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24. November 1931
Ich fürchte wirklich — ist es nicht so? —, daß ich dir seit jenem Morgen am Badischen Bahnhof1 überhaupt noch nie geschrieben habe. Rechtfertigen kann ich das sicher nicht, aber vielleicht entschuldigen damit, daß ich eben mitten im Trubel der Schlacht stehe und mir sogar die Zeit zu den technisch notwendigsten Korrespondenzen fast stehlen muß, weil immer wieder die Sorge für den nächsten Tag mit seiner Vorlesung das Nächste ist, was bedacht sein will, wobei ja für Unterbrechungen durch allerhand Studentenbesuche, endlose Telefonate mit K. L. Schmidt und anderen Zeitgenossen gesorgt ist. Ich hätte vielleicht längst einmal Freund Fritz2 einen Samstag Abend absagen und dir in der so entstehenden Lücke schreiben sollen. Aber ganz abgesehen davon, daß dieser unser Freund an diesen Abenden sehr hängt, bin auch ich manchmal ganz froh, in dieser Weise die Arme hängen zu lassen und seinem nie versagenden Redefluß zu lauschen.
188Von großen Ereignissen war und ist nicht zu erzählen. Ich hatte zunächst die Koblenzer Examina zu absolvieren, die auch eine anstrengende Angelegenheit waren. Die Konsistorien sind jetzt zu größter Strenge aufgerufen, und so haben wir von 38 Bewerbern 17 durchfallen lassen. Man müßte freilich die Kirche noch unter ganz anderen Gesichtspunkten, als sie bei einem Examen in Betracht kommen, reinigen können. Aber daß da Gelegenheit ist, die Pforte zum Pfarramt wenigstens mit ein bißchen Furcht und Schrecken zu umgeben, ist sicher etwas wert. Nachher öffnete sich nach kurzer Frist der Tunnel des Semesters, in welchem der Zug nun unaufhaltsam dahinfährt. Du wirst längst gehört haben, daß die drei neu hinzugekommenen Basler, inbegriffen der sympathische Dieterle, in meiner Prüfung rettungslos versagt haben, interessanterweise war der Fuchsmajor3 Schär noch relativ am besten dran. Hoffentlich grollt mir das der Vater Dieterle nicht. Du erzählst ihm vielleicht, wenn er über mich seufzen sollte, daß 97 Anwärter da waren, von denen ich eben nur 32 aufnehmen konnte, wenn die Sache nicht doch wieder zu einem Massenbetrieb entarten sollte. So sind manche «durchgefallen», die an sich Beachtliches geleistet haben, nur daß sie eben nicht zu den 32 Besten gehörten. Ich habe aber den Eindruck, daß der junge Dieterle nun auch sonst eifrig und beteiligt mitarbeitet, so daß ihm das Semester trotzdem «zum Segen» gereichen kann. Wir behandeln im Seminar zunächst ausgewählte Stücke aus dem Vaticanum4 und haben wieder allen Anlaß, vor dem wohlgefügten Bau des Katholizismus den nötigen verdrießlichen Respekt zu empfinden. In der Vorlesung geht jetzt eben der große § über das Erkenntnisproblem5 seinem Ende entgegen. Wenn er es erreicht hat, soll er dir sofort zugehen. Es |189 ist ein nahezu völliger Umbau gegenüber der ersten Fassung6, und ich freue mich sehr darauf, ihn deinen kundigen Augen zu unterbreiten. Aber die Arbeit fällt mir bis jetzt mühsamer als seit langem. Ich habe sehr oft ganze Reihen von unfruchtbaren Stunden und muß gelegentlich das Werk von ganzen Tagen wieder und wieder umwerfen und neu aufbauen. Ob denn gar nie eine Zeit anbricht, wo man auch wirkliche Weisheit mit einiger Flüssigkeit und Eleganz aus sich herausholen und aufs Papier bringen kann? Aber vielleicht müssen wir nun eben mit solchem Schinden die Kosten des einst unternommenen Angriffs auf die übrige Welt bezahlen. Ich habe auch heute Abend noch mein Pensum vor mir, und darum kann der Brief nicht ausführlicher und gründlicher werden.
