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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Religion und Sozialismus</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Religion und Sozialismus, 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48032 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 211–223.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Religion und Sozialismus</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Religion u. Sozialismus. Vortrag in Baden, Dienstag 7. Dezember 1915, 7. Dezember 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/712">KBA 12077</ref>. </bibl>
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        <head>RELIGION UND SOZIALISMUS</head>
        
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            <date when="1915">1915</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Die <date when="1915">1915</date> etwa 8500 Einwohner zählende Stadt <placeName ref="kbga-places-160">Baden</placeName> liegt 30 km nordöstlich von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erwähnt als Besucher des Vortrags «etwa 100-120 <term key="Arbeiter">Arbeiter</term>, Arbeiterinnen, Angestellte und Lehrer».<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p113#p113">S. 113</ref>.</bibl></note> Diese für die «Sozialistischen Reden» <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barths</persName> wohl ungewöhnlich große Zuhörerschar wird sich aus den ortsansässigen <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> rekrutiert haben, die ebenfalls recht zahlreich sind: die <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratische <term key="Sozialdemokratie, schweizerische">Partei</term></orgName> und <term key="Grütliverein"><orgName ref="kbga-actors-9772">Grütliverein</orgName></term> in <placeName ref="kbga-places-160">Baden</placeName> hatte 87, der Arbeiterinnenverein 34 Mitglieder.<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-4387"><hi rend="italic">Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei der <term key="Sozialdemokratie, Schweizerische">Schweiz</term></hi><hi rend="italic">. Zusammengestellt und bearbeitet vom Parteisekretariat, pro 1915</hi>, Zürich 1916, S. 162</bibl>.</note> Die große Teilnehmerzahl könnte aber auch damit zu tun haben, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Vortrag im Rahmen eines besonderen Bildungsprogramms hielt. Vom kantonalen Parteiverband des <orgName ref="kbga-actors-9010">Kantons Aargau</orgName> heißt es:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">Die Geschäftsleitung hat für den <date to="1916-03-31" from="1915-10-01">Winter 1915/16</date> ein Bildungsprogramm herausgegeben, das 36 Vorträge mit 14 Referenten umfaßt. Es war das erste Mal, daß so vorgegangen wurde, es hat Anklang gefunden, wie aus verschiedenen Zuschriften zu entnehmen war.</hi><note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-4387">A.a.O., S. 162</bibl>.</note></p>
          <p>
            Auf dem Vortragsprogramm ist <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Name sechsmal aufgeführt, und zwar bei den - dann freilich von ihm nur teilweise behandelten - Themen «Wir Sozialisten und die Andern». «Der Wille Gottes und der Krieg»<note xml:id="n04">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/48/p260#p260">S. 260–264</ref>.</note>, «Was heißt: Ein Christ sein?»<note xml:id="n05">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p161#p161">S. 161–163</ref>.</note>, «Jesus und die Sozialisten»<note xml:id="n06">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p131#p131">S. 131–139</ref>.</note>, «Was hat uns Jesu Bergpredigt zu sagen?», «Das Kreuz Christi und der Sozialismus». Der Vortrag über Religion und Sozialismus wurde angekündigt unter dem Titel «Ist Religion und Sozialismus vereinbar?» und sollte eigentlich von Pfarrer <persName ref="kbga-actors-4602">Sigmund Büchi</persName>, Ober-Erlinsbach, gehalten werden. Als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1915-12-08">8. Dezember 1915</date> <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> die öffentliche Einladung zu diesem Vortrag schickte, kommentierte er: «Aber ich kann sicher, sicher nichts dafür! Für dieses schreckliche Thema nämlich. Das hat der ‹Bildungsausschuß› getan.»<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p113#p113">S. 113</ref>.</bibl> Vgl. den Abdruck der Einladung auf <ref type="pub" target="3087#p112">S. 112</ref> und die Bemerkungen über den Verlauf der Veranstaltung auf <ref type="pub" target="../volume/03/p113#p113">S. 113</ref>.</note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <pb xml:id="p212" ed="pga"/>
          <head>Religion u[nd] Sozialismus</head>
          
            <head type="sub">Vortrag in <placeName ref="kbga-places-160">Baden</placeName>, Dienstag
<date when="1915-12-07">7. Dezember 1915</date>
            </head>
          
          <p>Vielleicht dient es am Besten zur Einführung in die grosse Sache, die uns heute beschäftigen soll, wenn ich es einfach versuche, Ihnen zu sagen, wie ich dazu komme[,] mich <hi rend="sans-serif">als Pfarrer</hi> zum Sozialismus u. zur <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">Sozialdemokratie</term> zu bekennen[,] u. wie ich es meine, wenn ich das thue. Ich lasse dabei alles blos Lokale u. Persönliche bei Seite u. rede nur von dem[,] was sachlich u. innerlich wichtig ist.</p>
          <p>Ich bin mit <hi rend="sans-serif">Freuden</hi> <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term>. Es fällt mir zwar mit jedem Jahr schwerer[,] Pfarrer zu sein, weil ich immer deutlicher einsehe, wieviel Unvollkommenheiten u. wieviel Gefahren dem <term ref="kbga-keywords-137">Pfarrer</term>- u. <term ref="kbga-keywords-33">Kirchenwesen</term> als solchem[,] dem Pfarrer- u. Kirchenwesen aller Bekenntnisse anhaften. Und doch bin ich mit jedem Jahr lieber <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term> und wollte u. könnte mit keinem andern Berufe tauschen. Wenn mir das <term ref="kbga-keywords-137">Pfarramt</term> manchmal <hi rend="sans-serif">sauer</hi> fällt und wenn ich ihm in gewissen Stunden schon hätte entrinnen mögen, so war u. ist es nicht, weil mir die Sache[,] für die ich mich einsetzen darf, je verleiden oder nebensächlich werden könnte, sondern umgekehrt, weil diese Sache eigentlich viel zu gross u. zu heilig u. schön ist für einen Menschen u. ein menschlich begründetes u. geordnetes Amt, weil es mir eigentlich wie eine Art Anmassung vorkommt, <term ref="kbga-keywords-137">Pfarrer</term> sein zu wollen. Aber <hi rend="sans-serif">das Gleiche,</hi> was mir manchmal fast Angst macht vor meinem Beruf, giebt mir dann auch immer wieder Freude daran. Es ist eine grosse, die grösste Sache, für die ich leben darf. Und <hi rend="sans-serif">weil ich</hi> mit Freuden <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term> bin u. nicht etwa mit offenem od. geheimem Überdruss, bin ich <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">Sozialist</term> u. Sozialdemokrat geworden.