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18. Dezember 1930
Was für einen ausgezeichneten, hilfreichen und tröstlichen Brief hast du mir geschrieben! Ich habe ihn mehrmals des Tages erhoben und wieder erhoben in dieser Zeit. Und auch Marguerite hat sich daran erbaut. Alles, was du schreibst, hat uns gedient, um ein gutes und deutliches Bild von dem zu bekommen, was auf eurer Seite vor sich geht. Es wurde dann also im selben Augenblick ergänzt und bereichert durch das plötzliche Eintreffen unseres neuen Ehrentieres Fritz1. Und der Zufall wollte es, daß eben als Fritz eintraf, oder vielmehr eben als er durchs Telefon seine Begrüßung an uns richtete — wer vorfuhr? — der treue Chrysler mit Ruedi. Und sofort wurde ein gutes Mittagessen verabredet im Schützenhaus2. Vorher mußte ich noch — ans Radio glauben und also mit Ruedi zusammen ins Studio fahren, um dort am Mikrophon eine weitere Zuhörerschaft zu bedienen.3 Dann aber ging’s in gestrecktem |83 Lauf jener Stätte entgegen, wo wir einen Abend lang einst Heiner gefeiert haben und wobei Fritz leider seine ausgezeichnete Rede nicht gehalten hat, weißt du noch, die doch geschlossen hätte mit der schlechthinigen Formel: der Heiner isch und blibt e Bourschwa.4 Dort also sah man uns in einer lauschigen Nische eines jener Festmahle einnehmen, die mit der ausgebreiteten Hors d’œuvre-Platte beginnen und mit einem Eisbecher endigen bei schwarzem Kaffee und seltenen Zigarren, alles befeuchtet von einem freundlichen Weine. Und da also hat uns Fritz in wirklich guter Weise unterhalten und erzählt. Wir haben ihn alle noch in bester Erinnerung, denn er war so vergnügt und so à jour wie noch selten. Bonn scheint ihn wirklich herausgelüpft5 zu haben. Tags darauf sah man ihn dann mit russischen Popen unter Adolf Kellers Leitung über den Münsterplatz zu einer Sitzung wandeln, an der er ebenfalls letzte Worte geredet haben soll.6
Ganz besonders dankbar bin ich aber — und das vor allem wollte ich euch noch schnell sagen — auch für die Beilagen, mit denen Ihr mich so hilfreich bedient. Da ist einmal das Seminar über die Heiligung. Ja, Lollo soll doch nicht aufhören, mir diese Speise weiter zu reichen.7 Ich |84 kann sie so wohl gebrauchen und komme durch diese Notizen schon ins Bild. Und dann das Diskussionsvotum nach dem Vortrage Wolff.8 Das habe ich mit Akklamation entgegengenommen wie seinerzeit die Quousque tandem-Kundgebung9. Das ist für uns an der Front besonders nahrhafte Speise. Denn in diesem Gespräch mit der Kirche von heute ist man ja unaufhörlich drin, bald laut, bald leise. Und da ist dein Schlachtruf einfach von orientierender Kraft. Das Fenster wird aufgerissen, und es wird etwas hinausgerufen auf die Straßen der Kirche, worüber ich einfach grimmig froh werde. Wie steht’s mit der Predigt, die du gehalten hast? Ist die nicht auch zu lesen?10 Dann enthalte sie mir ja nicht vor in diesen Weihnachtstagen!
Schluß! Es sollte nur ein kurzer Dank sein für deinen Brief. Auf Ruedis und Fritzens Anraten habe auch ich mir in einem Kino Sous les toîts de Paris11 angesehen. Eine gute Sache voll Lebenseinsichten.
Herzliche Grüße an Nelly und an Lollo.