Das Gebot des Gesetzes
§ 11 DAS GEBOT DES GESETZES
Gottes Gebot geht mich an, sofern ich als Christ ein Glied seines auserwählten Volkes bin. Indem Gott mich als Sünder richtet und begnadigt, verpflichtet er mich auf sein Gesetz, D.h.bindet er mich durch den im Namen Jesu Christi an mich ergehenden Anspruch des Mitmenschen.
1.
Der Leitsatz des vorangehenden 2. Kapitels begann mit den Worten: «Gottes Gebot geht mich an, sofern ich als sein Geschöpf existiere»1. Das ethische Problem fängt ja nicht erst bei und mit dem bei Gott in Gnaden stehenden Sünder als solchem an. Gewiß kennen wir den Menschen, theologisch betrachtet, den durch Gottes Wort angeredeten Menschen, nur als begnadigten Sünder. Aber der begnadigte Sünder ist doch der Mensch, dieses besondere Wesen, dessen Existenz als dieses Geschöpf durch seine Sünde und durch Gottes Gnade freilich entscheidend bestimmt, aber nun doch nicht etwa verdrängt und ersetzt ist: weder ersetzt durch die Sünde, die nun seine Substanz geworden wäre, wie eine extreme Richtung im Reformationsjahrhundert, die des
Dieses Einbezogensein unseres Daseins selbst in die Krisis des Augenblicks, der uns in die göttliche Entscheidung stellt, haben wir im zweiten Kapitel zur Darstellung gebracht. Wir haben uns 1. vor Augen gehalten, was denn das eigentlich heißt: als von Gott geschaffener Mensch leben. Wir haben 2. den Ort festgestellt, wo jeder Mensch von dieser Frage betroffen, zu einem Leben im Gehorsam berufen wird. Wir haben uns 3. an die Ordnung erinnert, unter die er durch diesen Ruf gestellt wird. Wir haben endlich 4. den Glauben als den Gehorsam gegen diesen Ruf zu verstehen ge|11sucht. Menschliches Denken und Reden vom Worte Gottes leidet auch unter der schweren Gebrechlichkeit, daß wir das Vielfache seiner Wirklichkeit, wie es letztlich in der trinitarischen Wirklichkeit Gottes3 selbst begründet ist, nie, wie es eigentlich sein müßte, zugleich einfach sagen können, sondern uns mit einem Neben- und Nacheinander behelfen müssen, bei dem jedes einzelne Glied und Wort, wollte man es für sich betrachten, den Sachverhalt nicht nur unvollständig wiedergeben, sondern geradezu verfälschen würde. Diese Not wird in der Dogmatik und so auch in der theologischen Ethik leicht zur Versuchung, die Vielseitigkeit des Sachverhaltes offen oder heimlich zu unterdrücken, ein Moment in kräftiger Unterstreichung als das allein wahre und wichtige in die Mitte zu rücken und so zu jener Einheit und Einfachheit der Betrachtung vorzustoßen, nach der man sich ja in der Theologie mit Recht noch mehr sehnt als in anderen Wissenschaften und auf die man nun doch gerade hier nicht sorglos, sondern in vollem Bedacht verzichten muß, weil gerade hier der zur Diskussion stehende Sachverhalt von Grund und Hause aus ein vielfältiger ist. Dies bedenkend, haben wir also im Bisherigen eine große Grundlinie gezogen, deren theologischer Charakter nicht dadurch legitimiert sein konnte, daß jene doppelte Bestimmtheit des Menschen als Sünder und als Begnadigter als solche unser Thema war; [dies bedenkend] haben wir von dem heiligenden Wort Gottes als dem Wort des Schöpfers gesprochen. Es soll zur Vorsorge noch einmal in Erinnerung gerufen werden, daß dabei die Meinung nicht die war, als ob jene Grundlinie und die nun gleich zu ziehende zweite Grundlinie in Wirklichkeit nebeneinander laufen würden, als hätten wir eine natürliche Ethik gewonnen, auf die nun die christliche stockwerkartig aufzubauen wäre. Die Linien liegen in Wirklichkeit ineinander. Nur indem uns Gottes Gebot als Christen angeht, geht es uns auch als Gottes Geschöpfe an. Und wenn uns Gottes Gebot wirklich angeht als seine Geschöpfe, dann geht es uns auch als Christen an. In dieser Erinnerung wenden wir uns nun zu unserem |12 neuen zweiten ethisch-theologischen Thema, dem Gebot Gottes des Versöhners.
Wir haben uns zunächst klarzumachen, wie wir denn dazu kommen, dasselbe Wort oder Gebot Gottes, das wir im Bisherigen als das Wort oder Gebot Gottes des Schöpfers verstanden haben, nunmehr als das Wort oder Gebot Gottes des Versöhners und unter diesem neuen Gesichtspunkt als das Gebot des Gesetzes statt als das Gebot des Lebens zu verstehen. Welche Erwägungen und Einsichten nötigen die theologische Ethik zu dieser Veränderung der Betrachtungsweise und des Themas?
Wir haben das Gebot des Schöpfers, mit dessen Erwägung wir unseren Weg angetreten haben, verstanden als das Gebot des Lebens, D.h.sachlich als das Gebot, durch das uns das Leben selbst von Gott geboten wird, formal als das Gebot, das uns mit unserem Leben selbst, in und mit unserer Existenz gegeben ist. Wir haben damit ausdrücklich den alten Begriff der lex naturae aufgenommen: die Forderung Gottes ist jedenfalls auch und zunächst die Forderung des eigensten Wesens des Geschöpfes. Und gerade als solche ist sie Forderung Gottes des Schöpfers. Sie ist und bleibt also Gottes Forderung. Die Natur ist nicht Gesetzgeber, und der Mensch ist es auch nicht. Wollte der Mensch die Würde des Schöpfers an sich reißen, so würde er eben damit seine eigene, die ihm zustehende Würde preisgeben. Die ihm zustehende Würde ist aber die des Gefordertseins, der Unterordnung. Gut ist für den Menschen und gut ist es dem Menschen, Gott zu gehorchen. Aber eben dieses Gebot gehört wesenhaft zum Menschen. An die Stelle
Gehen wir also aus von der Tatsache dieser bestehenden Bindung. Wir können sie nicht leugnen. Wir leben. Und indem wir leben, unterstehen wir dieser Bindung. Wir leben unser eigenes Leben, und wir leben es in der unaufhebbaren Korrelation zu fremdem Leben. Aber es ist nicht selbstverständlich, daß das geschieht, es geschieht nicht von selbst, sondern es soll ja durch uns in der Freiheit unseres Willens geschehen. Es geschieht freilich immer etwas Derartiges, aber indem es geschieht, ist die Frage gestellt, ob denn da wirklich unser eigenes Leben und ob es denn wirklich in jener Korrelation gelebt werde? Wir befinden uns also, indem wir leben, im Bereich eines Gebotes: Lebe! und: Lebe in Ehrfurcht vor dem fremden Leben! Indem wir leben, ist dieses Gebot da. Oder genauer gesagt: das Gebot ist da, indem wir leben, es ist zur Stelle, es trifft uns schon mit dem Geschehen unseres Lebensaktes als solchen. Da ist kein Ausweichen: als ob unser Dasein ein Erstes wäre und dann käme hinzu unser Gefordertsein. Nein: unser Dasein ist gefordertes Dasein, indem es Dasein ist. Indem wir zur Verantwortung darüber gezogen werden, ob wir unsererseits zur Stelle [sind], ob wir unser Gefordertsein erfüllen, ob wir wirklich leben und in Ehrfurcht leben, ist auch unser Dasein in Frage gestellt. Gottes |14 Wort ist ja eben das Wort unseres Schöpfers. Und indem dieses Wort Gottes zur an uns gerichteten Frage wird, wird unsere eigene Existenz von ihrem überlegenen Vorher aus fraglich. Freilich begegnet uns Gottes Wort immer als ein ganz neues unerhörtes Wort, als ein Wort, das wir uns keineswegs selbst sagen, weil wir es keineswegs in uns selbst finden, aus uns selbst schöpfen können. Aber das Neue, das es uns sagt, ist darum doch und zugleich auch Erinnerung, Anamnesis – nicht von uns selbst vollzogene, sondern uns widerfahrende Anamnesis – des Alten, Ältesten, Ersten unseres eigenen Wesens. Indem uns Gott zu sich ruft, ruft er uns auch zu uns selbst, sagt er uns, daß wir auch nicht bei uns selbst sind, wenn wir nicht bei ihm sind. Denn eben: indem wir Gottes Gebot nicht halten, treten wir hinein in den Abgrund unserer eigenen Unmöglichkeit und Unwirklichkeit. Mögliches und wirkliches Leben gibt es nur im Gehorsam gegen das Gebot, in dessen Bereich wir leben. Unser Leben selbst steht unter dem göttlichen Gebot als unter dem Maß seiner Möglichkeit und Wirklichkeit. Was das für uns besagt, ist eine Frage für sich. Wir müssen unabhängig von ihrer Beantwortung einsehen, daß wir mit unserem Gehorsam oder Ungehorsam gegen das Gebot stehen und fallen. Das ist unsere mit unserer Existenz selbst bestehende Bindung an Gottes Forderung. Sie geht nicht von uns, nicht von unserer Existenz, sondern sie geht von Gottes Forderung aus. Aber sie ist Bindung schon unserer Existenz. Darin beruht das Recht und die Pflicht der theologischen Ethik, das Problem der lex naturae nicht fallen zu lassen, sondern aufzunehmen, das Gebot Gottes, das den Menschen in Anspruch nimmt, schon als das Gebot seines Schöpfers und also als das Gebot des Lebens, als das mit seinem Leben gegebene und sein Leben als solches angehende Gebot zu verstehen.
Aber nun konnten wir schon im Laufe der hinter uns liegenden Untersuchungen nicht umhin, auf der ganzen Linie eine Wahrnehmung zu machen, die uns nun nötigt, das Problem des göttlichen Gebotes noch in einem ganz anderen Lichte zu sehen als in dem der lex naturae, jener mit unserer geschöpflichen Existenz selbst bestehenden Bindung. Wir sagten eben, daß diese Bindung |15 zu einer unsere ganze Existenz angehenden Frage werde. Um die Bindung des freien Menschen geht es ja, des Menschen, der, daß er gebunden ist, selbst bejahen und bewähren soll. Seine Tat, seine konkrete Entscheidung soll diese Bejahung und Bewährung, diese Anerkennung seiner Bindung sein. Darum haben wir das Gebot des Schöpfers sich entfalten sehen zu einer ganzen gegliederten Gruppe von Fragen: Lebst du denn wirklich? Wirklich auch in Ehrfurcht vor dem fremden Leben? Lebst du an dem Ort, an den du schöpfungsmäßig gestellt bist, in der Berufung, in der du, nicht zu wiederholen und nicht zu vertauschen, gerade du bist? Lebst du in der Ordnung, die dem wirklichen Menschenleben von Haus aus eigen, ohne die und außerhalb derer es gar nicht wirkliches Leben ist? Lebst du schließlich – darin faßte sich uns schließlich alles zusammen – im Glauben an die Wahrheit, Gültigkeit und Güte des dir gesagten Wortes Gottes des Schöpfers, in dem eigentlichen Gehorsamsakt, mit dessen Geschehen alle jene anderen Fragen beantwortet wären? Darin müßte die Bindung, in der wir von Gott aus stehen, durch uns als seine Geschöpfe bewahrheitet werden, daß unsere eigene Existenz, gefragt, wie sie ist, die Antwort bildete, angefordert, wie sie ist, Erfüllung wäre. Unsere Tat müßte die geforderte Tat sein, wenn sie nicht jener Schritt in die Unmöglichkeit sein will. Wir müßten uns selbst sein, nicht im Sinn eines geschöpflichen Eigenwillens im Gegensatz zu dem des Schöpfers, sondern entsprechend der uns vom Schöpfer allein gegebenen Möglichkeit. Wir müßten das sein, was wir als aus seiner Hand hervorgegangen sind. Wir müßten in der uns gegebenen geschöpflichen Freiheit die Forderung Gottes bejahen als die Forderung unserer eigenen Natur. An dieser Stelle, wo eben das zum Problem wird, ob wir mit unserer Tat die Antwort sind auf die uns durch Gottes Gebot gestellte Frage – an dieser Stelle wurde uns vom Anfang unserer Überlegungen des Schöpfergebotes an ein Raum sichtbar, den wir die längste Zeit mit keinem entscheidenden Worte betreten oder auch nur bezeichnen konnten, ein Kreis in der Mitte gleichsam, auf den wir alle Linien unserer Erwägungen des Schöpfergebotes von allen Seiten hinweisen sahen, ohne daß wir doch in der Lage waren, sie |16 etwa auszuziehen, die Tat nun wirklich zu nennen, die nun nicht bloß Gegenstand einer Frage oder vieler Fragen, sondern Antwort, die rechte Antwort, die also gute Tat wäre.
Sind wir mit unserer Tat die Antwort auf die uns durch Gottes Gebot gestellte Frage? Um die menschliche Antwort handelt es sich, aber um die menschliche Antwort auf die dem Menschen gestellte göttliche Frage. Und insofern allerdings um die Tat, von der zu sagen wäre, daß sie in Konformität zu dem Willen Gottes stehe, daß in ihr der Wille Gottes geschehe, wie im Himmel, so nun, in den Grenzen des geschöpflichen Geschehens, auch auf Erden [vgl.
Beginnen wir mit dieser zweiten negativen Seite des eben durch die Erinnerung an den Begriff des Glaubens aufgedeckten Sachverhaltes. Also eben wenn und indem die gute Tat im Sinn des Schöpfergebotes geschieht, eben wenn der Mensch, durch das Schöpfergebot in Anspruch genommen, den eigentlichen Gehorsamsakt vollbringt, anerkennt er: jener Raum, den ich mit meiner Tat, meiner Entscheidung, mit der Leistung meiner Existenz ausfüllen sollte, ist und bleibt m1r unbetretbar. 1. Ich stehe mit meiner Tat nicht so da, daß ich sagen könnte: siehe da, ich lebe das mir von Gott gegebene Leben und also in der Ehrfurcht vor allem, was sonst Leben heißt. Nein, ich sehe und weiß, was ich lebe, das ist ein ganz anderes, dem wirklichen Leben ganz ungleiches, eigenmächtiges Tun und Geschehen und vollzieht sich schon deshalb in vollem Streit mit dem fremden Leben um mich her. 2. Ich stehe mit meiner Tat nicht so da, daß ich sagen könnte: siehe da, ich bin meiner Berufung getreu, ich stelle mich dahin, wo Gott mich hingestellt hat. Nein, ich habe überhört und überhöre immer wieder, was mir damit gesagt ist, daß ich gerade dahin gestellt bin, wo ich stehe, ich vernachlässige meine Berufung und ich greife nach Möglichkeiten, die nicht die meinigen und die darum mir verbotene Möglichkeiten sind. 3. Ich stehe mit meiner Tat nicht so da, daß ich sagen könnte: siehe da, ich habe mich der Ordnung unterzogen, wie es meines eigensten Wesens Forderung ist, ich lebe also in der Gottesordnung, die die Lebensordnung selber ist. Nein, ich habe sie übertreten und werde sie übertreten, ich stehe genau genommen – und hier gilt es genau zu nehmen – in der Unordnung, so weit das Auge reicht. Und wenn ich schließlich sage und sagen muß – ich wäre ja nicht der von Gottes Wort angeredete Mensch, wenn ich das nicht sagen müßte –: ich glaube! so muß ich doch 4. sofort |18 hinzufügen: Lieber Herr, hilf meinem Unglauben [vgl.
Überlegen wir uns nun, was zunächst diese negative Seite des Sachverhaltes in bezug auf den Glauben für unser Verständnis des göttlichen Gebotes bedeuten möchte. Wir haben zunächst die Frage aufzuwerfen, woher denn der Glaubende das weiß, daß er ein Sünder ist. Ist das ein Urteil besonders ehrlicher Selbsterkenntnis? Ist das nüchterne, wahrhaftige Resignation oder pessimistisch übertreibende Verzweiflung, was da redet, wenn er gerade, indem er gehorcht, seiner Tat als solcher den Gehorsamscharakter abspricht, wenn er ihrer nur im Glauben, D.h.nur im Blick auf Gott und gar nicht im Blick auf sie selbst und sich selbst getrost zu sein wagt? Wenn dem so wäre, dann würde dieses Urteil für das Verständnis des göttlichen Gebotes freilich gar nichts bedeuten. Es würde sich dann wohl fragen, ob solche Selbstverurteilung, solches Sichfallenlassen nicht seinerseits durch das Gebot Gottes verurteilt ist, das uns als Schöpfungsgebot offenbar anredet als solche, die ihm gehorchen können, ja als das, was sie sind, als Gottes freie Geschöpfe wesensmäßig gehorchen müssen. Es würde sich dann fragen, ob solche Selbstverurteilung nicht ein typisches Vor-Urteil sei, ob nicht gerade sie, wie ehrlich sie auch geübt sei, wieviel Grund sie auch haben möge, der eigentliche Ungehorsamsakt sei, durch den wir uns dem Gebot entziehen wollen. Es darf nur nicht geleugnet |19 werden, daß das Sündenbekenntnis und der Glaube, der es ablegt, mit ihm nicht eindeutig aus dem Schatten dieses Verdachtes herausgerückt werden können. Wir werden immer Anlaß haben, die Frage in Erwägung zu ziehen, ob unser Glaube nach dieser seiner negativen Seite nicht etwa bloß der Exponent unseres darin, in diesem Sichfallenlassen erst ganz aktuell werdenden Ungehorsams, ob das, dieser Verzicht nicht gerade unsere Sünde sein möchte. Wir müssen schon wissen, daß unser Glaube als unsere Tat und unser Erlebnis nach dieser Seite wie nach anderen wirklich nicht geschützt ist. Aber der Glaube glaubt ja nicht an sich selbst, weder an die Kraft, in der er sich zu Gott erhebt, noch an die Resignation oder Verzweiflung (und wenn es «getroste Verzweiflung»4 wäre!), in der er jenen Verzicht leistet. Sofern jenes Sündenbekenntnis auf Selbsterkenntnis beruht, wird er es jener Fragwürdigkeit gewiß nicht für entzogen halten. Und es wird zu sagen sein, daß sich von da aus eine veränderte Auffassung des göttlichen Gebotes nicht notwendig ergeben würde. Ob der Mensch das Gebot halt oder ob er mit Recht oder Unrecht erklärt, dazu nicht in der Lage zu sein, was sollte das an Gottes Gebot ändern? In dieser Einsicht haben wir uns im zweiten Kapitel überall da, wo uns die seltsame Ferne einer Möglichkeit wirklicher Erfüllung des Gebotes zu denken gab, dagegen verwahrt, aus diesem Grunde nun etwa einen Abstrich von der Höhe und Reinheit des Gebotes zu machen. Unser noch so notorisches Unvermögen ist es nicht, das dem Gebot ein anderes Gesicht zu geben vermag.
Aber nun beruht ja das Sündenbekenntnis des von Gottes Wort angesprochenen Menschen durchaus nicht nur auf Selbsterkenntnis. Es beruht sogar in seinem entscheidenden Gehalt gar nicht auf |20 Selbsterkenntnis. Der an Gottes Wort glaubende Mensch sagt sich ja das nicht selbst, daß er ein Sünder ist, sondern das läßt er sich sagen. Daß wir Sünder sind, ist eine Glaubenswahrheit, D.h.eine im Glauben vernommene Wahrheit, die wir uns nicht ebenso gut mittelst großer Ehrlichkeit selbst hätten sagen können. Wären wir auf uns selbst angewiesen, dann würden wir zu diesem Bekenntnis, dem Bekenntnis unserer Sünde, nicht vorstoßen. Mit den Lippen vielleicht wohl, aber nicht mit dem Herzen, in unserer eigenen Meinung vielleicht wohl, aber nicht vor dem Angesichte Gottes. Wir würden vielleicht an uns selbst zweifeln und auch wohl verzweifeln, aber wir würden nicht bekennen, daß wir böse sind. Wir würden vielleicht fallen lassen: den Mut, die Energie, den Willen, uns selbst, vielleicht sogar unser Leben, aber wir würden uns nicht schuldig finden. Wir würden uns vielleicht verurteilen, aber wir würden nicht zugeben, daß wir verurteilt sind, und zwar gerecht verurteilt. Wir würden uns nicht als unter dem Zorne Gottes stehend erkennen. Und das ist es doch, was der Glaube glaubt, was er mit jenem Bekenntnis bekennen will. Was der Glaube glaubt und bekennt, das ist hier wie überall, wo er glaubt und bekennt, Mysterium, ein Sachverhalt, der nur auf Grund eines bestimmten Sichverhaltens und Handelns Gottes am Menschen, der nur durch Gottes Offenbarung sichtbar wird und ist. Gottes Wort gibt dem, dem es sich zu hören gibt, also dem glaubenden Menschen, indem es ihn trifft, als das Wort der Wahrheit Bescheid über sich selbst, und zwar diesen göttlichen Bescheid. Also nicht das Ergebnis seiner noch so gründlichen Selbsterkenntnis sagt ihm, daß er das Gebot des Lebens nicht hält, sondern bricht, daß gerade jener Schritt in die Unmöglichkeit und Unwirklichkeit, die wir von der Schöpfung des Menschen aus nur als das völlig Ausgeschlossene betrachten können, gerade jener Gebrauch seiner Freiheit, die so wenig mit der ihm gegebenen Freiheit zu tun hat, daß wir ihn nur als Fall in die Unfreiheit verstehen können, daß gerade die Verneinung seiner mit dem Halten des göttlichen Gebotes stehenden und fallenden Existenz das Ereignis seiner konkreten Tat ist. Aufdeckung dieses dem Menschen abgesehen von Gottes Wort völlig verborgenen Sachver|21haltes, Offenbarung des «mysterium iniquitatis»5 und damit des Zornes des verdammenden Urteilsspruches Gottes, der in dieser Wirklichkeit des Menschen seinen Willen, sein Ebenbild nicht wiederzuerkennen vermag, die Verwerfung eines Geschöpfes, das seine gottgewollte Wirklichkeit selbst preisgegeben hat, das ist der Bescheid, den der Mensch im Glauben über sich selbst bekommt.
Und diesen göttlichen Bescheid läßt sich der Glaube geben. Darin ist er Glaube, daß der Mensch sich von Gott diese Wahrheit über sich selbst sagen läßt. Alle Selbsterkenntnis, alle Selbstanklage und Selbstverurteilung, alles Eingeständnis des eigenen Ungenügens gegenüber dem göttlichen Gebot kann bestenfalls nur ein Widerhall, ein sehr menschlicher und darum immer sehr problematischer Widerhall dieses göttlichen Bescheides sein. An ihm liegt grundsätzlich theologisch gar nichts. Zerknirschung ist nicht eine eindeutige und nicht eine notwendige Folge des Hörens und Annehmens dieses Bescheides. Es gibt eine Zerknirschung, die nur darauf hinweist, daß der Mensch diesen Bescheid noch gar nicht gehört und angenommen hat. Und es gibt ein Hören und Annehmen dieses Bescheides, bei dem von dem, was man Zerknirschung nennt, wenig oder nichts wahrzunehmen ist, bei dem der Mensch seinen Kopf vielleicht nicht weniger hochträgt als sonst. Kurz, der Widerhall des göttlichen Bescheides im Seelenleben und in der Haltung des Menschen ist eine Sache für sich. Die göttliche Offenbarung des «mysterium iniquitatis» selbst ist die theologische Wahrheit, die uns hier allein interessieren kann, das Wort Gottes, das dem Menschen also nicht nur sagt: Lebe! Lebe in deiner Berufung! Lebe unter der Ordnung des Lebens! Lebe deines Glaubens!, sondern zugleich und eben damit ihm auch die Eröffnung über sich selbst macht: das alles tust du aber unerhörter Weise nicht, sondern was du Leben heißest, das ist – sieh nur, was dein Leben in diesem Augenblick ist – Verrat am Leben in jeder Beziehung, Feindschaft gegen mich und damit Feindschaft gegen dich selber! Wenn nun eben der gebietende Gott uns jedenfalls auch das sagt und wenn er nun doch auch |22 als der, der uns das sagt, eben der gebietende Gott ist, dann drängt uns das offenbar zu der Einsicht, daß wir auf dem Weg, den wir bisher gegangen sind, eine Kurve nehmen müssen, wenn wir ihm weiter folgen sollen, daß wir auch Gottes Gebieten damit, daß wir es als das Gebieten des Schöpfers und Herrn des Lebens verstanden, erst von einer Seite verstanden haben und uns nach weiteren Begriffen umsehen müssen, um seiner Wirklichkeit gerecht zu werden.
Es ist nämlich offenkundig: wenn das Wort Gottes wirklich Offenbarung unserer Bosheit und des göttlichen Zornes ist, wenn gerade der Glaube dieses große göttliche Nein vernimmt und sich sagen läßt, wenn im Wort Gottes ein solcher Abgrund sich öffnet zwischen Gottes Willen und unserem Willen – dann wird die Bestimmung des göttlichen Gebotes, daß es das Gebot des Schöpfers, das Gebot des Lebens ist, zu eng, dann ist damit zu wenig gesagt. Das ist doch in dieser Bestimmung sicher nicht enthalten, daß wir unter einem göttlichen Nein, daß wir unter Gottes Gericht stehen. Der unendliche qualitative Unterschied6 zwischen Gott und Mensch ist freilich auch in dem Begriff «Gebot des Schöpfers» enthalten. Wie sollten wir den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen dem Herrn und Gesetzgeber des Lebens und uns, denen dieses Leben durch ihn geschenkt ist, anders denn als einen unendlichen und qualitativen ansehen? Schon der richtig verstandene Schöpfungsbegriff schließt jede monistische Betrachtungsweise, jeden Versuch, Gott und Mensch in einer Synthese zusammenzudenken, hermetisch aus. Und wie sollten wir, wo wirklich und im Ernst geboten wird, einen anderen Unterschied als einen unendlichen und qualitativen zwischen dem Gebieter und dem, dem geboten wird, annehmen können?
