<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-48044">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Das höchste Recht</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Das höchste Recht, 1917</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48044 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 349–353.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48044</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Das höchste Recht</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
          <biblScope unit="page">349-353</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">44</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Das höchste Recht  AV 20.II 17, 20. Februar 1917. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/756">KBA 12122</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1917">1917</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>paper</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:15+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:15+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div type="paper">
        <pb xml:id="p349" ed="pga"/>
        <head>DAS HÖCHSTE RECHT</head>
        
          <head type="sub">
            <date when="1917">1917</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Bei diesem stichwortartig skizzierten Vortrag über «Das höchste Recht» handelt es sich um eine Besinnung über eine Kurzgeschichte gleichen Titels von dem dänischen Schriftsteller <persName ref="kbga-actors-10001">Harald Kidde</persName> (1878–1918), die im <orgName ref="kbga-actors-6494">Neuen Freien Aargauer</orgName> einige Tage vor dem Vortrag abgedruckt war.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-4076">Neuer Freier Aargauer, Jg. 12, Nr. 39 vom 15.2.1917, S. [1f.]</bibl>.</note> Sie wird der Wiedergabe von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortragsnotizen vorangestellt. Die Erzählung stammt aus dem Sammelband «Sindbilleder» («Sinnbilder», Symbole).<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-4436"><persName ref="kbga-actors-10001">H. Kidde</persName>, <hi rend="italic">Sindbilleder</hi>, København 1900, S. 23–27</bibl>.</note> Von wem der Text übersetzt wurde und wie es zum Abdruck im «<orgName ref="kbga-actors-6494">Neuen Freien Aargauer</orgName>» kam, ist nicht bekannt. Ebenso ist unklar, auf Grund welcher Informationen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinen Ausführungen <persName ref="kbga-actors-10001">Kidde</persName> einen «Sozialisten» nennt. Zwar kann man bei <persName ref="kbga-actors-10001">Kidde</persName> die «zentrale Idee und Tendenz» des «kommunionistischen Expressionismus» finden: auch <persName ref="kbga-actors-10001">Kidde</persName> zielte auf die Ablösung der «bürgerliche[n], egoistische[n] Kultur».<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-4438">A. Höger, <hi rend="italic">Form und Gehalt der Romane und kleineren Erzählungen Harald Kiddes</hi>, Diss. phil. München 1969, S. 79</bibl>.</note> Es muss jedoch offen bleiben, ob <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> darüber genauer orientiert war – von <persName ref="kbga-actors-10001">Kidde</persName> war bis <date when="1917">1917</date> nur ein Buch in deutscher Übersetzung erschienen<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4437"><persName ref="kbga-actors-10001">H. Kidde</persName>, <hi rend="italic">Luftschlösser</hi>, Minden 1906</bibl>.</note> – oder ob er die sozialistische Richtung eines Autors der Zeitung mit dem Untertitel «Sozialdemokratischen Tagblatt» voraussetzen zu können meinte.
          </p>
        </div>
        <div>
          <div type="excursus">
            <head>Das höchste Recht</head>
            <head type="sub">Von <persName ref="kbga-actors-10001">Harald Kidde</persName></head>
            <p>Unbeweglich lag er ausgestreckt in dem schmalen grauen Feldbett mit der roten Decke über den lahmen Beinen und der leise atmenden Brust. Seine dunklen Augen waren nach der niedrigen Balkendecke gerichtet und die Hände lagen in seinem Nacken.</p>
            <p><pb xml:id="p350" ed="pga" rend="noPipe"/> Sie saß in dem Korbstuhl am Bette, die Hand auf dessen Kante gestützt und die Augen unverwandt auf sein mageres Gesicht geheftet. Ihr schweres, schwarzes Haar umwogte frei die niedrige Stirn, der Federhut lag auf der Decke des ovalen Tisches.</p>
