15. Oktober 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Wie sollte nicht aus diesen guten Berglitagen heraus eine Begrüßung zu euch hin erfolgen! Wir haben es wieder einmal besser als je. Wieder hielt am Sonntag unter dem Geläute der Glocken der Chrysler1 vor meinem Fenster am Minschterplatz2. Wieder einmal gab es zwischen Predigt und Kinderlehre3 eine kurze Begrüßung mit Ruedi und Gerty, |44 und wieder einmal hatte ich es eine Stunde später «verdient»4 und sauste neben Ruedi in den Sonntagmittag hinein Augst entgegen, wo ein ausgedehntes Mittagsmahl eingenommen wurde, und dann — wohin will man? Z.B. nach Luzern. Wird gemacht, und erst bei einbrechender Nacht fahren wir beim Törli5 vor. Und seither ein Herbstsonnentag nach dem andern, Mittagessen im Freien, Wald, Trauben, Bresils6, Grammophon (die Armeemärsche zu Tagesbeginn, das Lenerquartett7 am Abend), hin und wieder ein Besucher empfangen, das neue Zw.d.z.-Heft8 in Ruhe entgegengenommen, mit Ruedi und Gerty wird Umblick und Ausblick gehalten, z. B. über Emils nicht ganz einwandfreien theologischen Wandel, kurz, es ist alles, alles gut, so gut es wenigstens sein kann in diesem Saturnjahr9. Unsere Kinderlein weilen unterdessen selbdritt in der strengen Obhut von «Tante Elisabeth und Onkel Willy» (Spoendlin)10. Eben ist es gelungen, sie am Telefon für |45 diesen Mittag loszubekommen. Es ist irgendein erzieherischer Türk11 geplant; ich glaube, der Strubelpeter12 wird in Schattenbildern aufgeführt, und da müssen ernste Proben stattfinden, aber Tante Elisabeth hat unter Seufzen den Eltern gestattet, ihre Kindlein heute nachmittag einmal auf dem Bergli zu weiden. Wir sind ja sehr dankbar, daß … auch ich werde zweifellos eine Visite an der Fro[h]burgstraße bei der energischen Freundin und Anhängerin machen, aber … und der arme wackere Willy! Wo bleibt da eigentlich die große Störung13 bei seiner Elisabeth; die Dogmatik hat sie ja sogar im Wochenbett gelesen! Aber freilich, auch wir bleiben ja immer wieder und unverbesserlich, die wir sind.

Als Schatten über dem Himmel liegt in diesen Tagen die Nichtberufung Heiners, die immer fragloser wird, auf einem. Ich habe letzte Woche in paar Mal mit ihm und Gertrud geredet. Heiner ist sehr bedrückt, tapfer, sicher, aber er leidet. Zwar hat er immer noch eine ganz ferne, leise Hoffnung, die ich nicht teile und die ich auch Gertrud ausgeredet habe. Es ist noch nicht wirklich entschieden, aber so gut wie ausgemacht. Ein gewisser Stenzel aus Kiel14 soll der Erwählte sein. Ich frage mich, aber wirklich, ich frage mich nur, ob nicht allen Demarchen bei Regierungsräten* und anderen Basler Machthabern ein Schritt bei diesem Stenzel selber vorzuziehen wäre. Er vertritt Heiners Weg15, sicher ohne es zu wissen. Freilich, es müßte ganz confidentiell und vielleicht auf dem Umweg über einen geschehen, der diesen Stenzel kennt. Und es würde auch dann, wenn Stenzel stutzig würde, nicht sicher sein, daß Heiner landen könnte. Ich sage das nur dir und denke im Stillen an Heinr. Scholz. Der wird diesen Stenzel sicher kennen. Heiner sagt, es sei äußerlich gesehen nicht unehrenhaft, ihm gegenüber zu unterliegen. Er |46 sei ein angesehener Platoforscher, habe viel veröffentlicht und sei schon etwas älter. Ob er ehrgeizig ist? Aber ist Basel so viel erstrebenswerter als Kiel? Ob er Deutschland entrinnen will? Ob er eine kommende Inflation fürchtet? Oder warum denn Basel? Ich habe keinem Bein etwas davon gesagt, daß ich an einen solchen Versuch denke, bei Stenzel direkt vorstellig zu werden. Ich fürchte auch, ja, ich bin sicher, daß Stenzel bereits im Stillen angefragt ist und ja gesagt hat.16 Also würde es wohl wenig helfen und u.U. eine große Geschichte geben. Aber du kannst das alles besser beurteilen als ich und unter Umständen via Scholz selber einen Schritt tun. Ich möchte nur nicht, daß wir Heiner die Situation in Basel erst recht und völlig verderben. Wenn so ein Schritt gelänge und es nachher auskäme, daß wir … dann wehe!

Und nun sei herzlich gegrüßt mit Nelly und Lollo. Das ganze Bergli grüßt vielmal mit, also Ruedi, Gerty, Marguerite

Dein
Eduard

* Ich und andere werden noch da und dort vorsprechen und unter dem Gesichtspunkt: Schweizer Dozenten nicht zurückstellen! etwas zu erreichen suchen.

