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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Aargauische reformierte Kirchensynode [III]</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Aargauische reformierte Kirchensynode [III], 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48003 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 3–8.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Aargauische reformierte Kirchensynode [III]</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Aargauische reformierte Kirchensynode [III], in: Basler Nachrichten Jg. 70, Nr. 179, 3. Beilage (19.4.1914), S. [1] </bibl>
        <bibl xml:id="A1" type="source">A1 (Exemplar von A): Barth, Karl, Aargauische reformierte Kirchensynode, 19. April 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5396">KBA 48</ref>. </bibl>
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        <head>AARGAUISCHE REFORMIERTE KIRCHENSYNODE [III]</head>
        
          <head type="sub"><date when="1914">1914</date></head>
        
        <div type="abstract">
          <p>Der dritte, wieder nur mit <persName ref="kbga-actors-2151">K. B.</persName> gezeichnete Bericht <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> für die <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> über die aargauische <term key="Synode, aargauische">Synode</term> hält und verschärft die Linie der vorangegangenen «Kriegserklärungen»<note xml:id="n01">Siehe <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p704#p704">S. 704</ref> und <ref type="pub-" target="../volume/22/p716#p716">S. 716f.</ref></bibl></note>. Hatte der erste Artikel, soweit zu sehen, kein gedrucktes Echo gefunden und der zweite nur die Apostrophierung als ein «etwas temperamentvoller Bericht»<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-4166">Monatsblatt für das reformierte Volk des Aargaus, Jg. 24 (1914), Nr. 1, Januar 1914, S. 7</bibl>.</note>, erfuhr der dritte nun deutlichen Widerspruch. Das <orgName ref="kbga-actors-9033">Zofinger Tagblatt</orgName><note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-4164">Zofinger Tagblatt, Jg. 42, Nr. 91 vom 21.4.1914, S. [2]</bibl>.</note> zitierte mit der Spitzmarke «Die <term key="Spielbankinitiative">Spielbankinitiative</term> in der Synode» den entsprechenden Passus aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Artikel und kommentierte: Die Synode «hatte aber vollkommen recht». Sie «hat wichtigeres zu tun, als sich mit diesem Hornberger Schießen zu befassen». Mit der Spitzmarke «Die reformierte Kirchensynode auf der Anklagebank» druckten die <orgName ref="kbga-actors-4529">Aargauer Nachrichten</orgName><note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4163">Aargauer Nachrichten, Jg. 60, Nr. 107 vom 21.4.1914, S. [2]</bibl>.</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Synoden-Bericht ab und schlossen die Vermutung an: «Es ist kaum zu erwarten, daß die Synode diese scharfen Hiebe auf sich sitzen läßt.» Das <orgName ref="kbga-actors-4530">Aargauer Tagblatt</orgName><note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-4165">Aargauer Tagblatt, Jg. 68, Nr. 110 vom 24.4.1914, S. 2f.</bibl></note> gibt «einem außerkantonalen Aargauer» Gelegenheit, «nachdrücklich gegen diese Art der Berichterstattung zu reklamieren». <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Artikel verdiene, «energisch zurückgewiesen zu werden. Schon frühere Berichte aus derselben Feder waren in einem nörgelnden Ton geschrieben, der letzte übersteigt alles bisher Dagewesene.» In den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> erschien am <date when="1914-04-22">22. April 1914</date><note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-4129">BN, Jg. 70, Nr. 183 vom 22.4.1914 (1. Blatt), S. [1]</bibl>.