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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Das, was nicht geschehen soll</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Das, was nicht geschehen soll, 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48059 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 521–527.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48059</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Das, was nicht geschehen soll</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Das, was nicht geschehen soll, in: Neuer Freier Aargauer Jg. 14, Nr. 188 (15.8.1919), S. [1f.] </bibl>
        <bibl xml:id="A1" type="source">A1 (Exemplar von A): Barth, Karl, Das was nicht geschehen soll, 15. August 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5423">KBA 76</ref>. </bibl>
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        <head>DAS, WAS NICHT GESCHEHEN SOLL</head>
        
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            <date when="1919">1919</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Nach der Gründung der <orgName ref="kbga-actors-10100">3. (Kommunistischen) <term key="Internationale, Dritte">Internationale</term></orgName> am <date when="1919-03-05">5. März 1919</date> in <placeName ref="kbga-places-42">Moskau</placeName> stand die <term key="Sozialdemokratie, schweizerische"><orgName ref="kbga-actors-6132">SPS</orgName></term> vor der Frage, wie sie sich dazu verhalten sollte. Im <date when="1919-07">Juli 1919</date> hatte der Parteivorstand sich für einen Beitritt zur <orgName ref="kbga-actors-10100">3. Internationale</orgName> ausgesprochen. Der entscheidende Parteitag war für den <date to="1919-08-17" from="1919-08-16">16./17. August 1919</date> in die Basler Burgvogtei einberufen worden. Der folgende Artikel von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erschien am Tag vor diesem Parteitag im «<orgName ref="kbga-actors-6494">Neuen Freien Aargauer</orgName>».<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-4076">Neuer Freier Aargauer, Jg. 14, Nr. 188 von Freitag, dem 15.8.1919, S. [1f.]</bibl>.</note> Der Parteitag beschloss nach heftigen Diskussionen deutlich mit 318 zu 147 Stimmen den Beitritt zur Moskauer Internationale. «Es gelang nur noch, die Angelegenheit vor eine Urabstimmung des ganzen Parteivolks zu ziehen».<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-3449">Mattmüller II, S. 514</bibl>.</note> Nach Abschluss der Urnenabstimmungen in den Sektionen am <date when="1919-09-14">14. September 1919 </date>ergab sich, dass das Parteivolk den Beitritt ebenso deutlich mit 14 612 gegen 8 722 Stimmen verworfen hatte.<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-3449">A.a.O., S. 522</bibl>.</note>
          </p>
          <p>
            Nicht unerheblich für das Verständnis des Artikels ist auch die persönliche Situation <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu der Zeit: Im Sommer <date when="1919">1919</date> verstärkten sich in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> die Angriffe auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> wegen seiner sozialdemokratischen Parteinahme. Auf einer Kirchgemeindeversammlung am <date when="1919-08-10">10. August 1919</date> wurde gegen eine Erhöhung des Pfarrlohnes opponiert – er war der zweitniedrigste im Kanton –, um <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> einen Denkzettel zu verpassen. Bei dieser Gelegenheit bekannte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> öffentlich, «daß er Sozialdemokrat sei».