<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-48006">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Aufruf an die sozialdemokratischen Organisationen</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Aufruf an die sozialdemokratischen Organisationen, 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48006 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 30–32.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48006</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Aufruf an die sozialdemokratischen Organisationen</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
          <biblScope unit="page">30-32</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">6</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Aufruf an die sozialdemokratischen Organisationen des Kantons Aargau, 20. April 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5397">KBA 49</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1914">1914</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>paper</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:15+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:15+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="letter">
        <pb xml:id="p030" ed="pga"/>
        <head>AUFRUF AN DIE <lb/>SOZIALDEMOKRATISCHEN ORGANISATIONEN</head>
        
          <head type="sub">
            <date when="1914">1914</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Einleitung s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p021#p021">S. 21–25</ref>.
          </p>
        </div>
        <div>
          <head>Aufruf an die <lb/>sozialdemokratischen Organisationen</head>
          <salute>Werte Freunde!</salute>
          <p>Wie Ihr wisst, ist gegenwärtig in der ganzen <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> eine Bewegung im Gang mit dem Zweck, dem <term key="Spielbankinitiative"><hi rend="italic">Spielbankartikel</hi></term> (§ 35) unserer <bibl corresp="kbga-bibls-2496">Bundesverfassung</bibl> eine klarere Form zu geben, sodass er in Zukunft nicht mehr soll umgangen werden können. Es haben sich nämlich trotz des Verbots der <bibl corresp="kbga-bibls-2496">Bundesverfassung</bibl> im Schatten der sogenannten <hi rend="italic">Kursäle</hi> in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>, <placeName ref="kbga-places-1346">Montreux</placeName>, <placeName ref="kbga-places-389">Interlaken</placeName>, <placeName ref="kbga-places-525">Thun</placeName>, <placeName ref="kbga-places-160">Baden</placeName>, <placeName ref="kbga-places-435">Luzern</placeName>, <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, <placeName ref="kbga-places-555">Locarno</placeName>, <placeName ref="kbga-places-548">Lugano</placeName> <hi rend="italic">Glücksspielbetriebe</hi> eingenistet, die sich nur durch die niedrigeren Einsätze von der berüchtigten Spielhölle in <placeName ref="kbga-places-1347">Monte Carlo</placeName> und ähnlichen Orten unterscheiden. Der schweizerische <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-7798">Bundesrat</orgName></hi> hat diese Betriebe durch ein in jeder Hinsicht sehr anfechtbares Reglement förmlich <hi rend="italic">anerkannt.</hi> Wenn das Schweizervolk nicht will, dass diese eigenartige Form des <term ref="kbga-keywords-163">Kapitalismus</term> endgültig bei uns Boden fasse und noch ganz andern Umfang annehme als bisher, so ist es höchste Zeit, sich dagegen zur Wehr zu setzen.</p>
          <p>Wir brauchen Euch wohl kaum erst darüber aufzuklären, warum wir als sozial Gesinnte dabei sein müssen, wenn da Ordnung geschaffen wird. Wer auch nur einen Augenblick <hi rend="italic">nachdenkt</hi> über die Sache, muss sich sagen, dass die Spekulation auf die Spielleidenschaft und Dummheit des Publikums und der Gelderwerb durch Zufall, die das Wesen dieser Spiele ausmachen, gerade <hi rend="italic">vom sozialen Standpunkt aus unbedingt bekämpft werden müssen</hi> und dass darum alle, die ernsthaft auf diesem Standpunkt stehen, energisch dafür eintreten müssen, dass die betreffende Verfassungsbestimmung eine solche Form erhalte, dass ihr in Zukunft nachgelebt werden <hi rend="italic">muss.</hi></p>
          <p>Ihr werdet Euch nicht irre machen lassen durch das <hi rend="italic">Geschwätz</hi> von gewisser Seite, es handle sich bei dieser <term key="Spielbankinitiative">Initiative</term> um eine Polizeimaßregel <hi rend="italic">gegen die sittliche (!) Freiheit des Einzelnen</hi> («Muckerinitiative»)<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-4176">Der Schweizer Abstinent. Wochenzeitung für die Volkswohlfahrt, Jg. 9, Nr. 11 vom 12.3.1914, S. 47</bibl>, berichtet in der Rubrik «Wochenschau» vom Versuch, die Volksinitiative «als ein Werk von Stündelern und Muckern hinzustellen», d. h. von Teilnehmern an pietistischen «Stunden» und Anhängern der Erweckungsbewegung.