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        <title type="volume" n="vol-52">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
        <title type="content">Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland, 1935</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/52040 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935, hrsg. v. Beintker, Michael / Hüttenhoff, Michael / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2017, S. 790–804.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
          <title type="text">Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Beintker, Michael</editor>
          <editor>Hüttenhoff, Michael</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2017</date>
          <biblScope unit="page">790-804</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland, in: Zwingli-Kalender Jg. 18 (1936), S. 73–76 </bibl>
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			<head>Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland</head>
			<head type="sub">
				<date>1935</date>
			</head>
			<div type="abstract">
			<p>
				<hi rend="italic">Diesen Artikel schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf Bitten von <persName ref="kbga-actors-1755">Adolf Maurer</persName></hi><note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-1755">Adolf Maurer</persName> (1883–1976), seit 1929 Pfarrer in Wiedikon (Kt. <placeName ref="kbga-places-235">Zürich</placeName>), 1919–1968 Herausgeber und Redaktor des «Zwingli-Kalenders», 1921–1960 auch des «Kirchenboten für den Kanton <placeName ref="kbga-places-235">Zürich</placeName>», 1926–1947 Mitglied der Kirchensynode in der religiös-sozialen Fraktion; 1933 wurde <persName ref="kbga-actors-1755">Maurer</persName> ein Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät Zürich durch den Regierungsrat aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Vereinigung antimilitaristischer Pfarrer verweigert. </note>
				<hi rend="italic">, der gemeinsam mit anderen Pfarrern aus dem Kanton <placeName ref="kbga-places-235">Zürich</placeName> den «Zwingli-Kalender»</hi><note xml:id="n02">Der <term type="sachen" key="Zwingli-Kalender">«Zwingli-Kalender»</term> erschien erstmals für das Jahr 1919 zum 400jährigen Gedächtnis von <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> Amtsantritt in Zürich, der vielfach als Beginn der schweizerischen <term type="sachen" key="Reformation">Reformation</term> betrachtet wird. In einer Anzeige zum erstmaligen Erscheinen heißt es über die Ausrichtung des Kalenders: «Er will Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges miteinander verbinden, möchte dazu aufrufen, daß man dem Christus sein Recht auch in unserer Zeit gibt. Er ist darum kein Unterhaltungskalender, auch nicht einfach ein religiöser Erbauungskalender, er packt vielmehr die großen Fragen unserer Zeit unerschrocken an und möchte den Sinn wecken für Wahrheit und Recht. Er wendet sich an die ernsthaften Leute im Volk und hofft bei ihnen auf eine gute Aufnahme in Stadt und Land. […] Sämtliche Artikel sind Originalbeiträge, wie auch alle Illustrationen extra für diesen Kalender gezeichnet wurden. Der Zwingli-Kalender ist so vielleicht der einzige Volkskalender in der Schweiz, der nur Eigenes bringt» (<bibl corresp="kbga-bibls-6672">Die Schweiz. Illustrierte Monatsschrift, Jg. 22 [1918], S. 584</bibl>). Der Kalender erschien laut eigener Angabe (Briefkopf 1936; z. B. <ref type="kba-objects-id" target="28390">KBA 9336.245</ref>) in einer Auflage von 50 000 Exemplaren. </note>
				<hi rend="italic"> herausgab und als dessen Redaktor tätig war. Es handelt sich um den ersten einer Reihe solcher Artikel, mit denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bis zum Ausbruch des Zweiten <term type="sachen" key="Zweiter Weltkrieg">Weltkriegs</term> den Lesern des Kalenders seine Sicht auf die Ereignisse des <term type="sachen" key="Kirchenkampf">Kirchenkampfes</term> vermittelte.</hi><note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1997"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die deutsche Bekenntniskirche 1935/36</hi>, in: Zwingli-Kalender, Jg. 19 (1937), S. 67–69</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-235">ders., <hi rend="italic">Die deutsche Bekenntniskirche 1936/37</hi>, in: Zwingli-Kalender, Jg. 20 (1938), S. 36–39</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-857">ders., <hi rend="italic">Die deutsche Bekenntniskirche 1937/38</hi>, in: Zwingli-Kalender, Jg. 21 (1939), S. 61–63</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-858">ders., <hi rend="italic">Die Bekennende Kirche in Deutschland im Jahre 1938/39</hi>, in: Zwingli-Kalender, Jg. 22 (1940), S. 65–68.</bibl> </note>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-1755">Maurer</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> am
<date when="1935-04-29">29. April 1935</date> brieflich gefragt: «Wollen Sie und können Sie nicht unserm Zwinglikalender 1936 einen Aufsatz <pb xml:id="p791" ed="pga"/> schreiben von 3–4–5 Druckseiten über ein Thema, das Ihnen gerade für uns Schweizer besonders aktuell erscheint und mit dem, was Ihres Lehramtes ist, zu tun hat?» Er gab zwar seiner Vorliebe für «ein biblisches Wort, etwa über: Was heisst Christus bekennen?» Ausdruck, fügte aber sogleich hinzu: «Aber ich bin auch mit etwas anderem einverstanden.»</hi><note xml:id="n04">Brief <persName ref="kbga-actors-1755">A. Maurers</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
	<date when="1935-04-29">29.4.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26226">KBA 9335.423</ref>). </note>
				<hi rend="italic"> Zum Ort der Publikation teilte <persName ref="kbga-actors-1755">Maurer</persName> mit: «wir versuchen […], via Kalendermanier und volkstümlicher Belehrung und Unterhaltung unseren Lesern etwas von dem zu sagen, was auf und unter der Kanzel unseres Amtes ist. Da Herr Pfr. <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> seit Jahren unser Mitarbeiter ist, wissen Sie wohl auch um die Richtung, in der wir reden und rufen möchten.»</hi><note xml:id="n05">Ebd. </note>
				<hi rend="italic"> <persName ref="kbga-actors-1755">Maurer</persName> schloss seinen Brief mit dem Hinweis auf die nur recht knappe Zeit, die bis zum Redaktionsschluss des Kalenders blieb: «Ich müsste allerdings bis Ende Mai oder Mitte Juni Ihren Beitrag haben.»</hi><note xml:id="n06">Ebd. </note>
			</p>
			<p>
				<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> muss schnell zugesagt und das vom Wunsch <persName ref="kbga-actors-1755">Maurers</persName> abweichende Thema benannt haben, denn schon wenige Tage später schrieb <persName ref="kbga-actors-1755">Maurer</persName> erneut: «Für Ihre Bereitwilligkeit vielen Dank. Natürlich bin ich mit diesem Thema einverstanden.»</hi><note xml:id="n07">Postkarte <persName ref="kbga-actors-1755">Maurers</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
					<date when="1935-05-03">3.5.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26245">KBA 9335.435</ref>). – Die Zusage <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> ist im KBA nicht erhalten. </note>
