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Vorrede

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Vorrede

Zwar 1. über die Wichtigkeit unseres Gegenstandes und das gute Recht, ihm ein ganzes Semester zu widmen, sind viele Worte kaum nötig. Schleiermacher würde eine genaue historische Betrachtung und Kenntnisnahme nur schon darum verdienen, weil er derjenige Mann gewesen ist, in dem sich die Auseinandersetzung des Christentums mit den Bestrebungen und Errungenschaften der großen Wendezeit des deutschen Geistes von 1750-1830, in deren Licht oder Schatten wir bis heute stehen, in einer Weise vollzogen hat, die uns denkwürdig sein müßte, auch wenn er uns im übrigen ein Toter und seine theologische Arbeit für uns überwunden wäre. Keiner seiner Zeitgenossen, mit Ausnahme Hegels vielleicht, hat jene Auseinandersetzung in so umfassender und beteiligter Weise in Angriff genommen, keiner unter den Theologen jener Zeit jedenfalls kann ihm an repräsentativer Bedeutung für das, was damals geschehen ist, auch nur von ferne an die Seite gestellt werden. Aber Schleiermacher ist uns kein Toter, und seine theologische Arbeit ist für uns nicht überwunden. Wenn irgendeiner heute mitredet in der protestantischen Theologie, als ob er mitten unter uns stünde, so ist es Schleiermacher. Paulus und die Reformatoren Studiert man, mit den Augen Schleiermachers aber sicht man, und in seinen Bahnen denkt man. Das gilt auch da, wo man den wichtigsten seiner Theologumena oder gar ihrer Gesamtheit kritisch oder ablehnend gegenübersteht. Schleiermachersche Methode, Schleiermachersche Voraussetzungen sind heute bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt das charakteristische Ferment so ziemlich aller theologischen Arbeit; ich brauche nur an den grundlegenden, vor lauter Selbstverständlichkeit kaum mehr ausgesprochenen Satz zu erinnern, daß der primäre Gegenstand dieser Arbeit in historischer wie in systematischer Beziehung die |II Religion, die Frömmigkeit, das christliche Selbstbewußtsein sei. Wer ist etwa darin mit Schleiermacher nicht einig? Im Jahre 1859 schrieb der Bremenser Prediger Fr. L. Mallet von Schleiermacher: «Es schien einmal (also schon damals!)1, als sei es aus mit ihm, als habe er seine Dienste getan … Aber mit Schleiermacher geht es nicht wie mit dem Erfinder des Denkglaubens (Paulus in Heidelberg): er hat ein zähes Leben, und auf einmal wird an ihn wieder in einer Weise und von einer Seite zur Überraschung seiner Verehrer und Verächter erinnert, die nicht kann übersehen und überhört werden» (Biogr.2, 16). 1870 erschien zuerst das grundlegende Werk von W. Dilthey (Neuausgabe von Herm. Mulert 1922)3, und seither haben die Schleiermacher-Renaissancen nicht aufgehört. Die historisch merkwürdigste besteht wohl darin, daß sich die von A. Ritschl ausgehende theologische Bewegung, zurückkommend von der ablehnenden Haltung ihres Meisters, nach kurzem Zaudern fast auf der ganzen Linie mit neuer Wärme Schleiermacher, und zwar ausgerechnet dem Schleiermacher der Reden, die Ritschl 1874 besonders aufs Korn genommen hatte4, zugewandt hat; die beiden markantesten Erscheinungen dieser Gruppe, W. Herrmann auf dem einen und E. Troeltsch auf dem anderen Flügel, wären tatsächlich leichter ohne Ritschi als ohne Schleiermacher denkbar. Daß auch die heute im Vordergrund des Interesses stehende religionspsychologische Schule «zu Schleiermacher zurück und von Schleiermacher aus vorwärts» will (Wobbermin5), das darf |III ich in Göttingen als bekannt voraussetzen6. Aber Schleiermacher hat solche Renaissancen jedenfalls nicht darum nötig, weil er etwa vergessen und übersehen worden wäre. Es ist mir schwer begreiflich, wie Fr. Naumann 1910 schreiben konnte: «Der Abfall vom Protestantismus würde nicht so groß geworden sein, wenn der Protestantismus mehr vom Brote Schleiermachers gegessen hätte» (Schleiermacher der Philosoph des Glaubens7, S. 8). Von was hat er sich denn genährt, wenn nicht «vom Brote Schleiermachers», und zwar, wie Ritschl 1874 sicher richtig gesehen hat: auf dem