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        <title type="volume" n="vol-46">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
        <title type="content">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 2,14–26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 2,14–26, in: Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, 1922 – 1929</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/46015 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929, hrsg. v. Bohnet, Jörg-Michael (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 2009, S. 470–522.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Erklärungen des Epheser- und des Jakobusbriefes. 1919–1929</title>
          <title type="text">Erklärung des Jakobusbriefes W. S. 1922/23 und W. S. 1928/29 im Paralleltext. Jakobus 2,14–26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Bohnet, Jörg-Michael</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2009</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 470–522</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Erklärung des Jakobusbriefes (WS 1922/1923), 4. November 1922 – 28. Februar 1923. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6609">KBA 1667.1</ref>. </bibl>
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        <head>Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W. S. 1922/23 und <!-- leerzeile -->  W. S. 1928/29 <lb/><!-- leerzeile --> im Paralleltext </head>
       
        
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    <head xml:id="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p470"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1922/23</head>
        <head xml:id="ps-02">Jakobus 2,14-26</head> 
       

    <p><seg xml:id="ps-03"><date rend="right">28.II.23</date>  [ <seg type="verse" n="14"/> <foreign xml:lang="el-GR">Τί τὸ ὄφελος, ἀδελφοί μου, ἐὰν πίστιν λέγῃ τις ἔχειν ἔργα δὲ μὴ ἔχῃ; μὴ δύναται ἡ πίστις σῶσαι αὐτόν</foreign>; <seg type="verse" n="15"/> <foreign xml:lang="el-GR">ἐὰν ἀδελφὸς ἢ ἀδελφὴ γυμνοὶ ὑπάρχωσιν καὶ λειπόμενοι τῆς ἐφημέρου τροφῆς</foreign>, <seg type="verse" n="16"/> <foreign xml:lang="el-GR">εἴπῃ δέ τις αὐτοῖς ἐξ ὑμῶν· ὑπάγετε ἐν εἰρήνῃ, θερμαίνεσθε καὶ χορτάζεσθε, μὴ δῶτε δὲ αὐτοῖς τὰ ἐπιτήδεια τοῦ σώματος, τί τὸ ὄφελος</foreign>; <seg type="verse" n="17"/> <foreign xml:lang="el-GR">οὕτως καὶ ἡ πίστις, ἐὰν μὴ ἔχῃ ἔργα, νεκρά ἐστιν καθ’ ἑαυτήν</foreign>. <seg type="verse" n="18"/> <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλ’ ἐρεῖ τις· σὺ πίστιν ἔχεις, κἀγὼ ἔργα ἔχω· δεῖξόν μοι τὴν πίστιν σου χωρὶς τῶν ἔργων, κἀγώ σοι δείξω ἐκ τῶν ἔργων μου τὴν πίστιν</foreign>. <seg type="verse" n="19"/> <foreign xml:lang="el-GR">σὺ πιστεύεις ὅτι εἷς ἐστιν ὁ θεός; καλῶς ποιεῖς· καὶ τὰ δαιμόνια πιστεύουσιν καὶ φρίσσουσιν</foreign>. <seg type="verse" n="20"/> <foreign xml:lang="el-GR">θέλεις δὲ γνῶναι, ὦ ἄνθρωπε κενέ, ὅτι ἡ πίστις χωρὶς τῶν ἔργων ἀργή ἐστιν</foreign>; <seg type="verse" n="21"/> <foreign xml:lang="el-GR">Ἀβραὰμ ὁ πατὴρ ἡμῶν οὐκ ἐξ ἔργων ἐδικαιώθη, ἀνενέγκας Ἰσαὰκ τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐπὶ τὸ θυσιαστήριον</foreign>; <seg type="verse" n="22"/> <foreign xml:lang="el-GR">βλέπεις ὅτι ἡ πίστις συνήργει τοῖς ἔργοις αὐτοῦ, καὶ ἐκ τῶν ἔργων ἡ πίστις ἐτελειώθη</foreign>, <seg type="verse" n="23"/> <foreign xml:lang="el-GR">καὶ ἐπληρώθη ἡ γραφὴ ἡ λέγουσα· ἐπίστευσεν δὲ Ἀβραὰμ τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην, καὶ φίλος θεοῦ ἐκλήθη</foreign>. <seg type="verse" n="24"/> <foreign xml:lang="el-GR">ὁρᾶτε ὅτι ἐξ ἔργων δικαιοῦται ἄνθρωπος καὶ οὐκ ἐκ πίστεως μόνον</foreign>. <seg type="verse" n="25"/> <foreign xml:lang="el-GR">ὁμοίως δὲ καὶ Ῥαὰβ ἡ πόρνη οὐκ ἐξ ἔργων ἐδικαιώθη, ὑποδεξαμένη τοὺς ἀγγέλους καὶ ἑτέρᾳ ὁδῷ ἐκβαλοῦσα</foreign>; <seg type="verse" n="26"/> <foreign xml:lang="el-GR">ὥσπερ γὰρ τὸ σῶμα χωρὶς πνεύματος νεκρόν ἐστιν, οὕτως καὶ ἡ πίστις χωρὶς ἔργων νεκρά ἐστιν</foreign>.]<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-04"><hi rend="italic"> <seg type="verse" n="14"/> Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber nicht Werke? Kann ihn etwa der Glaube retten? <seg type="verse" n="15"/> Wenn ein Bruder oder eine Schwester unbekleidet sind und der täglichen Nahrung entbehren, <seg type="verse" n="16"/> und jemand von euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmet euch und sättiget euch, ohne dass ihr ihnen das Nötige für ihren Leib gebt – was wäre das nütze? <seg type="verse" n="17"/> So auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist tot in sich selber..<note n="*1" type="original" xml:id="s1"> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> ist für sich allein tot. [Hauck, S. 123]</note> <seg type="verse" n="18"/> Es könnte ja jemand sagen: Du hast den Glauben, ich habe die Werke.</hi> (Ich aber sage euch:) <hi rend="italic">Zeige mir deinen Glauben ohne Werke, und ich will dir aus meinen Werken den Glauben zeigen. <seg type="verse" n="19"/> Du glaubst, dass Einer Gott ist? Du tust wohl daran. Auch die Dämonen glauben</hi> (das) <hi rend="italic">und zittern. <seg type="verse" n="20"/> Willst du wohl einsehen, du leerer Mensch, dass der Glaube ohne die Werke nichtig ist? <seg type="verse" n="21"/> Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus Werken gerechtfertigt, als er Isaak, seinen Sohn, auf den Altar darbrachte? <seg type="verse" n="22"/> Da siehst du,</hi></seg><seg xml:id="ps-05"><hi rend="italic"> wie</hi>   <pb ed="pga" xml:id="p472"/> <hi rend="italic">der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte, und aus den Werken wurde der Glaube vollendet, <seg type="verse" n="23"/> und es wurde die Schrift erfüllt, die sagt: Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Gottes Freund genannt. <seg type="verse" n="24"/> Da seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein. <seg type="verse" n="25"/> Ebenso auch Rahab, die Hure, wurde sie nicht aus Werken gerechtfertigt, da sie die Kundschafter aufnahm und auf einem anderen Wege wieder entließ? <seg type="verse" n="26"/> Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.</hi><lb/><lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-06"> Wir haben den Abschnitt gehört, der den Jakobusbrief vor anderen berühmt oder berüchtigt gemacht hat. Was hier problematisch ist, braucht ja kaum gesagt zu werden: </seg></p>

<p><seg xml:id="ps-07"> Dies ist der Abschnitt, der Luther zu jenem Urteil über die ganze Epistel veranlasst hat, sie gehe «stracks wider S. Paulum» und könne nur schon darum keine apostolische Schrift <term type="Begriffe" key="Jakobus, Kanonizität〉〉〈〈Jakobus, Vergleich mit Paulus">sein</term>.<note xml:id="n272">Siehe oben S. 170.</note> Als ich vor 13 Jahren, frisch von <!-- ms50L -->der Universität kommend, als junger Vikar in einer Predigt-Serie über den Jakobusbrief auf diesen Text stieß, da war ich von der Richtigkeit der <term type="Begriffe" key="Exeget(, Exegese)">Exegese</term>, die diesem Urteil Luthers zu Grunde liegt, so überzeugt, dass ich die Unverfrorenheit hatte, unter Berufung auf Luther zur Abwechslung eine Predigt statt <hi rend="italic">über gegen</hi> den Text zu halten und den armen Jakobus unter Aufrufung des Römer- und Galaterbriefes vor der Gemeinde in aller Form zu widerlegen.<note xml:id="n273">Die Predigtreihe über den Jakobusbrief mit insgesamt 18 Predigten, die Barth in der «Deutschen reformierten Gemeinde Genf» als Vikar gehalten hat, wurde am 9. Januar 1910 begonnen und am 7. August 1910 beendet (KBA 1006-1013.1015.1016.1018–1025). Barth nimmt hier Bezug auf die Predigt vom 3. Juli 1910 über Jak 2,13-26 (KBA 1021). Über die Vikarszeit von Barth in Genf s. Busch, S. 63-71.</note> Ich würde das heute nicht mehr tun, nicht etwa darum, weil ich kirchlich rücksichtsvoller geworden wäre, sondern weil ich meine, dass, gerade von der <hi rend="italic">scharf</hi> erfassten entgegengesetzten Ansicht des Paulus aus,</seg><seg xml:id="ps-08"> die <pb ed="pga" xml:id="p474"/> Möglichkeit und Notwendigkeit besteht, den Jakobus auch zu hören mit seiner anderen <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Ansicht</term>.</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-09"/></p>

<p><seg xml:id="ps-10"> Ich sage: von der <hi rend="italic">entgegengesetzten</hi> Ansicht des Paulus aus die <hi rend="italic">andere</hi> Ansicht des <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">Jakobus</term>. Es kann sich also nicht etwa darum handeln, auf den Doktorhut Luthers aspirieren zu wollen, den er dem versprochen hat, der Paulus und Jakobus hier zusammenreimen könne, unter Hinzufügung, dass er, Luther, sich, wenn dies gelinge, einen Narren schelten lassen wolle (E.A. 62,127).<note xml:id="n275">M. Luther, <hi rend="italic">Tischreden Doct. Mart Luthers von den Büchern des Neuen Testaments, Urthel Doct. Mart. Luthers</hi>, EA 62, 127, Nr. 2660. WA.TR 3, 253f., Nr. 3292a und 3292b.</note> Nein, es reimt sich wirklich nicht, wenn man dem Text nicht Gewalt antun will.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-11"> Aber es reimt sich noch manches nicht in der <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term>, und wenn man im Besitz der besten Theologie wäre, oder vielmehr: es reimt sich nur im Gegenstand der <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term>, auf dem messerscharfen Grat der Wahrheit selber, aber nicht in den verschiedenen <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologien</term>, die diese <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu fassen suchen, oder noch anders gesagt: es reimt sich in einer guten <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term>, sofern eine solche die Eigenschaft haben muss, unbeschadet der Bestimmtheit ihrer eigenen Thesen über sich selbst hinauszuweisen auf ihren Gegenstand, der auch der Gegenstand anderer, vielleicht schlechterer <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologien</term> ist, und insofern</seg><seg xml:id="ps-12"> über sich <pb ed="pga" xml:id="p476"/> selbst hinauszuweisen auch auf <hi rend="italic">sehr</hi> entgegengesetzte, mit ihren eigenen unvereinbare <hi rend="italic">Anti</hi><term type="Begriffe" key="These und Anti-These">-Thesen</term>. Eine solche <hi rend="italic">gute</hi> <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> ist z. B. die paulinische. Ich für meine Person ziehe die Gedankenbahnen des Paulus denen des Jakobus entschieden vor, aber ich halte es für möglich und geboten, von Paulus aus, und insofern doch auch <hi rend="italic">mit</hi> Paulus, die Gedankenbahnen des Jakobus <hi rend="italic">auch</hi> zu durchlaufen, <hi rend="italic">auch</hi> ernst zu nehmen, sie als wichtigste Unterstreichung, als notwendigstes Frage- und Ausrufezeichen zu Paulus <hi rend="italic">auch</hi> gelten zu lassen und zur Geltung zu <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">bringen</term>.</seg></p> 
<p><seg xml:id="ps-13"/></p>

