-- ms37R --><seg type="verse" n="19"/> Es sei aber jeder Mensch rasch</hi> (bereit) <hi rend="italic">zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. <seg type="verse" n="20"/> Denn des <hi rend="spaced">Menschen</hi> Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. <seg type="verse" n="21"/> Legt deshalb ab alles Unreine und den Rest von Bosheit und nehmt in <hi rend="spaced">Sanftmut</hi> das eingepflanzte Wort an, welches eure Seelen zu erretten vermag. <seg type="verse" n="22"/> Seid aber <hi rend="spaced">Täter</hi> des Worts und nicht bloß Hörer, womit ihr euch selbst <hi rend="spaced">betrügt</hi>. <seg type="verse" n="23"/> Denn wenn jemand Hörer des Worts ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein irdisches Angesicht im Spiegel betrachtete; <seg type="verse" n="24"/> er betrachtete sich</hi> (eben) <hi rend="italic">und ging weg und vergaß alsbald, wie er aussah. <seg type="verse" n="25"/> Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und <hi rend="spaced">bleibt</hi> dabei, ist kein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes, der wird selig sein in seinem Tun. <seg type="verse" n="26"/> Hält sich jemand für fromm, zügelt</hi> (aber) <hi rend="italic">seine Zunge nicht, sondern betrügt sein Herz, dessen Frömmigkeit ist nichtig. <seg type="verse" n="27"/> Reine und unbefleckte Frömmigkeit vor Gott dem Vater besteht <hi rend="spaced">darin</hi>: die Waisen und Witwen besuchen in ihrer Bedrängnis, sich selbst unbefleckt bewahren von der Welt.</hi></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-05"> Die Verse 1-18 des Jakobusbriefs sind in losem und doch nie ganz abbrechendem Zusammenhang eine Anrede an den Christen in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term>. Sie charakterisieren den ganzen Brief als ein</seg><seg xml:id="ps-06"> Wort zur <pb ed="pga" xml:id="p388"/> Lage im konkretesten <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Sinn</term>. Es wird vorausgesetzt, dass die «<term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>» vor Allem schwache, von der Problematik ihres Daseins bedrängte <hi rend="italic">Menschen</hi> sind, und als solche werden sie angeredet. Freilich nicht um da stecken zu bleiben, sondern um von da aus den <term type="Begriffe" key="Weg">Weg</term>, den vielleicht allzu bekannten und gewohnten, wieder zu gehen zu den anderen Voraussetzungen, die damit gegeben sind, dass sie eben doch <hi rend="italic">Christen</hi> <term type="Begriffe" key="Christen"/> sind. Wir sind kaum einem Vers begegnet, wo wir nicht unmittelbar hinter der versuchungsvollen menschlichen <term type="Begriffe" key="Existenz〉〉〈〈Menschlich(, Menschlichkeit)">Existenz</term> der Leser das Hochgebirge christlicher <term type="Begriffe" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> hätten aufsteigen sehen. Ohne dass es zu der Plerophorie paulinischer oder johanneischer Verkündigung länger als auf Augenblicke <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit anderen Aposteln">kommt</term>, kehrt sich doch die an die Lage anknüpfende Betrachtung<!-- ms38L --> der Dinge von unten immer wieder neu in die Betrachtung von <term type="Begriffe" key="Jakobus, denkt von unten nach oben">oben</term>, in der für Jakobus wie für Paulus und <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> der Schlüssel zu den Rätseln des menschlichen Daseins liegt. Dass er seinen Lesern aufmunternd, mahnend, drohend, belehrend, aufklärend, wie es wohl ähnlich auch allerlei nicht-christliche Prediger und Seelsorger gemacht haben, nun eben doch <hi rend="italic">diesen</hi> Schlüssel in die Hand drücken will, das ist die Eigenart der jakobeischen <term type="Begriffe" key="Jakobus, Eigentümlichkeit seiner Verkündigung">Verkündigung</term>. Ganz zuletzt erst hat er die <hi rend="italic">christliche</hi> Voraussetzung, zu deren neuer Entdeckung er sie anleiten will, ausdrücklich beim Namen genannt. Indem er sie an das «Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term>» erinnerte, das sie gehört hätten, durch dessen Empfang sie geboren seien als Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term>.<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-07"> Wenn wir unseren heutigen Text überblicken, so sehen wir auf den ersten Blick, dass wir hier in einen neuen Gedankenkreis hinübergetreten sind. Nicht mehr das, was sie als Menschen in der Welt bedrängt wie alle Menschen und wie sie darüber als <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> triumphieren sollen, ist hier das Thema, sondern – und das ist die Verbindung mit dem Vorhergehenden, die hier ganz dünn wird – jene zuletzt beim Namen genannte zweite Voraussetzung, ihre <hi rend="italic">Christlichkeit</hi> <term type="Begriffe" key="Christlichkeit"/><hi rend="italic">.</hi> Der beherrschende Begriff dieses Abschnitts ist – mit Ausnahme der Verse 26-27, die man deshalb vielleicht mit gleichem Recht auch zum Folgenden ziehen dürfte – der Begriff des <term type="Begriffe" key="Wort">Wortes</term>. Von seinem <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term>, von seinem <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Hören</term>, von seinem <term type="Begriffe" key="Tun des Wortes">Tun</term> insbesondere ist hier die Rede. Und das Wort ist, ebenso schlicht wie in V. 18, überall das ihnen gepredigte oder schriftlich überlieferte und vorgelesene <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> der christlichen Verkündigung, dessen nähere Bestimmung wir uns noch vorbehalten können.</seg>  </p>

<p><seg xml:id="ps-08"><pb ed="pga" xml:id="p390" rend="noPipe"/> Wenn ich sage: die <term type="Begriffe" key="Christlichkeit">Christlichkeit</term> der Leser wird hier zum Thema, so ist das also nicht etwa gleich in dem tiefen Sinn des paulinischen <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="ἐν Χριστῷ">ἐν Χριστῷ</term></foreign> zu verstehen, sondern zunächst sozusagen <hi rend="italic">technisch</hi>, in dem engsten Sinn, dass sie eben Leute sind, die das <hi rend="italic">Evangelium</hi> <term type="Begriffe" key="Evangelium"/> <hi rend="italic">gehört</hi> haben und noch hören. Wir sehen in die kleine <hi rend="italic">Religions</hi><term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">gemeinschaft</term> hinein, die sich, als die Zeit der ersten <term type="Begriffe" key="Liebe">Liebe</term> wahrscheinlich schon vorüber war [vgl. Apk. 2,4], um das Zeugnis von <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> scharte, das sie – man fühlt dem Ausdruck den Kampf an, in dem sie nach außen stand, aber auch das Bewusstsein des Besitzes, das sie erfüllte – den <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἀληθείας">λόγος τῆς ἀληθείας</term></foreign> nannte. Jakobus nimmt also auch in diesem neuen Gedankenkreis den Anlauf von unten, von der Erde, nur diesmal von einem anderen Punkt <term type="Begriffe" key="Jakobus, denkt von unten nach oben">aus</term>. Wir werden 2,1 sehen, wie er dieselbe Sache nachher noch viel konkreter anfasst, mitten in ihren <term type="Begriffe" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term> hineingreift, um ihnen zu sagen, was sie hören mussten.<!-- ms38R --> Hier etwas allgemeiner: Bei euch wird gepredigt und vorgelesen. Was soll das? Geschieht da, was da geschehen <hi rend="italic">sollte?</hi> Er hatte ihnen vorher gesagt: durch dieses in eurer Mitte verkündigte Wort des <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangeliums</term> seid ihr geboren zu Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kindern</term>, wisst ihr also, was der Zusammenhang, wer Gott ist und was ihr von ihm zu erwarten habt, könnt ihr also auch nichts Anderes wissen, als dass ihr in der <term type="Begriffe" key="Versuchung">Versuchung</term> als tapfere <term type="Begriffe" key="Kampf">Kämpfer</term> zu beharren und nicht etwa unter Berufung auf Gottes unerforschlichen Ratschluss zu weichen habt. «Ihr wisst es, liebe Brüder!», hieß es V. 19a. Zwischen diesen Worten und unserem Abschnitt steht unausgesprochen eine Frage, ein <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term>, ein Einwand, den er von seinen Lesern erwarten mochte und den er ihnen, ohne ihn zu nennen, im Folgenden zurückgibt, ins eigene <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissen</term> schiebt. Ihr wisst es! Ja, wissen wir es denn, mochte die stille Gegenfrage lauten, all das Große, was du uns gesagt, eins aus dem anderen gefolgert hast – wissen wir es denn allein kraft dieser Tatsache, dass wir das «Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term>» unter uns haben? Dass dies alles einst von diesem Wort gesagt worden war und aus schuldigem Respekt nicht geleugnet werden durfte, dass es im tiefsten Grunde wahr war, was Jakobus ihnen darüber sagte, das wussten sie freilich. Aber ob sie <hi rend="italic">ihnen</hi> wahr, ob sie ihnen <hi rend="italic">lebendig</hi> war, ob sie Ja dazu sagen konnten aus aufrichtigem Herzen, das war eine andere Frage. Denken Sie an die Gefühle, die wir haben, wenn wir dieses «Ihr wisst es, liebe Brüder!» etwa in Form einer Predigt über den köstlichen unermesslichen</seg><seg xml:id="ps-09"> Schatz der teuren <pb ed="pga" xml:id="p392"/> deutschen Bibel Martin Luthers von der Kanzel hören müssen. Wer wagt es, solche Behauptungen zu bezweifeln, wenigstens in der <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)">Kirche</term>, aber wer <term type="Begriffe" key="Glaube">glaubt</term> sie eigentlich? Vielleicht lag in unserem Fall der <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term> <hi rend="italic">mehr</hi> auf Seiten des Jakobus als seiner Leser, der Zweifel, ob denn das Wort, von dem er geredet, auf das er sie verwiesen hatte, für sie wirklich das sei, was er meinte. Vielleicht war es notwendig, den <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term> in den Lesern erst zu <hi rend="italic">erwecken,</hi> die Frage, ob es denn mit dem Besitz jenes Heiligtums schon getan sei, ob sie denn wüssten mit dem umzugehen, auf das er sie verwiesen und auf Grund dessen er ihnen so Großes gesagt hatte, und das «Ihr wisst es, liebe Brüder!» wäre dann statt als eine Behauptung als eine besorgte, aufrüttelnde <hi rend="italic">Frage</hi> zu verstehen. Aber wie dem auch sei, ob er auf eine Frage seiner Leser antworten oder ob er mit seiner Antwort eine Frage in ihren christlichen</seg> <seg xml:id="ps-10"> <term type="Begriffe" key="Friede">Frieden</term> hineinschleudern wollte, auf alle Fälle geht er nun ans Werk, ihnen jene Voraussetzung: Wir sind <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>! Wir haben das Wort!, auf die sich der vorige Abschnitt letztlich stützte, problematisch zu machen, ihnen zu zeigen, dass das Einfache, auf das er sich soeben berufen hatte, nicht so einfach sei, ihnen aufzudecken, wie es etwa kommen möchte, wenn sie in das Bekenntnis: Wir <!-- ms39L --><hi rend="italic">sind</hi> Gottes <term type="Begriffe" key="Gottes Kinder">Kinder</term>! und vor Allem in das Bekenntnis zu den <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenzen</term>, die sich daraus ergeben, nicht so freudig einstimmen, wie es sein musste, wenn sie wirklich wussten, was sie nach seinem Wort V. 19a wissen sollten. Er will ihnen – dies ist der Inhalt dieses Abschnittes – zeigen, was das heißt: das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> besitzen oder, um mit <hi rend="italic">Bengel</hi> zu reden: die «vera audiendi ratio»<note xml:id="n235">Bengel, S. 490.</note>, damit die gemachte Voraussetzung <hi rend="italic">begründet</hi> sei. Er tut das nicht, indem er etwa noch einmal entwickelt, was dieses Wort <hi rend="italic">ist</hi> und <hi rend="italic">enthält,</hi> sondern, bezeichnend für <term type="Begriffe" key="Jakobus, Eigentümlichkeit seiner Verkündigung">ihn</term>, indem er ihr <hi rend="italic">Verhältnis</hi> dazu in Frage stellt. Drei Fragen sind es, die er an sie richtet: <hi rend="italic">1.</hi> Wisst ihr, was es heißt, dieses <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> zu hören? (V. 19-21) <hi rend="italic">2.</hi> Wisst ihr, dass man dieses Wort nicht hören kann, ohne es auch zu tun? (V. 22-25) <hi rend="italic">3.</hi> Wisst ihr, was es heißt, dieses Wort zu tun? (V. 26-27)<lb/><lb/></seg>  </p>

<p><seg xml:id="ps-11"><pb ed="pga" xml:id="p394" rend="noPipe"/> Also <hi rend="italic">1. «Es sei aber jeder Mensch rasch bereit zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn</hi> <term type="Begriffe" key="Zorn"/><hi rend="italic">. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.» Calvin</hi> hat aus V. 19b den feinen Gedanken herausgelesen, dass der Mensch es lernen müsse, zu schweigen, damit Gott reden könne zu ihm.<note xml:id="n236">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 393.</note> Und ähnlich hat <hi rend="italic">Rieger</hi> interpretiert: «Wenn <term type="Begriffe" key="Hören">Hören</term> mit Anhalten geübt werden soll, so muss <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term>, wodurch das Rad der Natur entzündet [Jak. 3,6] und dem Menschen seine gewohnte Denkungsart geläufig wird, vermieden werden.»<note xml:id="n237">Rieger, Epistel Jakobi, S. 314.</note></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-12"> Aber über den Unfug des zu vielen religiösen Redens wird sich Jakobus 3,1ff. verbreiten. Hier werden wir deutlich in eine andere Richtung gewiesen durch das offenbar <hi rend="italic">erklärend</hi> neben das <foreign xml:lang="el-GR">βραδὺς εἰς τὸ λαλῆσαι</foreign> gestellte <foreign xml:lang="el-GR">βραδὺς εἰς ὀργήν</foreign>. Das Reden muss ein zorniges <term type="Begriffe" key="Zorn〉〉〈〈Reden">Reden</term> sein, und zwar ein zorniges Reden, durch das die Betreffenden nach V. 20 zu tun meinen, was vor Gott recht ist. Die rechte Art, wie das Wort aufgenommen werden solle, wird V. 21 Jak. 1,21 als <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign></term> (Sanftmut gegen den Nächsten) beschrieben und die Wirkung des Wortes als die Errettung eurer <term type="Begriffe" key="Seelenerrettung">Seelen</term>. Jakobus scheint also sagen zu wollen: Zum <term type="Begriffe" key="Hören">Hören</term> des Wortes der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> gehört vor Allem, dass man schweigen kann, nicht im Allgemeinen, sondern speziell mit der entrüsteten <term type="Begriffe" key="Rechthaberei">Rechthaberei</term> gegenüber den Mitmenschen, mit der man Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, Werk">Werk</term> zu treiben meint. Wem es zu sehr eilt, Anderen die <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu <hi rend="italic">sagen</hi>, der gerät in Gefahr, sie selber nicht mehr zu <hi rend="italic">vernehmen</hi>. Er wird sie aber auch nicht mehr <hi rend="italic">sagen</hi>, denn wie sollte er bei diesem Unternehmen nicht zornig werden und wie sollte er, wenn er <term type="Begriffe" key="Zorn">zornig</term> wird, noch die <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> sagen? «Des <hi rend="italic">Menschen</hi> Zorn tut nicht, was vor <hi rend="italic">Gott</hi> recht ist.» [V. 20] Es ist nicht nötig, <foreign xml:lang="el-GR">ὀργὴ ἀνδρός</foreign> hier etwa ausdrücklich mit Manneszorn zu übersetzen. <term type="griechisch" key="ἀνήρ"><foreign xml:lang="el-GR">Ἀνήρ</foreign></term> ist wie V. 8, 12, 23 der Mensch als solcher, auch wenn Jakobus hier kaum auch an Frauen gedacht hat. Der Gegensatz ist die <term type="griechisch" key="δικαιοσύνη"><foreign xml:lang="el-GR">δικαιοσύνη</foreign></term> <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">θεοῦ</foreign></hi>, die natürlich mit dem gleichlautenden paulinischen Begriff nicht verwechselt werden <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">darf</term>, sondern, wie Luther richtig gesehen hat<note xml:id="n239">Luther-Bibel 1892 bzw. 1912.</note>, ähnlich wie <!-- ms39R -->Act. 10,35 zu übersetzen ist, wie wenn <foreign xml:lang="el-GR">τὸ δίκαιον</foreign> dastünde.</seg>  </p>