</note>, und die Glücksspiele seien nötig im <hi rend="italic">Interesse unserer Frem<pb xml:id="p031" ed="pga" break="no"/>denindustrie.</hi> Es ist interessant genug, dass fast <hi rend="italic">die gleichen Einwände von der gleichen Seite</hi> auch bei den Debatten über das neue Fabrikgesetz immer wieder erhoben worden sind. Sie sind <hi rend="italic">hier so hinfällig wie dort.</hi> Freiheit zu Spekulationen auf die Schwachheit oder Torheit der Andern verdient die schöne Bezeichnung «<term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>» nicht, sie ist <term ref="kbga-keywords-1487">Ausbeutung</term> und Willkür, gegen die wir im Namen der <hi rend="italic">wahren</hi> Freiheit protestieren. Und die Behauptung, dass unsere Fremdenindustrie ohne diese Glücksspiele zu Grunde gehen müsse, ist gerade so unwahr wie die andere, dass unsere schweizerische Fabrikindustrie zu Grunde gehen werde an den Fortschritten der <term key="Sozialpolitik">Sozialpolitik</term>. Das Beispiel <orgName ref="kbga-actors-9047"><term key="Deutschland, Wirtschaft">Deutschland</term>s</orgName>, das bei einem blühenden Fremden- und Bäderwesen <hi rend="italic">keine</hi> Glücksspiele duldet, das Beispiel von <orgName ref="kbga-actors-10154">Zermatt</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-10155">Ragaz</orgName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> beweisen es. Es ist ferner nicht wahr, es könne uns gleichgültig sein, wenn die reichen Fremden sich in unsern Spielsälen rupfen lassen. Das kann uns <hi rend="italic">nicht</hi> gleichgültig sein: Erstens, weil es bei uns nur <hi rend="italic">ein Recht</hi> geben soll, für Arme und Reiche, für Schweizer und Fremde; zweitens weil nachgewiesenermaßen auch unbemittelte Einheimische oft genug diesen Spielen frönen und dadurch in Schaden und Schande geraten. Und auch das ist nicht richtig, wenn man sagt, gerade so gut müsse der <hi rend="italic">«Jass»</hi> und ähnliche Spiele unterdrückt werden. Ein aufgeklärter <term key="Arbeiter">Arbeiter </term>wird zwar sicher kein Gewohnheitsjasser sein, er hat Zeit und Geld besser zu verwenden; aber wir denken nicht daran, Besserungen auf diesem Gebiete persönlicher <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term> auf gesetzgeberischem Wege zu erzielen, sie müssen auf andere Weise kommen. Die Glücksspiele in unsern Kursälen aber sind <hi rend="italic">ein öffentliches soziales Übel</hi> und darum können und müssen wir politisch gegen sie vorgehen.</p>
          <p>Es ist hocherfreulich, dass sich der <hi rend="italic">Parteivorstand der schweizerischen <term key="Sozialdemokratische Partei der Schweiz"><orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratie</orgName></term></hi> und die <hi rend="italic">Geschäftsleitung der aargauischen sozialdemokratischen Partei</hi> bereits <hi rend="italic">für die <term key="Spielbankinitiative">Initiative</term></hi> ausgesprochen haben.<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4387"><hi rend="italic">Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei 1914</hi> (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p009#fn_n01">S. 9, Anm. 1</ref>), S. 21 und S. 95</bibl></note> Im Einverständnis mit der Geschäftsleitung treten wir darum an <pb xml:id="p032" ed="pga"/> die aarg. sozialdemokratischen Organisationen heran mit dem Ersuchen, sie möchten kräftig für diese Initiative einstehen. Von den <hi rend="italic">herrschenden Kreisen</hi> in unserm Kanton ist auch in diesem Fall wenig oder nichts zu erwarten. Die Haltung unserer tonangebenden Presse und die Zweidrittelsmehrheit gegen die <term key="Spielbankinitiative">Initiative</term> in der reformierten Kirchensynode<note xml:id="n03">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/48/p007#p007">S. 7</ref>.</note> beweisen es. Umsomehr müssen <hi rend="italic">die wahrhaft lebendigen und fortschrittlichen Elemente</hi> in unserem Volk, vor allem die organisierte <term ref="kbga-keywords-1464">Arbeiter</term>schaft und die Abstinenten aller Richtungen zusammenstehen, um dafür zu sorgen, dass der Aargau in dieser Sache nicht mit Unehren dastehe. Es werden demnächst allen sozialdemokratischen Organisationen die <hi rend="italic">Initiativbogen</hi> samt genauen Anleitungen zugehen, und wir bitten Euch, die Unterschriftensammlung sofort und mit Energie in Angriff zu nehmen. Sie muss bis zum <date when="1914-05-31">31. Mai</date> <hi rend="italic">beendigt</hi> sein.</p>
          <p>Wir grüßen die Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter!</p>
          
          <closer>
<dateline><hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></hi>, <date when="1914-04-20">20. April 1914</date>.
</dateline>
          <signed rend="list">Für das aargauische Aktionskomitee gegen die Spielbanken:<lb/>
          <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName></hi>, Pfr.</signed>
        </closer>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