<p><seg xml:id="ps-14"><pb ed="pga" xml:id="p478" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-15"> Lassen wir also auch hier Jakobus Jakobus sein, ohne Unionspolitik, aber auch ohne uns durch starres Haften an den Begriffen und rasches Aburteilen daraufhin die Augen zu verschließen vor dem, was er an <hi rend="italic">seinem</hi> Ort und an <hi rend="italic">seiner</hi> Stelle und in <hi rend="italic">seinen</hi> [Worten] zur Erfassung derselben <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu bemerken hat. Wie geboten es sein könnte, gerade in der heutigen Christenheit auch mit <hi rend="italic">Jakobus</hi> zu denken und aus <hi rend="italic">Jakobus</hi> heraus zu reden, das haben Sie mir im Lauf dieses Winters vielleicht ein wenig abgenommen.<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-150"> Doch zur Sache. Das Wort <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, das mit V. 14 in den Mittelpunkt rückt, fiel schon in V. 1. Die Leser meinen <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term> vereinigen zu können mit <term type="griechisch" key="προσωπολημψία"><foreign xml:lang="el-GR">προσωπολημψία</foreign></term>. Dieser Meinung tritt Jakobus dort entgegen, indem er in nachdrücklichster Weise an den Inhalt, an das Objekt des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term>, an die <term type="Begriffe" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, an Gott in <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Christus</term> erinnert, der dieses <!-- ms50R -->Nebeneinander, wie alles Nebeneinander, wie nachher gezeigt wird, unmöglich macht. Gott fordert Alles oder nichts! – das war der Feuerbrand, den Jakobus, ausgehend von diesem Wort <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, in V. 1-13 in den kirchlichen Frieden hineinwarf. Aber er zeigt schon damit, dass er den <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> dort einführt als etwas,</seg> <seg xml:id="ps-16"> was der Mensch neben <pb ed="pga" xml:id="p480"/> <hi rend="italic">anderen</hi> Eigenschaften <hi rend="italic">haben</hi> kann, etwa durch die Eindringlichkeit, mit der er sich einzuschärfen genötigt sieht, dass das so nicht geht, dass Glaube den Blick auf eine Realität in sich schließt, die alle auf ein Sowohl­-Als auch begründete <term type="Begriffe" key="Ordnung">Ordnung</term> sprengen muss, – er zeigt schon dadurch, dass er bei den Lesern einen Sprachgebrauch von «Glauben» voraussetzt, in dem die Erinnerung an den <term type="Begriffe" key="Glaube, Dynamit">­Dynamitcharakter</term> dieser Sache verwischt, die menschliche religiöse Möglichkeit, dass man eben gläubig sein kann, allein übrig geblieben ist und der darum erst wieder <term type="Begriffe" key="Glaube, dynamisch">dynamisch</term> gemacht, mit seiner ursprünglichen Bedeutung gleichsam <hi rend="italic">geladen</hi> werden muss. Man kann den ganzen Abschnitt V. 1-13 auffassen als einen energischen Versuch, den Begriff des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> wieder scharf zu laden; im Effekt kommt es jedenfalls auf das heraus. Der Abschnitt V. 14-26 nun gilt dem Nachweis, dass ein nicht-geladener oder blind geladener Glaube, ein Glaube, der nicht die Wirkung hat, den Menschen in der von 1,22 an vorgesehenen Weise in Anspruch zu nehmen, ihn zum <foreign xml:lang="el-GR"><term type="griechisch" key="ποιητὴς  λόγος">ποιητὴς λόγου</term></foreign> zu machen, dass ein solcher Glaube nicht, wie die Leser meinen, weil er doch <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> ist, den Menschen rettet (V. 14) oder <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">rechtfertigt</term> (V. 24), sondern vielmehr unnütz ist (V. 14), nichtig (V. 20), ja, wie es zweimal scharf heißt: <term type="Begriffe" key="Tod">tot</term> (V. 17 und 26). Nun aber das Entscheidende und Bezeichnende: Die Leser berufen sich für ihren Sprachgebrauch von «Glauben», der ihnen ermöglicht, gläubig und faul zu sein, um es kurz zu sagen, eine doppelte Buchführung zu führen: hie <term type="Begriffe" key="Glaube, ohne Werke">Glauben</term>, hie – keine Werke, hie <term type="Begriffe" key="Innerlichkeit">Innerlichkeit</term> und <term type="Begriffe" key="Gesinnung">Gesinnung</term>, hie äußerliche <term type="Begriffe" key="Ordnung">Lebensordnung</term> unter eigenen Gesetzen, hie religiös vertiefte Überzeugung, Weltanschauung und Bildung, hie alles Übrige, was sonst zum Leben gehört, – sie berufen sich für die Beruhigung bei einer <term type="Begriffe" key="Paradox">Paradoxie</term>, die eben nicht aufzulösen sei, und für das harmonisch-temperierte <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentum</term>, das sich daraus ergibt, auf den Römer- und Galaterbrief, auf die <term type="Begriffe" key="Theologe(, Theologie)">Theologie</term> des Paulus jedenfalls.</seg></p> 
<p><seg xml:id="ps-17"/> </p>
<p><seg xml:id="ps-18"><pb ed="pga" xml:id="p482" rend="noPipe"/></seg></p> 
<p><seg xml:id="ps-19"><pb ed="pga" xml:id="p484" rend="noPipe"/></seg></p>  
<p><seg xml:id="ps-20"><pb ed="pga" xml:id="p486" rend="noPipe"/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-21"> Ich halte es nämlich für ganz unmöglich, diesen Abschnitt etwa mit <hi rend="italic">Zahn</hi> ohne irgendwelche Beziehung auf Paulus zu verstehen.<note xml:id="n279">Siehe oben S. 162.</note> Man müsste sich dann wirklich mit <hi rend="italic">Windisch</hi> wundern, wer doch der «phänomenale Dunkelmann»<note xml:id="n280">Windisch, S. 19.</note> gewesen sein möchte, der vor Paulus ohne Zusammenhang mit ihm diese Sätze aufgestellt haben möchte, die hier bestritten <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">werden</term>. Eine andere Frage ist natürlich die, ob die Leser und der Verfasser des <term type="Begriffe" key="Jakobusbrief, Verfasser">Jakobusbriefes</term> die paulinischen Briefe aus eigener Lektüre gekannt haben. Ich möchte sie, ohne ein bestimmtes Urteil zu fällen, für mich mit größerer Wahrscheinlichkeit für Beide verneinen. Es kann doch gut so sein, dass es sich um Schlagworte und Stimmungen handelte, die, von der mündlichen und schriftlichen Tätigkeit des Paulus ausgehend, in der Luft lagen, nachgeredet und nachempfunden wurden auch von solchen, ja <hi rend="italic">gerade</hi> von solchen, die Paulus noch nie gesehen oder gelesen, die aber aus seinen Gedanken, soweit sie sie begriffen, soweit sie zu ihren eigenen Voraussetzungen zu passen schienen, Schlüsse zu ziehen wussten, die ihnen außerordentlich angenehm waren, ohne dass sie sich weiter darum bekümmerten, was etwa Paulus selbst dazu gesagt haben möchte, wie es ja bis auf den heutigen Tag vorkommt. Sie haben etwas läuten gehört, der große Mann vertrete die Anschauung, dass der Mensch vor Gott <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">gerechtfertigt</term> werde allein durch den <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> und ohne die Werke, und dass er dabei immer wieder auf die Genesiserzählung vom Glauben Abrahams und auch wohl auf</seg><seg xml:id="ps-22"> die Hure  <pb ed="pga" xml:id="p488"/> Rahab von Jericho verweise. Sie entnahmen daraus, dass <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> ein Ding für sich sei <!-- ms51L -->und seinen Wert in sich selber habe, mit allen Konsequenzen für die Möglichkeit eines friedlichen, dem Lauf der Welt sich anpassenden <term type="Begriffe" key="Christentum">Christentums</term>, die sich aus dieser Einsicht ergeben mussten. Und die schneidigen, tiefsinnigen und radikalen Formeln des Paulus waren die feste Burg, in der sie sich zur Behauptung dieser Lebensanschauung gegen alle etwaigen Schwärmer und Treiber verschanzten.</seg> </p>
<p><seg xml:id="ps-23"> Man kann fast als sicher annehmen, dass bei der Konstituierung dieser 
    <!-- hier fehlt Text -->
    paulinischen Schule, wie sie hier vorausgesetzt ist, die <hi rend="italic">Theologen</hi> der betreffenden Gemeinden – oder was damals so hieß – eine wichtige Rolle spielten. Theologische Kunst ist es jedenfalls damals – nicht zum letzten Mal – gewesen, das paulinische Evangelium so zu verstehen, dass eine derartig frohe Botschaft für alle, die mit Gott <hi rend="italic">und</hi> der Welt in Frieden leben möchten, daraus werden konnte. Was tut nun Jakobus dieser Sachlage gegenüber? Es bleibt eine denkwürdige Sache, dass das Neue Testament uns aufs unzweideutigste dieses Schauspiel bietet: <hi rend="italic">ein</hi> Apostel, der ganz unverkennbar ans Werk geht, die Lehre eines <hi rend="italic">anderen,</hi> und zwar ausgerechnet des größten und in allen christlichen Jahrhunderten wenn auch nicht meistverstandenen, so doch meistgelesenen und die größte Autorität besitzenden, einfach zu <hi rend="italic">stürzen</hi> wie Gideon den Altar des Baal zu Ophra [vgl. Ri. 6,27]. Denn anders als einen Angriff auf Paulus kann man diesen Abschnitt wirklich nicht verstehen, nicht auf seine Person natürlich – darum konnte es sich ja nicht handeln, und darum wird auch sein Name nicht genannt –, wohl aber auf seine Sache, so wie [sie] dem Jakobus bei seinen Lesern als geistige Macht entgegentrat. Wer hier nicht merkt, dass man das Neue Testament als Ganzes auf keinen Fall als Quellenbuch richtiger dogmatischer Sätze lesen kann, weil es selber seine entscheidendsten dogmatischen Sätze wieder in Frage stellt – und es ist das nicht etwa der einzige Fall, denken Sie nur an das Verhältnis zwischen Johannes und den Synoptikern –, wer es hier nicht merkt, was offenbar bei der Zusammenstellung des neutestamentlichen Kanons noch</seg><seg xml:id="ps-24"> gemerkt <pb ed="pga" xml:id="p490"/> wurde: dass es sich im Neuen Testament als Ganzem nicht um einen -ismus handeln kann, sondern um einen Gegenstand, der jenseits aller, auch aller apostolischen -ismen liegt, der wird es sonst schwerlich merken.</seg>   
    <!-- bis hierher -->
    <seg xml:id="ps-25">Also Jakobus bemüht sich nicht etwa, seinen Lesern ein richtigeres Verständnis der paulinischen Sätze beizubringen und das, was er ihnen selber zu sagen hatte, im Rahmen der paulinischen Sätze zum Ausdruck zu bringen. Das wäre eine Möglichkeit gewesen; denn zweifellos kann man das, was er hier sagen wollte, auch in den Formeln des Römerbriefs, also ohne Angriff auf Paulus, <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">sagen</term>.</seg> </p>
<p><seg xml:id="ps-26"> Dass Jakobus diese Möglichkeit <hi rend="italic">nicht</hi> gewählt hat, sondern die andere, den paulinischen Sätzen seine eigenen in kontradiktorischem Gegensatz <term type="Begriffe" key="Jakobus, Vergleich mit Paulus">gegenüberzustellen</term>, damit hat er nicht nur den Auslegern aller Jahrhunderte schwerstes Kopfzerbrechen verursacht, weil er sie in die Zwangslage versetzte, nun selber wieder um des kirchlichen Friedens willen zu <hi rend="italic">harmonisieren</hi>, wo er doch gerade und ausdrücklich <hi rend="italic">kontrastiert</hi> hatte, er hat auch selber – starke Linien im <term type="Begriffe" key="Kirche, katholische">Katholizismus</term> sind des Zeuge – wieder Verwirrungen, <term type="Begriffe" key="Mißverständnis">Missverständnisse</term> und Plattheiten [hervor]gerufen, sehr ähnlich denen, die er bekämpfen wollte. Es ist das Los aller Menschenworte, von dem auch <term type="Begriffe" key="Apostel">Apostelworte</term> nicht ausgenommen sind, dass sie an sich alle fähig sind, missverstanden zu werden und Missverständnis zu erzeugen und dass sie, um unmissverstanden und <hi rend="italic">nicht</hi> <term type="Begriffe" key="Mißverständnis">Missverständnis</term> erzeugend aufgenommen zu werden, immer wieder des Geistes (des <hi rend="italic">heiligen</hi> <term type="Begriffe" key="Heiliger Geist">Geistes</term>!) bedürfen, der den Buchstaben, der an sich <hi rend="italic">tötet</hi>, zu einem <hi rend="italic">lebendigen</hi> Wort macht [vgl. 2.Kor. 3,6].</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-27"> Also, Jakobus greift Paulus oder den <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">Paulinismus</term> an, das ist von seinen ersten Worten an ganz klar. Ich weiß nicht, ob er Paulus vorher gelesen hat; ich glaube es nicht. Wenn er es getan hätte, so wäre sein Vorgehen vielleicht gehemmter ausgefallen. Er hätte sehen müssen, dass er, indem er den Abusus bekämpfte, den Usus selber, <hi rend="italic">mit</hi> seinen Lesern, gründlich <term type="Begriffe" key="Mißverständnis">missverstand</term>. Die literarischen Verhältnisse waren ja damals nicht wie heute; <!-- ms51R -->eine Verpflichtung, Paulus gelesen zu haben, konnte für Jakobus weder aus wissenschaftlichen Gründen noch aus Respekt vor der Autorität des großen Heidenapostels bestehen. Vielleicht gehörte er auch zu den Leuten, unter denen nicht die Schlechtesten sind – Luther gehörte z. B. auch dazu –,</seg><seg xml:id="ps-28"> die gar nicht <pb ed="pga" xml:id="p492"/> fähig sind, Schriften eines Anderen ruhig und objektiv zu lesen. Kurzum, Jakobus hat die Tatsache als gegeben hingenommen, dass der faule Sinn von <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, Glaube, <term type="Begriffe" key="Glaube, dynamisch">undynamisch</term> gefasst, als religiöse Verfassung des menschlichen Subjekts, ohne den objektiven Gehalt, den er selbst ihm in V. 1 in so nachdrücklicher Weise gegeben, Glaube ohne den erfüllenden Sinn von Treue Gottes im Hintergrunde, <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> als <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">fromme</term> Gläubigkeit, dass dies auch der Sinn von <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term> in den ihm als Schlagworte entgegengehaltenen Stellen sei. Schlimmer konnte Paulus natürlich nicht missverstanden werden, aber wie oft ist er seither <hi rend="italic">ohne</hi> die prophetische <term type="Begriffe" key="Jakobus, polemisch">Polemik</term> des <term type="Begriffe" key="Jakobus, Prophet">Jakobus</term>, nein, in der guten Meinung, das sei der wahre Paulus, so <term type="Begriffe" key="Mißverständnis">missverstanden</term> worden.<lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-29"> Doch folgen wir nun abgesehen von dieser Frage, die ja im Verhältnis zur Sache eine Nebenfrage ist, unserem Texte. Also <hi rend="italic">dieser</hi> Glaube, schreibt Jakobus, euer paulinischer Glaube, wie er meint, der bestehen kann ohne «Werke»,<note n="*2" type="original" xml:id="s2"><hi rend="italic">Horn:</hi> <hi rend="italic">Werke:</hi> Fleischwerdung, Auswahl einer neuen Schöpfung. [Horn, S. 50]</note>, d. h. nach 1,25, wo dieser Begriff zuerst auftaucht, ohne dass der Mensch hineinschaut in das vollkommene Gesetz der <term type="Begriffe" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> und dabei beharrt, ohne dass er selbst durch das Wort, auf das sich sein Glaube richtet, <hi rend="italic"><term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort">gefangen</term> genommen</hi> wird, oder nach 2,1-13, ohne dass er merkt, dass dieses Wort (das Objekt des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> ist ja 2,1 deutlich genug beschrieben) ihn <hi rend="italic">ganz gefangen</hi><term type="Begriffe" key="gefangen vom Wort"/> <hi rend="italic">nehmen muss</hi>, wenn sein Glaube wirklich Glaube ist, – dieser auf das religiöse Gebiet eingehegte, statische, behagliche Glaube – was nützt er?, fragt Jakobus sehr handgreiflich V. 14 und setzt peremptorisch uneingeschränkt hinzu: der Glaube kann ihn, den Menschen, der ihn hat, <hi rend="italic">nicht</hi> <term type="Begriffe" key="Seelenerrettung">retten</term>..<note n="*3" type="original" xml:id="s3"> <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi> Glaube = Christenglaube. Der Glaube der sich nicht in Werken kundtut, kann niemand retten. Jakobus will die Christen ermahnen, ihren Glauben, d. h. ihr Christentum durch Werke zu bestätigen. [Dibelius, Jakobus, S. 142.167]<lb/> 
<hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Er will sie auf einen Widerspruch in ihrer Lebensführung hinweisen. Sie wollen gerettet werden. Aber dazu ist ein Glaube ungeeignet und unnütz, dem die Werke abgehen. Nicht wer solches <hi rend="italic">sagt</hi>, wird getadelt, sondern der werklose Glaube, <foreign xml:lang="el-GR">σῶσαι</foreign>: Kriterium ist das Endgericht. [Hauck, S. 118f.] </note> Die unverhohlene <hi rend="italic">Skepsis</hi> gegenüber dem </seg><seg xml:id="ps-30"> Wert der <pb ed="pga" xml:id="p494"/> sogenannten <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> ist es, was Jakobus hier predigt. Wie sollte das Ding retten, den Menschen aus der Not seiner <term type="Begriffe" key="Menschlich(, Menschlichkeit)">Menschlichkeit</term> herausreißen, was sich ja eben durch seine Isolierung, durch seine Beziehungslosigkeit zur <hi rend="italic">Existenz</hi><term type="Begriffe" key="Existenz"/> des Menschen als nur-menschlich, als höchst diesseitig erweist? Wie sollte es eine Antwort geben, wo gar keine wirkliche <hi rend="italic">Frage</hi> ist? Und zur verheißungsvollen <hi rend="italic">Frage</hi> an Gott könnte doch <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> erst werden, wenn sie, bezogen auf die «Werke», auf die <term type="Begriffe" key="Existenz">Existenz</term> des Menschen, auf die Problematik seiner wirklichen <term type="Begriffe" key="konkrete Lage">Lage</term>, ihr friedliches Eigenleben aufgeben würde. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg xml:id="ps-31"/> </p>