				<hi rend="italic"> Eine weitere Korrespondenz zu diesem Artikel ist nicht erhalten, und es finden sich auch keine anderen Hinweise, wann genau <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn geschrieben hat. Allein daraus, dass der Artikel im Kalender des Jahres <date when="1936">1936</date> erscheinen konnte, ist zu schließen, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ihn noch im Mai oder spätestens Anfang Juni <date when="1935">1935</date> geschrieben haben muss.</hi>
			</p>
			<p><hi rend="italic">Inhaltlich und vom Aufbau her stehen die Ausführungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> dem wenige Monate zuvor gehaltenen Vortrag </hi>Der Weg der Bekenntniskirche 1934<note xml:id="n08">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p680#p680">S. 680-696</ref>. </note><hi rend="italic"> sehr nahe, aber die Parallelen reichen im Wesentlichen nur bis zur Darstellung der Entwicklung hin zu den <orgName ref="kbga-actors-5393">Bekenntnissynoden von Barmen</orgName> im Januar und im <date when="1934-05">Mai 1934</date>. Konkrete Bezugnahmen auf die <orgName ref="kbga-actors-8260">Dahlemer Synode</orgName> und erst recht auf die Bildung der Vorläufigen <term type="sachen" key="Vorläufige Kirchenleitung">Kirchenleitung</term> in den darauffolgenden Wochen, wie sie im <pb xml:id="p792" ed="pga"/> Vortrag von Januar enthalten sind, fehlen hier. Vielleicht kann man im Verzicht auf eine erneut deutliche Kritik an diesen Ereignissen, ohne die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sie wohl nicht hätte erwähnen können, eine Rücksichtnahme darauf erkennen, dass dieser Artikel sich von vornherein an eine größere Öffentlichkeit wenden sollte. Möglich ist aber auch, dass schlicht die von <persName ref="kbga-actors-1755">A. Maurer</persName> vorgegebene Länge des Artikels der Grund für die im Vergleich zum Januar-Vortrag vorgenommene Kürzung war. Auf der anderen Seite finden sich in einigen eingestreuten Bemerkungen z. B. über die Nähe von <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> und <term type="sachen" key="Freidenker">Freidenkern</term> oder über die Rolle der «Religiösen <term type="sachen" key="Religiöse Sozialisten">Sozialisten»</term> im <term type="sachen" key="Kirchenkampf">Kirchenkampf</term>, die <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in seinen bisherigen vornehmlich an Deutsche adressierten Äußerungen weitgehend unterlassen hatte, erkennbare Reminiszenzen an die kirchliche Situation in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und dort interessierende Fragestellungen. So stellt der hier vorliegende Artikel nicht nur aufgrund des anderen Textgenres, sondern auch inhaltlich eine so deutliche Überarbeitung des im Januar Vorgetragenen dar, dass er als eigenständig zu gelten hat.</hi></p>
				<p><hi rend="italic">Der Artikel erschien erstmals in: <bibl corresp="kbga-bibls-1996">Zwingli-Kalender, Jg. 18 (1936), S. 73–76</bibl>; hierauf bezieht sich die angegebene Originalpaginierung. Ein Wiederabdruck erfolgte in: </hi><bibl corresp="kbga-bibls-6671">Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch<hi rend="italic"> (ThExh.NF 49), München 1956, S. 29–35</hi></bibl>. <hi rend="italic">Vorarbeiten sind nicht erhalten.</hi><note xml:id="n09">Von einer im KBA erhaltenen Kopie eines vierseitigen, engzeilig beschriebenen Typoskript-Durchschlags aus dem Besitz von <persName ref="kbga-actors-1913">Karl Gerhard Steck</persName> (<ref type="kba-objects-id" target="103">KBA 10093</ref>) kann nicht sicher entschieden werden, ob es sich dabei um einen Durchschlag des Original-Typoskripts handelt. Es ist auch möglich, dass vom schon gedruckten, in Deutschland aber schwer zugänglichen und – wie auch die übrigen, für die folgenden <term type="sachen" key="Zwingli-Kalender">Zwingli-Kalender</term> geschriebenen Darstellungen – «kaum je bekannt» gewordenen Text (<bibl corresp="kbga-bibls-6671"><hi rend="italic">Karl Barth zum Kirchenkampf</hi> [s. oben], S. 30, Anm. 18</bibl>) eine Abschrift angefertigt und in einigen Durchschlägen verteilt wurde. Das Typoskript weist abgesehen von dort, aber nicht im Druck enthaltenen Abkürzungen, nicht übernommenen Hervorhebungen und Unterschieden in der Schreibweise keine signifikanten Abweichungen vom Drucktext auf. </note><hi rend="italic"> Das zu den geschichtlichen Überblicken in </hi>Der Weg der Bekenntniskirche 1934<hi rend="italic"> Angemerkte gilt auch für diesen Text: Es werden nicht alle überblicksartig erwähnten Ereignisse der Jahre 1933/34, mit denen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich schon zuvor mehrfach intensiv befasst hat, erneut durch Fußnoten erläutert.</hi><note xml:id="n10">Verwiesen sei daher nochmals auf die oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p683#fn_n16">S. 683, Anm. 16</ref>, genannten Texte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>. </note></p>
		</div>
			<div>
				<pb xml:id="p793" ed="pga" rend="noPipe"/>
				<head>Bekennende Kirche im nationalsozialistischen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName></head>
				<p>Als der <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> im Frühjahr 1933 seine längst erhoffte oder gefürchtete Herrschaft in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> antrat,<note xml:id="n11">Die Angabe «Frühjahr 1933» deutet darauf hin, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> den eigentlichen Herrschaftsantritt des <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> nicht an <persName ref="kbga-actors-185">Hitlers</persName> Ernennung zum Reichskanzler am
<date when="1933-01-30">30. Januar 1933</date>, sondern eher an den Ereignissen des März 1933 festmacht: Neuwahl zum Reichstag am <date when="1933-03-05">5. März</date> (43,9% der Stimmen für die <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName>), der «Tag von Potsdam» am <date when="1933-03-21">21. März</date> als Synonym für das Bündnis von Nationalsozialisten und alten Eliten, das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich» (sog. «Ermächtigungsgesetz») vom <date when="1933-03-24">24. März</date>, mit dem der Reichstag einzig gegen die Stimmen der verbliebenen <term type="sachen" key="Sozialdemokratische Partei Deutschlands">Sozialdemokraten</term> (die 81 Mandate der Kommunistischen <term type="sachen" key="Kommunistische Partei Deutschlands">Partei</term> waren bereits am <date when="1933-03-08">8. März</date> aufgehoben worden) seine Befugnisse voll und ganz auf die Regierung übertrug und der Diktatur somit den Schein des Legalen verlieh. – Zwei Jahre zuvor sprach <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch in <bibl corresp="kbga-bibls-397"><hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi> (V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p271#p271">S. 271–363</ref>)</bibl> von der «im März geschehenen <term type="sachen" key="Revolution, nationalsozialistische">Revolution»</term> und dem «durch diese Revolution geschaffenen» Staat (<bibl corresp="kbga-bibls-397">a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p294#p294">S. 294</ref></bibl>). </note> da erwies er sich teils