XVII
ZUR EDITIONSGESCHICHTE DES BRIEFWECHSELS
ZWISCHEN KARL BARTH UND EDUARD THURNEYSEN
Seit dem Beginn der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Karl Barth und Eduard Thurneysen im Rahmen der Gesamtausgabe der Werke Barths ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen. Es hatte sehr zügig angefangen. Die Herausgabe der Briefe durch den Überlebenden der beiden Partner selbst, den zur Zeit von Barths Tod (1968) achtzigjährigen Eduard Thurneysen, war — wie die einiger anderer nachgelassener Texte — bereits beschlossene Sache, als im Juli 1970 auf einer zur Beratung über seinen Nachlaß einberufenen Konferenz von Freunden und Schülern Barths mit Vertretern seiner Nachkommenschaft sowie des Theologischen Verlages Zürich der Gedanke an eine Barth-Gesamtausgabe entstand und sogleich zum Beschluß erhoben wurde. Die zuvor schon einzeln vom Verlag erteilten Editionsaufträge wurden von der Konferenz bestätigt, die von den Beauftragten schon begonnenen Vorarbeiten in den größeren Rahmen eingefügt.
Mit diesem Vorsprung gingen die an erster bis achter Stelle in den Jahren 1971-1976 erschienenen Bände in der Publikation voran.1 Bereits an dritter und vierter Stelle konnte Eduard Thurneysen seine Briefedition 1973 und 1974 in zwei Bänden vorlegen, deren erster die Jahre 1913-1921, den Anfang der Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft zwischen den beiden Aargauer Pfarrern, der zweite die Zeit vom Oktober 1921 bis zum März 1930 während Barths Professuren in Göttingen und Münster umfaßt. In der undatierten «Vorbemerkung» zum zweiten Band spricht Thurneysen die Erwartung aus, mit einem dritten Band, der wie der zweite noch im Jahr 1974 erscheinen solle, die ganze Edition dieses Briefwechsels abschließen zu können. Dieser sollte die umfangreiche Korrespondenz aus Barths Bonner Zeit (April 1930 bis Juni 1935) sowie die schmalere der ganzen Folgezeit bis zu Barths Tod, als beide in Basel wohnten und nur noch sporadisch brieflich kommunizierten, enthalten. Diese Erwartung war schon, als Thurneysen sie niederschrieb (wohl im Spätjahr 1973) wenig realistisch, sowohl was die Einschätzung |XVIII des Volumens2 als auch was den erhofften Zeitpunkt betrifft. Thurneysens Tod am 21. August 1974 machte diese Erwartung vollends zunichte, zumal er — außer mehr oder weniger drastischen Kürzungen — nahezu keine Vorarbeiten für den abschließenden Band hinterlassen hat.
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Ein Wort über Thurneysens Herausgeberschaft — «Bearbeitet und herausgegeben von Eduard Thurneysen» ließ er auf die Titelblätter drucken — ist hier am Platze. Es lag ihm nahe, sich dafür anzubieten, war er es doch gewesen, der mit der Veröffentlichung von Auszügen aus einigen zwischen 1914 und 1922 geschriebenen Briefen Barths zu seines Freundes 70. Geburtstag3 — der Barth zwei Jahre später mit einer entsprechenden, umfangreicheren Gegengabe gefolgt war4 — eine erste Initiative in dieser Richtung ergriffen und sofort ein sich weit ausbreitendes Interesse an diesen Texten erweckt hatte. So gab er sich seit 1970 (oder schon 1969?), unterstützt von seiner Frau Marguerite, dieser ihm gern überlassenen Aufgabe mit unermüdlicher Leidenschaft hin. Sie war die große Freude seiner letzten Lebensjahre. Als direkt Beteiligter, der sich an die in den Briefen erwähnten Personen, an die geschichtlichen Vorgänge, an den darin gepflogenen Gedankenaustausch unmittelbar erinnerte und für die Nachweise, die er in bescheidenem Ausmaß für erforderlich hielt, zu einem guten Teil aus dem eigenen Gedächtnis schöpfen konnte, besaß er auch sachlich einen Vorsprung vor jedem möglichen anderen Herausgeber. Als Mitverfasser fühlte er sich, na|XIXmentlich seinen eigenen Briefen gegenüber, frei, sie «oft in geraffter Fassung» darzubieten5, aber auch in Barths Briefen zahlreiche (durch Auslassungszeichen gekennzeichnete) Kürzungen vorzunehmen — über das hinaus, was er im Vorwort als Begründung dieses Verfahrens angibt: sie seien «in der Hauptsache bedingt durch die unsere Intimsphäre berührenden Mitteilungen»6. Eine Rolle spielten auch andere Gesichtspunkte: besorgte Rücksichtnahme auf manche in den Briefen erwähnte Personen, die damals noch lebten, bzw. deren Nachkommen, und nicht selten auch die Ansicht, dies oder jenes sei für die nachgeborenen Leser ohne Belang und ein größerer Umfang der Bände tunlichst zu vermeiden. Als auf manchen Feldern bewanderter, aber nicht gerade in der Historie und Philologie geschulter Achtzigjähriger schließlich ging er mit einer Unbekümmertheit — und doch auch mit gewissen Hemmungen — zu Werke, die ebenfalls keinem anderen Herausgeber angestanden hätte. Allein dank dieser Eigenschaften war das rasche Erscheinen der beiden Bände möglich. Daß sein Vorsprung zugleich auch einige Nachteile bedeutete, war ihm bewußt. Hinter dem Vorwort-Satz: «Ich hoffe, als Herausgeber und Bearbeiter an wissenschaftlicher Genauigkeit nichts schuldig geblieben zu sein»7 verbirgt sich — wie ich mehrmals aus seinem Munde gehört habe — einiger Selbstzweifel. Als dann zwei Schweizer Tageszeitungen unfreundliche Rezensionen brachten, die einseitig die Mängel der Ausgabe hervorhoben und über den theologischen, historischen und biographischen Wert der Texte kaum ein Wort verloren, fühlte er sich empfindlich getroffen. Das mag dazu beigetragen haben, daß sein Elan erlahmte und er die Vorbereitung des dritten Bandes kaum mehr in Angriff nahm.
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Nach Eduard Thurneysens Tod war es lange Zeit nicht möglich, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Wer hätte in seine Fußstapfen treten können? Niemand teilte seine positiven Voraussetzungen, niemand durfte andererseits wie er die Bedingungen einer wissenschaftlichen Edition — und zudem die im Lauf der Zeit gewachsenen Anforderungen an die Nachweisungspraxis der Gesamtausgabe — relativ leicht |XX nehmen. Und noch einmal erheblich gesteigerte Anforderungen stellten auch die Brieftexte der späteren Jahre, zumal seit 1933, ihrerseits durch ihr zunehmendes Ausgreifen über den persönlichen Lebenskreis der beiden Korrespondenten hinaus.
Nach etlichen Jahren erbot sich jemand, die Aufgabe zu übernehmen: Reiner Marquard (heute Professor an der Evangelischen Fachhochschule für soziale Arbeit, Diakonie und Religionspädagogik in Freiburg i.Br.), der 1975 und 1977 je ein halbes Jahr Assistent im Karl Barth-Archiv gewesen war und dort die Editionsarbeit kennengelernt und 1977 durch sein Logis bei Frau Thurneysen auch zu Barths Briefpartner eine gleichsam direkte Beziehung gewonnen hatte. Im Pfarramt erkämpfte er sich immer wieder einige Mußestunden, um sich mit dem umfangreichen Material und dessen zeitgeschichtlicher Umgebung vertraut zu machen, mußte aber 1991 nach seiner Wahl zum Dekan in der hessen-nassauischen Kirche zu seinem Bedauern den Auftrag zurückgeben. An seine Stelle zu treten erklärte sich Caren Algner, damals Assistentin im Karl Barth-Archiv, bereit. Dank großzügiger Unterstützung durch Barths Schwiegersohn Max Zellweger und andere Geldgeber konnte sie nach dem Ende ihrer Assistentur im Frühjahr 1992 anfangen, sich in die Materie einzuarbeiten und sich die für die anspruchsvolle Aufgabe erforderlichen Fähigkeiten anzueignen. Als sie die Arbeit im Herbst 1994 unterbrechen mußte, um ein zweijähriges Vikariat und ein weiteres Jahr im kirchlichen Probedienst (älteren Semestern vermutlich besser bekannt als — obligatorische — «Hilfsprediger»-Zeit) in ihrer rheinischen Heimatkirche zu absolvieren, schien die Editionsarbeit in einer provisorischen Fassung dem Abschluß nahe. Wieviel Feinarbeit darüber hinaus noch zu leisten war, stellte sich heraus, als sie im Herbst 1997 die Arbeit wieder aufnehmen konnte, die sie schließlich im November 1999 bis zur Druckreife brachte.
