«Durch das Anschauen seiner selbst gewinnt der Mensch, daß sich ihm nicht nähern darf
Mutlosigkeit und Schwäche: denn dem Bewußtsein der inneren Freiheit und ihres
Handelns entsprießt ewige Jugend und Freude. Dies habe ich ergriffen und lasse es
nimmer, und so seh ich lächelnd schwinden der Augen Licht und keimen das weiße Haar
zwischen den blonden Locken. Nichts, was geschehen kann, mag mir das Herz beklemmen;
frisch bleibt der Puls des inneren Lebens bis an den Tod» (Schiele 941). Das waren die Schlußworte der
Monologen, mit denen einst der einunddreißigjährige Schleiermacher das neue Jahr und
Jahrhundert begrüßt hatte. Was er hier gewünscht oder vielmehr kühn behauptet in
bezug auf sein Altern und Sterben, das ist in seinen letzten Lebensjahren, soweit es
überhaupt möglich war, in Erfüllung gegangen. «Das letzte Mal dürfte es wohl sein in
diesem irdischen Leben», schreibt er im August 1833, im Begriff, eine Reise nach
Schweden anzutreten, an seinen Jugendfreund Brinckmann, den er dort zu treffen
hoffte. «Laß dich nur bei leidlicher Gesundheit finden von deinem ganz weißköpfigen
aber doch frischen und unveränderlichen Freund» (Br. IV 408). Diesen Worten
entsprechen die Züge Schleiermachers auf den verschiedenen aus dieser Zeit stammenden
Porträts. Sie haben alle kaum etwas Greisenhaftes. Schleiermacher ist nicht nur nicht
als Emeritus, sondern nach Allem, was man weiß, auch nicht als2 Ermüdeter und Abgekämpfter, sondern |14 mitten in den Sielen gestorben. Sonntag 26. Januar 1834
hielt er seine letzte Hauptpredigt, Sonntag 2. Februar seine letzte Frühpredigt,
Donnerstag 6. Februar seine letzten Vorlesungen, Freitag 7. Februar brach die
Krankheit aus, am folgenden Mittwoch 12. Februar 1834 starb er. «Er lehrte, er
predigte, bis die Stimme ihm versagte», sagte der Philosoph Steffens bei der Beerdigung3 Das alles scheint mir das Recht zu begründen, von den Predigten der letzten
Jahre als den wenn auch vielleicht nicht lebendigsten, so doch reifsten Produkten
seiner Kanzeltätigkeit, und zwar — da ich die Festpredigten für sich nehmen möchte —
zunächst von den gewöhnlichen Sonntags-(Haupt- und Früh-)predigten der Jahre 1831-34,
den Ausgang zu nehmen.
Um in die charakteristischen Bahnen des
Schleiermacherschen christlichen Denkens und Redens hineinzukommen (wobei uns
Schleiermacher selbst auf seine Spur bringen muß), tun wir am besten, zunächst eine
kleine Folge seiner Predigten in kurzen Analysen ihres wichtigsten
Inhaltes, einfach wie sie sind, an uns vorüberziehen zu lassen. Ich wähle dazu — es
kommt nicht viel darauf an, aber es bietet auch äußerlich ein gewisses Interesse —
die Predigten von Neujahr bis Sonntag Sexagesimae (2. Februar) 1834, also die sechs letzten Predigten, die Schleiermacher überhaupt gehalten hat
(3 Hauptpredigten Pr. III 752ff
📖.4, 2 Frühpredigten Pr. VI 164ff.5, letzte Frühpredigt, ed. Joh. Bauer, Marburg 19056).
Die Neujahrspredigt7 hat zum Text das Wort: «Friede sei mit euch!» [Joh. 20,19] Der Prediger will
den Inhalt dieses Grußes des Erlösers entwickeln an Hand einer «Betrachtung des
ganzen mannig |15 faltigen Lebens, welches
sich gleichsam heute vor unseren Augen [wieder] aufrollt»8.
Friede den Völkern zuerst. Eine lange Kriegsperiode (Revolution und
napoleonische Kriege) liegt zum Glück nun hinter uns. Die Weisen
brauchen sich nicht mehr abzumühen, «um zu enträtseln, auf welche Weise und in
welchem Sinn der blutige Krieg doch auch eine Wohltat sein könne»9. Die Einsicht und der Wille zur Verständigung haben überhandgenommen.
Freuen wir uns dessen. Möge jedes Volk seinen eigenen Weg gehen, selbständig in
seiner Art, aber ohne Widerwillen gegen andere, der letztlich doch nur auf Irrtum
beruhen kann; möchten die noch bestehenden Schranken zwischen den Völkern immer mehr
fallen durch die kräftige Hand des Wohlwollens und der Bruderliebe, daß alle ihre
Kräfte miteinander vereinigen zu den großen und edlen Zwecken des menschlichen
Geschlechts auf Erden. Möchten die Völker aber auch den inneren Frieden finden! Er
ist nicht unbedroht (Nachwehen der Julirevolution!). Das in der Natur wie im
Christentum begründete edle Streben nach Gleichheit darf nicht ausgerottet werden.
Aber eine mechanische eintönige Gleichheit wäre weder möglich noch wünschenswert.
Streben wir also nach einer höheren Gleichheit eben vermittelst der Ungleichheit, die
in unseren Verhältnissen, recht geleitet, nur segensreich wirken kann. Friede
zweitens mit den christlichen Gemeinden, wie sie auch heißen mögen.
Ihre Mannigfaltigkeit ist zum großen Teil nicht in der Sache begründet.
Vereinigungsversuche dürfen zwar nicht mit Gewalt herbeigeführt werden, auch nicht
durch Aufrichtung von gemeinsamen Bekenntnissen, die doch nur Buchstaben sein können
— «nichts anders als eine aus vielen anderen Erklärungen über dies oder jenes im
göttlichen Worte oder in dem inneren Bewußtsein der Christen»10 — «was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten?» [Lk. 24,5] (Anspielungen auf Vorgänge bei
der Durchführung der preußischen Union) —, wohl aber durch liebevolle Freude an der
Eigentümlichkeit jeder besonderen Gemeinschaft, die ja doch nur |16 ihre besondere Gabe ist, dargebracht dem gern von allen verehrten
Haupt. «Es kann nicht fehlen, daß nicht doch die Liebe zu dem Erlöser bei Allen der
tiefste Grund davon sein sollte; denn warum würden sie sonst seinen Namen bekennen
…?»11 Aber auch innerhalb der einzelnen
Gemeinschaften kann der Friede nicht dadurch gesucht werden, daß die Gleichgesinnten
sich unter sich zusammenschließen. Absonderung bringt keinen Frieden, führt vielmehr
zu immer neuen Trennungen (man wird bei dieser Polemik an den Berliner Pietismus
denken müssen, der sich seit den Befreiungskriegen unter Schleiermachers Augen
ausbreitete). «Laßt uns den Segen erkennen, der darin liegt, daß wir einem so weit
verbreiteten kirchlichen Verbande angehören, wie unsere deutsche evangelische Kirche
ihn darstellt.»12 Möge in diesem «großen Verein» jeder nach der Gestalt, zu der Gott ihn
erschaffen, sein Bestes tun, aber ebenso auch jede andere Gestalt des christlichen
Lebens mit Liebe und Freude betrachten und nicht bloß betrachten, sondern auch nach
Vermögen sich aneignen, damit Jedem Alles eigen und Allen Alles sei. Friede drittens
den Universitäten. Hier geht es darum, sowohl das gute Alte zu
überliefern und zu erhalten als auch den Söhnen die Freiheit zu geben, besser zu
werden als die Väter. Also kein sich Vordrängen der einzelnen Persönlichkeit, keine
unstete Neuerungssucht, kein Parteitreiben der älteren und jüngeren Richtungen,
sondern treue Vereinigung der Kräfte. Friede endlich viertens den christlichen Häusern. Werden nicht immer noch zu viele Prozesse geführt?
Sollte die staatliche Zivilgerichtsbarkeit in einem christlichen Volk nicht eines
Tages überflüssig werden? Um wie manche neubegründete Ehe muß man bange sein, sie
möchte keine Stätte des Friedens werden! Woher sollte der Friede kommen in «dieses
große verwickelte Treiben der Menschen in einer Stadt wie die unsrige und unter einem
großen weit verbreiteten Volk wie das unsrige …, wenn in den Häusern nicht die Kraft
der Gottesfurcht in dem schönen echten Sinne des Wortes waltet»13? Dazu sind wir, schließt der Prediger, hier versammelt gewesen, daß |17 der Erlöser in unsere Mitte trete. Er ist nicht gekommen,
die Welt zu richten — denn es gibt nichts mehr zu richten, wo sein Friede waltet —,
sondern die Welt selig zu machen [vgl. Joh. 3,17]. «In dem Frieden des Herrn (sind) alle Güter
eingeschlossen, die uns entgegenglänzen als Gegenstände unseres Bestrebens sowohl in
dem geistigen und inneren als in dem äußeren und öffentlichen Leben. Sei also sein
Friede mit uns!»14
Am Sonntag nach Neujahr hielt Schleiermacher [die] Frühpredigt15 über Mr. 12,13–27 (Zinsgroschen und Sadduzäerfrage). Schleiermacher hat diesen
Frühpredigten16 die Form von eng an einen fortlaufenden Text
anschließenden Homilien gegeben. Historisch-exegetische Belehrungen nehmen darum hier
einen breiteren Raum ein, ein einheitliches Thema schält sich in der Regel nicht
heraus, und die einzelnen dem Text abgewonnenen Gedanken sind weniger streng und
reich durchgeführt als in den in der Regel synthetischen Hauptpredigten. Anfang 1834
stand Schleiermacher am Ende einer Serie über das Markusevangelium. Er hatte die
Absicht, in der Passionszeit die Leidensgeschichte zu behandeln (Letzte Predigt17 S. 1), und predigte darum über
größere Abschnitte, als er sonst [zu tun] pflegte. Die Lehre, die Schleiermacher in
Jesu Wort vom Zinsgroschen («Gebet dem Kaiser …») enthalten sicht, ist das Postulat
der Trennung von Kirche und Staat. «Gott, was Gottes ist» bezieht sich ja zunächst
auf die Tempelmünze, die die Juden neben der römischen hatten: «Seid dankbar, daß die
ungerechte Gewalt, welche auf euch ruht, wenigstens eure Religionsübung ungehindert
läßt.»18 Sie sollten lernen, bürgerliche und göttliche Ordnung zu scheiden. «Diese
Trennung war in der Lehre des Erlösers absichtlich enthalten. Das Reich, das er bauen
wollte, sollte ein ganz abgesondertes sein von dem bürgerlichen Verein der Menschen,
und dazu wollte er sie vorbereiten.»19
|18 An der Beantwortung der Sadduzäerfrage (über die
Auferstehung) ist Schleiermacher, abgesehen von einigen historischen Erläuterungen,
ganz vorbeigegangen. Ihn interessiert hier etwas Anderes als das Gespräch selbst. Der
Unglaube der Sadduzäer an die Auferstehung ist nämlich nach Schleiermachers Ansicht
darin begründet, «daß sie nichts annehmen wollten als Wahrheit und Offenbarung als
das, was in den heiligen Büchern stand»20. «Sie waren also
Schriftgläubige.»21 Wogegen sich die Pharisäer außerdem auch an die Menschensatzungen der älteren
Schriftausleger hielten. Darin findet der Prediger «eine große Ähnlichkeit … mit
unserem gegenwärtigen Zustande»22. Die schriftgläubigen, aber in manchen Stücken für ungläubig gehaltenen
Sadduzäer sind offenbar — die Rationalisten, die ängstlichen Pharisäer mit ihrem
«Eifer für die Auslegungen der Schrift, wie sie seit langer Zeit von einzelnen
Männern Gottes gegeben sind und in den christlichen Glauben übergegangen» — natürlich
die pietistischen Orthodoxen (ich nenne der Kürze halber die Namen, Schleiermacher
umschreibt sie natürlich), «und wie damals nimmt auch jetzt das ganze Volk Teil an
dem Streit, und namentlich in der evangelischen Kirche, ungeachtet das Volk diese
Streitigkeiten nicht versteht»23. «Der Erlöser hielt es
mit keiner von beiden Schulen, sondern er stand über beiden.»24 «Er ging seinen eigenen Weg. Das sollen die Christen auch tun.»25 Aber wohlgemerkt: Der Erlöser «warnte vor der
Scheinheiligkeit der Pharisäer, aber gegen den Unglauben der Sadduzäer hat er sie
nicht gewarnt»26. Er hat niemand aufgefordert, sich von
jenen abzusondern, z.B. kein Opfer zu bringen, wenn ein Sadduzäer Priester war. «So
handeln denn also die Christen [auch] nicht in seinem Sinn, welche sagen, sie könnten
sich nicht erbauen an den Belehrungen solcher Schriftgelehrten, welche nicht ihrer
Meinung seien.»27
|19 Er ließ einen jeden seinen eigenen Weg der Erforschung
der Wahrheit gehen, er dachte aber nicht an solche Trennungen, wie wir sie heute
sehen. «So laßt uns denn auch darin ihm nachtrachten, jeden zu belehren, aber so wie
der Erlöser» von keiner Partei ablassen, sondern mit den Sadduzäern und mit den vom Erlöser schärfer getadelten Pharisäern uns «abgeben», ohne
daß «die wahre christliche Bruderliebe» gestört wird. «Dazu möge auch diese
Betrachtung uns alle immer mehr wecken und uns das Eine Notwendige bei aller
sonstigen Verschiedenheit erkennen lassen. Amen.»28
Von da ab folgen sich nun — Schleiermacher wollte offenbar die Frühpredigtenserie zu
Ende führen — die Markustexte in ununterbrochener Folge durch Haupt- und
Frühpredigten. Also Hauptpredigt am 1. Sonntag nach Epiphanias
📖29
Mr. 12,28–34 (Frage
nach dem vornehmsten Gebot). Das Problem, das den Prediger bei diesem Text bewegt,
ist das Verhältnis zwischen den beiden hier aufgestellten Geboten der Liebe zu Gott
und der Liebe zum Nächsten. «Lasset uns sehen, wie es in dieser Beziehung mit unserem
eigenen inneren Bewußtsein steht, ob wir darin auch die Meinung des Erlösers
auffinden können.»30 Wie kann der Mensch beiden Geboten zu gleicher Zeit genügen? — geschieden und
doch eins, wie der Erlöser sie aufgestellt und damit uns zwischen beide
hineingestellt hat? Sicher ist, daß es keine Liebe zu Gott gibt bei Haß oder
Gleichgültigkeit gegen die Menschen, ohne Verbindung mit ihrem Wohl. Nicht so
selbstverständlich ist das Andere, daß es keine Liebe zu den Menschen gibt ohne Liebe
zu Gott. «Es gibt ja, wir wissen es nicht nur aus den Geschichten älterer Zeiten,
sondern wir vernehmen nicht selten noch hier und da, daß laut [genug] darüber geklagt
wird, es gebe Menschen, welche unglücklich genug sind, den Glauben an Gott nicht in
ihrem Herzen zu tragen.»31 Gegenstand unseres Bedauerns! Aber vielleicht ist ihr Unglaube unverschuldet
(«Willkürlich ist ja doch einmal nichts in dem Glauben oder Unglauben»32). Und wenn wir nun ihre Wohl |20
tätigkeit, Liebe und Freundlichkeit rühmen hören, sollten wir ihnen dann die Liebe
zum Nächsten und, wenn diese nicht, die Liebe zu Gott abzusprechen wagen, alles für
Schein erklären? «Ich wenigstens denke» — ihr Unglaube «wird wohl nichts Anderes
sein, als daß gewisse Vorstellungen von Gott, seinem Wesen und seinen Eigenschaften,
die sie am meisten in dem Munde der Menschen vernehmen, bei ihnen nicht einheimisch
werden wollen.»33 Sollte der letzte Grund
von Allem ihnen, die doch gleich organisiert sind wie wir, darum fehlen? Wie könnten
wir, die im Christentum leben, anders urteilen als: «wo die Liebe ist, da ist auch
Gott»? Wer die Liebe hat, der hat auch das Wesen des Glaubens, welchen wir selbst
haben, und an dieses sein Wesen soll er sich halten und sich aller «bestimmten
Meinungen (darüber) lieber entschlagen»34. «Wo Liebe zum Nächsten ist, da ist auch, wie unzureichend es auch sein möge,
ja selbst wie unbewußt es dem Menschen sein könne, dennoch gewiß auch Liebe zu
Gott.»35 Aber Gottes- und Menschenliebe sind nicht nur
stets beieinander, sondern immer auch das eine nur durch und vermittelst des anderen.
Liebe zu Gott ist etwas Anderes als eine an Staunen und Erstaunen grenzende
Bewunderung, ein sich Verirren an die Grenze unseres Bewußtseins, wie die Naturwelt
es in uns veranlassen kann, in der wir doch auch die zerstörenden Gewalten nicht
unbeachtet lassen können. «Wenn von der Liebe zu Gott die Rede ist: wo sollen wir die
hernehmen, wenn wir nicht achten auf die menschliche Welt?»36 Indem wir «die Offenbarung Gottes in dem Menschen betrachten», «indem wir
liebend unter den Menschen leben und wirken, tritt auch die Liebe Gottes in unserem
Inneren hervor»37. Und ebenso liegt das Kriterium der
Menschenliebe darin, daß wir Gott lieben, d.h. für uns wie für unseren Nächsten nicht
das Nichtige und Vergängliche, sondern das «Geistige» suchen, daß wir «ihn nicht nur
zum Diener, sondern zum Mitgenossen an den geistigen Gaben haben |21 und wünschen» und ihn immer mehr dazu machen. Das heißt dann: ihn
lieben wie uns selbst, und «das ist ganz dasselbe mit der Liebe zu Gott; denn es ist
ja eben dieses, daß wir uns seines Werkes und Wesens in uns bewußt sind»38. Diese doppelte Liebe, die doch eine ist, ist dann endlich auch
«eins mit unserer Liebe zu Christo unserem Herrn»39, in
dem wir den Vater lieben, aber auch alle Menschen. «Und es durfte ihn niemand weiter
fragen», schließt der Text. Warum? Weil es nichts mehr zu fragen gibt nach der
Eröffnung des Geheimnisses, daß die Liebe zu Gott und dem Nächsten eins und dasselbe
ist. «Darauf allein ruhet die geistige Welt, dadurch allein kann das Reich Gottes
gegründet werden, und nie kann es eine andere Seligkeit geben als diese.»40
Die Frühpredigt am 2. Sonntag nach Epiphanias41 hatte den Text Mr.
12,35-13,13 (Christus Davids Sohn und Herr, Warnung vor den
Schriftgelehrten, Scherflein der Witwe, die Hälfte des eschatologischen Kapitels 13).
Mit dem Wort über David wollte der Erlöser die Schriftgelehrten aufmerksam machen auf
den Widerspruch und das Unzusammenhängende in ihrer Denkungsart. Christus ist Davids
Herr als der, der bestimmt ist, ein geistiges Reich zu stiften, mächtiger und größer
als sein irdisches. «Wir, m[eine] Th[euren], sind über diese Betrachtungen hinaus.
Das wahre Reich, das er gestiftet, liegt nicht nur vor unseren Augen da, sondern wir
leben, weben und sind in ihm, seine Herrschaft ist fest gegründet [unter uns] und
soll auch uns überall regieren.»42 In dem Wort über das Scherflein der Witwe findet der Prediger die Lehre, daß
es zwar löblich sei, wenn der Einzelne sich von seinem Eigentum entäußert um der
großen allgemeinen Angelegenheiten willen, um das Ganze in Ordnung zu halten, daß |22 man aber bei solchem Tun «gar nichts nach dem Äußeren,
sondern nach dem Inneren beurteilen solle«43. Auch aus dem Wort über das Abbrechen des Tempels ergibt sich ihm die
ähnliche Lehre, «daß alles Äußerliche in der Gemeinschaft der Christen eben nichts
ist und sein kann und darf, als eine Schale, als die Bekleidung, in der das Geistige
heraustritt und wirkt, aber ohne daß ihm an und für sich der mindeste Wert
zukäme»44. Wenn nun die Geschichte lehrt, daß auch im Christentum die Verwechslung des
Äußeren mit dem Inneren nur zu oft sich ereignet hat, so kann uns das zur Versuchung
werden, daraus zu folgern, daß in Christus nicht die ganze göttliche Kraft vorhanden
sei zur Beseligung und Beglückung der Menschen, daß die Menschen noch eines Anderen
bedürften, «was ihnen nicht kommen kann von außerhalb, sondern tief aus ihrem
[eigenen] Innern»45. Da heiße es dann: «Sehet euch vor, daß euch nicht jemand verführe!» [Mk. 13,5]. Der rechte Glaube an
den Erlöser unterscheidet ihn immer wieder von dem Wahn, der sich an die einfache
Wahrheit des Glaubens angeschlossen hat, und ist im Blick auf das in ihm erschienene
göttliche Wort gewiß, daß er und sein Reich besteht. Die Kraft des göttlichen Geistes
ist etwas Gegenwärtiges, das sich in jedem Augenblick gestaltet zu dem, was wir
bedürfen, zum Rechten uns hinführt. Sonst freilich wäre Christus nicht der, auf den
wir unsere Hoffnung setzen.
In der Hauptpredigt am Sonntag Septuagesimae46 behandelt Schleiermacher Mr. 13,14–37 (also die zweite Hälfte der
eschatologischen Rede). Er findet darin einerseits Dinge, die sich schon in diesem
Leben wirklich so ereignet haben und immer wieder ereignen. Den «Greuel der
Verwüstung im Heiligtum» findet er z.B. darin, daß in großen Notzeiten der Sinn der
Menschen die Aussicht auf das Ewige ganz verliert und «sie sich hoffnungslos von Gott
abwenden, als seien doch keine edleren Gaben von oben zu erwarten». Und wenn sie
andererseits umgekehrt in den Stürmen der Verwüstung göttliche |23 Offenbarungen zu vernehmen glauben, wenn sie wähnen, «nun breche eine
ganz neue Zeit herein, welche alles Vergangene weit hinter sich lassen werde, und der
Geist der Zerstörung hauche noch unerhörte Segnungen aus»47 (Schleiermacher mag hier an schwärmerische Erwartungen gedacht haben, die
sich an die französische Revolution knüpften), dann wird damit auch die Rede: «siehe
hier ist Christus, siehe da ist er!» [Mk. 13,21] wieder aktuell. Aber andererseits erweckt
dieses Kapitel doch unvermeidlich die Frage nach der Zukunft: «Wird dieses irdische
Dasein immer so bleiben, wie es ist, kehrt Alles so immer wieder, wie es gewesen ist
von den Zeiten der Väter her, oder wird das buchstäblich in Erfüllung gehen, daß die
Welten werden zusammengerollt werden und vergehen und der menschlichen Dinge auf
Erden ein Ende sein?»48 So läßt sich der Prediger durch
diesen Text anregen zu einer «Ermahnung … in Beziehung auf die Richtung des
menschlichen Geistes auf die uns verborgene Zukunft»49. Was sind die «Zeichen
der Zeit», auf die der Herr uns merken heißt? Wie das Bild von den Blättern des
Feigenbaums zeigt, an denen das Nahen des Sommers erkannt werden soll, offenbar
einfach «die wirklichen Anfänge der Dinge»50 in ihrem natürlichen Zusammenhang mit ihrer Vollendung. Auf sie muß unsere
Aufmerksamkeit gerichtet sein, wenn wir die Gegenwart freudig genießen, kräftig auf
sie einwirken wollen. Es gilt also zu beobachten die neueren Bestrebungen der
Menschen, die Kräfte, die sich in den menschlichen Geistern regen, die neuen
Aufgaben, die da gestellt werden, um «richtig zu schätzen, ob es in dem Kreise, in
welchem wir leben, in der Tat an der Zeit ist, große Veränderungen in den
menschlichen Dingen zu erwarten, oder ob wir uns eines ruhigen, sanften
Fortschreitens auf dem eingeschlagenen Wege werden erfreuen können»51, und um dann je nachdem unserem eigenen Handeln diese oder jene Richtung zu
geben. Also nur keine törichte |24 Neugierde in bezug auf
die Zukunft! Aufmerksamkeit auf die menschlichen Dinge, nicht Abwendung von ihnen,
keine Übungen der Gottseligkeit, ohne auf dem von Gott angewiesenen Weg der Tätigkeit
zu bleiben! Pflichterfüllung in der Gegenwart, die ja doch durch den Blick in die
Zukunft nicht modifiziert wird! Nur nichts für die Zukunft statt für die Gegenwart
tun wollen! Zur Gegenwart gehören auch die «Zeichen der Zeit» und das Achten darauf.
