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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Kriegszeit und Gottesreich</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Kriegszeit und Gottesreich, 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48031 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 177–210.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Kriegszeit und Gottesreich</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Kriegszeit und Gottesreich. Vortrag am 15. November 1915 vor der "Vereinigung unabhängiger Kirchgenossen" in Basel.  , kein Datum. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/685">KBA 12071</ref>. </bibl>
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        <head>KRIEGSZEIT UND GOTTESREICH</head>
        
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            <date when="1915">1915</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Der Vortrag über «<term key="Krieg, und Reich Gottes">Kriegszeit </term>und <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreich</term>» ist zum einen biographisch eine vorläufige Rechenschaft und Summe <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> in der ihn seit dem <date when="1914-08">August 1914</date> immer stärker beschäftigenden Suche nach neuen theologischen Grundlagen, als solche ein Zwilling des «Antrags betr. Abschaffung des Synodalgottesdienstes»<note xml:id="n01">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/48/p164#p164">S. 164–176</ref>.</note>, der eine ausdrückliche Vergewisserung über den inzwischen gewonnenen Standort in und gegenüber der Kirche darstellt. Der Vortrag hat jedoch zum andern auch einen wichtigen zeit- und theologiegeschichtlichen Kontext: Im Jahr <date when="1915">1915</date> hatte es die ersten beiden <term key="Dienstverweigerung">Militärdienstverweigerungen</term> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> gegeben.<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3449">M. Mattmüller  II, S. 274, und überhaupt S. 273–290</bibl>.</note> In der Juni-Nummer der «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName>» hatte <persName ref="kbga-actors-661">Robert Lejeune</persName> den ersten Fall<note xml:id="n03">Der Name «des Bauern und Artilleriefahrers» (<bibl corresp="kbga-bibls-3449">Mattmüller II, S. 274</bibl>), der zur Sekte der «Antonianer» gehörte, wurde nicht publiziert.</note> mit bitterer Ironie kommentiert:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Wie ein seltsames Kuriosum wird der <term key="Antimilitarismus">Antimilitarist</term> betrachtet; da seine Ansichten aber auch gar zu wunderlich sind, läßt man ihn erst von einem Psychiater auf seinen Geisteszustand untersuchen. […] Doch – der Mensch ist geistig normal, trotz seiner wunderlichen Ansichten! Kein Anzeichen von Geistesstörung, keine Anklänge an Wahnideen, trotz seines wunderlichen Benehmens! Indessen lassen sich diese Wunderlichkeiten daraus erklären, daß er einer gar wunderlichen Sekte angehört, die solch wunderliche Ansichten ihren wunderlichen heiligen Büchern entnimmt, in denen so wunderliche Sätze stehen, wie: ‹Du sollst nicht töten› und ‹Du sollst deinen Nächsten lieben.› Wunderlich!<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4374"><persName ref="kbga-actors-661">R. Lejeune</persName>, <hi rend="italic">«Christentum und Krieg» vor dem Militärgericht</hi>, in: NW, Jg. 9 (1915), S. 254–256, dort S. 255f.</bibl></note></hi></p>
          <p>
            Für den zweiten Dienstverweigerer, den Lehrer <persName ref="kbga-actors-482">John Baudraz</persName>, traten in der September-Nummer der «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName>» unter Führung von <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName> 38 <term key="Religiös-Soziale">religiös-soziale</term> Pfarrer und Laien mit einer Erklärung ein, in der es u. a.  hieß:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Wir lassen es dahingestellt, ob ernsthafte christliche Gesinnung in jedem Falle zur <term key="Dienstverweigerung">Verweigerung</term> des Militärdienstes führen müsse, aber <pb xml:id="p178" ed="pga"/> wir können nicht anders, als unserer Meinung Ausdruck zu geben, daß ein Mann, der seinem christlichen Gewissen gehorcht, ohne auf die Folgen zu achten, wie der Verurteilte, ein edler Mensch und ein echter <term ref="kbga-keywords-272">Jünger</term> Christi ist.<note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-4375"><hi rend="italic">Erklärung</hi>, in: NW, Jg. 9 (1915), S. 422f., dort S. 422; vgl. auch S. 424–427</bibl>.</note></hi></p>
          <p>Als Antwort auf diese und ähnliche Stimmen «in einer ganzen Reihe religiöser schweizerischer Blätter» ließ <persName ref="kbga-actors-420">Paul Wernle</persName> im Herbst <date when="1915">1915</date> – das Vorwort ist datiert: «im <date when="1915-10">Oktober 1915</date>» – seine Schrift <hi rend="text-recte"><term key="Antimilitarismus">Antimilitarismus</term> und <term ref="kbga-keywords-807">Evangelium</term></hi> erscheinen, damit «einmal die andere Seite zum Wort kommt».<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName>, <hi rend="italic"><term key="Antimilitarismus">Antimilitarismus</term> und Evangelium</hi>, Basel 1915</bibl> (im folgenden zitiert: Wernle, Antimilitarismus), S. 3f. Das Wort «einmal» ist in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar unterstrichen und mit einem Ausrufzeichen versehen.</note> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat diese Broschüre, wie die zahlreichen Anstreichungen, Markierungen und Bemerkungen in seinem Exemplar<note xml:id="n07"><idno type="kba-objects-identifier">KBA R14T7B39a</idno>. Auf der letzten Seite hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen dreifach unterstrichenen Verweis auf «<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.29.21 Hiob.29.23">Hiob 29,21–23</ref>» angebracht.</note> belegen, mit außerordentlicher Beteiligung gelesen und seinen Vortrag ganz aus der radikalen Ablehnung der ihm hier entgegentretenden Theologie und <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> formuliert, obwohl er zunächst vorhatte, in seinen Darlegungen «<hi rend="text-recte">alle</hi> religiösen Kriegsauffassungen positiv [zu] nehmen, aber bei keiner stehen [zu] bleiben, sondern in immer engern Kreisen das Entscheidende <hi rend="text-recte">in</hi> (nicht neben oder gegen) den deutschen, wernleschen etc. Gedankengängen herauszuarbeiten [zu] suchen».<note xml:id="n08">Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom <date when="1915-10-05">5.10.1915</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3068#p086">S. 86</ref></bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3064">S. 81f</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p084#p084">84</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p087#p087">87–90</ref>.</bibl></note></p>
          <p>Die Einladung zu diesem Vortrag kam von Dr. <persName ref="kbga-actors-938">Paul Burckhardt-Lüscher</persName>, dem Präsidenten einer von den herkömmlichen Richtungen der <term ref="kbga-keywords-676">liberalen </term>(«freisinnigen») Reformer und der «positiven» Traditionalisten unabhängigen kirchlichen Vereinigung in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>. Am <date when="1915-09-23">23. September 1915</date> wandte er sich mit der Bitte an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName><note xml:id="n09"><ref type="kba-objects-id" target="8924">KBA 9315.118</ref>.</note>,</p>
          <p><?tus ^@-(0)?><hi rend="text-recte">Sie möchten im kommenden Winter vor den Mitgliedern der «<orgName ref="kbga-actors-9958">Vereinigung unabhängiger Kirchgenossen Basels</orgName>» u. vor den dazu eingeladenen Freunden einen Vortrag halten. Vielleicht wissen Sie etwas von dieser Vereinigung, die früher «Freunde der Neuen <term key="Neue Wege">Wege</term>» hieß. Sie umfaßt ganz verschieden gerichtete Männer u. Frauen, Prof. <pb xml:id="p179" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, <persName ref="kbga-actors-821">Eberh. Vischer</persName>, <persName ref="kbga-actors-6732">Jak. Wirz</persName>, <persName ref="kbga-actors-665">Rud. Liechtenhan</persName>, <persName ref="kbga-actors-466">Albert Barth</persName>, Ihr Vetter, <persName ref="kbga-actors-733">Adolf Preiswerk</persName> u. a.  gehören dazu: die einen kamen von der Reform, andere von den Positiven, viele von <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>. Es sind viel ausgesprochen <term key="Religiös-Soziale">Religiös-Soziale</term> dabei; aber wir verpflichten niemand auf eine bestimmte Richtung; wir wollen nur auf parteilosem Boden Gelegenheit zur Aussprache über religiöse u. soziale Fragen schaffen, ohne daß der Redner von vornherein ein Parteiprogramm vertreten muß oder daß von den Zuhörern, bes. den Laien, ein solches erwartet wird. [...] Nun erwarten wir, wenn wir Sie bitten, uns die Freude zu machen, einen Vortrag zu halten, von Ihnen nichts anderes, als daß Sie Ihre religiös-soziale Überzeugung deutlich u. ohne Rücksicht auf Andersdenkende zum Ausdruck bringen; es werden Ihnen viele zustimmen, andere werden vielleicht opponieren. Was das Thema betrifft, so möchten wir Ihnen vorschlagen: Was kann uns der <term key="Krieg, als Lehrmeister">Krieg</term> lehren? N. B. für unser religiöses Leben. Aber die Formulierung des Themas wäre Ihre Sache. Wir erwarten auch keine neuen oder unerhörten Gedanken, sondern glauben nur, daß Sie bestimmte Überzeugungen kraftvoll u. aufrüttelnd zum Ausdruck bringen können. Liegt Ihnen aber ein anderes, vielleicht verwandtes Thema näher, so bitte ich Sie uns nur ein solches vorzuschlagen. Die Hauptsache ist, daß wir Sie einmal bei uns hören dürfen. Entweder wird der Vortrag öffentlich im <placeName ref="kbga-places-1402">Bernoullianum</placeName> gehalten, oder im <placeName ref="kbga-places-1403">Schmiedenhof</placeName>, wobei nur die Mitglieder u. Gäste kommen. Die Diskussion ist im letztern Fall gewöhnlich belebter; aber der Zuhörerkreis ist kleiner, oft sogar recht bescheiden. Ich bitte Sie, selber sagen zu wollen, was Sie vorzögen.</hi></p>
          <p>
             <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nahm die Einladung für einen Vortrag im <placeName ref="kbga-places-1403">Schmiedenhof</placeName> an und formulierte wohl auch den seine besondere Intention pointierenden Titel. An <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> berichtet er am <date when="1915-11-09">9. November 1915</date>: «Am <date when="1915-11-15">Montag 15.</date> soll ich in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> einen Vortrag halten über ‹Kriegszeit u. <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreich</term>›. Da wird mir wohl <persName ref="kbga-actors-420">Wernle </persName> nachher einen Strich durch die Rechnung machen.»<note xml:id="n10"><ref type="kba-objects-id" target="8985">KBA 9215.31</ref> (nicht in <bibl corresp="kbga-bibls-966">Bw. R.</bibl>).</note> An <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> meldet er am <date when="1915-11-12">12. November 1915</date>: «Der Basler Vortrag ist fertig. Er enthält nun u.A. auch eine Generalabrechnung mit <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>.»<note xml:id="n11"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p101#p101">S. 101</ref>.</bibl></note> Gerade diese Abrechnung war es, wie <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> im Rückblick urteilen musste, die seinen Vortrag nicht zum intendierten <pb xml:id="p180" ed="pga"/> Ziel gelangen ließ. In einem großen Rückblick auf den Abend in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1915-11-18">18. November 1915</date> an <persName ref="kbga-actors-423">Gottlob Wieser</persName><note xml:id="n12"><ref type="kba-objects-id" target="8994">KBA 9215.32</ref>.</note>:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">Die ganze Sache ist mir als ein starker Schlag – ins Wasser in Erinnerung und ich bin selber schuld, dass es nichts Besseres geworden ist. Offenbar war eben doch die zerstörte «schöne Welt»<note xml:id="n13">Anspielung auf den Anfang von <bibl corresp="kbga-bibls-3275"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schillers</persName> Gedicht «Die Götter Griechenlands»</bibl>.</note> im ersten Teil der stärkste Eindruck, den man davontrug, und Alles, was ich sonst sagte, konnte das Gefühl nicht beseitigen, dass mir «Alles nichts» sei. Das geschieht mir nun ganz recht. Ich hatte ursprünglich eine viel gelungenere Konzeption, nach der <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term>, <term ref="kbga-keywords-1732">Vaterland</term>, <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> etc. mit lauter starken positiven Vorzeichen hätten aufrücken und die Minusklammer - (a + b + c . . .) viel bescheidener u. feiner hätte erscheinen sollen. Das wurde mir Alles durch die unglückliche Broschüre von <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> mit ihrem wahrhaft albernen <term ref="kbga-keywords-671">Moralismus</term> über den Haufen geworfen u. ich liess mich hinreissen, vornehmlich von der Seite: das ists</hi> nicht! <hi rend="text-recte">zu schreiben, wobei dann auch trotz gegenteiliger Versicherung reichlich Hochmut u. Kritiklust mitunterlief.</hi></p>
          <p>
            Wie stark <persName ref="kbga-actors-420">Wernles</persName>  Broschüre <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erregt hatte, wie tief seine Ablehnung ins Grundsätzliche reichte, zeigt noch sechs Wochen später seine Antwort auf die Frage seines Freundes <persName ref="kbga-actors-783">Willy Spoendlin</persName> nach seiner Stellung zu <persName ref="kbga-actors-420">Wernles</persName> Publikation<note xml:id="n14">Brief an <persName ref="kbga-actors-783">Spoendlin</persName> vom <date when="1916-01-07">7.1.1916</date> (<ref type="kba-objects-id" target="9048">KBA 9216.5</ref>).</note>:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Ich bedaure es, dass er nichts Tieferes und Sachlicheres zu sagen hat über diese wahrhaftig nicht so spiessbürgerlich simpeln Dinge. Mir erscheint der Gegensatz <term key="Militarismus">Militärfreudigkeit</term> - <term key="Antimilitarismus">Antimilitarismus</term>, der ihn so schrecklich interessiert, herzlich unfruchtbar. Was er vorbringt, ist seit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> unendlich oft gesagt worden, gerade wie die <term key="Pazifismus">pazifistischen </term>Reformideen der Gegenseite schon unendlich oft vorgebracht worden sind, beiderseits mit dem gleichen Resultat, dass rationalerweise Alles in Ordnung ist und dass es dann praktisch doch nicht geht, denn sowenig <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> u. sein Anhang die Tatsache des Vaterlandes hinwegrationalisieren kann, sowenig u. noch weniger wird dies <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> gelingen mit der Tatsache des nun einmal unruhigen Gewissens. Diese glatten gescheiten Lösungen laufen notwendig auf Lügen und Selbsttäuschungen hinaus. Und statt immer aufs Neue solche Sprüche zu <pb xml:id="p181" ed="pga"/> thun, durch die nichts anders werden kann, würden wir besser thun, einmal gründlich anzufangen mit einer innern Neuorientierung an den primitiven Grundwahrheiten des Lebens, die uns allein aus dem Chaos der gescheiten konservativen oder revolutionären Meinungen u. Gegenmeinungen herausbringen kann. Es ist ja ganz klar, dass eine Nation sich ihres Lebens wehren muss, u. es ist ebenso klar, dass es eine Sauerei ist, wenn sie es tut. Was hilfts, darüber weiter zu diskutieren? Warum verhandeln wir nicht lieber eingehend darüber, warum dieser heillose Widerspruch zur Zeit offenbar eine Notwendigkeit ist? Etwa darum, weil dann offenbar die Zeit des Artikel- u. Broschürenschreibens zu Ende und die Zeit des Schweigens resp. der persönlichen innern Bemühung um eine neue u. diesmal einheitliche Lebensgrundlage angebrochen wäre? Etwa darum, weil dann offenbar das interessante Rede- u. Schreibeproblem <term ref="kbga-keywords-1283">Krieg</term> oder <term key="Friede">Frieden</term> etc.? abgelöst würde durch das radikale u. bitterernste <term key="Glauben">Glauben</term>sproblem: mit <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> oder wie bisher ohne ihn?</hi></p>
