Diese Ansprache hielt Barth als Vertreter der Theologischen Fakultät Basel anlässlich der Feierlichkeiten zum 400. Jahrestag der Einführung der Reformation in Genf am 13. Juni 1936.
Das Jubiläum wurde in zwei Teilen feierlich begangen: An die eigentlichen Feierlichkeiten vom 12. bis zum 14. Juni 19361 schloss sich vom 15. bis zum 18. Juni 1936 ein fachwissenschaftlicher «Congrès international de théologie calviniste»2 an, zu dem – Barth selbst war bereits abgereist – sein Bruder Peter Barth einen Vortrag beisteuerte.3
Aufgrund der engen historischen Verbindung Calvins zu Basel hatte man die dortige Fakultät als Vertreterin der schweizerischen Fakultäten an den Feierlichkeiten benannt, und innerhalb der Basler Fakultät war entschieden worden, dass Barth nach Genf reisen und in ihrem Namen sprechen sollte.4 Wissend darum, dass er sich unter seinen Berner Kollegen «keiner ungetrübten Beliebtheit erfreue», fragte Barth beim Dekan der Berner Fakultät, Max Haller5, vorsichtshalber |472 nach, ob es bei der gewünschten Vertretung auch in dem Fall bleiben solle, dass er es sei, der nach Genf reise.6 Haller bestätigte dies.7
Nach Genf begleitet wurde Barth von Hermann A. Hesse, der als Vertreter des Reformierten Bundes eingeladen war und zugleich ein Grußwort der neuen, zweiten Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche8 zu überbringen hatte.
Hesse nutzte die Anreise über Basel, um im Hause Barth über Nacht Station zu machen.9
Die Genfer Feierlichkeiten10 wurden am Freitagabend, den 12. Juni, mit einem Abendmahlsgottesdienst in der Kathedrale St. Pierre eröffnet, zu dem sich gut 2500 Personen versammelten. Der folgende Tag begann wieder in St. Pierre mit der Jubiläumsansprache, in der Eugène Choisy11 über das Werk Calvins referierte. Es folgte die Feierstunde mit den Grußworten und Ansprachen der kirchlichen Vertreter, in der die Reden Hesses und des ebenfalls anwesenden bayrischen Bischofs Hans Meiser mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt wurden.12 Am Nachmittag hielt Barth seine Ansprache in der «Séance |473 académique», für die man in die Madeleinekirche gewechselt war. Den Abend dieses mit «Reden, Reden, Reden!» angefüllten Tages13 verbrachte Barth, wie schon tags zuvor, bei einem gemeinsamen Nachtessen mit Willem A. Visser ’t Hooft. Am Sonntagmorgen predigte er – wiederum in der Madeleinekirche – über Act. 3,1–10;14 dazu eingeladen worden war er vom Pfarrer der deutschen reformierten Gemeinde, Paul Walter, der schon während Barths Hilfspredigerzeit in dieser Gemeinde sein Vorgesetzter und Kollege gewesen war.15 Anschließend nahm auch Barth teil am «Mittagessen mit 8000» und an der Erneuerung des Reformationsgelöbnisses, zu dem sich bei einsetzendem Regen ca. 20 000 Teilnehmer vor dem Reformationsdenkmal versammelten.16
Wie immer, wenn er in Genf war, nutzte Barth seinen Aufenthalt über den unmittelbaren Anlass hinaus für Begegnungen und Gespräche. Notiert sind in seinem Kalender die Namen seines Onkels Ernst Sartorius17 und – mit Ausrufezeichen versehen – von Bischof Meiser. Am Sonntagnachmittag gab es dann noch eine «Sitzung mit Hesse, Henriod etc.» in einem Genfer Hotel, bevor Hesse und Barth erneut gemeinsam abreisten.18
474 Wenige Tage später erhielt Barth einen Brief seines Onkels, der auch den Kongress noch verfolgt hatte, mit einer Art ‹familienhistorischer› Reminiszenz: «Immer gehen meine Gedanken an die Calvinfeier zurück; Peters Vortrag […] war ein ganz ausgezeichnetes Referat, das trotz seiner Länge […] mit gespanntester Aufmerksamkeit angehört wurde. Im Stillen dachte ich, was hätte Euer Vater für eine Freude an Euch Beiden, und ich weiss noch gut, wie Dein Vater anno 1909 die Berner Fakultät bei der Calvinfeier in Genf vertrat; jetzt nach 27 Jahren kommen seine Söhne desselben Weges gefahren.»19
Vorarbeiten zum Text sind nicht erhalten. Der einzige Abdruck erfolgte in: K. Barth, Calvinfeier 1936 (ThExh 43), München 1936, S. 3–5
📖.
