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19. Oktober 1930
Dein zweiter guter Brief traf mich … im Bette, in das ich mich infolge eines peinlich sich bemerkbar machenden Zahnabszesses hatte verfügen müssen. Freund Siebeck hatte beratend erscheinen müssen und hatte — außer seinem bekannten eigenen Universalheilmittel1 — bereits den ordentlichen Chirurgen und dessen Gehilfen bestellt, aber als diese geschickten Männer eintrafen, hatte sich das Übel bereits durch die ihm selbst innewohnende Dialektik aufgehoben, und mir blieb nichts übrig, als mir, warm untergebracht, von Lollo Wilhelm Meister2 vorlesen und meine Backe wieder abschwellen zu lassen, was sie noch jetzt, wo ich bereits wieder an meinem Schreibtische sitze, zu tun im Begriffe steht. Der Vorgang hat das Gute, daß ich nun morgen nicht nach Koblenz fahren3 muß, sondern bei meinem Anselm bleiben kann. Du hast ja bereits vernommen, daß auch Marburg für mich dahinfällt.4 Als ich hörte, daß Gogarten überhaupt nicht komme und Brunner jedenfalls nicht zu meinem Vortrag, hatte die Sache für mich ihre Spitze verloren, und ich bin ja hier mit meiner Arbeit so im Gedränge, daß ich noch so gerne den Anlaß benützte, meine unter ganz anderen Voraussetzungen gegebene Zusage zurückzuziehen. Ja, Anselm! Als ich mir am Anfang der Ferien vornahm, das Thema meines letzten Seminars5 für mich noch etwas weiter zu verfolgen und ein Antitheslein gegen Scholz zu erstellen, ahnte ich nicht, wie weit mich die Sache führen werde. Es ist nun so gekommen, daß ich erst vor ein paar Tagen mit dem ersten Teil, von Anselms Methode handelnd6, fertig geworden bin, der nun allein schon über 60 große Schreibseiten umfaßt. Und nun geht es ja erst recht los. Ich fürchte, es wird fast ein kleines Buch werden, und bin sehr |50 in Sorge, es möchte euch alle sehr viel weniger interessieren als mich, der nun allerdings so weit ist, daß er sich in Bezug auf Anselm nicht so bald von irgend jemand etwas auf den Kragen schreiben lassen wird. Es bleibt eben Alles sehr in der theologischen Sphäre, und auch da fehlen die aktuellen Bezüge fast ganz, nur daß man auf eine Weile, ohne daß der Name fällt, unseren Emil von Weitem Dinge tun sieht, die der Erzbischof von Canterbury mit Bedacht nicht getan hat.7 Da es fast den Anschein hat, als ob Scholz unterdessen in dieser Sache nicht ebenso tätig gewesen sei, so besteht die nun auch mir erwünschtere Möglichkeit, daß der Dualismus der beabsichtigten Publikation unterbleibt.8 Wenn ich nun nur die Untersuchung über den ontologischen Beweis, der kein ontologischer ist, in angemessener Zeit auch noch unter Dach brächte! Ich beneide dich wirklich fast um die Möglichkeit, von Zeit zu Zeit einen so saftigen kleinen Streit wie den mit eurem Kirchenrat ausfechten zu können. Um der Sache willen war es freilich gewiß besser, daß ich da nicht mitzureden hatte, denn beim Lesen dieser Schriftstücke fühlte ich, daß ich noch ganz ungebrochen die Lust in mir trage, solche Dinge vorkommenden Falles noch heute im alten Aargauer Stil zum Austrag zu bringen, Tischtücher zu zerschneiden, Gutgesinnte aller Art vor den Kopf zu stoßen. So ist es gewiß im Plane der Vorsehung, daß ich nun eben weiter vom Geschütz postiert bin und die Zündschnüre anderen, umsichtigeren Händen anvertraut sind. Es ist wirklich unschätzbar, daß du — im Unterschied zu mir von Jugend auf mit der eigentlichen Boller Gnade gesegnet9 — auf diesem, aber auch auf dem theologischen Kriegsschauplatz auf dem Plane bist und zum Rechten siehst. Wenn ich das nächste Mal in Basel bin, wollen wir uns dann vielleicht doch einmal gemeinsam mit Karl Sartorius zusammensetzen. Es muß ja auch solche Leute geben, die wie er und der vortreffliche Alphonse Koechlin10 in |51 der Lage sind, bei besten Gesinnungen im Nebenamt gelegentlich oder auch ziemlich oft auch Leim zu sieden und zur Anwendung zu bringen, und ich möchte mich dem wirklich nicht entziehen, mich auch mit ihnen zusammenzusetzen und ihre Worte zu hören. Wie mag übrigens jener Säkularismus-Abend mit Heim11 verlaufen sein? Ich hatte hier den Besuch eines amerikanischen Interviewers, dem ich bündig erklärte: America is the more great danger for christianism than Russia.12 Ich glaube, solange als man es nicht unternimmt, die Amerikaner einmal anzuschreien, daß der Ozean spritzt, zeigt man nur, daß man selber schon säkularisiert ist und alle Diskussionen über dieses Thema zwecklos sind. Aber ihr habt darüber damals gewiß auch Einsichtigeres ausgeknobelt, und du mußt mir noch erzählen davon.
