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        <title type="volume" n="vol-48">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
        <title type="content">Vom Rechthaben und Unrechthaben</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Vom Rechthaben und Unrechthaben, 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/48062 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921, hrsg. v. Drewes, Hans-Anton / Marquardt, Friedrich-Wilhelm (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2012, S. 599–621.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1914–1921</title>
          <title type="text">Vom Rechthaben und Unrechthaben</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Drewes, Hans-Anton</editor>
          <editor>Marquardt, Friedrich-Wilhelm</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2012</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Vom Rechthaben und vom Unrechthaben, in: Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat Jg. 1 (1919/1920), Sp. 635–641 </bibl>
        <bibl xml:id="A1" type="source">A1 (Exemplar von A): Barth, Karl, Vom Rechthaben und Unrechthaben, 4. Januar 1920. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5429">KBA 82</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Novemberfeier in Suhr   24. Nov. 1919, 24. November 1919. Manuskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/771">KBA 12137</ref>. </bibl>
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        <head>VOM RECHTHABEN UND UNRECHTHABEN</head>
        
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            <date when="1919">1919</date>
          </head>
        
        <div type="abstract">
          <p>
            Die Novemberfeiern der <term key="Grütliverein"><orgName ref="kbga-actors-9772">Grütlivereine</orgName></term> sollten als «Gedächtnistag der Stiftung des <term key="Schweizerbunde">Schweizerbundes</term> im Grütli und als Namensfeiern des Vereins»<note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-215">Vortr. u. kl. A. 1909-1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p684#fn_n02">S. 684, Anm. 2</ref></bibl>.</note> die Ziele der <term key="Arbeiterbewegung">Arbeiterbewegung</term> in Erinnerung rufen. Die Einladung an <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, <date when="1913">1913</date> bei einer solchen Feier in <placeName ref="kbga-places-201">Ober-Entfelden</placeName> zu sprechen, verdeutlicht die Intention gut: «Es soll die <term key="Novemberfeier">Novemberfeier</term> dazu dienen, die Ziele u. Bestrebungen nach Vorwärts u. Aufwärts dem werktätigen Volke zu erläutern und im besondern unsere heutigen wirtschaftlichen u. politischen Zustände im Klassenstaate zu streifen.»<note xml:id="n02"><bibl corresp="kbga-bibls-215">A.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p683#p683">S. 683</ref></bibl>.</note>
          </p>
          <p>
            Am <date when="1919-11-29">29. November 1919</date> hielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Rede zur <term key="Novemberfeier">Novemberfeier</term> in <placeName ref="kbga-places-425">Suhr</placeName>, einem 10 km nordöstlich von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> in der Umgebung von <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> gelegenen Ort mit <date when="1919">1919</date> ca. 2’300 Einwohnern. Der örtliche <term key="Grütliverein"><orgName ref="kbga-actors-9772">Grütliverein</orgName></term>, der sich <date when="1916">1916</date> in eine Sektion der <orgName ref="kbga-actors-6132">sozialdemokratischen <term key="Sozialdemokratie, Schweizerische">Partei</term></orgName> umgewandelt hatte, zählte <date when="1916">1916</date> 30 Mitglieder<note xml:id="n03"><bibl corresp="kbga-bibls-4387"><hi rend="italic">Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei der <term key="Sozialdemokratie, Schweizerische">Schweiz</term></hi><hi rend="italic">, pro 1916</hi> (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p115#fn_n34">S. 115, Anm. 34</ref>), S. 70</bibl>. Für die späteren Jahre liegen keine Zahlen für die lokalen Sektionen vor.</note>. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Rede von <date when="1919">1919</date> fiel deutlich anders aus und bereitete <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> anscheinend auch mehr Kopfzerbrechen als die Festrede von <date when="1913">1913</date>. Am <date when="1919-11-11">11. November 1919</date> schreibt er an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Ich habe noch eine weitere Verlegenheit auf dem Buckel. Die <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> von <placeName ref="kbga-places-425">Suhr</placeName> haben ihren Häuptling zu mir gesandt, ich solle ihnen am <date when="1919-11-29">29. November</date> eine Volksrede halten. Ich seufzte, bat, mahnte, wies darauf hin, daß es eine <term ref="kbga-keywords-67">Predigt</term> geben könnte, und konnte schließlich doch nicht ausweichen, weil der Mann dabei blieb, sie wollten gerade von mir hören, was gerade ich sagen könne und wolle. Nun muß ich gehen, im Kleinen wie du nach <placeName ref="kbga-places-105">St. <term key="Gallen">Gallen</term></placeName>, und weiß doch wirklich nicht, was ich da sagen soll. Nach meiner Rede führen sie ein Stück auf, [die Turner] vielleicht auch noch Pyramiden!<note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p351#p351">S. 351</ref>.</bibl></note></hi></p>
          <p><pb xml:id="p600" ed="pga" rend="noPipe"/> 
            Und am <date when="1919-11-25">25. November</date> klagt er dem Freund, er habe «z. Z. sehr zu schaffen», u. a. 
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">am Samstag die Volksrede in <placeName ref="kbga-places-425">Suhr</placeName>, vor der mir eigentlich graut und vor deren Besuch ich dich nur warnen kann. Es wird ein kurzes Gestammel werden, wobei der Wagen nach der einen oder nach der andern Seite sicher umleert. […] Ich werde den Kragen nachher nicht ausziehen<note xml:id="n05">Wie er es in <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> getan hatte.</note>, aber noch ganz anders der Getüpfte<note xml:id="n06">= Blamierte.</note> sein!<note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="3300#p354">S. 354</ref>.</bibl></note></hi></p>
          <p>
            
              <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>
            
            beruhigte ihn am
<date when="1919-12-02">1. Dezember</date> mit einer längeren Überlegung zum Sinn und zur Bedeutung des «Herstellen[s] einer Beziehung, an die niemand denkt und glaubt». Er schreibt u. a. :
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Deine Suhrerrede war nichts weniger als ein Durchfall. Für mich hatte sie etwas durchaus Überzeugendes und Befreiendes. Es muß bei solchen Gelegenheiten irgendwie doch beim Gleichnis bleiben, wie es bei dir geschehen ist. Du hast uns den <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> ausgelegt und zum Schluß auch noch die letzte Beziehung aufgedeckt, von der her alles Vorhergehende geredet war - für die, welche Ohren hatten zu hören. Das ist vorläufig sicher genug. Wer mehr sagen will, sagt weniger.</hi><note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I, <ref type="pub" target="../volume/03/p355#p355">S. 355</ref>.</bibl><note resp="mi" type="digital" xml:id="nα" n="α">Die Reihenfolge der Anmerkungen 8 und 9 ist hier korrigiert. Sie sind in der Druckausgabe vertauscht.</note></note></p>
          <p>
            <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Rede über die <term key="Sozialisten">Sozialisten</term>, die <term ref="kbga-keywords-1119">unrecht</term> haben, zu der wohl auch die Erwägungen über das Verhältnis von <term key="Rechthabern">Rechthabern</term> und <term key="Unrechthabern">Unrechthabern</term> in der <term ref="kbga-keywords-67">Predigt</term> vom <date when="1919-05-25">25. Mai 1919</date> über <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.11 Eph.2.22">Eph. 2,11–22</ref><note xml:id="n09"><bibl corresp="kbga-bibls-3463"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Predigten 1919</hi>, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, <ref type="pub" target="../volume/39/p198#p198">S. 198–205</ref></bibl>. Vgl. auch oben <ref type="pub" target="../volume/48/p151#p151">S. 151</ref>.</note> ein Motiv gewesen sind, fand nach dem Echo in der Presse zu urteilen auch sonst viel Zustimmung. <orgName ref="kbga-actors-6494">Der Neue Freie Aargauer</orgName><note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-4076">Jg. 14 (1919), Nr. 283 vom 4.12.1919, S. [2]</bibl>.</note> vermittelte ein vollständiges Bild von allen Facetten des Abends:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte"><placeName ref="kbga-places-425">Suhr</placeName>. (Korr.) Bei vollbesetztem Saale hielt die sozialdemokratische Partei am letzten Samstag im Gasthof zum Bären ihre Novemberfeier ab. Der Andrang war fast zu groß, um alle Besucher aufzunehmen. Alles wickelte sich prompt ab. Dem Arbeiter-Männerchor von ­<placeName ref="kbga-places-460">Gränichen</placeName>, der mit etwa 35 Mann aufrückte und das Programm mit dem Schmiedelied eröffnete, das brausend und doch so harmonisch durch den Saal klang, sei hier nochmals der beste Dank ausgespro<pb xml:id="p601" ed="pga" break="no"/>chen. Der Referent, Genosse Pfarrer <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, hat sich selbst übertroffen und mancher mag eine Nase voll genommen haben, der bisher verächtlich auf uns «Sozi» herabsah. Auch ihm sei hier der herzlichste Dank ausgesprochen. Die Rollen des Theaterstückes «Proletarierlos» waren ausnahmslos in guten Händen, wobei die Hauptrollen, Anneli und Moritz speziell erwähnt werden dürfen. Der Gabentempel war reich bedeckt, daher der reißende Absatz der Lose. Daß der zweite Teil den Humor auf die richtige Höhe brachte, haben wir nebst den Liedern des Arbeiter-Männerchors von <placeName ref="kbga-places-460">Gränichen</placeName> auch den beiden Lustspielen zu verdanken. Auch das Tanzbein kam zu seinem Rechte, und die flotte Musik von <placeName ref="kbga-places-460">Gränichen</placeName> hatte nicht allzuviel Ruhe. Das vorzügliche Essen und der gute Wein mögen viel dazu beigetragen haben.</hi></p>
          <p>
            Als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> überlegt, ob er das «Suhrer Redlein» dem «<orgName ref="kbga-actors-8244">Neuen Werk</orgName>» zur Veröffentlichung überlassen solle<note xml:id="n11">Brief vom <date when="1919-12-03">3.12.1919</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I., <ref type="pub" target="3303#p357">S. 357</ref></bibl>. <persName ref="kbga-actors-607">Otto Herpel</persName> hatte ihn am <date when="1919-12-03">3.11.1919</date> zur Mitarbeit an der Zeitschrift aufgefordert (<ref type="kba-objects-id" target="10280">KBA 9319.222</ref>).</note>, drängt ihn <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Hast du deine Suhrer Rede schon abgesendet? Tu’s doch. Mir ist sie hilfreich gewesen: das Nein der <term key="Sozialdemokratie, Schweizerische">Sozialdemokraten</term> zu allen <term key="Geistigkeiten">Geistigkeiten</term>, <term key="Kulturerhebungen">Kulturerhebungen</term>, <term key="Verklärungen">Verklärungen</term> und steilen <term key="Ikarusflügen">Ikarusflügen</term>, das Verharrenwollen in der Unsicherheit, das darin Kindlichsein: das ist die Wahrheit und muß jetzt gesagt werden, so fraglich alle «Stellungen» dadurch werden.<note xml:id="n12">Brief vom <date when="1919-12-12">12.12.1919</date>, <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th.I., <ref type="pub" target="../volume/03/p359#p359">S. 359</ref></bibl>.</note></hi></p>
