30. November 1931

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier kommen also die drei ersten Berichte der Seminarsitzungen1. Wenn dir das, was ich da vom Gespräch festzuhalten versuche, nicht zu ungenügend ist, dann will ich gern fortfahren und dir auch von den kommenden Stunden solche Blätter zugehen lassen. In acht Tagen hoffen wir E. Przywara unter uns zu haben, der ohnehin einen öffentlichen Vortrag hier zu halten hat.2

Karl läßt dich grüßen. Er schafft unermüdlich, gestern — Sonntag —mußte noch ein Aufsatz für das Centralblatt der Zofingia eingeschoben werden: «Fragen an das Christentum».3 Ich finde, er ist sehr gut und einheitlich gelungen. Du wirst ihn dann gedruckt bekommen.

Wie war deine Frankfurter Reise4? Wir haben sehr daran gedacht. Grüße Marguerite herzlich.

D. Lollo

192 Letzten Samstag war Wilhelm Vischer bei uns. Karl hat ihm sehr eindringlich die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Ausbaus seiner Arbeit nahegelegt5, nicht ohne Protest seiner Frau!

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 183, Anm. 15.↩
2
Der Jesuitenpater Erich Przywara sprach in der Seminarsitzung am 7.12.1931 über das Concilium Vaticanum, Sessio III (Protokoll von G. Eichholz im Karl Barth-Archiv). Anscheinend am Abend desselben Tages hielt er einen Vortrag über «Individualismus, Sozialismus und das Katholische» (unveröffentlicht); vgl. den unter demselben Titel erschienenen kurzen Bericht in: General-Anzeiger für Bonn und Umgebung, Jg. 42 (1931), Nr. 14199 vom 9.12.1931, S. 3 📖. — Dr. phil. et theol. E. Przywara (1889–1972), 1922–1942 ständiger Mitarbeiter in der Redaktion der Zeitschrift «Stimmen der Zeit», Kurator und Schriftsteller, hatte Barth im Februar 1929 in Münster kennengelernt; vgl. Bw.Th. II, S. 651–654 📖; O.Br. 1945-1968, 399–401liegt online noch nicht vor 📖; Busch, S. 228f 📖. Zu Przywaras Vortragsweise vgl. G. Wilhelmy [= S. Müller], Vita Erich Przywara. Ein Überblick, in: Erich Przywara 1889-1969. Eine Festgabe, Düsseldorf o. J. [1969], S. 7–34, dort S. 23 📖).↩
3
K. Barth, Fragen an das «Christentum», in: Zofingia. Zentralblatt des Schweizerischen Zofingervereins, Jg. 72 (1931/32), S. 169–176. 📖 ↩
4
Vgl. oben S. 183, Anm. 1, und S. 195f. mit Anm. 3 und 4.↩
5
Offenbar ermunterte Barth Vischer zu einer groß angelegten exegetischen Arbeit über das Alte Testament. Kurz darauf schrieb Vischer an ihn: «Dein Wunsch, ich solle einmal eine größere Arbeit der Öffentlichkeit vorlegen, bewegt mich. Ich muß sehen, wie ich es fertig bringe. Da meine hiesige Lehrtätigkeit, mit Ausnahme der Bibelkunde, lediglich in Exegese besteht und ich jedes Semester neue Bücher, zwei bis drei[,] vornehme, habe ich auf diese Weise schon ein gutes Teil des AT durchgearbeitet. Aber ein Buch schreiben, ist wieder eine andere Sache. Schmidt hat gewiß recht, wenn er sagt, daß das allgemeine Erörtern der Frage nach dem Worte Gottes im AT jetzt weitergeführt werden müsse zu Einzelexegese. … Aber gewiß wäre ein ausführlicher Kommentar besser» (Brief vom 4.12.1931).↩