18. Dezember 1930

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Was für einen ausgezeichneten, hilfreichen und tröstlichen Brief hast du mir geschrieben! Ich habe ihn mehrmals des Tages erhoben und wieder erhoben in dieser Zeit. Und auch Marguerite hat sich daran erbaut. Alles, was du schreibst, hat uns gedient, um ein gutes und deutliches Bild von dem zu bekommen, was auf eurer Seite vor sich geht. Es wurde dann also im selben Augenblick ergänzt und bereichert durch das plötzliche Eintreffen unseres neuen Ehrentieres Fritz1. Und der Zufall wollte es, daß eben als Fritz eintraf, oder vielmehr eben als er durchs Telefon seine Begrüßung an uns richtete — wer vorfuhr? — der treue Chrysler mit Ruedi. Und sofort wurde ein gutes Mittagessen verabredet im Schützenhaus2. Vorher mußte ich noch — ans Radio glauben und also mit Ruedi zusammen ins Studio fahren, um dort am Mikrophon eine weitere Zuhörerschaft zu bedienen.3 Dann aber ging’s in gestrecktem |83 Lauf jener Stätte entgegen, wo wir einen Abend lang einst Heiner gefeiert haben und wobei Fritz leider seine ausgezeichnete Rede nicht gehalten hat, weißt du noch, die doch geschlossen hätte mit der schlechthinigen Formel: der Heiner isch und blibt e Bourschwa.4 Dort also sah man uns in einer lauschigen Nische eines jener Festmahle einnehmen, die mit der ausgebreiteten Hors d’œuvre-Platte beginnen und mit einem Eisbecher endigen bei schwarzem Kaffee und seltenen Zigarren, alles befeuchtet von einem freundlichen Weine. Und da also hat uns Fritz in wirklich guter Weise unterhalten und erzählt. Wir haben ihn alle noch in bester Erinnerung, denn er war so vergnügt und so à jour wie noch selten. Bonn scheint ihn wirklich herausgelüpft5 zu haben. Tags darauf sah man ihn dann mit russischen Popen unter Adolf Kellers Leitung über den Münsterplatz zu einer Sitzung wandeln, an der er ebenfalls letzte Worte geredet haben soll.6

Ganz besonders dankbar bin ich aber — und das vor allem wollte ich euch noch schnell sagen — auch für die Beilagen, mit denen Ihr mich so hilfreich bedient. Da ist einmal das Seminar über die Heiligung. Ja, Lollo soll doch nicht aufhören, mir diese Speise weiter zu reichen.7 Ich |84 kann sie so wohl gebrauchen und komme durch diese Notizen schon ins Bild. Und dann das Diskussionsvotum nach dem Vortrage Wolff.8 Das habe ich mit Akklamation entgegengenommen wie seinerzeit die Quousque tandem-Kundgebung9. Das ist für uns an der Front besonders nahrhafte Speise. Denn in diesem Gespräch mit der Kirche von heute ist man ja unaufhörlich drin, bald laut, bald leise. Und da ist dein Schlachtruf einfach von orientierender Kraft. Das Fenster wird aufgerissen, und es wird etwas hinausgerufen auf die Straßen der Kirche, worüber ich einfach grimmig froh werde. Wie steht’s mit der Predigt, die du gehalten hast? Ist die nicht auch zu lesen?10 Dann enthalte sie mir ja nicht vor in diesen Weihnachtstagen!

Schluß! Es sollte nur ein kurzer Dank sein für deinen Brief. Auf Ruedis und Fritzens Anraten habe auch ich mir in einem Kino Sous les toîts de Paris11 angesehen. Eine gute Sache voll Lebenseinsichten.