<note xml:id="n08">Parteieintritt <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am <date when="1915-01-26">26.1.1915</date>. Vgl. die Einleitung zu <bibl corresp="kbga-bibls-4388"><hi rend="italic">Menschenrecht und Bürgerpflicht</hi>, in V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p361#p361">S. 361f.</ref></bibl></note> Ich bin Sozialist geworden aus der Notwendigkeit der grossen Sache heraus, für die ich leben möchte[,] u. nicht etwa, weil ich innerlich irgendwie von dieser Sache, die mir die Hauptsache ist u. bleibt, innerlich ab- u. auf ein Nebengeleise gekommen wäre.</p>
          <p>Ich nenne diese Sache nicht gerne «<term key="Religion">Religion</term>». Die Formulierung des Themas meines heutigen Vortrags: «Rel. u. Soz.» oder: Ist Rel. u. Soz. vereinbar? stammt nicht von mir. «Religion» ist ein sehr schwa<pb xml:id="p213" ed="pga" break="no"/>ches u. noch dazu sehr zweideutiges Wort. <hi rend="sans-serif">Religion</hi> ist das fromme <term key="Gefühl, frommes">Gefühl</term> im einzelnen Menschen, samt der besondern <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term> u. dem besondern <term ref="kbga-keywords-96">Gottesdienst</term>, die aus diesem Gefühl hervorgehen, das fromme <term key="Gefühl, frommes">Gefühl</term> in der Reinheit u. Erhabenheit, die es da u. dort u. zu gewissen Zeiten in jedem von uns erreicht, aber auch in den <term key="Schwachheit">Schwachheiten</term> u. Träumereien u. offenen Verirrungen, denen es immer wieder u. denen es in uns Allen ausgesetzt ist. Die Sache, um die es sich mir handelt, u. auf die uns die <term key="Religion">Religion</term> als <term key="Gefühl, religiöses">Gefühl</term> allerdings hinweist, ist etwas Grösseres u. Klareres. Sie ist nicht nur ein Gefühl, mit all den Schwankungen u. Unsicherheiten, denen alle Gefühle ausgesetzt sind, sie ist eine <hi rend="sans-serif">Tatsache</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Sie ist <hi rend="italic">die</hi> Tatsache, die eigentlich allein diesen Namen verdient, sie ist das einzig Sichere u. Haltbare, das es überhaupt giebt, der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht<note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-1708"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, «Der Spaziergang», V. 134</bibl>: «Sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht».</note>, sie ist <hi rend="italic">die</hi> <term key="Reich Gottes, als Tatsache">Tatsache</term>, von der wir Alle im Grunde leben. Die ganze Menschheit lebt von ihr, trotz all der schmerzlichen Irrwege, die sie immer wieder u. immer noch geht. Es leben von ihr die Blumen[,] der Wald u. die <term ref="kbga-keywords-328">Vögel</term> und die fernen <term key="Kosmos">Gestirnswelten</term>[,] die über uns ihre wunderbaren Bahnen gehen. Alles Leben <hi rend="italic">strömt</hi> aus ihr.<note xml:id="n10">Vgl. das Appenzeller Landsgemeindelied <bibl type="song" corresp="kbga-songs-72">«Alles Leben strömt aus dir» von <persName ref="kbga-actors-5849">C. Rudolphi</persName> (RG [1998] 520)</bibl>.</note> Wir können sie <term key="Gott, als Gott anerkennen">anerkennen</term> oder wir können sie verleugnen; wir können sie <term key="Anbetung">anbeten</term> oder wir können sie in tollem Wahn mit Füssen treten; wir können ihr die Herrschaft über unser Leben einräumen oder wir können es längere oder kürzere Zeit probieren, es ohne sie zu machen. Sie ist u. bleibt, sie geht ihren ruhigen ewigen Gang mit uns oder ohne uns. Sie lebt nicht von uns, aber wir leben von ihr. Was wir <term key="Religion, als ein Symptom des Gottesreichs">Religion</term> nennen, ist nur ein <hi rend="sans-serif">Symptom,</hi> ein Anzeichen dieser <term key="Reich Gottes, als Tatsache">Tatsache</term>, eine ihrer Spiegelungen in dem sehr unvollkommenen Spiegel der menschlichen Seele, menschlicher Einrichtungen u. Bräuche. Nur ein Symptom unter andern. Das Leben der <term ref="kbga-keywords-328">Natur</term> vor Allem ist überquellend reich an solchen Symptomen. Denken Sie an das Allereinfachste, das schon dem Urmenschen den tiefsten Eindruck machte, an die <term key="Sonne">Sonne</term>, die der hl. <persName ref="kbga-actors-555">Franz v. Assisi</persName> seinen «Herrn Bruder» genannt hat<note xml:id="n11"><bibl corresp="kbga-bibls-4389"><persName ref="kbga-actors-555">Franziskus von Assisi</persName>, <hi rend="italic">Der Sonnengesang</hi>, in: <hi rend="italic">Die Schriften des hl. Franziskus von Assisi</hi>, hrsg. von K. Eßer und L. Hardick, Werl 1972<hi rend="sup">4</hi>, S. 164f.</bibl></note>. Was ist alle menschliche <pb xml:id="p214" ed="pga"/> Religion neben der Lebensoffenbarung, die uns im Sonnenlicht u. in der <term key="Sonne">Sonnenwärme</term> entgegentritt? Doch bleiben wir im Umkreis des Menschlichen: es fehlt uns ja auch da nicht an Symptomen, Anzeichen, Spiegelungen der grossen <term key="Reich Gottes, als Tatsache">Tatsache</term>[,] von der wir leben. Ich könnte den <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term> nennen, die <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term> u. die <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term>, oder in der Weltgeschichte <term key="Griechen(, Griechenland)">Griechenland</term>, die Kultur der <term key="Gothik">Gothik</term>, deren Überreste uns in den Kirchenbauten des Mittelalters grüssen, die <term ref="kbga-keywords-61">Reformation</term> u. die <term ref="kbga-keywords-1209">Renaissance</term>, der <term key="Wahrheitsfanatismus">Wahrheitsfanatismus</term>[,] der im 18. Jahrh[un]d[er]t die Menschen überkam, die französische <term ref="kbga-keywords-1990">Revolution</term> in dem[,] was sie eigentlich wollte, oder im persönl[ichen] menschl[ichen] Leben alle guten <term ref="kbga-keywords-465">Tugenden</term>, die in der Bibel die Früchte des <term key="Geist, Früchte des G.">Geistes</term> genannt werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.22">Gal. 5,22</ref>]. Mir ist der <term key="Sozialismus, als Spiegelung des Gottesreichs">Sozialismus</term> zu einer der wichtigsten Spiegelungen der grossen Grund- u.