</note> eine mit F. gezeichnete «kurze Entgegnung», die unterstrich, «wie viele Fortschritte» im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> «in den letzten 15 Jahren erzielt worden sind auf <term ref="kbga-keywords-33">kirchlichem</term> Gebiet», und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «übertriebenen <term ref="kbga-keywords-1372">Pessimismus</term>» kritisierte. Ebenfalls in den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> replizierte am <date when="1914-04-24">24. April 1914</date><note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-4129">BN, Jg. 70, Nr. 187 vom 24.4.1914 (1. Blatt, 1. Beilage), S. [3]</bibl>.</note> Pfarrer <persName ref="kbga-actors-735">Richard Preiswerk</persName> aus <placeName ref="kbga-places-427">Umiken</placeName> im Aargau: <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bericht sei «so obenhin und einseitig, daß eine Richtigstellung nicht kann vermieden <pb xml:id="p004" ed="pga"/> werden». Eine «Behandlung der <term key="Spielbankinitiative">Spielbank-Angelegenheit</term>» sei nur aus zeitlichen Gründen nicht möglich gewesen. «Die betreffende Synodalsitzung war eben eine sogenannte konstituierende Sitzung, das heißt für die vorzunehmenden Wahlen bestimmt». <persName ref="kbga-actors-735">Preiswerk</persName> rügte insbesondere, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> keine der Möglichkeiten wahrgenommen habe, im Vorfeld auf die Wahlen Einfluss zu nehmen, und erwähnt ausdrücklich, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in der «Vorversammlung» des «Synodalvereins der Rechten und der Mitte» «willkommen gewesen» wäre. «Aber leider, ‹null, null›, nichts von alledem; er ist nicht gekommen, er hat nichts getan, er hat nicht geredet, er hat dann nur seinen ungezügelten Bericht geschrieben.» «Herr <persName ref="kbga-actors-2151">K. B.</persName> sei versichert, für das Hohe und Gute und Rechte, das in ihm ist, und das er will, ist viel Sympathie und Verständnis und Empfänglichkeit vorhanden. Aber so lange er meint, ‹Händel› sei ‹Leben› und ‹Händelsucht› ‹Eifer für das Reich <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term>› und ein so jugendlich, fast studentenhaft vergnüglich ersehnter ‹großer grundsätzlicher Krach› bringe ‹Erlösung›, so lange wird er nicht ‹wirken›, sondern ‹rumoren› und nicht Erfolg, sondern Enttäuschung erleben, denn ‹Es wird niemand gekrönt, er kämpfe denn recht› [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.5">2.Tim. 2,5</ref>], und: ‹Ohne Mich könnt ihr nichts tun› [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.5">Joh. 15,5</ref>].» Die <orgName ref="kbga-actors-4529">Aargauer Nachrichten</orgName><note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-3915"><hi rend="italic">Reformierte Kirchensynode</hi>, in: Aargauer Nachrichten, Jg. 60, Nr. 111 vom 25.4.1914, S. [2]</bibl>.</note> verbuchten die von ihnen vorausgesehene «­<hi>Antwort</hi> auf die Ausfälle eines <persName ref="kbga-actors-2151">K. B.</persName> in den ‹<orgName ref="kbga-actors-5804">Basl. Nachr.</orgName>›», indem sie einen größeren Teil der Replik <persName ref="kbga-actors-735">Preiswerks</persName>, der «dem Heißsporn kaltes Wasser auf den Kopf» geschüttet habe, abdruckten und abschließend kommentierten: «Das nennt man eine sanfte biblische Abfuhr. In der Tat ist es schwer begreiflich, wie man sich über die reformierte Synode aufregen kann, welche nicht dazu angetan ist, den <term ref="kbga-keywords-809">Zorn</term> Jehovas auf sich herabzubeschwören, ist sie doch die personifizierte Harmlosigkeit. Des Eifers aber, den gewisse junge Elemente in sie hineintragen möchten, kann sie füglich entbehren. Darin hat Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-735">Preiswerk</persName> recht.»</p>
