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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Christliches Leben</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Christliches Leben, 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48057 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 503–513.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Christliches Leben</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Christliches Leben   Aarburg CSV 9.VI. 19, 9. Juni 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/770">KBA 12136</ref>. </bibl>
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        <head>CHRISTLICHES LEBEN</head>
        
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        <div type="abstract">
          <p>
            Zu diesem Vortrag am Vormittag des Pfingstmontags, <date when="1919-06-06">9. Juni 1919</date>, bei einer Versammlung der <orgName ref="kbga-actors-9871">Christlichen Studenten-Vereinigung</orgName> (CSV) in <placeName ref="kbga-places-776">Aarburg</placeName>, 5 Kilometer westlich von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erst am Abend des <date when="1919-06-06">6. Juni</date> telegraphisch aufgefordert worden, nachdem der vorgesehene Redner <persName ref="kbga-actors-553">Friedrich Wilhelm Foerster</persName> abgesagt hatte. Zur Vorbereitung hatte er nur die dem Vortrag vorausgehende Nacht. In dem Brief vom <date when="1919-06-10">10. Juni 1919</date>, in dem er <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> dies mitteilt, findet sich auch eine Schilderung der Aarburger Diskussion.<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p333#p333">S. 333</ref>.</bibl></note> Als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Anfang <date when="1919-09">September 1919</date> die Einladung zu dem Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» in <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> (s. unten <ref type="pub" target="../volume/48/p546#p546">S. 546–598</ref>) annahm, griff er zu dessen Vorbereitung auf den Aarburger Vortrag zurück.<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3289">S. 343</ref>.</bibl></note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <head>Christliches Leben</head>
          
            <head type="sub"><placeName ref="kbga-places-776">Aarburg</placeName> CSV
<date when="1919-06-09">9. VI 19</date>
</head>
          
          <p><hi rend="sans-serif">Thema:</hi> Das Verhältnis des in J[esus] nahe herbeigekommenen R[eiches] <term key="Reich Gottes, in Jesus nahe herbeigekommen">G[ottes]</term> zu den Gebilden des natürl. Gem[einschafts-]Lebens: <term ref="kbga-keywords-1710">Ehe</term>, <term ref="kbga-keywords-796">Familie</term>, <term ref="kbga-keywords-1461">Beruf</term>, <term key="Wirtschaftsleben">Wirtschaftsleben</term>, <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term>, Bezieh[ung] d. <term key="Völker, Beziehung der V. untereinander">Völker</term> untereinander. Es steckt darin <hi rend="sans-serif">die Frage</hi> nach dem göttl. <term key="Sinn, des Lebens,, göttlicher">Sinn</term> des <term key="Leben, göttlicher Sinn des Lebens">Leben</term>s überhaupt. Wir können sie selber [?] nicht <hi rend="sans-serif">lösen.</hi> Gott hat sie gelöst, löst sie u. wird sie lösen. Wir können sie nur wieder einmal in uns <hi rend="sans-serif">bewegen,</hi> uns von ihr bewegen lassen, in d. Hoffn[ung] u. mit d. Vorsatz, uns weiter von ihr bewegen zu lassen. Und ich möchte nicht mehr tun, als die <hi rend="sans-serif">Grundlagen</hi> andeuten, auf denen eine nützliche Bewegung dieser Frage m.E. stattfinden muß.</p>
          <ab rend="center">________</ab>
          <p><hi rend="sans-serif">Jesus</hi> <hi rend="sans-serif">lebt.</hi> Das ist der Standort[,] von dem aus wir an diese Frage herantreten. Nicht darum, weil wir Christen sind. Nicht wegen unsres <pb xml:id="p504" ed="pga"/> Gl[auben]s[,] unsr[er] Liebe, unsr[er] Hoffnung. Nicht weil wir etwas mit J[esus] erlebt haben. Ich kenne Sie nicht u. Sie mich nicht. Wir wollen uns nicht den Kopf zerbrechen über unsre persönl. Christlichkeit. Aber <hi rend="sans-serif">J.</hi> <hi rend="sans-serif">ist auferstanden</hi> von den Toten. Wenn es anders wäre, wir wären hier <hi rend="sans-serif">nicht</hi> beisammen. Wir könnten u. würden diese <hi rend="sans-serif">Frage</hi> gar nicht aufwerfen. Es wäre nicht möglich, daß sie die ganze <hi rend="sans-serif">M[ensch]heit</hi> so erschütterte, wie es immer deutlicher sichtbar wird. Das Dogmatische u. Historische an d. <term key="Auferstehung, historischAuferstehung, dogmatisch">Auf[erstehung]</term> ist sehr gleichgiltig u. unser persönl. Erlebnis davon gleichfalls. Aber wir atmen tatsächlich <hi rend="sans-serif">Auf[erstehungs-]Luft.