Aber dieser unendliche Unterschied kann nun offenbar doch |23 ganz verschieden qualifiziert sein. Man muß sagen, daß er im Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf qualifiziert ist eben als Unterschied zwischen beiden, als Unterschied zwischen dem in und durch sich selbst seienden, freien und allmächtigen Herrn und dem durch ihn aus dem Nichts geschaffenen, durch ihn erhaltenen und regierten Weltwesen. Man kann aber nicht sagen, daß er hier qualifiziert sei als Gegensatz zwischen beiden. Man kann nicht sagen, daß hier ein göttliches Nein, daß hier Gottes Zorn in Betracht komme. Man kann hier bei aller Unendlichkeit des Unterschiedes doch nicht von einem scheidenden Abgrund, von Rebellion und Verdammnis reden. Unterschied ist da im Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf, aber von Gegensatz, von Scheidung, von Trennung, gar von Feindschaft, kann man da nicht reden. Man darf es auch nicht. Die Kirche hat in ihren Anfängen, im zweiten Jahrhundert und doch auch noch lange nachher mit der starken Versuchung zu ringen gehabt, eine direkt einzusehende Einheit des Gottesgedankens dadurch herbeizuführen, daß man die Qualifizierung des unendlichen Unterschiedes von Gott und Mensch als Gegensatz schon auf ihr schöpfungsmäßiges Verhältnis anwandte. Es lag ja so nahe, die Feindschaft zwischen Gott und Mensch, mit der wir im Verhältnis der Versöhnung als mit dessen Voraussetzung zweifellos zu rechnen haben, schon in die Schöpfung zurückzutragen, sei es durch die Auffassung des geschöpflichen Daseins als einer irgendwie unbefugten, illegitimen Emanation, eines Abfalls von seinem Ursprung, einer Sonderung oder Sünde schon in seinem Dasein als solchem, sei es in der Auffassung des Schöpfers als eines bösen heimtückischen Feindes seiner im Zorn geschaffenen Schöpfung. Es war die große Versuchung der Gnosis einerseits, des Marcionitismus andererseits. Die Kirche hat diese Versuchung als solche erkannt, abgelehnt und ausgestoßen. Sie hat sich damit allerdings die Aufgabe in bezug auf den Gottesgedanken nicht leichter gemacht. Denn sie mußte nun, ohne die Unveränderlichkeit und Einheit Gottes preiszugeben, anerkennen und damit rechnen, daß dieser eine unveränderliche Gott in seinem Verhältnis zu uns mindestens unter zwei Aspekten gedacht werden muß, nämlich freilich unter dem Aspekt |24 seines Zornes gegen die sündige Kreatur, aber dies nicht anders als auf dem Hintergrund eines ganz anderen ersten Aspektes, nämlich dessen seiner guten und vollkommenen Schöpfung, kraft welcher zwischen ihm und der Kreatur wohl Unterschied, aber nicht Trennung besteht, kraft welcher auch dieser unendliche Unterschied – er ist auch so unendlich – nicht als Feindschaft, sondern als Friede und Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch qualifiziert ist.
Friede und Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch ist die eigentümliche Voraussetzung des Schöpfergebotes als solchen. Darum haben wir denn auch den nicht ungefährlichen Begriff der «lex naturae» aufnehmen, das Gebot des Lebens als Gebot Gottes und als Gebot des eigensten Wesens des Menschen verstehen müssen. Darum haben wir die Möglichkeit der Erfüllung des Gebotes nicht etwa zum vornherein verneint, sondern offen gelassen, den Menschen nicht zum vornherein als Sünder definiert, so bedrängend uns die Frage nach der Erfüllung von Anfang an gewesen ist. Darum haben wir erst jetzt, erst nachträglich, die Antinomie aufgedeckt, die im Begriff des Glaubens enthalten ist, sofern eben der Glaube auf Grund des Wortes Gottes bekennt und anerkennt, daß der Mensch, nicht zum vornherein, nicht als Geschöpf Gottes, aber in einer der Schöpfungswirklichkeit gegenüber radikal entarteten Wirklichkeit ein Übertreter des Gebotes, ein Sünder ist. Also eben der Begriff des Glaubens ist gleichsam der notwendige Drehpunkt der Betrachtungsweise. «Ich glaube an Gott den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde «sagen wir, aber wenn wir nun fortfahren: «Und an Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn», dann haben wir schon jene negative Voraussetzung geltend gemacht, die Voraussetzung des «mysterium iniquitatis» auf unserer Seite, des Gerichtes Gottes auf seiner Seite, sein zürnendes Nein, auf das das Bekenntnis zu Jesus Christus seinem Sohn, unserem Herrn, die Antwort gibt: als Echo auf ein göttliches Ja, das noch einen anderen Gehalt hat als das Ja des Schöpfers. Nun ist der unendliche Unterschied zwischen Gott und Mensch anders, ganz anders qualifiziert als vorhin. Nun ist freilich |25 Gegensatz, Trennung und Feindschaft da. Nun muß von einem scheidenden Abgrund geredet werden. Diese zweite Qualifizierung läßt die erste unberührt. Der Schöpfer hat nicht aufgehört, der Schöpfer, das Geschöpf hat nicht aufgehört, das Geschöpf zu sein. Und darum steht auch das Schöpfergebot in Kraft und darf von der Lehre von der Heiligung nicht übersehen, in der theologischen Ethik nicht übergangen werden. Aber man kann auch nicht bei ihm stehenbleiben, man kann nicht etwa das ganze Verständnis der Inanspruchnahme des Menschen durch das Gebot in diesen einen Rahmen fassen wollen. Nun muß anerkannt werden: Das eine Gebot des einen Gottes ist nicht nur Schöpfungsgebot, nicht nur Gebot des Lebens, lex naturae, Anamnesis des ersten ältesten in unsere eigenen Herzen geschriebenen Gebotes. Es ist nicht nur so, daß wir es kennen von Hause aus, wie wir uns selbst kennen, daß es uns nahe ist, wie wir uns selbst nahe sind. Sondern es ist, ohne daß das alles übersehen oder gar geleugnet werden darf, auch so, daß es uns schlechterdings gegenübertritt, gegenüber jetzt im Sinn von entgegentritt, wie ein Herr dem Willen seines trägen und ungehorsamen Knechtes, ja wie ein übermächtiger Feind seinem Feind. Das Bekannte ist auch das Unbekannte, das Fremde. Das Alte ist auch das unerhört Neue. Das Nahe ist auch das unbegreiflich Ferne. Die Bejahung unseres Lebensaktes ist auch seine Verneinung, Durchkreuzung, Hemmung, ja Aufhebung. Was zugunsten unseres eigensten Wesens, in tiefstem Einklang mit ihm gesagt ist zu uns, das ist auch diesem unserem selben eigensten Wesen, ist auch dem besten Teil in uns zuwider, zu Trotz gesagt. Das alles ist keine ausgeklügelte Dialektik – wenn man klügeln wollte, so würde man sich hier manches sehr viel einfacher machen können –, das sind die Antinomien (oder vielmehr erst einige von den Antinomien), auf die man einfach stößt, wenn man sich das Problem nicht vorweg so einseitig gestellt hat, wie es zur Vermeidung solcher Engpässe allerdings nützlich, aber im Interesse des Problems selber sicher nicht ratsam ist.
Also Gottes Gebot ist eben auch – jetzt erst nehmen wir diesen wichtigen Begriff in seinem eigentlichen Sinne auf – es ist auch |26
Gesetz. Das Gesetz ist das Gebot Gottes als des in seiner Heiligkeit verletzten, des zürnenden Gottes, des Gottes, den wir unendlich beleidigt haben, der nun unser Feind geworden ist und den wir nun zu fürchten haben. Wir beeilen uns zu bemerken, daß das nicht Alles ist, was über das Gesetz zu sagen ist. Aber das ist jedenfalls auch und das ist als Erstes von ihm zu sagen. Wir haben den Ausdruck Gesetz vermieden, als wir vom Schöpfergebot sprachen. Wir haben dort auch nicht von der Furcht Gottes gesprochen. Beides erweckt die Vorstellung von Trennung und Gegensatz zwischen Gott und Mensch, die dort gerade nicht aufkommen sollte, so unvermeidlich der Ausblick auf diese Wirklichkeit sich uns schon von dort aus erwiesen hat. Wir haben dort das Gebot als das Gebot des Lebens verstanden. Hier und jetzt geht es nicht um unser Leben, weder darum, daß das Gebot in und mit unserem Leben gegeben wäre, noch darum, daß der Sinn und Inhalt des Gebotes unser Leben wäre. Das ist und bleibt freilich auch wahr, ist und bleibt für die ethische Besinnung auch wichtig. Aber nun muß sie weitergreifen. Nun ist einzusehen: unser Leben ist ja Abfall von Gott und damit von uns selber. Wir sind ja schuldig geworden, wir sind ja unfrei, wir sind ja verurteilt in unserem Lebensakt. Er ist ja gar nicht wirklich Lebensakt. Wir sind ja hinausgetreten in jene Finsternis unserer eigenen Unmöglichkeit und Unwirklichkeit. Indem uns Gott sein Gebot vorhält, gibt er uns ja diesen Bescheid über uns selber. Und er hält es uns vor als solchen, die eben dort draußen stehen. Nun muß die Vorstellung der Trennung und des Gegensatzes Platz greifen, weil sie nun am Platze ist, weil nun die Qualifikation des unendlichen Unterschiedes von Gott und Mensch allerdings diese ist. Uns den Sündern ist das Gebot allerdings nicht gegeben mit unserem eigenen Leben, sondern uns ist es gesetzt, und zwar eben entgegengesetzt durch den fernen, fremden Willen Gottes, der gar nicht unser eigener ist, sondern ein Stein des Anstoßes und des Ärgernisses [vgl.
Aber nun, nachdem wir uns erinnert haben, daß das «mysterium iniquitatis» aufgedeckt und der Zorn Gottes offenbar ist über alle Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit der Menschen (
Wir kehren zum Begriff des Glaubens zurück. Was wir eben entwickelt haben, das war ja doch erst sein negativer Gehalt. An den |29 Bescheid, den das Wort Gottes dem Menschen über sich selbst gibt, haben wir uns erinnert, um einzusehen, daß das Gebot, das uns, den Sündern, gegeben ist, das Gebot des Gesetzes ist und als solches Gottes vernichtender Widerspruch gegen uns, unsere Anklage und unser Todesurteil. Aber mit dieser Bestimmung des Gesetzgebotes kann sich die theologische Ethik nicht zufriedengeben. Das den Menschen beanspruchende Gebot Gottes ist doch seine Heiligung, haben wir in unserem ersten grundlegenden Kapitel gesehen. Ist es aber unsere Heiligung, dann muß ihm noch ein anderer Charakter eigen sein als der eben beschriebene. Oder vielmehr: eben dieser Charakter des Gebotes und also der Heiligung, die Heiligung als mortificatio, muß nun verstanden werden als dasjenige Sichverhalten und Tun Gottes, kraft welches das Tun des Menschen gute Tat ist. Der Glaube ist diese gute Tat, sagten wir. Aber inwiefern denn nur? fragen wir, nachdem wir ja eben festgestellt, daß eben im Glauben der Mensch sich selbst als Sünder erkennt. Drei Antworten sind zunächst auszuschalten. Das Gute im Glauben, das, was den Glauben und also den im Glauben geschehenden menschlichen Lebensakt überhaupt rechtfertigt, ist weder kraft irgend einer Qualität der Glaubensakt selbst und als solcher noch auch seine negative Seite, kraft welcher er Erkenntnis und Bekenntnis unserer Sünde ist, noch auch irgend eine durch ihn bestimmte Veränderung unseres Lebensaktes.9 Also:
1. Das kommt nicht in Betracht, daß der menschliche Erkenntnis und Willensakt des Glaubens oder auch der Glaube als Akt des menschlichen Gefühls, als opus und virtus eine solche Vollkommenheit habe oder erreichen könnte, daß man in dieser die gesuchte Güte zu finden hätte, so daß er um dieser willen die Antwort auf Gottes Frage, die Erfüllung und das Halten des Schöpfergebotes etwa wäre. Was hierzu zu sagen ist, muß in dem doppelten Paradoxon formuliert werden: Wir können nicht an unseren Glauben glauben. Und: wir können auch an unseren Glauben nur glauben. Wir können nicht an unseren Glauben glauben, will sagen: Wir |30 können uns in unserer Begegnung mit Gott angesichts der an uns gerichteten Frage nicht auf das stützen, was als unser Glaube in uns selbst und durch uns selbst Ereignis ist, können weder in unserem bewußten noch auch allenfalls9a in einem unbewußten Glaubensakt das Gute sehen, in dem nun etwa der Wille Gottes auf Erden geschähe wie im Himmel, das uns also in dem Gerichte Gottes freispräche. «Fides non ideo iustificat aut salvat, quia ipsa sit opus per sese dignum» (Melanchtbon, Apol. II, 5610). «Ego soleo, ut hanc rem melius capiam, sic imaginari, quasi nulla sit in corde meo qualitas, quae fides vel caritas vocetur» (
2. Nun darf die Güte des Glaubensaktes aber auch nicht etwa in der infirmitas und humilitas des Menschen gesucht werden, also darin, daß der glaubende Mensch sich als Sünder weiß, daß er der Schwachheit und Ohnmacht auch seines Glaubens sich bewußt ist, daß er an sich selbst verzweifelt usw. In den Schriften des jungen
3. Die Güte, das vor Gott Gerechte des Glaubensaktes, besteht aber endlich – und hier müssen wir am genauesten zusehen – auch nicht in der Veränderung der Totalität des Lebensaktes, die eben damit in der Tat stattfindet, daß er der Lebensakt des Glaubenden ist. Es ist wahr: Der Mensch steht anders dem Schöpfergebot gegenüber als Nicht-Glaubender, anders als Glaubender. Daß er glaubt, das bringt ihn in seiner Stellung zu seinem eigenen und zum fremden Leben, zu seinem Beruf und zu den göttlichen Lebensordnungen zweifellos in eine bestimmte Bewegung. «Haec fides… iustificat et vivificat» (
Die Reformatoren haben diese dritte Negation zunächst gegen die katholische Lehre von der «fides caritate formata» [vgl.
Eine Wiederkehr dieser katholischen Anschauung hat dann stattgefunden in der Lehre des Andreas
Man kann verschiedener Ansicht darüber sein, ob
Die Güte der menschlichen Tat, die der Glaube glaubt und die ihn selbst zur guten Tat macht, ist diesseits der eschatologischen Grenze keine solche, die der Mensch, wenn auch unter dem Vorbehalt dauernder Vergebungsbedürftigkeit und weiteren Fortschritts, in sich selber trüge. Also: 1. der Glaube als solcher, 2. die Demut des Glaubens, 3. die von dem Glauben unzertrennliche Lebenserneuerung kommen als das, was den Glaubensakt und den im Glauben geschehenden Lebensakt überhaupt zur guten Tat macht, als Erfüllung des Gebotes nicht in Betracht. Wir können und dürfen ja eben das, daß der Mensch gerade im Glauben sich als Übertreter erkennt und bekennt, nicht wieder loslassen. In der Zeit, in der der Glaube das Wort Gottes hört, gilt, wenn er wirklich hört, diese Erkenntnis und dieses Bekenntnis. Auf diesem Hintergrund müssen wir also43 das Gute im Akt des Glaubens oder die Gerechtigkeit |41 des Glaubens anders verstehen, als es uns durch die besprochenen drei Möglichkeiten nahegelegt ist. Sie leiden alle unter dem Fehler, daß dabei der Mensch dem Gericht irgendwie wieder entzogen wird, unter das er sich doch gerade als Glaubender gestellt hat und dem er sich, wenn sein Glaube gut sein und bleiben soll, gerade nicht mehr, nie mehr entziehen wollen sollte. Sie sind alle von einer gewissen Abseitsstellung, in der man über den Glauben reflektiert, nicht aus der Stellung des Glaubens selbst heraus gedacht. Das war der Sinn des zähen Kampfes der Reformatoren gegen alle diese Möglichkeiten, und darum muß auch die heutige Theologie diesen Kampf kämpfen. Auf Grund aller jener Möglichkeiten wäre das Gute der menschlichen Tat des Glaubens so zu verstehen, daß es eine Aufhebung oder doch Abschwächung des Urteils, daß der Mensch böse ist, bedeuten müßte, daß jener furchtbare, aber auch fruchtbare Gegensatz zerstört würde, den
Wir nehmen die letzten Bestimmungen der Gerechtigkeit des Glaubens voraus, wenn wir sagen: sie ist die Gerechtigkeit, die in der Vergebung der Sünden, oder positiv gesagt, die in der Gerechtigkeit Christi als des zu uns gesprochenen Wortes Gottes ihren Grund und Bestand hat. Aber gehen wir nun im Anschluß an die Lehre der Reformatoren auch hier schrittweise weiter.
Bleibt es bei der Anerkenntnis, daß wir Sünder sind, die unter Gottes Zorn und Gericht stehen, dann kann die Gerechtigkeit des Glaubens nicht zu verstehen sein als «propria et domestica… quae veniat aut nascatur ex nobis… quae in terra nostra oritur». Dann gilt für den Christen in bezug auf seine «naturalia et spiritualia dona» (also auch in bezug auf seine allfälligen Fortschritte in der Heiligung): «se habere in humilitate quasi adhuc nihil habeat» (
Ein zweiter, höherer Grund leuchtet uns jetzt ein, warum die Gerechtigkeit des Glaubens als fremde Gerechtigkeit verstanden werden muß, warum
Und von da aus dürfte nun zu dem Satz von
48Was haben die Reformatoren mit diesem «declarat» oder «pronuntiat» oder «reputat», das dann geradezu zum Schibboleth ihrer, d.h., sagen wir einmal mit dem nötigen Vorbehalt: der reinen richtigen Rechtfertigungslehre geworden ist, sagen wollen? Sicher nicht das, daß der, den Gott gut heißt, nur bedingt, nur gleichsam in der Klammer eines «Als ob» gut sei, sofern ihn ja eben Gott doch nur so heiße, während es in Wirklichkeit ganz anders um ihn stehe. Nein, wenn Gott uns wirklich so heißt, dann gibt es keine dahinterstehende andere, womöglich höhere Wirklichkeit, kein «nur», das die Wahrheit seines Wortes einschränken dürfte und könnte. Gewiß, sie ist Gnadenwahrheit, Barmherzigkeitswahrheit, Wunderwahrheit, Wahrheit, die wir nur im Glauben und nicht außerhalb des Glaubens als beglaubigt erkennen können. Aber gerade als solche ist sie Wahrheit in schlechthin überlegener Weise gegenüber aller Wahrheit, die wir etwa auf Grund eines entsprechenden Befundes in unserem uns anschaulichen Leben als solche zu konstatieren vermöchten. So darf also das Bild von dem Kleid der Gerechtigkeit, mit dem wir bedeckt werden, nicht gedeutet werden, als stünde nun neben, über oder hinter dem Sündersein des Menschen als ein zweites sein Gerechtsein vor Gott, kraft dessen, daß Gott ihn gerecht nennt. So steht es nicht, daß das «simul peccator et iustus» etwa mit einer im Gleichgewicht ruhenden oder auch schaukelnden Waage zu vergleichen wäre. Dann wäre es freilich wahr, was die alten und neuen, die katholischen und «protestantischen» Feinde der reinen Lehre ihr so oft vorgeworfen haben, daß sie nicht nur einen unerträglichen logischen Widerspruch enthalte, sondern auch einen offenkundigen Widerspruch in Gottes Wort und damit in Gott selbst hineintrage, sofern Gott gleichzeitig nein und ja, ja und nein zum Menschen sage. Denn sein Wort sagt dem Menschen doch auch das, daß er ein verlorener und verdammter Sünder ist, und nun soll er ihn, ohne daß daran etwas geändert würde, sein liebes Kind nennen, nun soll er ihm ohne alle Garantien für seine Besserung einfach vergeben haben? Gott sagt sowenig gleichzeitig ja und nein zum Menschen, ist darauf zu antworten, daß die eine Zeit, die hier in Betracht kommt, die Zeit, in der Gott |49 nein zu uns sagt, vielmehr die Zeit, die Zeit überhaupt, nämlich unsere Zeit, neben der der Sünder keine andere kennt – diese andere aber, die Zeit des göttlichen Ja, nichts anderes als die Zeit Gottes, die Ewigkeit ist. Zeit und Ewigkeit stehen sich aber nicht gegenüber, wie sich zwei Zeiten, sondern so wie sich eben unsere Zeit und Gottes Zeit, wie sich geschaffene und ungeschaffene, schöpferische Zeit, Gott selber gegenüberstehen, so nämlich, daß jene nur bezogen auf diese und durch diese als deren Ursprung wirklich ist. Wir haben Zeit, nur indem wir Ewigkeit haben. Darum kann nun aber, was in der Zeit und für die Zeit wahr ist, nicht gleichsam konkurrieren mit der ewigen Wahrheit, gerade weil und wenn es darum und darin wahr ist, daß es in der ewigen Wahrheit seinen Ursprung hat. Es kann ihr unmöglich widersprechen, und wenn es Nein, jene aber Ja lautete.
Man muß vielleicht noch einen Schritt weitergehen – nur im Glauben, im Glauben des begnadigten Sünders, nicht spekulativ kann das freilich gesagt werden: Es steht geradezu zu erwarten, daß für uns, die wir eben nicht nur in der Zeit, sondern auch, und wäre es auf Grund der Offenbarung, im Abfall und im Widerspruch gegen Gott denken, für uns, deren Denken die schöpfungsmäßige Bezogenheit der Zeit auf die Ewigkeit nur in einem gebrochenen Gedanken zu vollziehen vermag, zeitliche und ewige Wahrheit, ohne darum weniger Wahrheit, und zwar eine Wahrheit zu sein, sich wirklich wie Nein und Ja zueinander verhalten müssen, ohne daß darum ein Widerspruch in Gott selbst vorliegen würde. In uns, die wir, auch wenn wir Gottes Wort hören und nachzudenken versuchen, Menschen und nicht Götter, und zwar sündige Menschen sind, in uns, deren Theologie theologia post lapsum ist, steckt der Widerspruch, zu dem wir uns hier – «pecca fortiter»65 – bekennen müssen. Wenn Gott zu uns redet, wenn er in seinem Wort seine eigenen Gedanken unserem Denken zugänglich macht, und wenn wir uns nun über das Gehörte nüchtern und gewissenhaft Rechenschaft ablegen wollen, dann müssen wir uns offenbar klar |50 sein darüber, daß wir es mit einem doppelseitigen Tatbestand zu tun haben. Einmal, erstens und vor Allem mit dem, was uns von Gott gesagt ist. Das ist eben das reformatorische «declarat, pronuntiat, reputat», und sein Inhalt ist ein eindeutiges Ja, das Ja der Barmherzigkeit und Vergebung. Du bist gut, bist gerecht ungeachtet alles dessen, was du gerade auf Grund dieses Ja als zu dir gesagt, dir gesagt sein lassen mußt. Du bist gerecht, weil und sofern ich, der ich die Wahrheit selber bin [vgl.
Man kann den Sachverhalt vergleichen mit dem eines Siegelabdruckes in Wachs oder einer anderen weichen Masse. Das positive Eigentliche, was da geschieht, ist die in der Masse stattfindende Ausprägung des Siegelbildes. Das Metall hat daselbst etwas |51 Bestimmtes ausgerichtet. Und das ist freilich der klare und wahre Sinn des Vorgangs. Aber nicht wahr, nicht das etwa ist geschehen, daß das Metall sich der Masse mitgeteilt, daß etwa zwischen ihr und ihm eine Vereinigung oder auch nur Vermischung stattgefunden hätte. Es ist nicht etwa (
Warum: kann nicht? Warum können wir das eine Wort Gottes nicht auch einfach hören? Warum dieser Umweg? Wir werden nur nochmals antworten können: Ja, wer ist denn auf dem Umweg, Gott oder wir? Verhüllung ein für Gott selbst notwendiges Ver|52fahren? Larva Dei, Mummerei?68 Wie sollte Gott mit uns, die wir nicht nur auf dem Umweg, sondern auf dem Abweg sind, anders reden können als auf diesem Umweg? Wenn wir die Sünde nicht leugnen wollen, müssen wir wohl verstehen, daß eben der Umweg der rechte Weg ist. Also: nicht zwei Worte verschiedenen Inhalts hört der Glaube, die wir nun nebeneinander oder abwechselnd für wahr halten müßten, sondern ein Wort, dessen ewiges Licht das menschliche Denken doch nicht anders als im Kontrast zu dem von ihm in die Zeit, über die ganze Zeit geworfenen Schatten sehen kann. Aber eben so wie Licht und Schatten und nicht so wie zwei verschiedene Lichter verhalten sich Erkenntnis der Vergebung und Erkenntnis des Gerichtes im menschlichen Denken zueinander. Also freilich in einem Gegensatz, den wir nicht abschwächen, über den wir uns nicht hinwegschwingen können, um jenseits von Gericht und Gnade Gott in die Karten zu schauen und selber mehr oder weniger Gott zu sein, wie es das stille Geheimnis aller unreinen Rechtfertigungslehre ist. Aber das Licht wirft den Schatten, immer ist der Schatten der Schatten des Lichtes und gäbe es ohne das Licht auch keinen Schatten. Also: das ewige Licht der Vergebung und nichts sonst ist der Inhalt der göttlichen declaratio, pronuntiatio, reputatio. Können wir seine Korrelation zu dem Schatten des Gerichtes nicht ableugnen und aufheben, so können wir uns doch noch viel weniger so stellen, als hätten wir etwa die Möglichkeit, das göttliche Gericht, unsere Sünde an und für sich als die Wahrheit unserer Existenz zu verstehen, uns dem Wort der Gnade dadurch zu entziehen, daß wir vorwenden, allzu mächtig und durchdringend habe uns zunächst das Wort des Gerichtes getroffen. Wir können gerade bei der Betrachtung des opus Dei alienum keinen Moment verweilen wollen.
