4. Juni 1931

Nelly Barth an Marguerite Thurneysen

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Meine liebe Marguerite,

daß Eduard zu uns kam, das war ein schönes Ereignis! Wie gut war der erste Abend, wo wir ihn alleine hatten und man immerzu spürte, daß er Karls bester, wirklich nächster Freund ist, in all seinen Reden und seinem Sein. Gestern vormittag verliefen die Stunden etwas unruhig und gestört. Ein Japaner kam dazwischen, Fritz Lieb etwas zu beharrlich, Karl Ludwig wollte noch eine Verabredung. Ich hätte gern eine Weile Eduard allein gesprochen, war mir in den wenigen möglichen Augenblicken aber selber im Wege.

So sage ich nun Dir, wie ich froh bin, daß Karl wieder gut arbeiten kann und daß er so vorwärts geht, daß diese Andachten1 von ihm entstanden sind. Es geht mir damit wie mit Karls Predigt: ich wüßte keine bessere Führung und werde hungrig darin lesen. Aber unsere Lebenssituation läßt mich in großer Not, so daß ich meine, den Kampf gegen mich immer noch im primärsten zu haben. Aber es ist doch anders als früher, mehr Einsehen, mehr Wissen um Karl und um Lollo ist da, und die tragenden Gedanken, fast täglich neue, bewegen sich, und — möchte Gott helfen — lassen mich einmal aufrechter gehen und dankbarer, vor2 es zu spät ist.

Ich muß viel, viel in Tränen liegen, statt meinen Verstand helfend für die Anderen frei zu haben. Karl kann mir aber wieder etwas milder sein. Lollo hat auch mehr Boden unter den Füßen. Sie kann so gut, so nützlich und helfend arbeiten. Aber Eduard fand sie auch schlecht aussehend, die Luft hier macht sie noch müder, neben aller inneren und körperlichen Mühe und Anstrengung.

An dich mit dem Kindlein Christine denke ich mit lauter Freude. Schön sind die Photos, die Eduard uns zeigte. Die Kinder alle! Ich grüße Dorothee ganz besonders. Unsere Fünfe sind spürbar nachgerückt mit ihren Interessen. Es wird immer wesentlicher mit ihnen. Matthis hat Freude und Lust am Latein. Aber wir lernen alles zusammen. Es hat Sinn genug bei ihm. Der Hans-Joggeli ist noch goldig und die Lieb-Kinder dazu. Ruth wird warm. Sie kam froh aus Bethel zurück. Line Merz3 lernte sie nicht kennen, aber die Landschaft dort hat sie erquickt.

Ich wünsche Euch im Sommer dann ein schönes frohes Zusammensein!
Deine
Nelly

Eduard reist inzwischen von Gießen heim. Ich grüße ihn herzlich.

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 140, Anm. 1.↩
2
= bevor (ins Hochdeutsche übertragene Wendung des Schweizerdeutschen).↩
3
Georg Merz’ Ehefrau Karoline, geb. Riedner (1895–1967).↩