21. Oktober 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Was für eine ergiebige Post traf heute bei uns von euch her ein. Herzlichen Dank! Obenan steht freilich das Bedauern mit deinem armen Kopf und Mund. Aber offenbar hatte dieser Schlag aufs Haupt auch wieder seine guten Seiten, indem du zu unfreiwilligen Ferien kamst und ruhiger deinem Anselm leben konntest. In der Tat, er wird irgendwie von der an der Eristik interessierten Zeitgenossenschaft als ein weiteres «totgeborenes Kind» (du hast doch dieses unverschämte auf deine Dogmatik 📖 gemünzte Bild von Delekat in der «Christl. Welt»1 gesehen?) bedauernd aufgenommen werden, aber laß dich nicht drausbringen. Wahrscheinlich wird in Bälde die wirkliche Aktualität dieser Untersuchungen herauskommen. Ich war eben bei Emil Brunner und führte ein langes Gespräch mit ihm über den usus formalis der Vernunft in der Dogmatik2 und hätte gewünscht, die Anselmdebatte wäre mir ganz gegenwärtig gewesen, denn eben um das bei Anselm Verhandelte schien es mir da wieder zu gehen. Hat übrigens Emil seinen Brief an dich3 ab|56gesandt? Ich kam eben, wie er einen langen Spruch an dich anläßlich des neuen Heftes von Zw. d. Z. niedergeschrieben hatte. Ich bat ihn, ihn mir zu lesen, und gab mir dann alle redliche Mühe, ihm zu erklären, daß er auf diese Weise dir gegenüber keinen Schritt weiterkomme. Es kam auch wieder erneut an den Tag, daß er dir gegenüber ganz einfach von tiefverankerten Minderwertigkeitskomplexen geplagt wird. Es war fast rührend, wie er das ganz offen heraussagte und zugleich ganz von sich aus bekannte, es sei ihm immer unheimlich, wenn du ihm an irgendeinem Punkte gar nicht beistimmen könntest, weil er deinen, wie er selber sagte, Instinkt für das Wesentliche wohl kenne und sich dir eigentlich ganz unterziehen möchte, aber er müsse doch seine Art zu denken und zu leben auch haben dürfen. Also nimm doch ja weiterhin Emils Widerreden gegen dich auch immer wieder von dieser psychologischen Seite. Ich bin nicht sicher, ob er auf unser Gespräch hin seinen Schreibebrief an dich abgelassen hat. Einsichtig war er wirklich nicht.

Jener Abend mit Heim und Emil und Köberle verlief an sich ganz nett, aber nicht sehr ertragreich. Natürlich war ebenfalls wieder die Eristik das Thema, Heim vertrat seine etwas altmodische Auffassung von den Hindernissen des Glaubens bei den Gebildeten.4 Daneben wurde Gogarten verhandelt, dem gegenüber Heim starke und in ihrer Weise gute Bedenken vertrat, während Emil irgendwie zu erklären trachtete und Köberle sogar allerlei ihm offenbar fabelhaft Neues5 in ein hervorgezogenes Notizbuch hineinkritzelte. Übrigens traf ich an dieser Tagung bzw. an dem Mittagessen, das dabei gegeben wurde, zum ersten |57 Mal auch Frick aus Marburg. Ich hatte ihn mir sehr anders vorgestellt und fand in ihm einen ziemlich gemütlichen, aber nicht gerade sehr rasanten Mann. Habe ich dir geschrieben, daß kurz vorher übrigens auch die Tagung der Freunde der Christi. Welt6 stattfand? Ich ging hin, weil ich De Quervain schnell treffen wollte, und zog einen Schuh voll heraus7 — eine absolut üble Debatte, beherrscht von dem Frankfurter Foerster8 und dem Freiburger Jaeger9, die beide mit dem Pathos der neunziger Jahre (das eben in gewissen Fällen trotz Zolas10 und des Dreifussfilms 📖11 einfach alle, aber auch alle Instinkte von heute gegen sich auf|58ruft und nur noch mit rascher Verhaftung und Abführung der damit Behafteten beantwortet werden könnte) gegen die Verwendung des Apostolikums in der neuen badischen Agende12 losbrachen. Es war rettungslos. Da stand auf einmal wer auf? Dein merkwürdigerweise gerade auch anwesender Nachfolger in Münster, Piper13, und rettete die Situation auch wirklich gar nicht, sondern stellte sich selber ebenfalls als «Freund der Christl. Welt» vor, um irgendeine Vermittlung zwischen dem hier waltenden und einem von ihm vertretenen jungevangelischen Geist14 zu versuchen.15 Hier ist ebenfalls nicht viel zu holen, wie mir schien. Oder hatte Piper nur eine besonders unglückliche Stunde?