<p><seg xml:id="ps-32"><pb ed="pga" xml:id="p496" rend="noPipe"/></seg> </p> 
<p><seg xml:id="ps-33"><pb ed="pga" xml:id="p498" rend="noPipe"/></seg></p>
<p><seg xml:id="ps-34"/> </p>

<p><seg xml:id="ps-35"> <pb ed="pga" xml:id="p500" rend="noPipe"/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-36"> <hi rend="italic">V. 15-16</hi>.<note n="*4" type="original" xml:id="s4"> <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi> tertium comparationis ist die <hi rend="italic">Unfruchtbarkeit.</hi> [Dibelius, Jakobus, S. 142]<lb/> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Auf dem Gebiet der Liebe helfen schöne Worte <hi rend="italic">auch</hi> nichts. [Hauck, S. 120] </note> veranschaulicht das Skeptische, das er sagen will, an einem <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnis</term>; kurz ausgedrückt: Eine Armenbescherung, die nur in einer erbaulich-ermunternden Ansprache an die versammelten Hungernden und Frierenden besteht. Tertium <term type="griechisch" key="tertium comparationis">comparationis</term>: es passiert etwas an sich gewiss recht Schönes und Löbliches, aber was soll das, wenn das, wonach die Situation schreit und worauf doch eigentlich auch dieses Schöne und Löbliche hindrängt, <hi rend="italic">nicht</hi> geschieht?</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-37"> So, lautet die Anwendung, ist auch der Glaube <term type="Begriffe" key="Glaube, ist tot">tot</term> in sich selber (<hi rend="italic">V. 17</hi>),<note n="*5" type="original" xml:id="s5"> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Wo Lebensäußerungen fehlen, da ist das eine Leiche, damit Nutzlosigkeit. [Hauck, S. 123]</note> man kann vielleicht auch übersetzen: für sich allein tot. Wenn Jakobus gemeint hat «tot in sich selber», so liegt in dem Ausdruck die Erinnerung daran, dass dieser Glaube eben gar nicht der wirkliche, V. 1 bezeichnete Glaube ist, sondern in dieser Abstraktion vom Menschen und seinem tatsächlichen Tun, seinen <term type="griechisch" key="ἔργον"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργα</foreign></term>, eine <term type="Begriffe" key="Existenz">Scheinexistenz</term>, als Glaube ein Leichnam.</seg></p>

<p><seg xml:id="ps-38">  <pb ed="pga" xml:id="p502" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">V. 18</hi>.<note n="*6" type="original" xml:id="s6"> <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi> «eine der schwierigsten neutestamentlichen Stellen überhaupt». [Dibelius, Jakobus, S. 143]</note> ist die besondere crux interpretum dieses Abschnitts. Das <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλ’ ἐρεῖ τις</foreign> scheint wie 1.Kor. 15,35 einen Einwand einzuleiten. Aber als Ein<!-- ms52L -->wand gegen.<note n="*7" type="original" xml:id="s7"> <hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Versöhnungsversuch, ausgehend von einem der die Werke hat: du schätzest den Glauben, ich stelle seine Früchte voran. [Horn, S. 53]<lb/> <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi> Keine dramatisch bewegte Szene, sondern stilistisches Schema. Einwand ist der Sophismus eines fingierten Gegners. Nicht die Verteilung von Glaube und Werke auf du und ich ist die Hauptsache, sondern die <hi rend="italic">Teilung</hi> von Glaube und Werken überhaupt: «der eine hat Glauben, der andere Werke» 18b: «Vom Glauben kann man nicht auf die Werke, wohl aber von den Werken auf den Glauben schließen». [Dibelius, Jakobus, S. 139–141.144–147]<lb/> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Wie vorher das Zerreißen von Glaube und Werken, so jetzt ihre Gleichwertigkeit. [Hauck, S. 127] </note> das, was Jakobus vertritt, müsste das Folgende gerade umgekehrt lauten: <foreign xml:lang="el-GR">σὺ <term type="griechisch" key="ἔργον">ἔργα</term> ἔχεις, κἀγὼ <term type="griechisch" key="πίστις">πίστιν</term> <term type="griechisch" key="ἔχω">ἔχω</term></foreign>. Es lautet aber nicht so. Verschiedene mehr oder weniger künstliche Lösungen sind versucht worden. Ich erwähne die beiden mir wahrscheinlichsten. Die erste habe ich bei der Übersetzung angedeutet: Es könnte jemand so zu den Lesern reden: Du hast den Glauben, das ist ein nötiges und gutes Stück, und ich habe die Werke, ein auch nötiges und gutes Stück, es muss und darf beide «Typen» von <term type="Begriffe" key="Christlichkeit">Christlichkeit</term> geben, einen mehr auf das Innerliche gerichteten und einen mehr zur Tat drängenden – ein den Ohren des modernen <term type="Begriffe" key="Protestantismus, moderner">Protestantismus</term> gewiss sehr einleuchtender Vermittlungsvorschlag also eines Dritten, der sachlich mehr auf seiten des Jakobus stände, ohne doch dessen Schroffheit mitzumachen. Solche sanfte Dritte im Spiel hat es gewiss schon damals gegeben. Und nun bräche Jakobus mit einem nicht ausgesprochenen «Ich aber sage euch!» los und sagte an diesem Vermittler vorbei: Zeige mir usf. Es würde mir sehr gut gefallen, wenn das die Lösung wäre, aber sie ist sehr bedrückt durch das Fehlen irgend eines <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλά</foreign> oder <foreign xml:lang="el-GR">δέ</foreign> bei <foreign xml:lang="el-GR">δεῖξόν μοι</foreign>, das jenes «Ich aber sage euch» wenigstens andeuten   <pb ed="pga" xml:id="p504"/> würde. So muss die andere Möglichkeit ins Auge gefasst werden, dass nach dem <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλ’ ἐρεῖ τις</foreign> ein alter Abschreiber einen kurzen Satz, der die eigentliche Gegenrede eines Pauliners [enthielt,] aus Versehen ausgelassen hat, etwa des Inhalts: «Was nützen Werke ohne Glauben? Auf den <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> kommt es an, den habe ich, hast du ihn auch?»<note xml:id="n287">Windisch, S. 16.20; Hollmann, S. 10.11.</note> Und dann würde Jakobus antworten: Du hast den Glauben, und ich habe die Werke! Ich nehme die Teilung vorläufig an. Aber sieh zu, was daraus wird: Zeige mir usf. Ganz klar ist also nur diese zweite Hälfte des Verses, in der Jakobus in scharfer Wendung sagt, dass es eine solche Verteilung der Fraktionen auf verschiedene christliche Typen nicht geben kann: keine Werke <hi rend="italic">ohne Glauben,</hi> das sagt der <hi rend="italic">zweite</hi> Satz: indem ich als ein vom Wort <term type="Begriffe" key="Gottes Wort">Gottes</term> Angegriffener handle, habe und beweise ich auch <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term>!.<note n="*8" type="original" xml:id="s8"> <hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Jakobus streitet in unserem Briefe dafür, daß die Gerechtigkeit aus Glauben wirklich <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi> ist und daß sie weder die Lieblosigkeit noch den Hochmut in uns duldet. <hi rend="italic">Man kann nicht auf mancherlei Weise selig werden</hi> (54) gegen solche Feinde Gottes, die [sich] unter dem f. Schein des Glaubens verdecken, aber weder Liebe noch Leiden kennen und falsche Brüder sind. [Horn, S. 54.56] </note> – eine bei dem relativen Sinn, den <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term> bei Jakobus nun einmal hat, ganz unanstößige und einleuchtende Behauptung. Wie aber steht es, und das ist der Sinn des betonten <hi rend="italic">ersten</hi>, mit deinem Glauben <hi rend="italic">ohne Werke</hi>, mit deiner <term type="Begriffe" key="Religion(, Religiosität)">Religion</term> ohne <term type="Begriffe" key="Existenz">existentielle</term> und totale <term type="Begriffe" key="Entscheidung">Entscheidung</term>? Was hast und was beweisest du <hi rend="italic">damit?</hi> Lass einmal sehen, was das ist, dein Glauben ohne Werke!! Je nach der Auffassung von V. 18a wird man darin ein kräftiges Beiseiteschieben jenes Vermittlers oder aber die Parade auf den Hieb des Pauliners zu erblicken haben, auf alle Fälle aber den sehr energisch ausgesprochenen <term type="Begriffe" key="Zweifel(, Zweifler)">Zweifel</term>, ob der Typus der <term type="Begriffe" key="Innerlichkeit">Innerlichkeit</term>, der bloßen <term type="griechisch" key="πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, nicht eine ganz gefährliche Windbeutelei sein möchte. </seg></p>