<term key="Reich Gottes, als Tatsache">Lebenstatsache</term> geworden. Alles Symptome u. nur Symptome, gerade wie die Religion nur ein Symptom davon <term key="Religion, als ein Symptom des Gottesreichs">ist</term>. Alles was ich genannt habe, die <term key="Religion">Religion</term> u. der <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> eingeschlossen, sind sehr <hi rend="sans-serif">umstrittene</hi> Erscheinungen. Ich wundere mich gar nicht darüber, wenn sich Ihnen beim Einen u. Andern[,] was ich genannt, sofort missliche Nebengedanken eingestellt haben, wenn Sie mir beim Einen od. Andern hätten dazwischen rufen mögen: halt, das nicht! Es giebt kein menschliches Tun, es giebt kein geschichtliches Ereignis, es giebt keine persönlichen <term ref="kbga-keywords-465">Tugenden</term>, die einfach frei wären von unreinen, <term key="Torheit">thörichten</term>, verwerflichen, ja teuflischen Nebenerscheinungen. Sogar die wunderbar reinen u. erhabenen Erscheinungen der <term ref="kbga-keywords-328">Natur</term> nehmen oft ein zweideutiges Gesicht <term key="Zwiespalt">an</term>. Aber <hi rend="sans-serif">über allem</hi> Umstrittenen u. Zweifelhaften giebt es ein Unbestreitbares u. Unzweifelhaftes. Es giebt ein Vollkommenes, von dem alles Unvollkommene lebt u. nach dem sich Alles gleichsam ausstreckt. Wenn ich Ihnen heute Auskunft geben soll über das Verhältnis von <term key="Religion, und Sozialismus">Religion</term> u. Sozialismus, so muss ich von dem reden, was grösser ist als diese Beiden.</p>
          <p>Dieses Grössere ist das <hi rend="sans-serif">Reich Gottes</hi> – das R. G.[,] das ist u. kommt. Das ist die klare sichere u. unaustilgbare <term key="Reich Gottes, als Tatsache">Tatsache</term>. Für das Reich Gottes möchte ich <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term> sein, nicht für die Religion, und im Dienste des Reiches Gottes, nicht im Dienste der <term ref="kbga-keywords-380">Gesellschaft</term>, der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> u. des <term ref="kbga-keywords-160">Staates</term>, die die Pflege der <term key="Religion">Religion</term> wünschen. Das Wort <hi rend="sans-serif">«Gott</hi><hi rend="sans-serif">»</hi> giebt vielleicht dem einen oder Andern von Ihnen <hi rend="sans-serif">Anstoss.</hi> Aber wir wollen jetzt nicht um Worte streiten, auch um dieses höchste Wort nicht, <pb xml:id="p215" ed="pga"/> gerade um dieses nicht. Gott wohnt nicht in Häusern, die von Händen gemacht sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.7.48">Act. 7,48</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.24">17,24</ref>]. Die <term key="Gottesfrage">Frage</term> nach Gott ist nicht kompliziert u. schwierig, sondern kindereinfach. Sollte mir jemand die Frage stellen: ja <hi rend="sans-serif">giebt es</hi> überhaupt einen Gott über uns Menschen u. über d. Welt? so würde ich ihm antworten mit der Gegenfrage: giebt es überhaupt eine <term key="Wahrheit, und Lüge">Wahrheit</term> über der <term key="Torheit">Thorheit</term> u. über der Lüge? giebt es überhaupt eine <term key="Gerechtigkeit, und Ungerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> über der Ungerechtigkeit? giebt es überhaupt eine Liebe über der <term ref="kbga-keywords-1471">Gleichgiltigkeit</term> u. über dem Hass? giebt es überhaupt einen <term key="Friede, und Krieg">Frieden</term> über dem Krieg u. über dem Kampf ums <term key="Kampf ums Dasein">Dasein</term><note xml:id="n12">Vgl. den Titel von <persName ref="kbga-actors-2013">Ch. Darwins</persName> Buch <bibl corresp="kbga-bibls-2008"><hi rend="italic">On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle of Life</hi>, London 1859</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2396">in der deutschen Übersetzung, hrsg. von H. G. Bronn, Stuttgart 1860: <hi rend="italic">Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.</hi></bibl></note>? Giebt es überhaupt eine <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> über den Trostlosigkeiten des Lebens? Und da bin ich nun einfach sicher, dass kein Mensch hier im Saal ist, wie er immer im Übrigen denken u. sein mag, der auf diese Fragen nicht einfach mit Ja antworten muss. Das sind ja doch einfach die selbstverständlichen Tatsachen, ohne die wir gar nicht sein können, die wir so wenig bestreiten können, wie die Luft, in der wir leben. Das ist sehr die Frage, ob <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> u. <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term> <hi rend="italic">gelten</hi> in der Welt. Das ist die Frage, ob wir <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> u. <term key="Friede">Frieden</term> <hi rend="italic">haben</hi> in unsrer Seele u. in unsrem Leben, ob wir von wirklicher <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> etwas <hi rend="italic">wissen</hi>, aber <hi rend="italic">das</hi> fragt sich doch nicht, dass es alle diese Dinge tatsächlich giebt, dass sie sind. Und diese Dinge sind nicht nur, sondern sie <hi rend="sans-serif">leben:</hi> sie geben sich uns zu erkennen u. sie sind uns zugänglich, wir sind in Unruhe, wenn wir sie vermissen müssen[,] u. wir jauchzen, wenn wir die Hand danach ausstrecken dürfen, wir <term key="Leid(, Leiden)">leiden</term>[,] wenn wir sie nicht haben[,] und eine unsichtbare <term key="Macht, unsichtbare">Macht</term> geht von ihnen aus, die uns zwingt, sie zu suchen u. zu ergreifen, weil wir wissen[,] dass wir ohne sie nichts sind. Sie bilden ein heiliges sonniges majestätisches Wesen für sich. Dieses Wesen nimmt uns in Anspruch, schafft an uns, will von uns Besitz ergreifen, es stellt uns immer wieder vor die Entscheidung: für mich? oder gegen mich? Es geht <term ref="kbga-keywords-1114">Kraft</term> u. Seligkeit von ihm aus u. es fragt sich, ob