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5. Oktober 1930
Eben erhalte ich eine Karte von Bultmann mit der Meinung, daß also die ganze Marburgerbesprechung dahinfällt.1 Schade, denn ich hatte meinerseits nun doch alle Anstrengungen gemacht, um erscheinen zu können. Und es wäre gegangen. Aber nun habe ich die nötige Unverfrorenheit nicht, zu tun, als ob die Reise dennoch unbedingt notwendig sei, den Unterricht, der dann eben begonnen hat, ausfallen zu lassen und mit wichtiger Miene den D-Zug zu besteigen. Du selber wirst ja |38 den Wegfall dieser Round table-Besprechung nicht sehr bedauern, denn wer weiß, wie sehr man auseinandergekommen wäre! Wahrscheinlich bleibt zunächst einiges Fatale besser unausgesprochen zwischen den Großmächten, sonst wird der Krieg am Ende unvermeidlich. Sehen wir zu, wie alles weiterläuft.
Du bist wieder in deinen Gefechtsstand eingerückt. Wie hat sich wohl alles angelassen? Schreibst du mir einmal zwei Zeilen? Ich muß nicht viel wissen, aber irgendwie sehe ich ja doch fragend zu Euch hinüber und denke nicht ohne Unruhe an alle Möglichkeiten eures schwierigen Weges. Hoffentlich findet Ihr ihn alle drei von Tag zu Tage. Uns ist hier in Basel unterdessen ein kleiner Krach erblüht, wie du aus dem beiliegenden Dossier ersehen magst. Der Anlaß war ein Inserat der sozialistischen Kirchengenossen, in dem zur Sammlung von Gaben für die durch den Streik2 notleidenden Familien aufgefordert war und in dem sich ein paar Pfarrer als Sammelstellen hatten nennen lassen.3 Dar|39auf sofort großer Protest des bürgerlichen Basels, Vorstellungen des Spitzenverbandes der Unternehmer beim Kirchenrat, Austrittsdrohungen, und der Kirchenrat gab nach, wie du aus dem Briefe an uns ersehen kannst.4 Wir gaben dann eine kleine Erklärung ab.5 Eine alte Ex|40zellenz aus der Dalben6, der alte Regierungsrat Speiser, aber schrieb in den Nachrichten eine bewegliche Klage über uns7, während die von einem jungreformierten Redaktor8 geschriebene faszistische Neue Basler Zeitung über Disziplinbruch der Pfarrer zeterte9. Und nun haben sich |41 die Basler Nachrichten leider wieder ganz ungut gehalten10, wie du ebenfalls dem beigelegten Dossier entnehmen kannst. Aber laß Karl Sartorius deswegen in Frieden! Ich habe mich bereits bei ihm beklagt. Er kann ja selber in diesen Fällen nicht viel ausrichten. Ein von uns nun doch arrangierter Abend mit einer anschließenden Aussprache über den Streik11 verlief sehr gut. Es sprachen zuerst einer von der Streikleitung, dann ein Unternehmer, und die Debatte habe ich mit einem längeren Votum eingeleitet. Natürlich benützten die Religiössozialen vor allem die Gelegenheit, ihre sämtlichen sonst von niemandem angehörten Reden nun einmal loszulassen. Aber das hatte ja doch auch sein Gutes, die verschiedenen Fäßlein konnten alle angestochen werden und auslaufen, und das bringt auf alle Fälle Entspannung mit sich.
Ein Sonntag ist wieder einmal vorüber. Ich hatte nicht zu predigen und habe die Gelegenheit ergriffen und selber sogar zwei Predigten entgegengenommen. Und ich muß sagen, sie waren beide in ihrer Art gut. Eine von Dieterle12 und eine von Moppert13. Es wurden an beiden Orten Dinge gesagt, die man wirklich nicht auch in der Zeitung lesen |42 könnte. Man ging nachdenklich von dannen. Wenn es nur ein wenig recht gemacht wird, so ist es sofort irgendwie eine überzeugende und notwendige Sache um die Predigt. Aber freilich, man erlebt ja sehr viel mehr das Andere. Erica Küppers war auf der Heimreise unser Gast und erzählte erschüttert von einer offenbar ganz unmöglichen Predigt unseres Freundes Emil am Bettag14. Dabei hat er sich, wie ich ihrem Berichte entnahm, alle Mühe gegeben, den gottlosen Zürchern wüst zu sagen15, aber eben das ist offensichtlich ganz und gar nicht geraten. Ja, die Eristik!16
Morgen wird er höchstselbst bei mir eintreffen, um an einer ganz geheimen und gesiebten Konferenz17 mit Oldham und Frick18 und wer weiß was für Spitzen der Mission teilzunehmen, wo es um eine Art Welteristik gehen soll mit dem Schlagwort: Wider den Säkularismus! |43 Du liebe Zeit, wenn das nur nicht einfach ein Rauch wird. Am Abend aber haben wir die entscheidenden Herren zu einem Nachtesselein zu uns eingeladen, das heißt Emil, Karl Heim19, Hartenstein20 und Köberle. Da werde ich Heim über seine Ethik zu interpellieren trachten.
Das Beste aber steht uns bevor mit den Herbsttagen auf dem Bergli. Hoffentlich wird es nicht alle Tage regnen, hoffentlich bricht der Winter noch nicht ganz herein, sondern läßt [es] sich noch ein wenig an der Sonne sitzen und ein Kelchlein leeren. Wir werden euer auf alle Fälle herzlich gedenken.
Sei mit Nelly und Lollo herzlich gegrüßt von Marguerite und mir.