orthodox-pietistischen Flügel so gut wie auf dem liberalen? Daß seine Anregungen noch lange nicht erschöpft und verarbeitet sind, daß es unzählige Theologen gegeben hat und gibt, die sich über die eigentliche Tragweite der Gedanken Schleiermachers nie ganz klar geworden, obwohl sie in ihnen und von ihnen leben, das ist allerdings zuzugeben. Aber von welchen Großen in der Geschichte würde das nicht gelten? Daß es sich für unsere Generation in unserer Zeit darum handelt, Schleiermacher aufs neue und erst recht zu verstehen, das ändert nichts daran, daß ihn die zwei oder drei Generationen vor uns in ihrer Zeit ebenfalls sehr nachhaltig gehört und verstanden haben. Selten mag eine Prophetie so gründlich in Erfüllung gegangen sein wie die Worte, die der ältere Gaß 1822 unter dem Eindruck der ersten Auflage der Glaubenslehre aus Breslau an Schleiermacher schrieb: «Das aber soll mir auch niemand abstreiten, daß mit deiner Dogmatik eine neue Epoche nicht nur in dieser Disziplin, sondern im ganzen theologischen Studium beginnen wird» (Briefwechsel8 195), aber auch die noch weitergreifenden Worte, die Aug. Neander am Tage nach Schleiermachers Tod an seine Studenten gerichtet hat: «Von ihm wird einst eine neue |IV Periode der Kirchengeschichte anheben.»9 Sie hat tatsächlich angehoben, wie eine vorangegangene in ihm zusammengefaßt und zum Abschluß gekommen ist. Sehen Sie sich einmal an, wie wenig auch solche Darstellungen der neueren Theologiegeschichte, wie etwa die von Frank10 oder die neueste von Elert11, die es gerne anders haben möchten, an der Stellung Schleiermachers vorbeikommen, die Lülmann ihm in seiner Schrift «Schleiermacher der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts», Tübingen 1907, zugewiesen hat: «der Genius des 19. Jahrhunderts auf religiösem, kirchlichem und theologischem Gebiet»12, als Seinsurteil m.E. eine nicht umzustoßende Bezeichnung. Eben um diesen theologischen Genius des 19. Jahrhunderts kennen zu lernen und darzustellen, möchte ich mit Ihnen Schleiermacher studieren. Wenn wir Schleiermacher kennen lernen, so lernen wir uns selbst kennen, die prinzipiellen Züge unserer heutigen theologischen Lage. Es hat allerdings im 19. Jahrhundert auch eine Oppositionstheologie gegeben, die entschieden weder von Schleiermacher ausgegangen noch zu ihm zurückgekehrt ist: Von Gottfried Menken wäre hier zu reden und von J. T. Beck, von Kierkegaard und von Blumhardt d. Ä., von dem lutherischen Outsider Vilmar und von dem reformierten Kohlbrügge, von Lagarde und Overbeck, von Blumhardt d. J. und von Hermann Kutter, und es würde sich lohnen, diese siebentausend, die ihre Knie nicht gebeugt haben [vgl. 1.Kön. 19,18], einmal zum Gegenstand einer besonderen Vorlesung zu machen. Aber auf den Gang der theologischen Entwicklung und auf die Gestalt der heutigen Lage haben sie einen bestimmenden Einfluß |V bis jetzt nicht oder kaum gehabt, gehörten sie doch in der Mehrzahl, um mit Harnack zu reden, mehr zu den Objekten als zu den Subjekten wissenschaftlicher theologischer Forschung13. Der «Genius» der theologischen Großkirche ist zweifellos der Genius Schleiermachers. In ihm vereinigen sich als in einem Bildungszentrum sondergleichen die sozusagen offiziellen Anliegen und Errungenschaften der Jahrhunderte seit der Reformation: Orthodoxie, Pietismus, Aufklärung, von ihm emanieren wiederum strahlenförmig die offiziellen Tendenzen der christlichen Neuzeit: Kirchlichkeit, Erlebnisfrömmigkeit, Historismus, Psychologismus und Ethizismus. Mag es auf sich beruhen, inwiefern er persönlich und direkt oder nur als Exponent der romantisch-idealistischen Zeitbewegung überhaupt dieses Bildungszentrum war, inwiefern also die Fäden, die das Vorher mit dem Nachher verbinden, auch an ihm vorbeilaufen. Genug, daß sie fast alle auch über ihn laufen, daß man sich an ihn als Typus für das, was damals für ein Jahrhundert bestimmend geworden ist, mit gutem Gewissen halten darf, daß man ihn als genialsten Repräsentanten nicht nur einer theologischen Vergangenheit, sondern der theologischen Gegenwart kennen muß.

