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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Die Zukunft des Christentums und der Sozialismus</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Die Zukunft des Christentums und der Sozialismus, 1917</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48047 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 390–407.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Die Zukunft des Christentums und der Sozialismus</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Die Zukunft des Christentums und des Sozialismus. Vortrag i Ferienlager des C.V.J.M. etc. in Baar den 31. Juli 1917, 31. Juli 1917. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/722">KBA 12087</ref>. </bibl>
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        <head>DIE ZUKUNFT DES CHRISTENTUMS UND DER SOZIALISMUS</head>
        
          <head type="sub">
            <date when="1917">1917</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> hielt diesen Vortrag auf einem Ferienlager für Jugendliche, das vom <orgName ref="kbga-actors-5239">Christlichen Verein junger <term key="C.V.J.M.">Männer</term></orgName> und anderen christlichen Jugendorganisationen ca. 25 km nördlich von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> auf der <placeName ref="kbga-places-1365">Rotmatt ob Buus</placeName> (Kanton Basel-Landschaft) vom <date to="1917-08-05" from="1917-07-29">29.7. bis 5.8.1917</date> veranstaltet wurde. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war einer von insgesamt zwölf Gastrednern, fast alle Pfarrer aus <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>. Ziel des Ferienlagers war es, «durch gemeinsame Arbeit (Vorträge &amp; Diskussionen) das religiöse Leben zu erwecken und anzuregen» (so in der Einladung an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date when="1917-05-15">15.5.1917</date><note xml:id="n01"><ref type="kba-objects-id" target="9434">KBA 9317.79</ref>.</note>). Die Themenkreise lauteten: «Biblische und religiöse Fragen», «Fragen des persönlichen Lebens», «Religionsgeschichtliches», «Arbeit unter jungen Männern», «Soziale Frage». Als Thema seines Vortrages, der als einziger dem letzten Gebiet angehörte, war Barth «Soziale Zukunftsfragen» vorgeschlagen worden.<note xml:id="n02">Ebd.</note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <head>Die Zukunft des <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentums</term> und der Sozialismus.</head>
          
            <head type="sub">Vortrag im Ferienlager des <term key="C.V.J.M."><orgName ref="kbga-actors-5239">C.V.J.M.</orgName></term> etc. in <placeName ref="kbga-places-779">Buus</placeName> am
<date when="1917-07-31">31. Juli 1917</date>
</head>
          
          <p> Das <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentum</term> des 19. und des beginnenden 20. Jahrh[un]d[e]rts hat mit dem Sozialismus das <hi rend="sans-serif">Erlebnis</hi> machen müssen, das Jesus <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.28 Mt.21.32">Matth. 21,28f.</ref> beschrieben hat: «Es hatte ein Mann zwei Söhne .... Wahrlich ich sage euch: Die Zöllner u. <term key="Zöllner und Huren">Huren</term> mögen wohl eher ins Himmelreich kommen denn ihr!» Dieses Gleichnis ist vielleicht seit der Begegnung der <term ref="kbga-keywords-568">alttestamentlichen</term> Frommen mit den «Armen im Geist», die Jesus dort charakterisierte[,] in grossem Massstab noch gar nie so voll u. so deutlich in Erfüllung gegangen wie in der heutigen Begegnung des geschichtlichen Christentums mit dem <term key="Christentum, und Sozialismus">Sozialismus</term> u. der <term key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term>. Der <term ref="kbga-keywords-398">weltgeschichtliche</term> oder vielmehr <term key="Gott, GeschichteGeschichte, Gottesgeschichte">gottesgeschichtliche</term> <hi rend="sans-serif">Sinn beider Begegnungen</hi> ist eine starke Überholung und Überbietung der Söhne u. Erben des Hauses durch zu spät gekom<pb xml:id="p391" ed="pga" break="no"/>mene Fremdlinge, die sich aber eben dadurch als die wahren Söhne des Vaters erweisen, eine Überbietung nicht in Nebensachen, sondern in der Hauptsache: in der tatsächlichen Stellung zu den <term ref="kbga-keywords-72">Verheissungen</term> u. zum <term key="Wille, Gottes">Willen</term> Gottes. So sicher <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> dort die <term key="Pharisäer">Pharisäer</term> und mit den Pharisäern ganz Israel zum letzten Mal vor die <hi rend="sans-serif">Entscheidungsfrage</hi> auf Leben u. <term key="Leben, und Tod">Tod</term> gestellt hat – und wir wissen[,] wie diese Frage damals beantwortet worden ist – so sicher wird das moderne <term key="Christentum, modernesChristentum, und Sozialismus">Christentum</term> aller Kirchen, Gemeinschaften u. Richtungen früher oder später, wahrscheinlich aber in der nächsten Zeit über seine Zukunft zu entscheiden haben in seiner innern Auseinandersetzung mit dem Erlebnis des ungeratenen aber gehorsameren Bruders, des Sozialismus u. der <term key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term>.</p>
          <div>
            <head>I</head>
            <p>Wir verweilen zunächst ein wenig bei diesem Erlebnis. Was ist denn geschehen? Die Lage ist nicht ganz einfach.</p>
            <p>Vergleichen wir zunächst hüben u. drüben die <hi rend="sans-serif">Menschen.</hi> Erinnern wir uns aus unsrer Lektüre oder persönlichen Bekanntschaft an die geistige Silhouette einer Anzahl der hervorragendsten ernst zu nehmenden Vertreter hier des modernen <term key="Christentum, modernes">Christentums</term>, dort des <term key="Sozialismus">Sozialismus</term>. Halten wir uns auf beiden Seiten das Menschliche, das Persönliche, das Seelische vor Augen, das uns einerseits in den reichen Äusserungen des christlichen Lebens in <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term>, <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term>, <term key="Verein, christlicher">­Vereinsarbeit</term>, <term ref="kbga-keywords-210">Mission</term> u. <term key="Liebe, Liebestätigkeit">Liebestätigkeit</term> entgegentritt, andrerseits in den ­Lebensäusserungen der <orgName ref="kbga-actors-6132">sozialdemokrat[ischen] Partei</orgName>- u. <term key="Presse, sozialdemokratische">Presstätigkeit</term>[,] der <term ref="kbga-keywords-886">Gewerkschafts</term>- u. <term key="Genossenschaft">Genossenschaftsbewegung</term>. Vergleichen wir dieses Menschliche hüben u. drüben und ich denke[,] wir werden keinen Augenblick im Zweifel sein können, auf welcher Seite wir uns in der «bessern Gesellschaft» befinden: selbstverständlich[,] wenn es <hi rend="italic">darauf</hi> ankommt, im Grossen Ganzen auf der christlichen Seite, mit ihrem durch den beständigen engen oder losen Kontakt mit der <term key="Bibel">Bibel</term> geschärften <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>, mit ihrer verinnerlichten «vergeistigten» Lebensauffassung, mit ihrer sorgfältigen an den höchsten <term ref="kbga-keywords-1442">Vorbildern</term> orientierten <term ref="kbga-keywords-1416">Charakterbildung</term>, mit ihrer auf den <term ref="kbga-keywords-841">Geist</term> gegründeten und in der <term ref="kbga-keywords-593">Liebe</term> sich tausendfach bewährenden <term key="sittlich">Sittlichkeit</term> – und wahrhaftig, wenn es <hi rend="italic">darauf</hi> ankommt, nicht auf der Seite der Sozia<pb xml:id="p392" ed="pga" break="no"/>listen mit ihrem <term ref="kbga-keywords-1380">Materialismus</term>, mit ihrer ganzen höchst <term key="Diesseits">diesseitigen</term> Lebensrichtung, mit ihrer Vernachlässigung oft der einfachsten persönlichen <term key="sittlich">sittlichen</term> Grundsätze, mit ihrer sehr zweifelhaften <term key="Klassen, Klassenkampf">Klassenkampfmoral</term>. Wenn es auf den einzelnen Menschen, seinen <term ref="kbga-keywords-1416">Charakter</term> u. seine Haltung ankommt[,] so wird uns ohne Zaudern ein christlicher «Junger Mann» durchschnittlich erheblich viel sympathischer sein als ein durchschnittlicher soziald[emokratischer] Jungbursche<note xml:id="n03">Name für die Mitglieder der sozialistischen <term key="Sozialismus, Jugendbewegung">Jugendbewegung</term>, die in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> von dem sozialdemokratischen Pfarrer <persName ref="kbga-actors-729">Paul Pflüger</persName> <date when="1900">1900</date> in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> gegründet worden war (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p367#fn_n74">S. 367, Anm. <choice><sic ed="pga">4</sic><corr resp="mi" type="misprint">74</corr></choice></ref>) und sich unter der Führung von <persName ref="kbga-actors-703">Willi Münzenberg</persName> zu einer <term key="linksradikal">linksradikalen</term> Gruppe entwickelt hatte. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3449">Mattmüller II, S. 99f.153–164</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4153">H. U. Jost, <hi rend="italic">Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914-1918</hi>, Bern 1973, S. 14–17</bibl>.</note>. Wieviel feiner[,] gerechter der Ton sagen wir im «<orgName ref="kbga-actors-10002">Appenzeller Sonntagsblatt</orgName>» als im «<orgName ref="kbga-actors-10003">Volksrecht</orgName>»<note xml:id="n04">Sozialdemokratisches Tagblatt, offizielles Organ der <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratischen Partei der Schweiz</orgName> und des <orgName ref="kbga-actors-9841">Kantons Zürich</orgName>.</note>! Wieviel nobler die Figur eines basler oder genfer <term key="liberal, liberal-konservativ">Liberalkonservativen</term> im <orgName ref="kbga-actors-9857">Nationalrat</orgName> als etwa die der Barrikadengestalten von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>[,] <placeName ref="kbga-places-249">Lausanne</placeName> u. <term key="Neuenburg"><placeName ref="kbga-places-139">Neuenburg</placeName></term><note xml:id="n05">In <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, <placeName ref="kbga-places-249">Lausanne</placeName> und <placeName ref="kbga-places-139">Neuenburg</placeName> hatten sich in Reaktion auf die <orgName ref="kbga-actors-9918">Zimmerwalder <term key="Zimmerwalder Konferenz">Konferenz</term></orgName> vom <date when="1915-09">September 1915</date> <term ref="kbga-keywords-880">linkskommunistische</term> und <term key="Anarchismus">anarchistische</term> Strömungen mit <term key="Antimilitarismus">antimilitaristischen</term> und <term ref="kbga-keywords-1128">revolutionären</term> Tendenzen durchgesetzt. Sie übten starke Einflüsse auf die jeweiligen sozialistischen Parteien aus. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3449">Mattmüller II, S. 164–199</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4153">H. U. Jost, a.a.O., S. 66–95</bibl>.</note>! Wieviel schöner das Familienleben etwa eines unsrer guten <term key="Blaues Kreuz"><orgName ref="kbga-actors-8613">Blaukreuzler</orgName></term> als das eines roten Berufskämpfers! Ich denke, ich brauche das Alles nicht zu beweisen. Es handelt sich ja da um eine Beobachtung, die von christlicher Seite schon oft gemacht u. darum bekannt genug ist. Man kann ihre Richtigkeit nur zugeben. Die Wilden sind im Grossen Ganzen wirklich nicht die bessern Menschen.<note xml:id="n06">Vgl. die Schlusszeilen des Gedichtes <bibl corresp="kbga-bibls-3590">«Der Wilde» von <persName ref="kbga-actors-8043">Johann Gottfried Seume</persName> (1763–1810)
(<hi rend="italic">Werke</hi>, hrsg. von J. Drews u. a. , Bd. 2 [Bibliothek deutscher Klassiker, Bd. 86], Frankfurt a.M. 1993, S. 478–481, dort S. 481)</bibl>:<q rend="block">
<lg><l>Ruhig ernsthaft sagte der Hurone:</l><l>Seht, ihr fremden, klugen, weisen, Leute,</l><l>Seht, wir Wilden sind doch beßre Menschen;</l><l>Und er schlug sich seitwärts ins Gebüsche.</l></lg></q></note></p>
            <p>Wir vergleichen zweitens die <hi rend="sans-serif">Ideen</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Hier die christliche Anschauung von der <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term>, durch die die Schöpfung Gottes verdorben ist[,] u. <pb xml:id="p393" ed="pga"/> von der <term ref="kbga-keywords-1269">Erlösung</term> in Christus[,] durch die sie wiederhergestellt werden soll. Dort die sozialistische <term key="Sozialismus, Inhalt des S.Idee, sozialistische">Theorie</term> von den <term key="Klassen, Gegensatz der K.">Klassengegensätzen</term> u. ihrer <term key="Überwindung, der Klassengegensätze">Überwindung</term> in einer durch die Geschichte sich hinziehenden Reihe von <term key="Klassen, Klassenkampf">Klassenkämpfen</term>, vom <term ref="kbga-keywords-163">Kapitalismus</term> u. seiner Ablösung durch den kollektivistischen Zukunftsstaat. Hier d. Wort v[om] <term key="Kreuz">Kreuz</term> – hier die Lehre von der <term key="Macht, des Proletariats">Macht</term> des Proletariats[.] Hier <persName ref="kbga-actors-313">P[au]l[us]</persName>, <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> u. <persName ref="kbga-actors-360">Schl[eiermacher]</persName> – hier <persName ref="kbga-actors-267">Marx</persName> u. <persName ref="kbga-actors-2021">Engels</persName>. Auch da kann bei unbefangener Beobachtung keine Rede davon sein, dass sich der Christ mit seinem Ideenschatz u. seinen Meistern vor <term key="Christentum, und Sozialismus">den </term>Sozialisten zu schämen hätte. Im Gegenteil: es wird ihm nicht schwer fallen zu zeigen, dass seine Wahrheit, die <term ref="kbga-keywords-341">Wahrheit</term> von der in Christus vollzogenen <term ref="kbga-keywords-240">Versöhnung</term> der Menschheit durch die <term ref="kbga-keywords-37">Liebe</term> Gottes[,] die Wahrheit des <term key="Sozialismus, Wahrheit des S.">Sozialismus</term> in sich begreift, dass der Sozialismus im besten Fall ein kleines Teilstück der christlichen <term key="Christentum, Ideen des Ch.">Ideen</term> vertritt u. auf die Ergänzung durch das Christentum angewiesen ist, für sich selber aber ein Gedankengebilde darstellt, dessen geistige <term key="Sozialismus, Manko des S.Geist, arm im Geist">Armut</term> durch seine prachtvollen Schlagworte nur mühsam verhüllt wird. Auch wenn es auf die Ideen ankommt, kann sich der Christ gegenüber dem Sozialisten ruhig rühmen: Wir haben die tiefere, die umfassendere <term ref="kbga-keywords-19">Erkenntnis</term>. Nicht wir haben von euch, sondern ihr habt von uns zu lernen.</p>
            <p>Wir vergleichen drittens die auf beiden Seiten bis jetzt erreichten <hi rend="sans-serif">Erfolge.</hi> Beide Seiten vertreten ja eine <term key="Sozialismus, Heilslehre">Heilslehre</term>, beide verkündigen ein Arkanum gegen die <term key="Leid(, Leiden)">Leiden</term> einer gefallenen Menschheit. Auch der Sozialismus hatte wenigstens seit 30 Jahren Gelegenheit genug, sich wenigstens im Kleinen auch praktisch zu bewähren. Hat er es getan? Was hat er z.B. der Kranken- u. Unfalls- u. <term key="Versicherung">Altersversicherung</term> des christlich-konservativen <term key="Deutschland, christlich-konservatives D."><orgName ref="kbga-actors-9047">Deutschland</orgName></term><note xml:id="n07">Gesetze der Bismarckschen Sozialpolitik: <date when="1883">1883</date> Krankenversicherungs-, <date when="1884">1884</date> Unfallschutz-, <date when="1889">1889</date> Alters- und <term key="Versicherung">Invalidenversicherungsgesetze</term>.</note> an positiven <term key="Sozialismus, positive Leistungen?">Leistungen</term> entgegenzustellen? Wo sind die sozialistischen Gegenbilder der <term key="Liebe, Menschenliebe">Menschenliebe</term> u. <term key="Opfer, Opferbereitschaft">Aufopferung</term> eines <persName ref="kbga-actors-1321">Wichern</persName>, eines <persName ref="kbga-actors-10004">Gustav Werner</persName>, eines <persName ref="kbga-actors-7587">Bodelschwingh</persName>, eines <persName ref="kbga-actors-2166">Arnold Bovet</persName>?<note xml:id="n08"><seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-1321">Johann Hinrich Wichern</persName> (1808–1881), Pfarrer und Pädagoge, Begründer der Inneren Mission, des «Rauhen Hauses» in Hamburg und des Evangelischen Johannesstifts in Berlin-Spandau.</seg> – <seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-10004">Gustav Werner</persName> (1809–1887), ­schwäbischer Theologe, Begründer landwirtschaftlicher, handwerklicher und industrieller Werke bei Reutlingen im Geiste eines «christlichen Sozialismus».</seg> – <seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-7587">Friedrich von Bodelschwingh</persName> (1831–1910), «Vater» der Bodelschwinghschen Anstalten für Epileptiker und Gemütskranke in Bethel bei Bielefeld, Gründer von Arbeiterkolonien in der Nähe Berlins.</seg> – <seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-2166">Arnold Bovet</persName> (1843–1903), Vorkämpfer der <term key="Abstinente">Abstinentenbewegung</term> und Mitbegründer des Vereins vom «Blauen Kreuz» in der Schweiz.</seg></note> Was hat er getan, um von den <pb xml:id="p394" ed="pga"/> <term key="Heiden">Heiden</term> nicht zu reden, für die Ärmsten der Armen: die geistig u. körperlich Benachteiligten, für die <term key="Alkohol">Trinkerwelt</term>, für den 5<hi rend="sup">ten</hi> <term key=" Stand, fünfter">Stand?