Die Voraussetzungen, unter denen Frau Algner die Arbeit begann, hatten sich kurz vorher noch in einer anderen Hinsicht als den oben genannten verändert. Im Februar 1991 hatten Barths Nachkommen, von ihm seinerzeit mit dem Verfügungsrecht über seinen literarischen Nachlaß betraut, auf Initiative der beiden damals noch lebenden Vertreter der ersten Nachkommengeneration — seiner Tochter Franziska Zellweger und seines Sohnes Prof. Markus Barth (beide 1994 gestorben) —, den Beschluß gefaßt, den Vorbehalt hinsichtlich dessen, was E. Thurn|XXIeysen «Intimsphäre» nannte, für künftige Publikationen aufzugeben. Konkret betrifft das in der Hauptsache Barths langjährige Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum und die durch seine Bekanntschaft mit ihr (seit 1925) virulent gewordene Entfremdung zwischen ihm und seiner Frau Nelly Barth. Nicht die Person Charlotte von Kirschbaum und ihre hohe Bedeutung als Barths unentbehrlich gewordene wissenschaftliche Helferin, wohl aber die durch die persönliche Beziehung verursachte Belastung des familiären Lebens hatte Thurneysen in dem betreffenden Teil des zweiten Bandes seiner Briefedition durch Auslassungen verschwiegen. Diese Rücksichtnahme besonders auf Frau Nelly Barth, die ihn um zwei Jahre überlebte — sie starb am 23. Oktober 1976 —, war nicht nur ihm selbstverständlich. Und nach seinem Tode erschien vor 1991 (und bis heute) in der Gesamtausgabe ohnehin nichts, was zu dieser Rücksicht — oder zu der Überlegung, ob sie weiterhin zu üben sei oder nicht — Anlaß gegeben hätte. Jener im Blick auf verschiedene geplante Briefausgaben gefaßte Beschluß wird für den vorliegenden Band erstmals wirksam. So angebracht es um der Beteiligten willen — zu denen ja auch Thurneysen selbst gehörte — in der ersten Zeit nach Barths Tod gewesen ist, die unmittelbaren Zeugnisse aus diesem inneren Bereich zunächst zurückzuhalten, so sehr entspricht es Barths eigener Lebenshaltung, sie nicht auf die Dauer zu verbergen. Das für die drei Hauptbeteiligten, aber auch für die weitere Familie und die nahen Freunde belastende Leben zu dritt, das fast vier Jahrzehnte währte, ist ein zentraler Faktor in Barths Biographie. Er selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht. Wie er und die beiden Frauen daran gelitten und zugleich im Bewußtsein ihrer Verantwortung auch durch akute Krisen hindurch immer wieder daran gearbeitet haben, ihre «Notgemeinschaft» weiterzuführen, davon gibt dieser Briefwechsel eindrücklich Zeugnis.
Daß Briefe Charlotte von Kirschbaums an Eduard Thurneysen und von ihm an sie in den dritten Band aufgenommen werden müßten, stand auch für Thurneysen selbst von vornherein fest. Seit dem Herbst 1929 war sie auch Mitbewohnerin des Hauses Barth — noch für ein Semester in Münster, dann die ganzen fünf Jahre in Bonn und später in Basel bis zu ihrem krankheitsbedingten Ausscheiden aus der labilen Hausgemeinschaft im Januar 1966. Sie war auch in Barths Freundschaft mit Thurneysen von Anfang an voll aufgenommen. So lag es nahe, daß sie gerade an ihn in Barths Vertretung schrieb, wenn diesem seine Ar|XXIIbeit keine Zeit dazu ließ, und daß sie es ihm gegenüber, mehr als in vielen anderen Fällen solcher Stellvertretung, zugleich im eigenen Namen tat. Ihr Anteil an dem Briefwechsel der beiden Freunde gerade in den Jahren 1930 bis 1935 ist quantitativ und qualitativ so erheblich, daß es sich für diesen Zeitraum faktisch um eine Dreierkorrespondenz handelt. Diesem Tatbestand trägt auch der erweiterte Titel diese Bandes Rechnung.