59Heiner — denk, ich hab ihm deinen Brief an Scholz gezeigt. Er war sehr erfreut über deine Bereitwilligkeit zu helfen, aber doch auch wieder erschrocken ob der Entschiedenheit, mit der diese Démarche bei Scholz eingeleitet worden ist. Mir schien dein Brief sehr richtig zu sein. Aber Heiner bat mich, ihn zurückzupfeifen, was ich auch durch ein Telegramm an Scholz und einen nachfolgenden Brief getan habe.16 Es scheint, daß Heiner doch sehr wesentliche Kompensationen von der Regierung erhalten soll, verdoppeltes Gehalt und erweiterten Lehrauftrag.17 Und diese Chancen möchte er sich nicht verderben, was gesche|60hen könnte, wenn Stenzel irgendwie auf unsere Démarche hin zurückginge und dies lautbar würde. Wahrscheinlich würde es Heiner selber doch nichts nützen. Es war gestern abend Sitzung der Kuratel18, und unser Gewährsmann Gerwig19 berichtete von zwar in der Berufungsfrage ganz negativem Erfolg, aber sagte, daß im übrigen Heiners Sache nicht so sehr schlecht stehe. Es sei sogar gesagt worden, daß Stenzel durchaus nur aufs Vorübergehen in Basel dozieren werde, aber wenn man diesen Mann jetzt etwa so wie Weingartner20 für ein paar Jahre bekomme, so nehme man ihn natürlich und lasse Heiner nachher erst vorrücken, gebe ihm aber einstweilen eine irgendwie anständige Kompensation. Natürlich eine blöde und typisch baslerische Konjunkturrechnung, aber Heiner bat mich also, trotz allem die Aktion Scholz abzubremsen, nachdem er sich deinen Brief eine Stunde lang überlegt hatte. Deine Erstargumente gegen einen solchen Schritt, die ich ihm auch vorlas, schienen ihm einleuchtend und haben ihn sicher mitbestimmt, alles gehen zu lassen, wie es gehen mag.

Ja, Karl, auch ich habe von Gerty ein Hähnchen gebraten bekommen, wie überhaupt die ganze Berglizeit auch für uns einfach ausgezeichnet verlief. Es fehlte gar nichts zum Glücke, es war alles eingetaucht in den wehmütigen, aber vollen Glanz eines abklingenden |61 Klingsorsommers21, und vor allem mit Gerty hatte ich diesmal einige gute Gespräche, aber auch Ruedi war von seltener Aufgeräumtheit. Weniger aufgeräumt dagegen fand ich meinen Freund Horber22, der allerdings vor bedenklicher geschäftlicher Situation zu stehen scheint, du gute Zeit, das werden auch wir noch zu spüren bekommen, indem auch unser Gerstelein dort zerrinnen könnte. Und es uns ergehen wird wie einst dem Papa23, als er — wie war’s doch? — das beste österreichische Bergwerk angekauft oder wenigstens sich daran beteiligt und nachher mit dem besten Gericht der Welt, irgendeinem österreichischen Landgericht, um diesen Anteil vergeblich prozessiert hatte. «E Dame in Klauseburg hat nämlich …» — so geht’s, wenn man sich mit derlei Ratgebern einläßt. Übrigens hör an, Vreneli24 hat auf seine listige Weise durch Anregung im Gespräch fertig gebracht, daß wir, Ruedi, Gerty und ich, am letzten Samstag unter einigen Seufzern den Chrysler bestiegen und um 1 Uhr in Zürich vorführen, um Theo25, Vreneli, ein Grammophon und den Karlmännli26 aufzuladen und damit über den Rikken27 zu Papa nach Flawil zu jagen, dort die ganze Bagage abzuladen |62 und in jedem Sinne erleichtert wieder heimwärts zu sausen, wo bei einer Flasche Neuenburger die ganze ersorgte28 Reise beschlossen wurde im Frieden des Bergli. Papa selber sahen wir bei dieser Gelegenheit auch. Er schien ordentlich munter, wohnt also jetzt im zweiten Stock der Apotheke Kutter, hat einen Lehnstuhl und Vögelein am Fenster und darf nicht ausgehen, sondern muß still sitzen, was ihm offensichtlich Mühe macht. Mich dauerte etwas an der ganzen Situation. Es schien mir irgendwie, er sollte einen solenneren Abschluß seines Daseins haben, mindestens auf einer Schloßterrasse sitzen, zu Füßen einen großen Hund, vor sich einen Park, und nun dieses durchaus kleinbürgerliche Ende!

