DER GLAUBE · 1928

Der Glaube

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§ 10 DER GLAUBE

Gottes Gebot wird von mir erfüllt, d.h. mein Tun ist gut, ist Gehorsam gegen das Gebot des Lebens, ist meiner Berufung entsprechend und in der Ordnung, sofern mir gesagt ist und ich mir gesagt sein lasse, daß es in Übereinstimmung steht mit dem Willen des Schöpfers des Lebens. Daß mir das gesagt ist und daß ich mir das gesagt sein lasse, das ist das Werk des Wortes und Geistes Gottes des Vaters oder die Wirklichkeit des Glaubens.

1.

Auf das Problem unseres Tuns als solchen unter dem Gesichtspunkt des Schöpfergebotes haben wir nun noch kurz einzutreten. Wir wissen, daß wir zum Leben bestimmt sind in der unauflöslichen Korrelation des Willens zum Leben und der Ehrfurcht vor dem Leben. Wir wissen, daß diese unsere Bestimmung präzisiert ist einerseits durch den an jeden Menschen im Besonderen ergehenden Beruf, andererseits durch die Ordnung, die unser Leben als menschliches Leben qualifiziert. Eine ganze Anzahl von Kriterien sind sichtbar geworden, an denen unser Handeln gemessen ist, teils in bezug auf seinen Inhalt, teils in bezug auf uns selbst als die Handelnden, teils in bezug auf die Form unseres Handelns. Wir haben aber noch nicht nach unserem Handeln als solchem gefragt, nach dem Lebensakt selber, der unter allen diesen Bestimmungen steht, nach dem Subjekt aller dieser Prädikate, wir können auch sagen: nach der Erfüllung des Schöpfergebotes.

Man könnte freilich den Stand unserer Nachforschung ebensogut dahin bestimmen, daß wir ununterbrochen eben danach gefragt haben, und daß uns nun nur noch übrig bleibt, eben diese Frage als den Sinn aller gestellten Fragen ausdrücklich herauszustellen. Wir konnten ja gar nicht anders, als von jedem der berührten Punkte aus die Linie zu ziehen oder doch anzudeuten nach dem Mittelpunkt hin, nach der fallenden Entscheidung unseres konkreten Handelns, in der wir nicht einem Kriterium, |419 sondern dem Kriterium, dem unzweideutigen Kriterium [unterliegen], in der wir Gott selbst und seinem Gebot begegnen müssen, in der wir verantwortlich gemacht [sind], in der über die Güte oder Bosheit unseres Tuns nicht unsere, sondern Gottes Entscheidung fällt. Um dieses Hinweises willen allein berührten wir ja überhaupt alle jene Punkte. Weil wir als Menschen keiner Zentralschau fähig sind, sondern Besinnung nur üben können, indem wir unterscheiden, wissend, daß das Unterschiedene in sich Eines ist, vollzogen wir die relative Abstraktion des Schöpfergebotes im Unterschied zu dem, was Gottes Gebot auch ist: Versöhnergebot und Erlösergebot, vollzogen wir weiter die relative Abstraktion jener drei Gesichtspunkte und erlaubten wir uns, immer nicht mit letztem, sondern nur mit vorletztem Recht unter diesen drei Gesichtspunkten exempli causa diese und diese in Betracht kommenden Einzelmomente, einzelne Möglichkeiten oder Gruppen von Möglichkeiten menschlichen Tuns, herauszugreifen und zu diskutieren. Nicht um der Konkretionen willen, sondern um diesen Hinweis konkret zu vollziehen, haben wir uns auf eine ganze Reihe von Konkretionen eingelassen und werden wir uns auch in den nächsten Kapiteln auf solche einlassen müssen. Eben darum nicht in der Absicht und nicht mit dem Erfolg der Aufstellung eines Gesetzbuches des christlichen Lebens – I. Teil «Die lex naturae» etwa –, eben darum ohne das Urteil über Güte oder Bosheit bestimmter Handlungen vorwegzunehmen, sondern uns begnügend damit, das Aufgeworfensein der ethischen Frage hier zunächst im Blick auf unser Geschaffensein als solches und also unter den drei Gesichtspunkten der Bestimmung zum Leben, des Berufs und der Ordnung zu anerkennen und damit den Ausblick auf das uns in Anspruch nehmende, uns heiligende Wort Gottes in der Tat zunächst als lex naturae – aber um seiner selbst, nicht um der lex naturae willen – zu gewinnen. Auch der dritte Gesichtspunkt, der der Ordnung, dürfte ja nicht etwa so verstanden werden, als sei eine Handlung oder Handlungsweise darum, weil wir sie (etwa auf dem Gebiet der Arbeit oder der Ehe) als «ordnungsmäßig» oder «nicht |420 ordnungsmäßig» meinen beurteilen zu müssen, als gut oder böse bezeichnet. Denn wenn dieselbe Handlung, nur schon auf ihre Ordnungsmäßigkeit angesehen, ein ganz anderes Gesicht haben kann, je nachdem wir sie z.B. als Arbeitsleistung oder in ihrer Bedeutung im Verhältnis zur Ordnung der Familie betrachten, so wäre auch damit, daß wir sie vielleicht eindeutig als ordnungsmäßig im Sinn von § 9 verstehen könnten, über ihre Güte noch nicht entschieden, weil dieselbe Handlung außerdem auch unter dem Gesichtspunkt des Inhalts im Sinn von § 7 und unter dem Gesichtspunkt der subjektiven Berufung im Sinn von § 8 zu beurteilen wäre. Und auch dann, wenn wir etwa in der Lage wären, eine bestimmte eigene oder fremde Handlung von allen Seiten in der ganzen Komplexheit der in diesem Begriff der bestimmten Handlung sich schneidenden Linien ethisch zu durchschauen [und es uns] also [möglich wäre], unter allen drei Gesichtspunkten mit der ganzen Fülle von Fragen, die jeder in sich enthält, sobald man ihm ernstlich nähertritt, in bezug auf die Güte [dieser Handlung] eine höchst wahrscheinlich richtige Antwort zu geben – so müßten wir uns noch einmal sagen, daß diese höchst wahrscheinlich richtige Antwort das entscheidende Wort Gottes nicht wäre, sondern bestenfalls das reife Resultat unserer Zurüstung für den Augenblick, in dem wir diesem entscheidenden Worte zu begegnen haben, und als ethische Wissenschaft vorgetragen, doch nur das hoffentlich wohlüberlegte, auf breiter Lebenserfahrung, umsichtigem Nachdenken, tiefer Schrifterkenntnis und ernster Gebetsgewohnheit beruhende Wort des Professors so und so [ist], das durch das Wort Gottes selbst jeden Augenblick wieder umgestürzt werden kann. Aufgabe einer theologischen Ethik und einer ernsthaften Ethik überhaupt kann es aber nicht sein, in eine solche technisch und architektonisch noch so meisterhaft, einleuchtend und befriedigend abgeschlossene Sackgasse ethischer Überzeugungen hineinzuführen, sondern im Gegenteil: alle noch so vortrefflich abgeschlossenen ethischen Überzeugungen grundsätzlich wieder zu öffnen, nicht nach der Seite menschlicher Willkür, sondern nach der Seite des entschei|421denden Wortes Gottes selbst, in der Richtung des Ereignisses des göttlichen Gebietens, an dem wir allezeit unsere Wunder erleben können, und wenn wir unserer Sache vorher noch so sicher geworden wären.