Dann wird von selbst Alles getan sein, worauf die Zukunft, wie ernst und bedeutend
sie auch sei, einen veränderten Anspruch hat. Wachet! ruft uns der Erlöser zu, und
zwar nicht nur Einigen, sondern Allen. Dieses Wachet! bezieht sich offenbar auf die
im Dunkeln liegenden, d.h. im Verborgenen der menschlichen Gemüter stattfindenden
Anfange der menschlichen Dinge, damit die Stunde des Handelns uns bereit finde.
Wachen sollen wir im Vertrauen auf den, der Alles leitet und bestimmt von Ewigkeit,
wachen in der Liebe und nicht in der Furcht, wachen, damit immer und überall das
Rechte geschehe, daß wir das Böse überwinden durch das Gute [vgl. Röm. 12,21]. Durch nichts gestört in der
Gleichmütigkeit der Liebe, werden wir in solcher Tätigkeit, die Einer für den Anderen
übt, dem Auftrag unseres Erlösers in Beziehung auf Alles, was uns bevorstehen mag,
vollkommen genügen.
Und nun noch Schleiermachers letzte Predigt, die Frühpredigt vom
Sonntag Sexagesimae52 über Mr. 14,1–26 (Salbung in
Bethanien, die Anordnung des Passamahles, die Feier und Einsetzung des Abendmahls).
Den Anfang bildet eine Erwägung des Verhältnisses von Jesus und Judas. Durch Judas
wird «in der ganzen Art zu sein» des Erlösers «gar nichts gestört: seine Freude am
Leben, seine Teilnahme an Anderen, der ganze Blick auf sein Werk und das, was ihm
bevorstand, ist nicht getrübt»53. Wir sollen das nicht «aus den Augen lassen, damit nicht durch das, was im
Gemüt Anderer Dunkles ist, auch unser eigenes Leben getrübt und unsere Kraft
geschwächt wird»54. Zur Salbung in Bethanien wird bemerkt: «was sich als Ausdruck frommer
Verehrung bewährt, das hat der Erlöser durch seinen Ausspruch ge |25 billigt und geheiligt»55, wobei übrigens vorauszusetzen ist, daß, wenn der von den Jüngern als
Verschwendung getadelte Aufwand nicht in einem richtigen Verhältnis gewesen wäre mit
dem Vermögen derjenigen, welche ihn machte, der Erlöser ihn nicht so gerechtfertigt
haben würde. An die Erwägung, daß wir hier den Erlöser von seinem bevorstehenden Ende
reden hören mitten unter der wohl andächtigen, aber auch heiteren Geselligkeit des
Mahles, schließt sich die Mahnung: «Der Gedanke an den Tod, auf welche Weise auch
herbeigeführt, er ist uns allen etwas so Gewisses, daß er keinen Augenblick unseres
Lebens stören soll; er kann uns in jedem Augenblick gegenwärtig sein, ohne uns weder
in der frohen Tätigkeit des Lebens zu stören noch in der Heiterkeit der
Stimmung.»56 Das Passamahl war nicht ein Fest der israelitischen Kirche, sondern des
israelitischen Volkes zur Erinnerung an seine Stiftung zu einem eigenen freien
Dasein. Unmittelbar vor seinem Tod war es also dem Erlöser nicht zu gering, sich mit
den Angelegenheiten seines Volkes zu beschäftigen, eine Mahnung für die vielen
Christen, die nur auf religiöse Gemeinschaft Wert legen und andere menschliche
Verbindungen nur als ein Werk der Not ansehen. Die Einsetzung des Abendmahls aber war
nicht nur die Verbindung der Jünger in der Gemeinschaft seines Lebens und der
Bruderliebe untereinander, sondern auch die ganze volle Stiftung der christlichen
Kirche als der brüderlichen Vereinigung, sich in bezug auf das geistige Leben
einander mitzuteilen, jeden als sich selbst zu behandeln und zu lieben, aber auch als
des dadurch vermittelten Umlaufs und der Mitteilung seiner geistigen Kraft, der Fülle
von Gnade und Wahrheit, die sie an ihm haben und die uns immer aufs neue von ihm
zuströmt. «Von welcher Einfalt des Gemüts war er, von welcher Ungetrübtheit der
Seele! Wie wenig wurde er durch Alles, was sich ereignet hatte, und durch das, was er
vorhersah, in der Liebe zu seinem Volke gestört, und wie war er in dem engen Kreis
der Seinigen ganz auf das geistige Leben mit Gott gerichtet!» So sehen wir ihn in
allen seinen irdischen Verhältnissen, «aber in ihnen zugleich den, in welchem alles
beschlossen ist, und welcher, |26 indem er diesen geistigen
Verein der Menschen stiftete, welcher sich auf ihn gründet, eben darin die Kraft
bewährt, die ihm innewohnt. Das ist also die Quelle, aus welcher wir zu schöpfen
haben, das ist es, was wir uns in allen Lebensverhältnissen aneignen sollen: dann
werden auch wir solche Ausdrücke der Verehrung gegen ihn haben wie Maria, aber auch
würdig sein, in dem engen Kreis derer zu leben, die ihn ganz erkennen und in ihm und
durch ihn und für ihn leben.»57 Das waren Schleiermachers, des Predigers, letzte Worte.
Wir wenden uns nun der Aufgabe zu, uns mit Schleiermacher über den Sinn und
Zusammenhang dessen, was wir eben gehört, etwas näher zu verständigen. Wir tun das,
indem wir nacheinander einige der auffallendsten Fäden in dem Gewebe der mitgeteilten
Predigten schärfer ins Auge fassen und ihnen an Hand nun seiner ganzen übrigen Predigtproduktion von 1831-34 so weit als möglich nachzugehen und
sie in ihrer Zusammengehörigkeit zu verstehen versuchen. Das Ergebnis schon unseres
ersten Paragraphen soll also ein kleines Ganzes der Schleiermacherschen Theologie
sein, ergänzungs-, präzisierungs und korrekturbedürftig selbstverständlich durch
unsere später anzustellenden Untersuchungen. Die Quellen für das Folgende sind die
Bände III, V und VI der Abteilung Predigten in der Gesamtausgabe.
1. Man darf wohl sagen, daß das Textwort jener letzten Neujahrspredigt: «Friede sei mit euch!» [Joh. 20,19] bezeichnend ist für das Ganze der Lehre, die Schleiermacher in
jenen (und vielleicht nicht nur in jenen!) Jahren vorgetragen hat. Weniger für die
Stimmung des Predigers, denn die ist auf weite Strecken,
besonders in den Frühpredigten, kritisch-polemisch bis zur Grenze einer gewissen
Gereiztheit, als für die Absicht und den gedanklichen Gehalt dieser Verkündigung. Zusammensein des Entzweiten, Ausgleich des
Widerstrebenden, Gemeinschaft zwischen den Verschiedenen, das ist (Alles zunächst im
allgemeinsten Sinn verstanden) das Anliegen, das ihn |27
letztlich zu bewegen scheint. Denken Sie außer der Neujahrspredigt an die über das
Doppelgebot der Liebe, weniger im Blick auf die Liebe als im Blick auf die Einheit der beiden Gebote, die dort den Nerv von Schleiermachers
Mitteilung bildet. Denken Sie an das Wort von der «Einfalt» des Gemütes Jesu am
Schluß der letzten Predigt. Wie kommt er gerade darauf? Schleiermacher sagt (6.
Sonntag p. Trin. 1831, III 22) in bezug auf den Gegensatz von Freude und Schmerz
Folgendes: «Das höchste Wesen selbst hat weder an dem einen noch an dem anderen Teil; es ist über allen Wechsel erhaben, und Freude und Schmerz sind doch nur in dem Wechsel eines sich
[seiner] selbst bewußten Lebens. Je größer also unsere Teilnahme an dem göttlichen Wesen, je inniger unsere Gemeinschaft ist mit dem, der ohne allen Wechsel immer und ewig derselbe ist: um
desto mehr sollten auch wir über beides hinausgerückt sein und uns
immer mehr nähern einem solchen stillen Frieden, einer solchen gänzlichen Ruhe der Seele in Gott, wobei uns weder Freude noch Schmerz in
der gewohnten Stärke treffen können.»58 Und (Frühpredigten 13, V 165): «In der Tat gibt es [auch] keinen
anderen wesentlichen Unterschied zwischen dem Guten und Bösen, als daß das Gute Eins ist, das Böse aber ein Mannigfaltiges, ein sich einander
Entgegengesetztes.» Und (2. Sonntag p. Epiph. 1832, III 167): Der Ausdruck Joh. 1,51: «Ihr werdet den
Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen
Sohn» «deutet auf die Verbindung zwischen Himmel und Erde …, daß
nicht mehr jedes von beiden ein besonderes sein sollte, nicht mehr
getrennt das eine von dem anderen, sondern eine Gemeinschaft zwischen beiden eröffnet, die nun nicht mehr aufhören durfte»,
die ursprünglich nur in Christus war, «von anderen zunächst nur angeschaut wurde,
aber sich [doch] hernach durch diese immer mehr verbreitete … Was
ist das anders, m[eine] g[eliebten], als der vollste Ausdruck von der vollkommensten
und seligsten Erfahrung eines gläubigen Gemüts?» Also weil nach Schleiermacher in
Christus, in Gott selbst diese Einheit ist, weil sie identisch ist mit dem Guten,
darum offenbar hat seine Lehre diesen Skopus.
28
Zu dem Text: «Meinen Frieden lasse ich
euch» [Joh. 14,27] führt er
(2. Sonntag p. Trin. 1831, III 2ff.) aus: Der Friede des Erlösers war die Einheit
seines Willens mit dem Willen Gottes, der Wille Gottes aber ist seine Liebe zu der
sündigen Welt, so ist der Friede Christi das Mitgefühl des
Sündlosen mit den Sündern, und von diesem «Frieden» gilt: «es gibt kein größeres Gut
für die menschliche Seele, und kein befriedigenderer Zustand des Menschen läßt sich
denken, als wenn er sagen kann, daß der Herr ihm seinen Frieden
gibt und läßt»59 Also auch hier: die Synthese als der Wille Gottes und Christi und darum als das eigentliche Heilsgut. Und nun ist und soll sein jedes einzelne gläubige Gemüt
«eine Offenbarung, eine sichtbare, unverkennbare Darstellung von dem Frieden, der
durch die Gemeinschaft mit dem Erlöser der Welt in die menschliche Seele kommt» (2.
Pfingsttag 1833, III 597). Es kulminiert darum die Schleiermachersche Auslegung des
Wortes «Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden» [Röm. 12,15] (6. Sonntag p. Trin. 1831,
III 27) in der Verheißung: «Je mehr alle unsere inneren Bewegungen sich in einem
reinen Mitgefühl nicht nur spiegeln, sondern auch läutern: um desto mehr werden wir
dann uns jenem Zustande nähern können, daß der Wechsel entgegengesetzter Empfindungen in unserem Gemüt immer schwächer wird und wir immer weniger jenem Auf- und
Absteigen zwischen Hoffnung und Furcht, zwischen Fröhlichkeit und Schwermut
ausgesetzt sind. Denn beides, Erhöhung der Kraft und Mäßigung ihres
Erregtseins wird durch das Bewußtsein des Mitgefühls in unsere Seele hineingeleitet;
es bildet sich ein ausgleichender gemeinsamer Ton derselben in
denen, die auf ursprüngliche Weise bewegt sind in ihrem Inneren, " und in denen, die in der Kraft der Liebe diese Bewegung teilen. Ja wir
dürfen sagen, erst in diesem gemeinsamen Gefühl ist die rechte
Wahrheit.» Und ausdrücklich wird dieses «Stillwerden» im «Mitgefühl» die
Bereitung genannt zum Eingang in «das Heiligtum des Friedens»60 Vgl. dazu (19. Sonntag p. Trin. 1832, III 410, wo aus Anlaß der Geschichte
vom Tode des Herodes [Act. 12,19–23] der Gegensatz zwischen einem hochmütig
dem Volk sich |29
fernhaltenden und einem schmeichlerisch ihm nachlaufenden Fürsten zur Diskussion steht): «Notwendiger Weise muß
die Wahrheit, die Gott will, muß diejenige
Gestaltung dieses Verhältnisses, in der sein Wille erfüllt werden
kann, in der Mitte liegen zwischen beiden.» Es ist immer dasselbe:
Friede heißt Aufhebung von Kontrasten in einem höheren Dritten,
Gewinnung eines Indifferenzpunktes zwischen den beiden Armen der
großen Lebenswaage. Nach den verschiedensten Richtungen wird das geltend gemacht (6.
Sonntag p. Trin. 1831, III 29): in den großen «Kämpfen um die
wichtigsten Güter des Lebens», auch in denen, in denen wir selbst Partei sind, auch
in denen des Reiches Gottes soll doch «unser Mitgefühl sich beiden
Teilen zuwenden». (16. Sonntag p. Trin. 1831, III 89): Genossen derselben Schwachheit und derselben Kraft sind wir
Menschen. Was sagt alle äußere oder auch geistige
Ungleichheit gegenüber dieser doppelten Gleichheit?
(Neujahrspredigt 1832, III 143f.): Vor Gott selbst gibt es keinen Unterschied
zwischen groß und klein. «In dem Maße, als wir,
durch den Geist Gottes erleuchtet, die menschlichen Dinge sehen, verschwindet dieser Unterschied auch für uns.» Oder in derselben Predigt S.
148: Das ist das Geheimnis der göttlichen Weisheit, «daß das Beste des Einzelnen und das Wohl des Ganzen darin auf
unzertrennliche Weise verbunden sind». Streit gibt es hier nicht.
(12. Sonntag p. Trin. 1831, III 67): Der Gipfel des Gebets besteht darin, daß «Bitte und Dank ineinanderfließen, weil die
Gewährung immer schon da ist und daher ein Friede ohne Wechsel und
Störung», und darin sicht Schleiermacher das unaussprechliche Seufzen des göttlichen
Geistes, der uns vertritt [vgl. Röm. 8,26]. (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 68f., in Auslegung des Wortes
«Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze» [1.Tim. 4,8]): «Da in dem höchsten Wesen Alles ungetrennt
eins und dasselbe ist» — also auch Seligkeit und Macht —, «wie sollte dann nicht
durch diese Seligkeit in Gott auch die göttliche Macht sich über
den Menschen ausgießen, so daß ihm durch die Kraft der Gottseligkeit möglich wird,
was ihm sonst nicht möglich war?» (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 99): «Der Gegensatz
zwischen Tätigkeit oder Pflichterfüllung und Genuß, der uns im Irdischen so verwirrt, ist im Reiche Gottes aufgehoben;
jedes Werk, das wir |30 vollbringen, ist
der gottgeweihten Seele Nahrung und Genuß. Aber nichts ist [auch] für sie Genuß, was
nicht zugleich Tätigkeit wäre.» In ähnlicher Richtung (Frühpredigt 5, V 66f.): Jeder
Tag soll «auf gleiche Weise ein Tag der Arbeit und
Tätigkeit», der wirksamen Liebe sein, «aber deswegen auch
ein Tag der Ruhe und des Sabbaths, des Bewußtseins unseres
eigenen Verhältnisses zu dem Erlöser», … «und … je mehr unser
Leben nicht auf diese oder jene Weise geteilt
ist, um desto mehr stellt sich das Bild des Erlösers in uns dar». Oder endlich
(Frühpredigt 26, V 339 — die Predigt handelt von der Speisung der Fünftausend):
«Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch alles Andere
von selbst zufallen, — nicht auf eine zufällige Weise, sondern weil es von selbst aus
diesem Trachten nach dem Reiche Gottes sich entwickelt, weil ihr nicht nötig habt,
zweierlei Wünsche zu hegen, zweierlei Gesetz
zu folgen, sondern aus Einem und demselben geht
Alles hervor, das geistige Wohl und das leibliche
Wohl, es ist nur Eins und dasselbe, es
kann nur aus einer Quelle sich entwickeln.» Eine ganz merkwürdige Stelle, die hierher
gehört (3. Sonntag p. Trin. 1833, III 624f.): «Was ist doch unser natürliches
leibliches Leben? wodurch besteht es? Wir atmen die Luft ein und geben sie wieder von
uns, um sie aufs neue einzuatmen. Ist das ein Verhältnis zu irgend etwas Bestimmten
außer uns? ist es ein bestimmtes Wissen um uns
selbst …? Nein! es ist das allgemeine Verhältnis des lebendigen Daseins zu
dem ganzen unermeßlichen Raume, der unserer Erde angehört; aus diesem atmen wir ein,
in diesen atmen wir wieder aus. So ist die Liebe! der Geist suchet den Geist, weil er
ihm angehört; und überall, wo er ihn findet, öffnet sich das Herz gegen menschliches
Leben und Sein nach allen Seiten hin ohne Unterschied. Es fühlt sich befriedigt, wenn
es in sich einzieht die Kenntnis von allem, was Schönes, was Gottgefälliges da ist;
aber es gibt sein Leben auch wieder heraus, um sich kund zu geben und durch seine
Mitteilung anderes Leben zu stärken … So soll unsere Liebe sein, dann ist sie wie die
Liebe Gottes.» Der Kontrast, der hier überwunden werden soll, ist also der von Innen- und Außenwelt. Oder noch eine ebenfalls
merkwürdige Stelle (7. Sonntag p. Trin. 1832, III 332): «Ist das nicht das schöne und
große Ziel, dem wir alle entgegen gehen, daß der Geist |31
Gottes auf solche Weise einheimisch werde in uns, daß wir den Trieb
unseres eigenen Gemüts und die Eingebung und das Werk des
heiligen61
Geistes in unserer Seele nicht mehr zu
unterscheiden vermögen? Solange noch beides in uns so weit auseinandergeht,
daß wir es deutlich zu unterscheiden wissen: so lange muß es noch etwas in uns geben,
das dem göttlichen Geist widerspricht … Wo aber das nicht ist; wenn uns nichts
entgegentritt in unserem leisesten Gefühl, was wir gegenüber dem Antriebe des Geistes
als menschliches und verderbliches erkennen müssen in einer Bewegung unseres Herzens:
… da mögen wir glauben, daß das, was uns bewegt, in Wahrheit ein Zug und Werk des
heiligen Geistes ist» (vgl. Frühpredigt 24 V 305). Ich denke, das genügt vorläufig.
Das ist das höchst Prinzipielle, an das Schleiermacher bei dem» Friede sei mit euch!» gedacht hat, und er hatte (in seinem Zusammenhang
gesehen) wohl recht, wenn er sich (3. Sonntag p. Epiph. 1833, III 467f.) dagegen
verwahrte, als ob «Friede mit Gott» etwa etwas Geringeres sei als der göttliche
Geist, die lebendige Gemeinschaft mit Gott, die der Grund unseres Lebens ist. «Ist es
möglich, daß wir mit dem lebendigen Gott62 Frieden haben, wir die auch lebendigen,
nachdem einmal durch diese Predigt von dem Frieden das geistige Leben in uns erwacht
ist, ohne daß sich dieselbe selige Gemeinschaft mit Gott (wie in Christus)
ausbildete? … in dem einen Wort [von dem] Frieden
liegt in der Tat Alles, wir können uns nicht das eine von dem anderen
getrennt denken.»63 «Die Predigt unseres Lebens ist nichts Anderes als die
Erhaltung und Verbreitung des Friedens, den der Erlöser geschaffen
hat.»64 Der letzte Satz führt uns weiter:
2. Der die Menschen mit dem Gruß des Friedens grüßt, ist Christus, «der
Erlöser», wie Schleiermacher in der Regel sagt. Wir können gleich mit den
Worten der zuletzt zitierten Predigt fortfahren: «Christus ist
[aber] unser Friede; er ist es, der aus allem, was getrennt |32 war, Eins macht, aus den Menschen, die voneinander getrennt waren, aus
dem Geschöpf und dem Schöpfer, die voneinander getrennt waren; er
bringt den Frieden hervor.»65 Er ist «das Fleisch gewordene Wort, und das Wort Gottes, was ist es anders
als jedesmal ein gebietendes, ein hervorbringendes, ein schaffendes».66 Denn Verkündigung und Mitteilung, Verkündigung und
Erfüllung, sie sind im neuen Bund eins und dasselbe. Wir werden in unserem § 2 (Festpredigten) Gelegenheit bekommen,
den christologischen Gedanken Schleiermachers im engeren Sinn näher zu treten. In den
Sonntagspredigten über freie Texte und Themen steht Christus einfach überall mit
sozusagen naturhafter Selbstverständlichkeit im Hintergrund als die geschichtliche
Urkunde und Autorität, durch die die vorgetragene Wahrheit
beglaubigt wird, als die Quelle, aus der das Leben, der Geist, die
Kraft, von denen in diesen Predigten so viel die Rede ist, fließt, als der Anfänger des «Reiches Gottes», wie Schleiermacher den immer
wachsenden Bezirk jenes Friedens gerne nennt. Diese Autorität, diese Quelle, dieser
Anfänger, der Erlöser ist eine geschichtlich gegebene und wirksame Größe wie irgend
eine andere, nur daß wir Christen in unserem Glauben nun einmal von ihr leben, nur
daß unsere Predigt nun einmal auf sie bezogen ist, weil das in dieser Größe Gegebene
nicht mehr und nicht weniger als die vollkommene sündlose Einheit eines menschlichen
mit dem göttlichen Willen, die Inkarnation dessen, was Schleiermacher «Frieden»
nennt, ist. Es gab eine Zeit, wo diese Größe nicht gegeben, nicht wirksam war. Da war
Alles, was wir jetzt wissen, haben, leben, nur Ahnung, Sehnsucht, Hoffnung, und es
ist kaum zu verkennen, daß Schleiermacher den Zustand der unter dem bloßen Gesetz
Schmachtenden eher noch trüber zu beurteilen geneigt ist als die Verworrenheit der
Heiden. Diese niedere Stufe der religiösen Entwicklung ist nun nach Schleiermacher
überwunden durch eine höhere. Das Auftreten des Erlösers bedeutet für ihn vor Allem
die Aufhebung des Gesetzes in dem ganz historischkonkreten Sinn, daß vom Jahre 30 ab
ein Gottesverhältnis das normale wird, in dem das Gesetz, d.h. die gegenseitige Exklusivität, die Ent |33 gegensetzung von
Gott und Mensch keinen Raum mehr hat, in dem Geist, Leben, Liebe, Frieden, Gemeinschaft mit Gott Alles ist. In diesem neuen Gottesverhältnis
stand Christus, in ihm sollen, können, dürfen wir auch stehen. Das ist der
wesentliche Inhalt des Evangeliums, dieses verhältnismäßig Einfache ist es, was die
christliche Verkündigung in den Kategorien Offenbarung, Erlösung, Versöhnung,
Vergebung, Geistesmitteilung usf. darzustellen, klarzumachen, anzubieten hat. Das
Normalschema der Schleiermacherschen Predigt, das in den Homilien noch deutlicher
hervortritt als in den Themapredigten, verläuft darum so: 1. Teil:
Christus, seine Art, sein Wollen und Wesen in irgend einer speziellen
Bestimmtheit. 2. Teil: Wir, in denen sich diese Art, dieses Wollen
und Wesen nun immer mehr nachzubilden hat. Typisch sind folgende Sätze (Sonntag
Sexagesimae 1832, III 205f.): «So m[eine] a[ndächtigen] Fr[eunde] ist er immer
derselbe gewesen. Dieses war nun auf dem letzten Wege in die Hauptstadt seines
Volkes, sein Leiden stand nahe bevor …; aber wir finden ihn unverändert denselben …
Alles, was ihm … bevorstand, brachte keine Veränderung in seiner Lebensweise hervor;
dieselbe Liebe und Freundlichkeit, wie sie in seinem ganzen Leben verbreitet war,
derselbe Zug des Wohlwollens zu denen, welche Gebrauch davon zu machen fähig waren,
derselbe Gleichmut, dieselbe unerschütterliche Ruhe in allen Verhältnissen, wie wir
sie immer gefunden! Und so allein vermag auch der Mensch alle
Aufgaben des Lebens zu lösen, jede Zeit glücklich und tapfer zu bestehen, niemals
müde zu werden, niemals zu wanken auf seinem Wege, keine Gelegenheit vorübergehen zu
lassen, wo er wirken kann, um mit seinem Pfunde zu schaffen, was seine Kräfte
vermögen für den großen gemeinsamen Beruf aller.» Man wird sich angesichts dieser
Bedeutung des Erlösers als des großen Paradigmas des wahren Gottesverhältnisses, in
dem wir schon stehen und in das wir immer mehr hineinwachsen, als des Prinzips des
großen, die Menschheit und mit der Menschheit auch uns durchwaltenden göttlichen
Lebensprozesses — man wird sich angesichts dieser Bedeutung des «Erlösers» nicht
wundern dürfen, daß diese Figur gelegentlich etwas Formelhaftes, Abstraktes, allzu
Selbstverständliches bekommt, so daß die Frage sich nahelegt, ob |34 nicht ganz dasselbe, was der Prediger sagen will, eventuell auch ohne
Zuhilfenahme dieses Paradigmas, dieser urbildlichen Figur gesagt werden könnte; und
wir werden noch hören, daß das eine Frage war, die dem Prediger in der Tat mehr als
einmal zu denken und zu reden gegeben hat. Und man wird sich andererseits angesichts
der engen Korrelation zwischen dem, was in Christus ist, und dem, was in uns werden
soll und wird, nicht wundern dürfen, wenn dieses Christusbild da, wo es einigermaßen
konkret und farbig wird (und das geschieht durchaus nicht selten), in der Regel die
Züge des mit Gott im Frieden lebenden christlichen Normalmenschen trägt, wie er vor
dem geistigen Auge des Predigers steht. Wir hörten schon in jener Homilie über das
Verhältnis Jesu zu Pharisäern und Sadduzäern: «Der Erlöser hielt es mit
keiner von beiden Schulen, sondern er stand über ihnen beiden … Er ging
seinen eigenen Weg»67 — in auffallender Ähnlichkeit mit Schleiermachers eigener theologischer
Haltung, wird man sagen dürfen. Daß Jesus hinaufzog nach Jerusalem, das war
(Frühpredigt 36, V 442) Ausübung seines Berufes: «er hätte nicht
können so rein sein und frei und ein so vollkommenes Gewissen haben als [ein] Glied
seines Volkes», wenn er das nicht getan hätte. Daß Jesus sich an die Samariterin
wandte [vgl. Joh. 4,1–42] (4. Sonntag p. Epiph. 1832, III 172), das geschah nicht, weil er von
dieser Frau etwas erwartet hätte, denn das war nicht der Fall, «aber er hätte ja einen Augenblick versäumen müssen, wo er tätig sein konnte in seinem
Beruf, wenn er dieses nicht getan hätte». Aber in derselben Predigt (S. 176) wird uns
auch versichert, daß er «die irdischen Dinge auch irdisch behandelt
und nicht in alle alltäglichen geselligen Verhältnisse die Angelegenheit seines
Berufes erzwungenerweise und gleichsam gewaltsam eingemischt» habe. Weiter wird
(Sonntag Sexagesimae 1832, III 200) an ihm gerühmt, was er geredet und getan habe
ausdrücklich als Lehrer des Volkes einerseits, im geselligen Leben andererseits,
«beides war immer in demselbigen Geiste, überall dieselbe Richtung
auf das Reich Gottes, überall dieselbe Liebe zu den Menschen». (19. Sonntag p. Trin.