<p><seg xml:id="ps-40">   <pb ed="pga" xml:id="p506" rend="noPipe"/></seg> </p> 

<p><seg xml:id="ps-41"><pb ed="pga" xml:id="p508" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">V. 19</hi><note n="*9" type="original" xml:id="s9"><hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">: Weil</hi> diesen Glauben auch die <term type="Begriffe" key="Dämonen">Dämonen</term> haben, ist zuzugeben, daß er nicht rettet («Zittern» der Dämonen in jüdischer und synkretistischer Literatur). [Dibelius, Jakobus, S. 149]<lb/> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Wer Gott selbst glaubend festhält, der scheint auch seine Rettung fest in der Hand zu haben. Dämonen haben das gewaltigere Erlebnis Gottes. [Hauck, S. 128.130] </note> bringt ein neues Argument: Der <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">Pauliner</term> sagt: Ich glaube an den einigen Gott! Man fasst das gewöhnlich auf als das intellektualistische Bekenntnis eines dürftigen <term type="Begriffe" key="Monotheismus">Monotheismus</term><note xml:id="n290">Vgl. Hollmann, S. 11f.12.13.14; von Soden, Jakobus, S. 174.</note>, in dem der Glaube der Gegner sein Hauptstück gehabt habe. Die Formel <foreign xml:lang="el-GR">εἷς ὁ <term type="griechisch" key="εἷς ὁ θεός">θεός</term></foreign> oder <foreign xml:lang="el-GR">εἷς <term type="griechisch" key="εἷς ὁ θεός">θεός</term></foreign> war aber, wie Sie in der Dissertation von Herrn Kollegen <hi rend="italic">Peterson</hi> nachlesen können, in der ganzen alten Christenheit vom 2. Jahrhundert an im Gegenteil die enthusiastische Akklamation des Volkes angesichts des offenkundigen <hi rend="italic">Wunders</hi>, also etwas sehr Inhaltsvolles und Prägnantes.<note xml:id="n292">E. Peterson, <hi rend="italic"><foreign xml:lang="el-GR">Εἷς Θεὸς</foreign></hi>. <hi rend="italic">Epigraphische, formgeschichtliche und religionsgeschichtliche Untersuchungen.</hi> Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Lizentiatenwürde und der venia legendi der Hochwürdigen Theologischen Fakultät der Universität Göttingen, Göttingen 1920, S. 17-42. Erik Peterson (1890–1960) war Barths Fakultätskollege in Göttingen, wo er von 1920 bis 1924 als Privatdozent für Kirchengeschichte und Christliche Archäologie lehrte. Vgl. <persName ref="kbga-actors-10205">B. Nichtweiß</persName>, <hi rend="italic">Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk</hi>, Freiburg/Basel/Wien 1994<hi rend="sup">2</hi>, S. 462ff., besonders S. 499ff.; E. Peterson, <hi rend="italic">Theologie und Theologen. Briefwechsel mit Karl Barth u. a., Reflexionen und Erinnerungen</hi>, hrsg. von <persName ref="kbga-actors-10205">B. Nichtweiß</persName>, Ausgewählte Schriften, Bd. 9/2, Würzburg 2009.</note> Das <foreign xml:lang="el-GR">καλῶς ποιεῖς</foreign>, mit dem Jakobus wie V. 8 dieses Bekenntnis bestätigt, ist also nicht in dem spöttischen Sinn gemeint: Ihr tut wohl daran, dass ihr wenigstens den ersten Artikel für wahr haltet, aber das tun die <term type="Begriffe" key="Dämonen(, Dämonie)">Dämonen</term> auch usf. Auch dieses «für wahr halten», das man <!-- ms52R -->hier zu betonen pflegt, ist eben hineingetragen.<note xml:id="n293">Vgl. von Soden, Jakobus, S. 176; Feine, S. 662.</note> Es ist wohl Ironie in den Worten des Jakobus, aber eine grimmige Ironie, wenn er sagt, dass die <term type="Begriffe" key="Dämonen(, Dämonie)">Dämonen</term> bei dem Glauben <foreign xml:lang="el-GR">εἷς ὁ <term type="griechisch" key="εἷς ὁ θεός">θεός</term></foreign> auch dabei seien, nicht bei dem dünnen Glauben an die Einzigkeit Gottes, sondern – <hi rend="italic">Schlatter</hi> weist hier sicher sehr richtig auf die Erscheinungen bei den Dämonenaustreibungen.<note n="*10" type="original" xml:id="s10"> <hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Es gibt auch einen Teufelsglauben, der ohne Gott ist. [Horn, S. 54] </note> in den <term type="Begriffe" key="Synoptiker">Synoptikern</term> hin<note xml:id="n295">Schlatter, S. 189, bringt als Vergleichsstelle Mt. 8,29.</note> – bei dem ekstatischen Glaubensbekenntnis angesichts der <hi rend="italic">Offenbarung</hi><term type="Begriffe" key="Offenbarung"/>. Dieses die Seele des Redenden wahrhaftig im Tiefsten erschütternde Glauben und Bekennen nennt Jakobus an sich, für sich allein unnütz, unfruchtbar, <term type="Begriffe" key="Glaube, ist tot">tot</term>. Die <term type="Begriffe" key="Dämonen(, Dämonie)">Dämonen</term> sind auch dabei    <pb ed="pga" xml:id="p510"/> und zittern, sie glauben, sie sind sehr religiös und – zittern. Ihre Erkenntnis und ihr Bekenntnis kann <hi rend="italic">nur</hi> ihr <term type="Begriffe" key="Gericht">Gericht</term> sein: <term type="Begriffe" key="Jesus Christus">Jesu</term>, du Sohn <term type="Begriffe" key="Gottessohn">Gottes</term>, was haben wir mit dir zu schaffen? Bist du gekommen, uns vor der Zeit zu verderben? (Mt. 8,29). <term type="Begriffe" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> gibt es eben auch in der Hölle.</seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-45"> <hi rend="italic">V. 20</hi><note n="*11" type="original" xml:id="s11">V. 20 <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi>Der Verfasser redet nun als Ankläger gegen die Parole Glaube ohne Werke. [Dibelius, Jakobus, S. 149f.]<lb/> <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Glaube ist in sich nichts Vollkommenes. [Hauck, S. 130] </note><hi rend="italic">:</hi> Wer das nicht merkt, dass ein solcher Glaube, der sein Leben gar nicht in Anspruch nimmt und aufrollt wie einen Teppich, <hi rend="italic">nichtig</hi> ist, dass er mit der Entschuldigung: ich bin doch fromm! vor Gott so   <pb ed="pga" xml:id="p512"/> wenig bestehen kann wie mit einer anderen Entschuldigung: der ist ein <foreign xml:lang="el-GR">ἄνθρωπος κενός</foreign>. Ein <term type="griechisch" key="κενός"><foreign xml:lang="el-GR">κενός</foreign></term> ist dasselbe wie <foreign xml:lang="el-GR">ῥακά</foreign> (Mt. 5,22), also nicht «Hohlkopf» im Sinn eines Gedankenlosen, sondern ein Narr in dem kräftigen alttestamentlichen Sinn eines Gottlosen, der sich einbildet, etwas Anderes zu sein. Er braucht Gott, um sich vor Gott in Sicherheit zu bringen. Und nun Abraham, das paulinische Schulbeispiel, <hi rend="italic">V. 21ff.</hi>,<note n="*12" type="original" xml:id="s12"> V. 21 <hi rend="italic">Hauck</hi><hi rend="italic">:</hi> Den, der es auf Grund seiner Taten verdient, spricht der Richter gerecht. [Hauck, S. 135]<lb/> <hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Abrahams und der Rahab Werke stehen unter dem ungeheuren Erschrecken vor Gott und seinem Gebot und sind <hi rend="italic">wahre Durchbrüche durch alles menschliche Gebot,</hi> bis zum Sterben aller eigenen Klugheit und Liebe. ... Abrahams Werk hat mit menschlichen Sitten und Geboten, mit menschlicher Tugend und Frömmigkeit überhaupt nichts zu tun. Es übertrifft alles Menschenwerk und streitet unerbittlich mit ihm. ... Gottes Gebot schafft sich Glauben und Gehorsam gegen alle Erfahrungen, gegen Fleisch und Blut, gegen Himmel und Hölle. [Horn, S. 55]<lb/> <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi> V. 23 ist nicht eine Zugabe, die auch fehlen könnte, sondern die Hauptsache. Abraham ist für die jüdische Exegese nicht gerechtfertigter Sünder, sondern Gerechter, der von Gott anerkannt und belohnt wird. [Dibelius, Jakobus, S. 151] </note> wie wurde er <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">gerechtfertigt</term>? Indem er starr gen Himmel blickend glaubte? Nein, sondern indem er seinen Sohn Isaak auf den Altar legte, also indem er lebte, indem er handelte, indem er der glaubende Abraham unter Preisgabe des <term type="Begriffe" key="Preisgabe des Menschen">Besten</term>, was er hatte, nun tatsächlich <hi rend="italic">war</hi>. Jakobus weiß natürlich, wie <hi rend="italic">V. 23</hi> zeigt, auch, dass das Wort «er wurde <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">gerechtfertigt</term>» von Abraham gesprochen wurde, da Isaak noch gar nicht geboren war, da er also in der Tat nur starr gen Himmel blickend <term type="Begriffe" key="Glaube">glauben</term> konnte. Aber er verwahrt sich gegen die <hi rend="italic">Isolierung</hi> dieses Aktes gegenüber den übrigen, späteren Lebensakten, die er vielmehr mit jenem in unaufhörlichem <hi rend="italic">Zusammenhang</hi> dachte: der <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> Abrahams – gemeint ist bei Jakobus: der religiöse Akt als solcher – wirkte zusammen mit den Werken, oder anders ausgedrückt: in den Werken vollendete sich sein Glaube, und so, d. h. an diesem ganzen, als Totalität vor Gott stehenden Abraham, erfüllte sich die Schrift: Abraham <term type="Begriffe" key="Glaube">glaubte</term> dem Herrn, und das wurde ihm zur <term type="Begriffe" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> gerechnet, und <hi rend="italic">darum</hi> wird er ein Gottesfreund genannt. «Von dem Wert, den ein Glaube als Überzeugung</seg><seg xml:id="ps-48">für sich ha<pb ed="pga" xml:id="p514" break="no"/>ben kann, weiß der Vf. nichts», bemerkt hier <hi rend="italic">Windisch</hi> tadelnd.<note xml:id="n297">Vgl. Windisch, S. 17.</note> Man kann nur hinzufügen: In der Tat nicht!<!-- fn298 --> | <lb/><lb/></seg>  </p>
<p><seg xml:id="ps-49"/> </p>
<p><seg xml:id="ps-50"><pb ed="pga" xml:id="p516" rend="noPipe"/></seg> </p>
<p><seg xml:id="ps-51"> Also, schließt Jakobus diese Abrahamsepisode <hi rend="italic">V. 24</hi><note n="*13" type="original" xml:id="s13"><hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Nicht Verdienst, aber tatsächlicher Hergang. Erneuerung nach dem Ebenbild Christi. Ständiges Geborenwerden aus dem Tode. [Horn, S. 57]<lb/> <hi rend="italic">Dibelius</hi><hi rend="italic">:</hi> <foreign xml:lang="el-GR">ὁρᾶτε</foreign> - Resultat - wider die Leser! [Dibelius, Jakobus, S. 155] </note><hi rend="italic">:</hi> sehet, dass der Mensch aus den Werken und nicht aus dem Glauben allein <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">gerechtfertigt</term> wird! Das geht «stracks wider St. Paulum»<note xml:id="n300">Siehe oben, S. 170.472.</note>, daran ist nicht zu deuten und zu rütteln, aber allerdings nur wider St. Paulum, wie er dem Jakobus in seinen Epigonen und <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">-ianern</term> entgegentrat. Diesem St. Paulus einen Riegel zu schieben war sicher eine gute Sache, der Luther vielleicht doch auch noch etwas mehr Aufmerksamkeit hätte schenken dürfen, wenigstens im Blick auf seine eigenen -aner. Man wird diese Polemik des <term type="Begriffe" key="Jakobus, polemisch">Jakobus</term> darum nicht für weniger vortrefflich halten, weil sie mit dem Römerbrief des Paulus selbst allerdings gar nichts zu tun hatte. Dass Paulus dabei einiges Unrecht geschah, war weiter kein Unglück. Dergleichen passiert in der  Geistes<pb ed="pga" xml:id="p518" break="no"/>geschichte fortwährend, gäbe es kein schlimmeres Unrecht. Was Jakobus in seinen Begriffen sagen will, ist einfach richtig. | <lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg xml:id="ps-54"> Der <hi rend="italic">V. 25</hi> bringt dann noch ein zweites Beispiel: die Hebr. 11,31 unter den Zeugen des Glaubens genannte Hure Rahab,<note n="*14" type="original" xml:id="s14"> <hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Rahab weder um ihrer Hurenwerke willen verdammt, noch um ihrer Menschenwerke willen gerechtfertigt. [Horn, S. 57] </note> die wohl bei Paulus selbst nicht <!-- ms53 -->vorkommt, aber vielleicht in seinen mündlichen Vorträgen oder in verlorengegangenen Briefen vorgekommen ist, und, wohlverstanden immer als Hure bezeichnet (so auch Hebr. 11,31), eine nicht unwichtige Rolle in der paulinischen oder deutero-paulinischen Theologie gespielt zu haben scheint. Jakobus legt jetzt den Nachdruck darauf, dass auch diese Persönlichkeit <hi rend="italic">gehandelt</hi> hat und als Täterin von <hi rend="italic">Werken</hi><term type="Begriffe" key="Täter, des Werkes"/> <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">gerechtfertigt</term> worden ist. Dass sie mit ihrem Werk, das ein Hochverrat war, in diesem Zusammenhang erscheinen kann (im Hebräerbrief steht doch ihr <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term>, nicht ausgerechnet diese ihre Tat im Mittelpunkt), das scheint mir ein neuer Beweis dagegen, dass man es in Jakobus mit einem philiströsen <term type="Begriffe" key="Jakobus, kleinbürgerlich?">Kleinbürger</term> zu tun habe und als ob seine <term type="griechisch" key="ἔργον"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργα</foreign></term> mit dem, was Paulus und Luther «Werke» nannten, etwas zu tun hätten. Die <term type="griechisch" key="ἔργον"><foreign xml:lang="el-GR">ἔργα</foreign></term> des Jakobus sind nur schon nach diesen beiden Beispielen,</seg><seg xml:id="ps-55"> ganz abgesehen von   <pb ed="pga" xml:id="p520"/> dem ganzen Zusammenhang der Stelle, der Heroismus, den er mit Recht vom wirklichen <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> (Glauben aber in seinem Sinn verstanden) unabtrennbar denkt. Über die Voraussetzung, wie es überhaupt dazu komme, dass ein Mensch als Mensch vor Gott <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">­gerechtfertigt</term> dastehen kann, hat er nicht reflektiert. Hier würde der Glaubensbegriff des Paulus einsetzen. Jakobus begnügt sich damit, festzustellen: wenn der Mensch <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung(-lehre)">gerechtfertigt</term> und gerettet wird, dann auf keinen Fall nur als homo religiosus, sondern als der ganze Mensch. </seg><seg xml:id="ps-56">Das Heilige als Schlupfwinkel aber ist unnütz, tot, sagt er <hi rend="italic">V. 26</hi>.<note n="*15" type="original" xml:id="s15"> <hi rend="italic">Horn</hi><hi rend="italic">:</hi> Wo nun das besondere Gebot Gottes an den Einzelnen herantritt, das wird er nur wissen, wenn Gott ihm das Herz öffnet. [Horn, S. 58] </note> noch einmal, wie ein Leib ohne Geist. Beachten Sie die Pointe dieses <term type="Begriffe" key="Gleichnis">Gleichnisses</term>: der <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> der Leib, das Werk der belebende Geist. Diese <term type="Begriffe" key="Umkehrung(, Umwertung)">Umkehrung</term> der gewöhnlichen Ordnung hat damals sicher wie ein Peitschenhieb berührt. Gerade in dieser Diskreditierung des religiösen Übermuts steckt der ganze Jakobus. Ich wiederhole, was ich am Anfang unserer Vorlesung sagte: er war ein <term type="Begriffe" key="Jakobus, Prophet">Prophet</term> des Reiches, das nicht von dieser Welt ist [Joh. 18,36], in <hi rend="italic">seiner</hi> Weise so gut wie Paulus.<note xml:id="n303">Siehe oben S. 182.</note></seg> </p> 





</div>

  <div rend="right">
<head corresp="ps-01"> <pb ed="pga" xml:id="p471"/> Erklärung des Jakobusbriefes<lb/> W.S. 1928/29</head>   
<head corresp="ps-02">Jakobus 2,14-26</head>
<p><seg corresp="ps-03"/></p>
<p><seg corresp="ps-04">
    <hi rend="italic">Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe den Glauben,</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">hat aber nicht Werke?</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">Kann ihn etwa der Glaube retten?</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">Wenn ein Bruder oder eine Schwester unbekleidet sind</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">und entbehren der täglichen Nahrung;</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">es spräche aber jemand von euch zu ihnen: Geht hin im Frieden!</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">Wärmet euch und sättiget euch,</hi><lb/>  
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    <hi rend="italic"> <pb ed="A" n="102"/> So auch der Glaube.</hi><lb/>  
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    <hi rend="italic">und die Schrift erfüllt wurde, die da sagt:</hi><lb/> 
    <hi rend="italic">Abraham glaubte Gott,</hi><lb/></seg>  
    <seg corresp="ps-05"><pb ed="pga" xml:id="p473"/> <hi rend="italic">und es wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet,</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">und er wurde Gottes Freund genannt.</hi><lb/>  
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    <hi rend="italic">da sie die Kundschafter aufnahm</hi>  
    <hi rend="italic">und auf einem andern Wege wieder entließ?</hi>  
    <hi rend="italic">Denn wie der Leib ohne Geist tot ist,</hi><lb/>  
    <hi rend="italic">so ist auch der Glaube ohne Werke tot.</hi><lb/><lb/></seg> </p>