Das kann es also nicht bedeuten, wenn wir nun zum Schluß noch auf die Handlung selbst und als solche auf die Erfüllung des Gebotes zu sprechen kommen, daß nun das entscheidende Wort Gottes etwa doch noch vorweggenommen, eine solche Bestimmung und Bedingtheit des menschlichen Handels aufgezeigt werden sollte, in der wir ihre Güte oder Bosheit in jener Abstraktion von der göttlichen Entscheidung zu fassen bekämen, in der wir sie als in unsere Hand gegeben uns denken könnten, um so unmittelbar vor Torschluß doch noch in die Würde des Herkules am Scheidewege, in die Würde des liberum arbitrium eingesetzt zu werden. Mὴ γένοιτο! Wir dürfen und wollen dieser Frage nach der Handlung selbst und als solcher nicht ausweichen. Es würde ja wahrhaftig eine Lücke nicht nur, sondern einen bösen Fehler in unserer Umschreibung der göttlichen Inanspruchnahme unseres Handelns bedeuten, wenn der Schein entstehen sollte, als sei die Frage nach der Bedeutung dieses Ereignisses von allen Seiten gestellt, nur nicht gerade vom Handeln selbst, von dem Ereignis unserer Entscheidung her, als laute die Antwort der Ethik auf alle die von ihr festgestellten Fragen nun etwa so: «Lieber Freund, du hast nun gehört, in wie vielen Richtungen du dich allein unter dem Gesichtspunkt der lex naturae zu besinnen allen Anlaß hast im Blick auf das, was du alle Tage tust. Nun geh eben hin und sieh zu, wie du mit dem Leben fertig wirst, was du nach allseitiger reiflicher Überlegung tun willst. Besinn dich, und dann benimm dich danach! Leb wohl und Gott befohlen!» Nun ja: «Gott befohlen!» – dieses Letzte stimmt allerdings, wenn es ernsthaft gemeint und verstanden ist, und etwas Anderes, Besseres als ein Versuch, dieses «Gott befohlen» sehr ernst zu nehmen, kann der Sinn dieser unserer letzten Überlegung nicht sein wollen. Aber eben dieses «Gott befohlen» will offenbar sehr ernst genommen, es will im Blick auf unser Entscheiden und Handeln noch |422 einmal ganz für sich ausgesprochen, betont und unterstrichen, es will von Allem «Dir selbst überlassen!» oder vielleicht auch: «Dem Schicksal, dem Zufall überlassen!» bestimmt unterschieden sein, gerade damit das Ende vom Lied nicht etwa plötzlich von dieser Seite her das liberum arbitrium, das kühne vollmächtige Wählen des Menschen zwischen Gut und Böse sei, damit nicht etwa als deus ex machina im Kreuzungspunkt all der Linien und Fragen – als Alexander gegenüber dem gordischen Knoten der großen ethischen Problematik – doch noch durch die Hintertüre der bewußte Herkules auftrete, sich Alles beherrschend in den Vordergrund stelle, um das letzte Wort zu sprechen.