<note xml:id="n04">Der «<orgName ref="kbga-actors-6494">Neue Freie Aargauer</orgName>» berichtete im gleichen Blatt, in dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Artikel auf der Titelseite erschien <bibl corresp="kbga-bibls-4076">(Jg. 14, Nr. 188 vom 15.8.1919), auf S. [2]</bibl> über die Gemeindeversammlung in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> am Sonntag, <date when="1919-08-10">10.8.1919</date>: «Mit trefflichen Worten begründet der Präsident die Besoldungserhöhung des Pfarrers. […] Nun entlud sich das Gewitter, das sich seit zirka zwei Jahren auf freisinniger Seite angesammelt hatte, grün und gelb wetterleuchtete es von dort her. […] Herr Pfarrer <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> […] fordert alle seine Gegner auf, jetzt doch einmal seine Missetaten vor der Gemeinde bekannt zu geben, doch niemand meldet sich zum Wort ( – traurige Zeugen – ). Er gibt der Versammlung bekannt, daß er Sozialdemokrat sei und sich freue, das sein zu dürfen, das gebiete ihm sein Charakter und seine Christenpflicht. Starker Beifall belohnt seine Worte. Es wird sodann in geheimer Abstimmung mit großem Mehr das Budget angenommen. Die Besoldung des Pfarrers ist somit von Fr. 3,600 auf Fr. 4,500 festgelegt.» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4453">Gautschi, a.a.O. (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p514#fn_n02">S. <choice><sic ed="pga">509</sic><corr resp="mi" type="misprint">514</corr></choice>, Anm. 2</ref>), S. 228</bibl>.</note> «Daß er den <term key="Bolschewismus, als Vorwurf an Karl Barth">Bolschewismus</term> und <term key="Spartakismus">Spartakismus</term> <pb xml:id="p522" ed="pga"/> verherrliche sei eine Lüge; gerade das Gegenteil habe er getan, er habe die Arbeiterschaft hievor gewarnt».<note xml:id="n05">Aus dem Protokollbuch der Kirchenpflege <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, <date when="1919-08-10">10.8.1919</date>, zit. nach <bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 119</bibl>.</note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <head>Das, was nicht geschehen soll</head>
          <p> Es sollte nicht geschehen, dass am bevorstehenden schweizerischen Parteitag in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> ein Schritt getan würde, der vom Gefühl, von der Stimmung, von den Geistern, die augenblicklich in der Luft herrschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.2">Eph. 2,2</ref>], diktiert wäre. Ein solcher Schritt war schon die ebenso großzügige wie bedeutungslose<note n="a" type="textcritical" xml:id="na">Im Druck irrtümlich: «bedeutungsvolle»; Korrektur von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Exemplar der Zeitung.</note> Ablehnung der <term key="Landesverteidigung">Landesverteidigung</term> am Berner Parteitag von <date when="1917">1917</date>.<note xml:id="n06">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p372#p372">S. 372–381</ref>.</note> Ein solcher Schritt wäre heute der Eintritt in die <orgName ref="kbga-actors-10100">dritte <term key="Internationale, Dritte">Internationale</term></orgName>. Alle solchen Schritte haben es an sich, dass sie teils in der Begeisterung, teils in der Wut getan werden und dass sie von Natur ergebnislos, gefährlich und verwirrend sind. Wir sollten uns nicht immer wieder diesen Luxus, dieses Spiel erlauben. Denn es ist ein Luxus, ein Spiel, was man da treibt. Wir Sozialdemokraten haben eine bewährte Methode, die heißt: Warten, Wachen und Wachsen. Unsere Ernte reift dabei ganz von selbst, heute mehr als je. Das Bürgertum weiß es. Es ist auf der ganzen Linie auf dem Rückzuge. Seine <term key="Bürgertum, Ideale des B.">Ideale</term> verblassen. Es ist geistig mehr und mehr