auf Grund der inneren und äußeren Lage des deutschen <term type="sachen" key="Volk, deutsches">Volkes</term> seit dem <term type="sachen" key="Erster Weltkrieg">Weltkrieg</term>, teils vermöge der propagandistischen Macht seiner Ideen, Symbole und Gestalten, teils kraft der ungewohnt energischen Regierungsmethoden, die er zur Anwendung brachte, alsbald als ein Allesbezwinger von bisher unerhörten Ausmaßen. Es gab sofort kein Lebensgebiet mehr, auf das er nicht Anspruch erhoben und auf dem er seinen Anspruch nicht rasch genug durchgesetzt hätte. Die politischen <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Parteien">Parteien</term>, das <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Wirtschaft">Wirtschaftsleben</term>, die <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Justiz">Rechtsprechung</term>, die <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Kunst">Kunst</term>, die <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Universitäten">Universitäten</term>, die Schule und <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Bildungssystem">Jugenderziehung</term> im weitesten Umfang, die <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Presse">Presse</term>, die öffentliche und private <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Sozialsystem">Fürsorge</term> – und unzählige Menschen, die man vorher für «Charaktere» gehalten hatte, haben sich seinen Forderungen gefügt, fügen müssen und fügen können.<note xml:id="n12">Zur im Frühjahr und Frühsommer 1933 vollzogenen umfassenden Umformung des gesamten deutschen öffentlichen Lebens im nationalsozialistischen Sinn vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-128">H.-U. Thamer, <hi rend="italic">Verführung und Gewalt. Deutschland 1933–1945</hi> (Die Deutschen und ihre Nation, Bd. 5), Berlin 1986, S. 282–309.</bibl> </note> Die ganze stolze Erbschaft des 18. und 19. Jahrhunderts erwies sich als nicht widerstandsfähig, offenbar darum nicht, weil sie nichts enthielt, was hier widerstehen <hi rend="italic">musste</hi> und also nicht weichen <hi rend="italic">konnte</hi>.<note xml:id="n13">Vgl. schon <bibl corresp="kbga-bibls-397"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>), <ref type="pub" target="../volume/49/p361#p361">S. 361</ref></bibl>: «Wo ist alles das hingekommen, was noch vor einem Jahr und vorher hundert Jahre lang <term type="sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, <term type="sachen" key="Recht">Recht</term> und <term type="sachen" key="Geist">Geist</term> hieß?» </note> <pb xml:id="p794" ed="pga"/> Wer hätte erwartet, dass ausgerechnet von der in der Neuzeit innerlich so schwach und äußerlich so bedeutungslos gewordenen evangelischen <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> etwas anderes zu sagen sein werde? Eben dies ist geschehen, spärlich, mühsam, unsicher, aber unleugbar: es kam gerade in der evangelischen Kirche zur Wiederentdeckung und zum offenen <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> einer christlichen Substanz, die sich, wie sie keiner weltlichen Macht unterworfen ist, so auch nicht nationalsozialistisch «gleichschalten»<note xml:id="n14">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p081#fn_n30">S. 81, Anm. 30</ref>. </note> ließ, um deretwillen die Leute also wohl oder übel gegen den Strom schwimmen mussten.</p>
				<p>Die Fragen, vor die die evangelische Kirche im Frühjahr 1933 sozusagen über Nacht gestellt war, waren diese:<note xml:id="n15">Zu den folgenden Fragen und ihrer Bejahung durch die <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> vgl. auch oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p091#p091">S. 91f.</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/52/p684#p684">S. 684</ref>. </note> Ob es wohl möglich sei, die plötzlich siegreich gewordenen und auf allen Gassen mit populärster Überredungskraft und doch auch mit höchster Autorität verkündigten Ideen des <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> (Blut, <term type="sachen" key="Rasse">Rasse</term>, <term type="sachen" key="Volk / Volkstum">Volkstum</term>, Boden, <term type="sachen" key="Führer / Führertum">Führung</term> usw.) sozusagen in den christlichen <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, christlicher">Glauben</term> aufzunehmen und also auch für Predigt, Unterricht und Ordnung der Kirche maßgebend werden zu lassen? Ob man das Ereignis der nationalsozialistischen <term type="sachen" key="Revolution, nationalsozialistische">Revolution</term> als eine Art zweiter <term type="sachen" key="Offenbarung, zweite Quell der O.">Offenbarung</term> neben dem <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> von Christus oder doch als dessen Fortsetzung und zeitgemäße Form zu betrachten und zu ehren habe? Ob es neben Gott oder doch als das heute für uns gültige Werk seines <term type="sachen" key="Wille Gottes">Willens</term> wirklich auch noch ein «ewiges <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>»<note xml:id="n16">Unter dem Titel <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-6673">Ewiges Deutschland</bibl></hi> veröffentlichte der 1934 mit dem Leipziger Dichterpreis ausgezeichnete <persName ref="kbga-actors-10865">Wolfram Brockmeier</persName> (1903–1945) im selben Jahr in Leipzig einen Gedichtband, in dem er den «Führer» und das nationalsozialistische <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> feierte. Von diesem Band erschienen noch 1934 mehrere Auflagen. Unter demselben Titel, der im nationalsozialistischen Sprachgebrauch auch sonst schlagwortartig Verwendung fand, erschienen aber z. B. auch: <bibl corresp="kbga-bibls-6718"><persName ref="kbga-actors-10868">K. Maßmann</persName>, <hi rend="italic">Ewiges Deutschland. Hymnen der jungen Nation</hi>, Breslau 1934</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6719"><hi rend="italic">Ewiges Deutschland: Deutsches Schrifttum aus 15 Jahrhunderten</hi>, [hrsg. von der] Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums / Preußische Staatsbibliothek, Berlin 1934.</bibl> </note> gebe? Neben dem Gebot <term type="sachen" key="Gebot / Gebote, Gottes">Gottes</term> oder in ihm enthalten auch noch die Stimme des arischen <term type="sachen" key="Blut">Blutes</term> <pb xml:id="p795" ed="pga"/> bzw. das Gebot <persName ref="kbga-actors-185">Adolf Hitlers</persName>? Ob auch sie, die Kirche, hinfort von «Bischöfen» als von kleinen «Führern» autoritativ und militärisch <term type="sachen" key="Führer / Führertum, in der Kirche">regiert</term> werden solle?<note xml:id="n17">Den Zusammenhang von Bischofsfrage und Führertum in der Kirche thematisierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ausführlich in <bibl corresp="kbga-bibls-397"><hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>), <ref type="pub" target="../volume/49/p302#p302">S. 302–320</ref>.</bibl> </note> Ob dem Staat wirklich zukomme, «totalen»<note xml:id="n18">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p081#fn_n29">S. 81, Anm. 29</ref>. </note> Anspruch auf das Leben der Menschen zu erheben, der <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Kirche</term> aber nur das Recht und die Pflicht, eben diesen Anspruch als göttlichen Anspruch zu wiederholen, zu verherrlichen und die Menschen mit ihm zu versöhnen und vertraut zu machen?</p>