Also nicht zu Ehren dieses Herkules, sondern um ihm endgültig den Abschied zu geben, ist es nötig zu fragen: Was macht die Handlung als solche zur guten Handlung? Was heißt Erfüllung des Gebotes? An welchem Maßstab ist meine Handlung selbst und als solche, das Subjekt aller der im Bisherigen erörterten Prädikate, gemessen? Die Tragweite dieser unserer letzten Überlegung dürfte nicht zu verkennen sein. Wir fragen hier implicite nach der Antwort auf alle im Bisherigen gestellten Fragen. Der Maßstab, an dem gemessen mein Tun als solches gut oder böse ist, entscheidet offenbar sofort und mit einem Schlag auch darüber, ob es Gehorsam gegen das Gebot des Lebens ist oder nicht ist, ob ich meinem Beruf getreu oder nicht getreu bin, ob es ordnungsmäßiges Tun ist oder nicht ist. Erfüllung des Gebotes ist ein absolutes Geschehen, das unser Verhältnis zu Gottes Gebot in allen seinen Relationen qualifiziert oder als Nicht-Erfüllung disqualifiziert. Eben darum darf nun zur Bestimmung des Begriffs Erfüllung, wenn die Aufgabe einer theologischen Ethik nicht noch im letzten Moment preisgegeben werden soll, kein anderer Begriff zur Anwendung kommen als ein solcher, der (scheinbar die Quadratur des Zirkels!) einerseits eine deutliche Bestimmung der Handlung als solcher bedeutet, der uns also noch einmal und nun im zentralsten Punkt an unsere Verantwortlichkeit erinnert, andererseits nun aber auch und gerade die Handlung als solche als von Gott bestimmt darstellt, ein Begriff, in Erkenntnis dessen also nicht |423 nur die Haltung des Herkules ausgeschlossen, sondern auch die Haltung des mit dem ihn erwählenden Gott ringenden, des betenden Jakob als die einzige Möglichkeit übrig gelassen ist [vgl. Gen. 32]. Die Bestimmung, die hier allein in Betracht kommen kann, ist die Bestimmung unseres Tuns durch die Wirklichkeit des Glaubens.

2.

Was könnte und müßte das heißen, wenn mein Handeln als Geschöpf im Verhältnis zum Gebot des Schöpfers in diesem Augenblick gut, also Erfüllung dieses Gebotes, wäre, wenn ich in diesem und diesem Augenblick so lebte und mit allem fremden Leben zusammenlebte, wie Gott, der Schöpfer alles Lebens, das Leben gelebt haben will, genau in dem Beruf, zu dem er mich als creator ex nihilo in diesem Augenblick berufen hat, und genau in der Ordnung, unter die er mich als solcher gestellt hat? Wir müssen zurückhaltend sein, wenn wir nun dieses Geschehen als das Geschehen oder Tun des Willens Gottes bezeichnen. Die Zurückhaltung ist geboten schon im Blick auf die dritte Bitte des Unservaters: «Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden!» [Mt. 6,10]. Das heißt offenbar: in der Welt der Endlichkeit, als Tun des Geschöpfs, und zwar des Menschen, nicht eines Engels, innerhalb der Grenze, in der wir leben so, d.h. entsprechend, analog, konform dem Tun Gottes selbst im Himmel, das als solches von unserem Tun so unterschieden bleibt, wie eben der Himmel von der Erde unterschieden ist. Es ist also nicht angebracht, das Tun des Guten als Einigung des menschlichen mit dem göttlichen Willen zu beschreiben. Auch das vom Menschen vollkommen, auch das vom Menschen in Gott vollbrachte Gute ist und bleibt ein kreatürlich Gutes. Gut sein heißt durchaus nicht sein wie Gott. Von einer der des Vaters im Himmel analogen Vollkommenheit redet selbstverständlich auch das ὡς in dem bekannten Wort Jesu Matth. 5,48, von einer Nachbildung, aber nicht von einer Wiederholung oder Verdoppelung der göttlichen Vollkommen|424heit. Das Gute tun heißt nicht mit der Güte unseres Tuns an die Stelle Gottes treten. Als seine Geschöpfe nimmt uns Gott in Anspruch für das Geschehen seines Willens, nicht aber, weder gegenwärtig noch als in spe, als seinesgleichen. Also auch nicht, um uns zu seinesgleichen zu erheben, gerade nicht im Sinne jener vierten, zur Trinität hinzutretenden Hypostase, von der Florenskij so gerne redet.1 Das Geschehen des Guten durch unsere Tat bedeutet, wenn wir die Begriffe Gott und Gebot nicht auflösen wollen, in keinem Sinn eine Vergottung des Menschen, sondern vielmehr gerade Menschwerdung des Menschen, echt und wirklich menschliches Tun. Ausnahmslos alle Bestimmungen des göttlichen Gebotes, denen wir in diesem Kapitel begegnet sind, und ausnahmslos alle, denen wir noch begegnen werden, weisen uns in diese Schranken und nicht über sie hinaus. Daß wir Menschen, nicht daß wir Götter sein sollen, ist uns geboten.