auf die Anleihe aus unsern Schätzen angewiesen. Sein ganzes Programm besteht im Grunde darin, dass es etwas langsamer vorwärts möchte als wir. Auch die Anstrengungen, die man noch gegen uns macht, sind verdeckte Rückzugsmanöver. Die Einsicht, dass der Sozialismus kommt und kommen muss, ist auf der andern Seite verbreiteter, als die meisten von uns denken. Wir sollten nur nicht immer wie gebannt auf die paar Obersten, Redaktoren, Agrarierführer und andern Magnaten sehen, die mit uns verkehren, als ob sie uns fressen wollten. Wir dür<pb xml:id="p523" ed="pga" break="no"/>fen uns nicht von diesen Herren nervös oder gar hysterisch machen lassen. Wir müssen ihnen mit frohem Lachen antworten, nicht mit krampfhaft geballten Fäusten und steilen Sprüchen. Wir müssen unsern Dampf nicht verpuffen, sondern als stille Triebkraft nahe beieinander behalten. Die Schwäche des <term key="Bürgertum, Schwäche des B.">Bürgertum</term>s beruht ja darin, dass seine Haltung auf dumpfen Instinkten beruht. Mit seiner Einsicht ist es längst nicht mehr dort, wo es äußerlich noch steht. Wir dürfen nun aber nicht unserseits in dieses instinktive Wesen hineingeraten, wo man blindlings etwas will, ohne zu wissen, warum man es will, sonst werden und sind auch <hi rend="italic">wir</hi> schwach. Wir dürfen gerade im jetzigen Moment nicht darauf verzichten, aus Einsicht zu handeln, sonst haben wir alles, was auch auf der Gegenseite von wirklicher Einsicht vorhanden ist, gegen uns. Wir müssen mit den Vernünftigen vernünftig sein, nicht mit den Narren närrisch, sonst verstärken wir drüben allerlei Widerstände und Hemmungen, die eigentlich im Schwinden sind. Denn die Zeit arbeitet für uns, nicht für die Gegenseite. Das ist das Grundsätzliche, das ich unsern nach Basel reisenden Delegierten noch einmal zu erwägen geben möchte.</p>
          <p> Das was nicht geschehen sollte, ist das allzu Naheliegende! Das Bekenntnis zum <term key="Bolschewismus, und Sozialdemokratie">Bolschewismus</term> ist uns <term key="Sozialdemokratie, und Bolschewismus">Sozialdemokraten</term> heute durch allerlei, was in der Luft liegt, sehr nahe gelegt. Wer klug ist, wird gerade darum besonders aufpassen, ob es sich nicht um einen glänzenden Betrug handelt, bei dem unter Umständen alles schon Gewonnene wieder verloren gehen könnte. Das Naheliegendste ist fast nie auch das Richtigste.</p>
          <p>Die russische Lehre leuchtet ein, weil sie radikal ist. Sie verkündigt das Wunder, das Unerhörte, das Unmögliche, das Ganze. Das gibt ihr einen Geruch von Wahrheit. Die größten Erinnerungen werden wach, wenn man die Kundgebungen von Lenin und seinen Freunden liest. «Die Vögte sind verjagt, die Burgen sind erobert!»<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 5. Aufzug, 1. Szene, V. 2842</bibl>: «Die Feinde sind verjagt.» – «Die Burgen sind erobert.»</note> «Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>] – so, oder fast so, tönt es aus dem Osten herüber. Ein Philister, wer nicht aufhorchen würde bei dieser Botschaft! Der <term key="Sozialismus, geht aufs Ganze">Sozialismus</term> geht doch auf das Ganze, er ist radikal, oder er <hi rend="italic">ist</hi> nicht Sozialismus. Wir danken für <pb xml:id="p524" ed="pga"/> den verwässerten, flügellahmen Grütlianer<note xml:id="n08">S. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p009#p009">S. 9</ref>.