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        <title type="volume" n="vol-52">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
        <title type="content">Das Evangelium in der Gegenwart</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Das Evangelium in der Gegenwart, 1935</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/52041 (Stand: 2. Oktober 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935, hrsg. v. Beintker, Michael / Hüttenhoff, Michael / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2017, S. 805–840.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/52041</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1934–1935</title>
          <title type="text">Das Evangelium in der Gegenwart</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Beintker, Michael</editor>
          <editor>Hüttenhoff, Michael</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2017</date>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Das Evangelium in der Gegenwart, in: ders., Das Evangelium in der Gegenwart (Theologische Existenz heute! 25), München 1935, S. 18–36 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): , Das Evangelium in der Gegenwart, Juni 1935. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/101">KBA 10091</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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			<head>Das Evangelium in der Gegenwart</head>
			<head type="sub">
				<date>1935</date>
			</head>
			<div type="abstract">
			<p>
				<hi rend="italic">Diesen am
<date when="1935-06-03">3. Juni 1935</date> vor Studenten in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> gehaltenen und am darauffolgenden Tag vor der Baseler <term type="sachen" key="Basel, Studentenschaft">Studentenschaft</term> wiederholten Vortrag schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> Ende Mai 1935 auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> in <placeName ref="kbga-places-99">Oberrieden</placeName>, wo er sich seit dem <date when="1935-05-22">22. Mai</date> aufhielt. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer in mehrfacher Hinsicht bedrängenden Situation: Der Abschluss seines <term type="sachen" key="Prozess gegen Barth">Prozesses</term> stand bevor,</hi><note xml:id="n01">Im Urteil des <term type="sachen" key="Berlin, Oberverwaltungsgericht">Berliner</term> Oberverwaltungsgerichts vom
<date when="1935-06-14">14. Juni 1935</date> wurde das Verfahren gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in den zwei nachträglich hinzugefügten Anschuldigungspunkten (Äußerungen vom Oktober 1933; Verweigerung des «Deutschen <term type="sachen" key="Deutscher Gruß">Grußes»</term>; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p674#p674">S. 674-679</ref>) <term type="sachen" key="Prozess gegen Barth, Einstellung des Verfahrens">eingestellt</term>, weil eine solche Hinzufügung für nicht zulässig befunden wurde. Im ursprünglichen Anklagepunkt, der Verweigerung des Beamteneides, wurde <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nun lediglich «mit <term type="sachen" key="Prozess gegen Barth, Geldstrafe">Gehaltskürzung</term> in Höhe von einem Fünftel auf die Dauer eines Jahres» bestraft (Abdruck des <term type="sachen" key="Prozess gegen Barth, Urteil">Urteils</term>: <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 362–368</bibl>; Zitat dort S. 362). – Auf diese Nachricht hin beschloss <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, «eine Audienz bei Min[ister] <persName ref="kbga-actors-347">Rust</persName> zu erbitten, um klar zu sehen» (Eintrag Taschenkalender <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName>,
<date when="1935-06-14">14.6.1935</date>; ein entsprechendes Schreiben ist im KBA nicht erhalten). Die kurze Freude wurde jedoch schnell beendet, denn als Antwort kam lediglich ein Telegramm mit der Mitteilung seiner Entlassung: «Erbetene Unterredung gegenstandlos, da ich Ihre Entlassung nach Paragraph sechs des Berufsbeamtengesetzes verfügt habe» (Telegramm <persName ref="kbga-actors-347">Rusts</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
	<date when="1935-06-22">22.6.1935</date> [<ref type="kba-objects-id" target="26595">KBA 9335.617</ref>]). – Das am
<date when="1933-04-07">7. April 1933</date> erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das in § 3 auch den sogenannten <term type="sachen" key="Arierparagraph, staatlicher">«Arierparagraphen»</term> enthielt, bestimmte in § 6: «Zur Vereinfachung der Verwaltung können Beamte in den Ruhestand versetzt werden, auch wenn sie noch nicht dienstunfähig sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-592">Reichsgesetzblatt 1933, Teil I, Nr. 34,
7.4.1933, S. 175–177, dort S. 176</bibl>). Was im Telegramm also ungenau formuliert war, lautete in der offiziellen schriftlichen Mitteilung vom
<date when="1933-06-21">21.6.1933</date> richtiger: «Auf Grund von § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom
<date when="1933-04-07">7. April 1933</date> werden Sie hiermit in den Ruhestand <term type="sachen" key="Prozess gegen Barth, Zurruhesetzung">versetzt»</term> (<ref type="archival">KBA, Slg. Dokumente und Materialien 1933–1935, Mappe «Suspension»</ref>). </note>
				<hi rend="italic"> ihm war vor allem aufgrund seiner bekanntgewordenen Äußerung zur Notwendigkeit der Verteidigung der Schweizer <term type="sachen" key="Schweiz, Verteidigung der Nordgrenze">Nordgrenze</term> bedeutet worden, seine Teilnahme an der dritten <term type="sachen" key="Bekenntnissynode, Augsburg">Reichsbekenntnissynode</term> in Augsburg sei nicht erwünscht,</hi><note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-106">Prolingheuer, S. 172–187</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-657"><persName ref="kbga-actors-1795">W. Niemöller</persName> (Hrsg.), <hi rend="italic">Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg. Text – Dokumente – Berichte</hi> (AGK 20), Göttingen 1969, S. 27–38</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-122"><persName ref="kbga-actors-6399">G. Besier</persName>, <hi rend="italic">Die Kirchen und das Dritte Reich,</hi> [Bd. 3]: <hi rend="italic">Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934–1937</hi>, München 2001, S. 83</bibl>. </note>
				<hi rend="italic"> und er wartete – wie sich zeigen sollte vergebens – auf eine <pb xml:id="p806" ed="pga"/> mit einem konkreten Vorschlag verbundene Aufforderung seitens bekenntniskirchlicher Kreise, auch nach einer Amtsenthebung in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> tätig zu bleiben.</hi><note xml:id="n03">Wenig später schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-5792">Gotthilf Weber</persName>, um ihm eine «Vorstellung» davon zu vermitteln, was bei seiner Entscheidung, den Ruf nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> anzunehmen, «schließlich entscheidend […] gewirkt» habe, und nannte als ersten Punkt: «Es ist gegen die ausdrückliche Abrede vor dem 14. Juni zu keinem bruderrätlichen (Rheinland, Westfalen, altpreußische Union kamen in Betracht) Beschluss hinsichtlich meiner Berufung gekommen. Ich hatte am 22., als die Absetzung kam, wohl einige Aufforderungen, mich ‹offen zu halten›, aber dass das irgendwohin führen werde, das musste mir angesichts meiner bisherigen Erfahrungen zweifelhaft sein» (Brief vom
					<date when="1935-07-02">2.7.1935</date> [<ref type="kba-objects-id" target="26718">KBA 9235.179</ref>]). </note>
			</p>
			<div>
				<head>
					<hi rend="italic">1. <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName></hi>
				</head>
				<p>
					<hi rend="italic">Am
<date when="1935-05-19">19. Mai 1935</date> lud <persName ref="kbga-actors-502">Emil Blum</persName> im Namen der evangelischen Studenten <term type="sachen" key="Bern, Studentenschaft">Berns</term> <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zu einem Vortrag für Hörer aller Fakultäten nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> ein. «Aufgabe wäre einfach die Vergegenwärtigung der uns aufgetragenen Verkündigung, wobei gerade jene Studierenden anzusprechen sind, denen ihre Konfession fragwürdig ist und die vom Wort Gottes nicht so getroffen sind, dass sie um die Verbindlichkeit ihres Glaubens wissen.»</hi><note xml:id="n04">Brief <persName ref="kbga-actors-502">E. Blums</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
	<date when="1935-05-19">19.5.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26366">KBA 9335.507</ref>). – <persName ref="kbga-actors-502">Emil Blum</persName> (1894–1978), Dr. phil., 1934–1939 Studentenberater in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> und Vikar in ­Nydegg, ab 1939 Pfarrer. </note>
					<hi rend="italic"> <persName ref="kbga-actors-502">Blum</persName> überließ <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Wahl des Themas, nannte aber «zur Illustrierung» der Erwartungen mögliche Formulierungen: «‹Das Wort Gottes in der Gegenwart› oder einfach: ‹Das Evangelium›, eventuell mit dem übersetzenden Zusatz: ‹Das Evangelium, die frohe Botschaft›.»</hi><note xml:id="n05">Ebd. </note>
					<hi rend="italic"> Die Einladung, an <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bonner Anschrift adressiert, kann <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> erst auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> erreicht haben.</hi><note xml:id="n06">Laut Taschenkalender <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> war man bereits am <date when="1935-05-19">19. Mai</date> in <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> aufgebrochen, verbrachte die folgenden Tage in <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> und reiste am <date when="1935-05-22">22. Mai</date> in die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> (Einträge vom 19.–
<date when="1935-05-22">22.5.1935</date>). </note>
					<hi rend="italic"> Er sagte sofort zu, ging sogleich «an die Ausarbeitung»</hi><note xml:id="n07">Im Taschenkalender <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> folgt diese Notiz am <date when="1935-05-24">24.5.</date> unmittelbar auf den Eintrag: «Entschluß, in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> Vortrag zu halten über ‹Evangelium in der Gegenwart›». </note>
					<hi rend="italic"> und schrieb am <date when="1935-05-24">24. Mai</date> an <persName ref="kbga-actors-403">Eduard <pb xml:id="p807" ed="pga"/>
						Thurneysen</persName>: «Ich bin von der Berner Studentenschaft um einen Vortrag gebeten (‹Das Evangelium in der Gegenwart›), und weil ich dazu schon längst gerne etwas ausgearbeitet und gesagt hätte, habe ich den Antrag angenommen für einen Tag zwischen dem <date to="1935-06-05" from="1935-06-01">1. und 5. Juni</date>.»</hi><note xml:id="n08">Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
							<date when="1935-05-24">24.5.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26403">KBA 9270.655</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p893#p893">S. 893</ref></bibl>). Vgl. auch den Brief <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> an <persName ref="kbga-actors-1913">K. G. Steck</persName> vom
							<date when="1935-05-24">24.5.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26402">KBA 9235.130</ref>). </note>
					<hi rend="italic"> <persName ref="kbga-actors-502">Blum</persName> legte in seiner Antwort auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> – nicht erhaltene – Zusage den Vortrag auf Montag, den <date when="1935-06-03">3. Juni</date>; er sollte im Großratssaal stattfinden.</hi><note xml:id="n09">Karte <persName ref="kbga-actors-502">Blums</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
<date when="1935-05-27">27.5.1935</date> (Datum des Poststempels). </note>
				</p>
				<p>
					<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> arbeitete den Vortrag in den letzten Maitagen aus; am <date when="1935-05-31">31. Mai</date> schrieb er «den 3. Teil seines Vortrags noch einmal» und noch am selben und am nächsten Tag diktierte er <persName ref="kbga-actors-223">Charlotte von Kirschbaum</persName> den fertigen Text.</hi><note xml:id="n10">Vgl. die Taschenkalendereinträge <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> vom <date when="1935-05-27">27.</date>, <date when="1935-05-28">28.</date> und <date when="1935-05-31">31.5.</date> (dort das Zitat) sowie vom
<date when="1935-06-01">1.6.1935</date>. </note>
				</p>
				<p>
					<hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> reiste vom <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> aus allein nach <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>, um dort den Vortrag zu halten. Am
<date when="1935-06-04">4. Juni 1935</date> trafen sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName>, die über <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> dorthin fuhr, in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> wieder.</hi><note xml:id="n11">Vgl. a.a.O., die Einträge vom <date when="1935-06-03">3.</date> und
<date when="1935-06-04">4.6.1935</date>. </note>
				</p>
			</div>
			<div>
				<head>
					<hi rend="italic">2. <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName></hi>
				</head>
				<p>
					<hi rend="italic">Für <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ungewöhnlich war, dass er von sich aus den Kontakt mit den Basler <term type="sachen" key="Basel, Studentenschaft">Studenten</term> suchte, um den Vortrag auch dort halten zu können. Mit ausschlaggebend für dieses Vorgehen waren einerseits die schon sehr konkreten Überlegungen zu einer möglichen Berufung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> nach <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName>, die dann am
<date when="1935-06-25">25. Juni 1935</date>, drei Tage nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Versetzung in den <term type="sachen" key="Prozess gegen Barth, Zurruhesetzung">Ruhestand</term>, tatsächlich erfolgte. Allerdings spielte es auch eine Rolle, dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von dorther bereits mehrfach um einen Vortrag gebeten worden war.</hi><note xml:id="n12">Vgl. die Anfragen <persName ref="kbga-actors-7451">E. Stickelbergers</persName> vom
	<date when="1934-09-15">15.9.1934</date> (<ref type="kba-objects-id" target="24540">KBA 9334.905</ref>), in der <persName ref="kbga-actors-7451">Stickelberger</persName> bereits schrieb, er bitte «noch einmal» um einen Vortrag, und von Anfang Januar 1935 (<ref type="kba-objects-id" target="25451">KBA 9335.11</ref> [undatiert]). </note>
					<hi rend="italic"> Am <date when="1935-05-24">24. Mai</date> schrieb er an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Dabei fällt mir nun ein, dass mich ja auch die Basler Studenten längst einmal zu einem solchen Vortrag haben wollten. Es kommt dazu, dass ich das, <pb xml:id="p808" ed="pga"/> was zu sagen mir vorschwebte, im Blick auf die beiden Eventualitäten meiner Basler Entscheidung gerade dort nicht ungern schon zuvor öffentlich gesagt hätte.»</hi><note xml:id="n13">Brief an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> vom
<date when="1935-05-24">24.5.1935</date> (<ref type="pub" target="#fn_n08">Anm. 8</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p893#p893">S. 893</ref></bibl>). </note>