<p><seg xml:id="ps-13"><pb ed="pga" xml:id="p396" rend="noPipe"/> Jakobus will sagen: wo <term type="Begriffe" key="Rechthaberei">gerechthabert</term> und <term type="Begriffe" key="Zorn">gezürnt</term> wird, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, da entsteht eine typisch menschliche <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Atmosphäre</term>, in der das, was man damit erreichen will, die Aufrichtung des göttlichen Rechtes, auf keinen Fall gedeihen kann. Es gibt vielleicht einen <term type="Begriffe" key="Zorn">Zorn</term> und ein zorniges Reden, bei dem Gott und die <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und das Gute zu Ehren kommt, aber das ist nicht der Zorn, zu dem man eilt, nicht das <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term> von einem Standpunkt herunter, das jeden Augenblick losbrechen kann, nicht des <hi rend="italic">Menschen</hi> Zorn. Er ist vielleicht plötzlich da, wie ein <term type="Begriffe" key="Blitz">Blitz</term> vom Himmel, und ist dann nicht <hi rend="italic">mein</hi> <term type="Begriffe" key="Eifer">Eifer</term>, <hi rend="italic">meine</hi> Leidenschaft, sondern eine Notwendigkeit, die über mich ebenso fremd hereinbricht wie über den, den sie trifft. Wir können an Mt. 23 denken. Aber damit kann man nicht rechnen, das kann man nicht planen.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-14"> Das «<hi rend="italic">langsam</hi> zum <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term>, <hi rend="italic">langsam</hi> zum <term type="Begriffe" key="Zorn">Zorn</term>!» ist natürlich nicht etwa als Lebensklugheitsregel gemeint. Wir sollen das ungeheure <term type="Begriffe" key="Wagnis">Wagnis</term> empfinden, das wir jedesmal auf uns nehmen, wenn wir <term type="Begriffe" key="Rechthaberei">rechthabend</term>, und wäre es in der reinsten Sache, Anderen gegenübertreten, den Schatten des <term type="Begriffe" key="Gesetz">Gesetzes</term> und des <term type="Begriffe" key="Gericht">Gerichtes</term>, in den wir uns da begeben, die Majestät Gottes, der wir da zu nahe treten, was man unberufen wirklich nicht tun sollte. Wer darf denn im Namen Gottes reden? Und wer darf zürnend <term type="Begriffe" key="Reden">reden</term>, wenn er sich nicht getraut, im Namen Gottes zu reden? So gebremst und gebrochen kommen wir in die Möglichkeit zu hören, vorher und anders nicht. Das Neue <term type="Begriffe" key="Neues Testament">Testament</term> kann einem Menschen, der Recht hat, nichts, gar nichts bedeuten, je mehr er Recht hat, je mehr er darauf pocht, umso weniger. <hi rend="italic">Hören</hi> <term type="Begriffe" key="Hören"/> kann man erst, wenn man Unrecht hat und wenn man das weiß.</seg></p>
<p><seg xml:id="ps-15"/></p>
<p><seg xml:id="ps-16"><pb ed="pga" xml:id="p398" rend="noPipe"/> Das ist der Riegel, den Jakobus hier zurückschieben will bei seinen Lesern. Er fährt darum fort: <hi rend="italic">«Legt deshalb ab alles Unreine und den Rest von Bosheit und nehmt in Sanftmut das eingepflanzte Wort an, welches eure Seelen zu erretten vermag.»</hi> Mit den Worten <foreign xml:lang="el-GR">ῥυπαρία</foreign> (Unreinheit) und <foreign xml:lang="el-GR">περισσεία κακίας</foreign> (Überrest von Gehässigkeit, Bosheit, Giftigkeit) deutet Jakobus an, was das für eine Sphäre ist, in die man durch jenes noch so gutgemeinte zürnende <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term> hineinläuft. Was da bei uns an den Tag kommt, und wenn es aus dem besten <term type="Begriffe" key="Gewissen, gutes">Gewissen</term> käme, das gehört doch zu jenem alten Kleid, das man nach der paulinischen Mahnung nur immer wieder <hi rend="italic">ausziehen</hi> kann [vgl. Kol. 3,9], weil es wirklich unser <term type="Begriffe" key="Vergänglichkeit">vergängliche</term> Teil ist, der sterben muss. Man muss dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἀποθέμενοι</foreign> ja nicht zu aktiv verstehen. Es liegt etwas Selbstverständliches darin; es handelt sich hier nicht um einen großen <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampf</term>, sondern um ein Fallenlassen: Weg damit! Das bin ich nicht! Das gehört nicht zur Sache! Es ist das kampflose Verschwinden, mit dem der Schatten dem Lichte weicht. Schatten kann eben nicht sein, wo Licht ist.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-17"> Und nun im Gegensatz zu der Schlacke von unreinem <term type="Begriffe" key="Eifer">Eifer</term>: <foreign xml:lang="el-GR">ἐν</foreign> <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτητι</foreign></term>. Ich sagte schon: es handelt sich wie beim Gegensatz um eine <term type="Begriffe" key="Habitus, Haltung">Haltung</term> gegen den Nächsten.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-18"> Das Wort ist schwer zu übersetzen. Sanftmut tönt in unseren Ohren <!-- ms40L -->zu weich, als dass damit ganz das Richtige getroffen wäre. Auch in den Worten Milde, Nachsicht, Geduld fehlt etwas von der <hi rend="italic">Weisheit</hi> <term type="Begriffe" key="Weisheit"/> und <hi rend="italic">Überlegenheit</hi> dem Mitmenschen gegenüber, die ihn nicht aus Schwäche, sondern weil sie ihn so gut versteht und weil sie auf ihn warten kann, gewähren lässt, die Alles will, nur nicht die Torheit des Gegenüber: hier ich, dort du!, die an eine unsichtbare Gemeinschaft glaubt, auch wenn man nur übereinander den Kopf schütteln kann. In <hi rend="italic">dieser</hi> Verfassung wird das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> gehört, «angenommen»,</seg><seg xml:id="ps-19"> sagt  <pb ed="pga" xml:id="p400"/> Jakobus. Auch darin liegt keine Aktion, im Gegenteil, wie in dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀποθέμενοι</foreign>, etwas fast Passives. Es ist dann eben so, dass, wo <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign></term> ist, das Wort aufgenommen wird, wie trockenes Holz <hi rend="italic">brennt</hi>, wie feuchte Erde den Regen <hi rend="italic">aufnimmt.</hi> Wie das zusammenhängt: das Wissen, dass wir selbst <term type="Begriffe" key="Gericht">gerichtet</term> sind, das Herabsteigen von allen Standpunkten und diese Sanftmut den Anderen gegenüber, das brauche ich wohl nicht erst zu sagen. Das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> heißt hier der <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος">ἔμφυτος λόγος</term></foreign></hi>.  Der gleichlautende <term type="Begriffe" key="Stoa">stoische</term> Begriff kann hier zur Erklärung nicht beigezogen werden<note xml:id="n243">Vgl. Dibelius, Jakobus, S. 107f.; Windisch, S. 10.</note>, da deutlich von einem gepredigten und gehörten, obgleich nun [?] wie ein Samenkorn in die Herzen eingesenkten Wort die Rede ist. Zwischen dem <foreign xml:lang="el-GR">δέξασθε</foreign> und dem <term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος"><foreign xml:lang="el-GR">ἔμφυτος</foreign></term> besteht eine kleine dialektische <term type="Begriffe" key="Dialektik">Spannung</term>: es handelt sich darum, eben das in euch aufzunehmen, was schon in euch gepflanzt ist und wächst: für beide Seiten bezeichnend: also das <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheitswort</term> als solches ist keine äußerlich-grammatische Größe; es ist das vielleicht auch, aber gerade als das, als was es aufgenommen werden soll, ist es ein Stück, eine Enklave göttlicher <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> in euch selbst, in eurem eigenen Leben, euch so nahe, wie ihr euch selbst seid. Ihr könnt nur empfangen, was ihr schon <hi rend="italic">habt.</hi> Aber auch umgekehrt: Was ihr habt, das müsst ihr erst und müsst ihr immer wieder <hi rend="italic">empfangen</hi>. Das göttliche <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Wort</term> in euch ist kein Bestandteil eures eigenen Lebens. Das <term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος"><foreign xml:lang="el-GR">ἔμφυτος</foreign></term> darf nicht so gedeutet werden, wie es <hi rend="italic">J. T. Beck</hi> besonders liebte, als ob das Göttliche etwa in eine organische, kontinuierliche Verbindung mit dem <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschlichen</term> einginge.<note xml:id="n244">Vgl. J. T. Beck, <hi rend="italic">Einleitung in das System der Christlichen Lehre oder Propädeutische Entwicklung der Christlichen Lehr-Wissenschaft. Ein Versuch</hi>, Stuttgart 1838, besonders S. 154-159; K. Barth, <hi rend="italic">Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte</hi>, Zürich 1994<hi rend="sup">6</hi>, S. 567f.; <persName ref="kbga-actors-650">R. Kübel</persName>, Art. «Beck, Johann Tobias», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 2, S. 500-506, dort besonders S. 501, Z. 44-53; S. 504, Z. 31-41; <persName ref="kbga-actors-533">[S.] Eck</persName>, Art. «Beck, Johann Tobias», in: RGG<hi rend="sup">1</hi> I, Sp. 997f.</note></seg><seg xml:id="ps-20"> Es ist da,  <pb ed="pga" xml:id="p402"/> und es ist <hi rend="italic">nicht</hi> da. Wir besitzen es und müssen es <foreign xml:lang="el-GR">ἐν</foreign> <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτητι</foreign></term> immer wieder empfangen, wie wenn wir es nie besessen. | <lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-21"> Jakobus beschreibt endlich die Wirkung oder den Zweck dieses <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wortes</term>: es vermag, es ist stark, es hat die Kraft, eure Seelen zu <term type="Begriffe" key="Seelenerrettung">retten</term>. Wenn das nicht bloß allgemein-rhetorisch gesagt ist, so muss damit irgendwie der Gegenpol bezeichnet sein zu dem, was die <foreign xml:lang="el-GR">ὀργὴ</foreign> <term type="griechisch" key="ἀνήρ"><foreign xml:lang="el-GR">ἀνδρός</foreign></term> (V. 20) eben <hi rend="italic">nicht</hi> ausrichtet. Das <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">menschlich-gerechte</term> Treiben schafft eine Atmosphäre, in der das, was Gott will, nicht geschehen kann. Das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term>, das zur Geltung kommt, wenn jenes Treiben <hi rend="italic">abbricht</hi>, hat die Kraft, zu unserem Heil <hi rend="italic">Alles</hi> zu tun. Die Frage: wisst ihr, was es heißt, dieses Wort zu hören? kann auch verstanden werden: was es heißt, errettet zu werden, herausgerissen zu werden aus der Welt, die weniger wegen der menschlichen Ungerechtigkeit als wegen der menschlichen <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Gerechtigkeit</term> <!-- ms40R -->und ihrer Ausbrüche so dunkel, so gottlos ist.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-22"> <date rend="right">3.II.23</date>Die zusammengehörigen Verse 19-21 gipfeln also in der Frage: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele? [Mk. 8,36 par.] Sie wirkt</seg><seg xml:id="ps-23"> hier besonders  <pb ed="pga" xml:id="p404"/> scharf, weil uns als «Welt», die solchen Schaden verursachen kann, nicht die <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">menschliche</term> Ungerechtigkeit, seine Gottlosigkeit im Bösen gezeigt wird, sondern, für Jakobus und seine Leserschaft bezeichnend, der Eifer des <term type="Begriffe" key="Eifer, des Menschen">Menschen</term> zu tun, was vor Gott recht ist, die Gottlosigkeit des Menschen im Guten (H. Kutter)<note xml:id="n245">Die Wendung «Die Gottlosigkeit des Menschen im Guten» ist die Abschnittsüberschrift über der Auslegung von Röm. 2,1ff. bei H. Kutter, <hi rend="italic">Das Bilderbuch Gottes für Groß und Klein. I. Römerbrief Kapitel 1-4</hi>, Basel 1917, S. 200. Als Sonderdruck ist dieses Kapitel erschienen unter dem Titel: ders., <hi rend="italic">Von der Gottlosigkeit des Menschen im Guten</hi>, Basel 1918.</note>, aus der erst recht und noch viel mehr als aus jener <foreign xml:lang="el-GR">ῥυπαρία</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">κακία</foreign> hervorgeht, die das Aufnehmen des <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος">λὸγος ἔμφυτος</term></foreign> verhindern, das nur in der <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign></term> aufgenommen werden kann. Das Leben ist zu ernst, um es in jenem falschen, hoch aufgereckten Ernst zuzubringen, mit dem man, und wenn es <hi rend="italic">christlicher</hi> <term type="Begriffe" key="Christlichkeit"/> Ernst wäre, ja dann am meisten, seinen Nächsten vergewaltigt und Gott um das Seinige bringt. Darum also, noch einmal gesagt, nicht darum, weil es etwa anständiger und klüger ist, sondern weil es sich darum handelt, eure Seelen zu <term type="Begriffe" key="Seelenerrettung">retten</term>: «langsam zum <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term>, langsam zum <term type="Begriffe" key="Zorn">Zorn</term>», <hi rend="italic">kein</hi> Spiel mit dem Feuer des Elias, das nur, wenn es vom Himmel fällt, das verzehrende Feuer Gottes ist [vgl. 1.Kön. 18,38]. <hi rend="italic">Gott</hi> ist ernst, er <hi rend="italic">allein</hi> darf es sein wollen. Wer das nicht fasst, kann das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> <hi rend="italic">nicht</hi> hören.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-24"> Und nun <hi rend="italic">2.</hi> der Hauptpassus unseres Abschnitts V. 22-25: Was wird aus dem Hören dieses <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term>, wo es wirklich stattfindet? Antwort: <hi rend="italic">«Seid aber Täter des Worts</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes"/> <hi rend="italic">und nicht bloß Hörer</hi> <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes"/><hi rend="italic">, womit ihr euch selbst betrügt!»</hi> Man muss diesen Spruch stehen und gelten lassen in seiner ganzen lapidaren Einfalt, die ihn so wahr und erwecklich macht. Aber gerade darum darf man ihn nicht belasten mit gewissen modernen Trivialitäten. Dass es nicht nur eine Theorie, sondern auch die Praxis geben müsse, steht z. B. <hi rend="italic">nicht</hi> da. Zu einem <term type="Begriffe" key="Lobpreis">Lobpreis</term> des sogenannten Lebens auf Kosten der Lehre gibt dieser Spruch <hi rend="italic">keinen</hi> Anlass. Man kann die Forderung, dass aus dem Hörer ein <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Täter</term> werden muss, erst dann sich einschärfen, wenn man sich so eindringlich, wie es V. 19-21 geschehen ist, klar gemacht hat, was ein <term type="Begriffe" key="Hören">Hörer</term> ist. Der Spruch ist nicht synthetisch; er bringt nichts Neues hinzu zu dem, was schon gesagt ist, sondern er ist <term type="Begriffe" key="Analyse, analytisch">analytisch</term>: er entwickelt und deckt auf, wie es mit einem wirklichen Hörer des <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term> der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> bestellt ist. Der <hi rend="italic">ist</hi> gar kein wirklicher Hörer, der bloß ein Hörer <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">ist</term>!</seg><seg xml:id="ps-25"> Es ist das  <pb ed="pga" xml:id="p406"/> Kriterium <hi rend="italic">des</hi> Hörens, das vorhin geschildert wurde, des Hörens <foreign xml:lang="el-GR">ἐν</foreign> <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτητι</foreign></term>, bei dem aller <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">menschliche</term> <term type="Begriffe" key="Eifer, des Menschen">Eifer</term> zunächst einmal zu verstummen hat, weil er unter das <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> gestellt wird, dass man darüber zum <hi rend="italic">Täter</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes"/> wird. Was heißt das? Wenn ich etwas, was ich gehört, tue, so heißt das, dass ich mich dem Gehörten <term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort">gefangen</term> gebe, dass ich ihm gegenüber auf die Reserve eines anderweitig Beschäftigten verzichte, dass ich ihm mein Leben, meine <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> zur Verfügung stelle. Das heißt Tun, wo so prägnant davon die Rede ist wie an unserer Stelle, wo eben nicht nur vom Tun, sondern vom <hi rend="italic">Täterwerden</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes"/> gesprochen ist. Also wer das <!-- ms41L -->Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> wirklich (im Sinn von V. 19-21) gehört hat, der ist ihm verfallen, ist ganz und gar von ihm in Anspruch genommen. Auf ihn ist eine Hand gelegt, die er nicht mehr abschütteln kann, und zwar wohlverstanden auf ihn <hi rend="italic">selbst,</hi> wie es ja das Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term> <hi rend="italic">selbst</hi> ist und nicht irgend ein Wort <hi rend="italic">über</hi> Gott, das sich an ihm selbst vorbei an irgend <hi rend="italic">etwas</hi> an oder in ihm, an seinen Verstand, an sein Interesse, an sein Gefühl oder dergleichen gewendet hat. Der wirkliche Hörer dieses <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term>, des <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος">λόγος ἔμφυτος</term></foreign>, <hi rend="italic">ist</hi> schon der <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Täter</term>. Sein Dasein bezeugt sein Hören. In <hi rend="italic">welcher</hi> Weise sich das zeigt, das ist für Jakobus <hi rend="italic">keine</hi> offene Frage etwa; aber davon nachher V. 26-27. Es handelt sich zunächst um die Feststellung, <hi rend="italic">dass</hi> es sich zeigt. <hi rend="italic">Das</hi> heißt ein «Täter des <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Worts</term>» sein, sagt <hi rend="italic">Calvin</hi><hi rend="italic">:</hi> «Sermonem Dei ex animo complecti vitaque testari, serio se credidisse.»<note xml:id="n246">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 395: «Factor hic, non quemadmodum ad Romanos cap. 2, 13, eum significat, qui legi Dei satisfacit, omnique ex parte eam implet: sed qui sermonem Dei ex animo amplectitur, vitaque testatur, serio se credidisse, iuxta hanc Christi sententiam: Beati qui audiunt sermonem Dei, et custodiunt eum (Luc. 11,28).»</note> Was würde das heißen, ein <hi rend="italic">«bloßer Hörer</hi> <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer"/><hi rend="italic">»</hi> sein? Offenbar der Versuch, dieses Wort zu hören in der gleichzeitigen Absicht, an seinem Inhalt vorbeizuhören, es so zu hören, wie man irgend ein anderes Wort, aber dieses gerade <hi rend="italic">nicht</hi> hören kann, nämlich objektiv, indem man davon Abstand nimmt, als ob es zu unserem Gefühl, Intellekt oder Gemüt, aber nicht zu uns selbst gesprochen wäre. Es braucht das nicht etwa notwendig in ablehnender, feindseliger Meinung zu geschehen; im Gegenteil: Zustimmung und Begeisterung oder doch freundlich-sympathische Anerkennung, religiöser Respekt davor sind die viel häufigere, viel sicherere Art, es so zu hören, d. h. es <hi rend="italic">nicht</hi> zu hören. Das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term>, das das<note xml:id="n247">Mskr.: «das entweder das»; Korrektur vom Hrsg.</note> Eine und Ganze sein will,</seg><seg xml:id="ps-26"> das  <pb ed="pga" xml:id="p408"/> Alles beherrscht, wird zu einem mit heiliger Freude und Ehrfurcht umgebenen Etwas, vor dem man nicht versäumt, die schuldige Reverenz zu machen, das aber tatsächlich nur in seiner bestimmten Sphäre Geltung und Würde hat, außerhalb derselben gelten andere Worte und Wahrheiten.</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-27"> Der Begriff und das Dasein einer sogenannten religiösen Sphäre mitten unter und <hi rend="italic">neben anderen</hi> Sphären, <hi rend="italic">das</hi> ist die wesentliche und bewusste Gottlosigkeit, die hier getroffen wird. <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religiöse</term> Sphäre, <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> als eine Provinz des menschlichen Gemütes<note xml:id="n248">Fr. Schleiermacher, <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern,</hi> Kritische Gesamtausgabe, 1. Abt., Bd. 2, Berlin / New York 1984, S. 204, Z. 34-38, hebt hervor, dass die Religion «aus dem Inneren jeder beßern Seele nothwendig von selbst entspringt, daß ihr eine eigne Provinz im Gemüthe angehört, in welcher sie unumschränkt herrscht, daß sie es würdig ist durch ihre innerste Kraft die Edelsten und Vortrefflichsten zu bewegen, und von ihnen ihrem innersten Wesen nach gekannt zu werden».</note>, <term type="Begriffe" key="Innerlichkeit">Innerlichkeit</term> als eine Angelegenheit der Kultur, das alles heißt: Gott geht mich <hi rend="italic">selbst nichts</hi> an, sein Wort hat meine, eine <hi rend="italic">ungeschiedene</hi> <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term>, in der es kein Sowohl-Als auch gibt, noch nicht getroffen, sondern erst etwas von dem Verschiedenen, Nicht-Existentiellen, Un-Wesentlichen, was ich sonst bin. Isoliert und unschädlich gemacht, gegenständlich steht es mir jederzeit gegenüber, ich kann Gebrauch davon machen oder auch nicht nach eigenem freien Ermessen z. B. meines <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissens</term>, das ja ebenfalls, auch wenn es noch so erleuchtet und wohlberaten ist, nicht meine <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> <hi rend="italic">ist</hi>, sondern bestenfalls sie begleitet. Vielleicht ist gerade das das deutlichste Kriterium für das <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Bloßer-Hörer-Sein</term> des Menschen, solange sein <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissen</term> noch als Richter und Regierer <hi rend="italic">über</hi> dem gehörten Wort steht, solange es noch ein Parlamentieren gibt zwischen Wort und Gewissen, <!-- ms41R -->ganz abgesehen davon, wie dann die <term type="Begriffe" key="Entscheidung">Entscheidung</term> ausfällt.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-28"> Der wirkliche, der <term type="Begriffe" key="Existenz">existentiell</term> getroffene Hörer des <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term> würde von solchem Parlamentieren nichts wissen, sein <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissen</term> würde schweigen, wie es sich gehört, wenn Gott redet, Gottes Reden wäre ganz und gar an die Stelle des <term type="Begriffe" key="Reden">Redens</term> seines <term type="Begriffe" key="Gewissen">Gewissens</term> getreten. Er wäre ja eben als Hörer dieses <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term> sein <hi rend="italic">Täter</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes"/>, nicht sein Interessent, nicht sein Verehrer, nicht sein Anbeter, sondern sein <hi rend="italic">Täter</hi>. Der bloße <hi rend="italic">Hörer</hi> <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer"/> aber hört immer noch andere Stimmen, er hört auch die Stimme des <term type="Begriffe" key="Wort">Wortes</term> als Stimme einer starren Lehre oder einer hohen, flüchtigen Idee oder als Stimme aus der Tiefe seines eigenen oder </seg> <seg xml:id="ps-29"> anderer Men<pb ed="pga" xml:id="p410" break="no"/>schen gar so tiefen Gemütes, nur nicht als <hi rend="italic">die</hi> Stimme, der gegenüber es nur unbedingten <term type="Begriffe" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gibt und nichts sonst. <hi rend="italic">«Womit ihr euch selbst betrügt!»</hi>, sagt Jakobus hart, aber jedenfalls deutlich. Die Möglichkeit des Vorbehalts, die uns allen anderen Stimmen gegenüber gegeben ist, ist hier <term type="Begriffe" key="Selbstbetrug">Selbstbetrug</term>. Hörer und nicht Täter sein wollen ist Selbstbetrug. Jakobus redet nicht von einem <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term>, in dem wir uns befinden, sondern dem wir uns hingeben, den wir selbst veranstalten. Der <term type="Begriffe" key="Irrtum">Irrtum</term>, dessen wir uns schuldig machen, ist ein doppelter: Wir vergessen, dass das, was wir als bloße <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Hörer</term>, was wir <hi rend="italic">nicht</hi><term type="Begriffe" key="Existenz">-existentiell</term>, <hi rend="italic">nicht</hi> bezwungen, <hi rend="italic">nicht</hi> <term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort">gefangengenommen</term> hören, sondern als ein Etwas, dem gegenüber Reserve und Disputation möglich ist, und wenn es uns von Engeln gesagt wäre, <hi rend="italic">nicht</hi> das <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> ist, das unsere Seele <term type="Begriffe" key="Seelenerrettung">errettet</term>. <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> an sich ist Illusion, vielleicht die schlimmste von allen, die es gibt. <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die uns nicht unbedingt bezwingt, ist nicht Wahrheit. Sie befreit nicht. Sie erlöst nicht. Sie ist unfruchtbar. <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="Begriffe" key="Gottes Wahrheit">wahrheit</term>, die als alles Andere, nur nicht als <hi rend="italic">Gottes</hi><term type="Begriffe" key="Gottes Wahrheit">wahrheit</term> gehört ist, ist die verderblichste von allen Lügen. Wer von diesem <term type="Begriffe" key="Kelch">Kelch</term> bloß <hi rend="italic">nippen</hi> will, der wird ewig dürsten. Und wir vergessen das Andere, dass wir uns dem Anspruch, den dieses <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> auf uns erhebt, ja doch nicht entziehen können dadurch, dass wir ihn nicht anerkennen. Die Wahrheit ist die <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Christus ist <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term>. Der <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος">λόγος ἔμφυτος</term></foreign> ist da, auch wenn er nicht da ist. Die Wirksamkeit dieser <!-- hier fehlt Text -->
    Botschaft fällt nicht zusammen mit dem Erfolg, den sie bei den einen hat, bei den anderen nicht hat. Sie ist schon damit gegeben, dass sie <hi rend="italic">diese</hi> Botschaft, die Botschaft von Gottes Gegenwart in unserer
    <!-- bis hier -->
<term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschlichkeit</term> ist. </seg> <seg xml:id="ps-30">Sehnen wir uns nicht danach, so entbehren wir sie doch. Lassen wir uns nicht richten, so sind wir doch <term type="Begriffe" key="Gericht">gerichtet</term>. Wenden wir uns ab, dann <hi rend="italic">sind</hi> wir eben abgewendet von dem, wovon wir allein leben können. Das <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> besteht, auch wenn es unser offener oder heimlicher Feind ist. Wer von diesem <term type="Begriffe" key="Kelch">Kelch</term> einmal genippt hat, der kann seinen Durst ewig nicht vergessen. Das ist der <term type="Begriffe" key="Selbstbetrug">Selbstbetrug</term> der bloßen <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Hörer</term>, der Nicht-Hörer <term type="Begriffe" key="Hören, Nicht-Hören"/> und Nicht-Täter. Ich brauche wohl nicht ausdrücklich zu sagen, dass Jakobus hier nicht von diesen und jenen, sondern von allen Christen redet, dass die Grenze zwischen den <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Tätern</term> und den bloßen <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Hörern</term> durch die <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> <hi rend="italic">aller</hi> Hörer dieses <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term> mitten hindurchläuft. | <lb/><lb/></seg>  </p>

