19. November 1931

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Lollo vielen Dank für die Übersendung der Hefte! Sie werden in mir beide einen aufmerksamen Leser finden, wahrscheinlich auf der mir nächste Woche bevorstehenden D-Zugfahrt nach Frankfurt1. Ich bin eben dran, mein Brot für diesen morgigen Tag zu rüsten, und verwünsche natürlich zunächst den Augenblick, wo ich diesen Auftrag mir aufgeladen hatte. Aber so geht’s ja immer. Wird man eigentlich nicht einfach schlankweg umgebracht bei euch, wenn man nicht einfach Heil Hitler! rufen kann? Wenigstens erzählte Maria Vischer2 aus Bethel eben |184 heute, die kleine Sonja3 habe Prügel bekommen auf dem Schulweg von ihrem Kamerädlein, als sie sich geweigert habe, da mitzutun. Und bei Dehn in Halle kam’s ja beinahe auch dazu.4 Der arme Mann! Die Regierung scheint ja festbleiben zu wollen, solange sie selber wenigstens noch im Sattel sitzt. Aber die nahen Wahlen können sie ja köpfen.5 Bin ich, lieber Karl, einfach ein unverbesserlicher Neutraler, wenn ich mich immer wieder wundern muß bei aller warmen Sympathie für Deutschland, daß die Deutschen in ihrer Not das eine rundweg zu tun verweigern, was vielleicht einen gewissen Hoffnungsschimmer für sich hätte: nämlich zu ihrer Regierung zu stehen? Brüning6 ist ja doch sicher ein |185 Mann, hinter dem einiges steht. Und bei anderen Völkern scheint das immer wieder der politische Instinkt einzugeben, daß man die Reihen in der Not nach der Mitte zu schließt. Vide die englischen Wahlen.7 Aber in Deutschland bricht man in die Extreme aus nach rechts und nach links und verhaut die Regierung in der Mitte. Der metaphysische Traum des dritten Reiches wird geträumt, aber die realen Schritte, die vielleicht aus dem Chaos langsam herausführten, hindert man die Verantwortlichen zu tun. Was wird noch kommen?

Wieviel bessere Zeiten waren doch die Siebzigerjahre, als unsere Väter ihre Kahnis8, Schürer9 und Luthardt10 hörten11 und an Weißbierkneipen über die Teutonen siegten12! Ich übermache dir diese Karte, |186 die ich unter den Papieren meines Vaters fand.13 Wieviel schneller hat sich die Welt damals von ihrem Kriege erholt. Hast du die neueste Nummer des Kirchenblattes gesehen? Es findet sich darin eine wirklich gute und verdiente Besprechung des neuesten Berichts über den Stand der Bernerkirche von v. Tavel.14 Es ist so: diese Bern- und Baslerburger sind nicht umzubringen mit ihrem Geröhr über die Kirche. Und wenn man auch den Angriff dagegen ganz anders fundiert geführt sehen möchte, so ist doch keine Frage, auf welcher Seite hier das Recht steht. Das ist natürlich die Kehrseite jener Siebzigerjahre, daß diese Bürgerkirche damals wohl zum Aufstieg kam.

Den beiliegenden Aufruf, von Heiner verfaßt15, haben wir eben dieser Tage an einige geistige Notabeln Basels versandt. Sehen wir zu, was daraus wird. Mir bangt natürlich ein wenig vor diesem kommenden Verein. Da wird erst recht Brot gebacken werden müssen. Und ob das mit Heiner zusammen immer so einfach gelingen wird? In diesem Zusammenhang wäre ich natürlich ganz besonders froh um die vielleicht baldige Alimentierung durch Notizen aus deinem Seminar über natürliche Theologie. Das schlägt irgendwie in das durch unsere neue Gesellschaft zu behandelnde Thema. Heiner möchte auf alle Fälle den Ausgangspunkt einmal nehmen beim Problem der Gotteserkenntnis. Vielleicht weißt du mir auch sonst Rat durch Nennung guter Bücher in dieser Richtung. Querbein hat nun endgültig nach vielem Hin und Her nach Elberfeld angenommen.16 Auf seine Mitwirkung müssen wir also verzichten.