1832, III 406f.): Das Wort |35 «Gehet hin und saget
demselben Fuchs Herodes …» [Lk. 13,32] gibt Anlaß zu der Feststellung: er mußte «sich um diesen Fürsten
bekümmert haben; denn wie hätte er ihm sonst einen solchen Namen beilegen können …»
Der Erlöser hatte eben «selbst über die öffentlichen Personen ein
Urteil, die [auch] ganz außer seinem Bereiche lebten». Es wäre ein Leichtes,
einen vollständigen Tugendspiegel des Schleiermacherschen Menschen
zusammenzustellen aus den Eigenschaften, die der Prediger an seinem Christus findet, um sie dann, neu bestärkt durch diesen Anblick in seinen
eigensten Idealen, aufs neue dem in seinem Sinne christlichen Menschen ans Herz zu legen.
Die entscheidenden Antworten auf die Christusfrage werden wir uns, wie gesagt, für
die Besprechung der Festpredigten aufheben müssen. Wenden wir uns hier noch einigen
mit dem christozentrischen Charakter der Schleiermacherschen Predigt
zusammenhängenden und von ihm selbst kenntlich gemachten Schwierigkeiten zu.
3. Die erste Schwierigkeit, an die ich hier denke, ist für Schleiermacher offenkundig
damit gegeben, daß die Anknüpfung seiner Verkündigung an die «Erlöser»figur
unvermeidlicherweise zugleich die Anknüpfung an die Bibel bedeutete. Es war zum
vornherein klar: es konnte sich auch für Schleiermacher nicht von selbst verstehen,
daß er in der Bibel, wie sie nun einmal ist, ausgerechnet diesen seinen Christus, den
Christus der Synthese vorfand. Wohl war er so glücklich, in der Bibel dem Johannesevangelium zu begegnen, das er sich oder dem er sich mit
seiner Botschaft als kongenial empfand. Er hat vier Jahre lang, 1823-26, Homilien
darüber gehalten68 und ist auch nachher wie vorher immer wieder auf johanneische Texte
zurückgekommen. Aber, wie es auch mit seiner Johannes-Deutung stehen mag, auch
Schleiermacher konnte nicht nur über Johannes predigen. Wie ein
Felsblock lag da vor Allem das ganze Alte Testament. Die Lösung, die Schleiermacher
hier gefunden hat, ist so radikal wie nur |36 möglich. Er
hat nämlich in all den Jahren, die uns jetzt beschäftigen, überhaupt nie über einen
alttestamentlichen Text gepredigt, und ein Blick in seine Vorlesungen über praktische
Theologie (S. 238f.), deren gedruckte Fassung69 aus derselben Zeit stammt, lehrt uns, daß das nicht etwa Zufall, sondern
Prinzip und Absicht war: «Leite ich den Text aus dem Alten Testament her: so stelle
ich mich und die Zuhörer auf einen historischen Standpunkt und gebe ihnen ein fremdes
Bewußtsein und errege eine Gedankenverbindung, die nicht im Zusammenhange steht mit
dem, was ich aus dem Text ableiten soll, wenn ich christlich reden will … Wir müssen
die Zuhörer als Christen aufnehmen und nicht als solche, die es erst werden sollen
und durch die Ängstlichkeit des Gesetzes hindurchgeführt werden müssen.» Ich kann
mich denn auch nicht erinnern, in diesen Predigten einer Stelle begegnet zu sein, wo
Schleiermacher vom alttestamentlichen Menschen und seinem Gottesverhältnis anders als
von etwas jetzt und für uns völlig Überwundenem reden würde, bedauernd, oft fast
entrüstet, jedenfalls immer eilig daran vorübereilend, als hätte er etwas Häßliches
gesehen. Aber es ist klar, daß auch das Neue Testament sich jedenfalls nicht ohne
weiteres in den Schematismus der Schleiermacherschen Lehre fügte. Gar Vieles an dem
Verhalten Jesu und der Apostel, gar Vieles an dem Wortlaut der biblischen Texte
scheint ja in ganz andere Richtungen zu weisen, als hier erwünscht war, einen ganz
anderen Genius zu atmen als den Schleiermacherschen. Der Gesamteindruck von dem
Verhältnis des Predigers zu den Texten ist der eines gewaltigen Ringens, bei dem man
nicht weiß, was man mehr bewundern soll: den Ernst, mit dem er sich, daran kann kein
Zweifel sein, darum bemüht, den Text wirklich zu Worte kommen zu lassen
(Schleiermachers Predigten sind jedenfalls in dieser Zeit durchweg keine Motto-,
sondern wirkliche Textpredigten, Auslegungen, bei denen er ungern irgendeine Wendung
des |37 Textes unerklärt bei Seite läßt), oder die exegetische Gründlichkeit, mit der er oft seiten- und seitenlang
die Geduld des Lesers mit allerhand scharfsinnigen historischen Explikationen auf die
Probe stellt, mit denen er sich an das, was er sagen will, heranarbeitet, oder endlich die dialektische Kunst, mit der er es versteht, die
durch die Exegese geschaffene glückliche Situation für seine Belehrungen und
Ermahnungen auszunutzen.
Ich will Ihnen ein paar Proben dieses
Ringens mit der Bibel geben. Wir haben schon gesehen, wie sich Schleiermacher mit
einem Abschnitt wie Mr. 13
auseinandersetzte und wie sich ihm die Sadduzäer unter der Hand zu «Schriftgläubigen»
verwandeln, die mit den traditionsgläubigen Pharisäern kontrastieren. Bei der
Geschichte vom Kämmerer aus dem Mohrenland [Act. 8,26–40] (7. Sonntag p. Trin. 1832, III
326ff.) bewegt den Prediger zuerst sehr lebhaft der Gedanke, «als ob dies (nämlich
das ganze Verfahren des Philippus) eine Art und Weise wäre, das Evangelium zu
verbreiten, welche keine vernünftige Auslegung zuließe»70. Mit der befremdlichen Tatsache, daß dieser Christ sich auf
Geheiß eines Engels auf der Straße von Jerusalem nach Gaza befindet, statt sich mit
der stillen Wirksamkeit des regelmäßigen und ruhigen Lehrens in der Gemeinde zu
begnügen, versöhnt ihn dann aber die Erwägung, daß ihm sein Gang doch schließlich
durch die äußeren menschlichen Verhältnisse (d.h. durch die Verfolgung in Jerusalem)
vorgezeichnet war, so daß er der göttlichen Ordnung nicht ungehorsam war, wenn er dem
Engel resp. dem «inneren Zug des Gemütes»71 folgte. Und über die bedenklich rasche Taufe des Kämmerers tröstet die
Feststellung, daß Philippus eben nicht auf die Erfüllung des Buchstabens, auf die volle Annahme der Lehre durch den Täufling gewartet,
sondern, wie es recht war, auf dessen «ergriffenes Gemüt»72 geachtet habe. Warum steht die doch ganz weltlich-historische Geschichte vom
Tod des Herodes in der Apostelgeschichte [Act. 12,19–23]? (19. Sonntag p. Trin. 1832,
III |38 400ff.) Damit sie durch ihr bloßes Dasein diejenigen
Christen beschäme und widerlege, «welche sich auch jetzt noch, wo sie es nur irgend
vermögen, von aller Teilnahme an den größeren Beziehungen des gesellschaftlichen
Lebens in der christlichen Welt zurückziehen wollen»73. Das Wort: «Es ist genug,
daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe!» [Mt. 6,34] wird (4. Sonntag p. Trin. 1831, III 11ff.)
umexegisiert in die Belehrung, daß ein Christ als solcher das, was man Plage nennt,
überhaupt nicht kenne. Über den grimmigen Text «Ihr sollt das Heiligtum nicht den
Hunden geben» [Mt. 7,6] hält
Schleiermacher (10. Sonntag p. Trin. 1831, III 44ff.) eine wirklich warmherzige und
kräftige Predigt des Inhalts, die höheren Stände müßten sich ihrer sozialen Schuld
und Verantwortlichkeit viel mehr bewußt werden. Ausgerechnet die Bekehrung des Saulus
[vgl. Act. 9,1–19]
erscheint Schleiermacher (9. Sonntag p. Trin. 1832, III 338ff.) als das beredte
Beispiel einer Bekehrung, die sich nicht auf dem Weg eines inneren Kampfes, einer
Verzweiflung und Zerknirschung vollzogen habe, sondern auf dem einer ganz ruhigen
Betrachtung und Durcharbeitung. Wir «lassen alle Gründe auf uns wirken: und was sich
dann auch ergebe, in dem sind wir nun fest und beginnen von neuem … In diesem Zustand
war der Apostel, so fand ihn jenes Licht, und in diesem Zustand konnte die Stimme von
oben herab auf ihn wirken und den letzten Ausschlag geben.»74 Das Gebot Jesu «Liebet eure Feinde!» [Mt. 5,44] wird immer wieder (III 320, 465, 617) dahin
verbessert, daß man als Christ überhaupt keine Feinde haben solle. Zu der Frage:
«Wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was Dank habt ihr davon?» [Lk. 6,33] wird (3. Sonntag p. Trin. 1833,
III 621) bemerkt, daß bei der heutigen Gesellschaftsordnung die Reichen der Armen und
die Armen der Reichen Wohltäter sind, so daß für eine Liebe außerhalb dieser
Gegenseitigkeit kein Raum mehr ist. Von dem geheilten Gadarener [vgl. Mk. 5,1–20] heißt es (Frühpredigt
19, V 241f.), daß Jesus ihm darum nicht gestattet habe, mit ihm zu gehen, weil in
seiner Umgebung «so viel Ungewöhnliches, Außerordent |39
liches vorfiel, das leicht wieder den Zustand der Ordnung in seinem Gemüte hätte
stören können», und als er nun trotz des Verbotes Jesu hingeht und die Wohltat Jesu
ausruft in den zehn Städten, da wird er vom Prediger ernstlich getadelt: die gute
Absicht des Erlösers an ihm sei schwerlich erreicht worden. «Je regelmäßiger und
einfacher das Leben würde gewesen sein, was er begonnen hätte: um desto schneller
gewiß, kräftiger und sichtbarer würde die gehörige Ordnung in sein Gemüt
zurückgekehrt sein.» Der Sinn der Verklärungsgeschichte [Mk. 9,2–13] soll (Frühpredigt 37,
VI 9) in der Gleichzeitigkeit der göttlichen Stimme mit75 dem Verschwinden des Mose und Elia bestehen. Das
schwierige Wort aus der Geschichte vom Mondsüchtigen: «Diese Art kann nicht ausfahren
denn durch Beten und Fasten» [Mk. 9,29] soll so gemeint sein: «ihr habt das nicht vermocht, weil ihr in solchem
aufgeregten Zustande wäret; das konntet ihr nur, wenn ihr in ruhiger Fassung des
Gemüts gewesen wäret» (Frühpredigt 38, VI 21). Der etwas gewaltsame Akt der
Tempelreinigung [vgl. Mk.
11,15–17] wird gemildert und gerechtfertigt durch die Überlegung: «Wir
werden uns vorstellen müssen, daß die, welche die Aufsicht. über die Ordnung im
Tempel hatten, vielleicht ein wenig zu viel nachsahen, daß sich dies äußere Gewühl zu
sehr in das Innere des Tempels hineindrängte; der Erlöser aber nahm es strenger
damit» (Frühpredigt 48, VI 144). Soviel über die biblische Schwierigkeit im
allgemeinen und die Art, wie Schleiermacher ihrer durch energische Deutung des für ihn mißlichen Wortlautes, die man ja wohl da und dort als
Umdeutung wird bezeichnen müssen, Herr zu werden suchte.
4. Ernsthafter gestaltet sich der Kampf unseres Predigers mit einer zweiten Schwierigkeit, auf die er immer wieder stößt, je mehr er mit der
Ableitung seiner Botschaft von Christus Ernst macht. Es ist das Wunder, von dem er diese historische Größe auf Schritt und Tritt umgeben
sicht. Unerhörte Stimmen, Gesichte und Ereignisse, von denen die Quellen erzählen,
scheinen darauf hinweisen zu wollen, |40 die Göttlichkeit
dieser Größe müsse jedenfalls auch als eine qualitative
Andersartigkeit gegenüber allem sonstigen Sein und Werden verstanden werden. Eben
diesen Hinweis will nun Schleiermacher gerade nicht gelten lassen.
Wir verstehen ihn jetzt bereits so weit, um einzusehen, warum
nicht: Es soll ja, wie wir sahen und noch weiter sehen werden, zwischen Christus und
den Menschen in ihrem Sein und Werden in der Welt vielmehr gerade Kontinuität
bestehen, so gewiß er die Inkarnation des Friedens zwischen Himmel
und Erde ist. Zwischen ihm und uns und unserer Welt ist das Verhältnis des
Ursprünglichen zum Abgeleiteten, des Anfangs zur Fortsetzung, der Quelle zum Ausfluß,
des Vollkommenen zum Unvollkommenen, aber doch nicht etwa das einer prinzipiellen
Überlegenheit, wie sie im Gedanken des Wunders ausgesprochen scheint. Der allgemeine
Eindruck von Schleiermachers Haltung kann kein anderer sein als der: die Tatsache des
wunderbaren Charakters der historischen «Erlöser»figur ist ihm eine höchst leidige Tatsache, mit der er sich, so gut es geht, auseinandersetzt,
die er aber sichtlich wegwünscht. Die Wunder «stehen nun einmal da (1. Sonntag p.
Epiph. 1833, III 456), wiewohl wir erkennen, daß wir ihrer nicht bedürfen, um an ihn
zu glauben». Er würde die Evangelien anders
geschrieben haben, allen Nachdruck auf das Geistige, Innerliche, Persönliche der
Erscheinung Christi legend, d.h. aber, und darauf kommt es an: auf das, worin sich
die Kontinuität zwischen ihm und uns, der Friede zwischen Gott und Welt ungebrochen,
ungestört durch das Dazwischentreten jenes fremden Faktors nachweisen läßt. Aber die
Evangelien und die Apostelgeschichte (über die er 1832 in serie predigte) waren nun
einmal auch für ihn so geschrieben. Zwei Möglichkeiten der Abhilfe kamen für einen so
vornehmen und geschmackvollen Mann wie Schleiermacher zum vornherein nicht in Betracht: einmal die zur Zeit des Rationalismus beliebte Umdeutung
des Wunderbaren in natürliche Vorgänge, zweitens die ein Jahr nach seinem Tod von D. Fr. Strauß in die Welt hinausgeschrieene These, daß die
Wundergerchichten Mythen seien76. Er wählt zwei andere Möglichkeiten, |41 die er
entweder kombiniert oder je nach seiner Entscheidung von Fall zu Fall auch einzeln
vorträgt. Er läßt nämlich in allen den Fällen, wo eben handgreiflicherweise nichts zu
erklären ist, wie etwa bei Totenerweckungen und dergleichen — er nennt sie
«unmittelbare» Wunder —, die Wundererzählung stehen, wie sie ist, legt aber stärksten
Nachdruck darauf, daß die Offenbarung Jesu sich nicht etwa in dem Wunder als solchem
vollzogen habe, sondern irgendwie in seiner dabei an den Tag gelegten
Gemütsverfassung, und daß eben darauf und wiederum nicht etwa auf das Wunder als
solches auch unser Glaube sich stützen müsse. Oder er läßt, wo sich das tun läßt, wie
etwa bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus [Mk. 1,29–31], die nach ihm ein «mittelbares»
Wunder ist, das Wunder bestehen in der unerhörten Wirkung des Geistes auf die Natur,
die sich in Jesus offenbart habe. So erreicht er bald auf diesem, bald auf jenem Wege
den erwünschten Anschluß an seine Gesamtauffassung von dem kontinuierlichen direkten
Verhältnis zwischen Offenbarung und Welt, zwischen Christus und uns. Aber lassen wir
ihn selber reden und sich im einzelnen noch deutlicher aussprechen: Was bedeuten die
Wunder Jesu? Sie sind, heißt es an der zuletzt zitierten Stelle (III 456f.),
«freudige Zeichen von dem Wohlgefallen Gottes an ihm». «Darum legte Gott [eben] diese
Kräfte in des Erlösers irdische Erscheinung, auf daß er … dadurch bewiese den Geist,
der in ihm wohnete.» Denn: «Der Erlöser, dessen Geschäft auf der Erde77 rein geistiger Natur war, der nicht haben konnte
irgend einen anderen äußeren Beruf: wie konnte es anders sein, als daß er auf irgend
eine Weise mit dem wirklichen Leben der Menschen zusammenhängen mußte, daß er sich
ihnen auch in den Forderungen des gewöhnlichen Lebens zeigen mußte als den, den der
Vater gesandt hatte?» Man beachte die Einschränkung, die im Anfang dieses Satzes
enthalten ist. Die Wunder hängen mit dem eigentlichen Beruf des Erlösers nur indirekt
zusammen. «Jede solche Tat des Erlösers bringt uns die Liebe, mit welcher er sich
aller Menschen in ihrem geistigen Elend angenommen hat, zu immer
neuem Bewußtsein und erfüllt unser Gemüt immer aufs neue mit der Dankbarkeit nicht
sowohl für das, was er damals |42
leiblich geleistet, als eben für diesen ihm innewohnenden Geist der
Liebe.» (Frühpredigt 6, V 77): «Niemals hat er sich dieses zum Hauptgeschäft gemacht,
sondern immer den Beruf im Auge behalten, daß er gekommen sei, zu predigen [die
Botschaft] vom Reiche Gottes.» (Frühpredigt 7, V 84): Das Wunder am Gichtbrüchigen
[vgl. Mk. 2,1–12] hat
Jesus «nicht eigentlich seinetwegen getan, sondern in Beziehung auf die Anderen,
welche da zugegen waren». Der Gichtbrüchige «selbst hatte schon genug an diesem einen
Wort des Erlösers (Dir sind deine Sünden vergeben!), dadurch war in ihm
der Grund gelegt zur Entwicklung eines heiteren und fröhlichen Glaubens an
den, welchen Gott gesandt hatte, und an das geistige Reich Gottes, welches er durch
sein Leben und Dasein stiftete». (Frühpredigt 18, V 225): «Schweig und verstumme!»,
sagt Jesus zu Wind und Meer [Mk. 4,39]. «Auch das ist nun etwas ganz Menschliches; nicht zu dem Meer, nicht zu
den Stürmen hat er gesprochen, sondern er hat, ohnerachtet er sie anredete, doch
eigentlich zu den Anwesenden gesprochen; denen wollte er dadurch seinen
Willen kundgeben, damit sie das, was geschah, auch als die Folge seines
Willens anerkennen könnten.»
Sehr wichtig sind Schleiermacher dann, wie schon erwähnt, alle diejenigen Stellen, in
denen ihm das Wesen des Wunders als eine außerordentliche Wirkung
der Psyche auf die Physis anschaulich zu werden scheint, so daß
Natürliches und Wunderbares ineinander übergehen. Die Geschichte von der
Schwiegermutter des Petrus [Mk. 1,29–31] ist (nach Frühpredigt 5, V 55) «ein schönes und erweckliches
Beispiel von der Kraft des Willens und besonders der Kraft der Liebe über die
körperlichen Zustände des Menschen». Es war «das Zusammentreffen ihrer geistigen
Empfänglichkeit mit seiner übermenschlichen geistigen Kraft, welches solche Wirkungen
hervorbrachte» (S. 58). Der Grund zu der Heilung des Gadareners [vgl. Mk. 5,1–20] war (nach Frühpredigt
19, V 243) in seinem Gemüte gelegt, «unabhängig von der wunderbaren Wirkung des
Erlösers durch78 die unmittelbare Wirkung seiner
auf bestimmte Weise wahr |43 genommenen Nähe». In der
Erzählung von Jesu Wandeln auf dem Meer [Mk. 6,45–52] ist (nach Frühpredigt 27, V 344) ein
kaum lösbares Gemisch von Natürlichem und Wunderbarem und darum ein Beispiel dafür zu
finden, wie sich das Wunderbare im Leben des Erlösers so nahe als möglich an das
Natürliche hielt «und wie wir darin nie etwas ganz und gar gegen den natürlichen Lauf
der Dinge Streitendes und gleichsam Abenteuerliches antreffen». In der Heilung des
Blinden in Bethsaida [vgl. Mk. 8,22–26] endlich, den Jesus mit seinem Speichel berührt und der erst
nach und nach völlig sehend wird, erscheint (nach Frühpredigt 35, V 427) «das, was
sonst ein unmittelbarer Ausfluß der göttlichen Kraft des Erlösers war, [hier] als
etwas Mitgeteiltes, erst allmählich zu Stande Kommendes». Aber ob dieser Zusammenhang
mehr oder weniger anschaulich ist, Schleiermacher bleibt dabei: «Daß durch ihn
mittelbare oder unmittelbare Wunder geschahen, das war an und für
sich selbst, für den eigentlichen Zweck seiner Sendung, von keiner Bedeutung; es war
ein Erweis seiner Kraft über die Natur, aber das Heil der Menschen mußte gegründet
werden durch seine Macht über die Gemüter, geistig mußte auf sie gewirkt werden durch ihn» (Frühpredigt 39, VI 37). Er
unterscheidet gelegentlich auch (21. Sonntag p. Trin. 1832, III 419) zwischen den
Wundertaten und dem «Wunder Christus selbst», dem «Wunder, daß das Wort Fleisch ward,
… daß die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes strahlte in einem menschlichen Antlitz
und in einer menschlichen Gestalt», und erklärt dann, nur das letztere sei «das Wunder, worauf wir uns alle gründen, das
Wunder, was unzertrennlich ist von unserem Glauben als der eigentliche [tiefste] und
innerste Grund desselben». Immer wieder wird das eingeschärft: Der an dem Erweis der
Allwissenheit Jesu entstandene Glaube des Nathanael
Joh. 1,47f. ist ein «unvollkommen begründeter Glaube» (so 2. Sonntag p. Epiph. 1832, III
165). Nicht die Lichterscheinung vom Himmel [vgl. Act. 9,3] war die den Saulus zum Paulus bekehrende Macht,
sondern der Inhalt der Worte, die er vernahm und deren Wirkung
schon auf mancherlei Weise vorbereitet war in seinem Gemüt (so 9. Sonntag p. Trin.
1832, III 341). Nicht das Gesicht von dem Tuch mit den unreinen Tieren war die
bewegende Kraft, die den Petrus vom Uni |44 versalismus des
Christentums überzeugte, sondern die nachher an ihn ergehende Aufforderung, auf die das Gesicht sein Gemüt diesmal vorzubereiten hatte [vgl. Act. 10,9–23] (im Fall des Saulus ist seine
Wirkung eine nachträgliche) (so 13. Sonntag p. Trin. 1832, III 369). Und richtiger
war es (nach Frühpredigt 4, V 49), wenn sich das Volk über je Jesu Lehre entsetzte als darüber, daß er mit Gewalt den unsauberen Geistern
gebietet [vgl. Mk. 1,21–28], und sie gehorchten ihm.