          <p> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Mutter <persName ref="kbga-actors-18">Anna Barth</persName> kommentierte auf einer Postkarte an ihren Sohn vom <date when="1914-04-24">24. April 1914</date><note xml:id="n09"><ref type="kba-objects-id" target="8512">KBA 9314.58</ref>.</note>: «Der <persName ref="kbga-actors-2151">KB</persName> hat überall kräftige Antworten erhalten. Ich kann nicht sagen dies sei unverdient. <persName ref="kbga-actors-2151">KB</persName> muß den Ton ändern, sonst wird er nicht mehr Ernst genommen u. das wäre <pb xml:id="p005" ed="pga"/> schade.» Und sie fügte besorgt an: «Gelt, aber in jedem Fall antwortest du in keiner Zeitung.» Eine Duplik in den <orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName> hielt Karl Barth jedoch für unerlässlich. Sie erschien am <date when="1914-04-28">28. April 1914</date><note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-4129">BN, Jg. 70, Nr. 193 vom 28.4.1914 (1. Blatt, 2. Beilage), S. [3]</bibl>.</note>: «Nochmals die letzte Sitzung der aargauischen Synode» (s. unten <ref type="pub" target="../volume/48/p033#p033">S. 33–35</ref>) und gab wiederum Anlass zu einer Zuschrift im <orgName ref="kbga-actors-9033">Zofinger ­Tagblatt</orgName><note xml:id="n11"><bibl corresp="kbga-bibls-4164">Zofinger Tagblatt, Jg. 42, Nr. 99 vom 30.4.1914, S. [2]</bibl>.</note>: «Es muss gehetzt werden». Ein Gegner der «<term key="Spielbankinitiative">Glücksspiel-Initiative</term> gegen die harmlosen Vergnügungen an den schweizerischen Fremdenorten» polemisiert gegen deren Verfechter, den «<term key="Karl Barth(, Pfarrer)">sozialistischen</term> <term key="Karl Barth(, SPS-Mitglied/Sozialist)">Pfarrherrn</term> im Bezirk <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName>»: «Da der betr. Nörgler, der auch in seiner Gemeinde wenig zum Frieden wirkt, in der Synode eine Abfuhr erlitten, fällt er in unberechtigten Kritiken in den frommen Basler Blättern über diese selbst her. Es ist merkwürdig, wie gering die Synode auf einmal im Ansehen dieses ‹bart›-losen Herrn steht. Er weist ihr nun ‹neue Wege›, welche dazu angetan sind, das ‹schöne Verhältnis in seiner Pfarrei› auch auf andere auszudehnen, welche bis jetzt sehr gut mit ihrem geistlichen Hirten ausgekommen.» «Also Krach an allen Enden wäre des Dieners Gottes liebste Unterhaltung.» Mit der Spitzmarke «<term key="Spielbankinitiative">Glücksspiel-Initiative</term> u. Kirchensynode» erschien am <date when="1914-05-04">4. Mai 1914</date> im gleichen Blatt<note xml:id="n12"><bibl corresp="kbga-bibls-4164">Zofinger Tagblatt, Jg. 42, Nr. 102 vom 4.5.1914, S. [2]</bibl>.</note> eine Entgegnung, die hervorhebt, dass es bei der Initiative «nicht um einen Polizeiparagraphen» gehe, «sondern um die Respektierung der Verfassung»<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p313#fn_n09">S. 313, Anm. 9</ref></bibl>, und unten <ref type="pub" target="../volume/48/p021#p021">S. 21</ref>.</note>. «Wenn nun ein <term key="Karl Barth(, Pfarrer)">Pfarrer</term> unseres Bezirks, gleichviel, ob er rötlich angehaucht sei, sich dieser Sache annimmt, so ist es durchaus nicht am Platz, ihn deshalb öffentlich herunterzuputzen.» Für und Wider abwägend, schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schulfreund <persName ref="kbga-actors-783">Willy Spoendlin</persName> am <date when="1914-05-05">5. Mai 1914</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName><note xml:id="n14"><ref type="kba-objects-id" target="8521">KBA 9314.61</ref>.</note>: «Deine Polemik betr. Synode habe ich mit Interesse verfolgt. Ich begreife Deinen Ärger über Deine Aargauischen Amtsbrüder sehr gut. Es war nur schade, daß Du in Deinem letzten Artikel gegen Pfr. <persName ref="kbga-actors-735">Preiswerk</persName> auf den Schluß hin zu persönlich geworden bist. Man hat die persönliche Verstimmung zu gut herausgemerkt und das hat, wenigstens hatte ich den Eindruck, der Wirkung der Ausführungen am Anfang, die gewiß sehr gut waren, geschadet. Daß es zum aus der Haut fahren ist, bezweifle ich keinen Augenblick.»</p>