<p><seg corresp="ps-06">Wir haben den Abschnitt gehört, der den Jakobusbrief vor andern berühmt und berüchtigt gemacht hat. Was hier problematisch ist, nicht etwa nur für den Dogmatiker, sondern schon für den Exegeten des Neuen Testaments, der, wenn er den einen Schriftsteller liest, nicht davon absehen kann, dass neben ihm andere stehen, also nicht absehen von der Frage, was sich wohl die Kirche bei der Entstehung des Kanons bei ihrem Nebeneinander gedacht haben möchte – also was hier problematisch ist, braucht ja nicht erst ausgesprochen zu werden.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-07">Dies ist der Abschnitt, der Luther zu jenen harten Urteilen über <pb ed="A" n="103"/> unsern Brief veranlasst hat, deren wir eingangs gedachten.</seg> </p>
<p><seg corresp="ps-08"> <pb ed="pga" xml:id="p475" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-09">Dies ist wohl auch der Abschnitt, um dessen, d. h. um dessen Verhältnis zum Römer- und Galaterbrief des Paulus willen die Kirche mit der Rezeption unsres Briefes in den <term type="Begriffe" key="Kanon">Kanon </term> so lange gezögert hat. «Die Schleppenträger der Isebel und des Antichrist sehen hier einen Zwiespalt zwischen Jakobus und Paulus», hat <hi rend="italic">P. Geyser</hi> in einer Predigt über diesen Text versichert.<note xml:id="n274">Geyser, S. 110f.: «Wer hat nicht gehört, daß die Schleppenträger der Jsebel und des Antichrists hier einen Zwiespalt zwischen Jakobus und Paulus sehen? Allein wer nur die Worte genau prüfen will, der wird gleich sehen, wie eitel diese Rede sei.»</note> Ich würde, ohne diese Scheltrede zurückzugeben, im Gegenteil sagen: Wer hier einen Zwiespalt zwischen Paulus und Jakobus nicht sieht oder nicht sehen will, der hat diesen Text nicht ruhig und ohne ihn nach seiner Dogmatik meistern zu wollen gelesen.</seg> </p>

<p> <seg corresp="ps-10">Die Möglichkeit, Jakobus zu verstehen, aber auch die Möglichkeit, Jakobus zu würdigen und im Gegensatz zu Luther seiner Existenz im Kanon froh zu werden, besteht und fällt damit, dass man ihn in seinem <hi rend="italic">Gegensatz</hi> zu Paulus versteht. Es kann sich also, wenn wir den Versuch machen, nun auch diesen Abschnitt in derselben positiven Weise zu uns reden zu lassen, wie wir es mit den bisherigen getan haben, nicht, gerade nicht darum handeln, uns jenen Doktorhut Luthers zu erwerben, den er dem aufzusetzen einmal versprochen hat, der Paulus und Jakobus zusammenreimen könne, mit dem Hinzufügen, dass er, Luther, sich, wenn dies gelingen sollte, einen Narren schelten lassen wolle (E.A. 62,127).<ptr n="275" type="note" target="n275"/> Nein, Luther war schon kein Narr, denn es</seg> <seg corresp="ps-328">reimt sich wirklich nicht.</seg><seg corresp="ps-11"> Aber es reimt sich noch manches nicht in der Bibel, z. B. Gesetz und Propheten im Alten oder Johannes und die Synoptiker im Neuen Testament, und ist darum doch und gerade so in diesem Sich-nicht-Reimen, in dem Zusammenstoß des Sich-nicht-Reimenden in uns als den Hörern und Lesern der Schrift, die eine widerspruchsfreie Wahrheit des Wortes Gottes.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-12"> <pb ed="pga" xml:id="p477" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-13">Gerade wenn wir die Bibel als kanonische Schrift lesen, werden wir ja sagen müssen: <hi rend="italic">Uns</hi>, sofern wir uns etwa nach Anleitung des Paulus einen christlichen oder theologischen Standpunkt gebildet haben, trifft das Gegenwort, der Widerspruch des Jakobus. Er muss dem Paulus widersprechen und muss als solcher Widersprecher des Paulus im Kanon <term type="Begriffe" key="Kanon"> </term> stehen und von uns durchaus als solcher verstanden werden, damit uns, sofern wir vielleicht Pauliner und mehr <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">Pauliner </term> als Christen sind, widersprochen sei. Gerade wie für eine jakobeisch orientierte <pb ed="A" n="104"/> Christlichkeit und Theologie für alle Zeiten der Römer- und Galaterbrief [als] der ihr nötige Widerspruch im Kanon niedergelegt und daselbst in derselben Offenheit dafür, dass hier <hi rend="italic">ihrem</hi> Klassiker widersprochen wird, zu hören ist. Es war und ist eben ein nicht festzuhaltender und ja nicht zu erneuernder Irrtum der Orthodoxie, wenn sie den Satz, dass die Bibel das Wort Gottes ist, dahin interpretierte, dass sie ein in sich geschlossenes System von expliziten Wahrheiten bilde, dessen einzelne Bestandteile sich im menschlichen Hörer so reimen müssten, wie sie sich in <term type="Begriffe" key="Gott, auctor scripturae">Gott </term> als dem einen auctor <term type="Begriffe" key="Gott, auctor scripturae">scripturae </term> allerdings, aber eben wirklich nur in Gott jenseits von Paulus und Jakobus zweifellos reimen.<note xml:id="n276">Vgl. zur Schriftlehre der altprotestantischen Orthodoxie und zur «Harmonie des Schriftinhalts»: <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche</hi>, dargestellt und aus den Quellen belegt von <persName ref="kbga-actors-1038">H. Heppe</persName>, neu durchgesehen und hrsg. von <persName ref="kbga-actors-44">E. Bizer</persName>, Neukirchen 1958<hi rend="sup">2</hi>, S. 10-33, besonders S. 14 und S. 32.</note> Ein wirklicher Hörer des biblischen Wortes als des Wortes Gottes hört an jeder Stelle gerade das, was nun eben an <hi rend="italic">dieser</hi> Stelle <hi rend="italic">ihm</hi> gesagt ist. Er lässt sich also beim Hören des Wortes des Jakobus durch den freilich nötigen Seitenblick auf Paulus und durch die Feststellung, dass Jakobus dem Paulus irgendwie widerspricht, nicht zerstreuen in seinem Hören auf das, was ihm nun eben durch Jakobus gesagt wird, sondern er lässt sich jene Feststellung zum nötigen Mittel dienen,</seg><seg corresp="ps-14"> um Jakobus  <pb ed="pga" xml:id="p479"/> recht und genau zu hören, gewiss zur Erschütterung seines <term type="Begriffe" key="Paulinismus(, Pauliner)">Paulinismus</term>, aber eben so zu seiner Erbauung und Befestigung durch das immer lebendige Wort Gottes selber. Warum sollen Paulus und Jakobus nicht, gerade indem sie sich widersprechen, legitime und notwendige Zeugen des ihnen offenbarten und anvertrauten Wortes Gottes selber sein? Wir haben also gerade unter Voraussetzung einer richtigen Auffassung von der Inspiration, ja von der Verbalinspiration der heiligen Schrift<note xml:id="n277">Vgl. dazu: Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, S. 41.44–47; Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche, S. 11.16–21.</note>, allen Anlass, <hi rend="italic">weder</hi> mit Luther uns die Ohren zuzuhalten vor dem, was nun kommt, weil wir hier etwas sehr Anderes zu hören bekommen als bei Paulus, <hi rend="italic">noch</hi> auch, um hören zu können, uns das Hören dadurch möglich und angenehm zu machen, dass wir das Nicht-Paulinische, was wir hier zu hören bekommen, noch bevor wir es gehört haben, in ein Paulinisches umdeuten. Wobei es selbstverständlich ist, dass wir, wenn wir jetzt mit der Auslegung jener paulinischen Schriften beschäftigt wären, dasselbe im Blick auf ihren Widerspruch gegen die jakobeische Möglichkeit zu bemerken hätten.</seg>
</p> 
<p><seg corresp="ps-15"/></p>
<p><seg corresp="ps-150"/></p>
<p><seg corresp="ps-16"><pb ed="pga" xml:id="p481" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-17"> <pb ed="A" n="105"/> Sofort in V. 14 treten uns die entscheidenden Begriffe und Beziehungen dieses Abschnittes entgegen: <hi rend="italic">Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, dass er Glauben habe, hat aber nicht Werke? Kann ihn auch der Glaube retten?</hi> Was ein <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube </term> ohne <term type="Begriffe" key="Werk">Werke </term> «nütze», ist gefragt, und zwar, wie der Schluss zeigt: dem Menschen nütze zu seiner Errettung, nämlich im göttlichen Endgericht. V. 21 wird für «Gerettetwerden» eintreten «Gerechtfertigtwerden». </seg><seg corresp="ps-18"> Jakobus richtet  <pb ed="pga" xml:id="p483"/> seine Rede, wie wir wissen, an die «zwölf Stämme in der Zerstreuung», an das erwählte Gottesvolk der «Christen», an die Kirche, an die Gemeinschaft der schon auf dem rechten Boden Stehenden, der schon Wissenden und schon Bekehrten. Und es ist bezeichnend für seine Rede, dass er auch hier, gerade hier die Frage nach dem Los des Menschen im göttlichen Gericht nicht als eine erledigte, sondern als ein offene Frage behandelt. Wo sie für erledigt gehalten wird, da wird sie von Jakobus, dem Bußprediger der Kirche, geflissentlich wieder aufgerissen. Ist denn das eingepflanzte Wort ein von euch aufgenommenes Wort, um zu sein, was es ist: das Wort, das eure Seelen retten kann?, hat er 1,21 gefragt. Und weiter 1,22: Seid ihr denn auch Täter und also wirkliche Hörer des Wortes? Es könnte ja auch vergessliche Hörer geben V. 23f., für die es dann aufs selbe herauskäme, wie wenn sie es gar nicht gehört hätten. Es gibt, so hörten wir 2,1-13, ein Haben des Glaubens an Jesus Christus unsern Herrn der Herrlichkeit, bei dem der Mensch ein Sünder, ein Übertreter ist, weil es ein <foreign xml:lang="el-GR">ἔχειν ἐν προσωπολημψίᾳ</foreign> ist. Es gibt also ein Verlorengehen mitten aus der Kirche heraus. Mitten in der Kirche wird vielleicht ganz umsonst gebetet. Mitten in die Kirche hinein muss es gesagt sein: dass die Sünde den Tod gebiert (1,15), dass das Gericht erbarmungslos sein wird über den, der nicht Erbarmen übt (2,13), dass der Richter vor der Tür steht (5,9). «Weinet und heulet über euer kommendes Elend!», wird 5,1 wiederum mitten in die Kirche hineingerufen. Jakobus deckt auf, und das ist seine besondere Sendung, dass es kein Volk Gottes gibt, das, was es ist, nicht immer aufs Neue werden, dem also nicht alle schon empfangene Antwort <pb ed="A" n="106"/> aufs Neue zur Frage werden müsste. Auf dieser Linie liegt nun auch die Frage von V. 14: Was nützt es, wenn jemand sagt, dass er Glauben habe, hat aber nicht Werke? Man kann nach allem Folgenden unmöglich das nach Jakobus «Unnütze» darin suchen, dass der Betreffende etwa bloß <hi rend="italic">sage</hi>, dass er den Glauben habe. Jakobus billigt ihm schon zu, dass er das subjektiv ehrlich sagt. Er hat den Glauben wohl, er kann sich darauf schon berufen, wie ja auch jener vergessliche Hörer das eingepflanzte Wort wohl hat. Aber wie es jenen nicht retten kann, weil er es nicht aufgenommen, weil er kein Täter des Wortes ist, so kann ihn jetzt auch sein <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> nicht retten, weil er nicht <term type="Begriffe" key="Werk">Werke</term> hat. Es ist in der Tat unnütz, das, worauf er sich beruft. Es ist nichtig V. 20, es ist tot V. 26. Was aber ist</seg><seg corresp="ps-19"> hier unter  <pb ed="pga" xml:id="p485"/> <hi rend="italic">Glaube</hi> zu verstehen? <foreign xml:lang="el-GR">Πίστις</foreign> ist im Neuen Testament allgemein gesagt das, was den Christen zum Christen macht. Das kann nun freilich auf zwei ganz verschiedene Weisen verstanden werden und bedeutet demgemäß auch im Neuen Testament ein doppeltes, wobei man an vielen Stellen schwanken kann, ob mehr auf das Eine oder mehr auf das Andere der Nachdruck gelegt wird. <term type="griechisch" key="Πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">Πίστις</foreign></term> heißt zweifellos grundlegend und sachlich entscheidend: das Geborgensein und Gehorsamsein des Menschen in der in Jesus Christus offenbaren und wirksamen göttlichen Bundestreue. Der Nerv des <foreign xml:lang="el-GR">πιστεύειν</foreign> ist dann die <foreign xml:lang="el-GR">πίστις τοῦ θεοῦ</foreign> Röm. 3,3, das in ihr gegenwärtige donum dei, das Wunder des heiligen Geistes. Gott, Christus und der heilige Geist <hi rend="italic">hat mich</hi>, sofern ich glaube, und eben darin, dass ich glaube, und eben darum bin ich sündiger Mensch im Glauben gerechtfertigt vor Gott, wie es Paulus in den bekannten Partien des Römer-, Galater- und Philipperbriefes ausgeführt hat. Aber nun wird derselbe Vorgang auch im Neuen Testament von der andern, nämlich von der menschlichen Seite gesehen, als der konkrete psychologische Vorgang, der darin besteht, dass ich, der Mensch, Gott, Christus, dem heiligen Geist bzw. der Verkündigung des Evangeliums von diesem Gott, also der christlichen Verkündigung, mein Vertrauen und meinen Gehorsam schenke. <foreign xml:lang="el-GR">Πίστις</foreign> ist dann nicht nur eine christliche Tugend, neben der es andere, etwa die Liebe und die Hoff<pb ed="A" n="107" break="no"/>nung gibt und geben muss: die Zuversicht auf die unsichtbare (Röm. 4,16ff., Hebr. 11,1), die noch nicht schaubare (2.Kor. 5,7) Gotteswahrheit, sondern auch die den Christen charakteristisch vom Heiden und Juden unterscheidende Haltung überhaupt. <term type="griechisch" key="Πίστις"><foreign xml:lang="el-GR">Πίστις</foreign></term> ist nun Inbegriff von christlicher Frömmigkeit, ja geradezu Bezeichnung der christlichen Religion als solcher, fides qua <hi rend="italic">und</hi> fides quae creditur.<note xml:id="n278">Zur Unterscheidung von fides qua creditur und fides quae creditur vgl. A. <term type="Autor" key="Augustinus, Aureliusd">Augustinus</term>, <hi rend="italic">De trinitate</hi> XIII, 2,5, CChr.SL 50A, 386; Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, S. 265; Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche, S. 409.422.</note> (Spuren von diesem allgemeinsten Sinn des Begriffs finden sich schon bei Paulus, vgl. Gal. 1,23). Nun liegt der Ton nicht darauf, dass Gott <hi rend="italic">mich</hi> hat, sondern darauf, dass <hi rend="italic">ich ihn</hi> habe. In diesem doppelten Sinn ist der <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaube</term> das, was den Christen zum Christen macht. Es leuchtet nun ohne Weiteres ein, dass das, was die Leser des Jakobus und mit ihnen Jakobus selber Glauben nennen, also das, was sie nach V. 1 und V. 14 zu haben behaupten,</seg><seg corresp="ps-20"> dessen  <pb ed="pga" xml:id="p487"/> Besitz er ihnen auch nicht abspricht, den er ihnen auch nicht klein machen will, sondern um dessen willen er sie ausdrücklich und gewiss nicht ironisch rühmt: <foreign xml:lang="el-GR">καλῶς ποιεῖς</foreign> V. 19, dass das auf die zweite Seite des Begriffs gehört. Die Sachlage ist nun aber darum kompliziert, weil diejenigen, an die Jakobus sich wendet, bei ihrer Berufung auf ihren Glauben bzw. darauf, dass der Glaube sie in Gottes Gericht retten werde, jene Gedankengänge des Paulus von der rechtfertigenden Kraft des Glaubens in den Ohren und im Sinn haben und auch wohl auf den Lippen führen, Gedankengänge, die sich auf die in der menschlichen <term type="Begriffe" key="Glaube, menschlicher"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, in der christlichen Religion und Frömmigkeit allerdings gemeinte göttliche <term type="Begriffe" key="Glaube, göttlicher"><foreign xml:lang="el-GR">πίστις</foreign></term>, auf das Wunder des heiligen Geistes, nicht darauf, dass wir Gott haben, sondern darauf, dass Gott uns hat, beziehen.</seg> <seg corresp="ps-21"> Es scheint mir nämlich unmöglich, unsern Abschnitt mit <hi rend="italic">Zahn</hi> ohne irgendwelche Beziehung auf Paulus zu verstehen.<ptr n="279" type="note" target="n279"/> Man müsste sich ja wirklich mit <hi rend="italic">Windisch</hi> wundern, wer doch, wenn hier nicht auf paulinische Sätze gezielt ist, der «phänomenale Dunkelmann»<ptr n="280" type="note" target="n280"/> gewesen sein möchte, der vor Paulus oder ohne Zusammenhang mit ihm die Sätze aufgestellt hätte, die hier bestritten werden. Ob die Leser des Jakobus die paulinischen Briefe selber gekannt haben, das ist eine ganz andere Frage, die ich jedenfalls in Bezug auf Jakobus selber verneinen möchte. <pb ed="A" n="108"/> Man müsste, wenn man sie bejahen wollte, schon annehmen, dass er sie unter dem Eindruck dessen, was aus ihnen gemacht wurde, selber ganz mit den Augen seiner Leser zur Kenntnis genommen, das diesen unterlaufene Quidproquo also nicht bemerkt, sondern gegen Paulus als gegen einen Vertreter des Satzes, dass christliche Frömmigkeit den Menschen vor Gott gerecht mache, polemisiert hätte. Dergleichen kommt nun freilich auch heutzutage noch vor, aber wahrscheinlicher dürfte doch das Andere sein, dass die Polemik des Jakobus sich gegen gewisse umlaufende Sentenzen aus Paulus richtet. Man hat in den Kreisen an die Jakobus sich wendet, etwas läuten hören von einem Glauben, der allein und ohne alle Werke rechtfertige, von der paulinischen Deutung der Abrahamsgeschichte und, vgl. Hebr. 11,31, auch der Geschichte von der Hure <hi rend="italic">Rahab</hi>, und man hat sich daraus eine feste Burg gebaut für eine christliche Frömmigkeit, die sich als menschliches</seg><seg corresp="ps-22"> Sein und  <pb ed="pga" xml:id="p489"/> Haben, weil sie eben dieses, das christliche Sein und Haben im Unterschied von dem von Juden und Heiden war, für gesichert hielt, um sich im Übrigen, etwa im Sinn von 2,1ff., dem Lauf dieser Welt anzupassen. Ein «Ich habe», das das «Gott hat» ohne Weiteres und selbstverständlich, ohne die Frage nach dem Werk, nach dem Tun des Wortes, ja vielleicht unter tiefsinnigem Ausschluss dieser Frage, in sich zu begreifen meint. Das ist die Burg, die Jakobus nun angreift mit dem Satz, dass der Glaube ohne Werke nichts nützt, im Gericht den Menschen nicht rettet. Ein missverstandener Paulus, zweifellos, aber immerhin zweifellos Paulus. Paulus ist nun einmal gerade diesem Missverständnis [ausgesetzt]. Paulinismus jedenfalls ist zu allen Zeiten weithin eben der so missverstandene Paulus gewesen.</seg></p> 