2. Eine zweite Vorbemerkung ist nötig in bezug auf meine persönliche Stellung zu unserem Gegenstand. Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht gewisser Stellen aus meinen Schriften oder aus früheren Vorlesungen, in denen ich meiner bedenklichen Stimmung gegenüber Schleiermacher und dem Schleiermacherschen Genius beiläufig, aber ziemlich unzweideutig Ausdruck gegeben habe.14 Ich habe nun keinen |VI Anlaß zu verschweigen, daß ich Schleiermacher und dem Ganzen, was wesentlich durch Schleiermacher aus der protestantischen Theologie geworden ist, mit persönlichem Mißtrauen gegenüberstehe, daß ich die in jener geistig-kulturell so bedeutsamen Zeit in Sachen des Christentums gefallene Entscheidung nicht für eine glückliche Entscheidung halte, daß der Ertrag meiner bisherigen Beschäftigung mit Schleiermacher sich zusammenfassen läßt in jenes Goethewort: «Sieh, es ruft sein Geist dir aus der Höhle: Sei ein Mann und folge mir nicht nach!»15 und daß ich nicht versprechen kann, daß die Sache im Laufe der Vorlesung ein anderes Gesicht bekommen wird. Aber ich möchte das nur um der Ehrlichkeit willen ausgesprochen haben und wünschte, Sie könnten es nun sofort wieder vergessen; denn der Zweck meiner Vorlesung ist nicht der, Sie gegen den allverehrten Schleiermacher scharf zu machen, sondern ihn mit Ihnen sehen, kennen und verstehen zu lernen, nicht, Sie zu der Anmaßung anzuleiten, fertig mit ihm zu sein, sondern bescheiden mit ihm «anzufangen», überhaupt nicht über ihn abzuurteilen, sondern ihn zu begreifen, wie er nun einmal war und offenbar sein mußte. Man kann sich ja unmöglich mit Schleiermacher beschäftigen, ohne einen starken Eindruck zu bekommen nicht nur von dem großen Ernst seiner sittlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeit, nicht nur von der dialektisch-systematischen Kunst, die in allen seinen Darbietungen fast bis auf die letzte Sonntagspredigt entfaltet ist, sondern auch von der Größe der Aufgabe, die er sich gestellt, und von der männlichen Beharrlichkeit, mit der er seinen einmal betretenen Weg tapfer zu Ende gegangen ist. Kein Wunder wahrhaftig der in der Geschichte der Theologie seit der Reformation fast unvergleichliche Einfluß, der von ihm ausgegangen ist. Wir haben es mit einem Klassiker zu tun. Wer von dem Glanz dieser Erscheinung, von dem Zauber, der von ihr ausgegangen ist und noch ausgeht, nichts gemerkt hätte, ja, ich möchte fast sagen, wer ihm nie erlegen wäre, der dürfte hier auf keinen Fall wider den Stachel löcken [vgl. Act. 9,5]. Sie dürfen also |VII von mir zwar nicht erwarten, daß ich mit der Überschwenglichkeit Lülmanns Schleiermacher eine «gigantische Persönlichkeit» nenne, «Priester und Prophet zugleich und ein König im Reiche der Geister» (A.a.O. S. 12 📖) — die Lehre vom dreifachen Amt würde doch wahrscheinlich besser der Christologie vorbehalten; es soll aber auch keine Götzenzertrümmerung sein, was Sie hier zu erwarten haben, sondern schlicht und ruhig Beobachtungen und Feststellungen. Ergänzen Sie meine Beobachtungen und Feststellungen durch eigene Mitarbeit! Die Literatur von und über Schleiermacher ist ein weites Meer, wo vieles zu sehen ist, was ich vielleicht auch nicht gesehen habe und was Ihnen zur Ergänzung und Berichtigung meiner Darstellungen dienen kann. Benützen Sie diese Möglichkeit, Ihrerseits zu kontrollieren, ob es bei der immanenten Auseinandersetzung mit unserem Helden, die natürlich auch bei dem vorwiegend deskriptiv-statistischen Verfahren, das ich mir vorgenommen, unvermeidlich ist, mit rechten Dingen zugeht.

