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21. Oktober 1930
Was für eine ergiebige Post traf heute bei uns von euch her ein. Herzlichen Dank! Obenan steht freilich das Bedauern mit deinem armen Kopf und Mund. Aber offenbar hatte dieser Schlag aufs Haupt auch wieder seine guten Seiten, indem du zu unfreiwilligen Ferien kamst und ruhiger deinem Anselm leben konntest. In der Tat, er wird irgendwie von der an der Eristik interessierten Zeitgenossenschaft als ein weiteres «totgeborenes Kind» (du hast doch dieses unverschämte auf deine Dogmatik
📖 gemünzte Bild von Delekat in der «Christl. Welt»1 gesehen?) bedauernd aufgenommen werden, aber laß dich nicht drausbringen. Wahrscheinlich wird in Bälde die wirkliche Aktualität dieser Untersuchungen herauskommen. Ich war eben bei Emil Brunner und führte ein langes Gespräch mit ihm über den usus formalis der Vernunft in der Dogmatik2 und hätte gewünscht, die Anselmdebatte wäre mir ganz gegenwärtig gewesen, denn eben um das bei Anselm Verhandelte schien es mir da wieder zu gehen. Hat übrigens Emil seinen Brief an dich3 ab|56gesandt? Ich kam eben, wie er einen langen Spruch an dich anläßlich des neuen Heftes von Zw. d. Z. niedergeschrieben hatte. Ich bat ihn, ihn mir zu lesen, und gab mir dann alle redliche Mühe, ihm zu erklären, daß er auf diese Weise dir gegenüber keinen Schritt weiterkomme. Es kam auch wieder erneut an den Tag, daß er dir gegenüber ganz einfach von tiefverankerten Minderwertigkeitskomplexen geplagt wird. Es war fast rührend, wie er das ganz offen heraussagte und zugleich ganz von sich aus bekannte, es sei ihm immer unheimlich, wenn du ihm an irgendeinem Punkte gar nicht beistimmen könntest, weil er deinen, wie er selber sagte, Instinkt für das Wesentliche wohl kenne und sich dir eigentlich ganz unterziehen möchte, aber er müsse doch seine Art zu denken und zu leben auch haben dürfen. Also nimm doch ja weiterhin Emils Widerreden gegen dich auch immer wieder von dieser psychologischen Seite. Ich bin nicht sicher, ob er auf unser Gespräch hin seinen Schreibebrief an dich abgelassen hat. Einsichtig war er wirklich nicht.
Jener Abend mit Heim und Emil und Köberle verlief an sich ganz nett, aber nicht sehr ertragreich. Natürlich war ebenfalls wieder die Eristik das Thema, Heim vertrat seine etwas altmodische Auffassung von den Hindernissen des Glaubens bei den Gebildeten.4 Daneben wurde Gogarten verhandelt, dem gegenüber Heim starke und in ihrer Weise gute Bedenken vertrat, während Emil irgendwie zu erklären trachtete und Köberle sogar allerlei ihm offenbar fabelhaft Neues5 in ein hervorgezogenes Notizbuch hineinkritzelte. Übrigens traf ich an dieser Tagung bzw. an dem Mittagessen, das dabei gegeben wurde, zum ersten |57 Mal auch Frick aus Marburg. Ich hatte ihn mir sehr anders vorgestellt und fand in ihm einen ziemlich gemütlichen, aber nicht gerade sehr rasanten Mann. Habe ich dir geschrieben, daß kurz vorher übrigens auch die Tagung der Freunde der Christi. Welt6 stattfand? Ich ging hin, weil ich De Quervain schnell treffen wollte, und zog einen Schuh voll heraus7 — eine absolut üble Debatte, beherrscht von dem Frankfurter Foerster8 und dem Freiburger Jaeger9, die beide mit dem Pathos der neunziger Jahre (das eben in gewissen Fällen trotz Zolas10 und des Dreifussfilms
📖11 einfach alle, aber auch alle Instinkte von heute gegen sich auf|58ruft und nur noch mit rascher Verhaftung und Abführung der damit Behafteten beantwortet werden könnte) gegen die Verwendung des Apostolikums in der neuen badischen Agende12 losbrachen. Es war rettungslos. Da stand auf einmal wer auf? Dein merkwürdigerweise gerade auch anwesender Nachfolger in Münster, Piper13, und rettete die Situation auch wirklich gar nicht, sondern stellte sich selber ebenfalls als «Freund der Christl. Welt» vor, um irgendeine Vermittlung zwischen dem hier waltenden und einem von ihm vertretenen jungevangelischen Geist14 zu versuchen.15 Hier ist ebenfalls nicht viel zu holen, wie mir schien. Oder hatte Piper nur eine besonders unglückliche Stunde?