</hi> Das <hi rend="sans-serif">Vorhandensein</hi> dieser Frage: «<term key="Gott, und die natürlichen Weltverhältnisse">Gott</term> u. die natürl. Weltverhältnisse» weist uns hin auf die <hi rend="sans-serif">Voraussetzung,</hi> mit der wir an diese Frage herantreten. Die natürl. Weltverhältnisse, so gewaltig kompliziert u. undurchsichtig sie uns entgegentreten mögen, stehen zum Vornherein im <term ref="kbga-keywords-1088">Lichte</term> <hi rend="sans-serif">Gottes.</hi> Sagen wir aber «Gottes»[,] so sagen wir sofort «des göttl. <hi rend="sans-serif">Sieges</hi>»[,] der größern überlegenen <term ref="kbga-keywords-1067">M[acht]</term> G[otte]s. Der Erweis dieser M[acht] mag uns <hi rend="sans-serif">problematisch</hi> sein. Die Tatsache selbst, daß G[ott] eben G[ott] ist u. als solcher das letzte Wort <term key="Gott, behält das letzte Wort">behält</term>[,] ist uns <hi rend="sans-serif">nicht</hi> problematisch. Wir gehen von ihr aus, wir kommen von ihr her. Das ist keine spezif. religiöse Position. Das ist die Voraussetzung jeder ernsthaften Bewegung unsrer Frage. Auch Präs[ident] <hi rend="sans-serif"><persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName><note xml:id="n03">Zur Zeit von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag in <placeName ref="kbga-places-776">Aarburg</placeName> wartete die Welt auf den Abschluss der Pariser Friedensverhandlungen (<date to="1919-06-28" from="1919-02-15">15.2.-28.6.1919</date>). Der amerikanische Präsident <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName> galt dabei mit seiner Idee des Völkerbunds als Exponent idealistischen Friedenswillens.</note></hi> geht von da aus, nicht weil er ein Christ sein soll, sondern weil er nicht anders kann. Auch die <hi rend="sans-serif">Jungburschen</hi><note xml:id="n04">Siehe oben <ref type="pub" target="../volume/48/p367#fn_n74">S. 367, Anm. 74</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/48/p400#p400">S. 400f.</ref></note> gehen von da aus. Sie können gar nicht anders, wenn es ihnen ernst ist. Gott ist zum <hi rend="sans-serif">vornherein</hi> der überlegene Faktor in dieser Rechnung. Das R[eich] <term key="Reich Gottes, triumphiert über die Weltreiche">G[ottes]</term> <hi rend="sans-serif">triumphiert</hi> über die Weltreiche. Es begreift sie in sich, es erklärt u. erleuchtet sie, es richtet sie auf u. stürzt sie, es ist ihr letzter Sinn u. ihr oberstes Ziel. Gott der <hi rend="sans-serif">Schöpfer</hi><hi rend="sans-serif">, der Erlöser</hi><hi rend="sans-serif">, der Vollender</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> von ihm u. durch ihn u. zu ihm alle Dinge [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">Röm. 11,36</ref>], das ist das neue Licht, in dem die Weltverhältnisse stehen. Sie stehen darin <hi rend="sans-serif">nicht zufällig,</hi> auch nicht notwendig, denn es könnte auch anders sein. Auch nicht kraft einer <hi rend="sans-serif">Theorie[,]</hi> die wir über sie ausbreiten, denn wir könnten auch anders denken. Aber kraft der <hi rend="sans-serif">Auferstehung</hi><term key="Jesus Christus, Auferstehung"> </term>J[esu] von den <pb xml:id="p505" ed="pga"/> Toten, die als das Bewegende hinter unsrer Frage steht. Das meine ich, wenn ich als Erstes das ausspreche: <term key="Jesus Christus, er lebt">Jesus</term> lebt!</p>
          <ab rend="center">________</ab>
          <p>Von da aus eröffnet sich uns zunächst der Blick auf das, was jene natürlich gegebenen Gemeinschaftsverhältnisse in ihrem Wesen, von Haus aus sind: Sie sind göttliche <term key="Schöpfungsordnung"><hi rend="italic">Schöpfungsordnungen</hi></term><hi rend="italic">.</hi> Sie haben eine ursprüngliche unmittelbare Beziehung zu G[otte]s <term ref="kbga-keywords-434">Reich</term>. «Der im Anfang d. M[enschen] geschaffen ...» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.4">Mt. 19,4</ref>] G. segnete sie u. sprach z. ihnen: «seid fruchtbar ...» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>] «Es ist keine Obrigkeit ohne Gott, wo aber O[brigkeit] ist, die ist ...» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.1">Röm. 13,1</ref>] Wir dürfen uns den Blick auf diese göttl. Schöpfungsordn. nie ganz nehmen lassen. <term key="Jesus Christus, hebt die Schöpfungsordnungen nicht auf">J[esus] </term>hebt sie nicht auf, er bringt sie in ihrem ursprüngl. Sinne z. <term key="Jesus Christus, bringt die Schöpfungsordnungen in ihrem ursprüngl. Sinne zum Vorschein">Vorschein</term>[.] Er ist d. Ebenbild ... <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.15 Kol.1.17">Col 1,15–17</ref>[.] Darum ging <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> nicht in eine weltabgesch[iedene] Klause, sondern auf den Markt, um daselbst aus dem schlichten Tun des Handwerkers, des Arztes, d. Steuermanns, die ewigen Gesetze der Sittlichkeit abzulesen. Darum faßte der Prediger <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> alle s[eine] Einsichten in die Bestimmung d. M[enschen] zusammen in dem Wort: So gehe hin u. iß ... (<ref type="can" subtype="bible" target="Pred.9.7 Pred.9.10">Pred 9,7–10</ref>) Darum erkannte J. selbst die Verhältnisse des G[ottes-­]R[eiches] in den einfachen Vorgängen des platten alltägl. Lebens u. sprach sie aus in Gleichnissen. Dieser göttl. Sinn bleibt den natürl. Gem[einschafts]verhältnissen auch dann, wenn sie durch menschl. Thorheit o. Bosheit der Zerrüttung u. Verwirrung anheimgefallen sind. Es braucht nur Augen, die diesen Sinn trotzdem sehen: Der Herr lobte den ungerechten Haushalter ... [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.8">Lk. 16,8</ref>], er lobte auch den Hauptmann von Kap[ernaum,] der die in der militär. Ordnung verborgene Analogie des <term key="Reich Gottes, Analogie zum R. G. in der militärischen Ordnung verborgen">G. R</term>. richtig erkannte u. so einen Gl[auben] bekundete, wie J. ihn in Israel nicht gefunden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.8.10">Mt. 8,10</ref> par.]. Wir haben also allen Anlass, uns positiv u. sachlich zu diesen nat[ürlichen] Gem.verhältnissen zu stellen, unsern Platz in ihnen mit allem sittl. Ernst auszufüllen. Ein M[ensch,] der auf irgend einem Platz s. Sache sachlich u. recht macht, steht als solcher dem G. R. näher als ein Dilettant, Journalist od. Globetrotter, der Alles nur streift. Was in sich selber ruht u. vollendet u. gesund ist, u. wenn es eine gesunde Bosheit wäre, ein gutgehendes Geschäft, eine wohlüberlegte wissenschaftl. Leistung, ein reines Kunstwerk, eine bismarckische Staatsaktion, das solide <pb xml:id="p506" ed="pga"/> Produkt eines Handwerks, das hat eine Verheißung, das trägt in sich eine Analogie, ein Gleichnis d. <term key="Reich Gottes, GleichnisReich Gottes, Analogie">G. R.’s. </term>Wir werden wohl daran tun, zu dieser Analogie zunächst einmal Ja zu sagen. Gebt dem Kaiser ... [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.21">Mt. 22,21</ref>] Das ist keine Weltweisheit. Das ist Wahrheit in <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign> [Christus]. Das ist die grundlegende Lebenserkenntnis des A[lten] u. N[euen] T[estaments].</p>
          <ab rend="center">________</ab>
          <p> Aber eben: <term key="Leben, Erkenntnis">Lebenserkenntnis</term>, keine tote Abstraktion, mit der wir davonlaufen könnten: nun weiß ich[,] was ich zu tun habe. Also nun nur ja nicht fortgelaufen zu jener Weltverherrlichung u. Weltfreudigkeit, wie sie etwa <persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumann</persName><note xml:id="n05">Zur «Weltfreudigkeit» <persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumanns</persName> vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p070#p070">S. 70f.</ref> und unten <ref type="pub" target="../volume/48/p533#p533">S. 533–536</ref>.</note> gepredigt hat oder wie sie bei uns von <persName ref="kbga-actors-580">K. v. Greyerz</persName><note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-580">Karl von Greyerz</persName> (1870–1949), ein religiös-sozialer Pfarrer aus Bern, bekannte, dass er «sein Meistes und Bestes dem früheren Evangelisten <persName ref="kbga-actors-706">Friedrich Naumann</persName> zu verdanken» habe und «ihm lebenslang dafür dankbar» bleibe (<bibl corresp="kbga-bibls-4748"><persName ref="kbga-actors-580">K. v. Greyerz</persName>, <hi rend="italic">Kirche und öffentliches Leben</hi>, Bern 1919, S. 28</bibl>). <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bemerkungen über <persName ref="kbga-actors-580">von Greyerz</persName> mag eine Passage aus dessen Predigt <bibl corresp="kbga-bibls-4751"><hi rend="italic">Lasset uns wachsen</hi>, Bern 1916, S. 8f.