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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie, 1914 – 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48019 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 100–104.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
          <biblScope unit="page">100-104</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie, kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/683">KBA 12067</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" from="1914" to="1915">1914 – 1915</date>
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        <head>THOMAS MANN. <term key="Buddenbrooks">BUDDENBROOKS</term>. <lb/>VERFALL EINER FAMILIE</head>
        
          <head type="sub"><date when="1914">1914</date>/<date when="1915">1915</date></head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Entstehungszeit und Anlass des kleinen Referats über <bibl corresp="kbga-bibls-2695"><persName ref="kbga-actors-1125">Thomas Manns</persName> «<term key="Buddenbrooks">Buddenbrooks</term>»</bibl> sind nicht überliefert. Doch weisen die Schrift der auf Vorder- und Rückseite eines Blattes im Oktavformat mit Tinte notierten Bemerkungen ebenso wie deren Stil und Inhalt auf die Zeit um <date to="1915" from="1914">1914/1915</date>.
          </p>
          <p>
            Unübersehbar ist jedenfalls der Abstand von den Eindrücken der ersten Lektüre, über die <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> am <date when="1908-11-22">22. November 1908</date> aus <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> an den Vater geschrieben hatte<note xml:id="n01"><ref type="kba-objects-id" target="7364">KBA 9208.60</ref>.</note>: Nach der Lektüre von <bibl corresp="kbga-bibls-5386"><persName ref="kbga-actors-9920">Selma Lagerlöfs</persName> «Gösta Berling»</bibl> («mörkwürdig [sic!] aber doch fein») sei er nun «an den Buddenbrooks von <persName ref="kbga-actors-1125">Mann</persName> und entsetze» sich «über diesen Realismus, der nicht versäumt, seine Helden nach dem Essen das Gilet öffnen zu lassen – genau so wie ich es gelegentlich zu Kästlis [<persName ref="kbga-actors-27">Peter Barths</persName>] ästhet. Verdruß thue». Die kritische Einordnung des Romans hatte in einem Brief an seinen Studienfreund <persName ref="kbga-actors-656">Otto Lauterburg</persName> vom <date when="1908-11-24">24.11.1908</date> ebenso gelautet<note xml:id="n02"><ref type="kba-objects-id" target="7365">KBA 9208.61</ref>.</note>: «Ich las gestern die ‹Buddenbrooks› von <persName ref="kbga-actors-1125">Mann</persName>, einen Roman von einem abscheulich ins Detail gehenden Realismus mit <persName ref="kbga-actors-2676">Schopenhauer’scher</persName> Tendenz, den Frau Prof. <persName ref="kbga-actors-739">Rade</persName> außerordentlich schätzt.» «Als Gegengift habe ich soeben <bibl corresp="kbga-bibls-495"><persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> Monologen</bibl> eingenommen und befinde mich infolgedessen so wohl, daß ich ohne die geringste Besorgnis der Nachtruhe entgegengehen kann».
          </p>
          <p>Während <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in diesen Äußerungen den Roman noch mit dem im Allgemeinsinn gebrauchten Stichwort «Realismus» kennzeichnet, ordnet er ihn in den vorliegenden Notizen richtiger dem literarischen «<term key="Naturalismus">Naturalismus</term>» zu – um freilich sofort klarzustellen, dass die wirkliche Bedeutung des Werkes, möglicherweise «ohne die Absicht des Verfassers», <hi rend="text-recte">nicht</hi> in der «Durchführung einer <term key="Naturalismus">naturalist. </term> These» liegt. Die beiden Begriffe, mit denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Erkenntnis beschreibt, die nach seiner Meinung aus den «<term key="Buddenbrooks">Buddenbrooks</term>» eigentlich zu gewinnen ist, zeigen ihn auf einem Weg, der an anderen Safenwiler Texten deutlicher wird.</p>