          <p>
            Als die Rede dann tatsächlich unter dem Titel «Vom <term key="Rechthaben">Rechthaben</term> und <term key="Unrechthaben">Unrechthaben</term>» im «<orgName ref="kbga-actors-8244">Neuen <term key="Werk, Neuen">Werk</term></orgName>»<note xml:id="n13"><bibl corresp="kbga-bibls-4779">Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat, Jg. 1 (1919/20), Nr. 40 vom 4.1.1920, Sp. 635–641</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-607">Herpel</persName> hatte für die Zusendung des Manuskripts am <date when="1919-12-08">8. (18.?) 12.1919</date> gedankt (<ref type="kba-objects-id" target="10347">KBA 9319.269</ref>): «Das wird so abgedruckt, wie es da steht mit herzlicher Freude des Herausgebers am Stein des Anstoßes.»</note> erschien, widerfuhr ihr ein geteiltes Echo. <persName ref="kbga-actors-316">Rudolf Pestalozzi</persName> ließ <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Anfang <date when="1919-02">Februar</date> wissen: Die <term key="Suhrerrede">Suhrerrede</term> «zirculiert lebhaft in bürgerlichen u. halbbürgerlichen Kreisen u. verfehlt ihren Eindruck nicht. <persName ref="kbga-actors-315">Gerty [Pestalozzi]</persName> ist entzückt davon, sie ist aber auch wirklich fein.»<note xml:id="n14"><ref type="kba-objects-id" target="10430">KBA 9320.44</ref>.</note> Positiv hatte sie auch der als <term key="Sozialist">Sozialist</term> und <term key="Schriftsteller">Schriftsteller</term> bekannte Pfarrer Lic. <persName ref="kbga-actors-597">Hans <pb xml:id="p602" ed="pga"/> Hartmann</persName> in <placeName ref="kbga-places-616">Solingen</placeName> aufgenommen. Schon am <date when="1920-01-05">5.1.1920</date> schreibt er an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName><note xml:id="n15"><ref type="kba-objects-id" target="10377">KBA 9320.6</ref>.</note>:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Ich habe soeben im <orgName ref="kbga-actors-8244">Neuen <term key="Werk, Neuen">Werk</term></orgName> Nr. 40 Ihren Aufsatz gelesen und möchte nur sagen, wie sehr ich die unendlich tiefe Verwandtschaft empfinde. Ich will mich nicht rühmen, aber ich las hierin ein Spiegelbild meiner Seele, wie es auch eines der Ihrigen ist. Wäre nur die Verbindung zwischen uns auch äußerlich lebhafter!</hi></p>
          <p>
            Freilich empfand er «zwei Dinge» in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> «Betrachtung noch als ‹Probleme›»:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">1. Sie verlangen</hi> Treue <hi rend="text-recte">zum <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> von den Arbeitern. Machen Sie sie nicht manchmal</hi> allzu <hi rend="text-recte">unsicher in bezug auf die Bedeutung ihrer praktischen Ziele, so daß sie diese Treue nicht mehr mit innerer Freudigkeit halten können? 2. Ist diese</hi> voll<hi rend="text-recte">ständige Bewußtheit des</hi> Narr- und Träumer-Seins <hi rend="text-recte">nicht ein Herabgleiten vom Gipfel? Ist da der eigentliche Sinn unseres Seins nicht in</hi> Gefahr <hi rend="text-recte">wenigstens verloren zu gehen.</hi></p>
          <p>
            Ganz ablehnend war die Reaktion <persName ref="kbga-actors-420">Paul Wernles</persName>. Am <date when="1920-02-29">29. Februar 1920</date> schreibt er über die ihm zugesendeten Vorträge von <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> und <placeName ref="kbga-places-425">Suhr</placeName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName><note xml:id="n16"><ref type="kba-objects-id" target="10457">KBA 9320.62</ref>.</note>:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Seit mehreren Wochen liegen Ihre beiden letzten Zusendungen auf meinem Schreibtisch &amp; ich habe Ihnen noch nicht einmal den Empfang angezeigt. Für die Freundlichkeit, die in dieser Zusendung liegt, danke ich Ihnen gern, für den Inhalt kann ich nicht recht danken, weil Sprache &amp; Gedanken mir weder in Kopf noch Herz eingehen wollen &amp; ich mich ernsthaft frage, ob denn die Zuhörer im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> oder die in <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> es besser verstehen konnten als ich. Ihre Schreibart hat so gar nichts von der <term key="Einfalt">Einfalt</term> der biblischen Autoren, es steckt so viel <term key="Geistreiches">Geistreiches</term>, gemacht <term key="Paradoxes">Paradoxes</term>, darin, so viel <term key="Durcheinander">Durcheinander</term> von Ja &amp; Nein, Position &amp; Negation, <term key="Hyperorthodoxie">Hyperorthodoxie</term> &amp; <term key="Hypermodern">Hypermodernem</term>, dass ein Mensch wie ich einfach nichts damit anfangen kann. Vielleicht ist Ihnen das eine Empfehlung, indem Sie sich im Stillen sagen: wenn ich etwas damit anfangen könnte, so wäre es schon lätz<note xml:id="n17">= unrichtig, ungut.</note> damit bestellt.</hi></p>
          <p><pb xml:id="p603" ed="pga" rend="noPipe"/> 
            Eine Anfrage, die nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Empfinden aus gemeinsamem Verstehen kam, äußerte Pfarrer <persName ref="kbga-actors-6465">Otto Reinhold</persName> in Kruspis in <placeName ref="kbga-places-611">Hessen</placeName> im Rahmen eines Flugblattes «Vom Kämpfen», das er im <date when="1920-03">März 1920</date> Barth zuschickte<note xml:id="n18"><ref type="kba-objects-id" target="10510">KBA 9320.95</ref>; dort S. 4. Mit einigen Streichungen erschien der Text später in: <bibl corresp="kbga-bibls-4779">Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat, Jg. 2 (1920/21), S. 106–113</bibl>.</note>. <persName ref="kbga-actors-6465">Reinhold</persName> schreibt:
          </p>
          <p> <hi rend="text-recte">Wir dürfen nicht dort anfangen, wo die <term key="Schweizer">Schweizer</term> angefangen haben und auch nicht dort, wo sie heute stehen; es ist auch nicht nötig, daß wir, wie einer der <term key="Schweizer">Schweizer</term> in <placeName ref="kbga-places-334">Tambach</placeName> meinte, erst praktisch durch den <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> hindurchgehen müßten. […] Wir müssen ihn erkennen und anerkennen als das Gleichnis des Reiches <term key="Gleichnis, des Reich Gottes">Gottes</term>, das er war in einer Zeit, wo die <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term> ihn als die <term key="gottlos">gottlose</term> Bewegung befehdete oder doch abseits stehen ließ. Wir dürfen aber nicht mehr mit unserer Kraft jetzt in den sozialistischen <term key="Kampf, sozialistischer">Kampf</term> eintreten, so wenig die Heiden zu <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>’ Zeiten erst <term key="Juden">Juden</term> werden mußten; denn der <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> ist heute das «Gleichnis des Reiches <term key="Gleichnis, des Reich Gottes">Gottes</term>» in der Welt nicht mehr, jedenfalls bei uns Deutschen nicht mehr, nachdem er bei uns zum Siege gekommen ist. Das Reich <term key="Reich, Gottes">Gottes</term> siegt nur durch Niederlagen, und der <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> ist nur solange im <term ref="kbga-keywords-337">Recht</term> gewesen, solange er vor der Welt im <term ref="kbga-keywords-1119">Unrecht</term> war. Das fühlt <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> sehr deutlich. Er wird sich aber, fürchte ich, vergeblich bemühen, den <term key="Sozialisten">Sozialisten</term> das Bewußtsein als derer, die «Unrecht haben»[,] zu erhalten.</hi></p>
          <p>
            Barth antwortet auf die Zusendung am <date when="1920-03-30">30. März 1920</date><note xml:id="n19"><ref type="kba-objects-id" target="10509">KBA 9220.16</ref>.</note>:
          </p>
          <p><hi rend="text-recte">Sehr gut! Eben gerade</hi> das <hi rend="text-recte">ists! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue endlich aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> eine Stimme zu hören, die unzweideutig aus der</hi> gleichen <hi rend="text-recte"><term key="Not">Not</term> u. <term ref="kbga-keywords-276">Hoffnung</term> heraus kommt[,] in der ich auch stecke. [...] Sie</hi> habens <hi rend="text-recte">verstanden, ich weiss nicht ob mit uns, oder ohne uns, oder gegen uns, es ist auch ganz gleichgiltig, Sie habens verstanden, Sie</hi> stehen <hi rend="text-recte">vor dem letzten toten und lebendigen Punkt[,] vor dem wir auch stehen.</hi></p>
          <p>
            Wie weit die Zustimmung ging, wird deutlich an der Liste von «<term key="Bekannten">Bekannten</term> u. <term key="Korrespondenten">Korrespondenten</term>, die Ihr Flugblatt unbedingt lesen müssen, z.T. zur <term key="Seligkeit">Seligkeit</term>, z.T. zum <term key="Ärgernis">Ärgernis</term> u. zur <term key="Thorheit">Thorheit</term>», die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit der Bitte anfügt, «es ihnen sofort» auf seine Kosten «zuzustellen». In einem Postscriptum fügt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> noch an:
          </p>
          <p><pb xml:id="p604" ed="pga" rend="noPipe"/> <hi rend="text-recte">Die Stellung zum <term key="Sozialismus">Sozialismus</term> trennt uns nicht. Das vom <term key="Unrechthaben">Unrechthaben</term> ist das Letzte u. Äußerste, was ich positiv dazu zu sagen habe u. was mich in der Partei festhält. Den Moment, wo die Soz.dem. recht haben wird (bei uns ist er noch nicht da!) sehe ich mit Schmerzen kommen. Dann ists in der Tat auch mit diesem Gleichnis vorbei. Ists bei Ihnen schon so weit?</hi></p>
          <p>Diese besondere Haltung zur <term key="Sozialdemokratie">Sozialdemokratie</term> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zwei Tage zuvor schon in einem andern Brief nach <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> erläutert. An <persName ref="kbga-actors-776">Richard Siebeck</persName> schreibt er am <date when="1920-03-28">28. März 1920</date><note xml:id="n20"><ref type="kba-objects-id" target="10504">KBA 9220.14</ref>. <persName ref="kbga-actors-776">Siebeck</persName> hatte am <date when="1920-03-13">13. März 1920</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> geschrieben (<ref type="kba-objects-id" target="17587">KBA 9230.78</ref>): «Nun noch etwas vom Sozialismus. Ich verstehe es jetzt auch besser, wie Sie’s meinen, u. doch stehe ich anders.»</note>, er glaube sich <hi rend="text-recte">nicht zu täuschen in dem Eindruck, daß wir einig sind. – Auch in Bezug auf den <term key="Sozialismus">Sozialismus</term>. Ich könnte unter andern Umständen, z.B. wenn ich jetzt in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> lebte, auch die «Schmach» des <term key="Bürgertum">Bürgertums</term> der «<term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term>» der <term key="Sozialdemokraten">Sozialdemokraten</term> vorziehen. Hier muß ich auf diesem Bein stehen, wie Sie es ja auch empfinden.</hi></p>
          <p>
            Die Edition folgt dem Abdruck in «<orgName ref="kbga-actors-8244">Das neue <term key="Werk, das neue">Werk</term></orgName>». Der textkritische Apparat dokumentiert die Abweichungen des Manuskripts, das die Überschrift trägt: «<term key="Novemberfeier">Novemberfeier</term> in <placeName ref="kbga-places-425">Suhr</placeName>, <date when="1919-11-29">29. November 1919</date>».