Fragen wir Schleiermacher nach der Begründung dieses Urteils, so antwortet er uns:
weil der Schluß unzulässig ist vom Kleineren auf das Größere, vom Leiblichen auf das
Geistige, vom Reich der Natur auf das Reich der Gnade, weil der Anblick der Wunder an
sich kein Weg ist zur Erkenntnis des Erlösers, zur Stillung und Befriedigung der
Seele (so 1. Sonntag p. Epiph. 1833, III 450f.). Oder er antwortet uns (in derselben
Predigt S. 453
📖) damit, daß er uns darauf aufmerksam macht, daß wir ja gar kein Kriterium
haben, um festzustellen, was denn ein Wunder ist, da wir die Grenze der Natur nicht
ausgemessen haben (vgl. III 188, V. 50). Oder er antwortet uns (Frühpredigt 4, V 50)
im Anschluß an diesen letzten Gedanken von der Unerkennbarkeit des Wunders bedeutsam
damit, daß er das Wunder «etwas Fremdes» nennt, eine Bedingung, der unser Glaube
nicht gewachsen ist (Harnack: das «total Unverständliche»79). Oder
er begnügt sich (Frühpredigt 11, V 144f.), den Glauben, der sich auf etwas zwar mit
|45 Christus Verbundenes, aber aus der Ordnung der
menschlichen Dinge Herausgerissenes und [ihr] Entgegengesetztes begründe, einen
scheinbaren, nicht heilbringenden Glauben zu nennen und uns zu versichern, das
einzige Zeugnis, das Christus begehre, sei das der «inneren Wahrheit», d.h. der
«Wirkung, welche er auf die Seele ausübt». Kann man danach von einer positiven
Bedeutung der biblischen Wunder für uns überhaupt reden? Er findet
sie (1. Sonntag p. Epiph. 1833, III 457f.; vgl. V 58, 273, 347f.) darin, daß sie uns
eine «anspornende Weissagung in bezug auf unser eigenes Tun» sein können. Es heißt
ja: «Wer an mich glaubt, der wird dieselben Werke tun und noch größere als diese»
[Joh. 14,12]. Was ist
damit gemeint? Ihr sollt die Erde «beherrschen durch den göttlichen Geist der Liebe.
Der soll und wird euch immer mehr das Auge des Geistes erleuchten; er wird euch
tiefer und tiefer eindringen lehren in alle Geheimnisse der Natur; ihr werdet durch
ihn neue Kräfte in ihrem Innern aufregen, welche geschlafen haben, und in dem
gemeinsamen Leben des Geistes und der Natur wird die Macht des ersten sich von einem
Geschlecht zum andern erweitern, ohne daß ihr ein Ende absehen könnt: bis diese ganze
Welt, wie sie dem Menschen übergeben ist, auch durchsichtig für ihn geworden sein
wird und dem göttlichen Geiste in ihm dient. … Und sehet da, alles, was
der menschliche Verstand geleitet vom Geist fortschreitend vollbringen wird, ist
die Fortsetzung der Wunder des Herrn80;und wir sind berufen, nicht nur an sie zu glauben, nicht
nur sie zu verkündigen, sondern sie zu tun.» Wo das geschieht in «dem innigen
Glauben an das Eine große Werk Gottes», da «werden sich immer mehr die herrlichsten
menschlichen Kräfte entfalten», da «werden wir immer mächtiger [werden], alles zu tun
und zu erreichen in seinem Namen»81. M.e.W.: Die biblischen Wunder [sind] eine frohe Weissagung auf die in
unendlichem Fortschritt die Natur immer mehr erkennende und überwindende Kultur. Und wie sollte diese Weissagung nicht längst in Erfüllung gegangen
sein? «Ob die Berge versetzt werden, das kann uns gleichgültig sein; aber wir
schreiten |46 darüber, als wenn sie nicht da wären», wird
uns großzügig versichert (III 420). «Wo sind wohl mehr Kräfte in Bewegung, um die
ursprüngliche Bestimmung des Menschen, daß er Herr sein soll über Alles, was auf
Erden ist, in einem höheren Maße zu erreichen, wo sind wohl mehr solcher Kräfte in
Bewegung als in der christlichen Welt?», fragt der Prediger einmal geradezu
jauchzend. «Das Werk des Erlösers gestaltet sich immer noch ebenso wie damals, nur
daß jene hilfreichen Kräfte, wie sie doch schon damals so nah als möglich der Natur
geblieben sind, nur noch mehr in die Grenzen derselben zurückgewichen sind» (V
348f.). Aber diese positive Bedeutung des biblischen Wunders
schneidet nun nach Schleiermacher, für uns jedenfalls, die Möglichkeit jeder anderen
radikal ab. In der tröstlichen Versicherung, daß das Wunder sich
heute auch noch, wenn auch in Form der Kultur, ereigne, verbirgt sich die Spitze, daß
es sich durchaus nur noch in Form der Kultur ereignet und ereignen
darf. Gott tut (5. Sonntag p. Trin. 1833, III 637) jedenfalls
heute nichts, «so daß er selbst hervortrete». In diesem Sinne ist das Reich Gottes
nicht mehr das Reich des Übernatürlichen und Wunderbaren. «Wir finden im Gegenteil,
daß das einzelne Wunderbare aufhört, sobald das Reich Gottes einmal seine Gründung
auf Erden gefunden hat, und zwar nicht nur das äußere, sondern auch das innere»
Wunderbare. Schleiermacher meint, sich auf die reformatorische Lehre von der
Genugsamkeit des Wortes berufen zu dürfen für die These: «Was von Gott kommt, das
kann nur durch Menschen von Gott kommen; was Gott tun muß, um dieses oder jenes
hervorzubringen, das tut er nur durch den Dienst derer, welche seinen Willen
vernehmen.» «Das Wunderbare, das Übernatürliche ist nun verschwunden», heißt es
(Frühpredigt 5, V 58); mit der Entfernung des Erlösers von der Erde mußte es «nach der Gnade Gottes in das Gebiet der Natur einkehren». Und diese
Feststellung ist nun für Schleiermacher zugleich ein Dekret. Er zieht aus der
Geschichte von der weissagenden Magd zu Philippi Apg. 16 [16-18] (21. Sonntag p. Trin. 1832, III
425) die Nutzanwendung: «Wir sollen es gebieten in Namen Christi, daß Keiner sich
herausnehme, wahrzusagen und Wunder zu tun … Jetzt (ist) kein anderes
Wunder mehr … als jenes große |47 Wunder Gottes, daß wir
alles Andere begreifen sollen als in dem großen Gesetz der Natur geordnet und in
der Führung Gottes begründet.» Je mehr wir das einsehen, «um desto mehr
werden wir uns den Weg ebnen zum freudigen Genuß der Wohltaten
Gottes und zu jedem ihm [wohl]gefälligen Fortschritt in der
richtigen Kenntnis und dem richtigen Gebrauch der
Kräfte der Natur, über welche er uns gesetzt hat, daß wir
über sie herrschen sollen»82. Soweit Schleiermachers Auseinandersetzung mit dem biblischen Wunder. Die
Frage liegt nahe, ob sich wohl mit dieser energischen Negation des unmittelbaren Wunders für die Gegenwart seine Behauptung
desselben für die Vergangenheit vereinigen läßt? Ob Schleiermacher
im Ernst daran dachte, das unmittelbare Wunder auch nur für die Vergangenheit zu
behaupten? Und wenn — diese Frage richtet sich gegen die positiven Aussagen unseres
Meisters: wenn das wirkliche Wunder Gottes in der Gegenwart die Kultur ist, wer ist und was ist dann Christus, der
in jener Vergangenheit als das wirkliche Wunder Gottes bezeichnet
wird? Wäre es nicht vielleicht zweckmäßiger, den Begriff des «Wunders» hier wie dort
ganz fallen zu lassen und dem, was hier als Anfang, dort als Fortsetzung in
kontinuierlichem Zusammenhang unter sich beschrieben wird, einen anderen Namen zu
geben? Aber lassen wir das Fragen und hören wir weiter zu.
5. Die dritte Schwierigkeit, von der die Schleiermachersche
Christologie bedrückt ist. Sie ist offenbar von allen die prinzipiellste; denn sie
besteht in nichts Anderem als in der dem Prediger unaufhaltsam immer wieder
aufsteigenden Frage: Warum gerade Christus als Inkarnation des
Friedens mit Gott, als der vollkommene Träger und Bringer dieses Heilsgutes? Ist er’s
wirklich? Geht es nicht vielleicht auch ohne ihn? Könnte uns nicht vielleicht einmal
ein Anderer das werden, was uns jetzt Christus ist? Es ist das Problem der Absolutheit des Christentums, das durchaus nicht nur den Gelehrten,
sondern auch den Prediger Schleiermacher bis in seine letzten Jahre sehr lebhaft
beschäftigt hat. Hören wir zunächst, in welcher Form es sich |48 ihm hier stellt. Wir hörten bereits83 in jener vorletzten Frühpredigt (2. Sonntag p. Epiph.
1834, VI 188): Wir können «leicht in Versuchung kommen zu sagen, das Licht ist doch
nicht das rechte gewesen, die Menschen bedürfen noch eines anderen, was ihnen nicht
kommen kann von außerhalb, sondern tief aus ihrem eigenen Innern». Hier haben wir es
offenbar mit dem mystischen Einwand gegen die absolute Bedeutung
der Erscheinung Christi zu tun. Ein anderes Mal (Frühpredigt 17, V 211), bei
Besprechung des Gleichnisses vom Senfkorn [Mk. 4,30–32], ist es der Blick auf die anderen Religionen und ihre zahlreichen Bekenner, der Anlaß gibt zu
der Frage, «ob wohl auch die von Christo begründete Gemeinschaft ausreichen werde bis
an das Ende der Tage, ob nicht doch eine Zeit kommen werde, wo die Menschen etwas
Anderes bedürfen und ihnen Christus nicht mehr genügen würde». Wieder ein anderes Mal
(Frühpredigt 18, V 229) scheinen es mehr allgemeine geschichtsphilosophische Überlegungen zu sein, die dem Problem rufen: «Ist es wohl auch so, wie wir glauben, daß dieser Bund mit dem
Erlöser dauern soll bis an das Ende der Tage, ist nicht das auch
nur eine vorübergehende Anstalt gewesen für einen besonderen Zeitraum der Entwicklung des menschlichen Geistes,
sollte nicht eine andere Zeit bevorstehen …, wo der Glaube an den
Erlöser überflüssig wäre und wo die Menschen sich auf
sich selbst verlassen könnten, jeder für sich und Alle in Gemeinschaft mit
einander, aber ohne den Erlöser, ihren eigenen Weg gehen und so in
geistiger Selbständigkeit zu einer noch unmittelbareren
Gemeinschaft mit Gott kommen?» Und im Sinne eines besonnenen Fortschrittsglaubens ist es offenbar geredet, was (nach 7. Sonntag p. Trin.
1833, III 652) Einer sagen konnte: «er suche zwar allerdings die Menschen zusammen zu
halten unter Christo, weil das für jetzt das Beste sei
(Troeltsch!), aber ihm selbst gelte es nur als ein vorübergehender Zustand. Es werde
noch ein helleres Licht aufgehen, es werden noch Andere kommen nach diesem Jesus von
Nazareth und die Menschheit weiterführen; darum wolle er selbst sich so halten, daß er dann durch kein Vorurteil so gebunden
|49 sei, daß er dem späteren nicht den Vorzug geben könne
vor dem früheren.» Schleiermacher hat nun allerdings diese Ansicht nicht etwa als
seine eigene angeführt, sondern immer nur als die «einiger» oder auch «vieler»
Zeitgenossen, von der er ausdrücklich Abstand nimmt. Er hat sie einen «Wahn» (III
298) und eine «Fabel» (III 10) genannt. Aber wie sehr sie ihn beschäftigt, das geht
nur schon daraus hervor, daß er immer wieder auf sie zurückkommt. Er stellt ihre
Vertreter, wenn auch etwas zögernd, unter den Schutz des Wortes: «Wer nicht wider
mich ist, der ist für mich» [Mt.
12,30] (III 653). Und er hat sich jedenfalls mit großem Verständnis in ihre
Begründung hineingedacht. Hören wir, was nach Schleiermachers
Darlegungen dafür vorgebracht werden kann: Die betreffenden Zeitgenossen verweisen
(VI 188f.) auf die bis auf die ältesten Zeiten zurückgehenden Unvollkommenheiten der christlichen Kirche und geben sie ihrem Wesen schuld.
Sie sagen (Frühpredigt 24, V 312), daß unter den christlichen Völkern dieselben
Frevel begangen wurden und werden wie früher. Sie sagen (4. Advent 1833, III 735):
«der Sinn dieses Jesus von Nazareth sei freilich rein gewesen und sein Bestreben
göttlich, aber natürlich habe ihm zu seiner Zeit und bei der Beschränkung auf die
Einsichten seines Volkes doch das rechte klare Bewußtsein fehlen
müssen, welches sich erst in einer späteren Zeit hervorarbeiten könne, die mithin
auch ihm erst seinen rechten Ort anweisen werde». Oder sie sagen (2. Sonntag p. Trin.
1831, III 10): Sei es Christi «Ernst gewesen, daß er die Welt wolle ganz
frei machen, so müsse es auch sein Wille gewesen sein, sie frei zu machen von
sich, damit Gott sei Alles in Allen. Dann würden die Menschen nicht nur erkennen, daß
sie Kraft genug, den göttlichen Willen zu erfüllen, in sich selbst haben; sondern
auch in der richtigen Erkenntnis desselben würden sie über sein Maß hinausgehen
können, wenn sie nur wollen. Ja, erst wenn der christliche Name werde vergessen sein,
dann werde ein allgemeines Reich der Wahrheit und Liebe entstehen, in welchem kein
Keim der Feindschaft (zwischen Christen und Nichtchristen) mehr liege.»
Schleiermacher hat diese Ansicht und ihre
Begründungen abgelehnt. Nicht mit unbedingter Parrhesie freilich. Er gibt zu (Früh
|50 predigt 18, V 230): «Es gibt Zeiten, wo es scheint,
als ob die, welche sich zu solchem Glauben hinneigen, Recht hätten, wo es scheint,
als ob alle die Einwendungen, welche von Zeit zu Zeit gemacht werden gegen den
hinreichenden Grund des Glaubens an den Erlöser, sich zusammendrängten, so daß Alles,
was zur Beschwichtigung derselben gesagt werden könnte, doch nicht hinreicht», und er
hat ferner zugegeben (ebendas. S. 229): wenn man bei diesen Fragen an die göttliche
Weisheit und Liebe glaube, so könne man sich eine solche nachchristliche Ära «nur
noch herrlicher» denken. Aber hören wir seine Gegenargumente.
Schleiermacher hat sich freilich gelegentlich begnügt, seine Ablehnung einfach durch
Beteuerung seiner entgegengesetzten Überzeugung zu begründen, so 2. Sonntag p. Trin.
1831, III 10, wo er einfach erklärt: «sie wird nicht wahr werden, diese Fabel!» Zu
tief sei das Bild des Erlösers dem menschlichen Geschlecht eingeprägt, und [er]
schließt mit der Novalis-Strophe: «Wenn alle untreu werden …», wobei aber das fatale
«so bleib ich dir doch treu» korrigiert wird in:» erhalte mich dir
treu!»84. Die
Regel ist doch, daß er mit Gründen antwortet. Die Unvollkommenheit der Kirche darf
eben nicht Christus zur Last gelegt werden (VI 188). Dem Bösen, das auch noch in der
Christenheit geschieht, steht ein anderes «inneres Gefühl» des Menschen gegenüber: es
wird doch nicht mehr gelobt und geduldet (V 312). Die Gegner merken nicht, wie die
gesamte Entwicklung des menschlichen Geistes und Lebens mit dem Samenkorn des
göttlichen Wortes zusammenhängt, wie sie durch dieses bedingt ist (V 212). Sie
übersehen, daß das allgemeine Freiheitsbewußtsein, in dem wir Heutigen leben und das
sie gegen Christus geltend machen, gerade Christus zuzuschreiben ist, und verkennen,
|51 daß wir uns «einer viel größeren Seligkeit» erfreuen,
«wenn wir zugleich dabei das Bewußtsein Gottes haben» durch die Vermittlung Christi
(V 304). Sie sollten sich durch die «Erfahrungen der ganzen Weltgeschichte» sagen
lassen, daß «Alles, was sich je Herrliches, Gottähnliches in den Menschen entfalten
kann, doch nur … ein Abglanz und Widerschein von ihm» sein kann (V 230). Ihnen wird
zugerufen: «Das Bild einer stets mit Gott einigen Seele, wo hätten wir
es her? Die Spitze unseres Bewußtseins fehlte uns, wenn er nicht gewesen
wäre! … Nein, ohne diese Fülle von Lebenskraft und Freude, die uns das Dasein
des Erlösers gibt, möchte ich nicht leben.» (III 9).
Schleiermacher hat einmal (6. Sonntag p. Epiph. 1832, III 193f.) gesagt, auch
weitgehende Verschiedenheiten der Ansicht von Christus könnten und müßten ertragen
werden, wenn nur das feststehe, daß er allein und kein Anderer mit ihm, neben ihm,
nach ihm das Licht der Welt sei — anders freilich könne die christliche Gemeinschaft
nicht bestehen mit Fug und Recht, und wer hier etwas anderes vertrete, der gehöre
doch nur mit halbem Herzen und vorläufig zu ihr. Es kann keine Frage sein, daß
Schleiermacher nichts anderes vertreten wollte, daß seine Wahl
getroffen war. Aber ob man die Gründe, die er seinem zweifelnden Zeitalter und doch
auch wohl sich selbst in dieser Sache entgegenhielt, durchschlagend nennen will, ob
unter den Gegenargumenten, die er vorbrachte, eines ist, das dem ultimativen
Charakter dieser Angelegenheit durch ebenso ultimativen Ernst gewachsen ist, ob seine
Ablehnung des Zweifels an der Absolutheit des Christentums nicht nur Gewicht, sondern
spezifisches Gewicht besitzt, diese Frage muß
auch — wenigstens angemeldet und für unsere späteren Untersuchungen notiert
werden85. Gehen wir zunächst weiter:
6. Wir wenden uns zurück zu dem «Friede sei mit euch!» [Joh. 20,19], in dem wir das Geheimnis
des Schleiermacherschen Genius vorläufig zu fassen versuchten. Von einer Gabe an die Menschen |52 scheint da die Rede zu
sein, und in der Tat sehen wir nun, daß das Begabtsein mit dieser Gabe eines der
hervorstechendsten Merkmale des Schleiermacherschen Menschen ist.
Von ihm und zunächst eben von diesem seinem Begabtsein muß nun geredet werden. Der Schleiermachersche Christ ist ein
beatus possidens in jeder Beziehung. Ihm wird ja von Christus überhaupt nie anders
geredet als mit der nachdrücklichsten Verheißung: was in Christus war, das kann, das
soll, das wird auch in dir sein, auch das Höchste, was in Christus war, nicht
ausgeschlossen, ja, dieses am allerwenigsten. Und das wird nicht
nur sein, nein, das ist schon in dir, wenn du nur dich selber in dem Besten, was du
bist, richtig verstehen, darin zuzunehmen dich nicht weigern willst. Eine der
bezeichnendsten und häufigsten Wendungen in Schleiermachers Predigten ist die Figur
«immer mehr»: Immer mehr soll das göttliche Leben sich in uns
verherrlichen, immer mehr sollen wir uns hineinleben in seine Gemeinschaft, immer
deutlicher, immer herrlicher, immer höher usf. Daß er sich in dieser anfangs- und
endlosen Aufwärtsbewegung schon befinde und nur darin zu verharren habe, das ist’s
vor Allem, was dem Schleiermacherschen Christen gesagt wird. Das Wort Gottes in
Christus ist ja, wie wir bereits hörten, ein gebietendes, schaffendes,
hervorbringendes Wort, Verkündigung im neuen Bund ist Mitteilung, ist Erfüllung (III
468f.). In diesem Sinn redet Schleiermacher darum von dem «in der Seele schlafenden
Christus», auf den wir nur sehen, den wir nur «immer aufs neue in unserem Herzen
erwecken» müssen, auf daß er in uns lebe; dann schauen auch wir das Bild seines
Friedens und nehmen dieses in unser Herz auf (2. Sonntag p. Trin. 1831, III 4f.).
Unsere Aufgabe den Mitmenschen gegenüber besteht darin, ihnen «an uns selbst» die
Seligkeit zu zeigen, zu der sie berufen sind (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 97). Wie
kommt Christus dazu, in unserer Seele zu schlafen, möchten wir fragen. Schleiermacher
antwortet: Christus hat uns ja als «innersten heiligsten Grund unseres Friedens» die
Erinnerung an ihn zurückgelassen, nicht im Buchstaben, sondern
in der Kraft des Geistes. Der Geist aber hat (und hätte auch ohne
den Buchstaben) das Wort hervorgerufen, welches sein Bild durch
alle Zeiten getragen hat. Also das Wort ist Geist, und |53
Geist ist Erinnerung. «In dieser Erinnerung ist uns der Friede gegeben: je mehr sein
Bild unsere Seele erfüllt, desto mehr nähern wir uns seinem Frieden, je mehr sein
Leben unser Leben durchdringt, desto mehr fühlen wir uns hingezogen in dieselbe
Einigkeit mit Gott», die in ihm war (III 4). Und so gilt es denn für den Menschen,
nur festzuhalten, was ihm aus der Kraft des göttlichen Wortes, aus dem Zusammenhang
mit der Stimme Gottes, der göttlichen Offenbarung in unserem
Inneren (d.h. eben in jenem Erfülltwerden der Seele von seinem Bild, in jenem
Durchdrungenwerden von seinem Leben) gegeben ist. Und es handelt
sich bei dem Resultat dieses Prozesses um das wirkliche
Vorhandensein eines vielleicht bescheidenen, aber wachstumsfähigen Quantums
christusartigen Wesens im Menschen. «Der Glaube an (Jesum) Christum, den
Sohn des lebendigen Gottes, … (ist eben) die Offenbarung Gottes selbst in dem
menschlichen Gemüt» (1. Sonntag p. Trin. 1833, III 601). Darin besteht die
Vergebung der Sünden: daß «der Widerstand gegen das Reich Gottes
sich vermindert, … die uneinig gewesenen Gemüter (sich) immer mehr versammeln, um bei
derselben Quelle das Heil zu suchen, … das Auge des Geistes immer heller wird, um
Wahres von Falschem zu unterscheiden und sich dem himmlischen Lichte zuzuwenden» (5.
Sonntag p. Trin. 1832, III 323).
Der Begriff der Gabe darf also, wenn man sich veranschaulichen
will, was Schleiermacher sich hier denkt, auf keinen Fall etwa überspannt, d.h. allzu
wörtlich genommen werden. Genau genommen und nach Schleiermachers ausdrücklichsten
Erklärungen ist nämlich das so entstehende «neue» Leben im Menschen vielmehr das
Ergebnis eines Zusammenwirkens zwischen einem Göttlichen außer ihm
und einem Göttlichen in ihm. Christus setzt bei den Menschen Empfänglichkeit und
Liebe zur Wahrheit voraus, danach müssen wir unsere Vorstellungen von dem Verderben
der menschlichen Natur einrichten (2. Sonntag p. Epiph. 1832, III 161). Und danach
werden sie nun in der Tat eingerichtet. Schleiermacher zitiert zwar nicht selten:
«Wir sind allzumal Sünder …» (Röm.
3,23: z.B. III 330, 358, 624), aber der Nachdruck seiner Anthropologie
fällt doch ganz und gar auf den Nachweis eines» Verlangens der
menschlichen Seele» in der «Rich |54 tung nach dem Ewigen
hin» (11. Sonntag p. Trin. 1832, III 358). Das Gebet ist darum
wichtig, weil Gott auf nichts größeren Wert legt als darauf, daß «sich das tiefste,
innerste Gemüt des Menschen über das Vergängliche und Nichtige, das ihn von allen
Seiten umgibt …, erhebt und er sich so [ganz] sammelt, daß er auch sich
selbst nun erst vollkommen findet, indem er den Höchsten findet in sich, um sich
und über sich», gleichviel, ob dies in Form eines «gleichsam ruhenden
Bewußtseins» geschieht, das den «Weg zur Seligkeit» schon hinter sich hat, oder in
Form «tiefer Sehnsucht» danach (ebendas. 355). Die Jünger Jesu, von denen er sagt:
«Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben» [Mk. 4,11], sind, was sie sind, «nicht durch eine allein
von ihm ausgegangene Wahl, wodurch er die Anderen ausgeschlossen hätte, sondern weil
sie ein Bedürfnis in sich fühlten, sich zu ihm zu halten und ihn zu
fragen» (also eine Art Umkehrung: «Nicht ich habe euch erwählet …» [vgl. Joh. 15,16]) (Frühpredigt 16, V 200f.). Denn «der göttliche Geist ist
freilich an und für sich eine unendliche Kraft, … aber er wirkt
doch in der christlichen Kirche überall und in jeder [einzelnen] Seele nur als eine dem Gesetz der Natur unterworfene Kraft» (4. Sonntag p.