</term> Geht er nicht gerade an den am heftigsten blutenden Wunden der Menschheit seltsam starr vorüber? Ich steige noch eine Stufe tiefer hinab in den Jargon einer nicht ganz seltenen christlichen Argumentation u. frage: wieviel Menschen sind durch den <term key="Sozialismus, positive Leistungen?">Sozialismus</term> glücklich geworden? wieviel junge Leute vor schlechten Einflüssen bewahrt? wieviel Versunkene wieder zurechtgebracht? Wo, wo sind seine positiven Leistungen? Was bedeutet gerade jetzt im <term key="Krieg, erster Weltkrieg">Krieg</term> die rote Fahne? Aber das rote <term key="Rotes Kreuz">Kreuz</term>, <hi rend="italic">das</hi> triumphiert jetzt auf den Schlachtfeldern!! Und wenn die <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> etwas aufzuweisen haben an positiven Leistungen der Solidarität u. <term key="Liebe, Bruderliebe">Bruderliebe</term>, bes. auf dem Gebiet des <term ref="kbga-keywords-886">Gewerkschafts</term>- u. <term key="Genossenschaft">Genossenschaftswesens</term>, verdanken sie es ihrem Sozialismus u. nicht vielmehr den «fossilen Überresten des Christentums ihrer Väter»[,] wie es ihnen <persName ref="kbga-actors-500"><hi rend="italic">Bismarck</hi></persName> einst entgegengeschleudert hat!<note xml:id="n09">In einer Rede im deutschen <orgName ref="kbga-actors-8623">Reichstag</orgName> am <date when="1882-01-09">9.1.1882</date> sagte <persName ref="kbga-actors-500">Otto von Bismarck</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-4443"><hi rend="italic">Bismarck. Parlamentarische Reden.</hi> Vollständige Ausgabe. Sachlich und chronologisch geordnet mit Einleitungen und Erläuterungen versehen von W. Böhm und A. Dove, Zwölfter Band: <hi rend="italic">Kämpfe und Bekenntnisse 1881 und 1882</hi>, Stuttgart/Berlin/Leipzig [1898], S. 202f.</bibl>): «Aber auch diejenigen, die an die Offenbarungen des Christentums nicht mehr glauben, möchte ich daran erinnern, daß doch die ganzen Begriffe von Moral, Ehre und Pflichtgefühl, nach denen sie ihre andern Handlungen in dieser Welt einrichten, wesentlich nur die fossilen Überreste des Christentums ihrer Väter sind ([Zwischenruf:] sehr gut!), die unsre sittliche Richtung, unser Rechts- und Ehrgefühl noch heute, manchem Ungläubigen unbewußt, bestimmen, wenn er auch die Quelle selbst vergessen hat, aus der unsre heutigen Begriffe von Zivilisation und Pflicht geflossen sind.»</note> Und nun all diesen Fragen gegenüber die unwiderleglichen Tatsachen der innern u. äussern <term ref="kbga-keywords-210">Mission</term>, der christlichen <term key="Verein, christlicher">Vereins-</term><term key="Liebe, Liebestätigkeit">Liebestätigkeit</term> im weitesten Sinn von den
<term key="Kinderkrippe">Kinderkrippen</term> unsrer Städte bis zu der <term key="Krieg, Kriegsgefangenenfürsorge">Kriegsgefangenenfürsorge</term> des <term key="C.V.J.M."><orgName ref="kbga-actors-5239">C.V.J.M.</orgName></term> in den fernsten Ländern, von den <term key="Verein, Magdalenenverein">Magdalenenvereinen</term><note xml:id="n10">Organe der kirchlichen Gefährdetenfürsorge an jungen Mädchen und Frauen, die mit ihrem Namen auf die mittelalterlichen «Magdalenerinnen» zurückgehen.</note> bis zu den <pb xml:id="p395" ed="pga"/> <term key="Blaues Kreuz">Blaukreuzvereinen</term>. Hat nicht <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> gesagt, dass man sie an ihren Früchten erkennen soll [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.16">Mt. 7,16</ref>]? Ja wirklich, wenn solche «positiven Leistungen» die Früchte sind, die Jesus gemeint hat, wenn es <hi rend="italic">darauf</hi> ankommt – wie unvergleichlich viel grösser u. fruchtbarer steht dann das moderne <term key="Christentum, modernes">Christentum</term> da neben seinem <term key="Christentum, und Sozialismus">Konkurrenten</term> u. <term key="Sozialismus, positive Leistungen?">Gegner!</term></p>
            <p>Aber kommt es denn <hi rend="sans-serif">darauf an?</hi> müssen wir nun weiter fragen. Vor Gott nämlich, in der <term key="Geschichte, Gottesgeschichte">Geschichte</term> seines <term key="Reich Gottes, Geschichte">Reiches</term>? Ist es da so wichtig, wo die feineren Menschen, die grösseren <term key="Idee">Ideen</term>, die schöneren Erfolge zu finden sind? Muss es uns nicht stutzig machen, wenn wir uns sagen, dass gerade so wie wir jetzt gegen die <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> einst die <term key="Pharisäer">Pharisäer</term> mit vollem Recht gegen die «Zöllner u. Huren» haben argumentieren können. Und trotz ihrem vollen Recht war <term ref="kbga-keywords-81">Jesus</term> – nicht auf ihrer Seite. Sind wir mit dem <term key="Sozialismus, Manko des S.">Sozialismus</term> fertig, wenn wirs gemerkt haben, was ja so leicht zu merken ist: eine ziemlich schlechte Gesellschaft mit ungenügenden Ansichten u. ärmlichen Leistungen. Gott sei Dank, dass ich kein <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokrat</term> bin! Oder sind wir nicht gerade im <term key="Urteil">Urteil</term> Gottes in der allerverhängnisvollsten Selbsttäuschung[,] wenn wir bei diesen billigen Entdeckungen stehen bleiben?</p>
            <p>Wir fragen noch einmal: <hi rend="sans-serif">Was geschah</hi> denn da, als neben das <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentum</term> der Sozialismus trat mit <hi rend="italic">seinen</hi> Propheten u. Aposteln, mit <hi rend="italic">seiner</hi> <term key="Sozialismus, Heilslehre">Heilslehre</term>, mit <hi rend="italic">seinen</hi> praktischen Lösungsversuchen des grossen Welträtsels. Ich kann die Antwort[,] auf die wir stossen, wenn wir von der Erscheinung zum <term key="Sozialismus, Wesen des S.">Wesen</term> vordringen, nicht anders formulieren, als mit dem <hi rend="italic">einen</hi> Worte: <hi rend="sans-serif">Kräfte</hi> –, <term key="Sozialismus, Kräfte des S.">Kräfte</term> brachen auf u. wurden wirksam, die das moderne <term key="Christentum, modernes">Christentum</term> aller Schattierungen nicht hat. In allem Andern mag das moderne Christentum dem ungeschlachten Bruder weit voraus sein, aber in den Kräften ist er ihm voraus! Und nun sind die Kräfte, wie wir aus dem <hi rend="sans-serif">NT</hi> wissen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.20">1.Kor. 4,20</ref>] [,] gerade das Wesentliche im Reiche <term key="Reich Gottes, Kräfte">Gottes</term>. Nicht gute oder <term key="Gut und Böse">böse</term> Menschen, nicht wahre oder falsche <term key="Idee">Ideen</term>, nicht gelungene oder misslungene, positive od. negative Leistungen bewegen die Welt u. die <term ref="kbga-keywords-398">Geschichte</term>, sondern die himmlischen od. höllischen <term key="Gott, KräfteKraft, höllische">Kräfte</term>[,] die hinter dem Allem an der Arbeit sind. Das <term ref="kbga-keywords-59">Evangelium</term> ist nicht der Weg ein <pb xml:id="p396" ed="pga"/> guter Mensch zu werden, sondern wie Paulus sagt, «<term ref="kbga-keywords-1114">Kraft</term> Gottes zum Heil» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.16">Röm. 1,16</ref>], ein <term key="Stoss(, göttlicher S. aus der Tiefe)">Stoss</term> aus der Tiefe gleichsam, zur <term key="Erneuerung">Erneuerung</term> u. Errettung der Kreatur, geführt von dem Gott[,] der sich <term key="Gott, bleibt sich treu">selber</term> u. darum auch seiner Welt treu bleibt. Im Leben u. Wirken <term ref="kbga-keywords-81">Jesu</term> sind nicht neue <term key="Idee">Ideen</term> an den Tag gekommen – die Rabbinen wussten fast Alles auch[,] was er sagte, – wohl aber die neuen oder vielmehr die uralten <term key="Reich Gottes, Kräfte">Schöpfungskräfte</term> des Himmelreichs. Die Ausgiessung des hl. <term key="Geist, heiliger">Geistes</term> an <term ref="kbga-keywords-391">Pfingsten</term> – wie bescheiden waren die «positiven Leistungen»[,] die diesem Ereignis gefolgt sind. Ja, aber es war ein Ausbruch von göttlichen <term key="Gott, Kräfte">Kräften</term>, die dazu bestimmt waren[,] in einer Weise aufs Ganze u. in die Tiefe des Lebens zu wirken, die das <term ref="kbga-keywords-807">Chr[isten]t[um]</term> der <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term>, das dann bald einsetzte, einfach nicht mehr ertragen konnte, deren Art u. Richtung uns aber aus den Schriften des NT noch durchaus erkennbar ist. Es ist hier nicht der Ort, zu schildern, wie diese göttlichen <term key="Gott, Kräfte">Kräfte</term> dann bald genug versiegen mussten, weil die <hi rend="sans-serif">Christen</hi> den Sinn verloren für das Handeln u. Schaffen Gottes, das in <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term> hervorgebrochen war, weil sie zuviel mit sich selbst, mit ihren Seelen, mit ihren <term key="Idee">Ideen</term>, mit allerlei menschlichen relig[iösen] Unternehmungen beschäftigt waren. Wir können jetzt auch nicht beschreiben, wie die Christenheit es doch nie ganz vergessen konnte, dass es sich eigentlich um <term key="Gott, Kräfte">Kräfte</term>, um Gotteskräfte handle im <term ref="kbga-keywords-807">Chrt.