Sachfußnoten

1
1927 angeschaffter Wagen von Rudolf und Gerty Pestalozzi.↩
2
= Münsterplatz (auf «Basel-Dietsch», die Sprache der vornehmen Basler); Thurneysens dort gelegenes Pfarrhaus (Münsterhof 2) wurde noch lange nach Abschaffung des Titels Antistes für den ersten (d. h. den dienstältesten) Münsterpfarrer (1911) umgangsprachlich «Antistitium» genannt. Photographien des Hauses und Thurneysens in seinem Arbeitszimmer bei Bohren, Abb. 24 und 34 📖.↩
3
Die vom Gemeindepfarrer selbst zu haltende Kinderlehre überbrückte für Kinder im Vorkonfirmandenalter (etwa 11 bis 14 Jahre) die Lücke zwischen der von Laien geführten Sonntagsschule (Kindergottesdienst) und dem ordentlichen Hauptgottesdienst.↩
4
Vermutlich Anspielung auf einen vielzitierten Ausspruch von Sophie Meyer, geb. Lieb (1856–1952), E. Thurneysens Schwiegermutter: «Du hesch’s verdient, Edi!» (nämlich: du hast Ferien verdient!), der sich später in zahlreichen Briefen Barths findet.↩
5
1927 erbaute Autogarage zum Bergli mit zwei Gastzimmern; vgl. Lebenslauf Gerty Pestalozzi-Eidenbenz, a.a.O. (S. 32, Anm. 1), S. 416. 📖 ↩
6
= Brasilzigarren.↩
7
Nach seinem ersten Geiger Jenö Léner benanntes, 1918 gegründetes und international bekanntes ungarisches Streichquartett, dem vor allem für seine Mozart-Interpretationen einmütige Anerkennung zuteil wurde.↩
8
Heft 5 von ZZ, Jg. 8 (1930) 📖; darin findet sich auch ein Aufsatz von E. Brunner: «Theologie und Kirche» (S. 394–420). 📖 ↩
9
Dieser Ausdruck spielt vermutlich auf astrologische Neigungen von G. und R. Pestalozzi an. Georg Merz beschreibt in seinen Lebenserinnerungen G. Pestalozzis «unerschöpfliche Gabe des Aufnehmens und Mitteilens in allen Fragen der Lebensreform von Lucci-Purtscher und Bircher-Benner bis Tolstoi und Gandhi» (Wege und Wandlungen …, a.a.O. [S. 24, Anm. 24], S. 254f 📖); vgl. auch Lebenslauf Gerty Pestalozzi-Eidenbenz, a.a.O., S. 425 📖: «So nah an der Erde lebend und 34 Sommer lang wenn möglich unter freiem Himmel schlafend, haben mir sicher wirksame Erd- und Himmelskräfte zugeführt und mit zu einem Gleichgewicht der Gesundheit verholfen, für das ich nie dankbar genug sein kann.»↩
10
Dr. iur. Kaspar Friedrich Wilhelm («Willy») Spoendlin (1885–1965), mit Barth seit ihrer gemeinsamen Gymnasialzeit befreundet, 1919–1950 erster hauptamtlicher Jugendanwalt des Kantons Zürich, seit 1916 verheiratet mit Elisabeth, geb. Feurer (1889–1979), aus St. Gallen. — «Lange Jahre» waren Thurneysens Kinder in den Herbstferien regelmäßig bei Familie Spoendlin zu Besuch, deren Kinder ungefähr gleichaltrig waren. Dabei war Frau Spoendlin «darauf bedacht, die große Kinderschar angemessen zu beschäftigen». Die Verbundenheit der Familien drückte sich auch in K. Barths Patenschaft für Rudolf Spoendlin (1920/1964) und E. Thurneysens für Heinrich Spoendlin (1927–1991) aus. Briefliche Auskünfte von Frau S. Spoendlin vom 5.1.1998 (Zitate dort) und vom 14.1.1998.↩
11
Als «Türk» wird eine größere Gefechtsübung und von daher in der Soldatensprache ein langer Marsch bezeichnet. Im übertragenen Sinn versteht man darunter eine beschwerliche Unternehmung.↩
12
Das bekannte Kinderbuch «Der Struwwelpeter» von Heinrich Hoffmann 📖.↩
13
Anspielung auf die Überschrift der Auslegung von Röm. 12–15: «Die große Störung», in: Römerbrief 2 📖. ↩
14
Julius Stenzel (1883–1935), 1921–1925 Privatdozent in Breslau, 1925–1933 o. Professor für Philosophie in Kiel, ab 1933 in Halle.↩
15
D. h. er steht ihm im Weg.↩
16
Offiziell beauftragte der Regierungsrat das Erziehungsdepartement erst am 8.12.1930, mit Stenzel in Berufungsverhandlungen zu treten (vgl. Mitteilung des Erziehungsdepartements durch Fr. Hauser an Kuratel, Rektorat und Philosophische Fakultät vom 12.12.1930, in: Dossier Universitätsarchiv XI 3,3, Staatsarchiv Basel-Stadt).↩