Schon darum legt sich nun der Begriff des Glaubens nahe zur Umschreibung der Erfüllung des Gebots. Glaube überbrückt den Abstand des Geschöpfs vom Schöpfer, ohne ihn aufzuheben. Glaube behauptet ihn vielmehr, indem er ihn überwindet. Glaube ist der Schritt, aber eben immer der Schritt des Menschen zu Gott hin. Glaube ist im Gegensatz zu aller Mystik des Kopfes, des Bauches und des Herzens, im Gegensatz zu allem unkritischen mystischen Idealismus, ist damit gesagt, Bejahung Gottes unter uneingeschränkter, resoluter Bejahung der Endlichkeit, der Geschöpflichkeit, der Inkommensurabilität des Menschen ihm gegenüber. Der Glaube und der Glaube allein tut nur schon darum das Gute, weil er zugleich die Anerkennung ist, daß nur Einer |425 ursprünglich, ewig, in sich selbst begründet gut ist [vgl. Mk. 10,18]. Tun des Guten ist also, wo es stattfindet, eindeutig ein Tun innerhalb der Kreaturgrenze, auf Erden. Aber nun auf Erden wie im Himmel, also: auf Erden in Übereinstimmung mit dem, was im Himmel, was durch Gott selber geschieht. Wir denken hier nochmals an die Wendung «symmetria» und «consensus» bei Calvin.2 Das müßte gutes Tun heißen: menschliches Tun, das als solches das Wohlgefallen Gottes hätte, darum, weil es auf Erden, in der geschaffenen Welt, sein, Gottes eigenes Tun – nicht verwirklichte, das tut er selber und allein –, wohl aber darstellte, repräsentierte, sein Spiegel und Abbild wäre, dessen sich Gott darum freute, weil er darin sein eigenes Wollen eben als in einem endlichen, geschöpflichen, zeitlichen, aber wirklichen Spiegel wiedererkennen würde. In dem Augenblick, würden wir das Gute tun, wo Gott uns vorfände, begriffen in der zeitlichen Vollstreckung des ewigen Gedankens, kraft dessen wir in diesem Augenblicke so existieren, so leben, in diesem Beruf und unter dieser Ordnung, wo unser Tun – wohlverstanden nicht unser Gefühl, unsere Gesinnung, unser Denken, sondern, das Alles freilich inbegriffen, unser Tun, unser Existieren in diesem Augenblick in seiner Totalität eine menschliche Bejahung Gottes wäre. Der Inhalt dieses fruchtbaren Augenblicks wäre offenbar die Antwort auf die sämtlichen Fragen, von denen wir unser Tun im Blick auf das Schöpfergebot umstellt sahen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In diesem Augenblick lebten wir, nicht göttlich, aber menschlich, dafür wirklich, jenes Leben im Zusammensein mit anderem Leben, wie Gott als der Schöpfer des Lebens es gemeint hat, stünden wir in unserem Beruf und unter seiner Ordnung. Diese existentielle Bejahung Gottes ist eben der Glaube. Denn der Glaube ist nicht eine Anerkennung Gottes im Prädikat, sondern im Subjekt, eben als Existenzakt. Glaube ist Gehorsam. Darum geht es ja offenbar, wenn es nicht um Vergottung geht. Glaube als Gehorsam ist die Überwindung des unendlichen qualitativen |426 Gegensatzes des Geschöpfs zum Schöpfer, in der dieser Gegensatz zugleich behauptet wird. Im Glauben trauen wir nämlich Gott zu, daß er recht hat in bezug auf die Notwendigkeit unserer Existenz, daß er unsere Lebensnotwendigkeit, daß er die lex naturae ist. Im Glauben verlieren wir jeden anderen in Betracht kommenden Boden unter den Füßen und leben in diesem Zutrauen.

Aber die entscheidende Bestimmung steht noch aus. Wie und woher sollen wir denn wissen, daß es einen solchen Augenblick des Wohlgefallens, ein solches Existieren in der Übereinstimmung des geschöpflichen Willens mit dem des Schöpfers jemals gab, gibt, oder geben wird? Was haben wir, was wissen wir denn Anderes, als daß wir von allen Seiten gefragt sind nach dieser Übereinstimmung? Und haben wir nicht eben nochmals uns erinnert, daß es als Antwort auf dies Gefragtsein, nämlich als uns verfügbare Antwort im besten Fall höchst wahrscheinliche, nämlich höchst erfahrungsvoll, höchst vielseitig durchdachte, höchst fromme menschliche Antworten gibt: die Antworten, die wir uns selbst von Fall zu Fall prüfend und wählend zwischen den einleuchtendsten oder auch den aufdringlichsten Möglichkeiten nach bestem Wissen und Gewissen zu geben pflegen und dann – ja dann auch wohl noch die Antworten der Professoren in den Lehrbüchern der philosophischen und theologischen Ethik, in denen uns über Gut und Böse Bescheid gesagt wird, wenn wir wirklich Lust haben, uns darüber von einem Professor Bescheid sagen zu lassen. Soll nun etwa doch eine solche menschliche Antwort, ob es unsere eigene oder die eines Anderen ist, darum weil wir sie für die beste halten, die Antwort sein auf die Frage nach dem Guten? Dürfen und sollen wir uns danach richten, im Vertrauen, dann das Gute, das mit Gottes Willen übereinstimmende und darum Gott Wohlgefällige zu tun – darum weil wir sie für so gut halten, weil sie uns so einleuchtet oder weil uns wenigstens nichts Anderes übrigbleibt, weil wir in ihr wenigstens das kleinste Übel erkannt haben? Und sollte das vielleicht der Glaube sein, der Glaube, der das gute Werk vollbringt: daß wir eben glauben – aber würden wir dann nicht besser sagen: [daß wir] meinen oder |427 überzeugt sind oder uns durchgerungen haben dazu: Das und das ist gut und will von mir getan sein? Offenbar würden wir damit nicht weniger als alle Voraussetzungen umstoßen, von denen wir herkommen. Das Gute wäre dann also doch nicht sowohl das uns Gebotene als das aufs trefflichste von uns Erwählte und somit der Glaube letztlich und eigentlich Glaube an uns selbst als die so trefflich Wählenden. Das mag freilich sein, daß wir unser Tun insofern als gut zu beurteilen in der Lage sind, als wir es in Übereinstimmung mit uns selbst, mit den letzten uns bekannten Voraussetzungen unserer Existenz finden. Aber wer sind wir selbst? Und was ist es mit unserer Güte, die dann der Maßstab des Guten wäre? Das ist die Frage, die alsbald hinter jeder von da aus gegebenen Antwort auftaucht, und wollten wir auch ihr mit einem mutmaßlichen Urteil begegnen, das uns zu solchem Urteil legitimierte, so stünde die dritte Frage gegen uns auf, von welchem Standort aus dieses uns legitimierende Urteil abgegeben sein möchte, und hinter der dritten die vierte und fünfte ohne Ende …. Ethische Überzeugung ist eine gute Sache, und wenn wir sie Glauben nennen wollen, so kann uns natürlich niemand daran hindern, nur sollten wir uns klar sein darüber, daß kein derartiger ethischer Überzeugungsglaube uns etwa dessen gewiß machen kann, daß unser Tun sich in Übereinstimmung auch mit dem Willen Gottes befinde. Das Wissen darum ist in bestimmtem Unterschied zu jeder Überzeugung, Meinung oder Einsicht der Glaube im biblischen und reformatorischen Sinn des Begriffs.