59Heiner — denk, ich hab ihm deinen Brief an Scholz gezeigt. Er war sehr erfreut über deine Bereitwilligkeit zu helfen, aber doch auch wieder erschrocken ob der Entschiedenheit, mit der diese Démarche bei Scholz eingeleitet worden ist. Mir schien dein Brief sehr richtig zu sein. Aber Heiner bat mich, ihn zurückzupfeifen, was ich auch durch ein Telegramm an Scholz und einen nachfolgenden Brief getan habe.16 Es scheint, daß Heiner doch sehr wesentliche Kompensationen von der Regierung erhalten soll, verdoppeltes Gehalt und erweiterten Lehrauftrag.17 Und diese Chancen möchte er sich nicht verderben, was gesche|60hen könnte, wenn Stenzel irgendwie auf unsere Démarche hin zurückginge und dies lautbar würde. Wahrscheinlich würde es Heiner selber doch nichts nützen. Es war gestern abend Sitzung der Kuratel18, und unser Gewährsmann Gerwig19 berichtete von zwar in der Berufungsfrage ganz negativem Erfolg, aber sagte, daß im übrigen Heiners Sache nicht so sehr schlecht stehe. Es sei sogar gesagt worden, daß Stenzel durchaus nur aufs Vorübergehen in Basel dozieren werde, aber wenn man diesen Mann jetzt etwa so wie Weingartner20 für ein paar Jahre bekomme, so nehme man ihn natürlich und lasse Heiner nachher erst vorrücken, gebe ihm aber einstweilen eine irgendwie anständige Kompensation. Natürlich eine blöde und typisch baslerische Konjunkturrechnung, aber Heiner bat mich also, trotz allem die Aktion Scholz abzubremsen, nachdem er sich deinen Brief eine Stunde lang überlegt hatte. Deine Erstargumente gegen einen solchen Schritt, die ich ihm auch vorlas, schienen ihm einleuchtend und haben ihn sicher mitbestimmt, alles gehen zu lassen, wie es gehen mag.
Ja, Karl, auch ich habe von Gerty ein Hähnchen gebraten bekommen, wie überhaupt die ganze Berglizeit auch für uns einfach ausgezeichnet verlief. Es fehlte gar nichts zum Glücke, es war alles eingetaucht in den wehmütigen, aber vollen Glanz eines abklingenden |61 Klingsorsommers21, und vor allem mit Gerty hatte ich diesmal einige gute Gespräche, aber auch Ruedi war von seltener Aufgeräumtheit. Weniger aufgeräumt dagegen fand ich meinen Freund Horber22, der allerdings vor bedenklicher geschäftlicher Situation zu stehen scheint, du gute Zeit, das werden auch wir noch zu spüren bekommen, indem auch unser Gerstelein dort zerrinnen könnte. Und es uns ergehen wird wie einst dem Papa23, als er — wie war’s doch? — das beste österreichische Bergwerk angekauft oder wenigstens sich daran beteiligt und nachher mit dem besten Gericht der Welt, irgendeinem österreichischen Landgericht, um diesen Anteil vergeblich prozessiert hatte. «E Dame in Klauseburg hat nämlich …» — so geht’s, wenn man sich mit derlei Ratgebern einläßt. Übrigens hör an, Vreneli24 hat auf seine listige Weise durch Anregung im Gespräch fertig gebracht, daß wir, Ruedi, Gerty und ich, am letzten Samstag unter einigen Seufzern den Chrysler bestiegen und um 1 Uhr in Zürich vorführen, um Theo25, Vreneli, ein Grammophon und den Karlmännli26 aufzuladen und damit über den Rikken27 zu Papa nach Flawil zu jagen, dort die ganze Bagage abzuladen |62 und in jedem Sinne erleichtert wieder heimwärts zu sausen, wo bei einer Flasche Neuenburger die ganze ersorgte28 Reise beschlossen wurde im Frieden des Bergli. Papa selber sahen wir bei dieser Gelegenheit auch. Er schien ordentlich munter, wohnt also jetzt im zweiten Stock der Apotheke Kutter, hat einen Lehnstuhl und Vögelein am Fenster und darf nicht ausgehen, sondern muß still sitzen, was ihm offensichtlich Mühe macht. Mich dauerte etwas an der ganzen Situation. Es schien mir irgendwie, er sollte einen solenneren Abschluß seines Daseins haben, mindestens auf einer Schloßterrasse sitzen, zu Füßen einen großen Hund, vor sich einen Park, und nun dieses durchaus kleinbürgerliche Ende!
Schluß! Sei mit Lollo (ihr Brief hat uns sehr gefreut, vielen Dank!) und Nelly herzlich gegrüßt
Marguerite grüßt vielmal mit.