Und nun ist hier unser Freund Fritz auf den Plan getreten und hat sich, seine Bücher, Phrästeli und seine Geschwister und Frau Ruth nicht zu vergessen (sie hat scheints bereits ganz ordlig13 einige Besuche gemacht!) unter Dach und Fach gebracht.14 Ich sehe von neuem, daß er wirklich ein Mensch ist, den man gern haben muß, und freue mich immer, wenn er hier abends zu einem Bierlein erscheint, um Einiges zu «wissgeln»15, wie er es so liebt. Er wird durchaus zu den tröstlichen Faktoren unserer hiesigen Existenz gehören. Über unsere inneren Verhältnisse gibt dir der beiliegende Brief von Lollo einige Vorstellungen. Ich kann nur bestätigen, daß bis jetzt Alles viel besser geht, als man denken |52 konnte. Aber es bleibt ein Reiten auf dem Bodensee16 … Ihr werdet nun vom Bergli zurück sein. Wie haben wir euch diese Zeit gegönnt. Hast du nicht auch den Eindruck, es sei jetzt dort wieder freiere Luft und weiterer Ausblick als in manchen früheren Jahren? Wir waren dies Jahr ganz besonders gern dort und hatten mit Georg und Allen unvergeßlich gute und gelöste Abende, irgendwie eine Weissagung von allerseits nahender Altersweisheit, -reife und -güte, im Lichte welcher Neuenburger17, Brasilcigarren, Lenerquartett und alles Übrige doch erst so recht zum Leuchten kamen. Doch wir sind noch nicht über den Berg, und es werden wohl auch dort noch allerhand Gespräche möglich und notwendig werden, die in andere Richtung weisen. Hast du von Gerty auch Hühner zu essen bekommen??
Über den traurigen Stand der Sache von Heiner habe ich viel nachgedacht und möchte schließlich doch meinen, die angeregte Démarche bei Stenzel unterlassen zu sollen. Ich kenne ihn persönlich von Münster her, wo wir einen nicht eben philosophischen, aber in anderer Hinsicht qualifizierten Vortrag von ihm hörten und wo ich nachher einen Abend lang beim Biere neben ihm saß, aber ich stelle mir nicht vor, wie ich ihn direkt oder auf dem Umwege über Scholz mit einem Brief dieses Inhaltes anprosten18 sollte. So etwas ließe sich vielleicht mündlich machen, wo man durch Räuspern, Tabakwolken, Kopfschütteln, bedeutsames Schweigen oder auch Grunzen allerhand ineffabilia andeuten kann, die in einem Briefe schnöde unter den Tisch fallen, wenn man sich nicht sehr genau kennt und sehr genau auf einander eingespielt ist. Darüber hinaus stört mich der Gedanke, daß man mit der Sache den Baslern zwar den wohlverdienten Tort einer Absage Stenzels bereiten könnte — um Heiner dann doch nur (und auch das nur im allerbesten Fall) — als persona minus grata durchs Ziel gehen zu sehen. Ist es nicht |53 so: wenn die Basler Humanisten und sonstigen Gebildeten nun einmal so argumentieren (bzw. ihre Behörden und Verantwortlichen unwidersprochen so argumentieren lassen), wie es in diesem Falle geschieht, dann kann und muß man ihnen zwar, solange es noch Zeit ist, zusprechen, sie möchten diese Barbarei doch als solche einsehen und unterlassen — man kann und muß sie auch, wenn sie sie nun dennoch begehen, ein für allemal «notieren» als Leute, denen man kein gutes Wort mehr gibt, sondern denen man bei Zeit und Unzeit zu verstehen gibt, daß man sie verachtet — ihnen dagegen auf einem solchen Umweg ein Bein zu stellen und sie dadurch veranlassen zu wollen, das Gute zu tun, das sie ohne das nicht tun würden … ich weiß nicht, das will mir nicht recht ein19
Nachdem ich das Vorstehende geschrieben und nochmals gelesen, überkam mich, wie es manchmal so geht, der Geist, daß ich den Brief an Scholz nun doch schreiben solle. Ich lege dir hier den Durchschlag bei.20 Nur mit Mühe habe ich mich enthalten können, einige noch saftigere Beschimpfungen der Basler in diesem Brief niederzulegen.
Wißt ihr, daß Siebeck einen Ruf nach Graz hat und auf das Frühjahr annehmen wird?21 So war das Zusammensein mit ihm eine kurze Freude für uns. Letzte Woche hatte ich den Besuch von Herrn Vorwerk, |54 dem Redaktor des «Ring»22, der mir menschlich einen guten Eindruck machte, in Sachen der von ihm vertretenen «konservativen» Politik aber nicht gerade überzeugend wirkte, so daß ich nicht ganz verstehe, wie unser kluger Freund De Quervain dazu kommt, nun gerade das für so herrlich zu halten.23 Nun soll aber dieser lange Brief zu Ende kommen, und mit allen seinen Beilagen, unter denen Lollos Brief die vornehmste ist24, die Reise rheinaufwärts antreten. Grüße Marguerite sehr herzlich von uns beiden. Auch Nelly bittet, euch ihr Gedenken zu melden.
Von Herzen