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27. Juni 1931
Ehe ich mich an die Arbeit mache, die nun also drohend vor mir aufstehende «Festpredigt»1 für die Knöpflischützen2 zu erstellen, soll noch ein Wort nach Bonn gehen. Gedenke meiner am kommenden Donnerstag nachmittag! Stell dir den Minschterplatz vor bedeckt mit frommen Festpilgern, ein großes, schwarzes Volk, durchsetzt mit Schwesternhauben aller Sorten und Formen, darunter ganze Kolonnen deutscher Bibelkreismädchen in blauen Röcklein, hundert Studenten aus Tübingen, vielhundert Prälaten, Dekane, Land- und Stadtpfarrer, das Minschter selber noch ganz anders voll als am Bettag3, und nun also der wackere Heiner Gelzer4 und ich, unterstützt vom Chor der Mis|149sionszöglinge und unter den Augen des ganzen Komitees5 diejenigen, welche das Wort zu nehmen haben. Eine seltsame und wirklich nicht ganz eindeutige Situation! Nach Paul Schütz6 übrigens nur zu eindeutig und unmöglich! Voyons! Ich beneide dich gewiß nicht oft um deine Aufträge, aber wahrscheinlich bist du nun doch vor dieser Möglichkeit bewahrt. Wir sind nicht mehr im Exil, längst, längst nicht mehr. Wir sind arriviert. Möchte es gelingen, die Stellung einigermaßen auch da zu halten, und das wird doch wohl heißen, daß in dieser Lage nun wirklich nicht einfach eine Antisäkularismuspredigt gehalten, sondern das Geschütz an irgendeiner entscheidenden Stelle auch mitten ins anwesende Volk selber hineingefeuert wird. Mir ist manchmal nicht so ganz wohl auch bei der ja sonst sehr erfreulich steilen Haltung unseres Freundes Hartenstein7. Er redet mir ein wenig zu viel vom bald hereinbrechenden lieben jüngsten Tag8 und der besonderen Missionszeit, die das heute bedinge. Dazu stellt er merkwürdige Typen tübingerscher Theologie als seine ersten Lehrer und Helfer an und bereitet irgendwie eine neue Orthodoxie einer aufs reine Wort gegründeten Missionstheologie vor. Schon gut, aber ob nicht auch da eines Tages die Bäume wieder in den Himmel wachsen wollen?
Wie geht es bei Euch? Heute erhielt ich den guten Besuch des Pfarrers von Ferenbalm9, der eben von Euch her kam, sehr erfüllt von dem, |150 was er eben noch in Bonn zu sich genommen hatte. Meine Reise von Euch weg nach Gießen nahm einen erfreulichen Verlauf. Ich fuhr gemächlich durchs Siegerland, vorbei an kirchengeschichtlich bedeutsamen Geländen. Und in Gießen kam es wieder einmal zu einem großen Türk10. Der Saal anderntags war voll und übervoll. Marburg war mit gut hundert Studenten und seinen besten Lehrern vertreten. Die Diskussion kam sofort in rasanten Lauf, indem Schumann11 und Bultmann12, der alte Holtzmann13 und von Soden14 und Dell15 und Krüger16 u. a. das Wort nahmen. Ich war also wirklich unter die großen Kanonen geraten und hielt mich nach Kräften an deinen Rat: um keinen Preis etwas zuzugeben! Mit Bultmann hatte ich nachher noch ein langes Privatgespräch, in dessen Verlauf mir vorkam, er sei seiner Sache auch nicht so unbedingt sicher, wie es nach außen scheint. Er kam mir für sich selber fragender und offener vor, als ich es eigentlich gedacht hatte. |151 Am Abend saß ich noch mit Bertram17 bei Cordier18 zusammen, und da wurde gesagt, ihr Bornkamm19 werde nach Leipzig gehen, und nun komme die Reihe an den letzten noch unversorgten Hollschüler Blanke20 in Zürich. Worauf ich plötzlich den Antrieb bekam, unseren Ernst Staehelin zu nennen, dem ein Herauskommen aus dem Basler Ecken ja wirklich sehr zu gönnen wäre. Ich weiß natürlich nicht, ob irgendwie eine Möglichkeit besteht. Und ob es Ernst gelingen würde, da draußen in den Sattel zu kommen mit seiner Reichsgottestheologie21. Immerhin wenn ihn etwas herausholen könnte, so wäre es der Anspruch, der da draußen ganz anders an ihn gestellt würde, als es in Basel der Fall ist.