</term>, wie es dann doch auch immer wieder zu einem gewissen Aufflackern dieser ursprünglichen Flamme kam, etwa in der <term ref="kbga-keywords-61">Reformation</term> oder in der <term key="Erweckung">Erweckungszeit[,]</term> wie es aber doch im Grossen Ganzen immer wieder still blieb von diesem Wesentlichen im <term ref="kbga-keywords-434">Reiche</term> Gottes, weil die Christen gar so unaufmerksam waren u. immer wieder die Person u. die Gedanken u. Taten Gottes <term key="Vergessen">vergessen</term> konnten über ihren eigenen Personen, Gedanken u. Taten. Das <hi rend="sans-serif">moderne Chrt.</hi> insbesondere, das doch vor hundert Jahren eine Zeit erlebt hat, in der das <term key="Reich Gottes, Kräfte">Himmelreich</term> mit seinen Kräften wieder nahe war, ist gekennzeichnet durch eine allgemeine Kraftlosigkeit. Es hat unzählige herrliche fromme Menschen hervorgebracht, es hat die Tiefen der Gottheit erforscht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.10">1.Kor. 2,10</ref>], es hat sich ausgebreitet in einer Fülle von glaubenseifrigen Unternehmungen. Aber es hat auch das Gefühl verloren für das Dynamische, <term ref="kbga-keywords-25">Schöpferische</term>, Tätige, Kräftige in Gott und für das <term key="Seufzen, der Kreatur">Seufzen</term> u. <term key="Harren(, Beharrlichkeit)">Harren</term> der Kreatur, die sich mit uns nach <term ref="kbga-keywords-1269">Erlösung</term> sehnt [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.22 Röm.8.23">Röm. 8,22f.</ref>]. Es erwartet so wenig. Es ist so schnell zufrieden mit ein wenig <pb xml:id="p397" ed="pga"/> Seligkeit, ein wenig Erkenntnis, ein wenig
christlicher Tätigkeit. Es empfindet nicht, wie wenig u. mager das Alles ist, gemessen am <term key="Wille, Gottes">Willen</term> u. an den <term ref="kbga-keywords-72">Verheissungen</term> Gottes. Es singt so merkwürdig leichthin: Mir ist so wohl!<note xml:id="n11">Vermutlich Anspielung auf den Refrain des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-301">«Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt» von Th. Kübler (<hi rend="italic">Reichs-Lieder. Deutsches Gemeinschafts-Liederbuch</hi>, 2679.-2681. Tausend Neumünster i. Holst. 1999, Nr. 242 [S. 99])</bibl>: «Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn! Mir ist wohl in dem Herrn, mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn!» Vielleicht denkt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch an das Schlagwort aus der <term key="Abstinenz">Abstinentenbewegung</term>: «So wohl – ohne Alkohol»; vgl. z.B. die Liedstrophe (<bibl corresp="kbga-bibls-4444"><hi rend="italic">Liederbuch der «Helvetia».</hi> Abstinentenverbindung an den schweizerischen Mittelschulen, Zürich 1908, S. 18</bibl>):
 <q rend="block"><lg><l>Der <term key="Abstinenz">Abstinent</term> lebt herrlich in der Welt,</l><l>Und herrlich ist’s um ihn bestellt.</l><l>Er lebt zufrieden, allzeit wohl</l><l>Und dieses ohne Alkohol!</l></lg></q></note> mitten in einer Welt, der es …<note xml:id="n12">Die Auslassungspunkte am Ende des mit Bleistift zwischen den Zeilen eingefügten Satzes stehen für den Satzschluss: «der es gar nicht wohl ist».</note> Die <term key="Not">Not</term> des Lebens ist unendlich viel grösser als es denkt[,] u. Gottes <term key="Gott, Hilfe">Hilfe</term> könnte unendlich viel grösser sein als es meint, aber es merkt weder das Eine noch das Andre. Es stellt sich so schnell bereit auf den Boden des Bestehenden, Gegenwärtigen[.] Es ist so gar nicht <term key="Geist, arm im Geist">arm</term> im Geist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], hungernd u. dürstend nach <term key="Gerechtigkeit, hungern und dürsten nach G.">Gerechtigkeit</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]. Es hat den <term key="Sinn, für Gott">Sinn</term> für Gott nicht, nicht mehr oder noch nicht, wie wir es auffassen wollen. Und wo kein Sinn ist für Gott, da müssen die himmlischen <term key="Reich Gottes, Kräfte">Kräfte</term> ruhen, da kann u. will Gott nicht <term key="Gott, Hilfe">helfen</term>. Und während die himmlischen Kräfte ruhen müssen, sind die höllischen <term key="Macht, höllische">Mächte</term> um so tätiger gewesen, haben sich entfalten dürfen im 19. Jahrh[un]d[e]rt wie noch in keinem andern, haben ihre <term key="Turm von Babel">Babelstürme</term> von <term ref="kbga-keywords-163">Kapitalismus</term>, <term ref="kbga-keywords-1201">Nationalismus</term>, <term key="Militarismus">Militarismus</term> aufbauen können[,] und die Christen, die Christen des 19. Jahrhdrts[,] die von der <term key="Erweckung">Erweckung</term> herkamen, merkten gar nicht was vorging, liessen die Welt gehen, wie sie ging, halfen wohl noch in ihrer Ahnungslosigkeit den dunklen <term key="Gewalt, dunkle">Gewalten</term>, jammerten über besonders wüste Erscheinungen, über die vielen <term ref="kbga-keywords-356">Seelen</term>, die sie verloren gehen sahen, über die zunehmende Gottlosigkeit der Zeit und verstanden ihre Zeit doch so gar nicht, verstanden nicht[,] dass gegen Kräfte nur <term key="Kräfte">Kräfte</term> etwas ausrichten. Wussten ja gar nicht mehr[,] dass bei Gott <term key="Gott, Kräfte">Kräfte</term> <hi rend="italic">sind</hi> noch heute auch gegen den <term key="Mammon">Mam<pb xml:id="p398" ed="pga" break="no"/>mon</term>, auch gegen den <term ref="kbga-keywords-1283">Unfrieden</term> der Nationen, auch gegen das Elend des <term key="Proletariat">Proletariats</term>, auch gegen die <term ref="kbga-keywords-1774">Krankheit</term> so gut wie gegen die persönliche <term ref="kbga-keywords-64">Sünde</term> des <term key="Einzelne(, der)">Einzelnen</term>, mit der sie sich ebenso endlos wie machtlos abmühten. Sie redeten begeistert davon, <term key="Jesus Christus, König">Jesus</term> zum König zu machen<note xml:id="n13">Vgl. das auf <persName ref="kbga-actors-3705">John Mott</persName> zurückgehende «watchword» des «Christlichen Studentenweltbundes» «Make Jesus King!»; s. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="22034#fn_n40">S. 281, Anm. 40</ref></bibl>.</note>, und vergassen, dass alles <term key="Glaube">Glauben</term> u. <term key="Gebet">Beten</term> umsonst sein muss, dass die Regierungsgewalt Jesu vom Himmel her gleichsam stillgestellt ist, solange auf der Erde so wenig Sinn und Verlangen ist für die königlichen <term key="Kräfte, im Namen Jesu">Siegeskräfte</term>, die uns in seinem Namen erschlossen sind. Sie entfalteten glänzende Gaben u. Fähigkeiten auf einzelnen, vom Strome des Lebens abseits liegenden Gebieten: für die <term ref="kbga-keywords-210">Mission</term>, für die persönliche <term ref="kbga-keywords-354">Seelsorge</term>, für die theolog. <term ref="kbga-keywords-10">Wissenschaften</term>, aber sie merkten nicht, wie das Alles ein «Gehen am Ort» bedeutet, wenn es allein bleibt, wenn jener göttliche <term key="Stoss(, göttlicher S. aus der Tiefe)">Stoss</term> aus der Tiefe, der auf das Ganze u. in die Tiefe geht, versagt u. ausbleibt. Und er <hi rend="sans-serif">ist ausgeblieben,</hi> man sollte sich heute darüber nicht mehr täuschen. Dutzende von christlichen <term key="Biographie">Biographieen</term> aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhdrts zeigen immer wieder das gleiche tragische Schauspiel, wie die <term key="Begeisterung, der Jugend">Begeisterung</term> der Jugend überging in die Selbstzufriedenheit u. <term key="Resignation">Resignation</term> des Alters, wie der Strom des Glaubens[,] der einst Alles in Christus <term key="Erneuerung">erneuern</term><note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p281#fn_n39">S. 281, Anm. 39</ref></bibl>, und unten <ref type="pub" target="../volume/48/p563#fn_n70">S. 563, Anm. 70</ref>.</note> wollte, versandete u. zu einem trüben schmalen Bächlein von <term key="Christentum, Kirchenchristentum">Kirchen</term>- oder Gemeinschaftschristentum wurde, wie die <term key="Reich Gottes, Kräfte">Kräfte</term> des Gottesreiches anklopften[,] um der Christenheit die grössten <term key="Aufgabe">Aufgaben</term> anzuweisen[,] u. wie sie schnell genug wieder zum Schweigen kamen[,] weil die Christenheit sie einfach nicht verstand, sondern sich schleunigst allerhand selbstgestellten Privat- u. Spezialproblemen zuwandte, die an sich wohl wichtig u. nötig wären[,] aber nicht für sich[,] sondern nur im Zusammenhang