Was du zu unseren politischen Fatalitäten schreibst, entspricht ganz dem, was ich von den ersten Jahren an hier in Deutschland immer wieder gedacht und gesagt habe: die Deutschen müßten es lernen, in englischem Stil oder auch in der ganz an das Allernächstliegendste und Erreichbarste sich haltenden Art der schweizerischen Gemeinderäte und Bundesräte7 ihre Politik zu machen. Aber das scheint nun leider aus irgendwelchen tiefliegenden Gründen nicht möglich zu sein. Und so kommt man sich denn vor, wie wenn man in einem Auto säße, das von einem ganz unfähigen oder betrunkenen Mann gesteuert wird, so daß man jeden Kilometer, den man heil hinter sich hat, als eine Art Wünderlein begrüßt. Wer weiß, was uns noch bevorsteht? Wir reden gelegentlich davon, daß wir vielleicht eines Abends oder Morgens mit Sack und Pack, von den ans Ruder gekommenen Nazis mit Schimpf und Schande vertrieben, auf dem Badischen Bahnhof eintreffen und ich deund wehmütig auf die Suche nach einer freistehenden Pfarrstelle im Baselbiet8 oder auch im Emmental gehen muß. K. L. Schmidt, der ja dann auch fliegen wird, interessiert sich auch bereits für die Möglichkeiten in der Schweizer Kirche.9 Ich meinerseits habe allerdings noch |190 andere offene Türen. Wir hatten z. B. neulich hier einen recht munteren norwegischen Pfarrer10, der unmittelbar unter dem Nordkap eine Gemeinde von 6000 Norwegern und Lappen auf Schneeschuhen versorgt, notabene mit der rechten, d. h. mit unserer Theologie, so daß wir uns immerhin an dem Gedanken freuen können, daß an der nördlichsten Spitze Europas durchaus die reine Lehre erschallt! Er hat mich herzlich eingeladen, ihn zu besuchen, ihm zu helfen, seinen liberalen Bischof zu widerlegen und vor allem tüchtig mit ihm auf den Lachsfang zu gehen. Sollte es mir dort zu kalt werden, so kann ich mich auch getrost in die südafrikanische Union begeben, wo nach sicheren Nachrichten der Kampf um die dialektische Theologie unter Engländern, Buren und Kaffern auch schon ausgebrochen ist. Ein Vertreter auch jener Weltgegend sitzt dieses Semester hier im Kolleg. Wieder ein anderer hat mir versichert, daß ich auch in Neuseeland, wo er zu Hause ist und Pfarrer wird, zu Vorträgen und persönlicher Begrüßung freudig willkommen [sei]. Und mitten im heiligen Land, ausgerechnet am See Genezareth, ausgerechnet in Tiberias, sitzt ein anderer treuer Schüler, ein Schotte, der kürzlich in einem strahlenden Brief nicht nur mich, sondern verständigerweise auch Lollo aufforderte, zur Fortsetzung unserer Arbeit einfach auf eine Weile zu ihm zu kommen.11 Endlich habe ich sozusagen legitime Rechte auf das Land der edlen Ungarn, denn denk, Eduard, ich bekam neulich einen feierlich gesalbten Brief aus Sárospatak, einem Ort, den ich noch nicht einmal auf der Landkarte eruiert habe; dort ist eine «Reformierte Hochschule», und deren Lehrkörper hat mich einstimmig zum «Honorarprofessor» ernannt12, mit welcher Würde doch sicher die Möglichkeit verbunden sein muß, daß ich, wenn ich hier je vertrieben werden sollte, das unterbrochene Wort in neuen Zun|191gen, die ich zu diesem Zweck erlernen werde, wieder aufnehmen kann. Nun aber Schluß! Die Dogmatik wartet. Grüße Marguerite, auch von Lollo. Nelly musiziert irgendwo.