Was über Thurneysens Absicht hinausgeht, ist die Einbeziehung auch der ganz persönlichen Sphäre in die vorliegende Veröffentlichung. Damit der so eröffnete Einblick in diese Sphäre möglichst vielseitig ist und die Sichtweise der übrigen Nächstbeteiligten mitdokumentiert wird, finden auch die nicht sehr zahlreichen Briefe von Nelly Barth an Thurneysen bzw. seine Frau und umgekehrt, fünf von ihr an ihre Schwiegermutter Anna Barth, ferner vier Briefe von Marguerite Thurneysen sowie einer von Charlotte von Kirschbaum an Barths Schwester Gertrud Lindt (diese alle in Petitsatz) Aufnahme in den Band. Schließlich ergab sich im Lauf der Editionsarbeit die Notwendigkeit, auch drei Briefe Barths an seine Frau aus dem März und April 1933 mit abzudrucken. Barth hat sie jeweils im Durchschlag auch an Thurneysen geschickt, und dieser geht in Gegenbriefen darauf ein, so daß sie gleichsam von Haus aus ein Bestandteil von ihrer beider Korrespondenz sind. Ohne sie würde an entscheidender Stelle eine empfindliche Lücke klaffen. Gegen dieses Verfahren bestanden Bedenken mit Rücksicht auf einen in seiner Intention nicht eindeutigen Satz in Barths Testament: Ausgenommen von seinem literarischen Nachlaß und der Verfügung über dessen Verwaltung seien «alle von meiner Frau an mich und von mir an meine Frau gerichteten Briefe». Die autorisierten Vertreter der heutigen Nachkommengeneration haben sich jedoch mit Zustimmung von juristischer Seite darüber verständigt, daß im Sinne des Testators die Veröffentlichung der drei genannten Briefe im Kontext seines Briefwechsels mit Thurneysen nicht als dieser Bestimmung zuwiderlaufend anzusehen sei.
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Der Umfang des Briefwechsels allein aus den Jahren 1930-1935, wie er sich mittlerweile darstellt, macht es unmöglich, gemäß Thurneysens Absicht auch den aus den gemeinsamen Basler Jahren 1935-1968 in den dritten Band aufzunehmen. Verschiedene Faktoren sind dabei wirksam. |XXIII Schon die Aufnahme so vieler Briefe und Briefteile, die Thurneysen aus den genannten Gründen übergehen wollte, überhaupt der generelle Verzicht auf Kürzungen8, führt zu einem erheblichen Anwachsen des Umfangs. Darüber hinaus ist seit 1992 eine beträchtliche Anzahl von Briefen, die Thurneysen nicht zur Verfügung standen, aus verschiedenen Nachlässen aufgetaucht. Diese mußten selbstverständlich eingearbeitet werden. Schließlich nimmt auch der Anmerkungsapparat sehr viel mehr Platz in Anspruch, als Thurneysen veranschlagt hatte, da der zeitgeschichtliche Hintergrund, der in diesen Jahren, zumal seit 1933, eine wachsende Rolle für das Verständnis der Briefe spielt, unter Berücksichtigung beispielsweise der Kirchenkampfforschung umfassend ausgeleuchtet wird.
Der Abschluß des Bandes mit dem Zeitpunkt von Barths Übersiedlung von Bonn nach Basel rechtfertigt sich darüber hinaus auch unter einem inhaltlichen Gesichtspunkt. Seinen bewährten Charakter als erstrangige Quelle für die Biographie beider Freunde besitzt ihr Briefwechsel naturgemäß nur während der Zeit, als sie an verschiedenen Orten wohnten und also meist auf brieflichen Austausch angewiesen waren. Die selteneren Briefe aus den Jahren 1935-1968 gehören deswegen gewissermaßen einer anderen Gattung an als die zwischen 1913 und dem Sommer 1935. Es bleibt also eine Aufgabe für später, die Veröffentlichung des Briefwechsels Barth-Thurneysen mit einem vierten Band zu vervollständigen.
