Überleitung
ÜBERLEITUNG
Es wird angebracht sein, wenn wir, bevor wir auf die Fortsetzung der im ersten Teil dieser Vorlesung getanen Arbeit eintreten, zunächst in einigen Worten an die Problemstellung erinnern, an Hand derer wir uns hier an die Bewältigung der Aufgabe einer theologischen Ethik herangewagt haben und an Hand derer dieses Unternehmen nun weiter- und zu Ende geführt werden soll. Es handelt sich um einige grundsätzliche Voraussetzungen, deren Begründung uns im Sommer1 ausführlich beschäftigt hat. Diejenigen von Ihnen, die zum ersten Mal Ethik hören oder die sie hier als Fortsetzung eines in einem anderen Hörsaal gemachten Anfangs hören wollen, werden am besten tun, ein paar kurze Mitteilungen über diese Voraussetzungen zunächst gutgläubig zu notieren, um dann hoffentlich mit der Zeit dahinter zu kommen, wie alles gemeint ist und daß es so sehr nicht in der Luft steht, wie es im ersten Augenblick wohl aussehen könnte.
1. Das Thema der theologischen Ethik, ich könnte auch sagen das handelnde Subjekt, mit dem sie es in allen ihren Sätzen und Überlegungen zu tun hat, ist das Gebot Gottes. Also nicht der Mensch, auch nicht der handelnde Mensch, auch nicht der fromme, auch nicht der christlich handelnde Mensch, sondern das Gebot Gottes. Aber das Gebot Gottes nicht als ruhende objektive, irgendwo aufgeschriebene oder irgendwie zu formulierende Wahrheit, die der Mensch wissen oder auch nicht wissen, anerkennen oder auch nicht anerkennen [könnte], deren er sich durch Einsicht und Tat zu |II bemächtigen vermöchte, um hernach ein dem Gebot entsprechender, guter Mensch zu sein kraft seiner Einsicht und Tat des Guten, – sondern das Gebot Gottes, das uns angeht, als handelndes Subjekt, das auf mich zugekommen ist und immer wieder auf mich zukommt, das Gebot Gottes verstanden als Offenbarung des Gebotes Gottes, als gegenwärtiges, weil es Gottes Gebot ist für den, der Gottes Wort hört, nicht zu überhörendes Ereignis mitten in der Wirklichkeit unseres Lebens – weil es Gottes Gebot ist als Ereignis, über das ich keinerlei Macht und Verfügung habe, sondern das mich trifft und alle Macht und Verfügung über mich hat – weil es Gottes Gebot ist, das Ereignis auch des nächsten Augenblicks, dem ich eben jetzt entgegengehe – weil es Gottes Gebot ist, das Ereignis, in dem über mein Handeln, über mein Existieren das Gericht ergehen wird, in dem mir nicht über Gut und Böse im allgemeinen, sondern über mein Gut- oder Bösesein Bescheid, und zwar endgültiger Bescheid gesagt werden wird, Bescheid, wie ihn der gibt, der nicht nur der Ursprung und Inbegriff des Guten und also sein letztes Maß, sondern als solcher auch der Herr über Leben und Tod ist, so daß mir eben damit auch Bescheid über mein Sein oder Nichtsein gesagt werden wird. Gericht oder Gnade, Verdammung oder Seligsprechung – nein, recht vernommen: Gericht und Gnade, Verdammung und Seligsprechung ist jedesmal die Tragweite dieses Ereignisses, des Gebotes Gottes in seiner Offenbarung. So, tötend und lebendig machend, trifft es mich. So nimmt es mich in Anspruch. So heiligt es mich.
2. Theologische Ethik ist eine Entfaltung der Lehre von der Heiligung. Theologische Ethik heißt Besinnung auf jenes Ereignis, dem jeder Mensch in jedem nächsten Augenblick entgegengeht. Die Seite oder die Stelle der dogmatischen Besinnung unterstreicht und entfaltet die theologische Ethik, wo das Wort Gottes, um das es in der Dogmatik geht, verstanden werden muß als Gebot in seiner Geltung für ein bestimmtes Gebiet, wo die Besinnung der Dogmatik auf das Wort Gottes zugleich Besinnung auf jenes Ereignis wird, D.h.aber Besinnung auf uns selbst als die durch das Wort Gottes Erreichten, Angeredeten, Getroffenen, wo die Dogmatik den Glau|IIIben, die Liebe und die Hoffnung nicht nur objektiv in ihrem Wesen, sondern zugleich subjektiv als Gehorsam, als Bestimmtheit der Lage und Haltung des Menschen verständlich machen muß. Ohne das Thema der Dogmatik, den an uns handelnden Herrn, das «lebendige kräftige Wort» (
3. Wir erinnern uns von da aus auch an die Grenzen der theologischen Ethik, an das, was sie leisten und nicht leisten kann, an das, was man von ihr erwarten und nicht erwarten darf. Sie ist nicht selber christliche Predigt, wäre vor Allem zu sagen. Man darf |IV also von ihr nicht Worte «zur Lage», Gutachten und Vorschläge zu diesen und diesen Erscheinungen des heutigen Lebens erwarten, wie sie der Prediger und Seelsorger seiner Gemeinde gegenüber wagen muß. Man darf von ihr m. e. W. nicht Entscheidungen erwarten. Es wäre schön, aber allzu schön, wenn die Universität den künftigen Pfarrern die verantwortlichen Entscheidungen, die sie in ihrem Amt je und je zu fällen haben werden, in einem kleinen oder großen Kompendium mit auf den Weg geben könnte. Aber dann wären sie ja weder verantwortlich noch überhaupt Entscheidungen. Überlegungen bloß oder vielmehr Anleitung zu Überlegungen, die der Prediger anzustellen hat, wenn er sich zu den Erscheinungen des heutigen Lebens in seiner bestimmten Gemeinde zu äußern hat, kann eine theologische Ethik bieten. Das ist der unvermeidliche Schatten der bloßen Wissenschaft, in dem sie mit der Dogmatik, mit der Theologie überhaupt steht, den sie auf sich nehmen muß, wenn sie nicht zu einem bloßen, etwas akademisch gefärbten Doppelgänger der Predigt werden, wenn sie der Predigt wirklich helfen will, soweit ihr eben akademisch überhaupt geholfen werden kann.
