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        <title type="volume" n="vol-52">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
        <title type="content">Antwort an Erwin Reisner</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Antwort an Erwin Reisner, 1935</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/52038 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935, hrsg. v. Beintker, Michael / Hüttenhoff, Michael / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2017, S. 754–777.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
          <title type="text">Antwort an Erwin Reisner</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Beintker, Michael</editor>
          <editor>Hüttenhoff, Michael</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2017</date>
          <biblScope unit="page">754-777</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Antwort an Erwin Reisner, in: Evangelische Theologie 2 (1935/36), S. 51-66 </bibl>
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			<head>Antwort an <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName></head>
			<head type="sub">
				<date>1935</date>
			</head>
			<div type="abstract">
			<p><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> war ein ursprünglich katholischer, 1916 zum Protestantismus konvertierter Privatgelehrter, der nach dem Ersten Weltkrieg als Theaterkritiker, Feuilletonist, Bibliothekar und Kulturreferent in Siebenbürgen wirkte und sich dort zunehmend seinen philosophischen und theologischen Interessen widmen konnte. Er wurde 1932, ohne jemals das Abitur abgelegt oder eine Universität besucht zu haben, aufgrund seines Buches </hi><bibl corresp="kbga-bibls-6968">Kennen, Erkennen, Anerkennen</bibl><note xml:id="n01"><bibl corresp="kbga-bibls-6968"><persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisner</persName>, <hi rend="italic">Kennen, Erkennen, Anerkennen. Eine Untersuchung über die Bedeutung von Intuition und Symbol in der dialektischen Theologie</hi> (FGLP, Reihe 5, Bd. 3), München 1932.</bibl> </note><hi rend="italic"> in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> zum Dr. phil. promoviert. <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> setzte sich, bis er 1935 in seine Geburtsstadt <placeName ref="kbga-places-64">Wien</placeName> zurückkehrte, für die Verbreitung des Gedankenguts der Dialektischen <term type="sachen" key="Theologie, dialektische">Theologie</term> in <term type="sachen" key="Siebenbürgen">Siebenbürgen</term> ein.</hi><note xml:id="n02"><persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> (1890–1966) arbeitete in <placeName ref="kbga-places-64">Wien</placeName> beim dorthin emigrierten Institutum Judaicum Delitzschianum und beim Internationalen Missionsrat. Nach dem «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich 1938 zog er nach Berlin. Durch die Bekennende Kirche ordiniert, war er in deren Diensten als Hilfsprediger, später als Pfarrer tätig und arbeitete auch in <persName ref="kbga-actors-10897">Heinrich Grübers</persName> (1891–1975) «Hilfsstelle für evangelische Rasseverfolgte» (Büro Grüber). 1947 wurde er Professor für Philosophie an der Kirchlichen Hochschule in Berlin. Zu <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> Biographie vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6969">P. <term type="namen" key="Orban, Peter">Orban</term>, <hi rend="italic">Vorbemerkung zur Neuausgabe</hi>, in: <persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisner</persName>, <hi rend="italic">Der Dämon und sein Bild,</hi> Frankfurt/M. 1986, S. 9–17, dort S. 10–12</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6970">K. <term type="namen" key="Schwarz, Karl">Schwarz</term>, <hi rend="italic">Der «Fall Reisner». Eine Wiener Hörfunksendung (1936) ruft Widerspruch hervor</hi>, in: <hi rend="italic">…und über Barmen hinaus. Studien zur Kirchlichen Zeitgeschichte</hi>, Festschrift für C. Nicolaisen zum
4. April 1994, hrsg. von J. Mehlhausen (AKZG.B 23), Göttingen 1995, S. 318–333, dort S. 326</bibl>;  <bibl corresp="kbga-bibls-6971"><persName ref="kbga-actors-7026">J. Günther</persName>, <hi rend="italic">Gedenken für Erwin Reisner</hi>, in: ThViat 10 (1965/66), S. 1–10.</bibl> </note><hi rend="italic"> Im Januar 1935 erschien ein kleiner Aufsatz <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> in der «Evangelischen Theologie», in dem er im Anschluss an eine These <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> aus </hi><bibl corresp="kbga-bibls-612">Nein! Antwort an Emil Brunner</bibl><note xml:id="n03">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p429#p429">S. 429-527</ref>. </note><hi rend="italic"> zwei an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gerichtete Fragen formulierte.</hi><note xml:id="n04"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisner</persName>, <hi rend="italic">Zwei Fragen an Karl Barth zum Problem der natürlichen Theologie</hi>, in: EvTh 1 (1934/35), S. 396–402.</bibl> </note></p>
			<p>
				<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hatte in seiner Schrift gegen <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> nicht nur die Form der natürlichen <term type="sachen" key="Theologie, natürliche">Theologie</term> verworfen, die positiv an menschliche Erkennt<pb xml:id="p755" ed="pga" break="no"/>nisse oder Wesenszüge anschließt, sondern auch ihre subtilere Form, welche die in der «Verzweiflung des Sünders» zutage tretende «negative Spitze» der menschlichen Existenz «indirekt dialektisch» zu einem <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«‹Anknüpfungspunkt›</term> für die göttliche Offenbarung macht».</hi><note xml:id="n05"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">A.a.O., S. 397.</bibl> Vgl. oben, S. 504-509; <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich dort auf <bibl corresp="kbga-bibls-4545"><persName ref="kbga-actors-63">E. <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName></persName>, <hi rend="italic">Die Frage nach dem «Anknüpfungspunkt» als Problem der Theologie</hi>, in: ZZ 10 (1932), S. 505–532.</bibl> </note>
				<hi rend="italic"> Von dieser These ausgehend fragte <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> erstens: «Ist es nicht möglich zu sagen, daß der Mensch, wenn er in allen seinen Unternehmungen scheitert, wenn er erkennen muß, daß alle seine ethischen und geistigen Anstrengungen vergeblich waren und immer vergeblich bleiben werden, zu einer Art Verzweiflung kommt, die zwar gewiß nicht die Verzweiflung des Sünders vor dem Angesicht Gottes ist, die ihm aber doch alle Illusionen über sich selbst raubt, seine Selbstsicherheit zerschlägt, ihn gleichsam auflockert, ihm seine radikale Erlösungsbedürftigkeit zum Bewußtsein bringt und ihn so – sagen wir – dem göttlichen Zugriff gefügig macht?»</hi><note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 397.</bibl> </note>
				<hi rend="italic"> Die zweite Frage bezog «sich auf die Möglichkeit einer Deutung der Geschichte vom Evangelium bzw. vom Kreuz her» und lautete: «Fällt nicht allein schon dadurch ein Licht auf den wahren Charakter der irdischen Geschichte, daß der in sie eingegangene Logos am Kreuz sterben mußte, daß ihn, den Sohn Gottes, diese Geschichte, ihren natürlichen Gesetzen folgend und in ihrem natürlichen Ablauf tötete? Wird nicht eine Geschichte, in der Gott stirbt, als der Weg von Gott weg, als der Weg in den Abgrund offenbar?»</hi><note xml:id="n07"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">A.a.O., S. 401.</bibl> </note>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic">Bereits vor der Drucklegung von <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> Aufsatz muss der Herausgeber der «Evangelischen Theologie», <persName ref="kbga-actors-431">Ernst Wolf</persName>, von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Zusicherung eingeholt haben, dass er die Fragen beantworten werde. Denn in einer Notiz im Anschluss an <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> Text kündigte er an: «Die Antwort auf die beiden Fragen <persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisners</persName> wird <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> in einem der nächsten Hefte dieses Jahrganges erscheinen lassen.»</hi><note xml:id="n08"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">EvTh 1 (1934/35), S. 402.</bibl> – Ein diesbezüglicher Briefwechsel zwischen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName> ist nicht erhalten. </note>
				<hi rend="italic"> Aber die anscheinend mit Spannung erwartete Antwort <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName></hi><note xml:id="n09">Am
					<date when="1935-04-09">9.4.1935</date> schrieb <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName> aus <placeName ref="kbga-places-29">Halle</placeName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Nach der Antwort an <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> erkundigt man sich sogar hier» (<ref type="kba-objects-id" target="26115">KBA 9335.373</ref>). </note>
				<hi rend="italic"> verzögerte <pb xml:id="p756" ed="pga"/> sich. In einer Karte vom
<date when="1935-04-03">3. April 1935</date> sicherte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName> jedoch zu: «Meine nächste Leistung auf deinem Altar wird nun bestimmt der <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> sein.»</hi><note xml:id="n10">Postkarte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName> vom
	<date when="1935-04-03">3.4.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26075">KBA 9235.75</ref>). </note>
				<hi rend="italic"> Diese Leistung muss <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bald darauf erbracht haben, denn am <date when="1935-04-21">21. April</date> berichtete <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaum</persName> in einem Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName> bereits von der Aufnahme des Textes durch <persName ref="kbga-actors-431">Wolf</persName>: «Auch <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> hat seine Antwort bekommen, nach <persName ref="kbga-actors-431">Wolfs</persName> Urteil so ‹mild› wie das ‹Nein› scharf!»</hi><note xml:id="n11"><ref type="kba-objects-id" target="26178">KBA 9270.651</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p859#p859">S. 859</ref></bibl>. – <persName ref="kbga-actors-431">Wolfs</persName> sicher zutreffende Beobachtung dürfte damit zu erklären sein, dass <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gegenüber mit einer ganz anderen Haltung auftrat als <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName>, nämlich «wie ein Schüler, vertrauensvoll und in ehrlicher Bereitschaft», sich «belehren zu lassen» (<bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> [<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>], S. 397</bibl>). Zudem lag bei ihm ein gebrochenes Verständnis der natürlichen Theologie des Menschen vor, die in der von ihm beschriebenen Gestalt von Gott zwar «als <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">Anknüpfungspunkt</term> benützt» werde, allerdings nur, «<hi rend="italic">um sie dann in ihrer Natürlichkeit und Verkehrtheit ad absurdum zu führen</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3318">a.a.O., S. 400</bibl>). </note>
			</p>
			<p><hi rend="italic">In dieser Antwort berücksichtigte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht nur <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> Aufsatz, sondern auch dessen 1934 erschienenes Buch </hi><bibl corresp="kbga-bibls-6972">Die Kirche des Kreuzes und das deutsche Schicksal</bibl><note xml:id="n12"><bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisner</persName>, <hi rend="italic">Die Kirche des Kreuzes und das deutsche Schicksal</hi>, München 1934.</bibl> </note><hi rend="italic">, in dem <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> dem Katholizismus als der Kirche des (falschen) Schauens den Protestantismus als Kirche des Nicht-Schauens gegenüberstellte. Der Gegensatz zwischen falschem Schauen und Nicht-Schauen wird ihm zufolge im rechten johanneischen Schauen auf Christus und auf das Kreuz überwunden. Das deutsche Volk sei das «auserwählte Volk des Neuen Bundes»</hi><note xml:id="n13"><bibl corresp="kbga-bibls-6972">A.a.O., S. 181.</bibl> </note><hi rend="italic">, das bestimmt sei, die johanneische Kirche zu verwirklichen. <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Zitate und Anspielungen beschränken sich auf die letzten beiden Kapitel des Buches.</hi><note xml:id="n14">«Der Apostel unter dem Kreuz» (<bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 140–180</bibl>); «Das auserwählte Volk des Neuen Bundes» (<bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 181–223</bibl>). </note><hi rend="italic"> Bezüge auf weitere Arbeiten <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> sind nicht erkennbar.</hi></p>