Ansprache
gehalten in der Akademischen Festsitzung an der
Vierhundertjahrfeier der Genfer Reformation in der
Madeleinekirche
in Genf am
13. Juni 1936
Liebe Herren und Brüder!
Wenn ich hier als Erster unter den Vertretern der akademischen Lehrer unserer reformierten Kirchen im Namen der Theologischen Fakultät Basel das Wort ergreifen darf, so verdanke ich dies der Tatsache, dass es die Stadt Basel gewesen ist, wo Johannes Calvin im März 1536, ein Vierteljahr, bevor er zum ersten Mal den Boden Genfs betrat, seine Institutio religionis christianae vollendet und herausgegeben hat. Und wieder in Basel hat er zwei Jahre später, nach seinem vorläufigen Abschied von Genf, dasselbe für die theologische Wissenschaft so |475 wichtig und vorbildlich gewordene Werk der ersten von jenen Umarbeitungen unterzogen, die uns in ihrer Folge die wachsende Reife und Ausbreitung des Mannes ebenso wie die Unermüdlichkeit seiner Arbeit so beredt vor Augen führen.20
Lassen Sie mich in drei Sätzen aussprechen, warum die Theologie Anlass hat, des Reformators Johannes Calvin als eines Meisters, wie sie deren nur wenige gehabt hat, dankbar zu gedenken.
Calvin war es, der der Theologie in einer für jeden, der einmal sein Schüler geworden ist, unvergesslichen Weise gesagt hat, dass sie einen
Gegenstand hat. Er hat uns Theologen gelehrt, nicht nur vom Menschen überhaupt, sondern zuerst von uns selbst, auch von der Kraft unseres Denkens und von den Erfolgen unserer Forschung nicht nur bescheiden, sondern demütig zu denken. Aber er tat dies ohne jede Spur von Skeptizismus: er tat dies, indem er uns mit der majestätischen Freiheit des Herrn konfrontierte, der sich des Menschen, des zu seiner 4 Erkenntnis wie zum Gehorsam gegen ihn Unfähigen, in einer unbegreiflichen Wahl seines Erbarmens angenommen, der ihm sein Wort gesagt und der ihn eben damit unweigerlich an das Gesetz seines Heiligen Geistes gebunden hat. Diesen Herrn hat Calvin Gott genannt. Damit hat er uns Theologen unser Thema gezeigt.21 Er hat |476 uns unzählige vermeintliche Gewissheiten genommen, um uns auf die eine wirkliche Gewissheit aufmerksam zu machen. Damit hat er uns Mut gemacht. Es lohnt sich, es ist der Mühe wert, es ist eine Freude, theologischer Forscher und Lehrer zu sein, wenn man sich von Calvin hat sagen lassen, dass wir es mit gar nichts Anderem als mit diesem Gott in seinem Wort zu tun haben.