Das ist aber das Wesen des Glaubens: Einmal, daß dem Menschen ein Wort gesagt ist, nicht etwa als ein solches, das er sich zuerst selbst gesagt hat, sondern gesagt ist als das Wort Gottes des Vaters, d.h. aber des Offenbarers der Wahrheit, hinter dem kein Anderer steht, der in ihm offenbar würde, weil er selber die Wahrheit ist, dessen Wort sich also auch an keinem Anderen messen und verifizieren läßt, weil es selber das Wort der Wahrheit ist, der ursprüngliche Logos, an dem alle anderen Worte gemessen sind und der Verifizierung bedürfen, dessen Erkenntnis sich also nicht anders vollziehen läßt als in Form von An-Erkenntnis. Daß |428 dieses Wort der Wahrheit dem Menschen gesagt ist, das ist das Wesen des Glaubens. Das Wesen des Glaubens ist aber zum Anderen – wir sagen dasselbe damit und doch nicht dasselbe –, daß der Mensch dies Wort sich gesagt sein läßt, nicht wie man sich gesagt sein läßt, wovon man sich überzeugt hat, sondern gesagt sein läßt vor aller und abgesehen von aller Überzeugung durch den Geist Gottes des Vaters, d.h. eben als Offenbarung des Offenbarers, der selbst die Wahrheit ist, dem gegenüber also keine Rückfrage und Kontrolle möglich ist, dem die An-Erkenntnis zu versagen keineswegs eine Möglichkeit, sondern nur als ausgeschlossene, absurde Unmöglichkeit, als mysterium iniquitatis, denkbar ist. Dieses Sich-Gesagtseinlassen des Wortes durch die Macht des Geistes Gottes, das Wunder des menschlichen Vernehmens des göttlichen Logos, das ist der Glaube.

Gewiß, wir können ihn statt theologisch auch anthropologisch definieren; wir müssen das sogar tun, um ausdrücklich daran zu erinnern, daß es der Mensch in seiner zeitlichen Existenz ist, dem hier gesagt wird, der sich hier sagen läßt. Wir definieren also den Glauben mit Luther als das «Trauen und Wagen des Herzens» in bezug auf Gott,3 d.h. aber als ein solches Trauen und Wagen, bei dem die Mitte unseres Daseins in Frage gestellt und kompromittiert ist, in dem wir existieren, in dem wir nicht weniger als uns selbst loslassen, preisgeben, aufs Spiel setzen müssen, um Gott unseren Herrn sein zu lassen, von ihm alles Gute zu erwarten. Wie ein Schwimmer im Augenblick, wo er mit den Füßen den Boden verläßt, sich nun eben ganz vom Wasser will tragen lassen. Oder wie ein Radfahrer aufsteigt und die Wiederherstellung des damit zunächst aufgegebenen Gleichgewichtes nur noch von der raschen Vorwärtsbewegung erwartet. Aber gerade diese Bilder zeigen deutlich, daß die anthropologische Definition erst durch die theologische gehaltvoll wird. Im Wasser den Boden verlassen heißt noch nicht schwimmen, so gewiß das geschehen muß. Und das |429 Gleichgewicht aufgeben und aufspringen heißt noch nicht radfahren, so gewiß auch das geschehen muß. Alles hängt daran, daß das Wasser mich nun wirklich trägt, daß die rasche Vorwärtsbewegung nun wirklich stattfindet, und das bedeutet eine gegenüber jener ersten sachlich ganz unabhängige zweite Seite dieser Ereignisse. Der «Objektgehalt» jenes Loslassens könnte auch das Untersinken, und der Objektgehalt jenes Aufspringens könnte auch das Umfallen sein.4 So ist auch das Trauen und Wagen des Herzens, so gewiß es stattfinden muß, wo geglaubt werden soll, noch nicht und nie an sich der Glaube. Es könnte immer noch ein Meinen und Überzeugtsein und dann vielleicht auch ein Wähnen der Sinn dieses anthropologisch zu beschreibenden Geschehens sein. Und «Gott» könnte auch ein bloßer «Objektgehalt» einer in bezug auf die Wahrheitsfrage nur durch mich selbst bedingten Einsicht sein. Alles hängt daran – und darum eben ist die theologische Bestimmung des Glaubens so ausschlaggebend wichtig, darum muß hier das Entscheidende in trinitarischen Formeln gesagt werden –, daß Gott zur Stelle ist, wo solches Trauen und Wagen des Herzens stattfindet: damit Glaube nicht etwa ontologisch ein Wahnsinn, ein Sprung ins Dunkle sei, so sehr er immer phänomenologisch die Gestalt eines solchen haben mag und muß. Glauben heißt nicht irrationales Taumeln, sondern wohlerwogenes, ja in «unerhörter Sicherheit» vollbrachtes Schreiten. Wo immer Gott geglaubt wird, da geschieht es – als Trauen und Wagen des Herzens in und mit der völligen Selbstpreisgabe, mit der sich das verbindet, in der Ungewißheit, die diesem menschlichen Tun so gut wie allem anderen eigen ist – im Blick auf den Gegenstand dieses Tuns gesagt, in der Bestimmtheit, die ihm von ihm her eigen ist, in stahlharter Gewißheit. Es wird doch eben, wo geglaubt wird, daraufhin geglaubt, daß uns das Wort gesagt ist, und daß wir es uns durch den Geist haben sagen lassen.