<p> <seg xml:id="ps-31"><pb ed="pga" xml:id="p412" rend="noPipe"/> Die folgenden Verse (V. 23-24) umschreiben deutlicher das Wesen der <term type="Begriffe" key="Hören, Nicht-Hören">Nicht-Hörer</term>. Hier wird es ganz deutlich, was der Sinn des ganzen Abschnitts V. 19-22 ist, die Absicht des Verfassers, die Voraussetzung der Leser, dass sie <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> seien, zu begründen, indem er sie in Frage stellt. <!-- ms42L --> <hi rend="italic">«Denn wenn jemand Hörer des Worts ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein irdisches Angesicht im Spiegel betrachtete; er betrachtete sich und ging weg und vergaß alsbald, wie er aussah.»</hi> Der Sinn dieses <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnisses</term> liegt nicht so auf der Hand wie bei den anderen Gleichnissen, denen wir bis jetzt bei Jakobus begegnet sind. Man fühlt sich unwillkürlich an die Schwierigkeit erinnert, von der man<note xml:id="n249">Mskr.: «die man»; Korrektur vom Hrsg.</note> auch angesichts des <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnisses</term> <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term> von dem klugen und törichten Bauherrn Mt. 7,24 bedrückt ist, bei dem es sich ja auch ums <term type="Begriffe" key="Hören">Hören</term> und <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Tun</term>, Hören und Nicht-Tun handelt. Warum gleicht ausgerechnet der Täter der Rede <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term> dem, der sein Haus auf den Felsen, der bloße <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Hörer</term> dem, der es auf den Sand baute? Das tertium <term type="griechisch" key="tertium comparationis">comparationis</term> liegt jedenfalls nicht auf der Oberfläche. So auch hier. Was hat das Sich-Betrachten im Spiegel, Weggehen und das gesehene Bild wieder Vergessen mit dem Hörer- und nicht Tätersein zu tun, vor dem Jakobus warnen will? Soll man den Vergleichspunkt in der Flüchtigkeit und Nichtigkeit des empfangenen visuellen Eindrucks suchen? Das eilige Vorüberziehen des ganzen Vorgangs, das sofortige Illusorischwerden seines Zweckes gehört allerdings zu dem Sinn des <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnisses</term> sicher hinzu. Ein Geschehen, das anhebt, zu Ende geht und nachher keine Wirkung hinterlässt, ist <hi rend="italic">wie</hi> das Sehen – Weggehen – Vergessen des sich im Spiegel Betrachtenden – so auch das <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Hören</term> des Wortes, aus dem kein Tun folgt. Beachten Sie die beiden Sätzlein mit <foreign xml:lang="el-GR">καί</foreign> in V. 24, in denen schon <hi rend="italic">Bengel</hi> den stilistischen Ausdruck für dieses Vorbeieilen gefunden hat.<note xml:id="n251">Bengel, S. 491.</note> Aber wenn das Alles wäre, müsste man sich doch wundern darüber, warum Jakobus als betrachteten Gegenstand gerade einen Spiegel oder vielmehr das vom Spiegel reflektierte «irdische Angesicht» des Betrachters selbst nennt, was doch, wenn hier keine Absicht zu Grunde läge, nur zu Assoziationen Anlass geben musste, die jenen ersten, einfachen</seg><seg xml:id="ps-32"> Sinn stören  <pb ed="pga" xml:id="p414"/> und verwirren konnten. Warum nannte er, wenn er nur das sagen wollte, nicht ein weniger kompliziertes Objekt? Offenbar gehört also, wie die meisten Ausleger annehmen, der Spiegel und das Spiegelbild zur Sache. Darauf führt uns aber auch der auffallend umständliche Ausdruck <foreign xml:lang="el-GR">τὸ <term type="griechisch" key="πρόσωπον">πρόσωπον</term> τῆς <term type="griechisch" key="γένεσις">γενέσεως</term> αὐτοῦ</foreign> V. 23. <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="γένεσις"><foreign xml:lang="el-GR">Γένεσις</foreign></term></hi> ist hier wohl die natürliche, kreatürliche <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> der Menschen. Ihr <term type="griechisch" key="πρόσωπον"><foreign xml:lang="el-GR">πρόσωπον</foreign></term> wird im Spiegel betrachtet. <term type="griechisch" key="πρόσωπον"><foreign xml:lang="el-GR">Πρόσωπον</foreign></term> heißt, wie wir V. 11 sahen, Angesicht, Person, Maske, Erscheinung. Verbunden mit jenem Genitiv können wir vielleicht umschreiben: das, was seine natürliche Gestalt ausmacht im Gegensatz zu <hi rend="italic">der</hi> Gestalt des Menschen, die so nicht sichtbar wird. Dieses unsichtbare Selbst des Menschen, geschaut im Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term>, ist offenbar das, was [mit] dem Gesicht dessen, der sich im Spiegel betrachtet, verglichen wird. Man darf aber, wenn man <hi rend="italic">dieses</hi> Objekt als wesentlich für den Sinn des <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnisses</term> erkannt hat, ja nicht zu viel hineinlegen. Dass die Schrift dem Menschen das Bild seiner Seele in aller Genauigkeit vor Augen stelle, seinen inneren Zustand ihm enthülle, die Physiognomie seines inneren Menschen und dergleichen, das ist zwar sicher an sich wahr und gut gesagt, aber es steht nichts davon da<!-- ms42R -->, und es hat auch, wenn man Alles überlegt, mit dem in den Versen vorher und nachher ausgesprochenen Gedanken nichts zu tun. Was dasteht und was in den Zusammenhang passt, ist nur: das Wort zeigt dir, deinem Ohr <hi rend="italic">dich selbst</hi>, d. h. deine ewige <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term>, wie der Spiegel deinem Auge deine zeitliche Existenz. Wenn du die zwar <hi rend="italic">siehst</hi>, aber nur für einen <hi rend="italic">Augenblick</hi>, dann an diesem Anblick <hi rend="italic">deiner selbst</hi> vorübergehst, vergissest, was du gesehen hast, nämlich eben <hi rend="italic">dich selbst,</hi> dann bist du ein Hörer des <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Worts</term>, der kein Täter wird. Ein Täter des <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Worts</term> sein würde ja, wie wir vorhin sahen, heißen, nicht nur sich selbst, in seiner ewigen <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term>, <hi rend="italic">angesprochen</hi> hören, sondern in diesem Angesprochensein verharren, darin ganz gefangen <term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort">sein</term>, dass das <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> <hi rend="italic">mich</hi> angeht, wie von einem Speer durchbohrt und an die Wand genagelt sein und nicht mehr loskommen, nicht mehr Zuschauer sein und nicht mehr reflektieren und disputieren können in dem Handel zwischen Gott und Mensch, von dem das Wort redet, sondern der Mensch selber <hi rend="italic">sein</hi>, der vor Gott gestellt ist in diesem Handel, in sein <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> und unter seine <term type="Begriffe" key="Gnade">Gnade</term>.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-33"> Das würde heißen <hi rend="italic">hören</hi> und <hi rend="italic">tun</hi>, d. h. <hi rend="italic">wirklich</hi> hören das <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wort</term>, das den Menschen zum <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> macht. Anders, wenn das</seg><seg xml:id="ps-34"> <hi rend="italic">Gleichnis</hi> <term type="Begriffe" key="Gleichnis"/> auf  <pb ed="pga" xml:id="p416"/> mich <hi rend="italic">zutrifft</hi>. Der Mann (hier ist <term type="griechisch" key="ἀνήρ"><foreign xml:lang="el-GR">ἀνήρ</foreign></term> vielleicht im Gegensatz zu V. 8.12.20 doch konkret zu nehmen, jedenfalls würde das <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnis</term> auf die Frau im Allgemeinen schwerlich zutreffen), der Mann betrachtet sich im Spiegel, geht weg und vergisst bald, wie er aussieht, das ist ganz in der Ordnung so: was weiß man weniger, als wie man selber aussieht, und was geht uns das an?</seg></p> 

<p><seg xml:id="ps-35"/></p>

<p><seg xml:id="ps-36"> Aber was hier normal ist, das ist fatal, wenn es um <hi rend="italic">das</hi> Selbst geht, das gerade <hi rend="italic">nicht</hi> vergessen werden, über das gerade <hi rend="italic">nicht</hi> so selbstverständlich hinweggegangen werden sollte, um <hi rend="italic">das</hi> Selbst oder Ich, das,
 <!-- hier fehlt Text -->
 zu Gott hin geschaffen, in Gott zur Ruhe kommen muss<note xml:id="n253">Vgl. A. Augustinus, <hi rend="italic">Confessiones</hi> I, 1,1, CSEL 33, 1, 8f.: «[...] quia fecisti nos ad te; et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.»</note>. Dann bleibt es, fern von seiner Bestimmung, in der Unruhe. Und das ist eben das Hörer- und Nicht-Täter-Sein. Die Existenzfrage ist einen Augenblick aufgetaucht, einen Augenblick schien es, das Wort des absoluten Ernstes Gottes werde auch uns zu absolutem Gehorsam auf die Knie zwingen. Aber dieses Wort ist nicht unser Schicksal. Gott nimmt nur den gefangen, der sich gefangen gibt. Es besteht also die Möglichkeit zu entwischen, wie man vom Spiegel wieder weggeht. Und dann die Möglichkeit, selig zu vergessen, den Blitz, der uns da einen Moment lang ins Herz zu treffen drohte, abzulenken, einzu- kapseln, unschädlich zu machen in Form von Religion und Fröm- migkeit: das gehörte – nein eben so nicht gehörte Wort Gottes, sich daneben, darüber zu stellen mit tausend sicher sehr einleuchtenden Gründen. Das Ganze, was da passiert ist, ist dann eben Spekulation, zu deutsch Spiegelung gewesen, nicht Erkenntnis.</seg>    <seg xml:id="ps-37"> Hätte ich
 <!-- bis hier --> <pb ed="pga" xml:id="p418"/>  erkannt, so hätte ich gemerkt, dass es um <hi rend="italic">mich</hi> geht und dass das eben das Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term> ist, dass es um <hi rend="italic">mich</hi> geht. Ich wusste mir aber zu helfen, so dass es <hi rend="italic">nicht</hi> um mich selbst ging, nicht um das Individuelle, sondern um Gott, Welt, Mensch und einige andere Dinge, um das Allgemeine, und das Allgemeine ist <hi rend="italic">nie</hi> ernst, <hi rend="italic">nie</hi> real. Das Reale ist das <hi rend="italic">Individuum</hi>, der Täter, der Behaftete, Durchbohrte und Geopferte. Alles Andere gilt nicht in Sachen Gottes. Man kann an dieser Stelle vielleicht <!-- ms43L -->etwas verstehen von dem Zorn, mit dem Kierkegaard Hegel gegenübergestanden ist.<note xml:id="n254">Vgl. z. B.: «Alles, alles will mit dabei sein, man will sich weltgeschichtlich in dem Totalen betrügen, keiner will ein einzelner existierender Mensch sein. Daher vielleicht auch die vielen Versuche, an Hegel festzuhalten, selbst von Leuten, die das Mißliche an seiner Philosophie gesehen haben. Man fürchtet, wenn man ein einzelner existierender Mensch wird, spurlos zu verschwinden». «Und es ist unleugbar: wenn man keine ethische und religiöse Begeisterung hat, so muß man darüber, daß man ein einzelner Mensch ist, verzweifeln - sonst nicht.» (S. Kierkegaard, <hi rend="italic">Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift,</hi> 2. Teil, übersetzt von H. Gottsched, Gesammelte Werke, Bd. 7, Jena 1910, S. 52). «Das Dasein muß im Ewigen aufgehoben sein, ehe das System sich abschließt, ein existierender Rest darf nicht zurückbleiben, nicht einmal so eine Lumperei wie der existierende Herr Professor, der das System schreibt.» (<hi rend="italic">Philosophische Brocken. Abschließende unwissenschaftliche Nachschrift,</hi> 1. Teil, übersetzt von Chr. Schrempf und H. Gottsched, Gesammelte Werke, Bd. 6, Jena 1910, S. 206).</note> Man kann sich aber auch den Unterschied von <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> und <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> hier klar machen. Im Evangelium ist alles aktuell und individuell gemeint, und eine andere Möglichkeit, als daran zu glauben, kommt gar nicht in Betracht. Die <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> aber besteht in der Kunst, Abstand zu nehmen. Das <term type="Begriffe" key="Evangelium">Evangelium</term> will nur ein Einziges von uns: dass wir Gott ernst nehmen. Die <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> will Alles, nur ausgerechnet und ausdrücklich dieses <hi rend="italic">Eine</hi> nicht. Im Evangelium kommt Alles auf das Hörer- <hi rend="italic">und Täter</hi><term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">sein</term> an, d. h. dass man die Botschaft im schlichtesten Sinn wahr sein lasse. Der <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologe</term> aber ist der Mann, der sich zu helfen weiß, der sich <hi rend="italic">nicht</hi> behaften lässt. Er «betrachtete sich und ging weg und vergaß alsbald, wie er aussah» [Jak. 1,24]. Aber es braucht ja nicht gerade ein <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologe</term> zu sein. Wir machen es alle so. <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> muss ja sein und ist nur der Ausdruck und Gipfel des <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentums</term>, das hier von Jakobus in seiner <term type="Begriffe" key="Christlichkeit">Christlichkeit</term> etwas in <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term> gesetzt wird. | <lb/><lb/></seg></p>

<p> <seg xml:id="ps-38"> <date rend="right">[17.II.23]</date>Vers 25 lautet: <hi rend="italic">«Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und bleibt dabei, ist kein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes, der wird selig sein in seinem Tun.»</hi> Es ist anzunehmen, dass das <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnis</term> der vorigen Verse hier noch weiter wirkt, besonders in den Verben <term type="griechisch" key="παρακύπτειν"><foreign xml:lang="el-GR">παρακύπτειν</foreign></term> und <term type="griechisch" key="παραμείνειν"><foreign xml:lang="el-GR">παραμείνειν</foreign></term> und in dem <foreign xml:lang="el-GR">οὐκ <term type="griechisch" key="ἀκροατὴς">ἀκροατὴς</term> ἐπιλησμονῆς</foreign>. Wir erinnern uns unwillkürlich </seg><seg xml:id="ps-39"> an das  <!-- hier fehlte Text --> <pb ed="pga" xml:id="p420"/> Betrachten, Weggehen und Vergesessen von vorhin. Aber Gleichnis und Deutung sind hier ganz ineinander gearbeitet.</seg>
<seg xml:id="ps-40"> <term type="griechisch" key="παρακύπτειν"><foreign xml:lang="el-GR">Παρακύπτειν</foreign></term> heißt gebückt irgendwo hineinschauen und steht z. B. Lk. 24,12; Joh. 20,5 von dem Hineinschauen des Petrus in das leere Grab <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term> und 1.Petr. 1,12 von den Engeln, die es gelüstet, hineinzuschauen in das, was den <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term> offenbart ist. Es bezeichnet also jedesmal ein Schauen unter sehr außerordentlichen Umständen, und dieser Sinn scheint mir stärker als die nachwirkende Erinnerung an ein Sich-Niederbeugen zu einem kleinen Spiegel etwa. Auch das <term type="griechisch" key="παραμείνειν"><foreign xml:lang="el-GR">παραμείνειν</foreign></term> steht stärker selbständig denn als Gleichnis; ein andauerndes In-einen-Spiegel-Sehen wäre ja auch ein sehr gezwungenes <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnis</term>. Und ebenso ist in dem «unvergesslichen Hörer» das Bild von der Sache sozusagen aufgezehrt. Aber den durch die Verse 23-24 gebotenen Sinn dieses Hineinschauens, Bleibens und Nicht-Vergessens werden wir natürlich auch hier streng im Auge zu behalten haben. Es ist der Gedanke von V. 22, der hier gewaltig verstärkt wiederkehrt. Wir wissen nun, was das «Hören» ist, von dem dort die Rede war: es ist das <term type="Begriffe" key="Wagnis">Wagnis</term> des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term>, das in das gehörte <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> eindringt, es von innen versteht, nicht mehr objektiv, sondern wirklich nach V. 21 als <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="λόγος ἔμφυτος">λόγος ἔμφυτος</term></foreign>, als nicht nur gepredigtes und vernommenes, sondern <hi rend="italic">bejahtes</hi> Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term>, ein Vorgang, der freilich in der Sprache des diskursiven Denkens gar nicht auszudrücken ist, weil er darin besteht, dass das Subjekt ganz Objekt, das Hier ganz Dort wird. <hi rend="italic">Calvin</hi> hat dieses <term type="griechisch" key="παρακύπτειν"><foreign xml:lang="el-GR">παρακύπτειν</foreign></term> definiert als den «penetrabilis intuitus qui nos ad Dei similitudinem transformat».<note xml:id="n255">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 395: «Postquam de inani speculatione loquutus est, nunc ad penetrabilem illum intuitum descendit qui nos in Dei similitudinem transformat.»</note> Wieder möchte der <term type="Begriffe" key="Blitz">Blitz</term>, der Himmel und Erde auf einen Moment erleuchtet [und] verbindet, um sie dann wieder im Dunkel <!-- ms43R -->und in der Unterschiedenheit des Unten und Oben zurückzulassen, die Anschauung sein, die man für das hier Gemeinte zu Hilfe nehmen muss. Ähnlich steht es aber auch mit dem Gegenstande, in den da hineingeschaut wird: das <hi rend="italic">«vollkommene Gesetz der Freiheit»</hi> <term type="Begriffe" key="Gesetz, der Freiheit"/>. Das Wort <term type="griechisch" key="νόμος"><foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign></term>, das hier an die Stelle von <term type="griechisch" key="λόγος"><foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign></term> (V. 22) getreten ist, hat mit dem Alten <term type="Begriffe" key="Altes Testament">Testament</term> als solchem hier gar nichts zu tun. Es steht, wie wieder <hi rend="italic">Calvin</hi> bemerkt, «pro universa Dei doctrina».<note xml:id="n256">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 395.</note></seg><seg xml:id="ps-41"> Der  <pb ed="pga" xml:id="p422"/> terminus technicus <term type="griechisch" key="νόμος"><foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign></term> erinnert uns nur daran, dass dieser <term type="griechisch" key="λόγος"><foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign></term>, von dem die Rede ist, keine unbestimmte, unsichtbare Größe, sondern bei aller Gottestiefe, die hinter ihm steht, doch zunächst nichts Anderes als die gepredigte und gehörte christliche <term type="Begriffe" key="Jesus Christus, Botschaft">Botschaft</term>, die sozusagen religionsgeschichtliche Wirklichkeit des <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentums</term> ist. Aber wie Paulus, wenn er Röm. 3,27 vom <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="νόμος">νόμος</term> <term type="griechisch" key="πίστις">πίστεως</term></foreign> oder Röm. 8,2 
     <!-- hier fehlt Text -->
     vom <foreign xml:lang="el-GR">νόμος τοῦ πνεύματος τῆς ζωῆς</foreign> oder Gal. 6,2 vom <foreign xml:lang="el-GR">νόμος τοῦ Χριστοῦ</foreign> redet, über das äußerliche Wort als Wort hinausweist auf seinen Inhalt, so hier Jakobus, wenn er es den <foreign xml:lang="el-GR">νόμος τέλειος τῆς ἐλευθερίας</foreign> nennt. Man muss den Nachdruck und den Sinn dieser Wendung ganz
     <!-- bis hier -->
in den <hi rend="italic">Prädikaten</hi> suchen.</seg><seg xml:id="ps-42"> <term type="griechisch" key="τέλειος"><foreign xml:lang="el-GR">Τέλειος</foreign></term>, um zu betonen: hier ist nicht <hi rend="italic">ein</hi> Wort, sondern <hi rend="italic">das</hi> <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term>, nicht eine Ordnung, sondern <hi rend="italic">Gottes</hi> <term type="Begriffe" key="Ordnung, Gottesordnung">Ordnung</term>, nicht ein vorläufiges und teilweises Gebot, sondern das einzige, das alle umfasst. <foreign xml:lang="el-GR">Τῆς ἐλευθερίας</foreign> sicher, wie in jenen paulinischen <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Parallelen</term>, um gleichzeitig den Inhalt dieses Gebots und die <hi rend="italic">Welt,</hi> die  <!-- hier fehlte Text -->
        Sphäre zu bezeichnen, in der es als Gebot begriffen und anerkannt wird. Es ist <hi rend="italic">das</hi> Gesetz, das in Freiheit und nur in Freiheit dem Menschen zum Gesetz werden kann. <hi rend="italic">Das</hi> Gesetz, das gerade als <hi rend="italic">höchstes</hi> Gesetz <hi rend="italic">aufgehört</hi> hat, Gesetz zu sein. Wo <hi rend="italic">dieses</hi> Gesetz dem Men<!-- bis hier -->schen Gesetz wird, da ist er <hi rend="italic">frei</hi>.</seg>
    <seg xml:id="ps-43"> Also auch hier die Aufhebung von Hier und Dort, Subjekt und Objekt, nur von der anderen Seite, von oben her.</seg> 
</p>