				<p> Wer sich schon über diese Fragen verwundern sollte, der möge bedenken, wie wenig es die evangelische <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> in den ganzen letzten Jahrhunderten verstanden hat, auf eigenen Füßen zu gehen, fremde Zeitgeister sich vom Leibe zu halten, ihr Licht auf den Leuchter statt unter irgendeinen Scheffel zu stellen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15">Mt. 5,15</ref>]. So war es denn auch nicht zu verwundern, dass in der deutschen evangelischen <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, evangelische Kirche">Kirche</term> unter dem mächtigen Eindruck der neuen Lage von 1933 alsbald eine Richtung – sie nannte sich «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen»</orgName> – auftrat und zunächst siegreich wurde, die alle jene Fragen nicht nur getrost, sondern mit größter Begeisterung bejahen zu können meinte, Christus <hi rend="italic">und</hi> <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName>, die <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> <hi rend="italic">und</hi> die herrliche Gegenwart! Kreuz <hi rend="italic">und</hi> <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, und Hakenkreuz">Hakenkreuz</term>! In diesem Zeichen gedachte die «<orgName ref="kbga-actors-8360">S.A.</orgName> (Sturm-Abteilung) Jesu Christi!»<note xml:id="n19">In Aufnahme der Bezeichnung der paramilitärischen Kampftruppe der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName>, der «<orgName ref="kbga-actors-8360">Sturm-Abteilung</orgName>» (SA), hieß es in: <bibl corresp="kbga-bibls-6720"><persName ref="kbga-actors-6438">J. Hossenfelder</persName> / <persName ref="kbga-actors-10290">K. Themel</persName>, <hi rend="italic">Die soziale Botschaft der «Deutschen Christen»</hi>, in: J. Hossenfelder, <hi rend="italic">Unser Kampf</hi> (Schriftenreihe der Glaubensbewegung «Deutsche Christen», Heft 1), Berlin 1933, S. 25–31, dort S. 25</bibl>: «Die <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> sind die <orgName ref="kbga-actors-8360">SA</orgName> Jesu Christi im Kampf zur Vernichtung der leiblichen, sozialen und geistlichen Not.» </note> zu siegen<note xml:id="n20">Nach <bibl corresp="kbga-bibls-1408"><persName ref="kbga-actors-4662">Euseb</persName>, <hi rend="italic">Vita Constantini</hi> I,28</bibl>, erschien <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin dem Großen</persName> vor der Schlacht an der Milvischen Brücke ein Lichtkreuz mit den Worten «<foreign xml:lang="el-GR">Τούτῳ νίκα</foreign>» («Durch dieses siege!»). Auf die ungenau übersetzte, zum geflügelten Wort gewordene lateinische Wiedergabe «<foreign xml:lang="lat">In hoc signo vinces</foreign>» spielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier an. </note> und hatte damit zunächst in der Tat einigen Erfolg: Einer ihrer Leute, der im Übrigen unbekannte und unbedeutende Militärpfarrer <persName ref="kbga-actors-289">Ludwig Müller</persName><note xml:id="n21"><persName ref="kbga-actors-289">Ludwig Müller</persName> hatte seit <date when="1914">1914</date> überwiegend in Wilhelmshaven ein Marinepfarramt bekleidet und war seit <date when="1926">1926</date> Wehrkreispfarrer in <placeName ref="kbga-places-244">Königsberg</placeName> (Ostpreußen) gewesen. </note> setzt sich als «Reichsbischof» <pb xml:id="p796" ed="pga"/> an die Spitze der evangelischen Kirche. Es geriet die oberbehördliche Macht in der <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche, Kirchenregierung">Kirche</term> der meisten Landesgegenden nicht ohne Tumult in die Hände dieser Partei. Es herrschten ihr Geist, ihre Parolen und Schlagworte, ihr begeistertes «<hi rend="italic">Und</hi>»<note xml:id="n22">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Kritik an einer «Theologie des ‹und›» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-473"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das erste Gebot als theologisches Axiom</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p209#p209">S. 209–241</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p230#p230">S. 230–232</ref>.</bibl> </note> eine Weile so ziemlich landauf, landab auch da, wo sie äußerlich scheinbar weniger zu sagen hatten oder gar abgelehnt wurden. Was sie wollten, erschien unzähligen braven und <pb n="74" ed="A"/> auch ernsten Christen aller bisherigen Richtungen als eine gute Sache. Man konnte damals wohl staunen, was für eine wendige, wachsweiche Angelegenheit auch das sogenannte «gläubige» <term type="sachen" key="Christentum, sogenanntes «gläubiges»">Christentum</term> doch offenbar längst geworden war, dass es so mit sich umgehen lassen konnte.</p>
			
				<p> Es entstanden nun aber hinter den dem Namen nach immerhin noch «christlichen» <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> in unverkennbarer Fortsetzung des <term type="sachen" key="Freidenker">früheren </term>Freidenker- und Monistentums<note xml:id="n23">Ursprünglich bezeichnete man Personen als Freidenker, die das Recht eines selbständigen, nicht an Autoritäten gebundenen Denkens in Anspruch nahmen, besonders im Bereich der Moral und Religion. Im 19. Jahrhundert setzte sich ein engerer Sprachgebrauch durch, für den Freidenkertum mit Atheismus verbunden war. Das <term type="sachen" key="Freidenker">Freidenkertum</term> entwickelte sich zu einer proletarischen und bürgerlichen Massenbewegung. <date when="1880">1880</date> wurde der Internationale Freidenkerbund und <date when="1881">1881</date> der Deutsche Freidenkerbund gegründet. <date when="1933">1933</date> wurden die deutschen bürgerlichen Freidenkerverbände aufgelöst. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-4464">Cl. ­Taesler, Art. «Freidenker», in: RGG<hi rend="sup">2</hi> II, Sp. 752–754</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-6721">J. Mehlhausen, Art. «Freidenker», in: TRE 11, S. 489–493</bibl>. Auch die <term type="sachen" key="Monisten">Monisten</term> galten als <term type="sachen" key="Freidenker">Freidenker</term>. Im Jahr 1906 war vor allem unter dem Einfluss des Zoologen <persName ref="kbga-actors-150">Ernst Haeckel</persName> (1834–1919) der Deutsche Monistenbund gegründet worden, der laut Satzung eine «‹einheitliche, auf Naturerkenntnis gegründete Welt- und Lebensanschauung› als Voraussetzung für stetigen Kulturfortschritt durch Wissenschaft und Technik, utilitaristsiche Ethik und konsequenten Laizismus» propagierte (<bibl corresp="kbga-bibls-6722">G. Hübinger, Art. «Monistenbund», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> V, Sp. 1450</bibl>). </note> auch eine Reihe von anderen (heute in der «Deutschen <term type="sachen" key="Deutsche Glaubensbewegung">Glaubensbewegung»</term> zusammengefassten<note xml:id="n24">Zur <date when="1933">1933</date> gegründeten und sich seit <date when="1934">1934</date> so nennenden «<orgName ref="kbga-actors-8243">Deutschen Glaubensbewegung»</orgName> um <persName ref="kbga-actors-7341">Ernst Graf zu Reventlow</persName> und <persName ref="kbga-actors-163">Jakob Wilhelm Hauer</persName> vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p144#fn_n14">S. 144, Anm. 14.