<p><seg corresp="ps-23"/></p>

<p><seg corresp="ps-24"><pb ed="pga" xml:id="p491" rend="noPipe"/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-25">Wenn wir das Neue Testament zu komponieren gehabt hätten, so hätten wir vielleicht den Jakobus die Paulus-Briefe selbst lesen und verstehen und dann an Stelle der Polemik gegen ihre Sätze, mit denen wir es nun zu tun haben, eine authentische Interpretation des Paulus schreiben, seine notwendige Ergänzung im Rahmen der paulinischen Sätze statt im Streit mit ihnen vorbringen lassen. Aber die Dinge sind nun einmal anders gelaufen.</seg></p> 
<p><seg corresp="ps-26"/></p>

<p><seg corresp="ps-27">Jakobus streitet gegen Paulus oder also gegen einen Paulinismus, <pb ed="A" n="109"/> der, durch den Buchstaben des Paulus gedeckt, einen Glauben ohne Werke für möglich und nützlich, in jenem letzten, entscheidenden Sinn nützlich hält.</seg></p> 

<p><seg corresp="ps-28"><pb ed="pga" xml:id="p493" rend="noPipe"/></seg> </p>
<p><seg corresp="ps-29"/></p>
<p><seg corresp="ps-30"><pb ed="pga" xml:id="p495" rend="noPipe"/></seg> </p>

<p><seg corresp="ps-31">Nein, antwortet Jakobus, der Glaube allein tut’s nicht. Es bedarf zum <term type="Begriffe" key="Glaube">Glauben</term> hinzu der <hi rend="italic">Werke</hi><term type="Begriffe" key="Werk"/>. Was heißt das? In der Jakobus-Brieferklärung von <hi rend="italic">Fr. Horn</hi> findet sich eine Erklärung dieses Begriffs, die man auf den ersten Blick als höchst gezwungen und harmonistisch einfach von der Hand weisen möchte, die man auf den zweiten Blick als hinweisend auf den letzten allerletzten Sinn der Sache dann doch gerne zur Kenntnis nimmt und die man auf den dritten Blick dann doch als den schlichten Zugang zur Sache störend wieder zurückstellt, um sich ihrer vielleicht erst auf einigen Umwegen wieder zu erinnern. Horn erklärt nämlich die Werke kurz und gut als die Werke Gottes: die Erwählung, die Fleischwerdung des Wortes usw.<note xml:id="n281">Horn, S. 50.</note> Also: unser Glaube tauge nichts, wenn nicht dieses Werk oder diese Werke Gottes an uns geschehen. Zunächst meint Jakobus jedenfalls nicht das, ist zu sagen, auch wenn man sich der Einsicht schwerlich wird entziehen können, dass letztlich etwas Anderes als eben das nicht gemeint sein kann. Zunächst meint Jakobus mit den Werken ebenso sicher die Werke des Menschen, wie er mit dem Glauben eben deutlich ihren Glauben als solchen, ihre   als menschliche Möglichkeit gemeint hat. In V. 15-16 sehen wir den Glauben verglichen mit der freundlichen liebreichen Gesinnung, die sich in dem Worte jenes Mannes V. 16 an die Armen ausdrückt, die Werke aber, die in diesem Fall fehlenden Werke mit der Tat der Fürsorge, in der er seine überaus gute Gesinnung in die Wirklichkeit umsetzen sollte. <term type="Begriffe" key="Werk">Werk</term> ist hier offenbar gleich Wirklichkeit der guten Gesinnung, Wirklichkeit, die darin Wirklichkeit ist, dass der Mann das Entsprechende, das seiner Gesinnung genau Entsprechende, in seiner Gesinnung</seg><seg corresp="ps-32"> bereits Wahre  <pb ed="pga" xml:id="p497"/> <hi rend="italic">tut</hi>. Tut er es nicht, was ist seine gute Gesinnung dann nütze? Was ist <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ohne <term type="Begriffe" key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>? Wir blicken weiter voraus auf die V. 21ff. Lange vor der Geschichte von Isaaks Opferung hieß es von Abraham: er glaubte dem Herrn und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Aber nun opfert er eben den Isaak, und in dieser Tat <pb ed="A" n="110"/> wird die Schrift erfüllt, d. h. zeigt es sich, dass jenes Wort über Abrahams Glauben wirklich das Wort Gottes war. Das zeigt sich darin, dass die <term type="Begriffe" key="Wahrheit">Wahrheit</term> nicht allein bleibt, dass sie sichtbar wird als <term type="Begriffe" key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>, in seinem Wirken, in seinem <term type="Begriffe" key="Werk">Werk</term>. Abrahams Glaube kann nicht allein bleiben, weil er eben existentieller Glaube ist, wie es ihm von Gott zum vornherein zugesprochen wurde. Weiter V. 25  erscheint die Hure Rahab. Diese Person spielt in der damaligen jüdischen und christlichen Literatur die eigentümliche Rolle als Paradigma des nicht-israelitischen Menschen, der doch in unbegreiflicher Weise den Glauben an den wahren Gott, den Gott Israels hat.<note xml:id="n282">Vgl. Bardenhewer, S. 88; Hauck, S. 143; Dibelius, Jakobus, S. 155f.</note> Aber eben darum nicht bloß den Glauben, nicht den Glauben allein, sondern auch die kühne, die hochverräterische Tat zugunsten der israelitischen Kundschafter, beeilt sich Jakobus zu sagen. Zu dem Einen tritt, gerade wo dieses Eine ist, hinzu das Zweite. Nicht nur das eine, sondern auch das andere Gebot wird erfüllt, könnten wir im Sinn von V. 10f. ergänzen. Wir denken zurück an 1,25, wo ja auch ein Täter des Werkes beschrieben wird: beschrieben als der Mann, der in der Beugung vor dem Worte Gottes verharren muss, der gleichsam verhaftet ist. Dieses Verhaftetsein ist dort das Zweite, das zum Ersten, zur Erkenntnis des Gesetzes hieß es dort, hinzukommen muss, wenn nicht Alles Schein und Trug sein soll. Und wir denken eben nochmals an V. 10f., wo der Gehorsam gegen das Gesetz als Gehorsam im Entweder-Oder dargestellt wird. Luther hat gelegentlich, wenn er von der allein in Christus begründeten Erwählung und <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung </term> des Menschen, von der Alleingenugsamkeit des Glaubens usw. redete, scherzhaft hinzugefügt: Aber der Gehängte muss auch dabei sein – bei seiner Hinrichtung nämlich.<note xml:id="n283">Vgl. WA.TR 6, 152, 17-20, Nr. 6727: Die Werke sind «da und zugegen» «dem Glauben, der die Gerechtigkeit erlanget, wie ich von Noth Wegen werde gegenwärtig müssen sein zu meiner Seligkeit. ‹Ich werde auch dabei sein,› sagt jener Gesell, da man ihn henken sollte und andere Leute sehr nach dem Galgen liefen und eileten.» Barths Quelle war anscheinend Fr. Loofs, <hi rend="italic">Leitfaden zum Studium der Dogmengeschichte,</hi> Halle 1906<hi rend="sup">4</hi>, S. 764f. Die weiteren von Loofs nach älteren Ausgaben angeführten Stellen finden sich in WA 39/I, 96, 4f.; 209, 22; 214, 27; 447, 23; 452, 3f.16. Vgl. auch K. Barth, <hi rend="italic">Briefe 1961-1968,</hi> hrsg. von J. Fangmeier und H. Stoevesandt (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 1979<hi rend="sup">2</hi>, S. 438f.576.</note> Was da passiert, passiert freilich sehr ohne, ja gegen</seg><seg corresp="ps-33"> seinen  <pb ed="pga" xml:id="p499"/> Willen, aber immerhin: er muss dabei sein, ohne ihn würde zur Hinrichtung doch etwas ganz Entscheidendes fehlen, und in gewissem Betracht ist sein Dabeisein geradezu die Hauptsache bei der Sache. Um dieses Dabeisein des Menschen geht es, wenn Jakobus von den Werken redet: natürlich um das Dabeisein des ganzen Menschen. Werke tun heißt <hi rend="italic">existieren</hi> im Glauben, und insofern eben nicht nur glauben. Denn der Glaube als menschliche <pb ed="A" n="111"/> Tat, das, was wir Frömmigkeit nennen, auch die christliche Frömmigkeit <hi rend="italic">steht</hi> unter der Frage, ob der Mensch denn auch in ihr oder ihr entsprechend existiere. Nicht zwischen dem Glauben als göttliches Werk an uns, wohl aber zwischen unserm Glauben und unserm Leben will sich doch beständig eine Kluft auftun, und in dem Maß, als das geschieht, wird unser Glaube ein nutzloses, angesichts des göttlichen Gerichtes nutzloses, belangloses Tun. Er <term type="Begriffe" key="Rechtfertigung">rechtfertigt</term> uns dann so wenig, als uns irgend ein anderes im Bereich unserer Möglichkeiten liegendes Tun zu rechtfertigen vermag. Rechtfertigend ist der Abrahamsglaube, der Rahabglaube, in dem der Mensch bei der Sache ist. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-34"> Wir können hier ohne Störung im Verständnis des Gedankens des Jakobus einschalten, was Jakobus seinem Ziel getreu <hi rend="italic">nicht</hi> sagt: dass die Überwindung jener Kluft, das Bei-der-Sache-Sein, das Geschehen des Werkes also, nicht in unsere Hand gelegt ist, dass es allerdings, damit das Werk, das von mir gefordert ist, wirklich geschehe, des Werkes Gottes an mir bedarf, dass seine Gerechtigkeit nicht minder wie die des Glaubens die Gerechtigkeit ist, die Gott in Gnaden darin finden will. Aber, und damit sind wir schon wieder bei Jakobus selber: das ändert nichts daran, dass wir, gerade wenn wir in der Gnade stehen – und als solche, als die zwölf Stämme in der Zerstreuung, hört ja auch Jakobus nicht auf seine Leser anzureden –, dass wir gerade dann aufgerufen sind, diese Gerechtigkeit des <term type="Begriffe" key="Werk">Werkes</term> neben der des <term type="Begriffe" key="Glaube">Glaubens</term> zu betätigen, wie Abraham die wirklich zu sein, als die er uns durch das zu uns gesprochene Wort anerkennt. Wir können, dass wir das Wort von der Gnade gehört haben, nicht nur dadurch bezeugen, dass wir glauben, wollten wir uns darauf</seg><seg corresp="ps-35"> beschränken, <pb ed="pga" xml:id="p501"/> dann würden wir vielmehr bezeugen, dass wir es <hi rend="italic">nicht</hi> gehört haben. Das Zeugnis, dass wir wirklich gehört haben, muss auf alle Fälle auch unsere eigene Wirklichkeit, also unser Wirken, also unser Werk sein. Dann nur <hi rend="italic">sind</hi> wir, die wir sind, die aus dem Worte der Wahrheit Geborenen 1,18. Also: der Glaube ohne Werke ist wirklich nutzlos. Er wird uns nicht retten. An Hand dieser Bestimmung der Begriffe und Relationen von V. 14 sollte sich nun die Erklärung des übrigen Abschnittes verhältnismäßig einfach gestalten.<lb/><lb/> </seg> </p>