430Also dem Wort und dem Geist des Vaters, also Gott selbst eignet die Gewißheit des Glaubens. Also wer sich hier aufblähen wollte mit seiner Gewißheit, der spränge freilich ins Dunkle, der würde sich wohl mit einem fragwürdigen «Objektgehalt» seines Glaubens zufrieden geben müssen. Aber eben das ist das doppelseitige Wesen des Glaubens, daß hier menschliches Trauen und Wagen in seiner ganzen Ungewißheit teilnimmt an der unüberbietbaren Selbstgewißheit Gottes, weil hier dem Menschen das Wort Gottes gesagt und von ihm durch den heiligen Geist vernommen ist. Und hier, hier in der Wirklichkeit des Glaubens, eben in dieser göttlichen Gewißheit, in der vollen menschlichen Ungewißheit, hier findet nun auch, wo sie stattfindet, die Einsicht statt in die Übereinstimmung unseres Tuns mit dem Willen Gottes. Wir können nicht an sich wissen, was gut und böse ist. Wir können es uns aber im Glauben sagen und gesagt sein lassen. Als Augenblick des Glaubens kann der Augenblick meiner Entscheidung der Augenblick göttlicher Klarheit sein, in dem ich nicht nur – Gott sagt es – das Gebot erfülle, sondern auch bei aller ernsten Anerkennung der mich von allen Seiten bedrängenden Fragen weiß, daß ich es erfülle, weiß gegen alles mein Wissen um die Schwere jener Fragen und um die Relativität der Antworten, die ich darauf zu geben vermag, nämlich weiß in der Teilnahme an der Selbstgewißheit Gottes, welche Teilnahme nicht mein Werk, sondern das Werk des Wortes und Geistes des Vaters in mir ist, die erkenntnistheoretisch zu begründen ich also weislich unterlassen werde, die ich meinerseits nur dadurch beweisen kann, daß ich durch sie erleuchtet, faktisch in diesem Augenblick als dem Augenblick des Glaubens innerlich erhobenen Hauptes vor Gott tue, was ich tue.

Indem ich glaube, ist mir ja gesagt und lasse ich mir sagen, daß mein Schöpfer mir gnädig ist, daß er es mit mir hält – ich weiß wirklich nicht warum, aber er sagt es mir, und daran halte ich mich – daß ich ihm also (in vorweggenommener Beantwortung aller Fragen, die ich an mich gestellt sehe) so wie ich bin, recht bin, ihm wohlgefalle. Gewiß vernehme ich im Glauben auch |431 mein Urteil, aber wie dieses Urteil auch laute, ich würde es ja nicht im Glauben vernehmen, wenn ich nicht zugleich und vor Allem vernähme, daß Übereinstimmung, Frieden, Entsprechung besteht zwischen meinem und seinem Willen, daß kein Mysterium iniquitatis, das durch den Glauben freilich auch aufgedeckt ist in mir, verwehren kann, daß meine Existenz Ja und nicht Nein bedeutet vor Gott, daß ich, die ganze Problematik meines Tuns eingerechnet und durchschaut, Gottes Gebot halte und erfülle. Was ich im Glauben tue, das ist nicht Sünde, das ist das Gute, und wenn – wir reden vom extremsten Fall, um ganz deutlich zu sein – alle Wahrscheinlichkeit nach meinem Urteil und dem aller Anderen dagegen spräche. Im Glauben lebe ich, wie Gott das Leben gelebt haben will, stehe ich in meinem Beruf, stehe ich unter Gottes Ordnung. Es wäre verbrecherisch, das zu sagen anders als eben im Blick auf die Wirklichkeit des Glaubens, die schlechterdings darin besteht, daß mir dies gesagt ist und ich es mir habe sagen lassen von Gott, der alles weiß, der mich besser kennt, als ich mich selbst kenne! Im Blick auf diese Wirklichkeit muß das gesagt werden!