			<p><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Antwort erschien im <date when="1935-05">Mai 1935</date>:</hi> <bibl corresp="kbga-bibls-3319"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, </hi>Antwort an Erwin Reisner<hi rend="italic">, in: EvTh 2 (1935/36), S. 51–66.</hi></bibl> <hi rend="italic">Vorarbeiten sind nicht erhalten.</hi></p>
		</div>
			<div>
				<pb xml:id="p757" ed="pga" rend="noPipe"/>
				<head>Antwort an <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName></head>
				<p>Schon die erste der beiden von <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> mir gestellten Fragen<note n="1)" type="orig" xml:id="n_s1"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2482">E. Reisner</persName></hi>, Zwei Fragen an Karl Barth zum Problem der natürlichen Theologie. Evang. Theol. I, 1934/35, S. 396–402.</bibl></note> ist durchaus keine «relativ naive und vulgäre Frage»<note xml:id="n15"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 397.</bibl> </note>. Ich halte es im Gegenteil für richtig, mich gerade ihr mit größter Aufmerksamkeit zuzuwenden, weil alle Elemente auch der an zweiter Stelle zu beantwortenden Frage schon in ihr enthalten sind. Ich werde mich dort umso kürzer fassen dürfen.</p>

				<p rend="center">1.</p>
				<p>Wenn der Mensch wirklich «in <hi rend="italic">allen</hi> seinen Unternehmungen scheitert», wenn er wirklich «erkennen muß, daß <hi rend="italic">alle</hi> seine ethischen und geistigen Anstrengungen vergeblich waren und immer vergeblich bleiben werden», wenn er wirklich «zu einer Art Verzweiflung kommt, … die ihm <hi rend="italic">alle</hi> seine Illusionen über sich selbst raubt, … ihm seine <hi rend="italic">radikale</hi> Erlösungsbedürftigkeit zum Bewußtsein bringt»<note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> (i. Orig. keine Hervorhebungen). </note> – wenn das Alles nicht in rhetorischem Superlativ gesagt, sondern (wie etwa in den großen Klagen der <term type="sachen" key="Psalmen">Psalmen</term>) gegenüber der richtig gesehenen und verstandenen Wirklichkeit gesprochen und also wahr gesprochen ist, dann ist es ein schon innerhalb des Bereichs von Gottes <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term>, <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> und <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> gesprochener Nachsatz und Folgesatz zu dem Glaubensbekenntnis: Ich habe gesündigt! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.15.24">1.Sam. 15,24</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.21">Lk. 15,21</ref>] Denn nur wer weiß, dass er gesündigt hat, weiß um sein Scheitern in allen seinen Unternehmungen, um seine radikale <term type="sachen" key="Mensch, Erlösungsbedürftigkeit">Erlösungsbedürftigkeit</term>. <term type="sachen" key="Erkenntnis, der Sünde">Sündenerkenntnis</term> aber gibt es nur für den, der schon glaubt und also schon in den Bund von Gottes Gnade, Geist und Offenbarung einbezogen ist. Nicht das Scheitern, nicht die <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweiflung</term>, nicht die eingetretene Illusionslosigkeit, nicht das Bewusstsein der Erlösungsbedürftigkeit also ist es, was den Menschen «dem göttlichen Zugriff gefügig macht»<note xml:id="n17"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note>, sondern umgekehrt, kraft des göttlichen Zugriffs, im <term type="sachen" key="Gericht, Gottes">Gericht</term> der <hi rend="italic">Gnade</hi>, unter <pb n="52" ed="A"/> dem Gesetz <pb xml:id="p758" ed="pga"/> des <hi rend="italic">Geistes</hi>, in der Finsternis der <hi rend="italic">Offenbarung</hi> kommt es zu dem heilsamen Scheitern, Verzweifeln usw., das <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> offenbar im Auge hat.</p>
				<p> Es gibt gewiss auch ein anderweitiges Scheitern, eine vielleicht sehr intensive <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweiflung</term>, Desillusionierung und Erlösungsbedürftigkeit des <term type="sachen" key="Mensch, Erlösungsbedürftigkeit">Menschen</term> auch außerhalb dieses Zusammenhangs. Von ihr dürfte dann freilich nicht (oder eben nur in rhetorischer Ungenauigkeit) in jenen letzten Tönen geredet werden. Welche Intensivierung, welche Potenzierung vermöchte es denn, den Katastrophen, die es im Leben auch außerhalb des geschlossenen Kreises von <term type="sachen" key="Sünde">Sünde</term>, <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glaube</term> und <term type="sachen" key="Gnade">Gnade</term> gibt, jenen Charakter von Universalität und Endgültigkeit zu verleihen, auf den <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> hinzudeuten scheint? Ist der Mensch nicht Stehaufmännchen genug, um sich auch in und nach den übelsten unter den üblichen Katastrophen seines Selbstbewusstseins immer noch so zurecht zu finden, dass sie ihm nicht <hi rend="italic">ganz</hi> gefährlich werden können? Könnte nicht das <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweifeln</term> selbst (die Ironie, die Skepsis, die Apathie, der Selbstmord vielleicht) seine letzte und allerkühnste Unternehmung und Illusion sein, nachdem ihm alle (aber eben nur vermeintlich <hi rend="italic">alle!</hi>) anderen prinzipiell (doch nur vermeintlich <hi rend="italic">prinzipiell!</hi>) unmöglich geworden sind? Sollte bei der Bildung des Begriffs des scheiternden Menschen von Gottes <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term>, <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> und <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> abstrahiert worden sein, dann würde es gewiss nicht ratsam sein, auf diesen Begriff ein theologisches Haus oder auch nur Häuslein bauen zu wollen. Er wird es sicher nicht tragen können.</p>
				<p>Wenn der Mensch in <hi rend="italic">allen</hi> seinen Unternehmungen scheitert, und wenn ihm seine <hi rend="italic">radikale</hi> <term type="sachen" key="Mensch, Erlösungsbedürftigkeit">Erlösungsbedürftigkeit</term> bewusst wird, dann geschieht das in der Erkenntnis des an Jesus Christus vollstreckten <term type="sachen" key="Gericht, an Jesus Christus vollstreckt">Gerichtes</term>, des von Jesus Christus erfüllten <term type="sachen" key="Gesetz, von Jesus Christus erfüllt">Gesetzes</term>, der Jesus Christus verhüllenden Finsternis, d. h. aber – wie käme es sonst zu dieser Erkenntnis? – im Glauben an die <hi rend="italic">Auferstehung Jesu Christi</hi> <hi rend="italic">von den Toten</hi> und also im Bereich von Gottes Gnade, Geist und Offenbarung. In <hi rend="italic">dieser</hi> Erkenntnis, in der <term type="sachen" key="Glaubenserkenntnis">Erkenntnis</term> des Glaubens, kommt es nämlich zu dem unmittelbar, ohne Vorbehalt und Zweideutigkeit in der Wirklichkeit des <hi rend="italic">göttlichen</hi> <term type="sachen" key="Gott, Ratschluss">Ratschlusses</term> und Werkes begründeten Scheitern des Menschen. Steht es so mit <pb n="53" ed="A"/> uns, dass uns unsere Sünden <hi rend="italic">vergeben</hi> sind, weil der <hi rend="italic">Sohn Gottes</hi> sich selbst für uns dahingegeben hat, dann wissen wir, dass wir gesündigt haben, und also, was <pb xml:id="p759" ed="pga"/> <term type="sachen" key="Sünde">Sünde</term> ist, dann wohl auch, dass <hi rend="italic">alle</hi> unsere ethischen und geistigen Anstrengungen vergeblich waren und bleiben werden, dann wohl auch, dass wir <hi rend="italic">radikal</hi> erlösungsbedürftig sind. Dann, am Rande dieses Abgrundes der göttlichen <term type="sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>, der den Abgrund des göttlichen Zornes in sich verschlungen hat, mögen wir wohl und echt verzweifeln und also auch echt und phrasenlos von des Menschen Elend<note xml:id="n18">Anspielung auf die Überschrift des ersten Teils des <term type="sachen" key="Katechismus, Heidelberger">Heidelberger</term> Katechismus: «Von des menschen elend» (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 683,17</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-20">RefBS II/2, S. 176,16</bibl>). </note> reden. <hi rend="italic">Zuerst</hi> umleuchtet den <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> vor <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> das Licht vom Himmel, hört er die Stimme des Herrn; <hi rend="italic">dann</hi> fällt er zur Erde, überkommt ihn ein Zittern und Zagen, erblindet er [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.3 Act.9.6">Act. 9,3–6</ref><note xml:id="n19">Nach der revidierten Lutherbibel von 1912. Der dortige Vers 6a: «Und ­er sprach mit Zittern und Zagen: Herr, was willst du, daß ich tun soll?» wurde ­aus textkritischen Gründen in der Revision von 1984 gestrichen. </note>]. Echte <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweiflung</term> ist das Geheimnis der noch echteren Berufung und Tröstung in Jesus Christus. Wenn <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> dieses echte Scheitern des Menschen gemeint hat, dann könnte freilich kein Wort darüber zu stark sein.</p>
				<p>Von diesem echten Scheitern des Menschen wird dann aber zu sagen sein, dass es <hi rend="italic">als solches</hi> (auch wenn es wie bei <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> vor <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> mit Niederfallen, Zittern und Zagen und Erblinden verbunden ist) <hi rend="italic">nur</hi> und <hi rend="italic">allein</hi> <hi rend="italic">im Glauben</hi> Gegenstand menschlichen Bewusstseins, Erfahrens und Erlebens wird. «Im Glauben» heißt aber: in dem uns durch den Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> gesagten und durch den Heiligen Geist von uns gehörten Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> und also <hi rend="italic">in Jesus Christus</hi>, dem <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Gekreuzigten</term> und <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstandenen</term>. Nicht abstrakt in unseren «verzweifelten» Erfahrungen oder Erlebnissen, sofern wir in ihnen uns selbst erfahren und erleben! Nicht außerhalb der Verborgenheit des Glaubens, in der allein auch das Niederfallen, Zittern, Zagen und Erblinden eines <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> zum Zeichen seiner echten Verzweiflung wird. Der Ort, von dem her unser bisschen Scheitern Ernst, Universalität, Radikalität und Endgültigkeit <hi rend="italic">bekommt</hi> und auch in seiner denkbar höchsten Potenzierung immer erst und immer wieder <hi rend="italic">bekommen</hi> muss, ist <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> ganz allein.</p>
