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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">«Alltagskraft»</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: «Alltagskraft», 1917</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48046 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 382–389.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">«Alltagskraft»</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
          <biblScope unit="page">382-389</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, "Alltagskraft"  - Vortrag am Gymnasiastentag in Safenwil 21. April 1917, 21. April 1917. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/582">KBA 12023</ref>. </bibl>
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        <head>«ALLTAGSKRAFT»</head>
        
          <head type="sub">
            <date when="1917">1917</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Der Vortrag für die Tagung der christlichen Gymnasiastengruppen aus <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, <placeName ref="kbga-places-57">Schaffhausen</placeName> und <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> vom <date to="1917-04-21" from="1917-04-19">19. bis zum 21. April 1917</date> in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> geht zurück auf eine Einladung, die der Theologie-Student <persName ref="kbga-actors-638">Emanuel Kellerhals</persName> als deutsch-schweizerischer Centralpräsident der christlichen <term key="Studentenbewegung, christliche">Studentenbewegung</term> am <date when="1917-03-15">15. März 1917</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> richtete<note xml:id="n01"><ref type="kba-objects-id" target="9357">KBA 9317.27</ref>.</note>. Er skizzierte dabei den «Gedankengang der Zusammenkunft» so: 1. «Das christliche Lebensideal»: «die gewaltigen, unerreichbaren Forderungen des Evangeliums», 2. «Volle Lebensfreude», d.h. «die Freude und das Glück eines solchen Lebens», 3. «Alltagskraft»: «Hier wäre nun der Weg zur Verwirklichung jener sittlichen u. religiösen Ideale zu zeigen, d.h. die Art u. Weise, wie im Alltag, im gewöhnlichen Leben wirklich mehr u. mehr jener Vollkommenheit nahe zu kommen ist.» Über das erste Thema sollte Pfarrer <persName ref="kbga-actors-556">Max Frick</persName>, über das zweite Pfarrer <persName ref="kbga-actors-562">Heinrich Gelzer</persName>, über das dritte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vortragen, der sich dann mit seiner <persName ref="kbga-actors-26">Frau</persName> auch noch entscheidend um die äußere Organisation der Tagung verdient machte. Die Einladung ging zwar von den bestehenden Schüler- und Studentenvereinigungen aus, deren «höchster Wunsch» es jedoch war, «Safenwil zum Stelldichein aller ernst gesinnten Gymnasiasten zu machen». «Die furchtbare Wirklichkeit des <term ref="kbga-keywords-1283">Krieges</term>» drücke «immer schwerer auf unser äusseres und inneres Leben und hat in uns einen Zustand der Müdigkeit und der Erschlaffung hervorgerufen». «Aber aus diesem Zustand sehnen wir uns hinaus – und deshalb laden wir Sie nach <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ein; weil wir die Überzeugung haben, dass vor allem der Idealismus des Evangeliums Jesu uns den frohen Lebensmut und die Kraft zum freudigen Vorwärtsschreiten geben kann. Gemeinsam mit gleichgesinnten Freunden möchten wir in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> diese Kräfte in uns einziehen lassen und davon ein neues Leben nähren.»
          </p>
          <p>