</bibl>, erklären: «Daß wir zu dieser geheiligten Natürlichkeit [Jesu] hinanwachsen, das ist gerade für uns Pfarrer, für uns Seelsorger wichtig. Denn dann werden wir von der so vielen Theologen angeborenen und auf Gymnasium und Hochschule anerzogenen Geringschätzung und Unkenntnis der natürlichen, materiellen Grundlagen alles geistigen Lebens, aller Kultur und aller Religion genesen. Wir werden die Wirklichkeit um uns her schärfer beobachten und freudiger bejahen lernen. Wir werden neben der Bibelexegese auch Natur- und Volksexegese treiben, neben den Schriften der akademischen Theologie, auch die Zeugnisse der Nichttheologen, eines <persName ref="kbga-actors-9178">Hilty</persName> und <persName ref="kbga-actors-10101">Bachofner</persName>, eines Dr. <persName ref="kbga-actors-10102">Sonderegger</persName> und Dr. <persName ref="kbga-actors-10103">Haffter</persName>, eines <persName ref="kbga-actors-10104">Rud. Derrer</persName> und einer <persName ref="kbga-actors-6649">Adele Kamm</persName>, ja auch eines Uli, einer Käthi und eines Annebäbi zu Rate und zu Ehren ziehen, neben dem mosaisch-jüdischen auch das eidgenössisch-kantonale Recht, neben den Zuständen der Christengemeinde zu <placeName ref="kbga-places-1081">Korinth</placeName> auch die Zustände unserer eigenen Gemeinden gründlich kennen wollen. Dieser Wirklichkeitssinn wird unserer Theologie, unserer Predigt, unserm Unterricht, unserer Seelsorge zu Gute kommen. Sie werden gründlicher, sachlicher, anschaulicher, volkstümlicher werden. Wir werden dann z.B. die sog. Laienfrömmigkeit anders einschätzen lernen als wir sie vom Katheder herab einschätzen hörten, werden die sog. Bauernfrömmigkeit auf und unter der Kanzel verständiger behandeln, und begreifen lernen, daß die Beziehungen zwischen einer Bauernseele und ihrem Herrgott sich ganz naturgemäß auch um den Kabis- und Bohnenplätz, um den Kuh- und Schweinestall, um’s Wetter und um’s Futter drehen muß, sintemal es mit diesen Dingen nicht so fix bestellt ist wie mit Pfarrerbesoldungen und Professorengehältern.»</note> als das Neueste vom Neuen vertreten wird. Wer nur <pb xml:id="p507" ed="pga"/> einfach Hymnen auf deutsche <term key="Deutschland, deutsche Tüchtigkeit">Tüchtigkeit</term> od. bernische Urchigkeit<note xml:id="n07">= Urwüchsigkeit.</note> anstimmt, der macht aus der bibl. <term key="Weisheit, biblische">Weisheit</term> eine Plattheit. Sie ist aber eben darin Weisheit, daß sie nicht tot u. platt ist, sondern bewegt u. mehrdimensional. Sie hält[?] uns wendig[?]. Wenn wir ihr folgen, so sehen wir alsbald[,] wie neben die <term key="Schöpfungsordnung">Schöpfungsordnung</term> die <hi rend="italic">gegenwärtige Übergangszeit</hi> mit ihrem Kampf um Licht u. Schatten tritt, neben das Reich der <term key="Natur, Reich">Natur</term> das Reich der <term key="Gnade, Reich">Gnade</term>, wie das Angesicht des Schöpfers, der ansah Alles[,] was er ... [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.31">Gen. 1,31</ref>][,] sich wandelt in das Angesicht des Vaters, «welcher uns errettet hat von d. Obrigk[eit] d. Finsternis u. hat uns versetzt in d. Reich s. lieben Sohnes» <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.13">Col 1,13</ref>[.] Nun offenbart sich uns in demselben Licht, in welchem sich uns der ursprüngl. schlichte Sinn der <term key="Weltverhältnisse, schlichter Sinn">Weltverhältnisse</term> gezeigt hat, ihre tiefe <term key="Weltverhältnisse, Problematik">Problematik</term>. Nun werden sie uns zum Spiegel unsrer Not u. unsrer Hoffnung. Warum muß <hi rend="sans-serif"><persName ref="kbga-actors-221">Kierkegaard</persName><note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3504"><persName ref="kbga-actors-221">S. Kierkegaard</persName>, <hi rend="italic">Das Buch über Adler</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Der Begriff des Auserwählten</hi>. Übersetzung und Nachwort von Th. Haecker, Hellerau 1917, S. 264–266</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar durchgehende Anstreichung am Rand) (<bibl corresp="kbga-bibls-3505">Pap. VII 2 B 235, S. 222–225</bibl>); <bibl corresp="kbga-bibls-1814">ders., <hi rend="italic">Der Augenblick</hi>, übersetzt von Chr. Schrempf (KGW 12), Jena 1909, S. 68 und S. 103f.</bibl> (in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar an beiden Stellen Anstreichungen und Unterstreichungen) (<bibl corresp="kbga-bibls-3483">SKS 13, S. 243 und S. 296</bibl>).</note></hi> die Ehe u. Familie ansehen als den Tod alles <term key="Idealismus, Tod">Idealismus</term>? Warum muß <hi rend="sans-serif"><persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoj</persName><note xml:id="n09">Vgl. z.B. <bibl corresp="kbga-bibls-4749"><persName ref="kbga-actors-1412">L. Tolstoj</persName>, <hi rend="italic">Mein Glaube</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, hrsg. von R. Löwenfeld, I.