In der Wirklichkeit des Glaubens steht der Schöpfer des Lebens selber dafür ein, daß mein Tun das Rechte ist. Im Glauben darf ich nicht nur, sondern muß ich so handeln, wie ich handle. Zweifeln in bezug auf mein Handeln hieße jetzt an Gott selbst zweifeln. Nach dem Urteil einer anderen Instanz fragen hieße jetzt Gott nicht Gott sein lassen. Unfroh statt frisch zu tun, was ich tue, hieße jetzt, an Gottes Stelle doch wieder das Schicksal oder einen Dämon vermuten. Ich würde dann nicht glauben, vom Glauben wieder abfallen, und als Werk des Unglaubens wäre mein Werk, dasselbe Werk, und wenn es nach meinem eigenen Urteil und dem aller Anderen das vollkommenste Werk wäre, Sünde, Übertretung, Frevel. Als Werk des Glaubens kann es nur gutes Werk sein. Keine Fragwürdigkeit, kein Bedenken, keine Anklage von innen oder außen kann und darf mich dann stören, kann und darf mir dann die Klarheit nehmen: gutes, Gott wohlgefälliges Werk. Wie dasselbe Werk als Werk des Unglaubens zweifellos in |432 seiner Totalität kein gutes Werk wäre. Gutes Werk, nicht auf Grund irgendeiner Eigenschaft, die ich ihm gegeben, gut auch nicht darum, weil ich so innig oder kühn dabei geglaubt habe, sondern gut kraft dessen, was Gott dazu sagt durch sein Wort in seinem heiligen Geist, der Vater, der der «Vater aller Güte»5 ist, oberste und letzte Instanz, der, indem ich glaube, gesprochen, und zwar endgültig gesprochen hat.

Im Glauben bin ich gerecht, gerecht dem Gebote des Schöpfergottes, nicht gerecht geworden, aber gerecht gesprochen durch dasselbe Wort, durch das ich geschaffen bin und das die Wahrheit dieses meines Augenblickes ist, auch wenn ich selbst und die ganze Welt es nicht fassen könnten, und wie sollten sie es je fassen? «Macht aber diese Lehre nicht sorglose und verruchte Leute?» könnten wir jetzt mit Fr. 64 des Heidelberger Katechismus fragen. Wir antworten auf diese sehr wohl aufzuwerfende Kontrollfrage in drei Punkten, indem wir uns zugleich das Wesen dieses rechtfertigenden Glaubens, soweit es in diesem Zusammenhang möglich und nötig ist, noch einmal vor Augen zu stellen suchen.

1. Auch diese letzte und höchste Bestimmtheit unseres Tuns, sofern es bestimmt sein soll durch die uns widerfahrende göttliche Inanspruchnahme, bedeutet, indem wir sie feststellen, eine an uns gerichtete Frage. Wird denn der Augenblick unserer Entscheidung, dem wir entgegengehen, wirklich der Augenblick unseres Glaubens sein? Dieses Zukünftige ist uns offenbar schon als Zukünftiges nicht in die Hand gegeben, daß wir damit einschlafen könnten wie die törichten Jungfrauen mit ihren brennenden Ampeln [vgl. Mt. 25,1–13]. Auch damit nicht – und das scheint ja eben dies Gleichnis sagen zu wollen –, daß wir vielleicht jetzt in der Gegenwart, im Augenblick der Zurüstung auf die Entscheidung des nächsten [Augenblicks], im Glauben stehen sollten. Glaube wird auch in diesem nächsten Augenblick ganz neu ein Sprung, ein Trauen und Wagen sein, und zwar ein solches Trauen und Wa|433gen, bei dem wir ganz darauf verzichten müssen, uns selbst zu verstehen und recht geben zu können, ein Loslassen aller, aber auch aller Stützen auf das hin, was uns gesagt werden wird und was wir uns sagen zu lassen haben werden. Wer da weiß, wie schrecklich es ist, glauben zu müssen und nur noch glauben zu können, im Glauben seine einzige Rettung suchen zu müssen in Gottes Gericht, der wird es wohl unterlassen, mit dieser Wirklichkeit zu rechnen als mit einer bequemen Möglichkeit, nach der man nur zu greifen brauchte, um aller Sorgen in bezug auf die große Frage: «Quid sum miser tunc dicturus?»6 dquitt und ledig zu sein. Ja, «quid sum miser tunc dicturus?», wenn es im entscheidenden Augenblick auf den Glauben ankommen wird? Die wirklich «sorglosen und verruchten Leute» werden sich mit diesem Aspekt jedenfalls nicht beruhigen. Der wüßte nicht einmal anthropologisch, was Glaube ist, der nicht wüßte, daß er das schwerste und grimmigste Ausharren in der Anfechtung bedeutet. Und wer das weiß, der wird sich sein Gefragtsein auf keinen Fall damit leicht machen, daß er sich gemächlich vornimmt, zu glauben, und also sich sagen zu lassen, daß er trotz Allem ein leidlich guter Mensch sei. Im Gegenteil, das bedeutet ja die Spitze und den Kern aller an uns gerichteten Fragen, daß wir gefragt sind, ob wir das, was wir tun werden, denn auch im Glauben tun werden, und ob wir wissen, daß es ohne Glauben getan, Sünde wäre [vgl. Röm. 14,23], und wenn es dem Tun Christi selbst in allen anderen Punkten ähnlich wäre.