Schluß! Sei mit Lollo (ihr Brief hat uns sehr gefreut, vielen Dank!) und Nelly herzlich gegrüßt
Dein
Eduard

Marguerite grüßt vielmal mit.

Sachfußnoten

1
Fr. Delekat, Rezension über Th. Siegfried, Das Wort und die Existenz. Eine Auseinandersetzung mit der dialektischen Theologie. I. Die Theologie des Wortes Gottes bei Karl Barth, in: CW, Jg. 44 (1930), Nr. 19 vom 4.10.1930, Sp. 933f. 📖: «Es ist mir (und vielen Anderen) bei der Lektüre der Dogmatik 📖 Barths und nun bei der Siegfriedschen Kritik so zu Mute gewesen, wie es einem Elternpaar zu Mute sein mag, dem ein Kind geboren wurde, das aber kurz nach der Geburt starb. Sie holen einen Arzt; der stellt fest, daß und warum es nicht lebensfähig war. Gewiß: man dankt ihm; aber man dankt ihm mit einem traurigen Herzen.»↩
2
Den Begriff «usus formalis rationis» verwandte E. Brunner auch in seinem Brief an Barth vom 20.10.1930 (s. Anm. 3). Der Begriff kommt ebenfalls vor in: E. Brunner, Theologie und Kirche, in: ZZ, Jg. 8 (1930), S. 414f. 📖, wo auch kritisch auf Barth Bezug genommen wird.↩
3
E. Brunner warf Barth in seinem Brief — einer Reaktion auf Barths neuesten Aufsatz «Die Theologie und der heutige Mensch» (s. oben S. 13, Anm. 20) — vor: «Wenn man die Formalisierung des Gotteswortes so weit treibt wie du es hier tust, so kommt man auf folgende Theologie hinaus: Gottes Wort ist, was Gott dir sagen wird [von Barth mit Rotstift unterstrichen, Randnotiz «richtig»]. Und damit fertig» [mit Blaustift unterstrichen, Randnotiz «falsch»]. Faktisch treibe aber auch Barth — im Widerspruch zu seiner Lehre von der vollkommenen Unfähigkeit des Menschen zur Gotteserkenntnis — Theologie im Glauben an die Gültigkeit der Vernunft, indem er seine Aussagen zu beweisen und zu sichern trachte. Solches Beweisen erfolge «grundsätzlich in zweierlei Weise …: a) formal (usus formalis rationis): der innere Zusammenhang des Dogmas, b) material, aber hier nur negativ: der Nachweis, daß der Mensch das nicht hat, was er durch Gottes Wort bekommt, und der Nachweis, daß dieses Nichthaben eine Not ist.» Barths — faktisch nicht durchgehaltene — Überbetonung des Formalprinzips führe zu einer «Aufhebung jeder Theologie» und einer rein «negativen Aporetik» (Bw.Br., S. 199–205 📖).↩
4
Vgl. etwa: K. Heim, Bilden ungelöste Fragen ein Hindernis für den Glauben? (Vortrag auf der 15. Allgemeinen Deutschen Christlichen Studentenkonferenz, Wernigerode 1905), in: ders., Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze und Vorträge mit einer Einführung über Sinn und Ziel meiner theologischen Arbeit, Berlin 1928 (2. erw. Aufl.), S. 571–592 📖; ders., Der evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart. Grundzüge einer christlichen Lebensauffassung, Bd. I: Glaube und Denken. Philosophische Grundlegung einer christlichen Lebensauffassung, Berlin 1931, S. 41f. 📖 ↩
5
A. Lempps Schlußkommentar zu Barths Darlegungen während eines von G. Merz geleiteten Gesprächs im Februar 1920 «Des ischt mir alles fabelhaft neu» war in Barths und Thurneysens Freundeskreis zu einem geflügelten Wort geworden; vgl. Bw.Th. I, S. 368. 📖 ↩
6