					<hi rend="italic"> Da <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Adressen der Personen, mit denen er früher korrespondiert hatte, auf dem <placeName ref="kbga-places-100">Bergli</placeName> nicht vorlagen, bat er <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>, den Kontakt zu vermitteln. Am <date when="1935-05-27">27. Mai</date> verabredete <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> mit <persName ref="kbga-actors-5936">Hans Dietschy</persName> vom Vortragsausschuss der Studentenschaft <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> telefonisch, dass er am <date when="1935-06-04">4. Juni</date> als Gast der Studentenschaft im Münstersaal des Basler Bischofshofs zum Thema «Das Evangelium in der Gegenwart» sprechen werde.</hi><note xml:id="n14">Vgl. Brief <persName ref="kbga-actors-5936">H. Dietschys</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
						<date when="1935-05-27">27.5.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26418">KBA 9335.535</ref>). – <persName ref="kbga-actors-5936">Hans Dietschy</persName> (1912–1991) studierte zu dieser Zeit in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> Ethnologie und Geschichte. </note>
					<hi rend="italic"> Der von Zürcher <term type="sachen" key="Zürich, Studentenschaft">Theologiestudenten</term> geäußerten Bitte, auch dort den Vortrag zu wiederholen,</hi><note xml:id="n15">Vgl. Brief <persName ref="kbga-actors-9602">F. Guidons</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
<date when="1935-06-04">4.6.1935</date> (<ref type="kba-objects-id" target="26451">9335.552</ref>). </note>
					<hi rend="italic"> kam <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nicht nach.</hi>
				</p>
				<p>
					<hi rend="italic">Die Basler Zeitungen brachten ausführliche Zusammenfassungen des Vortrags,</hi><note xml:id="n16"><bibl corresp="kbga-bibls-7289">M. S., <hi rend="italic">Das Evangelium in der Gegenwart. Prof. Karl Barth als Gast der Basler Studentenschaft</hi>, in: National-Zeitung, Jg. 93 (1935), Nr. 254,
5.6.1935</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7290">K. O., <hi rend="italic">Prof. Karl Barth über «Das Evangelium in der Gegenwart». Vortrag der Studentenschaft Basel</hi>, in: Basler Nachrichten, Jg. 91 (1935), Nr. 153,
6.6.1935, 3. Beilage</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7322">O., <hi rend="italic">Prof. Karl Barth über «Das Evangelium der Gegenwart»</hi>, in: Neue Basler Zeitung, Jg. 6, Nr. 132,
8.6.1935</bibl>. </note>
					<hi rend="italic"> der sicher aufgrund des großen Andrangs statt im Bischofshof in der «vollbesetzten» Martinskirche stattgefunden hatte.</hi><note xml:id="n17"><bibl corresp="kbga-bibls-7290">K. O., a.a.O.</bibl> – <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> schrieb in ihrem Taschenkalender von der «gefüllten Martinskirche» (
<date when="1935-06-04">4.6.1935</date>). </note>
					<hi rend="italic"> Nachher fand eine Diskussion statt; danach blieben <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> und verbrachten den Abend und die Nacht bei <persName ref="kbga-actors-403">Eduard Thurneysen</persName>.</hi><note xml:id="n18">Vgl. Taschenkalender <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName>, ebd.</note>
					<hi rend="italic"> Über den «persönlichen Nachhall» berichtete <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName> kurz darauf an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Natürlich haben alle die, die irgendwie mit der deutschen Lage innerlich mitgehen, besonders wach zugehört und waren besonders bewegt durch deine Worte. Ich weiß von solchen, die einfach aufgeatmet haben, gedankt haben ob der Klarheit und Kraft, mit der die letzten Untergründe aufgerissen wurden. Dagegen gibt es natürlich Basler, die einiges ‹übertrieben› fanden, doch wirklich keine – wenigstens ich habe keine getroffen –, die nicht bewegt waren […].»</hi><note xml:id="n19">Brief <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom
						<date when="1935-06-07">7.6.1935</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9370.750</idno>; <bibl corresp="kbga-bibls-6">Bw.Th. III, <ref type="pub" target="../volume/34/p894#p894">S. 894</ref></bibl>). </note>
				</p>
				<p><pb xml:id="p809" ed="pga" rend="noPipe"/> <hi rend="italic">Von den Vorarbeiten zum Vortrag ist lediglich das Manuskript erhalten, das neun eng beschriebene Seiten umfasst.</hi><note xml:id="n20"><ref type="kba-objects-id" target="101">KBA 10091</ref>. Von der fünften Seite liegt eine erste, in der zehnten Zeile abbrechende Variante vor; auf S. 6 sind die letzten etwa zwei Drittel des Textes durchgestrichen – hierbei könnte es sich um den Beginn des ursprünglichen dritten Teiles handeln, den <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> nach Auskunft <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaums</persName> am
					<date when="1935-05-31">31. Mai 1935</date> «noch einmal» schrieb (s. oben). </note><hi rend="italic"> – Der Abdruck erschien in:</hi> <bibl corresp="kbga-bibls-5612"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, </hi>Das Evangelium in der Gegenwart<hi rend="italic"> (ThExh 25), München 1935, S. 18–36.</hi></bibl> <hi rend="italic">Hierauf bezieht sich die angegebene Originalpaginierung. Ein weiterer Abdruck erfolgte nicht, jedoch erschien bereits 1936 eine Übersetzung in holländischer Sprache in:</hi> <bibl corresp="kbga-bibls-7285"><hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, </hi>De levende God. Preeken en voordrachten<hi rend="italic">, uitgezocht en ingeleid door W. J. Aalders, vertaling van P. G. van den Hooff, Amsterdam 1936, S. 61–84.</hi></bibl>
				</p>
			</div>
			</div>
			<div>
				<head>Das Evangelium in der Gegenwart</head>
				<head type="sub"><anchor type="note" xml:id="fn-a"/>Vortrag, gehalten am <date when="1935-06-03">3. Juni</date> in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und am
					<date when="1935-06-04">4. Juni 1935</date> <term type="sachen" key="Basel">in </term><placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName><note n="a" target="fn-a" type="textcritical" xml:id="na">Fehlt im Mskr.</note></head>
				<p> Der englische Schriftsteller <persName ref="kbga-actors-3211">John Galsworthy</persName> erzählt in seinem in der Gegenwart spielenden Roman «Blühende Wildnis»<note xml:id="n21"><bibl corresp="kbga-bibls-7323"><persName ref="kbga-actors-3211">J. Galsworthy</persName>, <hi rend="italic">Flowering Wilderness</hi>, London 1932</bibl>; deutsche Ausgabe: <bibl corresp="kbga-bibls-7324">ders., <hi rend="italic">Blühende Wildnis. Roman</hi>, übersetzt von L. Schalit, Berlin 1932</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-3211">John Galsworthy</persName> (1867–1933) war Träger des Literaturnobelpreises 1932.</note> die Geschichte eines vornehmen und gebildeten jungen Engländers, der, in die Gefangenschaft eines feindlichen Arabers geraten, vor dem Gewehrlauf des<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb">Mskr.: «seines». </note> Gegners, um sein Leben zu retten, den christlichen <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term> abschwört und zum Islam übertritt. Darüber allgemeine Empörung der guten Gesellschaft in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName>: der junge Mann hat mit seinem Abfall die Würde und Überlegenheit der weißen Rasse im Allgemeinen und insbesondere des britischen Imperiums gegenüber der farbigen Welt verraten. Weil der christliche Glaube zum geschichtlichen Erbe und <pb xml:id="p810" ed="pga"/> <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>als Symbol wohl auch zum notwendigen Bestand der modernen <term type="sachen" key="Kultur, moderne">Kultur</term> und insbesondere des englischen Wesens<note n="c" target="fn-c" type="textcritical" xml:id="nc">Mskr:: «symbolisch wohl auch zum Bestand der Kultur und insbesondere der englischen Kultur».</note> gehört, darum hätte er sich für ihn totschießen lassen müssen. Auch für den christlichen Glauben als solchen? Nein, darüber ist sich die gute Gesellschaft in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName> nun allerdings offen oder heimlich ebenso einig: nicht für den christlichen Glauben als solchen! An sich könnte man heute<note n="d" type="textcritical" xml:id="nd">Fehlt im Mskr.</note> ebenso gut <term type="sachen" key="Islam">Mohammedaner</term> wie <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">Christ</term>, wie irgend etwas Anderes, wie vielleicht auch gar nichts sein. In die <term type="sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> gestellt, wird man sich heute zum christlichen Glauben vielleicht um der <term type="sachen" key="Moral">Moral</term>, um der <term type="sachen" key="Ehre">Ehre</term>, um der <term type="sachen" key="Tradition">Tradition</term>, aber nimmermehr um seiner selbst willen bekennen. Das Katastrophale jenes Falles besteht nicht darin, dass der Mann<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne">Mskr.: «Herr».</note> seinen Glauben verleugnet, sondern darin, dass er damit <placeName ref="kbga-places-18">England</placeName> Unehre gemacht hat. Das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> steht – auch in den Kreisen, in denen es überhaupt noch steht – nicht mehr auf eigenen Füßen. Sofern es noch lebt, lebt es zur Miete in fremden Häusern, deren Wert und Dauerhaftigkeit übrigens auch nach <persName ref="kbga-actors-3211">Galsworthy</persName> eine Frage für sich ist.</p>
				<p> Hat <persName ref="kbga-actors-3211">Galsworthy</persName> recht? Er wird wohl wie alle Analytiker, die sich mit ihrem Urteil an solche letzten Zeitfragen heran<pb n="19" ed="A" break="no"/>wagen, nur teilweise recht haben. Es steht gewiss jedem <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>von uns<note n="f" target="fn-f" type="textcritical" xml:id="nf">Fehlt im Mskr.</note> frei, zu beteuern, dass er sich auch als <anchor type="note" xml:id="fn-g"/><term type="sachen" key="Mensch, der Gegenwart">Mensch</term> der Gegenwart<note n="g" target="fn-g" type="textcritical" xml:id="ng">Mskr.: «heutiger Mensch».</note> anders benehmen, und zwar im Unterschied zu der guten Gesellschaft jenes Romans um des christlichen <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glaubens</term> selbst willen anders benehmen würde als der bewusste junge Engländer. Und das wird man ihm dann bis auf weiteres glauben müssen, schon darum, weil das Phänomen offenbar echten <term type="sachen" key="Martyrium">Martyriums</term> schließlich auch der Gegenwart nicht ganz unbekannt ist. Immerhin: die Tatsache, dass gerade ein Mann wie <persName ref="kbga-actors-3211">Galsworthy</persName>, dem man Sinn und Verständnis für die metaphysischen Tiefen des Menschenlebens wahrhaftig nicht absprechen kann, gerade im Blick auf die von außen gesehen so intakte Kirchlichkeit <placeName ref="kbga-places-18">Englands</placeName> die Lage des <term type="sachen" key="Christentum">Christentums</term> in der Gegenwart – nicht nur in diesem, <pb xml:id="p811" ed="pga"/> sondern in allen seinen Büchern! – so sehen zu müssen meint, würde zu denken geben, auch wenn er nur zu einem kleineren Teil recht hätte. Er könnte aber, auf das Ganze der angeblich und vermeintlich christlichen europäisch-amerikanischen <term type="sachen" key="Welt, vermeintlich christliche europäisch-amerikanische">Welt</term> gesehen, auch zu einem größeren Teil recht haben. Ich erinnere, um von der guten Gesellschaft in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName> jetzt abzusehen, an das typische Bild, das heute sicher jede größere Stadt, aber weithin auch schon die Kleinstadt und das Land beider Kontinente an ihren Sonntagen bieten: am Morgen die endlose Flucht der in irgend eine Ferne strebenden Autos und Motorräder, am Nachmittag Fußball-Länderkampf oder etwas Ähnliches, am Abend die überfüllten Kinos. Irgendwo dazwischen erklingen gewiss auch die Kirchenglocken, wird auch gepredigt und gebetet. Irgendwo hört man auch singen: «Wie nach einer Wasserquelle…»<note xml:id="n22">Psalmlied auf der Grundlage von <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.42">Ps. 42</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.43">43</ref>, deutscher Text von <persName ref="kbga-actors-6043">A. Lobwasser</persName> (1515–1585), Melodie von <persName ref="kbga-actors-10966">Loys Bourgeois</persName> (1510–1561), in: <bibl corresp="kbga-bibls-7334">J. <term type="namen" key="Zahn, Johannes">Zahn</term>, <hi rend="italic">Die Melodien der deutschen evangelischen Kirchenlieder aus den Quellen geschöpft und mitgeteilt</hi>, Bd. 4: <hi rend="italic">Die Melodien von den achtzeiligen trochäischen bis zu den zehnzeiligen inkl. enthaltend</hi>, Gütersloh 1891 (Nachdr. Hildesheim 1963), S. 102</bibl>. – <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> und seine Zuhörer werden die modernisierte und textlich überarbeitete Fassung im <bibl corresp="kbga-bibls-7335"><hi rend="italic">Gesangbuch für die Evangelisch-reformirte Kirche der deutschen Schweiz</hi>, Basel 1907, Nr. 262</bibl> (RG 30 bietet eine weiter modernisierte Fassung), vor Augen gehabt haben: 
					<q rend="block"><lg>
					<l>Wie nach einer Wasserquelle / Ein Hirsch schreiet mit Begier,</l>
					<l>Also schreit auch meine Seele / Sehnsuchtsvoll, mein Gott, nach Dir.</l>
					<l>Nur nach Dir, o Lebensgott, / Dürstet sie in ihrer Not.</l>
					<l>Ach, wann werd’ ich dahin gehen, / Wo ich kann dein Antlitz sehen?</l></lg></q></note> Das Bild wäre nicht vollständig, wenn das ganz fehlte. Die getaufte und konfirmierte <term type="sachen" key="Menschheit, getaufte und konfirmierte">Menschheit</term> in diesen Städten und Dörfern ist im Ganzen weit entfernt davon, das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> abzulehnen oder zu hassen oder gar verfolgen zu wollen. Sie ist aber doch offensichtlich noch weiter entfernt davon, sich in ihrem anderweitig bestimmten Lauf <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>auch nur ein bisschen<note n="h" target="fn-h" type="textcritical" xml:id="nh">Fehlt im Mskr.</note> von ihm stören zu lassen oder gar<note n="i" type="textcritical" xml:id="ni">Fehlt im Mskr. </note> sich mit letztem Nachdruck dafür einzusetzen. Geschäft, Technik, Sport und etwas Politik sind notwendig; auch das Christentum ist eine gute, aber doch nur eine als mehr oder weniger überflüssiger Zusatz gute <pb xml:id="p812" ed="pga"/> Sache. Der letzte Nachdruck des Denkens und Handelns dieser Menschheit kommt offensichtlich anderswoher, um anderswohin zu gehen. Was besagt es <pb n="20" ed="A"/> demgegenüber, wenn es tatsächlich auch in der Gegenwart eine Anzahl Leute gibt, die bereit sind, nicht nur im Krieg, nicht nur in irgend einer Sportsangelegenheit, sondern nun gerade in der Behauptung ihres christlichen <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glaubens</term> ihr Leben in die Schanze zu schlagen? <anchor type="note" xml:id="fn-j"/>Sie könnten ja auch die Nachzügler einer demnächst endgültig vergangenen Zeit sein.<note n="j" target="fn-j" type="textcritical" xml:id="nj">Fehlt im Mskr.</note> Die heutige <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">Christenheit</term> als Ganzes ist sicher nicht bereit dazu. Der <term type="sachen" key="Fanatismus">Fanatismus</term>, der allerdings ein bezeichnender Zug gerade im Gesicht unserer Gegenwart ist, hat heute seinen Sitz anderswo als in den christlichen Kirchen. Man kann das zu ihrem Ruhme sagen. Man kann sich aber auch darüber wundern, dass heute zu ihrem Ruhme gerade das zu sagen ist!</p>