Epiph. 1832, III 179). «Mit einer göttlichen Kraft wirkte der Erlöser, aber nur nach
dem natürlichen Gesetz der menschlichen Dinge, nach dem Maß, in welchem jeder fähig
war, seine Mitteilung aufzunehmen, nach dem Maß der Bereitwilligkeit, die jeder ihm entgegenbrachte, nach dem Maß der Vorbereitung und Vorarbeit, die schon mit dem
Boden einer jeden menschlichen Seele vorgegangen war» (Sexagesimae 1832, III 198f.).
Denn «gewiß wird niemand sagen wollen, wie leichtsinnig auch ein Mensch gelebt und
die Stimme seines Gewissens übertäubt habe, um den Gelüsten seines Fleisches zu
frönen, daß dennoch ebenso gut wie in jeder anderen auch in einer solchen Seele ohne
weiteres ein wahrhaftes Verlangen nach dem Erlöser entstehen könne» (ebendas. 204).
Man versteht Schleiermachers Meinung am besten, wenn man etwa Luthers Begriff von der iustificatio impii daneben hält. Weder gibt es für
Schleiermacher eine iustificatio als freie, in sich selber begründete Gottestat, noch
gibt es für ihn einen impius, einen wirklich verlorenen Menschen. An ihre Stelle
tritt bei ihm ein |55 nach dem «Gesetz der Natur» sich
abspielender Prozeß, in dem Gott und der Mensch wirkend und handelnd gleich beteiligt sind. Wieder drängt sich Frage um
Frage auf: Was ist das für ein Gott? was ist das für eine Gnade? was ist das für ein
Geist, von dem da die Rede ist? was ist das für ein Verhältnis, in dem sich der
Mensch da befindet? was ist das für ein Heilsgut, das ihm in diesem Verhältnis
vermittelt wird? Aber schweig still und laß das Fragen sein!86
7. Sehen wir zu, was aus dem Besitz wird, der dem Menschen in der
geschilderten Weise durch Christus vermittelt ist! Davon kann keine Rede sein, daß
der bewußte Prozeß etwa damit, daß das Heilsgut, der Friede, seinen menschlichen
Empfänger gefunden [hat] resp. von seinem Empfänger in seiner Bedeutung erkannt ist,
seinen Abschluß gefunden hätte. Der einzelne Mensch soll sich ja nach Schleiermacher
nur als «Teil des lebendigen Ganzen, dem wir angehören», als «Werkzeug des göttlichen
Geistes» fühlen (4. Sonntag p. Trin. 1831, III 18), er soll «geöffnet» sein (6.
Sonntag p. Trin. 1831, III 22), er soll sich bewußt sein, sich in einem
«Zusammenhang», in einer «Ordnung», in einem «Reich» zu befinden (Frühpredigt 13, V
166). Das Böse ist für Schleiermacher (ebendas.) identisch wie mit der
Mannigfaltigkeit, so mit der Selbstsucht. Das Gegenteil von
Selbstsucht ist aber nach ihm nicht etwa der Altruismus (er lobt einmal «das reine
schlichte Auge dessen, der weder an sich selbst noch [an] Andere denkt», III 18), sondern die Hingabe an die Bewegung des in mir wie im Anderen lebendigen Geistes, eine Bewegung, die man sich im Sinne Schleiermachers wohl am besten
etwa nach Art des alle Organe durchflutenden und belebenden Blutumlaufs im tierischen
Körper vorstellt. Vom «Guten» wird einmal folgende Definition gegeben: «Wir sollen
immer nur das Gute im Sinn haben in Beziehung auf das Ganze. Was dies weiterbringt, was dies in einer herrlichen, gottgefälligen,
das Bild des Erlösers immer reiner abspiegelnden Gestalt darstellt in unserem Kreise,
was diesen geistigen Tempel Gottes |56 fördert, daß er sich
höher aufbaut bis an den Himmel hinan, das, m[eine] g[eliebten] F[reunde], das ist
das Gute» (12. Sonntag p. Trin. 1831, III 64). Die Einsicht, die die Bekehrung des
Saulus bewirkt hat, ist nach Schleiermacher neben der des Universalismus der Gnade
die bisher von ihm nicht gekannte Verbindung «zwischen dem eigenen Besitz der
himmlischen Güter und dem unwiderstehlichen Drange, sie mitzuteilen» (9. Sonntag p.
Trin. 1832, III 346). Uns freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden
[Röm. 12,15] sollen wir
mit dem Zweck, «das innerste schlummernde Bewußtsein des höheren Berufs» in ihnen zu
erwecken (6. Sonntag p. Trin. 1831, III 28). Statt zu richten, sollen wir «in der
Kraft der Liebe überall eingreifend, helfend, abwehrend, selbst schöpfend aus der
Kraft Anderer auf der einen, mitteilend aus dem Unsrigen auf der
anderen Seite, jede menschliche Handlung auf ihr Verhältnis zum
Reiche Gottes ansehen und sie demgemäß in unser Leben verweben» (8. Sonntag p. Trin.
1831, III 41). Daß es Menschen gibt, die wider Christum sind, das wird von
Schleiermacher uns, denen, die für ihn sind, ins Gewissen geschoben als unsere
Schuld: «Wenn wir ihm nachfolgten auf die rechte Weise, so würden wir auch alle um
uns her so lange reizen, bis sie sich entscheiden müßten» (7. Sonntag p. Trin. 1833,
III 653). In diesem Sinn kann man sagen, daß der Heilsbesitz des Einzelnen bei
Schleiermacher eigentlich nur Mittel ist zu dem größeren Zweck der Zirkulation dieses Heilsbesitzes in der
Gesamtheit. «Denen Gott einen Vorzug gibt, die begnadigt er
nicht um ihrer selbst willen, nicht als diese und jene einzelne, sondern nur deshalb,
weil nach dieser Ordnung sein Reich am meisten gefördert wird» (11. Sonntag p. Trin.
1832, III 362). Das ist der Kanon, der z.B. auf das Gespräch Jesu mit der Samariterin
[Joh. 4,1–42]
(III 176), auf die Einkehr Jesu bei Zachäus [Lk. 19,1–10] (III 199), auf die Taufe des
Kämmerers aus Mohrenland [Act. 8,26–40] (III 331) und auf die des Hauptmanns Cornelius [Act. 10,1–48] (III
359) ausdrücklich angewandt wird, beim Hauptmann Cornelius Apg. 10 z.B. mit der Argumentation: es hätte
ja nie eine bleibende Ruhe geben können für den Glauben, wenn nicht die Zahl seiner
Anhänger unter dem römischen Volke und besonders unter dem römischen Heere so groß
|57 geworden wäre, daß die Sache nicht mehr zu dämpfen
war. Und irgendwo mußte doch hierzu der Anfang gemacht werden (III 361). Auffallend
schneidig spricht Schleiermacher sich aus über die Geringfügigkeit, ja Nichtigkeit
des einzelnen Menschen als solchen gegenüber der ihm gestellten
Aufgabe im Dienste des das Ganze durchflutenden Lebensgeistes. Ebenfalls in der
Corneliuspredigt heißt es (III 360): «Laßt uns versuchen, unser Auge nicht auf den
Einzelnen, weil wir an dem ja nichts finden, sondern auf das Ganze
zu richten.» Ein anderes Mal (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 78): «Wie sollte Einer …
jemals dazu kommen, sich selbst für unentbehrlich zu halten in diesem Leben! … Was kann an irgend einer einzelnen Erscheinung des menschlichen Geistes
gelegen sein! … Das Leben des Menschen ist vergänglich, aber nicht so, daß es
dem Herrn jemals könne an Dienern zur Vollendung seines Werkes fehlen! Der Geist
bildet unaufhörlich, seine Werkstatt ist nicht zu verwüsten, wie sehr auch die
Krankheiten, die Kriege und alle Widerwärtigkeiten des Lebens die Menschen aufreiben;
denn die Pforten der Hölle sollen nicht vermögen, das Reich Christi zu überwältigen.»
Und noch ein anderes Mal (4. Sonntag p. Epiph. 1833, III 481) geradezu: «Wie verschwindet der Einzelne, wie muß er verschwinden, wenn der Blick
des Herrn auf das ganze menschliche Geschlecht gerichtet ist … Geist und Leben sollen
die Worte des ewigen Lebens sein und bleiben, die wir reden, die wir einander
mitteilen, durch die wir einander dienen … Und wenn sie Geist und Leben geworden
sind, dann soll auch jeder gern hingehen, das Zeitliche verlassen und wissen, auch
sein Leben ist dazu gewesen, damit die Worte des ewigen Lebens
Geist und Leben wirken und immer mehr in dem menschlichen Geschlecht den
verherrlichen, der das Leben wiedergebracht hat.»
Ein doppeltes Fragezeichen wird auch hier zu setzen sein. Was ist der Mensch, wenn
seine Menschlichkeit geradezu in ihrem prinzipiellsten Sinn, nämlich als Einzelnheit, keine andere als diese funktionelle
Bedeutung haben soll? Und mit dieser Frage hängt die andere sehr nahe zusammen: was
ist das «Leben», was ist der «Geist», der seine Diener und Werkzeuge zunichte macht,
verschwinden läßt, nachdem er sie als Mittel für seine eigenen Zwecke gebraucht hat?
|58 Schleiermacher meint doch, wenn er vom Menschen
redet, den von Gott und nach seinem Ebenbild geschaffenen Menschen, er meint doch das
Leben, den Geist, das Reich Gottes? Aber würde jene Schilderung
nicht besser zutreffen, wenn er den Menschen als Partikelchen des Naturganzen und bei
den Worten «Geist» usf. eben dieses Naturganze resp. seinen ewigen Gehalt oder dergl.
meinen würde? Oder sollte die Indifferenzierung der Einzelnheit des Menschen einen Schluß zulassen auf eine hier noch nicht, aber vielleicht
anderweitig vollzogene Indifferenzierung auch der Einzelnheit Gottes? Es kann ja ein Zufall sein, aber ich möchte es dann einen nicht
zufälligen Zufall nennen, daß der doch sonst nicht flüchtig exegesierende
Schleiermacher in seiner Homilie über Mr. 8,31–38 (Frühpredigt [36], V 444) ausgerechnet
die Verse 36 und 37 «Was hülfe es dem Menschen …?» mit tiefem Stillschweigen übergangen hat. Notieren wir uns auch diesen Fall für
spätere Aufklärung. Nur darum möchte ich jetzt schon bitten, die Schleiermachersche
Indifferenzierung des Einzelnen gegenüber den Zwecken des sogenannten Ganzen nicht etwa zu verwechseln mit der calvinischen
Bestimmung des Lebenszweckes als glorificatio Dei. Wenn zwei dasselbe zu sagen scheinen, so ist es darum noch nicht dasselbe.
8. Die qualifizierte Trägerin der vom Erlöser ausgehenden Geistesoder Lebensbewegung
ist nun die christliche Gemeinde. «Was [er] (der Erlöser) uns
geworden ist, (konnte er) uns nicht allein durch seine Lehre werden, sondern es
gehörte dazu zugleich die Gemeinschaft der Gläubigen, welche er stiftete, so daß sich
das eine von dem anderen nicht trennen läßt» (4. Sonntag p. Epiph. 1833, III 470).
Die Schleiermachersche Kirche ist eine freie Vereinigung Gleichgesinnter, begründet
auf die gemeinsame Liebe zu Christus mit dem Zwecke gemeinsamen Betrachtens,
Fruchtbarmachens und Ausbreitens der von Christus empfangenen Anregung.
Schleiermacher ist ein entschiedener Vertreter der Idee einer freien Kirche, frei nicht nur vom Staate freilich (das auch, wie wir schon
gelegentlich hörten), sondern auch frei von jeder inneren Bindung außer derjenigen,
die durch die Gemeinsamkeit des subjektiven Erlebnisses in
seiner ganzen, durch |59 keinen Bekenntnisbuchstaben zu
fassenden, durch keine äußere Autorität zu normierenden Unmittelbarkeit [entsteht].
Das ist gemeint bei Sätzen wie etwa die folgenden: «Ihr wißt es
recht wohl, das ist nicht meine Meinung, daß wir hier zusammenkommen, ich um euch zu
erbauen, und ihr um durch mich erbaut zu werden: sondern daß ich nichts Anderes will
als mich selbst mit euch und an euch erbauen durch das göttliche Wort des Herrn und
Meisters, das wir uns gemeinsam ans Herz legen» (20. Sonntag p. Trin. 1831, III
102f.). Der Geist hat seinen Sitz in der Gemeinde als
solcher. Schleiermacher nennt es «eine klare und richtige Voraussicht»,
die die Apostel hatten, indem sie «die erste große Angelegenheit, welche in Frage
kam, in die Hand der Gemeinde legten». «Das, wovon sie bestimmt erwarteten, es werde
sich immer kräftiger [und allgemeiner] geltend machen, das suchten sie (so) selbst
ins Leben zu rufen» (Sonntag vor Pfingsten 1833, III 584). In der Gemeinde allein
haben die kirchlichen Ämter ihren Ursprung. Sie steht immer über denen, die ihre Diener sind. Kein Einzelner, der ein solches
Amt versieht, ist darum in besonderer Weise ein Sitz des Geistes (6. Sonntag nach
Ostern 1832, III 288). Die Apostel wollen sich von den übrigen Christen ihrer Zeit,
aber auch von uns durch keine besondere Dignität unterscheiden (13. Sonntag p. Trin.
1832, III 366). Ein prinzipieller Unterschied zwischen Spendern und Empfängern der
geistigen Güter würde das Wesen des Evangeliums verdunkeln, uns von dem unmittelbaren
Zusammenhang mit Gott, in dem wir alle stehen sollen, wieder zum Vertrauen auf
Menschen zurückführen. Im «Auftrage der Gemeine» nur geschieht aller besondere Dienst
des göttlichen Wortes (17. Sonntag p. Trin. 1832, III 396; vgl. auch Frühpredigt 12,
V 153). Ich möchte auch hier bitten, die Aufstellungen Schleiermachers mit denen der
reformierten Lehre von Kirche und Amt vorläufig unverworren zu
lassen, so ähnlich sie einander sehen mögen und so sicher es ist, daß wir es hier wie
in dem vorher berührten Punkt mit einer Modifikation reformierter Überlieferung, von
der Schleiermacher ja herkam, zu tun haben.
Zwei auffallende Merkmale des
Schleiermacherschen Gemeindegedankens möchte ich vorläufig festhalten. Das erste: Wie
der Schleier |60 machersche Christ im einzelnen ein beatus
possidens, so ist die Schleiermachersche Kirche im ganzen eine ecclesia
possidens. In der Gemeinde «erkennen wir die volle Offenbarung
des höchsten Wesens in dieser Welt», heißt es (2. Pfingsttag 1833, III 591).
Gebrochene, unvollkommene Strahlen des ewigen Lichts sind freilich die einzelnen
Kirchen als solche. «Aber wenn wir die Christenheit in ihrem ganzen Sein betrachten,
wenn wir für einen Augenblick das Auge des Geistes so erleuchten können und das Feuer
der Liebe in dem Inneren zu solcher Glut erwärmen, daß diese Verschiedenheiten uns
nicht mehr abstoßend berühren, dann finden wir in ihnen
zusammengenommen nicht nur den ganzen Christus, sowie den ganzen ungeteilten Geist Gottes, sondern wir schauen darin auch
den Vater an, der sich in dem Sohn offenbart hat, und übersehen es,
wie aus einem Mittelpunkte alle jene verschieden gebrochenen Strahlen des göttlichen
Lichtes ausgehen» (III 590). Ich erinnere an die schon zitierte Stelle (Frühpredigt
51, VI 183): «Das wahre Reich, das [er] (Christus) gestiftet, liegt nicht nur vor
unseren Augen da, sondern wir leben, weben und sind in ihm» und an jene Stelle aus
der Praktischen Theologie87 über die
Abrogation des Alten Testamentes: «Wir müssen die Zuhörer als Christen aufnehmen und
nicht als solche, die es erst werden sollen» (S. 239). Die Predigt über die Einladung
zum großen Abendmahl Lk.
14 [15-24] (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 93f.) geht aus von der
Supposition, daß «wir, die wir uns hier vereinigen, um gemeinschaftlich dessen zu
gedenken, der uns in das Reich Gottes berufen hat», nicht sowohl zu denen gehören,
die im Gleichnis erst eingeladen werden, sondern zu den Dienern, die die Einladung
auszurichten, weiterzugeben haben, nachdem wir selbst sie angenommen. Die
apostolische Mahnung, daß ein jeder sich also stellen soll, daß er seinem Nächsten
gefalle [Röm. 15,2], wäre
(nach der Neujahrspredigt 1833, III 445) nur dann unbegreiflich, wenn wir es in
unseren Nächsten «mit Menschen zu tun hätten, die außer unserer auf
Christus gegründeten Gemeinschaft mit Gott stehen … ; aber in dem Falle befinden wir
uns nicht!» Ein besonders starkes Stück leistet sich |61 der Meister bei der Auslegung des Wortes: «Ich bin
gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten» Mr. 2 [17b] (Frühpredigt 8, V 105f.): «Das (ist) nun nicht so zu verstehen, als ob alle die, welche in der
christlichen Kirche gehoren und erzogen sind, und von Jugend auf in den
Wahrheiten des Heils unterrichtet, auf dieselbe Weise wie die
Zeitgenossen des Erlösers erst müßten umkehren und ihren Sinn ändern — denn
dieser Sinn, welchen sich jene mit gänzlicher Aufgebung ihres Früheren erst aneignen
mußten, wird uns ja von Jugend auf eingeprägt …» M.a.W.: die Buße, die Jesus fordert,
erübrigt sich heutzutage für den Einzelnen im Blick auf die durch seine christliche
Erziehung ihm zukommende Generalbuße der christlichen Gemeinde, der christlichen
Geschichte als solcher, die so wenig wie das Vorhandensein des Geistes, des Lebens,
der Gemeinschaft mit Gott usf. etwa in Frage steht, sondern als mit dem Dasein des
Christentums (wohlverstanden nicht etwa als Ausfluß der Taufgnade, nicht etwa als
direkte Wirkung des Todes Christi oder des heiligen Geistes, sondern als mit dem
historischen, von Geschlecht zu Geschlecht sich übertragenden und fortsetzenden
Dasein des Christentums) gegeben vorausgesetzt wird. Die Frage nach
dem der Sache entsprechenden reinigenden, verbreitenden und darstellenden Handeln auf Grund dieser Voraussetzung muß und wird durch eine
christliche Ethik zur Sprache gebracht werden.88 Die Frage nach einem ursprünglichen Werden der Gemeinde,
nach einem Empfangen ihres Besitzes im strengen Sinn, sie ist in
der Gemeinde und für die Gemeinde keine Frage.
Umso mehr aber für uns, die wir uns über die hier gemachte Supposition jedenfalls
noch weitere Aufklärungen werden erbitten müssen.
Und nun noch das Andere: Wer ist nach Schleiermacher Glied der |62 christlichen
Gemeinde? Schleiermacher kann sich gelegentlich sehr bestimmt darüber aussprechen:
«Immer und ewig wird es wesentlich auf diese zwei Dinge ankommen: auf die Klarheit des Bewußtseins von dem göttlichen Ratschluß in Christo, der Würde, die Gott ihm mitgeteilt,
der Herrlichkeit, die Gott ihm gegeben, und auf eine Treue in seiner
Nachfolge, die durch nichts kann abgeschreckt und abwendig gemacht werden»
(6. Sonntag nach Ostern 1832, III 282). Aber daß das Kriterium für jene Klarheit und
für diese Treue doch im subjektiven Erlebnis liegt, das verrät sich in dem Triumph,
mit dem Schleiermacher am Anfang derselben Predigt (über die Apostelwahl des Matthias
Apg. 1 [21f.]) feststellt,
daß diese wichtige Entscheidung vor der Ausgießung des heiligen
Geistes stattgefunden habe, woraus für ihn folgt, daß diese Ausgießung doch nur zu
den wechselnden äußeren Dingen gehört, nur im Empfang eines höheren
Maßes, einer stärkeren Regung jener göttlichen Kraft
bestanden habe, während der Geist in der Gemeinde des Herrn immer derselbe bleibe, so
daß zu der Frage, ob jemand wiedergeboren sei aus dem Geiste, kein Anlaß vorliege
(III 277f.). Ist aber der Geist, der den Christen zum Christen macht, einmal
identisch mit der subjektiven Erregung, nicht in Frage gestellt durch die
Möglichkeit, daß er wehen könnte, wo er will [vgl. Joh. 3,8], so ist es nicht zu verwundern,
wenn die Abgrenzung der Christen von den Nichtchristen trotz jener bestimmten
Erklärung eine fließende wird (wohlverstanden nicht etwa unter
Berufung auf das Geheimnis Gottes, des Herrn, der allein die Seinen kennt [vgl. 2.Tim. 2,19], sondern unter
Berufung auf das Geheimnis des menschlichen Herzens, in das wir uns
nicht richtend eindrängen sollen, 8. Sonntag p. Trin. 1831, III 36). Schleiermacher
rechnet, wie wir in der Predigt über das Doppelgebot der Liebe [Mk. 12,28–34] (1. Sonntag p.
Epiph. 1834, III 773) hörten, nicht etwa mit einer zuvorkommenden, auch die
Ungläubigen umfassenden Liebe Gottes zum Menschen, wohl aber mit einer nicht nur
unzureichenden, sondern unbewußten und doch wirklichen Liebe des
Menschen zu Gott. Er meint (Frühpredigt 8, V
104f.), es gebe heutzutage in Vielen gar mancherlei, was sie auf den rechten Weg des
Lebens führt und was auch tatsächlich von Christo herrührt, was sie aber für ihr
Eigenes halten. Ja, es gebe |63 «in der Tat Keinen, welcher
nicht von Anfang an die Hilfe des Erlösers erführe und sich in seiner reinigenden,
stärkenden Behandlung befände». Solchen fehle dann eigentlich nur die rechte
Erkenntnis über den Ursprung dessen, was sie ohnehin sind und haben, eine Erkenntnis,
bei der sie sich immerhin «besser befinden» würden, «weil sie dann immer mehr
Veranlassung haben würden, zur Quelle zurückzukehren und unmittelbar aus ihr zu
schöpfen». Es ist begreiflich, und eben in diesem Zusammenhang wird es denn auch
ausgesprochen: daß die Buße des Einzelnen nach dieser Lehre von der Kirche keine
Forderung ist, die sich ein Glied der christlichen Gemeinde etwa stellen lassen müßte, ja daß schon die Frage: Habt ihr auch den
heiligen Geist empfangen? in der christlichen Kirche eine unerlaubte Frage ist. Es
scheint aber kaum zu vermeiden, daß dann auch jene Doppelforderung klaren Bewußtseins
von der Herrlichkeit Jesu und treuer Nachfolge ihm gegenüber herabsinkt zur
Beschreibung einer nur quantitativ verschiedenen höheren Stufe jener
selbstverständlich, naturhaft gegebenen Zugehörigkeit zu Christus, die prinzipiell
ebensowohl eine unbewußte wie eine bewußte sein kann. Das Primäre, was den Christen
zum Christen macht, was die Kirche begründet, ist eben nicht und soll nicht sein eine
ursprüngliche Begegnung Gottes mit dem Menschen, sondern die Mittelbarkeit einer
angeblich christlichen Geschichte, das Kontinuum der diese Geschichte durchflutenden
religiösen Erregung, der der Mensch (und darin hat Schleiermacher nur zu recht!) ohne prinzipielle Gefahr mehr oder weniger
beteiligt gegenüberstehen kann. Ob dieser Latitudinarismus das letzte Wort in der
Kirchenfrage sein könnte, wenn etwa Gott wirklich Gott und Geist wirklich Geist und
nicht Lebensstrom sein sollte, das ist eine andere Frage.
9. Wir haben (1.) Schleiermachers Anschauung vom Heilsgut kennen
gelernt, dann (2.-5.) seine Anschauung von Christus als dessen
Vermittler, (6.-7.) die Lehre von dessen Auswirkung und Fortpflanzung in der Menschheit, (8.) die Lehre von der Gemeinde als der Trägerin dieser Bewegung, und haben uns nun des Näheren
nach dem spezifischen Inhalt dieser letzteren, man könnte auch
sagen |64 nach Schleiermachers Lehre vom christlichen Leben zu erkundigen. Wenn ich nicht sehr irre, bekommen wir es
hier mit dem eigentlichen Nerv der Schleiermacherschen Verkündigung zu tun, mit den Gedanken, die zusammen mit der zuerst genannten Anschauung vom
Frieden vielleicht das eigentlichste Anliegen waren, das ihn auf die Kanzel führte.