der <term key="Erneuerung">Gesamterneuerung</term> des Lebens u. der Welt aus den <term key="Gott, Kräfte">Kräften</term> Gottes, die der Sinn des <term key="Bibel, Inhalt und Sinn der B.">Evangeliums</term> ist.<note xml:id="n15">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Lektüre seit <date when="1915">1915</date> gehörten auch <term key="Biographie">Biographien</term> von Theologen und Kirchenmännern des 19. Jahrhunderts. In seinen Briefen erwähnt er die Biographien von <persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName>, <persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName>, <persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, <persName ref="kbga-actors-612">L. Hofacker</persName>, <persName ref="kbga-actors-782">D. Spleiß</persName>, <persName ref="kbga-actors-685">G. Menken</persName>, <persName ref="kbga-actors-800">Fr. A. G. Tholuck</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3039">S. 51</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p138#p138">138</ref>.<ref type="pub" target="../volume/03/p179#p179">179</ref>.<ref type="pub" target="3161#p199">199f</ref>.<ref type="pub" target="3174#p215">215</ref></bibl>). «Ich sehe aus allen meinen Pietistenbiographien, was für ein <hi rend="italic">tragischer</hi> Moment es war vor 100 Jahren, als sie anfingen, begehrt und gehört zu werden und die Wüste verlassen konnten, um Antistes etc. zu werden. Werden wir ihre Irrtümer zu vermeiden wissen, wenn wir nun auch anfangen, uns in solchen Reichsgottesheerlagern hören zu lassen?» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p200#p200">S. 200</ref></bibl>).</note> <pb xml:id="p399" ed="pga"/> Das moderne <term key="Christentum, modernes">Chrt.</term> hat erreicht, was es konnte u. wollte: es hat eine Reihe von hochbedeutenden religiösen <term key="Persönlichkeit, religiöse">Persönlichkeiten</term> u. Heroen hervorgebracht, es hat eine glänzende <term ref="kbga-keywords-10">Theologie</term> entfaltet, die auf alle Fragen mit der Zeit eine gescheite tiefe Antwort fand, es hat auf praktischem Gebiet betrieben[,] was man nur betreiben kann, es kann ihm der Ruhm vor den Menschen unmöglich abgestritten werden, es hat mit vollem Recht den Namen, dass es lebe, aber – [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.1">Apk. 3,1</ref>]</p>
            <p>Und nun kam der <hi rend="sans-serif">Sozialismus</hi> – und hatte von dem Allem <hi rend="sans-serif">nichts.</hi> Da ist wirklich <term key="Geist, arm im Geist">Armut im Geist</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], da ist Erkenntnisdürre, da ist Anfechtbarkeit. Was weiss der Sozialismus von der <term key="Bibel">Bibel</term>, von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-131">P[au]l Gerhardt</persName>? Er hat überhaupt keine Vergangenheit. «Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht» wie <persName ref="kbga-actors-2931">Melchisedek</persName> nach <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.7.3">Hebr. 7,3</ref> tritt er auf in der Geschichte des Reiches <term key="Geschichte, Gottesgeschichte">Gottes</term>. Was weiss er von der Macht des <term key="Gebet">Gebets</term>, von der persönlichen <term ref="kbga-keywords-53">Heiligung</term>, vom Segen brüderlicher <term key="Gemeinschaft, brüderliche">Gemeinschaft</term>? Alle diese feineren tieferen Quellen des Lebens sind ihm verschlossen, er begehrt gar nicht danach. Was ist ihm Gott u. Christus? Seltsame, verdächtige oder verhasste Namen, von denen er sich mit aufrichtiger <term ref="kbga-keywords-1471">Gleichgiltigkeit</term> <term key="Christentum, und Sozialismus">abwendet</term>. Er steht ganz u. gar ausserhalb des heiligen Kreises. Aber er hat <hi rend="sans-serif">Kräfte</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> gerade die Kräfte, die dem modernen <term key="Christentum, modernes">Christentum</term> im Grossen Ganzen fehlen. Da ist eine unbedingte <term ref="kbga-keywords-874">Sachlichkeit</term> trotz aller scheinbaren Äusserlichkeit[,] die auf das Centrale geht. Da ist ein radikaler <term key="Ernsthaftigkeit">Ernst</term>, der die <term key="Macht, finstere">Mächte</term> des Bösen begreift als wirkliche Mächte dieser Welt[,] u. ein radikaler <term key="Glaube, an das Gute">Glaube</term> an das Gute, dass es auf der Erde möglich werden muss. Da ist <term ref="kbga-keywords-841">Geist</term>, der <term key="Seufzen, und Schreien">seufzt</term> u. schreit nach einer einheitlichen <term key="Welt, einheitliche">Welt</term>, der das Materielle begreifen u. durchdringen, beherrschen will, der das Innere u. das Äussere des Lebens zusammen fassen möchte zu einem gesunden Organismus. Ja, nur ein Seufzen u. <term key="Seufzen, und Schreien">Schreien</term> ist eigentlich das Wesen des <term key="Sozialismus, Wesen des S.">Sozialismus</term>, ein hilfloses Ringen des Menschen mit den unpersönlichen <term key="Macht, unpersönliche M. dieser Welt">Mächten</term> dieser Welt, weil er ein Mensch sein[,] weil er leben möchte der tötlichen Umklammerung des <term key="Mammon">Mammon</term> u. einer <term key="Mammonismus">mammonistischen</term> <term key="Ordnung, Gesellschaftsordnung">Gesellschaftsordnung</term> zum <term ref="kbga-keywords-1953">Trotz</term>, ein unpraktisches, ratloses, phantastisches Hungern u. Dürsten <pb xml:id="p400" ed="pga"/> nach <term key="Gerechtigkeit, hungern und dürsten nach G.">Gerechtigkeit</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>], ein Stürmen u. Wüten gegen tausendjährig verschlossene Thüren, ein <term key="Prometheus">Prometheustrotz</term> gegen <persName ref="kbga-actors-8920">Zeus</persName>, den Herrn u. Gott <hi rend="sans-serif">dieser</hi> Welt. Das ist der <term key="Sozialismus, Inhalt des S.">Sozialismus</term> – nicht mehr als das – aber <hi rend="italic">das</hi> ist er. Lesen Sie die sozialdemokratische <term key="Presse, sozialdemokratische">Presse</term>, wenn Sie genug Demut u. Geduld haben, das ruhig zu tun – lesen Sie die <term key="Biographie">Biographien</term> eines <persName ref="kbga-actors-2153">August Bebel</persName><note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-4301"><persName ref="kbga-actors-2153">A. Bebel</persName>, <hi rend="italic">Aus meinem Leben</hi>, Teil 1-3, Stuttgart 1910-1914</bibl>. </note>, eines <persName ref="kbga-actors-648">Krapotkin</persName><note xml:id="n17"><bibl corresp="kbga-bibls-4144"><persName ref="kbga-actors-648">P. Krapotkin</persName>, <hi rend="italic">Memoiren eines Revolutionärs</hi>, übersetzt von M. Pannwitz, 6. Auflage Stuttgart [1910]</bibl>. – Vgl. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag über diese Memoiren (<hi rend="italic">Krapotkin</hi>, s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p121#p121">S. 121–126</ref>).</note> – versuchen Sie es, Ihre «roten Brüder»<note xml:id="n18">Anspielung auf einen Aufsatz von <bibl corresp="kbga-bibls-4445"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Unsere roten Brüder</hi>, in: Die Glocke. Monatliches Organ des Christl. Vereins junger Männer Zürich I [u. a. ], Jg. 22 (1914), Nr. 8</bibl>.</note>[,] die sozialist. <term key="Sozialismus, Jugendbewegung">Jungburschen</term>, von innen u. nicht nur von aussen kennen zu lernen, versuchen Sie es[,] einen Einblick zu gewinnen etwa in die Geschichte u. Praxis einer <term ref="kbga-keywords-886">Gewerkschaft</term>, versuchen Sie es, mit offenen Augen u. Ohren u. Herzen u. ohne sich gleich wieder wohlfeil zu entrüsten, den innern Verhandlungen der Partei, etwa wie sie im letzten Jahr über die <term key="Militär, Militärfrage">Militärfrage</term> geführt worden sind<note xml:id="n19">Vgl. oben
              <ref type="pub" target="../volume/48/p372#p372">S. 372–381</ref>.</note>, zu folgen – und es wird Ihnen immer wieder als <term key="Sozialismus, Wesen des S.">Wesen</term> des Sozialismus dieses Eine entgegentreten: der ursprüngliche <term ref="kbga-keywords-1953">Trotz</term> gegen die höllischen <term key="Macht, höllische">Mächte</term>[,] die die Welt beherrschen[,] u. das Seufzen u. <term key="Seufzen, und Schreien">Schreien</term> nach einer aufs Ganze gehenden <term key="Erneuerung">Erneuerung</term>. In diesem <term ref="kbga-keywords-1953">Trotz</term> aber u. in diesem Schreien ist Glauben u. solchen <term key="Glaube">Glauben</term> hat Jesus in <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName> nicht gefunden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.10">Mt. 8,10</ref>]. Und dann fragen Sie sich, ob das moderne <term key="Christentum, modernes">Christentum</term> irgend etwas <hi rend="sans-serif">Ähnliches</hi> aufzuweisen hat. Sehen Sie, wie im Leben etwa <persName ref="kbga-actors-2153">Bebels</persName> die Sache u. immer wieder die grosse Befreiungssache[,] an der er steht, eins u. Alles ist[,] u. nun vergleichen Sie damit[,] wie in den christlichen Biographieen, nehmen Sie z.B. das berühmte <term key="Biographie">Leben</term> <persName ref="kbga-actors-612">L. Hofackers</persName> von <persName ref="kbga-actors-643">Knapp</persName><note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-4057"><persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, <hi rend="italic">Leben von Ludwig Hofacker</hi>, Stuttgart 1895<hi rend="sup">6</hi></bibl>.