<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-52003">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-52">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
        <title type="content">Bekenntnis der freien Kirchensynode</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Bekenntnis der freien Kirchensynode, 1934</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/52003 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935, hrsg. v. Beintker, Michael / Hüttenhoff, Michael / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2017, S. 3–64.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/52003</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
          <title type="text">Bekenntnis der freien Kirchensynode</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Beintker, Michael</editor>
          <editor>Hüttenhoff, Michael</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2017</date>
          <biblScope unit="page">3-64</biblScope>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">3</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): , Tagung der freien reformierten Synode. Erklärung, 4. Januar 1934. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/506">KBA 11056</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Vorlage der Edition): , Bekenntnis der freien Kirchensynode, 3. Januar 1934. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/5591">KBA 233</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1934">1934</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>paper</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-10-02T07:56:16+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-10-02T07:56:16+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
		<body>
			<div type="paper">
	<pb xml:id="p003" ed="pga" rend="noPipe"/>
			<head>Bekenntnis der freien Kirchensynode</head>
				<head type="sub"><date>1934</date></head>
				<div type="abstract">
			<p rend="left">Unter diesem Titel wurde die Nachschrift des Vortrags veröffentlicht, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am
<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date> zur Einbringung der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart<note xml:id="n01">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p065#p065">S.65-83</ref>. </note> auf der Freien reformierten <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte">Synode</term> in <term type="sachen" key="Barmen (Wuppertal)">Barmen-Gemarke</term> gehalten hatte.</p>
			<p>
				Diese reichsweit erste <orgName ref="kbga-actors-5873">Freie Synode</orgName> war kurz vor dem Christfest unter dem Datum des <date when="1933-12-22">22. Dezember 1933</date> einberufen und dann während der Weihnachtsferien fieberhaft vorbereitet worden. Mit der Synode sollte der Widerstand vor allem des <term type="sachen" key="Pfarrernotbund">Pfarrernotbunds</term> gegen das nach den Kirchenwahlen vom Juli im Sommer und Frühherbst <date when="1933">1933</date> in nahezu allen Landeskirchen und in der neu gebildeten <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche">Reichskirche</term> durchgesetzte Kirchenregiment der <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen <term type="sachen" key="Deutsche Christen">Christen</term></orgName> zunächst im reformierten Bereich auf eine breitere Grundlage gestellt und in den Gemeinden besser verankert werden. Der Plan zu einer solchen Synode lässt sich bis in den <date when="1933-09">September 1933</date> zurückverfolgen und gewann im Laufe des Dezembers festere Konturen.<note xml:id="n02">Zur Vorgeschichte der Synode vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-296"><persName ref="kbga-actors-708">W. <term type="namen" key="Niesel, Wilhelm">Niesel</term></persName>, <hi rend="italic">Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933–1945</hi> (AGK.E 11), Göttingen 1978, S. 19f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-244"><term type="namen" key="Lekebusch, Sigrid">­Lekebusch</term>, S. 80–86.</bibl> </note>
				 Aber der genaue Zeitpunkt blieb bis zuletzt offen. Die Einberufung für den <date when="1934-01-03">3.</date> und
<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date> wurde erst in den Tagen vor dem <date when="1934-12-22">22. Dezember</date> auf Initiative des Coetus reformierter Prediger<note xml:id="n03">Der Coetus reformierter Prediger – die den kirchenleitenden Gremien gegenüber kritisch bis oppositionell eingestellte Bruderschaft reformierter Pfarrer – war am
	<date when="1933-10-13">13. Oktober 1933</date> in <term type="sachen" key="Elberfeld (Wuppertal)"><placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName></term> gegründet worden (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-244"><term type="namen" key="Lekebusch, Sigrid">­Lekebusch</term>, S. 57–78</bibl>). </note>
				beschlossen. Bei dieser Terminwahl mag es eine Rolle gespielt haben, dass ursprünglich für den
<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date> eine Würdigung des 450. Geburtstages <term type="namen" key="Zwingli, Ulrich"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></term> vorgesehen war, für die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als Referent bereits zugesagt hatte.<note xml:id="n04">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p084#p084">S. 84</ref>. </note>
				 Barth erfuhr spätestens am <date when="1934-12-23">23. Dezember</date> von der Einberufung der Synode, als man ihn bat, einen Entschließungstext, den die Synode als theologische Erklärung <pb xml:id="p004" ed="pga"/> zur Lage der Kirche beschließen sollte, und den dazugehörigen Einbringungsvortrag zu verfassen.<note xml:id="n05">Über die genauen Verabredungen sind im Karl Barth-Archiv keine Unterlagen erhalten. Angesichts der knappen Zeit dürften sie telefonisch getroffen worden sein. Ein erster Hinweis auf die notwendig gewordene Arbeit an einer «Bekenntnisformulierung» findet sich im Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-4070">W. <term type="namen" key="Jannasch, Wilhelm">Jannasch</term></persName> vom
<date when="1933-12-23">23.12.1933</date> (s. unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p088#fn_n27">S. 88, Anm. 27</ref>). </note>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic">Zu der <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte"><orgName ref="kbga-actors-5873">Synode</orgName></term> wurden reformierte Prediger und Älteste aus allen reformierten und aus unierten Gemeinden Deutschlands eingeladen. Als Synodale sollten nur diejenigen zugelassen sein, «welche sich als Prediger oder Älteste oder auch als frühere Älteste ihrer Gemeinde ausweisen können und in feierlichem Synodalgelübde erklären, daß sie, frei von jeder gemeindefremden Bindung in Fragen des Glaubens, sich rückhaltlos zum Worte Gottes Alten und Neuen Testamentes als der einigen Offenbarungsquelle unseres Glaubens bekennen».</hi><note xml:id="n06">So formuliert im Einladungsschreiben, zitiert nach RKZ 83 (1933), S. 410. </note>
				<hi rend="italic"> Die aus 320 Pfarrern und Ältesten aus 167 Gemeinden zusammengesetzte Synode</hi><note xml:id="n07">Zahlenangaben nach dem Wortlaut des Synodalbeschlusses (s. unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p082#p082">S. 82</ref>). Eine – allerdings nicht vollständige – Liste der Mitglieder findet sich in: <bibl corresp="kbga-bibls-5407"><hi rend="italic">Handbuch der deutschen evangelischen Kirchen 1918 bis 1949. Organe – Ämter – Verbände – Personen</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Überregionale Einrichtungen</hi>, bearb. von H. Boberach (†) / C. Nicolaisen / R. Pabst (AKZG.A 18), Göttingen 2010, S. 147–151.</bibl> </note>
				<hi rend="italic"> tagte im Gemeindehaus der evangelisch-reformierten Gemeinde <term type="sachen" key="Barmen (Wuppertal)">Barmen-Gemarke</term> – der Gemeinde <persName ref="kbga-actors-1668">Karl Immers</persName></hi><note xml:id="n08"><persName ref="kbga-actors-1668">Karl Immer</persName> (1888–1944), 1927–1944 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-860">Barmen-Gemarke</placeName> (am
<date when="1934-03-15">15.3.1934</date> in den einstweiligen Ruhestand versetzt), Begründer und Vorsitzender des Coetus reformierter <term type="sachen" key="Coetus reformierter Prediger">Prediger</term>, seit <date when="1934-05">Mai 1934</date> Mitglied des <term type="sachen" key="Reichsbruderrat">Reichsbruderrates</term> der Bekennenden Kirche. </note>
				<hi rend="italic"> – in der Klingelhollstraße 54a.</hi>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic">Die Synode konstituierte sich am
<date when="1934-01-03">3. Januar 1934</date> um 19 Uhr. Zentraler Programmpunkt dieses Abends war der Vortrag von <persName ref="kbga-actors-1095">Wilhelm Kolfhaus</persName></hi><note xml:id="n09"><persName ref="kbga-actors-1095">Wilhelm Kolfhaus</persName> (1870–1854), 1920–1940 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-661">Vlotho</placeName>, 1930–1936 Schriftleiter der RKZ, Mitglied des <term type="sachen" key="Reformierter Bund, Moderamen">Moderamens</term> des Reformierten Bundes. </note>
				<hi rend="italic"> über «Die reformierten Kirchen und Gemeinden Deutschlands im Sturm des Jahres 1933».</hi><note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5661"><hi rend="italic">Freie reformierte Synode zu Barmen-Gemarke am <date when="1934-01-03">3.</date> und
<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date>. Vorträge, Verhandlungen, Entschließung</hi>, im Auftrag des Coetus reformierter Prediger Deutschlands hrsg. von K. Immer, Wuppertal-Barmen-Wichlinghausen 1934, S. 5–12.</bibl> Siehe auch den Bericht von <bibl corresp="kbga-bibls-5662"><persName ref="kbga-actors-7012">H. <term type="namen" key="Graffmann, Heinrich">Graffmann</term></persName>, <hi rend="italic">Die freie reformierte Synode in W.-Barmen</hi>, in: RKZ 84 (1934), S. 13f.</bibl> </note>
				<hi rend="italic"> Barth sprach am Vormittag des <pb xml:id="p005" ed="pga"/> 4. Januar. Für die Einbringung und Diskussion der Erklärung war – nach einer Bibelauslegung – die Zeit von 10 Uhr bis 12.30 Uhr vorgesehen.</hi><note xml:id="n11">Vgl. das Programm der Synode (RKZ 83 [1933], S. 410). </note>
				<hi rend="italic"> Am Nachmittag folgte <persName ref="kbga-actors-708">Wilhelm Niesel</persName></hi><note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-708">Wilhelm Niesel</persName> (1903–1988), seit 1930 Hilfsprediger und Studieninspektor am Predigerseminar in <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName>, 1930 bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> promoviert. </note>
				<hi rend="italic"> mit einem Vortrag über den «Weg der Kirche im Gehorsam des Glaubens»</hi><note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5661"><hi rend="italic">Freie reformierte Synode</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>), S. 34–48.</bibl> </note>
				<hi rend="italic">. Danach nahmen die Synodalen die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> verfasste Erklärung in großer Einmütigkeit und ohne Abänderung an.</hi><note xml:id="n14">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p082#p082">S. 82</ref>, den Wortlaut des Beschlusses. </note>
				<hi rend="italic"> Die offizielle Einladung hatte auch noch Barths Vortrag «Gottes Wille und unsere Wünsche»</hi><note xml:id="n15">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p084#p084">S. 84-110</ref>. </note>
				<hi rend="italic"> zur Tagesordnung gerechnet, aber mit der Entschließung zum Bekenntnistext war die Synode faktisch abgeschlossen.</hi><note xml:id="n16">Demgemäß endet auch die Dokumentation der Synode mit der Entschließung (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5661"><hi rend="italic">Freie reformierte Synode</hi> [<ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>], S. 48</bibl>). </note>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic">Die Zeit für die Vorbereitung war auch für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> äußerst knapp bemessen, denn sein Terminkalender hatte für die Weihnachtsferien anderes vorgesehen. So reiste er am <date when="1933-12-26">26. Dezember</date> für einige Tage in die <term type="sachen" key="Schweiz"><placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName></term>. Bis zum <date when="1933-12-29">29. Dezember</date> weilte er bei seiner <term type="namen" key="Barth, Anna"><persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName></term> in <term type="sachen" key="Wabern"><placeName ref="kbga-places-603">Wabern</placeName></term> bei <term type="sachen" key="Bern"><placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName></term>, die Rückreise führte ihn nach <term type="sachen" key="Basel"><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></term>, wo er den Abend bei <persName ref="kbga-actors-403">Eduard <term type="namen" key="Thurneysen, Eduard">Thurneysen</term></persName> verbrachte, um dann im Laufe des <date when="1933-12-30">30. Dezember</date> wieder in <term type="sachen" key="Bonn"><placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName></term> einzutreffen.</hi><note xml:id="n17">Zum zeitlichen Ablauf der Reise vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p565#p565">S. 565.</ref></bibl> </note>
				<hi rend="italic"> Es ist anzunehmen, dass Barth auch den Aufenthalt in der Schweiz zu Vorarbeiten für die ihn in <term type="sachen" key="Barmen (Wuppertal)"><placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName></term> erwartenden Aufgaben nutzen konnte: den seit längerem zugesagten Vortrag «Gottes Wille und unsere Wünsche»</hi><note xml:id="n18">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p084#p084">S. 84-110</ref>. </note>
				<hi rend="italic"> und nun auch noch die erbetene Erklärung und das dazugehörige Einführungsreferat. Andererseits waren die Tage in der <term type="sachen" key="Schweiz">Schweiz</term> durch verabredete Begegnungen und Gespräche ausgefüllt. So wird <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von <term type="namen" key="Kirschbaum, Charlotte von">Kirschbaum</term></persName> nicht übertrieben haben, wenn sie einer Freundin schrieb, dass Barth erst nach seiner Rückkehr zur Ausarbeitung der Texte kommen würde, und dann hinzufügte: «Also Arbeit in Hülle und Fülle!»</hi><note xml:id="n19">Brief <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> an <persName ref="kbga-actors-1716">E. <term type="namen" key="Küppers, Erica">Küppers</term></persName> vom
					<date when="1933-12-27">27.12.1933</date> (<ref type="kba-objects-id" target="22917">KBA 9233.386</ref>). </note>
				<pb xml:id="p006" ed="pga"/>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic">Bis zur <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte"><orgName ref="kbga-actors-5873">Synode</orgName></term> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> daher keine Zeit gefunden, auch den Einbringungsvortrag auszuformulieren. Also sprach er frei und erläuterte den Synodalen die ihnen bereits im Druck vorliegenden Thesen.</hi><note xml:id="n20">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p066#p066">S. 66</ref>. </note>
				<hi rend="italic"> Erhalten ist eine fünfseitige maschinenschriftliche Fassung dieser Thesen mit äußerst lapidaren, mit Bleistift geschriebenen Randnotizen von Barths Hand.</hi><note xml:id="n21"><ref type="kba-objects-id" target="77">KBA 10064</ref>.</note>
				<hi rend="italic"> Wohl anhand dieser Notizen hat er seine Ausführungen frei vorgetragen. Es ist zu vermuten, dass er jeweils auch die Thesen verlas, bevor er sie erläuterte.</hi>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic">Vom Vortrag existieren zwei Fassungen, die auf unterschiedlichen Nachschriften beruhen. Beide geben Barths Ausführungen nicht wörtlich wieder und weichen in der Akzentuierung dessen, was sie wiedergeben, deutlich voneinander ab. Die Druckfassung fußt auf dem Stenogramm eines cand. theol. <term type="namen" key="Funke, Emil Eugen">Funke</term>. <persName ref="kbga-actors-1668">Karl Immer</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-10539">Funke</persName> gebeten, ihm die Übertragung seines Stenogramms für die Veröffentlichung der Synodalverhandlungen zur Verfügung zu stellen. Er schrieb dann am
					<date when="1934-01-20">20. Januar 1934</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Ich habe soeben noch einmal die ganzen Verhandlungen durchgesehen und hätte gern, wenn etwas von der Lebendigkeit der Tagung in dem geplanten Heft offenbar würde. Ich sende Ihnen die stenographierten Erläuterungen zu den einzelnen Thesen und bitte Sie um freundliche Durchsicht sowie um die Erlaubnis zum Abdruck. […] Zur Lebendigkeit wird es sicher beitragen, wenn die einzelnen Einwände und Fragen mit abgedruckt werden.»</hi><note xml:id="n22">Brief <persName ref="kbga-actors-1668">Immers</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
						<date when="1934-01-20">20.1.1934</date> (<ref type="kba-objects-id" target="23136">KBA 9334.112</ref>), in dem er zu Funke notierte: «z. Zt. Domkandidatenstift in Berlin». – Vermutlich handelt es sich beim Verfasser der Mitschrift um <persName ref="kbga-actors-10539">Emil Eugen <term type="namen" key="Funke, Emil Eugen">Funke</term></persName> (1908–1947), der zwischen seinen 1932 und 1935 in Münster abgelegten theologischen Examina u. a. Vikar in <placeName ref="kbga-places-883">Siegen</placeName> und am Domkandidatenstift in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> war und am
<date when="1935-06-30">30. Juni 1935</date> in <placeName ref="kbga-places-650">Emden</placeName> ordiniert wurde. </note>
				<hi rend="italic"> Barth entsprach Immers Wünschen und autorisierte diesen Text für den Druck. Das Heft erschien Mitte <date when="1934-02">Februar 1934</date></hi><note xml:id="n23">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-125"><persName ref="kbga-actors-1668">K. Immer</persName>, <hi rend="italic">Die Briefe des Coetus reformierter Prediger 1933–1937</hi>, hrsg. von J. Beckmann, Neukirchen-Vluyn 1976, S. 24.</bibl> </note>
				<hi rend="italic"> und lag der <orgName ref="kbga-actors-5393">Freien evangelischen Synode im <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie evangelische (Rheinland)">Rheinland</term></orgName> vor, die am <date when="1934-02-18">18.</date> und
<date when="1934-02-19">19. Februar 1934</date> in <term type="sachen" key="Barmen (Wuppertal)"><placeName ref="kbga-places-860">Barmen-Gemarke</placeName></term> zusammenkam und sich in ihrer Erklärung zustimmend hinter die Erklärung der Freien reformierten <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte">Synode</term> stellte.</hi><note xml:id="n24">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5663">J. <term type="namen" key="Beckmann, Joachim">Beckmann</term>, <hi rend="italic">Rheinische Bekenntnissynode im Kirchenkampf. Eine Dokumentation aus den Jahren 1933–1945</hi>, Neukirchen-Vluyn 1975, S. 89.</bibl> </note>
			</p>
					<p> <pb xml:id="p007" ed="pga" rend="noPipe"/>
						<hi rend="italic">Bei der anderen Fassung handelt es sich um einen elfseitigen, engzeilig beschriebenen Text in Maschinenschrift, der im Unterschied zur Druckfassung nicht den Wortlaut der Thesen bietet, sondern nur auf sie verweist. Diese Fassung ist im Karl Barth-Archiv im Original und in einer Durchschrift erhalten. Auf dem Titelblatt der Durchschrift steht unter den Überschriften der handschriftliche Vermerk: «Protokoll der Ausführungen v[on] K[arl] B[arth] auf Grund der Thesen (nicht wörtlich!).»</hi><note xml:id="n25"><ref type="kba-objects-id" target="506">KBA 11056</ref>. Das Original (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 11056.1</idno>) trägt auf der ersten Seite oben links den handschriftlichen Vermerk <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaums</persName>: «<hi rend="italic">Protokoll</hi>, nicht wörtlich!». </note>
				<hi rend="italic"> Da es sich um die Handschrift <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von <term type="namen" key="Kirschbaum, Charlotte von">Kirschbaums</term></persName> handelt und auch die Diktion dieses Textes ihre Autorschaft wahrscheinlich macht, wird es sich um «Lollos Protokoll» handeln, das <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinem Freundeskreis verbreiten ließ.</hi><note xml:id="n26">Am
					<date when="1934-01-08">8.1.1934</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">E. <term type="namen" key="Thurneysen, Eduard">Thurneysen</term></persName>: «Du bist durch Lollos Protokoll wenigstens über meine Tätigkeit an der ‹Freien Synode› am 4. Januar unterrichtet» (<ref type="kba-objects-id" target="23021">KBA 9270.613</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p571#p571">S. 571</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">ebd., <ref type="pub" target="../volume/34/p571#fn_n04">Anm. 4</ref></bibl>, bedarf insofern der Korrektur). </note>
			</p>
					<p><hi rend="italic">Erst die vergleichende Lektüre beider Textfassungen gestattet ein annähernd authentisches Bild von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag. Deshalb werden sie hier parallel abgedruckt. Links wird jeweils der von <persName ref="kbga-actors-1668">Karl Immer</persName> herausgegebene Erstdruck nach </hi><orgName ref="kbga-actors-5873">Freie reformierte Synode zu Barmen-Gemarke 1934</orgName> am <date when="1934-01-03">3.</date> und
				<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date><note xml:id="n27">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n10">Anm. 10</ref>. </note><hi rend="italic">, S. 20–34, mit der Originalpaginierung wiedergegeben. Die Wiedergabe der Diskussion erfolgt wie in der gedruckten Fassung in Petit. Die Textgeschichte der Thesen selbst wird gesondert dokumentiert.</hi><note xml:id="n28">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p065#p065">S. 65-83</ref>.</note> <hi rend="italic">Die teils kaum entzifferbaren Stichworte, die sich Barth am Rande des Thesen-Typoskripts für den Vortrag notiert hatte, werden in einem gesonderten Apparat ausgewiesen. Auf den rechten Seiten wird die wohl von <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von <term type="namen" key="Kirschbaum, Charlotte von">Kirschbaum</term></persName> geschriebene Protokollfassung dokumentiert, in die um der besseren Lesbarkeit willen von den Herausgebern zusätzliche, durch einen senkrechten Strich markierte Absätze eingezogen sind. Aufgrund der teils stark abweichenden Länge und der mitunter leicht variierenden Anordnung der Aussagen in den einzelnen Abschnitten ist es nicht vermeidbar, dass die erläuternden Fußnoten an dieser Fassung nicht immer in der numerisch korrekten Folge stehen.</hi>
				</p>
		</div>
		<div rend="left">
			<pb xml:id="p008" ed="pga" rend="noPipe"/>
			<p><seg xml:id="ps-01"/></p>
			<p><seg xml:id="ps-02"/></p>
			<p><seg xml:id="ps-03">Prof. D. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName></hi>, <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName>:</seg></p>
			<p><seg xml:id="ps-04"/></p>
			<p><seg xml:id="ps-05"/></p>
			<p><seg xml:id="ps-06"/></p>
			<p rend="text-recte center"><seg xml:id="ps-07">Bekenntnis der freien Kirchensynode</seg></p>
			<p><seg xml:id="ps-08"/></p>
			<p><seg xml:id="ps-09"/></p>
				<p rend="margin-top"><seg xml:id="ps-10">Ich rede hier, weil ich den Auftrag dazu habe. Ich könnte die Verantwortung nicht tragen, ein <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> aufzustellen. Ich wüsste nicht einmal zu sagen, ob die Lage heute reif ist, ein Bekenntnis aufzustellen. Das Bekennen kann nur ein Akt der <term type="sachen" key="Bekenntnis, Akt der Kirche">Kirche</term> und nicht eines einzelnen Professors sein. Die Erklärung, die ich Ihnen vorlege, kann nur sein eine Frage, die ich an Sie richte und die Sie als die Vertreter der Gemeinden aufnehmen und beantworten müssen im Namen der Kirche. So und nur so entsteht wirkliches <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term>.</seg></p>
			<p><seg xml:id="ps-11">In dem Thema «Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart» liegt diese Zurückhaltung. Ich empfinde eine Hemmung, das Wort Bekenntnis so einfach dahinzusetzen. <note xml:id="n29">Im Vorfeld der Synode war die Frage nach dem Status der beabsichtigten Erklärung kontrovers diskutiert worden. Der Offenbacher Pfarrer <persName ref="kbga-actors-10534">Wilhelm <term type="namen" key="Boudriot, Wilhelm">Boudriot</term></persName> (1892–1948) etwa hatte sich entschieden gegen einen Bekenntnistext ausgesprochen. Am <date when="1933-12-29">29. Dezember 1933</date> schrieb er an den Moderator des Reformierten <term type="sachen" key="Reformierter Bund">Bundes</term>, <persName ref="kbga-actors-10540">Albert <term type="namen" key="Lang, Albert">Lang</term></persName>: «Unser Frankfurter Arbeitsausschuß, der ein ganz bedeutendes reformiertes Gebiet umfaßt, lehnt unbedingt diese Wuppertaler Bestrebungen nach ‹neuen› Bekenntnissen ab» (LKA Detmold, Depositum Reformierter Bund, Nr. 40; zur Haltung Boudriots vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-244"><term type="namen" key="Lekebusch, Sigrid">­Lekebusch</term>, S. 85f.</bibl>).</note> Ein Bekenntnis kann es unter Umständen werden oder auch nicht werden. Darum nenne ich es: Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen <term type="sachen" key="Bekenntnisse, reformatorische">Bekenntnisse</term> in der Deutschen Evangelischen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche">Kirche</term> der Gegenwart.</seg></p> 
			<p><seg xml:id="ps-12"><pb xml:id="p010" ed="pga" rend="noPipe"/> Was kann man von einer solchen Bekenntniserklärung erwarten? Offenbar nicht eine <foreign xml:lang="lat">summa doctrinae</foreign>, eine vollständige <term type="sachen" key="Glaubenslehre">Glaubenslehre</term>. Man darf nicht erwarten, alles zu finden, was uns als <term type="sachen" key="Christ / Christen">Christen</term> wichtig ist. Sondern was man erwarten muss, ist ein konkreter Akt der christlichen <term type="sachen" key="Kirche, christliche">Kirche</term> in einer bestimmten geschichtlichen Lage, ein Versuch, Antwort zu geben auf die Fragen, die heute gestellt sind, eine Erklärung zu der Sache der Deutschen Evangelischen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche">Kirche</term> in der Gegenwart. Jeder Satz ist zu verstehen als bezogen auf die Fragen, die uns heute erregen.</seg></p>
			<p><seg xml:id="ps-13">Der I. Artikel soll uns das Problem fixieren, die Frage, auf die wir zu antworten haben. II. und III. geben das Gesetz, unter dem die Kirche sich stehend erkennt in der gegenwärtigen Lage und der heutigen Frage gegenüber. Es antworten IV. und V., indem sie aus diesem Wesensgesetz der Kirche nun die Ordnung folgern, vor die die Kirche sich heute angesichts der aufgezeigten Fragen praktisch gestellt sieht. <pb ed="A" n="21"/></seg></p>