				<p>Und von diesem echten Scheitern des Menschen wird weiter zu sagen sein, dass es ein <hi rend="italic">prinzipielles</hi> und also ungleich umfassender und <pb xml:id="p760" ed="pga"/> tiefer ist als all das bisschen Scheitern, das uns als unser Selbsterlebnis anschaulich und eindrücklich werden mag. Es kann wohl sein, dass es mit einem solchen «verzweifel<pb n="54" ed="A" break="no"/>ten» Selbsterlebnis des Menschen <hi rend="italic">zusammentrifft</hi>. Es kann wohl sein, dass ein solches Selbsterlebnis <hi rend="italic">geheiligt</hi> ist durch die echte <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweiflung</term> der göttlichen Berufung und Tröstung in Jesus Christus. Nochmals: es kann <hi rend="italic">Zeichen</hi> sein. Ein notwendiger, ein regelmäßiger und also ein uns systematisch einsichtiger Zusammenhang dürfte hier doch nicht zu behaupten sein. Darf man wohl sagen, dass uns solche Selbsterlebnisse zur «göttlichen Handreichung»<note xml:id="n20"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 398.</bibl> </note> werden <hi rend="italic">können</hi>, so dürfte man doch nicht sagen, dass Gott gerade an diese Form der Handreichung <hi rend="italic">gebunden</hi> wäre oder dass uns gerade solche Selbsterlebnisse zu göttlichen Handreichungen werden <hi rend="italic">müssten</hi>. Das, was in der echten Verzweiflung zum Scheitern kommt, ist ja nicht nur unsere Sicherheit, sondern – zum Glück! – auch unsere Unsicherheit, nicht nur unser Trotz, sondern – wohl uns! – auch unsere Verzagtheit, nicht nur unsere Illusionen, sondern – Gott Lob! – auch unsere verdammte (an sich dann wirklich ebenfalls verdammte!) Illusionslosigkeit. Gott kann auch dem bürgerlich geschäftigen und weltlich erfolgreichen, auch dem mit seiner Existenz wohl zufriedenen, auch dem sie vielleicht enthusiastisch bejahenden, auch dem im Zeichen Jupiters<note xml:id="n21">Wer im Sternzeichen des Jupiters geboren ist, gilt in der Astrologie als glücklicher, fröhlicher, erfolgreicher und optimistischer Mensch (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6973">M. <term type="namen" key="Curcio, Michèle">Curcio</term>, <hi rend="italic">Dictionnaire de l’astrologie</hi>, Tournai 1976, S. 133</bibl>). </note> geborenen Menschen, der die Verzweiflung als Selbsterlebnis vermutlich nie kennenlernen wird, Handreichung tun, indem Jesus Christus doch auch für <term type="sachen" key="Stellvertretung">diesen</term> gestorben ist, und indem doch auch dieser «seinem eigenen Auffassungsvermögen entsprechend»<note xml:id="n22"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 398.</bibl> </note> an seinen Namen glauben kann. Und es erweist sich vielleicht umgekehrt mancher <term type="sachen" key="Zöllner">Zöllner</term>, in dessen nach allen Kanten aufgewühltem und zerrissenem Menschentum man jene göttliche Handreichung fast greifbar zu sehen meinen würde, als mindestens ebenso gottverlassen wie nur irgend ein moralinsaurer oder auch ästhetisch abgeklärter <term type="sachen" key="Pharisäer">Pharisäer</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.9 Lk.18.14">Lk 18,9–14</ref>]. Das <term type="sachen" key="Gericht, Gottes">Gericht</term> der <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term>, des <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term>, der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> Gottes muss den Menschen nicht durchaus in Begleitung <hi rend="italic">dieses</hi> Zeichens treffen. Und es trifft ihn, <pb xml:id="p761" ed="pga"/> auch wenn es ihn in Begleitung dieses Zeichens trifft, <hi rend="italic">oberhalb</hi> des Gegensatzes, der etwa durch die Namen <term type="namen" key="Dostojewski, Fjodor M.">Dostojewski</term> und Goethe<note xml:id="n23"><persName ref="kbga-actors-530">Fjodor M. Dostojewski</persName> steht hier für eine Anthropologie des schuldigen, Gott gegenüber verschlossenen, verzweifelten und auf Gnade angewiesenen Menschen (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-96">Römerbrief 2, <ref type="pub" target="../volume/47/p100#p100">S. 100</ref>. <ref type="pub" target="../volume/47/p256#p256">256</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-417"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Der römische Katholizismus als Frage an die protestantische Kirche</hi> [1928], in: V.u.kl.A. 1925–1930, <ref type="pub-" target="../volume/24/p308#p308">S. 308–343</ref>, dort <ref type="pub-" target="../volume/24/p337#p337">S. 337</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-118">ders., Ethik II, <ref type="pub" target="../volume/10/p265#p265">S. 265</ref></bibl>; Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an Thurneysen vom
					<date when="1920-10-14">14.10.1920</date> [<ref type="kba-objects-id" target="10803">KBA 9270.270</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p432#p432">S. 432</ref></bibl>]). – Obwohl <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> <persName ref="kbga-actors-136">Johann Wolfgang von Goethe</persName> schätzte und sich um ein differenziertes Verständnis bemühte, lehnte er dessen Anthropologie und religiöses Denken ab. Er warf ihm Pelagianismus (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol., S. 199f.</bibl>) bzw. Semipelagianismus (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">a.a.O., S. 473</bibl>) vor. Den Menschen bei Goethe charakterisierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als den guten Menschen, der sich nicht mehr sucht, sondern «selber froh gefunden hat» (<bibl corresp="kbga-bibls-34">a.a.O., S. 199</bibl>). </note> zu bezeichnen wäre.</p>
				<p rend="margin-top smaller">Es würde ja sicher nicht im Sinn des Neuen <term type="sachen" key="Neues Testament">Testamentes</term> gedacht sein, wenn man die vor der Welt Törichten, Schwachen, Unedlen, Verachteten von <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.26 1.Kor.1.27">1.Kor. 1,26ff.</ref> oder die Hungrigen von <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.53">Luk. 1,53</ref> oder die Unmündigen von <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.25">Matth. 11,25</ref> oder die Niedrigen von <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.52">Luk. 1,52</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.9">Jak. 1,9</ref> oder die <pb n="55" ed="A"/> Armen von <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.20">Luk. 6,20</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.5">Jak. 2,5</ref> oder die Kranken von <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.17">Mk. 2,17</ref> als Exponenten einer <term type="sachen" key="Metaphysik">Metaphysik</term> der negativen Existenz interpretieren wollte. Sind sie doch gerade dazu erwählt vor den Weisen, Starken, Edlen usw., «auf dass <hi rend="italic">kein</hi> Fleisch sich vor Gott rühme» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.29">1.Kor. 1,29</ref><note xml:id="n24">Druck: «<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.28">1,28</ref>»; von den Hrsg. korrigiert. </note>). Ernst genommen muss dies doch wohl bedeuten, dass es Gottes <hi rend="italic">Erwählung</hi> ist, und nicht etwa irgend eine immanente Bedeutsamkeit der Torheit, der Armut, der Krankheit usw., was diese von den entgegengesetzten menschlichen Zuständlichkeiten abhebt und zum Zeichen werden lässt. Weil <hi rend="italic">Gott</hi> die Niedrigkeit jener Magd <hi rend="italic">angesehen</hi> hat, also weil sie Niedrigkeit vor <hi rend="italic">ihm</hi> ist, darum ist sie die Herrlichkeit der <term type="namen" key="Maria">Maria</term> (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.48">Luk 1,48</ref>). Derselbe <term type="namen" key="Lukas">Lukasevangelist</term>, dessen Darstellung man neben dem Jakobusbrief allenfalls noch am ehesten so etwas wie exegetische Belege zu jener <term type="sachen" key="Metaphysik">Metaphysik</term> entnehmen könnte, lässt Jesus auffallenderweise an nicht weniger als drei Stellen (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.7.36">7,36</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.11.37">11,37</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.14.1">14,1</ref>) einer Einladung an den Tisch eines <term type="sachen" key="Pharisäer">Pharisäers</term> Folge leisten, eine deutliche Warnung vor einer Überschätzung seines <term type="sachen" key="Ebioniten / Ebionitismus">«Ebionitismus»</term>!<note xml:id="n25">Als «Ebioniten» (von hebr. <hi rend="italic">’æbjônîm</hi>, «Arme») bezeichneten die Kirchenväter die getrennt von der Großkirche lebenden Judenchristen bzw. eine Gruppe innerhalb dieses Judenchristentums. Erstmals ist der Ausdruck in dieser Bedeutung bei Irenäus belegt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6974">G. <term type="namen" key="Strecker, Georg">Strecker</term>, Art. «Ebioniten», in: RAC 4 [1959], S. 487–500, dort S. 487f.</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6975">ders., Art. «Judenchristentum», in: TRE 17, S. 310–325, dort S. 312</bibl>). Verschiedene Forscher haben die These vertreten, dass das <term type="sachen" key="Lukasevangelium">Lukasevangelium</term> in den Texten, die Arm und Reich gegenüberstellen und für die Armen Partei ergreifen (bes. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.46 Lk.1.55">Lk. 1,46–55</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.20 Lk.6.26">6,20–26</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.19 Lk.16.26">16,19–26</ref>), <term type="sachen" key="Ebioniten / Ebionitismus">ebionitische</term> Traditionen aufgenommen habe (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6976">M. <term type="namen" key="Rese, Martin">Rese</term>, <hi rend="italic">Das Lukas-Evangelium. Ein Forschungsbericht</hi>, in: ANRW II.25.3, S. 2258–2328, dort: S. 2276f.</bibl>); auch <persName ref="kbga-actors-1745">Lukas</persName> selbst ist als Ebionit angesehen worden (vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-6977"><persName ref="kbga-actors-3916">E. Renan</persName>, <hi rend="italic">Vie de Jésus</hi> [1863], in: ders., <hi rend="italic">Œuvres complètes de Ernest Renan,</hi> Bd. 4, édition définitive établie par H. Psichari, Paris 1949, S. 7–427, dort S. 72</bibl>). Im Zusammenhang mit seiner Kritik am Ebionitismus in der KD (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/1, S. 422–426</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2">I/2, S. 21–26</bibl>) wendet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich auch gegen eine ebionitische Interpretation der Synoptiker und formuliert in Bezug auf <term type="namen" key="Lukas">Lukas</term>: «Ebionitischen Historismus dürfte man doch dem <persName ref="kbga-actors-1745">Lukas</persName> so wenig vorwerfen wie dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> Doketismus!» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 26</bibl>). </note> Es ist aber auch bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, dessen vorhin schon gedacht wurde, so: <pb xml:id="p762" ed="pga"/>
					<hi rend="italic">Christus</hi> macht ihn mächtig [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.13">Phil. 4,13</ref><note xml:id="n26">«Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus» (revidierter Luthertext von 1912; in neueren Ausgaben ohne das nachgestellte «Christus»). </note>; <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9 2.Kor.12.10">2.Kor. 12,9f.</ref>], und so gewiss dies bedeutet, dass in und mit ihm auch <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sich <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">gestorben</term> und nur in und mit ihm von den <term type="sachen" key="Auferstehung">Toten</term> erweckt lebendig weiß (<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.19 Gal.2.21">Gal. 2,19f.</ref>), so gewiss bedeutet es auch eine gewisse Überlegenheit und Indifferenz gegenüber dem Gegensatz seines eigenen Lebens und Sterbens, Hoch- und Niedrig-, Reich- und Armseins (<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.7 Röm.14.8">Röm. 14,7–8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.1.21 Phil.1.22">Phil. 1,21f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.12 Phil.4.13">4,12f.</ref>). Das Ereignis des «göttlichen Zugriffs» hat er weder mit dem einen noch mit dem anderen von diesen Gegensätzen identifiziert. Man wird ja auch bei seinen Sätzen über die Kraft in der «Schwachheit» (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9 2.Kor.12.10">2.Kor. 12,9f.</ref>) beachten müssen, dass sie nicht abstrakt, sondern im Gegensatz zu den Aussagen über die ihm widerfahrenen «hohen Offenbarungen» geschrieben und also ebenfalls nach Analogie von <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.26 1.Kor.1.27">1.Kor. 1,26ff.</ref> auszulegen sind. In diesem Bereich gibt es wohl <term type="sachen" key="Zeichen">Zeichen</term>, aber keine <term type="sachen" key="Entscheidung">Entscheidungen</term>. Es gibt im Neuen <term type="sachen" key="Neues Testament">Testament</term> kein Gesetz, laut dessen der <term type="sachen" key="Mensch, Sünder">Sünder</term>, indem er bei Gott <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term> findet, durchaus das Selbsterlebnis eines <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweifelnden</term> machen müsste. Es gibt im Neuen <term type="sachen" key="Neues Testament">Testament</term> nur das <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, laut dessen der im Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glaubende</term> durch den <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term> und die <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> Jesu Christi (mit oder ohne solches Selbsterlebnis!) in die <hi rend="italic">echte</hi> Verzweiflung, in jene «göttliche Traurigkeit» (<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.2.10">2.Kor. 2,10</ref>) versetzt wird, in welcher der Mensch nach dem Bilde <persName ref="kbga-actors-530">Dostojewskis</persName> vor dem Menschen nach dem Bilde <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> keinen Vorzug haben kann noch beanspruchen wird.</p>