</note> zur Hand od. <persName ref="kbga-actors-843">Wittes</persName> 2 b[ändiges] Werk über <persName ref="kbga-actors-800">A. Tholuck</persName><note xml:id="n21"><bibl corresp="kbga-bibls-4063"><persName ref="kbga-actors-843">L. Witte</persName>, <hi rend="italic">Das Leben D. Friedrich August Gotttreu Tholuck’s</hi>, 2 Bde., Bielefeld/Leipzig 1884/1886</bibl>.</note>[,] wie da fast überall der Mensch u. immer wieder der <term ref="kbga-keywords-3">Mensch</term> mit seinen kleinen persönlichen Gefühlen u. Erfahrungen im Mittelpunkt[,] in der strahlenden Wichtigkeit steht! Sehen Sie, wie die Sozialisten auf ihren Parteitagen etwa <pb xml:id="p401" ed="pga"/> zusammenkommen in der bestimmten Erwartung, dass es sich jedesmal um Entscheidungen handelt[,] u. vergleichen Sie damit, was wir von unsern christlichen Zusammenkünften erwarten: etwas Anregung, etwas <term key="Begeisterung">Begeisterung</term>, etwas Bekanntschaft mit interessanten <term key="Persönlichkeit, religiöse">Persönlichkeiten</term>[,] ein <term ref="kbga-keywords-1859">Erlebnis</term>, wie es seit 10 Jahren Mode ist zu sagen – ja aber Anregung wozu? <term key="Begeisterung">Begeisterung</term> für was? <term ref="kbga-keywords-1859">Erlebnis</term> wessen? wenn man fragen darf! Sehen sie diese <term key="Sozialismus, Jugendbewegung">Jungburschen</term> z.B.[:] ihre Sprache u. ihr Auftreten ist nicht immer lieblich, aber die wissen[,] was sie wollen, besser als mancher <term ref="kbga-keywords-137">Pfarrer</term>, der am Samstag über der Frage brütet, was er denn eigentlich noch <term ref="kbga-keywords-67">predigen</term> solle, wo doch schon Alles so schön gesagt ist, besser auch als mancher christliche <term key="Verein, christlicher">Verein</term>, der sich mühsam immer wieder über seinen Zweck u. auf immer neue Unterhaltung für seine Mitglieder besinnen muss, weil er in der Hauptsache längst nicht mehr weiss, was er will. Sehen Sie, <hi rend="sans-serif">dieses Unmittelbare</hi> im Sozialismus, so roh u. kindlich es uns oft entgegentreten mag, das ist seine <term key="Sozialismus, Kräfte des S.">Kraft</term>. Das ist das Geheimnis seiner ungeheuren Wirkungen auf die Seele der heutigen Menschheit. Das ist auch das Geheimnis der unheimlichen <term key="Erschütterung">Erschütterung</term>, die er einfach durch sein Dasein auch auf das moderne <term key="Christentum, modernes">Christentum</term>, das ihm doch so weit überlegen ist, hervorgebracht hat. Ja, warum ist der Sozialismus auf einmal auch zu einer brennenden Frage des modernen <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentums</term> geworden? Warum hat auf einmal auch das Chrt. des 19. Jahrhdrts sein soziales <term key="Gewissen, soziales">Gewissen</term> entdeckt u. sich in 1000 soziale Tätigkeiten gestürzt? Warum macht auf einmal auch auf christl. Seite Alles in sozialer Frage? Warum alle die Parolen: <term key="Gesinnung, christlich-sozialistische">christl.-sozial</term>, ev[an]g[elisch]-sozial, <term key="Gesinnung, religiös-soziale">rel[igiös]-soz[ial]</term>?<note xml:id="n22">Die «christlich-soziale» <term key="Sozialismus, christlich-sozial">Bewegung</term> gehört ins Europa des 19. Jahrhunderts. Sie versuchte, von einem christlichen Hintergrund her die Probleme des dritten und vierten Standes zu lösen, die infolge der sozialen Umschichtung feudaler und bürgerlicher Gesellschaftsverhältnisse durch die technisierte Wirtschaft des kapitalistischen Zeitalters aufgetreten waren. Nach einigen Anstößen, die bis auf <persName ref="kbga-actors-1321">J. H. Wichern</persName> (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p393#fn_n08">S. 393, Anm. 8</ref>) zurückgingen, gründete <persName ref="kbga-actors-396">Adolf Stoecker</persName> (1835–1909) <date when="1878">1878</date> eine «<orgName ref="kbga-actors-9029">Christlich-soziale Arbeiterpartei</orgName>», die das <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentum</term> als ein allgemein ethisch-soziales Gesinnungsprinzip propagierte. Diese betont konservative Arbeiterpartei konnte sich
                aber gegenüber der <term key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term> nicht durchsetzen. <date when="1890">1890</date> wurde, wieder unter Mitwirkung <persName ref="kbga-actors-396">Stoeckers</persName>, der «<orgName ref="kbga-actors-9030">Evangelisch-soziale Kongreß</orgName>» gegründet. In ihm haben der erste Sekretär, <persName ref="kbga-actors-4702">Paul Göhre</persName> (1864–1928), und <persName ref="kbga-actors-706">Friedrich Naumann</persName> der Behandlung der sozialen Fragen «von oben» den Versuch einer Lösung «von unten», aus der Lage und Sicht des Arbeiters, entgegengestellt. Ziel blieb die Ablösung der Sozialdemokratie durch die christlich-soziale Bewegung, aber die Problematik wurde wissenschaftlich diskutiert und die theologische Sicht der Dinge verschob sich vom Konservativen zum Liberalen. Die «religiös-soziale» Bewegung, die ihren Ausgang von <persName ref="kbga-actors-240">Hermann Kutter</persName> und <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName> nahm, verstand sich entschieden sozialdemokratisch. Sie bemühte sich um eine religiöse Begründung des <term ref="kbga-keywords-1121">Marxismus</term> und ein positives Verhältnis von <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentum</term> und Sozialismus, wobei sie den Sozialismus als einen Ausdruck des <term key="Sozialismus, als göttliche Aufgabe">Gotteswillens</term> in der Gegenwart verstand.</note> Warum haben auch Sie das Bedürfnis <pb xml:id="p402" ed="pga"/> empfunden, sich heute wenigstens eine Stunde mit dieser soz[ialen] Frage zu beschäftigen? Glauben Sie doch ja nicht, dass die ganze innere <term key="Erschütterung">Erschütterung</term>, die wir Christen von der Seite des <term key="Christentum, und Sozialismus">Sozialismus</term> her erfahren, von den paar feinen Menschen herrührt, die ja auch auf jener Seite stehen[,] oder von der überzeugenden Macht des sog. wissenschaftl. Marxismus oder gar von den gewissen äussern Erfolgen der <term key="Sozialismus, beginnende Anerkennung">Partei</term>, die ja heute in einem recht fragwürdigen Licht dastehen. Nein, das was dieser Bewegung das Reissende[,] Bezwingende giebt, das auch uns Christen[,] ja uns vor Allem <term ref="kbga-keywords-846">Angst</term> macht u. Respekt einflösst, <term ref="kbga-keywords-1458">Freude</term> bereitet oder auch Widerwillen verursacht, das was uns nötigt uns mit ihm auseinander zu setzen, das ist das <term key="Unmittelbarkeit">Unmittelbare</term>, das wir darin spüren, der göttliche <term key="Stoss(, göttlicher S. aus der Tiefe)">Stoss</term>, der da wieder einmal aus der Tiefe gekommen ist ganz abseits von allem religiösen Wesen freilich, aber aus der Tiefe, wo <term key="Licht, und Finsternis">Licht</term> u. Finsternis miteinander ringen. Vor dieser Tatsache stehen wir erstaunt u. entsetzt u. fragen uns verlegen, was wir als Christen damit anfangen sollen, weil sie uns so ungeheuer fremd ist u. weil wir doch nicht anders können, wenn uns die <term key="Bibel">Bibel</term> auch nur noch ein wenig lebendig ist, als in dieser <term key="Christentum, und Sozialismus">Bewegung</term> Geist von unserm Geist, Fleisch von unserm Fleisch erkennen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.2.23">Gen. 2,23</ref>], weil wir vor diesem jüngern Bruder stehen mit dem halb niederdrückenden[,] halb doch auch wieder beschämt erfreuten Gefühl: dort geschieht, was bei uns geschehen sollte! Dort ist mehr denn <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.42">Mt. 12,42</ref>]. Dort sehen sie etwas von dem[,] was alle Propheten u. Könige gelüstete zu sehen u. haben es nicht gesehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.17">Mt. 13,17</ref>]. Dort sind <term key="Reich Gottes, Kräfte">Kräfte</term> des Himmelreichs, wie sie eben denen verheissen sind[,] die, arm im <term key="Geist, arm im Geist">Geist</term>, hungern u. dürsten <term key="Gerechtigkeit, hungern und dürsten nach G.">wollen</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">6</ref>]. Wie kommt der Sozialismus zu diesen <term key="Sozialismus, Kräfte des S.">Kräften</term>? Woher kommt der seltsame Geselle? Ja woher kommt <persName ref="kbga-actors-2931">Melchisedek</persName>, der König von <placeName ref="kbga-places-37">Sa<pb xml:id="p403" ed="pga" break="no"/>lem</placeName>[,] u. kreuzt den Weg des <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> u. «trug Brot u. Wein hervor u. war ein Priester Gottes des Höchsten» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.14.18">Gen. 14,18</ref>]? Und woher kommt <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> selber gegangen seinen seltsamen Glaubensweg mitten heraus aus der Nacht des Heidentums, kein Frommer, kein Weiser, kein Gerechter, allein durch den <term key="Glaube">Glauben</term> «als er noch in der Vorhaut war» ein Vater Aller[,] die glauben wollen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.11">Röm. 4,11</ref>]? Woher?</p>