Eine umfassende, von der ersten Zeile an kritische, ausdrücklich als systematische Auseinandersetzung gemeinte Darstellung Schleiermachers haben wir im Laufe dieses Winters zu erwarten aus der Feder von Emil Brunner («Die Mystik und das Wort» bei Siebeck, Tübingen)16 Ich habe sie im Manuskript wenigstens teilweise zur Kenntnis nehmen können. Brunners Ziel ist nicht das, Schleiermacher kennen zu lehren, sondern Solchen, die ihn schon kennen, klar zu machen, was gegen ihn zu erinnern ist, ähnlich wie Schleiermacher selbst in seinen «Grundlinien einer Kritik aller bisherigen Sittenlehre»17 die Geschichte der Ethik von Plato bis zu Fichte nicht sowohl bekannt machen als die bekannte dialektisch kritisieren wollte. Mein Ziel in dieser Vorlesung ist, obwohl ich mit der Brunnerschen Kritik, soweit ich sehe, einig gehe, das erste, das Bekanntwerden und Bekanntmachen, also, wenn Sie so wollen, die Bereitstellung von einigem |VIII Material zum Verständnis des Brunnerschen Buches, das wohl nicht nur in den Kreisen der Schleiermacher-Spezialforschung ernstlich zu reden geben wird.

3. Eine dritte Bemerkung muß endlich gemacht werden über die Art des Vorgehens, das ich mir vorgenommen habe. Der übliche und scheinbar selbstverständliche Weg, sich mit der historischen Erscheinung Schleiermachers bekannt zu machen, wäre natürlich der genetische eines Aufweises, wie die Schleiermachersche Theologie, geboren aus dem «mütterlichen Leib» der Brüdergemeine, auf den er in der ersten Rede über die Religion18 (S. 14) anspielt, dann eingebettet in das Geistesleben der abklingenden Aufklärung, der aufstrebenden Romantik, des kantisch-fichteschen Idealismus, als etwas Eigenes wurde und endlich nach allen Seiten sich entfaltete. Ich sehe die Berechtigung und Nützlichkeit dieser Methode, der ich in meinen früheren Vorlesungen über Calvin und Zwingli19 ebenfalls folgte, durchaus ein, aber ich habe mir sagen müssen, daß gerade bei Schleiermacher und der eigentümlichen Lage, in der ich mich ihm gegenüber befinde, dieser Weg nicht mein Weg sein könne. Die Anwendung der genetischen Methode setzt voraus, daß man die betreffende Erscheinung offen oder heimlich in eine bestimmte Gesamtgeschichtsbetrachtung eingeordnet hat. Diese Einordnung ihrerseits aber hat zur Voraussetzung ein bestimmtes Urteil, ein historisches Werturteil über die betreffende Erscheinung, ein Vorzeichen (vorwiegend positiv oder vorwiegend negativ), das man ihr (wiederum offen oder heimlich) vom eigenen systematischen Standpunkt aus gegeben hat. Man wird nun, besonders dann, wenn das Vorzeichen, das jemand einer Erscheinung gibt, vorwiegend negativ ist, Anlaß haben, mißtrauisch zu sein gegenüber der historischen Einordnung, aber auch gegenüber |IX der genetischen Schilderung, die er ihr zuteil werden läßt. Ein Historiker, der z.B. aus einer ganz bestimmten Auffassung