				<p> Von hier aus dürfte das zu verstehen sein, was sich in diesen Jahren in Sachen des Christentums in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> ereignet. Die neue deutsche Staats- und Lebensordnung<note n="k" type="textcritical" xml:id="nk">Mskr.: «Lebensform».</note> behauptet bekanntlich aufs Feierlichste, «auf dem Boden des positiven <term type="sachen" key="Christentum, positives">Christentums»</term> zu stehen.<note xml:id="n23">Wörtlich zitiert <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier Punkt 4 der sogenannten <term type="namen" key="Hossenfelder, Joachim">Hossenfelderschen</term> Richtlinien der Glaubensbewegung «<orgName ref="kbga-actors-8563">Deutsche Christen»</orgName> von 1932: «Wir stehen auf dem Boden des positiven Christentums» (<bibl corresp="kbga-bibls-124">Schmidt</bibl>). Dem inhaltlichen Zusammenhang nach gemeint sein dürfte aber – es liegt hier dieselbe Verwechslung vor wie schon im Artikel <hi rend="italic"><bibl corresp="kbga-bibls-553">Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland</bibl></hi> – Punkt 24 des <term type="sachen" key="NSDAP"><orgName ref="kbga-actors-8272">NSDAP</orgName>-Parteiprogramms</term> von 1920: «Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden» (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p797#fn_n26">S. 797, Anm. 26</ref>).</note> Das christliche Ausland soll sich doch ja hüten, den Balken im eigenen Auge nicht zu sehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.3">Mt. 7,3</ref>] und hier etwa gleich von Heuchelei zu reden! Die Formel ist nämlich darum subjektiv ganz ehrlich gemeint, weil unter «positivem Christentum» sehr<note n="l" type="textcritical" xml:id="nl">Mskr.: «ganz».</note> schlicht und selbstverständlich ein solches Christentum zu verstehen ist, das nun eben zu dieser neuen deutschen Staats- und Lebensordnung<note n="m" type="textcritical" xml:id="nm">Mskr.: «Lebensform».</note>, der <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">nationalsozialistischen</term>, in einem «positiven»<note n="n" type="textcritical" xml:id="nn">Im Mskr. ohne Anführungszeichen. </note> Verhältnis steht, das sie bejaht, <pb xml:id="p813" ed="pga"/> das sie zu stützen und <anchor type="note" xml:id="fn-o"/>zu fördern<note n="o" target="fn-o" type="textcritical" xml:id="no">Mskr.: «ihr zu dienen».</note> bereit ist. Die Formel bedeutet, dass das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> im neuen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> genau so viel inneres und äußeres Lebensrecht hat, als es in diesem Sinn «positiv» <anchor type="note" xml:id="fn-p"/>oder «volksverbunden»<note n="p" target="fn-p" type="textcritical" xml:id="np">Fehlt im Mskr.</note><note xml:id="n24">Vgl. zu dieser besonders von den <orgName ref="kbga-actors-8563">Deutschen Christen</orgName> propagierten Forderung z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-7336"><persName ref="kbga-actors-184">E. Hirsch</persName>, <hi rend="italic">Die wirkliche Lage unserer Kirche</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Das kirchliche Wollen der Deutschen Christen</hi>, Berlin-Charlottenburg 1933, S. 20–23</bibl>: «Es ist das eigentliche Anliegen der <orgName ref="kbga-actors-8563">Deutschen Christen</orgName>, uns eine volksverbundene Kirche zu geben, so daß wirklich die Kirche ein Volk und das Volk eine Kirche hat. Wenn wir unsre evangelische Kirche in innerer Gleichartigkeit zum nationalsozialistischen Staate aufbauen, […], dann kann unsre evangelische Kirche wahrhaft eine deutsche Volkskirche werden» (<bibl corresp="kbga-bibls-7336">a.a.O., S. 22</bibl>). </note> ist. Lässt es sich in diesem Sinn verstehen und nötigenfalls umgestalten? Um diese – im heutigen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> im Unterschied zu früheren Zeiten und zu anderen Ländern offen und gebieterisch gestellte – Frage dreht sich der ganze deutsche <term type="sachen" key="Kirchenkampf, «Kirchenstreit»">«Kirchenstreit»</term><note xml:id="n25">Die Auseinandersetzungen in der deutschen evangelischen Kirche wurden zu dieser Zeit oft als «Kirchenstreit» bezeichnet. Vgl. z. B. <bibl corresp="kbga-bibls-7337"><persName ref="kbga-actors-6416">E. Fiedler</persName>, <hi rend="italic">Kirchenregiment und Kirchenstreit</hi>, Leipzig 1934</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7338"><persName ref="kbga-actors-2437">S. Knak</persName>, <hi rend="italic">Kirchenstreit und Kirchenfriede, beleuchtet von den Erfahrungen der Mission aus</hi>, Berlin 1934</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7339"><persName ref="kbga-actors-3558">Chr. Stoll</persName>, <hi rend="italic">Dokumente zum Kirchenstreit</hi>, 6 Hefte, München 1934–1935</bibl>.</note>. Und nun hat die Erfahrung dieser Jahre gezeigt, dass man das Christentum in der Tat weithin in diesem Sinn «positiv» verstehen und umgestalten <hi rend="italic">kann</hi>. Die nationale Welle trug und bedeckte<note n="q" type="textcritical" xml:id="nq">Mskr.: «verschlang».</note> – und das im Ursprungslande der <term type="sachen" key="Reformation">Reformation</term>! – <anchor type="note" xml:id="fn-r"/>neben so viel Anderem<note n="r" target="fn-r" type="textcritical" xml:id="nr">Fehlt im Mskr. </note> weithin auch das Christentum. Sind wir sicher, dass der Staat und die Gesellschaft in <placeName ref="kbga-places-514">Holland</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-630">Dänemark</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> und <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName> – in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> (bei verschiedenem Vorzeichen und ohne jene <pb n="21" ed="A"/> Frage so ausdrücklich und nachdrücklich zu stellen!) unter «positivem <term type="sachen" key="Christentum, positives">Christentum»</term> etwas grundsätzlich Anderes verstehen? Sind wir sicher, dass man das Christentum nicht auch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, wenn die Frage auch hier einmal ausdrücklich und nachdrücklich gestellt würde, sehr wohl in einem entsprechenden «positiven» Sinn verstehen und umgestalten könnte? Wer dessen sicher ist, der – aber auch nur der werfe hier den ersten Stein! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.7">Joh 8,7</ref>] So lange ist es <pb xml:id="p814" ed="pga"/> schließlich noch nicht her, dass ein wenig in allen Ländern wenigstens protestantischen Bekenntnisses allen Ernstes versucht wurde, das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> sozialistisch zu verstehen und umzugestalten, und wir werden uns wohl noch erinnern, dass das damals wenigstens eine Zeitlang ganz schön ging.<note xml:id="n26">Anspielung auf den religiösen <term type="sachen" key="Sozialismus, Religiöser">Sozialismus</term>, der nach dem Ersten <term type="sachen" key="Erster Weltkrieg">Weltkrieg</term> in den evangelischen Kirchen vor allem des deutschsprachigen Raumes zu Einfluss gelangte. </note> Auf diesem Hintergrunde gesehen<note n="s" type="textcritical" xml:id="ns">Fehlt im Mskr.</note>, wird man die offene und energische Verunselbständigung des Christentums, auf die die Entwicklung in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> <anchor type="note" xml:id="fn-t"/>hinzutreiben scheint<note n="t" target="fn-t" type="textcritical" xml:id="nt">Mskr.: «jedenfalls hintreibt».</note>, nicht als etwas Unerhörtes betrachten können.<note xml:id="n27">Den Gedanken, dass das Ausland den Deutschen in dieser Frage nicht gegenüberstehen dürfe «wie die Gerechten den Ungerechten», hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bereits 1933 im <bibl corresp="kbga-bibls-487"><hi rend="italic">Vorwort [zu: Die Kirche Jesu Christi]</hi> (V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p600#p600">S. 600–618</ref>, Zitat dort <ref type="pub" target="../volume/49/p617#p617">S. 617</ref>; vgl. a.a.O., <ref type="pub" target="../volume/49/p617#p617">S. 617f.</ref></bibl>) ausgeführt. </note></p>
				<p> Was dem Christentum heute widerfährt, ist nun aber bekanntlich nicht nur dies, dass es offenkundig zu einem (eben noch als praktisch unentbehrlich mitgeschleppten) Nebenwert wird, und nicht nur dies, dass es sich im Sinn irgend eines der heute gültigen Hauptwerte «positiv» verstehen und umgestalten lassen muss. Es kann ihm auch dies geschehen, dass die angebliche und vermeintliche <term type="sachen" key="Christen / Christenheit, angebliche und vermeintliche">Christenheit</term> allmählich oder plötzlich zum Bewusstsein kommt, dass ihr Christentum im Verhältnis zu dem, wovon sie in Wahrheit lebt, ein Fremdkörper, eine Maske, ein Irrtum gewesen sei, von dem sie sich nunmehr zugunsten einer ursprünglicheren und eigentlicheren Erkenntnis befreien müsse. Woher kommt und wohin weist das in unserer Mitte so eindrucksvoll aufgestandene und vertretene Religionstum eines <persName ref="kbga-actors-791">Rudolf Steiner</persName><note xml:id="n28"><persName ref="kbga-actors-791">Rudolf Steiner</persName> (1861–1925), Begründer der Anthroposophie. In <placeName ref="kbga-places-15">Dornach</placeName> bei <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> befindet sich seit 1928 in dem noch von Steiner entworfenen «Goetheanum» das Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft </note>? Woher und wohin die Entwicklung eines Mannes wie <persName ref="kbga-actors-1243">Albert Schweitzer</persName> <anchor type="note" xml:id="fn-u"/>und seiner theologischen Schüler<note n="u" target="fn-u" type="textcritical" xml:id="nu">Fehlt im Mskr. </note>?<note xml:id="n29"><persName ref="kbga-actors-1243">Albert Schweitzer</persName> (1875–1965), Dr. phil, Lic. theol., Dr. med., 1901 Habilitation, ab 1902 Privatdozent für Neues Testament in Straßburg, 1905–1911 Medizinstudium, ab 1913 Missionsarzt in Lambarene am Ogowe, 1953 Friedensnobelpreis. – Der wichtigste theologische Schüler Schweitzers, <persName ref="kbga-actors-10967">Johannes Martin Werner</persName> (1887–1964), war 1928–1958 Professor für Systematische Theologie, Dogmengeschichte und Geschichte der Philosophie in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>. Ein Freund Schweitzers war <persName ref="kbga-actors-486">Hans Baur</persName> (1870–1937), Pfarrer an St. Leonhard in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> und Mitherausgeber des Schweizerischen Protestantenblatts. – Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Beurteilung Schweitzers – vor allem seiner kulturphilosophischen Schriften – und seiner Kritik besonders an ihm nahestehenden Theologen vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3453"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Sunt certi denique fines. Eine Mitteilung</hi> (1924), in: V.u.kl.A. 1922–1925, <ref type="pub" target="../volume/19/p490#p490">S. 490–499</ref></bibl>; Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> vom
					<date when="1928-11-15">15.11.1928</date> (<ref type="kba-objects-id" target="16071">KBA 9270.528</ref>; <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p628#p628">S. 628</ref></bibl>). </note> Es hat in die<pb xml:id="p815" ed="pga" break="no"/>sen Jahren <anchor type="note" xml:id="fn-v"/>jenes «positive»<note n="v" target="fn-v" type="textcritical" xml:id="nv">Mskr.: «das positive».</note> Verstehen und Gestalten des Christentums im Sinn des <term type="sachen" key="Nationalsozialismus">Nationalsozialismus</term> in weiten Kreisen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschlands</placeName> zu dem merkwürdigen Ergebnis geführt, dass als das eigentliche «positive <term type="sachen" key="Christentum, positives">Christentum»</term> ein teils in deutschen Studierstuben entdecktes, teils in deutschen <anchor type="note" xml:id="fn-w"/>Wäldern und Herzen<note n="w" target="fn-w" type="textcritical" xml:id="nw">Mskr.: «Herzen und Wäldern».</note> unmittelbar erlebtes genuines <term type="sachen" key="Heiden / Heidentum">Heidentum</term> sichtbar wurde. Und es hat dort ein angesehener Theologe allen Ernstes die These vertreten können, dass das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> selbst, demütig, <pb n="22" ed="A"/> wie es ohnehin ist, in der heutigen Lage bereit sein müsse, gegenüber den natürlichen Elementen deutscher <term type="sachen" key="Religion, deutsche">Religion</term> wenigstens auf eine Weile <anchor type="note" xml:id="fn-x"/>mit seinen Ansprüchen<note n="x" target="fn-x" type="textcritical" xml:id="nx">Fehlt im Mskr.</note> freiwillig zurückzutreten.<note xml:id="n30">Welchen Theologen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hier meint, konnte nicht ermittelt werden. </note> Und wenn man früher wohl den Eindruck haben konnte, als ob sich das Christliche vielleicht nirgends so innig – primitiv, aber umso rührender – mit dem Volks-, Gesellschafts<note n="y" type="textcritical" xml:id="ny">Fehlt im Mskr.</note> und Staatsleben vereinigt habe wie im heiligen <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName>, so hat man es gerade daselbst nach der politischen Umwälzung nicht einmal erst mit jenem «positiven» Verstehen und Gestalten des Christentums versucht, sondern ist sofort zu dessen offener Negation, ja Unterdrückung und <term type="sachen" key="Christentum, Verfolgung">Verfolgung</term> übergegangen.<note xml:id="n31">Kurz nach der Oktoberrevolution <term type="sachen" key="Revolution, Oktoberrevolution 1917">1917</term> wurde dort am
<date when="1918-01-23">23. Januar 1918</date> das Dekret über die Trennung von Kirche und Staat erlassen, «das der Kirche die Rechte einer juristischen Person aberkannte, Schließung der kirchlichen Lehranstalten und Enteignung des gesamten kirchlichen Besitzes vorsah» (<bibl corresp="kbga-bibls-7340">I. Neander</bibl>). Ab 1917/18 wurden in den Wirren des Bürgerkriegs, später und besonders 1921/22 auch durch systematischen kirchenfeindlichen Terror viele Kirchen und Klöster zerstört und zahlreiche Priester und Mönche getötet oder vertrieben. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5122">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p029#fn_n46">S. 29, Anm. 46</ref></bibl>. </note>
					<anchor type="note" xml:id="fn-z"/>Wie sich denn diese Konse<pb xml:id="p816" ed="pga" break="no"/>quenz auch in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> wenigstens in einzelnen Erscheinungen bereits anzukündigen scheint.<note n="z" target="fn-z" type="textcritical" xml:id="nz">Mskr.: «Wird sich diese Konsequenz nicht auch schon in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> in einzelnen Erscheinungen wenigstens ankündigen?»</note><note xml:id="n32">Besondere Aufmerksamkeit hatten kurz zuvor die Vorgänge um die Kanzelabkündigung der altpreußischen Bekenntnissynode vom <date to="1935-03-05" from="1935-03-04">4./