				<p> Mit dem Allem fällt aber die Voraussetzung, auf Grund derer unsere <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweiflungen</term>, und wären sie noch so potenziert, systematisch-methodisch als «Anknüpfungspunkt»<note xml:id="n27"><persName ref="kbga-actors-63">E. Brunners</persName> Begriff «Anknüpfungspunkt» (siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n05">Anm. 5</ref>) wurde von <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> in seinem Aufsatz mehrfach aufgegriffen. </note><term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt"> </term> für Gottes <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term>, <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> und <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> zu verstehen wären. Dass an den Menschen «ange<pb xml:id="p763" ed="pga" break="no"/>knüpft» wird, wenn Gott ihm gnädig ist, darüber kann kein Streit sein. Es kann auch nicht bestritten werden, dass unsere Verzweiflungen das begleitende Zeichen dieser Anknüpfung sein können. Es gibt aber keinen systematischen Ausweis dessen, dass gerade unsere Verzweiflungen <hi rend="italic">notwen<pb n="56" ed="A" break="no"/>dig</hi> und <hi rend="italic">gewiss</hi> zu dieser Anknüpfung gehörten oder gar ihr Instrument wären. Es gibt also keine Methode, die über den Weg unserer Verzweiflungen zu Gottes Gnade führte. Gottes <term type="sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>, die uns im <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term>, d. h. in Jesus Christus in die echte Verzweiflung führt, erträgt diese Systematisierung und Methodisierung so wenig wie irgend eine andere. Die Anknüpfung, die Möglichkeit des Menschen, «sich erlösen zu lassen»,<note xml:id="n28"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 398.</bibl> </note> ist, auch wenn «vom Menschen aus»<note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note> die potenzierteste Verzweiflung Ereignis sein sollte, das Geheimnis der <hi rend="italic">freien</hi> <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> in Christi <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> von den Toten und in der Gabe des Heiligen Geistes. Dieses Geheimnisses und seiner allein wird sich der <term type="sachen" key="Zöllner">Zöllner</term> <hi rend="italic">mit</hi> dem <term type="sachen" key="Pharisäer">Pharisäer</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.9 Lk.18.14">Lk. 18,9–14</ref>] rühmen dürfen und rühmen wollen.</p>
				<p>Ich darf es der Kürze und der (allen mehr als einmal benützten Bildern gegenüber gebotenen) Vorsicht halber dem Scharfsinn der Leser überlassen, zu überlegen, was von hier aus über die unter «Anknüpfung» an den verzweifelt erhobenen Arm des Ertrinkenden gelingende Lebensrettung<note xml:id="n30">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318">ebd.</bibl> – <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> bezog sich hier auf das von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in <hi rend="italic">Nein!</hi> selbst angeführte Beispiel des Ertrinkenden (vgl. oben, S. 457). </note> allenfalls zu sagen wäre. Wohl aber möchte ich zu den beiden von <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> angeführten biblischen Beispielen noch einige Erwägungen anstellen dürfen.</p>
				<p> Dass Gott sich dem rechten Schächer am <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> nicht zeigt «so, wie er an sich ist»,<note xml:id="n31"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 399</bibl> (dort: «<hi rend="italic">an sich</hi>»). </note> sondern als der mit-leidende und mit-sterbende <term type="sachen" key="Jesus Christus, mit-leidender und mit-sterbender">Jesus</term>, das ist wohl wahr. Aber mir scheint schon dies in den Text <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.39 Lk.23.40">Luk. 23,39ff.</ref> hineingetragen zu sein: «daß dieser, indem er <hi rend="italic">sich</hi> sucht, <hi rend="italic">Gott</hi> findet»<note xml:id="n32"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> (dort: «<hi rend="italic">indem er sich sucht, Gott findet</hi>»). </note>. Und vollends kann ich diesem Text nicht entnehmen, dass Jesus durch sein Mit-Leiden und Mit-Sterben dieses Gottfinden des Mannes «bewirkt», dass dieser «darum und nur darum»<note xml:id="n33"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note> die Offen<pb xml:id="p764" ed="pga" break="no"/>barung als Gnade erkennt, weil Gott sich ihm in dieser «dem sündigen Auge durchaus <hi rend="italic">erträglichen</hi> und <hi rend="italic">verständlichen</hi> Gestalt»<note xml:id="n34"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> (ohne Hervorhebungen). </note> zugesellt. Nach dem Text (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.39">V. 39</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.41">41</ref>) scheint diese Gestalt als solche doch vielmehr dem linken <hi rend="italic">und</hi> dem rechten Schächer ein Rätsel und also an sich zu jenem «Bewirken» nicht geeignet zu sein! Sie ist die «Verdammnis»<note xml:id="n35">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318">a.a.O., S. 398</bibl>: «Zeigt sich die <hi rend="italic">Gnade</hi> Gottes dem Sünder gegenüber nicht gerade darin, daß diesem eben das, was ihn sonst in die äußerste und völlig hoffnungslose Verzweiflung an Gottes Barmherzigkeit, in die Sünde wider den Geist und damit in die Verdammnis treiben müßte, seinem eigenen Auffassungsvermögen entsprechend als göttliche Handreichung faßbar gemacht wird»? </note> (das krima), in der sie sich beide gemeinsam und in der sich Jesus gemeinsam mit ihnen beiden befindet, eine Gemeinsamkeit, die nun doch nicht verhindert, dass der linke Schächer «Gott nicht fürchtet» (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.40">V. 40</ref>), während der rechte Schächer – im Sinn des Textes sicher nicht sich selbst, sondern <pb n="57" ed="A"/> Gott suchend – seinen Genossen zurückweist (<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.40">V. 40</ref>) und jene Bitte an Jesus richtet. <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> sagt selbst: die «zuletzt entscheidende Offenbarung» ist <hi rend="italic">nicht</hi> «die dem Auge des Sünders angemessene»<note xml:id="n36"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">A.a.O., S. 399</bibl>: «Freilich gehört zur Offenbarung noch etwas mehr als das bloße Sich-Zeigen Gottes in der dem Auge des Sünders angemessenen Gestalt; denn daß der Jesus, der da am Kreuze hängt, der Sohn des lebendigen Gottes ist, das konnten Fleisch und Blut dem Schächer nicht offenbaren, sondern nur der Vater im Himmel bzw. der Geist. Darauf also erstreckt sich die ‹Offenbarungsmächtigkeit› des Menschen keinesfalls. Aber immerhin hat diese zuletzt entscheidende Offenbarung durch den Geist zur Voraussetzung, daß der Jesus, in dem der Logos Fleisch, u[nd] zw[ar] Sündenfleisch, sterbliches Fleisch geworden ist, den erlösungsbedürftigen Sünder dort anspricht, wo dieser den Anspruch vernehmen kann, nämlich in dem Punkt seiner natürlichen menschlichen Verzweifeltheit.» </note> Todesgestalt <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term>. In der Tat nicht: dem Auge des <term type="sachen" key="Mensch, Sünder">Sünders</term> angemessen ist diese Gestalt für den Schächer links (übereinstimmend mit der öffentlichen Meinung <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.35">V. 35</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.37">37</ref>) die des angeblichen <term type="sachen" key="Jesus Christus, Messias">Messias</term>, der weder Anderen noch sich selbst helfen kann, für den Schächer rechts ein unschuldig Strafe Leidender <note n="2)" type="orig" xml:id="n_s2">Dass der Lukastext eine Korrektur gegenüber der andersartigen Überlieferung <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.32">Mk. 15,32</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.44">Matth. 27,44</ref> (wonach die <hi rend="italic">beiden</hi> mit Jesus <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Gekreuzigten</term> sich <hi rend="italic">gegen</hi> ihn gewandt hätten) bieten zu wollen scheint, dürfte exegetisch ferung <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.32">Mk. 15,32</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.44">Matth. 27,44</ref> (wonach die <hi rend="italic">beiden</hi> mit Jesus <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Gekreuzigten</term> nicht unwichtig sein.</note>. <pb xml:id="p765" ed="pga"/> Was hilft ihnen beiden ihr verzweifelter Zustand? Was hilft ihnen auch dies, dass Jesus diesen Zustand mit ihnen teilt? Wird ihnen Gottes <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term> und <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term> wirklich <hi rend="italic">dadurch</hi> «erträglich und verständlich»? Werden sie <hi rend="italic">dadurch</hi> «offenbarungsmächtig»<note xml:id="n37"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 399</bibl>. – Vgl. zum Begriff auch oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p455#p455">S. 455-458</ref>. </note>? Nein, weiß der Schächer rechts auf einmal, dass Jesus «in sein Reich kommt»<note xml:id="n38">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, ebd.</bibl> </note> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.42">Lk. 23,42</ref>], und bittet er ihn, dort auch seiner zu gedenken, dann weiß und sagt er das nicht etwa «aus seiner Verzweiflung heraus», dann ist ihm in der Tat offenbart, was Fleisch und Blut ihm nicht offenbaren konnten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.17">Mt. 16,17</ref>]: das Ereignis der <hi rend="italic">Versöhnung</hi> in der an sich so vieldeutigen Gestalt des Ereignisses des Todes Jesu <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term>. Er sieht dann, wie man wohl zu sagen nicht umhin kann, durch diese Gestalt hindurch bereits das Wunder der <term type="sachen" key="Ostern">Ostern</term> oder in dieser Gestalt bereits die Gestalt des <term type="sachen" key="Jesus Christus, Erhöhter">Erhöhten</term>, wie sie die Jünger in den 40 Tagen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.1.3">Act. 1,3</ref>] gesehen haben. Er sieht also im Tode Jesu gerade das, was dieser mit seinem eigenen Tode <hi rend="italic">nicht</hi> gemeinsam hat, wofür trotz seiner natürlichen menschlichen <term type="sachen" key="Verzweiflung">«Verzweifeltheit»</term> seine Augen, seine Ohren, sein Herz (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>) keineswegs offen sind. Dessen, des «<hi rend="italic">Reiches</hi>» Jesu tröstet er sich hinsichtlich seines eigenen Todes. Hier geht es um das, «das Gott bereitet hat denen, die ihn lieben» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>). Was bedeutet dem gegenüber dieses und jedes anderen Schächers «natürliche menschliche Verzweifeltheit»,<note xml:id="n39">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n36">Anm. 36</ref>. </note> und dass Gott selbst ihm offenbar in einer ganz ähnlichen Zuständlichkeit nahe ist? Der Text <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23">Luk. 23</ref> scheint jedenfalls auf eine stattgefundene <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfung»</term> in keiner Weise Gewicht zu legen. <term type="sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term>, <term type="sachen" key="Erwählung">Erwählung</term>, <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glaube</term> erscheinen vielmehr auch <pb n="58" ed="A"/> hier als ein in sich geschlossener Kreis, und auch jene an sich mögliche «zeichenhafte»<note xml:id="n40">Die Begriffe «zeichenhaft» oder auch <term type="sachen" key="Zeichen">«Zeichen»</term> überhaupt werden von <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> in seinem Aufsatz nicht verwendet. </note> Bedeutung menschlicher Verzweifeltheit wird man hier jedenfalls nicht hervorgehoben finden können. Will man sie bzw. die Erscheinung Gottes in der ihr entsprechenden Gestalt die «Voraussetzung»<note xml:id="n41">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n36">Anm. 36</ref>. </note> der Begnadigung und des Glaubens des rechten Schä<pb xml:id="p766" ed="pga" break="no"/>chers nennen, so besteht jedenfalls kein Anlass, diese Voraussetzung ins Prinzipielle zu erheben.</p>