          </p>
        </div>
        <div>
          <head>Vom Rechthaben und Unrechthaben</head>
          <head type="sub">Rede, gehalten zu einer <lb/>sozialdemokratischen Volksversammlung</head>
          
            <salute>Liebe Genossen und Freunde!</salute>
          
          <p>Warum<note n="a" type="textcritical" xml:id="na"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «1. Warum».</note> sind wir Sozialisten? Sicher <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>nicht darum, weil wir meinen<note n="b" target="fn-b" type="textcritical" xml:id="nb"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «<hi rend="sans-serif">nicht darum, weil wir meinen</hi>».</note>, die Besseren und Gescheiteren zu sein vor anderen Leuten. <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>Die Bürgerlichen, die etwa hier sind, brauchen keine Angst zu haben<note n="c" target="fn-c" type="textcritical" xml:id="nc"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ich sage das auch zu den anwesenden Bürgerlichen. Sie brauchen keine Angst zu haben».</note>, heute wieder einmal, und jetzt <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>gar noch<note n="d" target="fn-d" type="textcritical" xml:id="nd"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «noch gar».</note> von einem Pfarrer, <pb xml:id="p605" ed="pga"/> <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>hören zu müssen<note n="e" target="fn-e" type="textcritical" xml:id="ne"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «zu hören».</note>, dass wir allein recht haben. Nicht wahr, Genossen, wir <hi rend="italic">wollen</hi> ja gar nicht recht haben! Behüt uns Gott davor, dass wir je recht haben! <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>Gerade darum sind wir ja Sozialisten, weil wir <term ref="kbga-keywords-1119">unrecht</term> haben. Das große Unrecht der Welt, der Gesellschaft, der Menschen, wir haben es in uns. Es<note n="f" target="fn-f" type="textcritical" xml:id="nf"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Man könnte viel eher sagen, dass wir Sozialisten sind, weil wir Unrecht haben. Ja, wir Soz[ialisten] haben das Unrecht in uns, das grosse Unrecht der Welt, der Gesellschaft, der Menschen. Dieses große Unrecht».</note> hat eines Tages in uns zu brennen begonnen wie ein Feuer. <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>Es ist in uns hineingefahren und hat von uns Besitz genommen. Es wurde unsere Frage, unsere Sorge, unser Rätsel, unsere Unruhe.<note n="g" target="fn-g" type="textcritical" xml:id="ng"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Es wurde unsre Sorge, unsre Frage, unser Rätsel, dass es so ist in der Welt: Macht geht vor Recht! Dieses ganze <term ref="kbga-keywords-1119">Unrecht</term> ist in uns hineingefahren und hat von uns Besitz genommen.»</note></p>
          <p><anchor type="note" xml:id="fn-h"/>Wisst ihr noch, wie ihr dazu gekommen seid<note n="h" target="fn-h" type="textcritical" xml:id="nh"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Erinnert euch, wie ihr <hi rend="sans-serif">dazu gekommen seid</hi>».</note>, in die Gewerkschaft, in den Arbeiterverein einzutreten?<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «einzutreten.».</note><anchor type="note" xml:id="fn-j"/>Sicher  die Wenigsten aus großer Wissenschaft, wie sie in den Büchern und Zeitungen steht. Sicher die Wenigsten in der Meinung, eine besonders gute Tat zu tun. Nein, da ist nichts zu rühmen. Bei den allermeisten ging es wohl so zu, dass es ihnen bei irgend einer Erfahrung in der Fabrik oder in der Gemeinde blitzklar wurde: Also so steht’s in der Welt, so darf es stehen! So geht <term key="Macht, und Recht">Macht</term> vor Recht!<note xml:id="n21">«Macht geht vor Recht»: ein von <persName ref="kbga-actors-3930">Maximilian Graf von Schwerin</persName> in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom <date when="1863-01-27">27.1.1863</date> dem Ministerpräsidenten <persName ref="kbga-actors-500">Otto von Bismarck</persName> unterstellter Ausspruch; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 453f.</bibl></note> So regiert das <term key="Geld, regiert die Welt">Geld</term> die Welt!<note xml:id="n22">Zum Hintergrund des Sprichworts «Geld regiert die Welt» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 335</bibl>.</note> <pb xml:id="p606" ed="pga"/> Solch ein Lügner ist der Mensch! Seitdem könnt ihr nicht mehr zusehen. Seitdem seid ihr beteiligt am großen Unrecht. Unruhige, unbefriedigte Menschen seid ihr geworden; Menschen, die immer nach etwas fragen und suchen müssen, was es in der Welt offenbar gar nicht gibt; Menschen, die immer murren und klagen müssen gegen das, was jetzt ist.<note n="j" target="fn-j" type="textcritical" xml:id="nj"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Sicher die Wenigsten darum[,] weil sie Bücher u. Zeitungen gelesen hatten, sicher die Wenigsten in der Meinung, damit etwas bes. Gutes zu tun. Wohl aber die Allermeisten darum, weil es ihnen bei irgend einer Erfahrung in der Fabrik oder in der Gemeinde auf einmal blitzklar wurde: Also so gehts zu in der Welt, so darf es zugehen! Da ist das grosse Unrecht der Welt in euch hineingefahren, seitdem könnt ihr nicht mehr ruhig zusehen, seitdem seid ihr unruhige unbefriedigte Menschen geworden, Menschen die immer fragen u. suchen müssen nach etwas, was es in der Welt offenbar nicht giebt, Menschen, die murren u. schreien müssen gegen das was jetzt in der Welt ist.»</note> O, es geht nicht eben schön und ideal zu, wenn einer Sozialist wird. <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>Murren und Klagen ist nun einmal nichts Schönes.<note n="k" target="fn-k" type="textcritical" xml:id="nk"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Murren und Schreien ist nun einmal nichts Schönes, das wissen wir selbst am Besten.»</note> Ihr wisst ja, was die anderen von uns sagen: Wir seien so gar nicht fein, so grob, so trotzig, so aufbegehrerisch, wir hätten so viel Nein in uns. <anchor type="note" xml:id="fn-l"/>Ach ja, nicht wahr, wir<note n="l" target="fn-l" type="textcritical" xml:id="nl"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Sie haben gar nicht so Unrecht. Wir».</note> wissen es ja selbst, wir wären auch gern feiner, wir geben uns sogar alle Mühe, fein zu sein; <anchor type="note" xml:id="fn-m"/>aber es will fast nicht gelingen, es bleibt immer noch etwas übrig, das den anderen zu ihren Klagen Anlass gibt<note n="m" target="fn-m" type="textcritical" xml:id="nm"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «aber das wissen wir[,] es bleibt immer noch etwas übrig, das den Klagen der Andern Recht giebt».</note>. Es gibt wirklich Leute, die feiner, ruhiger, verständiger sind als wir. Und das Schlimmste ist, dass wir das nicht einmal ändern können. <anchor type="note" xml:id="fn-n"/>Wer das Unrecht in sich hat, kann nicht recht haben, und wenn er noch so gern wollte. Ein Sozialist wird in den Augen aller vernünftigen Leute immer etwas Gefährliches und Unerfreuliches sein. Wir müssen es uns gefallen lassen.<note n="n" target="fn-n" type="textcritical" xml:id="nn"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Das[,] was da in uns brennt, hindert uns daran, und wir müssen es uns gefallen lassen, dass ein Sozialist von allen vernünftigen Leuten als etwas Verdächtiges, Gefährliches u. Unerfreuliches angesehen wird.»</note> Wenn wir in ihrer Haut stecken würden, wir würden es <anchor type="note" xml:id="fn-o"/>auch so<note n="o" target="fn-o" type="textcritical" xml:id="no"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gleich».</note> ansehen; aber wir stecken nun einmal, ich hätte fast gesagt unglücklicherweise, in unserer Haut und müssen sein, was wir sind: Nicht die guten, sondern die <hi rend="italic">bösen</hi> Sozialisten.</p>
          <p>So<note n="p" type="textcritical" xml:id="np"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Und so».</note> ist ja der Sozialismus <anchor type="note" xml:id="fn-q"/>auch im großen und ganzen immer dagestanden<note n="q" target="fn-q" type="textcritical" xml:id="nq"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «<hi rend="sans-serif">auch im Grossen Ganzen immer dagestanden</hi> vor der Welt».</note>. Immer, wenn die Leute recht hatten und sich darüber freuen wollten, standen die Sozialisten daneben und hatten das große Unrecht in sich, und schon ihr Dasein war ein bitterer Tropfen in die Freude. Ich will nur ein paar Beispiele nennen. – Wie war’s denn vor dem Krieg, als noch jedermann an das Märlein glaubte, dass die so<pb xml:id="p607" ed="pga" break="no"/>genannte moderne <anchor type="note" xml:id="fn-r"/>Kultur ein wirklicher Fortschritt sei<note n="r" target="fn-r" type="textcritical" xml:id="nr"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Kultur mit ihren Errungenschaften ein wirklicher Fortschritt gegen früher sei».</note>, als sie in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> droben<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «droben in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>».</note> ihre <term key="Landesausstellung"><orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName></term> abhielten<note xml:id="n23"><date when="1914">1914</date> fand in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> von Mai bis Oktober die dritte schweizerische <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName> statt. Die Landesausstellungen entwickelten sich im 19. Jahrhundert aus einer Leistungsschau von Schweizer Unternehmen zur Inszenierung der nationalen Leistungsfähigkeit. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4794"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName>. Predigt, gehalten in Safenwil am 7. Juni 1914</hi>, in: Predigten 1914, <ref type="pub" target="../volume/05/p301#p301">S. 301–314</ref></bibl>.</note> und sich nicht genug tun konnten im Jubel, wie herrlich weit man es doch gebracht<note xml:id="n24">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust I</hi>, V. 573 (Nacht)</bibl>. </note>? <anchor type="note" xml:id="fn-t"/>Grollend abseits standen wir Sozialisten<note n="t" target="fn-t" type="textcritical" xml:id="nt"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Da mussten wir Soz. grollend abseits stehen».</note>, und was in uns grollte, war das große <term ref="kbga-keywords-1119">Unrecht</term>, <anchor type="note" xml:id="fn-u"/>und mit spitzem Finger zeigten wir ungläubig auf<note n="u" target="fn-u" type="textcritical" xml:id="nu"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und mussten mit spitzen Fingern zeigen auf».</note> die ganze Herrlichkeit: Das ist <term ref="kbga-keywords-163">Kapitalismus</term>, <anchor type="note" xml:id="fn-v"/>das ist <term ref="kbga-keywords-1487">Ausbeutung</term> der Schwachen durch die Starken, da ist Gesundheit geopfert und Tränen und Blut, das ist «Menschenopfer unerhört»<note xml:id="n25">Aus der 9. Strophe von <bibl corresp="kbga-bibls-4795"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Die Braut von Korinth»</bibl>:
          <q rend="block">
            <lg><l>Opfer fallen hier,</l><l>Weder Lamm noch Stier,</l><l>Aber Menschenopfer unerhört.</l></lg></q></note>! Freue sich, wer da will, über das, was ihr da herstellt und ausstellt, wir freuen uns nicht mit!<note n="v" target="fn-v" type="textcritical" xml:id="nv"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «das beruht auf der Ausbeutung der Schwachen durch die Starken, da ist Blut geopfert u. Thränen u. Gesundheit! das kommt nur den Allerwenigsten wirklich zu gut was ihr da geschaffen habt.»</note> Keine schöne Stellung, die wir da <anchor type="note" xml:id="fn-w"/>einnahmen, aber <hi rend="italic">konnten</hi> wir denn anders? – Wie war es, als der Krieg kam, als der ehrwürdige Gedanke des <term ref="kbga-keywords-1732">Vaterland</term>es noch einmal lebendig wurde in allen Völkern <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName> wie noch nie, als die große Welle von Begeisterung, Opfersinn und Heldenmut, von <term ref="kbga-keywords-1379">Idealismus</term>, wie sie es nannten, durch<note n="w" target="fn-w" type="textcritical" xml:id="nw"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «eingenommen haben, aber wir konnten nicht anders, wir mussten. Wie war es während des Krieges, als der Gedanke des Vaterlandes in allen Völkern <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName> noch einmal lebendig wurde wie noch nie, als es wie eine Welle von Begeisterung, Opfersinn u. Heldenmut durch».</note> die Millionen ging, bei uns und noch ganz anders draußen in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName>? Wer stand da wieder abseits und ließ sich <hi rend="italic">nicht</hi> begeistern, sang <hi rend="italic">nicht</hi> mit: Rufst du mein Vaterland!<note xml:id="n26">Anfang der damaligen schweizerischen Nationalhyme, deren Text von <persName ref="kbga-actors-1418">Johann Rudolf Wyss</persName> (1782–1830) stammt; z.B. in <bibl corresp="kbga-bibls-1795"><hi rend="italic">Liederbuch für die schweizerische Studenten-Verbindung Zofingia</hi>, Zürich 1891<hi rend="sup">4</hi>, Teil I, S. 3f.</bibl></note>, beteiligte <pb xml:id="p608" ed="pga"/> sich <hi rend="italic">nicht</hi> an der Nationalspende<note xml:id="n27">Auf Initiative des Generalstabschefs Oberst <persName ref="kbga-actors-785">Theophil Sprecher von ­Bernegg</persName> wurde am <date when="1919-01-30">30.1.1919</date> eine «Schweizerische Nationalspende für unsere Soldaten und ihre Familien» begründet, die unter der Aufsicht des <orgName ref="kbga-actors-7798">Bundesrates</orgName> stand (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4796"><persName ref="kbga-actors-4726">B. Hartmann</persName>, <hi rend="italic">Oberstkorpskommandant Theophil Sprecher v. ­Bernegg, Generalstabschef der schweiz. Armee 1914-1919. Versuch einer Biographie</hi>, Chur 1930, S. 117</bibl>).</note>, <anchor type="note" xml:id="fn-x"/>ging <hi rend="italic">nicht</hi> nach <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName>, als sie dort zum Schluss sich selber ein Denkmal errichteten<note xml:id="n28">Aaargauer Soldatendenkmal, das im Herbst <date when="1919">1919</date> zur Erinnerung an die während der Grenzbesetzung <date to="1918" from="1914">1914–1918</date> verstorbenen Wehrmänner auf dem Aarauer Holzmarkt errichtet wurde. Die Sozialdemokratie distanzierte sich von diesem Denkmal und empfahl der Arbeiterschaft, der Einweihung fernzubleiben. Die sozialdemokratische Zeitung «<orgName ref="kbga-actors-6494">Neuer Freier Aargauer</orgName>» schrieb am <date when="1919-10-02">2.10.1919</date>, man empfinde sehr die Not der vom Krieg getroffenen Familien; ihnen sei aber nicht geholfen «mit vaterländischem Klimbim und einem wertlosen Stein». Im Hinblick auf den im Krieg zutagegetretenen Nationalismus und Militarismus sei es besser, «wenn man das Vergangene mit einem großen Stein zudeckt» (<bibl corresp="kbga-bibls-4752"><persName ref="kbga-actors-3851">W. Gautschi</persName>, <hi rend="italic">Die Geschichte des Kantons Aargau 1885-1953</hi>, a.a.O. [s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p514#fn_n02">S. 514, Anm. 2</ref>], S. 230</bibl>).</note>?<note n="x" target="fn-x" type="textcritical" xml:id="nx"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «suchte aller Vernunft zuwider den Feind nicht jenseits, sondern diesseits der Grenze?»</note> Wer hat auch da wieder mit spitzem, bösem Finger gezeigt, diesmal auf den so allgemein selbstverständlichen und einleuchtenden Vaterlandsgedanken: <term ref="kbga-keywords-1201">Nationalismus</term>, <term key="Militarismus">Militarismus</term>, Tollwut ist das, was ihr da so emporhebt! Wir Sozialisten sind es gewesen, wir mit<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wir bösen Sozialisten mit».</note> dem großen Unrecht im Leibe. Auch diesmal keine schöne Stellung, wahrhaftig nicht, sondern eine trotzige, widerspruchsvolle, böse Stellung; <anchor type="note" xml:id="fn-z"/>aber konnten wir denn anders, <hi rend="italic">mussten</hi> wir nicht?<note n="z" target="fn-z" type="textcritical" xml:id="nz"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «aber wir konnten nicht anders, wir mussten.»</note> – Und nun ist der Krieg vorbei, und wieder <anchor type="note" xml:id="fn-aa"/>kommen sie und haben so unsäglich recht und gründen<note n="aa" target="fn-aa" type="textcritical" xml:id="naa"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «kommt die Welt u. hat Recht u. gründet».</note> ihren <term key="Völkerbund"><orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName></term> für <term ref="kbga-keywords-658">Freiheit</term>, <term ref="kbga-keywords-283">Gerechtigkeit</term>, <term ref="kbga-keywords-320">Demokratie</term> und <anchor type="note" xml:id="fn-ab"/>wie das alles heißt.<note xml:id="n29">Die Satzung des Völkerbundes vom <date when="1919-04-28">28.4.1919</date> wurde auf der <orgName ref="kbga-actors-9861">Pariser Friedenskonferenz</orgName> ausgearbeitet und in die Versailler Friedensverträge von <date to="1920" from="1919">1919/20</date> aufgenommen. Der <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName> nahm seine Tätigkeit am <date when="1920-01-16">16.1.1920</date> in seinem Sekretariat in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> auf. Hauptanliegen des Völkerbundes war die Erhaltung des Friedens und des Gebietsstandes der Mitglieder. Diese waren verpflichtet, ihre Streitigkeiten friedlich zu lösen und bei Nichteinigung den Völkerbundsrat (vier bis sechs ständige, bis zu neun nichtständige Mitglieder) anzurufen, der eine Lösung vorschlagen konnte, die bei Einstimmigkeit für beide Parteien verpflichtend war.</note> Endlich der langersehnte Friede, der Friede für im<pb xml:id="p609" ed="pga" break="no"/>mer hoffentlich, oder wenigstens ein entscheidender Schritt vorwärts, diesem Ziel entgegen.<note n="ab" target="fn-ab" type="textcritical" xml:id="nab"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Frieden. Ja endlich der langersehnte ewige Friede, endlich ein entscheidender Fortschritt wenigstens diesem Ziel entgegen.»</note> Und wieder sind wir die Ungläubigen und stehen abseits, und wieder zeigt unser
            Finger: Es ist ja nicht wahr, ihr lügt ja, das ist ja <term key="Imperialismus">Imperialismus</term>, nicht Friede.<note xml:id="n30">Vgl. das Urteil des <bibl corresp="kbga-bibls-4422">«Basler Vorwärts», der am 19.4.1919 (Jg. 22, Nr. 92, S. 1)</bibl> unter der Überschrift «Um den Völkerbund» schrieb: «Der Wilsonsche <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName> ist nichts anderes als eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit mit dem Zweck, die kapitalistische Herrschaft zu konservieren. [...] Hier geht es den kapitalistischen Staaten genau so wie in einer früheren Entwicklungsperiode den einzelnen Unternehmern. Man hat sich gegenseitig konkurrenziert bis zum Ruin. [...] Plötzlich wurde man gewahr, daß die gemeinsame Ausbeutung des Proletariats viel rentabler sei. Es kamen die Unternehmerorganisationen, die Syndikate und Trusts. [...] Das gleiche Spiel wiederholt sich in viel gewaltigerem Umfange. Zu was sich denn gegenseitig bekämpfen, beuten wir das Proletariat der Welt gemeinsam aus. [...] Wie die Syndikate widerspenstige Kapitalisten [...] zur Raison bringen, so soll der <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbund</orgName> die Interessen aller Räuber wahren, sobald der eine oder andere der Bundesgenossen aus der Reihe tanzen will.»</note> Ihr habt ja die Völker gar nicht gefragt, ob sie nicht <anchor type="note" xml:id="fn-ac"/>ganz andere Schritte tun möchten<note n="ac" target="fn-ac" type="textcritical" xml:id="nac"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «einen ganz anderen Fortschritt wollen».