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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Das Gewissen</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Das Gewissen, 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48036 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 250–259.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48036</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Das Gewissen</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
          <biblScope unit="page">250-259</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Das Gewissen. Vortrag in Grenchen, Dienstag 15. Februar 1916., 15. Februar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/714">KBA 12079</ref>. </bibl>
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        <head>DAS GEWISSEN</head>
        
          <head type="sub">
            <date when="1916">1916</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Über das selbstgewählte Thema «Das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>» sprach <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am <date when="1916-02-15">15. Februar 1916</date> auf einer Veranstaltung des reformierten Kirchgemeindevereins in <placeName ref="kbga-places-734">Grenchen</placeName>. Knapp 50 km westlich von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> im <placeName ref="kbga-places-492">Kanton Solothurn</placeName> gelegen, hatte sich das Dorf <placeName ref="kbga-places-734">Grenchen</placeName> innerhalb von 60 Jahren zu einem bedeutenden Zentrum der Uhrenindustrie mit etwa 9’000 Einwohnern entwickelt. Die Einladung war von dem Pfarrer der dortigen Diasporagemeinde <persName ref="kbga-actors-7083">Ernst Hubacher</persName> ausgegangen.
          </p>
          <p>Im ersten Teil des Vortrags referiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> das von <persName ref="kbga-actors-1412">Leo Tolstoi</persName> (1828–1910) unvollendet hinterlassene Drama <hi rend="text-recte">Und das Licht scheinet in der Finsternis.</hi> Er benutzte dabei die Ausgabe, die <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> <persName ref="kbga-actors-26">Nelly Barth</persName> zur Taufe seines Patensohns <persName ref="kbga-actors-24">Karl Markus Barth</persName> am <date when="1915-11-07">7. November 1915</date> geschenkt hatte.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-4405"><persName ref="kbga-actors-1412">L. Tolstoj</persName>,<hi rend="italic"> Und das Licht scheinet in der Finsternis</hi>,in:<hi rend="italic"> Nachlaß, </hi>Bd. II, übers. von L. und D. Berndl, Jena 1912, S. 187–304</bibl>.</note></p>
        </div>
        <div>
          <head>Das Gewissen.</head>
          
            <head type="sub">Vortrag in <placeName ref="kbga-places-734">Grenchen</placeName>, Dienstag
<date when="1916-02-15">15. Februar 1916</date>
            </head>
          
          <p>Und das Licht scheinet in der Finsternis [vgl.<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5"> Joh. 1,5</ref>].</p>
          <p><hi rend="sans-serif">Nikolaj Iwanowitsch Sarynzew</hi> war der glückliche Besitzer eines ausgedehnten russischen Landgutes, gewesener Offizier, Gatte einer liebenswürdigen pflichtgetreuen Gemahlin, Vater von sieben Kindern. 20 Jahre seiner <term ref="kbga-keywords-1710">Ehe</term> lagen hinter ihm. Er hatte das <hi rend="sans-serif">Leben</hi> eines vornehmen Mannes gelebt, gelebt von den Erträgnissen der Arbeit seiner Bauern, gelebt ohne besondere Tugenden u. ohne besondere Laster, in den Tag hineingelebt wohlzufrieden mit sich selbst u. seinen Mitmenschen.</p>