				<p> Mir wollen nun aber auch <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisners</persName> Darlegungen zur Offenbarung <term type="sachen" key="Offenbarung, Gottes in Israel">Gottes</term> in <term type="sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term> doch nicht so recht einleuchten. Ich verstehe, was gemeint ist, wenn er die israelitische <term type="sachen" key="Juden / Judentum">Religion</term> als «gerechtfertigtes Heidentum» bezeichnet.<note xml:id="n42">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 400</bibl>: «Der gläubige Israelit des alten Bundes handelt äußerlich wie irgend ein Heide, aber sein Heidentum ist ‹<hi rend="italic">gerechtfertigt</hi>›, weil sich ihm Gott selbst darbietet, weil sich Gott selbst zum Gegenstand des an sich heidnischen Kultes macht.» </note> Aber macht er sie nun nicht doch (wie zuvor den Schächer mit dem Vorwurf, dass dieser nur sich selbst und nicht Gott suche) zu schlecht, wenn er behauptet, Israel habe in seiner Religion «im Grunde genau dasselbe» getan wie alle anderen zeitgenössischen Völker?<note xml:id="n43"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note> «Der gläubige Israelit des alten Bundes handelt äußerlich wie irgend ein Heide.»<note xml:id="n44">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n42">Anm. 42</ref>. </note> Er <hi rend="italic">ist</hi> und <hi rend="italic">bleibt</hi> auch ein <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">Heide</term>, sofern er nicht «durch Erleuchtung durch den Heiligen Geist in dem von ihm angebeteten Volksgott den wahren Gott erkennt … ebenso wie jeder ‹Christ› ein Heide bleibt, der zwar den Menschen Jesus verehrt, aber an ihn nicht als den Sohn des lebendigen Gottes glaubt.»<note xml:id="n45">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 400</bibl>: «Selbstverständlich kann von Rechtfertigung auch hier nur insofern gesprochen werden, als der Israelit, dank der Erleuchtung durch den Geist, in dem von ihm angebeteten Volksgott den wahren Gott erkennt, neben dem es keine anderen Götter gibt. Fehlt diese Bedingung, dann bleibt er auch als Jahwediener ein Heide, ebenso wie jeder ‹Christ› ein Heide bleibt, der zwar den Menschen Jesus verehrt, aber an ihn nicht als an den Sohn des lebendigen Gottes glaubt.» </note> Wirklich? <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> hat auf Grund dieser Voraussetzung die Möglichkeit, die «natürliche Gottesverehrung»<note xml:id="n46"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note> (als erschöpfende Beschreibung der ganzen menschlichen Wirklichkeit und disqualifiziert als «Abgötterei»<note xml:id="n47"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note>) der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> <hi rend="italic">gegenüberzustellen</hi> (etwa wie in <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.2">Gen. 1,2</ref> das Tohuwabohu dem Geiste Gottes gegenüberliegt) und – unter glücklicher Umgehung der «natürlichen Theologie des kleinen Mannes»<note xml:id="n48"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">A.a.O., S. 397</bibl>: «In seiner Streitschrift gegen <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunners</persName></hi> ‹Natur und Gnade› lehnt <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> nicht nur die ‹theologia naturalis vulgaris› des Verfassers, also nicht nur die heute wieder so überaus beliebte natürliche Theologie des ‹kleinen Mannes› entschieden ab, […].» </note>, also abseits von … ich brauche die Namen nicht zu <pb xml:id="p767" ed="pga"/> nennen!<note xml:id="n49">Neben <persName ref="kbga-actors-63">Brunner</persName> fand <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Elemente natürlicher Theologie z. B. bei <persName ref="kbga-actors-137">Friedrich Gogarten</persName>, <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName>, <persName ref="kbga-actors-171">Karl Heim</persName>, <persName ref="kbga-actors-184">Emanuel Hirsch</persName>, <persName ref="kbga-actors-4">Paul Althaus</persName> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-473"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das erste Gebot als theologisches Axiom</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p209#p209">S. 209–241</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p233#p233">S. 233f.</ref></bibl>, und z. B. auch den Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-4">P. Althaus</persName> vom
					<date when="1933-01-02">2.1.1933</date> [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9233.1</idno>; <bibl corresp="kbga-bibls-143">Briefe 1933, S. 20</bibl>]). </note> – dialektisch auf die Offenbarung zu <hi rend="italic">beziehen</hi> in der Weise, «daß Gott in seiner Offenbarung die natürliche Theologie des Menschen als Anknüpfungspunkt benützt, allerdings, um sie dann in ihrer Natürlichkeit und Verkehrtheit ad absurdum zu führen.»<note xml:id="n50"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 400</bibl> (dort teilweise hervorgehoben; s. oben, <ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>). </note> Aber ist bei jener Voraussetzung nun nicht doch übersehen, dass es da, wo es <term type="sachen" key="Rechtfertigung">«Rechtfertigung»</term> wirklich gibt, notwendig auch eine «<hi rend="italic">Heiligung</hi>»<note xml:id="n51">Zum Verhältnis von Rechtfertigung und Heiligung bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3521"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung und Heiligung</hi> (1927), in: V.u.kl.A. 1925–1930, <ref type="pub-" target="../volume/24/p057#p057">S. 57–98</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-401">Unterricht III, <ref type="pub-" target="../volume/38/p272#p272">S. 272–332</ref>, bes. <ref type="pub-" target="../volume/38/p276#p276">S. 276–279</ref>, und <ref type="pub-" target="../volume/38/p304#p304">S. 304–309</ref></bibl>. </note> gibt, dass also die <term type="sachen" key="Israel (Volk)">Israeliten</term> (und die <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">«Christen»</term>) mindestens als sehr <hi rend="italic">besondere</hi>, und zwar auch morphologisch, auch äußerlich betrachtet, sehr besondere <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">«Heiden»</term> zu verstehen sind? Das Verhältnis zwischen <pb n="59" ed="A"/> <term type="sachen" key="Gott, und Mensch">Mensch</term> und Gott ist doch nicht ein gleichmäßiges zwischen einer allgemeinen <term type="sachen" key="Mensch, Abgötterei">Abgötterei</term> der Menschen und einer ebenso allgemein diese Abgötterei ad absurdum führenden <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, wobei die Abgötterei durchgehend das Sichtbare, die sie «rechtfertigende» Offenbarung aber das Unsichtbare wäre. Diese Rechnung geht mir zu glatt auf, als dass ich ihr Vertrauen entgegenbringen könnte. Die auserwählte Gemeinde, die sich der Sohn <term type="sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term> aus dem ganzen menschlichen Geschlecht von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält und deren lebendiges Glied ich bin und ewig bleiben werde (Heidelberger <term type="sachen" key="Katechismus, Heidelberger">Katechismus</term>, Frage 54<note xml:id="n52">«Was glaubstu von der heiligen allgemeinen Christlichen Kirchen? Antwort: «Daß der Son Gottes auß dem gantzen menschlichen geschlecht, jhm ein außerwelte gemein zum ewigen leben, durch seinen geist und wort in einigkeyt des waren glaubens, von anbegin der welt, biß ans end versamle, schütze und erhalte, und daß ich derselben ein lebendiges glied bin, unnd ewig bleiben werde» (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 696,30–36</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-20">RefBS 2/2, S. 188,22–30</bibl>). </note>) – sie hat nicht nur eine <term type="sachen" key="Gemeinde, ewige Existenz">ewige</term>, sondern in aller Verwirrung und Problematik des Menschlichen, Allzumenschlichen,<note xml:id="n53">Anspielung auf die 1878 bzw. 1886 erschienenen Bände: <bibl corresp="kbga-bibls-2368"><persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister</hi> (ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 2, München / Berlin / New York 1980)</bibl>. </note> eine <hi rend="italic">geschichtliche</hi> <term type="sachen" key="Gemeinde, geschichtliche Existenz">Existenz</term>, in <pb xml:id="p768" ed="pga"/> der sie sich von allerlei anderen «Gemeinden» <hi rend="italic">abhebt</hi> – gewiss nur relativ abhebt, aber immerhin abhebt. So sehr abhebt, dass – von der christlichen Kirche her gesehen – das Volk der <term type="sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> in seiner Tugend und Untugend, in seinem Glück und in seinem Schicksal bis auf diesen Tag den einzigen, aber sehr handgreiflichen «natürlichen» (!) Gottesbeweis darstellt.<note xml:id="n54">Anspielung auf eine von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> häufiger erzählte Anekdote, nach der <persName ref="kbga-actors-5669">Johann Georg von Zimmermann</persName>, der Leibarzt <persName ref="kbga-actors-557">Friedrichs des Großen</persName>, auf dessen Frage nach einem Gottesbeweis geantwortet haben soll: «Majestät, die Juden.» Nach <bibl corresp="kbga-bibls-5367">Fr. Freiherr von Liperheide, <hi rend="italic">Spruchwörterbuch</hi>, Berlin 1907, S. 428</bibl>, soll dieser Ausspruch dagegen von <persName ref="kbga-actors-1308">Voltaire</persName> stammen. </note> Das Problem des Verhältnisses von <term type="sachen" key="Gott, und Mensch">Gott</term> und Mensch ist also gerade so gestellt, dass es inmitten des Meeres von ungerechtfertigter «natürlicher <term type="sachen" key="Gottesverehrung, ungerechtfertigte natürliche">Gottesverehrung»</term> auch eine – nicht durch ihr Verdienst, sondern durch Gottes Wahl und Gnade – <hi rend="italic">gerechtfertigte</hi> «natürliche <term type="sachen" key="Gottesverehrung, gerechtfertigte natürliche">Gottesverehrung»</term> gibt, die als solche doch auch eine <hi rend="italic">ausgesonderte</hi> und – obwohl jeder anderen zum Verwechseln ähnlich – offenkundig <hi rend="italic">sonderbare</hi> ist. Gottes Offenbarung steht nun einmal nicht zu der <hi rend="italic">allgemeinen</hi> «natürlichen Gottesverehrung» in jenem <hi rend="italic">dialektischen</hi> Verhältnis der Zurechtbringung des in sich Verkehrten, sondern zu dieser <hi rend="italic">ausgesonderten</hi> und <hi rend="italic">sonderbaren</hi> «natürlichen Gottesverehrung» in dem <hi rend="italic">Bundes</hi>verhältnis der Erfüllung des <term type="sachen" key="Verheißung">Verheißenen</term>, d. h. des Erinnerten und Erwarteten. Denn nicht einfach Verkehrtheit, also nicht einfach «Abgötterei, <term type="sachen" key="Götter / Götzen">Götzendienst,</term> ja Teufelsdienst»<note xml:id="n55"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 400.