die Menschen u. die Menschheit sie von ihm annehmen wollen. Des Menschen Elend oder des Menschen Herrlich<pb xml:id="p216" ed="pga" break="no"/>keit hängen von ihm ab. Wir leben eben davon, dass wir mit diesem Wesen <term key="Gemeinschaft, mit Gott">Gemeinschaft</term> haben. Es lebt in uns selber: unser Innerstes u. Bestes giebt von ihm Zeugnis. Sehen Sie, das ist <term ref="kbga-keywords-15">Gott</term>. Streiten Sie nicht mit mir über den Namen, aber denken Sie an ihn selber, so wie Sie ihn Alle kennen. – Und nun habe ich von einem <hi rend="sans-serif">Reiche</hi> <term key="Reich Gottes, ist im Kommen">Gottes</term> geredet, das ist u. das kommt. Ich meine damit einfach, dass Gott <term ref="kbga-keywords-1711">lebendig</term> ist, dass Gott herrscht u. herrschen will. Es giebt ein Gebiet[,] in dem seine <term ref="kbga-keywords-1037">Herrschaft</term> bereits aufgerichtet ist[,] u. es giebt ein anderes, in dem sie erst zu Ehren kommen muss. Ich meine damit einfach, dass alle Dinge das wieder werden dürfen, was sie eigentlich von sich aus sind, dass Alles Gemachte Künstliche Unwahre das Feld räumen müsse vor dem[,] was <term key="Sinn, ursprünglicher">ursprünglich</term> ist u. gilt. Jenes heilige sonnige majestätische Wesen über uns, das uns bald als
<term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term>, bald als <term key="Gott, Schönheit">Schönheit</term>, bald als <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> von Weitem grüsst, es ist ja selbst nichts Gemachtes u. Gekünsteltes, sondern das <term key="Gott, Ursprung">Allerursprünglichste</term>, das <term key="Unmittelbarkeit">Unmittelbare</term>[,] nach dem wir gleichsam <term key="Instinkt">instinktiv</term> <term key="Sehnsucht">Sehnsucht</term> haben. Und so ist Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> einfach die Wiederherstellung des <term key="ursprünglich">Ursprünglichen</term> <term key="Unmittelbarkeit">Unmittelbaren</term> Lebens, das wir durch 1000 unaufrichtige Machenschaften verloren haben.<note xml:id="n13">«Verlorene Unmittelbarkeit», Rückkehr zur Unmittelbarkeit und zum «unmittelbaren Leben» sind Begriffe, die eine zentrale Rolle bei <persName ref="kbga-actors-240">Hermann Kutter</persName> spielen. Vgl. z.B. <bibl corresp="kbga-bibls-1656"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Das Unmittelbare. Eine Menschheitsfrage</hi>, Berlin 1902, S. 48.338.341</bibl>.</note> Der Mensch <hi rend="italic">ist</hi> Gottes <term key="Kinder, Gottes">Kind</term>. Der Mensch <hi rend="italic">ist</hi> des Menschen Bruder. Das Leben <hi rend="italic">ist eine</hi> wundervolle Gelegenheit[,] in der <term ref="kbga-keywords-1575">Liebe</term> zu Gott u. den <term key="Liebe, Bruderliebe">Brüdern</term> reif u. rein u. reich zu werden. Die Welt <hi rend="italic">ist</hi> das Ackerfeld[,] das Gott u. dem Menschen als seinem <term key="Kinder, Gottes">Kind</term> gehört. Wo das Alles gilt, da ist Gottes Reich, wo das Alles <term key="Anklopfen">anklopft</term> u. durchbricht, da kommt Gottes <term key="Reich Gottes, ist im Kommen">Reich</term>. Gott kann nicht ruhen, er greift nach der <term ref="kbga-keywords-1037">Herrschaft</term>. Die Welt, die wir in unserm Herzen tragen[,] will u. muss u. wird zu Ehren kommen. Fragen Sie mich, woher ich vom Reiche Gottes so Bestimmtes wisse, so nenne ich Ihnen die 2 Quellen, die für uns Alle fliessen: Die Eine ist unser <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>, die unruhige Stimme in uns[,] die uns in aller Verwirrung[,] in die wir gestürzt sein mögen, in aller Ungerechtigkeit u. Lüge, von denen wir vielleicht umgeben sind, daran erinnert, dass es etwas <term key="Andere(, das ganz)">Anderes</term> giebt u. dass etwas anders werden muss, so daran erinnert, dass wir es nicht überhören können. Die andre Quelle, die unvergleichlich viel stärkere, ist <pb xml:id="p217" ed="pga"/> Jesus <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term>. Er hat dem Wort «Reich Gottes» den klaren siegreichen Sinn gegeben. Wer ihn kennt, der weiss, dass das <term key="Gut und Böse">Gute</term> u. das Böse, das <term key="Licht, und Finsternis">Licht</term> u. die Finsternis in der Welt nicht im Gleichgewicht sind, der weiss, dass es Gott <term key="Gott, ist es ernst">ernst</term> ist u. dass von ihm auch etwas zu erwarten ist, der weiss[,] dass aber[?] das <term key="Andere(, das ganz)">Andere</term>, das[,] was wir so oft übersehen u. an dem wir so oft verzweifeln möchten, die <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> ist, die es zuletzt gewinnen muss. Es giebt keinen stärkeren Beweis für die Wirklichkeit des R. <term key="Reich Gottes, Beweis für seine Wirklichkeit">Gottes</term> als das Leben u. Sterben <term key="Jesus Christus, sein Leben und Sterben">Jesu</term>. Ein Menschenleben[,] das ganz in der Gewalt Gottes stand! Das <term key="ursprünglich">Ursprüngliche</term> u. <term key="Unmittelbarkeit">Unmittelbare</term>[,] nach dem wir Alle uns sehnen, menschliche <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> geworden!<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1656"><persName ref="kbga-actors-240">Kutter</persName>, a.a.O., S. 341</bibl>: «Soll der Mensch wieder in das ursprüngliche, bleibende Verhältnis zur Unmittelbarkeit gelangen, so muß er zuerst sich selber finden. Denn es gibt überhaupt nichts Reales außer seiner eigenen Persönlichkeit und außer der sie tragenden Unmittelbarkeit. Dazu aber ist es nötig, daß ihm der Eindruck der ursprünglichen Welt wieder werde. Das geschah durch <hi rend="italic">Jesus Christus;</hi> erst seit Jesus gibt es wieder eine wirkliche Rückkehr des Menschen zum unmittelbaren Leben. Das unmittelbare Leben ist <hi rend="italic">der lebendige Gott</hi>, geoffenbart in Jesu Christo.»