<p><seg xml:id="ps-44"> Was bedeutet das Hineinschauen in das vollkommene Gesetz der Freiheit in unserem <term type="Begriffe" key="Gesetz, der Freiheit">Zusammenhang</term>? Offenbar gerade das, was V. 22 als das Wesen eines «Täters des Wortes» geschildert wurde. Ein <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Täter</term> sein heißt ein Freier, ein Selbsttäter sein. Die <term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort">Gefangenschaft</term>, in die uns das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> zwingen will, ist die Notwendigkeit ursprünglichster, eigenster Tat und Bewegung. Was könnte es für eine andere Freiheit geben als die, die darin besteht, dass wir den Ruf hören: Du bist der Mann! [vgl. 2.Sam. 12,7]. Der ihn hört, <hi rend="italic">so</hi> hört, dass er <hi rend="italic">nicht</hi> mehr vergessen kann, dass dieses Hören eine bleibende Bestimmung seiner <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> geworden ist, <term type="griechisch" key="παραμείνειν"><foreign xml:lang="el-GR">παραμείνας</foreign></term>, <hi rend="italic">so</hi> hört, der tut das <hi rend="italic">Werk</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes"/><hi rend="italic">,</hi> oder vielmehr prägnanter: der ist ein <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ποιητὴς"><foreign xml:lang="el-GR">ποιητὴς</foreign></term> <term type="griechisch" key="ἔργον"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργου</foreign></term></hi>.</seg>  </p>

<p><seg xml:id="ps-45"> <pb ed="pga" xml:id="p424" rend="noPipe"/>  <term type="griechisch" key="ἔργον"><foreign xml:lang="el-GR">Ἔργον</foreign></term> ist hier also mit Nachdruck substituiert für <term type="griechisch" key="λόγος"><foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign></term> V. 22. Ein Täter des <hi rend="italic">Wortes</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">sein</term> heißt ein Täter des <hi rend="italic">Werkes</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes"/> sein. Es muss ernst ­damit sein, dass es bei einem bloßen <hi rend="italic">Hören</hi> <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer"/> des Wortes sein Bewenden nicht haben kann, und wenn dieses «Hören» sich vertiefte zu tiefster Intuition oder zu gläubigster, innerlich aufgeschlossenster <term type="Begriffe" key="Gesinnung">Gesinnung</term>. Und dann muss es ausgesprochen sein: tun heißt das <hi rend="italic">Werk</hi> tun, also als <hi rend="italic">ganzer</hi> Mensch, innerlich <hi rend="italic">und</hi> äußerlich, in <term type="Begriffe" key="Gesinnung">Gesinnung</term> <hi rend="italic">und</hi> Tat in Bewegung kommen. Wer hier einen Vorbehalt machen, das «Werk» als indifferent etwa bei Seite schieben wollte, der würde damit nur zeigen, dass er das Hineinschauen in das vollkommene Gesetz der <term type="Begriffe" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> noch nicht kennt, dass er dem Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> noch als einer fremden objektiven Größe gegenüberstehen, sich vor ihm in Sicherheit bringen will. In der Auslieferung des «Werks», dessen, was ich nun tatsächlich denke, <!-- ms44L -->sage, tue, beweise und bewähre ich, dass ich ein <term type="griechisch" key="παρακύπτειν"><foreign xml:lang="el-GR">παρακύψας</foreign></term> und <term type="griechisch" key="παραμείνειν"><foreign xml:lang="el-GR">παραμείνας</foreign></term> bin, dass ich nicht nur fromm geworden bin, sondern meine <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> aufs Spiel gesetzt habe. Um diese <hi rend="italic">Preisgabe</hi> <term type="Begriffe" key="Preisgabe des Menschen"/> handelt es sich, will Jakobus sagen. Es handelt sich darum, sich mit dem, was man gehört hat, zu <hi rend="italic">exponieren</hi>, ihm äußere <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenzen</term> zu geben, durch die man sich <hi rend="italic">zeichnet</hi> und <hi rend="italic">kompromittiert</hi>, durch die man unangenehme Blicke und Zeigefinger auf sich zieht: Dieser war auch mit Jesus von Nazareth [vgl. Mt. 26,71]! Wo man das vermeiden will, da ist die <term type="Begriffe" key="Freiheit">Freiheit</term> in der Gefangenschaft des göttlichen <term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort〉〉〈〈Gottes Wort">Wortes</term> <hi rend="italic">nicht</hi> vorhanden. Aber halten wir den Zusammenhang fest: um die Preisgabe des <hi rend="italic">Menschen</hi> <term type="Begriffe" key="Preisgabe des Menschen"/> an das <hi rend="italic">Wort</hi> <term type="Begriffe" key="Wort"/> handelt es sich. V. 25 muss nach V. 22 erklärt werden so gut wie umgekehrt: das Werk, das getan sein <term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes">will</term>, ist das <hi rend="italic">Wort</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes"/> und nichts sonst. Und nicht umsonst liegt auch in V. 25 der Nachdruck des Satzes auf den Substantiven <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ἀκροατής"><foreign xml:lang="el-GR">ἀκροατής</foreign></term></hi> und <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="ποιητής"><foreign xml:lang="el-GR">ποιητής</foreign></term></hi>; an den <hi rend="italic">Menschen</hi>, an den eingefrorenen <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>, die da meinen, es gebe ein Hören <hi rend="italic">dieses</hi> <term type="Begriffe" key="Hörer, bloßer">Wortes</term>, das nicht eo ipso sein Tun sei, ist dem Jakobus gelegen, nicht an den Werken als solchen. Er zielt ja darauf hin, ihnen zu zeigen, was es sei um das Aufnehmen des Wortes, an das er sie am Ende des vorhergehenden Abschnitts in so bedeutsamer Weise erinnert, des Wortes, das die Kraft hat, eine <term type="Begriffe" key="Seelenerrettung">Seele</term> zu retten (V. 21). Im <hi rend="italic">Tun</hi> des Wortes oder jetzt also ganz unmissverständlich gesagt: im Tun des <hi rend="italic">Werkes</hi> <term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes"/> wird er selig sein. «In <hi rend="italic">ipsa actione</hi> sita  <pb ed="pga" xml:id="p426"/> est beatitudo», hat <hi rend="italic">Calvin</hi> interpretiert.<note xml:id="n258">Calvin, Commentarius Iac., Sp. 396: «Et quum addit, <hi rend="italic">beatus erit in opere suo</hi>, significat in ipsa actione sitam esse beatitudinem, non in auditione frigida.»</note> Die <term type="griechisch" key="ποίησις"><foreign xml:lang="el-GR">ποίησις</foreign></term>, actio, ist, wie sich aus allem Vorangegangenen ergibt, das reservelose und darum tätige Fürwahrhalten des Wortes. Nur in dieser actio, will Jakobus sagen, ist das <term type="Begriffe" key="Wort">Wort</term> <hi rend="italic">das</hi> Wort, von dem vorher so Großes gesagt wurde. Ohne das heißt euer Hören <term type="Begriffe" key="Hören, Nicht-Hören">Nicht-Hören</term>, euer noch so tiefes innerliches Daraufeingehen müßige <term type="Begriffe" key="Spekulation">Spekulation</term>. Gerade weil ihm am <hi rend="italic">Wort</hi> und nur am Wort so gelegen ist, dringt Jakobus so unerbittlich aufs Tun, aufs <term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes">Werk</term>. Beachten wir noch, dass die <term type="Begriffe" key="Seligkeit">«Seligkeit»</term>, von der dieser Schlusssatz redet, mit <foreign xml:lang="el-GR">ἔσται</foreign> leise, aber bestimmt wie V. 12 in die Zukunft oder vielmehr in die Sphäre der <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> und des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> gerückt wird. Eine direkte Verknüpfung zwischen der <term type="griechisch" key="ποίησις"><foreign xml:lang="el-GR">ποίησις</foreign></term> und dem <term type="griechisch" key="μακάριος"><foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign></term> wie zwischen Leistung und Lohn wird gerade durch dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἔσται</foreign>, das in so manchem paulinischen <foreign xml:lang="el-GR">σωθήσεται</foreign> seine Parallele <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">hat</term> [vgl. Röm. 9,27; 10,13; 11,26; 1. Kor 3,15], <hi rend="italic">ausgeschlossen</hi>. Zwischen actio und beatitudo liegt unüberbrückt der <term type="Begriffe" key="Abgrund">Abgrund</term>, der <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> von Erfüllung, menschliches <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit), menschliches Tun">Tun</term> von Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, sein Wohlgefallen">Wohlgefallen</term> scheidet. Den <term type="Begriffe" key="Weg">Weg</term> zu zeigen, der an diese Stelle führt, wo Gottes <term type="Begriffe" key="Gott, sein Wohlgefallen">Wohlgefallen</term> als die über Leben und Tod entscheidende Instanz <hi rend="italic">sichtbar</hi>, wo die menschliche <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Situation</term> des Menschen <hi rend="italic">verheißungsvoll</hi> wird, <hi rend="italic">das</hi> und nicht der Aufweis eines ordo <term type="griechisch" key="ordo salutis">salutis</term>, den es <hi rend="italic">nicht</hi> gibt, ist natürlich auch hier die Absicht unseres Verfassers. Die verheißungsvolle Situation, will er sagen, ist die <term type="griechisch" key="ποίησις"><foreign xml:lang="el-GR">ποίησις</foreign></term>, der Einsatz der <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term>, das <term type="Begriffe" key="Wagnis">Wagnis</term> des Hörens und Tuns.</seg> </p>

<p rend="margin-top"><seg xml:id="ps-50"> Und nun 3. die abschließende Frage unseres Abschnitts: Wisst ihr, die ihr euch Christen <term type="Begriffe" key="Christen">nennt</term>, was es heißt, dieses Wort zu <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">tun</term> (V. 26-27)? Antwort: <hi rend="italic">«Hält sich jemand für fromm, zügelt aber seine Zunge nicht, sondern betrügt sein Herz, dessen Frömmigkeit ist nichtig. Reine und unbefleckte Frömmigkeit vor Gott dem Vater besteht darin: die Waisen und Witwen besuchen in ihrer Bedrängnis, sich selbst unbefleckt bewahren vor der Welt.»</hi> </seg>  </p>
<p><seg xml:id="ps-51"><pb ed="pga" xml:id="p428" rend="noPipe"/></seg></p>
 <p>   <seg xml:id="ps-52"> Ich denke, wir empfinden alle die Kühnheit dessen, was Jakobus in dieser Stelle, besonders ausdrücklich in V. 27 unternimmt: er will ausdrücklich und konkret sagen, was das <hi rend="italic">heiße</hi>, das Wort der <term type="Begriffe" key="Wort, der Wahrheit">Wahrheit</term> zu <hi rend="italic">tun</hi>, er will beschreiben, in was ein «reiner und unbefleckter <term type="Begriffe" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term> vor Gott dem <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term>» bestehe. Kann <!-- ms44R -->man das <hi rend="italic">sagen</hi> ?, lässt sich das <hi rend="italic">beschreiben?</hi>, möchte man einwerfen. Lässt sich das menschliche <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit), menschliches Tun">Tun</term>, das die große Bezeichnung von V. 27 Anfang verdiente, anders definieren als durch den Verweis auf das «gerechte <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> Gottes, der einem jeglichen bezahlen wird nach seinen Werken», bezahlen, je nachdem <hi rend="italic">sein</hi> <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> über seine Werke ausfällt (Röm. 2,6)? Die ganze Naivität, mit der Jakobus dieser schweren Frage gegenübersteht, tritt uns in dem Übergang von V. 25 zu V. 26-27 entgegen. Ihm ist es selbstverständlich, dass jetzt auch noch ganz handgreiflich gesagt werden muss, was gemeint ist, wenn vom Tun oder, wie er zuletzt noch unmissverständlicher gesagt: vom <term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes">Werk</term> die Rede ist. So rasch pflegt Paulus nicht vorzugehen an diesem gefährlichen Punkt, wo an Stelle des seligmachenden Wortes mit allerdings, wie wir sahen, unentrinnbarer <term type="Begriffe" key="Konsequenz">Konsequenz</term> das seligmachende Werk <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">tritt</term>. Wehe, möchte man dazwischenrufen, wenn das mit falschen Ohren gehört wird!</seg> 
    <seg xml:id="ps-53"> Stellen wir zunächst fest, dass auch Paulus nicht nur im Allgemeinen diese Wendung ins ganz <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Konkrete</term> zu nehmen nie ganz unterlassen, sondern auch wie hier Jakobus von einem Gott darzubringenden lebendigen, heiligen, Gott wohlgefälligen Opfer, von einem «vernünftigen <term type="Begriffe" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term>» (Röm. 12,1) ausdrücklich geredet <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">hat</term>, nur dass bei ihm viel deutlicher wird, um welche <foreign xml:lang="el-GR">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</foreign><note xml:id="n260">Übergang in eine andere Gattung.</note> es sich handelt, wenn so etwas zu sagen gewagt wird. Gerade bei dem Übergang von Röm. 11 zu Röm. 12 wirkt die Wendung von Gott zu den Menschen ja fast wie ein Schlag auf den Kopf, so dass ein Blinder merken müsste, dass man sich nun auf einer ganz anderen Ebene befindet, ganz andere Kategorien anzuwenden hat.</seg><seg xml:id="ps-54"> Und gerade  <pb ed="pga" xml:id="p430"/> dieser <hi rend="italic">Kontrast</hi> wirkt dann als Aufforderung, den Zusammenhang zu suchen und zu sehen. Man muss sich immer wieder den Zusammenhang der <hi rend="italic">psychologischen</hi> Betrachtungsweise in Erinnerung rufen, den Jakobus <hi rend="italic">von Anfang an</hi> gewählt <term type="Begriffe" key="Jakobus, Psychologe">hat</term>, um ihm gerecht zu werden.</seg> <seg xml:id="ps-55">Über die letzte Frage: wie kommt es dazu, dass menschliches <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit), menschliches Tun">Tun</term> Gott wohlgefällig wird?, über die Überbrückung jenes <term type="Begriffe" key="Abgrund">Abgrundes</term> zwischen Gott und Mensch gibt er wohl gelegentlich instruktive Hinweise – er versäumt nicht, durch Winke wie etwa jenes <foreign xml:lang="el-GR">ἔσται</foreign> V. 25 an ihr Vorhandensein zu erinnern –, aber sie ist nicht sein Thema. Sein Thema ist der <hi rend="italic">Mensch</hi>, der die Antwort auf jene Frage gehört und doch immer noch nicht recht gehört hat, seine Aufmerksamkeit ist ganz darauf gerichtet, diesen <hi rend="italic">Menschen</hi>, den sogenannten <term type="Begriffe" key="Christen">Christen</term>, in die Situation hineinzustoßen, in der die Antwort, um die Paulus ringt, erst wahr und aktuell sein kann, in die <hi rend="italic">wirklich</hi> christliche Situation des <hi rend="italic">Gehorsams</hi> <term type="Begriffe" key="Gehorsam"/>, ohne den es keine Buße und darum auch keinen <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> gibt. Die Wahrheit und Erbaulichkeit seiner Darlegungen besteht darin, dass er zeigt, wie unumgänglich es ist, jener Aufforderung nachzukommen, wie unmöglich es wäre, bei Röm. 1-11 etwa stehen[zu]bleiben und den Kontrast von Röm. 12 als Quietiv statt als Motiv aufzufassen. Wer das beachtet, wird ihn nicht falsch verstehen. Darum ist denn auch der Begriff, den er hier auftauchen lässt, wo es sich um das konkrete Tun handelt, ganz naiv der Begriff <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκός</foreign></term></hi><hi rend="italic">,</hi> den man am besten mit «fromm» oder «religiös» übersetzt. Als <term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign></term> im Sinn des Jakobus setzen wir, wenn wir an Kap. 2 denken, wohl am besten gerade den Glauben an einen Zusammenhang von Wahrheitsgedanken wie etwa den paulinischen Röm. 1-11 voraus. In einem solchen oder ähnlichen Glauben, und das war wahrhaftig nichts Geringes, hatten die Leser des Jakobus ihre <term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign></term>, ihr rechtes Verhältnis zu Gott, ihre <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term>, ihr <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentum</term> gefunden.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-56"> Das <foreign xml:lang="el-GR"><hi rend="italic">εἴ τις δοκεῖ</hi> θρησκὸς εἶναι</foreign> zeugt vom Bewusstsein eines Reichtums, das sie erfüllte, und der Zusammenhang mit dem Vorigen, den ich nicht leugnen möchte, [weist] darauf hin, dass dieser Reichtum irgendwie in der besonderen Art, in der sie das Wort gehört hatten und noch hörten, bestand. Es muss, paulinisch oder sonst, ein spezifisch theologischer Reichtum gewesen sein. Wir verstehen bei dieser Annahme auch am besten, warum Jakobus das Bedürfnis hat, nachdem die Grundlage gelegt ist, nun auch noch ganz konkret zu werden. (Es  <pb ed="pga" xml:id="p432"/> wird ja 2,1ff. dann sogar noch schlimmer kommen.) Wenn es sich darum handelt, <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologen</term> und theologisch Interessierte zur <term type="Begriffe" key="Bußruf">Buße</term> <!-- ms45L -->zu rufen, so kann man vielleicht nichts Besseres tun, als unter Absehen von allem Tiefsinn gleich ganz konkret zu werden. V. 26 ist negativ. Jakobus will zeigen, worin das Tun, von dem er geredet, die <term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign></term>, die der christlichen Situation entspricht, jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> besteht. Er setzt den Fall, dass ein solcher Hörer des wahren <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Wortes</term>, der in solchem Hören das Wesen der <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> gefunden und bei solchem Frommsein sich beruhigt hat, «seine Zunge nicht im Zaum hält». <foreign xml:lang="el-GR">Χαλιναγωγῶν</foreign> erweckt wie 3,3 die Vorstellung vom Reiter auf seinem Pferd, das ihm durchgehen will. Die von Jakobus Angeredeten sind also Leute, die gut zu reden wissen, nur zu gut sogar, das Pferd ist allzu feurig. Über was wohl? Es wäre gesucht, hier an allgemeine Schwatzhaftigkeit zu denken, sondern offenbar geht das eben auf ein allzu lebhaftes Redenkönnen und Redenwollen von dem <hi rend="italic"><term type="griechisch" key="λόγος"><foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign></term></hi>, von dem vorher die Rede war, der hier als Mittelpunkt der <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi> <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit"/> erscheint und von dem dann V. 27 so Überraschendes zu sagen sein wird. Blicken wir zurück auf V. 19-21, so ergibt sich vielleicht am zwanglosesten, was Jakobus meinen könnte: das <term type="Begriffe" key="Zorn">zornige</term>, eifrige <term type="Begriffe" key="Reden">Reden</term> zur vermeintlichen Ehre <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Gottes</term>, von dem er dort gesagt, dass es das rechte <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes">Hören</term> des Wortes verhindere. Hier V. 26 sagt er, dass ein Hören, das etwa darauf hinausliefe, [das] in dieser Kunst des hemmungslosen Von-Gott-reden-Können auf Kosten der <term type="griechisch" key="πραΰτης"><foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign></term> (V. 21) bestehe, als <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> nichtig sei. Wieder wie V. 22 erscheint der Gedanke des <hi rend="italic">Selbstbetrugs</hi> <term type="Begriffe" key="Selbstbetrug"/>, den der Mensch bei solchem Hören verübt. «Er betrügt sein eigenes Herz», sagt Jakobus, offenbar in der Meinung, dass das eigene <term type="Begriffe" key="Mensch, Herz des">Herz</term> des Menschen eigentlich <hi rend="italic">wüsste</hi>, dass das mit jenem Zungenwerk ja eigentlich <hi rend="italic">nicht</hi> geht, dass dabei nur <hi rend="italic">scheinbar</hi> geschieht, was <hi rend="italic">eigentlich</hi> geschehen sollte. Aber das Herz lässt sich betrügen, es ist eben das <hi rend="italic">menschliche</hi> <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)〉〉 〈〈Mensch, Herz des">Herz</term>. Es gibt ja nichts Betrügerischeres als gerade den Besitz hoher oder tiefer Einsichten von Gott und göttlichen Dingen, keine leichtere Verwechslung als die zwischen dem, was man weiß, und [dem], was ist, oder vielmehr zwischen dem, was <hi rend="italic">ist</hi>, worüber uns der <foreign xml:lang="el-GR">λόγος τῆς <term type="griechisch" key="λόγος ἀληθείας">ἀληθείας</term></foreign> allerdings erschöpfende Auskunft geben kann, und dem, was <hi rend="italic">für mich</hi> ist, also zwischen dem <hi rend="italic">gehörten</hi> und dem <hi rend="italic">getanen</hi> Wort. Kann nicht auch das bloß <hi rend="italic">gehörte</hi> Wort mich angreifen bis auf die Wurzeln</seg><seg xml:id="ps-60">  meiner Exi<pb ed="pga" xml:id="p434" break="no"/>stenz<term type="Begriffe" key="Existenz"/>, ist nicht auch mein <hi rend="italic">Reden</hi> davon, wobei mir dann vielleicht das Pferd durchgeht, ein Tun? Sollte nicht das <term type="Begriffe" key="Zorn">zornige</term>, <term type="Begriffe" key="Eifer">eifrige</term> Mit-Gott- und-für-Gott-Recht-Haben, das etwa ein Mensch betätigen könnte, der Röm. 1-11 z. B. intus hätte, ein Werk sein mit der <term type="Begriffe" key="Verheißung">Verheißung</term> der <term type="Begriffe" key="Seligkeit">Seligkeit</term>, wie V. 25 beschrieben, ein reformatorisches, ein prophetisches Werk? Wer dürfte eine <term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign></term> nichtig schelten, hinter der ja vielleicht der verzehrende Eifer <term type="Begriffe" key="Eifer, Gottes">Gottes</term> selbst steht?</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-61"> Der <hi rend="italic">Selbstbetrug</hi> <term type="Begriffe" key="Selbstbetrug"/><hi rend="italic">,</hi> von dem Jakobus hier redet, ist offenbar wie V. 22 gerade die <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung, Selbst-">Rechtfertigung</term>, die der fromme und beredte <term type="Begriffe" key="Sünder">Sünder</term> sich hier zuteil werden lässt. Würde er sich selbst nicht rechtfertigen <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung, Selbst-">wollen</term>, so wäre wohl sein <term type="Begriffe" key="Eifer">Eifer</term>, seine Kunst auszuüben, weniger groß. Er würde die Schranken ihrer Bedeutung einsehen. Er wäre unsicherer <!--hier fehlte Text -->