Hier greift
54Wir müßten gerade die Ewigkeit Gottes leugnen, wenn wir sub specie temporis, sub specie jenes kleinen Augenblicks, jenen Deus absconditus, von dem
«Sed Christus spectandus est», fährt
Ja, richtet denn nicht auch Christus? ist zu fragen. Wir antworten: nicht nur auch, sondern gerade Christus richtet uns. Solange wir nicht von Christus gerichtet sind, sind wir überhaupt nicht gerichtet. Er ist die eine einzige Offenbarung Gottes, in der uns beides widerfährt: Gericht und Gnade. Aber nun eben in ihm beides in dem Verhältnis von» opus alienum «und» opus proprium«, wie wir es eben beschrieben haben, und nicht anders. Gott selbst erleidet und trägt in Jesus Christus, seinem fleischgewordenen Wort, die Verdammnis, die wir als über uns verhängt erkennen müssen. Damit, daß hier nicht irgend jemand leidet und trägt, sondern eben Gott, damit ist sie getragen, abgetragen, weggetragen. Über uns drohend wie ein Gewitter in nächster Nähe, darf sie doch nicht über uns hereinbrechen, weil sie getragen, gehalten ist von dem, der sie mit Recht über uns verhängt hat, um mit demselben Recht in unbegreiflicher Herablassung sich an unsere Stelle, unter die Last unserer Sünde, sich als Gott unter das Urteil: der Mensch ist |57 böse! zu stellen. Er allein kann die Last des Fluches, der Not und des Jammers tragen, die mit dem Abfall von ihm unser Teil sein müßte. Und er trägt diese Last. Sie liegt nicht auf uns, sie liegt auf ihm. Das ist Christi stellvertretendes Strafleiden. Und unser Fleisch, der Mensch hat, auf- und angenommen durch Gottes ewiges Wort, als Fleisch in seiner ganzen grenzenlosen Ohnmacht und Schwachheit und Versuchlichkeit Gott Gehorsam geleistet. Indem Jesus von Nazareth sich zum Menschen, zu seinen Brüdern bekannt hat bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz [vgl.
Das ist die Versöhnung, daß Gott in diesem Menschen Jesus von Nazareth unser Nächster, unser Allernächster, nämlich unser in der Kraft seiner Gottheit für uns eintretender leidender und handelnder Herr wird. Das ist das «opus Dei proprium». Das ist die Rechtfertigung. Das ist der Inhalt seiner declaratio über den Sünder. So vergibt er uns. So heißt er uns gut. Und so, als die notwendige negative Kehrseite der Vergebung, der ewigen Gnade Gottes in Christus, kommt es nun auch zu dem wirklichen Gericht, zu der mortificatio carnis, in der der Glaubende, versöhnt mit Gott und |58 doch noch nicht erlöst, D.h. noch nicht vollendet, noch nicht entnommen dem Widerspruch zwischen der Gnade und dem Gesetz in der Gnade, der Doppelheit von Rechtfertigung und Heiligung, dem Kampfe von Geist und Fleisch [vgl.
Und nun müssen wir von dieser Spitze des Problems aus, gerade unter dem Gesichtspunkt, unter dem es uns hier interessiert, noch einen ganz bestimmten Rückblick auf das Ganze werfen. Noch einmal: erst von dieser Spitze aus kann die ganze, fast unerträgliche Schärfe einleuchtend werden, in der es gestellt und beantwortet werden muß. Warum iustitia forensis? Warum ist und bleibt uns das Wort ein fremdes Wort, durch das Gott uns, den Bösen, sagt, daß wir gut sind, um uns eben damit erst als böse zu entlarven, aber wiederum nicht, um uns dabei zu behaften, sondern um uns, den Bösen, die Gemeinschaft seiner Güte zu schenken? Warum ist das ein Wort, dessen Inhalt wir uns nicht assimilieren, den wir nicht an uns selbst reißen können, den wir in dieser Zeitlichkeit immer nur in jenem, dem Worte selbst suchen, den wir als gültig, als für uns gültig, solange wir leben, immer nur glauben können? Warum ist und bleibt dieses Wort so unaufhebbar Gottes Wort über uns, das keine Liebe, keine Demut, keine Heiligung zu unserem eigenen Worte über uns selbst verwandeln kann? Warum können wir auch die Bezogenheit dieses Wortes auf uns selbst immer nur in Sätzen wiedergeben, die gerade unser Absehen von uns selbst zum Ausdruck bringen: «in ipso et extra nos iusti reputamur coram Deo» (
Hier in der Christusfrage hat besonders
Aber nun darf man nicht übersehen, daß gerade
Dem Glauben bleibt auch der ihm als göttliches Subjekt innewohnende Christus, von dem etwa
Also so, so wie wir es in der nun hinter uns liegenden Wiederholung der Rechtfertigungslehre festgestellt haben, so steht es mit dem Glaubenden, der der Täter des Wortes ist, der das Gebot des Schöpfers erfüllt. Wir haben mit diesem Rückblick das Recht und die Notwendigkeit aufgewiesen, das Gebot nun unter einem neuen zweiten Gesichtspunkt zu verstehen. Es ist nicht nur das Gebot unseres Schöpfers. Es ist das Gebot unseres Versöhners. Wir wissen nun, inwiefern der Glaubende das Gebot erfüllt, inwiefern er am Gebot gemessen gerecht und gut ist. Er ist es ganz allein durch die Gnade in Jesus Christus. Er ist es als Christ, d.h. als Glied an dem Leibe, an dem Jesus Christus das Haupt ist. Als Glied des auserwählten Volkes, für das sein König und Hohepriester eintritt. Er ist es also als solcher, der Gnade nötig hat, dessen Sünde bedeckt werden muß, der also in sich selber nicht gut und gerecht ist. So schließt gerade die Versöhnung mit der Gnade das Gericht in sich. Gott der Schöpfer richtet uns nicht, wohl aber Gott der Versöhner. Nicht die Menschheit, sondern das Haus Gottes ist die Stätte des Gerichtes [vgl.
Wir werden nun in genauer Analogie zu dem Kapitel über das Schöpfergebot folgendermaßen vorgehen: Wir werden zunächst in einem zweiten speziellen Teil dieses ersten Paragraphen zu zeigen haben, was das im Blick auf unsere konkrete Lebenstat geredet heißt, daß wir eben durch Gottes Gnade, als durch ihn Gebundene und Gehaltene und Getragene, als Glieder am Leibe Christi, unter das Gesetz getan sind, inwiefern durch Gottes Gebot jener sein Widerspruch gegen uns eingelegt ist, der uns konkret an ihn bindet |67 und unsere Anerkennung fordert. Was sollen wir tun? Was ist Gesetz? Wir werden dann in einem zweiten Paragraphen (entsprechend dem früheren über die Berufung) den Ort festzustellen haben, wo uns dieser Widerspruch tatsächlich trifft, wo die Entgegensetzung des Gebotes, die es eben zum Gesetz macht, konkretes Ereignis wird. Was sollen wir tun? Inwiefern geht das Gesetz uns an? (Autorität.) Wir werden weiter in einem dritten Paragraphen (entsprechend dem früheren über die Ordnung) den eigentlichen Inhalt der Forderung des Gesetzes zu entwickeln haben. Wohin weist es uns denn? Welchen Charakter wird es unserer Tat aufprägen? Welche Richtung bekommt denn der von Gott gerichtete Wille? Was sollen wir tun? ist jetzt die Frage zu betonen. (Demut.) Endlich [werden wir] in einem vierten Paragraphen (entsprechend dem vorangegangenen über den Glauben) ein neues und zweites Mal die Frage nach der Erfüllung, nach dem vollkommenen Werk [stellen müssen], nun aber eben unter dem Gesichtspunkt, daß das Gebot das Gebot des Versöhners, daß das Werk also das Werk des Glaubens ist. Da werden wir nicht etwa dabei stehen bleiben können, noch einmal zu sagen, daß das vollkommene Werk eben der Glaube selber ist. So wahr das ist, wird doch jetzt darüber Auskunft zu geben sein, inwiefern er denn ein Werk, ja das gute Werk ist, was denn das heißt: seines Glaubens leben, Antwort auf die Frage: Was sollen wir denn tun? Nicht: wie bekomme ich, sondern worin besteht jene mir durch Gottes Gnade zugesprochene Güte? Oder umgekehrt ausgedrückt: Inwiefern ist denn meine Tat nun eigentlich die Tat eines solchen, der diesen Zuspruch durch Gottes Gnade selber und als an sich gerichtet gehört hat? Die Reformatoren haben, wie schon erwähnt, die katholische Frage nach der «fides formata» nicht abgewiesen89, sie haben nicht bestritten, daß die Gerechtigkeit des Glaubens sich in einer bestimmten Gestalt des Glaubens erweisen müsse, wenn sie es auch abgelehnt haben, sie um dieser ihrer notwendigen Gestalt willen als Gerechtigkeit vor Gott in Anspruch zu nehmen, weil sie ja auch in dieser Gestalt keines|68wegs feststellbar ist, weil wir ja vielmehr auch diese Gestalt als Gnade und nicht als Menschenwerk verstehen müssen. Wir dürfen aber die Frage nach dieser Gestalt nicht abweisen, und auf sie wird eben am Schluß unseres Kapitels Antwort zu geben sein. (Liebe.)
2.
Wenden wir uns nun zu unserer ersten Frage, der Frage nach dem Sinn des Gesetzes. Was heißt das und wie geschieht das konkret, daß mir durch das Gebot von Gott widersprochen ist und daß ich mich eben durch diesen mir widerfahrenen Widerspruch ohne und gegen mein Verdienst von Gott gehalten und getragen wissen darf? Was heißt das und wie geschieht das konkret: Gott «verpflichtet mich auf sein Gesetz»? Wo und wie greift diese Verpflichtung ein? Was sollen wir tun? In welcher Beziehung kann ich meine Tat als Beugung unter das Gebot Gottes des Versöhners und in diesem Sinn also als gute Tat verstehen? Als Tat, mit der ich im Urteil Gottes bestehen werde, weil ich sie wirklich als der tue, dem Barmherzigkeit widerfahren ist? Inwiefern ist sie als Tat eines begnadigten Sünders gesetzlich und nicht gesetzlos?
Ihre Gesetzlichkeit könnte vielleicht, um mit dieser Möglichkeit anzufangen, darin bestehen, daß ich sie tue unter einem Zwang, unter einem Müssen, unter einer Nötigung, die ich irgendwie, sei es durch Nachdenken über das Wesen des Menschen im allgemeinen und besonderen, sei es als konstanten Unterton meines Gefühlslebens, sei es als Wirkung eines allmählich oder plötzlich mich gefangennehmenden Erlebnisses, irgendwo, nenne ich es nun mein Herz oder mein Gewissen, in mir selbst und als mit mir selbst gesetzt und gegeben vorfinde. Wenn ich wahrhaftig gegen mich selbst bin, dann muß ich dieses mein inneres Müssen, unter dessen Druck ich jetzt tun will, was ich tue, als gegeben, jedenfalls mir gegeben, anerkennen. Wenn ich mir treu sein will, dann muß ich ihm gehorchen. Sollte das nicht das Gesetz sein? Sollte es eine höhere Wahr|69heit geben, jedenfalls für mich in diesem Augenblick, sollte ich eine andere Wahrheit als Gebot anerkennen als die, die ich bei strengster Wahrhaftigkeit gegen mich selbst als die mir gegebene Wahrheit anerkennen kann? Sollte es eine bessere Treue geben, jedenfalls für mich in diesem Augenblick, sollte eine andere Treue von mir gefordert sein als die Treue des Gehorsams gegen diese von mir selbst erkannte, also durch mich selbst garantierte Wahrheit? Wie soll ich denn etwa anders meine Versöhnung mit Gott bewähren, als indem ich versöhnt mit diesem Tiefsten, Eigentlichsten in mir selbst handle? Das Phänomen der inneren Notwendigkeit, von dem hier die Rede ist, ist uns allen bekannt. Und es kommt in der Tat bei Allem, was wir tun und lassen, auch das in Frage, ob wir es mit innerer Notwendigkeit in dem beschriebenen Sinn tun und lassen, ob es geschieht in Übereinstimmung mit unserem teils klaren, teils dunklen Selbstbewußtsein, in dem unsere freie Entscheidung ein Müssen und unser Müssen eine freie Entscheidung zu sein scheint. Wir sind um so zufriedener, d.h. wir haben um so mehr Frieden mit uns selbst, je mehr diese Übereinstimmung besteht; wir fühlen uns um so unsicherer, gefährdeter, exponierter, je weniger sie besteht, je mehr wir den Eindruck haben, daß wir bei diesem und diesem Handeln nicht ganz daheim, nicht ganz uns selbst sind. Es ist durchaus so, daß auch der Christ, auch der Glaubende, man möchte fast sagen: wie die Katze, die immer wieder auf ihre vier Füße fällt, zunächst instinktiv immer wieder nach eben dieser Norm greift.
Aber nun muß eben Besinnung stattfinden darüber, nach was wir denn da eigentlich greifen? Wenn die Rechtfertigung durch den Glauben gilt und begriffen ist mit allen ihren Konsequenzen, dann kann sich dieses fröhliche und selbstverständliche Operieren mit dem Selbstbewußtsein, der inneren Notwendigkeit und der Wahrhaftigkeit und Treue gegen sich selbst durchaus nicht von selbst verstehen. Drei Bedenken sind es, die sich hier erheben müssen und deren Berücksichtigung die Bejahung der Lehre von der inneren Notwendigkeit nur unter den stärksten Vorbehalten und Zurechtstellungen als möglich erscheinen läßt.
70Einmal die fundamentale Erinnerung: Gesetz ist dem Glauben der dem Menschen von Gott widerfahrende Widerspruch. Ist es also wahrscheinlich, daß wir ihm ausgerechnet auf der Linie der tiefsten Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst begegnen werden? Müßte, wenn denn schon in unserem eigenen Innern Nachfrage gehalten werden soll, nicht wenigstens nach dem Punkt unseres Selbstbewußtseins gefragt werden, wo wir uns selber fremd und fragend gegenüberstehen, wo sich zwischen uns selbst und uns selbst eine Kluft auftut, die wir nicht überbrücken können? Ist jene Norm des Friedens und der Übereinstimmung mit uns selbst nicht gerade aufgehoben, wenn wir uns selbst im Glauben als Übertreter erkennen? Was hat denn wohl dieser Friede mit uns selbst mit dem uns geschenkten Frieden Gottes zu tun? Ist die iustificatio impii nicht schon wieder vergessen, wo man mit jener Selbstverständlichkeit gerade jene Norm aufrichten kann? Ist es nicht auch geschichtlich mit Händen zu greifen, daß diese Instanz eben damals zur Instanz erhoben wurde, als den Protestantismus das Heimweh nach den verlassenen Fleischtöpfen Ägyptens zu erfassen begann, als er es in der dünnen, kalten Luft der reformatorischen Wahrheit nicht mehr aushalten zu können meinte?
Daraus folgt nun zweitens: Wie komme ich denn dazu, die für mich gültige Wahrheit an meiner Wahrhaftigkeit und die von mir geforderte Treue an meiner Treue gegen mich selbst zu messen? Wer hat denn etwa der Stimme meines Herzens und Gewissens, und wenn sie noch so laut und glaubwürdig tönte, die Vollmacht eines letzten Wortes, die Vollmacht des Gebotes Gottes zugesprochen? Was für eine Gleichung hat denn etwa schon vor und oberhalb dieser kühn gezogenen Gleichung stattgefunden? Könnte das nicht die Gleichung zwischen Gott und mir selbst, d.h. aber die eigentliche und charakteristische Gleichung eben der Sünde sein, in der wir nicht sowohl Gott lieben, als vielmehr selber Gott sein möchten? Und welche Folgerungen würden sich daraus in bezug auf die Tragweite unserer Wahrhaftigkeit und Treue gegen uns selbst ergeben? Und nun umgekehrt: Es könnte ja sein, daß die Stimme des Herzens uns wirklich die gültige Wahrheit verkün|71digte, die wirklich von uns geforderte Treue uns geböte. Aber wenn sie das tun sollte, dann doch gewiß nur als Echo einer ganz anderen Stimme, dann doch sicher nur in geliehener, uneigentlicher Vollmacht, dann doch sicher als Vertreter einer ganz anderen Instanz. Diese Stimme wäre dann zu hören in jener, diese wäre dann das konkrete Gesetz, das uns durch jene nur vermittelt würde, und es wäre auch dann noch ein verhängnisvoller Irrtum, diese mit jener zu verwechseln. Hieße es nicht in der Sünde verharren wollen [vgl.
Und nun drittens: Wir reden von unserem Selbstbewußtsein als von der letzten Instanz, die wir kennen und deren Urteil wir also Gesetzescharakter beizumessen nicht umhin können. Ja, aber was heißt denn Selbstbewußtsein in diesem Zusammenhang? Bewußtsein von dem Selbst, dessen Stimme wir mit eigentlichem, letztem Respekt zu lauschen, zu gehorchen hätten? Sind wir uns selbst denn in dieser Eigenschaft gegeben, gegenwärtig, verfügbar, so daß wir nur bei uns selbst anklopfen dürften, um alsbald vielleicht auch mittelst eines «Tricks», zu dem uns der moderne Seelsorger sehr wohl anzuleiten weiß, auf dieses Selbst zu stoßen? Ist das Kind Gottes in uns, das die Stimme des Vaters gehört hat, denn einfach so da, irgendwo erlebbar in der Tiefe unseres eigenen Lebens, das Kind Gottes, dem wir es zutrauen dürften, daß es den Willen des Vaters wohl treffen werde, daß es also sehr wohl Gesetzgeber und sein Ratschluß Gesetz sein könne? Sollte dabei nicht vergessen sein, daß das Kind Gottes in uns da ist, wie eben die Gnade Gottes für uns da ist, also so wie Jesus Christus da ist, also immer nur als freilich gegenwärtiges, aber immer als unbegreifliches – unbegreifliches! – Geschenk? Haben wir nicht im Glauben auf die direkte Identität unserer Güte mit der Güte Gottes, wie sie bei dem Pochen auf unser Selbstbewußtsein vorausgesetzt ist, verzichtet? Heißt Glauben nicht ernstnehmen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben «[
Aber nun könnte ihre Gesetzlichkeit vielleicht – zweite Möglichkeit – darin bestehen, daß ich sie tue unter dem Druck meines Schicksals. Mein Schicksal unterscheidet sich insofern von meinem inneren Müssen, als darunter zu verstehen ist die Gesamtheit der mit meiner besonderen konkreten Stellung im Raum und in der Zeit, in der Natur und in der Geschichte gegebenen äußeren Nötigungen, diejenige Formung meines Willens also, die mir als notwendig gleichsam angeboten wird durch die von meinem Existenzbewußtsein unterschiedene, in diesem Sinn äußere Wirklichkeit meiner Existenz, in der ich mich an dieser und dieser Stelle, in dieser Modifikation selber wirklich, in der Gesamtwirklichkeit vorfinde. Unsere Zeit kennt sehr beachtliche, auch für die theologische |74 Betrachtung sehr beachtliche technische Möglichkeiten, dem Menschen dieses ihm durch seine besondere Stellung in der Gesamtwirklichkeit gemachte Angebot klarzumachen, unter Umständen schwarz auf weiß formuliert in Form eines anhand von leidlich objektiven Kriterien erstellten wissenschaftlichen Gutachtens in die Hand zu drücken. Ich denke an die Möglichkeit der Feststellung der psychologisch-biographischen Bestimmtheit unserer Existenz durch Psychoanalyse und Psychotechnik, ihrer charakterologischen Bestimmtheit durch die erstaunliche Kunst der Graphologie, endlich ihrer kosmischen Bestimmtheit durch die Astrologie, lauter etwas ungewöhnliche und dem ruhigen Bürger wohl auch etwas verdächtige Wissenschaften, die sich aber bei aller unvermeidlichen Unsicherheit in der Anwendung ihrer Methoden immerhin auf so zahlreiche Bestätigungen durch das Experiment berufen können, daß man schon rein naturwissenschaftlich das Vorhandensein eines solchen schicksalsmäßigen Angebotes an jeden Menschen kaum mehr in Abrede stellen kann und daß, wer dazu Lust und Nötigung verspürt, sich, wie gesagt, das gerade ihm durch das Leben gemachte Angebot, das Angebot des Schicksals unter Umständen verhältnismäßig recht reinlich und deutlich vor Augen zu halten in der Lage ist.
Könnte man nun nicht etwa sagen: indem ich dieses Angebot bejahe, bejahe ich Gottes Gesetz? Nicht mein inneres Müssen als solches, wohl aber mein Schicksal, auf dessen Stimme mein inneres Müssen dann Antwort gibt, auf das es mich hinweist, ist das Gesetz? Ist hier nicht die Bestimmung des Gesetzesbegriffs jedenfalls erfüllt, wonach wir es im Gesetz mit einem uns Entgegengesetzten, mit einem fremden Willen, mit einem übermächtigen Widerpart zu tun haben? Dieses übermächtigen Widerparts Willen zu anerkennen, ihn in meinen Willen aufzunehmen, sollte das nicht Gehorsam, sollte eine Tat, in der ich, indem und nachdem ich mich diesem Widerpart unterworfen habe, versöhnt mit meinem Schicksal handle, sollte sie nicht die Tat eines versöhnten Menschen und insofern dann eine gesetzliche, eine gute Tat sein? Wir antworten, daß dies wiederum aus drei Gründen mehr als fraglich ist.
75 Zum ersten ist zu sagen, daß eben das mein dunkel oder deutlich erkanntes Schicksal vom Gesetz unterscheidet, daß unter Schicksal die Totalität der mir durch die von mir unterschiedene Wirklichkeit angebotenen Bestimmung meines Wollens und Handelns verstanden werden muß. Gewiß: diese Totalität ist diejenige der von Gott geschaffenen Welt. Wäre ich in der Lage, mich selbst auch abgesehen vom Glauben direkt und in mir selbst als Täter des Gebotes des Schöpfers, des Gebotes des Lebens zu verstehen, wäre ich in der Lage, ohne weiteres, ohne Verwechslung und Irrtum in der Stimme der Welt außer mir die Stimme Gottes zu vernehmen, in meiner Bestimmtheit durch Raum und Zeit, durch Natur und Geschichte meine Bestimmtheit durch Gott zu erkennen, dann wäre es mir wohl gegeben, mein vielleicht aus meiner Handschrift, vielleicht durch ein sorgfältig gestelltes Horoskop mir erläutertes, vielleicht auch ohne diese Künste instinktiv von mir begriffenes Schicksal zu bejahen und eben so das Gesetz Gottes zu bejahen und in dieser Bejahung gesetzlich und also gut zu handeln. Aber so stehen die Dinge nun eben gerade nicht. Daß ich in der Totalität der Welt die zu mir redende Stimme Gottes höre, das ist durch die Erkenntnis, daß ich von Gott dem Schöpfer ja abgefallen bin, gerade verneint. Der Glaube hört das Wort Gottes in Jesus Christus. Jesus Christus ist aber nicht die Totalität, sondern ein ganz bestimmter Ausschnitt der von mir selbst unterschiedenen Weltwirklichkeit, und auch in diesem Abschnitt ist es ja nicht Weltwirklichkeit als solche, die hier zu mir redet, sondern das Weltwirklichkeit, Menschenwirklichkeit, Fleisch gewordene Wort Gottes, dessen Gegebensein ich auf keinen Fall in der Weise feststellen kann, wie ich mein Schicksal feststellen kann. Was die Welt mir außerhalb dieses qualifizierten Ausschnittes zu sagen hat, das steht unter dem strengen Vorbehalt, daß mir durch diesen qualifizierten Ausschnitt des Ganzen die Ohren für das geöffnet sein müßten, was Gott der Schöpfer mir in der Tat fortwährend auch durch das Ganze der von ihm geschaffenen Welt sagen könnte. Mein Schicksal kann mir nur in Christus zum Gesetz Gottes werden. Abgesehen von Christus kenne ich es nur im Spiegel meiner Selbsterkenntnis, die dadurch dem Bereich der Verwechs|76lungen und Irrtümer nicht entrückt ist, daß ich sie mittelst jener wissenschaftlichen Methoden in einer gewissen Objektivität zu vollziehen vermag. Um Wahrheit und Irrtum in bezug auf Gott geht es ja, um die Frage, in welchem Sinne und in welcher Richtung ich dem umfassenden, vieldeutigen Angebot meines Schicksals mein Gebot zu entnehmen habe, welche von den vielen Beziehungen, in denen ich mich schicksalsmäßig vorfinde, die herrschende ist, diejenige, von der ich mich als glaubwürdig beherrscht erkennen darf und muß, deren Druck ich mich legitimerweise fügen, der ich verantwortlicherweise Gehorsam leisten werde. Mein wohlerkanntes Schicksal kann doch auch meine Versuchung sein. Das, was ich wissen müßte, um nicht in die Irre zu gehen, sagt mir auch mein wohlerkanntes Schicksal nicht: ob es denn auch die Vollmacht eines Befehles hat; sondern da wird dann doch wieder mein eigenes inneres Müssen es sein, das das entscheidende Wort spricht, das die eine ernstzunehmende Beziehung aus den vielen anderen hervorhebt, das aus dem Gewebe, das mir der Psychoanalytiker oder Astrolog oder das ich mir selbst als mein Lebensgewebe vor Augen halte, gerade diesen und diesen Faden herauszieht. Meine innere Notwendigkeit wird es also letztlich sein, die mein Schicksal nicht nur bejaht, sondern ist. «In deiner Brust stehn deines Schicksals Sterne»93, und was es mit dem Gesetzescharakter dieser Instanz auf sich hat, das haben wir vorher gehört.