            In seinem Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date when="1917-06-23">23. Juni 1917</date><note xml:id="n02"><ref type="kba-objects-id" target="9463">KBA 9317.97</ref>.</note> hält <persName ref="kbga-actors-638">Kellerhals</persName> dankbaren Rückblick: «Ihr heimeliges Unterrichtszimmer wird jedem von uns eine liebliche Erinnerung sein; wenn auch die Stunden, die er dort <pb xml:id="p383" ed="pga"/> erlebt, dem einen oder andern der Anfang eines schmerzlichen Uebergangs vom Kinderglauben zu etwas Neuem, ihm noch Unbekannten u. darum Gefürchteten waren, so waren ihm doch die Persönlichkeiten der Referenten wertvoll u. sind ihm zum Erlebnis geworden.» Damit ist wohl auch die kritische Wirkung der Ausführungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> angedeutet, die so gar nicht auf den Ton der Einladung gestimmt waren und die auch für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selber, der hier an wichtiger Stelle mit Bezug auf <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> Motive der lutherschen Theologie umformend aufnimmt, ein Erproben neuer Einsichten bedeuteten. <persName ref="kbga-actors-638">Kellerhals</persName> hat das wohl besser erfasst als <persName ref="kbga-actors-1257">Gottlob Spörri</persName>, der in der Zeitschrift der christlichen Studentenvereinigung über die Zusammenkunft in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> berichtete<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-4439"><persName ref="kbga-actors-1257">G. Spörri</persName>, <hi rend="italic">Die Gymnasiasten der deutschen Schweiz in Safenwil</hi>, in: Nouvelles de l’Association chrétienne d’etudiants, Jg. 7, Nr. 4 (Mai 1917), S. 113–115</bibl>.</note> und <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Ausführungen in einem Satz zusammenfasste: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> habe gezeigt, «wie auch nach dem schönsten Sonntag der Alltag uns immer neuen Kampf bringt, wie aber gerade in diesem Kampf Gott erfahren werden kann»<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-4439">A.a.O., S. 115</bibl>.</note>, und vielleicht auch besser als <persName ref="kbga-actors-556">M. Frick</persName>, der am zweiten Tag referiert hatte und der sich «aus zwei Gründen» «besonders erfreut» über <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Referat zeigte: «erstens weil ich daraus ersah, daß man in <term key="Sozialismus, religiöser">religiös-sozialen</term> Kreisen doch noch Sinn für das spezifisch Religiöse hat.» Es habe ihm «so wohlgetan, zu sehen, daß Sie nicht gewillt sind, den lieben Gott zum Gehilfen u. Faktotum menschlicher Fortschrittspläne zu machen, sondern daß diese auch bei Ihnen aus Gottes Aufgaben fließen.» Zweitens habe ihn die Einsicht besonders gefreut, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vermittelt habe: «Da kann allein Gott noch helfen, er muß uns ein Neues bringen!»<note xml:id="n05">Brief vom <date when="1917-04-27">27.4.1917</date> (<ref type="kba-objects-id" target="9413">KBA 9317.67</ref>).</note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <pb xml:id="p384" ed="pga"/>
          <head>«Alltagskraft»</head>
          
            <head type="sub"> Vortrag am Gymnasiastentag in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName></head>
            <head type="sub"><date when="1917-04-21">21. April 1917</date></head>
          
          <div>
            <head type="sub">I.</head>
            <p>Der rechte Gymnasiast <hi rend="italic">weiß[,]</hi> was er von einem Pfarrer über dieses Thema zu erwarten hat. Er wird von Gott <term key="Gott, reden von G.">reden</term>: daß <hi rend="italic">Gott</hi> unsre <term key="Gott, Alltagskraft">Alltagskraft</term> werden muß und daß er es werden will und daß es dazu allerlei Wege für uns giebt. Der Gymnasiast zweifelt vielleicht an Gott, aber, angenommen daß Gott ist, weiß er[,] wer Alltagskraft ist u[nd] wie man dazu gelangt. Ich ermahne nicht zur Bescheidenheit, sondern ich gebe euch recht: <hi rend="italic">ihr wißt[,]</hi> was kommt, aus Konfirmandenunterricht[,] Predigten, Lektüre könnt ihr es wissen, u. habt es sicher schon besser gehört als von mir.</p>
            <p>Wir rekapitulieren zunächst dieses Wissen.</p>
            <p><hi rend="italic">1.</hi> Wir wissen Alle von der <hi rend="italic">Sonntagskraft</hi> großer <term key="Idee, große">Ideen</term>, Eindrücke u. Erfahrungen. In den Feierstunden unsers Lebens <term ref="kbga-keywords-328">(Natur</term>, <term ref="kbga-keywords-1171">Kunst</term>, <term ref="kbga-keywords-1385">Literatur</term>, <term ref="kbga-keywords-1046">Philosophie</term>, <term key="Bibel">Bibel</term>) begeistert uns die Wahrheit, erhebt uns das Schöne, bewegt uns das Gute, bezwingt uns das Göttliche. Ein Glanz u. eine Verheißung leuchtet auf über unserm Leben. In diesem Vorgang erfahren wir u. haben wir: Kraft – als Sonntagskraft. Wir wissen, auch wenn wir gelegentlich zweifeln u. in der Namengebung schwanken: das ist <term key="Gott, Sonntagskraft">Gott. </term></p>