    der Frage gegenüber, ob man so Gottes Ehre fördern kann. Er wäre kein so glänzender Theologe. Er wüsste dann, dass er bei all seinem Reichtum – und bestände er in der ganzen paulinischen Erkenntnis – arm ist. Er wäre von selbst offen auch für andere menschliche Möglichkeiten. Wer einmal gebrochen ist in dem Glauben daran, <hi rend="italic">seine</hi> Frömmigkeit sei gerechtfertigt, sei mehr als eine menschliche Möglichkeit, der beginnt ganz von selbst nach Ergänzungen, nach anderen menschlichen Möglichkeiten sich umzusehen. Bricht die Verteidigungsrede pro domo in sich zusammen, dann ist der Ausweg frei, dann ist jedenfalls die Frömmigkeit eines Menschen nicht mehr «nichtig», denn dann hat, was er auch tue, das Tun des Wortes, des Werkes angefangen, er ist dann eingetreten in die christliche Situation des Gehorsams, in der man seine Existenz hergibt und nicht etwa – und das ist die Gefahr der Christlichkeit, der Theologie, die hier beschrieben wird – aus dem Worte Gottes selbst ein Mittel macht, um seine geistige Existenz zu retten und zu erhöhen. Das ist’s ja, was

<!-- bis hierher -->
</seg><seg xml:id="ps-62">Jakobus hier seinen Lesern zurufen will: sie möchten doch nicht etwa, indem sie das Eine, was not tut, so gut kennen, daraus ein Mittel machen, um sich dem Einen, was not tut [vgl. Lk. 10,42], nämlich der Beugung vor Gott selber, [zu] entziehen.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-63"><hi rend="italic">Darum</hi> nennt er ihre <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> eitel, <hi rend="italic">darum</hi> führt er sie auf <term type="Begriffe" key="Selbstbetrug">Selbstbetrug</term>, auf Erstickung der Stimme ihres eigenen <term type="Begriffe" key="Mensch, Herz des">Herzens</term> zurück. Und <hi rend="italic">darum</hi> nun die plötzliche <term type="Begriffe" key="Paradox">paradoxe</term> Aufstellung V. 27, dass die reine, unbefleckte <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> vor Gott dem <term type="Begriffe" key="Gott, Vater">Vater</term> darin bestehe, die Witwen und <term type="Begriffe" key="Witwen und Waisen">Waisen</term> in ihrer Bedrängnis zu besuchen und sich vor <pb ed="pga" xml:id="p436"/> der Welt unbefleckt zu erhalten. O ja, das Tun des Wortes, des Werkes (V. 25) könnte auch darin bestehen, dass Gott und die göttlichen Dinge gewusst werden, dass von Gott geredet, vielleicht hemmungslos geredet wird, zornig, eifrig, unfriedenstiftend, wie Elia und alle Propheten es getan haben. Aber wenn’s <hi rend="italic">das</hi> ist, dann <hi rend="italic">ohne</hi> jene Rechtfertigung, <hi rend="italic">ohne</hi> jenen <term type="Begriffe" key="Selbstbetrug">Selbstbetrug</term>, dann sicher gerade <hi rend="italic">ohne</hi> die Anmaßung, dass das nun die wahre <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> sei, dann eben wirklich als <hi rend="italic">Dienst</hi>, als <term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign></term>, wahrlich eine nötige <term type="griechisch" key="θρησκεία"><foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign></term>. Aber wo ist die Christenheit, die <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term>, die diesen Fall unbedenklich für sich in Anspruch nehmen dürfte? Wo ist die Berufung auf das Wort etwas Anderes als der Deckmantel für die fehlende Tat? An <hi rend="italic">diese</hi> Christenheit, die eben nicht Elia, nicht Paulus ist, sondern nur ihren Anspruch erheben zu dürfen meint, wendet sich Jakobus V. 27.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-70"> Es ist wahrlich auch eine <foreign xml:lang="el-GR">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</foreign>, wenn man diesen Übergang genau betrachtet. Wie ein Fallbeil saust das in die große religiöse Sicherheit seiner wohl unterrichteten und wohl beredten Leser hinein: Da, die Witwen und <term type="Begriffe" key="Witwen und Waisen">Waisen</term>! und da: sich von der Welt unbefleckt erhalten!, <hi rend="italic">das</hi> heißt, das heißt nun <hi rend="italic">für euch</hi> <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, <hi rend="italic">Tun</hi> des <term type="Begriffe" key="Täter, des Wortes">Wortes</term>. Elia und Paulus sein wollen heißt für euch Ungehorsam, so gewiss es für sie selbst <term type="Begriffe" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen Gottes Sendung war. Hören und immer wieder Hören, wie Maria zu Füßen des Herrn, heißt für euch <term type="Begriffe" key="Hören, Nicht-Hören">Nicht-Hören</term>, so gewiss es für jene das gute Teil war [vgl. Lk. 10,39]. <term type="Begriffe" key="Rechthaberei">Rechthaben</term> mit Gott und für Gott heißt für euch unrecht haben und gegen Gott stehen. Warum gerade die Witwen und <term type="Begriffe" key="Witwen und Waisen">Waisen</term>? Warum gerade die Forderung, sich von der Welt unbefleckt zu erhalten? Ich brauche nicht hervorzuheben, was sich in diesen Worten verrät von warmem sozialem <term type="Begriffe" key="sozial">Empfinden</term> und zugleich von <term type="Begriffe" key="Askese">asketischer</term> Strenge ihres Autors. Es kann für das Verständnis der ganzen Stelle nicht darauf ankommen. Um das rechte Hören des <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gotteswortes</term>, um den rechten <hi rend="italic">Dienst</hi> geht es dem Jakobus; im Verhältnis zu  <pb ed="pga" xml:id="p438"/> diesem Zweck sind diese menschlichen Gesichtspunkte, so wichtig sie sind, <hi rend="italic">sekundär</hi>. Man muss beide Worte zunächst nebeneinander stehen lassen. Ich zitiere <hi rend="italic">Schlatter</hi><hi rend="italic">:</hi> «Nicht das Eine oder das Andere, sondern Beides ist uns <!-- ms46L -->[aufgetragen]. Man hat sich oft in der <term type="Begriffe" key="Kirche(, Kirchlichkeit)">Kirche</term> in die zwei Hälften dieses Worts geteilt. Die einen leitet das erste Wort; sie treten deshalb hinaus in die Welt und unternehmen mancherlei, was den Schwachen und Leidenden wohltun wird, den andern bewegt das zweite Wort, und er tritt in die Stille und hütet sein <term type="Begriffe" key="Mensch, Herz des">Herz</term>, daß es sich nicht erfülle mit dem, wovon die Welt getrieben wird. Aber nicht das halbe, sondern das ganze Wort des Jakobus nennt uns unsere Aufgabe.»<note xml:id="n261">Vgl. Schlatter, S. 178. Barth hat die in der Vorlesung 1922/23 vorgefundene Lücke in der Vorlesung 1928/29 vermutungsweise ausgefüllt.</note> Und ich würde hinzufügen: Eben als <hi rend="italic">ganzes</hi> Wort trifft es den von V. 19 an in Frage gestellten christlichen Menschen dort, wo es ihn treffen soll: Will er sich <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung, Selbst-">rechtfertigen</term> mit der Notwendigkeit des <term type="Begriffe" key="Kampf">Kampfes</term> zur Ehre <term type="Begriffe" key="Gott, Ehre">Gottes</term> gegen die arge Welt, dann wird er getroffen durch die Erinnerung an die Elenden in dieser argen Welt, gegen die es gar nichts zu kämpfen gibt, die er auch nicht abspeisen kann mit einer beiläufigen Hilfe, die vielmehr gerade als Elende Gottes Lieblinge und seine Nächsten sind, die er zu besuchen, mit anderen Worten, deren er sich persönlich anzunehmen, zu denen er sich zu stellen und zu bekennen hat. Das heißt <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>. Warum? Darum, weil es ihm im Moment seines Eliaskampfes  <term type="Begriffe" key="Kampf"/>, wo er im <term type="Begriffe" key="Zorn">Zorn</term> tun will, was vor Gott recht ist, so fern wie nur möglich liegt, gerade an <hi rend="italic">das</hi> zu denken. Gerade das soll er <hi rend="italic">tun</hi>. Das heißt seine <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> <term type="Begriffe" key="Preisgabe des Menschen">hergeben</term>. Will er sich umgekehrt <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung, Selbst-">rechtfertigen</term> mit seiner Menschenliebe und Tatbereitschaft, dann wird er getroffen von der anderen Erinnerung, dass er sich von der Welt unbefleckt zu erhalten, in seinem <term type="Begriffe" key="Eifer">Eifer</term> gerade <hi rend="italic">nicht</hi> die Wege zu gehen habe, die jedermann, der guten Willens ist, <hi rend="italic">auch</hi> gehen kann, dass wirkliches Helfen ein Gotteswerk ist, das auch nur auf Gottes Wegen getrieben werden kann. <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Fromm</term> sein heißt nicht nur das Gute tun, sondern auch, es mit reinen Händen tun. Warum das ihm? Darum, weil es ihm wiederum so ferne liegt, weil das nicht geschehen kann, ohne dass er seine <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term>, auch seine fromme, wohlmeinende christliche Existenz hergibt. Und darauf eben ist’s abgesehen. Damit fängt dann das <hi rend="italic">Tun</hi> an: dass er,</seg><seg xml:id="ps-72"> wie zwischen zwei 
Mühl<pb ed="pga" xml:id="p440" break="no"/>steinen zerrieben, gehorsam, <hi rend="italic">Gott</hi> gehorsam <term type="Begriffe" key="Gehorsam">wird</term>, die reine und unbefleckte <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> nicht vor Menschen, sondern vor <hi rend="italic">Gott</hi> dem <hi rend="italic">Vater</hi> <term type="Begriffe" key="Gott, Vater"/>. Das ist das vorläufige Ende, wohin Jakobus seine Leser führen wollte: der Engpass, wo die Situation so heilsam akut wird, dass von einem fruchtbaren Hören des göttlichen <term type="Begriffe" key="Hören, des Wortes〉〉〈〈Gottes Wort">Wortes</term> die Rede sein kann.<!-- ms46R --></seg> </p>


</div>

  <div rend="right">

    <head corresp="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p387"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1928/29</head>   
 
    <head corresp="ps-02">Jakobus 1,19-27</head>  
<p><seg corresp="ps-03"/></p>
<p><seg corresp="ps-04"><hi rend="italic">Wisset meine geliebten Brüder:<lb/>  
    Es sei aber jeder rasch</hi> (bereit) <hi rend="italic">zum Hören,<lb/>   
    langsam zum Reden, langsam zum Zorn!<lb/>   
    Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.<lb/>   
    Deshalb: Legt ab alles Unreine und den Rest von Bosheit;<lb/>   
    in Sanftmut nehmt an das eingepflanzte Wort,<lb/>  
    welches eure Seelen zu erretten vermag.<lb/>   
    Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein,<lb/>   
    womit ihr euch selbst betrüget.<lb/>   
    Denn wenn jemand Hörer des Worts ist und nicht Täter,<lb/>  
    der gleicht einem Mann, der sein irdisches Angesicht im Spiegel betrachtete.<lb/> 
    Er betrachtete es</hi> eben <hi rend="italic">und ging weg<lb/>   
    und alsbald vergaß er wie er, aussah.<lb/>   
    Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz,<lb/>   
    in das der Freiheit und bleibt dabei,<lb/>   
    ist kein vergesslicher Hörer,<lb/>   
    sondern ein Täter des Werkes,<lb/>   
    der wird selig sein in seinem Tun.<lb/>  
    <pb ed="A" n="68"/> Hält sich jemand für fromm,<lb/>   
    zügelt</hi> (aber) <hi rend="italic">seine Zunge nicht,<lb/>   
    sondern betrügt sein Herz,<lb/>   
    dessen Frömmigkeit ist nichtig.<lb/>   
    Reine und unbefleckte Frömmigkeit vor Gott dem Vater ist diese:<lb/>   
    die Waisen und Witwen besuchen in ihrer Bedrängnis,<lb/>   
    sich selbst unbefleckt bewahren von der Welt.
</hi></seg></p> 
<p><seg corresp="ps-05"/></p>
<p><seg corresp="ps-06"><pb ed="pga" xml:id="p389" rend="noPipe"/></seg></p>
<p corresp="ps-07">Indem wir diesen Text überblicken, fällt sofort in die Augen, dass wir in einen neuen Gedankenkreis hinübergetreten sind. Nicht mehr das, was die Leser als Menschen in der Welt bedrängt wie alle Menschen und wie sie darüber als Christen triumphieren sollen, ist jetzt das Thema, sondern diese zweite Voraussetzung ihrer Existenz: eben ihre Christlichkeit als solche. Der beherrschende Begriff dieses Abschnittes ist der des Wortes, in den Unterabschnitten V. 19-21 und V. 22-25 ausdrücklich, im letzten Unterabschnitt V. 26-27 verborgen in dem Begriff <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign>. Das Wort ist, ebenso schlicht wie in V. 18, das ihnen gepredigte und vorgelesene Wort der christlichen Verkündigung.</p>

<p><seg corresp="ps-08"><pb ed="pga" xml:id="p391" rend="noPipe"/> Christlichkeit ist also zunächst ganz technisch zu verstehen, in dem engsten Sinn, dass sie eben Leute sind, die das Evangelium gehört haben und noch hören. Wir sehen in die kleine Religionsgemeinschaft hinein, die sich um das Zeugnis schart, das sie den <foreign xml:lang="el-GR">λόγος τῆς ἀληθείας</foreign> nannte. 2,1ff. werden wir dann sogar direkt in ihren Gottesdienst hineingeführt werden.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-09"><pb ed="pga" xml:id="p393" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-10">Und nun kann es hier wie dort nicht verkannt werden, dass die Absicht des Jakobus darauf gerichtet ist, seinen Lesern eben diese Voraussetzung: wir sind Christen!, auf die er sich im Vorangehenden selber berief, problematisch zu machen, ihnen zu zeigen, dass das Einfache, auf das er sich da bezogen hatte, gar nicht so einfach sei, ihnen aufzudecken, wie es etwa kommen möchte, wenn sie in das Bekenntnis: wir sind Gottes Kinder! und vor allem in das Bekenntnis zu den Konsequenzen, die sich daraus ergaben, nicht so freudig einstimmten, wie es sein musste. Das: <hi rend="italic">Wisset</hi> <pb ed="A" n="69"/> <hi rend="italic">meine geliebten Brüder</hi> V. 19 macht auf eine den Lesern bisher vielleicht entgangene Problematik aufmerksam. Ihnen soll nun gezeigt werden, was das heißt: das Wort der Wahrheit besitzen, oder mit <hi rend="italic">Bengel</hi> zu reden: die «vera audiendi ratio»<ptr n="235" type="note" target="n235"/>, natürlich um sie auf dem Umweg über den Zweifel zur Erkenntnis der wahren Begründung jener Voraussetzung zu führen. Er tut das nicht, indem er etwa noch einmal entwickelt, was das Wort ist und enthält, sondern bezeichnend für ihn: indem er ihr Verhältnis zu ihm in Erwägung zieht. Drei Fragen sind es, die er an sie richtet: 1. Wisst ihr, was es heißt, dieses Wort zu hören? 2. Wisst ihr, dass man dieses Wort nicht anders hört, als indem man es tut? 3. Wisst ihr, was es heißt, dieses Wort zu tun? Das sind die drei Unterabschnitte V. 19-21, V. 22-25, V. 26-27.<lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-11"> <pb ed="pga" xml:id="p395" rend="noPipe"/>Also 1. (V. 19b-20) <hi rend="italic">«Es sei aber jeder Mensch rasch bereit zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.» Calvin</hi> u. A. haben aus V. 19b den Gedanken entnehmen wollen, dass der Mensch gut tue, schweigen zu lernen, dass Gott zu ihm reden könne.<ptr n="236" type="note" target="n236"/> Dass es sich um das Hören auf <hi rend="italic">Gott</hi> handelt, das scheint nach dem Zusammenhang unverkennbar, auch wenn Jakobus hier vielleicht, worauf das störende <foreign xml:lang="el-GR">δὲ</foreign> hinweist, einen ältern Spruch zitiert, und wenn das zitierte Wort, das dann wohl nur die beiden ersten Glieder dieser Mahnung enthalten hat, den allgemeinen Weisheitsrat, lieber zu schweigen als zu reden, ausgesprochen haben sollte. </seg> <seg corresp="ps-12"> Aber über die Gefährlichkeit des vielen Redens an sich wird sich Jakobus 3,1ff. verbreiten. Hier bildet den Gegensatz zu dem empfohlenen Schweigen offenbar nicht das Reden <hi rend="italic">an sich,</hi> sondern das im dritten Gliede der Mahnung genannte Reden im <hi rend="italic">Zorn</hi>, durch das die Betreffenden meinen zu tun, was vor Gott recht ist. Die rechte Art, wie das Wort aufgenommen werden soll, wird V. 21 als <foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign> (Sanftmut gegen den Nächsten) beschrieben und seine Wirkung als die Errettung eurer Seelen bezeichnet. Jakobus scheint also sagen zu wollen: Zum Hören des Wortes Gottes gehört vor Allem, dass man schweigen kann – nicht schweigen im Allgemeinen, sondern schweigen mit der ent<pb ed="A" n="70" break="no"/>rüsteten Rechthaberei gegenüber den Mitmenschen, mit der man Gottes Werk zu treiben meint. Wem es zu sehr eilt, damit Andern die Wahrheit zu <hi rend="italic">sagen</hi>, der gerät in Gefahr, sie selber nicht mehr zu <hi rend="italic">vernehmen.</hi> Er wird sie dann aber sicher auch nicht mehr <hi rend="italic">sagen,</hi> denn wie sollte er bei diesem Unternehmen nicht zornig werden und wie sollte er, wenn er zornig wird, die Wahrheit sagen? «Des <hi rend="italic">Menschen</hi> Zorn tut nicht, was vor <hi rend="italic">Gott</hi> recht ist.» [V. 20] Es ist nicht nötig, <foreign xml:lang="el-GR">ὀργή</foreign> etwa ausdrücklich mit «Manneszorn» zu übersetzen. <foreign xml:lang="el-GR">Ἀνήρ</foreign> ist wie V. 8,12,23 der Mensch als solcher, auch wenn Jakobus hier kaum auch an Frauen gedacht hat. Der Gegensatz ist die <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοσύνη θεοῦ</foreign>, wobei <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοσύνη</foreign> zu verstehen ist wie Act. 10,35, als ob: <foreign xml:lang="el-GR">τὸ δίκαιον</foreign> dastünde – das, «was Gott für recht hält», oder «die Gerechtigkeit, deren Beurteiler und Maßstab der heilige Gott ist» <hi rend="italic">(Hauck)</hi><note xml:id="n238">Vgl. Hauck, S. 75.</note>.</seg></p>