          <p>
            Ebenso deutlich sind die Ausführungen in einem Brief an <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName>, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1915-12-08">8. Dezember 1915</date> darum gebeten hatte, den Basler Vortrag für die «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName>» «ab[zu]treten, u. zwar schon für die Weihnachtsnummer». <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> antwortet am <date when="1915-12-10">10. Dezember</date><note xml:id="n15"><ref type="kba-objects-id" target="9012">KBA 9215.33</ref>.</note>:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">Ich musste bemerken, dass das Positive[,] was ich zu sagen meinte, nicht mit der innerlich u. notwendig überzeugenden Kraft wirkte, wie ich gedacht hatte. Man kam mir nachher doch wieder mit Fragen, Einwänden u. Missverständnissen, über die ich die Hörer gerade meinte hinausgeführt zu haben[,] und das sagt mir nun, dass ich einfach die Vollmacht noch nicht habe, mit solchen Generalabrechnungen vor weitere Kreise zu treten. Da heisst es nun für mich jedenfalls doch «warten» u. noch etwas älter zu werden u. mit vielem Predigen u. Unterweisen langsam auch zu dem Ausdruck zu gelangen, der nötig wäre, um so entscheidende Sachen zu sagen, wie ich sie in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> sagen wollte. [...]</hi></p>
          <p><hi rend="text-recte">Vielleicht verstehen Sie mich noch besser, verehrter Herr Professor, wenn ich Ihnen sage, wie es mir mit</hi> <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> <hi rend="text-recte">gegangen ist. Der Vortrag wurde mir unter der Hand zu einer scharfen Auseinandersetzung bes. mit ihm. Ich meinte in kindlicher Freude, nun einmal in <pb xml:id="p182" ed="pga"/> grösstem Zusammenhang und überlegen aufgeräumt zu haben mit allen seinen Verwirrungen. Und theoretisch war ja wohl alles in Ordnung. Aber gerade die innere siegreiche Überlegenheit, die Überlegenheit von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> her war nun sichtlich doch nicht da, denn <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> konnte nachher in der Diskussion aufstehen und fröhlich alle seine Halbwahrheiten, die Sie ja sattsam kennen, noch einmal vorbringen, wie wenn ich nichts gesagt hätte. Und das Publikum hatte offenbar von meiner ganzen Abrechnung mit ihm nur den Eindruck einer schneidigen Polemik nicht aber den von einer erlösenden Klärung der <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>’schen Widersprüche, die ja jedes Kind als solche einsieht.</hi></p>
          <p>
            Ähnlich klagt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in dem schon angeführten Brief an <persName ref="kbga-actors-423">G. Wieser</persName> von
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">dem bemühenden Schauspiel, dass <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>  einfach seine gesamten Sprüche vom Staatsapostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> bis zur «stillen Ewigkeit» noch einmal aufsagen konnte, als wäre nichts geschehen. Es kam mir überhaupt zum Bewusstsein, […] wie ungeheuer schwer es ist - vielleicht überhaupt</hi> unmöglich, <hi rend="text-recte">unsre Sache so in einem Vortrag dozierend u. rechtbehalten wollend vorzubringen. Da muss man dann so die letzten entscheidendsten Sachen in mehr oder weniger wohlabgewogenen Steigerungen u. Antithesen heraussagen, u. kann sie doch nicht so lebendig u. zwingend heraussagen, dass der Widerspruch einfach zum Schweigen kommt, sondern muss riskieren, gefragt zu werden, was denn nun eigentlich <term key="Glaube">Glauben</term> sei u. wie es im R[eich] <term ref="kbga-keywords-434">Gottes </term>aussehe, muss riskieren, schliesslich auch noch als Grosse Worte-Macher abgesägt zu werden. Was hätte ich antworten sollen? «Es tut mir leid, ich</hi> habe <hi rend="text-recte">offenbar grosse Worte gemacht, da ihr sichtlich noch diskutieren u. widersprechen könnt.»<note xml:id="n16">Die Briefe, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> nach dem Vortragsabend tauschten, werfen zusätzlich Licht auf das Urteil beider über ihren Standort und ihre Aufgabe: <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p102#p102">S. 102–104</ref></bibl> (der Brief <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> ist freilich für den Druck stark bearbeitet).</note></hi></p>
          <p>
            Die Enttäuschung spiegelt sich auch in den Aufzeichnungen, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich in der Diskussion machte. Er hat die Bleistiftnotizen in deutscher Schrift nachträglich mit Tinte in lateinischen Buchstaben (hier in <hi rend="sans-serif">Helvetica</hi> wiedergegeben) rubriziert:
          </p>
          <p><pb xml:id="p183" ed="pga" rend="noPipe"/> <hi rend="text-recte">Wo ist der <term key="Glaube">Glaube</term>?</hi><lb/>
          <hi rend="text-recte">Möglich so stark wie Glaube der ersten Christen?</hi>
          <list type="simple">
          <item><hi rend="text-recte">Etwas Bestimmteres möchten wir hören?</hi></item>
          <item><hi rend="text-recte">Fortschritt? Geistig? meine [?] Not?</hi></item>
          
          <item>_____________</item>
          </list>
        </p>
         
        <p> <hi rend="text-recte">Gottes <term ref="kbga-keywords-186">Güte</term>. – Theologen.</hi>
        <list type="simple">
          <item>_____________</item>
         </list>
        </p>
       
     
          <p>
            <hi rend="sans-serif italic"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>!</hi>
            <list type="simple">
           <item><hi rend="text-recte"> <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>: Verzicht auf alles Antworten</hi></item>
          <item><hi rend="text-recte">Klassisches Referat über das was ich nicht verstehe</hi></item>
          <item><hi rend="text-recte">Das sind mir große Worte.</hi></item>
          <item><hi rend="text-recte">Illusion; d. R. <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term></hi></item>
          <item><hi rend="text-recte"><term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term>, <term ref="kbga-keywords-61">Reformation</term> ganz anders</hi></item>
        </list>
          </p>
          <table>
            <row>
          <cell rend="width(50%)"><hi rend="text-recte">Wer ist Gott?</hi></cell>
          <cell><hi rend="text-recte">G. R. = Geltung Gottes</hi></cell>
          <cell/>
            </row>
            <row>
          <cell><hi rend="text-recte">Was gilt im <term ref="kbga-keywords-74">N. T.</term>?</hi></cell>
          <cell><hi rend="text-recte"> Aber</hi> Gottes!</cell>
          <cell><hi rend="sans-serif">meine Antwort!!</hi></cell>
        </row>
        <row>
          <cell><hi rend="text-recte">Der Geist des alten <term key="Christentum, der Urzeit">Chrts</term>?</hi></cell>
          <cell><hi rend="text-recte">Voraussetzung</hi></cell>
        </row>
        <row>
          <cell>   <hi rend="sans-serif">Dies die</hi> <hi rend="sans-serif italic">Diskussionsnotizen!</hi></cell>
        </row>
        </table>
          <p>
            
          </p>
          <p>
            <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schließt seinen Bericht an <persName ref="kbga-actors-423">Wieser</persName> mit Eindrücken von einer anschließenden Begegnung mit <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">Bei dem Gespräch mit <persName ref="kbga-actors-420">W.</persName> am folgenden Tag kam auch nicht mehr viel heraus. Ich mußte noch hören, mein Standpunkt sei durchaus greisenhaft, gut für «totkranke alte Frauen», da wolle er noch lieber <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> mit seinem Optimismus!! ich solle doch «wieder einmal» die <term ref="kbga-keywords-59">Evangelien</term> lesen, freilich unter Außerachtlassung der ja doch ganz zeitgeschichtlich bedingten <term ref="kbga-keywords-651">Eschatologie</term> u.s.w. Es war hohe Zeit, wieder auf mein Dorf «in die Stille» zu gehen und ich werde nicht so bald wieder solche Expeditionen unternehmen.</hi></p>
          <p>
            Es waren natürlich sehr andere Eindrücke, die <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName> über den gleichen Anlass am <date when="1915-11-26">26. November</date> seinem Freund <persName ref="kbga-actors-329">Martin Rade</persName> zu berichten hatte. Hält man <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Berichte an <persName ref="kbga-actors-423">Wieser</persName> und <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName>  daneben, wird deutlich, welch einem Epochenbruch die Theologie entgegenging. <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>  schreibt an <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName>:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">Ihrem Vortrag über die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term><note xml:id="n17">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/48/p193#fn_n39">S. 193, Anm. 39</ref>.</note> ists neulich hier ziemlich schlecht gegangen in einem Vortrag, den uns <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> vor unsern Unabhän<pb xml:id="p184" ed="pga" break="no"/>gigen hielt. Er konnte nicht genug sein Erstaunen ausdrücken, wie man von noch engerer Verbindung der Kirche mit dem <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> &amp; Ethisierung der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> irgend etwas hoffen könne &amp; vermißte bei Ihnen alle Hauptsachen, die wir brauchen. Das wird er Ihnen wohl selbst geschrieben haben. Ich mußte mich nur wundern, wie ein Schweizer so ohne weiteres besser wissen kann, was für <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> nötig ist. Der Vortrag war aber auch sonst vom Unglücklichsten, was ich je gehört habe in meinem Leben. 3 Thesen. 1. die <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> bleibt Welt, vom <term key="Teufel">Teufel </term>regiert, alle Versuche in allen verschiedensten Richtungen, etwas zu bessern &amp; helfen, sind wertlos &amp; erfolglos, 2. <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> ist Gott, das Reich <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term> muß kommen, dann wird alles anders, 3. was haben wir zu thun, an Jesus <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term> zu <term key="Glaube">glauben </term>&amp; zu harren auf das <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreich</term>. Das war ganz schön &amp; verständlich für Leute, die von <placeName ref="kbga-places-158">Boll</placeName> her an solche Gedanken gewöhnt sind, aber direct ärgerlich &amp; absolut unverständlich für andere einfache Seelen. Einzelne giengen mit wahrem Zorn davon. Ich schreibe Ihnen das nur, weil wir einig sind in der Hochschätzung seiner Gaben &amp; im festen Glauben, daß etwas Rechtes &amp; Tüchtiges aus ihm wird. Daran halte ich absolut fest. Aber ich würde ihn nicht zum zweitenmal für einen Vortrag vor einfachen Christenmenschen kommen lassen &amp; halte diese Art Theologie für eine Versuchung &amp; im Grund für ein Verzweiflungsprodukt, das nur verständlich ist als Gegengewicht zu einem sehr starken Drang zu wirken, zu bessern &amp; zu handeln. Ich kann es psychologisch völlig verstehen, aber zuzuhören war grauenvoll &amp; wenn Jesus dazu in der Welt gewesen wäre, würde ich ihn offen abdanken. Ich glaube doch, Sie überschätzen ihn gelegentlich. Ernst ist er ja kolossal, ich wollte, er hätte mehr Freude &amp; Frische. Aus diesen Gedanken ist alles Sonnige &amp; Kindliche vorläufig verbannt &amp; dabei hat er eben sein zweites Kindlein bekommen. Wunderlich.</hi></p>
          <p><hi rend="text-recte">Ich mußte Ihnen das schreiben, weil es Sie interessiert &amp; Sie es nicht falsch auffassen. Wir disputierten nachher ganz brav &amp; friedlich zusammen, nachdem ich es am Abend selbst allerdings scharf abgelehnt hatte. Ich mußte wirklich den andern Seelen noch etwas Brauchbareres geben als diese <term key="Apokalyptik">Apokalyptik</term> schroffster <term key="Dualismus">dualistischer</term> Art. Daß er immer wieder zu mir kommt, ist mir eine große Freude, o wenn man nur das nicht verlernt &amp; verliert, sich persönlich auszusprechen. Das ist mein Unglück mit <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> &amp; daher ist dort solche <pb xml:id="p185" ed="pga"/> Bitterkeit. Mit <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> hoffe ich immer in guter Freundschaft zu bleiben. Wie wird er selber einmal über diese Jugendstücklein sich wundern.<note xml:id="n18"><bibl corresp="kbga-bibls-4377">Fr. W. Kantzenbach, <hi rend="italic">Zwischen Leonhard Ragaz und Karl Barth. Die Beurteilung des 1. Weltkrieges in den Briefen des Basler Theologen Paul Wernle an Martin Rade</hi>, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte, Jg. 71 (1977), S. 393–417, dort S. 405f.</bibl></note></hi></p>
          <p>
            In gewissem Sinn sollte <persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>  mit der Schlussbemerkung recht behalten: Aus der weiteren Geschichte des Vortrags ist nämlich noch zu berichten, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn <date when="1928">1928</date> wieder hervorholte, als es darum ging, für den Wiederabdruck des ersten Predigtbandes von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> «<bibl corresp="kbga-bibls-1461">Suchet Gott, so werdet ihr leben!</bibl>» einen neuen Abschlusstext zu finden, da <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag «<bibl corresp="kbga-bibls-3442">Die neue Welt in der Bibel</bibl>», der in der ersten Auflage am Ende stand, inzwischen im ersten Band seiner Gesammelten Vorträge «<bibl corresp="kbga-bibls-929">Das Wort Gottes und die Theologie</bibl>» nachgedruckt worden war. Während <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schwankte<note xml:id="n19"><bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p589#p589">S. 589</ref></bibl>.</note>, war <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> «mehr als einverstanden mit dem Abdruck jenes Basler Vortrages, den ich auch noch wie jenen ganzen Abend in schärfster Erinnerung habe. Laß ihn ungekürzt wieder ergehen!»<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/04/p594#p594">S. 594</ref></bibl>.</note> Aber <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wollte inzwischen den Vortrag «doch lieber nicht wieder drucken, weil zu viel theologisch Ungeschütztes darin steht».<note xml:id="n21"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/04/p599#p599">S. 599</ref></bibl>.</note> Weil <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> insistierte – «Jener Vortrag hatte eine so schöne Rasanz und sagte unvergeßliche Dinge, die man so gerne wieder einmal hören würde, wenn auch …»<note xml:id="n22"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/04/p603#p603">S. 603</ref></bibl>.</note> –, machte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dann doch «nach Empfang deines Briefes sofort an das Abschreiben und Zurechtschreiben jenes Vortrages», «aber es geht einfach nicht, und nur damit du siehst, daß es wirklich keine Marotte von mir ist, schicke ich dir das Abgeschriebene und den Rest hier zur Einsicht. Sag selber, ob ich nicht recht habe, wenn es mich vor der weitern Beschäftigung mit diesem uralten Käse ekelt.»<note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="4245">S. 605f.</ref></bibl></note> Leider scheint <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Weisung: «Fort damit, dein <persName ref="kbga-actors-804">Matthias</persName> soll Papierpfeile daraus machen, und die schon beschriebenen Bogen eignen sich ausgezeichnet für den Lokus»<note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/04/p606#p606">S. 606</ref></bibl>.</note> zur Hälfte befolgt worden zu sein. Jedenfalls sind die ersten <pb xml:id="p186" ed="pga"/> zwölf Seiten, d.h. die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wohl mit der Maschine abgeschriebenen bzw. zurechtgeschriebenen Seiten sowohl im Manuskript von <date when="1915">1915</date> als auch im Typoskript von <date when="1928">1928</date> verschollen.