            <p>Es war nur ein kleiner Raum mit einem niedrigen Fenster, dessen dunkelrote Gardinen dicht herniederhingen.</p>
            <p>Draußen vor dem einsamen Gehöft lag das große, schneebedeckte Heideland. In der beginnenden Dämmerung schaute es herein zu den beiden wie ein weißes kummervolles Gesicht; die Stube war erfüllt von einem gespenstischen schneeblauen Schein.</p>
            <p>Das Feuer in dem rostigen Ofen war erloschen. Eine Weckuhr tickte und tickte in den lautlosen Novemberabend hinein.</p>
            <p>Ein langes Schweigen war zwischen den beiden gewesen; doch kein Schweigen in Eintracht und Friede – ein drohendes, beängstigendes Schweigen.</p>
            <p>Jetzt strich sie mit den starken Händen das Haar aus der Stirn und sagte auf einmal und die Stimme klang so scharf in der schlafenden Stille:</p>
            <p>«Mogens!»</p>
            <p>Er sah hastig nach ihr hin und blickte dann wieder zu den Balken der Decke hinauf.</p>
            <p>«Mogens, nein, jetzt müssen wir darüber reden... Ich habe darauf gewartet, daß du es tun würdest; aber du tust es nicht, so muß denn ich...»</p>
            <p>Wieder wurde es still und die Uhr tickte weiter.</p>
            <p>Dann fuhr sie fort mit ihrer tiefen, festen Stimme:</p>
            <p>«Der Arzt hat uns ja gesagt, daß du nie wieder gesund werden kannst, daß du zeitlebens ein Krüppel bleiben wirst. Ja, ich sage es, wie es ist, Mogens, damit du mich verstehen sollst. Aber nicht wahr ... dann ist doch alles anders als damals, als ich dir Treue versprach?»</p>
            <p>Sie wartete auf Antwort; doch er regte sich nicht.</p>
            <p>«Damals waren wir beide jung und stark. Aber jetzt, Mogens ... ja, jetzt hast du die Macht zum Leben verloren. Willst du, daß auch ich sie darum einbüßen soll? Das tu ich nicht!» Eisig kamen die Worte aus ihrem Munde.</p>
            <p>Verwirrt blickte er sie an, blickte auf ihr bleiches Gesicht inmitten des schwarzen Haares und auf das Dunkel des Winters da draußen.</p>
            <p>Sie wendete den Blick nicht von ihm ab.</p>
            <p>«Du meinst, ich habe unrecht?»</p>
            <p>«Nein, nein», flüsterte er hastig und leise.</p>
            <p>«Ich habe auch nicht unrecht», erwiderte sie ruhig; «ich habe alles genau überdacht, und ich weiß, daß ich nur mein volles Recht im Auge habe – ja, das höchste Recht, Mogens: das Recht des Lebens ...»</p>
            <p>Sie schwieg. Die Uhr tickte und tickte. Die Landschaft starrte durch Fenster herein. Über all die leeren Räumlichkeiten des Gehöftes und über die niedrige Kammer dehnte sich die Stille des Winterabends.</p>
            <p><pb xml:id="p351" ed="pga" rend="noPipe"/> «Rut, willst du mir nicht sagen ... bist du ... liebst du Jörgen da drüben?» Er wies mit einer vagen Bewegung über die Heide, wo in weiter Entfernung eine verschneite Baumgruppe im Abend stand.</p>
            <p>Sie blickte ihn fest an:</p>
            <p>«Das kommt nicht in Betracht, Mogens ... Du weißt, daß ich dir mein Treuwort gab, weil du mir teuer warst, und ich würde es auch nie gebrochen haben. Du weißt ja, daß ich dich wählte, als ihr beide um mich warbt.»</p>
            <p>«Ja ... aber jetzt ...»</p>
            <p>«Jetzt ...», sie erhob sich und ihre Stimme klang sehr hart, «ich sagte dir ja, daß jetzt alles anders sei.»</p>
            <p>«Ja, Rut», flüsterte er.</p>
            <p>Der bläuliche Kälteschein des Schnees umschwebte die beiden. Sie hatte den Ring vom Finger gezogen, jetzt legte sie ihn in das rote Dunkel der Decke; da lag er wie eine kleine goldene Glut.</p>
            <p>«Gib mir nun den meinen, Mogens.»</p>
            <p>«Ja, Rut.»</p>
            <p>Er tastete an seinen Hemdsaum und zog den Ring hervor, indem er leise erklärte:</p>
            <p>«Ja ... als meine Finger zu mager wurden, da hab’ ich ihn hier verwahrt ... Da ist er, Rut.»</p>
            <p>«Danke.» Sie nahm ihn an sich.</p>
            <p>Und sie blieb stehen und sah ihn an, dann fügte sie hinzu – mit einmal ganz mild und traurig:</p>
            <p>«Was kann es nützen, Mogens? Glück würde uns ja doch nicht blühen.»</p>
            <p>«Nein, Rut, nein.»</p>
            <p>Sie beugte sich sanft über ihn und küßte ihn:</p>
            <p>«Leb’ wohl! Ich danke dir für die Zeit, die uns beiden gehörte.»</p>