</note>, ihr redet ja nur so schön, um im Dunkeln weitermunkeln zu <anchor type="note" xml:id="fn-ad"/>können, dass <term key="Macht, vor Recht">Macht</term> vor Recht gehe, wie vorher! Auch da wieder: Keine schöne Stellung, wenn man nichts glauben will, nicht glauben an den guten Willen der Regierungen, nicht glauben an den «Fortschritt», nicht glauben an den Präsidenten <persName ref="kbga-actors-841">Wilson</persName><note xml:id="n31">Das 14 Punkte umfassende Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten <persName ref="kbga-actors-841">Th.W. Wilson</persName> vom <date when="1918-01-08">8.1.1918</date>, das später von Einfluss auf die Pariser Friedensverhandlungen und die Satzung des <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbundes</orgName> war, sah u. a.  vor: öffentliche Friedensverträge und Abschaffung der <term key="Geheimdiplomatie">Geheimdiplomatie</term>; Freiheit der Schiffahrt auf den Meeren außerhalb der territorialen Gewässer in Friedens- und Kriegszeiten; Abbau wirtschaftlicher Schranken des Welthandels; Beschränkung der nationalen Rüstungen; Verständigung über alle kolonialen Forderungen (wobei die Bevölkerungsinteressen der Kolonien gleichwertig neben den Besitztiteln der kolonialstaatlichen Regierungen stehen sollten); allgemeine Vereinigung der Völker (vgl. z.B. <bibl corresp="kbga-bibls-2384"><persName ref="kbga-actors-3921">J. Ruchti</persName> u. a. , <hi rend="italic">Geschichte der Schweiz 1914-1919</hi>, Bd. I, Bern 1928, S. 356f.</bibl>).</note>. Aber <hi rend="italic">können</hi> wir anders? Kön<pb xml:id="p610" ed="pga" break="no"/>nen wir etwa glauben?<note n="ad" target="fn-ad" type="textcritical" xml:id="nad"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «können: Macht geht vor Recht! nach außen u. nach innen, wie ihr es vor dem Kriege getan habt. Noch einmal sage ich: keine schöne Stellung, wenn man an den guten Willen derer, die die Welt regieren, nicht glauben kann, wenn man misstrauisch sein muss.»</note> Das große Unrecht sitzt in uns und gibt uns scharfe, misstrauische Augen. <anchor type="note" xml:id="fn-ae"/>Ob schön oder nicht schön, wir sagen Nein zu dem, was sie da in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> gekocht und in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> geduldig verschluckt haben.<note xml:id="n32">In der deutschsprachigen <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> stand man den Beschlüssen der <orgName ref="kbga-actors-9861">Pariser Friedenskonferenz</orgName> (<date to="1919-06-28" from="1919-02-15">15.2.-28.6.1919</date>) distanziert gegenüber, weil sie eine Weltordnung schufen, die aus Siegern und Besiegten bestand. Die Landesregierung in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> begrüßte indessen (zusammen mit dem französischsprachigen Landesteil) die Gründung des <orgName ref="kbga-actors-8266">Völkerbundes</orgName> und suchte in der Bevölkerung eine Mehrheit für einen Beitritt der <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> herbeizuführen. Im <date when="1920-01">Januar 1920</date> weilten Schweizer Regierungsvertreter in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> und später beim Völkerbundsrat in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName>, um die Bedingungen des Beitritts auszuhandeln (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4797"><persName ref="kbga-actors-10118">E. Gagliardi</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der Schweiz von den Anfängen bis zur Gegenwart</hi>, Bd. III, Zürich 1937, S. 1688ff.</bibl>).</note> Aber dass wir dabei die sind, die unrecht haben, das müssen wir uns gefallen lassen.<note n="ae" target="fn-ae" type="textcritical" xml:id="nae"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Obs schön oder nicht schön sei, wir sagen Nein zu dem, was da in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> gebraut und in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> so geduldig verschluckt worden ist. Aber dabei müssen wir es uns gefallen lassen, immer die zu sein, die Unrecht haben in der Welt.»</note></p>
          <p><anchor type="note" xml:id="fn-af"/>Und wie ist’s weiter, wenn sie nun kommen und uns fragen: Ja, was wollt ihr denn eigentlich<note n="af" target="fn-af" type="textcritical" xml:id="naf"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Und wie ists denn weiter, wenn man uns nun fragt: <hi rend="sans-serif">ja [was] wollt ihr denn eigentlich</hi>».</note>, ihr Sozialisten, die ihr immer Nein sagt, wo alle vernünftigen Leute Ja sagen? Den Achtstundentag? <anchor type="note" xml:id="fn-ag"/>Den habt ihr ja jetzt.<note xml:id="n33">Ein Gesetz, das für die schweizerischen Fabrikarbeiter die 48stündige Normalarbeitswoche vorschrieb und das dann am <date when="1920-01-01">1.1.1920</date> in Kraft trat, war am <date when="1919-06-27">27.6.1919</date> beschlossen worden. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich hier und im folgenden auf Forderungen, die von den Sozialisten während des von ihnen initiierten Landesstreiks (<date to="1918-11-14" from="1918-11-11">11.-14.11.1918</date>) erhoben worden waren (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4752">Gautschi, S. 374</bibl>). Der achtstündige Arbeitstag in den Fabriken war eine der Hauptforderungen gewesen.</note> Was geschieht nun in der freien Zeit, die gewonnen ist? Darf man eure Frauen fragen darüber? Lohnerhöhungen? Die kommen ja und sind schon da.<note xml:id="n34">Die Erhöhung der <date when="1914">1914</date> mit Kriegsbeginn um ein Drittel und mehr gesunkenen Löhne war <date when="1918">1918</date> eine weitere Forderung gewesen. Nach dem Ende des Landesstreiks wurde eine «Anhebung der Reallöhne ungefähr auf den Stand von 1914» erreicht (<bibl corresp="kbga-bibls-4128"><hi rend="italic">Schweizerische Arbeiterbewegung</hi>, hrsg. von der Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zürich 1975, S. 194</bibl>).</note> Was tut ihr nun mit dem <pb xml:id="p611" ed="pga"/> größeren Zahltag? Billigere Preise?<note n="ag" target="fn-ag" type="textcritical" xml:id="nag"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Nun, den habt ihr ja jetzt, was macht ihr nun mit der vielen freien Zeit, die ihr bekommen habt, merken eure Frauen auch etwas davon? Bessere Löhne? Ja die müssen kommen u. sind z.T. schon da, aber seid ihr so ganz sicher, dass ihr mit den grösseren Zahltagen auch vernünftig umgehen werdet? Billigere Lebensmittel? Ja, aber seht ihr nicht, wie da eure Interessen mit denen eines andern Volksteils, der auch von früh bis spät hart arbeiten muss, hart zusammenstossen?»</note> Sozialisierung der Produktion und Konsumtion? Ja, aber wer von euch hat denn eine klare und mögliche Vorstellung davon, wie das alles gemacht werden soll? Nicht wahr, wenn wir da Auskunft geben sollen<note n="ah" type="textcritical" xml:id="nah"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sollten».</note>, dann merken wir erst recht, was für Leute wir eigentlich sind, wir Sozialisten, <anchor type="note" xml:id="fn-ai"/>merken, was für eine harte, rätselhafte Sache es ist um das große Unrecht, das da in uns sitzt<note n="ai" target="fn-ai" type="textcritical" xml:id="nai"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «dann merken wirs, wie tief das grosse Unrecht in uns sitzt».</note>, und dass es wirklich auch immer unser eigenes Unrecht ist. <anchor type="note" xml:id="fn-aj"/>Wir können ja auf alles doch<note n="aj" target="fn-aj" type="textcritical" xml:id="naj"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Auf das Alles können wir ja doch».</note> nur eines antworten: Ach was, geht uns doch mit eurem Achtstundentag, mit euren Lohnerhöhungen<note n="ak" type="textcritical" xml:id="nak"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Lohnerhöhungen, mit euren Lebensmitteln».</note> und, wenn ihr wollt, mit dem ganzen Zukunftsstaat! Es handelt sich nicht um das. Wir<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wir wissen wohl, dass es mit dem Allem an sich nicht getan ist. Wir».</note> wissen wohl, dass über das alles noch sehr viel und z.T. auch gegen uns selbst zu sagen ist. Wir wissen, dass es mit dem allem nicht getan ist. <anchor type="note" xml:id="fn-am"/>Das  Treiben und Jagen in den Fabriken, das seit dem <pb xml:id="p612" ed="pga"/> Achtstundentag eingesetzt hat, die Akkorddrückerei, der schlechte Wille der Besitzenden kann alle gemachten Fortschritte verderben und tut es schon. Und wir selbst verderben sie uns, indem wir nicht recht damit umzugehen wissen. Die Fortschritte könnten eine Schraube ohne Ende sein. Der ganze <term key="Zukunftsstaat">Zukunftsstaat</term> könnte eine tote, unnütze Sache sein, bevor er<note n="am" target="fn-am" type="textcritical" xml:id="nam"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Der 8 Std.Tag kann uns ja wieder verdorben werden, wenn wir nun in 8 Std. ebensoviel oder noch mehr Kraft hergeben sollten als vorher in 10 oder 11. Die Freude an den bessern Löhnen kann uns verdorben werden durch die Akkorddrückerei, der wir nun erst recht ausgesetzt sind. Alles was wir von unsern Forderungen erreicht haben wird uns wieder verdorben durch den schlechten Willen, den man uns von oben entgegensetzt, durch die Schraube ohne Ende, der wir ausgeliefert sind. Vielleicht sind auch wir selbst es, die uns manchen gemachten Fortschritt wieder verderben, weil wir nicht damit umzugehen wissen. Und so könnte am Ende auch der ganze Zukunftsstaat, von dem unsre Führer reden, eine verdorbene Sache sein, ehe er».</note>da ist, ein Ding, das uns <hi rend="italic">nicht</hi> bringt, was wir <hi rend="italic">eigentlich</hi> meinen. Denn wir <hi rend="italic">meinen</hi> ja eigentlich gar nicht das, <anchor type="note" xml:id="fn-an"/>was in den Forderungen unseres Programmes steht<note n="an" target="fn-an" type="textcritical" xml:id="nan"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «was da in den paar Forderungen unsres Programmes ausgesprochen ist».</note>, wir meinen viel mehr als das. Unsere<note n="ao" type="textcritical" xml:id="nao"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Diese unsre».</note> sozialististischen Forderungen, über die ihr mit uns streitet und wir mit euch, sind ja nur die paar ersten Worte<note n="ap" type="textcritical" xml:id="nap"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wörter».</note> einer fremden Sprache, die wir unablässig wiederholen müssen, weil wir die übrigen noch nicht wissen. Kein Wunder, dass sie dann oft nicht passen! Man versteht uns aber falsch, wenn man nicht merkt, dass wir viel <hi rend="italic">mehr</hi> meinen, <anchor type="note" xml:id="fn-aq"/>als  unsere Forderungen sagen können. Leben möchten wir, freie Menschen werden, hindurchbrechen durch die große Lüge, dass das Geld das Maß aller Dinge ist, hinein in die Wahrheit, dass der Mensch selbst das Erste und Wichtigste in der