          <p>Da <hi rend="sans-serif">starb</hi> seine Schwester, die ihm bes[onders] nahegestanden hatte[,] und ihn selbst brachte eine Typhuserkrankung an den Rand des Grabes. Von da an war eine merkwürdige <hi rend="sans-serif">Unruhe</hi> in ihm. Er schloss sich ganze Tage ein, um das <hi rend="sans-serif">Evangelium</hi> zu lesen, er erhob sich <pb xml:id="p251" ed="pga"/> des Nachts zu ruhelosem Nachdenken. Er suchte Bischöfe und Einsiedler auf, um mit ihnen über religiöse Fragen zu disputieren, er ging nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder zum <term ref="kbga-keywords-69">Abendmahl</term>, er wurde ein fleissiger Kirchgänger. Aber nicht lange. Mit einem Male erklärte er <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> u. kirchliche Übungen für entschieden unnötig u. ging nie mehr hin. Aber zum Entsetzen seiner Verwandtschaft u. Bekanntschaft geschieht nun etwas Anderes: er will die Bedienung durch die häuslichen <hi rend="sans-serif">Dienstboten</hi> nicht mehr annehmen[,] weil er weiss[,] dass er Gottes <term key="Kind(er), Gottes">Kind</term> ist u. alle Menschen Brüder u. dass darum Alle die gleichen Ansprüche auf das <term key="Leben, Anspruch">Leben</term> haben.<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 238f.</bibl></note> Er fängt an, mit beiden Händen zu <hi rend="sans-serif">verschenken</hi> und scheint sich um das Leben seiner Bauern u. Tagelöhner unendlich viel mehr zu interessieren als um das seiner <term ref="kbga-keywords-796">Familie</term>. Er verweigert seinem <hi rend="sans-serif">Sohne</hi> die Mittel zum Eintritt in die Armee, denn der <term key="Militär, Militärdienst">Militärdienst</term> ist ihm jetzt eine rohe grausame Tätigkeit u. freiwilliger Militärdienst gar einfach eine Niederträchtigkeit. Es ereignet sich ein <hi rend="sans-serif">Holzdiebstahl</hi> in seinen Wäldern, er macht alle Anstrengungen zugunsten des Diebs u. ist trostlos, als er zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt wird[,] denn «ich habe kein <term ref="kbga-keywords-337">Recht</term> auf den Wald. Die Erde gehört Allen. Ich habe keine Arbeit hineingelegt»!<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 209</bibl>.</note> Er lässt unzweideutig durchblicken, dass er noch ganz <hi rend="sans-serif">andre Dinge</hi> im Sinn trägt, nämlich sozusagen sein ganzes Vermögen u. Land unter die Bauern zu verteilen, im Gutshaus eine Schule zu errichten u. sich mit seiner Familie als einfacher Arbeiter in die Gärtnerwohnung zurückzuziehen. –</p>
          <p>Seine Verwandten u. Bekannten stehen völlig <hi rend="sans-serif">ratlos</hi> vor dieser Erscheinung. Schrecklich, schrecklich! jammert seine Frau, es ist Alles so <hi rend="sans-serif">unbestimmt!<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 231</bibl>.</note></hi> Ja es ist wirklich Alles sehr unbestimmt. Er handelt nicht nach einem Plan oder Programm oder System. Es ist für alle Andern zunächst völlig unerkennbar[,] woher u. wohin sein Weg führt. Er hat es sich wie zum Grundsatz gemacht, nicht mehr nach Grundsätzen zu leben. Er rät es auch Andern: [«]Du musst nicht handeln, nachdem du überlegt u. das Bestimmte zu thun für nötig befunden hast, sondern dann, wenn dich dein ganzes Herz, dein gan<pb xml:id="p252" ed="pga" break="no"/>zes Wesen dazu drängt, u. wenn du fühlst, dass es nicht anders sein kann[.]»<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 281</bibl>.</note>Aber sein Herz u. sein Wesen treiben ihn in eine ganz <hi rend="sans-serif">bestimmte Richtung.</hi> Seit er an Gott <term key="Glaube">glaubt</term>, sind ihm einfach die Augen geöffnet für das <hi rend="sans-serif">Leben</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> für die Grundlagen u. Voraussetzungen des Lebens u. er hat erkannt, dass der <term key="Gott, Wille">Wille</term> Gottes ein anderer ist als der Wille des <term ref="kbga-keywords-989">Menschen</term>. Der Gedanke wird ihm <hi rend="sans-serif">furchtbar,</hi> dass er dem Schweiss u. der Not des Volkes sein Brot, seine Ruhe, seinen Genuss verdankt, <hi rend="sans-serif">unerträglich</hi> der offene Gegensatz zwischen der sauren Arbeit seiner Bauern und der geistreich-tändelnden Unterhaltung seiner Gäste u. Kinder, <hi rend="sans-serif">unerträglich</hi> die Ordnungen der <term key="Ordnung, Gesellschaftsordnung">Gesellschaft</term>[,] des Staates u. der <term key="Ordnung, Kirchenordnung">Kirche</term>, die alle nur darauf angelegt scheinen[,] die grosse <term key="Ungerechtigkeit, des Lebens">Ungerechtigkeit</term> des Lebens zu verhüllen u. aufrechtzuerhalten. Was thun? Den Andern, den armen entrechteten Brüdern <hi rend="sans-serif">nützlich sein,</hi> solange diese <term key="Ordnung, Gesellschaftsordnung">Ordnungen</term> noch gelten, das kann man im Grunde nicht. Das Übel sitzt zu tief. Aber ebensowenig kann man <hi rend="sans-serif">warten</hi> auf die Lösung durch allgemeine Massnahmen, jedenfalls nicht ohne zu <term key="Leid(, Leiden)">leiden</term> unter dem innern <term key="Zwiespalt">Zwiespalt</term>.