Viel wichtiger ist die andere Erinnerung: Die theologische Ethik kann nicht selber das Wort Gottes, jenes richtende Gebot Gottes zum Ausdruck und Vortrag bringen wollen. Das Wort Gottes ist das Wort Gottes, D.h.es wird von Gott gesprochen. Es ist das Wort, das Gott dir und mir je und je sagen wird. Durch Menschen, aber nicht so, daß diese Menschen dabei mehr als Dienst an ihm tun, durch menschliche Worte, Überlegungen und Darlegungen, aber nicht so, daß diese an die Stelle des Wortes Gottes treten oder gar selber das Wort Gottes sein könnten. Auch die in höchster Treue dem Worte Gottes dienenden, ja auch die im heiligen Geist gesprochenen Menschenworte können sich doch, für sich betrachtet, zu jenem nur so verhalten, wie sich die Frage zur Antwort verhält. «Ubi et quando visum est Deo» (Aug. 5)2, geschieht es, wenn mit |V der menschlichen christlichen Verkündigung göttliche Antwort gegeben wird. Was Menschen dabei tun, das wird doch immer nur darin bestehen, Fragen zu wecken, zu stellen, einzuschärfen, einzuprägen, eindrücklich und unvergeßlich zu machen, damit das Wort Gottes, das Wort, das Gott selbst spricht, als Antwort vernommen werde. Das alles gilt auch von dem Worte Gottes als Gebot, als Wirklichkeit unserer Heiligung, von dem Ereignis des göttlichen Gerichts, dem jeder Mensch in jedem Augenblick entgegengeht. Die christliche Verkündigung kann dieses Ereignis nicht vorwegnehmen, nicht herbeiführen und veranstalten. Sie kann und muß wohl in dem beschriebenen Dreieck zwischen der Bibel, diesem bestimmten Pfarrer und dieser bestimmten Gemeinde auch bestimmte Entscheidungen fällen, hier ja und dort nein sagen, wie wir es in der konkreten Wirklichkeit des Lebens faktisch jeden Augenblick tun müssen. Aber wenn sie Alles getan hat, was sie zu tun schuldig ist, muß sie sich als unnützen Knecht bekennen [vgl.
Diese Situation der christlichen Verkündigung ist aber auch und erst recht die der theologischen Ethik. Ihre Aufgabe besteht darin, zusammenhängend zu zeigen, wie das Gebot Gottes sich selbst zum menschlichen Handeln, und zwar zu allem menschlichen Handeln in Beziehung, in die Beziehung des letztinstanzlichen Richters setzt, und wie uns unser Handeln im Lichte dieser seiner Bezogenheit zur Frage werden muß, wie wir nur unter der Last dieser Frage, in ihrer Bedrängnis, aber auch in ihrer Verheißung dem nächsten Augenblick entgegengehen können, in welchem Gott selbst jener Beziehung entsprechend an uns handeln wird. Sie selber kann dieses Handeln Gottes nicht an sich reißen. Sie kann wohl, und das soll sie, die Kriterien und Maßstäbe aufzeigen, an Hand derer uns die Fraglichkeit unseres Handelns zum Bewußtsein kommen kann. Sie kann aber mit der letzten und nun gerade entscheidenden Klarheit über Gut und Böse in bezug auf die menschlichen Lebensmöglichkeiten nicht Auskunft geben. Sie kann das mandatum concretissimum Gottes an diesen und diesen Menschen in diesem und diesem Augenblick, in dem ja allein die Wirklichkeit des göttlichen Gebotes besteht, nicht formulieren, weder positiv noch negativ. Sie kann Erwählung und Verwerfung nicht vollziehen, über Tod und Leben nicht befinden, die Grenze zwischen Licht und Finsternis nicht ziehen. Sie sieht und prüft mit menschlichen Augen und was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an [vgl.