Ich glaube ihn hier am besten und gerechtesten zu verstehen, wenn ich ausgehe von
seinen Äußerungen über das Gebet, «dieses so unentbehrliche, das
Wesen der Frömmigkeit darstellende und doch so geheimnisvolle Verhältnis», wie er es
einmal genannt hat (21. Sonntag p. Trin. 1833, III 677). Schleiermacher hat zwischen
1831 und 1834, wenn ich recht sehe, zweimal diesem Thema eine ganze Predigt gewidmet
(a.a.O. und 12. Sonntag p. Trin. 1831, III 56ff.). Nicht der äußere, aber der innere
Gang beider Predigten ist durchaus derselbe. Beide Male bildet das Gebet als
einzelner Akt der an Gott gerichteten Bitte um einzelne Dinge den in Frage gestellten
Ausgangspunkt. Beidemal stehen wir am Ende der Predigt vor dem Ergebnis, daß der
kritisch herausgeschälte Sinn des Gebets weder ein einzelner Akt noch ein Wunsch nach
einzelnen Dingen sein kann, sondern eine allgemeine und anhaltende Situation des
Menschen Gott gegenüber, die nach der Predigt von 1831 in der ungestörten Synthese
von Bitte und Dank, nach der Predigt von 1833 in der ebenso vollkommenen Identität
von ungestümem Anhalten und innerem tätigem Drang des Herzens besteht. Aber dieser
Unterschied ist nur eine Tonverlegung; auch die erste Predigt sagt im Sinn der
zweiten, daß nur denen gegeben werde, die selber auch geben, d.h. tätig sein wollen
für das Reich Gottes, und auch die zweite Predigt sagt im Sinn der ersten, daß das
rechte Bitten in der Bitte um das Geschehen des Willens Gottes zum Schweigen kommen
müsse. Die beiden Predigten klingen genau zusammen und ergänzen sich auf das
vortrefflichste. Es ist das christliche Lebensideal Schleiermachers in nuce, was wir
hier vor uns haben. Es handelt sich um eine in Form eines Kreises verlaufende
Bewegung, anhebend mit einer durch die zerstreuende Mannigfaltigkeit des tätigen
Lebens gebotenen inneren Sammlung des Menschen vor Gott bzw. in
sich selbst, aufsteigend in der Erkenntnis, daß solche Sammlung kein für sich allein
sich vollziehendes |65 Tun sein kann, sondern weil auf Gott
bzw. auf den im Innersten des Menschen selbst gegebenen Indifferenzpunkt der Vollkommenheit sich beziehend, doch nur als vergeistigende Sammlung
des ganzen Lebens gemeint sein kann, und also von jenem Höhepunkt wieder
herabsteigend zur nunmehr verklärten und immer mehr zu verklärenden Tätigkeit, um dann von da aus zu neuer Sammlung und Verinnerlichung als
etwas Einzelnem, für sich Geschehendem zurückzukehren. Der Nachdruck der
Schleiermacherschen Darlegungen liegt aber nicht auf dem Nachweis der Notwendigkeit
dieser Rückkehr von der Tätigkeit zur Sammlung,
sondern auf dem der Notwendigkeit des Ausgehens von der Sammlung
zur Tätigkeit. Schleiermachers Grundrichtung ist die ethische; auch darin verrät sich seine reformierte
Herkunft und Schulung, wobei ich immerhin Schule und Schüler auch hier zu
unterscheiden bitte. Suchen wir uns nun den charakteristisch Schleiermacherschen Weg
aus der Enge in die Weite, aus der Stille in die Welt, vom Beter zum Arbeiter im
einzelnen anschaulich zu machen. «Das Gebet ist Sache unseres
geistigen Lebens, die Unterhaltung unserer Gemeinschaft mit Gott, das lebendige
sichere Gefühl, daß, wie weit das menschliche Leben auch noch in Beziehung auf den
allmählichen Emporstieg des Menschen zur Herrschaft über die Erde durch Arbeit zurück
sein möge, doch schon jetzt das große Wunder Gottes an Allen in Erfüllung gehen
kann»89 (21. Sonntag p. Trin. 1832, III 424). In dieser
Definition von Gebet ist der Anfang und das Ziel dieses Schleiermacherschen Weges in
klassischer Weise zusammengefaßt. «Unterhaltung der Gemeinschaft mit Gott» zunächst
und an sich, dann aber und als solche Antizipation des Wunders Gottes, d. h. der
vollendeten Kultur im lebendigen, sicheren Gefühl.
66
Am Anfang steht «der natürliche Ausdruck … von dem Verlangen des
Menschen nach dem Ewigen» (auch das eine Schleiermachersche Definition des Gebetes,
11. Sonntag p. Trin. 1832, III 357). Dieses Verlangen erscheint nun zunächst als
etwas Besonderes, Isoliertes, von den übrigen Lebensfunktionen des Menschen
Unterschiedenes. Es handelt sich, wie Schleiermacher überall, wo er auf das Gebet zu
sprechen kommt, einzuschärfen sich sehr beeilt, um «die immer sich erneuernden
täglichen Bedürfnisse des Herzens zur Erhaltung des geistigen
Lebens» (12. Sonntag p. Trin. 1831, III 59), nicht zu vermischen (III 424) mit den
anderen und andersartig, nämlich durch Arbeit zu befriedigenden Lebensinteressen. So
möchte man in dem, was Schleiermacher «Geist» oder das «Geistige» nennt, zunächst
wirklich eine der Natur, dem Nicht-Geistigen überhaupt gegenüber wirklich überlegene
Größe zu finden vermuten. Und in der Tat: es «ertönt überall die Kunde vom Erlöser
und das Zeugnis von ihm nicht aus der Mitte des geschäftigen und vielfach bewegten
menschlichen Lebens», sondern sie «zieht
diejenigen, … welche begierig sind, das Zeugnis von dem Herrn zu vernehmen, … auf
eine Zeitlang hinweg von der unmittelbaren Teilnahme an dem
geschäftigen Treiben und von dem eigenen Bewegtsein durch die Dinge dieser Welt,
damit von nichts unterbrochen, durch nichts gestört (sei) dieses … Wort, daß der
Erlöser da sei … Und so sucht sich allerdings das Zeugnis des Herrn auch in jedem
Gemüte erst die tiefe Stille des Inwendigen90
auf, um in dieser sich zu verschließen und da erst zu einem eigenen neuen Leben zu
keimen» (4. Advent 1833, III 727). Im Anschluß an Jesu Seepredigt [Mk. 3,9] empfiehlt uns Schleiermacher,
«immer auch uns das Schifflein bereit (zu) halten, auf welches wir uns …
zurückziehen», nämlich um «dem Geistigen für sich Raum (zu) geben,
… uns den Dingen dieser Welt nie so ganz hin(zu)geben, daß wir den geistigen
Zusammenhang mit den Gleichgesinnten … uns ganz entzögen» (Frühpredigt 11, V 140f.).
Es dürfen über aller gottgewollten Kulturarbeit doch die innerlichen Bedürfnisse des
Menschen nicht vernachlässigt werden: «Wie augenscheinlich auch sei die |67 große Fülle der äußeren Güter, die durch Christum in die
menschliche Gesellschaft gekommen ist, nicht daraus, sondern nur aus dem
Bedürfnis eines jeden einzelnen Gemütes in Beziehung auf sein Verhältnis zu
Gott, nur daraus, wenn in dieser Beziehung ein jeder Christum als den Erlöser
erblickt, kann der wahre seligmachende Glaube in dem Gemüte des Menschen
erwachsen. Und darum müssen wir auch auf alle Weise diese Rückkehr in die
Stille des Gemütes aus dem Gedränge der Welt begünstigen» (Frühpredigt 21, V 271f.).
Man darf, wie einmal parabolisch ausgeführt wird91, nicht verweilen bei der Betrachtung der dankbaren Gaben
und Weihegeschenke, die, der christlichen Gemeinde dargebracht, in ihrem Tempel
aufgestellt sind (verwiesen wird z.B. auf die Tätigkeit des Staates für Ordnung und
Wohlfahrt), sondern soll eindringen in ihr inneres Heiligtum (2. Pfingsttag 1833, III
594f.). Es gilt also insofern nicht nur von dem Verhältnis der Kirche zum Staat,
sondern auch prinzipiell, was wir schon honen: «Das Reich, das [er] (der Erlöser)
bauen wollte, sollte ein ganz abgesondertes sein von dem bürgerlichen Verein»
(Frühpredigt 50, VI 171).
Aber dieser Anfang der Lebensbewegung muß nun eben doch überwunden werden. «Ist
[aber] das Wort erst aufgenommen in die Tiefen des menschlichen Herzens und keimt
daselbst, … o dann ist auch unser Leben nicht mehr nur wie das Zeugnis des Johannes
eine Stimme in der Wüste.» Das Leben Christi, welches nun in uns ist, soll
heraustreten aus der Wüste in die Welt, «und es soll dann keinen Unterschied mehr
geben zwischen der Wüste und Jerusalem, keinen
Unterschied mehr zwischen solchen Augenblicken der sich erneuernden
Sammlung in der Stille der Zurückgezogenheit (wiewohl sie uns immer teuer bleiben und
wert und wir ihrer auch bedürfen der mensch |68 lichen
Schwachheit wegen) und unserem tätigen Leben selbst»92 (4. Advent 1833,
III 728; vgl. auch Frühpredigt 25, V 319f.). Die Speisung der Fünftausend [vgl. Mk. 6,30–44] hatte den
Zweck, zu zeigen, daß der Erlöser «nicht wollte, daß die Verbindung der Menschen mit
ihm um des geistigen Lebens willen, welches er unter ihnen stiften wollte, … ihrem
äußeren Leben auf irgend eine Weise nachteilig werden (sollte)» (Frühpredigt 26, V
334). Den Beruf in der menschlichen Gesellschaft und den Beruf im Reiche Gottes
sollen wir nicht voneinander scheiden, heißt es nun ausdrücklich.
Wir müssen «alles, wozu jeder in der Gesellschaft verpflichtet sein kann, auch mit
aufnehmen in seine Verpflichtung für das Reich Gottes; ja wir müssen dies gleichsam
ansehen als den festen Platz, der jedem angewiesen ist bei jenem großen Mahl» (20.
Sonntag p. Trin. 1831, III 100). Wie kommt Schleiermacher zu dieser Wendung? Die
beiden Predigten über das Gebet geben auf diese Frage die klare Antwort: indem der
Mensch im Gebet Gott sucht und findet, findet er den Indifferenzpunkt jenseits des Gegensatzes von Ruhe und Bewegung,
Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit: Gebet kann nach Jesu Vorbild nur das Ende aller
eigenen Wünsche (III 66), nur die Richtung auf den Willen Gottes
sein, also ist Gebet nicht als etwas Besonderes neben der Gemeinschaft mit Gott überhaupt zu unterscheiden, also auch nicht von jeder ihm
wohlgefälligen Tätigkeit in seinem Reich (so besonders 21. Sonntag
p. Trin. 1833, III 682-687). Unaufhaltsam kommt es, nachdem diese Schleuse einmal
geöffnet ist, zur unauflöslichen und vollständigen Amalgamierung zwischen
christlichem und kulturellem Leben. Der Schleiermachersche Christ entpuppt sich (wir
werden uns nach dem, was wir bereits über das Wunder und über das allgemeine Ziel der
von Christus ausgehenden Lebensbewegung gehört haben, nicht darüber wundern), indem
er aus dem Sanktuarium der |69 innerlichen Sammlung nach
kurzem Aufenthalt neu gestärkt heraustritt, als der wirklich ideale Kulturmensch, der
sich von Anderen seinesgleichen nur dadurch unterscheidet, daß er weiß, was er mit
seiner Kulturarbeit will, nämlich die gottgewollte Beherrschung der Natur durch den
Geist, der aber eben darum freudiger, ungehemmter, freier, geradliniger als jeder
Andere seinesgleichen bekennen darf: homo sum, nihil humani a me alienum puto93. Sie erinnern sich jenes
Schlusses der letzten Neujahrspredigt: «In dem Frieden des Herrn (sind) alle Güter
eingeschlossen, die uns entgegenglänzen als Gegenstände unseres Bestrebens sowohl in
dem geistigen und inneren als in dem äußeren und öffentlichen Leben» (III 764). «Alles, was wir tun vermöge der geistigen Kraft, mit welcher Gott das
menschliche Geschlecht ausgerüstet hat, (ist) ein Werk Gottes …, von dem die Gabe
kommt» (6. Sonntag p. Epiph. 1832, III 184). «Alles, was das wahre
Wohl der Menschen betrifft in allen ihren Angelegenheiten, (steht)
in einem nahen Zusammenhang mit dem Reiche Gottes» (5. Sonntag p. Trin. 1832, III
317). «Von allem Großen und Guten werden wir wissen, daß es von ihm
ausgeht, daß es sein Segen ist und daß sein Wert94 darauf beruht, daß es gebraucht wird zu seinem Preise und (zu)
seiner Verherrlichung» (1. Sonntag p. Epiph. 1833, III 458). Es kann sich — wir
bekommen bei Schleiermacher bereits so ziemlich alle bezeichnenden Termini des in
seinen Bahnen wandelnden modernen Christentums zu hören — nur darum handeln, daß die
Gottseligkeit Alles veredle, indem «sie Alles auf das geistige
Leben bezieht» (14. Sonntag p. Trin. 1831, III 74), daß die neutestamentlichen
«weisen Sprüche» des Herrn angewendet werden auf das Leben (2.
Pfingsttag 1833, III 596), daß wir alle Verhältnisse des menschlichen Lebens durchdringen mit dem Leben, welches Christus gebracht hat (4. Advent
1833, III 728). Und diese Anweisungen finden ihre objektive Sicherung in einer
ungehemmt vollzogenen Zusammenschau der über dem tatsächlichen allgemeinen Gang der
menschlichen Dinge waltenden Vorsehung mit den Zwecken des
geistigen Reiches Gottes, in der |70
Beteuerung, «daß alle Fügungen auf das Reich Gottes sich beziehen» (Frühpredigt 27, V
346), daß die «göttlichen Ordnungen in dem gesamten Gebiet der menschlichen Dinge
ganz und gar auf Christum gestellt sind, auf dieses Heil, welches Gott durch ihn den
Menschen95 gegeben
hat» (Neujahr 1832, III 144). «Es geschieht Alles so, wie es geschieht, zur Förderung des
Reiches Christi» (S. 147)
📖. Die Säkularisierung des christlichen Lebens wird also sozusagen auch in den
Himmel projiziert. Daß es bei dem allem ohne interessante Umdeutungen der biblischen
Texte auch hier nicht abgehen kann, das dürfte begreiflich sein. «Seine
Sorge auf den Herrn werfen» [1.Petr. 5,7] bedeutet z.B. «zunächst vertrauen auf die
gemeinsame Kraft derer, welche zu dem Guten verbunden sind, vertrauen auf die von der
Frömmigkeit unterstützte Weisheit derer, welche das Ganze vermöge einer göttlichen
Anordnung leiten», dann freilich auch, aber man sicht nun nicht mehr, mit welchem
inneren Recht, auf den Herrn selber (4. Sonntag p. Trin. 1831, III 19). «Nicht wider den Stachel löcken» [Act. 9,5] wie Paulus, bedeutet «mit der verborgenen
treibenden Gewalt» gehen, d.h. «Recht, Licht und Ordnung … festzustellen und geltend
zu machen» suchen (9. Sonntag p. Trin, 1832, III 348). Der «Glaube, der
Berge versetzt» [vgl. Mk.
11,23], besteht darin, «daß wir frisch fortschreiten sollen auf dem Wege,
der uns angewiesen ist zu gehen, und frisch Alles tun, was uns vorhanden kommt zu
tun, und uns immer geschickter machen zu jedem Werk, was von dem Menschen Gottes
gefordert werden kann»; also: «Wenn ihr Glauben hättet, sagt er zu seinen Jüngern, so
würdet ihr in eurem Beruf alle Schwierigkeiten überwinden, alle Hindernisse aus dem
Wege räumen» (9. Sonntag p. Trin. 1833, III 663, 656).
Vier Begriffe sind es vornehmlich, die für die in diesen Predigten als Erscheinung
christlichen Lebens dargestellte Kultur bezeichnend sind. Alle sind uns schon öfter
begegnet und bedürfen nur noch kurzer Beleuchtung. Einmal der Gedanke des Fortschritts. Erinnern Sie sich an das typische «Immer mehr» und an
den «bis an den Himmel hinaus» sich aufbauenden Tempel des Guten96. Es versteht sich für |71
Schleiermacher von selbst, daß auch Christus seine Jünger «nicht … auf einmal aus der
Finsternis in das vollste Licht, in den hellsten Glanz der Wahrheit» versetzt,
sondern sie schrittweise vorwärts geführt, allmählich dem Ziele näher gebracht habe
(13. Sonntag p. Trin. 1832, III 366). Ist einmal das Göttliche einem geschichtlichen
Kontinuum gleichgesetzt, wie es bei Schleiermacher der Fall ist, so ist es nur zu
wohlverständlich, daß sich alle Parrhesie, alles Pathos der Verkündigung gerade auf
diesen Begriff stürzen, daß gerade in ihm der anderweitig nicht ganz zu seinem Recht
kommende Glaube an die unsichtbaren Dinge seinen Ausdruck suchen und finden muß. Aber
es bleibt doch eine denkwürdige Sache, daß am Neujahrstag 1833 nicht etwa von der
Rednertribüne eines schweizerischen Schützenfestes, sondern von der Kanzel des ersten
Theologen des Jahrhunderts Worte wie die folgenden zu vernehmen waren: «Sind wir
nicht ein glückliches, ein wohlbehaltenes Volk, wir mögen uns ansehen aus dem einen
oder aus dem anderen Gesichtspunkt? Wohnt nicht das Wort Gottes reichlich unter uns;
hat sich nicht das Gefühl für die Segnungen desselben aus einem fast erstorbenen
Zustande wieder sowohl stärker hervorgehoben als auch weiter verbreitet? … Müssen wir
es nicht gestehen, daß der christliche Glaube, daß die auf das Bild des Erlösers
gegründete und an ihm haltende Frömmigkeit edler, freier von dem Joche des
Buchstabens erstanden ist, als sie es vorher unter uns war? Müssen wir nicht dasselbe
sagen, wenn wir auf unseren bürgerlichen Zustand sehen? … Ist nicht ein lebendigeres
Bewußtsein von unserer Zusammengehörigkeit in uns? … So sind wir denn
solche, die nichts anderes brauchen in unserem kirchlichen sowohl als bürgerlichen
Leben als nur, daß uns Gott erhalte auf der Bahn, auf der wir wandeln, so daß wir
uns eines ungestörten Fortgangs erfreuen können» (III 437).
Der zweite bezeichnende Kulturbegriff in diesen Predigten ist der der Tätigkeit oder des Berufes. Hier ist einer von den
Punkten, wo Schleiermacher und Ritschi sich die Hand reichen.
«Jeden Augenblick mit Besonnenheit um sich schauen können, um nichts zu verabsäumen
von dem, was zu den Arbeiten des Berufs, was zu den Aufgaben des Augenblicks gehört»
(14. Sonntag p. Trin. 1831, III 76). Das ist |72
Schleiermacher, wie er leibt und lebt. Im Reiche Gottes ist der Gegensatz von
Plichterfüllung und Genuß aufgehoben. Jedes Werk ist der gottgeweihten Seele auch
Genuß, nichts ist für sie Genuß, was nicht auch Tätigkeit wäre (20. Sonntag p. Trin.
1831, III 99, vgl. Neujahr 1832, III 152). Der Blindgeborene Joh. 9 [1-41] wird gelobt: er
wollte nicht mehr von der Mildtätigkeit Anderer leben, er «war ein solcher, der gern
mit seinen Kräften den Beruf des Menschen auf der Erde erfüllen wollte» (6. Sonntag
p. Epiph. 1832, III 189). Wogegen in der Erzählung von der Berufung des Levi [Mk. 2,13–17] Jesus in
Schutz genommen werden muß gegen den schrecklichen Verdacht, daß er durch sein «Folge
mir nach!» dem Zöllner Veranlassung gegeben habe, «ein ihm anvertrautes Geschäft zu
seinem und der allgemeinen Sache Schaden zu vernachlässigen. Das kann der Erlöser
niemals gewollt haben» (Frühpredigt 8, V 98). Über das Verhältnis des heiligen
Geistes zu diesem Kulturbegriff wird in der mehrfach zitierten Philippuspredigt
gesagt: das sei die Natur der menschlichen Dinge: «Alles Neue und gleichsam (!)
Ursprüngliche kann nur durch solche lebhafte Erregung des Menschen in seinem Inneren,
durch solchen oft unbegreiflichen Zug des Gemüts beginnen; aber dieses darf immer nur
der Anfang sein von einer regelmäßigen und zusammenhängenden Tätigkeit, von einem
wohlgeordneten Werk, das in die gesamte gottgefällige Tätigkeit Aller eingreift» (III
334).
Der dritte beherrschende Gedanke, der mir
hier aufgefallen ist, ist der der Ordnung. Die ersten Worte des
Textes, die in der Predigt über die Speisung der Fünftausend [Mk. 6,30–44] zur Erörterung
kommen, sind merkwürdigerweise die: «Und sie setzten sich nach Schichten, je hundert
und hundert, fünfzig und fünfzig.» «Die Ordnung (machte der Erlöser) zu der Bedingung
…, unter der allein er vermochte, sich auf solche Weise in die äußeren Verhältnisse
des irdischen Lebens einzumischen», sie «ist die Bedingung, unter der allein das
Geistige und das Leibliche miteinander bestehen können, … unter der nicht das
Geistige über dem Leiblichen untergeht» (Frühpredigt 26, V 329-330). «Die
Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des
zukünftigen Lebens» [1.Tim. 4,8], wird ein anderes Mal gepredigt. Ihre erste Verheißung |73 ist die, daß sie die ganze irdische Erscheinung des Menschen «zu einem
Gegenstand des Wohlgefallens» macht. Was aber ist zu diesem Wohlgefallen das
Wesentlichste und Unentbehrlichste, die Grundlage? «Keine andere als Sauberkeit und
Reinheit, Ordnung und Ebenmaß. Wo wir diese … finden: da fühlen wir uns angenehm
befriedigt, denn wir merken das Walten des Geistes» (14. Sonntag p. Trin. 1831, III
70f.). Und daß es bei Gott möglich ist, daß ein Reicher in das Reich Gottes kommt
[vgl. Mk. 10,27], das wird
kühn dahin gedeutet, daß in einer an Erfindungen und Fortschritten so reichen Zeit
wie der unsrigen das Nötige geschehen müsse, um in rechter Weise «die Herrschaft der
Ordnung, der Sitte und der Zucht in allen menschlichen Dingen an die Stelle der
Laune, der Willkür, der Eigenmacht zu setzen» (5. Sonntag p. Trin. 1833, III 639). In
diesen Zusammenhang gehört auch Schleiermachers öfterer Hinweis auf den Staat, dessen Zweck er nicht nur in der Aufrechterhaltung von Ruhe und
Sicherheit sicht, sondern in der Organisation der Kräfte zur zweckmäßigen und
vollständigen Durchführung der Kulturarbeit (Frühpredigt 50, VI 170). Er verlangt,
obwohl sein Ideal die staatsfreie Kirche ist, «daß sich der Geist des christlichen
Lebens auch im bürgerlichen Leben abspiegele und darin erkannt werde». Christliche
Völker sollen sich von anderen Völkern unterscheiden in der Verwaltung der Gesetze
und der öffentlichen Ordnung (Frühpredigt 30, V 375). Daß er dieses Postulat im
preußischen Staate von dazumal in hohem Maße schon erfüllt gefunden
hat, haben wir bereits gehört97. Darum konnte
er im Frühsommer 1831, als die Cholera sich Berlin näherte, seiner Gemeinde
zusprechen, sie möchte alles Sorgen für die Zukunft denen überlassen, die dazu
bestellt seien. «Alles dasjenige, was zu irgend einer bestimmten Kunst der Berechnung
menschlicher und natürlicher Dinge gehört, das ist auch unter uns überall [die] Sache
eines besonderen Berufes», in diesem Fall der öffentlichen schützenden Gewalt, d.h.
der königlichen Sanitätsbehörde, die nun nur durch die «allgemeine Stimmung»,
nötigenfalls durch das «Gericht der Öffentlichkeit» in ihrem heilsamen Tun
unterstützt werden müsse (4. Sonn |74 tag p. Trin. 1831, III
14, 17f.). Darum konnte er im Sommer desselben Jahres, als mit der Julirevolution
zusammenhängende öffentliche Unruhen viel von sich reden machten, dringend dazu
auffordern, sich nicht neutral zu verhalten, sondern sich mit den Bemühungen der
Behörden zur Aufrechterhaltung der Ordnung kräftig zu vereinigen (10. Sonntag p.