            Welt ist. «Heilig ist das Eigentum, heilig ist die Macht!» verkündigen der heutige Staat, die heutige Kirche, die heutige Schule, die heutige Moral. Auch in uns ist immer noch dieser falsche Glaube. Aber wir glauben nicht mehr an diesen Glauben. Wir glauben nicht mehr an den heutigen Menschen. Wir glauben auch an uns selbst nicht mehr. Wir werden überhaupt an nichts mehr glauben, bis wir wieder an die Wahrheit glauben können, an die Wahrheit, dass das Leben selbst heilig ist. Wir glauben an einen neuen Menschen, der noch nicht <pb xml:id="p613" ed="pga"/> da ist und doch schon da, aber verborgen, verschüttet, gefangen in uns allen, den Sozialisten und Nicht-Sozialisten. Das<note n="aq" target="fn-aq" type="textcritical" xml:id="naq"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «als wir sagen u. fordern können. Leben möchten wir, frei werden von der Gefangenschaft[,] in der der Mensch jetzt sitzt, freie Menschen werden, durch die grosse Lüge, dass das Geld wichtiger sei als der Mensch[,] möchten wir hindurchbrechen zu der Wahrheit, dass der Mensch selber das Erste u. Wichtigste in der Welt ist. Hindurchbrechen durch die namenlose Selbstsucht des heutigen Menschen, der nur an sein Eigentum denkt, zu einer Ordnung wo jeder Mensch nur noch ein Eigentum kennt, das ihm zu hüten anvertraut ist, seine Mitmenschen, seine Brüder. Hindurchbrechen durch den falschen Schein[,] mit dem der heutige Staat, die heutige Kirche, die heutige Schule den Menschen umgiebt, zu einer echten Ordnung, zu einem echten Glauben, zu einer echten Erziehung. Einen neuen Menschen wollen wir u. erwarten wir, das».</note> ist der Sinn des Sozialismus. – Aber, liebe Genossen, wie stehen wir damit da vor allen vernünftigen Menschen in der Welt! Was sollen wir ihnen antworten, wenn sie uns sagen, dann sei ja das Ziel unserer Politik <anchor type="note" xml:id="fn-ar"/>überhaupt kein politisches Ziel?<note n="ar" target="fn-ar" type="textcritical" xml:id="nar"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gar nicht etwas politisch Erreichbares?»</note> Solche neue, befreite, wahrhafte Menschen habe es noch nie gegeben, seit die Welt steht, und werde es bis zum Ende der Tage nie <anchor type="note" xml:id="fn-as"/>geben? Ob<note n="as" target="fn-as" type="textcritical" xml:id="nas"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «geben? wenn sie uns fragen: ob».</note> wir selbst denn etwa, wir Sozialisten, solche <term key="Neuer Mensch">neue </term>Menschen seien? Ich wollte den von uns sehen, der da im Ernst <anchor type="note" xml:id="fn-at"/>als Rechthaber dastehen wollte! Nein, auch<note n="at" target="fn-at" type="textcritical" xml:id="nat"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «widersprechen könnte. Auch».</note> da müssen wir eben einfach die sein, die Unrecht haben, die jedes Kind widerlegen kann mit ihren Hoffnungen. <anchor type="note" xml:id="fn-au"/>Es ist einfach wahr: Unsere politische Überzeugung ist im letzten Grund an keiner anderen zu messen<note n="au" target="fn-au" type="textcritical" xml:id="nau"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Es ist einfach wahr, unser politisches Ziel ist im letzten Grund kein politisches Ziel und unsre politische Überzeugung ist im letzten Grund mit keinen andern politischen Überzeugungen zu vergleichen».</note>; sie ist etwas ganz für sich; sie ist ein Glaube, und mit diesem Glauben an einen neuen Menschen<note n="av" type="textcritical" xml:id="nav">Mskr.: «eine neue Menschheit».</note> müssen wir als die Narren dastehen vor <anchor type="note" xml:id="fn-aw"/>allen Rechthabern<note n="aw" target="fn-aw" type="textcritical" xml:id="naw"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «jedermann».</note>. Nennt uns nur Narren, Schwärmer und Träumer, ihr anderen, dann versteht ihr uns recht! Gerade das meinen wir, was ihr Narrheit nennt. Wir Sozialisten sind die, die unrecht haben, und wir wollen gar nichts anderes sein.</p>
          <p><anchor type="note" xml:id="fn-ax"/>Wir <hi rend="italic">können</hi> eben nichts anderes sein<note n="ax" target="fn-ax" type="textcritical" xml:id="nax"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wir <hi rend="sans-serif">können eben nicht Anderes sein</hi>».</note>. Wir können uns mit unserem Sozialismus nicht herausstreichen<note n="ay" type="textcritical" xml:id="nay"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «rühmen».</note> gegen andere, die nicht Sozialisten sind. Wir möchten sie oft viel eher beneiden um ihre ruhige, sichere, immer gerechte Stellung. Wir möchten ihnen sagen, sie sollen froh sein, wenn sie von der <term key="Unruhe">Unruhe</term>, von dem Protest, von der unmöglichen <term key="Hoffnung, unmögliche">Hoffnung</term>, die in uns sind, nichts wissen. Wir möchten sie warnen davor, es könnte einmal auch über sie kommen. Unterdessen können wir von <hi rend="italic">uns</hi> nichts anderes sagen, als dass wir nicht anders <hi rend="italic">können.</hi> Das große Unrecht steckt in uns und macht uns zu Sozialisten. Wir <hi rend="italic">müssen</hi> sein, was wir sind.</p>
          <p><pb xml:id="p614" ed="pga" rend="noPipe"/> Lasst<note n="az" type="textcritical" xml:id="naz"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «2. Lasst».</note> mich von diesem <hi rend="italic">Müssen</hi><note xml:id="n35">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3689"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft</hi>, 9. Tsd. Jena 1910</bibl>.</note> noch etwas sagen. Ich habe vor zwei Monaten eine Reise nach <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> gemacht zu einer Konferenz von Sozialisten<note n="ba" type="textcritical" xml:id="nba"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sozialistischen Pfarrern».</note> und solchen, die es werden wollen.<note xml:id="n36">Die Religiös-Soziale <orgName ref="kbga-actors-9864">Konferenz in Tambach</orgName> (<date to="1919-09-25" from="1919-09-22">22.-25.9.1919</date>), auf der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seinen Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» (s. oben <ref type="pub" target="../volume/48/p546#p546">S. 546–598</ref>) hielt.</note> Ich hatte dort<note n="bb" type="textcritical" xml:id="nbb"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «an dieser Konferenz».</note> und unterwegs auf langen<note n="bc" type="textcritical" xml:id="nbc"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «den langen».</note> Eisenbahnfahrten Gelegenheit, mit vielen, sehr verschiedenartigen Menschen zu reden. Ich war mit einfachen Arbeitern zusammen, mit Herren<note n="bd" type="textcritical" xml:id="nbd"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «‹besseren› Herren».</note> aus dem Bürgerstand, mit Kriegsgefangenen, die eben aus <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> in ihre Heimat zurückkehrten. Ich hatte ein langes Gespräch mit einem konservativen Gutsbesitzer. Ich habe natürlich vor allem viele<note n="be" type="textcritical" xml:id="nbe"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «eine ganze Anzahl».</note> meiner Kollegen dort draußen kennen gelernt. <anchor type="note" xml:id="fn-bf"/>Wenn ich es kurz zusammenfassen sollte, was ich aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> heimgebracht habe, so würde ich sagen: einen starken und hoffnungsvollen Eindruck von der Bewegung, von der Unsicherheit, von der Erschütterung, in der sich der heutige Mensch befindet. Wir in unserem Schweizerwinkel sind in Gefahr, das zu übersehen. Wir haben vielleicht das Gewitter im Steinhaus verschlafen, wie mir seither ein deutscher Freund<note xml:id="n37"><persName ref="kbga-actors-751">Eugen Rosenstock-Huessy</persName> (Brief vom <date when="1919-11-18">18.11.1919</date> [<ref type="kba-objects-id" target="10306">KBA 9319.244</ref>]).</note> etwas spöttisch schrieb, und sind gar nicht gewahr geworden, wie ernst die Lage der Menschen unterdessen geworden ist. Es war mir, als ich in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> zurückkam, selber zu Mute wie einem<note n="bf" target="fn-bf" type="textcritical" xml:id="nbf"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wenn ich in einem Wort zusammenfassen soll, was ich in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> gelernt habe, so sage ich: ich habe gelernt, mich selbst u. die heutige Zeit u. den heutigen Menschen wieder viel besser u. gründlicher zu verstehen. Wir in unsrem verhältnismässig so ruhigen Schweizerwinkel sind in Gefahr, die heutige Zeit nicht zu verstehen. Die ganze heutige Lage des Menschen ist viel ernster, als wir es uns gewöhnlich vorstellen. Als ich zurückkam, war es mir wie Einem».</note>, der mit seinem kleinen Schiff vom hohen bewegten Meer plötzlich in ein stilles Sümpflein geraten wäre. Draußen, in dem von allen nur möglichen Nöten und Bewegungen <pb xml:id="p615" ed="pga"/> heimgesuchten<note n="bg" type="textcritical" xml:id="nbg"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «aufgewühlten».</note> Kriegsland, sieht man <anchor type="note" xml:id="fn-bh"/>jetzt dem Leben viel deutlicher auf den Grund.<note n="bh" target="fn-bh" type="textcritical" xml:id="nbh"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «jetzt viel viel deutlicher auf den Grund. Und was sieht man da?»</note> Der heutige Mensch <anchor type="note" xml:id="fn-bi"/>ist unsicher geworden. Ihr<note n="bi" target="fn-bi" type="textcritical" xml:id="nbi"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ist im Grund seiner Seele unsicher geworden. Es mag euch verwundern, dass ich das gerade in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> so klar gesehen habe. Ihr».</note> wisst ja, wie die Deutschen bis jetzt <anchor type="note" xml:id="fn-bj"/>waren: Alles wussten sie, alles konnten sie, über alles redeten sie<note n="bj" target="fn-bj" type="textcritical" xml:id="nbj"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «waren: immer sicher, Alles wussten sie, Alles konnten sie, über Alles konnten sie reden».</note>. Alles machten sie und sie allein recht! Sie<note n="bk" type="textcritical" xml:id="nbk"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Die Deutschen».