</note>-Sozialismus, der über dem Nächsten das Fernste nicht mehr sieht. Denn wir sehen, welche Früchte diese Art in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> bringt. Sollte nicht doch der <term key="Bolschewismus, echter Sozialismus?">Bolschewismus</term> der echte Sozialismus sein, weil er so radikal ist? Das ist so ein Gefühl, dem man sich jetzt hingeben kann. Aber vergessen wir darüber das eine nicht, dass wirklicher Radikalismus ein Radikalismus der Kräfte sein muss, nicht ein Radikalismus der Worte, Programme und Unternehmungen. Um Kräfte zu haben und in Kraft radikal zu sein, muss man aber warten, arbeiten und erkennen. Ist das etwa in den Massen der russischen Sovietrepublik geschehen, und sind das, was wir jetzt spielen sehen<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb">Im Druck irrtümlich: «was wir jetzt bei vielen sehen»; Korrektur von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Exemplar der Zeitung.</note>, etwa Kräfte? Was uns von dort zu Ohren kommt, sind doch wahrhaft bloße kühne große Worte und Verheißungen und daneben sehr kleinbürgerliche Taten. Es ist keine Kraft da zum Gebären [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.37.3">Jes. 37,3</ref>]. Wäre sie etwa bei uns da? Wer glaubt daran? Die Art, das Wunder, die neue Welt bloß mit Fanatismus zu verkündigen, ohne sie zu zeigen und zu schaffen, erinnert uns <hi rend="italic">zu sehr</hi> an die matte Art der heutigen christlichen <term key="Kirche, heutige">Kirche</term>. Wir berufen uns nicht auf die Zeugnisse unverständiger Feinde des <term key="Bolschewismus, Feinde des B.">Bolschewismus</term>, wir fragen seine Freunde, ob sie das Neue, das ganz <term key="Andere(, das ganz)">Andere</term>, dessen Gegenwart er verheißt, schon gesehen haben und zeigen können. Sie sollen den Beweis des Geistes und der Kraft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.4">1.Kor. 2,4</ref>] führen. Wenn nicht, dann sollen sie uns verschonen mit der Einladung, in eine neue – <term key="Kirche, neue">Kirche</term> einzutreten.</p>
          <p> Bewundernswert am Bolschewismus scheint nun freilich gerade sein Eifer, jenen Beweis durch unmittelbare praktische revolutionäre Taten zu leisten. Der kluge Dimitry <persName ref="kbga-actors-996">Gawronsky</persName>, der das Beste gegen die Bolschewisten geschrieben hat, was ich kenne, hat dieses Drängen zur Tat bloß aus der Erschlaffung, Selbstsucht und Genusssucht der unreifen Masse ableiten wollen.<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4756"><persName ref="kbga-actors-996">D. Gawronsky</persName>, <hi rend="italic">Die Bilanz des russischen Bolschewismus auf Grund authentischer Quellen dargestellt</hi>, Berlin 1919, S. 36.72f.</bibl></note> Er mag wohl recht haben und doch auch wieder nicht. Es muss doch etwas Tieferes dahinter stecken. Die Parole: Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns nun endlich Taten <pb xml:id="p525" ed="pga"/> sehn!<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 214f. (Vorspiel auf dem Theater)</bibl>:
<q rend="block">
<lg><l>Der Worte sind genug gewechselt,</l><l>Laßt mich auch endlich Taten sehn!</l></lg></q></note> ist gerade heute uns allen zu sehr aus dem Herzen gesprochen. Wenn es damit ernst gelten soll, so grüßen wir die Bolschewisten, grüßen unsern linken Flügel, vor allem unsere radikale sozialistische <term key="Jugendbewegung, sozialistische">Jugendbewegung</term>. Auf diesem Boden müssen wir uns verstehen. Wir wissen auch, dass das Gebot der Stunde einmal – und warum nicht heute? – lauten kann, aus der stillen Wachsamkeit hervorzubrechen ins Handeln. Ein Wissen, das nicht zum Tun werden will, ist kein Wissen. Aber auch das ist sicher, dass nur <hi rend="italic">das</hi> Tun ein <hi rend="italic">wirkliches</hi> Tun ist, das aus dem Wissen, aus der Erkenntnis stammt. Die revolutionäre Tat ist ein Unternehmen, das aus <hi rend="italic">großer</hi> Erkenntnis hervorgehen muss. Denn