<p><seg corresp="ps-13">   <pb ed="pga" xml:id="p397" rend="noPipe"/>  Wo gerechthabert und gezürnt wird, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, da entsteht eine typisch <hi rend="italic">menschliche</hi> Atmosphäre, in der das, was man damit erreichen will, die Aufrichtung des göttlichen Rechtes, nimmermehr gedeihen kann. Jakobus reflektiert nicht darauf, dass Gott sich – wir mögen etwa an die Propheten Israels denken – doch auch des menschlichen Zornes bedienen könnte als eines Mittels, durch das er sein Werk gerade bei der Verkündigung seines Wortes treiben kann. Er würde wohl darauf erwidern, dass es auch dann auf keinen Fall des <hi rend="italic">Menschen</hi> Zorn als <hi rend="italic">solcher</hi> ist, der die <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοσύνη θεοῦ</foreign> schafft.</seg> 

<seg corresp="ps-14">Das «langsam zum Reden, langsam zum Zorn!» darf natürlich nicht etwa als Lebensklugheitsregel verstanden werden. </seg></p>

<p><seg corresp="ps-15">Man soll bereit sein zum Hören, weil das, was man von <hi rend="italic">Gott</hi> empfängt, genau genommen wirklich immer <hi rend="italic">nur</hi> das, gut ist. Man soll zögern, zu reden und zu zürnen, wie es alsbald unvermeidlich wird, wenn man zu Andern redet, zögern – mehr sagt ja Jakobus eigentlich nicht mit seinem <foreign xml:lang="el-GR">βραδύς</foreign>, weil sich mit der eigenen Aktivität des Menschen alsbald auch die große Fehlerquelle eröffnet. In dem Maß als der Mensch dem Andern rechthabend gegenübersteht, wächst die Unwahrscheinlichkeit, <pb ed="A" n="71"/>dass er auch vor Gott recht hat. Sein Rechthaben vor Gott hängt, ob er nun rede oder schweige, auf alle Fälle an seinem Hören des Wortes.  </seg></p>

<p><seg corresp="ps-16"><pb ed="pga" xml:id="p399" rend="noPipe"/> Das ist der Riegel, den Jakobus hier bei seinen Lesern zurückschieben will. Er fährt darum fort: V. 21 <hi rend="italic">«Legt deshalb ab alles Unreine und den Rest der Bosheit und nehmt in Sanftmut das eingepflanzte Wort an, welches eure Seelen zu erretten vermag».</hi> Mit den Worten <foreign xml:lang="el-GR">ῥυπαρία</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">περισσεία κακίας</foreign> deutet Jakobus an, was das für eine Sphäre ist, in die man bei dem bestgemeinten zürnenden Reden gegen den Mitmenschen hineinläuft. Was da bei uns an den Tag kommt, das gehört, und wenn es bei noch so gutem Willen und Gewissen geschähe, zu jenem alten Kleid, das man nach der paulinischen Mahnung nur immer wieder ausziehen kann [vgl. Kol. 3,9], weil es wirklich unser vergängliches Teil ist, das sterben muss. Man muss dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἀποθέμενοι</foreign>, obwohl es im Zusammenhang eines imperativischen Satzes steht, ja nicht zu aktiv verstehen. Es handelt sich hier nicht um einen großen Kampf, sondern mehr um das selbstverständliche Fallen- und Verschwindenlassen dessen, was der Christ in Christus eben <hi rend="italic">nicht</hi> mehr ist, obwohl und indem er es in sich selbst immer wieder ist, dem er sich aber nicht zuwenden, von dem er sich vielmehr nur immer wieder abwenden kann, der «Rest», die übrigbleibende Schlacke, nicht das Feuer, in dem er brennt. Er kann das Wort nur annehmen, indem er zugleich jene Welt von Unreinheit ablegt, indem jene seine erste Natur stirbt. Das Annehmen des Wortes bedeutet seine Entscheidung gegen jene seine Natur. Sofern er es annimmt, lebt er in jener nicht mehr weiter. </seg></p>
<p><seg corresp="ps-17">Der Gegensatz zu dem unreinen Eifer des zornigen Redens, der in seinem Tun hervorbricht, sofern es eben <hi rend="italic">sein</hi> Tun ist, sofern seine erste Natur an dem von ihm gehörten Worte noch nicht gestorben ist, ist die <foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign>. Indem wir das Wort der Wahrheit hören, muss jener Eifer, der nicht tut, was vor Gott recht ist, verstummen. Er ist durch das Wort in <hi rend="italic">Frage</hi>, in das <hi rend="italic">Gericht</hi> gestellt.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-18">Das deutsche Wort Sanftmut tönt in unsern Ohren zu weich, um richtig wiederzugeben, was mit <foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign> gemeint ist. Auch wenn man übersetzt: Milde, Nachsicht, Geduld, fehlt noch etwas von der Weisheit und Überlegenheit dem Mitmenschen gegenüber, die ihn nicht aus Schwäche, sondern weil sie ihn so gut versteht und weil sie auf ihn <pb ed="A" n="72"/> warten kann, gewähren lässt, die das Gegenüber: Hier ich, dort du! auf alle Fälle nicht will, die an eine Gemeinschaft glaubt, auch wo man über den Andern vielleicht nur den Kopf schütteln kann. In dieser Verfassung wird das Wort der Wahrheit aufgenommen, sagt Jakobus.</seg><seg corresp="ps-19">  <pb ed="pga" xml:id="p401" rend="noPipe"/> Auch darin liegt keine eigentliche Aktion. Es ist eben so: wo das Wort aufgenommen wird, da wird der Nächste aufgenommen, wie es in dem Begriff <foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign> beschrieben ist. Und wo dieses Aufnehmen des Nächsten nicht stattfände, da wäre auch das Wort nicht aufgenommen. Das Wort der Wahrheit heißt hier der <foreign xml:lang="el-GR">ἔμφυτος λόγος</foreign>. Die alten Quäker haben sich auf diesen <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἔμφυτος</foreign>, von dem es ja heißt, dass er «eure Seelen zu erretten vermag», berufen zur Begründung ihrer Lehre vom Lumen internum<note xml:id="n240">R. <term type="Autor" key="Barclay, Robert">Barclay</term>, <hi rend="italic">An Apology for the True Christian Divinity: Being an Explanation and Vindication of the Principles and Doctrines of the People Called Quakers</hi> (1678), London 1825<hi rend="sup">9</hi>, S. 158 (Propositions V. and VI., § 22), verweist, nachdem er im Blick auf die für die Theologie der Quäker entscheidende «Lehre vom <hi rend="italic">Innern Licht</hi>» (R. <term type="Autor" key="Buddensieg, Rudolf">Buddensieg</term>, Art. «Quäker», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 16, S. 356-380, dort S. 373, Z. 22f.) mit Verweis auf Matth. 13,18-23 par. festgestellt hat: «this saving light and seed, or a measure of it, is given to all», auf Jak. 1,21: der Same ist «<foreign xml:lang="el-GR">ὁ Λόγος ἔμφυτος</foreign>, the <hi rend="italic">implanted engrafted word, which is able to save the soul</hi>».</note>, d. h. von der revelatio supernaturalis immediata<note xml:id="n241">Zur Unterscheidung der revelatio (supernaturalis) immediata «a Deo Prophetis et Apostolis facta» von der revelatio mediata «per hos Ecclesiae Dei manifesta» vgl. K. Barth, <hi rend="italic">Die christliche Dogmatik im Entwurf</hi>, 1. Bd.: <hi rend="italic">Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen Dogmatik.</hi> 1927, hrsg. von G. Sauter (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1982, S. 67.</note>. Die protestantischen Orthodoxen hatten doch recht, wenn sie diese Verwendung unserer Stelle ablehnten.<note xml:id="n242">J. A. <term type="Autor" key="Quenstedt, Johann Andreasd">Quenstedt</term>, <hi rend="italic">Theologia didactico-polemica sive systema theologicum in duas sectiones, didacticam et polemicam, divisum,</hi> Wittenberg 1701, p. I, S. 169.175.180, führt zu der Thesis: «Habet Verbum DEI […] vim &amp; efficaciam ad spirituales &amp; divinos effectus» die Antithesis u. a. der <hi rend="italic">«Tremulantium in Angliâ»</hi> an, «qui etiam Verbum Dei suâ internâ vi &amp; virtute fanaticè spoliant». Zum Beweis der Thesis verweist er u. a. auf Jak. 1,21: «<foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἔμφυτος</foreign> h. l. est <hi rend="italic">Verbum, quod per praedicationem Ministrorum velut bonum semen cordibus nostris inseritur &amp; quasi implantatur</hi>». Ähnlich legt  J. <term type="Autor" key="Coccejus, Johannes">Coccejus</term> aus: «verbum de Gratia est proprie <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἔμφυτος</foreign>, <hi rend="italic">sermo, qui implantatur,</hi> qui <hi rend="italic">inscribitur cordi</hi>» (<hi rend="italic">Summa theologiae ex scripturis repetita,</hi> Amsterdam 1669<hi rend="sup">3</hi>, S. 449).</note> Der gleichlautende stoische Begriff bezeichnet freilich den einem jeden gegebenen Teil der Weltvernunft<ptr n="243" type="note" target="n243"/>, aber er kann hier zur Erklärung <hi rend="italic">nicht</hi> beigezogen werden. Er ist zwar hier aufgegriffen, aber <hi rend="italic">gegen</hi> seinen ursprünglichen Sinn verwendet. Denn hier ist deutlich von einem gepredigten und gehörten und als solches wie ein Samenkorn in die Herzen eingesenkten Worte die Rede. Zwischen dem <foreign xml:lang="el-GR">δέξασθε</foreign> und dem <foreign xml:lang="el-GR">ἔμφυτον</foreign> besteht natürlich eine kleine logische Spannung. Es handelt sich darum, eben das aufzunehmen, was schon in euch gepflanzt ist und wächst. Das ist für beide Seiten bezeichnend: Also das Wahrheitswort ist jedenfalls nicht nur äußeres Wort, es ist das vielleicht auch, aber gerade als das, als was es aufgenommen werden soll, ist es gleichsam eine göttliche Enklave mitten im menschlichen Leben, nicht zu diesem Leben gehörig, aber eben: ihm eingepflanzt, euch so nahe, wie ihr euch selbst seid. Ihr könnt nur empfangen,</seg> <seg corresp="ps-20"> was ihr schon  <pb ed="pga" xml:id="p403"/> habt. Aber auch umgekehrt: Das göttliche Wort in euch ist eben kein Bestandteil eures eigenen Lebens, das würde das <foreign xml:lang="el-GR">δέξασθε</foreign> allerdings unmöglich machen, wenn etwa mit J. T. Beck an ein organisches Einswerden des <foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign> mit dem Menschen zu denken, wenn der Unterschied zwischen dem Samen und der Erde, in den er gepflanzt ist, als aufgehoben gedacht werden sollte.<ptr n="244" type="note" target="n244"/> Nein, das Wort ist da, gewiss so nahe wie nur denkbar «auf deinen Lippen» und in «deinem Herzen» (Röm. 10,8), aber es ist so da, wie eben das Wort da ist, d. h. es ist immer auch nicht da, nicht da, sofern es nicht eben wieder gehört worden ist. Wir besitzen es und müssen es <foreign xml:lang="el-GR">ὲν πραΰτητι</foreign> immer wieder empfangen, wie wenn wir es nie besessen hätten. | <lb/><lb/></seg> </p> 

<p><seg corresp="ps-21"> <pb ed="A" n="73"/> Jakobus beschreibt endlich die Wirkung oder den Zweck dieses Wortes. Es vermag, es ist stark, es hat die Kraft, «eure Seelen zu retten». Wenn das nicht bloß allgemein rhetorisch gesagt ist, dann muss damit irgendwie der Gegenpol bezeichnet sein zu dem was die <foreign xml:lang="el-GR">ὀργὴ ἀνδρός</foreign> V. 20 eben nicht ausrichtet. Das menschlich gerechte Treiben schafft eine Atmosphäre, in der das, was Gott will, nicht geschehen kann. Das Wort der Wahrheit, das zur Geltung kommt, wenn dieses Treiben <hi rend="italic">abbricht,</hi> hat die Kraft, uns zu retten. Sofern wir es <hi rend="italic">hören</hi>, d. h. aber in <foreign xml:lang="el-GR">πραΰτητι</foreign> hören, wie es allein wirklich gehört werden kann, rettet es uns, weil wir <hi rend="italic">dann</hi> schaffen, was Gott für recht hält. «Eure <hi rend="italic">Seelen</hi> rettet» heißt es. Das bedeutet natürlich keinen Gegensatz zur Erlösung auch des Leibes, sondern steht als pars pro toto: der durch das Wort gerettet wird, ist der <hi rend="italic">ganze</hi> Mensch. Die Frage: wisst ihr, was es heißt, dieses Wort zu hören? kann also auch verstanden werden: wisst ihr, was es heißt errettet zu werden, herausgerissen zu werden aus dieser Welt, die weniger wegen der menschlichen Ungerechtigkeit als wegen der menschlichen Gerechtigkeit so dunkel und gefährlich ist, die sich gerade in dem alle Gemeinschaft zerreißenden menschlichen Eifer derer, die tun möchten, was vor Gott recht ist, immer wieder als eine verlorene Welt erweist. | <lb/><lb/></seg></p>
 <p><seg corresp="ps-22">Die zusammengehörigen Verse 19b-21 gipfeln also gewissermaßen in der Frage: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner</seg> <seg corresp="ps-23">  Seele? [Mk. 8,36 par.].  <pb ed="pga" xml:id="p405"/> Sie wirkt darum so besonders scharf, weil die «Welt», die Unreinheit und der Rest von Bosheit, die solchen Schaden verursachen kann, hier eben nicht die Gottlosigkeit des Menschen im Bösen, sondern, für Jakobus und seine Leser bezeichnend, die Gottlosigkeit des Menschen im Guten ist.<ptr n="245" type="note" target="n245"/> <hi rend="italic">Sie</hi> verhindert die Aufnahme des <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἔμφυτος</foreign>, der nur in <foreign xml:lang="el-GR">πραΰτης</foreign><!-- Oben hat KB die Form noch im Dativ gebraucht, hier wieder Grundform. 〉 harmonisieren? --> aufgenommen werden kann. Das Leben ist zu ernst, als dass man es in jenem hochaufgerichteten Ernst, in jener Humorlosigkeit zubringen könnte, mit der man, auch wenn man sie in guten Treuen für christlichen Ernst hielte, ja dann am Meisten, den Nächsten vergewaltigt und Gott um das Seinige bringt. Darum also, noch einmal gesagt: nicht darum, weil es etwa anständiger und klüger wäre, sondern darum, weil es sich darum handelt, eure Seelen zu retten, darum: langsam zum Reden, langsam zu Zorn!, kein Spiel mit dem Feuer des Elias, <pb ed="A" n="74"/> das ja doch nur, sofern es senkrecht vom Himmel fällt, ein wirklich verzehrendes Feuer ist [vgl. 1. Kön. 18,38]. Gott ist ernst, er allein darf es sein wollen. Wer das nicht fasst, kann das Wort der Wahrheit nicht hören.<lb/><lb/></seg></p> 
 <p><seg corresp="ps-24">Und nun 2. der Hauptpassus unseres Abschnitts V. 22-25: Was wird aus dem Hören des Wortes, wo es wirklich stattfindet? Antwort V. 22 <hi rend="italic">«Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget!»</hi> Man muss diesen Spruch stehen lassen in der ganzen lapidaren Einfalt, die ihn so wahr und so erwecklich macht. Aber das heißt nun nicht, dass man ihn zum vornherein in der Belastung durch alle die modernen Trivialitäten lesen darf, die man gewöhnlich darin ausgesprochen findet. Dass es nicht nur eine Theorie, sondern auch eine Praxis des Wortes geben muss, steht z. B. nicht da. Zu einem Lobpreis des sogenannten Lebens auf Kosten der Lehre gibt dieser Spruch keinen Anlass. Man kann die Forderung, dass der Hörer notwendig ein Täter sein muss – <foreign xml:lang="el-GR">γίνεσθαι</foreign> steht hier wie öfters zweifellos als Ersatz für <foreign xml:lang="el-GR">εἶναι</foreign> –, erst dann sich einschärfen, wenn man sich so eindringlich, wie V. 19-21 geschehen ist, klar gemacht hat, was ein Hörer ist. Der Spruch ist nicht synthetisch, sondern analytisch. Er bringt nichts Neues hinzu zu dem, was schon gesagt ist –</seg><seg corresp="ps-25">  als ob nicht  <pb ed="pga" xml:id="p407"/> schon mit der Mahnung, das Wort <foreign xml:lang="el-GR">ἐν πραΰτητι</foreign> aufzunehmen, gesagt wäre, dass nur sein Täter sein wirklicher Hörer ist –, sondern er entwickelt und deckt auf, wie es mit einem wirklichen Hörer bestellt ist. Der ist gar kein wirklicher Hörer, der bloß ein Hörer ist. Es ist ein Kriterium <hi rend="italic">des</hi> Hörens, das vorhin geschildert wurde, des Hörens <foreign xml:lang="el-GR">ἐν πραΰτητι</foreign>, bei dem aller menschliche Eifer zunächst einmal verstummen muss, weil er unter das Gericht gestellt wird, dass man darüber zum Täter wird. Was heißt das? Wenn ich etwas, was ich gehört, tue, so heißt das, dass ich mich dem Gehörten gegenüber gefangen gebe, dass ich ihm gegenüber auf die Reserve eines anderweitig Beschäftigten verzichte, dass ich ihm mein Leben, meine Existenz zur Verfügung stelle. Das heißt Tun, wo so prägnant davon die Rede, wo eben nicht nur vom Tun, sondern vom Täterwerden <pb ed="A" n="75"/> die Rede ist. Also wer das Wort der Wahrheit im Sinn von V. 19-21 gehört hat, der ist ihm verfallen. Auf ihn ist eine Hand gelegt, die er nicht mehr abschütteln kann, und zwar wohlverstanden auf ihn selbst, wie es ja auch das Wort Gottes selbst und nicht irgend ein Wort über Gott ist, das sich da an ihn gewendet hat. Es kann gar nicht anders sein, als dass das Dasein eines wirklichen Hörers des Wortes Zeugnis ist von diesem Hören. In welcher Weise es das ist, das ist für Jakobus keine offene Frage, aber davon redet er erst nachher V. 26-27. Es handelt sich zunächst um die Feststellung, <hi rend="italic">dass</hi> es das ist. Ein Täter des Wortes sein heißt nach <hi rend="italic">Calvin</hi><hi rend="italic">:</hi> «Sermonem Dei ex anima complecti vitaque testari, serio se credidisse».<ptr n="246" type="note" target="n246"/> Was würde das heißen, ein «bloßer Hörer» zu sein? Offenbar der Versuch, dieses Wort zu hören in der gleichzeitigen Absicht, an ihm vorbeizuhören, es nicht zu sich selbst gesagt sein zu lassen. Das braucht nicht notwendig in ablehnendem feindseligem Sinn zu geschehen. Zustimmung und Begeisterung, oder doch freundliche Anerkennung, religiöser Respekt davor sind die viel häufigere und sichere Art, es so zu hören, d. h. es nicht zu hören. Das Wort der Wahrheit, das ganz schlicht nur gehört, aber wirklich gehört werden will – denn wenn es gehört wird, dann hat es schon gewonnen –, wird zu einem mit heiliger Freude und Ehrfurcht</seg><seg corresp="ps-26"> aufgenommenen, be<pb ed="pga" xml:id="p409" break="no"/>grüßten und gefeierten Etwas, dem zu Ehren wir zu allem Möglichen bereit sind, nur nicht dazu, es bis zu uns selbst vordringen zu lassen, nur nicht dazu, dass es, weil zu uns selbst, nun wirklich auch in alle Sphären dessen, was wir selbst sind, hineingesprochen sein dürfte. </seg> </p>