5. März 1935</date> gegen das Neuheidentum erregt. Reichsinnenminister <persName ref="kbga-actors-5701">Wilhelm Frick</persName> ließ die Verlesung der Kanzelabkündigung verbieten; etwa 500 Pfarrer, die sich weigerten, dem Verbot zu folgen, wurden vorübergehend verhaftet. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-122">Besier (<ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>), S. 61–63</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-296"><persName ref="kbga-actors-708">W. Niesel</persName>, <hi rend="italic">Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933–1945</hi> (AGK.E 11), Göttingen 1978, S. 57–64</bibl>. Eine Übersicht über weitere «<hi rend="italic">Maßnahmen gegen die Bekennende Kirche</hi> von März bis September 1935» findet sich bei <bibl corresp="kbga-bibls-169">Gauger III, S. 487–491</bibl>.</note> Ob wohl <persName ref="kbga-actors-3211">Galsworthy</persName> in vollem Umfang wusste, was er damit sagte, dass er seinen Helden nun doch nicht bloß das Christentum ablegen, sondern immerhin ausgerechnet<note n="aa" type="textcritical" xml:id="naa">Mskr.: «ausgerechnet gerade».</note> zum <term type="sachen" key="Islam">Islam</term> übertreten ließ? Dass es dem Christentum gegenüber einen bestimmten Weg gibt, auf dem ein Schritt den anderen mit einer gewissen Notwendigkeit nach sich zieht: die sympathische <term type="sachen" key="Christentum, Indifferenz">Indifferenz</term> die eigenmächtige <term type="sachen" key="Christentum, Umdeutung">Umdeutung</term>, diese die offene <term type="sachen" key="Christentum, Negation">Negation</term>, diese den <term type="sachen" key="Christentum, Angriff">Angriff</term> und die <term type="sachen" key="Christentum, Verfolgung">Verfolgung</term>, das hat man immer gewusst und im Einzelnen beobachten können. Das Neue, was sich heute abzuzeichnen beginnt, scheint dies zu sein: dass sich die angebliche und vermeintliche <term type="sachen" key="Christen / Christenheit, angebliche und vermeintliche">Christenheit</term> der Gegenwart in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> und <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName> <anchor type="note" xml:id="fn-ab"/>allgemein und im Ganzen<note n="ab" target="fn-ab" type="textcritical" xml:id="nab">Mskr.: «im großen Ganzen».</note> auf diesem Weg befindet. Die Folgen in den anderen Erdteilen, wo das Christentum mehr oder weniger zu Gaste ist bzw. <term type="sachen" key="Mission">Missionsarbeit</term> treibt, bleiben abzuwarten. Es bleibt auch dies<note n="ac" type="textcritical" xml:id="nac">Fehlt im Mskr.</note> ruhig abzuwarten, ob diese Entwicklung nicht doch wieder ins Stocken kommt oder durch andersartige Entwicklungen durchkreuzt wird, bevor ihre <anchor type="note" xml:id="fn-ad"/>schärferen und<note n="ad" target="fn-ad" type="textcritical" xml:id="nad">Fehlt im Mskr.</note> letzten Spitzen überall sichtbar sein wer<pb xml:id="p817" ed="pga" break="no"/>den. Es liegt mir nichts ferner, als durch <anchor type="note" xml:id="fn-ae"/>den Hinweis auf diese Entwicklung<note n="ae" target="fn-ae" type="textcritical" xml:id="nae">Mskr.: «irgend eine Zeitprophetie».</note> Sensation und Gruseln erregen zu wollen. Aber es muss doch nüchtern damit gerechnet werden, dass <anchor type="note" xml:id="fn-af"/>dies die Entwicklung ist, in der die Dinge in der Gegenwart sich tatsächlich befinden<note n="af" target="fn-af" type="textcritical" xml:id="naf">Mskr.: «die Entwicklung in der Gegenwart tatsächlich in dieser Richtung läuft».</note>. – So viel vom <hi rend="italic">Christentum</hi> in der Gegenwart.</p>
				<p>Dem Allem gegenüber haben wir nun nach dem <hi rend="italic">Evangelium</hi> in der Gegenwart zu fragen. Das <term type="sachen" key="Evangelium, und Christentum">Evangelium</term> ist mit <pb n="23" ed="A"/> dem Christentum nicht identisch. Das Evangelium ist die mächtige Botschaft, die im Christentum gemeint ist, auf die sich das Christentum schlecht und recht – und genaugenommen immer mehr schlecht als recht – begründet und bezieht. Gerade die Mächtigkeit dieser Botschaft lässt sich nun freilich nicht historisch feststellen und darstellen. Nüchtern rechnend mit den vorhin angeführten Tatsachen müssen wir ebenso nüchtern zunächst mit einer <anchor type="note" xml:id="fn-ag"/>zweiten Betrachtungs-Dimension<note n="ag" target="fn-ag" type="textcritical" xml:id="nag">Mskr.: «weitern Dimension».</note> rechnen, wenn wir nun nicht nur vom Christentum, sondern vom Evangelium reden wollen. Das Evangelium lebt nicht davon, dass das Christentum die allgemeine Entwicklung, das Herz der führenden Politiker, die Gebildeten, die Jugend oder gar die Massen für sich hat. Und so kann das Evangelium auch nicht daran leiden, wenn das Christentum heute tatsächlich in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName> zur Attrappe gemacht, in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> übersehen, in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> verfälscht und in <placeName ref="kbga-places-886">Petersburg</placeName> verfolgt wird. Das Evangelium geht durch alle diese Möglichkeiten frei hindurch. Es ist die jeweilige Lage des Christentums sein Schauplatz, aber nimmermehr seine <term type="sachen" key="Evangelium, und Christentum">Bedingung</term>, weder im Guten noch im Bösen. Denn es ist seine <term type="sachen" key="Evangelium, geistliche Mächtigkeit">Mächtigkeit</term> eine geistliche: unübersichtlich, unkontrollierbar, unberechenbar für den, der ihm mit einem anderen Maßstab als seinem eigenen beikommen<note xml:id="n33">Druck: «bekommen»; durch die Hrsg. korrigiert nach dem Mskr.</note> wollte. Nichts ist leichter als <anchor type="note" xml:id="fn-ah"/>die Mächtigkeit des Evangeliums<note n="ah" target="fn-ah" type="textcritical" xml:id="nah">Mskr.: «seine Mächtigkeit». </note> zu leugnen, wo man diesen seinen eigenen Maßstab nicht kennt. Kennt man ihn, dann ist freilich auch nichts schwerer als dies, <pb xml:id="p818" ed="pga"/> seine Mächtigkeit zu leugnen. Bei dem Allem bleibt aber<note n="ai" type="textcritical" xml:id="nai">Fehlt im Mskr.</note> die Mächtigkeit des Evangeliums nicht etwa unsichtbar. Sie erweist sich im <term type="sachen" key="Evangelium, Mächtigkeit erweist sich im Zeichen">Zeichen</term>. Sie bekundet sich in Ereignissen, die dann als solche auch historisch feststellbar und darstellbar sind, die sehr wohl die Kraft haben, historische Entwicklungen aufzuhalten, zu beschleunigen, zu durchkreuzen, neue historische Entwicklungen zu begründen. Als das, was sie sind, nämlich als Zeichen der Mächtigkeit des Evangeliums, können sie freilich auch immer übersehen, missverstanden und missdeutet werden. Es eignet dem Evangelium auch in seinen historischen Gestalten die Freiheit des <term type="sachen" key="Heiliger Geist, Freiheit">Geistes</term>, der sich entzieht und <anchor type="note" xml:id="fn-aj"/>der sich<note n="aj" target="fn-aj" type="textcritical" xml:id="naj">Fehlt im Mskr.</note> gibt, wo er will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.3.5 Joh.3.8">Joh. 3,5–8</ref>], der immer durch sich selbst erkannt sein will <anchor type="note" xml:id="fn-ak"/>und nur durch sich selbst erkannt werden kann<note n="ak" target="fn-ak" type="textcritical" xml:id="nak">Fehlt im Mskr., wo der im Druck folgende Absatz durch einen Gedankenstrich markiert ist.</note> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.11 1.Kor.2.15">1.Kor. 2,11–15</ref>].</p>
				<p>Ein solches Zeichen, eine solche historische Gestalt des Evangeliums ist das, was man mit einem merkwürdigerweise <pb n="24" ed="A"/> gerade in unseren Tagen wieder aktuell und inhaltsvoll gewordenen Wort das <hi rend="italic">Bekenntnis</hi> nennt. Das Bekenntnis ist die vom Evangelium selbst mitten in der historischen <term type="sachen" key="Geschichte">Entwicklung</term> des Christentums herbeigeführte und erzwungene öffentliche und verantwortliche Bejahung<note n="al" type="textcritical" xml:id="nal">Im Mskr. hervorgehoben.</note> des <term type="sachen" key="Bekenntnis, Bejahung des Eangeliums">Evangeliums</term>. Aus der historischen Entwicklung selbst heraus bzw. auf Grund eines Urteils über sie ist es noch nie zu dieser Bejahung gekommen. Gewiss auch nicht ohne klaren und bestimmten Blick auf sie und also auch nicht ohne irgend ein Urteil über sie. Aber wo es zum <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> kam, da war dieser Blick von allem Schielen und Wimperzucken ganz frei auf die Tatsachen als solche gerichtet, ohne den Wunsch, sich von ihnen belehren, bestätigen oder trösten zu lassen, und dann auch ohne die Gefahr, sich durch sie in Sorgen verwickeln, ängstigen und irre machen zu lassen. Es war dann immer ein letztlich und entscheidend nicht von den Tatsachen, sondern vom Evangelium festgehaltener und also die Tatsachen vom Evangelium aus festhaltender Blick. <anchor type="note" xml:id="fn-am"/>Das erste Gegebene im Bekenntnis ist ja nicht dies, dass Menschen sich aus irgendwelchen Gründen dazu ent<pb xml:id="p819" ed="pga" break="no"/>schließen, sich zu Christus zu bekennen, sondern dies, dass Christus ohne allen Grund entschlossen ist, sich zu <term type="sachen" key="Bekenntnis, Jesus Christus bekennt sich zu uns">ihnen</term> zu bekennen.<note n="am" target="fn-am" type="textcritical" xml:id="nam">Fehlt im Mskr.</note> Echtes <term type="sachen" key="Bekenntnis, echtes B. geht gegen den Strom">Bekenntnis</term> ging darum<note n="an" type="textcritical" xml:id="nan">Fehlt im Mskr.</note> nie mit, es ging immer gegen den Strom, gegen das geistige Fluidum, das jeweils in der Luft war, gegen die Ergebnisse der jeweiligen <anchor type="note" xml:id="fn-ao"/>von den Historikern vollzogenen<note n="ao" target="fn-ao" type="textcritical" xml:id="nao">Fehlt im Mskr.</note> Zeitanalysen, gegen die stärkeren Bataillone,<note xml:id="n34">Anspielung auf eine Redewendung <persName ref="kbga-actors-557">Friedrichs des Großen</persName>; vgl. oben, ­<ref type="pub" target="../volume/52/p095#fn_n46">S. 95, Anm. 46</ref>. </note> vor allem auch gegen die Tendenzen dessen, was jeweils <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> hieß. Echtes Bekenntnis ist ja kein zur Verbesserung oder Verbreitung, zur Rettung oder Erhaltung des Christentums ausgedachtes <term type="sachen" key="Bekenntnis, kein Menschenwerk">Menschenwerk</term>. Echtes <term type="sachen" key="Bekenntnis, vom Evangelium her fallende Entscheidung">Bekenntnis</term> ist vielmehr in seinem Wesen eine vom <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> selbst her fallende <term type="sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term>,<note xml:id="n35">Zum Begriff der «gefallenen <term type="sachen" key="Entscheidung">Entscheidung»</term> vgl. ausführlich <bibl corresp="kbga-bibls-506"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Reformation als Entscheidung</hi>, in: V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p516#p516">S. 516–552</ref>, dort bes. <ref type="pub" target="../volume/49/p532#fn_n63">S. 532, Anm. 63</ref></bibl>. </note> die dann von bestimmten Menschen schlicht damit ausgeführt werden muss, dass sie ohne Rücksicht auf <term type="sachen" key="Welt">Welt</term> und Christentum und was auch aus diesen werden möge, zum Evangelium wieder einmal laut und deutlich Ja sagen. Man erkennt das echte <term type="sachen" key="Bekenntnis, Sorgenfreiheit">Bekenntnis</term> an dieser Freiheit, an dieser Sorgenfreiheit gegenüber den Fragen: Was wird daraus? <anchor type="note" xml:id="fn-ap"/>Wieviel und wer sind wir, die da mittun?<note n="ap" target="fn-ap" type="textcritical" xml:id="nap">Mskr:: «Wieviel sind wir, die mittun?»</note> Was werden wir damit ausrichten? Wer wird uns hören, wer uns beistimmen und helfen? Es ist die Freiheit des <term type="sachen" key="Evangelium, Freiheit">Evangeliums</term> selbst, die sich in dieser Freiheit des <term type="sachen" key="Bekenntnis, Freiheit">Bekenntnisses</term> spiegelt. Man erkennt das echte Be<pb n="25" ed="A" break="no"/>kenntnis weiter an der Bestimmtheit, in der es zum Evangelium in einer bestimmten Zeit so Ja sagt, dass dieses Ja einen bestimmten Ton hat, der es von allen möglichen anderen Jas – wohlverstanden: auch und gerade von den in aller Ohren klingenden christlichen Jas – dieser Zeit unterscheidet, so also, dass dieses Ja einen bestimmten Gehalt<note n="aq" type="textcritical" xml:id="naq">Mskr.: «Rand».</note> von Nein hat, der notwendig, wenn auch vielleicht sehr<note n="ar" type="textcritical" xml:id="nar">Fehlt im Mskr. </note> ärgerlich mitzuhören ist.<note xml:id="n36">Zur Notwendigkeit, dem Ja des Bekenntnisses zur Verdeutlichung ein klares Nein zur Seite zu stellen, vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p313#p313">S. 313</ref>.</note> Es wird die göttliche Be<pb xml:id="p820" ed="pga" break="no"/>stimmtheit, <anchor type="note" xml:id="fn-as"/>der kritische Charakter<note n="as" target="fn-as" type="textcritical" xml:id="nas">Fehlt im Mskr.</note> der evangelischen Botschaft selber in dieser menschlichen Bestimmtheit <anchor type="note" xml:id="fn-at"/>und Polemik<note n="at" target="fn-at" type="textcritical" xml:id="nat">Fehlt im Mskr.</note> des Bekenntnisses ihre notwendige Entsprechung finden. Man erkennt das echte <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> weiter daran, dass die Bekenner, ob sie nun heroische Persönlichkeiten oder kleine Leute seien, in der Lage und willens sind, Haltung anzunehmen und Disziplin zu halten, Schritt für Schritt <anchor type="note" xml:id="fn-au"/>ihrem Bekenntnis entsprechende Beschlüsse<note n="au" target="fn-au" type="textcritical" xml:id="nau">Mskr.: «die ihrem Bekenntnis entsprechenden Entschlüsse».</note> zu fassen und auszuführen, Entscheidungen zu vollziehen, diese Positionen zu verlassen und andere zu besetzen, wiederum<note n="av" type="textcritical" xml:id="nav">Mskr.: «wieder».</note> ohne Rücksicht auf <term type="sachen" key="Welt">Welt</term> und <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> das Alles! Das Evangelium selbst könnte ja nicht als Entscheidung in ihr Leben getreten sein, wenn sie nicht lebensmäßig, wie <anchor type="note" xml:id="fn-aw"/>gebrochen und<note n="aw" target="fn-aw" type="textcritical" xml:id="naw">Fehlt im Mskr.</note> bescheiden immer, im Sinn ihres Bekenntnisses in <term type="sachen" key="Bekenntnis, echtes B. setzt in Bewegung">Bewegung</term> gesetzt wären. Man erkennt das echte Bekenntnis endlich daran, dass es Kirche <term type="sachen" key="Bekenntnis, echtes B. begründet Kirche">begründet</term>, vielleicht da ganz neu begründet, wo man mitten<note n="ax" type="textcritical" xml:id="nax">Mskr.: «vermeintlich mitten».</note> in der Kirche gar nicht mehr wusste, was Kirche ist: Gemeinschaft des Glaubens und des Gehorsams. Bloße Meinungsäußerungen, bloße Überzeugungexplosionen können das nicht, das <term type="sachen" key="Bekenntnis, und Überzeugung / Meinung">Bekenntnis</term> kann und tut das. Das Bekenntnis ruft<note n="ay" type="textcritical" xml:id="nay">Mskr.: «ruft ja».</note> als <term type="sachen" key="Bekenntnis, Antwort auf Ruf des Evangeliums">Antwort</term> auf den Ruf des Evangeliums. Das Evangelium selbst aber ruft zusammen, dorthin wo Menschen allein und wirklich eins werden können.<note n="az" type="textcritical" xml:id="naz">Im Mskr. folgt kein Absatz.</note></p>