          <p><pb xml:id="p101" ed="pga" rend="noPipe"/> Zum einen handelt es sich um den Begriff des <hi rend="text-recte"><term key="Bourgeoisie">Bourgeois</term>:</hi> es ist die «Klasse» der <hi rend="text-recte">«<term key="Bourgeoisie">Bourgeoisie</term>»,</hi> deren Problematik <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in <persName ref="kbga-actors-1125">Manns</persName> Roman dargestellt findet. Dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht einfach den Bürger, sondern – Gegenstand und Aussage der «<term key="Buddenbrooks">Buddenbrooks</term>» vielleicht nicht ganz genau treffend – ausdrücklich den <term key="Bourgeoisie"><hi rend="text-recte">Bourgeois</hi></term> behandelt sieht, mag mit dem Studium der sozialen Frage zusammenhängen, auf die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> näher durch die Lektüre der Schriften <persName ref="kbga-actors-778">Werner Sombarts</persName> aufmerksam geworden war, mit denen er sich in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> und dann vor allem in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> beschäftigte. Doch gebraucht <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den Begriff hier nicht in der scharfen Prägung, in der er sich bei <persName ref="kbga-actors-778">Sombart</persName> findet, der unter der Bourgeoisie diejenige Klasse versteht, die die Interessen des <term ref="kbga-keywords-163">kapitalistischen</term> Wirtschaftssystems vertritt. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hingegen verwendet das Wort hier eher in einem sozialanthropologischen als in politisch-ökonomischem Sinn. Darin könnte sich zeigen, daß er zur Zeit der Abfassung dieser Notizen näher bei einer allgemeinen Analyse steht, noch nicht bei den politisch-wirtschaftlichen Folgerungen, die er später zog.</p>
          <p>Der andere für <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Entwicklung aufschlussreiche Begriff aus diesem Referat wird erst in späteren Safenwiler Texten – dann freilich fast als ein Leitwort – entfaltet: Es ist das Wort «<term ref="kbga-keywords-56">Leben</term>», genauer: «<hi rend="text-recte">das</hi> Leben» im Unterschied von «diesem Leben». Nicht in der Beschreibung des <term key="Götzen(, Götter)">Götzen</term>- und Idolcharakters der Firma ist das Besondere an <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Blick auf die «<term key="Buddenbrooks">Buddenbrooks</term>» zu finden – <persName ref="kbga-actors-9921">H. Meyer-Benfey</persName> etwa hatte schon <date when="1904">1904</date> in diesem Zusammenhang die Worte «religiöse Pietät», «<term key="Glaube">Glaube</term>», «Glaubensgegenstand» und «Kult» gebraucht.<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-4324"><persName ref="kbga-actors-9921">H. Meyer-Benfey</persName>, <hi rend="italic">Thomas <persName ref="kbga-actors-1125">Mann</persName></hi> (1904), in: Kl. Schröter (Hrsg.), <hi rend="italic">Thomas <persName ref="kbga-actors-1125">Mann</persName> im Urteil seiner Zeit. Dokumente 1891-1955</hi> <persName ref="kbga-actors-1125">(Thomas-Mann</persName>-Studien, 22. Bd.), Frankfurt am Main 2000<hi rend="sup">2</hi>, S. 30–37, dort S. 32</bibl>.</note> Das Besondere liegt in der Weise, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Wirkung dieses «blos formalen <term key="Ideal">Ideals</term>» als Verfehlen <hi rend="text-recte">des Lebens</hi> im Leben zu fassen versucht.</p>
          <p>
            So gewinnt man den Eindruck, der Text gehöre in die ersten Jahre der erneuten Besinnung auf die Grundlagen, zwei Themen anschlagend, die zu wichtigen Motiven der theologisch-pastoralen Arbeit <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in den folgenden Jahren wurden. Vermutlich war er für einen Abend im <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen <term key="Blaues Kreuz">Kreuz</term></orgName> bestimmt, an dessen Versammlungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu sehr verschiedenen Themen vorgetragen hat.<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p572#p572">S. 572</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/22/p690#p690">690–703</ref>.<ref type="pub-" target="../volume/22/p734#p734">734–738</ref></bibl>, und unten <ref type="pub" target="../volume/48/p118#p118">S. 118</ref>.<ref type="pub" target="../volume/48/p119#p119">119</ref>.<ref type="pub" target="../volume/48/p121#p121">121</ref>.<ref type="pub" target="../volume/48/p127#p127">127</ref>.<ref type="pub" target="../volume/48/p140#p140">140</ref>.<ref type="pub" target="../volume/48/p408#p408">408</ref>.</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> trat der christ<pb xml:id="p102" ed="pga" break="no"/>lichen Abstinenzbewegung im <date when="1911-10">Oktober 1911</date> bei, im <date when="1912-01">Januar 1912</date> wurde er Präsident des Safenwiler Vereins. Über die Blaukreuzversammlungen schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1912-08-07">7.8.1912</date> an <persName ref="kbga-actors-253">Wilhelm Loew</persName><note xml:id="n05"><ref type="kba-objects-id" target="8149">KBA 9212.56</ref>. Zu den «Positiven» und den «Reformern» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p026#p026">S. 26</ref></bibl>.</note>: 
