Vorwort · kein Datum

Vorwort

VORWORT

Eduard Thurneysen erinnerte in einem Brief vom 6. Oktober 19211 den Freund an «die nächtliche Wegstelle in Leutwil, wo wirs zum ersten Mal laut sagten», — daß sie nämlich Schleiermacher «nicht mehr recht glauben konnten». Karl Barth hatte schon im Mai desselben Jahres Thurneysen angekündigt, er plane eine «Kriegserklärung an diesen Kirchenvater und religiösen Virtuosen»2, und «die Mündung des Geschützes» richte sich jetzt auf Schleiermacher3. Die nun anhebende, leidenschaftliche Kritik hat aber nach Barths eigener späterer Darstellung4 ihre Wurzeln in viel früherer Zeit. Er entdeckte in dem Manifest der 93 deutschen Intellektuellen, die sich bei Kriegsausbruch 1914 hinter die Politik Wilhelms II. und Bethmann-Hollwegs stellten, «mit Entsetzen auch die Namen ungefähr aller meiner deutschen Lehrer (mit ehrenvoller Ausnahme Martin Rades!)» und sah hinter der ganzen damaligen Theologie die Gestalt Schleiermachers, obwohl er von ihm glaubte — auch noch 1968 —, er selbst hätte ein solches Manifest nicht unterschrieben. Aber hier nun spätestens begann die Kritik an den Grundpfeilern der gegenwärtigen Theologie — und damit auch an Schleiermacher.

Der große Angriff Barths auf Schleiermacher kommt aber erst Jahre später zur Ausführung. Die Stellen in den Briefen an Thurneysen von 1921 sind die ersten Signale, die Göttinger Vorlesung im Wintersemester 1923/24 ist der Anfang des Angriffs, der in den kommenden Jahren unvermindert anhalten sollte. Thurneysen konnte 1928 zuversichtlich |VIII von einer «Erledigung Schleiermachers» sprechen5, die er auch aus Barths Feder Albrecht Ritschl wünschte, was «vielleicht noch rasanter wirken würde»6. Das Ziel des Angriffs ist nicht nur Schleiermacher, sondern die gesamte Theologie des 19. Jahrhunderts!

Es ist eigentümlich, daß über das erwähnte Nachwort zur kurzen Schleiermacher-Auswahl von 1968 verschiedentlich gesagt worden ist, es zeige eine Wendung in Barths Stellung zu Schleiermacher. Gewiß könnte man einräumen, daß nun — 45 Jahre später —der aggressive, nicht selten höhnische Ton der Göttinger Vorlesung einer ausgeglicheneren und in manchem sogar kritisch-resignierten Einstellung gegenüber Schleiermacher gewichen sei. Aber der Inhalt des Argumentes ist hier wie dort derselbe. Der Mensch sei Subjekt der Theologie, Christus aber sein Prädikat. Und was Barths frühere Schleiermacher-Interpretationen deutlich vermuten ließen, ist nun hier voll bestätigt: Schleiermacher wird ganz von seiner Wirkung her verstanden. Die bislang betonte Linie Schleiermacher — Ritschl — Troeltsch (derentwegen — wenn sie legitim die Reformation interpretierte — Barth sogar die vermeintlich evangelische Kirche verlassen und «in der Tat lieber katholisch werden wollte»7) wird nun verlängert auf weite Teile gegenwärtiger Theologie deutscher Sprache, die vom «systematischen Ansatz Bultmanns her doch eine Schar und Schule» ist und «zweifellos auf einen Nenner zu bringen» sei.8 Und er fragt sich, welches dieser gemeinsame Nenner sei: «das war und ist ja Schleiermacher». Eine lange Liste von Analogien ließe sich aufstellen, die aufweist, daß die nun heute moderne Theologie «eine neue, wuchtige Schleiermacher-Renaissance» sei.