				<p>Warum rede ich angesichts der heutigen Lage des Christentums gerade vom Bekenntnis? Es wäre ein Rückfall in die historische und als solche nicht weiterführende Betrachtung dieser Dinge, wenn man mich jetzt fragen wollte, ob ich denn so etwas wie echtes Bekenntnis irgendwo in der Welt zu kennen meine. Ich meine wohl so etwas zu kennen. Aber ich meine bloß. Ich weiß z. B. nicht, <anchor type="note" xml:id="fn-ba"/>so deutlich mir diese Sache vor Augen steht und so brennend sie mir<note n="ba" target="fn-ba" type="textcritical" xml:id="nba">Mskr.: «so brennend mir diese Sache».</note> am Herzen <pb xml:id="p821" ed="pga"/> liegt, ob und inwiefern es sich bei dem, was man heute in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> Bekenntniskirche, Bekenntnisfront, <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Bekenntnisgemeinschaft</term> nennt, um echtes Be<pb n="26" ed="A" break="no"/>kenntnis handelt. Es spricht auch sehr<note n="bb" type="textcritical" xml:id="nbb">Fehlt im Mskr.</note> Vieles dagegen. Ich weiß aber ohne allen Zusatz von Meinung, dass das <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> unter allen Umständen angesichts der heutigen Lage des <term type="sachen" key="Christentum">Christentums</term> die allein mögliche Antwort auf das <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> ist. Wichtig in der heute sichtbaren Entwicklung wird unter allen Umständen nur dies sein, ob es geschieht oder eben nicht geschieht, dass einige Menschen in <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> und <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName> – ob es einige tausend oder nur zwei oder drei <anchor type="note" xml:id="fn-bc"/>sein werden<note n="bc" target="fn-bc" type="textcritical" xml:id="nbc">Mskr.: «sind».</note> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.20">Mt. 18,20</ref>], tut nichts zur Sache – an allen anderen Möglichkeiten vorbei zum Bekenntnis vorstoßen. Wichtig kann also nicht die Frage sein, ob <persName ref="kbga-actors-3211">Galsworthy</persName> und seinesgleichen recht oder halb recht oder zum größeren oder kleineren Teil recht haben – wichtig ist nicht die Frage, ob das Experiment mit dem «positiven <term type="sachen" key="Christentum, positives">Christentum» </term> in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> oder das noch viel radikalere Experiment in <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName> zuletzt gelingt oder nicht gelingt, sondern wichtig kann nur die schließlich direkt<note n="bd" type="textcritical" xml:id="nbd">Fehlt im Mskr.</note> an uns selbst gerichtete Frage sein: ob wir uns nicht täuschen, wenn wir meinen, dass die <term type="sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> vom Evangelium her nicht kraft seiner inneren Mächtigkeit in der ganzen Freiheit des <term type="sachen" key="Heiliger Geist, Freiheit">Geistes</term> auch über uns selbst schon gefallen sei, ob wir also nicht mit unserem Bekenntnis schlecht und recht – und sei es denn mehr schlecht als recht – zur Stelle sein müssten? Wichtig wird ja in der heutigen Lage nicht dies sein, ob<note n="be" type="textcritical" xml:id="nbe">Mskr.: «dass».</note> Millionen diese oder<note n="bf" type="textcritical" xml:id="nbf">Mskr.: «und».</note> diese Stellung zum <hi rend="italic">Christentum</hi><note n="bg" type="textcritical" xml:id="nbg">Im Mskr. nicht hervorgehoben.</note> einnehmen, <anchor type="note" xml:id="fn-bh"/>ob z. B. die deutsche <term type="sachen" key="Bekennende Kirche">Bekenntniskirche</term> sich durchsetzt oder nicht durchsetzt,<note n="bh" target="fn-bh" type="textcritical" xml:id="nbh">Fehlt im Mskr.</note> sondern wichtig – auch für die Lage des Christentums wichtig – wird<note n="bi" type="textcritical" xml:id="nbi">Mskr.: «kann».</note> allein dies sein, ob<note n="bj" type="textcritical" xml:id="nbj">Mskr.: «dass».</note> Einige die rechte, die sachlich gebotene Stellung zum <hi rend="italic">Evangelium</hi><note n="bk" type="textcritical" xml:id="nbk">Im Mskr. nicht hervorgehoben.</note> gewinnen. Dies und nur dies würde die Schaffung einer <pb xml:id="p822" ed="pga"/> Tatsache bedeuten, während <anchor type="note" xml:id="fn-bl"/>durch alles Andere, wie stark es an sich in die Augen fallen mag, letztlich<note n="bl" target="fn-bl" type="textcritical" xml:id="nbl">Mskr.: «alles Andere schließlich Ansichten sind, durch die».</note> nichts in Bewegung gebracht wird.</p>
			
				<p> Wir dürfen aber nicht dabei stehen bleiben, der <term type="sachen" key="Evangelium, Mächtigkeit">Mächtigkeit</term> und der <term type="sachen" key="Evangelium, Freiheit">Freiheit</term> des Geistes des Evangeliums zu gedenken und uns also sagen zu lassen, dass es die Tat des <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnisses</term> fordert. Eine bedenkliche Verkürzung unserer Einsicht in das, was heute notwendig ist, könnte sonst die Folge sein. Es kann die Frage: was denn unter dem Evangelium zu verstehen sei? und also die Frage nach dem Inhalt des Bekenntnisses nicht offen bleiben. Das Evangelium, auf das sich das Christentum be<pb n="27" ed="A" break="no"/>gründet und bezieht, will ja schlicht die <term type="sachen" key="Evangelium, will Wahrheit sein">Wahrheit</term> sein und es muss also das <term type="sachen" key="Bekenntnis, und Erkenntnis">Bekenntnis</term> zu ihm ebenso schlicht aus der Erkenntnis der Wahrheit hervorgehen. An Offenheit für die Mächtigkeit des Evangeliums und also an Mut und Entschlossenheit zum Bekenntnis fehlt es vielleicht heute so wenig wie in alten Zeiten. Es fehlt aber vielleicht <anchor type="note" xml:id="fn-bm"/>weithin und schon lange<note n="bm" target="fn-bm" type="textcritical" xml:id="nbm">Fehlt im Mskr.</note> an der Einsicht in diesen Zusammenhang zwischen Bekenntnis<note n="bn" type="textcritical" xml:id="nbn">Mskr.: «Wahrheit».</note> und <term type="sachen" key="Bekenntnis, und Erkenntnis">Erkenntnis</term>. Vielleicht ist das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> mit darum in so merkwürdiger Weise mitten in der <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">Christenheit</term> zu einem bloßen <anchor type="note" xml:id="fn-bo"/>mehr oder weniger<note n="bo" target="fn-bo" type="textcritical" xml:id="nbo">Mskr.: «leise».</note> entbehrlichen Nebenwert geworden, weil man immer weniger wusste und zu sagen wusste, um was es sich denn handelt bei dieser Sache. Vielleicht mit darum konnte man es in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> unternehmen, es so willkürlich umzudeuten und umzugestalten, und ist es in <placeName ref="kbga-places-297">Russland</placeName> so verächtlich und schließlich verhasst geworden. Was in den Kirchen Bekenntnis heißt<note n="bp" type="textcritical" xml:id="nbp">Mskr.: «hieß».</note>, war das mehr aus Gründen der Pietät <anchor type="note" xml:id="fn-bq"/>oder sogar<note n="bq" target="fn-bq" type="textcritical" xml:id="nbq">Mskr.: «und».</note> der Ästhetik als aus eigenem beteiligten Wissen wiederholte <term type="sachen" key="Bekenntnis, der Väter">Bekenntnis</term> der Väter. Mit solcher Wiederholung kann aber dem Evangelium nicht gedient sein. Und wo dem Evangelium nicht gedient wird, da löst sich das Christentum von seinem Grund und Ziel, da wird es bei allem vielleicht immer noch warmen Eifer seiner Bekenner zu einem Spiel<pb xml:id="p823" ed="pga" break="no"/>ball fremder Elemente. Wo das aber einmal geschehen ist, da ist es auch<note n="br" type="textcritical" xml:id="nbr">Mskr.: «aber auch».</note> bei gutem Willen gar<note n="bs" type="textcritical" xml:id="nbs">Fehlt im Mskr.</note> nicht so einfach, wieder zum <term type="sachen" key="Bekenntnis, des Evangeliums">Bekenntnis</term> des Evangeliums vorzustoßen. Vielleicht entdeckt man bei <anchor type="note" xml:id="fn-bt"/>dieser Absicht<note n="bt" target="fn-bt" type="textcritical" xml:id="nbt">Mskr.: «diesem Anlass».</note> erst, wie fremd man ihm eigentlich geworden, wie unsicher hinsichtlich der ihm gegenüber gebotenen sachlichen Stellungnahme. Schwere Ratlosigkeit und Uneinigkeit kann dann entstehen<note n="bu" type="textcritical" xml:id="nbu">Mskr.: «einsetzen».</note> auch unter denen, die von Herzen gern Bekenner des Evangeliums sein oder werden möchten, oder was noch fast<note n="bv" type="textcritical" xml:id="nbv">Fehlt im Mskr.</note> schlimmer ist: schwere neue Verwechslungen des geforderten, auf Erkenntnis beruhenden <term type="sachen" key="Bekenntnis, und Erkenntnis">Bekenntnisses</term> mit der Wiederholung <anchor type="note" xml:id="fn-bw"/>ehrwürdiger Väterworte<note n="bw" target="fn-bw" type="textcritical" xml:id="nbw">Mskr.: «ehrwürdigen Vätergutes».</note>. Besonders die mit dem Worte bekanntlich schnell fertige Jugend<note xml:id="n37">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2689"><persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wallenstein II. Wallensteins Tod</hi>, Zweiter Aufzug, Zweiter Auftritt</bibl>: 
					<q rend="block"><lg>
					<l>Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,</l>
					<l>Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;</l>
					<l>Aus ihrem heißen Kopfe nimmt sie keck</l>
					<l>Der Dinge Maß, die nur sich selber richten.</l> </lg>
					</q></note> kann dann gefährdet und auch<note n="bx" type="textcritical" xml:id="nbx">Fehlt im Mskr.</note> gefährlich werden, wenn sie sich etwa, um rascher vorwärts zu kommen, die ganze Strenge und Not eines neuen Fragens nach dem Evangelium, einer wirklichen und zuchtvollen Sammlung und Besinnung auf seine <term type="sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ersparen zu können meint. Und man täusche sich nicht: auch das ernst und aufrichtig gemeinte Bekenntnis wird, <anchor type="note" xml:id="fn-by"/>wenn solche <pb n="28" ed="A"/> Sammlung und Besinnung fehlt,<note n="by" target="fn-by" type="textcritical" xml:id="nby">Mskr.: «dann». </note> hohl klingen und wohl rasch genug überhaupt verklingen; es wird jener kühnen Freiheit im Ernstfall doch entbehren; es wird nicht jenes notwendige <term type="sachen" key="Bekenntnis, erweckt notwendiges Ärgernis">Ärgernis</term>, sondern höchstens Verwunderung und Verdruss erwecken; es wird nicht entscheidungs- und aktionsfähig sein; es wird nicht Kirche begründen. Es wird also keine Tatsachen schaffen und gleich irgend einer Ansicht auch nichts in <pb xml:id="p824" ed="pga"/> Bewegung setzen. Das sind Erfahrungen des deutschen <term type="sachen" key="Kirchenkampf, Bekenntniskampf">Bekenntniskampfes</term>, die zu Rate zu ziehen man auch anderswo guttun wird.</p>
				<p> Wenn wirklich vom <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> her jene <term type="sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> fällt, die zum <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> drängt, dann wird das damit aufgerichtete Zeichen wohl vor allem die Einladung zu der Einsicht bedeuten, dass die <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">Christenheit</term> darum nur eine angebliche und vermeintliche <term type="sachen" key="Christen / Christenheit, angebliche und vermeintliche">Christenheit</term> ist, weil sie Entscheidendes, was sie als Christenheit wissen müsste, vergessen hat und erst<note n="bz" type="textcritical" xml:id="nbz">Mskr.: «also».</note> wieder lernen müsste. Und das Lernen unter diesem Zeichen wird dann ein Weg sein, der auf keinen Fall mit der Ausgabe und Annahme einiger noch so richtiger Parolen übersprungen werden kann, der vielmehr in zäher Übung und Gewöhnung von Schritt zu Schritt gegangen werden muss. Es ist schon das etwas Großes, <anchor type="note" xml:id="fn-ca"/>zu wissen, dass man<note n="ca" target="fn-ca" type="textcritical" xml:id="nca">Fehlt im Mskr.</note> sich erst wieder einmal wirklich um die Quellen und Zeugnisse des Evangeliums, nämlich um die <term type="sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term>, <anchor type="note" xml:id="fn-cb"/>sammeln muss<note n="cb" target="fn-cb" type="textcritical" xml:id="ncb">Mskr.: «zu sammeln».</note>, um sich, statt sich ein Evangelium selbst zu machen, authentisch<note n="cc" type="textcritical" xml:id="ncc">Fehlt im Mskr.</note> sagen zu lassen, was Evangelium ist. Es bedeutet etwas, einzusehen, dass die Christen als Glieder der Kirche keine Macht über die <term type="sachen" key="Christen / Christenheit, keine Macht über die Kirche">Kirche</term>, keine<note n="cd" type="textcritical" xml:id="ncd">Mskr.: «bzw.»</note> Macht über ihre Lehre und ihr Leben haben, weil die Kirche und mit ihr sie selbst, die Christen, laut des Evangeliums ihren <term type="sachen" key="Jesus Christus, Herr der Kirche">Herrn</term> schon haben. Es bedeutet etwas, bei dem Wort «Gott» statt an den Inbegriff menschlicher Ideale und Sehnsüchte mit dem Evangelium wieder nüchtern an den<note n="ce" type="textcritical" xml:id="nce">Mskr.: «einen».</note> dem Menschen und seiner Welt real gegenüberstehenden persönlichen <term type="sachen" key="Gott, Schöpfer">Schöpfer</term>, <term type="sachen" key="Gott, Gebieter">Gebieter</term> und <term type="sachen" key="Gott, Erlöser">Erlöser</term> zu denken. Es bedeutet etwas, den einfachen und doch so folgenschweren Gedanken, der das Zentrum des <term type="sachen" key="Evangelium, freie Gnade Gottes als Zentrum">Evangeliums</term> bildet, nämlich den Gedanken der <term type="sachen" key="Gnade, freie">freien </term>Gnade <term type="sachen" key="Gnade, Gottes">dieses</term> Gottes so zu realisieren, dass man sieht und versteht: hier ist das Ende aller, aber auch aller menschlichen Eigenmächtigkeit <hi rend="italic">und</hi> Sorgenmacherei <hi rend="italic">und</hi> Schlamperei, hier geht es um die Demütigung <hi rend="italic">und</hi> um die Befreiung <hi rend="italic">und</hi> um die Ordnung unserer Existenz. <pb n="29" ed="A"/> Es bedeutet etwas, sich vom Evangelium sagen zu lassen, dass diese freie Gnade Gottes <pb xml:id="p825" ed="pga"/> für die ganze Kirche und für jeden Einzelnen in ihr ganz und gar <anchor type="note" xml:id="fn-cf"/>aufgehoben und verschlossen ist in dem Einen, der da war und der da kommt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.4 Apk.1.5">Apk. 1,4f.</ref>], Jesus Christus,<note n="cf" target="fn-cf" type="textcritical" xml:id="ncf">Mskr.: «in dem einen Jesus Christus aufgehoben und verschlossen sind,».</note> dem gegenüber wir nun ebenso ganz und gar auf den <term type="sachen" key="Glaube / Glauben">Glauben</term>, <anchor type="note" xml:id="fn-cg"/>auf das Gedächtnis und auf die Erwartung seiner<note n="cg" target="fn-cg" type="textcritical" xml:id="ncg">Fehlt im Mskr.</note> gestellt sind, auf den Heiligen <term type="sachen" key="Heiliger Geist">Geist</term>, den wir uns nicht nehmen, dem wir aber auch bei Todesgefahr nicht ungehorsam sein können. Und es bedeutet etwas, nach dem <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> von da aus unsere Mitmenschen zu sehen als die, die<note n="ch" type="textcritical" xml:id="nch">Fehlt im Mskr.</note> mit uns verloren, mit uns gerettet und also unsere Brüder und Schwestern sind<note n="ci" type="textcritical" xml:id="nci">Fehlt im Mskr.</note>, an die wir gebunden sind, an die wir einen unverlierbaren und ununterbrochenen Auftrag haben. Ich sage: es bedeutet etwas, hier zu lernen, um dann zu wissen, was man getan hat und tun wird mit seinem <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> zum Evangelium. Es würde viel Arbeit von den Pfarrern, aber es würde sofort auch viel Arbeit von den Gemeinden verlangen, wenn es etwa darum gehen sollte, hier wieder ganz anders und zwar vom ABC auf anders zu lernen, als es in den Zeiten, die uns in die heutige Lage hineingeführt haben, geschehen ist. Es müsste dann wohl vor allem die Theologie in dem Sinn wieder eine ernsthaftere christliche Angelegenheit werden, als sie ihre Arbeit streng und einseitig auf die diesem Lernen dienende Forschung und Lehre zu konzentrieren hätte und als ihre Arbeit von der <term type="sachen" key="Theologie, Mitverantwortlichkeit der Gemeinde">Gemeinde</term> in einer Mitverantwortlichkeit zu begleiten wäre, die sie dauernd tragen und zugleich wohltätig bei der Stange halten würde.</p>
				<p>Es ist die Erkenntnis der Wahrheit<note n="cj" type="textcritical" xml:id="ncj">Im Mskr. hervorgehoben.</note> des <term type="sachen" key="Erkenntnis, der Wahrheit des Evangeliums">Evangeliums</term>, die dem Bekenntnis zu ihm Substanz und Metallgehalt gibt. Wieder ist es das Evangelium selbst, das uns zu solcher Erkenntnis ruft und allein rufen kann. Ruft es uns, so ruft es uns zur Besinnung. Es ist das auf solcher Besinnung beruhende Bekenntnis, das Tatsachen schafft, quer hindurch durch den scheinbar unaufhaltsamen<note n="ck" type="textcritical" xml:id="nck">Mskr.: «unüberwindlichen».</note> Lauf der <term type="sachen" key="Welt">Welt</term>, quer hindurch auch durch den Lauf eines dieser Welt gleichförmig gewordenen <term type="sachen" key="Christentum, der Welt gleichförmig geworden">Christentums</term>. «Die Wahrheit wird euch frei machen.» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.32">Joh. 8,32</ref>]</p>
			