des reformatorischen Christentums heraus Zwingli im wesentlichen ablehnend gegenübersteht, wird ihm wahrscheinlich in seinem Gesamtbild von der Reformation eine Stelle irgendwo in der Mitte des fatalen Dreiecks von mittelalterlichem Reformkatholizismus, Humanismus und Schwärmertum anweisen, und es wird ihm ein Leichtes sein, in seiner genetischen Darstellung die entsprechenden Belege dafür vorzubringen; aber ob er damit Zwingli wirklich gerecht geworden ist, ihn richtig gesehen hat, das hängt dann doch letztlich an dem dünnen Faden seiner eigenen systematischen Stellungnahme. Grundsätzlich das Gleiche gilt natürlich auch dann, wenn das Vorzeichen, das man einer Erscheinung gibt, vorwiegend positiv ist. Aber ich möchte doch die Wahrscheinlichkeit einer gerechten, d.h. richtigen Einordnung und genetischen Würdigung in diesem Fall als größer einschätzen, weil Liebe, wo man lieben kann, sicher auch in der Geschichte a priori der verhältnismäßig sicherere Weg zur Erkenntnis ist als Fremdheit oder Abneigung. Da ich nun Schleiermacher gegenüber leider nicht in dieser glücklichen Lage bin wie etwa seinerzeit Calvin gegenüber, da ich aber andererseits jedenfalls den Willen habe, ihm gerecht zu werden, d.h. ihn richtig zu sehen, so möchte ich auf das genetische Verfahren, das unter diesen Umständen notwendig und mit Recht jenem Mißtrauen ausgesetzt sein müßte, verzichten und einen Ausblick auf seine Entwicklung und auf die historischen Zusammenhänge bestenfalls zum Schluß wagen. Der gewiesene Weg wird dann der sein, daß wir Schleiermacher, statt ihn von irgendeinem offen oder heimlich herzugebrachten Schema aus einzuordnen und zu deuten, für sich selber reden lassen und anhören, und zwar so, wie er sich selbst gegeben hat oder vielmehr geben wollte, also ausgehend (gerade nicht von seinen für die genetische Betrachtung freilich interessanteren, aber von ihm selbst doch als bloß vorläufig oder nebensächlich überholten und zurückgestellten, sondern) immer von seinen reifsten und entscheidendsten Äußerungen. Er muß, gerade in unserem Fall, vor Allem Gelegenheit haben, sich von seiner besten und ihm selbst wichtigsten Seite zu zeigen, in dem, was er gesagt hat, nicht in dem, |X wie er nach unserer Kombination dazu gekommen sein möchte, es zu sagen, in dem, was er schließlich unzweideutig war und wollte, nicht in der Zweideutigkeit seines Werdens. Nur zur Erklärung des sonst vielleicht stellenweise unverständlichen Bildes möchte ich also, wo es nötig ist, auf den Gang seiner Entwicklung, auf die Einflüsse, die auf ihn gewirkt haben, zu reden kommen, in der Hauptsache aber einfach eine Art Bestandsaufnahme vorzunehmen suchen, den Mann sich selber beleuchten lassen, als ob ich mich als sein Zeitgenosse unter seine Kanzel oder vor sein Katheder setzen könnte, mit brennendem Interesse nicht sowohl auf seine äußere oder innere Biographie als vielmehr auf die Mitteilungen gerichtet, die er uns zu machen haben wird und — um in dem vorher gesteckten Rahmen unserer Betrachtung zu bleiben — nur mit der einen Frage, wie das, was er uns sagt, gemeint sein könnte, nur mit dem einen Wunsch, immer noch mehr von ihm zu hören zur besseren Erklärung seiner wahren Meinung.