			<p><seg xml:id="ps-14">Die Frage, die uns heute gestellt ist, ist die Frage nach der <term type="sachen" key="Kirche, Frage nach der K.">Kirche</term>.<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zur Einleitung: «Vorlage nach Auftrag: <hi rend="italic">1. nicht</hi> / <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> sondern Erklärung / zu den <term type="sachen" key="Bekenntnisse, reformatorische">Bekenntnissen</term> <hi rend="italic">2. nicht</hi> / vollständ[ige] <term type="sachen" key="Glaubenslehre">Glaubenslehre</term> und Polemik, / sondern: die Sache d[er] Kirche heute. / <hi rend="italic">3. Kirche</hi> / (I Problem, II–III Gesetz, IV–V Ordnung)».</note></seg></p>
		</div>
				<div rend="left">
			<head xml:id="ps-15">I. Die Kirche in der Gegenwart.</head>
					<p><seg xml:id="ps-16">
					<hi rend="italic">1. Angesichts der kirchlichen Ereignisse des Jahres 1933 gebietet uns das Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, <term type="sachen" key="Buße">Buße</term> zu tun und umzukehren. Denn in diesen Ereignissen ist ein die evangelische <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> seit Jahrhunderten verwüstender <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> reif und sichtbar geworden. Er besteht in der Meinung, dass neben Gottes <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, Gottes <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term> und Gottes <term type="sachen" key="Ehre, Gottes">Ehre</term> auch eine berechtigte Eigenmächtigkeit des <term type="sachen" key="Mensch, Eigenmächtigkeit">Menschen</term> über die <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und die Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term>, d. h. über den zeitlichen Weg zum ewigen <term type="sachen" key="Heil, ewiges">Heil</term>, zu bestimmen habe.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-17">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die kirchliche Entwicklung seit der <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformation</term> sei eine normale gewesen und es handle sich in der heutigen Not
			<pb xml:id="p012" ed="pga"/> unserer <term type="sachen" key="Kirche, Not">Kirche</term> nur um eine vorübergehende Störung, nach deren Beseitigung jene Entwicklung geradlinig weitergehen dürfe.<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These I.1: «1933 … Wort Gottes u[nd] nicht Kairos<note xml:id="n30">Zur Kritik <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am «Kairos»-Begriff und speziell an seiner Anwendung auf die Ereignisse des Jahres 1933 vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p318#fn_n112">S. 318, Anm. 112</ref></bibl>. Siehe auch unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p227#p227">S. 227f.</ref> </note> / Buße – <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> nur Ausbruch». Darunter: «<hi rend="italic">Irrtum</hi> (an der <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>!) / Eigenmächtigkeit <hi rend="italic">über</hi> … darin / heimlich: eigene Off[en]­b[arung] / eigene Göttlichkeit / Gott ist nicht Gott / Entwicklung seit 170­0». </note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-18">Angesichts der kirchlichen Ereignisse gebietet uns das Wort <term type="sachen" key="Wort_Gottes">Gottes</term>…» Bei jeder Erklärung muss sich die Kirche verstehen nicht aus dem <term type="sachen" key="Zeitgeist">Zeitbewusstsein</term> heraus, sondern sprechend im Gehorsam gegen das Gebot <term type="sachen" key="Gebot, Gottes G.">Gottes</term>, das sie allerdings empfängt in dieser bestimmten kirchlichen Lage.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-19"> <term type="sachen" key="Buße">«Buße</term> zu tun und umzukehren…» <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> ist ein gewiss freudiger Akt der <term type="sachen" key="Bekenntnis, Akt der Kirche">Kirche</term>, und andererseits ein Akt des Kampfes wider den <term type="sachen" key="Bekenntnis, Akt des Kampfes wider den Irrtum">Irrtum</term>. Aber vergessen wir nicht: Bekenntnis muss sein auch ein Akt der <term type="sachen" key="Bekenntnis, Akt der Buße">Buße</term>, der umfassenden Einsicht: Wir haben allen Anlass, Gott, den Herrn der <term type="sachen" key="Gott, Herr der Kirche">Kirche</term>, ganz neu zu erkennen, zu ihm zu schreien: Mach du mit uns einen neuen Anfang! Wir erkennen und bekennen vor dir, dass wir gefehlt haben – wir, die Kirche, nicht nur die Anderen in der Kirche. Dass es <orgName ref="kbga-actors-8309">D[eutsche] <term type="sachen" key="Deutsche Christen">C[hristen]</term></orgName> gibt und geben konnte, dass das möglich war, was wir erlebt haben, liegt als Schuld auf uns allen. Erst auf der Basis der Bitte: «Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.12">Mt. 6,12</ref>] werden wir mit Ernst gegen den Irrtum in der Kirche streiten können.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-20"> «Denn in diesen Ereignissen ist ein seit Jahrhunderten verwüstender Irrtum reif und sichtbar geworden.» Das ist der <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> der evangelischen <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> von Jahrhunderten her, der heute sichtbar geworden ist, dass immer wieder der Versuch gemacht worden ist, die <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> freilich gelten zu lassen, die <term type="sachen" key="Ehre, Gottes">Ehre</term> und Gnade <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gottes</term> freilich stehen zu lassen, aber nun diesem von Gott her kommenden Wort und <term type="sachen" key="Wille Gottes">Willen</term> gegenüber geltend zu machen: da ist der Mensch mit seinen <pb xml:id="p014" ed="pga"/> Anliegen, Wünschen, mit seiner Innerlichkeit, seinem Lebensernst. Dieser Mensch steht dem Wort und Willen Gottes gegenüber als ein <term type="sachen" key="Mensch, Partner Gottes">Partner</term>, mit dem er zu verhandeln hat, der mitzureden hat über das, was <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> und <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> der Kirche ist, wie der Weg zum Heil beschritten werden soll. Seit rund 1700 ist das der Gang der Dinge,<note xml:id="n31">Mit den Zeitangaben «1700» oder auch «vor 200 Jahren» pflegte Barth auf den theologischen Umbruch zum <term type="sachen" key="Neuprotestantismus">Neuprotestantismus</term> anzuspielen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p032#fn_n49">S. 32, Anm. 49</ref></bibl>.</note> dieser Aufstand des Menschen gegenüber dem in der Kirche handelnden <term type="sachen" key="Mensch, Aufstand gegen Gott">Gott</term> und seinem <term type="sachen" key="Wort Gottes">Wort</term>. Ein Aufstand, der nicht einfach eine <term type="sachen" key="Revolution">Revolution</term> war, <pb n="22" ed="A"/> sondern ein «Sich ins Recht Setzen» des Menschen, verbunden mit sehr viel <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Gläubigkeit</term>, aufrichtiger <term type="sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, gründlicher <term type="sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>. Dieser <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> ist heute manifest geworden. Was in den Glaubensbekenntnissen der <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName><note xml:id="n32">Mit der Lehre und den Bekenntnissen der <orgName ref="kbga-actors-10458">Deutschen <term type="sachen" key="Deutsche Christen">Christen</term></orgName> hatte sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bereits 1933 in <bibl corresp="kbga-bibls-397"><hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi> (vgl. a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p320#p320">S. 320–330</ref>)</bibl> und in seinen <bibl corresp="kbga-bibls-854"><hi rend="italic">Gegenthesen zu den Rengsdorfer Thesen</hi> (a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p558#p558">S. 558–566</ref>)</bibl> ausführlich auseinandergesetzt; der oben ausgeführte Gedankengang findet sich zudem bereits in der zweiten These von <bibl corresp="kbga-bibls-581"><hi rend="italic">Kirchliche Opposition 1933. Grundsätzliches</hi> (a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p587#p587">S. 587</ref>)</bibl>.</note> offenbar wird, dieser selbstbewusste, herrische Ton, diese Anmeldung des deutschen <term type="sachen" key="Mensch, deutscher">Menschen</term> mit seinem Eigenrecht, dass er das <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> hören und predigen könne, wie es ihm zukomme, das macht eine <term type="sachen" key="Kirche, Not">Not</term> offenbar, an der wir schon lange gelitten haben. Es geht um eine Versuchung, die in uns allen lebt, der man durch keine noch so kräftige <term type="sachen" key="Orthodoxie">Orthodoxie</term> Herr wird. Diese Macht gilt es zu erkennen und umzukehren.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-21">
					<hi rend="italic">2. Dieser <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> ist derselbe wie der Irrtum der <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papstkirche</term> und der <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmerei</term>, gegen den sich das reformatorische <term type="sachen" key="Bekenntnisse, reformatorische">Bekenntnis</term> richtet. Wenn die evangelische <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> ihm erliegt, so hat sie aufgehört, evangelische Kirche zu sein. Er muss heute, auch in seinen feinsten und reinsten Gestalten, als Irrtum festgestellt und bekämpft – dem alten Irrtum muss das alte <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> mit neuer Freudigkeit und Bestimmtheit entgegengestellt werden.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-22">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Der Irrtum von der Eigenmächtigkeit des <term type="sachen" key="Mensch, Eigenmächtigkeit">Menschen</term> in Sachen der <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term> sei eine Meinung <pb xml:id="p016" ed="pga"/> neben anderen, die wenigstens in ihren edleren Formen in der evangelischen Kirche nach wie vor Heimatrecht haben könne.<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These I.2: «Alter Irrtum: <hi rend="italic">Kirche</hi> u[nd] <hi rend="italic">Geist</hi> / als Interpretatores perseipse [?] / <hi rend="italic">Ref[ormation]</hi>: <term type="sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> und <hi rend="italic">h[ei]l[iger]</hi> <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> über / Kirche u[nd] Geister / <term type="sachen" key="Orthodoxie">Orthodoxie</term> der <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> / <hi rend="italic">und</hi> der J[ungreformatorischen] <term type="sachen" key="Jungreformatorische Bewegung">B[ewegung]</term> / <term type="sachen" key="Häresie / Irrlehre">‹Häresie›-Vorwurf</term> auch über große [?] / Entschiedenheit. <hi rend="italic">Altes</hi> <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> / <hi rend="italic">aber</hi> [?] …». Weiter unten: «‹Frieden› nur möglich in <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-23">Dieser Irrtum ist derselbe wie der Irrtum der <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papstkirche</term> und der <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmerei</term>, gegen den sich das reformatorische <term type="sachen" key="Bekenntnisse, reformatorische">Bekenntnis</term> gerichtet hat. Wenn wir heute bekennen, können wir nur das Bekenntnis der <term type="sachen" key="Bekenntnis, der Väter">Väter</term> aufnehmen. Der Feind ist nicht ein neuer, sondern ein alter in neuer Gestalt, der schon im 16. Jahrhundert auf dem Plan war. Das <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> kann nur das Eine sein, das alte, das mit neuer Freudigkeit und Bestimmtheit ausgesprochen wird. Denn es ging in der <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformation</term> <term type="namen" key="Luther, Martin">Luthers</term>, <term type="namen" key="Zwingli, Ulrich">Zwinglis</term>, <term type="namen" key="Calvin, Johannes">Calvins</term> um zwei Gegner: Rom und <term type="sachen" key="Renaissance">Renaissancegeistigkeit</term>. Sie haben eingesehen, dass sie es bei beiden Gegnern mit dem einen Feind zu tun hatten. Beide vertraten dem Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> gegenüber den Anspruch des Menschen, der selber unter Berufung auf seinen <term type="sachen" key="Geist, menschlicher">Geist</term>, sein <term type="sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>, seine <term type="sachen" key="Gerechtigkeit, menschliche">Gerechtigkeit</term> Gott gegenüber ein zweiter <term type="sachen" key="Mensch, will zweiter Gott sein">Gott</term> sein will. Das tut der <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papst</term>, indem er pocht auf die Geschichte, die <term type="sachen" key="Tradition">Überlieferung</term> seiner Kirche. Das tut genauso der <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmer</term>, der <term type="sachen" key="Humanisten / Humanismus">Humanist</term>, der geltend macht die innere Stimme des Geistes, der die Menschen leite in seinem <term type="sachen" key="Gewissen">Gewissen</term>. Hier und dort ist der Mensch auf dem Plan gegen Gott. Geltend gemacht haben die <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformatoren</term> demgegenüber: Es ist das Wort, der Geist Gottes, der die Kirche gestalten muss. Dem <term type="sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> hat sich der Mensch zu unterordnen und nicht umgekehrt.</seg></p>
				<p><seg xml:id="ps-24">Wenn die Kirche der <term type="sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> unterliegen würde, den deutschen <term type="sachen" key="Mensch, deutscher">Menschen</term> bestimmend sein zu lassen für das, was sie als Wort Gottes zu sagen hat, dann nimmt sie wieder auf, was <term type="namen" key="Luther, Martin">Luther</term> und <term type="namen" key="Calvin, Johannes">Calvin</term> im <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papsttum</term> und im <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmertum</term> ausgeschieden haben. Dann hat sie</seg> <seg xml:id="ps-25">aufgehört, <pb n="23" ed="A"/> evangelische <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> zu sein. Nicht eine etwas fatale Meinung hat sich dann eingeschlichen, sondern ein grundstürzender <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term>. Es kann dann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis <term type="sachen" key="Rom (Vatikan / röm.-kath. Kirche)">Rom</term> uns hat oder bis aus ihr eine allgemeine Auflösung und Willkür des Men<pb xml:id="p018" ed="pga" break="no"/>schen geworden ist. Man kann schwerlich sagen, welche von den beiden Gefahren heute größer ist. Die beiden Irrtümer sind nicht eine Meinung neben anderen, die auch ein Heimatrecht beanspruchen könnte in der Evangelischen Kirche, sondern der alt-böse Feind;<note xml:id="n33">Vgl. aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Strophe 1 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (RG 32; EG 362)</bibl>: «Der alt böse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint; […]». </note> hier kann es nur ein Entweder-Oder geben. Der Friede darf nicht auf Kosten der <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> geschlossen werden. Zu allen Zeiten ist es die Art des Irrtums gewesen, dass er sich nicht unmaskiert in der Kirche gegeben hat. Wir erleben es, wie man den <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> so schön einkleiden kann, dass man ihn nur noch ansieht als Zusatz, den man am Rande auch noch sagen könnte. Es ist die Frage für die Kirche und unsere <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte">Synode</term>, ob wir die Gefahr sehen, so riesengroß wie sie ist, oder ob wir’s mit dem Sprüchlein halten: «Fährmann, sag mir’s ehrlich: ist’s denn so gefährlich?»<note xml:id="n34">Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-333">Strophe 4 des Volksliedes «Als wir jüngst in Regensburg waren»</bibl>: 
						<q rend="block"><lg>
							<l>Schiffsmann, lieber Schiffsmann mein,</l>
							<l>sollt’s denn so gefährlich sein?</l>
							<l>Schiffsmann, sag’ mir’s ehrlich,</l>
							<l>ist’s denn so gefährlich?</l></lg></q></note> Das werden Sie zu entscheiden haben, ob Sie es auch so sehen und ob Sie ein deutliches Wort wider den Irrtum dieser Zeit zu sagen entschlossen sind.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-26"/></p>
					<p><seg xml:id="ps-27"/></p>
					<p><seg xml:id="ps-28"><pb xml:id="p020" ed="pga" rend="noPipe"/>
					<hi rend="italic">3. Angesichts der Einheit, in der dieser <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> heute in die Erscheinung getreten ist, sind die in der einen Deutschen Evangelischen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche">Kirche</term> zusammengeschlossenen Gemeinden aufgerufen, unbeschadet ihrer lutherischen, reformierten oder unierten Herkunft und Verantwortung, aufs Neue die Hoheit des einen Herrn der einen Kirche und darum die wesentliche Einheit ihres Glaubens, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>], ihrer <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> durch <term type="sachen" key="Predigt">Predigt</term> und <term type="sachen" key="Sakrament">Sakrament</term>, ihres <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnisses</term> und ihrer Aufgabe zu erkennen.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-29">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Es dürfe oder müsse die berechtigte Vertretung lutherischer, reformierter oder unierter <term type="sachen" key="Belange (konfessionelle)">«Belange»</term> noch immer den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Bekennens und Handelns <hi rend="italic">gegen</hi> den <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> und <hi rend="italic">für</hi> die <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> übergeordnet werden.<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These I.3: «Verschiedenheiten sind da, aber / auch <hi rend="italic">ein</hi> Herr. Verantwortungen / bleiben, aber auch gemeinsamer Dienst / Aufruf?… <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Ref[ormation]</term>!!». </note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-30">Wer ist da gemeint, wenn wir von der Kirche sprechen, die <term type="sachen" key="Buße">Buße</term> zu tun und umzukehren hat?</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-31"> «Wir» sind aufgerufen: das darf nicht nur heißen: wir <term type="sachen" key="Reformierte / Reformiertentum">Reformierte</term>, oder im Osten: wir <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheraner</term>, oder im <term type="sachen" key="Rheinland">Rheinland</term>: wir <term type="sachen" key="Unierte / Union">Unierte</term>. Ich will nicht die heilige Notwendigkeit unseres reformierten <term type="sachen" key="Bekenntnis, reformiertes">Bekenntnisses</term> in Frage stellen, und gerade in diesem Jahr habe ich Respekt bekommen vor dem Ernst eines wirklichen lutherischen <term type="sachen" key="Bekenntnis, lutherisches">Bekenntnisses</term>. Statt Verantwortung schrieb ich zuerst «Eigenart»; doch ich habe es gestrichen.<note xml:id="n35">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p072#fn_ni">S. 72, Anm. i–i</ref>. </note> Im Wort Eigenart liegt der Klang eines menschlichen Rechtes, und das haben wir nicht als Reformierte, sondern wir haben</seg> <seg xml:id="ps-32">als Reformierte nur einen Auftrag und damit eine Verantwortung. Gerade, wenn wir in dieser Verantwortung stehen, nicht im «leeren Raum»<note xml:id="n36">Anspielung auf die zeitgenössische, seitens <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutscher <term type="sachen" key="Deutsche Christen">Christen</term></orgName> gängige Kritik an Barth und dessen Theologie (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p543#fn_n73">S. 543, Anm. 73</ref></bibl>). </note>, sondern im Raum des Jahres 1933/34, dann werden wir unvermeidlich daran erinnert: Evangelische <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> – damit sagen wir unter allen Umständen noch mehr als reformierte <term type="sachen" key="Kirche, reformierte">Kirche</term>; <pb n="24" ed="A"/> wir sagen damit: Kirche Jesu <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term>. Das bedeutet jetzt konkret in dieser geschichtlichen Lage das Wissen um die Einheit unseres Glaubens, <pb xml:id="p022" ed="pga"/> Liebens und Hoffens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>]. Können wir es uns leisten, im gegenwärtigen Augenblick noch gegeneinander zu stehen, Reformierte und Lutheraner? Wir haben es erlebt: es gibt mancherlei <term type="sachen" key="Reformierte / Reformiertentum">Reformierte</term> und mancherlei <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheraner</term>; die wahre Scheidung geht quer hindurch. Unsere vielberufenen reformierten Belange<note xml:id="n37">Die Forderung nach Wahrung der «reformierten Belange» – d. h. nach Behauptung und Durchsetzung reformierter Interessen in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen des Jahres 1933 – spielte im Vorfeld der Synode eine erhebliche Rolle (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-244"><term type="namen" key="Lekebusch, Sigrid">­Lekebusch</term>, S. 84f.</bibl>). In einem auf die Entscheidungen der Synode hinzielenden programmatischen Aufsatz hatte <persName ref="kbga-actors-708">Wilhelm Niesel</persName> unter anderem beklagt: «Wir haben es erlebt, wie von den strengen Lutheranern und den strengen Reformierten einer nach dem anderen in das Lager der ‹<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>› hinüberging. […] Und wenn man das gerade nicht tat, so hielt man es für richtig, in diesen furchtbaren Monaten Belange des eigenen ‹Bekenntnisses› zu retten und zu erkämpfen, unter Umständen auch mit Hilfe der neuen häretischen Bewegung. Was heißt aber Bekenntnistreue, wenn man nur immer wieder ‹Belange› vertritt und zu diesem Zwecke sogar bereit ist, mit den Ungläubigen an einem Joche zu ziehen?» (<bibl corresp="kbga-bibls-5664"><persName ref="kbga-actors-708">W. <term type="namen" key="Niesel, Wilhelm">Niesel</term></persName>, <hi rend="italic">Bekenntnis oder Berechnung?</hi>, in: RKZ 83 [1933], S. 398–400, dort S. 399</bibl>).</note> sind den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnisses</term> unter-, nicht überzuordnen.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-33">Aber haben wir eine Macht, von den Anderen zu sagen: sie sind mit uns aufgerufen? Wir sprechen das nicht aus als einen kirchenpolitischen <term type="sachen" key="Kirchenpolitik">Satz</term>. Wir haben keine Verhandlungen darüber gepflogen mit <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheranern</term> und <term type="sachen" key="Unierte / Union">Unierten</term>. Sondern wir sprechen das aus als einen Glaubenssatz, gerade als einen reformierten Glaubenssatz. Es ist immer die Art der reformierten <term type="sachen" key="Kirche, reformierte">Kirche</term> gewesen, zu reden von der Einen christlichen evangelischen <term type="sachen" key="Kirche, christliche evangelische">Kirche</term>. Es ist heute die Zeit, diese gute reformierte <term type="sachen" key="Tradition, reformierte">Tradition</term> aufzunehmen.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-34"/></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-35"><hi rend="italic">Aussprache</hi>.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-36">P. Dr. <term type="namen" key="Boudriot, Wilhelm"><persName ref="kbga-actors-10534">Boudriot</persName></term>: Wenn wir Reformierte mit den Anderen zusammenstehen, dann heißt der Dank: «reformierte Starrköpfe». Da sagen sie uns, wenn es an <pb xml:id="p024" ed="pga"/> die Kirchenordnung und ans Abendmahl geht: ihr habt einen anderen Geist.<note xml:id="n38">Zu dieser Äußerung <term type="namen" key="Luther, Martin"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></term> auf dem Marburger Religionsgespräch, die von <persName ref="kbga-actors-6486">Franz <term type="namen" key="Tügel, Franz">Tügel</term></persName> gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gewendet worden war (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-69"><persName ref="kbga-actors-6486">Fr. Tügel</persName>, <hi rend="italic">Unmögliche Existenz! Ein Wort wider Karl Barth</hi>, Hamburg 1933, S. 47</bibl>), vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p546#fn_n81">S. 546, Anm. 81</ref>.</bibl> Siehe auch unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p128#fn_n21">S. 128, Anm. 21</ref>. </note></seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-37">P. <term type="namen" key="Sohnius, Robert Ferdinand"><persName ref="kbga-actors-10535">Sohnius</persName></term><note xml:id="n39"><persName ref="kbga-actors-10535">Robert Ferdinand <term type="namen" key="Sohnius, Robert Ferdinand">Sohnius</term></persName> (1870–1943), damals Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-1508">Repelen</placeName>. </note>: Wenn wir die Hände zum Frieden bieten, dann ist Gefahr, dass wir uns ganz und gar aufgeben. Ich verweigere den Lutheranern die</seg> <seg xml:id="ps-38">Abendmahlsgemeinschaft, weil sie sie uns verweigern.</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-39"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: In dieser Frage kann ich nur um eines bitten: Wollen wir hier ein <term type="sachen" key="Bekenntnis">Glaubensbekenntnis</term> ablegen, so kann die Frage nur heißen: Glauben wir oder glauben wir nicht? Dann können solche relativ berechtigten Einwände gegen These 3 nicht gemacht werden. Es ist selbstverständlich, dass wir unsere <term type="sachen" key="Kirchenpolitik">Kirchenpolitik</term> treiben müssen, unsere <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte"><orgName ref="kbga-actors-5393">Synode</orgName></term> tut es ja auch durch ihr Zusammentreten. Aber worum es geht, ist dies, dass wir unsere reformierte Kirchenpolitik unterordnen den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen Handelns gegenüber dem <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term>. Wenn uns gesagt wird, wir bekommen keinen Dank von den Anderen, so ist zu antworten: Das geht uns nichts an. Man kann bei einem <term type="sachen" key="Bekenntnis, fragt nicht nach Erfolg">Glaubensbekenntnis</term> nicht nach dem Erfolg fragen. Wer glaubt, der hat dann auch eine Sicherheit in Bezug auf sein Handeln. Wir werden uns nicht schwächen, wenn wir in der Kraft unseres reformierten Glaubens das sagen, was wir zu bekennen haben. Ich meine in dem Kampf dieses Jahres gesehen zu haben, dass man mit ernsten <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheranern</term> nicht so weit auseinander ist, dass man dabei bleiben müsste: hier ist ein Glaubenssatz<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf">Mit Blick auf den Kontext und die Parallelüberlieferung wird hier zu lesen sein: «Glaubensgegensatz».</note>. Mit <persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogel</persName><note xml:id="n40"><persName ref="kbga-actors-414">Heinrich <term type="namen" key="Vogel, Heinrich">Vogel</term></persName> (1902–1989), seit 1932 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-1509">Dobbrikow</placeName>. – <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich ausweislich der Parallelüberlieferung auf <bibl corresp="kbga-bibls-4921">H. Vogel, <hi rend="italic">Acht Artikel evangelischer Lehre. Um der gegenwärtigen Irrlehre willen, den Verirrten zur Weisung, den Angefochtenen zum Trost, bekannt auf dem Grunde der Heiligen Schrift</hi>, Berlin 1933</bibl> (auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-74">Schmidt I, S. 80–89</bibl>). Auch <persName ref="kbga-actors-708">Wilhelm <term type="namen" key="Niesel, Wilhelm">Niesel</term></persName> lobte die Äußerungen Vogels und hob hervor, dass sie sich im Vergleich mit den sogenannten «Düsseldorfer Thesen» (<bibl corresp="kbga-bibls-507"><hi rend="italic">Eine theologische Erklärung zur Gestalt der Kirche</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p249#p249">S. 249–259</ref></bibl>) durch eine «Verwerfung der Häresie» auszeichneten (<bibl corresp="kbga-bibls-5664">Niesel [<ref type="pub" target="#fn_n37">Anm. 37</ref>], S. 400</bibl>).</note> zum Beispiel könnten wir uns an einen Tisch setzen. Es würden übrig bleiben Gegensätze, über die man unter <term type="sachen" key="Christ / Christen">Christen</term> reden kann. In diesem Sinne möchte ich bitten, als Glaubenssatz auch diesen 3. Satz nicht abzulehnen.</seg></p>