Am 29.9.1930 um 9.30 Uhr im Evangelischen Vereinshaus, Nadelberg 6, in Basel. Ein Protokoll der Diskussionsbeiträge nach dem von Pfarrer Dr. Rudolf Paulus gehaltenen Vortrag über «Freiheit und Bindung im kirchlichen Handeln des Protestantismus» enthält der Tagungsbericht von M. Speiser, Freunde der Christlichen Welt in Basel, in: An die Freunde. Vertrauliche d. i. nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Mitteilungen, Nr. 98 vom 25.11.1930, Sp. 1031–1033. 📖 Vgl. auch dies., Tagung der Freunde der Christlichen Welt vom 29. September 1930 in Basel, in: KBRS, Jg. 86 (1930), Nr. 25 vom 4.12.1930, S. 396 📖; J. Wolter, Freunde der Christlichen Welt in Basel, in: BN, Jg. 86 (1930), Nr. 269 vom 2.10.1930, 1. Beilage 📖; ferner: R. Paulus, Zur Tagung der Freunde der Christlichen Welt in Basel, in: KBRS, Nr. 20 vom 25.9.1930, S. 315f. (Leitsätze zu seinem Referat «Freiheit und Bindung im Handeln des Protestantismus» auf der Tagung). 📖 ↩
7
D. h. etwa: und bekam (während des kurzen Dabeiseins) eine Kostprobe mit.↩
8
Erich Foerster (1865–1945), 1895–1934 Pfarrer der Deutschreformierten Gemeinde, zugleich seit 1907 Privatdozent (seit 1914 an der Universität), 1915–1935 Honorarprofessor für Kirchen- und Religionsgeschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt am Main, Freund und Mitarbeiter M. Rades und der Christlichen Welt (vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 [Namenregister]), führte in Vertretung von Rade auf der Tagung den Vorsitz.↩
9
Paul Jaeger (1869–1963), 1910–1934 Pfarrer in Freiburg im Breisgau, war nach seinem 1. Examen 14 Monate Redaktionsmitarbeiter der «Christlichen Welt» und seitdem mit M. Rade befreundet. Er schrieb zahlreiche Andachten für diese Zeitschrift. 1924 kam es zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Jaeger und Barth; s. V.u.kl.A. 1922-1925, S. 381–394. 📖 ↩
10
1898 trat der französiche Dichter Émile Zola (1840–1902) mit seinem offenen Brief «J’accuse» für den 1894 auf Grund gefälschter Dokumente wegen Landesverrats verurteilten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus ein. Ein Jahr später wurde Dreyfus in einem neuen Verfahren begnadigt und 1906 rehabilitiert. Die Dreyfusaffäre förderte die Sammlung der französischen Linken, die 1899 die Regierungsgewalt übernahmen.↩
11
Der Film «Dreyfus» von Richard Oswald 📖 mit Fritz Kortner, Heinrich George, Albert Bassermann, Oskar Homoika, Fritz Kampers (1930) wurde vom 17.9. bis 13.10.1930 im Capitol («Basels erstes Tonfilmtheater») gezeigt.↩
12
Nach Paulus’ Referat über «Freiheit und Bindung im kirchlichen Handeln des Protestantismus» eröffnete Foerster die Diskussion «mit der Aufforderung, das Thema selbst — nicht die Theologie von Barth oder Piper — zum Gegenstand der Debatte zu machen. / Jaeger: Wo ist unser heutiges Thema für uns aktuell? In der Schweiz bei der Auseinandersetzung mit den Jungeformierten. In Baden an der Tatsache der neuen Agende, mit deren Einführung die gesetzliche Bindung an das Apostolikum auf Jahrzehnte hinaus wiederum vollzogen wird» (M. Speiser, Freunde der Christlichen Welt in Basel, a.a.O., Sp. 1031 📖). Die nachfolgende Diskussion drehte sich vornehmlich um die Frage nach der Berechtigung einer Kirche, ein Bekenntnis (und welches) für verbindlich zu erklären, und kam dafür immer wieder auf die ab dem 1. Advent 1930 geltende Badener Agende zu sprechen. Bei deren Erarbeitung war es in der badischen Kirche zu einer «weitausgreifenden, tiefschürfenden Grundsatzdiskussion» über das Bekenntnis gekommen; «denn in vielen Fällen war das Apostolikum bei Taufen und Konfirmationen seit 1914 nicht mehr im Gebrauch». Diese neue Agende sah ein «Biblikum anstelle oder neben dem Apostolikum» nicht mehr vor (Geschichte der badischen evangelischen Kirche seit der Union 1821 in Quellen [VVKGB 53], bearb. von G.A. Benrath u. a., hrsg. vom Vorstand des Vereins für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche in Baden, Karlsruhe 1996, S. 329 📖). Für dessen Gebrauch bestimmte die Agende jedoch, er solle «in evangelischer Freiheit und unter Schonung des Gewissens sowohl des Geistlichen als der Gemeindeglieder gehandhabt werden» (zitiert a.a.O., S. 330).↩