</note> waren die sichersten Leute in der Welt. <anchor type="note" xml:id="fn-bl"/>Es mag auch jetzt noch viele Deutsche von dieser Art geben, aber<note n="bl" target="fn-bl" type="textcritical" xml:id="nbl"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ich will nicht sagen, dass das nun bei allen Deutschen auf einen Schlag u. ganz u. gar anders geworden sei. Aber».</note> das kann ich sagen: Fast alle, die ich kennen lernte, machten mir den Eindruck: Gottlob, endlich <anchor type="note" xml:id="fn-bm"/>einmal <hi rend="italic">unsicher</hi> gewordene Leute! Gerade weil ich das in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> gesehen habe, wo ich es zuletzt erwartet hätte, glaube ich, dass der Vorgang ein allgemeiner ist. Der heutige Mensch in allen Ländern, Völkern und Klassen spürt<note n="bm" target="fn-bm" type="textcritical" xml:id="nbm"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «einmal Leute, die im Grund unsicher sind. Und gerade weil ich das bei den Deutschen gesehen habe, wo man das nie erwartet hätte, glaube ich dass es etwas Allgemeines ist, das für alle Völker u. Länder gilt. Der heutige Mensch ist unsicher geworden. Er spürt».</note>, dass der Boden unter ihm unterhöhlt und brüchig ist. <anchor type="note" xml:id="fn-bn"/>Er hat mehr Fragen im Herzen als Antworten im Kopf. Er gibt zu erkennen, dass er etwas sehr Wichtiges nicht weiß. Er nimmt nicht mehr ohne weiteres Achtungstellung an vor den Worten <term ref="kbga-keywords-160">Staat</term>, <term ref="kbga-keywords-33">Kirche</term>, <term ref="kbga-keywords-1172">Schule</term>, <term ref="kbga-keywords-1306">Wirtschaft</term>, <term ref="kbga-keywords-911">Wissenschaft</term>, <term key="Partei">Partei</term>, Standpunkt, <term key="Idee">Idee</term>. Er hört bei dem allen nur mit halbem Ohr zu, er hört immer noch ein wenig darüber hinweg, ob eigentlich nicht <hi rend="italic">mehr</hi> zu sagen sei als das. Er hat immer den Nebengedanken, es könne jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher, es müsse <hi rend="italic">anders</hi>
            werden.<note n="bn" target="fn-bn" type="textcritical" xml:id="nbn"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Er hat Fragen auf dem Herzen, lauter Fragen, seltsame thörichte Fragen vielleicht, aber lauter Fragen, die anzeigen, dass er im Grunde etwas sehr Wichtiges nicht weiss. Er nimmt nicht mehr sofort Achtungstellung an, wenn man ihm sagt: Staat, Kirche, Schule, Wirtschaftsleben, Wissenschaft – nicht einmal, wenn man ihm sagt: Partei, Standpunkt, Idee – er hört bei dem Allem nur mit halbem Ohr zu, er hört immer noch ein wenig darüber hinweg, er lässt sich nicht so schnell beruhigen; er möchte noch mehr hören. Er hat immer noch den Nebengedanken: ja, aber bei dem Allem kann es sicher nicht so weitergehen wie bisher. Es muss anders werden.»</note> Er ist ein Suchender, ein Zweifler, ein Ungläubiger geworden. <pb xml:id="p616" ed="pga"/> <anchor type="note" xml:id="fn-bo"/>Er steht vor einer hohen, unübersteigbaren Mauer und kann sich doch nicht damit abfinden, muss immer denken an das, was <hi rend="italic">jenseits</hi> der Mauer sein könnte. Dieser Zustand ist nicht erst durch <term ref="kbga-keywords-170">Krieg</term> und <term ref="kbga-keywords-1128">Revolution</term> geschaffen; sie haben ihn nur aufgedeckt. Eben darum ist es auch unser Zustand, selbst wenn wir wirklich im Steinhaus geschlafen hätten. Auch wir sind, ob wir’s wissen oder nicht, solche heutige Menschen voll Unsicherheit. Die Verlegenheit, die heute durch die Völker geht, ist auch unsere Verlegenheit. Keine Neutralität kann uns vor ihr schützen. Sie ist die Notwendigkeit der geschichtlichen Stunde, in der die Menschheit heute steht. Der Mensch ist im Begriff zu merken, dass er unrecht hat.<note n="bo" target="fn-bo" type="textcritical" xml:id="nbo"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Er hat das Gefühl vor einer hohen unübersteigbaren Mauer zu stehen. Ists nicht so? Ist diese Unsicherheit[,] die für das heutige deutsche Volk so bezeichnend ist, nicht auch unsre eigene Unsicherheit? Sind nicht auch wir Alle solche heutige Menschen, wer wir auch sein mögen? Ist etwas von dieser Verlegenheit, von diesen Fragen u. Zweifeln, nicht in allen Völkern, auch in unserm Volk? Sind nicht auch unsre sog. polit. Gegner im Grunde unsichere Menschen? Woher denn diese merkwürdige Nervosität u. Aufregung, mit der wir seit einem Jahr bekämpft werden? Woher anders als weil auch unsre sog. Gegner im Grunde sehr genau wissen, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind auch Menschen der heutigen Zeit, sie gehören viel näher zu uns als sie selbst denken. Wir können sie ganz ruhig sich aufregen u. uns bekämpfen lassen, die Zeit des Rechthabens ist heute für Alle u. so auch für sie vorbei. Der heutige Mensch weiss im Grunde, dass er Unrecht hat.»</note></p>
          <p>Warum sage ich euch das alles? Ich denke, ihr versteht mich. <anchor type="note" xml:id="fn-bp"/>Nicht Laune, nicht Zufall ist’s, dass wir Sozialisten sein müssen. Nicht irgend ein guter oder böser Geist ist die Unruhe, der Protest, die unmögliche <term key="Hoffnung, unmögliche">Hoffnung</term>, die in uns sind, sondern die Notwendigkeit der Stunde, die Gehorsam von uns verlangt.<note n="bp" target="fn-bp" type="textcritical" xml:id="nbp"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Warum sind wir Sozialisten, die das grosse Unrecht in sich haben, die bösen Sozialisten, die immer wieder ihre Unruhe, ihren Protest, ihre unmögliche Hoffnung kundgeben? Nicht aus Laune, nicht aus Zufall, sondern heute mehr als je weil wir müssen. Es ist nicht irgend ein böser oder guter Geist, der über uns gekommen ist, sondern eine allgemeine Notwendigkeit, der wir gehorchen müssen.»</note> Was heute im Ganzen der Menschheit steckt als dumpfe Frage und Sorge, wir müssen es zum Ausdruck bringen; man könnte auch sagen: Bei uns kommt es <pb xml:id="p617" ed="pga"/> zum Ausbruch wie eine Krankheit! <anchor type="note" xml:id="fn-bq"/>Mögen uns die anderen jetzt anstarren und kritisieren und bekämpfen als die bösen Sozialisten, sie wissen doch im Grunde genau so gut wie wir, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind auch Menschen der heutigen Zeit, sie gehören viel näher zu uns, als sie denken und zugeben. Was in uns steckt, steckt auch in ihnen. Auch sie haben eben unrecht, aber sie möchten um jeden Preis immer noch recht haben. Das scheidet sie von uns. Darum müssen sie sich die Ohren verstopfen gegen uns. Und je mehr sie recht haben wollen, desto mehr wächst das Unrecht, desto mehr erschreckt und ängstigt es sie, desto mehr müssen sie ihre Furcht und ihren Groll auf – uns abladen, als ob wir es wären, «die <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName> verwirren», wie schon in alter Zeit ein König zu einem solchen unbequemen Menschen gesagt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.18.17">1.Kön. 18,17</ref>]. Wie war es denn mit dem Gespenst des <term key="Bolschewismus, Gespenst">Bolschewismus</term>, das sie uns nun seit Jahr und Tag an die Wand und im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> sogar an die Plakatwände gemalt haben, fürchterlich, in Apachengestalt, den Revolver in der Hand<note xml:id="n38">Die rechtsbürgerliche Schweizerische Vaterländische Vereinigung lancierte zu den Nationalratswahlen vom <date when="1919-10-26">26. Oktober 1919</date>, den ersten Wahlen unter dem Proporzgesetz, ein Plakat mit dem Text «Jeder Schweizerbürger an die Urne! Es geht um alles! Fort mit russischen Umsturzgelüsten! Stimmt bürgerlich!» Der Entwurf mit dem Titel «Der Bolschewist» stammte von <persName ref="kbga-actors-9294">Otto Ernst</persName> (1884–1967), den Druck besorgte A. Trüb &amp; Co. in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName>. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4798">A. Thürer, <hi rend="italic">Der Schweizerische Vaterländische Verband 1919-1930/31</hi>, Diss. phil.-hist. Basel 2010, Bd. 1, S. 398–400</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4799"><persName ref="kbga-actors-10119">E. Lüthy</persName>, <hi rend="italic">Das künstlerische politische Plakat in der Schweiz</hi>, Basel 1920, Tafel VIII</bibl>. «Apache» wurde als Ausdruck für «Verbrecher», «Zuhälter» benutzt.</note>? War’s etwas anderes als der ungeheure eigene Schatten derer, die immer recht <pb xml:id="p618" ed="pga"/> haben und gerade damit das Unrecht groß und größer machen? Nicht wir paar Sozialisten sind der gefürchtete und gehasste Feind, sondern das, was in ihnen selbst rumort und sie bedroht, solange es keine Luft bekommt, solange sie nicht <hi rend="italic">mit</hi> uns unrecht haben wollen. Glaubt nur, es ist nicht so schlimm gemeint, wie es herauskommt, auch bei uns im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> nicht! Den Sack schlägt man, und den Esel meint man.<note xml:id="n39">Zur Geschichte dieser Wendung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 357</bibl>.</note> Wir wollen uns schlagen <hi rend="italic">lassen</hi>, dieweil wir nur der Sack sind. Sie kämpfen gegen sich selbst, indem sie gegen uns kämpfen.<note n="bq" target="fn-bq" type="textcritical" xml:id="nbq"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ja, die Andern starren uns jetzt an und kritisieren uns und widersetzen sich uns und wissen gar nicht, dass sie gegen sich selbst streiten, wenn sie gegen uns streiten. Alles was in uns ist und uns zu denen macht, die immer Unrecht haben, es steckt im Grunde auch in ihnen, nur dass sie es nicht offen zugeben, weil sie immer noch Recht haben wollen. Je mehr sie Recht haben wollen, umso stärker müssen sie sich die Ohren verstopfen gegen uns, um nicht hören zu müssen, dass auch sie Unrecht haben. Und je weniger sie hören wollen, umso mehr wächst das grosse Unrecht, denn es kann dadurch nicht kleiner werden, dass man nicht Unrecht haben will. Und je mehr das Unrecht wächst, umso mehr müssen sie uns hassen u. fürchten. Wie wars denn mit dem Gespenst des Bolschewismus, das sie jetzt seit 1 Jahr an alle Wände u. im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> sogar an die Plakatwände gemalt haben, fürchterlich, abscheulich, mit dem Revolver in der Hand? War es etwas Anderes[,] dieses Gespenst[,] als der ungeheure Schatten der Angst derer die immer Recht haben wollen und gerade damit das Unrecht gross u. grösser machen? Es muss ja so sein, nicht wir paar Sozialisten sind dieser gefürchtete u. gehasste Feind, wir können ganz ruhig sein, sondern das was in ihnen selbst, in den Andern rumort und sie bedroht[,] solange sie nicht mit uns Unrecht haben wollen. Wir wollen sie verstehen. Es ist nicht so böse gemeint, wie es herauskommt, auch im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> nicht. Es geht auch hier nach dem Sprichwort: Den Sack schlägt man und den Esel meint man! Wir wollen uns schlagen lassen. Wir sind nur der Sack. Sie kämpfen gegen ihre eigene Verlegenheit, wenn sie gegen uns kämpfen.»</note> Sie haben uns im Grunde nötig. <anchor type="note" xml:id="fn-br"/>Wenn <hi rend="italic">wir</hi> nicht die bösen Sozialisten wären, so müssten es <hi rend="italic">andere</hi> sein, vielleicht gerade die, die jetzt am eifrigsten und ängstlichsten gegen uns sind. Irgendwo und irgendwie muss es ja zum Ausdruck und zum Ausbruch kommen. Irgendwo <hi rend="italic">muss</hi> es