</note> Die Welt[,] die wir in unsrem Herzen tragen, offenbar geworden in der Menschenwelt. Sehen Sie, das ist die <term key="Weihnacht, Weihnachtsbotschaft">Weihnachtsbotschaft</term>: Das Reich <term key="Reich Gottes, ist im Kommen">Gottes</term> ist im Kommen, Gott ist <term ref="kbga-keywords-1711">lebendig</term> u. ist an der <term key="Gott, ist an der Arbeit">Arbeit</term>. Freut euch darüber, arbeitet daran mit! Werdet auch lebendig! Räumt aus dem Wege, was das Kommen dieses Reiches bei euch u. Andern hemmen will! Glaubet an Gott! – Ob Sie mich nun wohl verstehen, wenn ich sagte: das R[eich] <term key="Reich Gottes, grösser als Religion">Gottes</term> ist etwas unendlich viel <hi rend="sans-serif">Grösseres</hi> als alle Religion. Es ist eine <term key="Reich Gottes, als Tatsache">Tatsache</term>, die grosse Lebenstatsache[,] ohne die unser ganzes Dasein eine
sinnlose Narrheit wäre: Die Tatsache[,] von der wir leben? Und sehen Sie, nun habe ich als <hi rend="sans-serif">Pfarrer</hi> den wunderbaren schweren Beruf, für das Reich <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term> in ganz besondrer Weise zu arbeiten. Die <term key="Religion">Religion</term> zu pflegen? Ach nein, Religion ist etwas so Kleines u. Unsicheres, dass es mir oft graut vor meiner eigenen <term key="Religion, eigene">Religion</term>. Aber von Gott reden darf ich, den wir alle kennen u. doch alle lange nicht genug! Von Gott[,] nach dem sich unser Herz <term key="Sehnsucht">sehnt</term> u. den wir doch lange nicht <term key="Ernsthaftigkeit">ernst</term> genug nehmen! Von Gott, der uns <term key="Gott, Segen">segnen</term> möchte u. von dem wir nur viel zu wenig erwarten. Ich darf mich selbst u. meine <term key="Barth(, Karl), Safenwil (Pfarrer)">Gemeinde</term> immer wieder daran erinnern, dass es etwas <term key="Andere(, das ganz)">Anderes</term> giebt über dem Gewöhnlichen, <pb xml:id="p218" ed="pga"/> etwas Zukünftiges über dem <term key="Gegenwart, und Zukunft">Gegenwärtigen</term>, ein Leben in mehr <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> u. <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> über dem jetzigen Leben, einen «neuen Himmel u. eine neue Erde» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>], die unser jetziges Dasein in <term key="Torheit">Thorheit</term> u. <term ref="kbga-keywords-1119">Unrecht</term> ersetzen soll. Ich darf immer wieder von Gott dem <term ref="kbga-keywords-1711">Lebendigen</term> Zeugnis ablegen. Glauben Sie es mir, dass das ein wunderbarer[,] aber auch schwerer <term ref="kbga-keywords-137">Beruf</term> ist? Wunderbar schön, weil es sich da um das Tiefste u. Entscheidendste im Leben u. in der Welt handelt, schwer, sehr schwer, weil das, woran ich immer denken u. von dem ich reden muss, stracks gegen mein eigenes u. der Andern gewöhnliches Denken geht, weil ich immer an das in den Menschen appellieren muss, was, obwohl das Natürlichste u. Selbstverständlichste[,] tief in ihnen verborgen ist, versteckt u. verschüttet unter den 1000 unaufrichtigen Machenschaften[,] in denen wir Alle drinstecken. Glauben Sie es mir, dass ich keine Lust habe, diese meine <term key="Aufgabe">Aufgabe</term> irgendwie gegen die Aufgabe eines <term key="Politik, und Wirtschaft">Politikers</term> od. Wirtschaftspolitikers zu vertauschen, dass Sie sich schwer getäuscht haben, wenn Sie vielleicht erwartet haben, heute Abend einen «politischen Pfarrer» zu hören zu bekommen?</p>
          <p>Und doch bin ich <hi rend="sans-serif">Sozialist</hi> u. <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">Sozialdemokrat</term>, gerade darum. Gerade darum, weil es mir nicht um die <term key="Religion">Religion</term> in erster Linie, sondern um <hi rend="sans-serif">Gottes Reich</hi> zu thun ist. Ich bin auf eine sehr einfache Weise Sozialist geworden u. ich bin es auf eine sehr einfache Weise. Weil ich an Gott u. sein Reich glauben möchte, stelle ich mich dahin[,] wo ich etwas von Gottes Reich zum Durchbruch kommen sehe. Glauben Sie nicht, dass ich mir dabei vom Sozialismus ein Idealbild zurechtgemacht habe. Ich meine die Fehler des <term key="Sozialismus, Fehler des S.">Sozialismus</term> u. seiner Bekenner sehr deutlich zu sehen. Aber noch deutlicher sehe ich in den <hi rend="sans-serif">Grundgedanken</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> in den <hi rend="sans-serif">wesentlichen Bestrebungen</hi> des Sozialismus eine <term key="Offenbarung, Gottes">Offenbarung</term> Gottes, die ich vor Allem anerkennen u. an der ich mich <term ref="kbga-keywords-1458">freuen</term> muss. Die neue <term key="Gesellschaft, neue">Gesellschaft</term>, die auf den Grundlagen der <term ref="kbga-keywords-1958">Gemeinschaft</term> u. der <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term> ruht, statt auf den Grundlagen des <term key="Anarchismus">Faustrechts</term> u. der <term ref="kbga-keywords-1872">Willkür</term>, die neue Ordnung der Arbeit im Sinne einer gemeinsamen Tätigkeit Aller u. für Alle statt im Sinne der <term ref="kbga-keywords-1487">Ausbeutung</term> durch die <term key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> der Einzelnen, die neue Verbindung der Menschen als Menschen über die Schranken der <term key="Klassen">Klassen</term> u. <term ref="kbga-keywords-429">Nationen</term> hinweg statt der Gegensätze[,] die uns jetzt notwendig immer wieder auseinanderreissen – schliesslich der Weg zu diesen <term key="Sozialismus, Ziele des S.">Zielen</term>: die <pb xml:id="p219" ed="pga"/> einfache Brüderlichkeit oder <term ref="kbga-keywords-892">Solidarität</term> zunächst einmal unter den Armen u. Entrechteten aller Länder – all dieses Neue, das der <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> in das politische