            <p><hi rend="italic">2.</hi> Wir wissen aber auch Alle, daß diese Sonntagskraft <hi rend="italic">Alltagskraft</hi> werden sollte. Einerseits setzt sich unser <hi rend="sans-serif">Leben</hi> nicht nur aus Feierstunden zusammen, sondern da sind Aufgaben, Pflichten, Sorgen, Fragen, die nach begeisternder bewegender Kraft gleichsam schreien. Andrerseits will <hi rend="sans-serif">Gott</hi> nicht ein Sonntagsgott bleiben, nicht mit sich spielen, sich genießen lassen. Wir erwachen nach einem schönen inhaltsreichen Sonntag an einem grauen leeren <hi rend="sans-serif">Montag.</hi> Wir kommen von dem Lager<note xml:id="n06">= Klassenfahrt, Landaufenthalt einer Jugendgruppe.</note> in die <hi rend="sans-serif">Stadt</hi> zurück. Wir kommen von <persName ref="kbga-actors-764">Schillers</persName> «Jungfrau»<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-4440"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragödie</hi> (1801)</bibl>.</note> in die <hi rend="sans-serif">Physikstunde</hi> mit ihren Formeln oder auch umgekehrt, <pb xml:id="p385" ed="pga"/> von einer begeisternden sozialen Lektüre zu konkreten <hi rend="sans-serif">armen</hi> Leuten, aus dem Konfirmandenunterricht auf die <hi rend="sans-serif">Gasse,</hi> von der <term key="Bibel">Bibel</term> zur <hi rend="sans-serif">Zeitung. Was dann?</hi> Wir wissen: <foreign xml:lang="lat">hic Rhodos, hic salta</foreign><note xml:id="n08">Zur Geschichte der auf eine Fabel <persName ref="kbga-actors-2335">Aesops</persName> zurückgehenden Wendung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 306</bibl>.</note>: Wir brauchen Kraft für das Leben, für die Welt u. Gott will hier Kraft sein.</p>
            <p><hi rend="italic">3.</hi> Wir wissen schließlich auch <hi rend="italic">den Weg</hi> dazu: Es gilt, mit Gott in Gemeinschaft zu treten. Er giebt dem Müden Kraft [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40.29">Jes. 40,29</ref>]. Am Sonntag Kraft sammeln für den Werktag u. am Werktag leben von den Kräften des Sonntags. Pflege der Verbindungen durch persönliche Heiligung, Bibellesen, <term key="Gebet">Gebet</term>, Vertrautwerden mit <hi rend="sans-serif">Jesus,</hi> «<hi rend="sans-serif">Erleben</hi> Gottes», eine in Gott gegründete <hi rend="sans-serif">Persönlichkeit</hi> werden.</p>
          </div>
          <div>
            <head type="sub">II.</head>
            <p>Nun ist das, was man wissen kann, wieder einmal gesagt u. gehört. Aber genügt es, das zu <hi rend="italic">wissen?</hi> Oder wird nicht diese Linie unsers Wissens gekreuzt durch eine ganz andersartige Linie unsers <term key="Erfahren"><hi rend="italic">Erfahren</hi></term><hi rend="italic">s?</hi></p>
            <p><hi rend="italic">1.</hi> Wer ist der Mensch, der vom Sonntag «ins volle Leben»<note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-4441">J. <persName key="Keller, Jacob">Keller</persName>, <hi rend="italic">Ins volle Leben. Konfirmandenbuch</hi>, Bern 1913<hi rend="sup">3</hi></bibl>.</note> hineingeht, wie es in einem Konfirm[anden-]Büchlein heißt? Etwa du? Stehen wir nicht Alle in den Peripetieen der Stimmungen u. Erlebnisse u. wer soll da heraus?</p>
            <p> Wer sind die Menschen, die wirklich aus den <term ref="kbga-keywords-1114">Kräften</term> Gottes <hi rend="italic">leben</hi>, die sich nicht in immer neuen Feierstunden verleugnen, daß sie keine Alltagskraft haben?</p>
            <p> Wo ist die Menschheit, der <term key="Gott, Alltagskraft">Gott</term> Alltagskraft, nicht nur Sonntagskraft wäre?!</p>