</ref> </note>) religiösen Gruppen, die jene Fragen besser unter offener <pb xml:id="p797" ed="pga"/> Weglassung von Christus, <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> und <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> bejahen zu können meinten und also sehr fröhlich die Gründung einer «deutschen <term type="sachen" key="Kirche, deutsche Nationalkirche">Nationalkirche»</term> mit einem nichtchristlichen, ja, wie man bewusst sagte, «heidnischen» Inhalt ins Auge fassten.<note xml:id="n25">Eine deutsche Nationalkirche, die sich jenseits der überkommenen Kirchlichkeit bilden sollte, propagierte in dezidierter und aggressiver Abgrenzung zum Christentum z. B. der Leipziger Philosoph und Theologe <persName ref="kbga-actors-8412">Ernst Bergmann</persName> (1881–1945), der seit 1933 Mitglied des «Führerrates» der <orgName ref="kbga-actors-8243">Deutschen Glaubensbewegung</orgName> war: <bibl corresp="kbga-bibls-6723"><persName ref="kbga-actors-8412">E. Bergmann</persName>, <hi rend="italic">Die deutsche Nationalkirche</hi>, Breslau 1933.</bibl> </note> Nach § 24 seines Parteiprogramms steht nun freilich der <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> und also der von ihm beherrschte heutige deutsche Staat «auf dem Boden des positiven <term type="sachen" key="Christentum, positives">Christentums</term>».<note xml:id="n26">Wörtlich zitiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier Punkt 4 der sogenannten Hossenfelderschen Richtlinien der Glaubensbewegung «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutsche Christen</orgName> von 19<date when="1932">32: </date>«Wir stehen auf dem Boden des positiven Christentums» (<bibl corresp="kbga-bibls-74">Schmidt</bibl> – Im nie revidierten Parteiprogramm der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> von 1920 hieß es in Punkt 24, auf den sich natürlich auch Hossenfelder b<persName ref="kbga-actors-6438">ezog: «Die P</persName>artei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden.» Unmittelbar davor stand allerdings auch der Satz: «Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen» (zit. nach: M. Greschat / <bibl corresp="kbga-bibls-423">H.-W. Krumwiede [Hrsg.], <hi rend="italic">Das Zeitalter der Weltkriege und Revolutionen</hi> [KTGQ V], Neukirchen-Vluyn 1999, S. 72). </bibl> [KTGQ V], Neukirchen-Vluyn 1999, S. 72). </note> Aber die Gelehrten streiten sich bis heute darüber, wie das nun eigentlich zu verstehen sei. Sicher ist dies, dass sich sowohl die «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>» wie diese deutschen <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term> einer weitgehenden direkten und indirekten Unterstützung seitens der Organe der nationalsozialistischen <term type="sachen" key="NSDAP">Partei</term> und <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Regierung">Regierung</term> erfreuen dürfen. Sicher ist ferner auch dies, dass diese beiden Richtungen (und zwar die deutschen Heiden noch mehr als die «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName>»!) die Konsequenz des <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> und also der ganzen geschichtlichen Entwicklung <hi rend="italic">für</hi> sich haben. Noch hat freilich der <term type="namen" key="Hitler, Adolf">«Führer»</term> ein dahingehendes entscheidendes Wort nicht ausgesprochen.<note xml:id="n27">Auf ein solches entscheidendes offizielles Wort, das, wie auch immer es ausgefallen wäre, wenigstens Verlässlichkeit bedeutet hätte, warteten alle am Kirchenkampf beteiligten Gruppen vergebens. Im Gegenteil: Zwar trat im Verlauf der 1930er Jahre der grundsätzliche ideologische Gegensatz zwischen <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> und <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> immer deutlicher in einer zunehmenden Distanzierung auch <persName ref="kbga-actors-185">Hitlers</persName> von den Kirchen zutage, doch blieb das einzig Verlässliche an der nationalsozialistischen Kirchenpolitik, dass sie sich eben nicht grundsätzlich auf eine bestimmte Position festlegte, sondern vielfach taktisch motiviert war und von <persName ref="kbga-actors-185">Hitler</persName> je länger desto mehr den auch innerhalb der <orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName> in diesem Punkt widerstreitenden Interessengruppen überlassen wurde. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-128">Thamer, <hi rend="italic">Verführung und Gewalt</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n12">Anm. 12</ref>), S. 443</bibl>, der im Blick auf die Situation gerade Mitte 1935 darlegt, «wie verwirrend die Rollenverteilung im Mächtespiel des Regimes für die Zeitgenossen war». </note></p>
				<p><pb xml:id="p798" ed="pga" rend="noPipe"/> Die Erkenntnis dessen, was die so in Gang gekommene <term type="sachen" key="Gleichschaltung, der Kirche">«Gleichschaltung»</term> für die evangelische Kirche bedeutete, und die Erkenntnis, dass die Kirche sich ihr widersetzen müsse, erwachte nur sehr langsam und allmählich. Es waren anfangs nur das revolutionäre Tempo und das etwas robuste Vorgehen besonders der «<orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen»</orgName>, was in weiteren Kreisen Anstoß erregte. Man trauerte, als es nicht gelang, den Pastor <persName ref="kbga-actors-7588">von Bodelschwingh</persName> zum Reichsbischof zu erheben und damit dem kirchlichen Leben einen friedlichen Fortgang im milden Einklang mit der neuen Zeit und Ordnung zu sichern.<note xml:id="n28">Gemeint sind die Vorgänge um die Wahl des Reichsbischofs im Frühsommer 1933. </note> Grundsätzlichen Entscheidungen meinte man eine gute Weile ausweichen zu sollen und zu können. Man betonte mit Wärme und Ernst, dass die <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> und die alten <term type="sachen" key="Bekenntnisse, reformatorische">Bekenntnisse</term> der Kirche auch in der Kirche des neuen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> «unangetastet» bleiben müssten. Aber eben dies sagten der Reichsbischof <persName ref="kbga-actors-289">Müller</persName> und die <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> auch.<note xml:id="n29">Vgl. aus Art. 1 der Verfassung der Deutschen Evangelischen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche, Verfassung">Kirche</term> vom
<date when="1933-07-11">11. Juli 1933</date>: «Die unantastbare Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist» (<bibl corresp="kbga-bibls-121">GDEK 1 [1933], Nr. 1,