				<p><pb xml:id="p826" ed="pga" rend="noPipe"/> Blicken wir von da aus noch einmal zurück auf das, was eingangs über das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> in der Gegenwart gesagt wurde, so scheint nun doch auch eine bestimmte historische Erwägung <pb n="30" ed="A"/> mit einer gewissen Notwendigkeit sich aufzudrängen. In Form einer These lässt sie sich freilich nicht vortragen. Als einer ernsten Frage mag ihr immerhin Raum gegeben sein.</p>
				<p>Wir haben gesehen, dass die angeblich und vermeintlich christliche<note n="cl" type="textcritical" xml:id="ncl">Mskr.: «christliche menschliche».</note> <term type="sachen" key="Christen / Christenheit, angebliche und vermeintliche">Gesellschaft</term> heute im Begriff zu stehen scheint, ihr Verhältnis zum Christentum einer Revision zu unterziehen, auf Grund deren es offenbar zuerst zu einem entbehrlichen Nebenwert gemacht, dann ausdrücklich und nachdrücklich seiner Selbständigkeit beraubt, dann offen verneint und schließlich sogar verfolgt und unterdrückt werden muss. Und wir haben demgegenüber gesehen, dass uns das <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> heute ganz neu und erst recht zum <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> und zur Erkenntnis auffordert. Es könnte nun sein – und dies ist die Frage, die jetzt noch aufgeworfen werden soll – dass wir uns von beiden Seiten her gesehen vor einer ungewohnt großen Veränderung der Zeiten und darum auch vor der Notwendigkeit ungewohnt großer innerer Umstellungen befinden würden.<note n="cm" type="textcritical" xml:id="ncm">Im Mskr. folgt hier ein Absatz.</note> Es könnte sein, dass unsere Gegenwart bedeutet: einerseits die letzten Tage eines alten, ja uralten Bundes zwischen dem Bekenntnis und der Erkenntnis des <term type="sachen" key="Evangelium, Bund mit den Welt- und Geschichtsmächten">Evangeliums</term> und den natürlichen Kräften und Mächten der menschlichen Geschichte<note n="cn" type="textcritical" xml:id="ncn">Mskr.: «Geschichte, insofern die letzten Tage dessen, was wir bisher und vor uns unsere Väter und Vorväter seit Menschengedenken unter ‹Christentum› verstanden haben».</note> – andererseits: den Anbruch von Tagen, in denen sich die Kirche, ganz auf ihre eigenen Füße <anchor type="note" xml:id="fn-co"/>gestellt, ohne<note n="co" target="fn-co" type="textcritical" xml:id="nco">Mskr.: «gestellt und ohne».</note> den Rahmen und Schutz dieses Bundes jenen natürlichen Kräften und Mächten der menschlichen Geschichte gegenüber verantworten<note n="cp" type="textcritical" xml:id="ncp">Mskr.: «verantworten müssen».</note> wird.</p>
				<p>Man kann diesen heute vielleicht zu Ende gehenden Bund von zwei verhältnismäßig entgegengesetzten Auffassungen her<note n="cq" type="textcritical" xml:id="ncq">Mskr.: «aus».</note> charakterisieren. Auch diese Auffassungen sollen hier beide<note n="cr" type="textcritical" xml:id="ncr">Fehlt im Mskr.</note> nur als Fragen geltend gemacht werden:</p>
				<p><pb xml:id="p827" ed="pga" rend="noPipe"/> Man kann sagen und klagen: Die <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">Christenheit</term> hat sich schon nach den ersten Jahrhunderten ihres Bestandes einer großen Fiktion und Illusion, zu Deutsch: einer großen Lüge in die Arme geworfen. Sie hielt es nicht mehr aus dabei, die törichte, immer verschwindende Minderheit zu sein. Sie wollte mehr sein als das Volk in der Einöde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.74.14">Ps. 74,14</ref><note xml:id="n38">Text der revidierten Lutherbibel von 1912. </note>], als der einsame Vogel auf dem Dach [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.102.8">Ps. 102,8</ref>]. Sie wollte nicht mehr leiden. Unter dem Vorwand der Ehre <term type="sachen" key="Gott, Ehre">Gottes</term> und des Wohles der Menschheit wollte sie es endlich auch gut haben. Und so vergaß sie, dass ihre Zeit die Zeit zwischen der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Himmelfahrt">Himmelfahrt</term> und der <term type="sachen" key="Jesus Christus, Wiederkunft">Wiederkunft</term> Jesu Christi und <pb n="31" ed="A"/> also eine von einem Anfang her einem Ende entgegenlaufende Zeit, eine kurze Zeit ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.29">1.Kor. 7,29</ref>], in der es für <term type="sachen" key="Christen / Christenheit, Gefangene der freien Gnade Gottes">die </term>Gefangenen der freien Gnade Gottes wohl ein Wandern, aber kein Aufhalten, wohl ein Sichbegegnen, aber kein Sichbinden, wohl Zelte, aber keine Steinhäuser gibt. <anchor type="note" xml:id="fn-cs"/>Und so ließ sie sich von der <term type="sachen" key="Kirche, und Welt">Welt</term> einladen.<note n="cs" target="fn-cs" type="textcritical" xml:id="ncs">Fehlt im Mskr.</note> So bat sie ihrerseits<note n="ct" type="textcritical" xml:id="nct">Fehlt im Mskr.</note> die Welt darum, ihr Daseinsberechtigung, ja Hausrecht zu gewähren. So schloss sie Übereinkünfte mit ihr. So ließ sie sich ihr Leben garantieren. So <anchor type="note" xml:id="fn-cu"/>ging sie immer aufs Neue den Bund ein:<note n="cu" target="fn-cu" type="textcritical" xml:id="ncu">Mskr.: «schloss sie Bund über Bund ab mit den heiligen Partnern,».</note> mit dem römischen <term type="sachen" key="Rom (römisches Reich)">Reich</term>, mit der platonisch-aristotelischen <term type="sachen" key="Philosophie, platonisch-aristotelische">Philosophie</term>, mit dem Volks- und Brauchtum des <term type="sachen" key="Germanentum">germanischen</term> Nordens, mit der humanistisch und später mit der technisch bestimmten <term type="sachen" key="Kultur, neuzeitliche">Kultur</term> der Neuzeit. Und sie hatte Erfolg. <anchor type="note" xml:id="fn-cv"/>Die Kirche wurde eine Macht neben den anderen Mächten dieser Welt.<note n="cv" target="fn-cv" type="textcritical" xml:id="ncv">Fehlt im Mskr.</note> Das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> erhielt sein<note n="cw" type="textcritical" xml:id="ncw">Mskr.: «nicht nur sein».</note> Leben in diesem Bund, <anchor type="note" xml:id="fn-cx"/>und nicht nur das: es schien bald<note n="cx" target="fn-cx" type="textcritical" xml:id="ncx">Mskr.: «es schien». </note> der eigentlich gewinnende, der eigentlich überlegene Teil zu werden. Es «siegte», wie man sagte.<note xml:id="n39">In der Kirchengeschichtsschreibung ist der Sieg <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantins</persName> über seine Rivalen oft als Sieg des Christentums interpretiert worden: «[…] der Gang der politischen Ereignisse im Westen entschied <hi rend="italic">312</hi> das Uebergewicht <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2218">Konstantins</persName></hi> und damit den Sieg des Christentums» (<bibl corresp="kbga-bibls-7341"><persName ref="kbga-actors-6512">K. Heussi</persName>, <hi rend="italic">Kompendium der Kirchengeschichte</hi>, Tübingen 1930<hi rend="sup">7</hi>, S. 80</bibl>); «Die Niederlagen des Licinius (323) und seine Ermordung (325) entschieden die <hi rend="italic">Alleinherrschaft Konstantins und den Sieg des Christentums im römischen Reiche</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-7341">a.a.O., S. 82</bibl>); «323 kam es zum zweiten entscheidenden Kriege mit <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName>, der dem Licinius Thron und Leben kostete, und damit war der Sieg des Christentums entschieden.» (<bibl corresp="kbga-bibls-7342"><persName ref="kbga-actors-3015">J. von Walter</persName>, <hi rend="italic">Die Geschichte des Christentums</hi>, Bd. I/1: <hi rend="italic">Das Altertum</hi>, Gütersloh 1932, S. 121</bibl>). Vgl. etwa auch <bibl corresp="kbga-bibls-7343"><persName ref="kbga-actors-34">F. Chr. Baur</persName>, <hi rend="italic">Das Christenthum und die christliche Kirche der drei ersten Jahrhunderte</hi>, Tübingen 1860<hi rend="sup">2</hi>, S. 466–471</bibl>.</note> Es er<pb xml:id="p828" ed="pga" break="no"/>schien eine Weile, auf der Höhe des <term type="sachen" key="Mittelalter">Mittelalters</term>, wie die Spitze und Krone des ganzen<note n="cy" type="textcritical" xml:id="ncy">Im Mskr. wurde das im Druck folgende «europäischen» anstelle des durchgestrichenen «ganzen» eingefügt.</note> europäischen Menschheitslebens. <anchor type="note" xml:id="fn-cz"/>Es gelang ihm auch noch in den Jahrhunderten nachher lange genug, wenigstens diesen Schein und Anspruch aufrecht zu erhalten. Es ließ sich und es lässt sich ja bis in unsere Tage hinein die Stadtgemeinde wie das Dorf die milde Weihe einer angemessen temperierten <term type="sachen" key="Christlichkeit, angenehm temperierte">Christlichkeit</term> im Ganzen nicht ungern gefallen.<note n="cz" target="fn-cz" type="textcritical" xml:id="ncz">Mskr.: «Es gelang ihm noch Jahrhunderte lang wenigstens den Schein aufrecht zu erhalten, als ob es das sei.»</note> Aber es bezahlte einen teuren<note n="da" type="textcritical" xml:id="nda">Druck: «teueren»; in Übereinstimmung mit dem Mskr. von den Hrsg. korrigiert.</note> Preis. Es verkaufte sein Erstgeburtsrecht um ein Linsengericht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.25.29 Gen.25.34">Gen. 25,29–34</ref>]. Indem es sich von den Kräften und Mächten der <term type="sachen" key="Geschichte">Geschichte</term> seine eigene<note n="db" type="textcritical" xml:id="ndb">Fehlt im Mskr.</note> Existenz garantieren ließ, garantierte es ihnen notwendig<note n="dc" type="textcritical" xml:id="ndc">Fehlt im Mskr.</note> auch die ihrige. Indem es sich von ihnen halten und beschenken ließ, wurde es hineingezogen in <anchor type="note" xml:id="fn-dd"/>ihre ganze Vergänglichkeit<note n="dd" target="fn-dd" type="textcritical" xml:id="ndd">Mskr.: «ihr vergängliches Wesen».</note>, in ihr Steigen und Fallen, Kommen und Gehen. Indem es sie, wie man so schön sagte, «beeinflusste», wurde es selbst noch viel mehr von ihnen beeinflusst. Sein <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> wurde matt und seine <term type="sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> leer<note n="de" type="textcritical" xml:id="nde">Mskr.: «musste leer werden».</note> in diesem Bunde. Sein Salz wurde dumm [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13">Mt. 5,13</ref>]. Seine <term type="sachen" key="Christentum, Geschichte">Geschichte</term> wurde die Geschichte seiner freiwillig-unfreiwilligen Amalgamierung mit den Ideen und Tendenzen eben des Äons, von dem es zu Anfang geheißen hatte, dass er im Kreuze <term type="sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> ein für allemal vergangen sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße, <pb xml:id="p829" ed="pga"/> und heute wird sie offenbar. Die Welt, der das <term type="sachen" key="Christentum, und Welt">Christentum</term> nur zu viel Treue entgegengebracht und bewiesen hat, war ihm <pb n="32" ed="A"/> ihrerseits wohl heimlich immer untreu, <anchor type="note" xml:id="fn-df"/>verstand jene Weihe wohl immer als ziemlich unverbindlich<note n="df" target="fn-df" type="textcritical" xml:id="ndf">Fehlt im Mskr.</note> und sagt es heute offen heraus, dass sie an ein ehrliches Halten des Bundes <anchor type="note" xml:id="fn-dg"/>auch nur noch zu denken nicht mehr<note n="dg" target="fn-dg" type="textcritical" xml:id="ndg">Mskr.: «gar nicht mehr zu denken».</note> gesonnen ist. Das «christliche <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>» kehrt unter dem Gelächter der Hölle zu seiner ursprünglichen wilden Freiheit<note xml:id="n40">Zum Gedanken einer ursprünglich «wilden», aber durch das Recht zu sich selbst gebrachten Freiheit vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3707"><persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf</hi>, in: Akademie-Ausgabe, Bd. 8, <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, S. 341–386, dort: S. 357</bibl>: «Für Staaten, im Verhältnisse unter einander, kann es nach der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen Zustande, der lauter Krieg enthält, herauszukommen, als daß sie eben so wie einzelne Menschen ihre wilde (gesetzlose) Freiheit aufgeben […]»; <bibl corresp="kbga-bibls-1666">ders., <hi rend="italic">Die Metaphysik der Sitten</hi>, in: Akademie-Ausgabe, Bd. 6, <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> 1907/1914, S. 203–494, dort S. 315f.</bibl>: «Der Act, wodurch sich das Volk selbst zu einem Staat constituirt, […], ist der <hi rend="italic">ursprüngliche Contract</hi>, nach welchem alle (omnes et singuli) im Volk ihre äußere Freiheit aufgeben, um sie als Glieder eines gemeinen Wesens […] sofort wiederaufzunehmen, und man kann nicht sagen: der Staat, der Mensch im Staate, habe einen Theil seiner angebornen äußeren Freiheit einem Zwecke aufgeopfert, sondern er hat die wilde, gesetzlose Freiheit gänzlich verlassen, um seine Freiheit überhaupt […] in einem rechtlichen Zustande unvermindert wieder zu finden […].» </note> zurück. Und nun mag ihm das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> nachtrauern wie ein verführtes Mädchen seinem ungetreuen Liebhaber.<note n="dh" type="textcritical" xml:id="ndh">Im Mskr. folgt ein – in der untersten Zeile einer Randeinfügung stehender, nicht sicher zu entziffernder Satz: «Warum hat es sich ihn in den Kopf gerufen?»</note> Warum hat es sich <anchor type="note" xml:id="fn-di"/>am Leben<note n="di" target="fn-di" type="textcritical" xml:id="ndi">Fehlt im Mskr.</note> erhalten wollen auf Kosten des <term type="sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term>, <anchor type="note" xml:id="fn-dj"/>statt es darauf ankommen zu lassen, aus den Kräften des Evangeliums zu leben<note n="dj" target="fn-dj" type="textcritical" xml:id="ndj">Fehlt im Mskr. </note>? Was ihm heute widerfährt, ist die Quittung für die große Lüge, deren es sich, deutlich seit dem verhängnisvollen Zeitalter <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantins</persName><note xml:id="n41"><persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName> (ca. 285–337), 306 römischer Kaiser, 313 im gesamten Westreich, 324 Alleinherrscher. – Obwohl die Entwicklung zur römischen Reichskirche unter <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName> noch nicht zum Abschluss kam, hat sich die Idee eines Bundes von Staat und Kirche an seinen Namen geheftet. Die Wendung «Zeitalter <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantins</persName>» meint hier die Zeit der Herrschaft <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantins</persName>, vielleicht das gesamte 4. Jahrhundert, aber nicht die mit <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName> beginnende und sich bis ins 19./20. Jahrhundert erstreckende Zeit des Bündnisses von Staat und Kirche, die unter diesem Aspekt häufig als «konstantinisches Zeitalter» bezeichnet wird. Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-5777"><persName ref="kbga-actors-8960">M. Hüttenhoff</persName>, <hi rend="italic">«Das konstantinische Zeitalter». Über die Karriere und Funktion einer historisch-theologischen Formel</hi>, in: Kl. M. Girardet (Hrsg.), <hi rend="italic">Kaiser Konstantin der Große. Historische Leistung und Rezeption in Europa</hi>, Bonn 2007, S. 177–192, bes. S. 181–183</bibl>. – Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Position s. <bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 365–367</bibl>. </note>, auf der ganzen Linie schuldig gemacht hat.</p>