            <p>Wir Christen <hi rend="italic">kommen daher</hi> mit unserm Glauben, Leben, Bibellesen, mit unserm «relig[iösen] Leben» – und stehen wie vor einer unübersteiglichen Mauer. Es giebt <hi rend="sans-serif">Alltagskräfte[,]</hi> die sich <hi rend="italic">der</hi> Alltagskraft einfach nicht fügen wollen: unsre Individualität, das <term ref="kbga-keywords-1462">Geld</term>, der <term key="Machttrieb">Machttrieb</term>, gewisse Übel des «natürl[ichen]» Lebens, der <term ref="kbga-keywords-177">Tod</term>. Das sind Mächte u. Gewalten, die uns vielleicht den Besitz einer relig. Gedanken- und <term key="Gefühlswelt, religiöse">Gefühlswelt</term> unter ihrer Herrschaft gestatten, nicht aber den Sieg über die Welt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>][,] der uns eigentlich verheißen ist, nicht Gott als <term key="Gott, Alltagskraft">Alltagskraft</term>!</p>
            <p><pb xml:id="p386" ed="pga" rend="noPipe"/> Unendlich nahe legt sich bei dieser Situation der <hi rend="italic">Verzicht.</hi> Das Göttliche, Geistige wird für sich gepflegt (ästhetisch, wissenschaftlich, religiös) – vielleicht unter dem Vorbehalt: vorläufig! – der Alltag wird <hi rend="sans-serif">sich selbst überlassen</hi> als ein Gebiet, das eben seine eigene (traurige!) Wahrheit hat. Umso <hi rend="sans-serif">intensiver</hi> kann daneben die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> auf Sonntagskraft warten[.] Aber allmählich <hi rend="sans-serif">wendet sich</hi> die Situation dahin, daß wir mit religiöser Leidenschaft behaupten, daß Gott nicht oder noch nicht Alltagskraft sein will u. kann. Wichtig ist nicht mehr, daß wir <hi rend="sans-serif">Alle Gottes</hi> sein sollen, sondern daß jeder seinen eignen Sinn u. Kopf haben darf. Wichtig ist nicht mehr, daß <hi rend="sans-serif">Gott herrschen</hi> soll u. nicht der <term key="Mammon">Mammon</term>, sondern daß auch unter der Herrschaft des Mammons Gottesdienst möglich ist, ja sogar mit seinen Mitteln. Nicht mehr der neue <hi rend="sans-serif">Himmel</hi> u. die neue <term key="Himmel und Erde, neuer H. und neue E.">Erde</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>], sondern die Möglichkeit auch im alten Wesen drin auf Gott zu vertrauen. Nicht mehr die <hi rend="sans-serif">Erlösung</hi> vom <term key="Erlösung vom Bösen">Bösen</term> u. die Überwindung des <term key="Tod, Überwindung des T.">Todes</term>, sondern der Trost[,] den wir <hi rend="italic">im</hi> Bösen u. <hi rend="italic">im</hi> Tod immerhin haben können. Gott selber bekommt schließlich ein <hi rend="sans-serif">doppeltes Gesicht,</hi> eins für den Sonntag u. eins für den Alltag. Unter seinem Segen spaltet sich die Welt in 2 Hälften u. je mehr wir diese Spaltung innerlich bejahen, um so deutlicher scheint sie von der Erfahrung bestätigt zu werden. – Müssen wir nicht endigen bei diesem Verzicht?</p>
            <p><hi rend="italic">2.</hi> Wir können aber auch <hi rend="italic">von Gott her</hi> zu dieser Erfahrung kommen.</p>
            <p>Je aufrichtiger unser relig. Leben wird, je mehr wir wirklich <hi rend="italic">Gott</hi> suchen u. finden, nicht uns selbst, desto schärfer erhebt sich die Frage: was hat Gott mit unserm Alltag zu thun? Mit dem Alltag eines <hi rend="italic">Pfarrers</hi>, der es sich erlaubt, zu seinem Bruder zu sagen: vertraue dem Herrn! ein Sünder[,] der es wagt zu sagen, was nur Gott selbst sagen dürfte, der aus der Gottseligkeit einen bes[onderen] Beruf macht, der durch sein ganzes Dasein hofft, den Schein zu erhalten, als ob es eine bes. Sonntagswelt gäbe?!</p>
            <p>Mit dem Alltag eines <hi rend="italic">Kaufmanns</hi>, der mit seinem ganzen Eifer dem Herrn <hi rend="italic">dieser</hi> Welt dienen muß.</p>
            <p>Mit dem Alltag des <hi rend="italic">Soldaten</hi>, der das Gewehr in der Hand, sein «Vaterland» verteidigt gegen seinen Bruder.</p>
            <p>Mit dem Alltag des <hi rend="italic">Gymnasiasten</hi>, dem es um Examen u. Noten zu thun ist, im besten Fall um Kenntnisse, die zum Guten oder zum Bösen verwendet werden können.</p>