				<p rend="center">
					<pb xml:id="p026" ed="pga" rend="noPipe"/><seg xml:id="ps-40">II. Die Kirche unter der Heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>.</seg>
				</p>
					<p><seg xml:id="ps-41">
					<hi rend="italic">1. Die Kirche hat ihren Ursprung und ihr Dasein ausschließlich aus der Offenbarung, aus der Vollmacht, aus dem Trost und aus der Leitung des Wortes <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, das der ewige <term type="sachen" key="Gott, ewiger Vater">Vater</term> durch Jesus <pb n="25" ed="A"/> Christus, seinen ewigen <term type="sachen" key="Jesus Christus, ewiger Sohn">Sohn</term>, in der Kraft des ewigen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term>, als die Zeit erfüllt war [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.4">Gal. 4,4</ref>], ein für allemal gesprochen hat.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-42">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne und müsse sich außer auf die <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> des dreieinigen <term type="sachen" key="Trinität">Gottes</term> auch noch auf eine dem Menschen trotz des Sündenfalls zugängliche Gottesoffenbarung in <term type="sachen" key="Offenbarung, natürliche">Natur</term> und <term type="sachen" key="Offenbarung, geschichtliche">Geschichte</term> begründen und beziehen.<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These II.1: «Andere Meister? / <hi rend="italic">Gottheit</hi> Xi [= Christi] u[nd] <hi rend="italic">Menschheit</hi> Xi / Sünde – Gnade / Kirche hört <hi rend="italic">ein</hi> Wort». </note></seg></p>
				<p rend="left"><seg xml:id="ps-43">Hier ist etwas zu sagen über die Autorität, die in der Kirche gilt, und um deretwillen wir sagen müssen: die Kirche hört auf die heilige <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>. Warum hört sie auf die heilige Schrift? Warum steht sie unter ihr? siehe Satz 1.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-44"> Wir stehen heute vor der Frage: Hat die Kirche sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen <term type="sachen" key="Trinität">Gottes</term> auch noch auf eine andere Gottesoffenbarung in <term type="sachen" key="Offenbarung, natürliche">Natur</term> und <term type="sachen" key="Offenbarung, geschichtliche">Geschichte</term> zu begründen? Nach meiner Ansicht ist diese Frage das theologische Kernproblem der gegenwärtigen Situation. An der Frage der Gottheit Jesu Christi scheiden sich allezeit, so auch heute wieder, die Geister. Wenn das, was in der Schrift <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> heißt, nicht irgend eine Offenbarung ist, die die Erscheinung eines Halbgottes [ist], sondern wenn es klar ist: Jesus Christus, wahrer <term type="sachen" key="Jesus Christus, wahrer Mensch">Mensch</term> und wahrer <term type="sachen" key="Jesus Christus, wahrer Gott">Gott</term> von Ewigkeit wie der <term type="sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> und der <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term>,<note xml:id="n41">Vgl. hierzu die einschlägige Aussage des Konzils von Chalkedon (DH 301) sowie <bibl corresp="kbga-bibls-220">Chr.Dogm., <ref type="pub-" target="../volume/14/p245#p245">S. 245–268</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 419–470</bibl>. </note> dann ist damit grundsätzlich entschieden: redet Gott mit uns, dann haben wir auf ihn zu hören, wie man eben auf Gott hört; dann können wir nicht gleichzeitig auch noch woandershin hören. Wenn wir im Angesicht Jesu Christi das Angesicht Gottes zu erbli<pb xml:id="p028" ed="pga" break="no"/>cken haben, dann sind wir hier festgehalten. Gott hat hier ein für allemal gesprochen. Alles Andere, was möglich sein könnte, wird für mich nicht existieren, sondern für mich gilt das Wort, das Gott tatsächlich gesprochen hat. Der Sohn ist nicht eine Erkenntnisquelle neben anderen, sondern er ist die einzige, oder er ist es gar nicht. Wir sind dann vollständig in Anspruch genommen. Andere Meister kann es dann für die Kirche nicht geben. Nicht andere Quellen, andere Stimmen, andere Wahrheiten. Sondern allein die eine <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>: «niemand kommt zum Vater denn durch mich» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]. An der Strenge dieses Satzes scheiden sich heute die Geister.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-45">Wir stecken alle voll natürlicher <term type="sachen" key="Theologie, natürliche">Theologie</term>. Sie ist uns eingeimpft von unseren Großvätern her. Zwei Jahrhunderte haben einen Bund mit ihr geschlossen. Es ist eine große Sache, nun heute dem abzusagen. Es ist ein Wagnis, diesen Satz als Bekenntnissatz heute vorzulegen. Aber wenn heute bekannt werden soll, dann muss dies bekannt werden. Denn hier ist das trojanische Pferd, aus dem alle Feinde bis hin zu <persName ref="kbga-actors-6438">Hossenfelder</persName><note xml:id="n43"><persName ref="kbga-actors-6438">Joachim <term type="namen" key="Hossenfelder, Joachim">Hossenfelder</term></persName> (1899–1976), seit 1929 Mitglied der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName>, <date when="1932">1932</date> Mitbegründer und Reichsleiter der «<orgName ref="kbga-actors-8309">Glaubensbewegung Deutsche Christen</orgName>», 1933 Bischof des Bistums <placeName ref="kbga-places-805">Brandenburg</placeName>, im Dezember 1933 von allen Ämtern enthoben und in den Wartestand versetzt.</note> hervorgegangen sind. Sonst mögen wir heute den Angriff der <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> zurückschlagen, morgen werden sie in anderer Gestalt wiederkommen.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-46"/></p>
					<p><seg xml:id="ps-47"><pb xml:id="p030" ed="pga" rend="noPipe"/> 
					<hi rend="italic">2. Die Kirche hört das ein für allemal gesprochene Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> durch die freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> des Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> in dem doppelten, aber einheitlichen und in seinen beiden Bestandteilen sich gegenseitig bedingenden Zeugnis des <term type="sachen" key="Altes Testament">Alten</term> und des Neuen <term type="sachen" key="Neues Testament">Testamentes</term>, das heißt in dem Zeugnis des <term type="namen" key="Moses"><persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName></term> und der <term type="sachen" key="Propheten / Prophetie">Propheten</term> von dem kommenden <pb n="26" ed="A"/> und in dem Zeugnis der <term type="sachen" key="Evangelisten">Evangelisten</term> und <term type="sachen" key="Apostel">Apostel</term> von dem gekommenen Jesus Christus.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-48">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die biblischen Schriften seien zu verstehen als Zeugnis der Geschichte menschlicher Frömmigkeit; maßgebend für die christliche <term type="sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> sei aber vorwiegend oder ausschließlich das Neue <term type="sachen" key="Neues Testament">Testament</term>; es könne oder müsse darum das Alte <term type="sachen" key="Altes Testament">Testament</term> zugunsten des Neuen abgewertet, zurückgedrängt oder gar ausgeschieden werden.<note n="h" type="textcritical" xml:id="nh">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These II.2: «Schrift Zeugnis von <hi rend="italic">Off[en]b[arung]</hi> / Gewissheit: er kommt – er / ist gekommen / Dieses <hi rend="italic">eine</hi> Volk ist die <term type="sachen" key="Kirche, Israel und die Gemeinde">Kirche</term>[:] / <term type="sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>, das X [= Christus] <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">kreuzigt</term> = die / Gemeinde d[es] <term type="sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandenen</term>». – Zur Ablehnung: «Bestreitung des AT ist / Leugnung d[er] <term type="sachen" key="Jesus Christus, wahrer Gott">Gottheit</term> <hi rend="italic">und</hi> der / <term type="sachen" key="Jesus Christus, wahrer Mensch">Menschheit</term> Jesu».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-49">Dieser Satz stellt die Verbindung her zwischen der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> und der Heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>. Ein doppelter Irrtum unserer Zeit ist hier abzuwehren. Einmal, die biblischen Schriften seien Zeugnisse menschlicher Frömmigkeit. Dann ist der Weg nicht weit, dass zwischen Altem und Neuem Testament unterschieden wird. Das Ausscheiden oder Zurückdrängen oder Abwerten des A. T. kommt daher, dass man in</seg> <seg xml:id="ps-50">der <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> <term type="sachen" key="Religion">Religion</term> zu hören meint. Die Kirche aber hört hier nicht <term type="sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, sondern Zeugnis von solchen, die das Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> selbst gehört und gesehen und betastet haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.1">1.Joh. 1,1</ref>]. Das sind miteinander dort <term type="namen" key="Moses">Mose</term> und die <term type="sachen" key="Propheten / Prophetie">Propheten</term>, hier die <term type="sachen" key="Evangelisten">Evangelisten</term> und <term type="sachen" key="Apostel">Apostel</term>. A. [T.] und N. T. sind nicht dasselbe. Dort wird von Christus gesprochen als dem Kommenden, hier als dem Gekommenen. Immer wieder als kommend und als der Gekommene ist Christus der Herr der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Herr der Kirche">Kirche</term>. Nur in diesen zwei Worten lässt sich sagen, was <pb xml:id="p032" ed="pga"/> uns gesagt sein muss vom Kommen des Reiches <term type="sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, dem Geschehen des Willens <term type="sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> an und unter uns. Darum ist <term type="sachen" key="Altes Testament">A. T.</term> und <term type="sachen" key="Neues Testament">N. T.</term> das Zeugnis von ihm. Eines weist auf das Andere hin und ist durch es bedingt. Wer eines wegnimmt, nimmt auch das Andere weg.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-51">
					<hi rend="italic">3. Die Kirche lebt durch die freie Gnade des Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> davon und darin, dass sie, indem sie das Zeugnis der Heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> im <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term> aufnimmt und im Gehorsam weitergibt, die <term type="sachen" key="Gott, Strenge">Strenge</term> und die <term type="sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>, die <term type="sachen" key="Ehre, Gottes">Ehre</term> und die <term type="sachen" key="Gott, Menschenfreundlichkeit">Menschenfreundlichkeit</term> des dreieinigen <term type="sachen" key="Trinität">Gottes</term> erkennt und <term type="sachen" key="Verkündigung">verkündigt</term>.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-52">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse neben dem durch die Heilige <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> bezeugten Handeln Gottes in Jesus Christus auch noch sein Wirken in den Ereignissen der jeweiligen Gegenwart feststellen und bekannt machen.<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These II.3: «<hi rend="italic">Aufgabe</hi> d[er] Kirche: <hi rend="italic">eine</hi> / nicht Geschichtsdeutung / <term type="sachen" key="Propheten / Prophetie">Prophetie</term> kann nur / <term type="sachen" key="Exegeten / Exegese">Exegese</term> sein im Gehorsam / <hi rend="italic"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></hi> <hi rend="italic">und Oxford</hi>». </note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-53">Was ist die Aufgabe der Kirche auf Grund dieser ihrer <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> und ihrer Autorität in der <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>?</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-54"> Abzulehnen ist die Ansicht, als sei es Aufgabe der Kirche, zu zeigen, wie in dem Geschehen der Zeit, der Gläubigen, der Kirche auch Offenbarung Gottes geschehe. Die Kirche bezeugt die eine Offenbarung, die bezeugt ist durch die Heilige Schrift. Die Kirche hat nicht die Aufgabe, die Geschichte zu deuten, Prophetin zu spielen. Sie hat mit dem Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> zu dienen, sie hat aber nicht zu deuten. Der <term type="sachen" key="Pfarrer, kein Prophet">Pfarrer</term> ist kein Prophet, er soll ganz schlicht sein Wort sprechen in Erklärung der Heiligen Schrift und soll es Gott überlassen, dass er sich dazu bekenne. Abzulehnen ist die Rede<pb n="27" ed="A" break="no"/>weise der <term type="sachen" key="Oxfordbewegung">Oxfordbewegung</term>: Die <term type="sachen" key="Apostelgeschichte">Apostelgeschichte</term> wird fortgesetzt in die Gegenwart hinein; das Zeugnis soll zum Gegenstand haben, was man selbst erlebt hat.<note xml:id="n44">Im Spätsommer <date when="1933">1933</date> hatte <persName ref="kbga-actors-63">Emil <term type="namen" key="Brunner, Emil">Brunner</term></persName> versucht, Barth durch die Teilnahme an einer Sitzung mit Mitgliedern der Oxford-Gruppenbewegung von den Zielen und Vorzügen dieser vom nordamerikanischen Theologen <persName ref="kbga-actors-2637">Frank N. D. <term type="namen" key="Buchman, Frank N. D.">Buchman</term></persName> (1878–1961) <date when="1921">1921</date> gegründeten Bewegung, die seit <date when="1932">1932</date> eine rege Tätigkeit auch in der Schweiz entfaltete, zu überzeugen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p607#fn_n32">S. 607f., Anm. 32</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-76">Bw.Brunner, <ref type="pub-" target="../volume/33/p234#p234">S. 234–243</ref></bibl>. Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-710"><persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, <hi rend="italic">Führung. Zur Frage der Geistesleitung</hi>, in: Die Furche 10 (1934), S. 83–102, dort S. 89</bibl>: «Diese Distanz zwischen dem Geschehen um die Propheten und Apostel herum und dem sonstigen Geschehen in der menschlichen Geschichte […] darf unter keinen Umständen verwischt oder relativiert werden. Daß diese Distanz immer wieder, auch in der christlichen Kirche nicht mehr recht gesehen und innegehalten wird, daß man […] die Geschichte aus der Oxford-Bewegung gelegentlich neben die Geschichten der Bibel gestellt hat, daß man es gewagt hat, Russells Buch ‹For Sinners only› eine ‹Fortsetzung der Apostelgeschichte› zu nennen: das ist schlechthin verkehrt.» Gemeint ist: <bibl corresp="kbga-bibls-229">A. J. <term type="namen" key="Russell, Arthur J.">Russell</term>, <hi rend="italic">For Sinners only</hi>, London 1932</bibl>; den Vortrag, der dem Artikel zugrunde lag, hatte <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> bereits im <date when="1933-04">April 1933</date> gehalten. </note> Das <pb xml:id="p034" ed="pga"/> ist nicht Sache der Kirche, darauf hinzuweisen. Die Kirche soll sich nicht fürchten, dass sie nicht zeitgemäß sei. Sie wird gerade dann zur Lage sprechen, wenn sie ganz schlicht sagt: Ich weiß von nichts anderem als dem, was in der <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> steht. Dann wird sie zur Gegenwart reden, während die Prophetlein gerade nicht zur Lage sprechen.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-55">
					<hi rend="italic">Aussprache.</hi>
				</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-56">P. <term type="namen" key="Sohnius, Robert Ferdinand"><persName ref="kbga-actors-10535">Sohnius</persName></term> bedauert, dass Barth nur gegen die <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmer</term> und nicht auch gegen den <term type="sachen" key="Pietisten / Pietismus">Pietismus</term> zu Feld gezogen ist.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-57">P. <persName ref="kbga-actors-5284">Ibeling</persName>-<placeName ref="kbga-places-129">Düsseldorf</placeName><note xml:id="n46"><persName ref="kbga-actors-5284">Heinrich <term type="namen" key="Ibeling, Heinrich">Ibeling</term></persName>, (1875–1948), Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-129">Düsseldorf</placeName>, seit 1928 Vorsitzender der Niederrheinischen Predigerkonferenz. </note>: Warum beginnt <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> seine Institutio mit der Lehre von der Erkenntnis Gottes des Schöpfers?<note xml:id="n47">Das erste Buch der <bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio <term type="namen" key="Calvin, Johannes"><persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName></term></bibl> ist überschrieben: «<foreign xml:lang="lat">De cognitione Dei creatoris</foreign>». </note> Es gibt nach <term type="namen" key="Calvin, Johannes">Calvin</term> eine natürliche <term type="sachen" key="Gotteserkenntnis, natürliche">Gotteserkenntnis</term>, aber eine <foreign xml:lang="lat">confusa cognitio</foreign>.<note xml:id="n48">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3501"><persName ref="kbga-actors-77">J. <term type="namen" key="Calvin, Johannes">Calvin</term></persName>, <hi rend="italic">Homilia in primum librum Samuelis</hi>, CR 57 (= Calvini Opera 29), col. 233–CR 58 (= Calvini Opera 30), col. 734, dort: CR 57, col. 320</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">At confusa est et inanis est eiusmodi cognitio.</foreign>»; a.a.O., col. 425: «<foreign xml:lang="lat">unde conspicuum est, Deum etiam inimicorum suorum in medio ex suis operibus gloriam consequi: etsi confusa illa cognitio sit</foreign>». Calvin spricht auch von «<foreign xml:lang="lat">confusa notitia</foreign>» (a.a.O., CR 57, col. 319; CR 58, col. 680; <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. I,6,1</bibl>) oder «<foreign xml:lang="lat">confusa scientia</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3501">ders., <hi rend="italic">Homilia in primum librum Samuelis</hi>, CR 57, col. 236</bibl>). </note> Er weist auf sie hin, <pb xml:id="p036" ed="pga"/> um die Unentschuldbarkeit des Menschen aufzudecken. – Der Prediger ist mehr als bloß <term type="sachen" key="Exegeten / Exegese">Exeget</term>: muss den Hörer ansprechen.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-58">P. <persName ref="kbga-actors-10536">Ködding</persName><note xml:id="n51"><persName ref="kbga-actors-10536">Heinrich <term type="namen" key="Ködding, Heinrich">Ködding</term></persName>, Pfarrer in Eberstadt bei Lich. </note>: Die Unersetzbarkeit des <term type="sachen" key="Altes Testament">A. T.</term> wird in der <term type="sachen" key="Mission">Mission</term> erwiesen. Gereifte indische Christen wehren sich dagegen, die Veden an die Stelle des <term type="sachen" key="Altes Testament">A. T.</term> zu setzen. – Frage zu Satz 3: Wir sehen in der Mission das Wirken Gottes; ist sie da nicht eine Bestätigung der heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>?</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-59"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: Die Front gegen den <term type="sachen" key="Pietisten / Pietismus">Pietismus</term> gehört nun zu den veralteten Fronten. Was am Pietismus nicht gut war, ist bei den <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> aufgewacht. – Zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">Römer 1</ref><note xml:id="n52">Nach der Parallelüberlieferung war <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">Röm. 1,20</ref> angesprochen worden. </note> und Calvin: Trotz des Angeführten schöpfen beide, <term type="namen" key="Paulus"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></term> und <term type="namen" key="Calvin, Johannes"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></term>, bei der Darlegung des <term type="sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term> nur aus einer Quelle. Die <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformatoren</term> haben diese Frage noch nicht so scharf gesehen, wie wir sie heute sehen müssen. Ganz harmlos reden sie von einer natürlichen Gotteserkenntnis, aber praktisch machen sie keinen Gebrauch von ihr. Den Anwälten der natürlichen <term type="sachen" key="Gotteserkenntnis, natürliche">Gotteserkenntnis</term> ist zu sagen: macht ihr mal den sauberen Gebrauch von ihr, wie die Reformatoren es getan haben! Unsere Erklärung bedeutet hier eine Verschärfung gegenüber den Reformatoren. Das kann nicht anders sein nach den Erfahrungen der letzten 400 Jahre.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-60">Soll der Prediger nur Exeget sein? Wäre er es doch! <term type="sachen" key="Exegeten / Exegese">Exegeten</term> natürlich, die deutsch sprechen. Aber sie sprechen deutsch von dem, was sie hören. Ich habe keine Angst um die Aktualität der kirchlichen <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term>; aber Angst, dass, wenn der Pfarrer sein Herz teilt, das Ganze verloren geht.</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-61">Auch die Heidenmission habe ich in Satz 3 gemeint. Es ist bei der Heimatpropaganda für die <term type="sachen" key="Mission">Mission</term> oft so geredet, es sei hier eine Fortsetzung der <term type="sachen" key="Apostelgeschichte">Apostelgeschichte</term>. Die Mission würde gut tun, zu bedenken, es gibt nur eine heilige <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>; die kann man nicht durch Traktätchen erweitern.<note xml:id="n53">Ausgeführt hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diesen Gedanken bereits in seinem Missionsvortrag von <date when="1932">1932</date>: <bibl corresp="kbga-bibls-434">K. Barth, <hi rend="italic">Die Theologie und die Mission in der Gegenwart</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p156#p156">S. 156–208</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p191#p191">S. 191f.</ref></bibl></note>
					</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-62"/></p>
					<p rend="center"><pb xml:id="p038" ed="pga" rend="noPipe"/>
					<seg xml:id="ps-63">III. Die Kirche in der <term type="sachen" key="Kirche, und Welt">Welt</term>.</seg>
				</p>
					<p><seg xml:id="ps-64">
					<hi rend="italic">1. Die Kirche ist in der Welt. Sie bekennt sich in der Nachfolge des fleischgewordenen Wortes <term type="sachen" key="Jesus Christus, Wort Gottes">Gottes</term> rückhaltlos zu der ganzen Not des von Gott gut geschaffenen, aber in <term type="sachen" key="Sünde">Sünde</term> gefallenen und unter dem göttlichen Fluch stehenden Menschen. Sie vertraut und sie gehorcht allein der eben diesem Menschen in Jesus Christus widerfahrenen <term type="sachen" key="Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>. Sie wartet nach Gottes Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>]. <pb n="28" ed="A"/></hi>
				</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-65">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse <hi rend="italic">außer</hi> der Barmherzigkeit <term type="sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Gottes</term> in Christus <hi rend="italic">auch noch</hi> einer dem Menschen erkennbaren <hi rend="italic">Güte</hi> dieser <term type="sachen" key="Welt, Güte">Welt</term> <hi rend="italic">vorbehaltloses Vertrauen</hi> schenken und einer dem Menschen erkennbaren <hi rend="italic">Eigengesetzlichkeit</hi> dieser <term type="sachen" key="Welt, Eigengesetzlichkeit">Welt</term> <hi rend="italic">vorbehaltlosen Gehorsam</hi> entgegenbringen.<note n="j" type="textcritical" xml:id="nj">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These III.1: <term type="sachen" key="Solidarität">«Solidarität</term> / Gehorsam / Hoffnung / <term type="sachen" key="Welt, Güte">Güte</term> u[nd] <term type="sachen" key="Welt, Eigengesetzlichkeit">Eigengesetzlichkeit</term> / der Welt keine gewissen / Erkenntnisse. / Vertrauen u[nd] Gehorsam gelten / d[er] Barmherzigkeit <term type="sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Gottes</term>».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-66">Die Kirche bekennt sich zu der ganzen Not des <term type="sachen" key="Mensch, Not">Menschen</term>. Aber sie tut es in einem ganz bestimmten Sinn. Nicht in dem Sinn, dass sie auch Welt ist, sondern weil Christus sich zur Welt bekannt <term type="sachen" key="Jesus Christus, bekennt sich zur Welt">hat</term>; nicht weil sie mitmacht, getragen und geführt von der <term type="sachen" key="Bewegungen">Bewegung</term> des Volks her, sondern weil sie den <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Auftrag</term> hat von ihrem Herrn her, an der Welt teilzunehmen, darum tut sie es. Von der Kirche aus kann das Diesseits letztlich nur bezeichnet werden als die Not des <term type="sachen" key="Mensch, Not">Menschen</term>. Die Kirche weiß darum, dass die Welt <term type="sachen" key="Welt, verloren">verloren</term> ist. Es kann darum nicht bedeuten, dass die Kirche einfach mitmacht. Sie ist als Kirche in der Welt, mit einem <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Auftrag</term> an die Welt, mit einem besonderen Vertrauen und einer besonderen Hoffnung.