Zum zweiten ist zu sagen: mein Schicksal unterscheidet sich dadurch vom Gesetz, daß ich es im besten Fall, angenommen, ich kenne es sehr genau, in ganz konkreter Zuspitzung aller äußeren Bestimmtheiten meiner Lebenslage in diesem Augenblick, in einer Deutlichkeit, die mir eine entsprechende Bestimmtheit meines Wollens und Handelns fast unvermeidlich erscheinen läßt –, daß ich es auch dann und so immer nur als Angebot kenne. Mir wird durch jenen übermächtigen Partner eine bestimmte Entscheidung nahe, sagen wir unendlich nahe gelegt. Ich kann mir mein Schicksal, |77 wenn ich es wirklich als Norm meines Handelns zu Rate ziehen will, nur denken in Korrelation zu meiner eigenen Wahlfreiheit. Ich ziehe es zu Rate, wie man einen Arzt zu Rate zieht, nicht ohne den heimlichen Vorbehalt, daß man jedenfalls selber entscheiden wird, ob man seinem Rat nun auch folgen wird oder nicht. Unterlasse ich es, und sind die Folgen keine guten, dann kann ich ja nächste Woche wieder zum Arzt gehen – er wird wohl wieder zu finden sein – und mir für die entstandene neue Lage neuen Rat geben lassen, den ich in derselben Freiheit entgegennehmen werde. So wird ja auch das Schicksal, dessen Wink ich heute ausgeschlagen habe, morgen wieder da sein. An die Wahlfreiheit als letzte Instanz zu appellieren, kann auch die Psychoanalyse, soweit sie Therapeutik sein will, nicht umhin, und es ist bemerkenswert, daß sogar die moderne Astrologie diesen Faktor als das große und letztlich doch entscheidende X in die Rechnung der siderischen Bestimmtheit des Menschen einsetzt. Mit dem Schicksal, welche Macht und Übermacht wir ihm auch beilegen wollen, stehen wir doch letztlich immer auf dem Fuße zweier verhandelnder und sich miteinander verständigender Partner. Man widerstrebt ihm wohl, man grollt ihm gelegentlich, man hat aber auch Anlaß, mit ihm zufrieden zu sein. Darum versöhnt man sich mit ihm auch in vielleicht schwierigen Fällen, wenn auch wahrscheinlich dann immer nur teilweise und unter gewissen Vorbehalten und Umgehungsversuchen, man wirft sich ihm wohl auch mit der Begeisterung der Verzweiflung in die Arme, aber man bleibt doch in dem allem frei und sich selber. Es könnte ja gerade das die klügste Art sein, seines Schicksals Meister zu werden, daß man sich ihm begeistert in die Arme wirft. «Seines Schicksals Meister werden»94 – gewiß ein etwas kühner, aber kein unzutreffender Ausdruck. Man kann sich dem Schicksal unterziehen und damit in der Tat sein Meister werden. Man hat dann eben |78 sein Angebot jenseits aller dagegensprechenden Bedenken als vorteilhaft erkannt und angenommen. Das Schicksal kann uns dienlich werden, gerade indem wir uns ihm beugen.
Gottes Gesetz aber ist kein Angebot, und man kann seiner in keiner Weise Meister werden, auch nicht damit, daß man sich ihm unterwirft. Wo wir gehorchen, weil es uns dient, da haben wir vielleicht unserem wohlerkannten Schicksal, aber eben damit noch nicht dem Gebote Gottes gehorcht. Das Gebot Gottes kommt in keiner Weise als Partner zu mir, sondern als Herr. Es wendet sich freilich auch an meine kreatürliche Freiheit, in ihr will es erfüllt sein. Aber nun gerade nicht so, daß es uns zur Wahl stellte, ihm zu gehorchen oder vielleicht auch nicht zu gehorchen – was wäre das für ein Gehorsam, der vielleicht auch Ungehorsam sein könnte –, nicht so, daß es uns den Vorbehalt gönnt, uns heute von ihm abzuwenden, um morgen vielleicht wiederzukommen, sondern so, daß es mich gerade in meiner Freiheit gefangennimmt, so, daß mir neben der Freiheit des Gehorsams nur die Unfreiheit übrigbleibt. So ist in Christus das Gesetz in meinem Leben als dem Leben eines mit Gott versöhnten Menschen aufgerichtet, daß, was das Gesetz von mir will, geschehen muß und geschieht mit der Notwendigkeit, neben der die vermeintliche und sogenannte Notwendigkeit des Schicksals, mit der ich ja doch jeden Augenblick auch Katze und Maus spielen kann, wirklich als ein bloßes Spiel erscheint, nämlich mit der Notwendigkeit der Wahrheit des von Gott zu mir gesprochenen Gnadenurteils selber, mit der Notwendigkeit Jesu Christi, an dessen stellvertretender und mich rechtfertigender Gerechtigkeit nicht zu rütteln ist, die ich durch keine meiner Entscheidungen in Frage stellen kann. Da werden wir nicht Meister, sondern da werden wir gemeistert. Da wird so befohlen, daß wir gehorchen. Da ist eben nicht Angebot, sondern Gebot. Wir müßten uns schon wieder aus dem Glauben herausdenken, wenn wir das Gebot Gottes mit jenem Angebot des Schicksals verwechseln wollten, wenn wir nicht einsehen wollten, daß uns hier ein Widerpart entgegentritt, der uns bis in jenes Schlupfloch hineinverfolgt, in dem uns die himmlischen und irdischen Mächte, die unser Schicksal ausmachen und von |79 denen wir im übrigen abhängig genug sind, in Ruhe lassen, von dem aus wir ihrer sogar, wenn wir nur klug und weise sind, Meister werden können. Wo wir nicht, indem wir uns entscheiden, entschieden sind, sondern uns unsere Entscheidung gemächlich vorbehalten können, da ist eben nicht Gesetz, nicht das Gesetz der in Christus vollbrachten Versöhnung.
Zum dritten ist zu sagen: mein Schicksal unterscheidet sich dadurch von dem mir gegebenen Gesetz, daß es mich keineswegs richtet, sondern eine neutrale Größe ist. Und meine Unterwerfung unter das Schicksal, angenommen ich verstehe mich dazu, unterscheidet sich dadurch vom Gehorsam gegen das Gesetz, daß ich mich, indem ich sie leiste, doch keineswegs etwa als angeklagt und gar noch als verurteilt erkennen muß. Wenn ich mich frage, welches mein Schicksal und welches das mir durch mein Schicksal gegebene Gebot sein möchte, dann betrachte ich mich selbst in meinem Verhältnis zu der mich umgebenden Wirklichkeit, zu meiner psychologisch-biographischen, zu meiner geschichtlichen und vielleicht kosmischen Bedingtheit. Ich stehe nicht darin, sondern daneben, ja darüber. Typisch für die Harmlosigkeit und Gesichertheit unserer Lage unserem Schicksal gegenüber ist die Neugier, mit der wir nach unserem Schicksal zu fragen pflegen. Diese Neugier kann sich unter Umständen zu einem gewissen Gruseln steigern, etwa dem zu vergleichen, mit dem wir, bekanntlich ganz in derselben Neugier, in der Zeitung den Bericht über einen Mordprozeß entgegennehmen. Wir können sehr wohl dazu kommen, uns selber, wenn wir unser Schicksal betrachten, mit den Augen eines Detektivs zu sehen. Das ist aber immer noch eine ganz interessante und keineswegs tödliche Sache. Die Stimme des Schicksals sagt uns vielleicht: so und so steht es mit dir. Es steht ziemlich schlimm mit dir. Du befindest dich in einer recht gefährlichen Ecke. Das und das sind die Möglichkeiten, die dir noch offenstehen. Wähle doch ja die klügste! Mehr als das kann diese Stimme uns nicht sagen. Auch die mehrfach genannten modernen Wissenschaften sind eben typische Naturwissenschaften. Wenn ich zum Psychoanalytiker oder zum Astrologen gehe, dann gehe ich eben zum Arzt. Es kann sein, daß das, was dieser Arzt mir |80 dann sagt – oder was ich mir in bezug auf mein Schicksal selber sagen muß, geeignet ist, mir nicht übel Furcht und Schrecken einzujagen. Ich kann wohl zu einem gewissen Bedauern über verfehlte Wege in meiner Vergangenheit angeregt werden. Aber mich selbst erreicht dieses Bedauern durchaus nicht. Ich sitze in gesicherter Höhle und schaue zu und warte, was wohl noch kommen wird. Wenn der Arzt mir wirklich ins Gewissen redet, dann tut er das schon nicht mehr als Arzt, und wenn ich mich dadurch wirklich in meinem Gewissen betroffen fühle, dann ist etwas ganz Anderes geschehen, als daß ich mir bloß mein Schicksal hätte künden, mich in bezug auf mein Schicksal hätte beraten lassen. Das Schicksal als solches ist eine neutrale Macht in bezug auf die Wahrheit über mich selbst. Ich kann mich auch dem finstersten Schicksal unangetastet gegenüberstellen, nur darauf bedacht sein, mich seinen Auswirkungen gegenüber aufs zweckmäßigste einzurichten. Indem ich mein Schicksal erkenne, erkenne ich mehr oder weniger deutlich, wie es um mich steht, nicht aber daß ich darin, wie es um mich steht – und zwar wie es auch um mich stehe – schuldig bin. Die Stimme des Schicksals kann mir meine Krankheit, mein Ungemach, meine Bedrängnis, bestenfalls meine Torheit und Ungeschicklichkeit enthüllen. Sie kann mich weise machen, sie kann mir in der beschriebenen Weise nahelegen, auf Abhilfe bedacht zu sein. Sie kann uns unter Umständen den Ausweg aus der Klemme zeigen, in der wir uns befinden. Sie sagt mir aber das gerade nicht, daß ich böse bin. Das Schicksal, wie dunkel und dräuend es sich mir offenbaren möge, geht mich nicht an. Sondern mein finsterstes Schicksal betrachtend, sitze ich noch immer im Parterre des Lebenstheaters, sehe mich selbst allerdings recht ohnmächtig jener übermächtigen Gewalt gegenüber auf der Bühne und kann doch noch immer vergessen, daß ich der Mann bin, der dort vorne so übel dran zu sein scheint.
Das Gesetz aber geht uns an. Wenn uns das Gesetz gegeben wird, dann stehen wir mitten auf der Bühne, kommt jenes gewaltige Gegenüber auf uns selbst zu und wird damit erst gewaltig, daß es eben unser eigenes Gegenüber wird, können wir uns von dem Griff, mit dem es schon nach uns gegriffen hat, nicht mehr losmachen. |81 Betroffen, nämlich auf unserer Tat betroffen, haben wir gar nicht mehr die Zeit, uns dafür zu interessieren, inwiefern sie etwa durch den Stand der Gestirne zur Stunde unserer Geburt oder durch unsere geschichtliche Lage oder durch unsere psychische Struktur bedingt sein möchte. Mag es mit allen jenen Bedingtheiten sein Bewenden haben, hier, wo das Gesetz redet, geht es ganz und gar nur darum, daß wir, wir selbst, wie immer bedingt, dies und dies tun, so und so handeln. Und indem dieses Gesetz das Gesetz Christi ist, indem es zu uns kommt als Gnade, als Vergebung, indem über unsere Tat entschieden ist, daß sie um Christi willen angenommen ist als Tat des Gehorsams, ist sie auch als unsere eigene Tat erledigt, sind wir, indem uns vergeben wird, angeklagt und schuldig gesprochen. Alles Dunkle, Schlimme, Gefährliche, das wir uns im Begriff des Schicksals bei allem Gruseln davor doch so schön vom Leibe halten können, kommt im Begriff des Gesetzes auf uns selbst zu und offenbart sich als unsere eigene Dunkelheit, Schlimmheit und Gefährlichkeit, neben der das drohende Walten der irdischen und himmlischen Mächte da draußen und da droben wiederum zu einem bloßen Schattenspiel werden, dessen Verlauf und Abschluß wirklich unsere geringste Sorge sein kann. Der böse Dieb, dessen Verfolgung wir eben noch so interessiert zusahen, ist erwischt und verhaftet, der spannende Detektivroman ist leider zu Ende, und siehe da, wir selber sind der Dieb, der nun, endgültig in Sicherheit gebracht, über Schuld und Schicksal nachdenken mag, aber jedenfalls um seiner Taten willen Rede stehen muß. Das Schicksal, und wenn es der Teufel selber wäre, braucht der glaubende Mensch nicht zu fürchten. Der Teufel kann uns plagen, versuchen, bedrängen. Aber mit dem Teufel kann man auch immer wieder schöne kleine Kompromisse schließen, und wir tun das alle öfter, als wir denken. Gott aber ist zu fürchten, gerade der Gott, an dessen Wort der glaubende Mensch gewiesen ist und sich gehängt hat. Denn Gott richtet, und nur als von ihm gerichtete Tat kann unsere Tat dann auch vor ihm gute Tat sein. Es ist auch in dieser Hinsicht so, wie wir es zu den zwei ersten Punkten festgestellt haben: Das Schicksal läßt uns letztlich unangefochten. Gegen das Schicksal |82 können wir immer noch recht haben. Den Schlägen des Schicksals können wir uns entziehen. Unsere eigene innere Notwendigkeit behält das letzte Wort darüber, ob wir uns durch das Schicksal gestraft wissen wollen. Wann werden wir aus eigener innerer Notwendigkeit zugeben, daß wir nicht nur geplagt, sondern wirklich gestraft sind? Der Feindschaft des Schicksals werden wir wohl immer lieber Trotz entgegenzusetzen geneigt sein, und wir haben darin vielleicht gar nicht so unrecht. Das Gesetz Gottes aber straft uns. Wir sollten schicksalsmäßig bestimmtes Handeln wirklich nicht mit gesetzlichem Handeln verwechseln.
Es ist nicht ganz leicht, eine dritte Möglichkeit, den Begriff des Gesetzes und der gesetzlichen Tat umzudeuten und damit zu verfehlen, zu erfassen und auf einen bezeichnenden Namen zu bringen. Und es wird noch weniger leicht sein, auch hier den notwendigen Einwand auszusprechen und geltend zu machen. Es handelt sich um das, was ich die Verwechslung des Gesetzes mit der in sich wesenden und so allgegenwärtigen Gottheit, dem Deus nudus
Nehmen wir an, wir wüßten nun, daß wir auf die Frage: Was sollen wir tun? 1. nicht antworten dürfen mit dem schönen, aber zu schönen «Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des |83 rechten Weges wohl bewußt»96, und wir wüßten 2. weiter, daß wir auch der Stimme unseres Schicksals in dieser Hinsicht durchaus nicht trauen dürfen. Nehmen wir an, daß diese beiden Möglichkeiten in allen ihren Variationen hinter uns liegen. Wir sind kritisch geworden, D.h.wir haben gelernt, daß die Gegebenheit, und wäre sie subjektiv oder objektiv die mächtigste, wäre sie meine innerste, allerinnerste Notwendigkeit oder wäre sie mein wohlerkanntes Schicksal, mein Gesetz nicht sein kann, weil dort zwischen mir selbst und dem vermeintlichen Gesetz kein Gegensatz, hier aber nur ein solcher besteht, dem ich mich jederzeit entziehen kann. Wir haben es gelernt, bei dem Worte Gesetz die Augen aufzuheben, in die Höhe und in die Ferne zu blicken, Distanzen zu bedenken, mit einem schlechterdings Erhabenen zu rechnen und zugleich mit der Unausweichlichkeit, mit der wir selbst von dort aus in Anspruch genommen sind. Die erste Eigentümlichkeit des wirklichen Gesetzes kann unserer eigenen inneren Notwendigkeit, die zweite kann unserem Schicksal nicht zukommen. Darum müssen sie, wenn wir wissen wollen, was Gesetz ist, ausscheiden. Wir suchen nach dem Gesetz, das zugleich ganz erhaben und ganz aktuell ist. Es gibt allerlei Wege, auf denen wir zu dieser Veränderung unserer Stellung, zu dieser Verschärfung der Fragestellung gekommen sein mögen. Uns ist vielleicht in der Schule des Denkens, indem wir uns zu Füßen eines der großen Meister der Philosophie, vielleicht eines
Ja, die Ewigkeit ist Gott selber. Um den Gedanken des ewigen Gesetzes zu denken, müßten wir Gott selber denken. Aber hier fällt, Irrtum und Wahrheit nur haarscharf, aber abgrundtief unterschieden, eine Entscheidung. Werden wir Gott selber denken, so wie er für uns Gott ist, für uns, die von ihm Abgefallenen, aber auch von ihm Gehaltenen, also so wie er sich offenbart hat? Oder werden wir, zwar überfallen und gepackt von dem Gedanken der Ewigkeit, aber an dem ewigen Worte Gottes vorbei, Gott in jener Andersheit und Bezogenheit denken, die wir, messend an unserer |86 eigenen Wirklichkeit und an der der Welt, für seine, seine wirkliche Andersheit und Bezogenheit bloß halten? Nämlich eben in der Andersartigkeit und Bezogenheit der in sich ruhenden Gottheit und der zeitlosen Wahrheiten? Das Letztere liegt uns unendlich nahe. Wir haben unsere eigene Wirklichkeit und die der Welt durchschaut als den Schleier der Maja, durchschaut in ihrer erschütternden Nicht-Ewigkeit. Wir wissen, daß uns in ihr das Gesetz nicht begegnen wird. Wo anders sollen wir es nun suchen als in der in sich wesenden und gerade so allgegenwärtigen Gottheit, als zeitlose Wahrheit in der hinter der zeitlichen Wirklichkeit liegenden zeitlosen Welt des Geistes? Sollte es uns unmöglich sein, es daselbst zu finden? Ja, haben wir es nicht schon gefunden, indem wir daselbst danach fragen lernten? Haben wir nicht in und mit jener schmerzlichen die andere, die freudige Entdeckung gemacht, daß es jene in sich wesende Gottheit, jene zeitlose Wahrheit gibt, und zwar wirklich für uns gibt? Haben wir sie nicht schon erkannt, haben wir nicht schon Anteil an ihr gewonnen, indem wir uns jene Distanzen zeigen ließen, indem wir uns jene Kritik der Wirklichkeit, jene Götterdämmerung gefallen ließen? Entdeckten wir dabei nicht unsere eigene wahre Bezogenheit zu jener Welt des Geistes, unsere eigene Geistigkeit? War nicht unser Entsetzen angesichts jener Katastrophe schon voll des heimlichen Jubels:
Wir stehen vor der Frage, ob wir diesem Gesetz einen Namen geben, einen Inhalt zuschreiben sollen. Wir zögern vielleicht einen Augenblick. Ist Gott nicht selbst das Gesetz? Und «Wer kann ihn nennen, wer bekennen?»100 «Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.»101 Kann es uns nicht genug sein, zu wissen, zu bekennen, daß [wir], nachdem jene Hülle abgetan ist, nachdem wir von der Wirklichkeit zu den Begriffen, von den Begriffen zum reinen Begriff emporgestiegen sind, es mit Gott selbst, mit seinem Willen unmittelbar zu tun haben? Ist nicht das Höchste und Letzte, das einzig Mögliche gesagt, wenn wir «Gott und die Seele, die Seele |88 und ihr Gott»102 sagen? Ist nicht Alles, was wir näher bezeichnend, deutend, begreifend, wollend hinzufügen, schon wieder ein Rückfall in die Gegebenheiten, eine Entweihung des Geheimnisses, eine Trübung der Wahrheit des Gesetzes, unter das wir uns gestellt sehen? Aber vielleicht sind wir von da aus weitergedrungen. Es ist uns vielleicht bekannt, daß das doch nur eine vorletzte Erwägung sein kann. Ist Gott, von dem wir uns in Anspruch genommen wissen, die Idee der Ideen, der reine Begriff, warum sollen dann die Ideen, die Begriffe – zugegeben, daß sie letzte Worte zur Bezeichnung des Wortes nicht sein können – an seiner Wahrheit nicht Anteil haben? Ist nicht der Vorgang der Abstraktion, ist nicht die Möglichkeit prinzipiellen Denkens, die wir in uns entdeckt haben, ein Zeugnis dafür, daß wir selbst als Vernunftwesen an der göttlichen Wahrheit Anteil haben? Wäre es nicht Ungehorsam, wenn wir ihn in Abrede stellen, wenn wir das uns geliehene Pfund vergraben wollten [vgl.
Haben wir auch diese zweite Reflexion vollzogen, dann stehen wir vor den Prinzipien, den Namen und Begriffen, den Allgemein|89heiten und Ideen, in denen wir es mit dem konkreten Gesetz Gottes zu tun zu haben meinen. Dann findet das statt, was man die Geburt der Moral aus dem Geiste der Mystik103 nennen könnte. Wir anerkennen die Mittelbarkeit der zeitlosen Wahrheit in den zeitlosen Wahrheiten unseres Denkens über ein dieser Wahrheit entsprechendes menschliches Handeln. Wir sehen also das Gesetz vielleicht mit den Griechen in der Idee des Schönen und Guten.104 Wir sehen es vielleicht mit der kantischen Ethik in der Regel des guten Willens, die uns als Norm des Guten eben das Allgemeingültige als solches einprägen möchte.105 Wir sehen es vielleicht mit der thomistischen Ethik sich entfalten in den vier philosophischen und den drei theologischen Tugenden.106 Wir sehen es, vielleicht belehrt durch das Neue Testament, aufs neue zusammengefaßt in der Idee der Liebe. Wir lauschen
Wir haben die Lehre vom Gesetz des «Deus nudus» und der zeitlosen Wahrheiten, vom Gesetz der Mystik und der Moral, den Gesetzesbegriff des Idealismus an keinem anderen Maßstab zu messen als an dem des Glaubens und seines Gesetzes. Aber an diesem haben wir ihn zu messen. Das ist zu fragen, ob dieses wirklich mit jenem Gesetz identisch sei. Und ob also die Erkenntnis dieses Gesetzes, des Gesetzes des Glaubens, sich auf dem geschilderten Weg ins Jenseits des reinen Geistes und seiner Spiegelbilder in der endlichen Vernunft vollzieht, ob also wirklich Gott an sich, wie er angeblich der kritisch gewordenen Vernunft offenbar ist, der Gesetzgeber und die Vernunftbegriffe, in denen wir seinen Anspruch zu erfassen suchen, das Gesetz des Glaubens sind. Wir setzen alles Gute, das über diese Anschauung zu sagen wäre, wenn wir es hier mit Geistesgeschichte und Geisteswissenschaft zu tun hätten, als selbstverständlich voraus. Sie bedeutet auf dieser Ebene zweifellos eine mächtige und bedeutsame Erhebung über die beiden Möglichkeiten, mit denen wir uns vorher befaßten und denen man, von dieser dritten Möglichkeit aus gesehen, eine gewisse Naivität, um nicht zu sagen Trivialität, nicht absprechen kann. Hier sind, wenn es sich wenigstens um einen wirklich kritischen Idealismus handelt, um einen Idealismus, der den Problemen der Erhabenheit und der Aktualität des Gesetzes, der der Transzendenz und der Immanenz Gottes in gleicher Weise gerecht zu werden versucht, der das Anliegen der Mystik und das Anliegen der Moral in gleicher Weise ernstnimmt – hier sind die Grenzen der Menschheit, die auch ihre Gründe sind, bedacht, gesehen, in ihrer positiven und negativen Bedeutung ins Licht gestellt; hier ist Entfaltung der geradezu das Wesen des Menschen ausmachenden Dialektik von Geist und Natur, von Bedingtem und Unbedingtem; hier findet ein unerhörtes Erwachen und gleichzeitiges Zusichselbst- und Zurvernunftkommen des Menschen statt. Ist hier nicht vielleicht ein letztes Wort in dieser Hinsicht tatsächlich seit Jahrtausenden schon gesprochen, das in immer neuen |93 Übersetzungen und Variationen zu wiederholen die wahrlich nicht überflüssige Aufgabe der wechselnden Philosophien der Zeiten wäre, weil immer wieder eine geistige und moralische Elite der Menschheit weckend und zum Aufstehen rufend einem anderen, sehr viel größeren Teil der Menschheit gegenüberstehen wird, der, Dämonen für Götter haltend, seiner Gründe und Grenzen unbewußt, in unkritischen Schlummer versunken ist?
Aber wir haben es hier mit Theologie und mit dem Verhältnis dieser Anschauung zu der theologischen zu tun. Verhält es sich etwa so, daß die theologische Ethik diese Anschauung zu übernehmen und als ihre eigene zu vertreten hätte? Oder verhält es sich wenigstens so, daß wir sie als eine der entsprechenden Anschauung der theologischen Ethik wenigstens besonders nahekommende, verwandte, als eine wenigstens auf sie vorbereitende zu werten und anzuerkennen hätten? Wir können diese zweite Frage gleich vorwegnehmen. Schon sie ist zu verneinen. Die vorhin ausgesprochene Höherschätzung und Bevorzugung des Idealismus gegenüber den zwei vorher genannten Möglichkeiten war eben nicht theologisch gemeint. Man hat den Idealismus wohl als παιδαγωγὸς εἰς Xριστόν gedeutet. Als Idealismus, als in sich geschlossene Lebens- und Weltanschauung ist er das auf keinen Fall. Jene Bezeichnung geht bei
Die idealistische Anschauung ist in der Lage, der Theologie, die sich ja mit ihr in demselben Raum bewegen muß, zur Darstellung der christlichen Wahrheit wichtigste Hilfsmittel an die Hand zu geben, in begrifflicher, formaler Hinsicht tatsächlich ihr Lehrmeister zu sein. Wenn es sich darum handelt, den Gottesgedanken oder den Appell an den Menschen in seiner Dialektik zu denken – und das will und tut doch die Theologie –, dann bewegen wir uns wissend oder unwissend, geschickt oder ungeschickt immer auch auf den Geleisen des Idealismus. Theologie ist abstrahierende und konkretisierende Dialektik im Raume der menschlichen Geistnatürlichkeit. Sofern sie des Abstrahierens nicht entraten kann, ist sie immer auch idealistisch. Daß es auch eine ebenfalls zu beachtende Schule ontologisch realistischen Denkens gibt, wird uns daran jedenfalls nicht hindern dürfen. Wie sollten wir nicht lernen müssen und wollen in der Schule eines Denkens, das in seiner Weise die Ausmessung jenes Raumes auch zu seiner Aufgabe gemacht, das dieser Aufgabe in seiner Weise auch annähernd völlig zu genügen weiß?