Und nun habe ich mir die Sache so zurechtgelegt: Schleiermacher ist 1. Pfarrer gewesen, 2. Theologieprofessor, 3. Philosoph. Danach hätten wir 1. von Schleiermachers Predigten zu reden. Wir können nicht besser in Schleiermachers eigenem Sinn und Interesse handeln, als indem wir sie an den Anfang stellen. Sein «eigenes Amt» hat Schleiermacher schon 1805 in Halle das Predigtamt genannt (Br. II 1620), und alle seine Briefe aus jener Zeit bezeugen einen förmlichen Drang zur Kanzel, seinen «Enthusiasmus für die Kanzel», wie Spalding d.Ä. ihm 1804 schrieb (Br. III 37621), der ihn damals erfüllte, und auch der Tenor seiner späteren Äußerungen weist dahin, daß wir hier nach seiner eigenen Meinung den Schwerpunkt seiner Tätigkeit zu suchen haben. Dieser Eindruck wird bestätigt durch das Urteil seiner besten Kenner. So sein ältester Schüler K. Thiel: «Vor der Gemeine in der Predigt auszuströmen zur Erweckung des Glaubens, das war bei weitem die süßeste Lust seines schönen Lebens, |XI das ist, was seinem Leben weit über die Zeit hinaus, in der er sprach, eine wahrhaft apostolische Bedeutung für alle Zukunft gegeben hat» («Friedrich Schleiermacher», Berlin 1835, S. 64). So Gaß d.J.: «Sein erstes Amt war ein Predigtamt; der Kanzel blieb er bis zum Tode treu … Die akademische Lehrtätigkeit trat wie eine zweite, von ihm nicht erstrebte Laufbahn hinzu, die er fast wider Willen bis ans Ende verfolgen mußte … Man könnte sein Leben als Einkehr in die christliche Frömmigkeit an der Hand des Predigtamts bezeichnen, oder ihm sogar, indem man seiner Erziehung gedenkt, den Sinn einer Rückkehr beilegen» (Briefwechsel22 XI). Und Dilthey: «Die höchsten Wirkungen seines Genies waren von der Kanzel» (S. 76)23. Schon dieses erste Kapitel wird uns hoffentlich ein annähernd vollständiges, wenn auch noch nicht systematisch geordnetes Bild von Schleiermachers Theologie, d.h. von dem, was er als christliche Lehre vorgetragen hat, bieten. Den zum Verständnis nötigen wissenschaftlichen Zusammenhang lassen wir uns dann wieder von Schleiermacher selbst bieten, indem wir uns 2. seinen theologischen Werken im engeren Sinn, der «Kurzen Darstellung des theologischen Studiums» und den großen Arbeiten «Der christliche Glaube» und «Die christliche Sitte» vor Allem, zuwenden. Haben wir es in den Predigten mit dem fast unmittelbaren, nur flüchtig vorbereiteten Erguß dessen zu tun, was als Christentum in Schleiermacher lebte — und für unseren Zweck muß uns das gerade als solches wichtig sein —, so in dieser zweiten, akademischen Schicht des Schleiermacherschen Lebenswerkes mit den wohlüberlegten, zusammenhängenden und als endgültig anzusprechenden Formulierungen derselben Erkenntnis im Blick auf jene große Auseinandersetzung zwischen Christentum und neuzeitlicher Kultur, die man wohl als das eigentliche Thema seines Lebens bezeichnen darf. Ich gedenke aber in diesem zweiten Kapitel nur das System, den wissenschaftlichen Zusammenhang der christlichen Gedanken Schleiermachers als solchen und in sich zur Sprache zu bringen, um mich dann 3. der Schleiermacherschen Philosophie, soweit sie uns eben zum Verständnis seiner Theologie angeht, d.h. den |XII vorwiegend