<p><seg corresp="ps-36"><pb ed="A" n="112"/> V. 15-16 veranschaulichen den Grundgedanken zunächst an einem Gleichnis: <hi rend="italic">«Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und der täglichen Nahrung entbehren und jemand von euch spräche zu ihnen: Geht hin im Frieden, wärmet euch und sättigt euch, ihr gebt ihnen aber nicht das Nötige für ihren Leib, was nützt das?»</hi> Also eine Armenbescherung, die in einer schönen Ansprache besteht. Tertium comparationis: Es geschieht nicht nichts, sondern es geschieht etwas an sich ganz Schönes und Löbliches, nur eben nicht auch noch das, wozu die ganze Situation drängt und was in jener Ansprache auch ganz richtig ausgesprochen, aber eben nur ausgesprochen ist, ein ausgezeichneter Gedanke, dem nur die Begleitung durch die Tat fehlt und der eben damit ein etwas fragwürdiger Gedanke wird – nicht an sich, aber als Gedanke des Menschen, der es so hält mit ihm.</seg> 
    <seg corresp="ps-37"><hi rend="italic">So</hi>, lautet die Anwendung V. 17, <hi rend="italic">ist auch der Glaube für sich allein</hi> (der in sich ruhende Glaube) <hi rend="italic">tot</hi>. D. h. doch wohl, er ist, in dieser Abstraktion vom Menschen, in seiner Abgezogenheit von der Wirklichkeit, nur noch dem Leichnam des wirklichen Glaubens zu vergleichen.</seg>  </p>

<p><seg corresp="ps-38"><pb ed="pga" xml:id="p503" rend="noPipe"/> V. 18 ist eine ganz besondere crux interpretum. <hi rend="italic">Dibelius</hi> nennt ihn nicht mit Unrecht «eine der schwierigsten neutestamentlichen Stellen überhaupt».<note xml:id="n284">Dibelius, Jakobus, S. 143.</note> Das <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλ’ ἐρεῖ τις</foreign> scheint wie 1.Kor. 15,35 einen Einwand einzuführen. Aber als Einwand gegen das, was Jakobus vertritt, müsste das Folgende gerade umgekehrt lauten: <foreign xml:lang="el-GR">Σὺ ἔργα ἔχεις, κἀγὼ πίστιν ἔχω</foreign>. Es lautet aber nicht so, sondern: <hi rend="italic">Aber, spricht jemand: du hast den Glauben und ich habe die Werke.</hi> Man hat sich geholfen, indem man einen Abschreibefehler angenommen hat: das Ursprüngliche wäre danach in der Tat jener umgekehrte Satz gewesen. Man hat weiter an den Ausfall eines Satzes gedacht, der ebenfalls jene umgekehrte Aussage enthalten hätte.<note xml:id="n285">Vgl. Windisch, S. 16; Hollmann, S. 11; sowie die Diskussion der Textverderbnis-Theorien bei Dibelius, Jakobus, S. 147.</note> Was dasteht, wäre dann die Antwort des Jakobus auf diesen gegen ihn gerichteten Einwand. Entschließt man sich nicht zu einer solchen Korrektur des Textes <pb ed="A" n="113"/>– und man wird diese Hilfe ja immer nur als ultima ratio ins Auge fassen dürfen –, so besteht auch die Möglichkeit, den Einwand des mit <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλ’ ἐρεῖ τις</foreign> eingeführten Widersprechers nur in den drei Worten: <foreign xml:lang="el-GR">σὺ πίστιν ἔχεις</foreign>; bestehen zu lassen. Alles Übrige aber [ist] als Antwort des Jakobus zu verstehen. Wenn dies aus stilistischen Gründen bedenklich erscheint (Dibelius S. 146)<note xml:id="n286">Dibelius, Jakobus, S. 146.</note>, so wird man in V. 18a als Sinn des gemachten Einwurfs jedenfalls den Versuch sehen müssen, Glauben und  <pb ed="pga" xml:id="p505"/> Werke als Dinge hinzustellen, die je der Eine oder der Andere haben können, ohne dass das jeweilige Entbehren der Werke beim Einen, des Glaubens beim Andern notwendig einen Mangel bedeuten müsse. Beim Einen und beim Andern, sage ich. Man darf also darauf, dass der Eine als Ich, der Andere als Du bezeichnet wird, nicht den Nachdruck legen, der die ganze Sachlage hoffnungslos verwirrt machen müsste, wenn man sich zu den eben erwähnten Abhilfsmöglichkeiten nicht entschließen kann. «<foreign xml:lang="el-GR">Σὺ</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">ἐγώ</foreign> sind ganz tonlos geworden» <hi rend="italic">(Hauck)</hi>.<note xml:id="n288">Hauck, S. 127.</note> «Nicht die Verteilung von Glauben und Werke auf Du und Ich ist die Hauptsache, sondern die Teilung von Glauben und Werken überhaupt» <hi rend="italic">(Dibelius)</hi>.<note xml:id="n289">Vgl. Dibelius, Jakobus, S. 145.</note> Wollte man nämlich anders verfahren, hinter dem Du und Ich mehr suchen als eben: Der Eine, der Andere, dann bliebe nichts übrig, als zu der lange sehr beliebten Auskunft zu greifen, der in V. 18a eingeführte Zwischenredner sei ein Vermittler zwischen den beiden sich entgegenstehenden Ansichten, aber ein solcher Vermittler, der sachlich doch mehr auf Seiten des Jakobus stünde, der nun gleichsam von hinten über dessen Schulter weg daran erinnern wollte, dass es eben zwei Typen von   gebe, und über den hinweggehend Jakobus dann zornig gegen den von ihm nicht vertretenen, aber doch als möglich entschuldigten reinen Glaubenstyp redend, das Folgende sagen würde. Von der unleidlich verwickelten Situation, die dabei vorausgesetzt ist, abgesehen, spricht gegen diese Lösung entscheidend, dass die Formel <foreign xml:lang="el-GR">ἀλλ’ ἐρεῖ τις</foreign> nun einmal immer einen Einwand, einen Widerspruch anzeigt und also nicht auf einen befreundeten Mitredner hinweisen kann. Richtig gesehen ist bei dieser An<pb ed="A" n="114" break="no"/>sicht allerdings das, dass es sich bei dem Versuch, Glauben und Werke auf zwei verschiedene christliche Individuen zu verteilen, darum handelt, den Streit dadurch in das Licht einer gewissen Toleranz zu rücken, dass er als Streit</seg><seg corresp="ps-40"> verschiedener  <pb ed="pga" xml:id="p507"/> Stimmungen, Neigungen, Erlebnisse, wie man heute sagen würde, als Gegensatz gleichberechtigter religiöser Richtungen hingestellt wird. Wer weiß, ob heute dem, was da gesagt ist, nicht noch ein kleiner Dank an Gott für den Reichtum der seiner Kirche geschenkten Spannungen hinzugefügt gedacht werden müsste, um richtig zu verstehen. Jedenfalls zeigt die Fortsetzung V. 18b und c, dass Jakobus bei diesem Teilungsund Friedensversuch nicht dabei sein will: <hi rend="italic">«Zeige mir deinen Glauben ohne Werke und ich will dir aus meinen Werken den Glauben zeigen»</hi>. Das bedeutet jedenfalls die Ablehnung jener Teilung und damit die Ablehnung eines Glaubens ohne Werke. Wiederum wird auf die Personalpronomina bzw. auf das <foreign xml:lang="el-GR">σου</foreign> nach <foreign xml:lang="el-GR">πίστιν</foreign> und auf das <foreign xml:lang="el-GR">μου</foreign> nach <foreign xml:lang="el-GR">ἔργων</foreign> kein Nachdruck zu legen sein. Es geht nicht um die Personen, sondern um die Sache. Jakobus fragt, wie ein Glaube ohne Werke wohl aussehen mag, was das wohl ist: Religion, Frömmigkeit an sich, die der Wirklichkeit des Lebens entbehren zu können meint. Und es ist offenkundig, dass er der Meinung ist, dass das Zeigen, zu dem er auffordert, nicht gelingen wird. Und er behauptet umgekehrt, dass in der Wirklichkeit christlichen Lebens die Wirklichkeit des Glaubens sich erweisen könne und werde. Man wird auch das <foreign xml:lang="el-GR">μοι</foreign> und <foreign xml:lang="el-GR">σοι</foreign> nicht pressen dürfen, sondern rhetorisch verstehen müssen, wenn man Jakobus verstehen will. In eigentlicher letzter Klarheit kann man ja seinen Glauben nur Gott, nicht einmal sich selbst, geschweige denn Andern «zeigen». Ob sich in der Wirklichkeit meines Lebens mein Glaube «zeigt», darüber entscheidet Gott. Ich kann wohl zeigen wollen, mit dem, was ich tue, mit der Tat meines Lebens, aber ob es zeigendes Zeichen <hi rend="italic">ist</hi>, darüber entscheidet nicht mein Wollen, sondern Gottes Wohlgefallen. Aber Jakobus hat recht: der Glaube muss sich «zeigen», und das Zeichen ist das Werk, die Wirklichkeit, in der ich ein Glaubender bin. Dazu sind wir angefordert. Gott ist der Richter über unser Werk, ob es ein Zeigen des Glaubens wirklich ist, aber <pb ed="A" n="115"/> wirklich der Richter unseres <hi rend="italic">Werkes</hi> ist Gott, nicht ein abstrakter Religionsgott. In Bezug auf unsere <hi rend="italic">Entscheidung</hi> fällt <hi rend="italic">seine</hi> Entscheidung. Hier oder nirgends wird’s ernst, ob unser Glaube zu sehen, von Gott zu sehen ist. Nur wenn er hier zu sehen, von Gott zu sehen ist, also in der Tat nicht ohne die Werke, ist er lebendiger und nicht (V. 17) toter Glaube.</seg>  </p>

<p><seg corresp="ps-41"><pb ed="pga" xml:id="p509" rend="noPipe"/> V. 19 bringt einen zweiten Einwand, nicht in Form einer ausdrücklichen Einrede diesmal, sondern gleich in Form einer Anrede des Schriftstellers. Da ist Einer, der kommt und sagt: Ich glaube an den einen Gott. Mit anderen Worten: Nun beruft sich der Widerredner auf den Gegenstand, man könnte sagen, auf das nach reformatorischer Lehre die Rechtfertigung durch den Glauben begründende Objekt des Glaubens.<note xml:id="n291">Vgl. Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, S. 265.268; Die Dogmatik der evangelisch-reformierten Kirche, S. 433.441.</note> Also: <hi rend="italic">Du glaubst, dass ein Gott ist.</hi> Jakobus antwortet: <hi rend="italic">du tust wohl daran!</hi> Es wäre kaum wohlgetan, das ironisch zu verstehen; so ist dieselbe Wendung jedenfalls V. 8 nicht gemeint. Jakobus will nicht sagen: du tust gut daran, wenigstens auch des Gegenstandes deines Glaubens zu gedenken. Ich möchte auch nicht, wie man es gelegentlich getan hat, einen Vorbehalt darin ausgesprochen sehen, dass Jakobus den Widersprecher nur seinen Glauben an den einen Gott bekennen lässt. Wer das credo in unum Deum<note xml:id="n294">Symbolum Nicaenum, BSLK, 26, 3.</note>, dieses Erste im christlichen Glaubensbekenntnis, richtig bekennt, der hat schon damit alles Andere, was folgt, mitbekannt. Credo in unum Deum im Sinn des christlichen Glaubensbekenntnisses ist keineswegs ein Wort, das der Jude und der Mohammedaner mitsprechen könnte. Wer diesen Einen bekennt, bekennt implicite den Dreieinen, bekennt den Sohn und den heiligen Geist, bekennt die Vergebung der Sünden und die Gemeinschaft der Heiligen.<note xml:id="n296">Symbolum Apostolicum, BSLK, 21, 20f.</note> Erst wenn man den Jakobus dieses kurze Glaubensbekenntnis ganz ernst nehmen lässt, versteht  <pb ed="pga" xml:id="p511"/> man auch den Ernst seiner eigentlichen, nun folgenden Antwort: <hi rend="italic">auch</hi> die <hi rend="italic">Dämonen glauben – und schaudern!</hi> Eben den rechten christlichen Glauben – man bedenke immer, dass Jakobus sich doch an die Kirche, an das heilige Volk Gottes wendet, wie sollte er da das credo in unum Deum als ein allgemein-religiöses Minimum meinen können – eben den rechten christlichen Glauben, sagt er jetzt, können die Dämonen auch haben. Können nicht nur, sondern haben ihn wirklich!! Mit diesem rechten christ<pb ed="A" n="116" break="no"/>lichen Glauben kann verbunden sein das Schaudern, das Zittern und Beben der verlorenen Geister. Dieses Wort V. 19 muss entsetzlich gewirkt haben bei den ersten Lesern, und es kann, wenn es verstanden wird, noch heute nicht anders wirken. Die Kirche ist nicht oft wieder so in Frage, in ihre eigene Krisis gestellt worden, wie es hier geschieht. Man kann den christlichen Glauben haben und damit in der Hölle sein. Es gibt Christentum auch in der Hölle, es gibt auch einen Teufelsglauben, wohlverstanden nicht einen Glauben an den Teufel, sondern einen Glauben an den wahren Gott, mit dem man doch mitten in der Hölle ist. So am Rande des Abgrunds ist die Kirche gebaut, so geht der Abgrund mitten durch ihren Bau hindurch, so ist sie selber gefragt, ob sie denn wirklich etwas Anderes ist als auch eine Provinz des Abgrundes. Was ist der Sinn dieses Wortes? Jakobus will sagen: ihr pocht auf eine schlechterdings gefährdete Sache, wenn ihr auf euren Glauben pocht, auch wenn ihr an seinen Gegenstand denkt, auch wenn es der rechte christliche Glaube ist. Euer Christentum, auch euer wahres Christentum, kann euch nicht retten. Es ist zweideutig wie Alles in der Welt. Es kann noch immer Himmel oder Hölle bedeuten. Der Richter steht vor der Tür auch für die Christen samt dem, was sie im Unterschied von Juden und Heiden zu Christen macht. Der Richter fragt nicht nach dem Glauben an sich, sondern nach der Entscheidung des Glaubens, nach dem im Werk sich zeigenden Glauben.</seg> </p>