            <p><pb xml:id="p387" ed="pga" rend="noPipe"/> Läßt Gott sich so einfach vor unsern Wagen spannen oder stehen wir nicht samt u. sonders unter dem <term ref="kbga-keywords-387">Gericht</term> der Tatsache, daß Gott die Situation gar nicht will, die unsern Alltag bestimmt? Geht er nicht einen ganz anderen Weg, und ist nicht die «Ehrlichkeit» vieler <term key="Atheismus">Atheisten</term> begreiflich – von Gott aus begreiflich – die finden: Gott hilft mir ja in meiner Lage nicht u. von einem blosen Sonntagsgott nichts begreifen? Ist unser ganzes relig. Leben mehr, als ein feiner Widerschein der Realität Gottes, dessen was eigentlich sein u. geschehen könnte u. sollte? Was Wunder wenn Gott uns zweifelhaft wird, er macht sich uns selbst zweifelhaft! – Auch hier das Ende ein Verzicht!</p>
          </div>
          <div>
            <head type="sub">III.</head>
            <p>So stehen wir wie geklemmt zwischen unserm <term key="Wissen"><hi rend="italic">Wissen</hi></term> und unsrer <term ref="kbga-keywords-131">Erfahrung</term>. Wir wissen, daß es eine Alltagskraft giebt[,] u. erfahren, daß wir sie nicht haben, nicht haben können!</p>
            <p><hi rend="italic">1.</hi> Was thun? Das Eine oder das Andre <hi rend="italic">preisgeben?</hi></p>
            <p> Der Weg <persName ref="kbga-actors-706">Naumanns</persName> oder der Weg des <term key="Pietismus">Pietismus</term>?<note xml:id="n10">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Auseinandersetzung mit <persName ref="kbga-actors-706">Naumanns</persName> Orientierung an der erfahrenen Wirklichkeit und ihren Notwendigkeiten s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p048#p048">S. 48–79</ref> und unten <ref type="pub" target="../volume/48/p528#p528">S. 528–538</ref>; zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kritik des <term key="Pietismus">Pietismus</term> als einer «religiöse[n] Methode, ­deren […] Inhalt […] das Thema ‹Gott und die Seele› bildet», vgl. in <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief 1 besonders <ref type="pub-" target="../volume/16/p276#p276">S. 276–294</ref></bibl>: «Das Gesetz und der Pietismus», Zitat dort S. 277. </note></p>
            <p><persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName>: sich <hi rend="italic">hineinstellen</hi> in diesen Kontrast.<note xml:id="n11"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> denkt wohl vor allem an <persName ref="kbga-actors-329">Rades</persName> Haltung zum 1. Weltkrieg, die durch das Standhalten in der Spannung zwischen dem <foreign xml:lang="lat">Deus <term key="Gott, Deus absconditus">absconditus</term></foreign> und dem <foreign xml:lang="lat">Deus <term key="Gott, Deus revelatus">revelatus</term></foreign> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-966">Bw. R., S. 111</bibl>) gekennzeichnet ist. In der Betrachtung <persName ref="kbga-actors-329">Rades</persName> vom <date when="1914-09-17">17.9.1914</date> <hi rend="italic">Der Bankerott der Christenheit</hi>, auf die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vielleicht mit dem Stichwort «Bankrotterklärung» unter 2. anspielt, heißt es: «Wenn ich die Furchtbarkeit dieses Krieges auf mich wirken lasse – dann zweifle ich nicht an Gott: im Gegenteil, ich spüre ihn. Und ich zweifle nicht an Jesus Christus: durch ihn kann ich diesen Gott erst ertragen.» (<bibl corresp="kbga-bibls-2212">ChW, Jg. 28 [1914], Sp. 849f., dort Sp. 848</bibl>).</note> Hier ist der fruchtbare Punkt, auf den wir uns stellen müssen: das <term key="Christentum, wahr">Christentum</term> ist wahr, aber die Welt <term key="Welt, widersteht">widersteht</term> u. Gott auch!</p>
            <p><hi rend="italic">2.</hi> Also eine <hi rend="italic">Bankrotterklärung?</hi> Ja, die <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>!<note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> spielt an auf die auch bei <persName ref="kbga-actors-329">Rade</persName> im Hintergrund stehende unaufhebbare Spannung bei <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> zwischen dem verborgenen und dem offenbaren Willen Gottes und in seinem offenbarten Wollen und Regieren zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Reich und zwischen Gesetz und Evangelium.</note></p>