u. <term key="Politik, und Wirtschaft">wirtschaftliche</term> Leben hineinbringt, muss ich als ein <term key="Sozialismus, als etwas Neues von Gott her">Neues</term> von Gott her anerkennen. Ich sehe in diesen Gedanken u. Bestrebungen etwas zum Vorschein kommen von dem <term key="ursprünglich">Ursprünglichen</term>, <term key="Unmittelbarkeit">Unmittelbaren</term>[,] das wir verloren haben u. nach dem wir uns sehnen, etwas von der eigentlichen <term ref="kbga-keywords-1556">Heimat</term> des Menschen, etwas vom Reiche Gottes. Der <term key="Sozialismus, Fehler des S.">Sozialismus</term> ist mir trotz seiner Unvollkommenheiten, über die man ganz ruhig u. offen reden kann, eines der erfreulichsten Anzeichen dafür, dass Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> nicht stille steht, dass <term key="Gott, ist an der Arbeit">Gott</term> an der Arbeit ist. Und darum darf u. kann ich ihm <hi rend="sans-serif">nicht gleichgiltig</hi> gegenüberstehen. Darum kann ich die Sozialisten nicht einfach ihrer Wege gehen lassen, sondern ich muss mich zu ihnen stellen, so gut wie ich mich z.B. auch zu den <term key="Abstinenz">Abstinenten</term> stellen muss aus dem <term key="Pflicht, Pflichtgefühl">Pflichtgefühl</term>, das mir sagt: dahin gehörst du, wenn es dir mit Gott ernst ist. Durch meine <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">Mitgliedschaft</term> in der <orgName ref="kbga-actors-6132">soz[ial]dem[okratischen] <term key="Sozialdemokratie, schweizerische">Partei </term></orgName>meine ich mir selbst u. meiner <term key="Barth(, Karl), Safenwil (Pfarrer)">Gemeinde</term> gegenüber ganz schlicht an einem sehr wichtigen Punkte zu bekennen, dass Gott zu Ehren kommen muss, dass man ihm nicht <term key="Ungehorsam">ungehorsam</term> sein darf. <term key="Religion">Religion</term> kann man auch haben und sich einer <hi rend="sans-serif">andern Partei</hi> anschliessen oder <term key="Partei, parteilos">parteilos</term> bleiben. Wenn es mir nur um die Religion zu thun wäre, so würde ich wahrscheinlich bei den Parteilosen stehen od. vielleicht auch bei der <term key="liberal, liberal-konservativ">liberal-konservativen</term> Partei. Aber das <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> Gottes kann ich da nicht finden, wo man doch immer wieder das <term ref="kbga-keywords-1462">Geld</term> wichtiger nimmt als die Menschen, wo der <term key="Besitz">Besitz</term> doch immer wieder der Massstab aller Werte ist, wo man ängstlich u. kleinlich das <term ref="kbga-keywords-1732">Vaterland</term> über die Menschheit stellt, wo man immer wieder stärker an das <term key="Gegenwart, und Zukunft">Gegenwärtige</term> glaubt, als an das Zukünftige. Ich meine die Bedeutung des politischen u. <term key="Politik, und Wirtschaft">wirtschaftlichen</term> Lebens für das Ganze des Menschenlebens nicht zu überschätzen,
aber auf dem Gebiet der politischen u. <term key="Politik, und Wirtschaft">wirtschaftlichen</term> Verhältnisse weisen mich die beiden <hi rend="sans-serif">Quellen,</hi> an denen ich mich orientieren möchte, das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> u. Jesus <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term> auf den Sozialismus hin. Ich habe als <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term> meine besondere <term key="Aufgabe">Aufgabe</term>; Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> steht mir hoch über allen seinen Anzeichen, auch über dem <term key="Sozialismus">Sozialismus</term>; ich denke gar nicht daran, den Sozialismus etwa dem Reiche Gottes gleichzustellen u. den Sozialismus zu predigen statt des <term ref="kbga-keywords-59">Evangeliums</term>; ich halte darum den «politischen Pfarrer» <pb xml:id="p220" ed="pga"/> in jeder Form, auch in der sozialistischen[,] für eine Verirrung. Wohl aber stelle ich mich als einfacher Soldat gleichsam dahin, wo ich Gottes <term key="Gott, Spuren">Spuren</term> zu sehen vermag[,] u. d.h. eben: ich stelle mich als Mensch u. Bürger auf die <term key="Sozialismus">sozialistische</term> u. auch offen auf die <term key="Sozialdemokratie">sozialdemokratische</term> Seite. – Und die <hi rend="sans-serif">Religionslosigkeit</hi> u. <term key="Religion, Religionsfeindschaft">Religionsfeindschaft</term> auf dieser Seite? werden Sie mich fragen. Was kannst du dich als Genosse an die Seite derer stellen, die die Religion für eine blosse <term key="Religion, Privatsache">Privatsache</term> erklären<note xml:id="n15">Erklärung in einem Leitsatz des Gothaer Programms der deutschen <term key="Sozialdemokratie, deutsche">Sozialdemokratie</term> von <date when="1875">1875</date> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 462</bibl>).</note>, wenn sie nicht gar den Glauben an Gott bekämpfen. Ich antworte Ihnen darauf: dass ich in der Tat auch an der Rel[igions]losigkeit u. teilweisen <term key="Religion, Religionsfeindschaft">Rel[igions]feindschaft</term> der Soz[ial]­dem[okraten] für mich keinen Anstoss nehme, auch als Pfarrer nicht, ja gerade als <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term> nicht. Zur Begründung kann ich nur immer wieder sagen, dass mir eben Gottes <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> wichtiger ist, als die <term key="Religion">Religion</term>. Ich sehe, wie Jesus <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term> selber sich als Mensch nicht zu den Religiösen gehalten hat, sondern zu denen, die <term key="Gerechtigkeit, hungern und dürsten nach G.">hungerten</term> u. dürsteten nach der Gerechtigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>], u. das waren solche[,] die von den Frommen der damaligen Zeit ebenso von der Seite angesehen wurden[,] wie es heute teilweise u. nicht ohne eigene Schuld den <term key="Sozialdemokraten">Soz.Dem.