<p><seg corresp="ps-45">V. 20 <hi rend="italic">«Willst du aber erkennen, du leerer Mensch, dass der Glaube ohne die Werke nichtig ist?»</hi> scheint mir doch nicht nur Einleitung zum Folgenden zu sein, sondern mindestens auch Abschluss des Bis<pb ed="pga" xml:id="p513" break="no"/>herigen, der Abweisung der erhobenen Einwände, besonders wohl dessen von V. 19. «Leerer Mensch» heißt Prahlhans, Eingebildeter. <hi rend="italic">Das</hi> ist einer, der an seinen Glauben glauben zu können meint. Es fragt sich, ob man beim Glauben bei der Sache ist, ob der Glaube Werke hat. Wer danach nicht fragt, wer sich bei seinem Glauben beruhigt, der traut und baut ins Leere, dessen Glaube ist gegenstandslos und wenn er sich noch so christlich-richtig auf den Gegenstand des Glaubens beriefe. Um ihm die ihm fehlende Erkenntnis zu verschaffen, <pb ed="A" n="117"/>also um die schlummernde Frage nach den Werken, ohne welche der Glaube nichtig ist, in ihm zu erwecken, führt Jakobus den Schriftbeweis an Hand der bekannten, bei Paulus gerade im umgekehrten Sinn verwendeten Abrahamsgeschichte. Das, was nun kommt, ist sachlich und eigentlich die Erfüllung des V. 18c gegebenen Versprechens: Ich will dir aus meinen Werken den Glauben zeigen! V. 21 <hi rend="italic">«Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus Werken gerechtfertigt, da er Isaak, seinen Sohn, auf dem Altar darbrachte?»</hi> Man darf sich den Sinn dessen, was Jakobus hier sagen will, nicht dadurch verdunkeln lassen, dass er hier mit der Wendung <foreign xml:lang="el-GR">δικαιοῦσθαι ἐξ ἔργων</foreign> offenkundig – wir haben ja einleitend davon gesprochen – eine paulinische Formel aufnimmt, die in ihrem eigenen Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung hat. Hätte Paulus unter Glauben ebenfalls einfach   verstanden und unter Werken die Lebenswirklichkeit, in der es sich entscheidet, ob der Mensch ein wirklicher</seg><seg corresp="ps-48"> Hörer des  <pb ed="pga" xml:id="p515"/> Worts, d. h. ein in seinem Glauben von Gott Anerkannter, Gerechtfertigter ist, dann hätte auch Paulus den Satz V. 21 schreiben können, nur dass er dann eben ... nicht Paulus gewesen wäre. Jakobus versteht unter der Rechtfertigung aus den Werken eben das, was wir zu V. 18 die Entscheidung Gottes über den Gehalt des im Werk, in der Lebenswirklichkeit des Menschen aufgerichteten Zeichens genannt haben. An dieser Entscheidung hängt die Frage seiner Rettung im Endgericht. Darum heißt sie Rechtfertigung. Und eben weil die Rechtfertigung und also das Endgericht sich auf die menschliche Lebenswirklichkeit als solche, nicht auf das abstrakte Prädikat der   des Menschen bezieht, eben darum ist sie Rechtfertigung aus den Werken. So und nicht anders ist Abraham gerechtfertigt worden. Jakobus weiß, wie V. 23 zeigt, auch um den Glauben Abrahams und um das göttliche Urteil, dass er in seinem Glauben gerechtfertigt, von Gott anerkannt war, dass Gott ihm seinen Glauben als Gerechtigkeit anrechnete. Jakobus legt aber Gewicht darauf und redet zuerst davon, dass dieses göttliche Urteil <hi rend="italic">Wahrheit</hi> ist. Es ist wahr darin, dass Abraham seinen Sohn Isaak auf dem Altar opfert. Dieses Werk ist das Zeichen, das von Gott als Zeichen seines Glaubens <hi rend="italic">angenommen</hi> wird, ist das Gott <hi rend="italic">wohlgefällige</hi> <pb ed="A" n="118"/> Werk. In diesem <hi rend="italic">Werk</hi> begriffen, insofern also aus seinen Werken, wird Abrahams Glaube von Gott als gerecht angenommen. In diesem Werk <hi rend="italic">war</hi> er eben der glaubende Abraham, ist er mit seinem Glauben bei der Sache gewesen. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-49">Man muss das Folgende miteinander lesen und verstehen: V. 22-23 <hi rend="italic">«Da siehst du, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkt, und aus den Werken wurde der Glaube vollendet und wurde die Schrift erfüllt, die sagt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet, und er wurde Gottes Freund genannt.»</hi> Nicht darin war Abraham gerechtfertigt, dass er starr gen Himmel blickend glaubte, sondern darin, dass er als Glaubender Isaak auf dem Altar opferte. Sein Glaube und sein Werk wirkten also zusammen – man beachte wohl, dass es nicht etwa heißt, Gott und er selber wirkten zusammen, zu einer Begründung der katholischen Gnadenlehre<note xml:id="n298">Zur Lehre von der «gratia cooperans», die «in nobis cum nobis» wirkt, vgl. <persName ref="kbga-actors-2790">B. Bartmann</persName>, <hi rend="italic">Grundriß der Dogmatik</hi> (Herders Theologische Grundrisse), Freiburg im Breisgau 1923, S. 285.</note> würde dieses <foreign xml:lang="el-GR">συνήργει</foreign> keinen Anlass geben –, aber in der </seg><seg corresp="ps-50"> Tat sein  <pb ed="pga" xml:id="p517"/> Glaube wirkte mit seinen Werken zusammen, und nun zweitens: der Glaube wurde aus den Werken vollendet, fand durch die Werke sein Ziel. Wozu wirkte er mit den Werken zusammen? Wozu wurde er durch die Werke vollendet? Antwort V. 23: zur Erwahrung des Gottesspruches von der <hi rend="italic">Gerechtigkeit</hi> seines Glaubens. Man darf im Sinn des Jakobus, der aber hier von Paulus und dem übrigen Neuen Testament kein verschiedener ist, diesen Gottesspruch von der Gerechtigkeit des Glaubens und von der Gottesfreundschaft des Abraham, wie <hi rend="italic">Dibelius</hi> mit Recht betont, nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt im Leben Abrahams beziehen. Er steht über seinem <hi rend="italic">ganzen</hi> Leben.<note xml:id="n299">Dibelius, Jakobus, S. 153.</note> In der Opferung Isaaks aber geht er signifikativ in Erfüllung. Isaaks Opferung ist nun wiederum das Zeichen, unter dem seine Lebenswirklichkeit als solche steht. Sein Glaube wirkt mit seinem Werk zusammen. Er vollendet sich in seinem Werk, und so zeigt sich Gottes Urteil über ihn als Wahrheit, so offenbart sich die ihm zugesprochene Gerechtigkeit. | <lb/><lb/></seg></p>
<p><seg corresp="ps-51">V. 24 fasst zusammen: <hi rend="italic">«Da seht, dass der Mensch aus Werken ge</hi>- ­<hi rend="italic">rechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.»</hi> Die antipaulinische These des Jakobus erreicht hier im Ausdruck ihren Höhepunkt. Man halte etwa Röm. 3,28; Gal 2,16 daneben, um sich den ganzen Ernst <pb ed="A" n="119"/> der Situation klar zu machen. Das lutherische sola fide<note xml:id="n301">M. Luther, <hi rend="italic">Die Thesen gegen die Antinomer.</hi> 1537-1540, WA 39/I, 354, 1f.: «Sola vero fides in Christo iustificat, sola implet legem, sola facit opera bona sine lege». Vgl. BSLK, 60, 16f.; 76, 28f. Siehe E. Jüngel, Art. «Rechtfertigung. IV. Dogmatisch» unter «5. Die reformatorischen Exklusivpartikel», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> 7, Sp. 114-116, besonders Sp. 116. Die Auslegung von Röm. 3,27-30 hat Barth in der zweiten Fassung des Römerbriefs überschrieben mit: «Allein durch den Glauben» (Römerbrief 2, S. 81).</note> steht ja nicht ausdrücklich bei Paulus. Wohl aber wird es hier ausdrücklich in Abrede gestellt. Aber dieselben Worte sagen eben in der These des Jakobus etwas ganz Anderes als in der von ihm bestrittenen paulinischen und lutherischen These. Der Glaube, der nach Jakobus nicht allein rechtfertigt, ist nicht die <foreign xml:lang="el-GR">πίστις τοῦ θεοῦ</foreign>, sondern die religiöse Haltung des Menschen an sich, die religiöse Haltung des Menschen, sofern sie nicht eo ipso wie bei Abraham seine <hi rend="italic">Lebens</hi>haltung ist.  <pb ed="pga" xml:id="p519"/> Gerechtigkeit vor Gott könnte sie wie bei Abraham nur sein, sofern ihr eine Lebenshaltung entspräche, sofern sie Werke hätte. Auch Abrahams Glaube machte ihn nicht an sich gerecht und zum Freunde Gottes, sondern sofern er mit den Werken zusammenwirkte, sofern er sich in den Werken vollendete zur Erwahrung des Gottesspruches. Auch über die Christen ist ja ein solcher Gottesspruch gesprochen, wenn sie nämlich <hi rend="italic">sind</hi>, was sie heißen. Es kann dann nicht anders sein, als dass er sich erwahrt im Zusammenwirken ihres Glaubens mit ihrem Werk. Und darin und so werden sie gerechtfertigt sein und gerettet werden, nicht allein aus Glauben also, sondern auch aus Werken, gerade weil es sich in ihrem Leben wie in dem Abrahams um die Erwahrung eines Gottesspruches handelt. Man kann und muss gerade von dem besonders anstößigen V. 24 aus die Frage nach den Werken ebensowohl – und hier bekommt jene Erklärung von <hi rend="italic">Fr. Horn</hi> ihr letztes Recht<note xml:id="n302">Siehe oben S. 495.</note> – als Frage nach der Erwählung auffassen. Ob sie solche sind, die wie Abraham unter jenem notwendig sich erwahrenden Gottesspruch stehen, das ist’s, wonach sie letztlich gefragt sind. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-54">V. 25 stellt der Erinnerung an Abraham eine zweite an die Seite: <hi rend="italic">«Ebenso auch Rahab die Hure, wurde sie nicht aus Werken gerechtfertigt, da sie die Kundschafter aufnahm und auf einem andern Wege wieder entließ?»</hi> Dass diese Rahab zu den von Gott Gerechtfertigten gehörte, das war, wie schon erwähnt und wie auch Hebr. 11,31 zeigt, eine damals übliche exegetische Ansicht, die hier vorausgesetzt ist als Analogon, zu dem was V. 23 von Abraham explizit gesagt wird. War sie aber gerechtfertigt, dann, so will Jakobus sagen, nicht etwa bloß auf Grund ihrer religiösen <pb ed="A" n="120"/> Haltung – was sollte auch in dieser Hinsicht bei ihr in Betracht kommen -, sondern dann darum, weil ihre religiöse Haltung sich in ihrer Tat auswirkte und so, mit dieser zusammen, legitimes Zeugnis ihrer Erwählung war. Der homo religiosus als solcher gleicht eben einer 0, die erst durch die vorangestellte 1 der göttlichen Erwählung und Rechtfertigung zu einem Wert wird. Steht sie aber hinter dieser 1, dann kann es nicht anders sein, als dass sie nicht allein steht: der homo religiosus <hi rend="italic">gehorcht</hi> dann auch. | <lb/><lb/></seg></p>

<p><seg corresp="ps-55"><pb ed="pga" xml:id="p521" rend="noPipe"/></seg></p> 
<p><seg corresp="ps-56">Und V. 26: <hi rend="italic">«Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.»</hi> Also das ist der Glaube nach Jakobus: <foreign xml:lang="el-GR">σῶμα</foreign>, die potentielle Wirklichkeit unsrer Gerechtigkeit, wie eben der Leib die potentielle Wirklichkeit des Menschen ist. Nichts Abschätziges liegt in diesem Vergleich. Aber das liegt darin, dass eben die Wirklichkeit, das Leben dieses Sichtbaren bedingt ist durch seine Bindung an ein Anderes, Aktuelles. Und das sind die Werke bei Jakobus: das <foreign xml:lang="el-GR">πνεῦμα</foreign>, die aktuelle Wirklichkeit unserer Gerechtigkeit, wie eben der Geist (hier für: die Seele) die aktuelle Wirklichkeit des Menschen ist. Keine Überordnung liegt in diesem Vergleich, wohl aber das, dass bloße Potentialität hier wie überall Tod wäre, dass Glaube Wirklichkeit nur in actu ist und nicht sonst. Das ist der Beitrag des Jakobus zum neutestamentlichen Zeugnis. Kein anderer Apostel hat das so deutlich gesagt. Nicht Alles ist damit gesagt. Die Konstruktion des Jakobus weckt Fragen, die von ihm nicht beantwortet werden. Wie es kommt, dass ein Mensch zu einem Glaubenden [wird] und, wenn vor Gott gerecht in seinem Glauben, zu Werken, den Werken der Gerechtigkeit kommt, darüber schweigt Jakobus. Er setzt voraus, dass es dazu kommt. Er redet ja zu Menschen, die das ebenfalls als bekannt und gegeben voraussetzen. Man könnte freilich sagen, dass er gerade mit seinem Schweigen umso beredter darauf hinweist. Man könnte gerade dieses Kapitel von der Werkgerechtigkeit als eine solenne Verkündigung der doppelten Prädestination verstehen.<note xml:id="n304">Vgl. zur doppelten Prädestination bei  J. Calvin <hi rend="italic">Institutio Christianae ­religionis</hi> (1559) III 21.</note> Kein Wort da<pb ed="pga" xml:id="p522" break="no"/>von steht da, das ist richtig. Was dasteht, ist der Aufruf an das Volk Gottes, zu sein, was es ist. Was dasteht, ist Ethik. Aber man kann das, was dasteht, nicht verstehen, wenn man nicht daran denkt, dass eben die doppelte Prädestination, die Frage, wie man dazu kommt, dieses Volkes Glied zu sein, unvermeidlich dahinter steht.</seg></p> 



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