				<p><pb xml:id="p830" ed="pga" rend="noPipe"/> Man kann nun denselben Sachverhalt gewiss auch ganz<note n="dk" type="textcritical" xml:id="ndk">Fehlt im Mskr.</note> anders sehen. Man kann nämlich diesen merkwürdigen, vor Jahrtausenden geschlossenen und heute so problematisch gewordenen Bund zwischen dem <term type="sachen" key="Evangelium, Bund mit den Welt- und Geschichtsmächten">Evangelium</term> und den Weltmächten auch als ein Ereignis verstehen, das als ein Erweis der Geduld <term type="sachen" key="Gott, Geduld">Gottes</term> und unter der Leitung seiner <term type="sachen" key="Gott ,Weisheit">Weisheit</term> auf bestimmte Zeit und in bestimmten Grenzen sein Recht und seine Notwendigkeit hatte. Es sollte die Zeit zwischen <term type="sachen" key="Jesus Christus, Himmelfahrt">Himmelfahrt</term> und <term type="sachen" key="Jesus Christus, Wiederkunft">Wiederkunft</term> nicht einfach leer sein, nicht ohne ein großes Gleichnis der ewigen, der kommenden Welt, nicht ohne eine vorläufige Erfüllung der <term type="sachen" key="Verheißung">Verheißung</term>, dass die Sanftmütigen das Erdreich besitzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.5">Mt. 5,5</ref>], dass die Reiche dieser Welt Gottes und seines Christus sein werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.11.15">Apk. 11,15</ref>]. Nicht ohne jene «erste Auferstehung» [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.5">Apk. 20,5</ref>], nicht ohne jenes tausendjährige Reich der Offenbarung Johannis [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.2 Apk.20.6">Apk. 20,2–6</ref>]. Es musste der Satan auf eine Weile gebunden werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.2">Apk. 20,2</ref>]. Es durften unterdessen Natur und <term type="sachen" key="Natur, und Gnade">Gnade</term>, <anchor type="note" xml:id="fn-dl"/><term type="sachen" key="Antike, und Christentum">Antike</term> und Christus,<note n="dl" target="fn-dl" type="textcritical" xml:id="ndl">Fehlt im Mskr.</note>
					<term type="sachen" key="Offenbarung, und Vernunft">Vernunft</term> und Offenbarung, <anchor type="note" xml:id="fn-dm"/><term type="sachen" key="Kirche, und Staat">Staat</term> und Kirche<note n="dm" target="fn-dm" type="textcritical" xml:id="ndm">Mskr.: «Kirche und Staat».</note>, vereint gesehen werden wie unter dem Bogen eines zweiten noachitischen <term type="sachen" key="Bund / Bundesschluss">Bundes</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.9.13 Gen.9.17">Gen. 9,13–17</ref>]. Es durfte diese Vereinigung sogar<note n="dn" type="textcritical" xml:id="ndn">Fehlt im Mskr.</note> Gestalt annehmen, widerspruchsvoll und<note n="do" type="textcritical" xml:id="ndo">Fehlt im Mskr.</note> problemreich in jeder Hinsicht und doch nicht ohne <anchor type="note" xml:id="fn-dp"/>eine gewisse Konsistenz, nicht ohne<note n="dp" target="fn-dp" type="textcritical" xml:id="ndp">Fehlt im Mskr.</note> einen Widerschein des <term type="sachen" key="Frieden">Friedens</term>, den sie <anchor type="note" xml:id="fn-dq"/>meinte. Sie nahm Gestalt an in der Idee und Wirklichkeit jenes cor<pb xml:id="p831" ed="pga" break="no"/>pus christianum<note xml:id="n42">Der Begriff «corpus <term type="sachen" key="corpus christianum">christianum»</term> bezieht sich auf die mittelalterliche Vorstellung von einer einheitlichen, die gesamte Christenheit umfassenden respublica christiana, die unter ihrem unsichtbaren Haupt Christus vom Papst und vom Kaiser als den zwei irdischen Häuptern regiert wird. Der Begriff wird zurückgeführt auf <persName ref="kbga-actors-5593">Karl Riekers</persName> Übersetzung des Ausdrucks «christlicher Körper» in <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-7078"><hi rend="italic">An den Christlichen Adel deutscher Nation von des Christlichen standes besserung</hi> (1520), in: WA 6, S. (381) 404–469</bibl> (vgl. dort S. 410,4). Nach <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ist die «Idee des <hi rend="italic">corpus christianum</hi>» die stolze und doch trügerische «Idee der Einheit von Kirche und Reich» (<bibl corresp="kbga-bibls-2">KD I/2, S. 366</bibl>). </note>, das sich in den Schöpfungen der <term type="sachen" key="Kunst">Kunst</term> und <term type="sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term> des <term type="sachen" key="Mittelalter">Mittelalters</term> und noch der früheren und späteren <term type="sachen" key="Renaissance">Renaissance</term> spiegelt, Heimweh und Sehnsucht erweckend bis auf diesen Tag. Sie nahm Gestalt an in der so wunderlichen und doch so be<pb n="33" ed="A" break="no"/>deutungsvollen Idee und Wirklichkeit jenes «Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation»<note xml:id="n43">«Heiliges Römisches Reich» bzw. «Sacrum Romanum Imperium» war vom Mittelalter (erstmals 1254) bis 1806 die amtliche Bezeichnung für den Herrschaftsbereich des abendländischen Römischen Kaisers und der in ihm verbundenen Reichsterritorien. Die deutsche Formel erschien seit Kaiser <persName ref="kbga-actors-5495">Karl IV.</persName> (1316–1378; Kaiser seit 1355). Im 15./16. Jh. wurde sie mit dem Zusatz «deutscher Nation» versehen. </note>, das einst durch die Absonderung der schweizerischen <term type="sachen" key="Eidgenossenschaft">Eidgenossenschaft</term> einen der ersten starken Stöße erlitt,<note xml:id="n44">Die Gründung der <term type="sachen" key="Eidgenossenschaft">Eidgenossenschaft</term> 1291 richtete sich noch nicht gegen das Reich, dem man unmittelbar unterstellt blieb, sondern gegen die Herrschaft der Habsburger. Erst als 1438 die seitdem ununterbrochene Folge von Kaisern aus dem Hause Habsburg begann, löste sich die Eidgenossenschaft allmählich aus dem Reich. Im Westfälischen Frieden von 1648 erreichte die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> die Entlassung aus dem Reichsverband. </note> das noch <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> vor Augen gehabt hat <note xml:id="n45">Schon lange ausgehöhlt und kaum noch eine reale politische Größe, ging das Heilige Römische Reich 1806, als <persName ref="kbga-actors-10968">Franz II.</persName> von <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName> auf die Kaiserkrone verzichtete, auch formal unter. Bei <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> finden sich Bezugnahmen auf das Heilige Römische Reich in: <bibl corresp="kbga-bibls-7344"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Eine Tragödie</hi>, 2089–2100, in: <hi rend="italic">Goethes Werke</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Dramatische Dichtungen</hi>, Bd. 1, Hamburg 1962<hi rend="sup">6</hi>, S. 7–364, hier: S. 68</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7345">ders., <hi rend="italic">Dichtung und Wahrheit</hi>, in: <hi rend="italic">Goethes Werke</hi>, Bd. 9: <hi rend="italic">Autobiographische Schriften</hi>, Bd. 1, Hamburg 1961<hi rend="sup">4</hi>, S. 524–531</bibl>. Nach K.-O. Conrady regte «der Untergang des alten Deutschen Reichs, das nur ein Sammelsurium kleiner, ehrgeiziger Staatsgebilde war», <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> «nicht weiter auf» (<bibl corresp="kbga-bibls-7346">K. O. <term type="namen" key="Conrady, Karl Otto">Conrady</term>, <hi rend="italic">Goethe. Leben und Werk</hi>, München / Zürich 1994, S. 806</bibl>).</note> und dessen letzte Trümmer wir erst in unseren Tagen mit dem alten <placeName ref="kbga-places-380">Österreich</placeName> ausein<pb xml:id="p832" ed="pga" break="no"/>anderfallen sahen<note n="dq" target="fn-dq" type="textcritical" xml:id="ndq">Mskr.: «meinte in der Idee des corpus <term type="sachen" key="corpus christianum">christianum</term>, in den bis auf diesen Tag Sehnsucht und Heimweh erweckenden Schöpfungen der mittelalterlichen Kunst und Wissenschaft, in der so wunderlichen und doch so bedeutungsvollen Wirklichkeit des ‹heiligen römischen Reiches deutscher Nation›, dessen letzte Trümmer wir erst in unsern Tagen auseinderfallen sahen»</note>.<note xml:id="n46"><persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> meint die Auflösung <placeName ref="kbga-places-1041">Österreich-Ungarns</placeName> in den Jahren nach dem Ersten <term type="sachen" key="Erster Weltkrieg">Weltkrieg</term> (1918–1920). </note> Es sollte diese Zeit der <term type="sachen" key="Synthese">Synthese</term> – ein einziges großes Traumgesicht sozusagen, ein <anchor type="note" xml:id="fn-dr"/>menschlicher, allzu menschlicher<note n="dr" target="fn-dr" type="textcritical" xml:id="ndr">Fehlt im Mskr.</note> Abglanz und Widerhall der <term type="sachen" key="Inkarnation">Inkarnation</term> – ein Zeichen sein, um allen Zeiten zu sagen, wo sie herkommen, wo sie hingehen. <anchor type="note" xml:id="fn-ds"/>Sie war ein<note n="ds" target="fn-ds" type="textcritical" xml:id="nds">Mskr.: «Ein».</note> vorübergehendes Zeichen, ein vergängliches Gleichnis, aufgerichtet inmitten der Hinfälligkeit aller menschlichen Dinge und selber dieser Hinfälligkeit teilhaftig, dem Stillstand und Verderben geweiht, lange bevor es auch nur von ferne Vollkommenheit gewonnen hätte. <anchor type="note" xml:id="fn-dt"/>Sie war dennoch und gerade so ein Zeichen und Gleichnis ewiger Dinge, eine freundliche Veranstaltung der <term type="sachen" key="Vorsehung">Vorsehung</term> zur Überwinterung des <term type="sachen" key="Evangelium, Überwinterung">Evangeliums</term>.<note n="dt" target="fn-dt" type="textcritical" xml:id="ndt">Fehlt im Mskr.</note><note xml:id="n47">Das Bild von der «Überwinterung des Evangeliums» im Sinne seiner «Erhaltung […] für die Kirche und damit für das Volk» findet sich bei <persName ref="kbga-actors-952">Hermann Cremer</persName> (1834–1903; seit 1870 Prof. für Systematische Theologie in Greifswald); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-7347">E. <term type="namen" key="Cremer, Ernst">Cremer</term>, <hi rend="italic">Hermann Cremer. Ein Lebens- und Charakterbild</hi>, Gütersloh 1912, S. 153. 183</bibl> (zit. nach: <bibl corresp="kbga-bibls-7348">G. <term type="namen" key="Diekmeyer, Gerhard">Diekmeyer</term>, <hi rend="italic">Wort und Gewißheit. Das Schriftprinzip in der Theologie Hermann Cremers</hi> [STM 2], Wuppertal 1999, S. 11 [mit Anm. 36]</bibl>).</note> Was wir heute erleben in der <anchor type="note" xml:id="fn-du"/>Verselbständigung eines Reiches der Profanität, der<note n="du" target="fn-du" type="textcritical" xml:id="ndu">Fehlt im Mskr.</note> großen <term type="sachen" key="Christentum, Ausschaltung">Ausschaltung</term> und <term type="sachen" key="Christentum, Säkularisierung">Säkularisierung</term> und Negation des <term type="sachen" key="Christentum, Negation">Christentums</term> ist<note n="dv" type="textcritical" xml:id="ndv">Mskr.: «ist nur».</note> das letzte, nicht zu bejammernde, sondern nüchtern zu anerkennende natürliche Ende dieser Zeit, die nicht umsonst gewesen ist, <anchor type="note" xml:id="fn-dw"/>die ihre Größe und Würde hatte und behält, wenn sie auch so nicht andauern konnte und<note n="dw" target="fn-dw" type="textcritical" xml:id="ndw">Mskr.: «wenn sich auch». </note> so nicht wiederkehren kann.</p>
				<p><pb xml:id="p833" ed="pga" rend="noPipe"/> Der Gegensatz dieser beiden Auffassungen ist wohl, so scharf sie sich widersprechen, kein endgültiger, und es dürfte sich darum schwerlich lohnen, die eine gegen die andere auszuspielen<note n="dx" type="textcritical" xml:id="ndx">Mskr.: «ausspielen».</note> und durchsetzen zu wollen. <anchor type="note" xml:id="fn-dy"/>Es ist wohl nötig, um diese beiden Auffassungen zu wissen; es ist aber nicht nötig und es wäre auch nicht ratsam, sich für die eine gegen die andere zu entscheiden.<note n="dy" target="fn-dy" type="textcritical" xml:id="ndy">Fehlt im Mskr.</note> Man wird ja im Blick auf die Konfusion der <term type="sachen" key="Mensch, Konfusion">Menschen</term> die <term type="sachen" key="Vorsehung">Vorsehung</term> Gottes und <anchor type="note" xml:id="fn-dz"/>man wird<note n="dz" target="fn-dz" type="textcritical" xml:id="ndz">Fehlt im Mskr.</note> im Blick auf die Vorsehung Gottes die Konfusion der Menschen nicht leugnen können<note xml:id="n48">Anspielung auf die von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> häufiger zitierte Wendung «Hominum confusione et Dei providentia (Helvetia) regitur»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-397">V.u.kl.A. 1930–1933, <ref type="pub" target="../volume/49/p301#fn_n81">S. 301, Anm. 81</ref></bibl>.</note> und also die Wahrheit beider Auffassungen zu bedenken haben. Sicher ist dies, dass sie im Ergebnis übereinkommen: <anchor type="note" xml:id="fn-ea"/>die Zeit, das <hi rend="italic">christlich</hi><term type="sachen" key="Zeitalter, bürgerlich-christliches">-bürgerliche</term> oder <hi rend="italic">bürgerlich</hi>-christliche <term type="sachen" key="Zeitalter, bürgerlich-christliches">Zeitalter</term> ist abgelaufen, der Bund, d. h. aber das <term type="sachen" key="Christentum">Christentum</term> in seiner uns bisher bekannten Gestalt ist zu Ende.<note n="ea" target="fn-ea" type="textcritical" xml:id="nea">Mskr.: «Die Zeit ist abgelaufen. Der Bund ist zu Ende.»</note> Der Bogen, der das <term type="sachen" key="Evangelium, und Welt">Evangelium</term> und die Welt auf eine Weile überspannte, ist, ob wir ihn als menschliche Fiktion oder als göttliches Segenszeichen verstehen, <pb n="34" ed="A"/> erloschen. Die <anchor type="note" xml:id="fn-eb"/>zu Unrecht oder zu Recht vereinten<note n="eb" target="fn-eb" type="textcritical" xml:id="neb">Fehlt im Mskr.</note> Elemente scheiden sich wieder. <anchor type="note" xml:id="fn-ec"/>«Siehe, der Winter ist vergangen.»<note n="ec" target="fn-ec" type="textcritical" xml:id="nec">Fehlt im Mskr.</note> [<ref type="can" subtype="bible" target="Hld.2.11">Hld. 2,11</ref>] Die <term type="sachen" key="Welt">Welt</term> nimmt die Maske ab und ihre Freiheit zurück, <anchor type="note" xml:id="fn-ed"/>um sich wieder offen zu bekennen als das, was sie im Grunde ist und will<note n="ed" target="fn-ed" type="textcritical" xml:id="ned">Mskr.: «bekennt sich wieder offen als das, was sie ist».</note>. Eben damit <anchor type="note" xml:id="fn-ee"/>ist aber auch dem<note n="ee" target="fn-ee" type="textcritical" xml:id="nee">Mskr.: «hat aber auch das».</note> <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> seine Freiheit ihr gegenüber zurückgegeben<note n="ef" type="textcritical" xml:id="nef">Mskr.: «wieder gewonnen».</note>. Eben damit ist <anchor type="note" xml:id="fn-eg"/>heute die <term type="sachen" key="Christen / Christenheit">Christenheit</term>, ist die Kirche zu einer ganz neuen<note n="eg" target="fn-eg" type="textcritical" xml:id="neg">Mskr.: «die Christenheit zur».</note> Freiheit ihres Bekenntnisses und ihrer Erkenntnis aufgerufen. Nicht <anchor type="note" xml:id="fn-eh"/>zu einer<note n="eh" target="fn-eh" type="textcritical" xml:id="neh">Mskr.: «zur». </note> Flucht vor der Welt <pb xml:id="p834" ed="pga"/> oder aus der Welt, aber zu einer ihr in <anchor type="note" xml:id="fn-ei"/>jener konstantinischen<note xml:id="n49">Druck: «konstantini-»; von den Hrsg. korrigiert. </note> Ordnung<note n="ei" target="fn-ei" type="textcritical" xml:id="nei">Mskr.: «jenem tausendjährigen Reich so oder so».