</term> geht. Ich möchte es nicht anders halten, sowenig ich damit die tatsächl[iche] Rel.losigkeit u. <term key="Religion, Religionsfeindschaft">Rel.feindschaft</term> der Soz.Dem entschuldigen u. unterstützen möchte. Aber ich bin eben der Überzeugung, dass Gott noch auf ganz andre Weise an der <term key="Gott, ist an der Arbeit">Arbeit</term> ist in der Welt, als durch die <term key="Religion">Religion</term>[,] u. sehe gerade in den Gedanken u. Bestrebungen der <term key="Sozialdemokraten">Soz.Dem.</term> soviele Anzeichen von dieser Arbeit u. <term ref="kbga-keywords-1037">Herrschaft</term> Gottes, dass ich mich ihr trotz ihrer gelegentlichen relig[iösen] <term key="Irrtum, religiöser">Irrtümer</term> und Missverständnisse nicht verschliessen kann, weil ich mich damit Gott selbst verschliessen würde. Ich halte es für sicherer u. geratener[,] mich mit Gott zu den <term key="Sozialdemokraten, gottlose">Gottlosen</term> u. neben sie zu stellen als ohne Gott gegen sie. Ich weiss[,] was ich an einem persönlichen u. lebendigen <term key="Verhältnis von Gott und Mensch">Verhältnis</term> zu Gott habe[,] u. beklage Alle[,] die davon nichts wissen[,] u. wünsche allen meinen Parteigenossen von Herzen, sie möchten auch zu einem lebendigen persönlichen bewussten <term key="Verhältnis von Gott und Mensch">Verhältnis</term> zu Gott kommen u. dadurch erst ihre eigene Sache im Tiefsten verstehen lernen. Aber auch wenn ich noch kein solches Verhältnis[,] noch keine Religion an ihnen <pb xml:id="p221" ed="pga"/> zu bemerken glaube, lasse ich mich nicht hindern, als ihr Genosse neben sie zu treten, weil ich sehe, dass sie tatsächlich Gottes <term key="Gott, Werk">Werk</term> treiben u. etwas von den <term key="Gott, seine Ziele">Zielen</term> Gottes auf der Erde realisieren möchten. Ich möchte meine Parteigenossen nicht von meiner Religion aus ansehen, sondern von Gott aus. Und weil ich es so halte, kann ich <hi rend="sans-serif">freudig</hi> u. bewusst Sozialist u. Soz.dem. <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">sein</term>[,] wie ich freudig u. bewusst <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrer</term> bin. Es fliesst mir Beides aus der gleichen Quelle[,] und ich meine mit beiden als Prediger des Evangeliums u. als simpler Parteisoldat u. Bekenner des <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> dem
gleichen Ziele zu dienen.</p>
          <p>L[iebe] Fr[eunde] Nun habe ich Ihnen eigentlich nicht einen Vortrag gehalten, sondern ein persönliches <hi rend="sans-serif">Bekenntnis</hi> <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">abgelegt</term>. Vielleicht haben Sie gemerkt, warum das nicht anders zu machen war u. dass man gerade über diese Frage keine kühl objektiven Referate halten kann. Ich müsste es nun eigentlich Ihnen überlassen, ob Sie sich aus dem[,] was ich Ihnen von mir erzählt habe, einen Vers auf sich selber machen können. Aber vielleicht zürnen Sie mir nicht, wenn ich mich, nachdem ich nun offen von mir geredet, nun auch ebenso offen <hi rend="sans-serif">persönlich an Sie</hi> wende, obwohl ich fast niemand von Ihnen kenne. Ich nehme an, es werden unter meinen heutigen Zuhörern im Ganzen 2 Gruppen sein: <hi rend="italic">solche[,]</hi> denen ihre <term key="Religion">Religion</term> etwas wert ist, die aber geneigt sind[,] über den <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> stärker oder schwächer den Kopf zu schütteln[,] u. <hi rend="italic">solche[,]</hi> die mit mehr oder weniger Begeisterung im Sozialismus drin stehen[,] deren Kopfschütteln u. Misstrauen dafür der <term key="Religion">Religion</term> gilt. Ich möchte mir erlauben, jeder dieser beiden Gruppen zum Schluss noch eine Frage mit auf den Weg zu geben.</p>
          <p>Zuerst allen denen, denen die <hi rend="sans-serif">Religion</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> gleichviel in welcher Form[,] <hi rend="sans-serif">teuer</hi> ist u. die hieher gekommen sind mit der missbilligenden Verwunderung darüber, dass ein <term ref="kbga-keywords-137">Pfarrer</term> u. überhaupt ein relig[iöser] Mensch unter die <term key="Sozialismus">Sozialisten</term> gehen könne. Sie möchte ich fragen, wie Sie es nur aushalten können in einer Welt, in der die Herrschaft des <term key="Mammon">Mammon</term>, der Gegensatz der <term key="Klassen, Gegensatz der K.">Klassen</term>, der Hass der Nationen, das materielle u. geistige Elend von Millionen u. Abermillionen in <term key="Friede, und Krieg">Frieden</term> u. Krieg so furchtbare Tatsachen sind? Seht ihr sie nicht oder wollt ihr sie nicht sehen? U[nd] wenn ihr sie seht, was gedenkt ihr dagegen zu thun mit eurer <term key="Religion">Religion</term>? Ihr antwortet mir: dazu eben haben wir unsre Religion, dass wir den <term key="Glaube, an Gott">Glauben</term> an Gott haben, der uns <term key="Trost(, Vertröstung)">tröstet</term> u. uns eine bessere Welt verheisst? Wohl[,] da habt ihr recht, aber nicht <pb xml:id="p222" ed="pga"/> wahr, es ist euch <term key="Ernsthaftigkeit">ernst</term> damit? nichtwahr[,] ihr versteckt euch nicht hinter dem Glauben? nichtwahr, ihr traut es Gott zu[,] dass er nun wirklich trösten will, dass durch seine Güte wirklich die finstern <term key="Macht, finstere">Mächte</term>[,] die jetzt noch das Leben regieren, gebrochen werden sollen, dass die bessere <term key="Welt, bessere">Welt</term>[,] auf die ihr hofft, nicht auf einem fernen Stern, sondern hier auf der Erde anbrechen soll? Wenn es euch ernst ist mit eurem Glauben, dann dürft ihr die <term key="Sozialismus">Sozialisten</term> nicht mehr von der Seite ansehen. Dann müsst ihr den Sozialismus verstehen als einen gewaltigen, wenn auch menschlich unvollkommenen Versuch[,] für diese bessere <term