            <p>Hastig blickte er in ihre dunklen Augen auf und schlug dann die seinen nieder.</p>
            <p>«Lebe wohl, Rut!»</p>
            <p>Er tastete nach ihrer Hand, doch sie sah es nicht.</p>
            <p>Vor dem kleinen, fleckigen Wandspiegel ordnete sie ihr schweres Haar unterm Hut.</p>
            <p>«Lebe wohl, Mogens!»</p>
            <p>Das blasse, ernste Gesicht unter dem Dunkel des Hutes und des Haares wendete sich ihm zu. Hinter ihr schaute die Landschaft ins Zimmer.</p>
            <p>Sie kam ein paar Schritte näher.</p>
            <p>«Ich bitte dich nicht um Vergebung; das brauch’ ich nicht zu tun. Und einst wirst du es einsehen.»</p>
            <p>«Lebe wohl, Mogens!»</p>
            <p>«Lebe wohl, Rut!»</p>
            <p>Ihr Kleid raschelte leise, die Tür ging auf und zu. Ihre Tritte klangen hin durch den leeren Saal nebenan. Die Flurtür fiel zu und dann war es aus. Sie hatte das Haus verlassen.</p>
            <p><pb xml:id="p352" ed="pga" rend="noPipe"/> Stöhnend und mühsam erhob er sich auf den Ellbogen und beugte sich über den Tisch, die zitternde Hand auf die Tischdecke gestützt.</p>
            <p>Er sah sie über den Hof gehen in die Heide hinaus, doch der weiße Eisblumenflor bedeckte die ganze Scheibe und es war sehr dunkel. Er konnte ihrer schlanken, schwarzgekleideten Gestalt bald nicht mehr folgen, die dahinwanderte in dem blassen Licht der schneefeuchten Erikahügel. Aber er sah, daß sie nach Westen ging, wo die Baumgruppe stand. Dann entschwand sie ihm ganz, und nur der Winterabend breitete sich aus vor seinen spähenden Augen. Die Landschaft verschwand hinter der Maske der Eisblumen.</p>
            <p>Dann glitt er wieder auf sein Lager zurück und hob den Blick zu den Balken der Decke.</p>
            <p>Die Uhr tickte im Dunkel, das ihn immer dichter und dichter umschloß.</p>
            <p>Er lag da, die Hände im Nacken, und murmelte leise:</p>
            <p>«Das höchste Recht ...»</p>
          </div>
          <div>
            <head>Das höchste Recht</head>
            
              <head type="sub"><orgName ref="kbga-actors-9909">A[rbeiter-]V[erein]</orgName>
<date when="1917-02-20">20. II 17</date>
              </head>
            
            <p> Der erste Eindruck ist ein abstoßender: die Verleugnung der früheren <term key="Liebe, frühere">Liebe</term>, das Verlassen des Gatten in der Not, der Übergang zum Nebenbuhler. Pfui Teufel!</p>
            <p>Und doch <hi rend="italic">wollte</hi> der Verf. offenbar etwas Rechtes sagen: die <hi rend="italic">Befreiung speziell der Frau</hi> aus unwürdigem Verhältnis dem Mann gegenüber. (Mann immer der Werbende, Frau lebenslänglich die Abhängige, Mann der[,] dem die Sitte Untreue erlaubt – hier die Frau die selbständig Handelnde, sie ist auch ein Mensch u. braucht ihr Recht![)]</p>
            <p>Allgemein: <hi rend="italic">die konventionelle Abneigung gegen die <term key="Ehescheidung">Ehescheidung</term></hi> <hi rend="italic">bekämpft.</hi> Es giebt Fälle, wo sie sittlich höher steht, als fortzufahren, gebt dem Menschen Freiheit, einen eingetretenen «Irrtum» gut zu machen, statt lebenslänglich unglücklich zu sein!</p>
            <p><hi rend="italic">Aber:</hi> ist es Zufall, daß die Sache in praxi so abscheulich wirkt? Die Umstände könnten besser sein: Ursprüngl. Abneigung, ernster Grund, keine Untreue[.] Der Vorgang selber bliebe immer häßlich.</p>
            <p>Die <hi rend="italic">Frage</hi> die sich erhebt, ob der <hi rend="italic">Einzelne</hi> das Recht hat, «das höchste Recht» für sich in Anspruch zu nehmen. Offenbar meint das dieser Sozialist u. schlägt dem Sozialismus ins Gesicht. Dieses Recht des Einzelnen, selbst wenn es «Recht» ist, hat die kapitalistische Gesellschaft erzeugt.</p>
            <p><pb xml:id="p353" ed="pga" rend="noPipe"/> Also Reform der Stellung der Frau? Ja, aber durch Reform der Frauen!</p>
            <p>Reform der Ehe? Ja, aber durch Reform des Heiratens u. der heiratenden Menschen und der sie umgebenden Verhältnisse</p>
            <p>Daraufhin arbeiten u.U. <hi rend="italic">unter</hi> einem Joch ist tapferer u. erfolgreicher, als das Joch persönlich abwerfen, wodurch die allgemeine Regel nur bestätigt wird.</p>
            <p>Anwendung auf die <term key="MilitärDienstverweigerung"><hi rend="italic">Militärdienst-Frage</hi></term><hi rend="italic">!</hi></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