          </div>
          <div>
            <head>II</head>
            <p>Wir können uns kürzer fassen über die innere Auseinandersetzung des Chrts. mit seinem ungeratenen Bruder, der es nun entgegengeht.</p>
            <p> Diese Zukunftsfrage, von der es abhängen könnte, ob das Christentum den Weg des nachexilischen <term key="Judentum, nachexilisches">Judentums</term> gehen muss, ist <hi rend="sans-serif">schwierig</hi> u. kompliziert, solange jenes Einfachste u. Wesentliche im <term key="Sozialismus, Wesen des S.">Sozialismus</term> von uns Christen nicht verstanden ist. Solange wir uns an den Bildern der Propheten u. Apostel erbauen u. begeistern in der alten unfruchtbaren subjektiven Weise, statt uns die <term key="Bibel">Bibel</term> neu erklären zu lassen durch das Wort, das Gott in unsrer Zeit durch den ungeratenen Bruder mit uns <term key="Sozialismus, als etwas Neues von Gott her">redet</term>. Solange wir fortfahren die <term key="Bibel">Bibel</term> als Werkzeug unsrer albernen <term ref="kbga-keywords-1443">Persönlichkeitskultur</term>, unsrer Weltanschauungsspielereien, unsres religiösen Beschäftigungstriebs zu missbrauchen. Wir sollten – aufmerksam gemacht durch die göttlichen <term key="Gott, Kräfte">Kräfte</term>, die im <term key="Sozialismus, Kräfte des S.">Sozialismus</term>[,] abseits von Bibel u. <term key="Religion, und Sozialismus">Religion</term>, sich regen – hingehen u. nun <hi rend="italic">auch</hi> einmal nach einer grösseren tieferen weitergehenden <term ref="kbga-keywords-1269">Erlösung</term> als der[,] an die wir bis jetzt geglaubt haben, seufzen u. <term key="Seufzen, und Schreien">schreien.</term> Die <term key="Bibel">Bibel</term>, die uns <hi rend="italic">kein</hi> verschlossenes Buch ist, ruft u. lockt uns ja auf allen ihren Blättern, gerade <hi rend="italic">das</hi> zu tun. O wie sollten wir <hi rend="sans-serif">die Bibel verstehen</hi> von innen heraus, wenn wir einmal die Sozialisten mit ihrem <term ref="kbga-keywords-1953">Trotz</term> u. ihrer <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> auch nur ein wenig verstanden haben! Wie sollten uns <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>[,] <persName ref="kbga-actors-2198">Isaak</persName> u. <persName ref="kbga-actors-2199">Jakob</persName> vertraut werden mit ihren <term ref="kbga-keywords-64">Sünden</term> u. <term key="Torheit">Thorheiten</term>, mit ihrem <term key="Leid(, Leiden)">Leid</term> u. ihrer <term key="Sehnsucht">Sehnsucht</term>, mit ihrem <term key="Glaube">Glauben</term> auf <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term>[,] da nichts zu hoffen war [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.18">Röm. 4,18</ref>], wenn wir bei den gottlosen <term key="Sozialdemokraten, gottlose">Sozialdemokraten</term> einmal eine Ahnung bekommen haben, um was für Ziele es <term key="Gott, seine Ziele">Gott</term> eigentlich zu tun ist mit seinen Leuten! Wie müsste die alte biblische Parole, an der schon so viele christliche Generationen gedeutelt haben: Kein <pb xml:id="p404" ed="pga"/> Ruhm vor Gott! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.2">Röm. 4,2</ref>] Gerecht allein durch den Glauben! [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">Röm. 3,28</ref>][,] wie müsste die uns zu einer unmittelbar packenden Lebenswahrheit werden, wenn wir uns einmal <term ref="kbga-keywords-1270">demütig</term> u. nicht <term ref="kbga-keywords-1666">christlich-hochmütig</term> neben unsre roten <term key="rote Brüder">Brüder</term> mitsamt ihren <term key="Sozialismus, Fehler des S.">Fehlern</term> u. Gebrechen gestellt haben! Wie müsste uns vor Allem <term ref="kbga-keywords-81">Christus</term> ganz neu u. lebendig vor Augen gemalt sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.1">Gal. 3,1</ref>] in seiner Niedrigkeit, in seinem seltsamen Wichtignehmen des Irdischen Leiblichen Äussern, in seiner Vaterlandslosigkeit, in seiner absoluten Kälte gegen das ganze Reich des <term key="Mammon">Mammon</term>, in seiner unerbittlichen göttlichen <term ref="kbga-keywords-874">Sachlichkeit</term>[,] der gegenüber die geliebte Persönlichkeit des <term key="Einzelne(, der)">Einzelnen</term> so ganz zu kurz kommt, in seiner Neutralität gegen <term key="Tempel">Tempel</term> u. <term key="Religion">Religion</term>, in seiner ganzen radikal nur auf die Zukunft gerichteten Denk- u. Redeweise, in seinem <term key="Kreuz">Kreuz</term>, das ihm gerade die Besten u. Frömmsten dieser Welt bereitet haben – ja in allen diesen Zügen, die unserm modernen <term key="Christentum, modernes">Chrt.</term> so fremd sind, weil es auf die eigentlichen göttlichen Gedanken nicht einzugehen vermag vor lauter eigenen Gedanken – wie müssten wir ihn verstehen u. lieb gewinnen gerade in diesen Zügen, in denen doch seine eigentliche Herrlichkeit ist als des <term ref="kbga-keywords-235">Sohnes</term> vom Vater voller Gnade u. Wahrheit [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.14">Joh. 1,14</ref>]. Und wie müssten wir Christen in dieser Zeit[,] was wir ererbt von unsern Vätern[,] dann <hi rend="sans-serif">neu erwerben,</hi> um es zu besitzen!<note xml:id="n23">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 682f. (Nacht)</bibl>.</note> Wie müssten wir jetzt die Welle von göttlichen <term key="Gott, Kräfte">Kräften</term>, die uns vom <term key="Sozialismus, Kräfte des S.Sozialismus, als etwas Neues von Gott her">Sozialismus</term> her entgegenkommt[,] in uns aufnehmen, sie weitertragen u. vertiefen, sie aus der Bibel heraus erst recht zu einem Strome werden lassen. Wie müssten wir den <term key="Christentum, und Sozialismus">Sozialisten</term> zeigen, dass wir mit unserm geistlichen Reichtum uns gerne von ihnen haben beschämen lassen[,] dass wir aber in Zukunft nicht die Letzten[,]
              sondern die Ersten sein wollen[,] wenn es gilt zu glauben u. zu hoffen auf den neuen <term key="Himmel und Erde, neuer H. und neue E.">Himmel</term> u. die neue Erde[,] die Gott verheissen hat [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]! Wie müsste sie jetzt wahr werden[,] unsre Losung: Macht Jesus zum <term key="Jesus Christus, König">König</term>! aber nicht mit christlicher <term key="Blechmusik">Blechmusik</term>, nicht in begeisterten <term key="Begeisterung">Zusammenkünften</term> u. berauschenden <term ref="kbga-keywords-1859">Erlebnissen</term>, nicht in grossartigen u. ganz grossartigen Konferenzen à la <persName ref="kbga-actors-3705">Mott</persName><note xml:id="n24">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-215">V.u.kl.A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p266#p266">S. 266–287</ref></bibl>.</note> und <term key="Weltmissionskonferenz Edinburgh"><orgName ref="kbga-actors-10005">Edinburg</orgName></term><note xml:id="n25">Die <term key="Weltmissionskonferenz Edinburgh"><orgName ref="kbga-actors-10005">Weltmissionskonferenz</orgName></term> in <placeName ref="kbga-places-71">Edinburgh</placeName> <date when="1910">1910</date> stand am Beginn der <term ref="kbga-keywords-206">ökumenischen</term> Bewegung und der Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung. <persName ref="kbga-actors-3705">John Mott</persName> war Vorsitzender des Fortsetzungsausschusses und seiner Untergruppen.</note>[,] sondern einmal in den <pb xml:id="p405" ed="pga"/> realen Verhältnissen auf der Gasse u. in den Fabriken[,] wo Jesus auch <term key="Jesus Christus, König">König</term> sein will u. zw. nicht nur über die Seelen[,] sondern auch über die Dinge! Dass es nicht mehr wahr wäre, was mir jüngst ein bernischer Sozialdemokrat klagte: Wenn einer einmal in einem christl. <term key="Verein, christlicher">Verein</term> ist, so ist er verloren für die Arbeitersache! Wie müsste es unter uns, die wir uns einer bewussten <term key="Gemeinschaft, mit Gott">Gemeinschaft</term> mit Gott rühmen, zu einem ganz neuen <term key="Suchen">Suchen</term> dieses grossen u. lebendigen Gottes kommen, dem jene unbewusst so viel näher sind! Dann aber eben auch zu einem ganz neuen Begreifen u. Anfassen des wirklichen <term key="Leben, wirkliches">Lebens</term> von Gott aus, während wir es bis jetzt aus lauter Gottseligkeit haben laufen lassen wie es wollte! Wie müssten wir es wagen, mit den <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> in jene <term key="Beunruhigung(, Unruhe)">Unruhe</term> um die Welt u. ihre Lage hineinzugehen, vor der wir uns bis jetzt als glückliche Besitzende so peinlich gehütet haben u. die doch der einzige Ort ist, wo wir uns hinstellen können, wenn es uns mit der <term ref="kbga-keywords-757">Nachfolge</term> Jesu <term key="Ernsthaftigkeit">ernst</term> ist.</p>