Calvin war es, der uns Theologen an die notwendige
Ordnung unserer Arbeit erinnert hat. Er hat uns kein theologisches System hinterlassen. Auch der Inhalt seiner Institutio ist etwas sehr Anderes als das, was vor ihm und nach ihm die theologischen Systeme gewesen sind. Es gibt keinen Calvinismus.22 Die gewaltige Strenge, mit der Calvin selber als Theologe seine Erkenntnisse durchgedacht und verteidigt hat, ist doch nur der Widerschein der Strenge, mit der er sich selber einer Ordnung unterworfen sah, innerhalb derer es nur eine Freiheit gibt, nämlich die Freiheit zum Gehorchen, aber auch nur einen Gehorsam, nämlich den Gehorsam der Freien. Wer ein Schüler Calvins wird, der wird ein Schüler der
heiligen Schrift. Wir danken es ihm, dass er die heilige Schrift nicht nur gerühmt, sondern dass er uns eine theologische Existenz vorgelebt hat, die wie selten eine die eines Lesers und Erklärers der heiligen Schrift gewesen ist, der in ihr nicht seine eigenen, sondern Gottes Gedanken gesucht und gefunden hat.23 |477 Wie sollten wir an das Wort seiner Auslegung gebunden sein? Wir sind aber durch seine Auslegung gefragt, ob wir in gleicher Weise wie er an die heilige Schrift gebunden sind. Und alle eines Theologen würdige Kritik an Calvins Auslegung wird für alle Zeiten nur unter dieser Voraussetzung möglich sein: innerhalb der Ordnung, der er sich in so erstaunlicher Weise unterworfen wusste.
Und Calvin war es, der uns Theologen gesagt hat, welches der
Raum unserer Arbeit ist. Er tat dies, indem er uns gewöhnte an den Gedanken, dass wir schlechterdings mit allen unseren 5 Bemühungen, wie abstrakt und speziell sie manchmal sein mögen, für nichts Anderes da sind als dazu, der Kirche und d. h. der Verkündigung des Wortes Gottes zu dienen. Und er tat dies, indem er auch die Kirche, die Gemeinden und ihre Diener an den Gedanken gewöhnte, dass es keine Verkündigung des Wortes Gottes gibt ohne das Rückgrat und das Korrektiv der Lehre, über deren Reinheit zu wachen und die von Geschlecht zu Geschlecht weiterzugeben die Aufgabe eben der Theologie ist.24 Die Theologie kann bei allem ihr auferlegten wissenschaftlichen Ernst keine überflüssige, keine unpraktische, keine langweilige |478 Sache werden, wenn sie bei Calvin in die Schule geht, wenn darum auch der Professor weiß, dass er nicht nur in zweiter, sondern immer in erster Linie ein Verbi Divini minister25 ist. Und es wird – ich darf Sie an die Ereignisse der letzten Jahre in Deutschland erinnern – in der Kirche bei aller konkreten Vielgestaltigkeit ihrer Nöte und Aufgaben anders aussehen und zugehen, wenn in ihr auch nur ein Tropfen calvinischen Geistes, d. h. auch nur ein bisschen reales, praktisches Achten auf die Lehre lebendig ist, wenn die Theologie in ihr auch nur ein wenig tatsächlich zu Worte kommt. Wir sind Calvin dankbar, dass in seiner Schule eine kirchlich gleichgültige Theologie ebenso unmöglich ist wie eine theologisch charakterlose Kirche.
Haben wir das Alles schon gelernt in dieser Schule? Ich bin überzeugt: wir Alle, die heute an diesem Erinnerungstag des Reformators im Namen der theologischen Körperschaften zu reden haben, sind mit mir darin einig, dass wir erst am Anfang dieses Lernens stehen. Wir sind aber auch einig in der Dankbarkeit, dass wir in dieser Schule lernen dürfen.
Und nun grüße ich die Kirche und die Stadt, die Universität und die Fakultät Calvins im Namen der Theologischen Fakultät von Basel. Calvin hat es zu seinen Lebzeiten den Basler, den Berner, den Züricher und den anderen Theologen von damals nicht immer leicht gemacht. Wir haben keinen größeren Wunsch als den, dass er es uns auch in der Gegenwart und in der Zukunft nie leicht machen möchte.