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Recht munter gehts fortwährend im <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen <term key="Blaues Kreuz">Kreuz</term></orgName>, das mir vorläufig die andern üblichen christlichen Vereine ersetzt. [...] Hier ist es fast überall das sehr erwünschte Mittelstück zwischen Landeskirche und Gemeinschaftskreisen und zugleich eine Gelegenheit, wo man im populär-kultischen Rahmen einer «Stunde» praktisch über Alles reden kann, gewöhnlich mehr oder weniger aus dem Stegreif, resp. in der Art einer Konfirmandenstunde. Dazu singt man schmetternde Lieder englischen Charakters, die aber dem Volk sehr lieb sind. Die Pfarrer machen darum meistens mit, wenigstens «wir Positiven», nur die immer seltener werdenden Reformer (im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> fast lauter würdige Greise!) halten sich mißtrauisch fern.</hi></p>
        </div>
        <div>
          <head>Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-2695"><persName ref="kbga-actors-1125">Th. Mann</persName>, <hi rend="italic">Buddenbrooks. Verfall einer Familie.</hi> Roman, 2 Bde., Berlin 1901</bibl>; Seiten-Angaben im folgenden nach: <bibl corresp="kbga-bibls-4325"><hi rend="italic">Buddenbrooks. Verfall einer Familie</hi>, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Bd. 1.1, Frankfurt a.M. 2002<hi rend="sup">2</hi></bibl>.</note></head>
          <p>Geschichte von 4 Generationen einer norddeutschen Kaufmannsfamilie, <date when="1835">1835</date> beginnend ca. <date when="1880">1880</date> endend. Diese Familie ist der Typus der <term key="Bourgeoisie"><hi rend="italic">Bourgeoisie</hi></term> überhaupt und der Roman ist die Darstellung der Problematik dieser das 19. Jahrhundert charakterisierenden Klasse. Ihrem raschen Emporkommen entspricht ein ebenso rascher Zerfall. Beides entwickelt sich rasch und unaufhaltsam, weil ihrem Leben eigentlich <hi rend="italic">der Inhalt fehlt.</hi> Der Verf. weiß aber <hi rend="italic">nur den Zerfall</hi> zu schildern, das beste Zeichen dafür, daß auch er über s[eine] Zeit nicht hinaussieht, aber er kennt ihre Schwäche. <persName ref="kbga-actors-986">Gustav Freytags</persName> «Soll u. Haben»<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-2787"><persName ref="kbga-actors-986">G. Freytag</persName>, <hi rend="italic">Soll und Haben.</hi> Roman in sechs Büchern, 3 Bde., Leipzig 1855<hi rend="sup">1-4</hi></bibl>.</note> steht noch diesseits, die Buddenbrooks bereits jenseits des fruchtbaren kritischen Punktes, von dem aus das 19. Jahrhundert aus den Angeln zu heben wäre. Der <term ref="kbga-keywords-1371">Optimist</term> u. der <term ref="kbga-keywords-1372">Pessimist</term> verfehlen diesen Punkt gleicherweise.</p>
          <p><pb xml:id="p103" ed="pga" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">Ein <term ref="kbga-keywords-56">Leben</term>, das auf blos formale <term key="Ideal, formales">Ideal</term>e gegründet ist, ist dem Tode geweiht,</hi> das ist die Erkenntnis, die aus dem Roman hervorspringt. Möglicherweise ohne die Absicht des Verf[asser]s, dem es vielleicht mehr auf die Durchführung einer <term key="Naturalismus">naturalist. </term>These als auf die spezielle Kritik des <term key="Ideal, Kaufmannsideal">Kaufmannsideals </term>ankam. Jedenfalls ergiebt sich aus dem Roman diese <hi rend="italic">absolute</hi> Kritik der <term ref="kbga-keywords-380">Gesellschaft</term>. Das Thema wäre durchaus auch z.B. an einer Pfarrersfamilie durchzuführen gewesen.</p>