<p><seg corresp="ps-27">Der Begriff und das Dasein einer sogenannten religiösen Sphäre mitten unter und neben andern Sphären, das ist die wesentliche und bewusste Gottlosigkeit, die hier getroffen wird. Frömmigkeit als eine Provinz im menschlichen Gemüt<ptr n="248" type="note" target="n248"/> oder in der Kultur, isoliert, gegenständlich und damit unschädlich gemacht gegenüber meiner eigenen Existenz, eine Größe, die, wie hoch sie uns auch stehen mag, doch immer noch unserer eigenen Kontrolle, unserm eigenen Ermessen, z. B. <pb ed="A" n="76"/> dem unseres Gewissens unterstellt ist, eine Größe, <hi rend="italic">über</hi> die uns Gedanken zu machen wir noch Zeit haben, von der aus zu denken wir uns nicht genötigt sehen, das wäre etwa das Wort, dessen «Hörer allein» man sein kann. Vielleicht ist gerade das das deutlichste Kriterium für das bloße Hörersein des Menschen. Solange sein Gewissen noch als Richter und Regierer über dem gehörten Worte steht, solange es für ihn noch ein Parlamentieren gibt zwischen Wort und Gewissen, solange sein Gewissen nicht gebunden ist an und in das Wort, solange ist er gewiss noch ein bloßer Hörer.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-28">Der wirkliche Hörer, der kein bloßer Hörer ist, hat keine Zeit zu parlamentieren, er muss gehorchen. Sein Gewissen kann nur noch der Ort der göttlichen Rede sein. Er kann darum nicht nur Verehrer, Interessent, Anbeter des Wortes sein, oder das alles nur indem er sein Täter ist. Er hört nur noch diese Stimme. Der bloße Hörer aber hört immer auch noch andere Stimmen, die Stimme des Schicksals oder die Stimme der Idee oder vor Allem seine eigene Stimme, und wenn er sich einredet, er habe das Wort gehört, so meint er damit, dass er eine dieser andern Stimmen gehört hat. Die Stimme,</seg><seg corresp="ps-29"> der gegenüber es nur  <pb ed="pga" xml:id="p411"/> Gehorsam gibt, hat er nicht gehört, sonst würde er ihr nämlich gehorchen. Er will <hi rend="italic">diese</hi> Stimme nicht hören, und nun hört er sie auch wirklich nicht. <hi rend="italic">«Womit ihr euch selbst betrüget»,</hi> sagt Jakobus hart, aber deutlich. Die Möglichkeit des Vorbehalts dieser Stimme gegenüber ist die Möglichkeit des Selbstbetrugs. Hörer und nicht Täter sein wollen, ist Selbstbetrug. Jakobus redet nicht von einem Irrtum, in dem wir uns befinden, sondern ganz entsprechend seiner Auffassung der Versuchung V. 13ff., von einem Irrtum, den wir selbst veranstalten. Der Irrtum, dessen wir uns schuldig machen, ist ein doppelter. Wir vergessen, dass <hi rend="italic">das</hi>, und wenn es uns von Engeln gesagt würde und wenn wir es in der tiefsten Erschütterung hörten, nicht das Wort sein kann, das unsere Seelen rettet, was wir nicht-existentiell, was wir als Nicht-Gefangene, Nicht-Bezwungene hören, dem gegenüber Reserve und Disputation überhaupt in Frage kommt. Wahr<pb ed="A" n="77" break="no"/>heit, die uns nicht Maßstab aller Wahrheit ist, Wahrheit, die an einer andern Wahrheit zu messen wir immer noch [nicht] umhin können, ist als solche nicht befreiende, nicht erlösende, unfruchtbare Wahrheit. Und wer in ihr die Wahrheit zu haben meint, von der man leben kann, der betrügt sich selbst. Und wir vergessen das Andere, dass wir uns dem Anspruch, den dieses Wort auf uns erhebt, ja doch nicht dadurch entziehen können, dass wir ihn nicht anerkennen. Der <foreign xml:lang="el-GR">λὸγος ἔμφυτος</foreign> ist da, auch wenn er für uns nicht da ist, er ist dann gegen uns da.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-30">Entschlagen wir uns seiner, dann entbehren wir ihn eben. Lassen wir uns nicht richten, so sind wir es ohne Gnade. Wenden wir uns ab, dann sind wir eben abgewandt von dem, wovon wir allein leben könnten. Wir betrügen uns selbst, wenn wir meinen, die Wahrheit loswerden zu können. Sie bleibt so oder so die Wahrheit. Das ist der Selbstbetrug der bloßen Hörer, der Nicht-Hörer und Nicht-Täter. Es braucht wohl nicht ausdrücklich gesagt zu werden, dass Jakobus hier nicht von diesen und jenen, sondern von allen Christen redet, dass die Grenze zwischen den Tätern und den bloßen Hörern des Wortes, die sich selbst betrügen, durch die Existenz aller seiner Hörer mitten hindurchgeht. Oder wer müsste sich hier etwa nicht als gefragt erkennen?<lb/><lb/></seg></p> 

<p><seg corresp="ps-31"> <pb ed="pga" xml:id="p413" rend="noPipe"/> Die folgenden Verse V. 23-24 umschreiben deutlicher das Wesen der Nicht-Hörer. Hier wird es ganz deutlich, was der Sinn des ganzen Abschnittes V. 19-27 ist, die Absicht des Verfassers, die Voraussetzung der Leser, dass sie Christen seien, dadurch zu erwahren, dass er fragt nach ihrer Begründung. <hi rend="italic">«Denn wenn jemand Hörer des Wortes ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein irdisches Angesicht im Spiegel betrachtete; er betrachtete sich und ging weg und vergaß alsbald, wie er aussah».</hi> Der Sinn dieses Gleichnisses liegt nicht so auf der Hand wie der der andern Gleichnisse, denen wir bei Jakobus bis jetzt V. 6, V. 10f., V. 14f., V. 17 begegnet sind. Man denkt unwillkürlich an die Schwierigkeit, die man bei dem Gleichnis Jesu vom klugen und törichten Bauherrn Mt. 7,24 <pb ed="A" n="78"/> empfindet, wo es ja ebenfalls um das Hören und Tun, Hören und Nicht-Tun geht. Warum gleicht ausgerechnet der Täter der Rede Jesu dem, der sein Haus auf den Felsen, der bloße Hörer dagegen dem, der es auf den Sand baute? Das tertium comparationis liegt jedenfalls nicht auf der Oberfläche. So auch hier. Was hat das Sichbetrachten im Spiegel, Weggehen und das gesehene Bild wieder Vergessen zu tun mit dem Hörer- und Nicht-Tätersein, vor dem Jakobus warnen will? Soll man den Vergleichspunkt in der Flüchtigkeit und Nichtigkeit des empfangenen visuellen Eindrucks suchen? Das eilige Vorüberziehen des ganzen Vorgangs, das sofortige Illusorischwerden seines Zweckes dürfte allerdings zu der Pointe des Gleichnisses gehören. Ein solches Geschehen, das anhebt, zu Ende geht, und nachher ist es, als wäre nichts geschehen, das endigt wie das Hornberger Schießen<note xml:id="n250">Die Redensart «es geht aus wie das Hornberger Schießen» meint, dass etwas mit viel Aufwand betrieben wird und am Ende ohne Ergebnis bleibt.</note>, ist allerdings auch das Hören des Wortes Gottes, dem kein Tun folgt, weil es von Haus aus kein Tun und darum auch kein wirkliches Hören ist. Man beachte die zwei kleinen Sätzlein in V. 24 mit <foreign xml:lang="el-GR">καί</foreign>, in denen schon <hi rend="italic">Bengel</hi> den stilistischen Ausdruck für dieses Vorübereilen gefunden hat.<ptr n="251" type="note" target="n251"/> Aber wenn das Alles wäre, müsste man sich doch wundern darüber, warum Jakobus als betrachteten Gegenstand gerade einen Spiegel oder vielmehr das vom Spiegel reflektierte «irdische Angesicht» des Betrachters selbst nennt, was doch, wenn hier keine Absicht vorläge,</seg><seg corresp="ps-32"> nur zu  <pb ed="pga" xml:id="p415"/> Assoziationen Anlass geben könnte, die jenen ersten einfachen Sinn verwirren müssten. Warum nannte er, wenn er nur das sagen wollte: man sieht sich etwas an und nachher nicht mehr an und dann ist es, als ob man es gar nicht gesehen hätte – warum nannte er dann nicht ein etwas weniger kompliziertes Objekt? Offenbar gehören also der Spiegel und das Spiegelbild, wie denn auch die meisten Ausleger annehmen, irgendwie zur Sache. Darauf führt uns aber auch der auffallend umständliche Ausdruck <foreign xml:lang="el-GR">τὸ πρόσωπον τῆς γενέσεως αὐτοῦ</foreign> V. 23. <foreign xml:lang="el-GR">Γένεσις</foreign> ist hier offenbar die mit der Geburt anfangende äußerlich sichtbare, natürliche, kreatürliche Existenz des Menschen. Ihr <foreign xml:lang="el-GR">πρόσωπον</foreign>, <pb ed="A" n="79"/> ihre Erscheinung wird im Spiegel betrachtet. Wir können <foreign xml:lang="el-GR">πρόσωπον τῆς γενέσεως αὐτοῦ</foreign> umschreiben: das, was seine sichtbare Gestalt charakterisiert, im Gegensatz zu der Gestalt, die jedenfalls so nicht sichtbar wird. Das unsichtbare Selbst des Menschen, geschaut im Worte Gottes als dem Worte der Wahrheit, ist offenbar das, was dem Gesicht dessen, der sich im Spiegel betrachtet, verglichen wird. Man darf nun aber, wenn man dieses Objekt als wesentlich für den Sinn des Gleichnisses anerkennt, nicht hineinlegen, was nicht dasteht. Dass die Schrift dem Menschen das Bild seiner Seele in aller Genauigkeit vor Augen stelle, seinen innern Zustand, die Physiognomie seines innern Menschen ihm enthülle, das ist zwar gut und wahr gesagt, das hat aber mit unserm Zusammenhang nichts zu tun. Was dasteht, ist einfach: das Wort zeigt dir, zeigt deinem Ohr dich selbst von der ewigen, ebenso wie der Spiegel sie dir von der zeitlichen Seite zeigt. Wenn du so hörst, wie der Mann vor dem Spiegel sieht, wenn du also sofort wieder vergissest, was du gehört hast, nämlich dich selbst, dann bist du ein Hörer des Worts, der kein Täter ist. Ein Täter des Wortes sein würde ja heißen ganz darin gefangen sein, dass das Wort ihn anging, er würde in dem Worte sich selbst und sich selbst im Worte gefunden und nicht wieder verloren haben. Er wäre wie von einem Speer durchbohrt und an die Wand genagelt, könnte nicht mehr loskommen, nicht mehr Zuschauer sein, nicht mehr reflektieren und disputieren in dem Handel zwischen Gott und Mensch, sondern [er würde] der Mensch selber sein, der in diesem Wort vor Gott, in sein Gericht und unter seine Gnade gestellt ist.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-33">Das würde heißen Hören und Tun, d. h. das Wort wirklich hören, das den Menschen zum Christen macht. Anders wenn das </seg> <seg corresp="ps-34">Gleichnis auf  <pb ed="pga" xml:id="p417"/> mich zutrifft. Der Mann betrachtet sich im Spiegel, geht weg und vergisst alsbald, wie er aussah. Das ist soweit in der Ordnung.</seg> </p>
<p><seg corresp="ps-35">Ich glaube nicht, dass <hi rend="italic">Hauck</hi> recht hat, wenn er aus dem Text einen Tadel des Verhaltens dieses Mannes herausliest: «Das Richtige wäre doch gewesen, zu verweilen, um an der äußern Erscheinung zu ändern, was zu ändern war.»<note xml:id="n252">Hauck, S. 82.</note> Nein, so geht es einem nun einmal merkwürdigerweise gerade mit dem eigenen Gesicht, so oft man es schon im Spiegel gesehen hat, so <pb ed="A" n="80"/>geht es einem bekanntlich auch mit dem Gesicht eines andern Menschen, der einem ganz nahe steht: man vergisst es, man kann es sich bei aller Mühe nicht wieder rekonstruieren.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-36">Aber was hier normal ist, das ist fatal, wenn es sich nun nicht um das <foreign xml:lang="el-GR">πρόσωπον τῆς γενέσεως</foreign>, sondern eben um mich selbst handelt, wie ich mir im Spiegel des Wortes Gottes als dessen Gefangener begegnet bin.</seg>  </p>

<p><seg corresp="ps-37"><pb ed="pga" xml:id="p419" rend="noPipe"/>Es geht um mich im Worte Gottes, und nur dann höre ich es, wenn ich es höre als das Wort, in dem es um <hi rend="italic">mich</hi> geht. Nicht um Gott, Welt, Mensch und einige andere Dinge, sondern um mich. Wenn ich mich als den Behafteten, Durchbohrten, Gefangenen, Geopferten, wie ich mir in ihm begegne, wieder vergessen kann, wie ich mein leibliches Gesicht, das ich im Spiegel gesehen, vergesse, dann habe ich es nicht gehört. Ich hätte es nur gehört, wenn ich mich selbst als seinen Täter gehört hätte. Alles Andere als das, dass ich um meine Existenz im Worte weiß, gilt nicht ihm gegenüber. | <lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg corresp="ps-38">V. 25 sagt nun das Positive: <hi rend="italic">«Wer aber hineinschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und bleibt dabei, ist kein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes, der wird selig sein in seinem Tun.»</hi> In den Verben <foreign xml:lang="el-GR">παρακύπτειν</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">παραμείνειν</foreign> und in dem <foreign xml:lang="el-GR">οὐκ ἀκροατὴς ἐπιλησμονῆς</foreign> wirkt offenbar das Bild von vorhin noch weiter. Aber Bild und Gleichnis gehen hier ganz ineinander über.</seg> </p>
<p><seg corresp="ps-39"><pb ed="pga" xml:id="p421" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-40"><foreign xml:lang="el-GR">Παρακύπτειν</foreign> heißt gebückt irgendwo hineinschauen und steht Lk. 24,12; Joh. 20,5 von dem Hineinschauen des Petrus in das leere Grab Jesu und 1.Petr. 1,12 von den Engeln, die es gelüstet hineinzuschauen in das, was den Christen offenbart ist. Es bezeichnet also jedesmal ein Schauen unter sehr außerordentlichen Umständen, und dieser Gehalt des Begriffes scheint mir hier prävalierender als die nachwirkende Erinnerung an ein sich Niederbeugen etwa zu einem kleinen Spiegel an der Wand oder dergleichen. Auch in dem <foreign xml:lang="el-GR">παραμείνειν</foreign> überwiegt die Sache gegenüber dem Gleichnis. Und ebenso ist in dem «nicht vergesslichen Hörer» das Bild sozusagen aufgesaugt von der Sache. Aber den durch V. 23-24 gebotenen Sinn dieses Hineinschauens, Bleibens und Nichtvergessens werden wir natürlich auch hier streng im Auge zu behalten haben. Es ist die These von V. 22, die hier gewaltig verstärkt wiederkehrt. Wir wissen nun, was das Hören ist, von dem dort <pb ed="A" n="81"/> die Rede war: es ist das Wagnis des Glaubens, in dem das Wort Gottes nun wirklich nach V. 21 als <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἔμφυτος</foreign> aufgenommen wird, das Subjekt sich selber im Objekt und nur noch im Objekt eingeschlossen findet. <hi rend="italic">Calvin</hi> hat dieses <foreign xml:lang="el-GR">παρακύπτειν</foreign> definiert als den «penetrabilis intuitus qui nos ad Dei similitudinem transformat».<ptr n="255" type="note" target="n255"/> Man möchte an den Blitz denken, der Himmel und Erde auf einen Moment gleichzeitig erhellt und miteinander verbindet, um sie dann wieder im Dunkel und in der Unterschiedenheit des Oben und Unten zurückzulassen. Ähnlich steht es nun auch mit dem, in was da hineingeschaut wird. Das Wort <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign></hi>, das hier an die Stelle von <foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign> V. 22 getreten ist, hat mit dem Alten Testament als solchem hier gar nichts zu tun. Es steht, wie wieder <hi rend="italic">Calvin</hi> bemerkt «pro universa Dei doctrina».<ptr n="256" type="note" target="n256"/> Der terminus technicus <foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign> erinnert uns daran, dass dieser <foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign> keine unbestimmte, keine bloß unsichtbare Größe, sondern bei aller Verborgenheit der Gottestiefe, die sein Inhalt ist, doch zunächst nichts Anderes als die gepredigte und gehörte christliche Botschaft, die sozusagen religionsgeschichtliche Wirklichkeit des Christentums ist. Aber wie Paulus, wenn er Röm. 3,27 vom <foreign xml:lang="el-GR">νόμος πίστεως</foreign> oder</seg><seg corresp="ps-41"> Röm. 8,2  <pb ed="pga" xml:id="p423"/> vom <foreign xml:lang="el-GR">νόμος τοῦ πνεύματος τῆς ζωῆς</foreign> oder Gal. 6,2 vom <foreign xml:lang="el-GR">νόμος τοῦ Χριστοῦ</foreign> redet, mit diesen Prädikaten zugleich den Inhalt <hi rend="italic">dieses</hi> Gesetzes bezeichnet, so hier Jakobus, wenn er es den <foreign xml:lang="el-GR">νόμος τέλειος τῆς ἐλευθερίας</foreign> nennt. Man muss also den Nachdruck und Sinn der Wendung ganz in diesen Prädikaten suchen, ohne darum zu übersehen, dass sie Prädikate des Subjektes <foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign> sind.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-42"><foreign xml:lang="el-GR">Τέλειος</foreign> betont: hier ist nicht <hi rend="italic">ein</hi> Wort, sondern <hi rend="italic">das</hi> Wort, nicht irgend eine, sondern Gottes Ordnung, nicht ein vorläufiges und teilweises, sondern das einzige alle andern umfassende Gebot. <foreign xml:lang="el-GR">Τῆς ἐλευθερίας</foreign> betont: es ist <hi rend="italic">das</hi> Gesetz, das Freiheit fordert, und dem darum auch nur in Betätigung von Freiheit gehorcht werden kann.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-43">Wir haben es also auch hier mit einer eigentümlichen Umkehrung von Hier und Dort, Subjekt und Objekt, nur diesmal von der andern Seite zu tun. Frei ist ja zunächst Gott und nicht der Mensch, an den Gottes Wort sich richtet. Wie kann Gott Freiheit von uns fordern, und wie können wir in Freiheit gehorchen? Eben dieses unerhörte Geschehen findet statt, sagt Jakobus, wo das christliche Wort wirklich</seg> <seg corresp="ps-44">gehört wird. Wie das Hören des christlichen Wortes darin und nur darin stattfindet, dass der Mensch sich ihm gefangen gibt, so ist dasselbe Wort nur da <pb ed="A" n="82"/>gehört, wo sein Inhalt als die Freiheit des Menschen verstanden ist. Offenbar bedeutet auch dies Letztere nichts Anderes als das, was V. 22 als Tätersein des Wortes beschrieben wurde. Ein Täter sein heißt eben ein Selbsttäter, ein Freier sein. Die Gefangenschaft der Worte ist die Notwendigkeit ursprünglichster eigenster Tat des Menschen. Der das Wort hört als ihn angehend und also – <foreign xml:lang="el-GR">παραμείνας</foreign> – ein solcher <hi rend="italic">ist</hi>, den das Wort angeht, der ist eben darin frei und als solcher kein vergesslicher Hörer, sondern ein <foreign xml:lang="el-GR">ποιητὴς ἔργου</foreign>, heißt es nun.</seg>  </p>