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          <pb xml:id="p006" ed="pga"/>
          <head>Aargauische reformierte Kirchensynode</head>
          <p> Auf den <date when="1914-04-16">16. April</date> ist sie zusammenberufen worden, die neugewählte aargauische <term key="Synode, aargauische">Synode</term>, nachdem die alte, wie der freundliche Leser sich vielleicht erinnert, im <date to="1913-12-31" from="1913-12-01">Dezember</date> ein unrühmliches Ende genommen hat<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p716#p716">S. 716–722</ref></bibl>.</note>. Wird es nun anders gehen? Wird es auch in der aargauischen <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> einmal Frühling werden, neues Leben blühn aus den Ruinen<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 4. Aufzug, 2. Szene, V. 2427</bibl>.</note>? Solches zweifelhaft und doch hoffnungsvoll bedenkend, zogen wir in den Aarauer Großratssaal ein, in dem noch vor wenig Wochen der Geist <persName ref="kbga-actors-664">Lhotzkys</persName> geweht hatte<note xml:id="n17">Der religiöse Schriftsteller <persName ref="kbga-actors-664">Heinrich Lhotzky</persName> (1859–1930) hielt am 10. März 1914 im Großratssaal, der Versammlungsstätte des Aargauer Kantonalparlaments, in dem auch die Kirchensynode tagte, einen <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>-Vortrag: <bibl corresp="kbga-bibls-3919">H. Lhotzky, <hi rend="italic">Der Apostel Paulus</hi>, in: <hi rend="italic">Die XVIII. Christl. Studenten-Konferenz. Aarau 1914. Den 9. bis 11. März</hi>, Bern 1914, S. 43–64</bibl>.</note>. Sagen wir’s nur gleich: es war wieder nichts, gar nichts, Null! Noch fliegen die Raben um den Berg.<note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3921"><persName ref="kbga-actors-1398">Fr. Rückert</persName>, «Barbarossa», Str. 7 und 8</bibl>.</note> Wie lange noch? Es ist mir wie ein böser Traum, wenn ich an diesen verlorenen Nachmittag in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> zurückdenke.</p>
          <p>Zuerst <hi rend="italic">Wahlen</hi><note xml:id="n19">Vgl. das <bibl type="archival">Protokoll der reformierten Synode des Kantons <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName>. 1894-1919 (im <orgName ref="kbga-actors-9770">Archiv der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Aargau</orgName>, Aarau), S. 399f.</bibl></note>: ins Bureau<note xml:id="n20">Präsident, Vicepräsident, Sekretäre und Stimmzähler der Synode.</note>, in den Kirchenrat, in die Geschäftsprüfungskommission. Dauer: über zwei Stunden! Resultat: Die Bisherigen, fast bis auf den letzten Sessel die Bisherigen! Die beiden dominierenden Coterien<note xml:id="n21">= Cliquen, Seilschaften. Im 19. Jahrhundert meist in pejorativem Sinn für eine weniger auf gemeinsame Grundsätze als auf persönliche Beziehungen gegründete Richtung oder Gruppe in der Politik, der Kunst oder der Publizistik verwendet.</note>, die «freisinnige» und die «der Rechten und der Mitte» hatten wieder alles vorher abgemacht, und die beiden Listen lauteten wörtlich gleich. So herrlich, friedlich und interessant sind die kirchlichen Verhältnisse im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName>! Man schimpft zwar ein wenig aufeinander, wenn jeder Teil unter sich ist – ein «Druckfehler»<note xml:id="n22">Der «Druckfehler» auf dem «Vorschlag des freisinnig-kirchlichen Vereins» bestand darin, dass die Stelle des Namens eines der wieder vorzuschlagenden «Bisherigen» leer geblieben war und der Name handschriftlich nachgetragen werden musste.