13
Otto A. Piper(1891–1982), 1920–1930 erst Privatdozent, dann a.o. Professor für Systematische Theologie in Göttingen, hatte nach Barths Weggang aus Münster bis 1933 (Entlassung) den dortigen Lehrstuhl für Dogmatik und neutestamentliche Exegese inne, von 1934 an Professor für Systematische und Biblische Theologie in Wales, danach 1941–1967 an verschiedenen Universitäten in den USA.↩
14
Etwa: einem … über alle kirchenpolitischen und theologischen Gegensätze hinweg auf Einigung zielenden, jedoch Kompromisse ablehnenden Geist. — In der Jungevangelischen Bewegung sammelten sich erstmals am 11./12.6.1929 auf einer Tagung in Marburg meist jüngere Angehörige aus verschiedenen Gruppen (Neuwerk, Sydower und Berneuchener Bewegung, Religiöse Sozialisten u. a. ) und interessierte Einzelpersonen, um über die «Neuorientierung der Kirche» und die daraus erwachsenden praktischen Konsequenzen zu beraten. «Neuorientierung! Das ist eine Absage an die bisherigen kirchlichen Richtungen und kirchenpolitischen Parteien. Der Gegensatz zwischen ‹Positiv› und ‹Liberal› ist für diesen Kreis nicht mehr vorhanden» (Bericht über die Tagung von E. Stier, Jungevangelische Tagung, in: CW, Jg. 43 [1929], Sp. 748–750; Zitat dort Sp. 748 📖). Piper gehörte zu dem auf der Tagung gegründeten dreiköpfigen «Aktionskomitee» der Bewegung (a.a.O., Sp. 748). — Zur jungevangelischen Bewegung vgl. die ausführliche Einladung zur Tagung: Jungevangelische Tagung für Kirchenpolitik, in: CW, Jg. 43, Sp. 509f. 📖; sowie O. Piper, Vom Machtwillen der Kirche [Vortrag auf der Marburger Tagung], Tübingen 1929 📖 (rezensiert von: R. Karwehl, Jungevangelische Aktion, in: ZZ, Jg. 8 [1930], S. 443–445 📖); P. de Quervain, Von der Jungevangelischen Vereinigung für Politik, in: KBRS, Jg. 86 (1930), S. 362f. 📖 ↩
15
Gegen Jaegers Votum, die gesetzliche Einführung eines Bekenntnisses stelle die Autorität Christi in Frage, wandte Piper ein: «Das Apostolikum wird nur dann unevangelische Fessel, wenn es, anstatt für die Gemeinde, für den Einzelnen bindend ist. Dem entspricht es, daß die Jungevangelischen zwar nicht gegen das Bekenntnis, wohl aber gegen das Konfirmationsgelübde kämpfen. … Kein bestimmtes Glaubensverständnis Jesu läßt sich exegetisch beweisen; der Zustand der Quellen erlaubt das nicht. … Die evangelische Kirche ist aber die Konkretion der Kirche, die in einer ganz bestimmten Situation in der Geschichte entstanden ist und steht. Allerdings im Ringen um das Verständnis der Ueberlieferung. Und was ihre Eigenart ausmacht, darf sie nur sagen im beständigen Ringen um das gemeinsame Verständnis» (M. Speiser, a.a.O., Sp. 1032f. 📖; «Die Konfirmationsnot» war Thema des zweiten Referates auf der jungevangelischen Tagung [s. Anm 14], vgl. E. Stier, a.a.O., Sp. 749f. 📖).↩
16
Brief K. Barths an H. Scholz vom 19.10.1930, s. oben S. 53, Anm. 20. Thurneysens Telegramm mit der Bitte, nichts zu unternehmen, erreichte H. Scholz am 21.10.1930 (laut Scholz’ zweitem Brief vom 21.10.1930, 9 Uhr abends, an K. Barth); Brief nicht erhalten, Telegramm im Karl Barth-Archiv.↩
17