Aber nun darf man nicht übersehen, daß alles derartige Denken |95 als solches mit seiner Nachzeichnung keineswegs zu der theologischen Wahrheit hinführt. Denn darin könnte doch eine wirkliche Hinführung, wenn es eine solche geben sollte, nicht bestehen, daß zunächst eine ganz allgemeine menschliche Wahrheit entwickelt, dann aber ganz freundlich erklärt wird, dieses eben sei nun auch die christliche Wahrheit, und eben Christus sei der Punkt auf diesem i. Dann hätte offenbar, und daran könnte dann auch keine christliche Nomenklatur etwas ändern, die Nachzeichnung das Nachgezeichnete überflüssig gemacht, verdrängt und bedeutete schließlich geradezu seine Leugnung. Das ist aber offenbar überall da der Fall, wo der Idealismus eben als Idealismus, als Lebens- und Weltanschauung, als Religion, als Theologie auftritt, mag er sich dann zum Christentum so freundlich stellen, wie er mag. Das idealistische Denken kann, gerade indem es in so unmittelbarer Nähe des theologischen stattfindet, daß es sich selbst nur zu leicht mit diesem verwechselt oder von diesem für das wahre theologische Denken gehalten wird – es kann die denkbar furchtbarste Störung und Zerstörung des theologischen Denkens bedeuten. Diese Nachbarschaft kann bedeuten, daß dem Theologen seine entscheidenden Sätze zuerst und dann nach und nach alle anderen damit aus dem Munde genommen und so ausgesprochen, übersetzt und gedeutet werden, daß ihnen gar nichts fehlt außer ihrer ursprünglichen Beziehung zu der besonderen christlich-theologischen Wahrheit, daß sie zu höchst tiefsinnigen und fruchtbaren Ausdrücken und Symbolen einer in sich wahren, allgemein wahren, jener besonderen Wahrheit grundsätzlich durchaus nicht bedürftigen menschlichen Einsicht geworden sind. Gerade die Tatsache, daß man diese Einsicht grundsätzlich ebensowohl auf rein philosophischem Weg wie an Hand aufmerksamer Bibel- und allenfalls Lutherlektüre, wie an Hand einer jedem Menschen zugänglichen gründlichen Lebenserfahrung gewinnen kann, muß uns hier doch wohl zur Vorsicht aufrufen. Eine solche allgemeine Wahrheit, zu der uns
Lange nicht so gefährlich sind offenbar die beiden anderen Nachbarn, der Verehrer seiner eigenen Unmittelbarkeit und der Verehrer des Schicksals. Das sind offene, ziemlich von weitem als solche erkennbare Heidentümer. In diese Finsternisse hinein kann das Evangelium verkündigt werden. Da ist eine subita conversio eine aussichtsreiche Möglichkeit. Wenn aber der Heide, unter der kleinen Bedingung, daß man ihm ausdrücklich oder doch stillschweigend Gegenrecht halte, ganz willig ist, statt «das Absolute» auch Gott zu sagen, wenn es denn durchaus verlangt werde, statt Zeitlosigkeit, was er eigentlich meint: Ewigkeit, statt kritische Negation Gericht, statt Bezogenheit Gnade, statt Gemeinschaft Kirche, statt Symbol Sakrament, wenn er weiter auch den Begriff |97 der Offenbarung aufnimmt, so aufnimmt, daß der Theologe ganz erschlagen dasteht angesichts seines eigenen Kleinglaubens, er, der bisher nicht gewußt hatte, daß geradezu immer und überall und in Allem Offenbarung Gottes stattfindet, daß unter Offenbarung jene riesige Walze zu verstehen ist, die man auf einer Radierung des Malers
Aber wir müssen ja nun erst antworten auf die Frage, inwiefern denn hier Verschiedenheit und nicht Identität besteht. Wir haben beiläufig bereits auf zwei Unterscheidungsmerkmale hingewiesen, die das Gesetz Gottes im Sinn der theologischen Ethik als Gesetz des Glaubens vor dem Gesetz der Mystik und der Moral auszeichnen. Einmal das, daß von ihm gerade jene allgemeine Zugänglichkeit nicht behauptet werden kann, die den Stolz und den Ruhm des idealistischen Gesetzesbegriffs ausmachen. Man kann zur Erkenntnis dieses Gesetzes auf keine Philosophie aufmerksam machen und auch auf keine mögliche menschliche Lebenserfahrung und dann wohl auch noch auf die Bibel, sondern eben nur – und dieses «nur» gibt dieser Quelle ganz einzigartige Bedeutung – auf die Bibel, nur auf die heilige Schrift als heilige Schrift, als Zeugnis von Gottes von ihm selbst einmal für allemal, einzigartig und unwiederholbar gesprochenem und wiederum nur durch ihn selbst vernehmbarem Wort. Die Offenbarung des Gesetzes des Glaubens, die Inanspruchnahme des Christen ist ein schlechthin einzelnes Ereignis, das sich unter allen Ereignissen dadurch charakteristisch hervorhebt, daß Gott in ihm exklusiv der Handelnde ist. Gewiß nicht ohne Reflex seines Handelns in unserer endlichen Vernunft, aber darum nicht unter Anteilnahme und Mitwirkung unserer Vernunft bei diesem Handeln. Der Glaube kennt auch die menschliche Vernunft als die Vernunft des sündigen, des abgefallenen Menschen. Er kennt darum das Gesetz nicht als das Gesetz Gottes und des Menschen, |99 sondern exklusiv als Gottes Gesetz und darum seine Offenbarung exklusiv als Gottes und nicht auch als unsere eigene Offenbarung. Als ein menschlicher Zugang zu ihr soll natürlich auch die heilige Schrift nicht bezeichnet sein. Der Verweis auf sie ist der Verweis auf diesen besonderen Zugang Gottes zu uns, nicht umgekehrt.
Das zweite Unterscheidungsmerkmal betrifft den Sinn jenes Nachzeichnens der göttlichen Wahrheit in menschlichen Begriffen. Auch die theologische Ethik kann nur in menschlichen Begriffen nachzeichnen. Sie hätte keinen Anlaß, mit dem Idealismus darüber zu streiten, daß sie mit ihren Begriffen etwas Anderes meine als er, sie brauchte sich nicht einmal gegen seine Umdeutungen durchaus zu verwahren, wenn sie mit ihm darüber einig wäre, daß es sich für ihn wie für sie eben bloß um ein Nachzeichnen der Wahrheit, nicht aber um die Verdrängung und den Ersatz der Wahrheit durch die Begriffe handeln kann. Auch der Theologe kann ja mit seinen Begriffen nur zweidimensional reden, entsprechend dem gemeinsamen Raum, in dem er sich mit allen Menschen befindet. Es gibt nur dialektische Theologie, wie es nur weiße Schimmel gibt (
Und damit kommen wir zu einer dritten Unterscheidung. – Das Gesetz des Glaubens unterscheidet sich dadurch vom Gesetz des Idealismus, daß es aufgerichtet ist. Und das ist in dem strengen Sinn zu verstehen, daß auch seine Erkenntnis nur in Form von Anerkenntnis sich vollziehen kann. Sie ist Erkenntnis des schon, des an sich und zuerst aufgerichteten Gesetzes. Sie ist aber in keiner Weise und in keinem Sinn an dessen Aufrichtung beteiligt. Man kann von ihr in keiner Weise sagen, daß sie das Gesetz, indem sie es als aufgerichtet erkenne, auch selbst aufrichte, wie man das von der Erkenntnis des idealistischen Gesetzes zweifellos sagen muß. Das wird ein ernsthafter Idealismus freilich auch nicht sagen, daß das Gesetz nur durch die menschliche Erkenntnis aufgerichtet werde und in Geltung stehe. Er wird es ja sicher nicht unterlassen, die Ob|102jektivität des Gesetzes, seine in ihm selbst begründete Wahrheit und Gültigkeit ebenso stark zu betonen. Er wird aber mit einer besonders bei den idealistischen Theologen beliebten Redensart die Erläuterung geben: die Aufrichtung des Gesetzes sei eben «zugleich Gottes und des Menschen Tat», und wird sich höchlichst dagegen verwahren, daß die zwischen diesen beiden Aussagen bestehende «Spannung» aufgehoben werde, weil in ihr eben das eigentliche Leben dieses Begriffes liege. Unsere Freiheit nur könne uns das Gesetz und das Gesetz nur könne uns Freiheit geben.115a Die Geistestat der Erkenntnis des Gesetzes geschehe natürlich nicht, wenn sie nicht als Offenbarung des Gesetzes selbst geschähe. Es gebe aber auch keine Offenbarung des Gesetzes, die nicht die Geistestat seiner Erkenntnis wäre. Darum bedeute der Satz: das Gesetz ist aufgerichtet immer auch: ich habe es aufgerichtet.
Wir haben hier keine immanente Kritik an dieser ganzen Anschauung zu üben. Wir können aber nicht verschweigen, daß der Begriff des Gesetzes des Glaubens das denkbar schwerste Attentat gerade gegen jene «Spannung» im Begriff des Gesetzes, seiner Aufrichtung und Erkenntnis bedeutet. Diese Spannung hat in der Theologie nichts zu suchen. Von einer Möglichkeit, den Begriff des Gesetzes des Glaubens in der bewußten Weise umzukehren, kann schlechterdings keine Rede sein. Dieses Gesetz kann jedenfalls keineswegs auch unsere eigene Freiheit und Tat bezeichnen. An seiner Aufrichtung sind wir in keiner Weise, auch nicht in Form seiner Erkenntnis beteiligt. Die Voraussetzung jener «Spannung», jenes «zugleich Gott und der Mensch», beruht auf der für das menschliche Erkennen – nämlich für das menschliche Erkennen der Welt – allerdings konstitutiven Antithetik von Spontaneität und Rezeptivität. Geht es um Erkenntnis Gottes – das ist die hier zu entwickelnde theologische These –, dann kann dieser Antithetik nur noch |103 regulative, aber nicht mehr konstitutive Bedeutung zukommen. D.h.aber: sie wird selbstverständlich für die mit menschlich-weltlichen Begriffen und Bildern arbeitende theologische Dialektik, für die menschliche Darstellung des Gesetzes Gottes nicht weniger grundlegend sein wie für die im selben Räume arbeitende philosophische Dialektik. Die Theologie wird sich aber erinnern, daß sie auch in diesem Räume, den sie als menschliche Wissenschaft so wenig verlassen kann wie irgend eine andere, also in Form von weltlich-menschlicher, diskursiver Erkenntnis die Erkenntnis vollziehen, kundgeben und vermitteln soll, in der jene Antithetik nicht stattfindet. Sie wird daher von der nur in dieser Antithetik begründeten Möglichkeit, das Verhältnis von Subjekt und Objekt der Erkenntnis je nach Bedarf auch umzukehren, keinen Gebrauch machen und das Verhältnis des «von oben» und «von unten» keineswegs als ein Spannungsverhältnis, sondern ehrlich und konsequent als ein Verhältnis des ausschließenden Gegensatzes beschreiben, eines Gegensatzes, dessen Überwindung keineswegs heimlich schon in ihm selbst liegt, sondern dessen Überwindung wir nur als durch ein Wunder tatsächlich geschehen eben: anerkennen können, ohne daraus eine Reziprozität der Beziehung zu folgern in der Lage zu sein. Denn wenn sie durch ein Wunder tatsächlich stattfindet, wenn es wahr ist, daß unserem «von unten» ein «von oben» begegnet dann ist eben damit gesagt, daß ich nicht darüber verfüge, daß ich diese Reziprozität in keinem Augenblick zu behaupten in der Lage bin.
Indem wir nun von der theologischen Darstellung der Erkenntnis Gottes zunächst absehen, halten wir als theologische Voraussetzung fest: in der Erkenntnis Gottes selbst hat jene Antithetik keinen Raum; und das ist das erste, was eine rechtschaffene theologische Darstellung dieser Erkenntnis zu bedenken haben wird. Erkenntnis Gottes findet oberhalb dieses Gegensatzes statt. Wohlverstanden: oberhalb! Die angeführte Definition
Aber wie verhält es sich mit jenem Oberhalb des Gegensatzes von Spontaneität und Rezeptivität? Wie kommt der Glaube dazu, mit einem solchen zu rechnen und darum in seiner Darstellung auf alle offene oder heimliche Gleichordnung und Umkehrung zwischen Oben und Unten gründlichst zu verzichten? Das läßt sich zeigen. Erkenntnis in jenem Gegensatz ist eben bezeichnend für unsere Erkenntnis der Welt des Geschaffenen, der Gegenstände, gleichviel ob es sich um empirische oder intelligible, um natürliche oder geistige Gegenstände handle. Wo wir Dinge erkennen, da muß der Rezeptivität unseres Erkennens in irgend einem Sinn seine Spontaneität entsprechen, da sind das Gesetztsein eines Gegenstandes und unser Setzen desselben in unserer Erkenntnis vertauschbare Begriffe, da hat jenes «zugleich Gott und der Mensch» seinen Platz, womit denn freilich auch sofort verraten und gesagt ist, daß hier mit «Gott» keineswegs Gott, sondern eben der innerweltliche, |105 sei’s natürliche, sei’s geistige Gegenstand gemeint ist. Könnte nicht vielleicht auch die Erkenntnis des Gegenstandes den Gottesnamen bekommen? Warum nicht? Hier befinden wir uns in der Tat im Reich der ewigen Spannungen, in welchem
107Der christliche Glaube glaubt, wenn er Gott glaubt, keines von diesen Entgegengesetzten und offenbar sich gegenseitig Beschränkenden, keines von diesen Dingen, denen Unbedingtheit doch immer nur im Verhältnis zu dem ihm gegenüberstehenden Bedingten zugeschrieben werden und zwischen denen das Verhältnis auch jederzeit umgekehrt werden kann und oft genug umgekehrt worden ist. Der Glaube glaubt den Schöpfer aller Dinge. Den Schöpfer und eben damit keinen weiteren Gegenstand, sondern den Herrn über den Gegenständen ratio und natura, den Ursprung ihres Stehens und Sichentgegenstehens. Gott hat Gegenständlichkeit, sofern er nicht nur in unserer Erkenntnis, sondern unserer Erkenntnis gegenüber, «non in intellectu solo, sed etiam in re» (
Wie aber sollen wir nun diese Erkenntnis im Unterschied zu der idealistischen Gesetzeserkenntnis beschreiben? An-Erkenntnis habe ich sie genannt. Auch An-Erkenntnis ist durchaus Erkenntnis. Sie unterscheidet sich aber von solcher Erkenntnis, die nicht An-Erkenntnis ist, dadurch, daß ich eine nicht zuerst von mir, sondern zuerst von einem Anderen eingesehene und ausgesprochene Wahrheit als solche respektvoll, nämlich voll Respekt gegenüber dem, der mir darin vorangegangen ist, nacherkenne. Reine Anerkennung kommt nun bekanntlich unter uns argen Menschen nicht vor, und wir haben allen Anlaß dazu, uns solche gegenseitig vorzuenthalten. Anerkenne ich die von einem Menschen vertretene und ausgesprochene Wahrheit, dann tue ich es nicht nur, weil er mich von ihr überzeugt hat, sondern weil ich mich selbst von ihr überzeugt habe, und diese beiden Seiten des Vorgangs sind grundsätzlich und praktisch durchaus vertauschbar. Auch ich bin bei diesem Vorgang schöpferisch, wenn auch nachschöpferisch tätig gewesen. Ich sage es mir nun auch selbst, nachdem es mir gesagt worden ist, und doch erst daraufhin, daß ich es mir nun auch selbst sage, anerkenne ich es. Es könnte «bei aller Anerkennung» sehr wohl sein, daß ich es – wie es z.B. zwischen Studenten und Professoren vorkommen soll – nachher sogar sehr viel besser weiß und sagen kann als der, der es mir vorgesagt hatte. Indem ich es mir selber sage, fängt der, der es mir vorgesagt hatte, bereits leise an, mir «ein Mann von |109 gestern»123 zu werden. Das nennt man eben ein umkehrbares Verhältnis, und das werden die Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch zunächst immer sein. Wir müssen schon den Gedanken einer reinen Anerkennung zunächst zu konstruieren versuchen, wenn wir den Begriff der Glaubenserkenntnis erreichen wollen, in der solche Umkehrung ausgeschlossen ist. Reine Anerkennung wäre offenbar eine solche, bei der ich, was mir gesagt wird, wohl auch erkenne, aber nun insofern gar nicht schöpferisch, als mir das, was mir gesagt wird, rein durch sich selbst einleuchtet, indem es [mir einleuchtet], weil es und wie es zu mir gesagt wird, ganz und gar nicht aber darum und insofern, als ich es mir nun in der Tat auch selbst sage. Wo in der Erkenntnis das «ich habe es selbst erkannt» und das «Sichselbersagen» – nicht etwa in Wegfall kommt, denn wie sollte das in Wegfall kommen, wo wirkliche Erkenntnis stattfindet?, wohl aber – bei der Begründung der erkannten Wahrheit als Wahrheit keine Rolle spielen kann, weil in dieser Hinsicht Alles getan ist durch den, der uns die Wahrheit gesagt hat, wo also jede Umkehrung zwischen der mir gemachten Mitteilung und meiner Entgegennahme derselben ausgeschlossen wäre, da würden wir es mit reiner Anerkennung zu tun haben. Solche reine Anerkennung ist nun aber die hier konstruierte Glaubenserkenntnis. Wir haben nicht a priori, sondern durchaus a posteriori konstruiert. Als solche reine Anerkenntnis ist Glaubenserkenntnis Erkenntnis des schlechthin ohne mich aufgerichteten Gesetzes. Aber damit ist doch erst die negative Seite dieser Erkenntnis beschrieben.
Inwiefern ist sie denn Erkenntnis des für mich aufgerichteten, des wirklich mir begegnenden Gesetzes? Woher, von wem und inwiefern kann denn dem Menschen etwas gesagt werden, das er sich |110 in dieser Weise gesagt sein lassen müßte? Gehörte das Gesetz in die Welt der Gegenstände, dann käme es offenbar hier nicht in Betracht. So, gegenständlich tritt es uns allerdings im Munde, in den Begriffen und Bildern der Menschen entgegen und kann eben darum unsere reine Anerkennung auch im besten Fall nicht finden. Aber auch wenn ich nun von jeder Belehrung durch Menschen absehen und die Vernunft selber zu meiner Lehrerin machen wollte, so hätte ich damit die Welt, die Welt des Gegenständlichen nicht verlassen. Wir sahen ja: ratio und natura fordern sich gegenseitig, charakterisieren sich durch ihre unauflösliche Korrelation auch gegenseitig als Gegenstände. Gegenstände aber erkenne ich durchaus in der Weise, daß der Wahrheitsgrund meiner Erkenntnis ich selber bin; ich anerkenne nicht rein, sondern ich anerkenne daraufhin, daß ich selber erkannt habe. So rein kann auch die Vernunft, die reine Vernunft nicht meine Lehrerin sein. Sie ist es nicht anders, als indem sie eben meine Vernunft ist. Ohne dieses letzte Siegel meiner Vernunft würde die Vernunft mir offenbar Hekuba sein.124 Und auch das fehlt durchaus nicht, daß ich es mit meiner Vernunft fortwährend auch noch ein klein wenig besser wissen möchte und auch zu wissen meine als die Vernunft, und wenn ich diese noch so objektiv und erhaben mir vorstellte. Reziprozität ist da in vollem Gang. Glaubenserkenntnis kann also die Vernunfterkenntnis des Gesetzes auf keinen Fall sein. Vernunft kann nicht die Lehrerin sein, der ich in reiner Anerkennung begegne. Ist die Vernunft Gott, dann stehe ich zu diesem Gott, wie ich zu einem Gegenstand stehe. Die Rollen sind vertauschbar. Genau so, wie wenn die Natur Gott wäre. Jenes reine Sichsagenlassen wäre aber möglich und notwendig, wenn jenseits aller Gegenstände Gott zu uns geredet haben sollte. Ihm als solchem wäre es offenbar, wenn das Wunder geschähe, daß er mit uns reden wollte, nicht nur möglich, sondern geradezu notwendig, sich uns in der Form zu erkennen zu geben, die |111 wir eben nur als Anerkennung beschreiben können. Sein Wort müßte von der geschaffenen Vernunft in der Weise vernommen werden, daß alle Rück- und Kontrollfragen, alles Messen ihrer Wahrheit an einem außer ihm selbst liegenden Maßstab, also alles Erkennen, das ein Sehen statt ein Hören sein wollte, ausgeschlossen wären. Mit dem Gesicht kann die noch nicht zur visio beatorum et angelorum, dem Schauen Gottes von Angesicht zu Angesicht erhobene Vernunft nur den Gegenständen zugewendet sein. Gott der Schöpfer kann nur gehört werden, kann uns nur durch sein Wort offenbar werden. Erkenntnis Gottes des Schöpfers ist eo ipso nichtgegenständliche Erkenntnis.
Gewiß, nun kann die menschliche Vernunft nicht anders als in Form von gegenständlicher Erkenntnis, in Form von Begriffen und Bildern sich von dieser ihrer Erkenntnis Gottes Rechenschaft ablegen; und so entsteht, wie gezeigt, im selben Raum mit der philosophischen Erkenntnis und zu derselben dialektischen Bewegung genötigt, die menschliche Glaubenserkenntnis, das, was das Neue Testament Gnosis nennt, oder eben die Theologie. Ihr Sagen aber beruht im Unterschied zu dem der Philosophie nicht in dem, was der Mensch sich selber gesagt hat, sondern in dem, was zu ihm gesagt ist durch das unwiederholbare, unersetzliche, unvergleichliche und unbegreifliche Wort Gottes. Sie erkennt nicht anders, als wie die menschliche Vernunft überhaupt erkennt; sie erkennt aber daraufhin, daß sie, mit
Wir haben zur Klärung des Begriffs des Gesetzes des Glaubens in seinem Unterschied zu dem, was auch der Idealismus Gesetz nennt, im bisherigen drei Gesichtspunkte geltend gemacht. 1. Das Gesetz des Glaubens ist kein allgemein zugängliches Gesetz. 2. Es ist nicht zu verwechseln mit dem Gesetz des Geistes. 3. Es ist das von Gott und nicht das von uns selbst aufgerichtete Gesetz.
Wir haben doch mit dem allem den nun auszusprechenden positiven Satz erst umschrieben und angedeutet. Er stand hinter Allem, was vorgebracht wurde. Er wird nun aber erst selber hervortreten |113 müssen. Wir könnten alles Vorgebrachte zusammenfassen in
Und nun droht die Gefahr, daß sie dieses vergißt, daß sie die maiestas, die gloria Dei, die sie meint, verwechselt mit der maiestas und gloria eines doch nur übernatürlichen, geistigen Gegenstandes, von dem sie wohl oder übel reden muß, der ja als solcher wirklich nicht Gott, sondern gerade, wenn er für Gott gehalten wird, nur ein allerletztes, allerhöchstes vom Menschen erdachtes und angefertigtes Götzenbild sein kann.
Der Glaube aber glaubt den Gott, der uns vor allem und ohne alles unser Suchen und Finden von sich aus gesucht und gefunden hat. Mit seiner Gnade und eben so mit seinem Gericht. Wir sahen, daß Gnade eben darum nicht ohne Gericht ist, weil Begnadigung doch nur Schuldigen widerfahren kann. Als solche erkennen wir uns selbst, indem wir begnadigt werden. Diese Anklage und dieses Urteil, die wir uns im Glauben gefallen lassen, macht das Unternehmen, Gott in unserem Gottesbegriff zu suchen, in sich unmöglich. Wer sind wir denn, daß wir meinen könnten, auch in unserem reinsten und tiefsten Gottesbegriff Gott selbst suchen und finden zu können? Wie kommen wir in solche Gottesnähe? Ist nicht auch unser reinster und tiefster Gottesbegriff ein sündiges Menschenwerk, das der Vergebung bedarf, das wir nur im Glauben – nicht im Glauben an unser Werk, sondern im Glauben an das Wort der Gnade und also im Gehorsam und ohne Anspruch tun können? Wer sind wir denn, daß wir nicht wissen müßten, daß unsere speculatio maiestatis als solche mit der maiestas Dei gar nichts zu tun hat, als solche sogar nur speculatio maiestatis Diaboli sein kann? Auf dem Boden der Mystik und der Moral weiß man nicht, was Sünde ist. Jenes Unternehmen ist unternommen in einer merkwürdigen Unerschrockenheit des Menschen vor sich selbst. So kann man doch nicht in die Ferne und in die Höhe schweifen, so kann man sich nicht über sich selbst erheben wollen, so kann man nicht nach einem «ganz Andern» greifen, wenn man weiß, daß man den Strick verdient hat. Aber weiß man dann, was Gnade ist? Ist da Frei|117spruch, wo offensichtlich gar kein ernsthaftes Urteil gehört worden ist? Wir stellen mit dem allem den christlichen Glauben derer, die sich auf diesen Boden stellen, nicht in Frage. Wir reden nicht von dem, was sich zwischen ihnen und Gott vollzieht, vielleicht viel tiefer und ernsthafter vollzieht als in den Herzen derer, die sich nicht auf diesen Boden stellen. Wir reden nur von guter und schlechter Theologie. Es gibt glückliche Inkonsequenzen des wirklichen, verborgenen Lebens der Menschen mit Gott in seinem Verhältnis zu der von ihnen vertretenen Theologie. Und wir wollen uns klar sein darüber, daß uns auch die beste, konsequenteste Theologie vor tiefstem Unglück in jener verborgenen persönlichen Beziehung nicht bewahren kann. Gottes Wege sind nicht unsere Wege [vgl.