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 244</bibl>.</note> So giebt es im Grunde nur eines: <hi rend="sans-serif">sehen,</hi> sehen muss es der Einzelne, wie es um ihn steht, bis es ihm ganz <hi rend="sans-serif">klar</hi> wird: ich kann dieses Leben nicht mehr fortsetzen, bis die <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term> u. der <term key="Wille">Wille</term> in ihm <hi rend="sans-serif">durchbricht:</hi> ich für mich kann nicht mehr mitmachen, nicht mehr teilnehmen, nicht mehr dabei sein, um Gottes <term key="Gott, Wille">Wille</term>n nicht mehr dabei sein. Auf diesem Punkt steht Nikolaj, von da aus handelt er. «Mein Leben ist <hi rend="sans-serif">nicht mehr meines,</hi> ich bin da für Gottes <term key="Gott, Werk">Werk</term>.»<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 224</bibl>.</note> «Ist es denn nicht wahr, dass wir in jeder Minute <hi rend="sans-serif">sterben</hi> können und entweder ins Nichts oder zu Gott <term key="Gott, eingehen zu ihm">eingehen</term>, der ein Leben nach seinem <term key="Gott, Gebot">Gebot</term> von uns verlangt? Was kann ich denn in diesem Leben anderes tun, als nur das allein, was der höchste <term ref="kbga-keywords-1314">Richter</term> in meiner Seele, Gott, von mir verlangt? Und das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>, Gott, verlangt, dass ich alle Wesen gleich achten, alle lieben, allen dienen soll.»<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 219</bibl>.</note> <hi rend="sans-serif">So ist</hi> Nikolaj mit seiner <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term> u. seinem <term key="Willen">Willen</term> kraft seines <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>s durchgebrochen in die herrliche <hi rend="sans-serif">Freiheit</hi> der Kinder <term key="Kinder, Gottes">Gottes</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.21">Röm. 8,21</ref>].</p>
          <p><pb xml:id="p253" ed="pga" rend="noPipe"/> An der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> u. Wucht dieses inneren Durchbruchs scheitert zunächst aller <hi rend="sans-serif">Widerspruch</hi> der <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term>. Die wohlfeilen Argumente der <hi rend="sans-serif">Gesellschaft</hi><hi rend="sans-serif">s</hi>menschen um ihn her, die leidenschaftlichen Proteste seiner <hi rend="sans-serif">Frau</hi> zerknicken wie Strohhalme an seiner Gewissheit: man kann so nicht leben. Der Vertreter der <hi rend="sans-serif">Religion</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> der Vater Gerassim erinnert ihn im Namen u. mit der Autorität der <term key="Kirche, Autorität">Kirche</term> an seine Christenpflichten u. bezichtigt ihn des <term ref="kbga-keywords-1666">Hochmut</term>s u. des Eigendünkels. Was ist Nikolaj leichter, als der Autorität der <term key="Kirche, Autorität">Kirche</term> die Autorität <term key="Jesus Christus, Autorität">Christi</term> entgegenzustellen?</p>
          <p>Er will zwar <hi rend="sans-serif">niemanden überreden</hi> dazu, seinen Weg mit ihm zu gehen. Er weiss zu gut: von der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> kann man niemand <term ref="kbga-keywords-1539">überzeugen</term>, <hi rend="sans-serif">mit Worten</hi> ist da nichts auszurichten. Er weist die Aufmerksamkeit der Andern ausdrücklich zurück, soweit sie ihm selbst gilt: du musst <hi rend="sans-serif">nicht mich</hi> verstehen, du musst dich selbst, musst das <term ref="kbga-keywords-56">Leben</term> verstehen. Du musst dich selber fragen: ist das ein Leben, dieses <term key="Dasein, auf kosten Anderer">Dasein</term> auf Kosten Anderer, als Schmarotzer, im Grunde freudlos u. unglücklich? Aber er ist auch dessen vollkommen sicher: <hi rend="sans-serif">die Wahrheit</hi> <hi rend="sans-serif">selbst</hi> muss eigentlich alle Menschen <term ref="kbga-keywords-1539">überzeugen</term>, es giebt da keinen Widerstand. Er steht seiner verängsteten nur auf ihren Haushalt u. ihre Kinder bedachten <hi rend="sans-serif">Frau</hi> gegenüber in der ruhigen Gewissheit: unbedingt wird sie einmal verstehen. Er sagt es seiner hoffnungslos weltlichen u. oberflächlichen <hi rend="sans-serif">Schwägerin</hi> ins Gesicht: auch für dich wird der Tag einmal kommen, wo du verstehen wirst. Er ist im Innersten vollkommen <hi rend="sans-serif">ruhig</hi> darin, dass er in der <term ref="kbga-keywords-340">Wahrheit</term> lebt, die sich selbst beweist.</p>
