19. Oktober 1930

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

46
Lieber Eduard!

Du hast mir einen so guten Brief1 geschrieben, und ich habe dir bis heute nicht gedankt. Du sollst nicht meinen, daß er mir nicht eine große Freude und eine Tröstung war. Ich habe nur so lange kein Echo gegeben, weil ich einen Zeitpunkt abwarten wollte, an dem sich doch ein wenig sagen lassen würde, wie die Dinge hier stehen. Nun bin ich drei Wochen hier.2 Es waren aufs Ganze gesehen gute drei Wochen, und |47 wenn der Wagen jeden Tag auch nur sehr schwankend und sehr schwerfällig rollt, so ist er doch bis heute wenigstens in keinen Graben gefallen.

Lieber Eduard, ich danke dir so herzlich für alle deine guten und vertrauenden Worte. Sie kamen in einem Augenblick, als ich eines solchen Zuspruchs besonders bedürftig war. Die Wochen in München und eigentlich schon die vorangehenden auf dem Bergli hat mich wieder und wieder bedrängend der Zweifel überfallen, ob dieser Weg nicht notwendig zur Katastrophe führen müsse und ob es überhaupt einen Sinn habe, ihn noch einmal aufzunehmen. Lediglich die Tatsache, daß jede andere Lösung mir noch auswegloser und undurchführbarer schien, ließ mich zurückkehren. Und hier? Ach ja, hier bin ich wieder und wieder auch so dran, daß die Möglichkeit, einen raschen Schluß zu setzen, mir ganz nahe rückt. Ich sehe es auch so, daß die größte Schwierigkeit darin liegt, daß Nelly und ich so wenig Zugang zueinander haben. Aber wir müssen vielleicht froh und dankbar sein um alle Augenblicke, in denen wenigstens die Bemühung vorhanden ist, einander den Weg nicht noch im Einzelnen schwer zu machen. Und diese Bemühung war in diesen drei Wochen trotz mancherlei Schwankungen vorhanden, so daß wir keinen Grund haben, gerade besonders besorgt dem nächsten Schritt entgegenzusehen.

Karl arbeitet nach wie vor unermüdlich am Anselm.3 Er wird dir selber davon berichten. Zwei Tage war er jetzt bös geplagt von einem Zahngeschwür, das aber nun erfreulicherweise den Erlaß der Koblenzer Prüfungen4 zur Folge hat.

Und allmählich rückt nun das Semester heran. Vorbereitend für die offenen Abende bin ich daran, Literatur zu sammeln. Karl will die «Ideologien der politischen Parteien» behandeln, und das wird den großen Vorzug haben, daß wir auch die politischen Ereignisse wieder mit |48 größerer Aufmerksamkeit verfolgen werden. Ich habe bereits ein interessantes Buch über den «Faschismus» zu lesen begonnen, nachdem ich «Zwischen Nil und Kaukasus» von Paul Schütz5 mit Freude beendigt hatte.

Im übrigen bin ich an Luthers Auslegung des Johannes-Evangeliums, nunmehr in der schönen Weimarer-Ausgabe, die vollzählig hier Einzug gehalten hat.6

Über alle wichtigen Ereignisse wird Karl dir selber berichten. Nimm du von mir diesen etwas unzulänglichen Brief nur einfach als Dank an für alles Liebe, was mir aus dem deinen von dir und Marguerite entgegenkommt. Ich denke Euer in warmer Freundschaft und mit herzlichen Wünschen. Es ist so gut, Euch auch auf dieser Welt zu wissen, auch wenn die «Zeichen» zwischen uns selten sind!

Deine
Lollo

Nimm das beigelegte Bildlein als freundlichen Gruß und auch die beigefügten Heidegger-Thesen7, die ich vor geraumer Zeit einmal von einem Heideggerschüler für Karl abschrieb und dabei für dich diesen Durchschlag nahm.

Sachfußnoten

1
Nicht erhalten.↩
2
Am 28.9.1930 war Ch. von Kirschbaum nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in München nach Bonn zurückgereist (Brief von E. Lentrodt an Ch. von Kirschbaum vom 28.9.1930).↩
3
D. h. an dem Buch «Fides quaerens intellectum», s. oben S. 14, Anm. 23. 📖↩
4
Barth war am 24.9.1930 vomEvangelischen Konsistorium der Rheinprovinz in Koblenz (wo auch die mündlichen Examina abgenommen wurden) zum Mitglied der Prüfungskommission ernannt worden. Zu Barth als Prüfer vgl. E. Stoltenhoff, Die gute Hand Gottes. Lebenserinnerungen des letzten rheinischen Generalsuperintendenten (1879–1953) (SVRKG 85), mit einem Vorwort von H. Kunst und einem Anhang: Dokumente zum Kirchenkampf, Köln 1990, S. 224f. 📖↩
5
P. Schütz, Zwischen Nil und Kaukasus. Ein Reisebericht zur religionspolitischen Lage im Orient, Berlin 1930. 📖 ↩
6
Wahrscheinlich Vorarbeiten zur Neubearbeitung der Prolegomena zur Dogmatik, deren ersten Teil (KD I/1 📖) Barth vom SS 1931 bis zum SS 1932 vortrug, denn nach Erscheinen von KD I/1 schrieb Barth am 26.12.1932 an R. und G. Pestalozzi: «Auf die vielen schönen Lutherstellen, die ebenfalls in der großen Mehrzahl auf Lollos Mühewaltung zurückgehen, brauche ich wohl nicht besonders aufmerksam zu machen»; vgl. oben S. 10, Anm. 7. Die Zitate aus Luthers Texten über das Johannes-Evangelium sind in der Druckfassung teils nach der Erlanger Ausgabe (einem Geschenk von Fritz Lieb aus dem Jahr 1922; vgl. Bw.Th. II, S. 35 📖), teils nach der Weimarer, die Barth im Sommer 1930 angeschafft hatte, nachgewiesen; vgl. KD I/1, S. 92.98.176f.179.232 (Auslegung des Johannes-Evangeliums) und S. 98.141.149.156f.192.203.232.432.439.457f. (Predigten). ↩
7
Wahrscheinlich ein sechsseitiges Typoskript «Phänomenologie und Theologie / von Martin Heidegger», das wohl eine Mitschrift seines gleichnamigen, am 9.3.1927 und am 14.2.1928 in Tübingen gehaltenen Vortrags (oder gar Heideggers eigene Aufzeichnungen dazu?) darstellt, wie ein Vergleich mit der späten Veröffentlichung des überarbeiteten zweiten Teils dieses Vortrags zeigt; vgl. M. Heidegger, Phänomenologie und Theologie, Frankfurt a. M. 1970, S. 13–33 📖; s. auch Heideggers Vorwort dort S. 7f. Die über Thurneysen an das Karl Barth-Archiv gelangte Originalabschrift und ein Durchschlag des Typoskriptes befinden sich im Karl Barth-Archiv.↩