philosophischen Teilen der theologischen Schriften (Einleitung zur Glaubenslehre!24), seiner Dialektik, philosophischen Ethik, Psychologie usf. zuzuwenden, aber auch seinen Reden über die Religion, die ja nach Form und Inhalt entschieden in diesen Zusammenhang gehören. Hier werden wir es dann, wenn nicht mit seiner Begründung der Theologie oder gar der Religion, so doch mit seinem wissenschaftlichen Nachweis der Möglichkeit dieser Größen zu tun bekommen. Also 1. was predigt er? 2. wie sicht das wissenschaftliche Ganze dieses Predigtinhaltes aus? 3. woher und wohin die Predigt und der Predigtinhalt? Wenn wir auf diese drei Fragen einigermaßen deutliche Antworten bekommen, so werden wir sagen dürfen, Schleiermacher, wie wir uns auch zu ihm stellen mögen, gesehen und verstanden zu haben. Daß ich diese Dreiteilung nicht aus der Luft greife, kann Ihnen ein Blick in Schleiermachers «Kurze Darstellung» zeigen, in der Sie den theologischen Stoff von ihm selbst genau nach diesem Schema unter den Titeln «philosophische», «historische», «praktische» Theologie disponiert finden. Die Abweichung, die ich mir erlaube, besteht also nur in der Umkehrung der Reihenfolge, mit der ich mich aber, wie gezeigt, ebenso auf Schleiermacher selbst berufen kann. Bleibt uns die Zeit dazu, so mag dann zum Schluß als viertes Kapitel, wenn Schleiermacher selbst ungebrochen zu Worte gekommen ist — und darauf kommt es mir an —, auch noch ganz vorsichtig und zurückhaltend der Versuch einer historischen Einordnung gewagt werden.

Sachfußnoten

1
In Klammern gesetzte Bemerkung im Zitat hier und im folgenden, wenn nicht anders vermerkt, von Barth.↩
2
W. H. Meurer, Zur Erinnerung an Friedrich Ludwig Mallet, weiland Dr. theol. und Pastor prim. an St. Stephani zu Bremen. Eine biographische Charakteristik des Verstorbenen aus dessen hinterlassenen Briefen und Schriften, Bremen 1866. 📖 ↩
3
W. Dilthey, Leben Schleiermachers, 1. Bd., Berlin 1870; 2. Aufl. hrsg. von H. Mulert, Berlin 1922; 3. Aufl. auf Grund des Textes der 1. Aufl. von 1870 und der Zusätze aus dem Nachlaß, hrsg. von M. Redeker, 1. Halbband (1768–1802), Göttingen 1970. 📖 ↩
4
A. Ritschl, Schleiermachers Reden über die Religion und ihre Nachwirkungen auf die evangelische Kirche Deutschlands, Bonn 1874. 📖 ↩
5
G. Wobbermin, Systematische Theologie nach religionspsychologischer Methode, Bd. 2: Das Wesen der Religion, Leipzig 1921, S. VI 📖: «Die von mir in den Begriff der religionspsychologischen Methode gefaßte Parole lautet ausschließlich: zurück zu Schleiermacher! und: von Schleiermacher aus vorwärts!» Vgl. A.a.O., S. 133. ↩
6
Georg Wobbermin (1869–1943) war in Göttingen Barths Kollege (Prof. für System. Theologie dortselbst 1922–1935).↩
7
F. Naumann, Zur Einführung, in: Schleiermacher der Philosoph des Glaubens. Sechs Aufsätze (von E. Trocltsch, A. Titius, P. Natorp, P. Hensel, S. Eck, M. Rade), Berlin-Schöneberg 1910. 📖 ↩
8
Friedrich Schleiermacher’s Briefwechsel mit J. Chr. Gaß. Mit einer biographischen Vorrede hrsg. von Dr. W. Gaß, Berlin 1852. 📖 ↩
9
A. Neander, in: Theologische Studien und Kritiken, 1834, S. 750. 📖 ↩
10