Serie: <hi rend="italic">Sozialethische Schriften</hi>, Bd. 2, Jena 1902, S. 351f</bibl>. Dort führt <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoj</persName> aus, dass der Staat eine durch Betrug verbundene und zusammenhängende Masse von Menschen sei. Der Betrug bestehe in der Pflicht aller Bürger, an der Gewaltausübung innerhalb der Staatsordnung (durch Eidesleistung, Beteiligung am Gericht und am Kriegsdienst) teilnehmen zu müssen; diese Pflicht werde von den Regierungen als Lebenspflicht aller Menschen dargestellt. Die durch Betrug zusammenhängende Masse, d.h. also der Staat, sei «das Böse der Welt». Die ganze vernünftige Tätigkeit des Menschen und alle Revolutionen seien auf die Zerstörung dieses Zusammenhanges des Betruges gerichtet. Vgl. auch <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstojs</persName> Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-4750"><hi rend="italic">Patriotismus und Regierung</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, I. Serie, Bd. 12, Jena 1911, (separat paginiert) S. 3–51</bibl>.</note></hi> den Staat verdammen als d. Inkarnation der Gewalt, die vom Bösen ist? Warum dieser Zerstörungswille des <hi rend="sans-serif">Sozialismus</hi> gegenüber dem Resultat der an sich <pb xml:id="p508" ed="pga"/> so glänzenden wirtschaftl. Entwicklung des letzten Jahrh[un]d[e]rts? Warum ist so vielen ehrlichen arbeitswilligen M[enschen] ihr eigener <hi rend="sans-serif">Beruf</hi> so zweifelhaft geworden? Warum können wir Alle uns nicht mehr mit gutem <term key="Gewissen, gutes">Gewissen</term> freuen an dem an sich so inhaltschweren Worte <hi rend="sans-serif">Vaterland</hi><hi rend="sans-serif">?</hi> Warum können nur die Philister <hi rend="sans-serif">zufrieden</hi> sein mit den Verhältnissen[,] wie sie jetzt sind? Warum wird es uns Allen so schwer, fast unmöglich, jenen ursprüngl. göttl. <hi rend="sans-serif">Sinn</hi> in ihnen wiederzuerkennen u. zu bejahen? Liegt es an unsern Augen oder liegt es in den Dingen? Warum ist uns <term key="Gott, verborgen">Gott</term> so <hi rend="sans-serif">verborgen?</hi> Warum fühlen wir uns <hi rend="sans-serif">gefangen</hi> wie von einem ungeheuren Druck bei der an sich so schlichten Aufforderung, ihm jetzt in diesem Leben, in diesen Verhältnissen völlig zu trauen? Warum müssen wir uns als <term key="Sünde, Sklaven der S.">Sklaven</term> d. <hi rend="sans-serif">Sünde</hi> erkennen kraft der Verhältnisse[,] u. wenn wir die ausgezeichnetsten Christen wären? Warum wende[t] sich unser Blick, wenn wir an Gott denken[,] fast unwillkürlich u. ausschließlich der <hi rend="sans-serif">Zukunft</hi> zu, den kommenden Dingen: morgen, morgen soll es hoffentlich besser werden? Und die <hi rend="sans-serif">Bergpredigt</hi> mit ihrem Mark u. Bein durchdringenden <hi rend="sans-serif">Gegensatz</hi> zwischen dem[,] was zu den Alten gesagt ist[,] u. dem[,] was ich euch sage [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.21 Mt.5.48">Mt. 5,21–48</ref>], mit ihrer <hi rend="sans-serif">Moral,</hi> die so weit geht, daß sie Alles[,] was wir Moral nennen, tatsächlich aufhebt, mit ihren <hi rend="sans-serif">Seligpreisungen</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3 Mt.5.11">Mt. 5,3–11</ref>], die[,] ernst genommen, auf Alles was jetzt steht, wie Dynamit wirken müssen. Wie kommt es nur, daß wir zu diesem ganzen großen Protest gegen die bestehenden Verhältnisse <hi rend="sans-serif">auch Ja</hi> sagen müssen[,] wenn wir ehrlich sind, daß er auch <hi rend="sans-serif">in uns</hi> ist? Wie kommt es, daß wir erkennen müssen[:] Hier ist <hi rend="sans-serif">mehr</hi> denn <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.42">Mt. 12,42</ref>], obwohl doch die <term key="Weisheit Salomos">Weisheit</term> <persName ref="kbga-actors-2245">Salomos</persName> in der <term ref="kbga-keywords-341">Wahrheit</term> <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>i [Christi] inbegriffen ist? Es ist <hi rend="sans-serif">offenbar ein großes Vorwärts</hi> in dieser Wahrheit <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>i. Die Gleichnisse besagen ja Alle, daß es damit nicht getan ist, daß Alles <term key="Vergängliches, nur ein Gleichnis">Vergängliche</term> ein Gleichnis ist.<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust II</hi>, V. 12104f. (5. Akt, Bergschluchten)</bibl>:
<q rend="block"><lg><l>Alles Vergängliche</l><l>Ist nur ein Gleichnis [...].</l></lg></q></note> Es ist <hi rend="italic">nur</hi> ein Gleichnis. Es drängt aber zum <hi rend="sans-serif">Unvergänglichen,</hi> wie ein Kind im Mutterleibe zur Geburt. Es geht ein <term key="Seufzen">Seufzen</term> durch die Kreatur. Sie wartet auf die <term ref="kbga-keywords-8">Offenbarung</term> der Söhne Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.19 Röm.8.22">Röm. 8,19–22</ref>]. Das <term ref="kbga-keywords-434">R. G.</term> will aus dem Abbild, aus der Analogie <hi rend="sans-serif">Wirklichkeit</hi> werden. Das begeisterte <pb xml:id="p509" ed="pga"/> Davonlaufen im Blick auf die Analogien ist <hi rend="sans-serif">Götzendienst</hi><hi rend="sans-serif">.</hi> Weltverherrlichung u. Weltfreudigkeit ist <hi rend="sans-serif">Gottlosigkeit</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> ist <term key="Abfall">Abfall</term>. So ists nicht gemeint, weder im <persName ref="kbga-actors-2245">Salomo</persName> noch im <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>. Um dieses Drängens u. Sehnens nach Unvergänglichkeit willen <hi rend="sans-serif">muß</hi> Gericht sein u. Gnade, Not u. Hoffnung. Wir müssen offenbar <hi rend="sans-serif">hinein</hi> in dieses große Vorwärts der Wahrheit <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>i. Hinein in die doppelte <hi rend="sans-serif">Erschütterung,</hi> in der jetzt alle Verhältnisse sich befinden durch die Kraft des Abfalls u. durch die Gott Lob u. Dank noch größere Kraft der Erlösung. Wer da nicht mit will hinein in diese Erschütterung, wer da als frommer od. witziger Zuschauer daneben stehen will, wer da begehrt, s. sichern Weg zu gehen, wer nicht mittragen will an der Not u. Hoffnung[,] von der jetzt, in <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>, die Weltverhältnisse bewegt sind, der hat Gott nicht verstanden. Als Akademikern geziemt es uns, auch der <term key="Dialektik, der Ideen">Dialektik</term> der Ideen, die sich da eröffnet, nicht auszuweichen. Die <term key="Kirche, der Gegenwart">Kirche</term> der Gegenwart, die Alles tut, um den M. das innere Gleichgewicht zu erhalten, das sie in diesem Äon aber einmal verlieren sollten, trägt eine schwere Verantwortung. Aber was geht uns die Kirche an? Nichtwahr, wir <hi rend="sans-serif">müssen</hi> ja hinein in diese <term key="Erschütterung">Erschütterung</term>, wir stehen schon mitten darin, wir leiden mit u. hoffen mit. Wir haben Gott <hi rend="sans-serif">verstanden</hi><hi rend="sans-serif">,</hi> den G.[,] zu dem hin wir geschaffen sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.16">Kol. 1,16</ref>] u. in dem allein wir zur Ruhe kommen können.<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1312"><persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>, <hi rend="italic">Confessiones</hi> I,1, CSEL 33,1,8f.</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.</foreign>»</note> Auch wenn wir noch keine <hi rend="sans-serif">Stürmer des H[immel-]R[eiches]</hi> sind, denn sonst hätten wir das <term ref="kbga-keywords-434">H. R.</term> längst an uns gerissen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.12">Mt. 11,12</ref>]. Es könnte aber geschehen, daß wir solche Stürmer <hi rend="sans-serif">werden.</hi></p>
          <ab rend="center">________</ab>
          <p> Aber auch die Notwendigkeit dieser <term key="Erschütterung">Erschütterung</term> ist <hi rend="sans-serif">nicht das letzte</hi> Wort der bibl. <term key="Lebenserkenntnis, biblische">Lebenserkenntnis</term>. Auch der <term key="Licht und Finsternis, Kampf">Kampf</term> von Licht u. Finsternis[,] in dem wir jetzt stehen u. stehen müssen[,] darf keine tote <hi rend="sans-serif">Abstraktion</hi> werden. Wir dürfen, auch wenn wir G. insofern verstanden haben, nicht davonlaufen, als <hi rend="sans-serif">wüßten wir</hi> nun, was wir zu tun haben: protestieren, kritisieren, reformieren, sozialisieren[,] revolutionieren. Wer auch nur ein wenig in jener <term key="Erschütterung">Erschütterung</term> drinsteht, der weiß, daß das Andre[,] das wir in den jetz[igen] Verhältnissen vermissen u. <pb xml:id="p510" ed="pga"/> nach dem wir suchen, nicht nur etwas Andres[,] sondern <hi rend="italic">das ganz Andre<note xml:id="n12">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p242#fn_n26">S. 242, Anm. 26</ref>.</note></hi> ist. Das Reich <term ref="kbga-keywords-434">Gotte</term>s ist d. R. <hi rend="italic">Gottes.</hi> Wir können uns den Übergang von den Analogien des Göttlichen zu der göttl. Wirklichkeit nicht radikal genug denken. Das Schema der Entwicklung versagt, muß versagen, wenn wir das Ende der Wege Gottes, das Ziel der Erlösung ins Auge fassen wollen. «Hoffen wir nur in diesem Leben ... [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.18">1.Kor. 15,18</ref>]. Denn Fleisch und Blut können ... auch wird d. Verwesliche nicht erben ...» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.50">1.Kor. 15,50</ref>] <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.51 1.Kor.15.55">I Cor 15,51–55</ref>[:] Das ist die absol[ute] Erlösung, der Alles entgegendrängt[.] <persName ref="kbga-actors-584">Grünewalds</persName> Darstellung der <term key="Isenheimer Altar">Auferstehung</term>.<note xml:id="n13">Auf dem Isenheimer Altar in <placeName ref="kbga-places-918">Colmar</placeName>; vgl. unten <ref type="pub" target="../volume/48/p595#p595">S. 595f.</ref></note> Das ists. Die Auferstehung Jesu ist <hi rend="sans-serif">darum</hi> die weltbewegende Kraft, von der wir getragen sind, weil sie die erste Erscheinung einer neuen totaliter aliter<note xml:id="n14">Nach der Legende, in der ein verstorbener Mönch seinem Mitbruder erscheint und auf dessen Frage nach dem «qualiter» des ewigen Lebens – so, wie wir es uns vorgestellt haben? anders?: «<foreign xml:lang="lat">taliter?</foreign>», «<foreign xml:lang="lat">aliter?</foreign>» – antwortet: «<foreign xml:lang="lat">totaliter aliter</foreign>». Vgl. z.B. <bibl corresp="kbga-bibls-2130"><persName ref="kbga-actors-624">P. Jaeger</persName>, <hi rend="italic">Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage</hi>, Tübingen 1917, S. 111, Anm.1</bibl>.</note> – mehr können wir nicht sagen – geordneten Leiblichkeit u. Welt ist. Der hl. Geist d. Pfingsten ist <hi rend="sans-serif">darum der</hi> <hi rend="italic">heil.</hi> Geist, weil er nicht menschl. Geist ist, auch nicht im besten reinsten Sinn, sondern mit Brausen vom Himmel kam [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.2">Act. 2,2</ref>]. Wir warten nicht nur bessrer, reformierter, revolutionierter Verhältnisse, sondern eines <hi rend="sans-serif">n[euen] H[immels] u. einer n[euen] Erde</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. Das neue <term key="Jerusalem, neues">Jerus[alem]</term> hat nicht das Geringste zu tun mit der neuen <term key="Schweiz, neue">Schweiz</term><note xml:id="n15">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz’</persName> Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-1768"><hi rend="italic">Die neue Schweiz. Ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen</hi>, Olten 1917</bibl>.</note> und mit d. internat[ionalen] Zukunftsstaat<note xml:id="n16">Anspielung auf die Bemühungen um die Gründung des Völkerbundes; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3449">Mattmüller II, S. 535–549</bibl>.</note>[,] sondern es kommt, von <hi rend="sans-serif">Gott zuvor bereitet[,]</hi> auf die Erde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2">Apk. 21,2</ref>], wenn s. Stunde da ist. Die Schöpfungsordnung[,] die <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign> wiederbringt, wird zugleich völlig <hi rend="sans-serif">umgeordnet.</hi>[<note n="[*]" type="original">[Bleistifteinfügung zwischen den Zeilen:] Weder finden [?] <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.21 Apk.21.22">Offenb. 21,21f.</ref><note xml:id="n17">Die beiden nicht sicher zu entziffernden Worte könnte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich als Stichworte für das notiert haben, was er im Blick auf <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.21 Apk.21.27">Apk. 21,21–27</ref> in Erinnerung rufen wollte: Weder finden sich im neuen <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> natürliche Lichter wie Sonne und Mond noch ein Tempel.</note></note>  Es stehen der Vervoll<pb xml:id="p511" ed="pga" break="no"/>kommnung der jetz[igen] Verhältnisse <hi rend="sans-serif">Schranken</hi> entgegen, die nur Gott selbst brechen kann. Gott aber wird sie brechen. Der <term key="Reich Gottes, der Tod wird nicht mehr sein">Tod</term> wird nicht mehr sein [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>]. Die <term key="Sexualität">Sexualität</term> auch <term key="Reich Gottes, die Sexualität wird nicht mehr sein">nicht. </term> Der Kampf ums <term key="Kampf ums Dasein">Dasein</term> auch nicht. Gott wird <hi rend="sans-serif">Alles in Allen</hi> sein [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.28">1.Kor. 15,28</ref>], wie er es innerhalb der Entwicklung[,] in der wir jetzt stehen, nicht sein kann. Das ist der Fortgang der Wahrheit in <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>. Unterdessen <hi rend="sans-serif">tun wir in</hi> der Übergangszeit[,] in der wir stehen, unser Bestes, wie es sich geziemt. Gerade darum, <hi rend="sans-serif">weil wir wissen,</hi> daß sie Üb[ergangs-]Zeit ist. Sie ist <hi rend="sans-serif">Kampfplatz u. Übungsfeld.</hi> Wir brauchen nicht zu befürchten, daß der Blick auf diese völlig neue Wendung in der Gesch[ichte] d.