          </p>
          <p>
            Der Abdruck erfolgt nach den erhaltenen Seiten 13-31 des mit Tinte auf Quartbögen beschriebenen Manuskripts. Der Text setzt etwa in der Mitte des ersten von insgesamt drei Teilen ein. 
          </p>
        </div>
        <div>
          <head><term ref="kbga-keywords-1283">[Kriegszeit</term> und <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreich]</term></head>
          <p>der französische, englische, italienische <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term>, der in diesem <term ref="kbga-keywords-1283">Krieg</term>e gegen <orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName> geistig mitkämpft, so lauter «<term key="Cant">Cant</term>» u. politische Mache sei.<note xml:id="n25"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich offensichtlich auf <bibl corresp="kbga-bibls-4378"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Der Kulturkrieg. Rede am 1. Juli 1915</hi> (Deutsche Reden in schwerer Zeit, H. 27), Berlin 1915, S. 22</bibl>: «Es ist der bekannte englische <term key="Cant">Cant</term>, jenes Zusammenfallen von Interesse und Selbstsucht mit Moral und Religion, jene ehrliche Heuchelei, in der Freiheit, Herrensinn, Reichtum und Weltherrschaft der Engländer ohne weiteres zusammenfällt mit dem moralischen Interesse der Welt und der Völker überhaupt. Dieser englische Cant ist zum Cant der angelsächsischen Demokratie überhaupt geworden […]. Die Franzosen haben trotz wesentlich anderer Art ihrer Demokratie wenig Mühe, sich diese Sprache anzueignen […]; sogar die italienischen Macchiavellisten und Skeptiker üben ihre hier etwas ungelenke Zunge in der Sprache des <term key="Cant">Cant</term> […].»</note> Wir Neutralen werden etwas milder sagen: der wirkliche ehrliche Vierverbandsidealismus<note xml:id="n26">Gemeint ist die <orgName ref="kbga-actors-8828">Entente</orgName>, die seit Mitte <date when="1915">1915</date> aus <orgName ref="kbga-actors-8605">Großbritannien</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-7856">Frankreich</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8732">Russland</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8521">Italien</orgName> bestand.</note> mit allen seinen Begriffsapparaten u. Kunststücken ist eben bei Kriegsausbruch einfach mobilisiert worden wie der deutsche, wie der österreichische, wie der türkische <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term> mit ihrem entsprechenden Material auch mobilisiert worden sind. Die <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> hat sich überall in die Schützengräben begeben, um daselbst die Menschheit fernerhin ihrer Bestimmung entgegenzuführen. Das ist nun einmal das Los der Ethik, dass sie sich für allerlei muss brauchen lassen. Der gleiche <persName ref="kbga-actors-410">Troeltsch</persName> hat sie ja vor einigen Jahren auch für die badische Staatslotterie mobil gemacht.<note xml:id="n27"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich auf die Beratungen über die Einführung einer staatlichen Lotterie in <placeName ref="kbga-places-879">Baden</placeName> in der badischen Ersten Kammer am 1<date when="1911-12-14">4. Dezember 1911</date> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4379"><hi rend="italic">Verhandlungen der Ersten Kammer der Stände-Versammlung des Großherzogtums Baden vom 45. Landtag 1911/12. Protokollheft</hi>, Karlsruhe 1912, S. 13–22, bes. S. 16f.19</bibl>). <persName ref="kbga-actors-410">Ernst Troeltsch</persName> gehörte zu den Abgeordneten der drei badischen Hochschulen in der Ersten Kammer. Nachdem die Zweite Kammer den Gesetzesentwurf am <date when="1911-12-07">7. Dezember</date> beraten und unverändert angenommen hatte, wurde in der Ersten Kammer beantragt: «Das Hohe Haus wolle dem Entwurf eines Lotteriegesetzes seine Zustimmung geben, darüber in abgekürzter Form beraten und die Petition des Vorstandes der evangelisch-sozialen Vereinigung für Baden für erledigt erklären.» Die <term key="Evangelisch-Soziale">Evangelisch-soziale</term> Vereinigung hatte «im moralischen und wirtschaftlichen Interesse unseres Volkes die ernstesten Bedenken gegen die geplante Einrichtung einer badischen Staatslotterie» geltend gemacht. Nach einem ersten, ablehnenden Votum des Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofs <persName ref="kbga-actors-9963">Ferdinand Lewald</persName> nahm Troeltsch als zweiter Redner das Wort und führte aus: «Ich möchte nicht unterlassen, auch meinerseits nach der prinzipiellen Seite hin mich rundweg den Erwägungen anzuschließen, welche soeben Exzellenz <persName ref="kbga-actors-9963">Lewald</persName> ausgesprochen hat. […] Ich bin aber anderseits doch nicht im Stande, aus der prinzipiellen Anerkennung der von Exzellenz <persName ref="kbga-actors-9963">Lewald</persName> geäußerten Bedenken die gleichen Konsequenzen zu ziehen. Die Schwierigkeit ist hier, wie so oft, der Zusammenstoß des Prinzips mit den praktischen Möglichkeiten und Zweckmäßigkeiten.» «Es ist […] einer der vielen häufigen Fälle, wo sowohl die politisch-ethischen Prinzipien, als auch die einer rationellen Wirtschaft mit den aus der momentanen Konstellation sich ergebenden praktischen Möglichkeiten in schwierigen Konflikt kommen. In einem solchen Falle halte ich es für immerhin nicht unberechtigt, wenn die einmal schlechterdings für die Förderung der Finanzen verpflichtete Großh. Staatsfinanzverwaltung heute auf dem Standpunkt steht, eine doch nicht abzuändernde Lage, die nun einmal vorhanden ist, ähnlich wie die Nachbarn, zu benützen zur Förderung ihrer eigenen Finanzen. Es ist also im Grunde der Standpunkt – es wäre vielleicht nicht passend zu sagen: mit den Wölfen muß man heulen – aber es wird erlaubt sein, dem gleichen Gedanken die Form zu geben: wo alles liebt, kann <persName ref="kbga-actors-2151">Karl</persName> allein nicht hassen. Nur in dieser Rücksicht auf die uns umgebende Lage, wo ein kleiner Mittelstaat gegenüber einer großen Majorität ihn umgebender Staaten sich befindet, die ihrerseits jenes ethisch-moralisch-nationalökonomische Bedenken nicht anerkennen, und wo er seinerseits sich den Luxus der strengen Durchführung der alleinberechtigten und möglichen politischen, moralischen und ökonomischen Prinzipien nicht gestatten kann, nur aus diesem Grunde ziehe ich nicht die Konsequenz wie Exzellenz <persName ref="kbga-actors-9963">Lewald</persName>, gegen das Gesetz zu stimmen, sondern ich stimme für ein Gesetz, das ich an und für sich nach rein nationalökonomischen, ethisch-politischen Prinzipien nicht für berechtigt, sondern für rückständig und unerfreulich halte.» Die <bibl corresp="kbga-bibls-4380">BN, Jg. 67, 2. Beilage zu Nr. 344 vom 16. Dezember 1911, S. [1], berichteten unter der
            Überschrift <hi rend="italic">Hans Thoma</hi> <hi rend="italic">gegen, Prof. Tröltsch für den Lotterieschwindel</hi></bibl>, dass «der <hi rend="italic">Theologieprofessor <persName ref="kbga-actors-410">Tröltsch</persName></hi> (<placeName ref="kbga-places-31">Heidelberg</placeName>) die ethischen mit den finanzwirtschaftlichen Gesichtspunkten abwog und aus letzteren opportunistisch seine Zustimmung zur Vorlage ableitete». <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> schickte die Meldung, in der er die Stellungnahme <persName ref="kbga-actors-410">Troeltschs</persName> durch Unterstreichung und Ausrufezeichen markiert hatte, mit dem Kommentar «<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.16">Matth 7,16</ref> !­!­!» am <date when="1911-12-18">18.12.1911</date> an seinen Bruder <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName> (<ref type="kba-objects-id" target="8049">KBA 9211.99</ref>).</note></p>
          <p><pb xml:id="p187" ed="pga" rend="noPipe"/> Und wie die Ethik, so steht auch unser <hi rend="sans-serif">Staats- u. Vaterland</hi><hi rend="sans-serif">sgedanke</hi> einfach im Dienste der von Gott gelösten <term ref="kbga-keywords-328">Natur</term>kraft. Der <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> ist ja <pb xml:id="p188" ed="pga"/> bei der günstigsten Deutung ein Gebilde unsrer <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term>. Er zähmt, er ordnet, er organisiert die Naturkraft, er setzt sie da u. dort provisorisch matt, wo es ihm passt, um sie an andern Stellen durch künstliche Teufeleien noch zu ergänzen u. zu bereichern. Jedenfalls anerkennt er sie als Wirklichkeit, korrigiert u. überbietet den <term ref="kbga-keywords-1558">Privategoismus</term> durch den Kollektivegoismus, die <term ref="kbga-keywords-411">Privatgewalt</term> durch die Kollektivgewalt, den Privatmord durch den Kollektivmord usw. Er braucht die gott-lose Naturkraft u. wird von ihr redlich wieder gebraucht in Krieg u. Frieden[,]<note xml:id="n28">An dieser Stelle weist eine Markierung mit rotem Farbstift in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Manuskript vielleicht auf die Stelle hin, bis zu der er eine Abschrift angefertigt hatte (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p185#p185">S. 185f.</ref>).</note> u. es ist durchaus nicht abzusehen, wie es auf dem Boden des heute gangbaren u. notwendigen Staatsbegriffs anders sein oder wie sich aus dem heutigen Staat jemals etwas prinzipiell Anderes emporentwickeln sollte. Der Staat <persName ref="kbga-actors-557">Friedrichs d. Gr.</persName> oder der Basler oder Aargauer Staat wird durch keine Liebesmühe zum Gottesstaat hinaufzuschrauben sein, sowenig wie aus einem Distelstrauch ein Feigenbaum werden kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.16">Mt. 7,16</ref>].</p>
          <p> Grundsätzlich nicht anders wie mit der <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> u. mit dem <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> steht es mit dem <hi rend="sans-serif">Sozialismus</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Ich bin selber <term key="Karl Barth, als Sozialdemokrat">Sozialdemokrat</term> u. rede in eigener Sache, gerade so wie ich auch von der Ethik u. vom Staat in eigener Sache, als Beteiligter u. Mitwirkender geredet habe. Aber ich sehe die Dinge auch beim Sozialismus nicht anders: er lebt von seinem Gegensatz. Wohl will er das im Ansatz eigentlich nicht, die Idee der vielberufenen Theorie vom Klassenkampf heisst ja paradoxer Weise u. in gründlicher Überholung der gangbaren idealistischen Ethik: Aufhebung aller Klassenherrschaft, Freiheit von der Selbstsucht, die die Welt regiert, durch Aufhebung der Selbstsucht überhaupt. Aber dass der Weg zu dieser Freiheit nun selber Freiheit heissen muss, das wagen kaum einige wenige <term key="Anarchismus">sozialistisch-anarchistische </term>Outsiders zu behaupten: die sozialistische <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term> hat sich überall auf den «realen» Boden der Tatsachen gestellt u. als nächstes Ziel <term key="Diktatur des Proletariats">die </term>Diktatur des Proletariats u. damit den Kampf der Entrechteten gegen die Besitzenden <pb xml:id="p189" ed="pga"/> u. damit den Kampf der Selbstsucht gegen die Selbstsucht proklamiert. So steht die Himmelsleiter<note xml:id="n29">Vermutlich spielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier auf eine Formulierung in <bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, Antimilitarismus, S. 54f.</bibl>, an: «Willst du darum deinem Gott aufrichtig dienen, so diene ihm, indem du dem Vaterland leistest, was es von dir verlangt. Es ist ein Teilgehorsam am grossen Ganzen, eine Staffel auf der Leiter zum Gottesreich, und Gottes Segen und Kraft ist mit jedem Arbeiter, der treu ist in seiner Pflicht.»</note> auch hier auf der Grundlage einer von Gott gelösten Wirklichkeit. Und das hat der Krieg auch hier offenbar gemacht. Das bekannte «Versagen» der Genossen in den kriegführenden Ländern bei Kriegsausbruch u. ihr Verhalten seither hat seine Wurzeln tief in der Friedenszeit u. geht bis auf die Väter des Sozialismus zurück. Es ist nicht zu erklären mit dem sog. «herzerhebenden Ereignis»<note xml:id="n30">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4376">a.a.O., S. 76</bibl>: «An die Vaterlandsliebe der deutschen und französischen Sozialdemokraten glauben wir von Herzen […]. Aber an die Vaterlandsliebe unsrer schweizerischen Antimilitaristen, die bei diesem herzerhebenden Ereignis im Nachbarland kein anderes Wort fanden als die Parole vom ‹Versagen der Sozialdemokratie›, glauben wir nimmermehr.»</note>, dass die bürgerliche vaterländische Ideologie die <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> einfach angesteckt u. übermannt hätte, wohl aber damit, dass sie selber sich durch ihren blos formalen Gegensatz gegen den bürgerlichen Egoismus so stark an diesen gefesselt hatten, dass sie im entscheidenden Augenblick einfach nicht mehr loskamen, sondern mitmussten. <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> hat einfach glänzend recht behalten mit dem, was er als Verteidiger der deutschen <term key="Sozialdemokratie, deutsche">Sozialdemokratie</term> immer gesagt hat<note xml:id="n31">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p088#fn_n05">S. 88, Anm. 5</ref>.</note>: sie war längst national geworden, nicht aus «herzerhebenden» Gründen, sondern einfach weil im wohlverstandenen Interesse der deutschen Arbeiterschaft die Eisenrüstung des Reiches u. zuletzt auch deren Gebrauch ebenso nötig war wie im Interesse der deutschen Kapitalistenschaft. Und ebenso war es den Standesegoisten der Trade Unions jenseits des Kanals leicht klar zu machen, dass es nur zu ihrem Vorteil sein könne, wenn der deutsche Konkurrent an die Wand gedrückt werde. Die Einstellung des <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> auf den Gegensatz der Klassenegoismen musste unweigerlich sein «Versagen» nach sich ziehen im Moment, wo die Klassenegoismen sich im Nationalegoismus die Hand reichten. Es ist kein Zufall, dass die Träger des <term key="Sozialismus, nationaler">Nationalsozialismus</term><note xml:id="n32">Vgl. die Verbindung des Nationalen und des Sozialen, die <persName ref="kbga-actors-706">Friedrich Naumann</persName> bei der Gründung des <orgName ref="kbga-actors-9893">National-Sozialen Vereins</orgName> <date when="1896">1896</date> vorschwebte. In anderer Form ging es nach <date when="1914">1914</date> um die gleiche Verbindung von Nation und Sozialismus bei den «Sozialpatrioten», bei den sozialdemokratischen Vertretern der Idee des sogenannten Kriegssozialismus.</note> überall gerade die <term key="Gewerkschaften">Gewerkschaften</term> sind.</p>