Darin, daß der Abschluß des Ganzen mit dem dritten Band noch nicht erreicht wird, liegt auch einer der Gründe dafür, daß noch ein anderes (etwas unbedachtes) Versprechen Thurneysens9 nicht eingelöst werden kann, nämlich den abschließenden Band mit einem das Gesamtcorpus erfassenden Begriffsregister auszustatten. Loyalität gegenüber diesem Versprechen hätte nochmaligen Aufschub und also für den dritten Band wiederum Verzicht auf ein Begriffsregister bedeutet, was selbstverständlich nicht in Betracht gezogen wurde. Hinzu kommt, daß die Alternativmöglichkeit: dem vorliegenden Band ein Gesamtregister nur zu den Bänden 1-3 beizugeben, auch darum wenig befriedigend wä|XXIVre, weil die unterschiedliche editorische Behandlung der ersten beiden Bände einerseits, des dritten andererseits eine Addition nicht sinnvoll erscheinen läßt. Daß in anderer Form jenes Versprechen Thurneysens gleichwohl eingelöst werden kann, ist Reiner Marquard zu danken. Als er seinerzeit den Editionsauftrag für Band 3 zurückgab, hatte er ein Begriffsregister für die Bände 1 und 2 bereits erarbeitet. Der Verlag hat sich jetzt freundlicherweise bereiterklärt, dieses Register separat zu drucken und sowohl dem vorliegenden Bande beizulegen als auch einzeln anzubieten.
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Mit einem persönlichen Wort möchte ich diese Ausführungen beschließen. Als ich im September 1971 mein Amt als Verwalter des Karl Barth-Archivs antrat, traf ich Eduard und Marguerite Thurneysen im vollen Zuge ihrer Arbeit an der Edition. Obwohl ein Auftrag, die Manuskripte der einzelnen Band-Herausgeber auch inhaltlich zu überprüfen und die Letztverantwortung dafür zu übernehmen, erst einige Jahre später zu meinem offiziellen Aufgaben hinzukam, mein Amt also eine Kompetenz zu substantiellen Eingriffen damals noch nicht einschloß, zog mich Eduard Thurneysen sogleich als Berater bei, und aus dem einstigen Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelte sich rasch — wie Thurneysen es in beiden Vorworten bekundet — über den Altersabstand von 43 Jahren hinweg eine Freundschaft. Er überraschte mich immer wieder durch seine Bereitschaft, auf respektvoll-schüchtern vorgebrachte Einwände einzugehen und auch Textstücke, die er bereits zur Streichung vorgesehen hatte, wieder aufzunehmen. Natürlich machte ich von dieser mir eingeräumten Möglichkeit nur zurückhaltend Gebrauch; es konnte unmöglich meine Absicht sein, prinzipielle Bedenken gegen seine Editionspraxis anzumelden. Er wäre dafür möglicherweise offen gewesen, aber das hätte das Erscheinen der beiden Bände zu seinen Lebzeiten zweifellos verhindert. Der freundschaftliche Verkehr im Hause Thurneysen hat entscheidend dazu beigetragen, meiner Frau und mir das Einleben in Basel leicht und schön zu machen.
Wie am Anfang, so steht nun auch am Ende — teilweise jenseits des Endes — meiner amtlichen Tätigkeit die Mitwirkung an der Herausgabe des Briefwechsels zwischen Karl Barth und Eduard Thurneysen. Die Leitung des Archivs und der Gesamtausgabe ist Mitte 1997 an meinen |XXV Nachfolger Dr. Hans-Anton Drewes übergegangen. Er war als langjähriger bewährter Mitarbeiter der Gesamtausgabe deren Lesern kein Unbekannter. Wie ich aber die nach der Amtsübergabe 1998 erschienenen drei Bände, die noch zu meiner Zeit bis zur Druckreife gediehen waren, bis zu ihrem Erscheinen weiter betreut habe, so, im Einverständnis mit Dr. Drewes, auch diesen, dessen Entstehen ich vom Anfang bis in ein bei jener Unterbrechung erreichtes fortgeschrittenes Stadium begleitet hatte. Und der Zusammenarbeit mit dem Ältesten unter den Herausgebern am Anfang korrespondiert zum Abschluß diejenige mit der (bisher) Jüngsten.
Damit verabschiede ich mich von den Lesern, die Karl Barth seit längerer oder kürzerer Zeit durch die Gesamtausgabe zu sich haben reden lassen, — nicht als Mitarbeiter dieses Jahrhundertunternehmens, als der ich weiter tätig zu sein hoffe, aber in der hiermit nun zum letzten Mal betätigten Eigenschaft als der für sie gesamthaft Verantwortliche.
Basel, den 30. Dezember 1999Hinrich Stoevesandt