Herzliche Grüße an Nelly und an Lollo.
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 77, Anm. 9.↩
2
Restaurant in Basel.↩
3
Seit der Inbetriebnahme eines eigenen Stadtsenders am 8.9.1930 konnte Radio Basel auch tagsüber senden und führte (gemäß der täglichen Programmvorschau «Empfehlenswerte Programme» in den Basler Nachrichten ab November 1930) u. a. regelmäßige Sonntagvormittagspredigten ein, die nach dem damaligen Stand der Technik nur direkt ausgestrahlt werden konnten. Das Studio befand sich damals in von der Postverwaltung gemieteten Räumen im Gebäude des Schweizer Bundesbahnhofs; vgl. E. Notz, 25 Jahre Radio Basel 1926-1951, vervielfältigtes, gebundenes Typoskript [Basel 1951?], S. 5.18f. 📖 — Sendetermin von Thurneysens erster «Radiopredigt» (der allerdings bereits eine abendliche «Bettagsansprache» am 21.9.1930 vorausgegangen war) war der 7.12.1930, 11.15 Uhr (s. BN, Jg. 86 [1930], Nr. 257 vom 20.9.1930, 2. Beilage 📖; Schweizer Jllustrierte Radio-Zeitung, Nr. 49 vom 5.12.1930, S. 5 📖). Über ihren Inhalt konnte nichts ermittelt werden, wohl aber über ihr Echo. So schrieb Thurneysen an R. und G. Pestalozzi: «Jener Radiospruch, Ruedi, hat zu einer Flut von Zuschriften geführt, die alle stürmisch die Weiterführung der Radiopredigten verlangten. Also wird es sein müssen. Mich hat die ganze Korrespondenz eigentlich gefreut. Denn sie zeigte, daß man wirklich zahlreiche ernsthafte Zuhörer am Radio hat, vom kritischen Dr. phil., der nicht mehr in die Kirche ginge, über die einfachen Frauen, die am Radio wirklich Gottesdienst feiern möchten, bis hin zum Arbeiter, der ebenfalls nicht mehr ins Innere einer Kirche ginge, der aber auf der Welle irgendein etwas kräftigeres Wort durchaus entgegennimmt» (Brief vom 19.12.1930, Nachlaß Thurneysen 📖).↩
4
«Der Heiner ist und bleibt ein Bourgeois.» Vermutlich ist die am 24.9.1929 im Schützenhaus gefeierte Hochzeit von Heinrich Barth und Gertrud Helbing gemeint.↩
5
= herausgehoben, auch: aus der Patsche gezogen.↩
6
Über jene «Sitzung» am 8.12.1930 konnte nichts ermittelt werden. Oder sollte es sich um eine Konferenz handeln, von der Visser ’t Hooft im Namen des Christlichen Studentenweltbundes am 14.3.1930 an Lieb schrieb: «Die Konferenz ‹Jugend in orthodoxen Ländern› wird Anfang November [sic] stattfinden. Dort werden wir wieder eine ganze Reihe Theologen aus verschiedenen Ländern des Balkan und der russischen Emigration vereinigen» (Nachlaß Fritz Lieb, Universitätsbibliothek Basel, NL 43, Db 14, 1)? — Adolf Keller (1872–1963), 1904–1909 Pfarrer der Deutschen reformierten Gemeinde in Genf, wo ihn Barth, der dort 1909–1911 sein Vikariat absolvierte, noch kennenlernte, 1909–1920 Pfarrer in Zürich, ab 1920 erster Sekretär des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und ab 1924 erster Generalsekretär der Europäischen Zentrale für kirchliche Hilfsaktionen; vgl. Bw.Th. I 📖 und II 📖 (Namenregister).↩
7
Abschrift der Seminarprotokolle durch Ch. von Kirschbaum. Eine solche maschinengeschriebene Abschrift (ohne die Protokolle der außerordentlichen Sitzungen) befindet sich im Karl Barth-Archiv (36 numerierte Blätter in einem DIN A 5-Schnellhefter mit Aufschrift von Ch. von Kirschbaums Hand).↩
8
«Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger Kirchentages zur Kirchenfrage», Typoskript vom 12.XII.1930 (3 Seiten im Format DIN A 4). Es handelt sich um die Nachschrift (nach dem Stenogramm eines Studenten) eines Votums von K. Barth nach einem Vortrag über die genannte Erklärung von D. Walther Wolff, Präses der rheinischen Provinzialsynode, an der Bonner Universität am 12.12.1930. Barth kritisierte an ihr u. a. : «Wenn hier von der Kirche geredet wird, so geschieht das nicht so, daß die Kirche geglaubt und als geglaubte bekannt wird, sondern sie wird durchgehend als vorhandene und daseiende dargestellt. Daß von Glauben geredet wird, kann daran nichts ändern: denn immer ist von ihm die Rede als von einem bekannten und vorhandenen Zustand, der in der Kirche vorausgesetzt wird als ein Tun ihrer Glieder» (a.a.O., S. 2). Nach weiterer scharfer Kritik endet das Votum mit den Sätzen: «Es stehen sich heute zwei Kirchen in der Kirche gegenüber, die offizielle und eine, die nicht mehr ertragen kann, daß in der bisherigen Weise geredet wird. … draußen stehen die anderen, die nicht zur Kirche gehören; … sie können nur noch und ich mit ihnen Nein, Nein, Nein sagen zu dem Ganzen! Kirchlichkeit würde für mich mindestens auch bedeuten: schärfsten und radikalsten Protest gegen das, was uns hier vorgesetzt wird!» (a.a.O., S. 3). — Die vom Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg (26. - 30.6.1930) beschlossene Erklärung wurde abgedruckt auf Sp. 691f. in: J. Kübel, Der Kirchentag in Nürnberg, in: CW, Jg. 44 (1930), Sp. 688–695. 📖 ↩
9
Siehe Bw.Th. II, S. 696. 📖 ↩
10
Siehe oben S. 78, Anm. 11.↩
11
«Sous les toîts de Paris» (Unter den Dächern von Paris), Frankreich 1930; dieser erste Tonfilm des Regisseurs René Clair 📖 «schildert mit melancholischer Ironie eine Geschichte aus dem Milieu der Gassen und Hinterhöfe, der Straßensänger, der kleinen Gauner und der skurrilen Bürger … So entstand ein Film, der Gefühl, Humor und Intelligenz vereint» (D. Krusche, Reclams Filmführer, Stuttgart 19856, S. 491 📖).↩