          <p><pb xml:id="p190" ed="pga" rend="noPipe"/> Und der <hi rend="sans-serif">Pazifismus</hi><hi rend="sans-serif">?</hi> Ich gestehe vor Allem, dass ich ihn wenig kenne, so selbstverständlich ich mich auch dieser Bewegung grundsätzlich anschliesse; aber was ich davon kenne, macht mir den ­Eindruck, dass auch dieser Versuch, die Welt zu verbessern, nicht eigentlich etwas Neues Andres in unsern Lebenszusammenhang hineinbringt. Auch er kommt von der <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> her mit starker Kritik u. wohlwollenden Vorschlägen zur Güte an die Naturkraft heran u. möchte an einem bestimmten Punkt reinen Tisch machen, den einen Hydrakopf des <term ref="kbga-keywords-1283">Krieg</term>es einmal abschlagen. Warum nicht? Nur müsste dann das erste Wort eines <term key="Pazifismus">Pazifisten</term> bei Kriegsausbruch ein anderes gewesen sein als die Frage <persName ref="kbga-actors-329">Rades</persName>, auf welcher Seite nun wohl Recht, <foreign xml:lang="lat">ultima ratio</foreign> u. gutes <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> sei, die selbstverständlich jeder Pazifist mit allen seinen weniger gut gesinnten Mitbürgern zugunsten seines Vaterlandes beantwortet hat.<note xml:id="n33">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4381"><persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Krieg</hi>, in: ChW, Jg. 28 (1914), Nr. 32 vom 6.8.1914, Sp. 745–747, dort Sp. 746f.</bibl>: «Daß es heute noch Fürsten und Völker gibt, die das Schwert ziehn, wundert ihn [scil. den Pazifisten von heute] nicht. Er fragt dann, ob ihre Sache recht sei. Er fragt, ob der Krieg wirklich <foreign xml:lang="lat">ultima ratio</foreign> sei in diesem Falle. Er fragt, ob sie ein gutes Gewissen haben.» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-966">Bw. R., S. 112</bibl>.</note> Und dann auch scheint mir der <term key="Pazifismus">Pazifismus</term> die Antwort schuldig zu bleiben auf die Frage, wie er sich die Abschaffung des Krieges vorstellt unter der blos negativen Parole: Krieg dem Kriege! der man immer wird entgegenhalten können, dass der <term key="Friede">Völkerfriede</term> ein blos formales Gut sei u. dass der Krieg auch seine Ehre habe. Ich habe auch beim Pazifismus den Eindruck, dass auch er aus der Sackgasse, in der sich alle <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> befindet, nicht herauskomme.</p>
          <p>Und schliesslich das <hi rend="sans-serif">Christentum</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Bleibts hier auch dabei: Welt ist Welt oder bricht hier eine neue Welt hervor auf den Trümmern der Welt der Naturkräfte? Die Antwort ist hier noch schwerer eindeutig zu geben als vorhin beim <term key="Sozialismus">Sozialismus</term>. Denn wir treten hier ein in das Heiligtum tausender u. tausender unsrer Zeitgenossen in der Front u. hinter der Front, die tatsächlich in diesem Jahr erlebt haben, wie etwas an sie herantrat, das war etwas total Anderes als die ganze Welt u. ihre «<term key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>»<note xml:id="n34">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1553"><persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Gottes Wille im Krieg</hi>, in: ChW, Jg. 28 (1914), Nr. 33 vom 15.8.1914, Sp. 769f., dort Sp. 770</bibl>: «Gottes Willen aus dem Wirklichen erkennen […], das kann man jetzt meisterlich üben.» </note> u. ihre «Tatsachen»<note xml:id="n35">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle,</persName> Antimilitarismus, S. 49–51</bibl>: «Wer sein Gottesreich in den nächsten Tagen und Monaten erwartet, der hat allerdings die Aufgabe und Pflicht, sein Herz von der Welt gründlich loszureissen und auch die sittlichen und politischen Aufgaben zu entwerten zugunsten des einen, was notwendig ist, der Einstellung alles Glaubens und aller Arbeit auf das grosse Wunderbare, das kommen soll. […] Wir verstehen diesen Standort und ehren seine Konsequenz. Aber wir meinen, so zu denken, sei Sache eigensinniger Träumer, die mit purer Eigenmächtigkeit sich Dinge vorspiegeln, die Gott uns durch die Sprache der Tatsachen vorläufig zu hoffen gerade verbietet. Wer auf die Sprache der Tatsachen achtet, der hört gegenwärtig kein Rauschen des Gottesreiches voraus, sondern sieht sich überall vor neue und ungeheure Verwicklungen des Weltlaufs gestellt, die die volle Arbeit des nächsten Jahrhunderts verlangen werden.» «[…] fromm sein heisst für mich <hi rend="italic">den Willen Gottes in all diesen Verwicklungen und Aufgaben erkennen und dem Ruf zur Arbeit, zur konkreten Arbeit folgen, der in all dem liegt.</hi>»</note>, das war der erlösende <term key="Gott, Erlöser">Gott</term> mit <pb xml:id="p191" ed="pga"/> <hi rend="italic">seiner</hi> Wirklichkeit u. <hi rend="italic">seinen</hi> Tatsachen. Ich möchte sagen, das ist überall geschehen, wo immer daheim u. im Felde, in den Kriegsländern oder bei uns Neutralen aufrichtig ein <term key="Unservater">Unservater</term> gebetet worden ist, u. wäre es von einem <term key="Feldprediger">Feldprediger</term>, überall da, wo eine Seele in harter Arbeit u. schweren Gedanken oder in Todesnot still geworden ist u. das in sich hat reden lassen, was auch da ist in uns ausser dem Selbsterhaltungstrieb in allen seinen Formen, ausser der falschen Idealität der <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term>, u. mit diesem Andern wortlose Zwiesprache gehalten hat. Wir können das jetzt noch gar nicht übersehen u. abschätzen, wieviel solch reale <term key="Erkenntnis, Gottes">Gotteserkenntnis</term> in dieser Zeit gemacht worden ist, vor Allem unter unsern Brüdern im Felde in allen Lagern, u. was für einen realen Segen sie uns aus dieser Quelle mit heimbringen werden. Wir können da nur ehrfürchtig warten, u. ich bin gerne bereit, aus ganzer Seele zu hoffen, dass wir gerade von den Heimkehrenden unendlich viel zu lernen u. zu empfangen haben werden. Aber das muss nun <hi rend="sans-serif">auch</hi> deutlich gesagt sein: wir warten auf etwas Reales, während die Pfärrer u. Theologieprofessoren u. auch manche Feldbriefschreiber, die uns immer wieder tröstlich auf die Herrlichkeit des Schützengraben-Christentums hinweisen, eigentlich immer nur das Formale zu sagen wissen: dass der Christenglaube doch auch in Schützengräben leuchte u. sich bewähre, ja, da erst recht, als ob es nun dabei bleiben könne. Dieser formalen Betrachtungsweise gegenüber <pb xml:id="p192" ed="pga"/> muss denn doch bei aller Ehrfurcht vor den innern Erlebnissen, um die es sich handelt, gesagt sein, dass es zunächst eine offene Frage ist, ob nicht auch das Christentum vom Krieg einfach gebraucht wird, so gut wie die Ethik. <persName ref="kbga-actors-810">Traubs</persName> «<orgName ref="kbga-actors-9904">Eiserne Blätter</orgName>» z.B. von den «betenden Eisenbahnzügen» bis zu seinem deutschen Kriegspsalm: Danket Gott aus ganzer Seele etc.<note xml:id="n36"><bibl corresp="kbga-bibls-4382"><persName ref="kbga-actors-810">G. Traub</persName>, <hi rend="italic">Deutschland betet</hi> (Eiserne Blätter, Nr. 2), Dortmund 1914</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4383"><hi rend="italic">Kriegspsalm</hi> (Eiserne Blätter, Nr. 31), Dortmund 1915</bibl>.</note> werden wenigstens bei uns schwerlich Vielen einen andern Eindruck gemacht haben als den, dass hier die «<term key="Religion">Religion</term>» vollständig unter die Botmässigkeit der ganz rabiat gewordenen Naturkraft geraten ist. Oder wenn <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> in seiner <term key="Weihnacht">Weihnacht</term>sbetrachtung von <date when="1914">1914</date> mit dem ihm eigenen Behagen an solchen Kontrasten schreibt: «Wir feiern das Friedensfest mitten im Krieg nicht, um schwach zu werden, sondern im Gegenteil, um dann desto länger wieder stark bleiben zu können. Es wird in diesen Stunden Lebenswärme gesammelt für viele kalte Kriegsnächte. Wer aus unsern Weihnachtsliedern eine Art Bitte um Nachsicht heraushören möchte, hat keine Ahnung vom deutschen Gemüt, bei dem die Zartheit u. die Zähigkeit zusammengehören. Dieselbe Hand, die heute abend die Weihnachtskerze vorsichtig an den Rand des Grabens aufstellt, dass sie dort tröstlich glimme, schiesst morgen den Feind, sobald er sich
            zeigt»<note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-3810"><persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumann</persName>, <hi rend="italic">Weihnachten 1914</hi>, in: Die Hilfe, Jg. 20 (1914), S. 848f., dort S. 849</bibl> (wieder abgedruckt in: <bibl corresp="kbga-bibls-3988">ders., <hi rend="italic">Werke</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Religiöse Schriften</hi>, hrsg. von W. Uhsadel, Köln und Opladen 1964, S. 845–848, dort S. 848</bibl>). Bei <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> heißt es: «damit sie dort traulich glimme».</note> – so werden wir vor dem so beschriebenen <term ref="kbga-keywords-807">Christentum</term> die Frage: ja was soll nun das? nicht zurückhalten können. Und wenn man denselben <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> hat reden hören von der <term key="Religion">Religion</term>, die der <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> jetzt einfach brauche, gleichgültig ob sie <term key="Katholizismus">Katholizismus</term> oder Heilsarmee heisse, u. die türkische <term ref="kbga-keywords-1185">Religion</term> sei jetzt die beste, wenn sie nur die Leute fest mache zum Sterben<note xml:id="n38">Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Wiedergabe seines Gesprächs mit <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> unten <ref type="pub" target="../volume/48/p536#p536">S. 536f.</ref></note> – ja dann wird man bei allem Zutrauen, das man haben möchte, den bangen Zweifel nicht los, ob nicht vieles, sehr vieles von dem oft gerühmten Kriegschristentum durchaus kein Durchbruch einer höhern Welt, sondern wiederum ein Himmelsleiterbau auf dem altbekannten Grunde bedeute. Sicher ist <pb xml:id="p193" ed="pga"/> eins, dass als z.B. die Betätigung der Feindesliebe in den Schützengräben einige Dimensionen annehmen wollte, die Welt in Form von Armeebefehlen auf beiden Seiten eingriff u. dem ins Kraut schiessenden Christentum ein Ende machte; u. das Christentum musste es sich gefallen lassen. Und sicher ist das andre. Wenn alle Kirchen Europas nachher dem Programm folgen werden, das <persName ref="kbga-actors-329">Martin Rade</persName> für die deutsche Kirche nach dem Krieg aufstellt, nämlich: noch engerer Anschluss der Kirche an den Staatsgedanken u. noch mehr «Ethisierung» der Kirche<note xml:id="n39">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3953"><persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>, <hi rend="italic">Die Kirche nach dem Kriege</hi> (Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften, H. 79), Tübingen 1915, 27</bibl>: «Was folgt aus dem Verhalten der Kirche während des Krieges für die Kirche nach dem Kriege? <hi rend="italic">1. Keine Rede mehr von Trennung des Staates und der Kirche.</hi> 2. Im Gegenteil, <hi rend="italic">Neubefestigung der Landeskirche als Volks-, d. i. als Staatskirche. 3. Damit und darum: Ethisierung der Kirche.</hi>»</note> – dann ist das Christentum dieser Kirchen, dann ist überhaupt der religiöse Ertrag des Krieges kein Neues, kein Anderes, keine Überwindung der Welt der Naturkraft. Dann bleibt es auch in Bezug auf das Christentum bei dem Sätzlein: <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> ist Welt.</p>
          <p> Aber <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> ist Gott, u. bei ihm u. von ihm her giebt es ein Neues. Das scheint mir die andre <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term>, die die Kriegszeit uns nahelegen will. Ich sage nicht, dass ich diese Erkenntnis habe u. besitze, aber ich suche in dieser Richtung zu erkennen.</p>