					</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-67"/></p>
					<p><seg xml:id="ps-68"><pb xml:id="p040" ed="pga" rend="noPipe"/> 
					<hi rend="italic">2. Die Kirche anerkennt nach Weisung des Wortes <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> dankbar, dass der Wandel der Menschheits- und <term type="sachen" key="Geschichte">Völkergeschichte</term>, die politischen, philosophischen und kulturellen Versuche des Menschen unter der Anordnung des göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Befehl">Befehls</term> und der göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term> stehen. Sie begleitet sie darum mit der ernsten Anerkennung ihres zeitlichen, bestimmten und begrenzten Rechtes mit ihrer <term type="sachen" key="Fürbitte">Fürbitte</term>, aber auch mit der Erinnerung an Gottes <term type="sachen" key="Reich Gottes">Reich</term>, <term type="sachen" key="Gesetz / Gesetze, Gottes">Gesetz</term> und <term type="sachen" key="Gericht, Gottes">Gericht</term>, mit der Hoffnung auf ihn, der alles lenkt, um alles neu zu machen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>].</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-69">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse in der Wirklichkeit dieses oder jenes Versuchs des Menschen, [sich selber zu helfen,]<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk">Eingefügt nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Typoskript.</note> nicht sowohl einen Erweis der göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term>, als vielmehr eine Annäherung an die Wiederherstellung der göttlichen <term type="sachen" key="Ordnungen, Schöpfungsordnungen">Schöpfungsordnung</term> erblicken.<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These III.2: «Welt nicht sich selbst überlassen / Weil <hi rend="italic">Wort</hi> gesprochen / Gottes Befehl u[nd] Geduld macht / Welt möglich». – Darunter, durch eine Klammer verbunden: «Anerkennung / Fürbitte / G[ottes] Reich / Hoffnung». – Darunter, neben der Ablehnung: «Welt nicht aus sich selbst auf dem Weg der Erlösung».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-70">Die Kirche weiß darum, dass die Welt in ihrer <term type="sachen" key="Welt, verloren">Verlorenheit</term> nicht sich selber überlassen ist; sondern wo Kirche da ist, da muss das Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> in die Welt hineingesprochen werden. In die Welt ist der göttliche Befehl hineinzurufen. Weil es Kirche und Wort Gottes gibt, darum gibt es eine <term type="sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term>. Darum ist es nicht einfach Torheit und Narrheit, was der Mensch da treibt. Wenn es kein Wort gäbe, wenn die Welt ohne Jesus Christus wäre, so gäbe es keine Weltgeschichte. In ihm ist wirksam Gottes <term type="sachen" key="Gott, Befehl">Befehl</term> und Gottes Geduld. Darum begleitet die Kirche die Welt in <term type="sachen" key="Erziehung">Erziehung</term>, <term type="sachen" key="Kunst">Kunst</term>, <term type="sachen" key="Politik">Politik</term> usw. in Anerkennung ihres begrenzten und bestimmten Rechtes mit ihrer <term type="sachen" key="Fürbitte">Fürbitte</term>. Das ist der entscheidende Akt, den die Kirche für die Welt tun kann. Es kann nicht darum gehen, dass die <term type="sachen" key="Ordnungen, Schöpfungsordnungen">Schöpfungsordnungen</term> wieder sichtbar werden, es kann nur darum gehen, dass die göttliche <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term> uns leitet und begrenzt.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-71"/><pb xml:id="p042" ed="pga" rend="noPipe"/></p>
					<p><seg xml:id="ps-72">
					<hi rend="italic">3. Die Kirche ist in der <term type="sachen" key="Kirche, und Welt">Welt</term> unter der Heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>. Sie dient dem Menschen und dem <term type="sachen" key="Volk">Volk</term>, dem <term type="sachen" key="Staat">Staat</term> und der <term type="sachen" key="Kultur">Kultur</term>, indem sie <pb n="29" ed="A"/> hinsichtlich ihrer <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und ihrer <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> dem ihr vorgeschriebenen Worte <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> und seinem Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> gehorsam zu sein bemüht ist.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-73">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche habe dem Menschen damit zu dienen, dass sie, ihm mehr gehorchend als Gott [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.5.29">Act. 5,29</ref>], ihre <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und ihre <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> seinen jeweiligen Überzeugungen, Wünschen und Zwecken anpasse und zur Verfügung stelle.<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These III.3: «Kirche ist der Welt treu, / indem sie sich selber <term type="sachen" key="Kirche, Treue zu sich selbst">treu</term> / ist». – Darunter, neben der Ablehnung: «Wäre untreu!»</note></seg></p>
				<p><seg xml:id="ps-74"> Die Kirche ist in der Welt am treusten, wenn sie sich selbst am treusten <term type="sachen" key="Kirche, Treue zu sich selbst">ist</term>. Es ist nicht so, als sei die Kirche dann eine selbstsüchtige Angelegenheit, wo man im Winkel etwas Schönes für sich hat. Gerade wenn die Kirche danach drängt, Kirche zu sein, dann dient sie damit dem <term type="sachen" key="Volk">Volk</term>, der <term type="sachen" key="Kultur">Kultur</term>. Sie würde ihm nicht dienen, würde antinational handeln, wenn sie nationalistisch handeln würde. Nicht aus Gleichgültigkeit, nicht aus Opposition, sondern gerade für den <term type="sachen" key="Staat">Staat</term>, für die <term type="sachen" key="Nation">Nation</term> hat sie gerade zu stehen.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-75"/></p>
				
					<p rend="center"><pb xml:id="p044" ed="pga" rend="noPipe"/> 
					<seg xml:id="ps-76">IV. Die Botschaft der <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Kirche</term>.</seg>
				</p>
					<p><seg xml:id="ps-77">
					<hi rend="italic">1. Der Auftrag der <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Kirche</term> besteht darin, in Auslegung und nach Maßgabe des prophetisch-apostolischen <term type="sachen" key="Zeugnis, prophetisch-apostolisches">Zeugnisses</term> an Christi Statt und also seinem eigenen Wort und Werk dienend, durch <term type="sachen" key="Predigt">Predigt</term> und <term type="sachen" key="Sakrament">Sakrament</term> die Botschaft von Gottes nahe herbeigekommenem <term type="sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> auszurichten: Gott der <term type="sachen" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term> hat sich seiner Geschöpfe, Gott der <term type="sachen" key="Gott, Versöhner">Versöhner</term> hat sich der Sünder, Gott der <term type="sachen" key="Gott, Erlöser">Erlöser</term> hat sich seiner geliebten Kinder in freier <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> angenommen.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-78">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche könne oder müsse das <term type="sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> Gottes des <term type="sachen" key="Gott, Schöpfer">Schöpfers</term>, <term type="sachen" key="Gott, Versöhner">Versöhners</term> und <term type="sachen" key="Gott, Erlöser">Erlösers</term>, statt ihm zu dienen, als ihr eigenes Wort aussprechen und also, statt die freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> zu verkündigen, «dynamisch» wirken.<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These IV. 1: «dienen, nicht wirken / Gnade, nicht Welt- / entwicklung». </note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-79">Der Auftrag der <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Kirche</term> besteht darin, dem Wort und Werk Gottes zu dienen. Sie kann nicht an die Stelle treten dessen, was Gott tut. Sie kann nicht «dynamisch» wirken wollen. Man hat in diesem Jahre der Kirche Dinge zugemutet, die sie nicht leisten kann, ohne <term type="sachen" key="Kirche, Dämonenkirche">Dämonenkirche</term> zu werden: <term type="sachen" key="Leben, Lebenskräfte">«Lebenskräfte»</term> sollte sie «strömen lassen».<note xml:id="n56">Von «dynamischem» Wirken der Kirche, von deren «Lebenskräften» oder «strömendem» Leben war besonders bei Theologen, die den <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen <term type="sachen" key="Deutsche Christen">Christen</term></orgName> nahestanden, die Rede. Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-5665">I. B. <term type="namen" key="Schairer, Immanuel Bertold">Schairer</term>, <hi rend="italic">Volk – Blut – Gott. Ein Gruß des Evangeliums an die deutsche Freiheitsbewegung</hi>, Berlin 1933, dort S. 201</bibl>: «Erst durch die Tätigkeit einer lebensvollen, blutwarmen Kirche werden ja die Bilde- und Bindegesetze des Volksseins wach und mobil. Wird das, was immer am Erstarren und Verselbsten stockt, aus der Sonderung, dem ‹An sich› neu und neu herausgerissen, herausgerufen und somit aktiviert, in Dynamik gesetzt. Nicht Menschengesetze, staatliche Gebote treten damit auf […]; sondern Gottesgesetze – sie allein sind dynamisch brauchbar. Die kirchliche Tätigkeit eines positiven, konstruktiven Christentums wird immer und immerzu die Kanäle und Adern göttlicher Bindigkeit offen halten, reinigen, daß alles Sein in ihnen ströme und so ‹Leben› werde» (im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> teils unterstrichen); <bibl corresp="kbga-bibls-5665">a.a.O., S. 213</bibl>: «Nicht das ‹Leben› des Volkes ist die rechte Kirche – bilde sie sich das ja nicht ein!, sondern nur der große Kanal, die Hauptschlagader, auf der vom Herzen der Welt gesundes Bundesblut dem ringenden, lechzenden Körper zuströme.» – In den ersten, von <persName ref="kbga-actors-6438">Joachim <term type="namen" key="Hossenfelder, Joachim">Hossenfelder</term></persName> verfassten Richtlinien der <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> vom
<date when="1932-05-26">26. Mai 1932</date> hieß es: «Wir wollen das wiedererwachte deutsche Lebensgefühl in unserer Kirche zur Geltung bringen und unsere Kirche lebenskräftig machen» (<bibl corresp="kbga-bibls-74">Schmidt</bibl>; vgl. V.u.kl.A. <bibl corresp="kbga-bibls-26">1930–1933, S. 355f., <ref type="pub" target="../volume/49/p355#fn_n145">Anm. 145). </ref></bibl></note> Damit <pb xml:id="p046" ed="pga"/> tun wir nicht, was wir tun sollen. Was auf ehernen Tafeln geschrieben ist, haben wir laut zu buchstabieren, abzulesen.</seg></p>
				<p><seg xml:id="ps-80">Dieser Gegensatz in der <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> der Kirche weist darauf hin: Es geht um die Verkündigung der <hi rend="italic">Gnade</hi> <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gottes</term>. Es geht in dieser Botschaft aber nicht darum, dass eine Vergottung des Menschen eintritt. Man kann auch schon mal in einer <term type="sachen" key="Leben, Lebensbewegung">Lebensbewegung</term> drinstehen; der liebe Gott ist kein <term type="sachen" key="Gott, kein Pedant">Pedant</term>. Aber wenn das droht verwechselt zu werden, dann haben wir misstrauisch zu sein, ob hier nicht ein anderer Herr regiert. Alles, was wir meinen, wenn wir «Bewegung»<note xml:id="n57">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-397">K. Barth, <hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p271#p271">S. 271–363</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p357#p357">S. 357</ref></bibl>: «[…] die allermeisten ‹Bewegungen› hat wahrscheinlich der Teufel erfunden.» Zu den möglichen – aber durchweg negativ besetzten – Konnotationen des Wortes <term type="sachen" key="Bewegungen">«Bewegung»</term> bei Barth vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-397">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p357#fn_n212">S. 357f., Anm. 212</ref>.</bibl></note> sagen, liegt beschlossen im Worte <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> und im <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term>. Nun soll es nicht ankommen auf etwas, das da geschieht vor unseren Augen, sondern nur darauf, was Gott will und sagt. Dienen <pb n="30" ed="A"/> und nicht wirken <term type="sachen" key="Kirche, soll dienen und nicht wirken wollen">wollen</term> – <term type="sachen" key="Gnade">Gnade</term> und nicht Weltbewegung: diese Gegensätze sollen wir beachten.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-81">
					<hi rend="italic">2. Die freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term>, in der Gott sich unser annimmt, ist die in der Kraft des Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> sich erfüllende Verheißung der Gegenwart Jesu <term type="sachen" key="Jesus Christus, Gegenwart">Christi</term> als des Herrn, der für uns Knecht geworden, um unser altes Leben in den Tod zu geben und unser neues Leben an das Licht zu bringen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>].</hi>
				</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-82">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Gnade <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gottes</term> bestehe in moralischen oder religiösen Vollkommenheiten, deren sich der Mensch nicht nur im Blick auf den, der den Gottlosen gerecht macht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.4.5">Röm. 4,5</ref>], sondern doch auch im Blick auf einen eigenen Besitz rühmen könnte.<note n="o" type="textcritical" xml:id="no">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These IV. 2: «‹sich annimmt› / für uns».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-83">Es ist zu unterstreichen «sich unser annimmt» und «für uns». Gnade ist ein und dasselbe wie Jesus <term type="sachen" key="Gnade, dasselbe wie Jesus Christus">Christus</term>; Jesus Christus für <term type="sachen" key="Jesus Christus, für uns">uns</term>, in dem <pb xml:id="p048" ed="pga"/> alles geschehen ist, was für uns geschehen musste, so dass die Frage nicht aufkommen kann: muss ich jetzt auch noch etwas tun? Es ist alles geschehen, denn in Christus ist unser altes Leben in den Tod gegeben und unser neues Leben an das Licht gebracht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>]. Gnade ist nicht ein Werk, an dem wir uns zu beteiligen haben. Die Gnade ist <term type="sachen" key="Gnade, freie">freie</term> und frei bleibende Gnade.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-84">
					<hi rend="italic">3. Die Gabe der <term type="sachen" key="Gnade, Zugehörigkeit zu Jesus Christus">Gnade</term> ist unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus: In ihm sind wir <term type="sachen" key="Rechtfertigung">gerechtfertigt</term> durch das Wunder des <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, Wunder">Glaubens</term>, der immer wieder die in ihm geschehene <term type="sachen" key="Vergebung">Vergebung</term> unserer <term type="sachen" key="Sünde">Sünde</term> annimmt. Und in ihm sind wir <term type="sachen" key="Heiligung">geheiligt</term> durch das Wunder des Gehorsams, der sich immer wieder unter das <term type="sachen" key="Gericht, Gottes">Gericht</term> und unter die Weisung des von ihm kommenden <term type="sachen" key="Gebot / Gebote">Gebotes</term> stellt.</hi>
				</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-85">Damit ist abgelehnt die Ansicht:</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-86">a) Als sei das «Evangelium» und das <term type="sachen" key="Evangelium, und Gesetz">«Gesetz»</term>, unsere Rechtfertigung und unsere <term type="sachen" key="Heiligung">Heiligung</term>, nicht die <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> und das Werk <hi rend="italic">der einen Gnade</hi> <hi rend="italic">Jesu Christi</hi>.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-87">b) Als vollziehe sich unsere Rechtfertigung als <term type="sachen" key="Mensch, Sünder">Sünder</term> dadurch, dass wir plötzlich oder allmählich bessere Menschen werden.</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-88">c) Als sei die Gabe der freien Gnade nicht auch unsere Inanspruchnahme zum Gehorsam gegen Gottes <term type="sachen" key="Gebot / Gebote, Gottes">Gebot</term> oder als sei diese unsere Heiligung etwas anderes als eine Gabe der freien <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term>.<note n="p" type="textcritical" xml:id="np">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These IV. 3: «Rechtf[ertigung] <hi rend="italic">und</hi> Heil[igung]». </note></seg></p>
					<p rend="left"><seg xml:id="ps-89">Im Anschluss an <term type="namen" key="Calvin, Johannes">Calvin</term> sagen wir hier: Gnade bedeutet <term type="sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> <hi rend="italic">und</hi> Heiligung.<note xml:id="n58">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. III,1–19</bibl>. </note> Evangelium und Gesetz sind nicht als zwei Dinge anzusehen, die aus verschiedenen Quellen stammen.<note xml:id="n59">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-33">Th.Calv., <ref type="pub-" target="../volume/23/p219#p219">S. 219f.</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-90">Th.ref.Bek., <ref type="pub-" target="../volume/30/p158#p158">S. 158f.</ref></bibl> </note> Indem die <term type="sachen" key="Gnade, Vergebung">Gnade</term> Vergebung ist, <term type="sachen" key="Gnade, Anspruch">beansprucht</term> sie uns. Es geht nicht an zu sagen: Das <term type="sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> kommt irgendwo anders her, aus der <term type="sachen" key="Vernunft">Vernunft</term>, aus dem Volkstum als dessen <term type="sachen" key="Volksnomos">Nomos</term>.<note xml:id="n60">Zur Kritik <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich <term type="namen" key="Gogarten, Friedrich">Gogartens</term></persName> positiver Aufnahme der auf <persName ref="kbga-actors-5356">Wilhelm <term type="namen" key="Stapel, Wilhelm">Stapel</term></persName> (1882–1954; Publizist und Schriftsteller, Herausgeber der nationalkonservativen Zeitschrift «Deutsches Volkstum») zurückgehenden «Volksnomoslehre» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4849">W. Stapel, <hi rend="italic">Der christliche Staatsmann. Eine Theologie des Nationalismus</hi>, Hamburg 1932, S. 174–185</bibl>) vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p502#fn_n40">S. 502, Anm. 40.</ref></bibl> </note> Das Gesetz Gottes hören wir mit <pb xml:id="p050" ed="pga"/> dem Evangelium zusammen, man darf beide nicht aufspalten. Hier ist meine ernsteste Sorge den <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheranern</term> gegenüber. Auch bei <term type="namen" key="Vogel, Heinrich"><persName ref="kbga-actors-414">Vogel</persName></term><note xml:id="n62">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n40">Anm. 40.</ref> </note> kommt die <term type="sachen" key="Heiligung">Heiligung</term> zu kurz. Wer <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, und Gehorsam">Glaube</term> sagt, muss auch Gehorsam sagen, wer Evangelium sagt, muss auch <term type="sachen" key="Evangelium, und Gesetz">Gesetz</term> sagen. <pb n="31" ed="A"/></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-90"> Hinter der Theologie der <term type="sachen" key="Deutsche Christen, Theologie"><orgName ref="kbga-actors-8309">D.C.</orgName></term> steht die Rechtfertigungslehre von <persName ref="kbga-actors-191">Karl <term type="namen" key="Holl, Karl">Holl</term></persName>;<note xml:id="n63"><persName ref="kbga-actors-191">Karl <term type="namen" key="Holl, Karl">Holl</term></persName> (1866–1926), lutherischer Theologe und Kirchenhistoriker, dessen Forschungen über Luther und die Reformation maßgeblich die «Lutherrenaissance» der 1920er Jahre anregten (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2916">H. Assel, <hi rend="italic">Der andere Aufbruch. Die Lutherrenaissance – Ursprünge, Aporien und Wege: Karl Holl, Emanuel Hirsch, Rudolf Hermann [1910–1935]</hi> [FSÖTh 72], Göttingen 1994, bes. S. 59–163</bibl>). Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Einschätzung über die Nähe der <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> zu Holl in diesem Punkt vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4694">H. M. <term type="namen" key="Müller, Hans Michael">Müller</term>, <hi rend="italic">Der innere Weg der Deutschen Kirche</hi>, Tübingen 1933, S. 71, Anm. 12</bibl>: «Neu zur Geltung kommt heute <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-191">Karl Holl</persName></hi>: durch das positive Verhältnis seiner Freunde und Schüler zu den <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName> Es hat seine Gründe, daß man von Luther her gedrungen ist, <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName> zu sein.» </note> es gibt eine <term type="sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> aus Gnaden, aber indem der Mensch von Gott erzogen wird.<note xml:id="n64"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hielt <persName ref="kbga-actors-191">Holls</persName> Interpretation von <term type="namen" key="Luther, Martin"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></term> Römerbriefvorlesung «für eine einzige Gewaltsamkeit»: «<hi rend="italic">Holl</hi> hat ein Moment der Lehre Luthers, nämlich die Lebenserneuerung, die bei Luther gerade nicht den Ton hat, so gewiß sie auch nicht fehlt, stark betont in den Mittelpunkt gerückt, und er hat es mit der Frage der <hi rend="italic">Rechtfertigung</hi>, nach dem <hi rend="italic">Guten</hi> im Lebensakt des glaubenden Menschen, in eine Beziehung gebracht, die <hi rend="italic">Luther</hi>, wenn er von dieser redete, genau so in Abrede gestellt hat, wie er es mit den guten Werken der Nicht-Wiedergeborenen oder mit jener ‹fides caritate formata› getan hat» (<bibl corresp="kbga-bibls-118">Ethik II, <ref type="pub" target="../volume/10/p037#p037">S. 37</ref></bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-118">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/10/p035#p035">S. 35–42</ref></bibl>). Bei seiner Auseinandersetzung mit Holl bezog Barth sich in Ethik II vornehmlich auf: <bibl corresp="kbga-bibls-5666"><persName ref="kbga-actors-191">K. <term type="namen" key="Holl, Karl">Holl</term></persName>, <hi rend="italic">Die Rechtfertigungslehre im Licht der Geschichte des Protestantismus</hi> (SgV 45), Tübingen 1906, 2. verb. Aufl. 1922</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-5667">ders., <hi rend="italic">Was hat die Rechtfertigungslehre dem modernen Menschen zu sagen?</hi>, Tübingen 1907</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1835">ders., <hi rend="italic">Die Rechtfertigungslehre in Luthers Vorlesung über den Römerbrief mit besonderer Rücksicht auf die Frage der Heilsgewißheit</hi> [1910], in: ders., <hi rend="italic">Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte</hi>, Bd. I: <hi rend="italic">Luther</hi>, Tübingen 1923<hi rend="sup">2.3</hi>, S. 111–154.</bibl></note> Rechtfertigung ist nicht eine Erfüllung und Durchströmung des Menschen, sondern Rechtfertigung des Gottlosen.</seg></p>