            <p><pb xml:id="p388" ed="pga" rend="noPipe"/> a) Wir <hi rend="italic">sollen</hi> gar nicht durchdringen mit unserm Glauben in diese Welt, sondern eine neue soll erscheinen. <note n="[*]" type="original">[Bleistiftzusatz:] 0 [nicht] erleben, 0 [nicht] glauben, auch durch die Nacht – Jes. Chr.</note><note xml:id="n13">Die Stichworte, die sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nachträglich zwischen den Zeilen notierte, sind nicht eindeutig zu entziffern – die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gelegentlich als Zeichen für die Verneinung gebrauchte Null könnte auch als O gelesen werden – und nicht leicht zu deuten. Doch wollte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wohl darlegen, dass es nicht um Erleben, um Glauben als frommes Gefühl gehen kann – ähnlich wie er in <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief 1, <ref type="pub-" target="../volume/16/p469#p469">S. 469f.</ref></bibl>, mit Bezug auf die hier ja auch anklingende <bibl type="song" corresp="kbga-songs-33">Strophe von <persName ref="kbga-actors-1365">J. Hausmann</persName> (3. Strophe des Chorals «So nimm denn meine Hände», EG 376; RG [1998] 695)</bibl> ausführt: «Ihr braucht auf keine besondern ‹Erlebnisse›, ihr braucht nicht auf das Geschenk einer reicheren, intensiveren ‹Frömmigkeit›, ihr braucht auf keinen Eifer und auf kein Pathos für Gott zu warten – 
              <q rend="block"><lg><l>Wenn ich auch gar nichts fühle</l><l>Von deiner Macht,</l><l>Du bringst mich doch zum Ziele</l><l>Auch durch die Nacht!»</l></lg></q> In seiner Predigt vom <date when="1914-04-05">5. April 1914</date> erklärt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit Bezug auf Jesus Christus: «nie war ihm ja Gott näher, als da er sich so allein fühlte. So wird mir Gott wohl auch nahe sein, wenn ich mich verlassen, von ihm verlassen fühle» und schließt den Gedanken mit dem Zitat der gleichen Lied-Strophe ab (<bibl corresp="kbga-bibls-2034">Predigten 1914, <ref type="pub" target="../volume/05/p156#p156">S. 156</ref></bibl>).</note></p>
            <p>b) Gott <hi rend="italic">soll</hi> gar nicht <hi rend="italic">uns</hi> helfen, sondern wir <hi rend="italic">ihm.</hi></p>
            <p>An die Menschen[,] die hier stehen, richtet sich <hi rend="italic">Jesus</hi> mit seinem Wort vom <term key="Reich Gottes, Alltag Gottes"><hi rend="italic">Gottesreich</hi></term> (dem Alltag Gottes!) und vom <hi rend="italic">Glauben</hi> (Gottes Treue mit Treue begegnen) Selig sind, die hungert u. dürstet …. [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>].</p>
            <p>Das <term ref="kbga-keywords-596"><hi rend="italic">Gewissen</hi></term> u. seine Forderungen: Gebote für den Alltag?</p>
            <p>   Mehr als das, Erinnerungen an die kommende <term key="Gott, Welt">Welt</term> Gottes!</p>
            <p><hi rend="italic">Das <term key="Gebet">Gebet</term></hi><hi rend="italic">:</hi> Hilfe für jetzt u. für uns, ja aber noch mehr: <hi rend="italic">dein</hi> Name, <hi rend="italic">dein</hi> Reich, <hi rend="italic">dein</hi> Wille .. [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.10">Mt. 6,9f.</ref> par.]</p>
            <p><hi rend="italic">Die Bibel</hi> Geschichte, Moral, Religion für uns, ja aber unendlich viel mehr: die <term ref="kbga-keywords-62">Wahrheit</term> Gottes, die erscheinen will.</p>
            <p><hi rend="italic">3.</hi> Und die Alltagskraft, die wir brauchen u. die da sein sollte?</p>
            <p>Wir wissen jetzt nur Eines sicher: <hi rend="italic">sie ist Gottes, nicht unsre <term ref="kbga-keywords-1114">Kraft</term></hi>[.]</p>
            <p><pb xml:id="p389" ed="pga" rend="noPipe"/> Wir sind jetzt in der Höhle<note xml:id="n14">Möglicherweise Anspielung auf das Höhlengleichnis <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-1547"><hi rend="italic">Politeia</hi> VII, 514a-517a</bibl>).</note>, finsteres Zimmer. Wundern wir uns nicht über das mangelnde Licht! Freuen wir uns im Blick auf Jesus, daß ein größeres Licht kommt. Freuen wir uns, daß es schon jetzt Lichtstrahlen giebt für die[,] die auf Gott trauen. Sie sind Verheißungen auf mehr. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.4 1.Kor.13.12">I Cor 13,4–12</ref></p>
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