          <p> Gott so wie er im Leben u. Wort Jesu zu erkennen ist. Alles Andre, was sich daneben Gott nennt, ist nicht <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term>. Ich kann das nur von <hi rend="sans-serif">mir</hi> sagen: wenn <hi rend="sans-serif">ich</hi> etwas Anderes auch noch Gott heissen wollte, so weiss ich einfach nicht, was mein <term key="Glaube">Glaube</term> dann noch sollte. Ich möchte dann z.B. um keinen Preis mehr Pfarrer sein, denn ich wüsste nicht, was dann das Predigen u. Unterrichten für einen Sinn haben sollte. Ich würde mich aber auch für mich selbst unendlich unsicher u. zwiespältig fühlen. Ich weiss nicht, ob die <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term>, die ich zu haben meine, u. das bischen Mühe, die ich mir manchmal gebe, mir dann möglich wären; ich glaube es nicht. Ich denke gar nicht daran, jemanden, dem es anders geht, der auch noch etwas Anderes Gott heisst ausser dem, was uns in Jesus u. seinem Geist erkennbar ist, darum einen schlechten Christen zu nennen, aber ich bin im Stillen der Überzeugung, dass er im Grunde <hi rend="sans-serif">auch</hi> von <hi rend="sans-serif">dem</hi> lebt, was er an <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> hat, u. nicht von dem, was ihm seine andern Götter sind. Auch die Propheten <pb xml:id="p194" ed="pga"/> u. Psalmsänger des <term ref="kbga-keywords-568">AT </term>lebten im Wesen von dem, worin sie mit Jesus <hi rend="sans-serif">verwandt</hi> waren, u. nicht von dem <hi rend="sans-serif">andern</hi> <term key="Glaube">Gottesglauben</term>, der <hi rend="sans-serif">auch</hi> in ihnen war. Und ähnlich suche ich mir einen <persName ref="kbga-actors-524">Cromwell</persName> oder einen <persName ref="kbga-actors-810">G. Traub</persName> oder andre Menschen, deren religiöses Leben mich fremdartig berührt, zu erklären. – Ich glaube aber, dass die Kriegszeit uns Alle drängen müsste, mit dem was wir an <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> haben, ganz anders Ernst zu machen, ganz anders in dem u. von dem zu leben, von dem wir ja in Wirklichkeit leben, u. mit den <term key="Götzen(, Götter)">Göttern</term> anderer Herkunft abzufahren. Gewiss redet <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> z.B. auch durch die <term ref="kbga-keywords-328">Natur</term> mit uns. Aber es macht einen Unterschied aus, ob wir Gott in der Naturkraft erkennen, so wie ihn ein alter Germane darin zu erkennen glaubte, oder ob wir ihn in der Natur wiederfinden, nachdem wir im <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> gemerkt haben, wer u. was er eigentlich ist. Das geht doch nicht, dass wir ihn auf die Länge mit beiderlei Augen ansehen[,] mit den Augen des Wotanverehrers <hi rend="italic">und</hi> mit den Augen des <term key="Jesus ChristusJünger">Jesusjüngers</term>. Eines von beiden Bildern muss das Bild eines falschen Gottes sein. Gewiss redet Gott mit uns z.B. auch durch die Aufgaben am <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term>, die er uns «vor die Füsse wirft»<note xml:id="n40">Wahrscheinlich eine Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, Antimilitarismus, S. 87</bibl>: Die «religiösen Antimilitaristen» «kommen mit dieser Gesinnung immer mehr ins Träumen statt ins Arbeiten, sie schwärmen für die höchsten und gewaltigsten Aufgaben, die Gott uns Christen stellt, aber haben kein Herz für die nächsten und gegenwärtig wichtigsten, die er uns, ohne uns um Erlaubnis zu fragen, zuwirft.»</note>. Aber es ist zweierlei, ob wir den Staat nun ansehen mit den Augen des römischen Imperators oder sagen wir mit den Augen eines altschwyzerischen Landammanns<note xml:id="n41">Bezeichnung für das gewählte politische Oberhaupt eines Landkantons, so z.B. des Kantons <orgName ref="kbga-actors-8346">Schwyz</orgName>. Bis ins 19. Jahrhundert hinein leitete der Landammann auch die «Landsgemeinde» und übte die hohe Gerichtsbarkeit aus.</note> oder aber mit den Augen, mit denen uns Jesus diese Dinge anzuschauen gelehrt hat. Eines muss dann mit der Zeit weichen. Auf die Länge wird man nicht den Gott des Imperators oder Landammanns u. den <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> <term ref="kbga-keywords-81">Jesu</term> nebeneinander anrufen können. Einmal muss doch die Entdeckung in uns aufleuchten, dass es gilt Ernst zu machen u. von dem zu leben, wovon wir im Grunde leben – u. dann fallen eben die <term key="Götzen(, Götter)">Nicht-Götter</term>. Ich glaube, dass diese Zeit eine Zeit besonderer Bewegung von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> her ist, darum, weil sie uns von den Bildern von allerlei Nicht-Göttern <pb xml:id="p195" ed="pga"/> mit Macht zu dem einen realen Gott hindrängt. Ich wollte vorhin zeigen, wie uns durch die Erfahrungen des Krieges eine Reihe von <term key="Ideal">Idealen</term> nicht zerstört, aber entwertet werden, dadurch dass sie sich jetzt als blos relativ u. formal herausgestellt haben. Was soll uns der Gott, der uns einst als die höchste Idee der <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> vorgestellt worden ist? oder der sog. Gott unserer Väter, der Schutzpatron von <placeName ref="kbga-places-1406">Morgarten</placeName> und <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName><note xml:id="n42">Siegreiche Schlachten der Eidgenossen gegen österreichische Heere am <placeName ref="kbga-places-1406">Morgarten</placeName> am <date when="1315-11-15">15.11.1315</date> bzw. bei <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName> am <date when="1386-07-09">9.7.1386</date>.</note> und die ausländischen Götter seinesgleichen? Oder der Gott des proletarischen Klassenkampfes, an den wir eine Zeitlang doch geglaubt haben? Oder der milde Gott der Pazifisten? Oder der Kirchen- u. Christentumsgott, wie er uns von denen, die am Meisten von ihm reden u. schreiben, gezeichnet wird, schlimmer als der römische <persName ref="kbga-actors-9959">Janus</persName> mit Gesichtern nach allen Seiten? Was sollen uns
alle diese Götter, nachdem wir gesehen haben, wie sie alle «feldgrau» geworden sind? Ephraim, was sollen mir weiter die <term key="Götzen(, Götter)">Götzen?</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Hos.14.9">Hos. 14,9</ref>]  Ja, die Welt wird jetzt entgöttert u. erweist sich als das, was sie ist, als Welt. Dafür erweist sich <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> umso kräftiger als Gott.</p>
          <p> Als der Gott, den wir aus dem Leben u. <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> Jesu kennen. Ja, und was haben wir denn an Jesus? Gerade das, dass er uns <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> als Gott nahebringt u. als nichts Anderes. Der «<term ref="kbga-keywords-112">Vater</term> im Himmel» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.16">Mt.5,16</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45">45</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">48</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9">6,9</ref> par. u.ö.], auf den er uns hinweist, ist keine Idealität, die von ihrem Gegensatz lebt, keine formale unreale Grösse, die schliesslich auch wieder in die Welt hineingehört, keine Idee der <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term> oder der <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> im Wetteifer mit den Ideen der <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term>, sondern die <term key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>[,] aus der unsre ganze <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> herausgefallen ist, so dass sie nur noch Welt ist u. den <term ref="kbga-keywords-1283">Krieg</term> u. alle Teufeleien haben muss, u. an die sie doch auch wieder mit tausend Fäden gebunden ist. Des Menschen <term key="Menschensohn">Sohn</term> ist gekommen, zu suchen u. selig zu machen, was verloren ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.11">Mt. 18,11</ref> par.]. Gottes Leben ist das ursprüngliche Leben, in dem wir eigentlich unsre Heimat haben. Wollen wir etwas von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> sagen, so wird «Unser <term ref="kbga-keywords-112">Vater</term> im Himmel»: Unser Schöpfer u. Ursprung in der andern für uns ganz neuen Welt! das einzige Positive sein, das wir sagen können. All unser sonstiges Reden von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> ist ein Stammeln, oder es muss, wenn es Ernst gelten soll, in lauter Negationen bestehen. In <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> haben wir die grosse Position des Schöpferi<pb xml:id="p196" ed="pga" break="no"/>schen, Wirklichen, Neuen gegenüber unserm ganzen Lebenszusammenhang. Jesus war kein Philosoph, kein Ethiker, kein staatsbürgerlicher Erzieher, kein Sozialist od. Pazifist, Gott sei Dank auch kein Kirchenmann. Er hat nur Gott als Gott erkannt u. gezeigt. Er orientierte sich in der <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> nicht von der Welt aus, um schliesslich auch wieder ein Stück Welt zu erzeugen. Sondern er orientierte sich an Gott von Gott aus, u. mit der neuen Orientierung brach eine neue Welt, die ursprüngliche Gotteswelt an in seinem Leben u. in dem Leben, das von ihm ausging.</p>
          <p> Diese neue Welt war das <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreich</term>, gegenwärtig in ihm selber u. in seinen Jüngern, aber durchaus nicht nur in den Seelen, sondern in Worten u. Taten, die die alte Weltordnung deutlich und offenkundig durchbrachen. Das Gottesreich, wie es Jesus verkündigt hat, war niemals das Endziel der natürlichen Weltentwicklung, sondern der Wiederanbruch der Geltung Gottes. Und niemals hat Jesus die Welt u. ihre relativen Pflichten, Tugenden u. Güter als Vorstufen zum <term ref="kbga-keywords-434">Gottesreich</term> betrachtet. Sondern diese <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> samt dem Kaiser, dem auch der <term ref="kbga-keywords-272">Jünger</term> giebt, was des Kaisers ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.21">Mt. 22,21</ref> par.], steht zum Gottesreich als die Sphäre oder Weltzeit, die zum Vergehen, zum radikalen Verwandeltwerden bestimmt ist. Und wenn <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> damit gerechnet hat, dass seine Jünger zunächst in dieser vorläufigen Welt, die ihnen durch ihre <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term> Gottes eigentlich fremd geworden, weiterleben müssten, so hat er ihnen trotz Hauptmann von <placeName ref="kbga-places-862">Kapernaum</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.5 Mt.8.13">Mt. 8,5–13</ref> par.] doch niemals gesagt, dass das nun der Sinn ihres Lebens oder gar noch das Charakteristische ihrer Jüngerschaft sein solle, dass sie sich äusserlich u. innerlich an die Bedingungen dieser Welt anpassten, sondern Wachende u. Betende [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.41">Mt. 26,41</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.33">Mk. 13,33</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.38">14,38</ref>] – Leute, die in Bereitschaft stehen u. warten – sollten sie sein, warten mit ganzer innerer Spannung und Konzentration auf die Fortsetzung – nicht auf die Fortsetzung der alten Welt mit ihren Gütern u. Göttern, sondern auf die Fortsetzung u. Vollendung des Gottesreiches. Nicht das ist das Eine Notwendige [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], dass der Mensch sich in der Welt zurechtfindet, sondern dass er wachend u. wartend dieser Fortsetzung u. Vollendung von Gott her begegne. Wenn er das tut, wird er sich auch in den Fragen u. Nöten u. Aufgaben der Gegenwart nicht verlassen sehen, im Gegenteil: von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> her u. wo Gott gilt finden sich die Wege durchs <term ref="kbga-keywords-56">Leben</term> schon jetzt, auch in der vorläufigen Sphäre, in <pb xml:id="p197" ed="pga"/> der wir uns bewegen, aber nicht das ist das Entscheidende, dass er jederzeit ein sauber gebahntes Strässlein durchs Leben vor sich sehe, das ist vielfach gar nicht möglich, weil jene Voraussetzung von Gott her zu solcher Klarheit noch gar nicht da ist. Der <term ref="kbga-keywords-272">Jünger</term> Jesu ist hundertfach verflochten in die <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> u. Strafe der Welt, in die alte <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term> u. ihre hoffnungslosen Konflikte, er kann u. darf an hundert Stellen nicht anders denken, reden u. handeln, als die Welt tut, er hat allen Anlass zu beten: Vergib <hi rend="italic">uns unsre</hi> Schulden! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.12">Mt. 6,12</ref> par.]. Er muss diese Schuld der alten <term key="Welt, alte">Welt</term> selber in einem unruhigen zerrissenen Gewissen tragen. <hi rend="italic">Aber eben:</hi> diese Verflochtenheit in die Gesetze der gegenwärtigen Welt ist ihm <hi rend="italic">nicht</hi> eine göttliche Notwendigkeit, sondern eine Schuld, eine Gefangenschaft, etwas, was ihn u. seine Brüder noch von Gott trennt u. was von Gott her fallen muss. Auf welche Weise u. wie bald? das ist nicht die Frage, auf die es ankommt. Aber von Gott her <hi rend="italic">muss</hi> sie fallen, Gott <hi rend="italic">will</hi> vergeben, Gott <hi rend="italic">will</hi> uns vom Bösen erlösen, Gott <hi rend="italic">will</hi>, dass sein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.12 Mt.6.13">12f.</ref> par.]. Von Gott her besteht die Notwendigkeit jener Verflochtenheit u. Gefangenschaft <hi rend="italic">nicht</hi>, von Gott her giebt es eine <hi rend="italic">andre</hi> Gerechtigkeit als jene alte. Sie wird einmal die Fesseln sprengen, in denen wir leben. Nach ihr sich ausstrecken in der <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term>, sich ausstrecken nach dem, was bei <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term>, von Gott aus gilt, fest u. immer fester werden im Ernstnehmen der Welt Gottes, das ist das Wesen des <term ref="kbga-keywords-272">Jünger</term>s Jesu. Er steht fest in der Gegenwart u. lebt doch ganz in der Hoffnung; er lebt von dem, was von Gott her gilt, und weiss: von Gott her «wird euch solches Alles hinzugetan werden» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Mt. 6,33</ref> par.]. Solches Alles – nämlich Alles das, was man uns jetzt mit aller Gewalt in den Mittelpunkt des Glaubens rücken will, die Antwort auf alle die Fragen, Nöte, Konflikte, Aufgaben, auf die sozialen u. politischen Probleme der Gegenwart, während das Gottesreich wiederum mit aller Gewalt aus der frohen Realität, als die es uns im NT entgegentritt, zu einem dürftigen Nebelein am Ende der Weltentwicklung verwandelt u. als eine Art Dessert für religiöse Feinschmecker an den fernen Rand hinausgeschoben wird, als eine verzwickte Geschichte, von der man eigentlich nur das Eine sicher weiss, dass es noch gute Weile hat bis dahin u. dass man sich, besonders jetzt, wo in der Welt scharf geschossen wird, besser nicht zuviel damit abgiebt.</p>