<date when="1933-10-07">7.10.1933</date>, S. 2</bibl>). Diese «Unantastbarkeit», auf die alle kirchenpolitischen Gruppierungen pochten, wurde auch von <persName ref="kbga-actors-289">Müller</persName> und anderen Vertretern der <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> immer wieder hervorgehoben (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/49/p342#fn_n62">S. 342, Anm. 62</ref>); zur «Zweideutigkeit» jener Unantastbarkeit vgl. schon <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Ausführungen in seiner Fragment gebliebenen Auslegung der Barmer Theologischen Erklärung vom Sommer 1934 (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/49/p351#p351">S. 351f.</ref>). </note> Inwiefern meinte und wollte man etwas anderes als diese? Man war zunächst weder durch die Bibel noch durch die alten Bekenntnisse darauf hingewiesen, dass man auf jene so brennend gestellten Fragen klar und entscheidend eine <hi rend="italic">andere</hi> Antwort geben müsse als die <orgName ref="kbga-actors-8309">Deut<pb xml:id="p799" ed="pga" break="no"/>schen Christen</orgName>. Man kämpfte da und dort um dieses und jenes. Aber es war der Kampf einer aufgelösten Schar ohne einheitliches Ziel und gemeinsamen Weg. Der Verdacht war nicht unmöglich, es möchten die, die sich der Umgestaltung der Kirche im Sinn des Nationalsozialismus widersetzten, doch nur Rückständige im Begreifen der neuen Zeit sein. Und die Hoffnung der Gegner war nicht unmöglich, diese Abseitsstehenden würden früher oder später ihre nicht grundsätzlich gemeinten Bedenken preisgeben.<note xml:id="n30">Zur von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> konstatierten Nicht-Grundsätzlichkeit des ersten Widerstands gegen die <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> vgl. ausführlich <bibl corresp="kbga-bibls-4590"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Für die Freiheit des Evangeliums [Rede]</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p390#p390">S. 390–412</ref>, dort <ref type="pub" target="../volume/49/p407#p407">S. 407–409</ref>.</bibl> </note></p>
				<p> Es geschah aber etwas anderes. Wie es dazu kam, ist letztlich kaum zu erklären. Der unvernünftige äußere Druck, mit dem die neuen <term type="sachen" key="Deutsche Evangelische Kirche, Kirchenregierung">Kirchenregierungen</term> und die <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> sich überall durchzusetzen suchten,<note xml:id="n31">Zu denken ist hier wohl neben der rücksichtslosen und die Opposition ignorierenden Übernahme der Kirchenregierungen durch die sogenannten «braunen <term type="sachen" key="Synoden, «braune»">Synoden»</term> im Spätsommer 1933 (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-26">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p490#fn_n15">S. 490, Anm. 15</ref></bibl>) in erster Linie an die Ereignisse unmittelbar im Vorfeld der ersten Barmer <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Barmen, Freie reformierte">Bekenntnissynode</term>: die Eingliederung der evangelischen Jugendverbände in die Hitler-Jugend Ende Dezember 1933 (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p111#fn_n03">S. 111f., Anm. 3</ref>) und den sogenannten «Maulkorb-Erlass» <persName ref="kbga-actors-289">Ludwig Müllers</persName> vom
<date when="1934-01-04">4. Januar 1934</date> (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p125#fn_n13">S. 125f., Anm. 13</ref>). </note> die geistige und geistliche Unzulänglichkeit sozusagen aller führenden Personen auf dieser Seite, das Befremden über die <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">heidnischen</term> Hintergründe dieser Sache und vielleicht doch auch eine beginnende <term type="sachen" key="Politik">politische</term> Ernüchterung, ja Enttäuschung, haben menschlich geredet sicher das Ihre dazu beigetragen. Es muss doch noch etwas anderes wirksam gewesen sein, als fast plötzlich zu Anfang des Jahres 1934 die Einsicht auftauchte, dass «<hi rend="italic">Bekenntnis</hi><term type="sachen" key="Bekenntnis">»</term> in der evangelischen Kirche noch etwas anderes bedeuten müsse als die gläubige Wiederholung dessen, was frommer Väterglaube vor Jahrhunderten in damaliger Notzeit ausgesprochen, dass es vielmehr bedeuten müsse: eine von der Kirche mit der <term type="sachen" key="Glaube / Glauben, Gewissheit">Gewissheit</term> und Notwendigkeit des Glaubens heute auszusprechende Antwort auf die ihr heute gestellten Fragen. Es waren nicht die alten Kirchenführer; es waren nicht die theologischen <term type="sachen" key="Fakultäten, theologische">Fakultäten</term>, es waren weder die Kreise der freien christlichen Vereins- und Liebestätigkeit<note xml:id="n32">Das Leitungsgremium des Dachverbandes des evangelischen Diakonie- und Vereinswesens, der Central-Ausschuss der Inneren <term type="sachen" key="Innere Mission">Mission</term>, war Ende Juni 1933 weitgehend widerstandslos «gleichgeschaltet» worden und wurde seitdem und bis <date when="1934-11">November 1934</date> von <persName ref="kbga-actors-10290">Karl Themel</persName> und <persName ref="kbga-actors-7381">Horst Schirmacher</persName> geleitet, die beide den <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> angehörten (vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p603#fn_n99">S. 603f., Anm. 99</ref> und <ref type="pub" target="../volume/52/p603#fn_n100">100</ref>). </note> noch die der <term type="sachen" key="Gemeinschaftsbewegung">Ge<pb xml:id="p800" ed="pga" break="no"/>meinschaftsbewegung</term><note xml:id="n33">Der 1897 gegründete «Deutsche Verband für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation» als Dachverband der <term type="sachen" key="Gemeinschaftsbewegung">Gemeinschaftsbewegung</term> hatte im August 1933 zunächst einen «Führerrat» gebildet und Verbindungsmänner zu den <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> benannt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger I, S. 101</bibl>). Nach dem <term type="sachen" key="Sportpalastskandal">Sportpalastskandal</term> machte man am <date when="1933-12-13">13. Dezember 1933</date> auch hier diesen Schritt rückgängig und «erklärte sich von der Glaubensbewegung DC geschieden» (<bibl corresp="kbga-bibls-239">Meier</bibl>), was zu Pfingsten 1934 von der Gnadauer Konferenz «voll gebilligt» wurde (a.a.O., S.<bibl corresp="kbga-bibls-239"> 565, Anm. 530). Allerdi</bibl>ngs war es noch im November 1934 nötig, mehrere Landes- und Provinzialverbände, die diesen Beschlüssen noch nicht Rechnung getragen hatten, «zu einer klaren Entscheidung zu ermahnen» (ebd.). </note> (es waren auch nicht die deutschen «religiösen Sozialisten»!