          <p>Und sie beweist sich, nicht nur darin, dass keine Einrede gegen sie aufkommen kann. Sie <hi rend="sans-serif">wirbt u. gewinnt</hi> tatsächlich Anhänger und Bekenner. Sie droht eine Macht zu werden. «Diese Kraft der <term key="Überzeugung, Kraft">Überzeugung</term> muss man aber doch bewundern»<note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-4405">A.a.O., S. 287</bibl>.</note>[,] stottert die Schwägerin, u. man spürt ein heimliches <hi rend="sans-serif">Zittern</hi> des Bodens[,] auf dem die ganze scheinbar so kluge u. sichere <term ref="kbga-keywords-380">Gesellschaft</term> steht. Sie hat ihren Feind u. Erlöser erkannt, das selbständige <term key="Gewissen, Feind und Erlöser">Gewissen</term>[,] das reden muss u. reden darf. Ein junger <hi rend="sans-serif">Priester</hi> kann eines Tages nicht mehr widerstehen, muss einsehen, dass er betrogen wurde u. betrogen hat[,] u. verlässt seinen Beruf u. die Kirche. Ein junger Fürst, <hi rend="sans-serif">Boris</hi> Tscheremschanow, <pb xml:id="p254" ed="pga"/> der um Nikolajs Tochter wirbt[,] öffnet die Augen u. sieht[,] dass es nicht geht mit diesem Leben, dass er nicht mehr mitmachen kann. Mit jugendlicher <hi rend="sans-serif">Kraft</hi> tritt er den neuen Weg an. Nur nicht die Entscheidung hinausschieben, die doch einmal fallen muss! Nur nicht länger zaudern damit, den Andern zu dienen. Er verweigert den <hi rend="sans-serif">Militärdienst</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Wiederum dieselbe Ratlosigkeit auch um ihn herum. <hi rend="sans-serif">Was versteht</hi> der General, der nur gehorsame Soldaten oder Arrestanten kennen will, was versteht der Gerichtsbeamte, der nach revolutionären Umtrieben wittert, was versteht der <term key="Feldprediger">Feldprediger</term>[,] der die Soldaten <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes d[es] T[äufers]</persName> geltend macht [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.3.14">Lk. 3,14</ref>] u. es Gott überlassen will, die <term key="Welt, Veränderung">Welt</term> zu ändern, was versteht der Arzt, der ihn auf Geisteskrankheit untersucht, was verstehen alle diese Menschen von den Tatsachen des <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>s? Sie können schliesslich Alle nur <hi rend="sans-serif">staunen,</hi> den Kopf schütteln, sich entrüsten über diesen offenkundigen bösen Willen. Und der fürstliche Rekrut weiss sich u. sein Recht nicht anders zu <hi rend="sans-serif">erklären</hi> als damit, dass er nicht anders könne, dass der Wille eines Menschen, der sich am <term key="Böse, das">Bösen</term> nicht beteiligen will, keine Gefahr sein könne für das Ganze. Er <hi rend="sans-serif">leidet</hi> wohl in der furchtbaren Einsamkeit, in der er sich sieht: Wie schwer, wie schwer, Herr hilf mir!<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 285</bibl>.</note> Aber er <hi rend="sans-serif">weiss auch,</hi> mitten unter der furchtbaren Last, die von allen Seiten auf ihn gehäuft wird: es muss so sein u. es ist gut so, wie es ist[,] und geht seinen Weg zu Ende.</p>
          <p>Aber wohin soll der Weg solcher Menschen <hi rend="sans-serif">führen?</hi> Er kann nicht anders endigen als mit der äussern Niederlage, mit der Lächerlichkeit u. dem Misserfolg, mit dem <term key="Leid(, Leiden)">Leiden</term> u. mit dem <term key="Kreuz">Kreuz</term>. Der Mensch[,] der sich <hi rend="sans-serif">gegen die Götter</hi> dieser Welt erhebt im Namen des <term ref="kbga-keywords-1711">lebendigen</term> Gottes[,] muss schliesslich wie <term key="Prometheus"><persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName></term> ihrer Rache gewärtig sein. Auch der Weg des Nikolaj Iwanowitsch u. seiner Freunde endigt mit der Niederlage. Nikolaj muss <hi rend="sans-serif">einsehen,</hi> dass er eigentlich nichts erreicht[,] als sich u. die Seinen zu quälen. Er gibt ihrem Drängen nach u. <hi rend="sans-serif">verzichtet</hi> zu ihren Gunsten auf alle seine Güter, weil er den Jammer seiner Frau: du bist ein Christ u. richtest deine Frau zu Grunde!