          <p><pb xml:id="p198" ed="pga" rend="noPipe"/> Mit dieser Auffassung des <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term>s weiss ich nun allerdings <hi rend="sans-serif">nichts</hi> anzufangen. Von allem Merkwürdigen, das uns im Verlauf dieses Kriegsjahres von <hi rend="sans-serif"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></hi> aus gesagt worden ist, ist mir die immer wiederkehrende Behauptung die merkwürdigste gewesen, das in der <term ref="kbga-keywords-749">Bergpredigt</term> beschriebene Leben des <term ref="kbga-keywords-272">Jünger</term>s Jesu sei nur so eine Art bessere <term ref="kbga-keywords-477">Quäkermoral</term> mit ein bisschen Sorglosigkeit u. <term key="Feindesliebe">Feindesliebe</term>, die selbstverständlich so in der wirklichen <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> nicht allein bestehen könne, sondern von einer soliden Weltmoral eingerahmt u. eingepanzert sein müsse<note xml:id="n43">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, Antimilitarismus, S. 55–59, bes. S. 57f.</bibl>: Jesus ist mit den Weisungen der Bergpredigt «kein Reformator der Welt», sondern «der Vertreter des Vollkommenen und Absoluten, der Ewigkeitsforderung, nicht für die Welt, die als Ganzes schwerlich darauf eintreten wird, aber für die einzelnen, die seine Jünger sein wollen.» «Es ist <hi rend="italic">eine wunderbare Welt der Liebe, die hier im Innersten der Gesinnung aufbrechen soll</hi>». «Folgt daraus nun, dass ein Christ seinem Vaterland den Militärdienst und Kriegsdienst verweigern wird im Namen Jesu? Wir denken, es folgt etwas ganz anderes, entgegengesetztes daraus. Freilich zunächst etwas viel Schwereres. <hi rend="italic">Er soll an jedem Platz, wo er steht, darnach trachten, den innern Frieden seiner Seele und die Bruderliebe zu bewähren.</hi> Auch im Soldatenberuf […].» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4384">ders., <hi rend="italic">Gedanken über Krieg und Frieden</hi>, in: KBRS, Jg. 29 (1914), S. 185–187.189–191.193–196.201–204, bes. S. 186</bibl>: «läßt sich mit der Forderung Jesu die konkrete Wirklichkeit des Weltlebens restlos bemeistern, können die Leitlinien Jesu Gesetze werden für eine menschliche Gesellschaft? Das ist das eigentliche Entweder-Oder. Wer die Frage bejaht, der wird den Krieg unter allen Umständen verurteilen müssen, wie die Mehrzahl der Täufer, die Quäker, <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoi</persName>».</note>, wobei es dann schliesslich für den Christen doch das Dringendste u. Wichtigste ist, dass er doch ja dieser Weltmoral ihr Recht werden lasse. Nach meiner bescheidenen Kenntnis Jesu kommt es mir vor, da stehe nun einfach Alles auf dem Kopf: aus der Ankündigung des Neuen Ursprünglichen von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> her in der <term ref="kbga-keywords-749">Bergpredigt</term>, in der doch wahrhaftig fast jeder Satz nicht eine Verbesserung, sondern ein prinzipieller Durchbruch unsrer Weltordnung ist, aus dieser Ankündigung, die einen ganzen Kosmos in seinen Grundfesten erschüttert, wird eine sanfte Anweisung zu einem Gott etwas wohlgefälligeren Leben in der Bruderliebe innerhalb unsrer Weltordnung, eine Anweisung, die wohl in einigen Punkten etwas scharf u. hoch ist, im Ganzen aber getrost als Handbüchlein streng christlicher <term ref="kbga-keywords-1215">Ethik</term> sofort in Gebrauch genommen werden kann. Aus dem himmlischen Jerusalem, das sich nach dem Wort u. Sinn des ganzen NT auf die Erde <pb xml:id="p199" ed="pga"/> herniedersenkt als die Neuordnung aller Verhältnisse von Gott her [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.10">Apk. 21,10</ref>], ist hier umgekehrt der Aufbau des höhern innerlichen u. wahrhaft göttlichen Lebens auf der Grundlage des Rechts, des Staates, der jetzigen bürgerlichen u. nationalen Gemeinschaft geworden.<note xml:id="n44">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, Antimilitarismus, S. 47</bibl>: «<hi rend="italic">Entweder</hi> wir stellen Staat und Gottesreich in <hi rend="italic">sich ausschliessenden Gegensatz</hi> […]. <hi rend="italic">Oder</hi> wir sehen in Staat und Gottesreich eine <hi rend="italic">Stufenordnung</hi>, wir schätzen den Staat als ein geschichtliches Mittel, durch das wir auch auf das Leben im Gottesreich vorbereitet werden und das nicht übersprungen werden kann». Vgl. S. 54: Jesus verbindet <hi rend="italic">«weltliche Pflicht und Gottesreichspflicht»</hi>; so ist «in der rechten Erfüllung der weltlichen Pflicht <hi rend="italic">kein Hemmnis, sondern eine Schule für das Hineinwachsen in die Arbeit am Gottesreich</hi>» zu sehen.</note> Aus dem <term key="Gebet">Gebet</term>: Dein Name werde geheiligt! Dein Reich komme! Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.10">Mt. 6,9b–10</ref> par.], aus dem doch wahrhaftig die ganze Kraft des <term key="Glaube"><hi rend="italic">Glaubens</hi></term> spricht, des Glaubens an die <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> u. den <term key="Gott, Sieg">Sieg</term> <hi rend="italic">des</hi> Gottes, der <hi rend="sans-serif">anders</hi> ist als die Welt, – aus diesem Gebet wird der mit naumannscher Begeisterung vorgetragene Gedanke, dass es zweierlei Gotteswillen gebe, nämlich den reinen Liebes- u. Friedenswillen Gottes, der in den höhern Partien des Evangeliums zum Ausdruck u. in der feineren Moral feinerer Christen, hauptsächlich aber in der als Leben nach dem <term key="Tod, Leben nach dem T.">Tod</term>e verstandenen «stillen Ewigkeit»<note xml:id="n45">Vgl. aus der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-299">5. Strophe des Chorals «O Jesu Christ, mein Leben» von <persName ref="kbga-actors-2191">M. Heußer</persName> (1797–1876) (GERS [1891] 256)</bibl>:
            <q rend="block">
<lg>
  <l>Du bist mein ew’ges Leben […];</l><l>Drum will ich dich erheben […]</l><l>Schon hier im Erdenstreit</l><l>Und bald in Friedensstätten</l><l>Der stillen Ewigkeit.</l></lg> </q>Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2337">K. Barth, <hi rend="italic">Predigten 1913</hi>, hrsg. von N. Barth und G. Sauter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1976, <ref type="pub-" target="../volume/08/p443#p443">S. 443</ref></bibl>.</note> zu Ehren komme. Daneben aber – u. hier setzt nun merkwürdigerweise eine geradezu religiöse Leidenschaft ein – gebe es da einen härteren gröberen Gotteswillen, einen <foreign xml:lang="lat">deus absconditus</foreign>, der aus der Weltwirklichkeit u. ihren Notwendigkeiten erkennbar sei, u. nun wird der Respekt vor diesem härteren gröberen Gotteswillen u. das entsprechende moralische Verhalten zum eigentlichen Kennzeichen des Christen.<note xml:id="n46">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4384"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, Gedanken, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="#fn_n43">Anm. 43</ref>), S. 189</bibl>: Das Christentum vermochte es, «sich zur Welt und ihren Einrichtungen in ein positives Verhältnis zu setzen» – «aber <hi rend="italic">nicht auf Grund der Bergpredigt, sondern des Naturrechts und des Alten Testaments.</hi>» S. 190: Diese «drückten sozusagen den <hi rend="italic">harten und groben Gotteswillen aus, der, wenn auch unterevangelisch, dennoch Gottes Wille war</hi>, ein Wille der Ordnung, der Zucht, der Rechtlichkeit und Ehrbarkeit, des Gemeinschaftssinns und der Ergänzung von Schutzempfang und Dienstleistungen, mit dem man mit gutem Gewissen leben und auf dem Boden der Erde dem Himmel zustreben konnte». Der Calvinismus lehrt: <hi rend="italic">«eine Ethik, welche die Welt vorwärts bringen will», muss «auf die Normen der Bergpredigt, also auch auf die reine Friedlichkeit, grundsätzlich verzichten», «um ein gröberes und niedereres Ideal auf Erden zu verwirklichen»</hi>. Ebenso weiß <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> «ganz klar, was Jesus in der Bergpredigt von jedem Christen verlangt […]. Er weiß aber ebenso gut, daß die Welt […] für dies evangelische Ideal einfach unfähig ist, und daß sie nach einem härteren und gröberen Gotteswillen geleitet werden muß, damit sie nicht ganz untergehe in der Anarchie des Bösen.» S. 191: Über <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> «nüchternes Urteil: <hi rend="italic">die Welt kann nicht nach dem Evangelium geleitet werden</hi>» kann man «nicht so fröhlich zur Tagesordnung gehen wie <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> und seine Freunde».</note> Geht durch das ganze <term ref="kbga-keywords-74">NT</term> hin<pb xml:id="p200" ed="pga" break="no"/>durch das Warten u. Sich-Bereiten auf die volle <term key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> Gottes, bald tief verhalten, bald glühend ausbrechend, bald sich in der Stille läuternd u. verklärend, bald in unerhörten Worten u. Taten sich offenbarend, aber immer ein grundsätzliches Hinausschauen über die Tatsachen dieses Äons, ein Hinausschauen, bei dem das moralische Leben in dieser vorläufigen Welt wahrhaftig nicht zu kurz kommt, – so verlangt dieses moderne <term ref="kbga-keywords-807">Christentum</term> von uns, dass wir uns mit beiden Füssen auf den Boden der harten Tatsachen stellen, dass wir jetzt als Christen unser ganzes Herz vor Allem bei den Notwendigkeiten der schweizerischen Grenzbesetzung<note xml:id="n47"><bibl corresp="kbga-bibls-4376"><persName ref="kbga-actors-420">Wernle</persName>, Antimilitarismus, S. 86</bibl>: «Wir […], denen immer noch der Friede vergönnt ist, und die lediglich für tüchtigen Schutz unsrer Grenzen zu sorgen haben, besitzen die gesunde Kraft, ein reiches Mass von Träumereien und von rein theoretischer Kritik zu ertragen. Deshalb bedeutet der Antimilitarismus für die <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> keine Landesgefahr. Aber gesund und in der Ordnung ist das immer üppigere Gedeihen dieser Luxuspflanze bei uns doch nicht.»</note> u. womöglich auch noch bei der Sympathie für den deutschen Nachbarn haben müssten<note xml:id="n48"><bibl corresp="kbga-bibls-4385"><persName ref="kbga-actors-420">P. Wernle</persName>, <hi rend="italic">Gedanken eines Deutsch-Schweizers</hi>, Zürich 1915, S. 27</bibl>: «Es ist uns eigen zu Mut, wenn wir erzählen hören, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Trostlied ‹Ein feste Burg ist unser Gott› jetzt dort im Feld gesungen wird von Protestanten und Katholiken, dies Lied, in das wir das beste und höchste unseres eigenen Glaubens hineinzulegen gewohnt sind, und wir halten daran fest: ein Volk, das so singen, so beten, so kämpfen und so sterben kann, das ist nicht das Volk, das unsere Welschen jetzt aus den ausländischen Zeitungen sich schildern lassen, sondern ist das Volk, das wir ganz anders kennen und mit dem wir innerlich uns tief verbunden wissen.»</note>, <pb xml:id="p201" ed="pga"/> dass uns mit einem Wort jetzt Alles das wichtig u. entscheidend sein müsse, was im NT grundsätzlich nicht wichtig ist, während umgekehrt das Entscheidende im NT: seine <term key="Erkenntnis, Gottes">Gotteserkenntnis</term> u. <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> uns nur in Form einer dürftigen Privatmoral u. einer ebenso dürftigen Zukunftsträumerei erlaubt sein soll. Ich muss noch einmal sagen, dass ich diese Auffassung des <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term>s nicht verstehen kann. Es liegt wohl daran, dass ich kein <term key="Historiker">Historiker</term> bin. Nein, da freue ich mich nun einfach darüber, dass ich im NT eine ganze Welt aufgehen u. leuchten sehe, die gerade eine total andre Welt ist als die Welt der berühmten «harten Tatsachen», die ich ja in mir u. um mich herum im <term ref="kbga-keywords-1283">Krieg</term> u. <term key="Friede">Frieden</term> deutlich genug sehe u. an die ich wahrhaftig auch genug gebunden bin auf Schritt u. Tritt. Da freue ich mich, wenn mir in der <term ref="kbga-keywords-749">Bergpredigt</term> ein Leben begegnet, mit dem ich zunächst weder für mich persönlich noch für die kleine u. grosse Welt- u. <term key="Sozialpolitik">Sozialpolitik</term> etwas anzufangen weiss. Da freue ich mich, wenn mir im Leben u. Sterben Jesu Gott entgegentritt in einer Art, die mir unmissverständlich deutlich zeigt, dass Gott etwas von Grund aus
            Anderes ist als Alles Andre, was mir sonst als wahr u. richtig vorkommt. Ist es denn so von vornherein ausgeschlossen, dass Gott uns als Einer entgegentritt, den wir zunächst gar nicht brauchen können? Wer heisst uns denn, an Gott sofort wieder heranzutreten mit der Frage: ja was soll denn u. kann denn nun <hi rend="sans-serif">gemacht</hi> werden? Ist es Gott gegenüber so wichtig, dass vor allen Dingen wieder etwas gemacht werden kann? Wer heisst uns denn von Gott erwarten, dass er uns sofort auf alle möglichen verzwickten Fragen unsrer verzwickten Welt, z.B. auf die Frage: Militärdienst oder nicht? eine Ja- oder Nein-Antwort, u. zwar noch eine solche aus vollem freudigem Herzen auf die Lippen legen u. ein ruhiges Gewissen zum sanften Schlummerkissen<note xml:id="n49">Nach dem Sprichwort: «Ein gut Gewissen (ist) ein sanftes Ruhekissen» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-890"><hi rend="italic">Deutsches Sprichwörter-Lexikon</hi>, 1. Bd., a.a.O. [s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p027#fn_n27">S. 27, Anm. 27</ref>], S. 1670</bibl>).</note> obendrein geben müsse? Wie kommen wir eigentlich zu diesem anspruchsvollen Auftreten Gott gegenüber? Lässt es sich denn eigentlich gar nicht denken, dass wir Gott gegenüber einfach einmal in tiefster Freude u. Scham stille werden u. gar nichts, rein gar nichts mit ihm anzufangen wissen, <pb xml:id="p202" ed="pga"/> als dass unser Gewissen tief beunruhigt u. unser Herz von einer grossen Sehnsucht nach ihm erfüllt wird? Warum eilen wir über diesen fruchtbarsten Augenblick in unserm Verhältnis zu ihm so schnell hinweg, weil es uns so entsetzlich pressiert, als Christen doch ja auch in ein durchaus positives oder vielleicht auch negativ-kritisches Verhältnis zu <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term>, <term ref="kbga-keywords-337">Recht</term>, <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> und allen möglichen schönen u. unschönen Dingen zu kommen? Warum ist uns so wenig daran gelegen, vor Allem einmal festzustellen, ob wir eigentlich zu <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> in ein positives oder negatives Verhältnis treten wollen? Ich meine, die Art, wie im <term ref="kbga-keywords-74">NT</term> Gott als Gott an uns herangebracht wird, am stärksten in der <term ref="kbga-keywords-749">Bergpredigt</term> u. im <term key="Kreuz">Kreuz</term>e <term ref="kbga-keywords-81">Christi</term>, stellt uns vor eine im Grunde einfache <hi rend="sans-serif">Frage.