<note xml:id="n34">Tatsächlich waren unter den tragenden Kräften der Bekennenden <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Kirche</term> kaum Religiöse <term type="sachen" key="Religiöse Sozialisten">Sozialisten</term>. Allerdings ist bei diesem richtigen Befund zu beachten, dass diese in der evangelischen Kirche <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, evangelische Kirche">Deutschlands</term>, auch wenn sie zumal während der 1920er Jahre in mancher Diskussion tonangebend waren, insgesamt keine vergleichbar große Rolle spielten wie etwa in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, wo sie als eine der drei großen kirchenpolitischen Richtungen agierten. Zudem waren sie im nationalsozialistisch gewordenen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> schon allein aufgrund ihrer eindeutigen politischen Haltung überaus gefährdet, so dass einige gerade ihrer führenden Vertreter – z. B. <persName ref="kbga-actors-129">Ernst Fuchs</persName> (1874–1971) oder <persName ref="kbga-actors-406">Paul Tillich</persName> – bereits entlassen, teils inhaftiert und teils schon emigriert waren. Zuletzt muss man wohl auch fragen, ob dezidiert als Religiöse Sozialisten auftretende Pfarrer oder Laien aufgrund dieser politischen Konstellation innerhalb der ansonsten überwiegend konservativ und national orientierten bekenntniskirchlichen Kreise als Protagonisten überhaupt erwünscht gewesen wären. </note>), sondern es waren sehr schlicht jetzt hier, jetzt dort einige hundert Pfarrer mit ihren Gemeinden, die sich zu freien <hi rend="italic">Synoden</hi> und <hi rend="italic">Gemeindetagen</hi> zusammenfanden mit <pb n="75" ed="A"/> dem Zweck, sich selbst und der übrigen Kirche, den <orgName ref="kbga-actors-8309">Deutschen Christen</orgName> und <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term> und dem nationalsozialistischen <term type="sachen" key="Staat, nationalsozialistischer">Staat</term> selber Rechenschaft abzulegen darüber, was Kirche auch heute ist und nicht ist, will und nicht will. Es zeigte sich unter dem Druck der Anfechtung ganz spontan, dass der evangelischen <term type="sachen" key="Kirche, evangelische">Kirche</term> etwas innewohnt, an dessen Dasein man in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> und anderswo nicht erst in den letzten Jahren <pb xml:id="p801" ed="pga"/> wohl mit Fug hätte zweifeln können: nämlich eine selbständige, den Weltmächten nicht verpflichtete, sondern im Notfall trotzende Erkenntnis, Kraft und Lebendigkeit. Es zeigte sich, dass die evangelische Kirche eine <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Sendung</term> und <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> hat, der sie wohl tausendfach Unehre machen, die sie aber im letzten Grunde nicht preisgeben kann, die sich vielmehr im Notfall fast wider den Willen der Christen selbst auf deren Lippen drängt und in bestimmten Sätzen in einem klaren Ja und Nein zum <hi rend="italic">Zeugnis</hi> wird. Es zeigte sich, dass es Lagen gibt, in denen auch eine schwache, ja entartete <term type="sachen" key="Kirche, entartete">Kirche</term> bekennen <hi rend="italic">muss</hi> und dann tatsächlich auch bekennen <hi rend="italic">kann</hi>.</p>
			
				<p> Dies sind einige von den Sätzen, die in dieser Zeit als Zeugnis der bekennenden <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Kirche</term> in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> laut wurden: Wir müssen umkehren von dem Irrtum, als ob der Mensch seine eigene Ehre neben oder über die Ehre <term type="sachen" key="Gott, Ehre">Gottes</term> stellen könnte.<note xml:id="n35">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p071#p071">S. 71</ref>, Satz I,1 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>. </note> Wir sind nicht frei, «Gott» zu nennen, was uns göttlich dünkt, sondern wir haben uns an Gottes <term type="sachen" key="Offenbarung, in Jesus Christus">Offenbarung</term> in Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> bezeugt ist, zu halten.<note xml:id="n36">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p073#p073">S. 73f.</ref>, die Sätze II,1 und 2 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>, sowie oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p296#p296">S. 296</ref>, die erste These der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-481">Barmer Theologischen Erklärung</bibl></hi>. </note> Wir können keinem Gut neben Gott ein vorbehaltloses Vertrauen entgegenbringen.<note xml:id="n37">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p075#p075">S. 75</ref>, Satz und Verwerfung III,1 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>. </note> Wir können den Menschen nur dienen, indem wir Gott dienen.<note xml:id="n38">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p076#p076">S. 76</ref>, Satz III,3 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>. </note> Wir leben allesamt von Gottes <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">Gnade</term> und nicht von irgendwelchen menschlichen Vollkommenheiten.<note xml:id="n39">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p077#p077">S. 77</ref>, Satz und Verwerfung IV,2 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>. </note> Die <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> und <term type="sachen" key="Ordnung, kirchliche">Ordnung</term> der Kirche kann sich also nicht nach irgendwelchen menschlichen Zwecken, auch nicht nach dem <pb xml:id="p802" ed="pga"/> Zweck eines «totalen» <term type="sachen" key="Staat, totaler">Staates</term>, richten. Die <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Kirche</term> begrenzt den Staat ebenso wie sie selber vom Staate begrenzt ist.<note xml:id="n40">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p081#p081">S. 81</ref>, Satz und Verwerfung V,4 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>, sowie oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p298#p298">S. 298f.</ref>, die fünfte These der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-481">Barmer Theologischen Erklärung</bibl></hi>. </note> Die Verantwortung für ihre Lehre, Gestalt und <term type="sachen" key="Ordnung, kirchliche">Ordnung</term> hat die Gemeinde und nur sie.<note xml:id="n41">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p079#p079">S. 79f.</ref>, Satz V,2 der <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-486">Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart</bibl></hi>. </note> – Wem diese Sätze allzu einfach und selbstverständlich erscheinen sollten, der halte sich vor Augen, dass sie hier alle als Antworten auf bestimmte Fragen im Gegensatz zu bestimmten <term type="sachen" key="Irrtum">Irrtümern</term> im Sinn von grundsätzlichen Entscheidungen ausgesprochen wurden. In einer Zeit und Lage, in der auf allen Gassen und in allen Zeitungen mit einem Machtaufwand ohnegleichen das genaue Gegenteil verkündigt wird! Nein, einfach und selbstverständlich waren in dieser Zeit und Lage weder die Einsicht noch die Entschlossenheit, die es zum öffentlichen Aussprechen solcher Sätze brauchte. Und weil die Leute, die sie aussprachen, schließlich weder klüger noch tapferer waren als andere Leute, wird man wohl sagen dürfen und müssen, dass der christliche <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glaube</term> in dem <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term>, wie es hier auf einmal laut wurde, ein Wunder getan hat trotz der vielfachen Torheit und Schwachheit seiner Bekenner.<note xml:id="n42">Zum Motiv der Torheit und Schwachheit der Bekenner vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1730"><hi rend="italic">Luthers</hi> <hi rend="italic">Vorlesung über den Hebräerbrief 1517/18</hi>, hrsg. von J. Ficker (Anfänge reformatorischer Bibelauslegung, Bd. 2), Teil 2: <hi rend="italic">Die Scholien</hi>, Leipzig 1929, S. 34,3–6</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Illa enim est vera confessio, qua homo dat Deo gloriam de iusticia, sapientia et virtute cunctisque operibus, sibi vero nihil nisi peccatum, stultitiam, infirmitatem, atque id ipsum vero corde, ore atque opere</foreign>» (im Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> unterstrichen). </note></p>