</note> <pb xml:id="p007" ed="pga"/> der freisinnigen Liste warf auf diese Tatsache ein heiteres Schlaglicht –, aber keine der beiden Parteien findet den moralischen <term key="Mut, moralischer">Mut</term>, zu tun, was sie im Herzensgrund eigentlich tun möchte, nämlich gewisse Kandidaten der Gegenpartei zu streichen. Und die rechten Leute, an denen es durchaus nicht fehlt, zeigen keine Lust, sich als Kampfkandidaten aufstellen zu lassen. Also nur immer weiter, ohne Fahne und ohne Grundsatz, hüben und drüben! <foreign xml:lang="lat">Quieta non movere</foreign>!<note xml:id="n23">Zu den Wurzeln des von <persName ref="kbga-actors-500">Otto von Bismarck</persName> am <date when="1891-04-14">14. April 1891</date> in einer Rede zitierten «alten, guten politischen Sprichworts» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 469</bibl>.</note> über alles. Die Bisherigen, ach die kirchliche Eintracht! Die Bisherigen – Null, Null!</p>
          <p>Dann der <hi rend="italic">Antrag <persName ref="kbga-actors-541">Epprecht</persName></hi><note xml:id="n24"><bibl type="archival">Protokoll, S. 400f.</bibl></note>: Die Synode soll für die <term key="Spielbankinitiative"><hi rend="italic">Spielbankinitiative</hi></term> ein Votum abgeben und der Kirchenrat ein ermunterndes Schreiben an die Pfarrämter und Kirchenpflegen ergehen lassen. Selbstverständlichkeiten im Grunde: in der <term key="Spielbankinitiative">Spielbankfrage</term> können doch alle auch nur einigermaßen erfreulichen Leute nur <hi rend="italic">einer</hi> Meinung sein. Vollends wird doch eine Versammlung von Pfarrern und anderer «kirchlich Interessierter», wie man so nett sagt, sich nicht lange fragen, was sie zu tun hat. Selbstverständlich in <placeName ref="kbga-places-139">Neuenburg</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, im Berner Synodalrat<note xml:id="n25">Über diese und andere kirchliche Stellungnahmen berichtet mit Verweis auf weitere Berichte und Aufsätze <bibl corresp="kbga-bibls-3920"><persName ref="kbga-actors-772">R. Schwarz</persName>, <hi rend="italic">Das kirchliche Leben der Schweiz vom Bettag 1913 bis Pfingsten 1914</hi>, in: KBRS, Jg. 29 (1914), S. 101–103.105–107.109–111.113–115, dort S. 101f.</bibl></note>, <hi rend="italic">nicht</hi> selbstverständlich im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName>. Pfr. <persName ref="kbga-actors-5030"><hi rend="italic">Widmer</hi></persName> (freis.<note xml:id="n26">= freisinnig.</note>): Der Kirchenrat hat die Sache noch nicht geprüft, ohne das können wir heute (die nächste Sitzung findet im Herbst statt!) noch keinen Beschluss fassen. Pfr. <persName ref="kbga-actors-9768"><hi rend="italic">Buhofer</hi></persName> (freis.): Das letzte Mal haben bei Behandlung dieser Frage viele den Saal verlassen, so dass die Synode beschlussunfähig wurde.<note xml:id="n27">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p721#p721">S. 721</ref></bibl>.</note> Das war eine Blamage. Eine solche wollen wir diesmal vermeiden. Also wollen wir lieber auf den Antrag nicht eintreten. Pfr. <persName ref="kbga-actors-9769"><hi rend="italic">Hassler</hi></persName> (freis.): Ähnliches. Abstimmung<note xml:id="n28">Den «Antrag auf Eintreten» hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> gestellt.</note>: 31 Stimmen für Eintreten, 65 dagegen. Schluss der Sitzung um ½ 5 Uhr. – Null, Null, Null!</p>
          <p><pb xml:id="p008" ed="pga" rend="noPipe"/> Wann wird es anders werden? Wann werde ich keine solchen betrüblichen Berichte mehr nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> schicken müssen? Wenn wir einmal einen Krach bekommen, ich meine <hi rend="italic">einen großen erlösenden grundsätzlichen Krach</hi>, mitten hinein in unsere Schlafmützigkeit, die alles Sensorium für wichtig und unwichtig verloren zu haben scheint. Dann wird’s anders, vorher nicht.</p>
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