</bibl> </note> ist die «natürliche <term type="sachen" key="Gottesverehrung, natürliche G. als Zeichen">Gottesverehrung»</term> im Bereich der Gemeinde des Sohnes Gottes, obwohl sie auch hier der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> bedarf, um nicht tatsächlich in das <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">«Heidentum»</term> zurückzufallen, sondern <hi rend="italic">Zeichen</hi> – nun, im Unterschied zu vorhin, in dem prägnanten Sinn von <hi rend="italic">Verheißungszeichen</hi>, von <hi rend="italic">Stiftung</hi>, von <hi rend="italic">Sakrament</hi><hi rend="italic">:</hi> <pb n="60" ed="A"/> befohlener und – wenn auch in chronischer und akuter Gefahr des <term type="sachen" key="Unglaube">Unglaubens</term>, wenn auch in höchster Zweideutigkeit – ausgeführter Akt der Erinnerung und der Erwartung. Auf diese <hi rend="italic">Erinnerung</hi> und <hi rend="italic">Erwartung</hi> bezieht sich (als gegenwärtige Erfüllung) in der Gemeinde des Sohnes <term type="sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term> seine Offenbarung. Dies in dem doppelten Sinn, <pb xml:id="p769" ed="pga"/> dass Gottes Offenbarung diese Erinnerung und Erwartung <hi rend="italic">begründet</hi> und zugleich ihr <hi rend="italic">Gegenstand</hi> ist. Lässt sich nicht leugnen, dass diese Erinnerung und Erwartung in ihrer Gestalt die Charaktere aller übrigen «natürlichen Gottesverehrung» an sich trägt, so lässt sich doch noch weniger leugnen, dass <term type="sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>, dass die Kirche mit dieser Erinnerung und Erwartung, mit ihrer <term type="sachen" key="Predigt">Predigt</term>, mit ihrem <term type="sachen" key="Gebet">Gebet</term>, mit <term type="sachen" key="Taufe">Taufe</term> und <term type="sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> gerade «im Grunde» etwas <hi rend="italic">ganz</hi> Anderes tut als die <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term>. Weil und sofern nämlich hier <hi rend="italic">Gott</hi> in seiner <hi rend="italic">Offenbarung</hi> etwas ganz Anderes tut, weil er hier – obwohl wir wahrlich allzumal Lügner sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.4">Röm. 3,4</ref>] – nicht eine menschliche Lüge ad absurdum führt, sondern sein eigenes Wort wahr macht. Ist dem aber so, dann kann die «natürliche Gottesverehrung» als solche gerade nicht – auch nicht in jenem dialektischen Sinn – die Bedeutung eines <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunktes»</term> für Gottes Offenbarung haben. Nicht um ihrer selbst willen (auch nicht in irgend einer Umkehrung) ist <term type="sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>, ist die Kirche in ihrer «natürlichen Gottesverehrung» das Israel und die Kirche des einen wahren und lebendigen Gottes, sondern weil «natürliche Gottesverehrung» hier durch freie <term type="sachen" key="Gnade, freie">Gnade</term> geheiligt ist zum Verheißungszeichen, weil Israel, weil die Kirche von der Treue und Wahrheit <term type="sachen" key="Gott, Treue">Gottes</term> herkommt, der Treue und <term type="sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term> Gottes entgegengeht. Es wäre einer <term type="sachen" key="Metaphysik">Metaphysik</term> der «natürlichen Gottesverehrung» hinsichtlich der Offenbarung Gottes ebenso gewiss keine Erkenntnis abzugewinnen, wie eine Philosophie des Wassers für die christliche Lehre von der <term type="sachen" key="Taufe">Taufe</term> ohne jeden Ertrag sein müsste.<note xml:id="n56">Vgl. zu diesem Absatz ausführlich: <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 356–397</bibl> (§ 17,3: «Die wahre Religion»). </note></p>
				<p> Auf die Frage von <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName>: ob meiner Meinung nach auch dem von ihm vertretenen Verständnis des <term type="sachen" key="Anknüpfungspunkt">«Anknüpfungspunktes»</term> noch immer etwas von natürlicher <term type="sachen" key="Theologie, natürliche">Theologie</term> anhafte, muss ich also allerdings bejahend antworten. Ich habe ihn ja gewiss richtig verstanden, wenn ich seinen Darlegungen entnehme, dass er sich nicht mit der Feststellung, <hi rend="italic">dass</hi> «angeknüpft» <pb n="61" ed="A"/> wird, und auch nicht mit dem Hinweis auf die <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> Jesu Christi und auf das Wunder der <term type="sachen" key="Pfingsten">Pfingsten</term> als auf das <hi rend="italic">Wie</hi> der «Anknüpfung» zufrieden geben, sondern Gott auf den verzweifelnden Menschen, bzw. auf dessen ad absurdum zu führende, in Nacktheit aufzulösende «natürliche Gottes<pb xml:id="p770" ed="pga" break="no"/>verehrung» als auf seinen notwendigen Partner in der Offenbarung – und dem entsprechend den Menschen auf den ihm immerhin einsichtig zu machenden Standpunkt der <term type="sachen" key="Verzweiflung">Verzweifeltheit</term> oder Nacktheit gegenüber der <term type="sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> <hi rend="italic">festlegen</hi> möchte. Diese Systematik und Methode müsste ich doch in dem gleichen Sinn als «natürliche», d. h. glaubensfremde <term type="sachen" key="Theologie, natürliche">Theologie</term> bezeichnen und ablehnen wie die des «kleinen Mannes», von der ich die <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisners</persName> im Einzelnen gerne ehrenvoll unterscheide. Ich kann (er soll es mir nicht zürnen) hinsichtlich seines Verhältnisses zu der Lehre der «kleinen Leute» doch nicht umhin, an <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.43 Mt.12.44">Matth. 12,43f.</ref> zu denken. Und weil er mich danach fragt, wo denn bei ihm nach meiner Meinung der «Trugschluß» sitze,<note xml:id="n57"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 401.</bibl> </note> so kann ich, alles Gesagte zusammenfassend, nur antworten: ich sehe ihn eben darin, dass auch er sich nicht mit dem Hinweis auf die Auferstehung Jesu <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Christi</term> und auf die Ausgießung des Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> zufrieden geben will.</p>

				<p rend="center">2.</p>
				<p><persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> wird nun schon wissen, dass ich ihn, da er mich denn danach fragt, auch hinsichtlich der «Möglichkeit einer Deutung der Geschichte vom Evangelium bzw. vom Kreuz her»<note xml:id="n58"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> </note> eher in den Augenblicken bestärken und bestätigen möchte, in denen er an der Legitimität dieser Sache irre, als in den anderen, in denen er ihrer sicher ist.<note xml:id="n59">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318">a.a.O., S. 402</bibl>: «Ich bekenne offen, daß ich in manchen Augenblicken vollkommen sicher bin, mit der skizzierten Geschichtserklärung legitime exegetische Arbeit zu leisten, daß ich aber in manchen anderen Augenblicken an dieser Legitimität doch wieder irre werde und mich selbst eines geheimen Götzendienstes unter der Fahne des Evangeliums und der scheinbaren Schriftgemäßheit verdächtige.» </note> Ich kann nämlich nicht einsehen, dass und inwiefern es da mit rechten Dingen zugehen soll, wo das «Wort vom <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Wort vom Kreuz">Kreuz»</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.18">1.Kor 1,18</ref>] sich in der Kirche, die es hört und glaubt, auf einmal in ein Prinzip und also in ein Instrument verwandeln soll, mittels dessen sie der <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> nun nicht nur ganz ordentlich, sondern geradezu außerordentlich Herr und Meister zu werden vermöchte. Ich erwarte weniger und ich erwarte mehr von diesem Hören und Glauben. – <pb xml:id="p771" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> möchte mich nicht missverstehen: Ich bin kein Spielverderber; ich möchte dem Seher, dem Dichter, dem Philosophen, dem gewisse Erkenntnisse und Sätze des biblischen Offenbarungs<pb n="62" ed="A" break="no"/>zeugnisses in bestimmter Interpretation zu einem ernst und freudig aufgenommenen Bestandteil seines eigenen Denkens, seiner eigenen Sprache geworden sind, dem sie vielleicht in besonderer Weise die Anregung und den Schwung gegeben haben zum Entwurf eines Welt- und Geschichtsbildes – ich möchte einem solchen Künstler nicht grämlich ins Wort fallen, um ihm sein Tun, seine Visionen, Konzeptionen und Konstruktionen (ich weiß nicht, aus welcher Vollmacht und Autorität) zu verleiden und zu verbieten. Es gehört ja zu der wahren Menschlichkeit der <term type="sachen" key="Offenbarung, Menschlichkeit">Offenbarung</term> und des biblischen Offenbarungszeugnisses und so auch des Wortes vom <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Wort vom Kreuz">Kreuz</term>, dass es auch ein wahrhaft bedeutsames Stück humanen Bildungsgutes und als solches wohl geeignet ist – sozusagen unverbindlich und unverantwortlich – unter anderem als Prinzip und Hebel humaner Welt- und <term type="sachen" key="Geschichte, Deutung">Geschichtsdeutung</term> verwendet zu werden. Mich interessiert aber bei dieser zweiten Frage die <hi rend="italic">Kirche</hi>. Mich interessiert die Frage, ob die Kirche dazu berufen und legitimiert ist, von dem «Wort vom Kreuz» diesen Gebrauch zu machen: die <term type="sachen" key="Kirche, Berufen zur Geschichtsdeutung?">Geschichte</term> «vom Kreuz her» zu «deuten». Diese und nur diese Frage ist es, die ich verneinen möchte. Ich stelle auch das nicht in Abrede, dass eine solche Geschichtsdeutung in concreto «gerechtfertigt» sein kann, wobei ich allerdings diese ihre mögliche Rechtfertigung nicht darauf begründen würde, dass «sie sich ja auf den Gekreuzigten richtet»,<note xml:id="n60"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl>: «Könnte eine solche Geschichtsdeutung […], da sie sich ja <hi rend="italic">auf den Gekreuzigten</hi> richtet, nicht doch gerechtfertigt sein, ebenso gerechtfertigt wie jene Bitte des rechten Schächers an den sterbenden Heiland, <hi rend="italic">seiner</hi> zu ­gedenken?» </note> sondern umgekehrt, dass es dem <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Gekreuzigten</term> durch keinen theologischen Zionswächter<note xml:id="n61">«Zionswächter» ist – in Umformung der biblischen Rede von den «Wächtern» Zions oder Jerusalems (vgl. etwa <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.52.8">Ps. 52,8</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.62.6">62,6</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Hes.3.17">Hes. 3,17</ref>) – im allgemeineren Sprachgebrauch eine despektierlich-spöttische Bezeichnung für ­einen (insbesondere religiösen) Eiferer oder strengen Bewahrer der ­Rechtgläubigkeit. </note> verwehrt sein kann, sich vielleicht nun doch auch einmal auf eine solche Geschichtsdeutung eines Sehers, Dichters oder Philosophen zu «rich<pb xml:id="p772" ed="pga" break="no"/>ten», d. h. richtige und dann gewiss auch von der Kirche zu hörende Auslegung und Verkündigung des Wortes vom Kreuz nun gerade in einer solchen <term type="sachen" key="Geschichte, Deutung">Geschichtsdeutung</term> Ereignis werden zu lassen. Aber etwas Anderes ist das, was bei <hi rend="italic">Gott selbst</hi> jederzeit und überall <hi rend="italic">möglich</hi> ist, etwas Anderes ist das, was Gott seiner <hi rend="italic">Kirche aufgetragen</hi> hat. Und nun wird mir <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> gewiss nicht unrecht geben, wenn ich der <term type="sachen" key="Theologie, und Kirche">Theologie</term> allerdings die beschränkte, aber bestimmte Aufgabe zugewiesen sehe, die Aufmerksamkeit der Kirche – ohne die Fülle der göttlichen Möglichkeiten zu leugnen oder zu ignorieren – immer wieder auf den ihr gewordenen <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Auftrag</term> hinzulenken. Dann wird er es aber auch verstehen, wenn ich ihm <pb n="63" ed="A"/> entgegenhalte, dass eine Sache, obwohl sie der Möglichkeit ihrer göttlichen «Rechtfertigung» in keiner Weise entzogen ist, darum doch noch nicht eine der Kirche <hi rend="italic">gebotene</hi> oder auch nur <hi rend="italic">erlaubte</hi> Sache sein muss. Kann der sich selbst suchende Mensch <term type="sachen" key="Rechtfertigung">«gerechtfertigt»</term> sein, so lautet der Auftrag der Kirche darum doch nicht dahin, dass der Mensch auch in ihr getrost sich selbst suchen solle. Und wenn wir nun eine solche <term type="sachen" key="Kirche, Berufen zur Geschichtsdeutung?">Geschichtsdeutung</term> «vom Kreuz her» schließlich doch nur als einen Versuch des Menschen, sich selbst zu suchen, verstehen könnten, dann wäre damit – der Möglichkeit einer göttlichen Rechtfertigung unbeschadet – gesagt, dass wir sie als Auftrag der Kirche jedenfalls <hi rend="italic">nicht</hi> verstehen könnten.</p>