Reden wir jetzt deutlicher: Es ist das Gesetz Jesu Christi. Er ist Gottes Gnade gegen uns, und er ist auch Gottes Gericht über uns. Und indem er Gottes Gericht über uns ist, indem er uns dorthin stellt, wo die speculatio maiestatis als Suchen und Finden Gottes durch den Menschen ausgeschlossen ist, ist er auch das uns wirklich gegebene Gesetz Gottes. Und nun sind wir dem Ziel nahe, auf das wir auf dem weiten Weg, den wir hinter uns haben, hinauswollten. Wir haben auf dem Höhepunkt unseres ersten Abschnittes gesehen: der christliche Glaube ist Glaube an die Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus.131 Eben damit ist die Offenbarung Gottes im Unterschied zu einer allgemein zugänglichen Erkenntnis bezeichnet als ein besonderes, einzelnes, konkretes Ereignis – im Unterschied zu den zeitlosen Wahrheiten der geistigen Welt, von denen man ja bei einiger Dehnbarkeit des Begriffs auch sagen kann, daß sie uns «offenbar» werden als eine durchaus in der Zeit uns begegnende Wahrheit, im Unterschied zu dem «Gott», an dessen Göttlichkeit wir, wie gezeigt, irgendwie beteiligt sind – als Offenbarung des Gottes, der vor uns und ohne uns Gott ist und der als solcher von uns nur anerkannt werden kann. Das alles ist gemeint, wenn wir sagen, daß der Glaube Glaube an die Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus ist.
Aber nun gilt es genau zuzusehen, daß wir von hier aus nicht doch wieder auf jenen anderen Boden abrutschen, auf dem die Theologie nichts zu suchen hat. Wir haben, als wir in unserem ersten Abschnitt diese Beziehung des Glaubens auf Jesus Christus feststellten, belehrt durch die Warnungen der Reformatoren, Gewicht darauf legen müssen, daß unter Jesus Christus nun ja nicht doch wieder ein bloßes Symbol oder Transparent des gleichsam hinter Jesus von Nazareth stehenden und irgendwie durch ihn hindurch sichtbaren eigentlichen Wortes zu verstehen ist, zu dessen Erkenntnis er also bloß das Mittel, der Schlüssel, der vielleicht praktisch nötige Durchgang wäre. [Wir haben vielmehr gesehen], daß |119 bitter ernst zu machen ist: gewiß mit der Gottheit, aber mit der Gottheit in der Menschheit Jesu Christi. Wollten wir seine Gottheit als ein irgendwie hinter seiner Menschheit stehendes Etwas auffassen, so würden wir doch damit verraten, daß wir in der Lage zu sein meinen, zwischen Gottheit und Menschheit zu unterscheiden, also schon vorher und im allgemeinen zu wissen, was Gottheit ist. Was hieße das aber anderes, als daß wir eben doch schon vorher und außer Christus «speculatio maiestatis» getrieben, Gott in unserem Gottesbegriff gesucht und gefunden hätten? Obwohl uns doch Gott eben als dieser Mensch begegnen will, obwohl dieser Mensch unter uns Menschen und durch uns Menschen gekreuzigt ist, obwohl damit wahrlich das Urteil über uns gesprochen ist, haben wir, wie es scheint, immer noch Selbstvertrauen genug, hier ein Symbol deuten, ein Transparent durchschauen zu wollen, träumen wir immer noch von einer prinzipiell allgemein zugänglichen Offenbarungserkenntnis, die wir in der Erkenntnis Jesu Christi gleichsam bestätigt gefunden hätten. Ihr Inhalt wäre dann doch wieder jene zeitlose Wahrheit der geistigen Welt und ihr Vollzug mindestens ebenso unsere eigene wie Gottes Tat. Wir stünden dann, wie christozentrisch wir uns auch gebärden wollten, auf dem Boden der Mystik und der Moral, wo sich Gemeinschaft mit Gott auch abgesehen vom konkreten Vollzug der göttlichen Offenbarung realisieren läßt.
Eben darum hat ja auch
Die Tragweite dieses Satzes haben wir uns nun nach rückwärts und vorwärts klarzumachen. Also wenn und indem uns Gott der Versöhner in Anspruch nimmt, werden wir durch einen Menschen, nein, durch diesen Menschen in Anspruch genommen. Indem uns die Existenz dieses Menschen zum Gebot wird, begegnet uns Gottes Gebot; in der Existenz dieses Menschen ist Gottes Gebot an uns wirklich. Und eben indem es uns so begegnet, indem es in der Existenz dieses Menschen wirklich ist, ist es das wahre, vor allen Verwechslungen und Vertauschungen gesicherte Gottesgebot. Es könnte nicht göttlicher sein, als es in diesem Menschen menschlich wird. Jeden Augenblick hätten wir uns gerade dem Gebote Gottes entzogen, würden wir nicht mehr Gott begegnen, sondern uns selbst im Spiegel betrachten, wo wir an diesem Menschen vorbei Gott an sich hören wollten, wo wir diesen Menschen umdeuteten in ein bloßes Symbol oder Sprachrohr Gottes an sich. Der christliche Glaube glaubt nicht an Gott an sich, auch nicht als an den Vater an sich oder als an das Wort an sich, sondern als an den Vater des Fleisch gewordenen Sohnes und als an das Fleisch gewordene Wort des Vaters [vgl.
Zweifellos, das bedeutet, vom Standpunkt der idealistischen Theologie aus gesehen, einen schwersten Rückfall. Ist damit nicht doch die Hoheit Gottes und die Unbegreiflichkeit seiner Nähe wieder preisgegeben? Ist damit nun nicht doch wieder ein uns widerfahrendes Schicksal und zugleich auch eine innere Notwendigkeit, unter die wir uns gestellt sehen, zum Gesetz erhoben? Das Unendliche verendlicht, das Unbedingte zu einem Bedingten, die Ewigkeit |122 zur Zeit gemacht? Heißt das nicht Dämonisierung der Offenbarung? (
Wir würden aber, wenn wir uns auf eine andersartige Begründung auch nur einen Augenblick einlassen wollten, auch uns selbst nicht verstehen. Denn wenn der christliche Glaube gerade Diesen als das Gesetz Gottes erkennt, so tut er das wahrlich nicht deshalb, weil er aus diesen und diesen allgemeinen Erwägungen, die man auch ohne Glauben anstellen könnte, zu der Einsicht gekommen ist, daß Dieser das Gesetz ist, weil also der Mensch von sich aus und ohne Glauben gesucht und endlich gefunden, endlich Gründe genug gehabt hätte, gerade Diesem als dem wahren Gesetz Gottes seinen Beifall zu geben. Das wäre ja nicht Anerkenntnis. Dann hätten wir uns ja gerade das Entscheidende doch wieder selber gesagt. Dann hätten wir zweifellos zur Widerlegung und Überführung des Idealisten selber idealistische Theologie getrieben. Dann wäre uns Dieser ja gar nicht selber das Gesetz Gottes, sondern bloß eine Erscheinung, vielleicht die höchste Erscheinung des uns offenbar schon vorher und an sich bekannten Gesetzes Gottes, das wir nach fleißigem und nicht erfolglosem Suchen endlich und zuletzt in Diesem inkarniert gefunden und so Diesen zwar nicht als Geber, wohl aber als den vornehmsten Verkündiger des Gesetzes Gottes bestätigt gefunden hätten. Wir würden mit jedem Versuch, hier begründen zu wollen, bestätigen, daß das, was wir eigentlich begründen wollten: Dieser ist der Geber des Gesetzes, ist selber das Gesetz! von uns selber bezweifelt und in Abrede gestellt ist. Denn wenn er selbst das Gesetz ist, dann gibt es keine höhere Warte, auf die wir uns stellen könnten, um uns selbst und Andere zu vergewissern darüber, daß er es wirklich ist. Stellen wir uns in noch so wohlgemeinter Absicht auf eine solche Warte, dann haben wir schon damit geleugnet, was wir verteidigen wollen: eben daß er es ist. Ist er es, dann können wir uns nur unter dieses Gesetz stellen als solche, die darunter gestellt sind und, sofern es sich ums Denken und Reden davon, also um die Theologie handelt, argumentieren als solche, die dahin|124gestellt sind und sich nicht einmal hypothetisch anderswohin stellen können. Das Bekenntnis, das wir damit ablegen, daß wir eben von hier aus argumentieren, kann von uns selbst nur als Zeugnis gemeint sein. Das gilt von dem von uns erbrachten Nachweis, daß der idealistische Gott nicht Gott und das idealistische Gesetz kein Gesetz ist. Das gilt auch von dem positiven Nachweis, daß das Gesetz in unserer Bindung gerade durch diesen Menschen besteht.
Daß der Gott, der bloß Geist und nicht der Herr der Natur und des Geistes ist, kein Gott ist, daß der kein Gott ist, der nach Bedarf auch mit uns die Rollen tauschen kann, und das kein Gesetz, das wir selbst gesucht und in anerkennenswertem Scharfsinn auch gefunden haben, daß gesetzliche Bindung nicht ernsthaft ist, solange sie nicht Bindung durch und an gerade diesen Menschen ist – das sind alles gute Gründe gegen den Idealismus, aber das sind selber schon Gründe des Glaubens, und wir müßten uns selbst schlecht verstehen, wenn wir meinen wollten, sie durch Überredung solchen eindrücklich zu machen, die sich mit ihrem Denken und Reden nun einmal neben den Glauben und D.h.vor Allem neben die Erkenntnis, daß wir Alle Schächer sind, stellen wollen. Neben diesen Glauben und neben diese entscheidende Einsicht des Glaubens über den Menschen selbst sich stellend, werden sie immer wieder die schöne Freiheit haben, ihren Begriffsgott unserem Nachweis zum Trotz sehr wohl für Gott, jene Vertauschbarkeit der Rollen für eine sehr fromme und erfreuliche Sache, ihr eigenes Gesetz sehr wohl für das Gesetz und die Bindung gerade an diesen Menschen für einen nicht nur lästigen, sondern auch unwürdigen Heteronomismus zu halten, in dessen Überwindung eben der Durchbruch des wahren christlichen Glaubens bestehe. Die Theologie weiß, gerade wenn sie streng und sachlich ihres Amtes waltet, sehr wohl, daß sie, sofern ihre Rede an das Ohr solcher dringt, die sich auf jenen anderen Boden gestellt haben, davon lebt und darauf angewiesen ist, daß ihr Zeugnis das Zeugnis des heiligen Geistes bekommt. Bekommt sie das nicht – und sie hat keine Griffe, um danach zu greifen –, dann spielt sich ihr Tun in der Tat, in den Augen des Idealisten wenigstens, in jener tieferen, überwundenen Ebene des Gesetzes der inne|125ren Notwendigkeit und des Schicksals ab. Dann ist ihr Bekenntnis «Ich glaube an Jesus Christus … meinen Herrn»136 eine höchst zufällige innere Überzeugung im Blick auf ein höchst zufälliges äußeres Faktum. Wir haben kein Mittel in der Hand, um den, der seinen Standort außerhalb des Glaubens gewählt hat, davon zu überzeugen, daß es sich um etwas Anderes handelt, und also jenes Urteil, hier finde ein Rückfall in überwundene Sphären statt, zu entkräften. Denn wir haben kein Mittel in der Hand, das Zeugnis des heiligen Geistes für unser noch so scharfsinnig abgelegtes Zeugnis etwa zu erzwingen. Wir können dem Gegner wohl mit größter Bestimmtheit und Entschiedenheit sagen, was gegen seine idealistische Theologie als solche zu sagen ist, können ihm wohl nahelegen, er möchte doch wenigstens darauf verzichten, seine Sache als Theologie, seinen Gott als wirklichen Gott, sein Gesetz als wirkliches Gesetz auszugeben. Aber die Bestimmtheit und Entschiedenheit, die Energie dieser Polemik ist die des Glaubens. Wir laden ihn damit ein, von seinem hohen Roß herunterzusteigen und mit uns zu bekennen, daß er ein Schächer ist, der von Barmherzigkeit lebt. Wir können diese Einladung aber nicht mit dem Nachdruck ergehen lassen, daß er nun wirklich von dorten heruntersteigen und dieses einsehen müßte. Wir können ihm ja die Bindung, aus der heraus wir ihm das alles sagen, nicht auferlegen. Wir können ja auch dessen, daß wir selbst in dieser Bindung reden, nicht prinzipiell, nicht ein für alle Mal, sondern nur je und je in actu gewiß sein, auf die Verheißung der Sündenvergebung hin, in dem Gehorsam, der es sich versagt, nachher zu konstatieren: ich bin gehorsam gewesen! Und wir können den Anderen darum auch nicht hindern, den Spieß umzukehren und uns von der Höhe seiner Gnosis aus als arme Psychiker, als autoritäre Befangene und womöglich als Romantiker zu bedauern. Wir müssen uns mit dem bösen Schein, der in seinen Augen auf uns liegt, wohl oder übel abfinden.
126Aber das darf nun wieder nicht heißen, daß wir wirklich das sein und tun sollen, was er uns zum Vorwurf macht. Wir müssen ihm gegenüber, mögen wir uns seiner Verdächtigung auch nicht entziehen können, ein gutes Gewissen haben. Wir müssen also in der Lage sein, zu antworten: Nein, darum handelt es sich nun allerdings nicht, das ist nur eine optische Täuschung, daß wir die Kategorien der inneren Notwendigkeit und des Schicksals wieder in Kraft setzen wollten. Wenn die christtiche Theologie das tut, wenn sie, um nicht idealistisch zu sein, realistisch, ontologisch wird, dann ist das ein schwaches und unzulässiges Tun, mit dem sie jener Verdächtigung Recht geben würde137. So darf man sich also nicht zum Idealismus in Gegensatz stellen, daß man nun wirklich Skylla würde, wo er Charybdis ist. Das Verhältnis der Theologie zum Idealismus und zur «Romantik» ist kein symmetrisches. Jener ist ihr großer und gefährlicher, diese ihr kleiner, verhältnismäßig harmloser Gegner. Aber das darf uns nicht veranlassen, uns, bedrängt von jenem, nun eher diesem in die Arme zu werfen. Auch die innere Notwendigkeit und das Schicksal sind ja, wie wir sahen, Instanzen, die jedermann von sich aus als solche feststellen und mit denen auch jedermann die Rollen tauschen und also an ihrer Stelle selber Instanz werden kann. Auch sie sind Spiegelbilder unser selbst, die wir, wissend, daß wir von Gott gerichtet sind, nicht als unser Gesetz erkennen können. Auch bei ihnen geht es nicht um Anerkennung, wenn wir sie bejahen, sondern wir bejahen sie als unsere eigenen Zuschauer. Sie verhaften uns nicht, sondern ihnen gegenüber können wir immer auch noch anders. Ihrer sind wir letztlich ebenso mächtig wie der allgemeinen Wahrheit des Idealismus. Die Kritik des Idealismus, daß es sich bei ihnen um Dämonen und nicht um die Gottheit handle, ist berechtigt, auch wenn sich diese Kritik letztlich gegen den Idealismus selber kehrt.
Also: der christliche Glaube ist keine innere Notwendigkeit und Jesus Christus ist kein Schicksal. Es ist eine vom Standpunkt des |127 Idealismus aus allerdings unvermeidliche, auf einer Verkürzung des perspektivischen Bildes beruhende Täuschung, wenn es so aussieht. Die Theologie würde sich selbst verraten, wenn sie sich zu diesem Anschein bekennen, wenn sie sich im Gegensatz zum Idealismus etwa wirklich auf jene naturalistischen Kategorien zurückziehen wollte. Sie kann sich vor allem psychologischen und historischen Argumentieren nicht genug in acht nehmen. Sonst ist sie nicht Theologie, sondern Dämonologie. Wo man in der Absicht, vom Glauben zu reden, von Zuständen und Erlebnissen der Seele, und wo man in der Absicht, von Jesus Christus zu reden, von den Ereignissen, Wendungen und Wirkungen in der Geschichte redet, da verfällt man der berechtigten Kritik des Idealismus und darüber hinaus der Kritik, die auf den Idealismus selber zurückfällt. Da geschieht zweifellos jener Rückfall nicht nur in die durch den Idealismus überwundene romantisch-naturhafte Sphäre, sondern heimlich auch in den Idealismus selber, in seine eigenmächtige Geistigkeit. Also: wenn der Mensch Jesus Christus uns begegnet als das Gesetz Gottes, so ist das nicht und darf das nicht beschrieben werden als ein Spezialfall unserer allgemeinen schicksalsmäßigen geschichtlichen Verflochtenheit mit der uns umgebenden Umwelt. So wird ein weiser Mann die objektive Wahrheit Christi nicht begründen wollen. Und wenn wir an Jesus Christus glauben als an unseren Herrn, so ist das wiederum kein Spezialfall unseres individuellen persönlichen seelischen Innenlebens und darf nicht so beschrieben und von einem weisen Mann nicht von daher begründet werden. Sondern beidemal reden wir von einem göttlichen, dem göttlichen Tun und Geschehen, das schlechterdings eine Kategorie für sich bildet, so sehr für sich, daß sie schon als Kategorie allen anderen Kategorien schlechterdings gegenübersteht.
Dieser Mensch, der diesen Glauben findet, dieser Glaube an diesen Menschen, das ist ein Tun und Geschehen, das unter keine uns bekannte Ordnung fällt, weder unter die des geistigen noch unter die des natürlichen Tuns und Geschehens. Es geht um das Tun und Geschehen Gottes selbst in seiner Offenbarung. Weil Gott der eine Schöpfer beider Reiche ist, darum gibt er beiden Reichen Anteil |128 auch an seiner Offenbarung, ohne daß diese darum in einem dieser beiden Reiche zu finden und nachzuweisen wäre. Darum besteht nun freilich auch die Möglichkeit, sein Reich mit einem dieser beiden Reiche oder auch mit beiden zu verwechseln. In seiner Wahrheit, in seiner unaussprechlichen Ferne und Nähe, Nähe und Ferne, in der er uns gerade in dem Menschen Jesus Christus begegnet, scheint Gott das zu sein, was wir als Geist kennen. Bedenken wir nicht, daß er der Herr ist, und bedenken wir unsere eigenen Grenzen nicht, dann sehen und haben wir in ihm den Gott des Idealismus. In seiner Wirklichkeit, in der ganzen Konkretheit und Einzelheit und Direktheit, in der er uns wiederum gerade in dem Menschen Jesus Christus begegnet, scheint Gott das zu sein, was wir als Natur kennen. Bedenken wir nicht, daß er der Herr ist, und bedenken wir unsere eigenen Grenzen nicht, dann sehen und haben wir in ihm den Gott des Realismus138, den Gott des Erlebnisses und der Geschichte. Der christliche Glaube aber geht zwischen diesen beiden falschen Göttern mitten hindurch. Im Glauben bedenken wir, daß Gott unser Herr ist und bedenken wir unsere eigenen Grenzen. Im Glauben beten wir: Dein Reich komme [
Indem das Wort Fleisch ward [vgl.
Jesus von Nazareth ist das Gesetz des Glaubens, derselbe, der auch die dem Glauben gegebene und im Glauben ergriffene Zusage der göttlichen Barmherzigkeit ist. Aber nicht davon, sondern von ihm als dem Gesetz des Glaubens, von ihm als dem mit jener Zusage konkret ergehenden göttlichen Anspruch an den Menschen haben wir in der Ethik zu reden. Zusage und Anspruch, Evangelium und Gesetz ist zweierlei, aber das Wort Gottes ist nicht nur Evangelium. Es ist, indem es Evangelium ist, auch Gesetz. Es rechtfertigt uns nicht nur, sondern es heiligt uns auch. Es ist Befehl. Findet es Glauben, dann ist dieser Glaube auch Gehorsam. Und das alles wird konkret und inhaltsvoll darin, daß das Wort Gottes Fleisch, daß Jesus von Nazareth das Wort Gottes ist. Gehorsam des Glaubens heißt Gehorsam gegen Jesus. Jesus ist der Offenbarer des nahe herbeigekommenen Reiches Gottes. Er offenbart es durch die messianische Verkündigung der Vergebung der Sünden, durch Taten der Macht und der Hilfe, in denen das Ende aller Dinge, die Erlösung der Kreatur vorweggenommen, blitzartig im voraus sicht|130bar zu werden scheint – «Zeichen und Wunder» [vgl.
Mit dem synoptischen: «Folge mir nach!» [
Und nun sei auch noch an die dritte neutestamentliche Hauptstimme, die johanneische, wenigstens erinnert: «Wir wissen, daß wir aus dem Tode ins Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder» (
Versuchen wir es nun, uns das, was wir uns zunächst einfach durch das biblische Zeugnis haben sagen lassen, auch grundsätzlich verständlich zu machen: daß der Anspruch Gottes des Versöhners konkret der Anspruch unseres Nächsten, unseres Mitmenschen ist. Wir haben gesehen, daß wir das Gebot unseres Schöpfers, das scheinbar so einfache: Lebe das dir von Gott geschenkte Leben! zuletzt und zuhöchst dahin verstehen müssen, daß uns geboten ist zu glauben, D.h.aber die von uns geforderte Güte in der Güte des fordernden Gottes selber zu suchen.140 Eben damit haben wir aber Gott bereits als den verstanden, der nicht nur Schöpfer, sondern auch Versöhner ist. Wir mußten ja, indem wir versuchten, uns selbst als Glaubende zu verstehen, einsehen, daß wir Gott keineswegs bloß in einer gewissen Unvollkommenheit, als solche, die sein Gebot nicht eben restlos erfüllen, sondern vielmehr als Rebellen und Widersacher gegenüberstehen, daß unser Tun nicht bloß unzureichend, sondern Sünde ist. Und darum konnten wir jene Güte des fordernden Gottes, die der Glaube ergreift, um sich daran zu hal|135ten, als wäre sie seine eigene, nur als unbegreifliche Gnade und Barmherzigkeit verstehen. Es ist die Gerechtigkeit Christi, der auf unserer Seite gar nichts entspricht und entgegenkommt, die die Güte unserer eigenen Lebenstat ausmacht. Ist das Gebot nun aufgehoben? Oder ist es auch nur ein anderes geworden? Nein, es gilt nach wie vor, und es ist auch an sich kein anderes geworden, so wenig Gott selber ein anderer werden kann. Es hat aber für uns, indem wir den Gesetzgeber, Gott jetzt als unseren Versöhner verstehen müssen, eine ganz neue Herkunft und einen ganz neuen Inhalt bekommen. Diese neue Herkunft und dieser neue Inhalt des Gebotes ist ausgesprochen in dem Namen Jesus Christus. Derselbe eine Gott, der uns das Leben schenkt, schenkt uns auch Christus. Und wenn wir zuerst zu hören hatten auf das, was er uns gebietet, indem er uns das Leben schenkt, so haben wir nun zu hören auf das, was er uns gebietet, indem er uns Christus schenkt. Das ist in sich nicht zweierlei, das ist aber in unseren Ohren und für unsere Begriffe, die nicht die Gottes sind, sehr zweierlei, und wir haben das eine und das andere für sich in Erwägung zu ziehen. Was uns mit unserem Leben von Gott geschenkt ist, das ist unser Ich, unsere eigene menschliche Existenz. Mir wird durch das Gebot des Schöpfers geboten, zu existieren, in meiner Tat mich selbst zu sein, das mir geschenkte Leben in freier Entscheidung als das mir eben von Gott geschenkte Leben zu leben. Dieses Geschenk und dieses Gebot stehen durchaus in Kraft, und der Kreislauf der ethischen Besinnung wird auch an dieser seiner Ausgangsstelle immer wieder vorbeizukommen nicht umhin können. Aber uns ist auch Christus geschenkt: als die Güte Gottes, die für die uns selbst gänzlich mangelnde Güte gnädig und barmherzig eintritt, die wir im Glauben, aber auch nur im Glauben, als unsere eigene Güte ergreifen. Diese für uns eintretende Güte Gottes ist nun aber etwas ganz Anderes als unsere eigene Existenz. Etwas so Anderes, daß wir unsere eigene Existenz von ihr aus geradezu als in Frage gestellt, ja als gerichtet erkennen müssen.