Zu der hier veröffentlichten Göttinger Vorlesung von 1923/24 — die von 30 bis 35 Hörern besucht war9 — griff Barth auf frühere Schleiermacher-Studien zurück, aber die eigentliche Arbeit begann erst im September 1923 «nicht ohne Gefühle heftiger Antipathie gleich beim |IX ersten Witterung-Nehmen»10. Im Oktober schrieb er Thurneysen: «Mit Schleiermacher bin ich ganz lustlos beschäftigt»11, und zwei Wochen später: «Mit Schleiermacher rücke ich nur langsam vorwärts.»12 Damals las er Emil Brunners Schleiermacher-Buch im Manuskript und lobte es.13 Auch der Plan für die Gestaltung wurde erst spät fixiert. Am 31. Oktober sicht er als dritten Teil der Vorlesung die Religionsphilosophie vor, «die ja für uns im Grunde wirklich nur Wischi-Waschi ist, keine ernste Sache»14 Diese Disposition kehrt auch in der Vorrede der Vorlesung selbst (unten S. 11f.) wieder. Am 12. November ist «Schleiermacher … in gutem Gang»15, und erst dann teilt er dem Freunde den Aufriß der Vorlesung mit und plant immer noch Teile über die «Christliche Sitte» und die Religionsphilosophie, die dann aber am Semesterende aus Zeitgründen wegfallen müssen. Noch im Rundbrief vom 20. Dezember, der eine temperamentvolle Gesamtkritik an Schleiermacher bietet, sicht er die Beschäftigung mit diesem später ausgefallenen Material vor, fragt sich aber bereits, ob er alles unter Dach bringen könne.16

Schleiermacher wird in der Vorlesung von seiner Einwirkung auf das 19. Jahrhundert her interpretiert, auch wenn dies nicht das deutlich ausgesprochene Programm ist. Kaum ein Satz — sieht man von den gelegentlichen Hinweisen auf die Herrnhuter Familientradition Schleiermachers ab — wird den theologischen oder philosophischen Alternativen des zu Ende gehenden 18. Jahrhunderts gewidmet. Auch zu einer eigentlichen Analyse der Romantik und der Denk- und Sprachbedingungen Schleiermachers soll es nicht kommen. Verzichtet wird auch auf eine ausgeführte Auseinandersetzung mit anderen Interpreten. Im Vordergrund steht die kritische Nacherzählung und das Biographische, aber auch dies nur in begrenzter Weise, da Barth in seiner Interpreta |X tion frühe und späte Schleiermacher-Texte bewußt nebeneinander stellt. So schließt die Vorlesung ja auch mit einem Kapitel über die «Reden» von 1799, in dem eine summarische Anfrage und Anklage zur ganzen Theologie Schleiermachers laut wird, und nicht etwa mit der kritischen Kommentierung eines späten Werkes.

Kritisch Urteilende könnten — neben dem Erstaunen, daß es bei der so stark vorgeplanten Kritik zu einer solch umfassenden Interpretation Schleiermachers kommt — die Frage aufwerfen, ob man aus dieser Vorlesung etwa mehr über Barth als über Schleiermacher lernen könne. Dieser Ansicht — wenn auch übertrieben — würde indirekt Barths ursprüngliche Absicht entsprechen, in jenem Wintersemester zum ersten Mal Dogmatik I zu lesen, einer Absicht, die aber dann zurückgestellt wurde. Ende Februar 1923 schrieb er in einem Rundbrief: «Wer weiß, ob ich nicht im Winter statt Dogmatik I doch erst Schleiermacher treibe. »17 Es ist, als sei vor der ersten Dogmatikvorlesung Barths — die im Sommersemester 1924 stattfand — noch eine große Abrechnung mit der kardinalen Gestalt der Theologie des 19. und auch des frühen 20. Jahrhunderts nötig gewesen! Diese Generalabrechnung haben wir in der Schleiermacher-Vorlesung offenbar vor uns.

Die Edition der hier vorgelegten Vorlesung folgt den Prinzipien der Gesamtausgabe, von denen die wichtigsten sind: alle Zusätze des Herausgebers stehen in eckigen Klammern; neue Absätze, die den Überblick beim Lesen erleichtern sollen, sind durch das Zeichen markiert; die wenigen, unwesentlichen Schreibfehler sind stillschweigend korrigiert, alle anderen Änderungen oder Korrekturen sind in Anmerkungen vermerkt. Bibelstellen, sofern sie von Barth selbst angegeben sind, stehen in runden Klammern; fehlende Nachweise wurden vom Herausgeber in eckigen Klammern ergänzt. Wenn es sich um Anspielungen oder abgewandelte Zitate handelt, wird die Angabe mit «vgl.» eingeleitet. Auf die Nachweisung biblischer Texte innerhalb von Schleiermacher-Zitaten wurde verzichtet. Unterstreichungen im Manuskript werden durch Kursivdruck wiedergegeben.