<term key="Gott, Tat">Taten</term> G’s uns den Mut u. die Kraft nehme für das Heutige u. <term key="Diesseits">Diesseitige</term>. Die Kraft des Jenseits ist die Kraft des Diesseits.<note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-11"><persName ref="kbga-actors-410">E. Troeltsch</persName>, <hi rend="italic">Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen</hi>, Gesammelte Schriften, 1. Bd., Tübingen 1912, S. 979</bibl>: «Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits.»</note> Die <foreign xml:lang="lat">spes futurae vitae</foreign> war der heimliche Hebel aller wirklichen Fortschritte u. Revolutionen. Viell[eicht] dient es zur Beruhigung od. Beunruhigung[,] wenn ich sage, daß ich mich im Blick gerade auf diese letzten Erwägungen erst recht freue, <term key="Barth(, Karl), SPS-Mitglied/Sozialist">Soz[ial]dem[okrat]</term> zu sein. Aber über allen Möglichkeiten der Übergangszeit muß als Parole stehen: Ein jeder s. Gesichte ...<note xml:id="n19">Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-132"><persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegens</persName> Choral «Kommt Kinder, laßt uns gehen» (GERS [1891] 327; EG 393), Strophe 2</bibl>:
<q rend="block"><lg><l>Es soll uns nicht gereuen</l><l>Der schmale Pilgerpfad;</l><l>Wir kennen ja den Treuen,</l><l>Der uns gerufen hat.</l><l>Kommt, folgt und trauet dem!</l><l>Ein jeder sein Gesichte</l><l>Mit steter Wendung richte</l><l>Hin nach Jerusalem.</l></lg></q></note></p>
          <ab rend="center">________</ab>
          <p> Ich bin am Ende u. erwarte die unvermeidliche Frage: Was sollen wir denn nun tun? Ich möchte darauf die Generalantwort geben, daß sehr wenig darauf ankommt, ob wir nun dies oder das tun. Wir müssen aber lebendige bewegliche M. sein – bewegt von der Wahrheit <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>i in ihrem ganzen mannigfaltigen Reichtum. Reine <hi rend="sans-serif">Weltbürger</hi> haben wir <pb xml:id="p512" ed="pga"/> genug, begeisterte <hi rend="sans-serif">Kämpfer</hi> haben wir auch genug, <hi rend="sans-serif">Sehnsüchtige</hi> nach der Heimat[,] die droben ist im Licht<note xml:id="n20">Vgl. das Lied «Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh’?» von Fr. L. <persName ref="kbga-actors-1372">Jörgens</persName>: <hi rend="italic">Lieder zur Ehre des Erretters! Vereinslieder des Blauen Kreuzes</hi> (Schweizerausgabe), Bern 1911<hi rend="sup">10</hi>, Nr. 80 (S. 89–91); vgl. <hi rend="italic">Reichs-Lieder. Deutsches Gemeinschafts-Liederbuch</hi>, 2679.-2681. Tausend Neumünster i. Holst. 1999, Nr. 587 (S. 238f.), 1. Strophe:
          <q rend="block">
          <lg>
<l>Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?</l>
<l>Wer deckt sie mit schützenden Fittigen zu?</l>
<l>Ach bietet die Welt keine Freistatt uns an,</l>
<l>Wo Sünde nicht herrschen, nicht anfechten kann?</l>
<l>Nein, nein, nein, nein, hier ist sie nicht,</l>
<l>Die Heimat der Seele ist droben im Licht.</l></lg></q></note>[,]
 haben wir auch genug. Es haben alle auf ihre Weise recht. Wir haben aber zu wenig M., die es einsehen[,] daß das R. G. Alles zugleich ist u. eins im Andern: <foreign xml:lang="lat">regnum naturae</foreign>, <foreign xml:lang="lat">regnum gratiae</foreign> u. <foreign xml:lang="lat">regnum gloriae</foreign>.<note xml:id="n21">Siehe unten <ref type="pub" target="../volume/48/p578#fn_n86">S. 578, Anm. 86</ref>.</note> Wären wir solche M., stünden wir in dieser Centralerkenntnis der Wege Gottes[,] die die rechte Lebenserkenntnis ist, wären wir Zeugen d. Auferstehung Jesu[,] so brauchten wir keine christl. <term key="Ethik, christliche">Ethik</term>. Wer Ohren hat zu hören, der höre [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.15">Mt. 11,15</ref>].</p>
          
          </div>
          <div type="excursus">
          <p><pb xml:id="p513" ed="pga" rend="noPipe"/> 
            <hi rend="small">[Auf der Rückseite des letzten Manuskriptblattes sind von Barth mit Bleistift folgende Stichworte notiert. Wahrscheinlich handelt es sich um Notizen, die sich Barth bei der Diskussion über den Vortrag gemacht hat.]
              <lg><l>Erlebnis gleichgiltig: nun eben nicht Kriterium</l><l>Nicht die Bewegung schafft d. neue Reich: Übung bei Anlaß u. Aufbau</l><l>Pflicht z. Kulturarbeit od. Bekämpfung</l><l><foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign> Haupt der M’heit, aber verborgen</l><l><lb/></l><!-- leerzeile --><l>Jede Partei! Gewalt –</l><l>Erleben: Geist <hi rend="italic">Innseits</hi><note xml:id="n22">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2130"><persName ref="kbga-actors-624">P. Jaeger</persName>, <hi rend="italic">Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage</hi>, Tübingen 1917</bibl>. Barth nahm das Stichwort im Tambacher Vortrag auf; siehe unten <ref type="pub" target="../volume/48/p594#p594">S. 594</ref>.</note> Gefahr</l><l>Für u. Wider</l><l><lb/></l><!-- leerzeile --><l>Hilft uns das? Nicht letztes Ziel, sondern <hi rend="italic">Antrieb</hi></l><l>Kraft d. christl. Lebens</l><l><lb/></l><!-- leerzeile --><l>Das Ganze</l><l><lb/></l><!-- leerzeile --><l>Es ist bedenklich. Bewußt nicht tun. Warten</l><l>Dürfen wir uns verpflichten? Nicht Alles bekämpfen?</l><l><lb/></l><!-- leerzeile --><l>Nicht schmutzige Handschuhe?</l><l>Doch: Krieg, Kaufmann [?]</l><l>Staat, Arzt</l><l><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName></hi></l><l><lb/></l><!-- leerzeile --><l>Gericht da, Mitarbeit <hi rend="italic">und</hi> Vergebung nötig. <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign> als der Erlöser</l><l>Persönl. Weg?</l><l>Verwirrung [?] in <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Χ</foreign>?</l></lg></hi>
          </p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