Fr. H. R. v. Frank, Geschichte und Kritik der neueren Theologie, insbesondere der systematischen, seit Schleiermacher. Aus dem Nachlaß des Verfassers hrsg. von P. Schaarschmidt, Erlangen/Leipzig 18952. Dort Kap. I: Die Theologie Schleiermacher’s, S. 54–131. 📖 ↩
11
W. Elert, Der Kampf um das Christentum. Geschichte der Beziehungen zwischem dem evangelischen Christentum in Deutschland und dem allgemeinen Denken seit Schleiermacher und Hegel, München 1921. Dort Kap. III: Schleiermacher, S. 36–74. 📖 ↩
12
Chr. Lülmann, Schleiermacher der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, in: Sammlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und Religionsgeschichte, 48, Tübingen 1907, S. 1. 📖 ↩
13
Anspielung auf eine mündliche Äußerung A. v. Harnacks zu Barth, er, Barth, werde einst mehr zu den Objekten als zu den Subjekten theologischer Forschung gehören.↩
14
Vgl. K. Barth, Der Römerbrief, 2. Aufl. in neuer Bearbeitung, München 1922, S. 209 und 242 (in allen späteren Ausgaben S. 207 bzw. 240) 📖; vor allem: ders., Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie (Vortrag vom 3.10.1922) in: Die christliche Welt, Jg. 36 (1922), Sp. 863f., wieder abgedruckt in: K. Barth, Das Wort Gottes und die Theologie, München 1924, S. 164f., und bei J. Moltmann (Hrsg.), Anfänge der dialektischen Theologie (ThB 17, Teil 1), München 19662, S. 205f. 📖; ferner: K. Barth, Reformierte Lehre, ihr Wesen und ihre Aufgabe (Vortrag vom 17.9.1923) in: ZdZ, Heft V, München 1924, S. 25, wieder abgedruckt in: Das Wort Gottes und die Theologie, S. 197. 📖 ↩
15
Schlußzeilen aus Goethes Gedicht Zu den Leiden des jungen Werthers 📖:
Sieh, dir winkt sein Geist aus seiner Höhle:
Sei ein Mann, und folge mir nicht nach.
↩
16
E. Brunner, Die Mystik und das Wort. Der Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem Glauben dargestellt an der Theologie Schleiermachers, Tübingen 1924. 📖 Vgl. dazu: K. Barth, Brunners Schleiermacherbuch, in: ZdZ Heft VIII, 1924, S. 49–64. 📖 ↩
17
Fr. Schleiermacher, Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre, Sämmtliche Werke, 3. Abth. Bd. 1, Berlin 1846. 📖 ↩
18
Fr. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Berlin 1799 📖. Barth zitiert nach der Neuausgabe von R. Otto, Göttingen 1906, S. 10. Seine Seitenangabe bezieht sich auf die Paginierung der Originalausgabe von 1799, die bei Otto mit angegeben ist, ebenso wie in der neuesten Ausgabe von H.-J. Rothert, Hamburg 1958/1970 (Philosophische Bibliothek Bd. 255).↩
19
Barth las in Göttingen im Sommersemester 1922 über «Die Theologie Calvins», im Wintersemester 1922/23 über «Die Theologie Zwinglis».↩
20
Aus Schleiermacher’s Leben in Briefen, 4 Bde., Berlin 1858-1863. Von Barth im folgenden abgekürzt: Br. 📖 ↩
21
Der Brief (vom 16.1.1804) stammt von G. L. Spalding, Professor am Kölnischen Gymnasium, dem Schleiermacher befreundeten Sohn von J. J. Spalding («dem Älteren», 1714–1804).↩
22
Vgl. oben Anm. 8.↩
23
Vgl. oben Anm. 3.↩
24
Fr. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt, 1821, 1830 📖; 3. unveränderte Aufl., Berlin 1835/36 (= Sämmtliche Werke, 1. Abth., Bd. III und IV) 📖; 7. Aufl. auf Grund der 2. Aufl. und kritischer Prüfung der Texte neu hrsg. von M. Redeker, Berlin 1960, Bd. I, S. 8ff.↩