Trin. 1831, III 50f.):98 Ich möchte
gerade diese Revolutionspredigt Schleiermachers, die in einem ausgezeichnet ruhigen
und sachlichen Geist auf die Dinge eingeht, für eine seiner besten aus dieser Zeit
halten, nur daß leider die ganz verfehlte exegetische Grundlage einen auch hier zu
keiner rechten Freude kommen läßt.
Diese Predigt führt mich nun übrigens auf das vierte von den
Prinzipien, in deren Proklamierung die Schleiermachersche Predigt praktisch ausläuft.
Man wird hier nicht anders als mit großem Repekt von Schleiermachers Einsicht und
Weitsicht reden können; denn dieses vierte Prinzip ist kein anderes als das des sozialen Ausgleichs. Es ist das, wie die Frage der Absolutheit des
Christentums, eines von den Themen, die in diesen Predigten immer wieder anklingen
und erörtert werden, m. W. ohne daß diese Seite der Schleiermacherschen Ethik schon
einmal im Zusammenhang untersucht und dargestellt worden wäre. Auch in einem
Spezialwerk wie Uhlhoms Geschichte der christlichen
Liebestätigkeit99 ist sie merkwürdigerweise unerwähnt geblieben. Es wird sich schon im Hinblick
auf das aktuelle Interesse der Sache lohnen, kurz darauf einzutreten. Schleiermacher
begnügt sich in jener Revolutionspredigt nicht damit, zur Aufrechterhaltung der
staatlichen Ordnung aufzufordern, sondern kehrt ziemlich überraschend den Spieß um
mit der Anklage gegen die höheren Klassen der Gesellschaft, daß solche Ausbrüche auf
eine «große gemeinsame Schuld» hinwiesen. Was haben wir getan, um
die Folgen der durch die materiellen Verhältnisse bedingten großen geistigen
Ungleichheit unter den Menschen gutzumachen? Könnte dieser ge |75 drückte Teil unserer Brüder so tief sinken, wenn wir uns nicht so oft
von ihm gesondert, ihn immer nur als Objekt gewaltsamer Bändigung angesehen hätten?
Das muß anders werden, und zwar am wenigsten durch Wohltätigkeit,
wohl aber durch Aufrichtung geistiger Gemeinschaft mit jenen, durch die
verpflichtende Einsicht, daß wir unsere geistigen Vorzüge auf Grund dieser äußeren
Ungleichheit der Menschen besitzen und dadurch aufgefordert sind, um so mehr unsere
Gleichheit vor Gott mit ihnen zu betätigen. Möchte man sich besonders der
heranwachsenden Jugend dieses Teils der Gesellschaft annehmen,
möchte aber jeder in seinem Kreise das Seinige tun, anzuklopfen an den Herzen unserer
Brüder, aber nicht, um uns gegen sie zu schützen, sondern so, daß
es ihnen unabweisbar klar wird, daß es wahre Liebe ist, welche sich in uns regt gegen
sie (S. 52–55). Noch im selben Sommer tut dann aber Schleiermacher offenkundig noch
einen weiteren Schritt. Hatte er in jener Predigt noch gemeint, in
bezug auf die äußere Ungleichheit in der Gesellschaft werde wohl
nichts zu tun sein, so erklärt er im Herbst ausdrücklich, angesichts der Tatsache,
daß die drückenden Sorgen für das äußere Leben vielen Menschen keine Kraft übrig
lasse für den geistigen Genuß, müsse es das Ziel unserer gemeinsamen Tätigkeit am
Reiche Gottes sein, «daß diese zu große Verschiedenheit der äußeren Lage
immer mehr ausgeglichen werde» (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 103).
Interessant ist es festzustellen, daß er sich inzwischen (16. Sonntag p. Trin. 1831,
III 84) — ein Lichtblick in seinem sonst etwas trüben Verhältnis zur Bibel — darüber
klar geworden ist, daß ein Wort Jesu wie das: «Alles, was ihr wollt …» [Mt. 7,12] in «das
ganze Gebäude eines solchen menschlichen Daseins wie das unsrige» gar nicht
passe, sondern eine Gleichheit voraussetze, «die gar nicht vorhanden
ist». Einig gehen mit der «verborgenen heilenden Gewalt», das heißt ihm im
folgenden Sommer (9. Sonntag p. Trin. 1832, III 348) u. a. «nicht dem
Voteil von diesem oder jenem Teil der Gesellschaft dienen, sondern einer
solchen Einrichtung der menschlichen Dinge nachtrachten, wodurch am sichersten der
Gewalt des Bösen gesteuert und es den Menschen erleichtert wird, in den göttlichen
Willen einzugehen». Und gleich in der folgenden Predigt führt er aus, wenn die
gottgewollte Kultur |76 einerseits der Anlaß zu der großen
äußeren Ungleichheit unter den Menschen geworden sei, so sei andererseits ebenso
notwendig die Einsicht, daß Gott den Armen und den Reichen nicht nur nebeneinander, sondern für einander gemacht habe, daß jener äußeren Ungleichheit kräftig entgegengewirkt werden müsse.
Früher oder später müsse es dahin kommen, daß das Almosengeben nicht mehr nötig sei.
Mangel und Elend dürften in einem christlichen und gebildeten Volk einfach nicht vorkommen (11. Sonntag p. Trin. 1832, III 352-355). Die soziale Ungleichheit, beruhend auf einer falschen Folge der Kultur, also die soziale Fürsorge [sei] eine Sache des Rechtes, heißt es auch (17. Sonntag p. Trin. 1832, III 390f.), und
Schleiermacher hat es nicht verschmäht, hier ein längeres Votum für das Versicherungswesen einzulegen («jenes löbliche Bestreben, welches darauf
ausgeht, daß wir uns im voraus so viel als möglich unter einander Gewähr leisten
sollen für alle Unfälle, welche uns im geselligen Leben treffen können», S. 392); und
wieder wird im Frühsommer 1833 (3. Sonntag p. Trin. III 620f.) im Vorbeigehen
eingeschärft: Die bestehende Ungleichheit ruft nach Gegenseitigkeit. «Die Mächtigen und Reichen
leben von den Anstrengungen der Niedrigen und Dürftigen, indem sich diese gefallen lassen, in solcher Ordnung der Dinge zu
bleiben.» Sie sind «Wohltäter» der Reichen so gut wie umgekehrt. Man beachte ferner
Frühpredigt 10, V 127f., wo von der Sonntagsheiligung die Rede ist:
die Tatsache, daß so Viele nicht anders können als auch sonntags zu arbeiten, soll
nicht wie in England zu rigorosen Maßnahmen dagegen veranlassen, die, solange die
Ungleichheit einmal herrscht, sinnlos sind, wohl aber dazu, uns dieser «gemeinsamen
Unvollkommenheit» zu schämen und zu «schaffen, daß es damit besser werde». Und Frühpredigt 33, V 407, wo eine Verkürzung der Arbeitszeit für alle körperlich Arbeitenden verlangt wird, teils als
Voraussetzung der Pflege des geistigen Lebens, teils als ihre notwendige Folge. Und
noch in jener letzten Neujahrspredigt von 1834 (III 754f.) ist Schleiermacher auf die
unter den verschiedenen «Ständen und Abteilungen der Gesellschaft» bestehende
feindselige Eifersucht zu reden gekommen, auf die neuen, allmählich sich
vorbereitenden, plötzlich sich entwickelnden Gärungen, «von denen |77 wir niemals wissen können, wieviel Verderben sie noch herbeiführen
werden, wie weit sie sich fortwälzen können», und hat, da völlige Gleichheit nach
vielfältiger Erfahrung nur in kleinen Kreisen durchzuführen sei, einer höheren Gleichheit unter Voraussetzung der bestehenden Ungleichheit: wenn
ich recht verstehe, einem edlen Sozialliberalismus das Wort
geredet.
Wenn man bedenkt, daß das alles zu einer Zeit gesagt ist, in der erst die Vorläufer der sozialen Bewegung und des Sozialismus auf dem Plan
waren [die französischen Utopisten St. Simon (1760–1825) — 1832
eine Schrift von Bretschneider «Der St. Simonismus und das
Christentum»100 und Charles Fourier (1772–1837) und der Engländer Robert Owen (1771–1858)]101, und wenn man ferner bedenkt, wie vergeblich man etwa in den
gleichzeitigen pietistischen Predigten, bei einem L. Hofacker z.B.,
nach aufrüttelnden Tönen in dieser Richtung suchen würde, so kann man nicht umhin
festzustellen, daß Schleiermacher hier trotz oder mit oder wegen seiner Kulturtheologie mit Offenheit des
Blicks und kräftigem Wort ein Wächteramt versehen hat, das sonst und nachher sehr
verhängnisvoller Weise in der evangelischen Kirche solange vernachlässigt wurde, bis
es zu spät war. Ob die Schleiermachersche soziale Botschaft von der höheren
Gleichheit in der notwendigen, aber milderungsbedürftigen und milderungsfähigen
Ungleichheit in der Gesellschaft genügt hätte, den nahenden Sturm
gegen Gesellschaft und Kirche zu beschwören, auch wenn sie durchgedrungen und von der
übrigen Kirche aufgenommen worden wäre, ob die Schleiermachersche Parole von der
christlichen Durchdringung der Verhältnisse, wie sie mehr als ein halbes Jahrhundert
später, nicht in elfter Stunde, sondern als die zwölfte schon verhängnisschwer
geschlagen hatte, der moderne Protestantismus wieder aufgenommen hat, ohne sich in
diesem Fall seines Kirchenvaters zu erinnern102 — ob diese Parole den anstürmenden Ele |78 mentargewalten Kapital und Proletariat gegenüber nicht
zum vornherein aussichtslos war, das sind Fragen für sich; aber daß
Schleiermacher das Problem gesehen, und zwar trotz seines auch hier triumphierenden
Fortschrittsoptimismus gemessen an dem, was damals überhaupt zu sehen war, nicht
unscharf gesehen, seine Bedeutsamkeit für das Christentum erkannt und laut und
warnend zu der christlichen Gemeinde davon geredet hat, das sollte ihm nicht
vergessen werden.
10. Ich möchte nun die Schleiermachersche Sonntagspredigt der letzten Jahre noch
unter einem letzten Gesichtspunkt mit Ihnen durchgehen, nämlich, nachdem wir uns im
Bisherigen ganz an das Positive gehalten haben, mit der Frage: was will er nicht? was lehnt er ab und wovor
warnt er? Ich deutete schon einmal an: es wird in diesen
Predigten nicht wenig polemisiert. Sie werden sehen, daß uns der
Versuch, die allgemeine Richtung dieser Polemik festzustellen,
nicht nur eine wichtige Bestätigung und Ergänzung unseres bisherigen Befundes,
sondern sogar für sich ein abgerundetes kleines Bild des ganzen Mannes einbringen
wird.
Sie werden sich mit mir an dem Paradoxon nicht stoßen, wenn hier zunächst allgemein
zu sagen ist: Schleiermacher streitet gegen allen Streit, gegen
alles, was aus dem Streit kommt und zum Streit führen könnte, er wird böse gegen Jeden, der
sich erlaubt, böse zu werden, scharf gegen alle und jede Schärfe, er kämpft und
eifert um Frieden und Harmonie, er ist erfüllt von der Leidenschaft der Vermittlung,
des Ausgleichs, der Abdämpfung aller Leidenschaft. Damit ist das Bild des
Christentums gezeichnet, das Schleiermacher, vertreten durch Kollegen oder in der
Literatur oder unter den Laien selbst, sich gegenübersah und vor dem oder vor dessen
Gefahren er die Gemeinde warnen und zurückhalten wollte. Wollen wir die Sache bei
ihrem historischen Namen nennen, so wird man sagen müssen: es ist die neue pietistische Orthodoxie, im damaligen Berlin vor Allem vertreten
durch den reisigen Alttestamentler und Kirchenzeitungsredakteur Hengstenberg, die Schleiermacher, wenn er Nein sagte, im Auge hatte. Der
Widerpart dieser Richtung, der in unaufhaltsamem Niedergang begriffene Rationalismus,
ist es darum nicht, weil er in dem damaligen |79 Streit der Parteien in der Hauptsache der leidende, der angegriffene
Teil war und durch Starrheit, Engherzigkeit, Streitlust usf. dem Schleiermacherschen
Genius, so fremd er ihm sonst war, keine Angriffsflächen bot. Er wird darum links
liegen gelassen, nur gelegentlich als auch eine innerhalb des
großen Friedens berechtigte Möglichkeit anerkannt und in Schutz genommen, und an ihm
vorbei richtet sich der Schleiermachersche Angriff (bzw. Schleiermachers Angriff
gegen alle Angriffe) gegen rechts und nur gegen
rechts. Rationalistisch eingestellte Zuhörer konnten sich in Schleiermachers Predigt
jedenfalls direkt kaum in ihren Belangen gestört und angefochten
fühlen; verirrte sich dagegen ein Angehöriger eines der pietistischen Cercles, wie
sie das damalige Berlin kannte, oder ein studienreisender Candidat aus der
süddeutschen Erweckungsbewegung wie mein Namensvetter Chr. G. Barth
in die Dreifaltigkeitskirche103, so mußte er bald merken, was die Glocke geschlagen hatte, und an dem nötigen
Befremden und Kopfschütteln von dieser Seite hat es denn auch wirklich nicht
gefehlt.
Ich will die Reihe der Schleiermacherschen Negationen der Übersichtlichkeit halber in
drei Gruppen einteilen, die im einzelnen natürlich überall ineinander übergehen und
tatsächlich nur verschiedene Etappen derselben Abwehr- bzw. Angriffsbewegung sind.
Die erste ist die auffallendste, die zweite ist die bezeichnendste, die dritte die eigentlich entscheidende.
1) Also das Auffallendste zuerst: Schleiermacher ist ein Gegner aller scharfen Gegensätze und Trennungen in der christlichen Gemeinde. Er versäumt
kaum eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß alle Kanten und Ecken, durch die sich
die einen Christen etwa von den anderen abheben könnten, nur sichtbar werden dürfen,
um sofort wieder unsichtbar zu werden, hinzuweisen auf «die großartige Milde des
Erlösers, welche die Christen nicht genug beherzigen können; sie ist weit entfernt
von jener104 ausschließenden
Art, in die |80 wir gar leicht verfallen, wenn wir gewahren,
daß Andere nicht mit uns in jedem Satz und jedem Worte übereinstimmen, nicht ebenso
urteilen über Alles wie wir … Darum laßt uns von Allem der Art, was noch die Spur
solches ausschließenden Wesens an sich trägt, gänzlich uns frei machen, laßt uns dies
immer mehr als das allein Heilsame erkennen und es uns tief in das Herz einprägen,
daß wir in seiner milden, seiner schonenden, seiner liebevollen Gesinnung sein Reich
zu fördern suchen» (Frühpredigt 39, VI 39f.). Sie erinnern sich105 (Frühpredigt 50, VI 177), wie, exegetisch etwas
unglücklich, an dem Gegensatz von Pharisäern und Sadduzäern zu zeigen versucht wird,
daß «jeder seinen eigenen Weg der Erforschung gehen, aber jeder im Geist der Liebe
sich aussprechen und keiner von den Anderen sich trennen soll»106. Ähnliche
Betrachtungen werden angestellt über den Streit der Griechen und Hebräer in der
jerusalemischen Gemeinde, Apg. 6
[1] (3. Sonntag p. Trin. 1832, III 309) und über das Verhältnis der Starken
und Schwachen in Rom, Röm. 14
[1ff.] (Neujahr 1833, III 440107). Das
Wort vom «Sich freuen mit den Fröhlichen …» [Röm. 12,15] wird (6. Sonntag p. Trin. 1831, III 29f.)
auch so angewendet: auch der Kampf in Angelegenheiten des Reiches Gottes soll uns
nicht hindern, ein Mitgefühl immer mit beiden Teilen zu haben, «ein Mitgefühl … auch
für die Schmerzen, welche Andere über uns empfinden, weil wir auf
andere Weise, als sie es für recht halten, den Menschen zu helfen kommen». Es gibt
(Frühpredigt 13, V 162f.) nichts Verkehrteres für alle diejenigen, «denen in der Tat
das Heil der Menschen am Herzen liegt», als — blinden Eifer. Man soll «auch in dem,
was wir für falsch und verkehrt halten, die Spuren der Wahrheit aufsuchen, und nur
indem wir diese hervorsuchen und beleuchten, können wir einen rechten und
aufrichtigen Streit führen gegen das Falsche, was sich damit vermischt». Oder (20.
Sonntag p. Trin. 1831, III 105): «Die eine und selbige Kraft der Erde bringt tausend
verschiedene Gewächse hervor; |81 aber seht auf die schönste
Pracht des Gartens, geht zu den unscheinbarsten Blumen des Feldes: die Biene summet
und dreht sich hinein in diese wie in jene, und
aus allen trägt sie denselben köstlichen Honig zusammen. Möchten
wir uns als solche Bienen vor unseren Brüdern zeigen, die gelernt haben, den Honig
aus Allem zu ziehen, worin sich etwas findet von der einen geistigen Lebenskraft!» An
den Text «Wenn sie euch aber nicht aufnehmen noch hören, da gehet von dannen heraus
…» [Mk. 6,11] wird
(Frühpredigt 23, V 298f.) fast flehentlich die Ermahnung geknüpft, nicht so lieblos
zu sein, sich nicht einmal anzuhören: Wenn Andere «uns dazu wählen, um uns
vorzutragen, was sie für heilsam erachten, ist nicht das schon ein Zug der Liebe? …
Urteilen wir aber im voraus ab …, so vermögen wir ja auch nicht, unsere Wahrheit ihnen anzupreisen und sie geltend zu machen. … Keiner hat
ein Recht, von sich zu glauben, daß seine Ansicht, seine Überzeugung ganz das Werk
des christlichen Geistes sei, daß darin auch nichts Menschliches
und Irriges sei.» Umgekehrt ist der Geist Christi in Allem, was sich «mit dem ewigen
lebendigen Wort beschäftigt». Wo diese Erkenntnis nicht ist, «da kann es keine
Verbesserung der Einsicht, des Lebens geben, da können die menschlichen Dinge nicht
fortschreiten». Das in diese Richtung sich jedenfalls nicht ohne weiteres fügende
Wort: «Wer ist meine Mutter und meine Brüder?» Mr. 3 [33] wird (Frühpredigt 14, V 175) dahin ausgelegt,
wir könnten eigentlich nie in die Lage kommen, diese Regel des Erlösers anzuwenden,
da der Zwiespalt zwischen den «natürlichen Verhältnissen» und dem Glauben unter uns
kaum mehr vorhanden sei. «Solche Störungen, wenn sie in unseren Tagen vorfallen,
(beruhen) doch weit mehr auf der Einbildung …, als daß sie einen wahren Grund
hätten.» Wir dürfen nur Solche kennen, mit denen wir uns verständigt haben, und Solche, mit denen wir uns verständigen müssen.
«Ist hier irgend eine Gelegenheit und Veranlassung zum Streit? kann hier ein
wohlgeordnetes Gemüt eine Aufforderung (emp)finden, ein natürliches Band zu
zerreißen?»108 Und ebenso eindringlich wird (3. Sonntag p. Epiph. 1833, III 465f.) das
gleichfalls |82 etwas widerspenstige Wort: «Ich bin nicht
gekommen, den Frieden …» [Mt. 10,34] dahin modifiziert: «Wenn die Zwietracht in der christlichen Kirche
selbst entbrennet; wenn das, was ein gemeinschaftliches Suchen und Forschen nach der
Wahrheit sein sollte, in einen Streit ausartet, der, wenn er auch nicht mehr blutig
sein darf, doch alle Zeichen einer leidenschaftlichen Gemütsbewegung an sich trägt,
in welcher Liebe und Wohlwollen nicht mehr zu spüren sind, das ist … nicht die
Wirkung von der Predigt des Friedens und hat auch seinen Grund nicht in derselben.»
Und eben darum (Neujahr 1834, III 759): Nur kein sich Abschließen Gleichgesinnter von
den Übrigen. Denn «der Geist der Absonderung wird sich immer wieder aufs neue
entwickeln und auch diejenigen nur zu bald wieder unter sich veruneinigen und um noch
Geringeres voneinander trennen, welche auf das genaueste zusammenzuhalten gemeint
waren».
2) Weniger auffallend, aber charakteristischer ist eine zweite Linie der
Schleiermacherschen Kanzelpolemik: Schleiermacher ist ein ausgesprochener Feind aller
Aufregung, alles Jähen, Plötzlichen, Unvermittelten im
christlichen Leben. Er kann nicht genug warnen vor allen Möglichkeiten, die etwa ein
Entweder-Oder, einen Bruch, eine unumkehrbare Wendung bedeuten könnten. In solchen
überraschenden Eingriffen höherer Mächte, in solchen Erfahrungen
besonderer Dinge sicht er sichtlich jedenfalls den einen
Hauptgrund der ihm so widerwärtigen Entzweiungen unter den Christen. Wir haben
bereits gehört, mit welcher Umsicht er allfällige Anregungen des heiligen Geistes
schleunigst in die Form geordneter Berufstätigkeit zu kanalisieren empfiehlt109. Geradezu amüsant kommt diese ernstlich
besorgte Haltung zum Ausdruck in der Frühpredigt 1, V 6ff.110, über Johannes den Täufer, eine
Gestalt, für die er überhaupt und aus den verschiedensten Gründen nicht eben viel
übrig hat. Nach Zeiten «allgemeiner weit verbreiteter Erschlaffung in Beziehung auf
die großen Angelegenheiten des Reiches Gottes», heißt es da unter aus |83 drücklichem Hinweis auf die Gegenwart, pflege es dann
öfters zu einer «weit sich verbreitenden Aufregung der Gemüter in Beziehung auf die
großen Angelegenheiten des Heils» zu kommen «im scharfen Gegensatz gegen die, die
noch im Zustande der Erschlaffung fortleben, und die etwas Großes zu sein scheint und
große Erwartungen erregt». Aber «je mehr solche Erregungen ein gewaltsames,
stürmisches Ansehen haben, je mehr die Menschen sich plötzlich auf einen Punkt
hindrängen, plötzlich etwas ändern wollen, plötzlich meinen, zu etwas Anderem zu
gelangen: um desto weniger finden wir das Werk des Friedens, um desto mehr zeigen
sich solche Bewegungen, die erst müssen wieder gestillt werden, und erst wenn sie
gestillt worden, wenn erst der leidenschaftliche Charakter sich wieder verloren hat,
erst dann finden wir, daß das eigentliche Leben anfängt sich zu entwickeln, von dem
jenes nur eine Vorbedingung gewesen»111. In diesem Lichte nun
sicht Schleiermacher den Täufer und die von ihm ausgehende Bewegung. Sie war eine
äußerliche «gesetzliche Erregung». «Wo wir wieder solche äußere Weise finden wie die
des Johannes», heißt es dann unmißverständlich weiter, «im Gegensatz gegen die Art
und Weise Christi, wo wir eine Predigt finden, die nur auf die
Buße, auf die Erkennung der Sünde geht: da können wir
sicher sein, daß daraus nicht in dem Maß etwas Gutes hervorgeht, sondern daß das nur
die Veranlassung sein kann, aus welcher sich … ganz im Einzelnen und Stillen das
rechte Verhältnis zu Gott erheben kann»112. «Festhalten» (!) müsse man an der «inneren
Erweckung der Gemüter», tätig zu sein nach Anleitung des göttlichen Willens
ein jeder an seinem Ort, dann könne man solchen Erregungen «ruhig
zusehen» und werde sich nicht «von irgend einem falschen Schein fortreißen
lassen»113. Auf derselben Linie wird (Frühpredigt 4, V 52) gewarnt vor einem solchen «Preisen des Erlösers», das wie das des
Besessenen in der Synagoge [vgl. Mk.
1,24] hervorgehe aus «ungesundem und zerrüttetem Gemüt», wie das gerade in
Zeiten wahrer Anerkennung des Erlösers vorkomme, oder |84
(21. Sonntag p. Trin. 1832, III 415f.) vor abergläubischem oder okkultistischem Wunderwesen (eine Angelegenheit, in der Schleiermacher Anlaß hatte,
scharf zu machen, stand doch seine eigene Frau und mehr oder weniger seine ganze
engere Familie seit 1819 unter dem Alles dominierenden Einfluß einer frommen
Somnambule, der Frau Karoline Fischer geb. Lommatsch (vgl. Ehrenfried v. Willich, Aus
Schleiermachers Hause, Berlin 1909, S. 42 [ff.]), weiter vor einer allzu exklusiven Religiosität, die alle freie Zeit neben dem Beruf «nur einem
Gegenstande, dem vertrauten Gespräch mit gleichgesinnten Seelen über die inneren
Erfahrungen und Angelegenheiten des einzelnen Gemütes» widmen will. «Wer sollte das
wohl an sich tadeln? … nur sollen sie uns zugeben, daß das nicht Alles ist» (19.