				<p> Denn das muss zum Schluss auch gesagt werden: Die Geschichte der bekennenden <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Kirche</term> im <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">nationalsozialistischen</term> <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> dieser Jahre ist keine Ruhmesgeschichte für die beteiligten Menschen, also keine Helden- und keine Heiligengeschichte. Was sichtbar wurde, das war eben ein dünner roter Faden von evangelischer Klarheit, Treue und Tapferkeit. Er ist mit der Zeit fester, aber auch eher noch dünner geworden. Und er wurde und wird immer wieder bedeckt von <pb xml:id="p803" ed="pga"/> ganzen Lawinen von merkwürdigster Unklarheit, von klügelnder <term type="sachen" key="Politik">politischer</term> Vorsicht und Bedenklichkeit, von «Liebe» am falschen Ort,<note xml:id="n43"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> fragte schon im Frühsommer <date when="1933">1933</date> in Anspielung auf eine Botschaft <persName ref="kbga-actors-7588">Friedrich von Bodelschwinghs</persName> anlässlich der Berliner Verhandlungen um die Bildung der Reichskirche: «wo blieb in dieser Sache die kirchliche Verantwortlichkeit? Wo auch hier die Unerbittlichkeit der Frage nach der christlichen Wahrheit, eine Unerbittlichkeit, die sich durch keine ‹brüderliche Liebe› hätte bewegen lassen, dem Irrtum in der Kirche Raum und Geltung zu geben?» (<bibl corresp="kbga-bibls-397"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, <hi rend="italic">Theologische Existenz heute!</hi> [<ref type="pub" target="#fn_n11">Anm. 11</ref>], <ref type="pub" target="../volume/49/p339#p339">S. 339f.</ref></bibl>). Einer «Rede von Frieden und Liebe von <persName ref="kbga-actors-7588">Bodelschwingh</persName>» gab <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Mitschuld daran, dass der Widerstand gegen die Besetzung der führenden Position in der Vorläufigen <term type="sachen" key="Vorläufige Kirchenleitung">Kirchenleitung</term> mit <persName ref="kbga-actors-265">August Marahrens</persName> aufgegeben wurde (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p691#p691">S. 691</ref>). </note> von eitler Geschäftigkeit und ebenso eitler Schwerfälligkeit. Die uralte Bindung des <term type="sachen" key="Evangelium, und Vernunft">Evangeliums</term> an die menschliche Vernunft, der <term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Kirche</term> an den Staat hat sich auch in der bekennenden Kirche in ihrer ganzen Gefährlichkeit erwiesen. Man kann und muss wohl dieser bekennenden Kirche vorhalten, dass sie den Feind von ferne nicht in seiner eigentlichen Gefährlichkeit erkannt und ihm das die menschliche Lüge und Ungerechtigkeit richtende Wort <term type="sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> von ferne nicht in der Unzweideutigkeit und Kraft entgegengehalten habe, wie es ihr als der Kirche Jesu <term type="sachen" key="Kirche, Jesu Christi">Christi</term> zukam. Sie hat einigermaßen ernst um die Freiheit und Reinheit ihrer <term type="sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> gekämpft, aber sie hat z. B. zu dem Vorgehen gegen die <term type="sachen" key="Judenverfolgung">Juden</term>, zu der erstaunlichen Behandlung der politischen Gegner, zu der Unterdrückung der Wahrheit in der <term type="sachen" key="Deutschland / Deutsches Reich, Presse">Presse</term> des neuen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> und zu so viel anderem, zu dem die alttestamentlichen <term type="sachen" key="Propheten">Propheten</term> sicher geredet hätten, geschwiegen.<note xml:id="n44">In einem Brief an <persName ref="kbga-actors-5792">Gotthilf Weber</persName> vom
					<date when="1935-07-02">2. Juli 1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26718">KBA 9235.179</ref>) führte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> als einen Grund dafür, dass er für einen weiteren Dienst in der Bekennenden <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Kirche</term> in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> nicht mehr zur Verfügung stehen konnte, an, dass er deren Verhalten gegenüber dem <term type="sachen" key="Bekennende Kirche, und Staat">Staat</term> und solchem staatlichen Tun nicht mehr länger hätte mittragen, bei seinem auch eigenen weitgehenden Schweigen in der Öffentlichkeit diesen Ereignissen gegenüber nicht länger hätte bleiben können: «Ich kann bei der Illusion, als ob der eigentliche Gegner einer bekennenden Kirche nicht der nationalsozialistische Staat als solcher sei, nicht mehr länger mittun, halte die Proteste gegen das Neuheidentum, gegen die <hi rend="italic">Über</hi>griffe der Staatsgewalt, gegen die Gefangensetzung von <hi rend="italic">Pfarrern</hi> usw. für längst überholt, müsste statt der ewigen Wiederholung von <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13">Röm. 13</ref> endlich auch die <term type="sachen" key="Apokalypse">Apokalypse</term> und die <term type="sachen" key="Propheten">Propheten</term> aufzuschlagen bitten und würde im Voraus wissen, bei dem Allem die verantwortlichen Stellen der <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Bekenntniskirche</term> nicht für mich, sondern gegen mich zu haben.» </note> Ihr Weg ist aber auch in ihrer eigensten Sache, aus der <pb xml:id="p804" ed="pga"/> Nähe gesehen, fast eine einzige Folge von Irrungen, Wirrungen und Enttäuschungen gewesen. Man kann und muss also ihr <term type="sachen" key="Bekenntnis">«Bekenntnis»</term> ein sehr ungenügendes nennen. Wie ihr Kampf endigen wird? Es ist, auf das Menschliche gesehen, nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern <pb n="76" ed="A"/> sehr wahrscheinlich, dass er mit einem faulen <term type="sachen" key="Kompromiss">Kompromiss</term> endigen wird. Man kann sich vielleicht schließlich überhaupt nur darüber wundern und freuen, dass die innere und äußere Schwäche des <term type="sachen" key="Christentum">Christentums</term> sich in dieser Zeit nicht als <hi rend="italic">noch</hi> größer erwiesen hat. Man wird aber, wie mir scheint, nicht nur um jenes roten Fadens willen Anlass zur Dankbarkeit haben, sondern gerade auch um deswillen, dass dieses Stück <term type="sachen" key="Kirchengeschichte">Kirchengeschichte</term> es so deutlich an den Tag gebracht hat: der Ruhm in der Kirche gehört Gott ganz allein. Gott hat sich in aller <term type="sachen" key="Mensch, Untreue">menschlichen</term> Untreue hier wieder einmal als <term type="sachen" key="Gott, Treue">treu</term> erwiesen. Das wird keiner wieder vergessen können, der diesem Kampf mit Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Verständnis gefolgt ist. Und lebte die Kirche nicht zu allen Zeiten, lebt sie nicht allerorten von der Hoffnung, die sie, verzweifelnd an sich selbst, allein auf den Herrn setzt? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.40.5">Ps. 40,5</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.146.5">146,5</ref> u. ö.]</p>
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</TEI>