</hi> Es handelt sich darum, ob der <term key="Gott, Wille">Gotteswille</term>, der sich da vor uns auftut, uns so in Anspruch nimmt, uns einen so bezwingenden Eindruck macht, dass wir erkennen u. bekennen müssen: dieser <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> <hi rend="italic">ist</hi> Gott. Dann gilt das ein für alle mal, dann ist alles, was uns sonst im Leben auch noch als gross u. wahr u. stark erscheinen mag, eben <hi rend="italic">nicht</hi> <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term>; – so sehr es uns ängstigen u. drücken mag, es kann uns von Gott nicht scheiden; – so wichtig es uns sein mag, es hat nur sekundäre Wichtigkeit neben Gott; – so stark es uns beanspruchen mag, es kann unser Innerstes nicht in Beschlag nehmen, denn über das ist bereits verfügt. Dann giebt es ausser Gott keinen «härtern gröbern Gotteswillen», keinen <foreign xml:lang="lat">deus absconditus</foreign>, sondern nur die <term ref="kbga-keywords-378"><hi rend="italic">Welt</hi></term><hi rend="italic">[,]</hi> die Gott noch nicht oder nicht mehr kennt, die vorläufige Welt, die wir uns nach der kräftigen Anschauungsweise des NT als bevölkert u. beherrscht von den Dämonen, Mächten u. Gewalten denken mögen u. zu deren Charakterisierung wir auch ganz getrost den Teufel wieder beim Namen nennen wollen, dessen man sich allzu lange in ganz unnötiger Prüderie geschämt hat, die Welt, über die hinweg wir doch ganz getrost auf Gott hinblicken, weil wir wissen: sie vergeht u. Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> kommt<note xml:id="n50">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1615">Did. 10,6</bibl> und <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref> par.</note>. Da ist nun wieder etwas Merkwürdiges: die gleichen Leute, die heute dem <term key="Glaube">Glauben</term> absolut das <term key="Götzen(, Götter)">Götzenbild</term> jenes «gröbern härtern Gotteswillens» u. alles dessen, was dazu gehört, zur Verehrung aufdrängen wollen, erheben andrerseits den Anspruch, die einzig echten Vertreter des sog. alten Christentums eines <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> u. <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName> mit seinem kindlichen Gottvertrauen u. seiner treuen <pb xml:id="p203" ed="pga"/> Pflichterfüllung mitten in der dunklen Welt zu sein. Ich weiss nicht, lese ich die Schriften u. Lieder dieser alten Christen mit ganz falschen Augen, aber mir kommt es vor, das Entscheidende an ihrem Christentum sei gerade die Art gewesen, wie sie <hi rend="sans-serif">Gott</hi> unbedingt ernst u. dafür die <hi rend="sans-serif">Wirklichkeit</hi><hi rend="sans-serif">[,]</hi> an die sie von Gott aus herantraten[,] <hi rend="sans-serif">nicht</hi> mehr so ernst nahmen, während unser Talmi-Altes Christentum im Geiste <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName>s mit der ehernen Wirklichkeit anfängt u. schliesslich von Gott nur noch Weniges unsicher zu sagen weiss. Der Geist, aus dem heraus <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> gesungen:
            <q rend="block">
            <lg><l>So will ich zwar nun treiben</l><l>Mein Leben durch die Welt,</l><l>Doch denk ich nicht zu bleiben</l><l>In diesem fremden Zelt<note xml:id="n51">Anfang der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-300">4. bzw. 6. Strophe des Chorals «Ich bin ein Gast auf Erden» (GERS [1891] 321; EG 529; RG [1998] 753)</bibl>.</note></l></lg></q> <lb/>ist doch wohl ein radikal anderer Geist als der Geist[,] aus dem heraus etwa die «<orgName ref="kbga-actors-5420">Christliche Welt</orgName>» jahraus jahrein ihre ethischen u. kirchlichen Probleme u. Problemlein wälzt, ein anderer Geist auch als der, aus dem heraus man Schutzschriften für die bedrohte schweizerische Militärfreudigkeit schreibt. Das muss einmal gesagt sein, damit man uns künftig mit <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName> in Ruhe lässt. Das kindliche Gottvertrauen des wirklichen alten Christentums ruhte fest auf dem Grunde <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8">Römer 8</ref>: Erkenntnis Gottes im Geiste Christi, Klarheit, dass Gott Gott ist u. Welt Welt, Hoffnung auf Gottes unbedingten Sieg. Auf diesem Grunde hat es seinen wunderbar tiefen Sinn, dass wir wirklich mitten in der <term key="Wirklichkeit">Weltwirklichkeit</term> allem Bösen u. Traurigen trotzend uns sagen dürfen: Befiehl du deine Wege ...!<note xml:id="n52"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">GERS (1891) 266; EG 361; RG (1998) 680</bibl>.</note> Was das auf dem Grunde einer in sich gespaltenen Gotteserkenntnis für einen Sinn haben soll, kann ich wieder <hi rend="sans-serif">nicht</hi> einsehen. – |</p>
          <p> Es könnte nun freilich auch das Andre sein, dass der Gotteswille, der sich uns im NT auftut, uns gar nicht so in Anspruch nimmt, uns gar keinen so hervorragenden Eindruck macht, wie wir eben vorausgesetzt haben, wie es <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8">Römer 8</ref> als sein Erlebnis beschrieben hat. Es könnte sein, dass die Stimme der sog. «<term key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>» einfach stärker wird in uns als die Stimme <term ref="kbga-keywords-81">Jesu</term> und uns ihren Gott als Gott <pb xml:id="p204" ed="pga"/> aufzwingt, während für das, was Jesus uns zu zeigen hat, nur eine gewisse Bewunderung und sanfte Neigung übrigbleibt, die ihm ja kaum jemand versagen wird. Das ist auch eine mögliche Entscheidung. Dann wird natürlich Verschiedenes anders. Dann ist es an der Zeit, darin die herrlichste Bewährung der Frömmigkeit zu finden, dass man die Wirklichkeit nimmt, wie sie ist. Dann freue man sich immer wieder darüber, dass es die Wirklichkeit z.B. über die «Utopien» der <term key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term> gewonnen hat, dann ists Zeit, mit den Leuten von der «Hilfe» Wirklichkeitsorgien zu begehen; dann glaube u. predige man in Gottesnamen mit <persName ref="kbga-actors-485">Baumgarten</persName><note xml:id="n53"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat wohl neben der von <persName ref="kbga-actors-485">Otto Baumgarten</persName> herausgegebenen, seit Kriegsbeginn in sogenannten «Kriegsheften» erscheinenden Zeitschrift «<orgName ref="kbga-actors-9964">Evangelische Freiheit</orgName>» den Aufsatz <bibl corresp="kbga-bibls-3922"><persName ref="kbga-actors-485">Baumgartens</persName> <hi rend="italic">Bismarcks Bedeutung für unser inneres Leben</hi>, in: ChW, Jg. 29 (1915), Sp. 263–265.303–305.321–324.340–343.519–521.548–550</bibl>, im Blick. In <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar sind die letzten beiden Stücke, die die «Spannung zwischen <hi rend="italic">nationaler Ethik und Bergpredigt</hi>, wie sie im Leben und Wesen <persName ref="kbga-actors-500">Bismarcks</persName> verkörpert ist» (Sp. 519), behandeln, mit zahlreichen Anstreichungen markiert.</note> u. <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> die Wirklichkeit u. ein «ethisiertes» Christentum in Anlehnung an den Staatsgedanken, ein <term ref="kbga-keywords-807">Christentum</term>, das sich von der <term key="Wirklichkeit">Wirklichkeit</term> brauchen lässt.</p>
          <p>Erwählet euch heute, wem ihr dienen wollet [<ref type="can" subtype="bible" target="Jos.24.15">Jos. 24,15</ref>]! Aber es ist ja innerlich ganz unmöglich, dass uns <hi rend="sans-serif">u.</hi> diesen Männern im Ernst die Stimme der Wirklichkeit wichtiger u. wahrer sei als die Stimme <term key="Jesus Christus, Stimme">Jesu</term>. Sollte uns diese Zeit nicht dringend nahelegen, dort Ernst zu machen, wo es uns Ernst ist, u. nur dort!?</p>
          <p> Mir ists, die Bewegung und Beunruhigung von <term key="Gott, Bewegung und Beunruhigung">Gott</term> her, die wir in dieser Zeit erleben, müsse es uns Allen mit aller Eindringlichkeit sagen:
            <q rend="block">
          <lg><l>Ihr, die ihr Christi Namen nennt,</l><l>Gebt unserm Gott die <hi rend="italic">Ehre!</hi></l><l>Ihr, die ihr Gottes Macht bekennt,</l><l>Gebt unserm Gott die <hi rend="italic">Ehre!</hi></l><l>Die <hi rend="italic">falschen</hi> Götzen macht zu Spott,</l><l>Der <hi rend="italic">Herr</hi> ist Gott, der <hi rend="italic">Herr</hi> ist Gott:</l><l>Gebt unserm <hi rend="italic">Gott</hi> die Ehre!<note xml:id="n54"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-67">8. Strophe des Chorals «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von <persName ref="kbga-actors-1404">J. J. Schütz</persName> (GERS [1891] 9; EG 326; RG [1998] 240)</bibl>.</note></l></lg></q></p>
          <p><pb xml:id="p205" ed="pga" rend="noPipe"/> Und nun lassen Sie mich noch zum dritten Punkt kommen. Sie erinnern sich der Frage, die der Kerkermeister von <placeName ref="kbga-places-1047">Philippi</placeName> an <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> u. <persName ref="kbga-actors-4482">Silas</persName> richtet: Liebe Herren, was soll ich <hi rend="sans-serif">thun,</hi> dass ich selig werde? Er bekommt darauf die Antwort: <hi rend="sans-serif">Glaube</hi> an den Herrn Jesum Christum, so wirst du u. dein Haus selig! [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.16.30 Act.16.31">Act. 16,30f.</ref>] Das ists schliesslich, was ich als meinen letzten entscheidenden Kriegszeiteindruck nennen möchte: wir haben einen ganz neuen tieferen ernsthafteren freudigeren <term key="Glaube">Glaube</term>n nötig. Und wenn Sie mich fragen, was denn nun geschehen soll, was da zu <hi rend="sans-serif">thun</hi> u. zu machen ist, damit unsre <hi rend="sans-serif">Welt</hi> von unserm <hi rend="sans-serif">Gott</hi> her erneuert werden kann, so weiss ich nichts zu sagen als das: glauben!</p>
          <p>Das ist mir jetzt auch etwas ganz Unverständliches, wie gleich bei Kriegsausbruch von <hi rend="sans-serif">allen</hi> Seiten dergleichen getan wurde, als ob unser Glaube, das sog. Religiöse eine selbstverständlich gegebene fertige Grösse sei, die jetzt nur in die gehörige Beziehung zu den Erlebnissen, die aus der Weltwirklichkeit über uns kamen, gesetzt werden müsse. Das Stillwerden vor Gott als Gott, das uns in jenem Moment doch gewaltig nahegelegt war, wurde erstaunlich rasch übergangen, u. mit erstaunlicher Sicherheit begannen wir flugs damit, aus dem reichen Schatz unsrer Gotteserkenntnis heraus Kriegsethik oder auch <term key="Pazifismus">Pazifismus</term>, christlichen <term key="Patriotismus">Patriotismus</term> oder auch Kritik an diesem Patriotismus zu produzieren, als ob das nun das Dringendste gewesen wäre. Ich habe dabei an meinem Teil durch meinen berüchtigten Brief an <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName><note xml:id="n55">Vom <date when="1914-08-31">31.8.1914</date>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-179">K. Barth, <hi rend="italic">Offene Briefe 1909-1935</hi>, hrsg. von D. Koch (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 2001, <ref type="pub-" target="../volume/35/p018#p018">S. 18–41</ref></bibl>.</note> auch mitgewirkt. Aber wenn wir uns, wie ich glaube, so ziemlich alle, wenn auch in sehr verschiedener Weise, in dieser Richtung verrannt haben, muss es denn nun immer in dieser Richtung weitergehen, u. wollen wir jetzt nicht damit anfangen, uns zu sammeln um die Hauptsache? Ists denn so abwegs, wenn gerade jetzt, gerade in dieser Sturmzeit, die uns mit aller Gewalt zwingen will[,] uns an der Welt zu orientieren, und gerade bei uns in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, die wir es verhältnismässig leichter haben, uns das Herz frei zu halten, die alte Losung des <term ref="kbga-keywords-74">NT</term> u. der <term ref="kbga-keywords-47">Reformatoren</term> wieder erneuert wird: das entscheidende Tun des Menschen Gott gegenüber, die wirksame Hauptsache in unserm Leben ist der <term key="Glaube">Glaube</term>! Die Hauptsache ist jetzt weder <pb xml:id="p206" ed="pga"/> <term key="Patriotismus">Patriotismus</term> noch Heimatschutz noch <term key="Militarismus">Militärfreudigkeit</term> noch Staatsbewusstsein, die Hauptsache ist jetzt aber auch nicht Menschheitsglaube, Internationalismus, <term key="Antimilitarismus">Antimilitarismus</term> u. <term key="Pazifismus">Pazifismus</term>, sondern die Hauptsache ist, dass wir jetzt ganz anders anfangen, Gott als Gott zu anerkennen, uns vor ihm zu beugen, uns ganz durchdringen zu lassen von der Gewissheit, dass <hi rend="sans-serif">er</hi> recht hat u. nicht <hi rend="sans-serif">wir</hi> mit <hi rend="sans-serif">unsrer</hi> Welt u. <hi rend="sans-serif">unsrer</hi> Art. Ich sagte vorhin: wenn wir einmal soweit sind, dass uns <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> wirklich Gott <hi rend="italic">ist</hi>, dann <hi rend="sans-serif italic">gilt</hi> das ein für allemal, ja dann sind wir über den Berg, dann hat das Neue angefangen, u. das Alte kommt nur noch als Vergehendes in Betracht. Ist jemand in <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term>, so <hi rend="italic">ist</hi> er neue <term key="Schöpfung, neue">Schöpfung</term>. Das Alte <hi rend="italic">ist</hi> vergangen, siehe[,] es <hi rend="italic">ist</hi> Alles neu geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. Aber das ist eine grosse heilige Sache, soweit zu <hi rend="sans-serif">sein,</hi> dass uns Gott wirklich Gott <hi rend="italic">ist[,]</hi> und wer darf da eigentlich sagen, dass er schon soweit sei? Hat uns nicht die Tatsache des Krieges und die Art, wie wir alle hoffnungslos in die Welt des Krieges kompliziert sind, gezeigt, dass wir samt u. sonders noch nicht soweit sind? Ich habe den Eindruck, dass wir in einer grossen Selbsttäuschung befangen sind, wenn wir unsern Glauben an Gott einfach so voraussetzen, wie wir es bei Kriegsausbruch getan haben, und auf unserer vermeintlich religiösen Basis frisch u. fröhlich zur Tagesordnung übergehen, jeder zu der seinigen. Da muss es dann freilich zu so bizarren Erscheinungen kommen, wie das sog. «deutsche <term key="Christentum, deutsches">Christentum</term>» eine ist, nicht weniger freilich unser «Pharisäismus der <term key="Idee">Idee</term>»<note xml:id="n56">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3818"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Ich kann mir nicht helfen… Auch ein Wort an die deutschen Freunde der Religiös-Sozialen</hi>, Zürich 1915, S. 4.7</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p047#p047">S. 47</ref></bibl>.</note>, mit dem wir dem deutschen Christentum geantwortet haben. Wir müssen dann einfach früher od. später entdecken, dass wir mit unsrer ganzen Tagesordnung ganz flott wieder in der alten Welt drin stehen. Wohl aber könnte etwas Neues unter uns werden, wenn wir es wieder lernen wollten, uns ganz anders vor Gott zu stellen, uns ihm entgegenzustrecken, von ihm her stark und reif zu werden, auf ihn zu warten.