            sich ja zeigen, dass der Mensch im Unrecht ist. Wenn das ein Ruhm ist, so haben wir Sozialisten den Ruhm<note n="br" target="fn-br" type="textcritical" xml:id="nbr"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wenn heute nicht <hi rend="italic">wir</hi> die Sozialisten wären, so wären es <hi rend="italic">Andre</hi>, vielleicht gerade von denen, die gegen uns sind. Denn irgendwo u. irgendwie muss die Unsicherheit des heutigen Menschen zum Ausdruck u. Ausbruch kommen. Irgendwo muss es sich ja zeigen, dass der Mensch im Unrecht ist. Wenn das eine Ehre ist, so haben wir Sozialisten die Ehre».</note>, der Ort zu sein, wo es zum Ausbruch kommt. Einen anderen Ruhm nehmen wir jedenfalls nicht in Anspruch.</p>
          <p>Und<note n="bs" type="textcritical" xml:id="nbs"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «3. Und».</note> nun brauche ich nur noch weniges hinzuzufügen. Wir müssen uns selbst treu bleiben. Wir dürfen nicht aufhören, die zu sein, die immer unrecht haben. <anchor type="note" xml:id="fn-bt"/>Wir müssen Sozialisten bleiben. Wir dürfen nicht bürgerlich werden.<note n="bt" target="fn-bt" type="textcritical" xml:id="nbt"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Wir dürfen nicht bürgerlich werden. Wir müssen Sozialisten sein u. bleiben.»</note> Ich sage das ohne allen Hass gegen das <term key="Bürgertum">Bürgertum</term>. Ich komme auch<note n="bu" type="textcritical" xml:id="nbu"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «selbst».</note> aus dem Bürgertum. Und ich weiß vor <pb xml:id="p619" ed="pga"/> allem, dass es im Bürgertum viel edle, feine und ernste Menschen gibt, bessere als wir alle. Aber ich weiß auch, was das Bürgertum in seinem Wesen ist. <anchor type="note" xml:id="fn-bv"/>Bürgertum ist Schweigen um des Friedens willen. Bürgertum ist Gleichgewicht um jeden Preis. Bürgertum ist: Nicht verantwortlich sein wollen, sich nicht stören lassen, nicht fragen, nicht ­zweifeln, nicht «grübeln», nicht anklagen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.<note xml:id="n40">Vgl. zu dieser Wendung <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 437</bibl>.</note> Bürgertum ist auch eine Art Glaube: der Glaube an den Menschen, wie er ist, der Glaube an einen Fortschritt, der von selbst kommt, vor allem der Glaube an alles, was dazu dienen kann, das große Unrecht zu verdecken, als nicht so schlimm hinzustellen. ­Bürgertum heißt recht haben wollen. Und darum dürfen wir nicht bürgerlich werden. Dürfen weder den Weg der deutschen <term key="Mehrheitssozialdemokratie">Mehrheitssozialdemokratie</term> gehen noch den Weg des russischen <term ref="kbga-keywords-878">Sowjet-Sozialismus</term>. Beider Wege sind bürgerliche Wege: Faule Friedensschlüsse, allzu nahe liegende praktische Mittel, allzu schnelles am Ziel sein wollen, recht haben wollen – hier wie dort. Die Gefahr, dass wir auf die eine oder andre, auf die deutsche oder auf die russische Art vergessen, was wir eigentlich meinen, ist riesengroß. Der Weg, der mitten hindurchführt zwischen den Profit-Sozialisten und den Krach-Sozialisten, ist heute unerhört schmal. Aber in dem Moment, wo wir <hi rend="italic">das ganz <term key="Andere(, das ganz)">andre</term></hi> vergessen, das wir eigentlich meinen, ist unser Sozialismus tot. Wir <hi rend="italic">müssen</hi> den schmalen Weg immer wieder suchen und gehen. Nicht nur um unser selbst willen, sondern um des Ganzen willen, um des heutigen Menschen willen, dessen tiefster Not und Hoffnung wir Ausdruck geben müssen, weil denn niemand sonst es tun will. Um der Bürgerlichen selbst willen dürfen wir nicht bürgerlich werden, weder nach rechts noch nach links. Wir sind verantwortlich. Wir stehen auf einem Wächterposten. Wir sind die Unruhe in der Uhr. Wir dürfen nicht stillstehen. Die Welt hat es bitter nötig, dass ihr das immer wieder gesagt wird, was wir ihr zu sagen versuchen mit der ganzen Unrast, mit dem ganzen unerbittlichen Protest, mit dem ganzen Glauben an das Unmögliche, der in uns steckt und der das Wesen des Sozialismus ist. Die Welt verlangt es geradezu von uns, dass wir bei unserem bösen, trotzigen Nein bleiben, denn sie ahnt, dass hinter unserm Nein das größte umfassendste, lebendigste Ja steht. Es müssen sich aber <pb xml:id="p620" ed="pga"/> viele, viele durchringen dazu, Nein zu sagen, Nein zu sich selbst, Nein zu den Göttern, die wir bis jetzt angebetet haben, Nein zu der Welt, wie sie jetzt ist und von sich aus immer wieder sein möchte. Wir Sozialisten aber müssen den Posten halten, wo jetzt Nein gesagt wird, und wenn er oft uns selbst wie ein verlorener Posten erscheinen würde. Wir müssen das Opfer bringen, die zu sein, die immer unrecht haben. Denn erst wenn der Mensch weiß, dass er im Unrecht ist, kann der Tag des Rechtes anbrechen auf der Erde, der Tag des Advents, der Zukunft des neuen Menschen, des Menschensohnes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.22">Lk. 17,22</ref>], der das Unmögliche möglich macht – der Tag, dessen wir warten.<note n="bv" target="fn-bv" type="textcritical" xml:id="nbv"><ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Bürgertum ist Friede mit der Welt wie sie ist. Bürgertum ist Gleichgewicht um jeden Preis. Bürgertum ist auch eine Art Glaube: der Glaube an einen Fortschritt, der von selbst kommt. Bürgertum heisst: nicht Fragen, nicht Zweifeln, nicht Suchen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Bürgertum heisst Recht haben wollen dem ganzen Unrecht der Welt zum Trotz. Und das meine ich, wenn ich sage: wir dürfen nicht bürgerlich werden. Es ist nötig, dass das heute unter uns Sozialisten laut gesagt wird. Von zwei Seiten droht uns heute die Gefahr, dass unser Salz dumm wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13">Mt. 5,13</ref>]. Die eine Gefahr sehe ich verkörpert in der gegenwärtig in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> regierenden Mehrheitssozialdemokratie, die andere im russischen Sowjet-Sozialismus. Beide sind sich darin gleich, dass da die Sozialisten mit der Welt Frieden geschlossen haben, wenn auch in sehr verschiedener Weise. Darin gleich, dass sie über den erreichbaren Forderungen unsres Programms das Unerreichbare, das ganz Andere vergessen haben, das mit den sozialist. Forderungen eigentlich gemeint ist. Darin gleich[,] dass sie[,] um die Erfüllung dieser Forderungen zu erreichen, zu Mitteln greifen mussten, die dem[,] was wir Soz. meinen, direkt ins Gesicht schlagen, die Deutschen zuerst zur Unterstützung des Kaisertums und dann zur Zusammenarbeit mit den reaktionären bürgerl. Parteien, die Russen zur Aufrichtung einer gewaltsamen Diktatur der Minderheit. Darin gleich, dass sie gerade die besten Köpfe u. Herzen, in denen der radikale revolutionäre Geist des Sozialismus lebte, von sich abstiessen. Darin gleich, dass sie, koste es was es wolle[,] Recht haben wollten wie die Bürgerlichen u. nach der Manier der Bürgerlichen. Die Gefahr, dass auch wir auf die eine oder andre, auf die deutsche oder auf die russische Art vergessen, was wir eigentlich meinen, ist riesengross. Wir dürfen es aber nicht vergessen. In
            dem Moment, wo <pb xml:id="FNbv" ed="pga"/> wir das ganz Andre vergessen, das wir eigentlich meinen, ist unser Sozialismus tot. Der Weg, der mitten zwischen den beiden Gefahren hindurchführt, mitten hindurch zwischen den Profit-Sozialisten und den Krach-Sozialisten, ist heute unerhört schmal. Wir müssen ihn aber immer wieder suchen und gehen. Nicht nur um unsrer selbst willen, sondern um des Ganzen willen, um des heutigen Menschen willen, dessen tiefster Not u. Hoffnung wir Ausdruck geben müssen, weil denn niemand sonst es tun will. Wir sind verantwortlich. Wir stehen auf einem Wächterposten. Wir dürfen ihn nicht verlassen, wir dürfen nicht einschlafen. Um der Bürgerlichen selbst willen dürfen wir nicht bürgerlich werden, weder nach rechts noch nach links. Die Welt hat es bitter nötig, dass ihr das immer wieder gesagt wird, was wir ihr zu sagen versuchen, gesagt wird mit der ganzen Unruhe, mit dem ganzen unerbittlichen Protest, mit dem ganzen Glauben an das Unmögliche, der in uns steckt u. der das Wesen des Sozialismus ist. Die Welt hungert u. dürstet danach, dass es gesagt wird und dass es gerade so gesagt wird. Die Welt verlangt es geradezu von uns, dass wir bei unserm bösen trotzigen Nein [bleiben,] denn sie ahnt[,] dass wir nicht das Nein meinen, sondern das grösste umfassendste lebendigste Ja. Dieses Ja kann aber erst dann ausgesprochen werden, wenn Viele sich dazu durchgerungen haben[,] Nein zu sagen, Nein zu sich selbst, Nein zu den <term key="Götzen(, Götter)">Göttern</term>, die wir bis jetzt angebetet haben, Nein zu der Welt wie sie ist u. immer wieder sein möchte. Wir müssen das Opfer bringen, wir Sozialisten, die zu sein u. zu bleiben, die immer Unrecht haben. Denn erst wenn der Mensch im Unrecht ist, kann der Tag des Rechtes anbrechen auf der Erde, der Tag des <term key="Advent, Tag des Advents">Advent</term>s, der Zukunft des <term key="Menschensohn">Menschensohnes</term>, der das Unmögliche möglich macht, der Tag[,] dessen wir warten.»</note></p>
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