187 Was machen die Schweizer Jünglinge, die nun zu deinen Füßen sitzen? Der wackere Frey wird sich sicher weiter gut halten, aber die Anderen? Sei mit Nelly und Lollo und den Kindern herzlich und vielmal gegrüßt. Du wirst in voller Fahrt sein und kaum Zeit finden, mir einmal etwas zu winken.

Dein
Eduard

Noch fällt mir ein, daß ein Ludwig Póth17 aus Novi Urbas jetzt in Bonn studiert, den ich sehr wohl kenne. Er war bei mir im Seminar und hat sich da wirklich ausgezeichnet durch Kenntnisse und durch Fleiß und Eifer. Wenn er dir einmal begegnet, «gib dich ihm zu erkennen! »

Sachfußnoten

1
Reise zu einem Vortrag, die Thurneysen in seinem Brief vom 9.2.1932 beschreibt, s. unten S. 195f. mit Anm. 3.↩
2
W. Vischers Ehefrau (1897–1975), Schwester von Ernst Staehelin und Ruth Lieb, geb. Staehelin.↩
3
Tochter von M. und W. Vischer, geb. 1923.↩
4
Nach seinem erzwungenen Verzicht auf den Heidelberger Lehrstuhl (s. oben S. 106f., Anm. 22) war Dehn im Sommer 1931 vom preußischen Kultusminister Adolf Grimme nach Halle berufen worden. Von seiner Antrittsvorlesung in Halle am 3.11.1931 berichtet Dehn: «Aber nun kam ich überhaupt nicht zu Worte. Als ich eintrat, erhob sich ein gewaltiges Getrampel … Das Getrampel hörte nicht auf und wurde nur durch Johlen und Pfeifen unterbrochen. Der Rektor Aubin, ein ganz vortrefflicher Mann, der immer auf meiner Seite gestanden hat, versuchte vergeblich, Ruhe zu schaffen. Gegenrufe: ‹Hört doch endlich auf mit dem Lärm, wir wollen Professor Dehn hören›, gingen unter. Das ganze Treppenhaus der Universität war gedrängt voll von Studenten, wie auch der ganze Platz vor dem Gebäude von ihnen besetzt war. Sie sangen draußen und drinnen, schließlich auch im Hörsaal ‹Burschen raus› und das Deutschlandlied. In Sprechchören wurde gerufen: ‹Dehn verrecke!›. …In der Mitte der Stunde trat der Vorsitzende der Deutschen Studentenschaft in den Raum und meldete dem Rektor, er könne die draußenstehenden Studenten nicht mehr halten. … Die Tür zum Hörsaal wurde verschlossen, was zur Folge hatte, daß sie mit gewaltigem Getöse eingetreten wurde. … es drohte zu Handgreiflichkeiten zu kommen. Ich hatte auf einmal eine Leibwache … Da erschien plötzlich die Polizei» (G. Dehn, Die alte Zeit …, a.a.O. [S. 95, Anm. 18], S. 272 📖; vgl. a.a.O., S. 268–278; siehe auch den Augenzeugenbericht in: Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente, a.a.O. [S. 107, Anm. 22], S. 68f. 📖). Thurneysen verdankte seine Kenntnis über die Vorgänge Ch. von Kirschbaum: «Von Bonn weiß ich nichts Direktes. Nur ein paar Zeitungsausschnitte schickte mir Lollo, die Dehns Anfang in Halle schilderten» (Brief an R. Pestalozzi vom 19.11.1931, Nachlaß Thurneysen 📖).↩
5
Die nächsten Reichstagswahlen erfolgten erst am 31.7.1932. Ob Thurneysen die Reichspräsidentenwahlen vom 13.3.1932 meint (vgl. unten S. 211, Anm. 1, und S. 225, Anm. 2)? Brüning hatte in deren Vorfeld vergeblich versucht, HindenburgsAmtszeit mittels einer Verfassungsänderung ohne Wahl verlängern zu lassen; vgl. Hillgruber, S. 211–215. 📖↩
6