Die Erweiterung vonH. Barths bisherigem Lehrauftrag «Philosophie» auf «Philosophie und Erkenntnislehre» und eine damit verbundene Erhöhung seiner jährlichen Besoldung um 44% wurde erst am 24.12.1931 beschlossen. Bereits Ende 1930 hatte der zuständige Regierungsrat Hauser, auf die im Verlauf der Verhandlungen in der Kuratel (s. unten Anm. 18) besprochene Anregung der Philosophischen Fakultät bezugnehmend, diese gebeten, «die Angelegenheit erneut zu besprechen und uns einen bestimmten Vorschlag zu unterbreiten» (Brief vom 31.12.1930, A. No. 7). Der Dekan der Fakultät erklärte einen entsprechenden Vorschlag als erst für die Zeit nach Abschluß der Berufungsverhandlungen möglich (Brief an Hauser vom 12.1.1931) und reichte den Antrag am 2.11.1931 ein (Brief an Hauser; alle Dokumente einschließlich Beschluß des Regierungsrates in: Dossier ED REG 1a2, Staatsarchiv Basel-Stadt).↩
18
Die Kuratel führte die unmittelbare Aufsicht über die Universität, überwachte den Studiengang und bereitete Professorenwahlen vor (Universitäts-Gesetz vom 30.1.1866, §§ 2 und 13, in: Sammlung der Gesetze und Beschlüsse wie auch der Polizei-Verordnungen welche von Anfang 1864 bis Ende 1868 für den Kanton Basel-Stadt erlassen worden, 9. Bd. (Fortsetzung der frühern Gesetzessammlung für den Kanton Basel, 16. Bd.), Basel 1869, S. 274–298; dort S. 276. 280). 📖 ↩
19
Dr. iur. Max Gerwig (1889–1965), seit seinem Studium durch L. Ragaz religiös-sozial geprägt, 1919–1957 Appellationsrichter in Basel, zugleich 1922–1954 Mitglied (ab 1938 Präsident) der Kuratel.↩
20
Felix (von) Weingartner (1863–1942), Komponist, Dichter und bis 1927 Dirigent des Wiener Opernorchesters und der Wiener Philharmoniker, 1927–1934 Direktor des Basler Konservatoriums und Dirigent der Allgemeinen Musikgesellschaft. 1929 verlieh ihm die philosophisch-historische Fakultät der Basler Universität einen Ehrendoktortitel.↩
21
Anspielung auf die auf dem Bergli geschätzte Erzählung «Klingsors letzter Sommer» von Hermann Hesse, 1919 📖 (vgl. Bw.Th. II, S. 435.658 📖).↩
22
Dr. iur. Carl Horber (1888–1931), erster Zentralsekretär der 1912 hauptsächlich auf seine Initiative hin gegründeten Stiftung «Pro Juventute» zum Wohl von Kindern, Jugendlichen und Familien, seit 1930 Verwaltungspräsident der Stifung «Pro Familia». Das Ehepaar Thurneysen war mit ihm und seiner ersten Frau Emma befreundet, seit sie die ihnen bis dahin unbekannten Horbers im August 1921 kurzentschlossen für einige Monate in ihr Haus aufgenommen hatten, als C. Horber sich für einige Zeit zurückziehen wollte. Nach M. Thurneysens Typoskript war er ein «genialer, jedoch psychisch labiler, zeitweise kranker Mann» (S. 9). E. Thurneysen war mit Horber auch nach dessen Scheidung 1926 seelsorgerlich verbunden.↩
23
Im Freundeskreis geläufiger Name für Hermann Kutter (1869–1931), 1898–1926 (Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen) Pfarrer in Zürich; er begründete mit seinem Buch Sie müssen! Ein offenes Wort an die Christliche Gesellschaft, Zürich 1904 📖, den religiösen Sozialismus; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
24
Verena Pestalozzi, geb. Kutter (1894–1982), älteste Tochter von Hermann Kutter; vgl. Bw.Th. I, S. 273f. 📖 ↩
25
Theodor Pestalozzi (1889–1936), ihr Ehemann, ein Bruder von Rudolf Pestalozzi, Gymnasiallehrer.↩
26
V. und Th. Pestalozzis Sohn Carlo, geb.1919.↩
27
Paßhöhe nahe dem östlichen Ende des Zürichsees (Kanton St. Gallen). Die 13 km lange Paßstraße führt von Kaltenbrunn und Unznach nach Wattwil.↩
28
= mit Sorgen erwartete. Ersorgen «meint ein in einer bestimmten Richtung verstärktes Sorgen» (Bohren, S. 211 📖).↩