Revolution heißt Umkehrung. Die <term key="Revolution, Umkehrung der Welt">Revolution</term>, die der Sozialismus meint, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Umkehrung der Welt, eine Umkehrung des Menschen. Weniger ist nichts. Es gibt revolutionäre Taten, in <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName> und bei uns, die wohl einiges, aber durchaus nicht das Ganze umkehren. Resolutionen und Beschlüsse fassen, «auf die Straße steigen», aber auch ein Personenwechsel in den Behörden, einige oder viele Expropriierungen und Sozialisierungen sind z.B. an sich noch keine revolutionären Taten, sondern bestenfalls Vorbereitungen zu solchen, unter Umständen aber auch gerade das Gegenteil. Es gibt revolutionäre Tatmenschen, denen jenes Ganze, das sich umkehren müßte, jenes Ganze von Gesinnung und Organisation, Geist und Form, Seele und Leib überhaupt noch gar nicht zu Gesicht gekommen ist, die keine Ahnung haben, um was es eigentlich geht. Ihnen wird es sicher nicht gelingen. Sie werden bei viel Geschrei alles beim Alten lassen. Der ewige Ruf nach Taten könnte auch ein Symptom sein dafür, dass man die entscheidende revolutionäre Tat noch gar nicht kennt, sonst würde man nicht so laut rufen. Das Beste, was wir jetzt «tun» können, besteht darin, noch ganz anders wach zu werden, damit die wirkliche revolutionäre Tat einmal geschehen kann. Wir haben noch unzählige Schläfer in unseren Reihen. Wer bürgt uns dafür, dass wir nicht mit unserem Eintritt in die <orgName ref="kbga-actors-10100">dritte <term key="Internationale, Dritte">Internationale</term></orgName> in eine «Neuauflage der <orgName ref="kbga-actors-10085">zweiten <term key="Internationale, Zweite">Internationale</term></orgName>» hineingeraten – «mit röterer Flagge und schärferen Devisen, aber im <pb xml:id="p526" ed="pga"/> Grunde genau so aktionsunfähig wie die letztere», in eine «neue Internationale der Deklamationen und Sympathiekundgebungen, ohne Kraft und Leben» (<orgName ref="kbga-actors-8768">Berner Tagwacht</orgName>)<note xml:id="n11">Die «<orgName ref="kbga-actors-8768">Berner Tagwacht. Offizielles Publikationsorgan der sozialdemokratischen Partei der Schweiz</orgName>» berichtete in einem dreiteiligen Artikel vom <date to="1919-07-19" from="1919-07-17">17. bis 19.7.1919</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-4758">Nr. 160 [versehentlich als Nr. 161 nummeriert], Nr. 161, Nr. 162 des Jg. 27 [1919], jeweils S. [1]</bibl>) über <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-10100">Die dritte Internationale</orgName></hi>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zitiert eine Passage aus dem Schluss von Teil II vom <date when="1919-07-18">18. Juli</date>: «Das Ganze aber wäre dann nur wieder eine Neuauflage der zweiten Internationale, mit röteren Flaggen und schärferen Devisen, aber im Grunde genau so aktionsunfähig wie letztere. Es wäre nur wieder eine Internationale der Deklamationen und Sympathiebezeugungen, ohne Kraft und Leben.»</note>? Wer bürgt uns dafür, dass wir nicht im Bund mit den Bolschewisten erst recht – schläfrig werden?</p>
          <p> Das dritte am Bolschewismus, was man heute bejahen möchte, ist das an ihm, was ihn zu einer <term key="Posaune, des Weltgerichts">Posaune</term> des <term key="Bolschewismus, Weltgericht">Weltgerichts</term> macht. Nicht umsonst die aufgeregten Verwahrungen und Beschwerden der ganzen bürgerlichen, christlichen und feingeistigen Welt gegen ihn. Sie ahnt den Vergelter, den Rächer ihrer Vergehungen, den Störefried ihres faulen Friedens, die Auflösung ihrer Schein-Kultur, den Sturz ihrer <term key="Götter, Sturz der G.">Götter</term>, das