Als Sünder stehen wir dieser Güte gegenüber, und wenn sie uns nicht vernichtet, sondern aufrichtet, eben indem sie für uns eintritt, |136 so ist damit schon gesagt, daß sie uns gegenüberstehen bleibt, daß sie, indem sie uns zugesprochen wird, als Wort Gottes an uns gehört werden muß, keineswegs aber etwa als eine Qualität unserer Existenz gesehen werden kann. Dieses Hören eben ist der Glaube. Indem uns hier etwas so Anderes als unser eigenes Leben geschenkt ist, ist uns nun aber auch etwas ganz Anderes geboten. Glaube ist Tat und also Gehorsam, haben wir gesagt, Unterordnung unter das wohlverstandene Gebot des Schöpfers. Ist er aber Gehorsam gegen Gott in Christus, gegen den Gott, der in seiner Gnade und Barmherzigkeit selber für uns eintritt, dann ist klar, daß jetzt ein bloßes Sichselbstsein, sein eigenes Leben leben usw. als Inhalt dieses Gehorsams nicht mehr in Betracht kommen kann. Wollten wir uns jetzt darauf versteifen, nur dem Gebot unseres Schöpfers gehorchen und also das Gute in einem möglichst tiefen, reichen und starken Leben unseres eigenen Lebens zu suchen, dann würden wir gerade damit nur zeigen, daß wir auf das Gebot unseres Schöpfers keineswegs gemerkt haben. Können wir doch dessen Inhalt nicht zu Ende denken, ohne darauf geführt zu werden, daß es auch das Gebot des Versöhners ist. Gipfelt es doch im Gebot des Glaubens. Im Glauben aber erkennen wir unser eigenes Leben als gerichtet und unsere Gerechtigkeit in der fremden, von außen zu uns kommenden, nur zu hörenden, nicht zu sehenden Gerechtigkeit Christi, des zu uns gesprochenen Wortes. Also: nicht mit unserem Leben selbst ist uns jetzt das Gebot gegeben, und nicht Leben heißt jetzt das Gebot, sondern als Gesetz ist es uns jetzt gegeben, von jenem fremden, außerhalb unser selbst liegenden, uns gegenüberstehenden Ort aus redet Gott jetzt mit uns; und Gesetz, fremde, von außen kommende Bestimmung unserer Existenz ist es jetzt. Also weder ist unsere Existenz jetzt als solche die Offenbarung des Gebotes, noch auch ist sie jetzt sein Inhalt, beides haben wir jetzt, und das eben sagt uns der Begriff des Gesetzes, außer uns zu suchen. Das Gebot ist nicht in uns, sondern es kommt zu uns. Und die Bejahung durch die Tat, die das Gebot von uns fordert, ist jetzt in keiner Weise die Bejahung unser selbst, sondern die Bejahung eines auf uns zukommenden, von unserem eigenen, mit unserer Existenz gesetzten verschiedenen An |137 Spruchs. Das Gesetz des Glaubens ist eben Christus. Also in Christus, durch Christus gebietet uns jetzt Gott, und Christus selbst ist jetzt das Gebot Gottes. In Christus tritt ja die Güte Gottes ein für die uns selber schlechthin mangelnde Güte. Christus steht doch an unserer Stelle. Christus ist doch die uns gegenüberstehende und uns aus Gnade zugesprochene Gottesgüte. Indem Christus kommt, kommt das Gebot zu uns, statt daß es etwa bei und in uns selber wäre. Und Christi Anspruch ist der von unserem eigenen Anspruch unterschiedene Anspruch, dessen Bejahung durch die Tat das Gebot von uns fordert.
Christus! Aber wir haben durchgehend mit Nachdruck gesagt: Jesus Christus, der Mensch Jesus von Nazareth, der das Wort Gottes ist. In der Kraft seiner Gottheit, aber als wahrer Mensch tritt er für uns ein, ist er das Wort der freien Güte Gottes gegen uns. Wiederum in der Kraft seiner Gottheit, aber als wahrer Mensch ist er auch das Gebot Gottes. Eben das, daß unsere Bindung an Gott hier konkret durch diesen anderen Menschen vollzogen ist und Bestand hat, sichert dem Gebot den Charakter des Gesetzes, den Charakter der Andersheit, Fremdheit und Überlegenheit. So kann das Gebot des Schöpfers erst verstanden werden, indem es als Gebot des Glaubens verstanden wird. Daß das Gebot in Christus Mensch ist, das bestimmt zunächst sein Woher?, den Ort, von woher wir es vernehmen, als ein unaufhebbares Gegenüber. Ein Du redet hier in nicht zu umgehender Unterschiedenheit von unserem Ich. Jede Umkehrung, jede Vertauschung der Rollen, jedes Verständnis des Gesetzes als Selbstgesetzgebung ist ausgeschlossen, wenn dieser Mensch das Gesetz ist. Können und müssen wir in einem Deus nudus letztlich und zuhöchst unser eigenes Spiegelbild erkennen und in dem «sic iubeo» seines Gebotes das «sic volo» unserer eigenen Entscheidung141, so ist der Deus incarnatus als solcher der Andere, der, wie nahe er uns treten, wie gegenwärtig er uns, ja wie eins mit uns selbst er werden mag, der Andere bleibt, und so sein Gebot ein von außen fremd zu uns kommendes Gebot. Es bestimmt diese Mensch|138heit des Gottesgebotes nun aber auch seinen Inhalt. Dieser Mensch Jesus von Nazareth tut ja, wie in seiner Weise jeder Mensch, etwas ganz Besonderes, Bestimmtes. Und indem er dieses Bestimmte tut, redet Gott durch ihn, zu wem er nämlich reden, wem er Ohren für dieses Wort geben will. Dieses sein Bestimmtes also ist jetzt der Inhalt des Gottesgesetzes, des an uns ergehenden Anspruchs. Dieses sein Bestimmtes ist aber, vieldeutig zunächst für eine allgemeine, der Frage des Glaubens oder Unglaubens neutral gegenüberstehende Betrachtung, sein Weg zum Kreuz, für den Glauben eindeutig die göttliche Güte eines Lebensopfers, eines Leidens und Gehorchens, dessen Notwendigkeit nicht in der eigenen Existenz Jesu, sondern in seiner völligen Zuwendung nun eben zu den Anderen, zu den vielen, deren Existenz sündig ist, begründet ist. In dieser Bestimmtheit, auf dem Wege zum Kreuz, nein, eben zu diesem seinem für viele heilsamen Lebensopfer ist Jesus von Nazareth dieser Mensch. Ist er nun in dieser Bestimmtheit das Gottesgesetz – wie wir denn aus dem Neuen Testament uns erinnert haben, daß in der Tat darauf sein «Folge mir nach!» sich bezogen hat, dann bedeutet das für das Verständnis des Inhalts dieses Gesetzes, des Inhalts des in Christus an uns ergehenden Anspruchs ein Dreifaches:
1. Hier erscheint als Träger der Güte Gottes gegen mich und damit, weil ich selber nicht gut bin, als Träger der Güte überhaupt auf alle Fälle ein anderer Mensch, ein von mir selbst endgültig unterschiedener Mensch. Das bedeutet ein ganz eigenartiges Konkretwerden der Erkenntnis unserer Sünde und der Gnade Gottes und man wird wohl sagen müssen, einen entscheidenden Prüfstein, ob unser entsprechendes Bekenntnis echt ist. Daß Gott gut, wir aber böse sind, und weiter: daß wir alles Gute von Gott zu erwarten haben, das im allgemeinen und in abstracto zuzugeben, dürfte zuletzt so schwer nicht sein. Ganz anders, wenn dieses Verhältnis in einem Verhältnis von Mensch zu Mensch in der Weise konkret wird, wie es zwischen Christus und uns zweifellos der Fall ist. Dieser Mensch steht an meiner Stelle als Inhaber der Güte, die mir fehlt. Wird sie mein eigen, dann darum und insofern, als er sie mir |139 zuwendet. Wendet er sie mir zu, so ist mir eben damit gesagt, daß ich sie selber nicht habe, daß ich ihrer bedürftig bin, daß ich sie bei ihm zu suchen habe, bei ihm, der doch auch nur ein Mensch ist. Es ist sogar Christus gegenüber gar nicht selbstverständlich, daß der Mensch diese Situation nicht ablehnt, daß er einem Menschen diese Stellung sich gegenüber einzuräumen sich nicht weigert, auch wenn er an sich und im Allgemeinen seine Sündhaftigkeit und Bedürftigkeit Gott gegenüber nicht in Abrede stellen wollte. Er würde damit freilich zeigen, daß er wohl noch nicht weiß, was Sünde und was Gnade ist, daß er in Wirklichkeit in beiden Stücken auch Gott, gerade Gott gegenüber das Entscheidende noch nicht gemerkt hat.
Aber nun wird die Sache noch konkreter: Angenommen, wir wären willig, uns wenigstens dem Menschen Jesus gegenüber mit dieser Situation abzufinden, so werden wir doch geneigt sein, zu sagen und uns damit zu trösten, daß diese Konkretisierung eine Ausnahme bilde. Anders, ganz anders seien wir offenbar allen anderen Menschen und nun gerade denen gegenüber dran, denen wir in unserem Leben unmittelbar gegenübergestellt sind. Wohl sehe ich auch andere Menschen mehr oder weniger gütig mir zugewendet. Aber welchen anderen Menschen denn so, daß er an meiner Stelle stünde als Inhaber einer Güte, die er ganz und ich gar nicht hätte? Welchen so, daß er mir zu geben hätte, was mir nur fehlt, so daß ich es nur bei ihm suchen könnte? Stehe ich nicht jedem von diesen Anderen, wieviel ich ihnen zu verdanken haben möchte, immer auch meinerseits als Besitzender und Gebender gegenüber? Ich meine zu sehen, daß auch sie leiden und zu gehorchen versuchen, aber wie sollte das ihr für mich gebrachtes Lebensopfer sein wie das Opfer Christi? Ist ihr Leiden und Gehorchen nicht vor Allem und zuletzt eine Notwendigkeit ihrer eigenen Existenz, so gut oder schlecht wie das meinige? Leiden und gehorchen sie nicht wie ich selbst als Sünder, die letztlich wie ich auch mit sich selber, mit ihrer eigenen Not und gar nicht mit der meinigen beschäftigt sind? Und sind mir nicht Viele von ihnen überhaupt nicht als Träger irgendeiner Güte, sondern als Träger des gemeinsamen Fluches, der auf uns allen liegt, zugewendet, als solche, an denen ich eben nichts als |140 die menschliche Sünde, Torheit und Schwachheit wahrzunehmen vermag? Sind endlich nicht die Allermeisten überhaupt in Gleichgültigkeit von mir abgewendet und so in ihrer Weise ebenfalls Offenbarungen der grausamen oder auch erhebenden Wahrheit, daß ich auf mich selbst gestellt und angewiesen bin? Ist das «Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!»142 nicht das Fazit, das ich letztlich aus der Begegnung und dem Zusammensein mit allen anderen Menschen zu ziehen habe? Wir werden wohl recht haben, wenn wir so fragen, aber nun doch nur als solche, die das Gesetz Christi noch nicht gehört haben. Wir würden, wenn wir solche Fragen und die dahinter stehenden Behauptungen unser letztes Wort sein lassen wollten, doch nur zeigen, daß unsere Sünden- und Gnadenerkenntnis auch und gerade in unserem Verhältnis zu Christus, wie stark wir sie auch empfinden und aussprechen sollten, im Grunde versagte, wirkliche Erkenntnis noch nicht geworden sei. Sehen wir diesen einen Menschen Christus wirklich an unserer Stelle stehen, stehen wir diesem einen Menschen wirklich gegenüber als Bedürftige, dann kann es gar nicht anders sein, als daß die Konkretion noch weiter geht, noch ernsthafter wird. Dann kann es gar nicht anders sein, als daß wir auch die anderen Menschen anderswo stehen sehen und ihnen selbst anders gegenüberstehen, als wir es zunächst behaupten und für wahr haben möchten.
Man bedenke: auch die völlige Zuwendung zu uns, in der Christus uns vor Augen steht, ist doch wahrlich keine manifeste, sondern eine höchst verborgene Wahrheit. Man kann und wir alle können auch den Kreuzesweg Jesu von Nazareth sehen, ohne etwas von dieser Zuwendung zu sehen. Wer sagt uns, daß hier ein Lebensopfer für uns stattfindet? Wer sagt uns, daß hier nicht ebenfalls einer um seiner eigenen Sünde willen seine eigene Not leidet? Hat er nicht gelebt und ist er nicht gestorben ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας (
Aber freilich das ist wahr: nicht umsonst trägt Gott in seiner Offenbarung gerade menschliche Züge. Es sind diese unverwischbar besonderen und so nicht wiederkehrenden, schlechthin einzigartigen menschlichen Züge. Aber es sind menschliche Züge. Der Weg Jesu ist bei aller Besonderheit, die ihn vor allen anderen Menschenwegen auszeichnet, bei allem Geheimnis der Gottheit, von dem er umgeben ist, ein menschlicher Weg. Ist nun dieser Weg die Wahrheit, ist uns in jenen Zügen das Angesicht Gottes offenbar, dann ist es jedenfalls nicht unmöglich, dann ist es grundsätzlich sogar notwendig, daß uns die Züge und Wege auch ganz anderer Menschen, nämlich unserer eigenen, mit Christus gewiß nicht zu verwechselnden Mitmenschen zu einem wenn auch noch so dunklen Spiegelbild jener Züge und Wege werden. Jener, der gewiß Gottes ewiges Wort, aber nun eben nicht ein Engel oder Stern, sondern einer unserer Mitmenschen war, der nun einmal gerade Menschheit, der die menschliche Natur angenommen hat, dieser macht offenbar grundsätzlich – ob wir sehen und hören, ist eine andere Frage – jeden unserer Mitmenschen zu einer Frage, zu einer Verheißung, zu einer höchst lebendigen Erinnerung an seine Menschheit. Man darf nicht sagen: die Offenbarung Christi ist die Offenbarung des Mitmenschen überhaupt. Man muß aber freilich sagen: durch die Offenbarung kann, muß, wird der Mitmensch – nicht jeder Mensch an sich, aber der mir gegenüberstehende Mitmensch – mir zum Zeugen, zum Boten, zur Erinnerung und Bestätigung der Offenbarung, Christi selber werden. Man darf die Menschwerdung Gottes in |143 Christus nicht umdeuten zu einer allgemeinen Menschwerdung Gottes, man muß sie aber ernst nehmen auch darin, daß sie, indem Christus Mensch wird, auch die anderen uns gegenüberstehenden Menschen jedenfalls beleuchtet: So wie sie mir gegenüberstehen, so steht mir jedenfalls auch der Mensch Jesus gegenüber: in derselben Verborgenheit, in der das Auge zunächst und aus eigener Kraft nur Sünde zu sehen vermag wie bei allen Anderen. Derselbe unerhörte Vorgang, den wir uns gefallen lassen müßten, wenn nun wirklich dieser mir gegenüberstehende Mensch der Träger alles Guten gegenüber mir, dem ganz und nur Bedürftigen wäre, er ist der Vorgang, der sich tatsächlich im Glauben zwischen mir und Christus abspielt. So überwältigend es wäre, wenn dieser mein Mitmensch so und so in der Lage wäre, heute zu mir zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, so überwältigend ist es, wenn Christus mir das in Wirklichkeit sagt [vgl.
An unserem Sehen und Verstehen des Bildes Christi in unseren Nächsten entscheidet es sich – das sagt
Mag er denn ganz und gar mit sich selbst beschäftigt sein, mag er mich denn gar nichts angehen, mag er denn ganz und gar nur als Gegenstand meiner eigenen allfälligen Güte in Betracht kommen, mag er denn der größte Sünder und ich neben ihm ein Heiliger sein. Müßte ich ihn als geringsten der Brüder des Herrn, müßte ich in seiner höchst fragwürdigen Menschlichkeit die Erinnerung der Menschheit Christi erkennen, was könnte und dürfte mich dann das alles angehen? Mein ganzes Urteil über ihn müßte sich doch dann mit oder ohne Lust und Überzeugung meinerseits einfach umkehren, und ich müßte einfach glauben, glauben, ohne zu sehen: Nicht hier, nicht in meinem guten Herzen und klugen Kopfe, sondern wirklich dort drüben, in diesem Anderen wohnt mein Gutes, bettelarm stehe ich diesem vielleicht tausendmal Ärmeren als ich selbst gegenüber, muß es bei ihm suchen, bin ganz auf ihn angewiesen – nicht um seinetwillen (mag ich denn von ihm denken, was ich muß und mag), aber um des Bildes Christi willen und insofern dann doch auch um seiner selbst willen. Das ist offenbar das Erste, was über das Gesetz Christi zu sagen ist: Es weist uns bei der Frage nach dem Guten von uns selbst weg, und es weist uns konkret auf den anderen Menschen hin, den wir freilich mit uns und vielleicht schlimmer als uns selbst gefangen sehen im Gefängnis der Sünde und den wir nun doch als einen, der auch Menschenantlitz, und zwar ein anderes als unser eigenes trägt, in seiner ganzen übergroßen Sündigkeit als Christi Bild ansehen müssen.
Es dürfte einleuchten, daß das etwas Anderes, daß das mehr bedeutet, als die «Ehrfurcht vor dem Leben», von der wir schon im |145 Kapitel über das Schöpfungsgebot zu sprechen hatten.
Nicht das göttliche Du!? Ja, aber woher weiß ich, daß ich für das göttliche Du in dem Menschen Jesus Christus offen bin, wenn ich etwa für dieses menschliche, nur menschliche Du, das mir da drüben begegnet, verschlossen sein sollte? Woher weiß ich, daß dieses menschliche Du mich nicht an das göttliche Du des Menschen Jesus Christus erinnern will? Muß ich nicht vielmehr wissen und annehmen und erwarten, daß es mir eben dazu entgegengestellt ist? Lebe ich nicht von dem, was ich in mir selbst, sondern von dem, was |146 ich in meiner Bezogenheit zu diesem Menschen Jesus Christus bin, dann muß diese meine primäre Lebensbezogenheit – darum und nicht um mein Leben geht es jetzt – konkret werden in der sekundären Lebensbezogenheit, in der ich zum Anderen, zu meinem gar nicht mit Christus zu verwechselnden Nächsten stehe. Wird sie hier nicht konkret, wie soll sie dann wahr sein? Also: uns ist in Christus geboten, um der primären willen diese unsere sekundäre Lebensbezogenheit ganz ernstzunehmen, so ernst, daß wir unsere Rechtfertigung, die Vergebung unserer Sünde, das Gute, das uns fehlt und das wir empfangen müssen, so gewiß wir es nur in jener primären Bezogenheit zu Christus empfangen, nicht außerhalb, sondern in dieser sekundären Bezogenheit suchen und also nicht an das fremde Leben jetzt, sondern, und das ist mehr, an das fremde menschliche Du als an den Boten des göttlichen Du des Menschen Jesus Christus uns gebunden wissen. Diese Abwendung und diese Zuwendung gebietet uns das Gebot.
2. Die Bestimmtheit des Gottesgesetzes als Gesetz Christi, als Gesetz der Nachfolge der humanitas Christi bedeutet, daß uns die Güte Gottes gezeigt und zur Norm gemacht wird als eine solche menschliche Güte, die sich hemmungslos und unbedenklich den Anderen eröffnet, zuwendet, hingibt. Dieser Mensch, Jesus von Nazareth ist in der Weise gut, daß er damit nicht sich selbst, sondern durchaus die anderen Menschen meint, bejaht, will. Gewiß eben die Offenbarung Gottes in Christus, das Lebensopfer Jesu von Nazareth ist ein Akt, ja, der große Akt der Selbstbehauptung Gottes, der Aufrichtung seiner Souveränität gegenüber der menschlichen Sünde, sagen wir ruhig und trotz
So meinen wir allerdings das Gute an uns reißen, gleichsam in uns selbst zusammenballen und darstellen zu können. So machen wir das Gute zu einem Instrument unseres Hochmuts, ja, zu einer Waffe unserer Unbarmherzigkeit. So bedienen wir uns seiner im Kampf ums Dasein, um, wenn uns alles Andere vielleicht nicht gelingen sollte, wenigstens als solche dazustehen, und wäre es auch nur in unseren eigenen Augen, die gegen die Anderen recht haben. Wir sind gut, und das charakterisiert auch unser Gutsein zu Anderen bis ins Innerste hinein, weil und sofern wir besser sind als Andere. Was wäre menschliche Güte ohne die motivierende Kraft dieses Komparativs! Menschliche Güte lebt immer ein wenig und weithin überhaupt von der größeren menschlichen Ungute, nämlich der der Anderen, im Gegensatz zu der unsere eigene kleinere Ungüte sich gütlich tun, sich beruhigt, getröstet und gesichert fühlen kann. Das gilt durchaus auch dann, es gilt vielleicht am meisten gerade dann, wenn wir scheinbar ganz, vielleicht sehr eifrig, vielleicht sogar leidenschaftlich diesen Anderen zugewendet sind. Unsere Güte braucht ihre Ungüte. Wo blieben wir, wenn diese etwa plötzlich verschwinden sollte und damit der Stoff und die Folie unserer |148 Güte? Das ist denn auch das Geheimnis des Mißerfolgs, von dem letztlich doch alle menschliche Güte begleitet zu sein pflegt. Wenn wir selbst es nicht merken, so merken es doch die Anderen, das heillose Volk, dem wir als das heilerfüllte gegenüberzustehen meinen: es geht uns ja letztlich gar nicht um sie, wir meinen, wir suchen, wir bejahen, wir wollen uns selbst, indem wir gut sind. Darum ist denn auch unser Zorn gegen das Böse in der Welt, unser pathetischer Kampf dagegen, ohnmächtig und wird auf die Dauer von niemandem ernstgenommen. Nicht weil wir nicht vielleicht wirklich besser wären als viele Andere, aber weil es eben uns um dieses unser Bessersein ging. Die Offenbarung Gottes in Christus müßte uns sagen, daß der so oft beseufzte Mißerfolg der Guten im Kampfe mit den Bösen seine Gründe hat. In diesem Zeichen kann es keinen Sieg geben. Denn eben diese unsere menschliche, allzumenschliche Güte ist unsere Sünde, schlimmer und gefährlicher als das, was wir an uns selbst und an Anderen als das Böse bezeichnen. Dieses sogenannte Böse ist ja nur die sichtbare, aber auch viel harmlosere Außenseite des eigentlichen wirklichen Bösen. Die Offenbarung Gottes in Christus müßte uns sagen, daß der Gott, der es mit dem Guten so hielte, wie wir es halten, dessen Güte also eine solche in sich geschlossene, sich abgrenzende, sich auszeichnende und als solche triumphierende Güte wäre, nicht Gott, sondern sicherlich der Teufel wäre. Der Teufel ist gar nicht so abscheulich und lasterhaft, wie man es sich der eigenen Bequemlichkeit und Sicherheit halber vorstellt. Sein «eritis sicut Deus!» [
Gott aber, Gott in Christus, der Deus revelatus et incarnatus, ist – und das ist die Göttlichkeit und Wirklichkeit seiner Güte – nicht für sich gut. [Seine Güte] ist, gerade wenn und indem er sie der Sünde, dem Aufruhr und Abfall gegenüber behauptet, nicht diese |149 abgeschlossene, abgegrenzte, ausgezeichnete und darin triumphierende Güte. Gott ist wirklich für uns, er ist ganz und gar in seiner Zuwendung zu uns, den Unguten, gut. So und nicht anders ist er auch der in sich selber Gute. So ist er das Licht, das in der Tat in der Finsternis leuchtet. Er leuchtet, indem er, denn er ist wirkliches Licht, erleuchtet. Er hebt sich ab, indem er aufhebt. Er ist stark, indem er trägt. Er sagt nein, indem er ja sagt. Er übt Gericht, indem er freispricht.
In dieser Wendung und Beziehung zu uns offenbart er sich in Jesus von Nazareth. Und in dieser Wendung und Beziehung ist er unser Gesetz, der an uns gerichtete Anspruch. Denn es gibt einfach keine Stelle im Neuen Testament, wo wir Jesus etwa in der Front fänden, in der menschliche Güte, gerade wenn sie nach außen aktiv und aggressiv wird, wenn sie es besonders gutzumachen meint, zu kämpfen pflegt. Jesus steht nicht an jener fingierten Grenze, wo die kleinere Ungüte angesichts der größeren sich für Güte halten kann. Er hebt diese Grenze vielmehr auf. Er hebt ja eine noch ganz andere Grenze auf, nämlich die, die die Güte Gottes von der Ungüte aller Menschen scheidet. Er verkündigt ja die Vergebung der Sünden, D.h.aber er öffnet das verschlossene Tor der Gerechtigkeit von innen, statt seines Drinnenseins froh zu sein und sich dahinter zu verbergen. Und er nimmt die Ungerechten da draußen einfach herein, statt durch das verschlossene Tor mit ihnen zu reden und sich so ihres Draußenseins noch einmal zu freuen. Da wird niemand darauf angeredet, daß er ein Sünder ist, auch der Pharisäer nicht, der anerkannt wissen möchte, daß er doch wenigstens ein besserer Sünder ist, aber auch der Zöllner nicht, der nun freilich notorisch ein schlimmerer Sünder ist [vgl.
Uns gibt die Sünde des Mitmenschen beständig den scheinbar so triftigen Grund, uns von ihm zu scheiden, uns auf uns selbst, auf unser In-uns-selbst-Gerechtfertigtsein zurückzuziehen. Nochmals: wir brauchen ja die Sünde des Mitmenschen geradezu. Wir leben von ihr. Auch wenn wir sie beklagen oder ihn um ihretwillen, auch wenn wir ihm unsere bessernden, belehrenden, erziehenden Bemühungen zuwenden, behaften wir ihn dabei. Sie interessiert uns. Nicht aus Freude am Bösen, sondern ganz naiv um unser selbst willen. Wir brauchen diese Folie. Nie sind wir so intensiv mit uns selbst beschäftigt, wie wenn wir mit der Sünde des Nächsten beschäftigt sind. Aber eben: es gibt auch keine stärkere Offenbarung unserer eigenen Ungüte, unserer eigenen Sünde, als diese unsere ungütige |151 Stellung zu der Sünde des Anderen. Die moralische Sünde, die Sünde unserer verschlossenen Güte (die gar nicht Güte ist), das ist die eigentliche Sünde, und nochmals: der moralische Teufel ist der eigentliche und wahre Teufel.