            <p>O die Antwort auf die Zukunftsfrage des Chrts. ist <hi rend="sans-serif">so einfach,</hi> wenn wir die <hi rend="italic">Kräfte</hi> im <term key="Sozialismus, Kräfte des S.">Sozialismus</term> einmal aufrichtig gesehen u. anerkannt haben. Sie lautet dann ganz einfach: <term key="Bejahung">Ja</term> sagen zu diesen Kräften, bitten <term key="Suchen">suchen</term> <term key="Anklopfen">anklopfen</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.], in <term ref="kbga-keywords-1270">Demut</term> darum ringen, dass wir sie auch bekommen, grössere[,] unendlich viel grössere noch als unsre roten <term key="rote Brüder">Brüder</term> sie haben. Denn der <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> ist sicher nicht das letzte Wort <term key="Wort, Gottes">Gottes</term>. – Wie wir uns darum <hi rend="sans-serif">äusserlich</hi> zu der <term key="Christentum, und Sozialismus">Bewegung</term> stellen wollen, das ist nicht so wichtig. Da muss ein jeder tun, was <hi rend="italic">er</hi> eben muss. Vielleicht wird es uns so gehen, dass wir uns eines Tages auch äusserlich dazu bekennen müssen, aus Dankbarkeit gegen das[,] was wir von ihr empfangen, aus dem Gefühl der Mitverantwortlichkeit auch für ihre <term key="Sozialismus, Fehler des S.">Fehler</term> u. Schwächen, aus dem Bedürfnis[,] auch Andern zu zeigen, dass wir uns nicht mehr abseits stellen können in dieser Sache. Vielleicht erlaubt uns unser <term ref="kbga-keywords-596">Gewissen</term>, äusserlich neutral zu bleiben. Es liegt <hi rend="italic">daran</hi> nicht so viel. Wohl aber daran, dass wir innerlich aus der Neutralität u. Verständnislosigkeit herauskommen u. die Zeichen unsrer <term key="Zeit, unsere Z.">Zeit</term> verstehen lernen.</p>
          </div>
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            <p><pb xml:id="p406" ed="pga" rend="noPipe"/>
              <hi rend="italic">Vor Nebenwegen wird gewarnt!</hi>
            </p>
            <p>I. Nebenweg. Es handelt sich nicht darum, dass unser ohnehin in allen Farben schillerndes Christentum jetzt auch noch mit <hi rend="sans-serif">einem Tropfen sozialen Öles</hi> gesalbt werde, dass neben all unserm Betrieb jetzt auch noch eine soziale Ecke od. Gruppe eröffnet wird für allerlei Dilettanten[,] deren es gerade unter uns bewussten Christen immer bes. Viele gegeben hat. Dazu ist die Sache zu <term key="Ernsthaftigkeit">ernst</term> u. zu gross. Es handelt sich darum, Gott die <term ref="kbga-keywords-28">Ehre</term> zu geben, also das wohlbekannte, nur <hi rend="italic">zu</hi> bekannte <hi rend="italic">Alte</hi> neu zu treiben auf der breiteren Basis[,] auf die uns der <term key="Christentum, und Sozialismus">Sozialismus</term>, nein auf die uns das NT hinweist!</p>
            <p>II. Nebenweg. Es handelt sich nicht darum[,] zwischen dem bisherigen Chrt. u. dem Sozialismus irgendwelche <hi rend="sans-serif">Vermittlungen</hi> u. Brü­­cken zu suchen. Die Richtung des modernen <term key="Christentum, modernes">Christentums</term> auf den <term key="Einzelne(, der)">Einzelnen</term>, auf die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term>, auf einen religiösen Extra-Betrieb lässt sich nun einmal gerade mit dem Wesen des <term key="Sozialismus, Wesen des S.">Sozialismus</term> nicht vereinigen. Und wenn wir nicht Selbstbewusstsein genug haben, um alle Kompromissversuche bleiben zu lassen u. zum Sozialismus entweder ganz oder gar nicht Ja zu sagen, so können wir es von der andern Seite hören, was man dort von den zahlreichen Halbheiten denkt, die von christlicher Seite unternommen worden <term key="Christentum, halbernstes">sind</term>. Christlich-sozial ist wirklich ein <term key="Sozialismus, christlich-sozial">Unsinn</term>.<note xml:id="n26">Telegramm Kaiser <persName ref="kbga-actors-839">Wilhelm II.</persName> an seinen ehemaligen Lehrer <persName ref="kbga-actors-10006">G. E. Hinzpeter</persName> vom <date when="1896-02-28">28.2.1896</date>, bei der Nachricht vom Ausscheiden <persName ref="kbga-actors-396">Stoeckers</persName> aus der Konservativen Partei: «Stoecker hat geendigt, wie ich es vor Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, der ist auch sozial; <term key="Sozialismus, christlich-sozial">christlich-sozial</term> ist Unsinn und führt zur Selbstüberhebung [...]», zitiert bei <bibl corresp="kbga-bibls-4446">K. Kupisch, <hi rend="italic">Adolf Stoecker, Hofprediger und Volkstribun. Ein historisches Porträt</hi>, Berlin [1970], S. 79</bibl>.</note> Sondern es handelt sich darum, ob wir den <term key="Sozialismus">Sozialismus</term>, oder ich will jetzt schärfer sagen: die sozialdemokrat. <term key="Sozialdemokratie, schweizerische">Partei</term> als Ganzes begreifen oder nicht begreifen. Mit halben Lösungen ist nichts getan, wenn es sich um die <term key="Gott, Kräfte">Kräfte</term> Gottes handelt. Da heisst es kalt bleiben oder warm werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.15">Apk. 3,15</ref>].</p>
            <p> III. Nebenweg. Es handelt sich selbstverständlich auch darum nicht, das <term key="Christentum, und Sozialismus">Christentum</term> aufzugeben u. mit fliegenden Fahnen in das rote Lager <hi rend="sans-serif">überzugehen.</hi> «In Christo Jesu gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube[,] der in der Liebe tätig ist» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Ja im Gegenteil: im <term ref="kbga-keywords-434">Reiche</term> Gottes kommt der Fortschritt <pb xml:id="p407" ed="pga"/> niemals dadurch, dass man einen andern Rock anzieht. Wir sollen gar nicht Sozialisten werden, möchte ich jetzt sagen, sondern wir sollen erst recht <term key="Christ">Christen</term> werden, aber neue Christen, Christen[,] die sich nicht ihrer <term key="Beschneidung">Beschneidung</term> rühmen[,] sondern dessen[,] der auch unter der Vorhaut sein Werk treibt. Wir sollen unsre christliche Vergangenheit nicht preisgeben, sondern wir sollen sie zu Ehren bringen, sollen weitergehen – aber eben <hi rend="italic">weiter</hi>gehen! – auf den – um nur einige von den ehrwürdigen Namen des 19. J[ahrhunderts] zu nennen [–] von einem <persName ref="kbga-actors-685">G. Menken</persName>, einem <persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName>, einem <persName ref="kbga-actors-35">J. T. Beck</persName><note xml:id="n27"><seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-685">Gottfried Menken</persName> (1768–1831), Bremer Pastor und biblizistisch-heilsgeschichtlicher Theologe.</seg> – <seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-48">Johann Christoph Blumhardt</persName> (1805–1880), Theologe der Reichs-Gottes-Verkündigung und Gründer des Erweckungszentrums Bad Boll.</seg> – <seg type="bio"><persName ref="kbga-actors-35">Johann Tobias Beck</persName> (1804–1878), Theologieprofessor biblizistisch-heilsgeschichtlicher Provenienz in Basel und Tübingen.</seg></note> betretenen Wegen in die <term key="Bibel, Wahrheit">Schriftwahrheit</term> hinein. Wir sollen erst recht die Bibel lesen. Wir sollen erst recht <term key="Gebet">beten</term> lernen. Wir sind im Besitz der herrlicheren Brünnlein Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.65.10">Ps. 65,10</ref>] als unsre roten <term key="rote Brüder">Brüder</term>. Aber es ist Zeit[,] dass wir sie zum Fliessen bringen, sonst wird Gott endgiltig andre Brunnen graben lassen, denn er ist nicht an uns gebunden, wohl aber wir an ihn.</p>
            <p>Das sind die <hi rend="sans-serif">Nebenwege,</hi> die wir nicht gehen sollen. Der <hi rend="sans-serif">Hauptweg</hi> liegt offen vor uns. Kein «neuer Weg»<note xml:id="n28">Anspielung auf die von <persName ref="kbga-actors-420">Paul Wernle</persName> und <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName> <date when="1906">1906</date> gegründete Zeitschrift der schweizerischen Religiös-Sozialen: «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neue Wege</orgName>».</note>. Es ist der alte, aber er ist gerade von uns <term key="Christ">Christen</term> noch nicht begangen worden.</p>
            <p><term ref="kbga-keywords-81">Christus</term> spricht: Ich bin gekommen ein Feuer anzuzünden auf Erden u. was wollte ich lieber, denn es brennete schon [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.49">Lk. 12,49</ref>].</p>
            <p> Und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>: Wir aber warten im Geist durch den Glauben der <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term>, der man hoffen muss [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.5">Gal. 5,5</ref>].</p>
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