Vorwort
VORWORT
Der große Angriff Barths auf Schleiermacher kommt aber erst Jahre später zur Ausführung. Die Stellen in den Briefen an Thurneysen von 1921 sind die ersten Signale, die Göttinger Vorlesung im Wintersemester 1923/24 ist der Anfang des Angriffs, der in den kommenden Jahren unvermindert anhalten sollte. Thurneysen konnte 1928 zuversichtlich |VIII von einer «Erledigung
Es ist eigentümlich, daß über das erwähnte Nachwort zur kurzen Schleiermacher-Auswahl von 1968 verschiedentlich gesagt worden ist, es zeige eine Wendung in Barths Stellung zu Schleiermacher. Gewiß könnte man einräumen, daß nun — 45 Jahre später —der aggressive, nicht selten höhnische Ton der Göttinger Vorlesung einer ausgeglicheneren und in manchem sogar kritisch-resignierten Einstellung gegenüber Schleiermacher gewichen sei. Aber der Inhalt des Argumentes ist hier wie dort derselbe. Der Mensch sei Subjekt der Theologie, Christus aber sein Prädikat. Und was Barths frühere Schleiermacher-Interpretationen deutlich vermuten ließen, ist nun hier voll bestätigt: Schleiermacher wird ganz von seiner Wirkung her verstanden. Die bislang betonte Linie Schleiermacher — Ritschl —
Zu der hier veröffentlichten Göttinger Vorlesung von 1923/24 — die von 30 bis 35 Hörern besucht war9 — griff Barth auf frühere Schleiermacher-Studien zurück, aber die eigentliche Arbeit begann erst im September 1923 «nicht ohne Gefühle heftiger Antipathie gleich beim |IX ersten Witterung-Nehmen»10. Im Oktober schrieb er
Schleiermacher wird in der Vorlesung von seiner Einwirkung auf das 19. Jahrhundert her interpretiert, auch wenn dies nicht das deutlich ausgesprochene Programm ist. Kaum ein Satz — sieht man von den gelegentlichen Hinweisen auf die Herrnhuter Familientradition Schleiermachers ab — wird den theologischen oder philosophischen Alternativen des zu Ende gehenden 18. Jahrhunderts gewidmet. Auch zu einer eigentlichen Analyse der Romantik und der Denk- und Sprachbedingungen Schleiermachers soll es nicht kommen. Verzichtet wird auch auf eine ausgeführte Auseinandersetzung mit anderen Interpreten. Im Vordergrund steht die kritische Nacherzählung und das Biographische, aber auch dies nur in begrenzter Weise, da
Kritisch Urteilende könnten — neben dem Erstaunen, daß es bei der so stark vorgeplanten Kritik zu einer solch umfassenden Interpretation Schleiermachers kommt — die Frage aufwerfen, ob man aus dieser Vorlesung etwa mehr über
Die Edition der hier vorgelegten Vorlesung folgt den Prinzipien der Gesamtausgabe, von denen die wichtigsten sind: alle Zusätze des Herausgebers stehen in eckigen Klammern; neue Absätze, die den Überblick beim Lesen erleichtern sollen, sind durch das Zeichen markiert; die wenigen, unwesentlichen Schreibfehler sind stillschweigend korrigiert, alle anderen Änderungen oder Korrekturen sind in Anmerkungen vermerkt. Bibelstellen, sofern sie von Barth selbst angegeben sind, stehen in runden Klammern; fehlende Nachweise wurden vom Herausgeber in eckigen Klammern ergänzt. Wenn es sich um Anspielungen oder abgewandelte Zitate handelt, wird die Angabe mit «vgl.» eingeleitet. Auf die Nachweisung biblischer Texte innerhalb von Schleiermacher-Zitaten wurde verzichtet. Unterstreichungen im Manuskript werden durch Kursivdruck wiedergegeben.
XIBei der Wiedergabe von
Die Rechtschreibung Barths wurde an die moderne Schreibweise angeglichen, jedoch mit einer Reihe von wesentlichen Ausnahmen (z.B. weitgehende Beibehaltung von Barths Großschreibung und Getrenntschreibung); für die Schleiermacher-Zitate innerhalb des Textes galten dieselben Prinzipien; die Interpunktion wurde der heutigen Schreibweise angeglichen. In den vom Herausgeber angefügten Fußnoten erscheinen Titelangaben in der originalen Orthographie, die zitierten Schleiermacher-Texte hingegen wurden dort gemäßigt modernisiert, was sich schon darum rechtfertigt, weil in den Schleiermacher-Ausgaben des 19. Jahrhunderts keine erkennbaren orthographischen Regeln vorherrschten.
Schließlich muß erwähnt werden, daß das Bibelstellen- und Namensregister, nicht aber das Sachregister Anspruch auf vollständige Registrierung erheben. Die für Schleiermacher typischen Termini sind oft nicht klar gegeneinander abgrenzbar, häufig sogar auswechselbar. Eine breite Liste von Stichworten und deren vollständige Erfassung hätte das Sachregister unhandlich werden lassen. Stattdessen ist bei der Erstellung an zwei Zwecke gedacht worden: Stellen anzugeben, die für Schleiermachers Theologie und im Urteil Barths wichtig sind, sowie dem Leser das Wiederfinden von erinnerten Stichworten zu ermöglichen.
Die Bearbeitung des Textes erfolgte in mehreren Stadien mit der Hilfe verschiedener Mitarbeiter. Frau Hannelotte Reiffen hat einen ersten maschinenschriftlichen Text vom Manuskript her erstellt und hilfreiche Hinweise notiert. Frau Ursel Spies und Herr Konrad Knolle haben sämtliche Zitate überprüft und meine Frau und mich bei der |XII Verifikation der endgültigen Textgestalt unterstützt. Herr Bernhard Neuschäfer hat sich um zahlreiche schwierige Belege und um die Korrekturen verdient gemacht und hat zwei der drei Register angefertigt. Ihnen allen und besonders auch Herrn Dr. Hinrich Stoevesandt, der uns unermüdlich beraten und bei der Kontrolle des Textes selbst mitgewirkt hat, sei sehr herzlich gedankt.
Reigoldswil, Baselland, Juni 1978 Dietrich Ritschl