2. Die Glaubensfrage ist nicht eine neben anderen, sondern die absolute Frage mit dem Hinweis auf die absolute Antwort. Sie ist die ethische Frage, die Frage nach unserem Handeln selbst, nach der Erfüllung des Gebotes in concretissimo. Eben darum sind neben ihr alle anderen Fragen relativ. Aber noch einmal ist einzuschärfen: Relativität heißt Relation, und Relation heißt Beziehung. Das also kann die Relativierung aller anderen Fragen |434 durch diese Frage nicht bedeuten, daß sie sie auswischte, daß das Gesetz aufgehoben wäre durch den Glauben. Nicht nur, daß der Glaube selber Gesetz ist, daß wir also zuletzt und zuhöchst von einer Glaubensfrage reden müssen. Sondern: gerade indem es im Glauben darum geht, daß unser Werk von Gott als gutes Werk erfunden werde, sind mit dem Gestelltsein dieser Frage die anderen Fragen auf der ganzen Linie als Fragen erst recht lebendig geworden. Wäre uns nicht zuhöchst und zuletzt die Glaubensfrage, d. h. aber die Gottesfrage, gestellt, dann, dann könnten wir die ethische Problematik sehr wohl als ein intellektualistisches Sich-Skrupelmachen, auf das sich ein gesunder tüchtiger Mensch am besten so wenig wie möglich einlasse, auf die Seite schieben und, «sorglos und verrucht» handelnd, dem lieben Gott und den Ethikern überlassen. Darum brennen doch alle diese Fragen, weil die Glaubens- und Gottesfrage als die in ihnen allen entscheidende, aber auch sie alle begründende Frage hinter ihnen steht. Der würde eben nicht glauben, der nicht in härtester Angefochtenheit glaubte. Der würde sich also auch nicht auf die Glaubensfrage besinnen, der nicht eben darum auf der ganzen Linie in der Besinnung stünde. Dem Augenblick der Entscheidung als dem Augenblick des Glaubens entgegengehen, kann gar nicht heißen, fliehen vor dem Abgrund, den das Gebot Gottes in seinen Relationen vor unseren Füßen aufreißt. Am Rande dieses Abgrundes und nicht anderswo gibt es Bereitschaft für den Glauben, den der kommende Tag von uns fordern wird, wenn er der Tag unseres Bestehens im Gericht sein soll.

3. Die Möglichkeit, «sorglos und verrucht» an die rettende Möglichkeit des Glaubens zu denken, ist damit hermetisch ausgeschlossen, daß wir über das theologische Wesen des Glaubens, über das Zur-Stelle-Sein Gottes mit seinem Wort und seinem Geist keine Verfügung haben. Weder unsere Glaubensinnigkeit noch unser Glaubensmut, weder unser Verneinen aller unserer eigenen Möglichkeiten noch unser Bejahen der Möglichkeiten Gottes gibt uns auch nur im geringsten eine Garantie dagegen, daß unser Glaube nicht doch im entscheidenden Augenblick eine leere |435 opinio, eine bloße Meinung oder Überzeugung, sein könnte, gibt uns irgendeinen Griff auf das Werk Gottes, kraft dessen es wahr ist, daß unser Werk gutes Werk ist. Denn eben, daß der Glaube Gottes Werk ist, das opus ad extra der heiligen Dreieinigkeit, dies sein theologisches Wesen macht unser im Glauben getanes Werk zum guten Werk. Was bleibt uns also übrig, wenn wir wissen, daß die Glaubensfrage die entscheidende Frage ist, als betende Hände zu diesem Dreieinigen Gott zu erheben? Und was könnte diese Haltung, die schließlich gar keine Haltung ist, sondern die tiefe Not des Menschen, der sich ohne die Barmherzigkeit Gottes verloren weiß, was könnte sie etwa mit «sorglosem und verruchtem» Leichtsinn in bezug auf die Zukunft zu tun haben?

Wir haben also auch hier, am vorläufig letzten Punkt unseres Weges, keine Antwort gehört, die nicht als solche fruchtbarste und umfassendste Frage – ethische Frage wäre. Aber wir haben eine Antwort gehört.

Sachfußnoten

1
P. A. Florenskij (1881-?), russischer Theologe und Religionsphilosoph, wurde beeinflußt durch Chomjakow (s. oben S. 173 Anm. 9) und Solowjew und wirkte durch seine Gedanken über die organisch-mystische Natur der Kirche sowie über die Verklärung des gesamten Kosmos durch die Menschwerdung Christi. Als sein theologisch-philosophisches Hauptwerk gilt: Der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit, Moskau 1914 📖, in Auszügen deutsch veröffentlicht in: Östliches Christentum, Dokumente II, Philosophie. In Verbindung mit N.v. Bubnoff hrsg. von H. Ehrenberg, München 1925 📖. K. B. bezieht sich offensichtlich auf den 10. Brief: Sophia, S. 133f. 📖 ↩
2
s. oben S. 148.↩
3
Vgl. Luthers Auslegung des 1. Gebotes im Großen Katechismus von 1529, WA 30, 1, 132-133 bzw 📖. Die Bekenntnisschriften der evang.-lutherischen Kirche, S. 560. 📖 ↩
4
Randbemerkung von K. B.: «L.!» – offenbar als «Luther» zu lesen und eine Kritik des Glaubensverständnisses im Sinne der reinen fides qua creditur implizierend.↩
5
Vgl. J. J. Schütz (1640–1690), Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte (1675), EKG 233, Schweiz. Kirchengesangbuch 49. 📖 ↩
6
Aus der Sequenz Dies irae, dies illa der 1. Messe am Sonntag Allerseelen. Vgl. Das Vollständige Römische Meßbuch, lat. u. deutsch, hrsg. von A. Schott OSB, Freiburg, Basel, Wien 1963, S. [200f.]. 📖 ↩