<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 294</bibl>.</note> nicht mehr mit anhören kann. Er lernt das <hi rend="sans-serif">Tischler</hi>handwerk u. möchte als einfacher Arbeiter frei sein von der Schuld der <term key="Gesellschaft, Schuld">Gesellschaft</term>. Aber <pb xml:id="p255" ed="pga"/> sieht nun dieses Thun nicht einer Laune u. Marotte zum Verzweifeln ähnlich? Wer glaubt ihm seinen Grund? Was erreicht er damit? Er muss zusehen, wie seine <hi rend="sans-serif">Kinder</hi> gerade zu dem <term ref="kbga-keywords-56">Leben</term> erzogen werden, das ihm zum Abscheu u. Schrecken geworden ist. Er muss zusehen, wie seine <hi rend="sans-serif">Tochter</hi> die Braut eines Andern, eines thörichten Lebemannes wird. Er muss die ganze Last des <hi rend="sans-serif">Hasses</hi> tragen, den man auf ihn wirft, wegen des Unglücks des jungen Boris, der um seiner Ideen willen nun schon jahrelang im Irrenhaus des Militärspitales schmachtet. Er muss es erleben, dass jener <hi rend="sans-serif">Priester,</hi> dem Zwang der Verhältnisse sich fügend, wieder in den Schoss der Kirche zurückkehrt. Er möchte wohl <hi rend="sans-serif">entfliehen,</hi> weit weg in den Kaukasus[,] um irgendwo ein wirklich neues Leben anzufangen, aber er kann u. will das schliesslich seiner Frau nicht zu leide tun. Er bleibt[,] wo er ist, der <hi rend="sans-serif">Träumer,</hi> der Narr, in<note xml:id="n12">Versehentlich statt: «der».</note> <term key="Inkonsequenz">Inkonsequente</term>, der Mann[,] der wohl glauben denken u. reden aber schliesslich nicht entscheidend handeln kann. <hi rend="sans-serif">Die Welt</hi> geht mit ihren <term key="Ordnung">Ordnungen</term> u. Verhältnissen über ihn hinweg zur Tagesordnung über. <hi rend="sans-serif">Nichts[,]</hi> gar nichts ist schliesslich durch ihn in der Welt anders geworden. Er hat nur den einzigen in den Augen aller Fernstehenden unendlich magern nichtigen <hi rend="sans-serif">Trost:</hi> <hi rend="italic">Wertvoll ist nicht das, was in der <term key="Welt, was darin geschieht">Welt</term></hi> <hi rend="italic">geschieht, sondern nur das, was in der <term key="Seele, was darin Geschieht">Seele</term></hi> <hi rend="italic">geschieht, denn was in der Seele geschieht, das wird auch die <term key="Welt, Umwälzung">Welt</term></hi> <hi rend="italic">umwälzen.<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 282</bibl>.</note></hi></p>
          <p>In seiner Seele u. in der Seele seiner mit ihm erlegenen Freunde ist allerdings etwas <hi rend="sans-serif">geschehen.</hi> Das ist das Ende dieser Geschichte[,] die doch kein Ende hat u. keines haben kann.</p>
          <p>Und das Licht scheinet in der Finsternis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>].</p>
          <ab rend="center">________</ab>
          <p>Nun hat uns <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1412">Leo Tolstoj</persName></hi> gesagt, was das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> ist, wie das Gewissen erwacht, triumphiert, unterliegt und doch Recht hat. Ich habe dem eigentlich nichts hinzuzufügen, ich kann nur zusammenfassen u. unterstreichen.</p>
          <p> Das <term key="Gewissen, Zeuge einer andern Welt">Gewissen</term> <hi rend="sans-serif">steht in unsrer Welt</hi> drin als erster schlichtester aber auch sicherster Zeuge einer <hi rend="sans-serif">andern Welt</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Handel und Wandel, Menschenfreude u. Menschenleid, <term ref="kbga-keywords-1283">Krieg</term> u. <term key="Friede">Friede</term>, <term ref="kbga-keywords-1482">Pflicht</term>, Beruf, <term ref="kbga-keywords-796">Familie</term>, <pb xml:id="p256" ed="pga"/> <term ref="kbga-keywords-477">Moral</term>, <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> u. <term ref="kbga-keywords-1732">Vaterland</term>. Das Alles steht auf der einen Seite, das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> auf