Sonntag p. Trin. 1832, III 405), bedeuten doch die berühmten Vögel, die nach Mr. 4 [32] unter dem Schatten
der Senfstaude wohnen, daß man nicht «wie jene besorgten und ängstlichen Christen …
überall Vogelscheuchen aufstellen» solle, als ob nicht auch die «anderen Teile des
Lebens» im Zusammenhang des Reiches Gottes ihr Recht hätten (Frühpredigt 17, V
213).
Wie Schleiermacher, wenn er eschatologische Texte zu behandeln hatte, kaum etwas Anderes damit
anzufangen wußte, als vor allem Enthusiasmus dringend zu warnen, dessen erinnern Sie
sich wohl aus den ausführlich mitgeteilten letzten Frühpredigten114. Vor Allem aber verwahrt er sich — wir haben
das Prinzipielle darüber bereits gehört — gegen eine allzu strenge, düstere und
radikale Auffassung von Buße und Bekehrung. Er macht manchmal
Miene, nicht nur den pietistischen Mißbrauch, sondern den Begriff und die Sache
selbst am liebsten als unchristlich zu beseitigen. Nicht nur von der pietistischen
Buße, sondern von dem μετανοεῖτε Jesu
selbst Mt. 4 [17] kann er
sagen: «Dieses Bußetun, wie weit ist es entfernt davon, ein Zustand des Friedens zu
sein; und also auch die Aufforderung dazu, wie ist sie ganz etwas anderes als eine
Predigt von dem Frieden!» (3. Sonntag p. Epiph. 1833, III 460). Und sofern er sich
positiv darauf einläßt, so besteht Buße nach ihm darin, «daß die Menschen sich |85 wegwenden sollten von dem äußeren Dienst und das Geistige suchen, sich dem entgegenstrecken und von der
inneren Ruhe, von dem inneren Frieden, den der Erlöser verkündigte, von jener
lebendigen Gemeinschaft mit Gott, wozu er die Menschen führen wollte, erfüllt115 sein, als dem Gut,
welchem sie nachtrachten sollten» (Frühpredigt 3, V 33). Ja nicht
aber dürfe [man] den Menschen bei dem «Tut Buße!» «zuerst einen Tod
vorhalten, durch den sie hindurchgehen müssen, ihnen eine Seelenqual
ankündigen über ihren bisherigen Zustand, … ein Vernichtungsgefühl von ihnen
fordern». Denn so sei der Mensch, «und das ist nicht in ihm zu ändern»: zeige man ihm
das Größte und Herrlichste in der Ferne, in der Nähe aber nichts als Kampf, Mühe,
Schmerz, Tränen, Aufopferung und Selbstvernichtung, so halte er sich zurück und wolle
nicht durch dieses alles hindurch zu jenem — Grund genug offenbar, ihm und sich
selbst solche Todesbotschaft zu ersparen (20. Sonntag p. Trin. 1831, III 96).
Zerknirschung bis zur Selbstvernichtung habe Christus keineswegs von Allen verlangt.
Denn wie die «Liebe zur Wahrheit ein allgemeines Eigentum des Geistes ist …, so daß
das ganze Leben in allen seinen Verzweigungen darauf ruht: ebenso ist es … auch mit
dem Bewußtsein der Schuld und Sünde … Heftigerer Ausbrüche dieses letzteren bedarf es
nicht, damit der Christ sich seines Heils bewußt werde» (2.
Sonntag p. Epiph. 1832, III 164). Ein bis zum Rande der Verzweiflung niedergedrücktes
Gemüt ist jedenfalls nicht der einzige Weg Gottes, heißt es ein
anderes Mal (9. Sonntag p. Trin. 1832, III 348f.), und keinesfalls der des
Christentums im ganzen als der Gewalt, «welche die menschlichen Dinge im Großen
leitet und bewegt»116.
In diesem seinem Kampf gegen die religiöse Aufregung, gegen alles Entweder-Oder geht
Schleiermacher endlich zu einer Bestreitung aller wirklichen Spannungen, aller Krisis über. Wer von Christo zeugt (4.
Advent 1833, III 729), der redet nicht in der Wüste, wo ihn niemand vernimmt. Nein,
wenn der Ort, wo das geschieht, also zunächst die Kirche, nicht gleichsam das
wiedergewonnene Paradies |86 ist, so ist
das, was da geschieht, gar kein Zeugnis von Christo, und nirgends kann es denn auch
daran fehlen, daß es gehört wird und irgendwelche Früchte trägt. In der Frühpredigt 15, V 194f. über das Gleichnis vom
viererlei Acker [Mk. 4,1–9] wird gesagt, wir müßten «fest überzeugt» sein, «daß es keine Macht
gibt, welche einen bösen Willen in sich tragen könnte gegen das Fortwirken des
göttlichen Heils, sondern daß alle Hindernisse ihren Grund haben in der
Beschaffenheit der menschlichen Natur (nachher! autem). Da gibt es nichts, was wir
zerstören müßten, was ein Gegenstand der Feindschaft bleiben sollte; sondern alles
soll … ein Werkzeug werden für den göttlichen Geist, der seinen
geistigen Leib durchdringt». Wir müssen glauben, daß Christi «göttliche Kraft
immer mehr Alles sich unterordnen und die ganze menschliche Natur dienstbar machen
werde seinem Werke und sie erfüllen mit dem Frieden und dem unmittelbaren Bewußtsein
Gottes und seiner lebendigen Nähe, in welchem er gelebt hat». Zu dem Worte: «Wer mir
will nachfolgen …»[Mt. 16,24] führt Schleiermacher (1. Sonntag p. Trin. 1833, III 603f.) aus, es könnte
doch ein ängstliches und um sein Heil besorgtes Gemüt geben, das aber «in jener sonst
so wünschenswerten ruhigen Lage, ebenso fern von großen Glücksfällen, als von tief
greifenden Schmerzen» sich befinde und also gar keine bestimmte
Veranlassung habe, «sich zu verleugnen, irgend etwas, was in den gewohnten
Kreis seines Lebens hineingehört, sich zu versagen». Angenommen ferner, ein Mensch
habe die Richtung nach dem Höheren «schon gewonnen, die Erkenntnis von dem Reiche
Gottes auf Erden sei ihm schon aufgegangen, er sei in die Gemeinschaft mit dem
Erlöser schon aufgenommen» (und wir wissen, daß das für Schleiermacher eine letzten
Grundes allgemein zu machende Annahme ist) — «was ist denn wohl die günstigste
Witterung des Lebens, um den Keim der himmlischen Liebe und alles Guten in der Seele
… zu pflegen?»117, ist sie nicht zu finden in einem solchen mittleren Maße ohne besondere
Widerwärtigkeiten und Trübsale des Lebens wie ohne besondere Fülle irdischer Güter?
Und ist eine solche nicht das |87 Ziel aller Weisheit und
allen Fortschritts? Welche Verwirrung dem gegenüber, die zeitgeschichtlich bedingte
Forderung Christi, sich selbst zu verleugnen, zu einer allgemeinen machen zu wollen!
Welche Gefahr, daß man sich künstlich in die Kampfstellung der ersten Christen
hineinempfindet und dann ganz irrtümlicherweise glaubt, in dieser oder jener Sache
das Kreuz zu tragen, um Christi willen zu leiden, wobei man die höhere christliche
Weisheit in der Lebensführung Anderer verkennt, die ohne solchen
«blinden Eifer», und darum auch nicht den entsprechenden Verwicklungen ausgesetzt,
ruhig und still den Weg der christlichen Gottseligkeit dahinwandeln. Fragt man sich
nun, ob denn, wenn nicht durch das bedeutungsschwere Wort Kreuz, so
doch vielleicht durch das Wort Sünde dem, was hier als eitel
religiöse Aufgeregtheit perhorresziert wird, ein gewisses Recht vindiziert sein
sollte, so antwortet uns Schleiermacher einerseits: der Erlöser habe das menschliche
Gemüt nie so angesehen, als ob in ihm eine besondere Feindschaft gegen das göttliche
Wort wäre (Frühpredigt 15, V 194), andererseits: die Wirklichkeit der Sünde sei
wenigstens negativ, als Objekt des Kampfes und der Überwindung, die unentbehrliche
Bedingung für Kunst, Wissenschaft und alles Gute. Wie reizlos und kampflos wäre ein
Leben ohne sie: «Ist einmal die Sünde in unserer Natur angelegt: so hängt sie auch
mit allem Anderen so genau zusammen, daß unser Bewußtsein nicht eher vollkommen sein
kann, als bis auch sie wirklich zur Erscheinung gekommen ist» (2. Sonntag p. Trin.
1831, III 8; vgl. 3. Sonntag p. Trin. 1832, III 304f.: «Haben wir
ein Bewußtsein von uns selbst in bezug auf die Angelegenheiten unseres
Heils, welches sich nicht auf dies beides zurückführen ließe, auf die
Sünde und auf die Erlösung?» Vgl. Chr. Gl. II!118). Und eben im Blick auf diese letztlich
harmonische, wenn auch dialektisch gespannte Vereinigung von Sünde und Erlösung im
christlichen Bewußtsein kann Schleiermacher dann sagen (2. Sonntag p. Epiph. 1832,
III 164): Wie die «Liebe zur Wahrheit ein allgemeines Eigentum des Geistes ist …,
ebenso ist es auch … mit dem Bewußtsein der Schuld und Sünde … Aber
heftigerer Ausbrüche dieses letzteren bedarf es nicht, damit der Christ sich
seines |88 Heils bewußt werde, damit er in ein sicheres und
festes Verhältnis zu dem Erlöser trete».
3) Wir wenden uns endlich noch zu der dritten Linie der
Schleiermacherschen Kritik, die ich die eigentlich entscheidende genannt habe, sofern
in ihr der Grund sichtbar wird für seine Abneigung gegen alle
Gegensätzlichkeit sowohl wie für seinen Kampf gegen alle Aufregung, alle Tragik im
Christentum. Schleiermacher streitet nämlich drittens — ich möchte es so formulieren:
— gegen die Meinung, als ob es im Gottesverhältnis wahre Worte
[gäbe]. Aus dem Glauben an bestimmte Worte, die naiv als wahr genommen werden, so wie
sie lauten, entsteht ja der religiöse Zank der Parteien, aus dem naiven Ernstnehmen
bestimmter Worte, als ob sie wirklich und praktisch bedeuten könnten, was sie zu
sagen scheinen, also der Worte Buße, Kreuz, Sünde z.B., entsteht die religiöse
Aufregung und Tragik. Es gilt einzusehen, daß sich Streit und Aufregung darum nicht
lohnen, weil sie gegenstandslos sind. Es gibt für uns in bezug auf Gott keine wahren
Worte. Die Wahrheit ist nicht in den Worten, sondern — wir werden gleich sehen: wo?
Diese Negation jedenfalls ist es, die Schleiermacher seiner Gemeinde unermüdlich
eingeschärft hat; sie war, wenn nicht Alles täuscht, sein eigentliches theologisches
Gravamen gegen die Hengstenberg-Leute. Es handelt sich bei dem, was darüber noch
mitzuteilen ist, um Gedanken, die uns, die ganz in der von
Schleiermacher wesentlich bestimmten modern-christlichen Welt aufgewachsen sind, so
in Fleisch und Blut übergegangen, so sehr selbstverständliche,
nicht nur theologische, sondern allgemein-christliche opinio
communis geworden sind, daß Ihnen die Sätze, die ich Ihnen nun anführen
werde, vielleicht fast wie Banalitäten vorkommen. Aber es kann sich
doch lohnen, auch Banalitäten einmal unmittelbar aus ihrer Quelle entgegenzunehmen.
Sie waren damals, als sie neu waren, ob sie nun wirkliche Banalitäten waren oder
nicht, den Gebildeten119 Balsam und Evangelium. Wir haben (Frühpredigt
7, V 85f.) «in der |89 großen und Alles in sich schließenden
Gabe Gottes zweierlei zu unterscheiden … : das Eine, was gar keine
Größe und gar kein Maß hat, sondern immer Eines und dasselbe ist, und ein Anderes, welches freilich dem Gesetz der Zeit unterworfen, in der
Zeit auseinander geht, sich schöner entwickelt und entfaltet und dann auch wieder
sich zusammenzieht. Das Erste ist das Bewußtsein von dem
wiederhergestellten Verhältnis, in welchem wir zu Gott stehen, von dem Frieden, mit
welchem das Bewußtsein des ewigen Wesens in unserer Seele ruht, in derselben herrscht
und treibt, so daß ein ganz neues Leben allmählich aus diesem Keim hervorgeht».
Leider ist der Gedanke ein Anakoluth geblieben und hat Schleiermacher eine nähere
Bestimmung über das Zweite hier nicht gegeben. Es kann aber gar kein Zweifel sein,
was er hier als das Zweite, in der Zeit sich Entfaltende und wieder Zusammenziehende
im Gegensatz zu dem, was gar keine Größe und gar kein Maß hat, sondern immer Eins und
dasselbe ist, zu jenem im Inneren der Seele ruhenden und sich bewegenden Bewußtsein
des Friedens nennen wollte: Dieses Zweite, Sekundäre ist nun eben das bestimmte, mit dem Anspruch der Wahrheit auftretende
äußere Wort, in dem jenes Innere zum Ausdruck
kommt. Und der Vorwurf, den Schleiermacher seinen Gegnern zur Rechten macht, besteht
darin, daß sie auf diese Bestimmtheit, auf diesen Wahrheitsanspruch des Wortes
sozusagen «einschnappen» und es so, indem sie ihm seine Vieldeutigkeit und
Beweglichkeit und verhältnismäßige Irrelevanz nehmen, indem sie sich daran halten und
es geltend machen, zur «Äußerlichkeit», zur «Lehre», zum «Buchstaben» erstarren
lassen. Und eben vom «Buchstaben» wollte Schleiermacher nichts wissen. Er war ein
entschiedener Gegner der alten und einer allfälligen neuen Bekenntniskirche, er hat aber dieselbe Betrachtungsweise selbstverständlich
auch auf die Worte oder denn also Buchstaben der Bibel angewendet.
Daß der Buchstabe töte, der Geist aber lebendig
mache, dieses Pauluswort (2.Kor.
3,6) hat er (unter exegetischem Mißbrauch übrigens wie die Unzähligen, die
sich seither in dieser Meinung darüber gefreut haben!) immer wieder (z.B. III 582,
Weihnachts-Feier2120 Vorwort) zur biblischen Begründung |90 seiner
Theorie von dem sekundären Charakter des Wortes in Anspruch genommen. Wir nähern uns
Christus, wir sind umso bessere Christen, sagt er (Frühpredigt 5, V 61) ausdrücklich,
«je mehr wir eine solche Gewalt des toten Buchstabens aufheben». Und umgekehrt: «Wer
etwas dazu beiträgt, solche Vorstellungen in den Gemütern der Menschen zu befestigen,
daß es Gott um etwas Äußerliches dieser Art zu tun sei, der lenkt sie dadurch von der
wahren Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit ab» (Frühpredigt 29, V 365).
Denn: läßt sich ein natürlicher Zusammenhang solcher äußeren Vorschriften «denken mit
der Vorstellung von einer geistigen Allmacht, welche Alles in der Welt ordnet, von
einem Wesen, das der Urquell des Guten ist und dessen Wesen in der Liebe besteht, vor
dem kein Unterschied ist zwischen dem Inneren und Äußeren, sondern welchem überall
Alles gegenwärtig ist und nahe vor ihm?» (S. 366). Darum (1. Sonntag p. Trin. 1832,
III 300, Predigt über Gamaliel [vgl. Act. 5,34ff.], eine Gestalt, die im Gegensatz zu Johannes
dem Täufer Schleiermachers vollsten Beifall hat!) «möge keiner sich anmaßen, weder
allein noch in Gemeinschaft mit anderen, daß er im Stande sei, bestimmt und mit
Sicherheit zu unterscheiden, auch wenn sich jemand wegen seiner Behauptungen oder
Bestrebungen auf Christum beruft und für dieselben in der Ordnung Gottes, in der
christlichen Kirche seinen Schutz und seine Verteidigung sucht, was davon Gottes Werk
sei und was verderbliches Menschenwerk, außer nur für sich (selbst), wie er es an sich selbst erfährt. Gegen
jede Entscheidung im voraus muß uns die ganze Geschichte der Kirche warnen.» «Auf das
Reich Gottes, auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Reich Gottes, auf die rechte Richtung des ganzen Lebens und Wesens, auf die Gemeinschaft
mit Gott lasset uns sehen, aber nicht auf die einzelnen Worte, nicht auf die
einzelnen Vorschriften, nicht auf die einzelnen Tatsachen in |91 ihrer Erklärung und Deutung» (Frühpredigt 3, V 41). Wir bedürfen nicht
mehr «bald dieser, bald jener jetzt so, jetzt anders gestalteten Ermahnung, sondern
immer derselben, die Liebe kund zu geben in unserem Leben und
dadurch zu verkündigen, daß die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist» (16.
Sonntag p. Trin. 1831, III 90). Die Apostel waren (nach Schleiermachers Vorstellung
von ihnen) «am weitesten … entfernt von irgend einem Vertrauen auf einen Buchstaben,
von einer Bedenklichkeit in Beziehung auf die Gedanken, in welchen sich die neue
Lehre in den Gemütern gestaltete, sondern nur auf den Eindruck sehend und ihm
folgend, den dieselbe auf die Gemüter gemacht» (7. Sonntag p. Trin.
1832, III 336). Freilich muß sich der Geist kundgeben durch Buchstaben, wird einmal
zugegeben, «aber es gibt in manchen Zeitpunkten Regungen des Geistes, während deren
das innere Leben sich ganz anders gestaltet; es entfalten sich Flügel, die unter der
bisherigen Decke nicht wirken können, sondern sie erst sprengen müssen; dann muß der
Buchstabe wanken. Darum darf nichts von dieser Art angesehen werden, als solle, ja
auch nur als dürfe es ewig bleiben» (Sonntag vor Pfingsten 1833, III 582). Die Kraft
der göttlichen Wahrheit bedarf «wenig oder keiner äußeren Hilfe»; wer das noch meint,
dem mangelt es im Grund an Zuversicht zu ihr (Frühpredigt 28, V 357f.). Nur die Liebe
gilt in der christlichen Kirche, weder menschliche Satzungen, noch ein Bekenntnis,
noch diese oder jene Gebräuche. «Und wenn man euch entgegnet, auf diese Weise würde
ja die christliche Kirche etwas sein, was man bei nichts anfassen, bei nichts halten
könne, man würde nicht wissen, wo sie wäre, wo sie anfinge, wo sie aufhöre, so
entgegnet: Also ist jeder, der aus dem Geist geboren ist; ihr wisset nicht, von
wannen er kommt, noch wohin er fährt, aber ihr höret sein Sausen» (4. Sonntag p.
Epiph. 1833, III 481f.).
Brechen wir hier ab, um mit einem kurzen Rückblick auf den zurückgelegten Weg unseren
Paragraphen zu schließen. Ich habe nicht ganz alle Sonntagspredigten Schleiermachers
aus dieser Zeit herangezogen. Es besteht also die Möglichkeit, daß mir da und dort
ein bezeichnender Zug entgangen ist. Aber besonders die Serien, auf |92 die es mir besonders ankam, sind fast ohne Lücke verwertet, und ich
glaube nicht, daß in dem entworfenen Bild ein wichtiger Punkt in der Verkündigung des
Mannes uns fehlt. Ich bin, wie Sie wohl bemerkt haben, wohl geordnet, aber
absichtlich nicht streng systematisch vorgegangen, sondern habe mich von Punkt zu
Punkt führen lassen, so wie mir die vorgetragenen Dinge eben einzeln und in ihrem
Zusammenhang untereinander in die Augen fielen, ohne dabei weder an Schleiermachers
theologisches System noch auch an ein System von Fragen zu denken, die ich etwa
aufzuwerfen hätte. Ich hoffe, wir haben ihn nun trotzdem oder gerade darum schon ein
wenig kennen gelernt, wie er leibte und lebte, und damit für das Folgende einen
nützlichen Grund gelegt, und ich wundere mich eigentlich, daß die Predigten
Schleiermachers zum Verständnis seiner Theologie noch nicht mehr in ähnlicher Weise
nutzbar gemacht worden sind.
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Grundzüge des bisher Erarbeiteten: In der
Mitte als das eigentliche Heilsgut die große Synthese aller Gegensätze, Liebe oder
noch bezeichnender schleiermacherisch: Friede. Das ist durch Christus als Leben,
Geist, Kraft in die Geschichte eingetreten, ein neues, das allein reale
Gottesverhältnis, durch das alle gesetzliche Trennung zwischen Gott und Mensch ins
Unrecht gesetzt und überwunden ist. Darum muß das Alte Testament in den Hintergrund
treten, im Neuen Testament Alles in dieser Richtung gedeutet werden. Das Wunder, das
Christus umgibt, ist ja nicht so aufzufassen, als ob zwischen Gottes Welt und der
unseren doch wieder ein Gegensatz wäre, im Gegenteil nur als die Betätigung jener
Gott und die Welt, Geist und Natur versöhnenden Friedensmacht. Ob Christus die
einzige und letzte wirksame Verkörperung dieser Friedensmacht sein wird, ist eine
Frage, die wohl aufzuwerfen ist, für gläubige Christen aber nicht in Betracht kommt.
In den gläubigen Christen setzt sich ja das Leben des Erlösers in gerader Linie fort
in der Geschichte: Wie der Mensch fähig ist, den Christusgeist bereitwillig
aufzunehmen, so ist er auch fähig, sein adäquates Gefäß, sein Träger und Verkündiger
zu werden, den Urtypus Christus in sich zu realisieren bei aller bleibenden
Unvollkommenheit. Seine Lebensaufgabe ist aber nur zu realisieren in der |93 Gemeinschaft; bewegt durch das sie durchflutende Leben
wird er selber zu seinem Träger und Fortbeweger, zu seinem Boten an immer neue
Menschen. Er hat seinen Lebenszweck erfüllt, wenn er ein Kanal dieses Stromes
geworden und gewesen ist. Die eigentliche Verkörperung Christi in der Geschichte ist
ja nicht er, sondern die Gemeinde als Ganzes. Diese aber unterscheidet sich als
solche doch nur durch ihre religiöse Funktion von der in ihrem erfreulichen
Kulturzustand wesentlich durch Christus bestimmten modernen Gesellschaft überhaupt.
Und wie die Dialektik des Gebets den einzelnen Menschen immer wieder in die Stille
ruft, aber auch auf das tätige Leben hinweist, so muß das Christentum als Ganzes wohl
etwas Besonderes sein in der Welt, um sie dann doch sofort auch wieder aufzusuchen
und zu durchdringen als Prinzip des Fortschritts, der geregelten Berufsarbeit, der
Ordnung, des sozialen Ausgleichs, und muß sich, um das zu sein und zu leisten, hüten
vor allem Streit der Meinungen, vor aller Exaltation, vor allem Wahrheitsanspruch,
der ja doch nur seinem Geistes- oder Gemütsgehalt, nicht aber den einzelnen Gedanken,
in denen sich dieser äußert, mit Recht zukommen kann.
Das ist Schleiermachers Theologie unter dem Aspekt der Kanzeltätigkeit seiner
Reifezeit. Ich lasse sie für und gegen sich selbst sprechen und ebenso die Worte
seines begeisterten Schülers, des Predigers Sydow, in denen dieser
zwei Jahre nach Schleiermachers Tode seine Eindrücke von Schleiermacher als Prediger
wiedergibt: «Abgesehen von der Erbaulichkeit, mit welcher er die Überzeugungen und Erfahrungen eines von dem Erlöser ganz ergriffenen Gemüts
ausdeutete und für das Leben fruchtbar zu machen verstand, gewährte er auch
als Redner dem empfänglichen Sinne noch einen anderen, heutiges Tages so seltenen
geistigen Genuß, nämlich die Anschauung einer hoch begabten, durch und
durch gebildeten Individualität in den Momenten ihrer edelsten
Lebensäußerung. Seine Rede war lebendige Tat, in dieser Tat der ganze Mann, und
in dem Manne Alles zu Bewußtsein und Sprache gekommen, was irgend ein
würdiger Gegenstand menschlicher Pflege, Liebe und Begeisterung sein kann.
Seine Predigten waren nicht isolierte Kunstwerke der Rede: aus der
unmittelbaren Einheit mit der Gemeinde im großartigsten Sinne des Wortes
|94 quollen sie hervor, sie waren vernehmliche kräftigere
Pulsschläge ihres [eigenen] innersten Lebens»121
Dazu wäre Vieles zu bemerken, aber lassen wir es.