XI

Bei der Wiedergabe von Barths Schleiermacher-Zitaten wurde folgendermaßen verfahren. Zusätze Barths zu Schleiermachers Text wurden durch runde Klammern kenntlich gemacht, kleinere Elemente des Originaltextes, die Barth beim Zitieren ausließ, in eckigen Klammern wieder eingefügt. Bei größeren Abweichungen des Zitats von der Vorlage bleibt das Zitat in der von Barth gewählten Form unverändert und wird der ursprüngliche Wortlaut in der Anmerkung zitiert. Besteht die Differenz lediglich darin, daß Schleiermachersche Textelemente durch ihre Einfügung in Barths Kontext die Flexionsform ändern, so wurde das nicht eigens vermerkt.

Die Rechtschreibung Barths wurde an die moderne Schreibweise angeglichen, jedoch mit einer Reihe von wesentlichen Ausnahmen (z.B. weitgehende Beibehaltung von Barths Großschreibung und Getrenntschreibung); für die Schleiermacher-Zitate innerhalb des Textes galten dieselben Prinzipien; die Interpunktion wurde der heutigen Schreibweise angeglichen. In den vom Herausgeber angefügten Fußnoten erscheinen Titelangaben in der originalen Orthographie, die zitierten Schleiermacher-Texte hingegen wurden dort gemäßigt modernisiert, was sich schon darum rechtfertigt, weil in den Schleiermacher-Ausgaben des 19. Jahrhunderts keine erkennbaren orthographischen Regeln vorherrschten.

Schließlich muß erwähnt werden, daß das Bibelstellen- und Namensregister, nicht aber das Sachregister Anspruch auf vollständige Registrierung erheben. Die für Schleiermacher typischen Termini sind oft nicht klar gegeneinander abgrenzbar, häufig sogar auswechselbar. Eine breite Liste von Stichworten und deren vollständige Erfassung hätte das Sachregister unhandlich werden lassen. Stattdessen ist bei der Erstellung an zwei Zwecke gedacht worden: Stellen anzugeben, die für Schleiermachers Theologie und im Urteil Barths wichtig sind, sowie dem Leser das Wiederfinden von erinnerten Stichworten zu ermöglichen.

Die Bearbeitung des Textes erfolgte in mehreren Stadien mit der Hilfe verschiedener Mitarbeiter. Frau Hannelotte Reiffen hat einen ersten maschinenschriftlichen Text vom Manuskript her erstellt und hilfreiche Hinweise notiert. Frau Ursel Spies und Herr Konrad Knolle haben sämtliche Zitate überprüft und meine Frau und mich bei der |XII Verifikation der endgültigen Textgestalt unterstützt. Herr Bernhard Neuschäfer hat sich um zahlreiche schwierige Belege und um die Korrekturen verdient gemacht und hat zwei der drei Register angefertigt. Ihnen allen und besonders auch Herrn Dr. Hinrich Stoevesandt, der uns unermüdlich beraten und bei der Kontrolle des Textes selbst mitgewirkt hat, sei sehr herzlich gedankt.

Reigoldswil, Baselland, Juni 1978 Dietrich Ritschl

Sachfußnoten

1
K. Barth / E. Thurneysen, Briefwechsel Bd. 1, 1913-1921, Zürich 1973, S. 525. 📖 ↩
2
A.a.O., S. 489. 📖 ↩
3
A.a.O., S. 492. 📖 ↩
4
Schleiermacher-Auswahl, Siebenstern Taschenbuch 113/14, München und Hamburg 1968, Nachwort von Karl Barth, S. 293f. 📖 ↩
5
Briefwechsel, Bd. 2, 1921-1930, S. 595. 📖 ↩
6
Ebd.↩
7
K. Barth, Der römische Katholizismus als Frage an die protestantische Kirche, in: ders., Die Theologie und die Kirche, München 1928, S. 338f., Anm. 3. 📖 ↩
8
Schleiermacher-Auswahl, Nachwort, S. 300. 📖 ↩
9
Briefwechsel, Bd. 2, S. 198. 📖 ↩
10
A.a.O., S. 189. 📖 ↩
11
A.a.O., S. 191 📖.↩
12
A.a.O., S. 193. 📖 ↩
13
Vgl. aber Barths Besprechung Brunners Schleiermacherbuch, in: Zwischen den Zeiten, Heft VIII, 1924, S. 49–64. 📖 ↩
14
Briefwechsel, Bd. 2, S. 196. 📖 ↩
15
A.a.O., S. 198. 📖 ↩
16
A.a.O., S. 207f. 📖 ↩
17
A.a.O., S. 153. 📖 ↩