				<p>Gewiss fällt damit «ein Licht auf den wahren Charakter der irdischen Geschichte, daß der in sie eingegangene Logos am Kreuz sterben mußte»<note xml:id="n62"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 401</bibl>; s. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p755#p755">S. 755</ref>. </note>. Aber genügt es nun eigentlich nicht, wenn diese Belichtung faktisch <hi rend="italic">geschieht</hi>, weil der am <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> Gestorbene in derselben irdischen <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> auferstanden <hi rend="italic">ist</hi> und den Seinigen seinen Geist gegeben <hi rend="italic">hat</hi>? Genügt es nicht, wenn die Kirche jeder Generation und jedem einzelnen Genossen dieser irdischen Geschichte Christus selbst, seinen Tod, seine <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> und die Gabe des Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geistes</term> verkündigt? Genügt es nicht, zu sagen und zu hören, dass Christus die Wende der Äonen ist, dass <hi rend="italic">diese</hi> <term type="sachen" key="Welt, vergehende">Welt</term>
					<hi rend="italic">vergeht</hi> und <hi rend="italic">sein</hi> <term type="sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> <hi rend="italic">kommt</hi>?<note xml:id="n63">Vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Did.10.6">Did. 10,6</ref> (zur Wiedergabe <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-312">O.Br. 1945–1968, <ref type="pub-" target="../volume/15/p101#fn_n24">S. 101, Anm. 24</ref></bibl>); <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>. Auch <bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Kirche</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>), S. 146</bibl> (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bezieht sich in den folgenden Absätzen auch auf dieses Buch), hält fest, dass diese Welt zu vergehen bestimmt sei. Ihr «Sinn» falle «mit ihrem Ende» (<bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 147</bibl>) zusammen, und dieses Ende sei «die Vorbedingung des verheißnen Reiches» (<bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 180</bibl>). </note> Ich sehe zunächst nicht ein, welchen Zuwachs an <pb xml:id="p773" ed="pga"/> heilsnotwendiger Erkenntnis es uns bringen könnte, wenn wir darüber hinaus die Belichtung der irdischen Geschichte als solche feststellen, die Grenzscheide der Äonen, das Vergehen dieser Welt und das Kommen des Reiches Christi sozusagen geistesgeschichtlich aufweisen könnten. Wären wir mit Hilfe solcher Schau auch nur von ferne besser dran im Leben und im Sterben? Oder könnten wir gar sagen, dass sie zu unserem einigen Trost im Leben und im Sterben<note xml:id="n64">Vgl. Heidelberger <term type="sachen" key="Katechismus, Heidelberger">Katechismus</term>, Frage 1 (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK, S. 682,20</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-440">BefBS 2/2, S. 175,32</bibl>). </note> irgendwie notwendig mit hinzugehöre? Sollte «legitime exegetische Arbeit»<note xml:id="n65">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n59">Anm. 59</ref>. </note> an dem <hi rend="italic">Hinweis</hi> auf das faktische Geschehen jener Belichtung nicht wirklich genug haben? Muss sie es auch noch <hi rend="italic">explizieren</hi> wollen?</p>
				<p>Es dürfte aber darum geraten sein, sich an diesem faktischen Geschehen bzw. an dem <hi rend="italic">Zeugnis</hi> von dem Licht selbst genügen zu lassen, weil wir uns dabei auf dem festen Grunde des pro<pb n="64" ed="A" break="no"/>phetisch-apostolischen <term type="sachen" key="Zeugnis, prophetisch-apostolisches">Zeugnisses</term> bewegen, weil man der im Tode <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> geschehenen, in seiner <term type="sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> offenbarten <term type="sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term> der Welt mit Gott im <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term> gewiss sein kann, während nicht recht abzusehen ist, ob und inwiefern dies nun auch von einer «Weltsinndeutung» vom Kreuze her, von einer philosophia crucis<note n="3)" type="orig" xml:id="n_s3"><bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName>, Die Kirche des Kreuzes und das deutsche Schicksal, 1934, S. 160.</bibl></note> gesagt werden könnte.<note xml:id="n66"><bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Kirche</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>), S. 160</bibl>: «Im Blick auf das Kreuz und im Glauben an das Offenbarungswort kommen wir zur wahren Weltsinndeutung. Es gibt demnach eine christliche Philosophie als <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">philosophia crucis</foreign></hi>, und diese Philosophie verdient tatsächlich den Namen einer <hi rend="italic"><foreign xml:lang="lat">ancilla theologiae</foreign></hi>.» </note> Woher wissen wir z. B., dass die «Geschichte, in der Gott stirbt», sich nun gerade darin als «Weg in den Abgrund»<note xml:id="n67"><bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 401. </bibl></note> offenbart, dass die «natürlichen Kräfte des Menschen … in ständigem und unaufhaltsamem Abnehmen begriffen sind»?<note xml:id="n68"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">Ebd.</bibl> (dort: «<hi rend="italic">natürlichen</hi>»). </note> Woher wissen wir, dass die <term type="sachen" key="Offenbarung, Offenbarungsgeschichte">Offenbarungsgeschichte</term> nun wirklich geradezu die «Geschichte des Wechsels <pb xml:id="p774" ed="pga"/> der Anknüpfungspunkte» ist?<note xml:id="n69"><bibl corresp="kbga-bibls-3318">A.a.O., S. 402</bibl> (dort hervorgehoben). </note> Woher von jener vom archaischen zum antiken <term type="sachen" key="Altertum">Altertum</term> fortschreitenden religiösen Dekadenz?<note xml:id="n70">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318">a.a.O. S. 401</bibl>: «Besteht nicht ein deutlich wahrnehmbarer qualitativer Unterschied zwischen dem Heidentum der archaischen Zeit, das seine Götter zwar als Volksgötter, aber immerhin noch als übermenschliche Wesen verstand, und jenem der Antike, das Göttlichkeit und Menschlichkeit so sehr einander annäherte, daß schließlich der leibliche Caesar selbst als Gott verehrt wurde?» </note> Woher von jenem dialektischen Verhältnis von <term type="sachen" key="Christentum, östliches">östlichem</term> und <term type="sachen" key="Christentum, westliches">westlichem</term> Christentum, von petrinischer, paulinischer und johanneischer Kirche, mit dem sich <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> geistvoll genug beschäftigt hat,<note xml:id="n71">Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Kirche</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>), bes. S. 113–180</bibl>. </note> oder von dem wiederum sehr dialektisch zu verstehenden Schicksal des deutschen <term type="sachen" key="Volk, deutsches">Volkes</term> als des Volkes der Mitte in seiner eigentümlichen Beziehung etwa zum <term type="sachen" key="Juden / Judentum">Judentum</term>, in dessen Aufweis <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> Anschauungen gipfeln?<note xml:id="n72">Im letzten Kapitel von <bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Kirche</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>)</bibl>, auf das die Ausführungen dieses Buches zulaufen, behandelt <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> auch das Verhältnis von Judentum und Deutschtum (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 194–208</bibl>). Zum Verständnis des deutschen Volkes als Volk der Mitte vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 114. 187.</bibl> </note> Ich will ja gerne unterstellen, dass sich für die Wahrheit dieser aus dem Wort vom <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Wort vom Kreuz">Kreuz</term> gefolgerten Bilder Vieles sagen lässt, ja, dass sie als christliche Dichtungen ihren hohen erbaulichen Wert haben mögen. Nur dass man faktisch das Textbuch der <term type="sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term> doch auch ganz anders lesen kann, ohne dass man demgegenüber für die Deutung «vom Kreuze her» mit der Notwendigkeit und Gewissheit des <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, Gewissheit">Glaubens</term> eintreten könnte. Denn die entscheidenden konkreten Elemente auch dieser Deutung beruhen doch wohl auf Feststellungen, die als solche auch nicht «vom Kreuze her», sondern auf dem üblichen Weg <term type="sachen" key="Geschichtswissenschaft">historischer</term> Beobachtung und <term type="sachen" key="Philosophie">philosophischer</term> Überlegung gewonnen sind. Auch in dieser Deutung hat doch wohl der Mensch im Makrokosmus der «irdischen <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte»</term> in der Tat sich selbst gesucht und gefunden. Man kann über diese Deutungen wohl positive oder auch kritische Meinungen haben; man kann Diskussionen darüber führen. Man kann aber <pb n="65" ed="A"/> nicht lehren, verkündigen, gebieten, strafen, trösten auf Grund dieser Deutungen. Wer das tun wollte, dem würden sie als Rohrstäbe durch die Hand gehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.36.6">Jes. 36,6</ref>]. Er müsste gewahr werden, dass er sich mitten in <pb xml:id="p775" ed="pga"/> <hi rend="italic">dem</hi> Streit befindet, den die verschiedenen Götterbilder von jeher unter sich geführt haben. Für <hi rend="italic">diesen</hi> Streit ist die christliche Kirche nicht der Ort. Aber wenn sie es nicht werden will, dann soll sie überhaupt von den Deutungen, d. h. von den <term type="sachen" key="Bilder">Bildern</term> lassen. Auch und gerade von den Bildern des Gekreuzigten wäre jetzt konkret zu sagen: «Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.5">Ex. 20,5</ref>]</p>
				<p> Das Anliegen solcher «Weltsinndeutung» kann man wohl verstehen. Sie möchte offenbar vorstoßen zum Schauen Gottes von Angesicht zu Angesicht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1.Kor 13,12</ref>]. Sie möchte den Schleier zerreißen, unter dessen Hülle wir jetzt und hier unsere Zeit, die Zeit der «irdischen Geschichte» nicht zu verstehen vermögen als die Zeit vor und nach Christus, auf die Gott seine Hand gelegt hat. Sie möchte, indem sie das Symbol des <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzes</term> sichtbar macht als den Rand aller irdischen Geschichte, die Herrschaft Gottes über diese wenigstens indirekt kenntlich machen. Nicht umsonst verkündigt <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName> – nicht als Erster! – jene dritte, die johanneische Kirche jenseits des Gegensatzes von Schauen und Nicht-Schauen.<note xml:id="n73">Vgl. bes. <bibl corresp="kbga-bibls-6972">a.a.O., S. 140–180. 217.</bibl> – Zu dem Gedanken der johanneischen Kirche zitiert <bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, a.a.O., S. 166</bibl>, selbst <persName ref="kbga-actors-356">Friedrich W. J. Schelling</persName>: «Das ist die wahre Kirche, die <hi rend="italic">von</hi> dem durch Petrus gelegten Grund <hi rend="italic">durch</hi> <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in das Ende geht, welches die Kirche des hl. Johannes sein wird» (<bibl corresp="kbga-bibls-6978"><persName ref="kbga-actors-356">Fr. W. J. Schelling</persName>, <hi rend="italic">Philosophie der Offenbarung</hi>, Bd. 2, unveränderter reprografischer Nachdruck der aus dem handschriftlichen Nachlaß herausgegebenen Ausgabe von 1858 [Ausgewählte Werke], Darmstadt 1983, S. 310</bibl>). <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> grenzt sich von Schelling dabei jedoch insofern ab, als dieser «das johanneische Christentum als Endergebnis eines <hi rend="italic">positiv</hi> verlaufenden Bewußtseinsprozesses» verstehe (<bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, ebd.</bibl>). </note> Aber weiß er denn, welchen Anspruch er erhebt, wenn er sozusagen als Glied und Priester dieser johanneischen Kirche und also wirklich «vom Kreuze her» über die Geschichte meint denken und reden zu können? Befindet er sich in dieser Eigenschaft und Funktion noch mit uns Anderen in der Zeit zwischen <term type="sachen" key="Jesus Christus, Himmelfahrt">Himmelfahrt</term> und <term type="sachen" key="Jesus Christus, Wiederkunft">Wiederkunft</term>? Oder ist es nicht bereits das vollkommene Reich <term type="sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, das da als Betrachtungsort vorweg bezogen ist? 