				<p><seg xml:id="ps-91"> Gerade von den Grundsätzen <term type="namen" key="Calvin, Johannes"><persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName></term> aus sind wir in der Lage, uns zu wehren dagegen, dass aus der <term type="sachen" key="Heiligung">Heiligung</term> nun doch wieder ein eigenmächtiges Werk des Menschen gemacht wird. Das bewahrt davor, <pb xml:id="p052" ed="pga"/> den Menschen wieder einzusetzen als einen, der sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-93">
					<hi rend="italic">4. Unser durch den Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> in Jesus Christus begründetes und von ihm jeden Tag neu zu erbittendes Leben im <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, und Gehorsam">Glauben</term> und im Gehorsam wartet auf seine <term type="sachen" key="Erlösung">Erlösung</term> durch den kommenden Herrn: in der Auferstehung der <term type="sachen" key="Auferstehung, der Toten">Toten</term>, durch das <term type="sachen" key="Gericht, Gottes">Gericht</term> und zum ewigen <term type="sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term>.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-94">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Ein Leben im Glauben und im Gehorsam könne in irgendeiner Hinsicht ein in sich abgeschlossenes, sich selbst genügendes, dem Warten auf den kommenden Herrn und also der Hoffnung auf ihn und der Furcht vor ihm entzogenes Leben sein.<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq">Handschriftliches Stichwort <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These IV. 4: «<hi rend="italic">Erwartung</hi>».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-95">Das Ganze ist umgrenzt von dem Horizont des Kommens Jesu. Unser Leben ist ein Leben im Warten. Es gibt keine Möglichkeit, Burgen aufzurichten, in denen wir gesichert sind. Die Trennung des Sichtbaren von dem Unsichtbaren hat im letzten Jahr eine verhängnisvolle Rolle gespielt. Allem Zeitlichen kommt Gottes nahes <term type="sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> entgegen. Wir leben unter einer überhängenden Wand. Keine Geborgenheiten gibt es, gar kein gültiges Wort als das, was Gott gesprochen hat.</seg></p>
				<p rend="center">
					<seg xml:id="ps-96">V. Die Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term>.</seg>
				</p>
					<p><seg xml:id="ps-97"><hi rend="italic">1. Die Kirche Jesu <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term> ist die sichtbar und zeitlich gestaltete Wirklichkeit der durch den Dienst der <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> vom Herrn selbst berufenen, versammelten und getragenen, getrösteten und regierten </hi>Gemeinde<hi rend="italic"> und die ebenso sichtbar und zeitlich gestaltete Wirklichkeit der </hi>Einheit<hi rend="italic"> solcher </hi>Gemeinden<hi rend="italic">.</hi></seg></p>
				
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-98"><pb xml:id="p054" ed="pga" rend="noPipe"/> Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als empfange die Kirche ihre zeitliche und sichtbare <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> kraft ihrer eigenen Willkür oder äußerer Notwendigkeiten wie ein religiöser Verein, dessen Prinzip ebensogut in dieser wie in jener Form verwirklicht werden könne.<note n="r" type="textcritical" xml:id="nr">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These V. 1: <term type="sachen" key="Kirche, sichtbare">«sichtbar</term> – <term type="sachen" key="Kirche, unsichtbare">unsichtbar»</term>. </note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-99">Der ganze merkwürdige Einbruch in die Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term> beruhte auf der Voraussetzung, dass Kirche ein Verein sei; man könne darum von der Kirche verlangen, dass sie sich anpasse an die <term type="sachen" key="Ordnung">Ordnungen</term>, die nun eben für Vereine im heutigen <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> gelten. Darum die Forderung, sie müsse sich <term type="sachen" key="Gleichschaltung, der Kirche">gleichschalten</term>; ihrem Geist würde man damit ja nicht nahe treten; der Geist und das <term type="sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> seien frei (<persName ref="kbga-actors-285">H. M. <term type="namen" key="Müller, Hans Michael">Müller</term></persName><note xml:id="n65"><persName ref="kbga-actors-285">Hans Michael <term type="namen" key="Müller, Hans Michael">Müller</term></persName> (1901–1989), seit <date when="1928">1928</date> Privatdozent in <placeName ref="kbga-places-36">Jena</placeName>, 1933/34 theologischer Referent des zum Reichbischof gewählten <persName ref="kbga-actors-289">Ludwig <term type="namen" key="Müller, Ludwig">Müller</term></persName>. – Müller hatte einen ernsthaften Konflikt zwischen dem «Totalitätsanspruch ­des Evangeliums» und dem «Totalitätsanspruch des Staates» bestritten, um den kirchenpolitischen Kurs der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> zu rechtfertigen (<bibl corresp="kbga-bibls-4694">H. M. Müller [<ref type="pub" target="#fn_n63">Anm. 63</ref>], S. 35</bibl>; Hervorhebungen getilgt). Müller zitiert eine «Verfügung […], die der Stellvertreter des Führers, <persName ref="kbga-actors-5716">Rudolf <term type="namen" key="Heß. Rudolf">Heß</term></persName>, am
<date when="1933-10-14">14. Oktober 1933</date> erlassen hat»: «Kein Nationalsozialist darf irgendwie benachteiligt werden, weil er sich nicht zu einer bestimmten Glaubensrichtung oder Konfession oder weil er sich zu überhaupt keiner Konfession bekennt. Der Glaube ist eines jeden eigenste Angelegenheit, die er nur vor seinem Gewissen zu verantworten hat. Gewissenszwang darf nicht ausgeübt werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-4694">a.a.O., S. 36</bibl>). Auf das «religiöse Gebiet», so Müller unter Berufung auf Punkt 24 des Parteiprogramms der <term type="sachen" key="NSDAP"><orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName></term>, wolle die «politische <term type="sachen" key="Gleichschaltung, politische">Gleichschaltung»</term> nicht übergreifen (<bibl corresp="kbga-bibls-4694">a.a.O., S. 38</bibl>): «Eine Gleichschaltung der Kirchen, der innerchristlichen Bekenntnisse und der deutsch-völkischen Bestrebungen kommt nicht in Frage. Geistig-seelische Auseinandersetzungen sind für ein Volk lebensnotwendig, der Staat selbst sichert ihre Möglichkeit» (<bibl corresp="kbga-bibls-4694">ebd.</bibl>).</note>). In Wirklichkeit aber ist die Kirche kein Verein, sondern eine sichtbar zeitlich gestaltete Wirklichkeit, nicht aus einer Willkür heraus, sondern als Kirche Jesu <pb n="32" ed="A"/> <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term> sichtbar zeitlich gestaltet. Sie ist die Versammlung, durch den Dienst der <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> berufen, getragen, getröstet.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-100"><pb xml:id="p056" ed="pga" rend="noPipe"/> 
					<hi rend="italic">2. Die Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term> ist dadurch bestimmt, dass ihre äußere <term type="sachen" key="Ordnung, kirchliche">Ordnung</term> ebenso wie ihr inneres Leben unter der Verheißung und unter dem Befehl Jesu Christi als des alleinigen Herrn der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Herr der Kirche">Kirche</term> steht. Die <term type="sachen" key="Gemeinde">Gemeinden</term> tragen einzeln und in ihrer Gesamtheit vor ihm die Verantwortung dafür, dass der Dienst der <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term>, der Dienst der Aufsicht und die die Verkündigung begleitenden Dienste der <term type="sachen" key="Lehre / Lehramt, kirchlich">Lehre</term> und der <term type="sachen" key="Diakonie">Liebe</term> in ihrer Mitte ihre berufenen Träger finde[n]</hi><note n="s" type="textcritical" xml:id="ns">Eingefügt nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> handschriftlicher Verbesserung seines Typoskripts.</note>
					<hi rend="italic"> und von diesen recht ausgeübt werde[n]</hi><note n="t" type="textcritical" xml:id="nt">Eingefügt nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> handschriftlicher Verbesserung seines Typoskripts.</note>
					<hi rend="italic">.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-101">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als könne und dürfe den Gemeinden die Verantwortung für die Bestellung und Verwaltung des kirchlichen Dienstes von einem besonderen kirchlichen <term type="sachen" key="Führer / Führertum, in der Kirche">Führeramt</term> abgenommen werden.<note n="u" type="textcritical" xml:id="nu">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These V. 2: «Gemeinde / Verantwortung». </note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-102">Jesus Christus ist der Herr der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Herr der Kirche">Kirche</term>, und zwar unbedingt und in allem; im Äußeren und im Inneren ist zu fragen nach seinem Willen. Da gibt es keinen Dispens: das ist Welt. Alles ist Welt, aber in dieser Welt gibt es nun <term type="sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term>. Hier darf nicht gesprochen werden von dem Recht der Gemeinde, sich selbst zu regieren, sondern von ihrer Verantwortung dafür, dass der Dienst der <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> versehen wird und recht versehen wird. Immer sind die Gemeinden aufgerufen, Jesus Christus Rechenschaft abzulegen. In dieser Verantwortung lebt die Kirche.</seg></p>
				<p><seg xml:id="ps-103">Abgelehnt ist der Begriff des <term type="sachen" key="Führer / Führertum, in der Kirche">Führers</term>. Dieser Begriff stellt etwas anderes an die Stelle der Verantwortung. Eine dritte Instanz wird hier aufgerichtet, ein Thron, der leer bleiben muss. Der entscheidende Streit wird darum gehen müssen: dass es in keinem Sinn das geben darf, dass in der Kirche eine Instanz regiert, die nicht selber indirekt die <term type="sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> ist, so wie man es von den <term type="sachen" key="Presbyterium">Presbyterien</term> und <term type="sachen" key="Synoden">Synoden</term> sagen kann. Nicht eine reformierte Sonderlehre ist das; hier gibt es keine Verständigung. Unerbittlich haben wir an dem Punkt zu sein, wo der Bischof eingeführt werden soll als ein wirklicher Führer, als Meister, als <term type="sachen" key="Bischof / Bischofsamt, als Autorität">Autorität</term>.<note xml:id="n66">Zur Verwendung des «Führer»-Begriffs in der seit Frühsommer 1933 geführten Diskussion um das Bischofsamt in der zu gründenden Reichskirche hatte Barth sich bereits in <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-18">Theologische Existenz heute!</bibl></hi> ausführlich geäußert (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p306#p306">S. 306–320</ref>). </note> Verständige <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheraner</term> haben eine andere <pb xml:id="p058" ed="pga"/> Bischofsauffassung, sie meinen damit den Dienst des <term type="sachen" key="Presbyterium">Presbyteriums</term> und der <term type="sachen" key="Synoden">Synode</term>.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-104">
					<hi rend="italic">3. Die Kirche Jesu <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term> ist, was ihre <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und ihre <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> betrifft, eine und dieselbe in den verschiedenen <term type="sachen" key="Zeitalter">Zeiten</term>, <term type="sachen" key="Rasse">Rassen</term>, <term type="sachen" key="Völker">Völkern</term>, <term type="sachen" key="Staat">Staaten</term> und <term type="sachen" key="Kultur">Kulturen</term>. Das Recht kirchlicher Verschiedenheiten da und dort steht und fällt damit, dass sie mit der Einheit ihrer Botschaft und Gestalt vereinbar sind.</hi>
				</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-105">Damit ist abgelehnt die Ansicht:</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-106">a) Als sei das Recht zeitlicher, nationaler und lokaler Verschiedenheiten der kirchlichen Formen aus besonderen <term type="sachen" key="Offenbarung, geschichtliche">Offenbarungen</term> Gottes in der Geschichte abzuleiten. <pb n="33" ed="A"/></seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-107">b) Als sei es mit der Einheit der <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term> vereinbar, die Gliedschaft und die Befähigung zum Dienst in ihr auf die Angehörigen einer bestimmten <term type="sachen" key="Rasse">Rasse</term> zu beschränken.<note n="v" type="textcritical" xml:id="nv">Handschriftliche Stichworte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu These V. 3: <term type="sachen" key="Kirche, Einheit">«Einheit</term> / durch / Herrschaft Xi [= Christi]».</note></seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-108">Die <term type="sachen" key="Kirche, Einheit">Einheit</term>. Der Vorwurf der humanitären Gleichmacherei trifft nicht. Es geht nicht an, hinter den Verschiedenheiten eine besondere Offenbarung Gottes zu sehen.<note xml:id="n69">Vgl. dazu etwa aus These 2 der «Rengsdorfer Thesen»: «Ein ‹allgemeines Christentum› gibt es nicht. […] Für den deutschen Menschen kann es nur ­ein im deutschen Volkstum verwurzeltes Christentum geben» (<bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p563#p563">S. 563</ref></bibl>). </note> Diese Verschiedenheiten stehen unter der einen Botschaft, sind gemessen an dem einen Maßstab. Der <term type="sachen" key="Arierparagraph">Arierparagraph</term><note xml:id="n70">Am
<date when="1933-09-05">5. September 1933</date> hatte die später als «braune <term type="sachen" key="Synoden, «braune»">Synode»</term> bezeichnete Generalsynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen <term type="sachen" key="Evangelische Kirche der altpreußischen Union">Union</term> mit ihrer übergroßen <term type="sachen" key="Deutsche Christen">deutschchristlichen</term> Mehrheit das «Kirchengesetz betreffend die Rechtsverhältnisse der Geistlichen und Kirchenbeamten» verabschiedet (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-169"><term type="namen" key="Gauger, Joachim">Gauger I</term>, S. 98. 100</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-173"><term type="namen" key="Scholder, Klaus">Scholder</term> I, S. 597–600</bibl>), das den hier zum ersten Mal im Bereich der Kirche formulierten <term type="sachen" key="Arierparagraph">Arierparagraphen</term> enthielt: «Wer nichtarischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher und Beamter der allgemeinen kirchlichen Verwaltung berufen werden. Geistliche und Beamte arischer Abstammung, die mit einer Person nichtarischer Abstammung die Ehe eingehen, sind zu entlassen. Wer als Person nichtarischer Abstammung zu gelten hat, bestimmt sich nach den Vorschriften der Reichsgesetze.» (<bibl corresp="kbga-bibls-1991">KJ 60–71 [1933–1944], Gütersloh 1976<hi rend="sup">2</hi>, S. 33f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-4675">G. van <term type="namen" key="Norden, Günther van">Norden</term>, <hi rend="italic">Der deutsche Protestantismus im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung</hi>, Gütersloh 1979, S. 357f.</bibl>).</note> in jeder Form ist damit nicht zu vereinbaren. Dieser kann <pb xml:id="p060" ed="pga"/> nur aus den trüben Quellen einer zweiten <term type="sachen" key="Offenbarung, zweite">Offenbarung</term> begründet werden.</seg></p>
					<p><seg xml:id="ps-109"/></p>
					<p><seg xml:id="ps-110">
					<hi rend="italic">4. Die Kirche erkennt im <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Staate</term> auf Grund der Weisung des Wortes <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> die Anordnung des göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Befehl">Befehls</term> und der göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term>, kraft welcher der Mensch es versuchen darf und soll, im Rahmen seines Verständnisses von <term type="sachen" key="Vernunft">Vernunft</term> und <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte</term>, verantwortlich dem Herrn aller Herren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.15">1.Tim. 6,15</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.17.14">Apk. 17,14</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.19.16">19,16</ref>], <term type="sachen" key="Recht">Recht</term> zu finden und mit <term type="sachen" key="Gewalt">Gewalt</term> aufzurichten und aufrechtzuerhalten. Die Kirche kann dem Staat dieses sein besonderes Amt nicht abnehmen. Sie kann sich aber auch ihr eigenes Amt nicht vom Staate abnehmen, sie kann ihre <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und ihre <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> nicht vom Staat her bestimmen <pb xml:id="p062" ed="pga"/> lassen. Sie ist, gebunden an ihren <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Auftrag</term>, grundsätzlich freie Kirche in dem in der Bindung an seinen Auftrag grundsätzlich ebenso freien <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Staat</term>.</hi>
				</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-111">Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als sei der Staat die höchste oder gar einzige («totale»<note xml:id="n72">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p081#fn_n29">S. 81, Anm. 29.</ref> </note>) <term type="sachen" key="Staat, totaler">Form</term> sichtbar-zeitlich gestalteter geschichtlicher Wirklichkeit, der sich darum auch die Kirche mit ihrer Botschaft und Gestalt «gleichzuschalten»<note xml:id="n73">Siehe unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p081#fn_n29">S. 81, Anm. 30.</ref> </note>, unter- oder gar einzuordnen habe.<note n="w" type="textcritical" xml:id="nw">Zu These V. 4. hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> keine Stichpunkte notiert. </note></seg></p>
	
					<p><seg xml:id="ps-112">Wir wären stumme Hunde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.56.10">Jes. 56,10</ref>], wenn wir ein reformiertes <term type="sachen" key="Bekenntnis, reformiertes">Bekenntnis</term> aufstellen würden und nichts sagten über den «totalen» <term type="sachen" key="Staat, totaler">Staat</term>. Der Staat kann nicht den ganzen Menschen in Beschlag nehmen, kann nicht bestimmen wollen über die <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> und Botschaft der <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Kirche</term>. Wenn das unsere Erkenntnis ist, dann muss es wohl auch unser <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> sein.</seg></p>
	
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-113">
					<hi rend="italic">Aussprache.</hi>
				</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-114">P. <persName ref="kbga-actors-8908">van <term type="namen" key="Senden, Hermann van">Senden</term></persName>-<placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName><note xml:id="n75"><persName ref="kbga-actors-8908">Hermann van <term type="namen" key="Senden, Hermann van">Senden</term></persName> (1880–1955), seit 1923 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-748">Detmold</placeName>, Superintendent, Mitglied des Moderamens des Reformierten <term type="sachen" key="Reformierter Bund, Moderamen">Bundes</term>. </note> u. a.: Frage nach der <term type="sachen" key="Freikirche">Freiwilligkeitskirche</term>; Forderung der finanziellen Loslösung vom Staat.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-115">P. <term type="namen" key="Immer, Karl"><persName ref="kbga-actors-1668">Immer</persName></term>: Die Verantwortung zwingt uns, klar zu sagen, wo die Totalität des <term type="sachen" key="Staat, totaler">Staates</term> ihre Grenze hat. Dieser Kampf muss im Land der <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich">Reformation</term> exemplarisch durchgekämpft werden.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-116"><pb xml:id="p064" ed="pga" rend="noPipe"/> P. <term type="namen" key="Rosenboom, Wiard"><persName ref="kbga-actors-10537">Rosenboom</persName></term>-<placeName ref="kbga-places-177">Bremen</placeName><note xml:id="n76"><persName ref="kbga-actors-10537">Wiard <term type="namen" key="Rosenboom, Wiard">Rosenboom</term></persName> (1889–1937), seit 1926 Pfarrer an <placeName ref="kbga-places-327">St. Stephani</placeName> in <placeName ref="kbga-places-177">Bremen</placeName>, 1934 Mitglied des dortigen Landesbruderrats. </note>: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> scheint mir dem Worte Bischof zu wenig Gewicht beizulegen. Hat einer erst mal den Bischofstitel, so kommt der <term type="sachen" key="Bischof / Bischofsamt, als Autorität">Führeranspruch</term> von selbst hinterher.</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-117"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: Es geht uns nicht um praktische Überlegungen über die Zweckmäßigkeit kirchenbehördlicher Titel. Es gibt reformierte Kirchen mit einem <term type="sachen" key="Bischof / Bischofsamt, reformiert">Bischof</term> an der Spitze: <term type="sachen" key="Ungarn"><placeName ref="kbga-places-799">Ungarn</placeName></term>.</seg></p>
				<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-118">Der «Pastor» ist eigentlich nicht Hirte, sondern der Diener des Hirten (gegen P. <term type="namen" key="Dahm, Wilhelm"><persName ref="kbga-actors-10538">Dahm</persName></term>-<placeName ref="kbga-places-1507">Niederdresselndorf</placeName><note xml:id="n77"><persName ref="kbga-actors-10538">Wilhelm <term type="namen" key="Dahm, Wilhelm">Dahm</term></persName> (1894–1985), seit 1928 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-1507">Niederdresselndorf/Siegerland</placeName>. </note>, der Hirte und <term type="sachen" key="Führer / Führertum">Führer</term> gleichsetzt). Der evangelische <term type="sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> ist nicht wie der römische <term type="sachen" key="Priester">Priester</term> ein anderer Jesus Christus. Im Staat mag es den <term type="sachen" key="Führer / Führertum, im Staat">Führer</term> geben, darüber haben wir nicht zu entscheiden; <pb n="34" ed="A"/> aber eine Kirche, die <term type="sachen" key="Führer / Führertum, in der Kirche">Führerkirche</term> wäre, könnte nur die <term type="sachen" key="Kirche, Papstkirche">Papstkirche</term> sein.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-119">Die Kirche darf ihre <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> nicht vom <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Staat</term> bestimmen lassen. Aber dass sie kein Geld annehmen soll, dass sie keinerlei Beziehungen haben darf zum Staat, warum sollte das so sein? Das ist je und je in der Lage zu entscheiden. Heute haben wir dringendere Fragen.</seg></p>
					<p rend="smaller"><seg xml:id="ps-120">Aussonderung der <term type="sachen" key="Gemeinde, Kerngemeinde">Kerngemeinde</term> als allein wahlberechtigt? Ist diese Frage: Kerngemeinde oder <term type="sachen" key="Volkskirche">Volkskirche</term>? heute bekenntnisreif? Wir sind auf dem Boden der Volkskirche und wollen versuchen, ob auf ihrem Boden gesagt werden kann, was gesagt und gehört werden muss.</seg></p>
			</div>
		<div rend="right">
			<pb xml:id="p009" ed="pga" rend="noPipe"/>
			<p rend="center"><seg corresp="ps-01"><orgName ref="kbga-actors-5873"><hi rend="italic">Tagung</hi> der <hi rend="italic">freien reformierten Synode</hi></orgName></seg></p>