            <q rend="block">
          <lg><l>Ein <hi rend="italic">von Gott</hi> erleucht’ter Sinn</l><l>Kehrt zu seinem <hi rend="italic">Ursprung</hi> hin!<note xml:id="n57">Schluss der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-258">2. Strophe des Chorals «Himmelan geht unsere Bahn!» von <persName ref="kbga-actors-5770">B. Schmolck</persName> (GERS [1891] 227)</bibl>.</note></l></lg></q></p>
          <p><pb xml:id="p207" ed="pga" rend="noPipe"/> Gott will doch nicht, dass unsre Welt, die Welt der von ihm gelösten Naturkraft, das Letzte, das Bleibende sei. Es ist doch seine Verheissung, die uns eines neuen Himmels u. einer neuen <term key="Himmel und Erde, neuer H. und neue E.">Erde</term> warten lässt, in welchen <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term> wohnt [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Sie fragen mich, ob ich denn die Fortsetzung u. Vollendung der neuen Welt von Gott her in der nächsten Zeit erwarte? Ich weiss es nicht. Jesus hat es ja auch nicht wissen wollen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.36">Mt. 24,36</ref> par.]. Ich weiss nur das: wenn wir die Hoffnung auf Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> fortgesetzt aus der Hauptsache zur Nebensache machen, so kommt es überhaupt nicht, weder früher noch später. Dann bleibt <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> Welt. Damit Gottes <term key="Gott, Wille">Wille</term> geschehen kann, dazu müssen wir wieder im Ernst darum <term key="Gebet">beten</term>. Damit seine Verheissung wahr werden kann, dazu müssen wir sie wieder ganz anders als wahr annehmen, müssen ganz anders um <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term> G[ottes] ringen[,] müssen ganz anders uns von Gott für Gott erleuchten u. zubereiten lassen. Das Tun, auf das es jetzt ankommt, das jetzt entscheidend ist, führt uns in die Stille des Gebets, in die einsame oder gemeinsame Vertiefung in Gottes <term key="Gottes Wort">Wort</term> u. Willen, in die innere Sammlung, Konzentrierung und Ladung, in das Fest- u. Klarwerden in der grossen Hoffnung, die wir als Christen haben. Alles <hi rend="sans-serif">Andere</hi> ist jetzt <hi rend="sans-serif">nicht</hi> entscheidend. Hier wird denn auch die <hi rend="sans-serif">Kirche</hi> ihre eigentliche Aufgabe begreifen und ergreifen müssen. Sie wird den Mut haben müssen, grundsätzlich ihren eigenen Weg zu gehen gegenüber allen Faktoren des menschlichen <term ref="kbga-keywords-1368">Fortschritt</term>sprogramms. Sie wird in bewusstem Anschluss an die Predigt der <term key="Propheten">Propheten</term> u. <term ref="kbga-keywords-273">Apostel</term> wieder zu einer Kirche des <term key="Glaube">Glauben</term>s u. der <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> werden müssen. –</p>
          <p>Und die nächsten Nöte und Aufgaben, die uns das Leben «vor die Füsse wirft»<note xml:id="n58">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p194#fn_n40">S. 194, Anm. 40</ref>.</note>? Ich stehe stark unter dem Eindruck, dass wir nur zu viel uns immer mit den nächsten u. übernächsten Nöten und Aufgaben innerlich beschäftigt u. uns damit innerlich in jenes Fortschrittsprogramm innerhalb der <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> verwickelt haben, das sich jetzt im Kriege als so sinnlos u. machtlos erwiesen hat. Wir denken bei der Arbeit für Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich </term>immer gleich an <term ref="kbga-keywords-210">Mission</term> und christliche Vereine, an <term key="Liebestätigkeit">Liebestätigkeit</term> u. Staatsfürsorge, an die Schule u. ans Militär, an <term key="Gewerkschaften">Gewerkschaften</term> u. Konsumvereine u. Friedensvereine, wir schlagen womöglich den Atlas auf u. studieren unter sorgfältiger Berück<pb xml:id="p208" ed="pga" break="no"/>sichtigung der Bücher <persName ref="kbga-actors-706">Naumanns</persName><note xml:id="n59">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/48/p537#p537">S. 537</ref>.</note> die Möglichkeit der vereinigten Staaten <term key="Europa, Vereinigte Staaten von Europa">Europa</term>s. Wir kultivieren den <term key="Antimilitarismus">Antimilitarismus</term>, oder wir schreiben Broschüren dagegen. Ich glaube, damit verbauen wir uns den Weg zu den <term key="Gott, Gedanken">Gedanken</term> Gottes. Es giebt eine letzte Not, <hi rend="italic">die</hi> muss überwunden werden. Es giebt eine letzte Aufgabe, <hi rend="italic">die</hi> will gelöst sein. Beides geschieht von Gott her. An Gott aber können wir nur glauben.</p>
          <p>Aber es ist richtig, die nächsten Nöte und Aufgaben sind da und wollen auch innerhalb unsres jetzigen Lebenszusammenhangs bearbeitet sein. Zu lösen sind sie von der Welt aus grundsätzlich <hi rend="sans-serif">nicht,</hi> sondern nur von <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term> her. Staffeln zum Gottesreich empor<note xml:id="n60">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p189#fn_n29">S. 189, Anm. 29</ref>.</note> sind auch die besten Lösungsversuche innerhalb dieses Zusammenhangs <hi rend="sans-serif">nicht,</hi> der Weg zum <term key="Reich Gottes, Weg zum">Gottesreich </term>ist allein der <term key="Glaube">Glaube</term>. Denn im Glauben wachsen wir hinein in die ursprüngliche reale Gotteswelt, in das kommende Reich des Vaters. Aber der Glaube kann ja gar nicht anders als in der <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> energisch sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Der Glaube, gerade der Glaube an Gott als Gott macht eine sachliche Stellung zu den Lebensproblemen u. Konflikten möglich. Die neue Orientierung an Gott muss in einer neuen Gesamtrichtung des Lebens auch innerhalb der Welt zum Vorschein kommen. Nicht in eindeutigen Antworten auf die Lebensfragen. Ich kann mir z.B. denken, dass ein Mensch, dem es Ernst ist mit Gott, sich dem Militärdienst unterzieht, weil er sich der Solidarität der Schuld auch in diesem Punkt nicht entziehen zu dürfen glaubt, und das ganze Leid um diese Schuld betend und hoffend in sich hineinnimmt. Ich kann mir ebenso gut denken, dass derselbe Mensch, ohne ein Prophet zu sein, einfach in seinem Glauben sich von Gott her gezwungen fühlt, sein Licht gerade an diesem Punkte in der Weise leuchten zu lassen, dass er etwas Anderes tun muss, als alle Welt tut, u. den Militärdienst <term key="Dienstverweigerung">verweigert</term>. Er tut dann eben das Eine <hi rend="italic">oder</hi> das Andre im Glauben an Gottes Verheissung, u. Gott wird ihm auf dem einen <hi rend="italic">oder</hi> auf dem andern Weg segnen u. zum Segen werden lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.12.2">Gen. 12,2</ref>]. Er geht so oder so den Weg <persName ref="kbga-actors-444">Abrahams</persName> u. des alten <persName ref="kbga-actors-2251">Simeon</persName>. Entscheidend ist nicht, ob er nun das Eine oder das Andre tue, sondern ob er es tut aus jener tiefen Bewegung u. Beunruhigung des Glaubens heraus, aus der Spannung heraus, in der ein Mensch <pb xml:id="p209" ed="pga"/> Gottes in dieser Welt leben muss. In den Menschen, die aus dieser Spannung heraus handeln, wächst die Macht des Gottesreiches, die einmal von innen heraus (nicht durch das, was von aussen gemacht werden kann) die Macht der blossen Naturkraft ablösen wird. Seien wir überzeugte <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> – ich bin es –, seien wir besorgte und eifrige <term key="Patriotismus">Patrioten</term> – ich lasse mir auch mein Schweizertum von niemand abdekretieren. Aber dass wir uns nur durch alles derartige das Eine, was nottut [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], diese fruchtbare innere Spannung des Glaubens nicht nehmen oder abschwächen lassen. –│</p>
          <p><hi rend="sans-serif">Dass</hi> aus dem <term key="Glaube">Glaube</term>n heraus überhaupt etwas <hi rend="sans-serif">geschieht,</hi> dafür braucht uns nicht bange zu sein: Aus dem Glauben heraus wird nie u. nimmer eine Haltung möglich sein, die mit untätigem Theoretisieren angesichts der Not der Brüder u. angesichts der eigenen Pflicht auch nur die geringste Verwandtschaft hat. Das ist die alte unfruchtbare Verwechslung. Das Ja oder Nein oder Sowohl-Als auch, das aus dem Glauben stammt, kann nicht <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.23">Röm. 14,23</ref>]. Ich denke mir freilich, je wirklicher unser Glaube wird, desto weniger <hi rend="italic">fragen</hi> wir überhaupt, wie wir uns nun morgen u. übermorgen halten sollen und wie es im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> und in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> u. in der Welt nun weitergehen soll. Wir denken u. reden u. handeln dann einfach von Schritt zu Schritt so, wie wir <hi rend="sans-serif">müssen.</hi> Solange uns die Probleme noch Probleme sind, haben wir daran das sichere Zeichen, dass es uns individuell u. kollektiv am Glauben fehlt, am <term key="Glaube">Glaube</term>n an <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term>, von dem keine Probleme kommen, sondern <term ref="kbga-keywords-1269">Erlösung</term>. Wir dürften wohl auch im Bezug auf unsre ethischen Probleme ein wenig mehr daran denken, dass Jesus die Kinder des Reiches als solche beschrieben hat, die nicht auf den andern Tag sorgen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.31">Mt. 6,31</ref>]. Und bei dieser Beobachtung wird sich unsre entscheidende Aufmerksamkeit eben doch immer wieder bei aller Treue im Kleinen u. Grossen von den Problemen zurückziehen und der uns mangelnden Orientierung an Gott zuwenden.</p>
          <p>Das ist keine Lösung! werden Sie sagen. Nein, es ist keine Lösung u. soll auch keine sein. Man kann einander in der Frage, was nun zunächst getan werden soll, die Lösung nicht zeigen, man kann sie nur suchen u. finden u. haben u. wieder suchen u. finden. Aber es giebt eine Wahrheit, u. die zu erkennen und durch sie frei zu werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.32">Joh. 8,32</ref>] ist wichtiger, als die eine u. andre Lösung haben. Da stehen wir eben wieder vor Jesus mit seinem Trachtet am Ersten nach dem <pb xml:id="p210" ed="pga"/> Reiche Gottes! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Mt. 6,33</ref>] Dass wir dieses «am Ersten!» jetzt ein wenig besser verstehen können als vorher, das scheint mir die grosse Gottesreichsmöglichkeit dieser Kriegszeit zu sein.</p>
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