key="Welt, bessere">Welt</term> zu arbeiten, einen Versuch, den ihr vor Allem viel mehr achten[,] für den ihr Gott viel mehr danken solltet. Fühlt ihr nichts von der Notwendigkeit, die gerade von der <term key="Religion">Religion</term> her, wenn sie echt ist, zum Sozialismus hinführt. Warum treten nicht viel mehr fromme Menschen, <hi rend="italic">mit</hi> ihrem <term key="Glaube">Glauben</term>, <hi rend="italic">mit</hi> ihrem <term key="Gebet">Gebet</term>, <hi rend="italic">mit</hi> ihren <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnungen</term> hinein in die Reihen der <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term>? Warum ist unter uns Christen nicht wenigstens ein bischen mehr Verständnis u. Liebe u. Achtung für das[,] was die Soz[ialisten] wollen, zu finden? Oder sollte am Ende unsre Rel[igion] leiden an dem Mangel an wirklichem <term key="Ernsthaftigkeit">Ernst</term>, der Jesus einst zu dem bittern Wort veranlasst hat: Es werden nicht Alle[,] die zu mir Herr, Herr! sagen[,] ins Himmelreich kommen[,] sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.21">Mt. 7,21</ref>]</p>
          <p>Die andre Frage an meine <hi rend="sans-serif">sozialistischen</hi> Freunde, die für intellektuelle <term ref="kbga-keywords-140">Aufklärung</term>, für sozialdemokr[atische] <term ref="kbga-keywords-382">Politik</term> in Gemeinde u. Kanton, für <term ref="kbga-keywords-886">gewerkschaftl[iche]</term> u. <term key="Genossenschaft">genossenschaftl[iche]</term> Arbeit von Herzen u. mit Begeisterung zu haben sind, die aber das[,] was sie als Religion zu kennen meinen, ignorieren oder gar <term key="Religion, Religionsfeindschaft">verabscheuen</term>. Sie möchte ich fragen: Wie könnt ihr es nur aushalten in der ungeheuer schweren Arbeit[,] die ihr als Sozialisten zu thun habt für eure Sache, ohne euch um den tiefsten Grund, die tiefste <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term>, das tiefste Recht eurer Arbeit u. eurer Sache überhaupt zu kümmern? Ein rechter Sozialist sein[,] das erfordert soviel <term ref="kbga-keywords-1416">Charakter</term>, soviel Treue u. Ausdauer, soviel <term ref="kbga-keywords-2017">Geduld</term> u. <term key="Opfer, Opferbereitschaft">Aufopferungsfähigkeit</term>, dass man es doch eigentlich gar nicht sein kann ohne bewussten innern Anschluss an die grosse <term key="Reich Gottes, als Tatsache">Lebenstatsache</term> des Gottesreiches[,] an die ich euch heute erinnert habe. Ich sagte euch vorhin, dass ihr als Sozialisten ohne es zu wissen ein Stück des <term key="Gott, Werk">Werkes</term> Gottes treibt, dass ihr mit eurer Arbeit im <pb xml:id="p223" ed="pga"/> höchsten Dienste steht, den es überhaupt giebt. Aber solange ihr das nicht wisst u. nicht wissen <term key="Religion, Religionsfeindschaft"><hi rend="italic">wollt</hi></term><hi rend="italic"/>, solange raubt ihr euch selbst die beste <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term>, die ihr an eurer Sache haben könntet[,] u. die beste Kraft, die ihr dazu so bitter nötig habt. Warum geht es mit dem <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> nicht ganz anders vorwärts? Warum haben wir beim <term key="Krieg, erster Weltkrieg,, Kriegsausbruch">Kriegsausbruch</term> diese offene schwere Niederlage des <term key="Sozialismus, Niederlage des S.">Soz.</term> erleben müssen? Warum empfinden eure Gegner u. die <term key="Partei, parteilos">Parteilosen</term> so wenig von der befreienden herrlichen <term key="Sozialismus, Wahrheit des S.">Wahrheit</term>, die doch in eurem <term key="Sozialismus, Inhalt des S.">Programm</term> liegt? Warum erscheint so vielen auch ernsthaften Menschen der Soz. nur als ein Gebilde der <term key="Sozialismus, egoistischer">Selbstsucht</term> u. des Hasses? Warum ist soviel öde Zänkerei u. Stänkerei in unsrer <term key="Partei">Partei</term> wie in jeder andren? Warum ist das <term ref="kbga-keywords-796">Familienleben</term> u. die <term ref="kbga-keywords-1619">Kindererziehung</term> so vieler vieler Sozialdem. genau so schlecht wie in den Häusern der Andern? Warum machen so viele <term key="Sozialdemokraten">Soz.Dem.</term> die oberflächl[iche] <term key="Bürgertum, Genusssucht des B.">Genusssucht</term> des Bürgertums einfach mit? Warum giebt es nicht mehr ernsthafte, innerlich <term ref="kbga-keywords-1539">überzeugte</term>[,] energische[,] unbedingt zuverlässige Kämpfer für den Soz.? Wollt ihr die Schuld an alledem nur euren Gegnern u. den Verhältnissen zuschieben? Oder merkt ihr, dass hier ein Manko vorliegt, ein Manko nicht im <term key="Sozialismus, Parteiprogramm">Parteiprogramm</term>, nicht in der Organisation, nicht in der <term ref="kbga-keywords-648">Presse</term>, nicht in der Taktik<note xml:id="n16">Das Wort ist nicht sicher zu entziffern. Es könnte auch «Politik» heißen.</note>[,] aber ein <term key="Sozialismus, Manko des S.">Manko</term> an innerem realem Leben, an einem haltbaren geistigen Grund und Boden bei unzähligen einzelnen Genossen, ein Manko[,] das auf die Länge weder bei uns noch bei den Andern ungestraft bleiben kann. Empfindet ihr dieses Manko? Das ists[,] was ich euch mit meinem Bekenntnis fragen wollte. Es war im Grunde nicht das Bekenntnis eines <term key="Barth(, Karl), Pfarrer">Pfarrers</term>[,] sondern das Bekenntnis eines Menschen. Nicht als Pfarrer[,] sondern als Mensch sage ich auch zu euch, wie zu den Andern: es fehlt euch etwas!</p>
          <p>Ich kann nur <hi rend="sans-serif">fragen</hi> nach beiden Seiten. Ich kann u. will nach keiner Seite zu Entscheidungen drängen. Man kann sich auf beiden Seiten die Antwort leicht machen. Ich wünsche Ihnen[,] dass Ihnen die Antwort auf beiden Seiten schwer falle. Sie fällt mir auch schwer.</p>
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