</note> nicht gegebenen <term type="sachen" key="Kirche, Freiheit">Freiheit</term> in der Welt. Nicht zu einer Freiheit <anchor type="note" xml:id="fn-ej"/>von ihrer <term type="sachen" key="Kirche, Solidarität mit der Welt">Solidarität</term> mit dieser Welt und also nicht zu einer Freiheit<note n="ej" target="fn-ej" type="textcritical" xml:id="nej">Fehlt im Mskr.</note> von ihrer <term type="sachen" key="Kirche, Auftrag">Sendung</term>, von ihrer Verantwortlichkeit, von ihrem Dienst in der <term type="sachen" key="Kirche, Dienst">Welt</term>, aber zur Freiheit, <hi rend="italic">in</hi><anchor type="note" xml:id="fn-ek"/> der Welt und <hi rend="italic">für</hi><note n="ek" type="textcritical" xml:id="nek">Im Mskr. jeweils nicht hervorgehoben.</note> die Welt ihrer eigenen Sendung, ihrer eigenen Verantwortlichkeit, ihrem eigenen Dienst zu leben und nachzugehen. Zur Freiheit von allen denjenigen Voraussetzungen, Bindungen und Verpflichtungen, die ihr nicht durch das Evangelium, sondern von außen, durch die Rücksicht auf die eigene Natur und Richtung der geschichtlichen Kräfte und Mächte auferlegt wurden. Ihre Beziehungen zu diesen Kräften und Mächten <anchor type="note" xml:id="fn-el"/>müssen – nicht gelöst, wohl aber gelockert, sie müssen in Erfüllung jener Solidarität wieder zu Beziehungen eines lebendigen kirchlichen <hi rend="italic">Handelns</hi> an ihnen<note n="el" target="fn-el" type="textcritical" xml:id="nel">Mskr.: «müssen in dem Sinn – nicht gelöst, aber gelockert werden, dass sie wieder zu Beziehungen eines lebendigen kirchlichen Handelns».</note> werden. Es muss die Kirche es wieder wagen, dem Staat, <anchor type="note" xml:id="fn-em"/>der <term type="sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>, der <term type="sachen" key="Kunst">Kunst</term>, der <term type="sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaft</term>, dem Volkstum<note n="em" target="fn-em" type="textcritical" xml:id="nem">Mskr.: «der Gesellschaft, der Wissenschaft, der Kunst, der Wirtschaft».</note> – gewiss nicht in ganz unnötigem Eifer als Feind, wohl aber mit der Verkündigung des<note n="en" type="textcritical" xml:id="nen">Mskr.: «eines».</note> von allen Anliegen dieser vergehenden <term type="sachen" key="Kirche, und Welt">Welt</term> unüberhörbar <anchor type="note" xml:id="fn-eo"/>verschiedenen <hi rend="italic">göttlichen</hi><note n="eo" target="fn-eo" type="textcritical" xml:id="neo">Mskr.: «unterschiedenen göttlichen».</note> Anliegens gegenüberzutreten. Sie muss <anchor type="note" xml:id="fn-ep"/>es wieder wagen, dem Menschen zu<note n="ep" target="fn-ep" type="textcritical" xml:id="nep">Mskr.: «dem Menschen».</note> sagen, dass ihm seine <term type="sachen" key="Sünde">Sünden</term> vergeben sind, ohne ihn <anchor type="note" xml:id="fn-eq"/>wie bisher durch ein ganzes System von Konzessionen, Brückenschlägen, Anknüpfungspunkten<note xml:id="n50">Zu dieser Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-63">Emil Brunner</persName> s. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p037#fn_n54">S. 37, Anm. 54</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/52/p468#p468">S. 468-473</ref>.</note> und Anpassungen im Voraus über sich selbst beruhigt und also<note n="eq" target="fn-eq" type="textcritical" xml:id="neq">Mskr.: «durch alle jene ‹und› im Voraus beruhigt und». </note> gerade für diese Botschaft taub gemacht zu haben. <pb xml:id="p835" ed="pga"/> Es könnte wohl sein, dass die Kirche heute außerhalb dieser Freiheit und also in dem trügerischen Schutz und Schatten jenes nur noch als schöne<note n="er" type="textcritical" xml:id="ner">Fehlt im Mskr.</note> Traumerinnerung existierenden Bundes gar nicht mehr<note n="es" type="textcritical" xml:id="nes">Fehlt im Mskr.</note> als lebendige Kirche existieren <anchor type="note" xml:id="fn-et"/>und handeln<note n="et" target="fn-et" type="textcritical" xml:id="net">Fehlt im Mskr.</note> kann, dass ein Bann auch auf ihrem ernstesten Bekennen und auf ihrem tiefsten Erkennen liegt, solange sie sich wohlmeinend aber wirklich<pb n="35" ed="A" break="no"/>keitsfremd immer noch an dieser Traumerinnerung orientieren will. Dass sie, um in diese <term type="sachen" key="Kirche, Freiheit">Freiheit</term> zu kommen, viel aufs Spiel setzen, ja opfern müsste an bisher selbstverständlich behaupteten Möglichkeiten, Ansprüchen, Vorrechten, Besitztümern auf allen Gebieten, <anchor type="note" xml:id="fn-eu"/>dass sie arm werden müsste,<note n="eu" target="fn-eu" type="textcritical" xml:id="neu">Fehlt im Mskr.</note> dass eine ganze Welt von <term type="sachen" key="Christlichkeit">Christlichkeit</term>, die sich bis jetzt in <anchor type="note" xml:id="fn-ev"/>ihrem Raum<note n="ev" target="fn-ev" type="textcritical" xml:id="nev">Mskr.: «ihren Räumen».</note> ausdehnte, zunächst<note n="ew" type="textcritical" xml:id="new">Fehlt im Mskr.</note> einfach zusammenbrechen würde, dass eine gewisse schmerzliche<note n="ex" type="textcritical" xml:id="nex">Fehlt im Mskr.</note> Trennung zwischen der christlichen Gemeinde und der getauften und konfirmierten <term type="sachen" key="Menschheit, getaufte und konfirmierte">Menschheit</term> unvermeidlich würde, dass <anchor type="note" xml:id="fn-ey"/>die Kirche sich ohne Ängstlichkeit gegenüber den bisherigen Inhalten der Begriffe <term type="sachen" key="Volkskirche">«Volkskirche»</term> und «Freikirche»<note xml:id="n51">Zur vor allem in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> während des <term type="sachen" key="Kirchenkampf">Kirchenkampfes</term> virulenten Diskussion um diese Alternativen vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/52/p237#fn_n65">S. 237f., Anm. 65</ref>.</note> weithin<note n="ey" target="fn-ey" type="textcritical" xml:id="ney">Mskr.: «sie sich weithin»; über dem wohl durchgestrichenen «sie» stehen – mit Bleistift nachgetragen – zwei schwer entzifferbare Wort, möglicherweise: «die Kirche».</note> äußerlich ganz neu konstituieren und innerlich auf eine ganz neue Strategie und Taktik <anchor type="note" xml:id="fn-ez"/>– die Strategie und Taktik der Freiheit –<note n="ez" target="fn-ez" type="textcritical" xml:id="nez">Fehlt im Mskr.</note> einstellen müsste, dass sie wieder ernstlich und praktisch mit dem rechnen müsste, was das Neue <term type="sachen" key="Neues Testament">Testament</term> <term type="sachen" key="Leiden">«Leiden»</term> heißt, das Alles<note n="fa" type="textcritical" xml:id="nfa">Fehlt im Mskr.</note> lässt sich nicht leugnen. Man kann dazu nur sagen, dass sie dann eben, <anchor type="note" xml:id="fn-fb"/>indem sie das wagte,<note n="fb" target="fn-fb" type="textcritical" xml:id="nfb">Fehlt im Mskr. </note> das Gottvertrauen haben und bewähren <anchor type="note" xml:id="fn-fc"/>und <pb xml:id="p836" ed="pga"/> auch dessen <term type="sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> in Erfüllung gehen sehen<note n="fc" target="fn-fc" type="textcritical" xml:id="nfc">Fehlt im Mskr.</note> würde, von dem sie unter den ganzen Voraussetzungen des christlichen und doch unchristlichen <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> vielleicht längst nicht mehr ganz<note n="fd" type="textcritical" xml:id="nfd">Fehlt im Mskr.</note> glaubwürdig zu reden wusste<note n="fe" type="textcritical" xml:id="nfe">Mskr.: «weiß».</note>. Und man kann mit aller Bestimmtheit sagen: dass sie dann wieder ein Licht werden würde in der Welt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.14">Mt. 5,14</ref>]. Diese zu Ende gehende <term type="sachen" key="Welt">Welt</term> <anchor type="note" xml:id="fn-ff"/>in ihrer ganzen Herrlichkeit und in ihrem ganzen Jammer<note n="ff" target="fn-ff" type="textcritical" xml:id="nff">Fehlt im Mskr.</note> wartet gerade auf das: auf <anchor type="note" xml:id="fn-fg"/>die <term type="sachen" key="Kirche, Botschaft">Botschaft</term> einer freien<note n="fg" target="fn-fg" type="textcritical" xml:id="nfg">Mskr.: «eine freie».</note>, nämlich für das <term type="sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> ganz freien<note n="fh" type="textcritical" xml:id="nfh">Mskr.: «freie».</note> <term type="sachen" key="Kirche, Freiheit">Kirche</term>.</p>
				<p>Man kann nun gewiss sagen und ich sage es selber: Dass jener Bund wirklich abgelaufen und <anchor type="note" xml:id="fn-fi"/>dass, auch historisch betrachtet,<note n="fi" target="fn-fi" type="textcritical" xml:id="nfi">Fehlt im Mskr.</note> eine neue Zeit der Kirche angebrochen sei, das ist, <anchor type="note" xml:id="fn-fj"/>ob man es nun im Sinn der ersten oder der zweiten jener beiden Auffassungen behaupte,<note n="fj" target="fn-fj" type="textcritical" xml:id="nfj">Fehlt im Mskr.</note> eine <hi rend="italic">Frage</hi><anchor type="note" xml:id="fn-fk"/>, eine historische <hi rend="italic">Hypothese</hi><note n="fk" type="textcritical" xml:id="nfk">Im Mskr. jeweils nicht hervorgehoben.</note> wie eine andere. <anchor type="note" xml:id="fn-fl"/>Es ist der Kirche nötig, mit dieser neuen Zeit zu rechnen und sich also auch heute für jene Frage jedenfalls offen zu halten. Es ist ihr aber nicht nötig und es wäre auch nicht ratsam, sie darauf bauen zu wollen, dass diese neue Zeit heute schon angebrochen sei.<note n="fl" target="fn-fl" type="textcritical" xml:id="nfl">Fehlt im Mskr.</note> Man kann und mag <anchor type="note" xml:id="fn-fm"/>also über diese Hypothese<note n="fm" target="fn-fm" type="textcritical" xml:id="nfm">Mskr.: «darüber».</note> diskutieren. <anchor type="note" xml:id="fn-fn"/>Aber was<note n="fn" target="fn-fn" type="textcritical" xml:id="nfn">Mskr.: «Was».</note> wir zuletzt gesagt haben, <anchor type="note" xml:id="fn-fo"/>gilt grundsätzlich auch abgesehen von der Richtigkeit dieser Hypothese. Es würde auch dann gelten, wenn, historisch betrachtet,<note n="fo" target="fn-fo" type="textcritical" xml:id="nfo">Mskr.: «würde grundsätzlich auch dann gelten, wenn».</note> jener Bund heute <pb n="36" ed="A"/> <anchor type="note" xml:id="fn-fp"/>noch nicht abgelaufen, sein relatives Recht noch nicht aufgehoben, seine relativen Möglichkeiten noch nicht erschöpft sein sollten,<note n="fp" target="fn-fp" type="textcritical" xml:id="nfp">Mskr.: «auch und noch nicht abgelaufen sein,».</note> wenn das, was wir die große Fiktion oder das große Gleichnis nannten, heute<note n="fq" type="textcritical" xml:id="nfq">Fehlt im Mskr.</note> noch immer in Geltung stehen sollte. Die <pb xml:id="p837" ed="pga"/> Kirche war und ist auch unter diesem Zeichen nur insofern Kirche, als sie trotz jenes Bundes und in ihm heimlich <hi rend="italic">freie</hi> <term type="sachen" key="Kirche, Freiheit">Kirche</term> war. Mitten in jener Zeit des Gleichnisses hat es ja – man möchte sagen: als <anchor type="note" xml:id="fn-fr"/>Gegengleichnis für das<note n="fr" target="fn-fr" type="textcritical" xml:id="nfr">Mskr.: «Gleichnis dessen».</note>, was auch mitten in dieser Zeit letzte<note n="fs" type="textcritical" xml:id="nfs">Fehlt im Mskr.</note> Wahrheit und Wirklichkeit war – eine <hi rend="italic">Reformation</hi><note n="ft" type="textcritical" xml:id="nft">Im Mskr. nicht hervorgehoben.</note> gegeben. Es kann sein, dass die Zeit des Gleichnisses, <anchor type="note" xml:id="fn-fu"/>die Zeit <term type="sachen" key="Kirche, babylonische Gefangenschaft">der </term>babylonischen Gefangenschaft<note xml:id="n52">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Schrift <bibl corresp="kbga-bibls-1957"><hi rend="italic">De captivitate babylonica ecclesiae praeludium</hi> (1520) (WA 6, S. [484]497–573)</bibl>. </note> nach den Einen, die Zeit des tausendjährigen <term type="sachen" key="Kirche, tausendjähriges Reich">Reiches</term><note xml:id="n53">Zur Identifikation der Kirche mit dem 1000jährigen Reich vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-432"><persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, <hi rend="italic">De civitate Dei</hi> XX, 6–9 (CCSL 48, 706–719)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-3636"><persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, <hi rend="italic">Summa theologiae</hi> III, Suppl. q.77, a.1, ad 4</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7349">ders., <hi rend="italic">Summa contra gentiles</hi> IV, 83 (Ausgabe M. H. Wörner, Darmstadt 1996 [Sonderausgabe 2001], Bd. 4, S. 511)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-7350"><persName ref="kbga-actors-2826">Fr. Diekamp</persName>, <hi rend="italic">Katholische Dogmatik nach den Grundsätzen des heiligen Thomas</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Die Lehre von den Sakramenten – Die Lehre von den letzten Dingen</hi>, Münster 1932<hi rend="sup">6</hi>, S. 394f.</bibl></note> nach den Andern,<note n="fu" target="fn-fu" type="textcritical" xml:id="nfu">Fehlt im Mskr.</note> noch nicht vorbei ist. Es kann also<note n="fv" type="textcritical" xml:id="nfv">Mskr.: «ja».</note> sein, dass die Kirche auch fernerhin als <anchor type="note" xml:id="fn-fw"/><hi rend="italic">heimlich</hi> freie bewahrt werden, existieren und handeln<note n="fw" target="fn-fw" type="textcritical" xml:id="nfw">Mskr.: «<hi rend="italic">heimliche</hi> Kirche bewahrt werden».</note> soll. <anchor type="note" xml:id="fn-fx"/>Aber das Gegengleichnis der <term type="sachen" key="Reformation">Reformation</term> ist auch dann zu bedenken.<note n="fx" target="fn-fx" type="textcritical" xml:id="nfx">Fehlt im Mskr.</note> Treues <term type="sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> und echte Erkenntnis <anchor type="note" xml:id="fn-fy"/>des Evangeliums<note n="fy" target="fn-fy" type="textcritical" xml:id="nfy">Fehlt im Mskr.</note> werden auch dann und so ihre Kraft und ihren Lohn haben, <anchor type="note" xml:id="fn-fz"/>und den Bann, von dem sie dann freilich bedroht sind, faktisch durchbrechen,<note n="fz" target="fn-fz" type="textcritical" xml:id="nfz">Fehlt im Mskr.</note> wie es wahrhaftig auch in den anderthalb Jahrtausenden hinter uns immer wieder der Fall war. Es wird heute wie zu allen Zeiten alles darauf ankommen, dass Einige zu solcher Treue und Echtheit berufen und willig sind <anchor type="note" xml:id="fn-ga"/>– berufen und willig, sich <hi rend="italic">nicht</hi> zu fürchten und in der Hoffnung <hi rend="italic">nicht</hi> müde zu werden<note n="ga" target="fn-ga" type="textcritical" xml:id="nga">Fehlt im Mskr. </note>.</p>
				<p><pb xml:id="p838" ed="pga" rend="noPipe"/> Wir schließen mit einigen Worten aus dem 33. Psalm<note n="gb" type="textcritical" xml:id="ngb">Der folgende Text der Psalmverse fehlt im Mskr. </note>: 
					<q rend="block"><lg>
					<l>Wohl dem Volk, des Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählet hat!</l>
					<l>Der Herr schauet vom Himmel und siehet aller Menschen Kinder. </l>
					<l>Von seinem festen Thron siehet er auf alle, die auf Erden wohnen. </l>
					<l>Er lenket ihnen allen das Herz; er merket auf alle ihre Werke. </l>
					<l>Einem Könige hilft nicht seine große Macht; ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft. </l>
					<l>Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht. </l>
					<l>Siehe, des Herrn Auge siehet auf die, so ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, </l>
					<l>dass er ihre Seele errette vom Tode und ernähre sie in der Teuerung. </l>
					<l>Unsere Seele harret auf den Herrn; er ist unsere Hilfe und Schild. </l>
					<l>Denn unser Herz freuet sich sein, und wir trauen auf seinen heiligen Namen. </l>
					<l>Deine Güte, Herr, sei über uns, wie wir auf dich hoffen. [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.33.12 Ps.33.22">Ps. 33,12–22</ref>] </l>
					</lg> </q></p>
			</div>
		</div>
	</body>
	</text>
</TEI>