Unter den Leuten, die ich in Gießen traf, war übrigens auch dein Schüler Fricke aus Frankfurt, der mir ausgezeichnet gefiel, ich habe ihm zugesagt, anfangs Winter einmal in Frankfurt zu reden vor seinen Studenten.22 Ich tat es nicht wegen des Vortrages, sondern weil ich seine Arbeit gern einmal ansehen möchte. Und endlich begrüßte mich mit einem tiefen Knicks eine unterdessen zur Theologin herangereifte Tochter23 unseres Freundes Otto Herpel24. Nach dem, was sie erzählte, muß |152 es freilich Frau Herpel25 eher schwer gehen. Sie verdient ihren Unterhalt zum Teil damit, daß sie Fremde in Heidelberg herumführt. Das Mädchen selber aber schien gesund und munter.
Hier hält uns weiter und weiter Heiners Anliegen in Atem. Ich habe heute einen feierlichen Schritt beim einen der Regierungsräte26 unternommen und werde nächste Woche einen weiteren unternehmen. Es steht nun einfach so, daß Grisebach berufen werden soll27. Einsichtige Gegner Heiners wie Von der Mühll28 sagen zwar, sie kehren die Hand nicht um, verkappte Pfaffen seien beide. Aber die an der Spitze lassen sich offensichtlich durch Grisebachs Renommé täuschen und heben ihn also auf den Schild. Die Sache liegt nun noch beim Regierungsrat. Daher meine Demarchen. Ich setze freilich keinerlei Hoffnungen mehr darauf. Denn wenn die Kuratel und der Erziehungsrat29 den Grisebach beantragen, wird der Regierungsrat bestätigen. Es besteht nur noch die allerdings nicht ausgeschlossene Möglichkeit, daß Grisebach vorher nach Zürich oder zu Euch gerufen wird.30 Und dann, allerdings dann |153 würde ich es doch nicht für ausgeschlossen halten, daß schließlich Heiner doch noch ankommt. Denn der andere Name, Schmalenbach, scheidet aus, weil er Georgemann31 sein soll, und davon wollen die Basler nichts wissen. Ist eigentlich in Bonn Grisebach ernsthaft im Felde?32 Heiner selber ist seines Weges gewiß und ruhig. Ich besuche in diesem Sommer wieder sein Seminar33 und sehe da, wie umsichtig er gerade auf dem historischen Felde ackert. Wir behandeln moderne Geschichtsphilosophen von Hegel bis Heidegger. Querbein und ich sitzen friedlich nebeneinander und greifen hin und wieder mit irgendetwas wie wir meinen Wohlerwogenem in das Gefecht ein. Querbein, den Heiner übrigens sehr viel vornehmer «Fremdling» getauft hat, hat also sein Buch34 herausgebracht. Hast du es schon gesehen? Ich lese eben drin. Es ist wie [in] alle[n] seine[n] Sachen sehr viel Wissen drin, es ist auch umsichtig konzipiert und gibt viele Lichter. Aber es kommt mir wieder so ein wenig gehackt und kurzatmig geschrieben vor. Man rast an den Dingen vorüber, und sie gehen nicht recht in einen ein. Er ist kein Darsteller, sondern schießt immer schon zu rasch mit seinem Ergebnis hervor. Ich hoffe aber sehr für ihn, es verschaffe ihm eine Position, damit dieser Pilger aus der Ferne endlich seiner Heimat zuziehen, das heißt in irgendeine ihm erwünschte Stelle einrücken kann. Was hältst du davon?
Dieser Tage las ich in der Schrift «Est» eines Berliner Jünglings35, du wirst sie selbstverständlich in Händen haben, denn es geht da in breiter Front und im Namen Luthiers (und Hegels!) gegen dich. Wie hast du doch einmal gesagt: es wachsen ihnen allen alsgemach36 die Nägel und Klauen wieder nach? Der Schweizer Sauerteig soll endlich wieder ausge|154fegt werden! Es ist wirklich nichts dringender zu wünschen als die baldige Wiederherausgabe deiner Dogmatik
📖 und, ach, auch deines Anselm
📖!
Und nun Schluß! Ich danke für die Zustellung der Dogmatik. Die ersten Teile habe ich heute auch Heiner zu lesen gegeben. Er arbeitet nämlich an einem großen Vortragsschlag über das Existenzproblem in der Theologie und der Philosophie, der am 10. Juli in Zürich fallen soll.37 Er begleitet wirklich die theologische Debatte mit großer Aufmerksamkeit. Diesmal soll es um Heidegger gehen und die Heideggertheologie. Es schien mir recht, daß er deine neuesten Formulierungen gerade Bultmann gegenüber38 kenne. Er wird sicher keinen indiskreten Gebrauch davon machen. Sei mit Nelly und Lollo herzlich, herzlich gegrüßt. Unser Buschi39 liegt Tag für Tag an der Sonne und im Schatten im Garten an der Rittergasse und atmet die Baslerluft also an klassischer Stätte ein. Es gedeiht dabei sichtlich. Der Sommer kommt. Und irgendeinmal werden wir uns da auch wieder sehen. Ich bin den ganzen Juli aus40 noch in Basel.