Ende aller <term key="Ende aller Dinge">Dinge</term>. Sie hört ein großes umfassendes: Nein! Sie fühlt sich auf den Anfang zurückgeworfen. Sie weiß vor Verlegenheit nicht aus noch ein. Die Versuchung für uns ist groß, diese Verlegenheit noch größer zu machen und in dieses bolschewistische Nein! kräftig einzustimmen. Es reizt uns jetzt vieles dazu, gerade auch uns im Lande <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName>. Ich darf vielleicht davon reden als einer, der die eigentümliche Lust, die Gerichtstrompete blasen zu helfen, auch kennt und der ihr auch nicht immer widerstanden hat. Wir <hi rend="italic">müssen</hi> aber dieser Lust widerstehen lernen. Gerade diese Gerichtsluft, die durch den <term key="Bolschewismus, Weltgericht">Bolschewismus</term> geht, spricht auch gegen ihn selbst. Er muss<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc">Im Druck folgt auf «muß» noch das Wort «auch». Streichung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Exemplar der Zeitung.</note> seine Rolle nun spielen, und es ist sicher gut, dass er sie spielt, aber man kann unmöglich mit klarem Bewusstsein Ja dazu sagen. Es ist das Böse, das das Böse rächen muss. Gut, aber das geht uns nichts an. Er gehört jedenfalls seinerseits gerade damit zum alten und nicht zum neuen Wesen, nach dem die Menschheit sich sehnt. Wer das Neue, das kommen muss, in seinem Wesen verstanden hat, kann bei <pb xml:id="p527" ed="pga"/> den Bolschewisten nicht mitmachen, und wenn der Gegner es zehnmal verdient hätte. Wir haben uns <hi rend="italic">nicht</hi> nach der Methode des Gegners zu richten; das ist der gefährlichste Irrtum, der heute in unseren Reihen umgeht. Was geht uns der Gegner an? Wir haben unsern eigenen Weg. Der <term key="Sozialismus, und Kapitalismus">Sozialismus</term> darf nicht einfach das Gegenstück werden zum Kapitalismus, das <term key="Proletariat, und Bourgeoisie">Proletariat</term> nicht die ähnliche Nachfolgerin der Bourgeoisie, der <term ref="kbga-keywords-1829">Klassenkampf</term> nicht nur der Streit einer Bestie mit der andern. Wenn die Sozialdemokratie gleich um gleich mit dem Gegner umgehen will, dann wird sie mit ihm eines Wesens. Sie mag dann an der Seite des <term key="Bolschewismus, Weltgericht">Bolschewismus</term> Gerichtstrompete und Henkerschwert werden, aber sie <hi rend="italic">verrät</hi> damit den Geist, von dem sie lebt, und sie verkauft ihr Erstgeburtsrecht. Und wenn uns noch so gerechter Weise der Zorn, der Ingrimm, der Verleider<note xml:id="n12">= Überdruss.</note> dem Bisherigen gegenüber dahin treiben möchte, wo man, dem rasenden Roland<note xml:id="n13">Titelfigur in <bibl corresp="kbga-bibls-4757"><persName ref="kbga-actors-5052">Lodovico Ariostos</persName> Epos <hi rend="italic">Orlando furioso</hi> (1516)</bibl>.</note> gleich, alles Bisherige kurzerhand in Trümmer schlägt, – was hilft es uns, wenn wir darüber aufhören, zu wachsen in dem, was bestimmt ist, das Bisherige, wenn es zerschlagen ist, zu ersetzen? Der Tod ist stark genug, sein notwendiges Amt zu versehen. Wir aber sollen nicht dem Tode dienen, sondern dem Leben. Der <term key="Bolschewismus, hat keine Zukunft">Bolschewismus</term> hat keine Zukunft. In der Erkenntnis dessen, was eine Zukunft <hi rend="italic">hat</hi>, können wir nicht Bolschewisten werden.</p>
          <p>Das ist’s, was wir dem Basler Parteitag wünschen: es möchte dort geredet und gehandelt werden nicht im Rausch des Augenblicks, sondern in der echt politischen Weisheit, die stark und radikal genug ist, über das allzu Naheliegende <hi rend="italic">hinaus</hi>zusehen.</p>
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