Heinrich Brüning (1885–1970), seit März 1930 Reichskanzler (seit Oktober 1931 mit einem 2. überparteilichen Kabinett) steuerte, um in der schweren Wirtschaftskrise eine Inflation zu vermeiden, einen unpopulären, harten wirtschaftlichen Kurs, wobei er die sozialen Folgen seiner Politik bewußt in Kauf nahm (vgl. Hillgruber, S. 189–243 📖, darin S. 203f.; Dederke, S. 231–233 📖; H. Brüning, Memoiren 1918-1934, Stuttgart 1970 📖). Währenddessen arbeiteten Vertreter der sog. Nationalen Opposition gegen ihn (Hillgruber, S. 205–210; Dederke, S. 233). — Wahrscheinlich kannte Thurneysen einen Artikel aus den Basler Nachrichten, der über eine Konferenz am 17.11. berichtete, in der sich die Innenminister der deutschen Länder — um der innenpolitischen und der außenpolitischen Lage Deutschlands willen — gegen die herrschenden gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen aussprachen: Gegen die politischen Terrorakte in Deutschland. Konferenz der Innenminister der Länder in Berlin, in: BN, Jg. 87 (1931), Nr. 317 vom 18.11.1931 (Titelblatt). 📖 ↩
7
Am 27.10.1931 hatten in England Unterhauswahlen stattgefunden, bei denen die regierenden Konservativen einen überraschend deutlichen Sieg über die oppositionelle Labourpartei errangen.↩
8
Karl Friedrich August Kahnis (1814–1888), umstrittener Vertreter der lutherischen Orthodoxie (seit 1848 altludierisch), 1844 a.o. Professor in Breslau, seit 1850 o. Professor für Kirchengeschichte und Systematische Theologie in Leipzig.↩
9
Emil Schürer (1844–1910), 1869–1878 Privatdozent in Leipzig, danach Professor für Neues Testament in Gießen, Kiel und Göttingen.↩
10
Christoph Ernst Luthardt (1823–1902), Wortführer der deutschen Lutheraner gegen die preußische Union und den Liberalismus, nach einer a.o. Professur in Marburg 1856–1895 o. Professor für Systematische Theologie und Neues Testament in Leipzig.↩
11
Fr. Barth saldierte im WS 1876/77 in Leipzig; E. Thurneysen sen. verbrachte seine Studienzeit in Basel und Tübingen, wo keiner der Genannten lehrte.↩
12
Daß in Deutschland studierende Zofinger mit Mitgliedern der — seit 1874 unter diesem Namen in Leipzig bestehenden — katholischen akademischen Verbindung Teutonia verkehrt hätten, ist wenig wahrscheinlich. Deshalb bezeichnet «Teutonen» hier vielleicht allgemein deutsche Couleur-Studenten (französisch «teuton» bedeutet auch «altdeutsch»), so daß man vermuten könnte, «daß die trinkfesten Eidgenossen die Deutschen — Teutonen — les teutons› — als ‹Volksstämmlinge› im Rahmen burschikoser Kneipen unter den Tisch s…, vornehmlich mit Weißbier» (briefliche Auskunft von Dr. R. Develey vom 4.4.1994).↩
13
Nicht erhalten.↩
14
E. B[urri], Volk heran, zur Arbeit!, in: KBRS, Jg. 87 (1931), Nr. 24 vom 19.11.1931, S. 370–374 📖 (ablehnende Rezension des Generalberichtes von Rudolf von Tavel über das religiöse, kirchliche und sittliche Leben der Berner Landeskirche von 1920 bis 1930).↩
15
Von H. Barth und Thurneysen gezeichneter Aufruf zur Gründung einer offenen «Philosophisch-theologischen Vereinigung», gerichtet «in erster Linie an Persönlichkeiten unserer Stadt, die in der Kirche, an der Universität oder in der Schule in Lehre und Unterricht tätig sind und die diese Wirksamkeit von letzter Verantwortung belastet wissen». Geplant sei eine monatliche Zusammenkunft, bestehend aus Referat und Diskussion. «Wir denken zunächst an eine durch eine Reihe von Zusammenkünften fortlaufende Verhandlung gewisser Grundthemata», zunächst zum Themenkreis «Vernunft und Offenbarung» (2 S.; Nachlaß H. Barth 📖).↩
16
Vgl. oben S. 173f., Anm. 4.↩
17
Ludwig Póth (geb. 1911) wohnte 1930–1931 im theologischen Studentenwohnheim Alumneum und war 1944 Pfarrer im ungarischen Bácsfeketehegy (zum Alumneum vgl. unten S. 264, Anm. 1).↩