			<p rend="center"><seg corresp="ps-02">am <date when="1934-01-03">3.</date> und
<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date> in <term type="sachen" key="Barmen (Wuppertal)"><placeName ref="kbga-places-162">Barmen</placeName></term>.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-03"/></p>
			<p><seg corresp="ps-04">Vormittag,
<date when="1934-01-04">4. Januar 34</date>.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-05"/></p>
			<p rend="text-recte center"><seg corresp="ps-06"><hi rend="italic">Erklärung</hi></seg></p> 
			<p><seg corresp="ps-07">über das rechte Verständnis der reformatorischen <term type="sachen" key="Bekenntnisse, reformatorische">Bekenntnisse</term> in der deutschen evangelischen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche">Kirche</term> der Gegenwart</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-08"/></p>
			<p rend="center"><seg corresp="ps-09">von Karl Barth.<note n="a" type="textcritical" xml:id="na">Im Typoskriptdurchschlag folgt in <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> Handschrift: «<hi rend="italic">Protokoll</hi> der Ausführungen von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> auf Grund der Thesen (nicht wörtlich!)». Das Original des Typoskripts trägt neben der Überschrift oben links ihren handschriftlichen Vermerk: «<hi rend="italic">Protokoll</hi>, nicht wörtlich!»</note></seg></p>
			<p><seg corresp="ps-10">Nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen, in denen besonders die Mitschuld der <hi rend="italic">ganzen</hi> Kirche an der Schuld der Irrlehre der <orgName ref="kbga-actors-8309">D[eutschen] <term type="sachen" key="Deutsche Christen, Irrlehre">C[hristen]</term></orgName> betont wird, geht Barth dazu über, seine in Thesenform abgefasste Erklärung, die jedem Teilnehmer der <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte">Synode</term> gedruckt überreicht wurde, abschnittweise zu erklären.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-11"/></p>

			<p><seg corresp="ps-12"/><pb xml:id="p011" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-13"/></p>
			<p><seg corresp="ps-14"/></p>
			<p rend="center">
				<seg corresp="ps-15"><hi rend="italic">I. Die Kirche in der Gegenwart.</hi>
			</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-16"/></p>
			<p><seg corresp="ps-17"/></p>
			<p><seg corresp="ps-18"/><pb xml:id="p013" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-19"/></p>
			<p><seg corresp="ps-20">1. Mit dem hier erwähnten «alten <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum» </term> ist die Tatsache gemeint, dass immer wieder der Versuch gemacht wird, die <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> freilich gelten zu lassen, aber nun diesem von Gott her kommenden <term type="sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> und <term type="sachen" key="Wille Gottes">Willen</term> gegenüber geltend zu machen: da ist der Mensch mit seinen Anliegen und seinen Wünschen, mit seinem Willen und seiner Erkenntnis und seinem Lebensernst, und dieser Mensch steht Gott gegenüber als ein <term type="sachen" key="Mensch, Partner Gottes">Partner</term>, der auch mitzureden hat über das, was <pb xml:id="p015" ed="pga"/> Gottes Wort ist und wie der zeitliche Weg zu dem ewigen <term type="sachen" key="Heil, ewiges">Heil</term> sein soll. Es geht hier um ein Parlamentieren zwischen Gott und Mensch. Seit dem Jahre 1700 wird man sagen müssen: in bald mehr, bald weniger sicherer Weise ist das der Gang der Ereignisse gewesen!<ptr n="31" type="note" target="n31"/>  Dieser Aufstand des <term type="sachen" key="Mensch, Aufstand gegen Gott">Menschen</term> gegenüber dem in der Kirche handelnden Gott und seinem Wort ist ein Aufstand, der nicht einfach eine <term type="sachen" key="Revolution">Revolution</term> ist, sondern ein Sich in die Macht setzen des Menschen, verbunden mit sehr viel <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Gläubigkeit</term>, sehr viel Ernst und viel gründlicher <term type="sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>. Aber er ist <hi rend="italic">Aufstand</hi>. Dieser Irrtum ist heute manifest geworden. Das, was heute sichtbar wird in der Irrlehre der <term type="sachen" key="Deutsche Christen, Irrlehre"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term>, <ptr n="32" type="note" target="n32"/> können wir nicht als etwas Zufälliges begreifen, als etwas Vorübergehendes, sondern wir müssen in dieser gegenwärtigen <term type="sachen" key="Kirche, Not">Not</term> eine Not sehen, an der wir schon lange gelitten haben, an der wir alle teilhaben und alle schuldig waren und noch sind, und eine <term type="sachen" key="Versuchung">Versuchung</term>, die in uns allen lebt, die eine Macht ist, die in der Kirche regiert. Diese Macht gilt es zu erkennen, und darum gilt es, <term type="sachen" key="Buße">Buße</term> zu tun.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-21"/></p>
			<p><seg corresp="ps-22"/></p>
			<p><seg corresp="ps-23"><pb xml:id="p017" ed="pga" rend="noPipe"/> Im 2. Satz wird dieser Irrtum bezeichnet als identisch, als derselbe <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term> wie der Irrtum der <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papstkirche</term> und <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmerei</term>. Damit ist gesagt: Wir können nur aufnehmen das <hi rend="italic">Bekenntnis der Väter</hi>. Der Feind ist kein neuer. Er ist der alte, der schon im 16. Jahrhundert auf dem Plan war. Wir können nur <hi rend="italic">hören</hi> auf das, was die Väter schon gewollt und getan und geschrieben haben im Gehorsam. Der Feind ist der eine, die <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ist die eine, und auch das <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> kann nur das eine sein. Um was ging es in der <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformation</term> <term type="namen" key="Luther, Martin"><persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName></term>, <term type="namen" key="Zwingli, Ulrich"><persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName></term> und <term type="namen" key="Calvin, Johannes"><persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName></term>? Bekanntlich hatten sie nicht nur gegen einen, sondern gegen zwei Gegner zu kämpfen: auf der einen Seite das römische Papsttum und auf der anderen die mannigfachen Bewegungen der <term type="sachen" key="Humanisten / Humanismus">Humanisten</term> und <term type="sachen" key="Spiritualisten / Spiritualismus">Spiritualisten</term>. |2| Die Reformatoren haben klar und deutlich gesehen, dass sie es in diesen zwei Gegnern mit einem Feind zu tun hatten. Beide vertreten dem Worte <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> gegenüber einen Anspruch des Menschen, der selber unter Berufung auf seinen <term type="sachen" key="Geist, menschlicher">Geist</term> und sein <term type="sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> und seine <term type="sachen" key="Gerechtigkeit, menschliche">Gerechtigkeit</term> Gott gegenüber ein zweiter <term type="sachen" key="Mensch, will zweiter Gott sein">Gott</term> sein will. Das tat der <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papst</term> mit seiner Kirche, indem er pochte auf die <term type="sachen" key="Tradition">Tradition</term>, auf die Geschichte, auf die Universalität des Papsttums, das taten die <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmer</term>, indem sie geltend machten jene verborgene Stimme des menschlichen <term type="sachen" key="Gewissen">Gewissens</term>. Diesen beiden Instanzen</seg> <seg corresp="ps-24">gegenüber sagten die Reformatoren: Hier ist der <hi rend="italic">Mensch</hi> auf dem Plan – und diesem Menschen gegenüber haben sie das <hi rend="italic">Wort der heiligen Schrift</hi> aufzurichten versucht, das diesen Menschen bändigt, regiert, dem er sich unterzuordnen hat.|</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-25">Und wenn die evangelische <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> der Gegenwart dieser <term type="sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> zu erliegen droht, die damals von den <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformatoren</term> abgewehrt wurde, so ist es eben diese Versuchung in der heutigen Gestalt des <hi rend="italic">deutschen Menschen</hi>, der zu sagen hat, wie das Wort <term type="sachen" key="Verkündigung">verkündigt</term> zu <pb xml:id="p019" ed="pga"/> werden hat und wie es gehört werden muss, und der sich damit dem Wort der <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> nicht mehr unbedingt beugt. <hi rend="italic">Nimmt die Kirche das an, dann hat sie aufgehört evangelische Kirche zu sein</hi>. Sie ist dann nicht nur oberflächlich getroffen und beschädigt, sie ist in ihrer Wurzel tödlich verletzt. Und es kann dann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> – und <term type="sachen" key="Rom (Vatikan / röm.-kath. Kirche)">Rom</term>
				<hi rend="italic">wartet</hi> auf uns, und Rom hat Zeit zu warten – uns wieder hat oder – das ist der andere Weg – bis wir in völlige Skepsis verfallen. Diese zwei Gefahren stehen riesengroß vor uns. Eine <hi rend="italic">evangelische</hi>
				<term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> würde es dann nicht mehr geben. Die Versuchung, um die es hier geht: <term type="sachen" key="Papst / Papsttum">Papsttum</term> und <term type="sachen" key="Schwärmer / Schwärmertum">Schwärmertum</term> in Gestalt des deutschen <term type="sachen" key="Mensch, deutscher">Menschen</term>, das ist nicht eine Meinung, die man einmal haben und eventuell auch wieder ändern kann, sondern das ist der <hi rend="italic">alt böse Feind</hi>,<ptr n="33" type="note" target="n33"/> der sich hier meldet. Hier kann es nicht um ein Sowohl-als-auch, hier kann es nur um ein Entweder-Oder gehen.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-26">Friede auf Kosten der <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> darf hier nicht geschlossen werden. Wir haben zu bedenken, dass wir hier nicht scharf genug zusehen und nicht scharf genug hinhören können. Zu allen Zeiten ist es die Art des <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtums</term> gewesen, dass er sich nicht unverhüllt, ungesichert gegeben hat in der Kirche. Und wir erleben es ja auch heute, dass, wenn wir die Manifeste der <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> (und nicht nur der <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName>!) lesen, wir uns zunächst gar nicht zu helfen wissen vor der strengen <term type="sachen" key="Orthodoxie">Orthodoxie</term>, die da auf den Plan tritt. –  |</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-27">Meine Freunde, es wird die große Frage für unsere <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> sein und auch die Frage für diese <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte"><orgName ref="kbga-actors-5393">Synode</orgName></term> heute, ob wir die Gefahr sehen, <hi rend="italic">so riesengroß</hi> sehen, wie sie ist. Oder ob uns immer noch Atem und Raum bleibt zu der Frage: Fährmann, sag mir’s ehrlich, ist’s denn so gefährlich?<ptr n="34" type="note" target="n34"/> Meine Freunde, ich kann das nicht für Sie entscheiden, sondern das wird Ihre Entscheidung sein müssen, ob Sie gerade auch zu diesem Satz 2 Ja zu sagen und dann auch ein kräftiges Nein zu sprechen imstande sind.</seg></p>
			<?pagina pb="21"/?>
			<p><seg corresp="ps-28"/><pb xml:id="p021" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-29"/></p>
			<p><seg corresp="ps-30">3. Wer ist gemeint, der hier <term type="sachen" key="Buße">Buße</term> zu tun hat? Ich habe hier gewagt, einen Satz zu formulieren, der Ihnen vielleicht nicht auf den ersten</seg> <seg corresp="ps-31">Blick einleuchtet. Nach meiner Überzeugung muss das aber heute so gesagt werden. Wir, das kann heute nicht heißen: wir <term type="sachen" key="Reformierte / Reformiertentum">Reformierten</term>, oder im Osten: wir <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheraner</term>. Ich bin fern, die heilige Notwendigkeit unseres reformierten <term type="sachen" key="Bekenntnis, reformiertes">Bekenntnisses</term> in Frage zu stellen, und ich anerkenne ohne weiteres den Ernst eines wirklich ernst gemeinten lutherischen <term type="sachen" key="Bekenntnis, lutherisches">Bekenntnisses</term>. Ich anerkenne das, indem ich hier in Abschnitt 3 spreche von der lutherischen und reformierten Herkunft und Verantwortung. |3|</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-32">An Stelle des Wortes Verantwortung stand in der ersten Fassung der Thesen: Eigenart.<ptr n="35" type="note" target="n35"/> Eigenart aber meint ein Recht, und um ein Recht kann es hier auf keinen Fall gehen. Sondern wir haben hier einen Auftrag und mit diesem Auftrag eine Verantwortung. Gerade wenn wir in dieser Erkenntnis stehen (wir können nicht theoretisch in ihr stehen, nicht im leeren – in diesem Jahr so viel erwähnten! – leeren Raum<ptr n="36" type="note" target="n36"/>, sondern im Raum des Jahres <date when="1933">1933</date>!), dann verstehen wir, dass wir mit <hi rend="italic">evangelischer</hi>
				<term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> noch mehr meinen und sagen als mit <term type="sachen" key="Kirche, reformierte">reformierter</term>. Wir sagen damit: <hi rend="italic">Kirche Jesu Christi</hi>. Und wenn wir uns umblicken unter den reformierten und lutherischen Gemeinden, ist es dann nicht so, dass das Wissen um die Einheit unseres Glaubens, <pb xml:id="p023" ed="pga"/> Liebens und Hoffens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>] hier an erster Stelle stehen muss, ohne die jeweilige Verantwortung aufzugeben? Können wir es uns leisten, im gegenwärtigen Augenblick noch gegeneinander zu stehen? Haben wir nicht erleben müssen, dass es mancherlei Lutheraner und mancherlei Reformierte gibt? Die Scheidung der Geister geht quer hindurch. Unsere «reformierten Belange»<ptr n="37" type="note" target="n37"/> jetzt den Erfordernissen des gemeinsamen evangelischen <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekennens</term> und Handelns</seg> <seg corresp="ps-33">nicht überzuordnen, müsste eine Selbstverständlichkeit sein, aber eine Selbstverständlichkeit, die heute auch klar auszusprechen ist. Und wenn Sie mich fragen, wie ich dasselbe auch aussagen könne für Lutheraner und Unierte, so kann ich darauf nur antworten, dass ich diesen Satz nicht ausspreche als einen kirchenpolitischen <term type="sachen" key="Kirchenpolitik">Satz</term> (ich habe keine Verhandlungen mit <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheranern</term> geführt!). Sondern wenn wir diesen Satz sagen, meine Freunde, so sagen wir ihn als einen Glaubenssatz, und zwar gerade als einen reformierten Glaubenssatz. Denn es ist immer die Art der reformierten <term type="sachen" key="Kirche, reformierte">Kirche</term> gewesen, zu reden und immer wieder zu reden von der einen christlichen evangelischen <term type="sachen" key="Kirche, christliche evangelische">Kirche</term>. Und wenn es je einmal am Platze war, dies zu betonen, so heute.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-34"/></p>
			<p rend="smaller"><seg corresp="ps-35"><hi rend="italic">Diskussion:</hi> Es werden Einwände erhoben gegen das zuletzt Gesagte bzw.</seg> <seg corresp="ps-36">gegen die Durchführbarkeit einer solchen «Einheit», Einwände, die zum Teil Missverständnissen entspringen und zum Teil nicht ohne Erregung vorge<pb xml:id="p025" ed="pga" break="no"/>tragen werden, besonders in einem Fall, in dem die Undurchführbarkeit</seg> <seg corresp="ps-37">begründet wird mit der «Anmaßung der lutherischen Gemeinden», die sogar die <term type="sachen" key="Abendmahlsgemeinschaft">Abendmahlsgemeinschaft</term> verweigern.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-38"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>:</hi> Meine Herrn und Brüder, ich kann Sie nur um das Eine bitten, zu</seg> <seg corresp="ps-39">bedenken, dass, wenn wir hier ein <hi rend="italic">Glaubens</hi>bekenntnis ablegen wollen, wir vor der Frage stehen: Glauben wir oder glauben wir nicht. <hi rend="italic">Solche</hi> Einwände könnten dann eigentlich nicht mehr gemacht werden. Sehen Sie, das ist ja ganz selbstverständlich, dass wir unsere <term type="sachen" key="Kirchenpolitik">Kirchenpolitik</term> machen müssen, ich mache sie ja auch, und ich sehe nicht ein, wie sie durch die These 3 beeinträchtigt sein soll. Aber worum es mir geht, ist das, eben diese Kirchenpolitik unterzuordnen dem heute geforderten Gehorsam für die <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und gegen den <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtum</term>. Da kann dann eine gute Kirchenpolitik gemacht werden, auch eine gut reformierte, aber bestimmend bleibt dieses Eine. Und wenn Sie mir sagen: die Anderen danken uns das nicht, so kann ich Ihnen nur antworten: das geht uns nichts an. Man kann, wenn man ein <term type="sachen" key="Bekenntnis, fragt nicht nach Erfolg">Glaubensbekenntnis</term> ablegt, nicht nach dem Erfolg fragen. Sondern wenn wir einig darin sind, dass es um das Bekennen und Handeln gegenüber dem Irrtum und für die Wahrheit geht, dann müssen wir diesen Satz von der <term type="sachen" key="Einheit, konfessionelle">Einheit</term> wagen und dürfen uns nicht fürchten. Wer glaubt, der fürchtet nicht. Und wer glaubt, |4| der hat dann auch eine Sicherheit zu handeln. Ich weiß um den ganzen Ernst der Fragen, die zwischen uns und den Lutheranern stehen. Ich glaube aber doch auch im Laufe dieses Jahres gesehen zu haben, dass man sogar in den Fragen der <term type="sachen" key="Kirche, Verfassung">Verfassung</term>, sogar in der <term type="sachen" key="Bischofsfrage">Bischofsfrage</term>, mit ernsten <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheranern</term> nicht so dran ist, dass man hier einen Glaubensgegensatz feststellen könnte und dürfte. Lesen Sie etwa die kleine Bekenntnisschrift von <persName ref="kbga-actors-414">Heinrich Vogel</persName><ptr n="40" type="note" target="n40"/>! Ich glaube, mit diesem Mann könnten wir uns ohne weiteres an einen Tisch setzen. – Und in diesem Sinne möchte ich Sie bitten, auch diese 3. These als einen Glaubenssatz zu verstehen. (Lebhaftes Trampeln).</seg></p>
			<?pagina pb="27"/?>
			<p rend="center"><pb xml:id="p027" ed="pga" rend="noPipe"/>
				<seg corresp="ps-40"><hi rend="italic">II. Die Kirche unter der heiligen Schrift</hi>
				
				<hi rend="italic">.</hi></seg>
			</p>
			<p><seg corresp="ps-41"/></p>
			<p><seg corresp="ps-42"/></p>
			<p><seg corresp="ps-43"> In diesem Abschnitt und in dem folgenden geht es um das Gesetz der Kirche, um die <term type="sachen" key="Ordnung, kirchliche">Ordnung</term> bzw. das Fundament, auf dem sie aufgebaut ist, während Abschnitt IV und V dann die Anwendung dieses Gesetzes behandeln. Die Kirche steht unter der Autorität der heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>, weil sie ihren Ursprung und ihr Dasein hat aus der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, aus dem Worte <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>. Weil sie Zeugin dieser Offenbarung ist, darum steht sie unter der heiligen Schrift. –</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-44"> Wir stehen heute vor der Frage: Hat die Kirche sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen <term type="sachen" key="Trinität">Gottes</term> auch noch auf eine andere Gottesoffenbarung, nämlich eine Gottesoffenbarung in <term type="sachen" key="Offenbarung, natürliche">Natur</term> und <term type="sachen" key="Offenbarung, geschichtliche">Geschichte</term>, zu berufen? Nach meiner geschichtlichen und theologischen Einsicht ist diese Frage das eigentliche theologische Kernproblem der ganzen gegenwärtigen Situation. Es geht um die Frage: Hört die Kirche auf die <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> in Jesus Christus und <hi rend="italic">nur</hi> auf diese Offenbarung? Ich habe die Offenbarung des Wortes <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> mit Absicht bezeichnet als die Offenbarung, die der <hi rend="italic">ewige</hi>
				<term type="sachen" key="Gott, ewiger Vater">Vater</term> durch seinen <hi rend="italic">ewigen</hi> <term type="sachen" key="Jesus Christus, ewiger Sohn">Sohn</term> in der Kraft des <hi rend="italic">ewigen</hi>
				<term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> gewirkt hat. Mit dieser dreimaligen Erinnerung: <hi rend="italic">Ewig</hi> wird erinnert an die Lehre von der <term type="sachen" key="Trinität">Dreieinigkeit</term>, die die Grundlehre der alten christlichen <term type="sachen" key="Kirche, Alte">Kirche</term> gewesen ist und die in der <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformation</term> feierlich auch als die Grundlehre der neuen evangelischen <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> anerkannt worden ist.<note xml:id="n42">Vgl. etwa CA I (<bibl corresp="kbga-bibls-14">BSLK, S. 50f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-15">BSLK.NE, S. 92–95</bibl>); Genfer Katechismus (1542/1545), I (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 118,15–32</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-20">RefBS 1/2, S. 292,5–30</bibl>).</note>  An der Frage der Dreieinigkeit Gottes, insbesondere an der Frage der Gottheit des Sohnes, haben sich die Geister geschieden und scheiden sie sich heute <pb xml:id="p029" ed="pga"/> noch. Denn darum geht es: wenn das, was in der heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> heißt, nicht die Erscheinung eines göttlichen Menschen oder eines Halbgott gewordenen Gottes ist, sondern wenn das wahr ist: Jesus Christus ist wahrer <term type="sachen" key="Jesus Christus, wahrer Mensch">Mensch</term> und – wahrer <term type="sachen" key="Jesus Christus, wahrer Gott">Gott</term> von Ewigkeit, wie der Vater und der Heilige Geist,<ptr n="41" type="note" target="n41"/> dann ist damit grundsätzlich entschieden, dass uns hier Gott begegnet, dann haben wir hier zu hören, wie man auf Gott hört. Dann können unsere Augen und Ohren nicht gleichzeitig noch anderswohin schielen und hören. Wenn wir im Angesichte Jesu Christi das Angesicht Gottes zu erblicken haben, dann können wir hier nicht ein Ja-aber sprechen, sondern dann</seg> <seg corresp="ps-45">stehen wir hier vor Gottes einer, einzigen <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, dann hat Gott hier einmal für allemal gesprochen. Alles Andere wird dann für mich nicht existieren, sondern nur dieses Wort, das Gott tatsächlich gesprochen. Entweder dies gilt und dann gilt es ausschließlich oder gar nicht. Der Sohn ist nicht eine Erkenntnisquelle neben anderen, er ist die eine, er ist sie ganz und gar. Stehen wir vor ihm, wie wir vor Jesus Christus stehen müssen, der uns versöhnt hat mit Gott, dann haben wir gar nicht Zeit, noch andere Offenbarungen zu suchen. Wir sind dann vollkommen in An|5|spruch genommen von diesem Hören auf ihn. Die Kirche Jesu <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term> kann nur die Kirche sein, die so hört. Andere Meister kann es für sie nicht geben. Nicht andere Quellen, andere Stimmen, andere Wahrheiten, sondern diese eine Wahrheit: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>] An der Unbedingtheit dieses Satzes scheiden sich heute die Geister. Und es glaube ja niemand, dass diese Sache so einfach ist. Die Sache ist es gewiss, aber sie anzunehmen ist schwer. Meine Freunde, wir stecken alle voll natürlicher <term type="sachen" key="Theologie, natürliche">Theologie</term>, bis zum Rande! Sie ist uns sozusagen eingeimpft von unseren Großvätern und Urgroßvätern her. Zwei Jahrhunderte haben mit ihr den Bund geschlossen, und es ist eine große Sache, heute zu erklären: nun soll es Schluss damit sein. – |</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-46"> Ich kann auch diese These nur als Frage an die <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte"><orgName ref="kbga-actors-5393">Synode</orgName></term> richten. Sehen Sie es nicht auch so? Gilt die <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> in Jesus Christus oder gilt sie nicht? Ich würde mich nicht wundern, wenn jetzt ein Ja-aber ertönte! Ich <hi rend="italic">kenne</hi> dieses Ja-aber und ich weiß, dass es ein Wagnis ist, diesen Satz als <hi rend="italic">Bekenntnis</hi>satz vorzulegen. Aber ich kann nur hinzufügen: wenn heute bekannt sein muss, so muss <hi rend="italic">das</hi> bekannt sein. <pb xml:id="p031" ed="pga"/> Denn aus diesem trojanischen Pferde sind alle Feinde hervorgegangen bis und mit Hossenfelder<ptr n="43" type="note" target="n43"/> !! Auf diesen Punkt lege ich allerhöchstes Gewicht. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn Sie erklärten, hier lieber nicht mitgehen zu wollen. – –</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-47"/></p>