der andern. Es hat seine <hi rend="sans-serif">eigenen Gründe</hi> u. Notwendigkeiten, es hat seine Wahrheit in sich selbst. Was es will u. meint, kann von der <term ref="kbga-keywords-819">Vernunft</term> nicht errechnet u. von keinem Menschen einem Andern gelehrt werden. <hi rend="sans-serif">Klein</hi> u. schwach u. ungewiss scheinbar steht es da gegenüber unsrer ganzen grossen selbstverständlichen und konsequenten <term ref="kbga-keywords-378">Welt</term> und hat uns eigentlich nichts zu sagen als wie <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> das Eine: <hi rend="sans-serif">Tut Busse</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> kehret um, denn das <term ref="kbga-keywords-434">Himmelreich</term> ist nahe herbeigekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.2">Mt. 3,2</ref>].</p>
          <p>Das ist <hi rend="sans-serif">seine Stärke,</hi> das[,] was nach ihm kommt, das[,] was hinter ihm steht. Darin liegt seine Macht, dass es nur ein <hi rend="sans-serif">Vorposten</hi> ist, dem das gewaltigste Heer folgen [muss], dass wir spüren, es zeugt von der Welt[,] die die wahre <term key="Welt, wahre">Welt</term> ist. Im <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> redet eben <hi rend="sans-serif">Gott</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Das <term key="Gewissen, Gott in uns">Gewissen</term> ist geradezu <term key="Gott, in uns">Gott </term>in uns. So sicher wir nicht im Stande sind, uns von Gott loszureissen, so sicher können wir auch das <term key="Gewissen, wir können es nicht verleugnen">Gewissen</term> nicht verleugnen. Und so sicher wir das Gewissen walten lassen, so sicher treibt Gott sein <term key="Gott, Werk">Werk</term> in uns. Du kannst an Allem <hi rend="sans-serif">irregeworden</hi> sein, an <term key="Gott, an ihm irregeworden">Gott</term> u. an den <term key="Mensch, an ihm irregeworden">Mensche</term>n u. an dir selbst, solange das Gewissen in dir redet, solange bist du kein Ungläubiger, sondern ein Gläubiger. Du kannst tief <hi rend="sans-serif">gesunken</hi> sein[,] weit abgekommen von deiner Bestimmung auf <term key="Torheit">thörichte</term> Nebenweglein, schwer dich verwickelt haben in die allgemeine Schuld, die auf uns lastet, du bist nicht verloren, solange das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> auf seinem Posten steht. Und die <hi rend="sans-serif">Menschheit</hi> ist nicht verloren, trotz all ihrer Irrgänge ins Niedrige Tierische hinein, trotz ihrer Verleugnung ihres Besten, trotz all dem Blut u. all den Thränen, die Tag für Tag zum <term ref="kbga-keywords-966">Himmel</term> schreien; sie bleibt doch der Ort, wo Gott seine <term key="Gott, Hütte">Hütte</term> bauen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.3">Apk. 21,3</ref>], solange ihr Gewissen leben u. sich regen wird. Die alte Welt <hi rend="sans-serif">zittert</hi> u. bebt in ihren Grundlagen, wenn das Gewissen redet. Denn sie <hi rend="sans-serif">ahnt,</hi> dass hier die Einfallspforte ist, durch die eine höhere Welt, die <term key="Gott, Welt">Welt</term> Gottes einbricht in die Welt der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> u. des <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term>es. Und darum können wir das <term key="Gewissen, vin Vernunftgründen zum Schweigen bringen">Gewissen</term> wohl mit Vernunftgründen zum Schweigen bringen u. tun es beständig, eins können wir nicht: wir können ihm nicht unrecht geben, wir können <hi rend="sans-serif">nicht bestreiten,</hi> dass schliesslich nur das gross ist, was vor dem Gewissen gross ist. Das ist seine Stärke.</p>