<p><seg corresp="ps-45"><pb ed="pga" xml:id="p425" rend="noPipe"/> <foreign xml:lang="el-GR">Ἔργον</foreign> ist also hier mit Nachdruck eingesetzt für <foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign> V. 22 und <foreign xml:lang="el-GR">νόμος</foreign> V. 25. Ein nicht vergesslicher Hörer des Wortes, ein wirklich unter das Gesetz der Freiheit Gestellter sein heißt nicht nur ein Werk oder das Werk tun, sondern ein Täter des Werkes sein. <foreign xml:lang="el-GR">Ἔργον</foreign> betont: es kann bei dem gemeinten Hören nicht bleiben, auch bei der tiefsten Intuition oder bei der gläubigsten aufgeschlossensten Gesinnung. Hier findet intuitus überhaupt nur statt als intuitus penetrabilis<note xml:id="n257">Siehe oben S. 420, Anm. 255.</note>, indem der <hi rend="italic">ganze</hi> Mensch: innerlich und äußerlich, nach Gesinnung und Handlung in Bewegung kommt. Wer hier einen Vorbehalt machen, das «Werk» als indifferent etwa bei Seite schieben wollte, der würde damit nur zeigen, dass er das Gesetz der Freiheit, neben dem es kein Anderes gibt, noch nicht kennt oder dass er sich dem gefangennehmenden Wort noch entziehen kann. Denn die vom Gesetz geforderte Freiheit ist die Freiheit des ganzen wirklichen Menschen, der als solcher immer auch im <foreign xml:lang="el-GR">ἔργον</foreign> begriffen ist und entweder ganz oder gar nicht frei ist. Und das Wort der Wahrheit geht wiederum den ganzen Menschen an und kennt keine Neutralisierung des Werkes gegenüber einem noch so aufmerksamen inwendigen Hören. Vielmehr in der Auslieferung oder Befreiung nun gerade des Werkes, d. h. dessen, was ich als Hörender nun bin, denke, sage, tue, beweise und bewähre ich, dass ich ein <foreign xml:lang="el-GR">παρακύψας</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">παραμείνας</foreign> bin, dass ich nicht nur fromm geworden bin, sondern in meiner Existenz preisgegeben bin. Um diese Preisgabe handelt es sich. Es handelt sich darum, sich gefangen und frei im Worte zum Worte zu bekennen, uns vor uns selbst und vor Andern als solche Gefangene und Freie zu exponieren, zu zeichnen, zu kompromittieren, uns selbst und Andern zum Gegenstand höchsten Erstaunens zu werden wie Abraham, <pb ed="A" n="83"/> wie die Hure Rahab, die Jakobus im zweiten Kapitel als solche Täter des Werkes einem «toten» Glauben gegenüberstellen wird. Wo man das vermeiden will, da ist die Gefangenschaft und Freiheit des Wortes Gottes offenbar nicht vorhanden, da ist es offenbar nicht wirklich gehört. Nicht umsonst liegt auch in V. 25 der Nachdruck auf den Substantiven <foreign xml:lang="el-GR">ἀκροατής</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">ποιητής</foreign>, denn an dem Menschen, an den eingefrorenen Christen, die da meinen, es gebe ein Hören dieses Wortes, das nicht eo ipso ein Tun sei – an ihnen ist es dem Jakobus gelegen, nicht an den «Werken» als <pb ed="pga" xml:id="p427"/> solchen. Er will ihnen ja zeigen, was es sei um das Aufnehmen des Wortes, an dessen Kraft, ihre Seelen zu retten, er sie V. 21 so bedeutsam erinnert hat. Im <hi rend="italic">Tun</hi> des Wortes, oder wie es jetzt also ganz unmissverständlich heißt: im Tun des <hi rend="italic">Werkes</hi> wird der Mensch selig sein. «In ipsa actione sita est beatitudo», hat <hi rend="italic">Calvin</hi> interpretiert.<ptr n="258" type="note" target="n258"/> Die actio (<foreign xml:lang="el-GR">ποίησις</foreign>) ist, wie sich aus allem Vorangegangenen ergibt, das reservelose und darum tätige Fürwahrhalten des Wortes. Nur in dieser actio ist das Wort <hi rend="italic">das</hi> Wort, von dem vorher so Großes gesagt wurde. Gerade weil ihm am Wort und nur am Wort so gelegen ist, drängt Jakobus so unerbittlich aufs Werk, aufs Tun. Beachten wir noch, dass die Seligkeit, von der da die Rede ist, wie V. 12 in die Zukunft oder vielmehr in die Sphäre des Glaubens und der Verheißung und also der Hoffnung gerückt wird. Eine direkte Verknüpfung zwischen der <foreign xml:lang="el-GR">ποίησις</foreign> und dem <foreign xml:lang="el-GR">μακάριος</foreign> wie zwischen Leistung und Lohn wird gerade durch dieses <foreign xml:lang="el-GR">ἔσται</foreign>, das in mehr als einem paulinischen <foreign xml:lang="el-GR">σωθήσεται</foreign> seine Parallele hat [vgl. Röm. 9,27; 10,13; 11,26; 1. Kor. 3,15], ausgeschlossen. Ein anderes ist das menschliche Tun, ein anderes das göttliche Wohlgefallen daran, ein anderes die Verheißung, ein anderes die Erfüllung. Der Ort, wo es sich entscheidet, ob vielleicht<note xml:id="n259">Das Wort «vielleicht» ist am Rande nachgetragen, ohne dass die Stelle genauer bezeichnet ist, an der es in den Satz einzufügen ist.</note> Gottes Wohlgefallen auf uns ruht, der verheißungsvolle Ort, will Jakobus sagen, ist die <foreign xml:lang="el-GR">ποίησις</foreign>. Ist sie <foreign xml:lang="el-GR">ποίησις ἔργου</foreign> als <foreign xml:lang="el-GR">ποίησις τοῦ λόγου</foreign>, dann ist sie verheißungsvoll, dann sind wir unterwegs zur Seligkeit als dem Erweis des göttlichen Wohlgefallens.<lb/><lb/><lb/></seg></p> 

<p rend="margin-top"><seg corresp="ps-50">3. Die abschließende Frage unseres Abschnittes: Wisst ihr, die ihr euch Christen nennt, was es heißt, dieses Wort zu tun? Antwort: <pb ed="A" n="84"/> V. 26-27 <hi rend="italic">«Hält sich jemand für fromm, zügelt aber seine Zunge nicht, sondern betrügt sein Herz, dessen Frömmigkeit ist nichtig. Reine und unbefleckte Frömmigkeit vor Gott dem Vater besteht darin: die Wai</hi>- ­<hi rend="italic">sen und Witwen besuchen in ihrer Bedrängnis, sich selbst unbefleckt erhalten von der Welt.»</hi> Man kann hinter diesen Versen die ganz besondern einmaligen Bedürfnisse des ersten Leserkreises des Jakobus vermuten oder auch die spezifischen Anliegen einer dem Jakobus eigentümlichen oder auch allgemeiner verbreiteten</seg> <seg corresp="ps-51"> Art christlich-<pb ed="pga" xml:id="p429" break="no"/>moralischer Belehrung. Man wird sich dadurch doch nicht abhalten lassen, sie auch in ihrem grundsätzlichen Gehalt zu würdigen zu versuchen.</seg> </p>
<p><seg corresp="ps-52">Das Unternehmen ist kühn, in dem wir unsern Autor an dieser Stelle und besonders in V. 27 begriffen sehen: er will nun ausdrücklich und konkret sagen, was das heiße, das Wort der Wahrheit zu tun, er will beschreiben, in was eine reine und unbefleckte Frömmigkeit vor Gott dem Vater bestehe. Kann man das sagen? Lässt sich das beschreiben? Lässt sich das menschliche Tun, das die große Bezeichnung V. 27 Anfang verdiente, anders definieren als durch den Verweis auf das «gerechte Gericht Gottes, der einem jeglichen bezahlen wird nach seinen Werken» (Röm. 2,6), bezahlen, je nachdem <hi rend="italic">sein</hi> Gericht über seine Werke ausfällt? Die ganze Naivität in der Jakobus dieser schweren Frage gegenübersteht, tritt uns in dem Übergang von V. 25 zu V. 26-27 entgegen. Ihm ist es selbstverständlich, dass jetzt auch ganz handgreiflich gesagt werden muss und gesagt werden kann, was gemeint ist, wenn vom christlichen Tun die Rede ist. So rasch pflegt Paulus nicht vorzugehen an diesem gefährlichen Punkt, wo an die Stelle des seligmachenden Wortes mit, wie wir sahen, unentrinnbarer Konsequenz das seligmachende Werk treten muss.</seg> </p>
<p><seg corresp="ps-53">Aber stellen wir zunächst fest, dass auch Paulus nicht nur im Allgemeinen diese Wendung ins Konkrete zu nehmen nie ganz unterlassen, sondern auch wie hier Jakobus an der entscheidenden Stelle Röm. 12,1f. von dem Gott darzubringenden «vernünftigen Gottesdienst» ausdrücklich geredet hat, nur dass bei ihm viel deutlicher wird – gerade etwa bei dem jähen Übergang von Röm. 11 zu Röm. 12 – <pb ed="A" n="85"/> welche andere Ebene der Betrachtungsweise damit betreten wird, welch andere Kategorien da zur Anwendung kommen müssen. Man muss immer wieder den Zusammenhang der psychologischen Betrachtungsweise bedenken, die Jakobus von Anfang an gewählt hat, um ihm gerecht zu werden.</seg></p>
<p><seg corresp="ps-54"><pb ed="pga" xml:id="p431" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-55">Zu der letzten Frage: Wie kommt es denn dazu, dass menschliches Tun Gott wohlgefällig wird, gibt er wohl gelegentlich instruktive Hinweise, aber sie ist nicht sein Thema. Sein Thema ist der Mensch, und zwar der Mensch, der die Antwort auf jene Frage schon gehört und doch noch immer nicht oder schon wieder nicht recht gehört hat. Sein Anliegen geht dahin, diesen Menschen, den sogenannten Christen in die Situation hineinzustoßen, in der die Antwort auf jene Frage erst wahr und aktuell sein kann, in die Situation des zum Gehorsam Aufgeforderten. Die Wahrheit und Erbaulichkeit seiner Darlegungen besteht darin, dass er zeigt, wie unumgänglich es ist, jener Aufforderung nachzukommen, wie unmöglich es wäre, etwa bei Röm. 11 stehen bleiben zu wollen. Wer dieses sein Anliegen beachtet, wird ihn nicht missverstehen. Darum ist denn auch der Begriff, der hier beherrschend auftritt, ganz naiv der Begriff der <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign>, den man am Besten mit Frömmigkeit oder Religiosität übersetzen wird. Als <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign> im Sinn des Jakobus setzen wir, wenn wir an Kap. 2 denken, wohl am besten die gläubige Bejahung eines der Belehrung Röm. 1-11 formal ähnlichen christlichen Gedankenzusammenhangs voraus. </seg></p>

<p><seg corresp="ps-56">Das <foreign xml:lang="el-GR">εἴ τις δοκεῖ θρησκὸς εἶναι</foreign> zeugt vom Bewusstsein eines Reichtums, von dem sie erfüllt waren, und der Zusammenhang mit dem Vorigen, den ich trotz der neuen Wendung des Gedankens nicht preisgeben möchte, weist darauf hin, dass dieser Reichtum irgendwie in der besondern Art, in der sie das Wort als Lehre gehört hatten und noch hörten, zu suchen ist. Es muss ein spezifisch theologischer Reichtum gewesen sein. Wir verstehen bei dieser Annahme auch am besten, warum Jakobus [das Bedürfnis hat], nachdem die Grundlage ebenfalls  <pb ed="pga" xml:id="p433"/> nicht ohne Theologie gelegt ist, nun auch noch ganz konkret zu werden. Wenn es sich darum handelt, Theologen und theologisch Interessierte zur Buße zu rufen, so kann man vielleicht nichts Besseres tun, als unter Absehen von allem Tiefsinn zur Abwechslung ganz konkret <pb ed="A" n="86"/> zu werden. V. 26 will Jakobus zeigen, worin das Tun, von dem er geredet, die der christlichen Situation entsprechende <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign>, jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> besteht. Er setzt den Fall, dass ein vermeintlicher Hörer des Worts, einer, dessen vermeintliche Frömmigkeit darin besteht, dass er das Wahre und Richtige vernommen und sich angeeignet hat, «seine Zunge nicht im Zaume hält». <foreign xml:lang="el-GR">Μὴ χαλιναγωγῶν</foreign> erweckt wie 3,3 die Vorstellung vom Reiter, dem sein Pferd durchgehen will. Die Gemeinten sind also Leute, die gut, nur zu gut zu reden wissen. Es wäre gesucht, hier an Schwatzhaftigkeit im Allgemeinen zu denken, sondern offenbar geht das auf ein allzu leichtes Redenkönnen und Redenwollen in Bezug auf den <foreign xml:lang="el-GR">λόγος</foreign>, von dem vorher die Rede war, der doch wohl auch der Sinn ist dessen, was jetzt als <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign> beschrieben wird und von dessen wahrem Tun nachher V. 27 so Überraschendes zu sagen sein wird. Haben wir recht, wenn wir es versuchen, V. 19-27 wenigstens in einem gewissen Zusammenhang zu verstehen, dann wäre wohl aus V. 19-21 zu entnehmen, auf was Jakobus auch an unserer Stelle gezielt haben dürfte: auf das zornige, eifrige Reden zur vermeintlichen Ehre Gottes, von dem er dort sagt, dass es das rechte Hören des Wortes Gottes verhindere. Hier V. 26 sagt er, dass ein Hören, das etwa darauf hinauslaufe, auf die Kunst einer hemmungslosen Rede von Gott und göttlichen Dingen, als Frömmigkeit, als Tun des Wortes nichtig und also kein wirkliches Hören sei. Wieder wie V. 22 erscheint der Gedanke des Selbstbetruges, den der Mensch bei solchem Hören verübt. «Er betrügt sein eigenes Herz», sagt Jakobus, offenbar in der Meinung, dass das eigene Herz des Menschen eigentlich wüsste, dass jenes Zungenwerk nichtig ist, dass dabei nur scheinbar geschieht, was eigentlich geschehen müsste. Aber das Herz <hi rend="italic">lässt</hi> sich <hi rend="italic">betrügen</hi>, es ist eben das menschliche Herz. Es gibt ja nichts Trügerischeres als der Besitz hoher und höchster Einsichten von Gott, keine leichtere und gefährlichere Verwechslung als die zwischen dem, was man weiß, und dem, was ist, oder vielmehr zwischen dem, was <hi rend="italic">ist</hi>, worüber uns ja der <foreign xml:lang="el-GR">λόγος ἀληθείας</foreign> in der Tat erschöpfende Auskunft geben kann, und dem, was <hi rend="italic">für mich ist</hi>, in diesem Sinn:</seg><seg corresp="ps-60"> zwischen dem  <pb ed="pga" xml:id="p435"/> gehörten <pb ed="A" n="87"/> und dem getanen Wort. Auf Grund dieser Verwechslungsmöglichkeit betrügt nun der Mann mit der ihm durchgehenden Zunge, der Virtuose der Gottesrede sein Herz. Er rechtfertigt sich damit, dass sein Reden auch ein Tun des Wortes, dass er also <hi rend="italic">auch</hi> ein Täter des Werkes im Sinn von V. 25 sei.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-61">Gerade diese seine Selbstrechtfertigung ist auch sein Selbstbetrug. Sie verrät, dass er sich durch das Wort nicht hat gefangen nehmen und freimachen lassen, sondern dass er es heimlich zur Rettung und Erhöhung seiner Existenz verwendet. Darum hält er seine Zunge nicht im Zaum, darum ist er nach V. 19 so rasch zum Reden.</seg> </p>
<p><seg corresp="ps-62">In der Leichtigkeit und Hypertrophie seiner frommen Rede und in der Sicherheit, mit der er sie eben als Akt der Frömmigkeit in Anspruch nimmt, verrät sich, dass ihm das Eine, was not tut [vgl. Lk. 10,42], zu einem Mittel geworden ist, sich dem Einen, was not tut, zu entziehen.</seg><seg corresp="ps-63">  Jakobus versucht ihn so aus seinem Schlaf aufzuwecken, dass er der von ihm unter jenem Selbstbetrug erwählten Möglichkeit höchst jäh eine ganz andere gegenüberstellt als die, an die er sich halten sollte: Reine und unbefleckte Frömmigkeit vor Gott dem Vater, heißt es nun V. 27, bestehe darin, die Waisen und Witwen in ihrer  <pb ed="pga" xml:id="p437"/> Bedrängnis zu besuchen und sich von der Welt unbefleckt zu erhalten. Jakobus könnte unmöglich in Abrede gestellt haben, dass das Tun des Wortes auch darin bestehen könnte, dass der Mensch zu einem wirklichen (aber eben zu einem wirklichen, d. h. wirkenden) Wissen um das Wort Gottes kommt, dass er dann auch von Gott redet und zwar vielleicht ebenfalls hemmungslos, eifrig, zornig unfriedenstiftend redet, wie es Elia und alle Propheten getan haben. Aber jener Selbstbetrug, jener Anspruch des Menschen, <hi rend="italic">darin</hi> gerechtfertigt und fromm zu sein, müsste und würde, wo es sich um den Zorn des Elia, um die Theologie des Paulus handelte, fehlen. Der Mensch würde sich dann in Gefahr sehen, je besser ihm das Zungenwerk zur Ehre Gottes gelingen sollte. Er würde dann auch sein Reden nur als Dienst und sich selber als fehlbaren Knecht verstehen. Wir, die wir nicht Elia oder Paulus sind, haben, wenn unsere <foreign xml:lang="el-GR">θρησκεία</foreign> auf der Linie der durchgehenden Zunge liegen sollte, Anlass uns fragen zu lassen, ob unser Reden von Gott <pb ed="A" n="88"/> nicht das gerade Gegenteil von Gottesdienst sein möchte, nämlich eine Verschleierung der Tatsache, dass wir Gott nicht dienen wollen. Nicht gegen Paulus, aber gegen alle Pauliner wendet sich Jakobus wie nachher im zweiten Kapitel, so auch schon hier. Nicht gegen die Theologie, aber gegen alle Theologen.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-70">Darum die große <foreign xml:lang="el-GR">μετάβασις εἰς ἄλλο γένος</foreign>, die den Schluss dieses großen Abschnittes vom Worte bildet. Darum V. 27! Wie ein Fallbeil saust das und soll das sausen in alle christliche Wohlunterrichtetheit und Wohlberedtheit hinein: da die Waisen und Witwen! und da: Sich von der Welt unbefleckt erhalten! <hi rend="italic">Das</hi> heißt für euch Gehorsam, während Reden wie Elia und Paulus für euch Ungehorsam heißt, so gewiss es für sie selber Gehorsam war. <hi rend="italic">Ihr</hi> müsstet <hi rend="italic">Martha</hi> sein, um wirklich mit Maria zu Füßen des Herrn zu sitzen [vgl. Lk. 10,39]. <hi rend="italic">Ihr</hi> solltet nicht reden, sondern schweigen, schweigend handeln, wenn ihr die sein möchtet, die ihr mit eurem Reden vergeblich zu sein euch bemüht. Warum gerade diese zwei Forderungen, die nun laut werden? Man hat nicht mit Unrecht auf das warme soziale Empfinden und auf den asketischen Zug im Charakter unseres Autors aufmerksam gemacht. Aber um das rechte Hören des Gotteswortes, um den rechten Dienst geht es ihm doch in unserm ganzen Zusammenhang. So können diese Gesichtspunkte doch nur sekundäre sein, so wichtig sie materiell sein mögen. Wichtiger als ihr materieller Inhalt dürfte hin<pb ed="pga" xml:id="p439" break="no"/>sichtlich dessen, was Jakobus will, ihr Nebeneinanderstehen sein. Ich zitiere <hi rend="italic">Schlatter:</hi> «Nicht das Eine oder das Andere, sondern Beides ist uns gesagt. Man hat sich oft in der Kirche in die zwei Hälften dieses Wortes geteilt. Die Einen leitet das erste Wort: sie treten deshalb hinaus in die Welt und unternehmen mancherlei, was den Schwachen und Leidenden wohltun wird. Den Andern bewegt das zweite Wort, und er tritt in die Stille und hütet sein Herz, daß es sich nicht erfülle mit dem, wovon die Welt getrieben wird. Aber nicht das halbe, sondern das ganze Wort des Jakobus nennt uns unsere Aufgabe.»<ptr n="261" type="note" target="n261"/> Und nun würde ich hinzufügen, eben als ganzes Wort gehört es hieher, trifft es den von V. 19 ab in Frage gestellten christ<pb ed="A" n="89" break="no"/>lichen Menschen dort, wo es ihn treffen soll. Will er sich rechtfertigen mit der Notwendigkeit des Kampfes zur Ehre Gottes gegen die arge Welt, dann wird er getroffen durch die Erinnerung an die Elenden in dieser argen Welt, an die Verlassenen und Schwachen, gegen die es gar nichts zu kämpfen gibt, die er auch nicht abspeisen kann mit einer beiläufigen Hilfe, die vielmehr gerade als Elende Gottes Lieblinge und seine Nächsten sind, die er zu <hi rend="italic">besuchen</hi>, mit anderen Worten, derer er sich persönlich anzunehmen, zu denen er sich zu stellen und zu bekennen hat, für die er zu haben sein soll, wenn er ein wirklicher Hörer und darum Täter des Wortes ist. Das heißt Frömmigkeit für ihn. Warum? Sicher schon darum, weil es ihm in dem Moment, wo er im Zorn tun will, was vor Gott recht ist, sicher so fern wie nur möglich liegt, gerade an das, gerade an die Witwen und Waisen zu denken. Gerade das soll er aber tun. Gerade das heißt für ihn, seine Existenz dem Worte Gottes gefangen geben. Will er sich umgekehrt rechtfertigen mit seiner Menschenliebe und Tatbereitschaft, dann wird er getroffen von der andern Erinnerung, dass er sich von der Welt <hi rend="italic">unbefleckt</hi> zu erhalten, in seinem Eifer gerade nicht die Wege zu gehen habe, die jedermann, der guten Willens ist, auch gehen kann, dass wirkliches Helfen ein Gottesdienst ist, der auch nur auf Gottes Wegen getrieben werden kann. Fromm sein heißt nicht nur das Gute, sondern das Gute <hi rend="italic">gut</hi> tun, mit <hi rend="italic">reinen</hi> Händen. Warum das <hi rend="italic">ihm?</hi> Sicher schon darum, weil es ihm wiederum so ferne liegt, weil das nicht geschehen kann,</seg><seg corresp="ps-72"> ohne dass  <pb ed="pga" xml:id="p441"/> gerade er seine Existenz auch seine fromme christliche Existenz hergeben, gefangen geben muss. Und darauf eben ist es von beiden Seiten abgesehen. Damit fängt das geforderte Tun des Wortes, des Werkes an, dass er, wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben, gehorsam, Gott gehorsam wird, die reine und unbefleckte Frömmigkeit nicht vor Menschen, sondern vor Gott dem Vater. Das ist das vorläufige Ende, wohin Jakobus seine Leser führen will, der Engpass, wo die Situation so heilsam akut wird, dass von einem fruchtbaren Hören des göttlichen Wortes im Ernste die Rede sein kann.</seg> </p>


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