			<p><seg corresp="ps-48"/></p>
			<p><seg corresp="ps-49">In der 2. These dieses Abschnittes soll die Verbindung hergestellt werden zwischen der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> und derjenigen Autorität, auf der unsere Kirche gründet. Das Wort ist nicht unserer Willkür überlassen, sondern die Kirche hört es – gewiss nicht aus eigener Kraft und Macht – durch die freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> des Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> im Zeugnis der Heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> <term type="sachen" key="Altes Testament">Alten</term> und Neuen <term type="sachen" key="Neues Testament">Testamentes</term>. – |</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-50">An diesem Punkte begegnen wir einem doppelten Irrtum unserer Zeit, und gerade hier wird es besonders deutlich, dass der neue Gegner der alte ist. Einmal: Die <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> ist nicht Zeugnis der Geschichte menschlicher <term type="sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, menschlicher <term type="sachen" key="Religion">Religion</term>. Das haben wir jetzt 200 Jahre lang gesagt und gehört, und 2. aus diesem Irrtum entsprang die fatale Unterscheidung in der Rangordnung des Alten und des Neuen Testamentes. Die ganze seltsame Ausscheidung des Alten Testamentes, oder doch dessen Herabsetzung und Abwertung, geht darauf zurück, dass man in der Bibel Zeugen menschlicher Frömmigkeit reden zu hören glaubte von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Die Kirche hört hier Zeugnis von denen, die das Wort gehört haben, gehört, gesehen und betastet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.1">1.Joh. 1,1</ref>]. Zeugen des Wortes <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, Zeugen Jesu Christi, und zwar <term type="namen" key="Moses"><persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName></term> und die <term type="sachen" key="Propheten / Prophetie">Propheten</term> wie die <term type="sachen" key="Apostel">Apostel</term>. Erst beide sind das ganze Zeugnis, Altes und Neues Testament miteinander. Im Alten Testament das Zeugnis von dem kom<pb xml:id="p033" ed="pga" break="no"/>menden, im Neuen Zeugnis von dem gekommenen Herrn. So hört die Kirche Gottes Wort: Jesus <term type="sachen" key="Jesus Christus, Gottes Wort">Christus</term>. Er ist ihr immer wieder der Kommende und immer wieder der Gekommene! Und beides lässt sich nicht trennen. Nur in diesen <hi rend="italic">zwei</hi> Worten lässt sich dieses Eine sagen. Die Kirche lebt «zwischen den Zeiten» (wenn ich dieses verklungene Wort<note xml:id="n45">Anspielung auf die Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» und auf ihr von Barth im Oktober 1933 herbeigeführtes Ende (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-567">K. Barth, <hi rend="italic">Abschied</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/52/p492#p492">S. 492–515</ref></bibl>).</note>  hier noch einmal aufnehmen darf). <term type="sachen" key="Altes Testament">Altes</term> und Neues <term type="sachen" key="Neues Testament">Testament</term>, eines weist auf das andere hin, und wer das eine abtrennen möchte, hat auch das andere verloren.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-51"/></p>
			<p><seg corresp="ps-51"/></p>
			<p><seg corresp="ps-53">3. Die Kirche lebt durch die freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> des heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term>... In der «Ablehnung» dieser These möchte ich den Versuch verstehen, als sei</seg> <seg corresp="ps-54">es Sache der Kirche, aufzuzeigen, dass es auch heute im Raume der Kirche und der Welt, im Raume der <term type="sachen" key="Geschichte">Völkergeschichte</term> <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarungen</term> gibt, ein Wirken Gottes. Das kann nicht Aufgabe der Kirche sein, weitere |6| Offenbarungen Gottes aufzuzeigen. Sondern die Kirche verkündigt die <hi rend="italic">eine</hi> Offenbarung, die bezeugt ist in der heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>. Die Kirche hat <hi rend="italic">nicht</hi> die Aufgabe, die Prophetin zu spielen. Sie hat sich an das in der heiligen Schrift vorliegende Zeugnis zu halten und sie hat mit dieser Auslegung dem Worte <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>, das gewiss auch heute gesprochen werden soll, zu <hi rend="italic">dienen</hi>. Sie würde aber etwas ganz Anderes tun, wenn sie sich heute hinstellen wollte und sagen: Da, da in diesem oder diesem Geschehen, da hat sich Gott offenbart. Da müsste der Pfarrer ein Prophet sein, das ist er <term type="sachen" key="Pfarrer, kein Prophet">nicht</term>. Sondern er ist ganz schlicht Theologe und hat als solcher das Wort der Schrift auszulegen. <pb xml:id="p035" ed="pga"/> Ich gestehe, dass ich hier nicht nur an die <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> denke, sondern auch an jene Bewegung, die vielleicht bald auch bei uns weiterhin bekannt wird, als sie es heute ist, an die sogenannte <term type="sachen" key="Oxfordbewegung">Oxfordbewegung</term>. Sie geht davon aus, dass die <term type="sachen" key="Apostelgeschichte">Apostelgeschichte</term> nicht abgeschlossen ist, sondern ihre Fortsetzung erlebt in den Erfahrungen und Erlebnissen und Zeugnissen gläubiger Menschen. Diese haben das Thema der <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> der Kirche zu bilden oder sind doch ein Teil dieser Verkündigung.<ptr n="44" type="note" target="n44"/> Dazu ist zu sagen, dass die Kirche allein und ausschließlich hinzuweisen hat auf das Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> in der heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>. Und sie sollte dann nicht Angst haben, so nicht zur Gegenwart zu reden. Sie sollte das dem Worte Gottes überlassen! Wenn sie wirklich hört, dann wird sie auch das Wort finden für unsere Zeit. Während die Prophetlein, die diese Zeit deuten wollen, an ihm vorübergehen.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-55"/></p>
			<p rend="smaller"><seg corresp="ps-56">In der <hi rend="italic">Diskussion</hi> taucht natürlich die Frage nach <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">Rö. 1,20</ref> auf. D. <persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName><note xml:id="n49"><persName ref="kbga-actors-1044">Hermann Albert <term type="namen" key="Hesse, Hermann Albert">Hesse</term></persName> (1877–1957), seit 1916 Pfarrer, seit 1929 zugleich Direktor des Reformierten Predigerseminars und Dozent an der Theologischen Schule in <placeName ref="kbga-places-197">Elberfeld</placeName>, 1933 Mitglied des «Dreimännerkollegiums» (vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p242#p242">S. 242f.</ref></bibl>).</note>  würde als Überschrift des Abschnittes lieber sehen: Die Kirche unter dem</seg> <seg corresp="ps-57">Worte <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>. Ein Anderer möchte im ersten Satz der 1. These einfügen: hat ihren Ursprung «aus dem Willen <term type="sachen" key="Wille Gottes">Gottes»</term>... Der gewichtigste Einwand wird von P. <persName ref="kbga-actors-5284">Ibeling</persName>-<placeName ref="kbga-places-129">Düsseldorf</placeName><ptr n="46" type="note" target="n46"/> vertreten. Er verweist auf <term type="namen" key="Calvin, Johannes"><persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName></term> <bibl corresp="kbga-bibls-16">Institutio</bibl>, die beginne mit einer <foreign xml:lang="lat">cognitio Dei creatoris</foreign><ptr n="47" type="note" target="n47"/>, und vertritt im weiteren Verlauf seiner Rede die Gegebenheit eines <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunktes»</term> (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: Ssssss!!). Er verweist ferner auf die <term type="sachen" key="Propheten / Prophetie">Propheten</term>, die doch auch die Geschichte ihres Volkes gedeutet hätten, und stellt die Frage, ob die Theologen denn heute nur <term type="sachen" key="Exegeten / Exegese">Exegeten</term> zu sein hätten. – Schließlich legt ein Pfarrer noch ein Wort ein für die <term type="sachen" key="Mission">Heidenmission</term>, in der doch sichtlich noch Offenbarungen Gottes gegeben seien, die man aufzeigen könne. –</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-58"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName></hi> beantwortet zunächst einen kurzen, sehr heftigen Einwurf, der den eben genannten voranging und der wesentlich in einer Anklage gegen den <term type="sachen" key="Pietisten / Pietismus">Pietismus</term> bestand. – Barth: Ich glaube, wer meine Vergangenheit kennt, der weiß, dass ich in diese Richtung schon viele Pfeile geschossen habe.<note xml:id="n50">Siehe z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-119">Römerbrief 1, <ref type="pub-" target="../volume/16/p276#p276">S. 276–294</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-220">Chr.Dogm., <ref type="pub-" target="../volume/14/p115#p115">S. 115f.</ref> <ref type="pub-" target="../volume/14/p267#p267">267.</ref> <ref type="pub-" target="../volume/14/p393#p393">393.</ref> <ref type="pub-" target="../volume/14/p468#p468">468.</ref></bibl> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3095">E. <term type="namen" key="Busch, Eberhard">Busch</term>, <hi rend="italic">Karl Barth und die Pietisten. Die Pietismuskritik des jungen Karl Barth und ihre Erwiderung</hi> (BEvTh 82), München 1978, bes. S. 17–142.</bibl></note> Ich habe es nicht für nötig gehalten, das heute auch wieder zu tun. Vielleicht gehört diese Front auch zu den veralteten Fronten. Das, was gegen den Pietismus zu sagen ist, ist genau auch heute zu sagen. Denn implizit ist der Pietismus na<pb xml:id="p037" ed="pga" break="no"/>türlich auch bei den <term type="sachen" key="Deutsche Christen"><orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName></term> vorhanden. Aber ich würde es nicht für sinnvoll erachten, diesen Schlag noch einmal zu schlagen. – Zu D. <term type="namen" key="Hesse, Hermann Albert"><persName ref="kbga-actors-1044">Hesse</persName></term>: Ich möchte darum bitten, die Überschrift doch nicht abzuwandeln, weil es in der gegenwärtigen Situation auf konkrete Konfrontationen ankommt. Vom Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> sprechen die <orgName ref="kbga-actors-8309">D. C.</orgName> auch. |7| Vom Willen <term type="sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> muss hier nicht besonders gesprochen werden. Das Wort <term type="sachen" key="Jesus Christus, Wort Gottes">Gottes</term> ist ja der Sohn <term type="sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term>, darum [ist] Kirche des Wortes identisch mit Kirche Gottes. –</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-59">Und zu dem Verweis auf <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.1.20">Rö. 1</ref> und <term type="namen" key="Calvin, Johannes"><persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></term> kann ich nur sagen: Achtung! Gewiss, ich höre, ich höre. Aber wenn wir jetzt hier nachgeben würden, dann ließen wir den Feind zur offenen Türe wieder herein. Es steht doch m. E. bei <term type="namen" key="Paulus"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></term> und bei Calvin nicht so, dass bei ihnen die Kirche bezogen würde auf <hi rend="italic">zwei</hi>
					<term type="sachen" key="Offenbarung, zwei Quellen der O.">Offenbarungsquellen</term>. Und darum geht es mir. Gewiss, es finden sich bei Paulus und bei Calvin Erwähnungen einer natürlichen <term type="sachen" key="Gotteserkenntnis, natürliche">Gotteserkenntnis</term>, aber wenn sie verkündigen, dann <hi rend="italic">nicht</hi> aus dieser Erkenntnis. Den <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunkt»</term> bestreite ich.<note xml:id="n54">Die Frage nach dem Vorhandensein eines <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunktes»</term> für das göttliche Handeln beim oder im Menschen, die auch im Missionsvortrag 1932 eine Rolle gespielt hatte, war in den frühen 1930er Jahren einer der zentralen Streitpunkte zwischen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-63">Emil <term type="namen" key="Brunner, Emil">Brunner</term></persName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p179#fn_n57">S. 179, Anm. 57</ref></bibl>; vgl. auch unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p429#p429">S. 429-527</ref>).</note> Denn dann ist die natürliche Erkenntnis als zweite Offenbarungsquelle wieder auf dem Plan, wenn wir sagen, wir Menschen haben eine <hi rend="italic">Möglichkeit</hi> Gott zu erkennen. <hi rend="italic">Es kann keine Frage sein, dass</hi></seg> <seg corresp="ps-60"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>
					<hi rend="italic">und Calvin und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName></hi>
					<hi rend="italic">diese Frage noch nicht so scharf gesehen haben</hi>. Man findet bei Luther und bei <term type="namen" key="Calvin, Johannes">Calvin</term> manche Stellen, wo sie ganz harmlos von einer natürlichen Erkenntnis sprechen. Man kann nur feststellen: sie machen in ihrer Theologie keinen Gebrauch davon. Wer sich daher für eine</seg> <seg corresp="ps-61">natürliche <term type="sachen" key="Gotteserkenntnis, natürliche">Gotteserkenntnis</term> auf die Reformatoren berufen möchte, dem ist zu sagen: Macht einmal diesen sauberen Gebrauch bzw. völligen Nicht-Gebrauch von dieser Sache, wie die <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformatoren</term> getan haben!! <hi rend="italic">Ich will es offen aussprechen, dass meine Erklärung hier an diesem Punkt eine Verschärfung bedeutet gegenüber den Reformatoren</hi>. Aber nach den fatalen 400 Jahren, die hinter uns liegen, haben wir wahrhaftig Grund dazu. – Sie sagten weiter: Sollen die Prediger denn nur <term type="sachen" key="Exegeten / Exegese">Exegeten</term> sein? Wären wir nur wirklich «nur» Exegeten!! Nicht Exegeten im leeren <term type="sachen" key="leerer Raum">Raum</term>, sondern wirkliche Exegeten, heute, in <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> inmitten aller Fragen und Nöte, <term type="sachen" key="Exegeten / Exegese">Exegeten</term>, die deutsch sprechen, aber wovon deutsch sprechen? Von dem in der heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> bezeugten Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term>. Ich habe keine Angst um die Aktualität dieses <term type="sachen" key="Wort Gottes, Aktualität">Wortes</term>, aber ich habe Angst, wenn der Prediger sein Auge und sein Ohr teilt, dass dann das Ganze verlorengeht.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-62"> Und nun noch ein Wort zur Heidenmission: Da muss ich allerdings sagen, ich habe auch die Heidenmission gemeint. Gerade in der Missionspropaganda – also vielleicht mehr in der Heimat als draußen – ist oft genug geredet worden, als sei die Mission eine Fortsetzung der <term type="sachen" key="Apostelgeschichte">Apostelgeschichte</term>. Und gerade <pb xml:id="p039" ed="pga"/> die <term type="sachen" key="Mission">Mission</term> müsste sich immer wieder sagen: es gibt nur <hi rend="italic">eine</hi> heilige <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>, die man nicht durch «Traktätchen» erweitern kann.<ptr n="53" type="note" target="n53"/> Was <term type="namen" key="Paulus"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></term> und <term type="namen" key="Barnabas"><persName ref="kbga-actors-4315">Barnabas</persName></term> getan haben, bleibt immer etwas ganz Anderes, qualitativ Anderes, als was auch die besten Missionare heute tun können.</seg></p>

			<p rend="center">
				<seg corresp="ps-63"><hi rend="italic">III. Die Kirche in der Welt</hi>
				
				<hi rend="italic">.</hi>
			</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-64"/></p>
			<p><seg corresp="ps-65"/></p>
			<p><seg corresp="ps-66">Dieser Abschnitt ist die andere Seite des vorangehenden. Die Kirche bekennt sich zur Welt, zur Not der Welt. Sie ist nicht im leeren <term type="sachen" key="leerer Raum">Raum</term>. Aber sie bekennt sich zur Welt in einem ganz bestimmten Sinn. Nicht weil sie auch Welt ist. Sie ist Kirche. <hi rend="italic">Sie bekennt sich zur Welt, weil Jesus Christus sich zur Welt bekannt hat</hi>. <hi rend="italic">Darum</hi>, nicht weil sie mitmachen wollte in der Welt, getragen und bewegt von den <term type="sachen" key="Bewegungen">Bewegungen</term> dieser Welt. Nicht weil sie im Volk drinsteht, nicht weil sie in <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term> ist, nein, <hi rend="italic">sondern weil sie Auftrag</hi>
				<hi rend="italic">hat</hi>. Was sie in der Welt sieht, ist Not. Sie weiß, dass diese Welt <term type="sachen" key="Welt, verloren">verloren</term> ist. Und darum kann sich die Kirche ihren Gesetzen nicht unterwerfen. Indem sie |8| in der Welt ist, wartet sie auf eine <hi rend="italic">neue</hi> Welt, eine neue Erde und einen neuen Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.3.13">2.Petr. 3,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.10">Jes. 65,10</ref>]. Das ist ihr «Teilnehmen» an der Welt. Sie ist <hi rend="italic">in</hi> der Welt, ganz und gar in der Welt, aber mit einem <hi rend="italic">besonderen</hi>
				<term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Auftrag</term> und einer <hi rend="italic">besonderen</hi> Hoffnung. – |</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-67">In der «Ablehnung» soll nicht bestritten werden, dass es Güte gibt in dieser <term type="sachen" key="Welt, Güte">Welt</term>. Aber diese Güte ist nicht die Güte <term type="sachen" key="Gott, Güte">Gottes</term>, nicht seine <pb xml:id="p041" ed="pga"/> Autorität, sondern die Güte des <term type="sachen" key="Mensch, Güte">Menschen</term>. Vorbehaltloses Vertrauen und vorbehaltlosen Gehorsam darf diese Güte nicht beanspruchen.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-68"/></p>
			<p><seg corresp="ps-69"/></p>
			<p><seg corresp="ps-70">2. Die Kirche weiß darum, dass diese Welt nicht sich selber überlassen ist, sondern indem Kirche da ist, muss in die Welt hineingesprochen werden auf Anordnung göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Befehl">Befehls</term>. Nur von hier aus kann etwas über die Welt ausgesagt werden. Weil es einen Apostel <term type="namen" key="Paulus"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></term> gibt, darum kann <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Rö. 13</ref> geschrieben stehen vom römischen <term type="sachen" key="Staat, römischer">Staat</term>, darum gibt es eine <term type="sachen" key="Ordnung, des öffentlichen Lebens">Ordnung</term> unseres öffentlichen Lebens. Weil es Kirche gibt, weil es Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> gibt und weil Jesus <term type="sachen" key="Jesus Christus, bekennt sich zur Welt">Christus</term> sich dieser Welt angenommen hat, darum gibt es eine Völker- und <term type="sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term>. Gottes <term type="sachen" key="Gott, Befehl">Befehl</term> und Gottes <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term> sind wirksam im Raum des Menschen. Es gibt einen Befehl, eine <term type="sachen" key="Ordnung">Ordnung</term>, eine Leitung, und darum begleitet die Kirche die Welt auf ihrem ganzen Wege. Der Mensch wird beim Wort genommen von Jesus Christus, und es gilt für ihn, dass es, wenn er in seinen Grenzen bleibt, auch in dieser Welt Gehorsam gibt. Und darum begleitet die Kirche die Welt mit ihrer <hi rend="italic">Fürbitte</hi>. Das ist der eigentlich entscheidende Akt, den die Kirche tun kann: beten für die Welt, rufen, schreien zu Gott, dass er sich bekenne zu dem, was der Mensch in seiner Schwachheit versucht, mit der Erinnerung an Gottes <term type="sachen" key="Reich Gottes">Reich</term>, <term type="sachen" key="Gesetz / Gesetze, Gottes">Gesetz</term> und <term type="sachen" key="Gericht, Gottes">Gericht</term>. Der Raum des Menschen ist umgeben von dem großen Raum des Reiches Gottes. Was in seinem Raum geschieht, eilt dem Gericht entgegen. – Und über das hinaus begleitet die Kirche den Raum der Welt mit einer neuen Hoffnung.– – </seg></p>
			<?pagina pb="43"/?>
			<p><seg corresp="ps-71"><pb xml:id="p043" ed="pga" rend="noPipe"/> Mit der «Ablehnung» soll abgelehnt sein die Ansicht, als sei die Welt von sich aus auf dem Wege, sich herauszuhelfen, sich zu stützen auf die <term type="sachen" key="Ordnungen, Schöpfungsordnungen">Schöpfungsordnung</term>, als ob das möglich wäre. Es kann <hi rend="italic">nur</hi> darum gehen, dass die göttliche <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term> uns hält, umgibt und leitet.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-72"/></p>
			<p><seg corresp="ps-73"/></p>