Und nun ist es schon ungefähr das Schlimmste, was geschehen kann, wenn wir hingehen und Jesus auch zu einem solchen moralischen Sünder umdeuten, wie wir selber sind. Natürlich um uns dem Gebot zu entziehen, daß wir selbst auch ganz anders sein sollten. Wenn wir nicht sehen wollen, daß seine Güte eben keine bei ihm selbst bleibende, ihn selbst rechtfertigende, ihn selbst als edel, hilfreich und gut148 von der üblen Umwelt abhebende, sondern in jedem Augenblick mitteilende, schenkende, verströmende Güte ist. Da ist Gemeinschaft mit Gott, die mit der einsamen Größe des religiösen Genies gar nichts zu tun hat, die nur vorhanden ist als Wort an die Vielen, die weder religiös noch Genies sind. Da ist Herzensreinheit, die nicht darin besteht, daß dieser Mensch sich durch ein besonders feines Gewissen und durch einen besonders starken Willen vor den Anderen, den Unreinen und Schwachen auszeichnet, sondern darin, daß in diesem Herzen auch gegenüber dem Unreinsten und Schwächsten kein Vorbehalt besteht. Da ist ein Leidensgehorsam, den man darum auch mit dem edelsten Märtyrertum nicht in einem Atem nennen sollte, weil hier nicht um die dereinst das eigene Haupt zierende Blutkrone gestritten wird, die das höchste Hochziel etwa der altkirchlichen ethischen Anweisung gewesen ist149, weil hier vielmehr der Priester steht, der sich für die Anderen [dahingibt] und der eben damit ein reines Opfer bringt [vgl.
Und darum ist auch das die schlimmste, die eigentliche Leugnung der Gottheit Christi – aller Aufruhr in der Dogmatik beruht auf einem Aufruhr in der Ethik –, wenn wir leugnen, daß dieser gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist [vgl.
Wollen wir Jesus lassen, wie er ist, wollen wir ihn also wirklich als den Sünderheiland haben, wissen wir, daß wir wirklich von Vergebung leben, dann müssen wir ihn aber auch als solchen als unser Gesetz haben. Dann taucht also, nun von dieser zweiten Seite, der Andere, der Nächste, der Mitmensch vor uns auf als die Instanz, an der wir gar nicht vorbeisehen können, wenn wir wissen wollen, was uns geboten ist. Nicht der ideale Mitmensch, D.h.nicht der, in dem wir uns selbst wiederfinden, der in seiner Tugend oder Untugend für uns da ist, nämlich dazu, uns zu bestätigen, daß wir recht haben, sondern der wirkliche Mitmensch, der durchaus nicht zu solchem Zweck da sein will, der ganz sein eigenes Leben lebt und auf alle Weise zu verstehen gibt, daß er vielmehr mich braucht. Der wirkliche Mitmensch, der aber auch fraglos – ich bekomme es zu spüren – ein großer Sünder ist und mir darum täglich höchst beschwerlich wird. Was mache ich nun mit diesem Anspruch dieses |154 beschwerlichen Gegenspielers? Soll ich nun seine Beschwerlichkeit, also eben seine Sünde zum Vorwand nehmen, seinen Anspruch loszuwerden? Soll ich sie grob oder fein dazu verwenden, mir das Recht zu verschaffen, mich nicht von ihm brauchen zu lassen, mich triumphierend im Gegensatz zu ihm meiner eigenen Güte zu freuen? Das ist die Möglichkeit, die wir hier zu wählen pflegen. Oder soll ich einsehen, daß er mich eben um dessen willen, worin er mir so beschwerlich ist, braucht, daß ich für ihn gerade in seiner üblen Sündhaftigkeit zu haben sein muß, daß eben er der Sünder mich in Anspruch nimmt? Das ist die Möglichkeit Jesu. So hat er den Anspruch des Nächsten gehört, so ist er ihm gehorsam gewesen.
Wir sind nicht Christus und werden es nicht werden. Wir können darum auch nur mit größter Vorsicht und mit größtem Abstand sagen, daß uns geboten ist, unserem Nächsten ein Christus zu werden.152 Täuschen wir uns nicht, auch wenn wir das uns hier Gebotene noch so klar einsehen. Wir leben eben, im Bösen und noch viel mehr im Guten, unser eigenes Leben. Wir sind eben mit uns selbst und unserer eigenen Rechtfertigung beschäftigt. Wir sind eben fortwährend bestenfalls in jener verschlossenen, vorbehaltsvollen Weise gut. Auch Gemeinschaft mit Gott ist uns eben ein höchstes geheimstes Palladium unserer Selbstliebe. Auch Herzensreinheit ist uns eben, sofern es Derartiges für uns überhaupt gibt, vor Allem eine Auszeichnung vor den Unreinen. Und wenn wir leiden und gehorchen, opfern wir eben, um uns selbst zu retten, um für uns selber genug zu tun. Wir benützen eben die Sünde des Nächsten als Vorwand und Mittel, um seinen zudringlichen Anspruch mit gerechtem Grund und auf die beste Weise loszuwerden. Unsere Güte ist eben menschliche Güte, und eben darin sind wir eben Sünder, im besten Fall moralische, fromme, aber gerade darin überaus sündige Sünder. Wiederum können wir also dem Mitmenschen gar nicht in jener eigentlichen, primären Weise zugewendet und verpflichtet sein, wie Christus uns zugewendet ist. Wir werden den Sünderheiland Anderen ebenso wenig offenbaren, wie wir ihn uns selbst |155 offenbar machen können, wenn er das nicht selber tut. Wiederum kann es sich also bei dem, was uns durch den Sünderheiland geboten ist – machen wir uns keine Illusionen – nicht um eine Wiederholung oder gar um einen Ersatz seines Tuns, seines barmherzigen Heruntersteigens zu den Verlorenen; und Druntenseins bei den Verlorenen handeln. Wir können nicht schlimmer an unserem Nächsten vorbeigehen, als wenn wir das vergessen, wir können nichts Abscheuerregenderes und Verstockenderes tun als das, was wir dann tun, wenn wir etwa heimlich im Schilde führen, ihm gegenüber – man kennt die Gebärde, die Kopfhaltung und den Tonfall – den Herrn Jesus zu spielen. Wir können nicht genug bedenken, daß wir wirklich und ehrlich nur als Verlorene, D.h.aber genau so, wie wir sind, und nicht in der Rolle von Rettern unseren Nächsten begegnen können. Rettend steigt nur Einer zu uns allen hernieder, rettend kann nur Einer uns begegnen.
Wohl aber ist uns geboten eine unseren Grenzen angemessene sekundäre Zuwendung und Verpflichtung gegen den Nächsten, eine menschliche Analogie zu dem nicht nachzuahmenden göttlichen Vorbild, das Zeugnis von dem Sünderheiland. Das Zeugnis der Tat und des Lebens im allgemeinsten Sinn ist jetzt gemeint, von dem das spezielle Zeugnis des Wortes, das Zeugnis der Kirche nur ein Anwendungsfall sein kann. «So sind wir nun Botschafter an Christi Statt; denn Gott vermahnet durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott» (
Mein Leben in seiner ganzen, höchst unheilandsmäßigen Orientierung an sich selber ist nun einmal unter das Heilandsgebot der grundsätzlichen Aufgeschlossenheit für den Anderen in und mit seiner Sünde gestellt. Woher nehme ich das Recht, mich in meiner eigenen Güte ihm gegenüber einzukapseln? Woher das Recht, mich durch den Vergleich mit ihm bestätigen und bestärken zu lassen? Woher das Recht, anderswoher als aus der Vergebung an ihn zu denken, mit ihm und besonders auch über ihn zu reden, an ihm zu handeln, mit ihm zu leben? Woher das Recht, ihm in meiner ganzen Unreinheit anders zu begegnen, als Christus in seiner Reinheit mir begegnet? Eben dieses Recht ist mir genommen. Eben dieser Boden ist mir unter den Füßen weggezogen. Stelle ich mich dahin, so stelle ich mich in die leere Luft und falle. Wir fallen täglich und stündlich, aber wir sollen wissen, daß das wirklich ein Fallen ist, daß wir dort nicht stehen können. Stehen können wir nur, indem wir gehen, nämlich den Weg Jesu gehen. Was an meinem Tun vor Gottes Auge Stehen ist – ich selbst kann es ja immer nur glauben, daß ich stehe; was ich sehe, ist Fallen weit und breit –, das ist mein Gehen dieses Weges. Dieser Weg aber führt in gerader Linie von mir weg dort hinüber, wo der Rätselhafte, Verhüllte, Unbegreifliche steht, der Nächste, der nun einmal mein Bruder ist. Nicht die Folie, von der ich mich erfreulich abheben kann. Nicht mein Belehrungs- und Erziehungs- und Missionsobjekt, nicht mein Übungsschüler, der mir gerade rechtkommt, um meine Meisterschaft an ihm zu beweisen, sondern mein Bruder, dessen Anspruch ich hören muß, nicht obwohl, sondern gerade weil er mir so beschwerlich, weil er der Anspruch eines so großen Sünders ist, dem ich mit meiner eigenen Tugend und Untugend verfallen, dem ich verpflichtet bin. Es wäre denn, ich hätte das überschwengliche Wort, das zu mir selber gesagt ist, nicht gehört.
1583. Mir begegnet in Jesus die Güte Gottes als eine solche menschliche Güte, die sich dem Anderen öffnet und zuwendet, haben wir gesagt. Eben damit zeigt sie mir aber auch erst diesen Nächsten: eben als meinen Nächsten, meinen Bruder, von dessen Existenz ich so wenig abstrahieren kann wie von meiner eigenen, ja als die Instanz, in Beziehung zu der ich allein wirklich existiere. Was ich auch von dem Anderen halten und wissen mag, das ist sicher, daß Jesus ihn für einen würdigen Gegenstand der Güte Gottes hält, daß er einen Grund sieht, daß er sich gerufen weiß, sich ihm zuzuwenden. Ihm! Es ist ja gar nicht so, daß ich ihn zuerst in der Zuwendung zu mir begriffen sähe, sondern was ich sehe, ist vielmehr, daß er sich Anderen zuwendet, dem kananäischen Weib [vgl.
Es wäre doch ein böses Mißverständnis dieser Gedanken, wenn wir sie etwa so aufgefaßt hätten, daß wir eben doch nur darum und insofern an den Nächsten gebunden seien, weil wir ihn im tiefsten |159 und besten Sinn für uns selber brauchten. Damit wäre ja doch gesagt, daß wir ihn im aller-allerletzten Grund gerade nicht brauchen! Daß er uns, daß uns unsere Bindung an ihn letztlich doch nur ein Mittel zum Zweck, eine Etappe auf dem Wege sei, ein Mittel, das nach Erreichung des Zwecks auch wieder außer Betracht fallen könnte. Er wäre dann nur vorübergehend unser Bruder gewesen, und uns bliebe ein letzter verborgener Ort, wo wir nach Erfüllung unserer Bruderpflicht doch wieder unser eigenes einzelnes Leben als solches leben könnten. Kein Zweifel, daß unsere Bindung an den Nächsten, so weit das Auge reicht, tatsächlich diesen Charakter trägt. Aber kein Zweifel, daß sie eben insofern wirkliche Bindung noch nicht ist. Denn wenn der Nächste uns wirklich zu einem Boten Christi geworden wäre, dann könnte er nicht aufgehört haben, uns das zu sein, und ebenso könnten wir nicht aufgehört haben, ihm dasselbe zu sein, wenn wir es wirklich einmal gewesen sind. Haben wir wirklich die Funktion aneinander zu üben, von der gesprochen wurde, dann verleiht sie uns, wie sekundär sie auch sein möge – das ist ein wichtiges Wahrheitsmoment im katholischen Priesterbegriff – einen character indelebilis, wir sind uns dann in einer ursprünglichen und endgültigen, also in einer weder vorläufig zu übersehenden, noch nachträglich wieder abzustreifenden Weise zugeordnet. Es kann darum schon unter den bisher erörterten Gesichtspunkten nicht im Ernst gesagt werden, daß wir dem Nächsten bloß insofern verpflichtet und verbunden seien, als wir ihn eben um unser selbst willen brauchen. Wir selbst sind eben gar nicht wir selbst ohne den Nächsten. Davon ist nun noch genauer zu reden.
Der Nächste ist eben wirklich der Erste, dem Gottes Güte widerfährt, zu dem und durch den ich dann durchaus als Zweiter hinzukomme. Ich brauche ihn nicht nur, wenn Gottes Güte auch zu mir kommen soll, sondern er ist von Haus aus, von Anfang an auch dabei. Wir können ja nicht vergessen, daß wir zu Jesus Christus, gerade wenn wir seine Menschheit ernstnehmen, nicht und nie in einem unmittelbaren Verhältnis stehen. Seine Gegenwart, auch seine Gegenwart in jener unio mystica, in jenem Leben Christi in uns selber, ist mittelbare Gegenwart, Gegenwart im Zeugnis der |160 Schrift und der Kirche. Wir hören sein Wort im Wort und durch das Wort der Propheten und Apostel. Indem dieses ursprüngliche Zeugnis Glauben weckt und im Glauben weitergegeben wird, konstituiert es die Kirche. Wir glauben in der Kirche, D.h.aber wir glauben nicht aus erster, sondern durchaus aus zweiter Hand. Wir hören Jesus Christus nicht direkt mit uns reden, sondern wir hören ihn, gerade wenn wir ihn wirklich und wirklich ihn hören, durch das Wort anderer Menschen, das durch seinen heiligen Geist die Wahrheitskraft seines eigenen Wortes bekommen hat. So ist es als sein Wort zu uns gekommen, so muß es immer wieder zu uns kommen. Wir empfangen also Gottes Gabe in indirekter Mitteilung – in doppelt indirekter Mitteilung, müssen wir sogar sagen, sofern ja schon die Menschheit Christi ihre Verhüllung bedeutet, die dann sofort eine zweite Verhüllung, eben jenen Weg über die anderen Menschen, nach sich zieht. Eben diese doppelte Verhüllung ist ihre uns angemessene Enthüllung, ist der Weg, auf dem die Gabe des ewigen Gottes zu uns in der Zeit lebenden Menschen kommen kann. Sie ist also kein wegzuwünschendes Hindernis, sondern sie ist ihr Mittel, sie ist die notwendige Vermittlung. Nur in dieser Mittelbarkeit sind wir unmittelbar zu Christus und in ihm zu Gott.
Diese Mittelbarkeit unserer Versöhnung mit Gott will ernstgenommen sein. Unio mystica cum Christo gibt es nur im corpus Christi mysticum. Christus lebt in uns, sofern wir in seinem Volke, sofern wir als Glieder an seinem Leibe, sofern wir in seiner Kirche leben. Der Begriff der Kirche, auf den wir damit gestoßen sind – wir werden im nächsten Paragraphen ausführlich auf ihn zurückkommen153 – bedeutet nicht, daß das Subjekt des Glaubens nun auf einmal ein Pluralis, ein «kollektives Wir» wird. Man wird sich hier im Gebrauch des deutschen Wortes «Gemeinde», das heute wieder so beliebt wird, weil es so angenehm an Landsgemeinde, an den russischen «Mir» u. ä. erinnert, einfach etwas in acht nehmen müssen. «Die Kirche glaubt» ist durchaus nicht zu übersetzen mit: «Wir glauben». Es hat seinen guten Grund, daß die sämtlichen großen |161 Bekenntnisse der alten Kirche mit «Credo» und gerade nicht, obwohl sie doch wahrlich kirchliche Einheitsbekenntnisse sein wollten, mit «Credimus» anfangen. «Credimus» könnte in unser aller Namen nur Christus selber sagen, der als das Haupt des Leibes allein seine Einheit ist und für die zum Kollektivum zusammengefaßte Pluralität seiner Glieder als solche reden kann [vgl.
Ich glaube, sofern ich selbst in Anspruch genommen bin. Ich glaube aber in der Kirche. D.h.meine primäre Bezogenheit zu |162 Christus wird konkret in der sekundären zum Nächsten. Das für den Begriff der Kirche bezeichnende Personalpronomen heißt nicht Ich, aber auch nicht Wir, sondern Du. Du unterscheidet sich von Wir dadurch, daß Du eben entschieden nicht ich ist, sondern dem Ich entgegen- und gegenübertritt, daß da wirklich ein Anderer steht, in den ich mich weder offen noch heimlich hineininterpretieren kann, wie dies bei Wir der Fall ist, wo man nebeneinanderstehend kein Gegenüber hat und wo es dem Ich unbenommen bleibt, sich selber mindestens als Mittelpunkt der Bruderkette und dann vielleicht doch sehr bald auch wieder als Beziehungspunkt des Ganzen vorzustellen. Du, das sichert dem an mich ergehenden Anspruch seine Fremde, seine Strenge, seine Überlegenheit. Du charakterisiert ihn als wirklichen Anspruch, der sich durch keine Kunst in einen Ausspruch umdeuten läßt. Wohlverstanden: es handelt sich auch nicht um ein diffuses Ihr, um eine mir gegenüberstehende Pluralität von Ansprüchen. In dem Ihr steckt bekanntlich immer – und der moderne Sprachgebrauch hat das mit unbewußter Schlauheit herausgefunden – das Sie, die höfliche Form des bei aller Leutseligkeit eiskalten fridericianischen Er, die dritte Person, die mich nichts angeht, die eben die Person des Anderen ist und an der ich leutselig winkend als Fridericus Rex vorübergehen kann. Also Wir und Ihr bezeichnet ein Nebeneinander, das als solches noch kein Miteinander ist. Miteinander gibt es nur, wo ein ehrliches Gegeneinander sichtbar wird. Wo ich Du sage, da bezeuge ich, daß ich gehört habe, daß der Mitmensch mich angeht. Er geht mich, wenn er mich angeht, immer in der Einzahl an und darum in der zweiten Person Singularis. So glaube ich in der Kirche, daß immer je Einer, je Dieser, je Du mir zum Anspruch Christi selber wird. «Ich glaube in der Kirche» heißt: ich glaube als Glied eines Leibes, an dem alle anderen Glieder auch Glieder Christi sind, ich glaube also konkret, mein Handeln in diesem Augenblick ist das Handeln des Glaubens, sofern es in der Bindung jetzt an dieses, jetzt an dieses andere Glied dieses Leibes und insofern in der Bezogenheit zu Christus als dem Haupte des ganzen Leibes und in der Einheit mit ihm geschieht. Ich glaube konkret, sofern dieses mein bestimmtes Handeln in diesem |163 Augenblick, weil in der Christusbezogenheit, darum in dieser und dieser bestimmten Du-Bezogenheit, im Hören auf diesen und diesen mir begegnenden menschlichen Anspruch geschieht. Daß es einen solchen Leib mit solchen Gliedern, daß es ein solches Volk des Herrn gibt, in dem das Personalpronomen Du so entscheidend wichtig ist, in dem immer schon vor mir ein Bruder da ist, der bereit ist und beauftragt ist, mich in dieser entscheidenden Weise anzusprechen, mir das Wort Gottes zu sagen, das ist das Wunder der Kirche, das ich glaube, das ich bejahe, wenn mein Glaube Gehorsam ist. Da ist die Kirche wirklich, wo dieser Anspruch an mich ergeht, von mir gehört wird und in meinem Handeln Gehorsam findet.
Erinnern wir uns auch hier: der Mitmensch ist ein Sünder wie ich selber, vielleicht der viel größere Sünder als ich. Ich brauchte ihn bloß bei seiner Sünde zu behaften, so wäre ich seinen Anspruch los. Aber dann auch meinen Glauben, dann auch die Vergebung meiner Sünden, dann auch Christus. Ich hätte dann das Wunder der Kirche geleugnet statt geglaubt. Ich wäre dann außerhalb der Kirche. Ich wäre dann ohne Gott in der Welt. Kein Zufall, daß die alten Bekenntnisse im dritten Artikel das Bekenntnis zum heiligen Geist mit dem zur Kirche und das zur Kirche mit dem zur Vergebung der Sünden zusammenfassen. Da ist in der Tat Eines nicht ohne das Andere, sondern Eines nur erklärt durch das Andere wahr. Als Sünderkirche ist die Kirche die Gemeinschaft der Heiligen. Wollen wir keine Sünder sehen, wollen wir auf Heilige warten als auf die, die die Kompetenz hätten, uns in Anspruch zu nehmen, dann würden wir damit nur verraten, daß wir überhaupt nicht gesonnen sind, uns in Anspruch nehmen zu lassen, und wir würden dann sicher auch keine Heiligen zu sehen bekommen. Denn eben die Sünder sind die Heiligen, die gewiß sehr wunderlichen Heiligen Christi. Also eben mein Nächster, der ein Sünder ist und den ich darum noch so gerne los wäre, hat die Kompetenz, mich in Anspruch zu nehmen. Und seine Sünde geht mich gar nichts an, darf mich nichts angehen, außer daß sie mir sagt, daß ich für ihn zu haben sein soll. Wenn ich mir nämlich sagen lassen und wenn ich hören will, daß Gott sich meine Sünde auch nicht weiter angehen |164 läßt, als daß er sich eben um ihretwillen meiner erbarmt hat. Geht mich nun die Sünde meines Nächsten nichts an, dann fällt der Grund weg, mit dem ich ihn loswerden wollte. Sein Anspruch gilt, so wahr ich in der Kirche bin, so wahr Christus für mich gestorben ist. Und eben: dieser mein Nächster ist zuerst da. Ich kann mich nicht gemächlich meiner Bezogenheit zu Christus freuen, um mich hernach danach umzusehen, ob etwas und was etwa in meiner Bezogenheit zum Nächsten auch noch geschehen könnte. Sondern vor mir war der Nächste da; der höchst geringe Bruder, der Hungrige, der Dürstende, der Fremdling, der Kranke, der Gefangene, der Sünder vom Schopf bis zur Sohle, der er ist, will von mir, daß ich für ihn da sei, und wenn ich nun nicht für ihn da bin, dann bin ich unfehlbar – hic Rhodus, hic salta155 – zur Linken zu den Böcken gestellt, ewig verloren [vgl.
Denn wenn meine sekundäre Bezogenheit zu den wunderlichen Heiligen der Kirche nicht wahr ist, dann ist unfehlbar auch meine primäre Bezogenheit zu Christus nicht wahr, weil er eben in Gestalt dieser wunderlichen Heiligen seiner Kirche und nicht anders zu mir gekommen ist. Wie sollte es da nicht wunderlich zugehen, wenn doch die Kirche selber immer ein Wunder ist? Und wie sollte die Kirche kein Wunder sein, wenn sie meine – ich kenne mich doch! ich weiß doch, wie unfaßbar das ist, daß ich ein Versöhnter sein soll! – meine Teilnahme an der Versöhnung bedeutet? Nein, ich kann diesen wunderlichen Heiligen nicht ausweichen, wenn ich nicht Christus selber ausweichen will. Und so gewiß mein Glaube, mein Glaube in der Kirche, in jedem neuen Augenblick neue Entscheidung sein wird, so gewiß also die primäre Bezogenheit meines Lebens zu Christus immer wieder in der Bezogenheit zum Nächsten konkret geschehen muß, so gewiß kann er mir nie entbehrlich wer|165dendes Mittel, dahintenbleibende Station auf meinem Wege sein. Ich stehe und falle mit ihm in meiner Existenz als mit Gott versöhnter Mensch. Immer ist Gott mein Versöhner, der Gott, der «die Leute so lieb hat» [vgl.
Blicken wir nun auf unseren bisherigen Weg zurück. Wir haben im ersten Abschnitt dieses Paragraphen in Form einer großen Rekapitulation der reformatorischen Rechtfertigungslehre festgestellt, inwiefern es unter dem Gesichtspunkt der Versöhnung ein Gebot Gottes gibt und daß dieses Gebot den ganz bestimmten Charakter des Gesetzes hat. Und wir haben dann im zweiten Abschnitt Antwort gegeben auf die Frage nach dem Sinn des Gesetzes. Wir hatten uns hier zunächst Raum zu schaffen durch die Auseinandersetzung mit den beiden romantischen Antworten und mit der idealistischen Antwort auf diese Frage, mit dem Gesetz des Gottes der inneren oder äußeren Gegebenheiten und mit dem besonders verführerischen Gesetz des Gottes des Nicht-Gegebenen. Wir haben diesen beiden nur scheinbaren Gesetzen gegenüber das wirkliche Gesetz verstanden als das Gesetz Christi, dieses aber als das Gesetz seiner Menschheit, dieses aber als das Gesetz seiner Nachfolge, dieses aber als das Gesetz des Opfers, dieses aber als das Gesetz des Nächsten. So also ist uns durch Gottes heilsames Gebot widersprochen, daß dem Ich das Du gegenüberstellt, entgegengestellt ist. So verpflichtet mich Gott, daß er mich durch den Nächsten und auf den Nächsten verpflichtet. Darin besteht der Charakter meiner Tat als Beugung unter Gottes Gebot, daß sie geschieht im Hören auf den An|166spruch dieses Anderen. Dann handle ich als einer, dem Barmherzigkeit widerfahren ist, dann handle ich als begnadigter Sünder gesetzlich und nicht ungesetzlich, wenn ich in dieser sekundären Bezogenheit, die also von mir aus gesehen immer die primäre ist, handle. Wir haben ein Kriterium in der Frage: Was sollen wir tun? Das sollen wir tun, was auf alle Fälle Verantwortung dem da drüben gegenüber bedeutet, was auf alle Fälle Tatzeugnis ist dafür, daß wir den da drüben gehört haben, in dessen näherem oder fernerem Lebensbereich sich unser eigenes Leben abspielt und der mit seinem Leben seinerseits aus größerer oder kleinerer Nähe in unseren Lebensbereich eingreift. Wir haben ihm Rede zu stehen mit dem, was wir tun. «Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht.»156 Wer Christus sagt, sagt Du. Wer Christus sagt, sagt Zuwendung zu diesem Du. Wer Christus sagt, sagt Bindung an dieses Du. Denn wer Christus sagt, sagt Kirche – im Glauben, aber Kirche.