					<q rend="block"><lg>
					<l><hi rend="italic">Dann</hi> werd ich das im Licht erkennen,</l>
					<l>Was ich auf Erden dunkel sah,</l>
					<l>Das wunderbar und heilig nennen,</l> <pb xml:id="p776" ed="pga"/>
					<l>Was unerforschlich hier geschah;</l>
					<l><hi rend="italic">Da</hi> denkt mein Geist mit Preis und Dank</l>
					<l>Die Schickung im Zusammenhang.<note xml:id="n74">Strophe 7 des Liedes <bibl type="song" corresp="kbga-songs-343">«Trost des ewigen Lebens» von <persName ref="kbga-actors-1000"><persName ref="kbga-actors-1000">Chr. F. Gellert</persName></persName></bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-6979">ders., <hi rend="italic">Gesammelte Schriften</hi>, Bd. 2: <hi rend="italic">Gedichte, Geistliche Oden und Lieder</hi>, hrsg. von H. John / C. Lehnen / B. Witte, Berlin / New York 1997, S. 189–191, dort S. 190</bibl>). Im Original lautet das erste Wort der Strophe: «Da». </note></l>
					</lg></q></p>
				<p><hi rend="italic">Dann</hi> und <hi rend="italic">da</hi>! Kann man das vorwegnehmen, weil man die Fülle der zeitlichen <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> allerdings zu dialektischen Gegensatzreihen ordnen und weil man solche dialektischen Gegensätze allerdings nachher dialektisch überbrücken kann? Ich denke, <pb n="66" ed="A"/> dass es eine legitime Möglichkeit dazu im Gefühl, im Spiel, in der <term type="sachen" key="Kunst">Kunst</term>, in der Tat wohl gibt und geben darf. Ich denke aber auch, dass die zwischen <term type="sachen" key="Jesus Christus, Himmelfahrt">Himmelfahrt</term> und <term type="sachen" key="Jesus Christus, Wiederkunft">Wiederkunft</term> <term type="sachen" key="Kirche wandernde">wandernde</term>, <term type="sachen" key="Kirche, streitende">streitende</term> und wartende Kirche<note xml:id="n75">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Interpretation des Verhältnisses von «ecclesia triumphans» und «ecclesia militans» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-401">Unterricht III, <ref type="pub-" target="../volume/38/p353#p353">S. 353</ref></bibl>: «Die eine Kirche […] ist ‹ecclesia triumphans›, Gemeinschaft der der Auferstehung wartenden Toten in Abrahams Schoß, und ‹ecclesia militans›, Gemeinschaft der im Glauben und Gehorsam hier und jetzt Wandernden […]», und <bibl corresp="kbga-bibls-401">a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/38/p371#p371">S. 371</ref></bibl>: «Es muß Ernst gelten mit dem Wort von der ecclesia militans, in dem Sinn Ernst, daß jedes ihrer Glieder in die militia, in den Streit, der hier zu führen ist, verwickelt und nicht wieder daraus entlassen wird.» Zur Lehre von der «ecclesia militans» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6479"><persName ref="kbga-actors-1222">H. Schmid</persName>, <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche, dargestellt und aus den Quellen belegt</hi>, Frankfurt/Main / Erlangen 1858<hi rend="sup">4</hi>, S. 437. 441</bibl> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1616">Neuausgabe H. G. Pöhlmann, Gütersloh 1979, S. 368. 371</bibl>); <bibl corresp="kbga-bibls-2264"><persName ref="kbga-actors-1038">H. Heppe</persName>, <hi rend="italic">Die Dogmatik der evangelisch-reformirten Kirche, dargestellt und aus den Quellen belegt (Schriften zur reformirten Theologie</hi>, Bd. 2), Elberfeld 1861, S. 479f. 490f.</bibl> (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6980">Neuausgabe E. Bizer, Neukirchen 1958<hi rend="sup">2</hi>, S. 526f. 537</bibl>). Das Attribut «wandernd» nimmt die Vorstellung vom wandernden Gottesvolk (civitas Dei peregrinans) auf; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-432"><persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, <hi rend="italic">De civitate Dei</hi> I,35</bibl>. Die Rede von der «wartenden Kirche» ist nicht in vergleichbarer Weise vorgeprägt. </note> sich jedesmal einer unerlaubten und gefährlichen Illusion hingibt, wenn sie wieder einmal von diesem vorweg bezogenen Ort aus denken und reden zu können meint. Im Geiste anfangend haben solche Vorwegnahmen noch immer im Fleische, d. h. in irgend einer neuen Verweltlichung der <term type="sachen" key="Kirche, Verweltlichung">Kirche</term> geendigt. Im Geiste, d. h. als Verheißung verstanden und aufgenommen dürfte dieses Anliegen allein im <hi rend="italic">Glauben</hi> und in der <hi rend="italic">Hoffnung</hi> seiner Erfüllung warten.</p>
				<p><pb xml:id="p777" ed="pga" rend="noPipe"/> «Weltsinndeutung» und Bildkunst jeder Art ist ein Werk, das der Welt wohl ansteht und dem wir uns darum zweifellos <hi rend="italic">alle alltäglich</hi> unter Gottes Zulassung, <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Geduld</term> und Leitung mit Lust hingeben! Wir träumen dauernd, und wohl uns, dass es immer wieder einige unter uns gibt, die besondere Fähigkeit zu besonderen Träumen haben. Nochmals: ich bin kein Spielverderber. Ich streite nur gegen die Träume, die sich als Weissagung gebärden wollten. Ich streite in dem Sinn und in der Meinung auch gegen eine sozusagen rückwärtsgewandte, «von Christus» bzw. «vom Kreuz <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">her»</term> getriebene «natürliche <term type="sachen" key="Theologie, natürliche">Theologie»</term> der «Weltsinndeutung»: dass ich dafür eintreten möchte, dass wir die Ausrichtung des Auftrags der Kirche mit der Befriedigung jener Lust unverworren lassen sollten. Die ernste Erkenntnis und Predigt des Glaubens an den auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> Gekreuzigten, d. h. an den ein für allemal für uns dahin gegebenen Sohn <term type="sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes</term>, darf unter keinen Umständen durch das feierliche Spiel mit dem Kreuz als dem «unvergänglichen Symbol der Gesamtgeschichte» <note n="4)" type="orig" xml:id="n_s4"> <bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisner</persName>, a.a.O. S. 148.</bibl></note><note xml:id="n76">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-6972"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Kirche</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>), S. 148</bibl>: «So wächst das Kreuz wie ein unvergängliches Symbol der Gesamtgeschichte bis an den Himmel hinauf und bleibt sichtbar von jedem Punkt der Jahrtausende langen Zeitstrecke aus.» </note> verdrängt oder auch nur ergänzt werden. Wenn es auch <persName ref="kbga-actors-2482">Erwin Reisners</persName> Meinung nicht ist, dass dies geschehen solle oder dürfe, dann kann ich gut und gerne darauf verzichten, das, was auf dem Grunde seiner <term type="sachen" key="Geschichte, Deutung">Geschichtsdeutung</term> «schlummert», als «Hybris» zu perhorreszieren.<note xml:id="n77">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3318"><persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName>, <hi rend="italic">Fragen</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n04">Anm. 4</ref>), S. 402</bibl>: «Ich frage nun: Schlummert auch auf dem Grunde dieser ‹Geschichtsdeutung› irgendwo verborgen die menschliche Hybris?» <persName ref="kbga-actors-2482">Reisner</persName> spielt hier auf Aussagen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p514#p514">S. 514f.</ref> </note> Warum sollte es nicht sachlich und zugleich freundlich als die wohlbekannte «Poiesis»<note xml:id="n78">«Poiesis» ist der zentrale Begriff in <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Novalis-Interpretation (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol., S. 303–342</bibl>). Die «Poiesis, die schöpferische Innerlichkeit des Menschen» (S. 319), sah er auch als Schlüssel zu der Geschichtsphilosophie an, die Novalis 1799 in <bibl corresp="kbga-bibls-6981"><hi rend="italic">Die «Christenheit» oder «Europa»</hi> (<hi rend="italic">Novalis› ausgewählte Werke in drei Bänden</hi>, hrsg. und mit Einleitungen versehen von W. Bölsche, 3 Bd.e [in 1], Leipzig [1908], S. 119–136)</bibl> entfaltete. Die Verwendung des Begriffs an dieser Stelle legt nahe, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die «Weltsinndeutung» <persName ref="kbga-actors-2482">Reisners</persName> in einer engen Verwandtschaft mit dem Denkstil Novalis’ sah. </note> zu bezeichnen sein?</p>
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	</text>
</TEI>