          <p><hi rend="sans-serif">Was ist das Gewissen</hi><hi rend="sans-serif">? Keine</hi> Erkenntnis, kein Entschluss, keine Lebensregel, kein Reformprogramm. Nur ein ungeheurer einheitlicher <pb xml:id="p257" ed="pga"/> <hi rend="sans-serif">Trieb</hi> in uns, das Tiefste[,] was im Menschen ist, das Gewaltigste[,] was über ihn kommen kann[.] Was dann <hi rend="sans-serif">an den Tag</hi> kommt von Worten u. Taten aus der <term key="Kraft, des Gewissens">Kraft</term> des Gewissens, das sind nur die Lavamassen, die von dem unterirdischen Vulkan an die Oberfläche geschleudert werden. Das Gewissen erschöpft sich nie in dem[,] was die Menschen[,] die von ihm bewegt sind, sagen u. tun können. Das <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> kann auch daraus allein nie verstanden werden. Dieser Trieb selber ist immer grösser, klarer, heiliger als das[,] was er hervorzutreiben vermag. Wie sollen wir ihn schildern? Er ist das <hi rend="sans-serif">Heimweh</hi> nach dem verlorenen <term key="Paradies">Paradies</term>, nach dem <term key="Gott, Leben mit G.">Leben</term> mit Gott u. in der <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term>[,] in dem wir eigentlich zu Hause sind. Er <hi rend="sans-serif">deckt uns auf,</hi> wie wir eigentlich alle mit allen unsern Kräften die Gewichte vermehren helfen, die uns aus diesem wahren Leben[,] für das wir bestimmt sind, hinweg u. in die Tiefe ziehen. Er stellt vor uns hin als <hi rend="sans-serif">Ziel u.</hi> als Notwendigkeit die Herrschaft, das Reich <term ref="kbga-keywords-434">Gottes</term>, die Wiederaufrichtung jenes Lebens nach seinem <term key="Gott, Wille">Willen</term>[.] Er macht uns selber persönlich <hi rend="sans-serif">verantwortlich:</hi> <hi rend="italic">du</hi> bist der Mensch[,] der es bisher ohne Gott gemacht hat! <hi rend="italic">du</hi> hast dieses Leben gelebt! <hi rend="italic">du</hi> hast diese falsche <term key="Welt, falsche">Welt</term> gebaut! <hi rend="italic">du</hi> hast keinen Rückweg noch Ausweg als den, dich für die ganze Welt Gott wieder in die Arme zu werfen! <hi rend="italic">Du</hi> musst die Augen öffnen! <hi rend="italic">Du</hi> musst merken! <hi rend="italic">Du</hi> musst handeln! <hi rend="italic">Du</hi> musst es wagen[,] den zerrissenen Faden des wahren Lebens wieder aufzunehmen. <hi rend="italic">Du</hi> kannst nicht anders! Dieser Trieb[,] der von Gott her kommt u. zu Gott hin leitet, ist das <term key="Gewissen, Trieb">Gewissen</term>.</p>
          <p><hi rend="sans-serif">Wie schafft es?</hi> Es schafft in uns, wie eben ein Trieb schaffen muss, hinter dem die <hi rend="sans-serif">Ewigkeit</hi> steht. «Ist es denn nicht wahr, dass wir in jeder Minute sterben können und entweder ins Nichts oder zu Gott eingehen?»<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 219</bibl>.</note> Rücksichtslos ergreift u. führt es das Wort. Es <hi rend="sans-serif">fragt nicht</hi> nach unsrer Zufriedenheit oder Traurigkeit, nicht nach guten u. bösen Folgen, nicht nach persönlicher Würdigkeit oder Unwürdigkeit. Es <hi rend="sans-serif">weiss nichts</hi> Anderes u. will auch nicht[,] dass du etwas Anderes wissest, als dass <term key="Gott, will recht haben">Gott</term> recht haben will. Strafendes, mahnendes, gutes Gewissen: es ist <hi rend="sans-serif">im Grunde</hi> nur eins u. will nur eins von dir: hin zu Gott u. dem wahrhaftigen Leben! Und lässt sich nie <hi rend="sans-serif">einschüchtern</hi> durch Alles was man gegen es vorbringen mag. Es lässt sich immer viel einwenden gegen die Meinungen des <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>s. Du liebe Zeit, wie trotzig u. <pb xml:id="p258" ed="pga"/> unvermittelt stellt es das so hin: das ist nicht recht! so kann man nicht leben! das muss anders werden! Da kommen wir gelaufen mit der <hi rend="sans-serif">Vernunft</hi> u. spinnen wichtige Ansichten u. Theorien, mit einerseits – andrerseits etc.[,] um das Gewissen einzuspinnen. Da kommen wir mit der <hi rend="sans-serif">Notwendigkeit</hi> der Tatsachen u. Verhältnisse u. bauen hohe Mauern: es muss so sein! man kann nicht anders! Da kommen wir u. schleppen die ganze <hi rend="sans-serif">Geschichte</hi> daher u. beweisen sonnenklar, das Gewissen müsse Unrecht haben, denn seit Anbeginn der Welt sei es nicht anders gewesen[,] u. hängen ihm Bleiklumpen an den Hals: es war! es war! es war! Und das Gewissen kann dagegen so <hi rend="sans-serif">wenig machen</hi> u. hält auch wirklich ganz still u. wehrlos hin u. lässt alles über sich ergehen wie der schlafende <persName ref="kbga-actors-2252">Simson</persName> unter den Händen seiner bösen Frau, die ihn mit starken Seilen fesseln wollte. Bis es auf einmal den <hi rend="sans-serif">Ruf hört:</hi> Philister über dir! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ri.16.4 Ri.16.21">Ri. 16,4–21</ref>] u. schon ist es aufgefahren u. schon liegen alle Fesseln am Boden u. schon trotzt es weiter, trotzt der Notwendigkeit, trotzt der Vernunft, trotzt der ganzen Vergangenheit: Unrecht bleibt Unrecht! u. es muss doch ein Neues werden! Es <hi rend="sans-serif">fürchtet</hi> eben gar nichts u. achtet alle Bedenken u. Hindernisse für gar nichts u. kann sie nicht einmal ernst nehmen, es hat eben nur die <term key="Klarheit">Klarheit</term> des Himmelreichs[,] von der es in der Menschenwelt Zeugnis abzulegen hat. Gerade seine <hi rend="sans-serif">Wehrlosigkeit</hi> ist seine Kraft. Es lässt sich nicht aufs Disputieren u. Unterhandeln ein. Es kennt die Schwierigkeiten gar nicht, die ihm gegenüberstehen[,] u. hat gar kein Interesse daran, sie näher zu sondieren. Es <hi rend="sans-serif">weiss nur:</hi> in dieser Richtung steht Gott u. sein <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term> u. in dieser andern Richtung sicher nicht[,] u. danach redet es unentwegt sein Ja u. sein Nein. So schafft das Gewissen. Aber <hi rend="sans-serif">was erreicht es u. wirkt es?</hi> fragen wir u. denken an das Ende der Geschichte von Nikolaj Iwanowitsch[,] das kein Ende ist? <hi rend="sans-serif">Nichts</hi> erreicht es! sagen die[,] die es nur von aussen betrachten[,] die es nicht kennen. <hi rend="sans-serif">Alles!</hi> sagen die[,] die von innen von ihm bewegt sind. Und es haben beide recht, wenn man will. Das <term key="Gewissen, Beunruhigung">Gewissen</term> wirkt zunächst einfach als eine grosse <hi rend="sans-serif">Beunruhigung</hi><hi rend="sans-serif">:</hi> es geht nicht mehr so weiter u. es möchte etwas <hi rend="sans-serif">Neues</hi> werden. Aber das Neue ist noch nicht da. Das <hi rend="sans-serif">Himmelreich</hi> ist nahe herbeigekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.2">Mt. 3,2</ref>], aber es ist noch verborgen. Die Menschen möchten Worte reden u. Taten tun aus den <hi rend="sans-serif">Kräften</hi> <hi rend="sans-serif">Gottes</hi> heraus, aber diese Kräfte sind noch nicht da. Das Andere ist noch da, gross, weit u. mächtig, das Gewöhnliche, Menschliche, Widergöttliche. die <pb xml:id="p259" ed="pga"/> vom Gewissen bewegt sind, sind in dieser Welt zunächst die <hi rend="sans-serif">Stammelnden</hi> u. <hi rend="sans-serif">Strauchelnden.</hi> Man kann ihnen mit vollem Recht alle Augenblicke von allen Seiten <hi rend="sans-serif">zurufen:</hi> wie <term key="Torheit">thöricht</term>, wie unmöglich, wie unchristlich! Sie müssen aus einer sinnlosen u. demütigenden <hi rend="sans-serif">Lage</hi> in die andre kommen! Sie selber <hi rend="sans-serif">leiden</hi> am Meisten darunter[,] dass sie es nicht sagen u. nicht so handeln können[,] wie sie es eigentlich meinen. Das Gewissen hat sie in einen <hi rend="sans-serif">Kampf</hi> hineingeführt, der sie über u. über mit Schrammen u. Wunden, mit Niederlagen u. Misserfolgen, mit Irrtümern u. «gerechten» Zurückweisungen bedecken muss. Sie können es nicht anders erwarten u. sie erwarten es nicht anders. Und so wirkt das Gewissen nichts, wenn man so will. Und doch <hi rend="sans-serif">Alles.</hi> Denn in dieser grossen Beunruhigung <hi rend="sans-serif">bereitet</hi> sich eben Alles das vor, was Gott an den Menschen tun
will. Mit ihr hebt Gottes <term key="Gott, Werk">Werk</term> an. «Was in der Seele geschieht, das wird auch die Welt umwälzen.»<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4405">a.a.O., S. 282</bibl>.</note></p>
          <p><hi rend="italic">Was thun?</hi> Hören! Aufreissen lassen! Parole vernehmen, Verwirrung sehen[,] in der wir sind, Botschaft hören. Alles erleben u. durchmachen. In Alles hinein. Aufrichtig werden, damit Thüren weit, Thore hoch werden, der König der Ehren einziehen kann [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.7">Ps. 24,7</ref>]. Erst muss mehr <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term> da sein; dann kann man ihm gehorchen.</p>
          <p>Das Licht scheinet in der <hi rend="italic">Finsternis</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>], ist ihm genug, dass es das <hi rend="italic">Licht</hi> ist.</p>
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