			<p><seg corresp="ps-74">3. Die Kirche hat sich selber <hi rend="italic">treu</hi> zu sein. Sie ist auch der Welt am treusten, wenn sie sich selber treu <term type="sachen" key="Kirche, Treue zu sich selbst">ist</term>. Nicht «Brüder, bleibt der Erde treu!»<note xml:id="n55">Bei <bibl corresp="kbga-bibls-326"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. <term type="namen" key="Nietzsche, Friedrich">Nietzsche</term></persName>, <hi rend="italic">Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen</hi></bibl>, heißt es in der Vorrede: «Ich beschwöre euch, meine Brüder, <hi rend="italic">bleibt der Erde treu</hi> und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!» (<bibl corresp="kbga-bibls-326">ders., <hi rend="italic">Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden</hi>, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 15; vgl. S. 99</bibl>).</note>, und auch nicht Angst vor dem Vorwurf, die Kirche desolidarisiere sich von den Interessen des Volkes, des Staates. Es geht nicht darum. Sondern gerade, wenn die Kirche sich treu ist und in der Welt ganz und gar nur Kirche sein will, dient sie dem <term type="sachen" key="Volk">Volk</term> und dem <term type="sachen" key="Staat">Staat</term>. Sie würde nicht dienen, sie würde antinational sein, wenn sie nationalistisch sein wollte! Nein, die Kirche hat sich nicht zur Verfügung zu stellen. Nicht aus Ablehnung und Gleichgültigkeit, sondern gerade für das Volk und für den Staat hat die Kirche ganz und gar Kirche zu sein. –</seg></p>
			<p rend="smaller"><seg corresp="ps-75"><hi rend="italic">Diskussion</hi> fällt wegen der beschränkten Zeit aus.</seg></p>
			<?pagina pb="45"/?>
			<p rend="center"><pb xml:id="p045" ed="pga" rend="noPipe"/>
				<seg corresp="ps-76"><hi rend="italic">IV. Die Botschaft der Kirche</hi>
				
				<hi rend="italic">.</hi>
			</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-77"/></p>
			<p><seg corresp="ps-78"/></p>
			<p><seg corresp="ps-79">1. Es geht mir hier vor allem darum: der Auftrag der <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Kirche</term> besteht darin, dem Wort (= Werk) <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> zu <hi rend="italic">dienen</hi>. Also die Kirche hat mit dem, |9| was sie zu tun hat, nicht an die Stelle Gottes zu treten, die Kirche kann nicht «dynamisch» wirken wollen. Das hat ja auch in diesem letzten Jahr eine so unheimliche Rolle gespielt, dass man der Kirche Dinge zumuten wollte, die sie mit dem besten Willen nicht erfüllen konnte, sie müsste denn eine <term type="sachen" key="Kirche, Dämonenkirche">«Dämonenkirche»</term> sein. <term type="sachen" key="Leben, Lebenskräfte">Lebenskräfte</term> entwickeln!!<ptr n="56" type="note" target="n56"/> Gewiss, das kann man. Es geht (wir wissen das alle ein wenig), aber es wird dann auch danach!! Aber es gibt eine andere Haltung, und sie muss die Haltung der Kirche sein, ganz abgesehen von aller Dynamik und allen Dämönlein! Auf ehernen großen Tafeln steht es geschrieben, und die Kirche hat es laut nachzubuchstabieren. Dazu bedarf sie keiner Dynamik! Da hat sie nichts zu «wirken», sondern nur abzulesen, zu hören und nachzusagen. Es geht um die <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> der Gnade <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gottes</term>. Es geht nicht um eine Vergottung des Menschen, nicht um das Hervorrufen einer Lebensbewegung (gewiss, es kann auch solche <term type="sachen" key="Leben, Lebensbewegung">Lebensbewegungen</term> geben. Der liebe Gott ist kein <term type="sachen" key="Gott, kein Pedant">Pedant</term> und erlaubt uns Manches! aber wir sollen ja nicht meinen, dass die Botschaft darin bestehe!). Sondern im Gegenteil: wo solche Lebensbewegungen sprießen, da ist sicher immer größte Vorsicht geboten.<ptr n="57" type="note" target="n57"/> Die Gnade ist die Gnade <hi rend="italic">Gottes</hi>. Und Alles, was gemeint sein kann, wenn wir <term type="sachen" key="Bewegungen">Bewegung</term> und wenn wir Dynamik sagen, das liegt beschlossen in seinem <term type="sachen" key="Wort Gottes">Wort</term> und im <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term> an dieses Wort. Und nun soll es ganz und gar nicht darauf ankommen, dass <pb xml:id="p047" ed="pga"/> etwas gemacht wird und etwas geschieht, sondern ganz und gar nur darauf, dass <hi rend="italic">Gott</hi> etwas tut. <hi rend="italic">Dienen</hi> und nicht wirken wollen soll die <term type="sachen" key="Kirche, soll dienen und nicht wirken wollen">Kirche</term>. Gnade und nicht Weltbewegung!</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-80"/></p>
			<p><seg corresp="ps-81"/></p>
			<p><seg corresp="ps-82"/></p>
			<p><seg corresp="ps-83">2. In diesem Satz ist hervorzuheben <hi rend="italic">«sich unserer»</hi> annimmt und <hi rend="italic">«für uns</hi> Knecht geworden.» ... Jesus Christus für <term type="sachen" key="Jesus Christus, für uns">uns</term>! Da kann die Frage gar nicht aufkommen: Muss ich jetzt auch noch etwas tun? Es ist Alles getan. In Christus ist dein, mein, unser Leben in den Tod gegeben und ist dein, mein, unser Leben an das Licht gebracht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>]. Gnade heißt Jesus <term type="sachen" key="Gnade, dasselbe wie Jesus Christus">Christus</term>. Und die <term type="sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, die in diesem Namen liegt, ist uns zugesagt. Es ist Gnade, freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term>. Damit [ist] abgelehnt, dass sie in moralischen oder religiösen Vollkommenheiten bestehe. Gewiss, der Mensch darf sich rühmen, aber unter keinen Umständen einer eigenen Sache, sondern nur im Blick auf den, der ihn gerettet und gerecht gemacht hat.</seg></p>
			<?pagina pb="49"/?>
			<p><seg corresp="ps-84"/><pb xml:id="p049" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-85"/></p>
			<p><seg corresp="ps-86"/></p>
			<p><seg corresp="ps-87"/></p>
			<p><seg corresp="ps-88"/></p>
			<p><seg corresp="ps-89">3. Was bedeutet das für den Menschen? Die Gnade bedeutet für ihn <term type="sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> und <term type="sachen" key="Heiligung">Heiligung</term> <term type="namen" key="Calvin, Johannes">(<persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName></term>!)<ptr n="58" type="note" target="n58"/> im Wunder des Glaubens. Der Glaube ist ein <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, Wunder">Wunder</term> wie die Hochzeit zu Kana [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.2.1 Joh.2.11">Joh. 2,1–11</ref>] oder die <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> Jesu Christi. (Also gerade kein <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">Anknüpfungspunkt</term>, Herr Pastor <term type="namen" key="Ibeling, Heinrich"><persName ref="kbga-actors-5284">Ibeling</persName></term>!!<note xml:id="n61">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p034#p034">S. 34/35.</ref></note>) Rechtfertigung und Heiligung ist ein Wunder. <term type="sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> und <term type="sachen" key="Heiligung">Heiligung</term>, Gesetz und <term type="sachen" key="Evangelium, und Gesetz">Evangelium</term>, <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, und Gehorsam">Glaube</term> und Gehorsam dürfen nicht als zwei Dinge angesehen werden, die aus verschiedenen Quellen kommen.<ptr n="59" type="note" target="n59"/> Man kann nicht von Gnade sprechen, ohne auch des <term type="sachen" key="Gnade, Anspruch">Anspruchs</term> zu gedenken, und man kann das <term type="sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> nicht anderswoher ableiten als die <term type="sachen" key="Gnade">Gnade</term> (also nicht etwa der Nomos des <term type="sachen" key="Volksnomos">Volkes</term>!<ptr n="60" type="note" target="n60"/>). <hi rend="italic">Das Gesetz wird nur gehört mit dem Evangelium</hi>. Auf dem Sinai wurde nicht etwa nur das Gesetz erlassen, es wurde auch der <term type="sachen" key="Bund / Bundesschluss">Bund</term> geschlossen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20">Ex. 20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.24.1 Ex.24.11">24,1–11</ref>]. Eine Auf<pb xml:id="p051" ed="pga" break="no"/>spaltung von Gesetz und Evangelium kann es nicht geben. Hier habe ich eine ernste Sorge gegenüber den lutherischen <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Brüdern</term>. Sogar bei <persName ref="kbga-actors-414">Vogel</persName><ptr n="62" type="note" target="n62"/> fällt das Problem der Heiligung unter den Tisch. Aber ich glaube, darüber würde sich reden lassen.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-90">In der «Ablehnung» dieser These hatte ich die Tatsache im Auge, dass hinter der Theologie der <term type="sachen" key="Deutsche Christen, Theologie"><orgName ref="kbga-actors-8309">D.C.</orgName></term> die Theologie <persName ref="kbga-actors-191">Karl <term type="namen" key="Holl, Karl">Holls</term></persName> steht.<ptr n="63" type="note" target="n63"/> Grob gesagt, läuft seine Rechtfertigungslehre darauf hinaus, dass der Mensch in seinem Leben erzogen wird, um am Ende seines Lebens dazustehen als einer, der sterbend verwirklicht, was Gott aus ihm</seg> <seg corresp="ps-91">gemacht hat.<ptr n="64" type="note" target="n64"/> Das ist nicht die <term type="sachen" key="Rechtfertigungslehre">Rechtfertigungslehre</term> von <term type="namen" key="Paulus"><persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></term> und den <term type="sachen" key="Reformation / Reformatoren">Reformatoren</term>! <term type="sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> ist das <hi rend="italic">Wunder</hi> der Gerechtsprechung des <hi rend="italic">Gottlosen</hi>.</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-92">Und endlich auch unsere <term type="sachen" key="Heiligung, Gnade">Heiligung</term> ist Gnade. Wenn wir begreifen: Gesetz |10| und <term type="sachen" key="Evangelium, und Gesetz">Evangelium</term> kommen aus <hi rend="italic">einer</hi> Quelle, dann werden wir davor bewahrt sein, den Menschen doch wieder als einen einzusetzen, der sein Schicksal selber in die Hand nehmen kann!</seg></p>
			<?pagina pb="53"/?>
			<p><seg corresp="ps-93"/><pb xml:id="p053" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-94"/></p>
			<p><seg corresp="ps-95">4. Endlich ist darauf hinzuweisen, dass das ganze Leben des Menschen umgrenzt ist von der Erwartung der <term type="sachen" key="Erlösung">Erlösung</term> durch den kommenden Herrn. Unser Leben ist nicht ein in sich abgeschlossenes, sondern ein Leben im Warten auf den Herrn und also ein Leben in Hoffnung auf ihn und in Furcht vor ihm. Wir haben keine Möglichkeit, «Burgen» aufzurichten, in die wir uns vor ihm flüchten könnten. Was hat das in unserer Zeit für eine Rolle gespielt, dieses Trennen der Gebiete und dieses Errichten von Bezirken, die sich überlassen seien. So kann man nicht denken, wenn man weiß: alle <term type="sachen" key="Zeit">Zeit</term> eilt der <term type="sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> entgegen, oder besser: allem Zeitlichen kommt Gottes nahes <term type="sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> entgegen. Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.17">Jes. 65,17</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1">Apk. 21,1</ref>]. Wenn man das weiß, wie anders wird dann das Leben aussehen. Dann ist überall Furcht, aber auch überall Hoffnung, und ein letztlich gültiges Wort ist dann nur das Wort, das Gott gesprochen hat.</seg></p>
			<p rend="center">
				<seg corresp="ps-96"><hi rend="italic">V. Die Gestalt der Kirche</hi>
				
				<hi rend="italic">.</hi>
			</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-97"/></p>
			<p><seg corresp="ps-98"/><pb xml:id="p055" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<?pagina pb="55"/?>
			<p><seg corresp="ps-99">[1.] Jetzt kommen wir auf Dinge, die uns <term type="sachen" key="Reformierte / Reformiertentum">Reformierten</term> besonders zu schaffen machen. Der Irrtum, dass die Kirche ihre zeitliche und sichtbare <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> aus eigener Willkür oder äußeren Notwendigkeiten empfange, beruht auf dem Irrtum, die Kirche sei ein Verein. Ein sehr hoher, sehr edler, aber eben doch ein Verein! Und da kann dann verlangt werden, dass die Kirche sich auch den Gesetzen, die für Vereine gelten, unterwirft, kann m. a. W. verlangt werden, dass sie sich – <term type="sachen" key="Gleichschaltung, der Kirche">gleichschaltet</term>. Das <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> bleibt ja trotzdem frei. Wie oft haben wir das in diesem Jahr zu hören bekommen, am lautesten und pathetischsten von <persName ref="kbga-actors-285">H. M. <term type="namen" key="Müller, Hans Michael">Müller</term></persName>!!<ptr n="65" type="note" target="n65"/>
				<hi rend="italic">Die Kirche ist aber kein Verein</hi>, sondern die sichtbar-zeitlich gestaltete Wirklichkeit als <hi rend="italic">Kirche Jesu Christi</hi>. Sie ist die vom Herrn selbst berufene Gemeinde Jesu Christi, und als solche steht sie mitten in der Zeit und mitten im heutigen <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich"><placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></term>. Sie darf sich das nicht bagatellisieren lassen. Alles hängt daran, dass <term type="sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term> und <term type="sachen" key="Heiligung">Heiligung</term> hier nicht auseinandergerissen werden. Auch als <hi rend="italic">Gestalt</hi> hört die Kirche auf göttlichen Befehl. –</seg></p>
			<?pagina pb="57"/?>
			<p><seg corresp="ps-100"/><pb xml:id="p057" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-101"/></p>
			<p><seg corresp="ps-102">2. Jesus Christus ist der Herr der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Herr der Kirche">Kirche</term>. Das ist der grundlegende Satz für die Kirche. Die <term type="sachen" key="Gemeinde">Gemeinden</term> haben einzeln und in ihrer Gesamtheit die Verantwortung für die Geltung dieses Satzes. Nicht von einem Recht der Gemeinden ist da die Rede. «Ihr Recht» kann nur darin bestehen, dass sie sich verantworten vor dem Herrn. Verantworten dafür, dass der befohlene Dienst geschieht und dass er recht geschieht. Immer ist die Gemeinde und sind die Gemeinden aufgerufen, mit ihrem Tun Jesus Christus, dem Herrn der Gemeinde, Rechenschaft abzulegen. In dieser Verantwortung lebt die Kirche. Wo</seg> <seg corresp="ps-103">dieses geschieht, da ist die Kirche mitten in der <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> lebendig. Wo diese Verantwortung getragen wird, da ist Kirche. Und diese Verantwortung darf der Gemeinde nicht von einem <term type="sachen" key="Führer / Führertum, in der Kirche">«Führer»</term> abgenommen werden. Ich habe absichtlich nicht gesagt <term type="sachen" key="Bischof / Bischofsamt">«Bischof»</term>. Weil mir hier alles anzukommen scheint auf den Begriff des Führers. Wer «Führer» sagt in der Kirche, der stellt zwischen die Gemeinde und den Dienst, der von ihr zu leisten ist, eine dritte Instanz. Dieser Platz |11| ist aber ein Thron, der leer bleiben muss in der christlichen <term type="sachen" key="Kirche, christliche">Kirche</term>. Wird da ein Führer hingestellt, so ist Jesus Christus entthront. Es darf in keinem Sinn (ob geistliches <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche, Geistliches Ministerium">Ministerium</term> oder <term type="sachen" key="Bischof / Bischofsamt">Bischof</term>, ob <term type="sachen" key="Synoden, General-Synode">General-Synode</term> oder <term type="sachen" key="Synoden, Nationalsynode">Nationalsynode</term><note xml:id="n67">Leitende Organe der 1933 konstituierten Deutschen Evangelischen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche">Kirche</term> bzw. der Evangelischen Kirche der altpreußischen <term type="sachen" key="Evangelische Kirche der altpreußischen Union">Union</term>.</note>) in der christlichen Kirche eine Instanz geben, die nicht indirekt die <term type="sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> selber ist, so wie man dies vom <term type="sachen" key="Presbyterium">Presbyterium</term> und den alten <term type="sachen" key="Synoden">Synoden</term> sagen konnte. Sie sind der Dienst der Kirche. Eine Kirchengewalt aber im engeren Sinn greift <pb xml:id="p059" ed="pga"/> die Substanz der Kirche an. Und diese Frage kann nicht reformierte Sonderlehre sein, sondern an dieser Frage entscheidet sich Alles. Es tröstet mich zu wissen, dass auch verständige <term type="sachen" key="Lutheraner / Luthertum">Lutheraner</term> <term type="namen" key="Vogel Heinrich">(<persName ref="kbga-actors-414">Vogel</persName></term>!) den «Bischof» nicht auffassen im Sinne des <term type="sachen" key="Führer / Führertum, in der Kirche">«Führers»</term>.<note xml:id="n68">Nach der Verwerfung des im <term type="sachen" key="Führer / Führertum, Prinzip">Führerprinzip</term> begründeten Bischofsamtes hieß es bei <term type="namen" key="Vogel, Heinrich"><persName ref="kbga-actors-414">Vogel</persName></term> (<ref type="pub" target="#fn_n40">Anm. 40</ref>): «Das Hirtenamt der Kirche weidet mit keinem anderen Stabe als dem Wort der Heiligen Schrift, dessen Schöpfer- und Befehlsgewalt es selber unterworfen ist, dem Wort, das alle Christen als Glieder am Leibe Jesu Christi im Glauben und in der Fürbitte zu den rechten Priestern und Bischöfen füreinander macht» (<bibl corresp="kbga-bibls-74">Schmidt</bibl>).</note> So kann es dann leicht geschehen, dass der Streit um den «Bischof» ein Streit um Worte wird. Unerbittlich muss man sein, wo der Bischof eingeführt wird als ein Meister, als eine <term type="sachen" key="Bischof / Bischofsamt, als Autorität">Autorität</term> der Kirche.<ptr n="66" type="note" target="n66"/> Dieser Platz steht allein dem Herrn der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Herr der Kirche">Kirche</term> zu. –</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-104"/></p>
			<p><seg corresp="ps-105"/></p>
			<p><seg corresp="ps-106"/></p>
			<p><seg corresp="ps-107"/></p>
			<p><seg corresp="ps-108">3. Wenn wir von der Einheit der <term type="sachen" key="Kirche, Einheit">Kirche</term> reden, so müssen wir uns heute scheinbar – aber doch nur scheinbar – verteidigen gegen den Vorwurf der rationalistischen Gleichmacherei. Ein Missverständnis! Es <hi rend="italic">gibt</hi> die Verschiedenheiten der <term type="sachen" key="Zeitalter">Zeiten</term>, <term type="sachen" key="Rasse">Rassen</term>, <term type="sachen" key="Völker">Völker</term>, <term type="sachen" key="Staat">Staaten</term> und <term type="sachen" key="Kultur">Kulturen</term>. Aber wenn wir von der Kirche Jesu <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term> sprechen und von <hi rend="italic">ihrer</hi> Einheit, dann sprechen wir von der Einheit <term type="sachen" key="Gott, Einheit in seinem Wort">Gottes</term> selber in seinem Wort. Und es geht nicht an, den Verschiedenheiten, die es freilich <hi rend="italic">gibt</hi>, auch verschiedene Offenbarung zuzusprechen. Das Pathos der <term type="sachen" key="Deutschtum">Deutschheit</term>,<ptr n="69" type="note" target="n69"/> es hat an dieser Stelle <hi rend="italic">nichts</hi> zu sagen! Es kann sich nicht berufen auf ein Wort Gottes. (Die so viel zitierte Stelle «Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche» [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.9.20 1.Kor.9.22">1.Kor. 9,20–22</ref>] steht <pb xml:id="p061" ed="pga"/> nämlich in Wahrheit sehr anders im N. T.!<note xml:id="n71">Diesen Gedanken hatte Barth – ausführlicher als hier – auch schon in seinen <hi rend="italic">Bemerkungen zum Betheler Bekenntnis</hi> geäußert; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p464#p464">S. 464.</ref></bibl></note>) Dass ein Chinese ein Chinese und kein Deutscher ist, und dass ein Deutscher ein Deutscher und kein Chinese ist, nun ja, das soll man nur ganz ernst nehmen, aber deshalb zu sagen: es muss für jeden eine besondere Offenbarung geben, das geht nicht an. Damit bricht ein anderer Geist und ein anderer Gott ein.<note xml:id="n74">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p024#p024">S. 24</ref> (mit <ref type="pub" target="#fn_n38">Anm. 38</ref>); s. auch unten, <ref type="pub" target="../volume/52/p128#fn_n21">S. 128, Anm. 21.</ref></note> Dazu muss man Nein sagen. Sondern die rechte kirchliche Verschiedenheit steht und fällt damit, dass diese Verschiedenheiten vereinbar sind mit der <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term>. Alle diese Verschiedenheiten sind gemessen an diesem Maßstab, und wo man es sich leistet, etwas Besonderes zu sein, muss man sich diese Frage gefallen lassen, um sich unter Umständen zurückrufen zu lassen in die <term type="sachen" key="Kirche, Einheit">Einheit</term>. – |</seg></p>
			<p><seg corresp="ps-109">Selbstverständlich ist von hier aus die Ablehnung des Arierparagraphen<ptr n="70" type="note" target="n70"/> für die Kirche, und zwar des Arierparagraphen in jeder Form, <hi rend="italic">in jeder Form</hi>, auch in der leisesten Beschränkung für das <term type="sachen" key="Pfarramt">Pfarramt</term>! Wenn man nicht einen zweiten Gott zulässt in der Kirche, so wird man niemals zum <term type="sachen" key="Arierparagraph">Arierparagraphen</term> kommen können.</seg></p>
			<?pagina pb="63"/?>
			<p><seg corresp="ps-110"/></p>
			<p><seg corresp="ps-111"/><pb xml:id="p063" ed="pga" rend="noPipe"/> </p>
			<p><seg corresp="ps-112">4. Hier glaube ich nichts Anderes gesagt zu haben als was <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Rö. 13</ref> steht. Die Aufgabe von Staat und Kirche ist eine verschiedene, weder kann und darf die Kirche dem Staat die seinige abnehmen, noch <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">umgekehrt</term>. Die Kirche hat ihrer <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Gestalt</term> treu zu sein. Sie ist gebunden an ihren <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Auftrag</term>. Damit ist abgelehnt die Ansicht, als sei der Staat die höchste, einzige, totale Form geschichtlicher <term type="sachen" key="Staat, totaler">Wirklichkeit</term>.<ptr n="72" type="note" target="n72"/> Wir wären stumme Hunde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.56.10">Jes. 56,10</ref>], wenn wir das auf einer freien reformierten <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte"><orgName ref="kbga-actors-5393">Synode</orgName></term> heute nicht aussprechen, wenn wir ein <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> aufstellen würden, das hier schweigt zu einer <term type="sachen" key="Häresie / Irrlehre">Irrlehre</term>, die nicht nur von Theologen, sondern zum Teil auch von der <term type="sachen" key="Obrigkeit">Obrigkeit</term> selbst vertreten wird. Wenn die Obrigkeit Theologie treibt, dann <hi rend="italic">müssen</hi> wir das Wort ergreifen (auch wenn das vielleicht «gefährlich» ist!). Der Staat kann nicht den ganzen Menschen mit Beschlag belegen und der Staat kann nicht die <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und Gestalt der <term type="sachen" key="Kirche, Gestalt">Kirche</term> bestimmen, sondern wenn der Staat das tut, dann tritt neben <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Rö. 13</ref> das Andere: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.5.29">Act. 5,29</ref>]. Wenn dies unsere Erkenntnis ist, dann muss es auch unser <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> sein. –<note n="x" type="textcritical" xml:id="nx">Das Typoskript endet hier mit einem lang gezogenen Schlussstrich; die noch folgende Aussprache wurde nicht mehr dokumentiert.</note></seg></p>
			<p><seg corresp="ps-113"/></p>
			<p><seg corresp="ps-114"/></p>
			<p><seg corresp="ps-115"/></p>
			<p><seg corresp="ps-116"/></p>
			<p><seg corresp="ps-117"/></p>
			<p><seg corresp="ps-118"/></p>
			<p><seg corresp="ps-119"/></p>
			<p><seg corresp="ps-120"/></p>
		</div>
			</div>
	</body>
	</text>
</TEI>