          <p>Ein formales Ideal drückt schon der Leitspruch der Familie Buddenbrooks aus: <foreign xml:lang="lat">dominus providebit</foreign> [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.22.8">Gen. 22,8</ref>]<note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-4325"><persName ref="kbga-actors-1125">Th. Mann</persName>, <hi rend="italic">Buddenbrooks</hi>, a.a.O., S. 47</bibl>.</note>, dem der Grundsatz des Gr[oß]vaters betr. der geschäftl[ichen] Ehrlichkeit entspricht<note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-4325">A.a.O., S. 62</bibl>: «Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.»</note>. Alles vortrefflich, aber der <hi rend="italic">Inhalt</hi> ist ja doch nur das Geld. Das wird verhüllt unter dem sakrosankten Begriff «Firma», dem bes. auch die weibl. Familienglieder religiöse Verehrung entgegenbringen. Mit diesem fatalen Inhalt, über dessen Art man sich fortwährend täuscht[,] steht und fällt nun Alles Andre: <term key="Religion">Religion</term>, <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term>, <term key="Leben, Lebensglück">Leben</term>sglück, <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term>, Arbeit, <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term>, <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term>. Geht es dem einen <term key="Götzen(, Götter)">Götzen</term> wohl, so florieren auch alle andern, fällt der eine, so erlöschen alle Lichter. Dieses System von gegenseitigen Bedingtheiten[,] das sich im Falle <term key="Buddenbrooks">Buddenbrooks</term> um das Idol «Geschäft» gruppiert, das aber auch anders gruppiert sein könnte, ist die fürchterliche Einsicht, die man aus diesem Buch gewinnt. Wie abhängig ist der Mensch von den <term key="Götzen(, Götter)">Göttern</term>, die er sich nach seinem Bilde gemacht hat! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hos.13.2">Hos. 13,2</ref>]</p>
          <p>Um der «Firma» willen widmen sich diese Menschen von früh auf einem Leben, das ihnen weder Zeit noch Interesse läßt für Dinge, an denen sie innerlich sich nähren könnten</p>
          <p>Um der Firma willen stürzen sie sich [in] den Gegensatz von wirklicher u. repräsentativer Moral</p>
          <p> Um der Firma willen sind sie verhindert, sich auf ein ganzes <term key="Christentum, ganzes">Chr[isten]t[um]</term> einzulassen (wobei ihnen die Pfarrer freundlich Dienst leisten!!)</p>
          <p>Um der Firma willen ruinieren sie sich gesundheitlich in einem kontrastreichen Lebenswandel</p>
          <p>Um der Firma willen verheiraten sie sich alle ohne Liebe u.s.f.</p>
          <p><pb xml:id="p104" ed="pga" rend="noPipe"/> Das kann als Ganzes nicht gut endigen. Senator Thomas B. ist der ausgezeichnete Typus dieses Verfalls u. s[eines] Grundes – sein in Allem entgegengesetzter Gegenspieler Christian B., dieser Schwächling u. Lüstling ist doch nur s. andres Ich, s. notwendige Ergänzung, bei dem offen zum Ausbruch kommt, was dort mühsam verhüllt ist. Darum der gegenseitige Haß der Brüder. In der einzigen guten Stunde s. Lebens (bei der Lektüre von <persName ref="kbga-actors-2676">Schopenhauer</persName>!!)<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-4325">A.a.O., S. 720–727</bibl>. Thomas Buddenbrook liest das Kapitel «‹Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich›» (<bibl corresp="kbga-bibls-4325">a.a.O., S. 722</bibl>) aus <bibl corresp="kbga-bibls-2631"><persName ref="kbga-actors-2676">Schopenhauers</persName> Werk <hi rend="italic">Die Welt als Wille und Vorstellung</hi> (Kapitel 41 der «Ergänzungen zum ersten Buche» im 1844 erschienenen 2. Band des Werkes)</bibl>.</note> wird auch Thomas kritisch gegen sein eigenes Ideal, zu einer Erneuerung kommt es nicht mehr, das Schicksal nimmt s. Lauf, aber im Verzicht auf <hi rend="italic">dieses</hi> Leben hat er wenigstens einmal <hi rend="italic">das</hi> Leben berührt u. erkannt.</p>
          <p> Das große Verdienst dieses Buches liegt in der Vollständigkeit[,] mit der alle Linien durchgeführt werden. So entsteht ein Bild von haarscharfer Notwendigkeit. Die Impotenz des <term key="Buddenbrooks">Buddenbrooks</term><term key="Ideal">-Ideals</term> wird rechnerisch bewiesen. Von den ersten Zeilen an ist das Gericht da u. keinen Moment kann der Leser zögern in der Erkenntnis, daß es so nicht geht.</p>
          <p>Der Schritt vom Ernst des <hi rend="italic">Todes</hi> zum Ernst der <hi rend="italic">Ewigkeit</hi> freilich wird nicht getan.</p>
        </div>
      </div>
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