1931

Fragen an das «Christentum»

141

FRAGEN AN DAS «CHRISTENTUM»

1931

Die Redaktion des «Centralblatts des Schweizerischen Zofingervereins» plante für die Weihnachtsausgabe 1931 eine Artikelfolge, die sich mit der geistigen und gesellschaftlichen Lage der Gegenwart beschäftigen sollte. Dabei sollte auch die Situation des Christentums – insbesondere auf dem Hintergrund der zunehmenden Entchristlichung der modernen Gesellschaft – bedacht werden.

In der Leitung der Zofingia war man bemüht, Barth für diese Aufgabe zu gewinnen. So wurde er am 30. Oktober 1931 von Jean Lerch, dem verantwortlichen Redakteur des Centralblattes, brieflich zur Mitarbeit eingeladen.1 Dabei spielte es natürlich eine Rolle, dass Barth der Studentenverbindung Zofingia seit seiner Studienzeit angehörte.2 Entscheidender aber dürfte das Ansehen gewesen sein, dessen sich Barth aufgrund seiner exzeptionellen Stellung in der zeitgenössischen Theologie auch bei den Zofingern erfreute. Aus Sorge, der vielbeschäftigte «Monsieur le Professeur» könne absagen, sandte man ergänzende Bittschreiben: so am 16. November eine Studentengruppe der Genfer Sektion3 und am darauffolgenden Tag Philippe Narbel, Präsident der «Section vaudoise», mit fünf weiteren Theologiestudenten der Zofingia in Lausanne.4 In beiden Schreiben wurde ausdrücklich das Interesse der studentischen Jugend in der Romandie an Barths dialektischer Theologie hervorgehoben: «Votre pensée trouve dans les milieux universitaires de la Suisse romande l’écho le plus sympathique, parmi les jeunes.»5

142 Barth jedoch hatte Lerch schon geantwortet, als ihn diese Briefe erreichten. Bereits am 13. November hatte er ihm zugesagt und ihn, da die Leserschaft ja vorwiegend aus einem fachfremden Publikum bestand, um nähere Angaben über den gewünschten Inhalt, Umfang und Abgabetermin des Artikels gebeten. Lerch reagierte schon drei Tage später, da der Artikel – er dachte an eine Länge von 8 bis 15 ­Seiten – bereits am 2. Dezember in die Druckerei gehen musste. Hinsichtlich des Themas gab Lerch einige Anregungen, etwa «Christianisme et humanisme» oder «Les formes du paganisme intellectuel contemporain» oder «Christianisme d’hier, d’aujourd’hui et de demain» oder auch «La jeunesse contemporaine et le christianisme».6 Auf jeden Fall sollte sich der gewünschte Aufsatz mit den Problemen beschäftigen, «que pose au christianisme l’état actuel et futur du monde».7 Am Morgen des 30. November schickte Barth den Artikel dann an die Redaktion,8 so dass er fristgerecht in den Druck gehen konnte.

Der eher beiläufig und improvisiert entstandene Text fand rasch erstaunliche Aufmerksamkeit. Am 28. Dezember 1931 bat Jean Lerch um Barths Zustimmung für eine französische Übersetzung: René Guisan9 wolle den Text in der «Revue de théologie et de philosophie» publizieren.10 Hans Asmussen wollte ihn an die «Niederdeutsche Kirchenzeitung» vermitteln,11 Georg Merz und Georg Merkel 12 baten Barth um die Druckerlaubnis für «Christentum und Wirklichkeit».13 |143 Schließlich bemühte sich auch Willem A. Visser ’t Hooft um einen Abdruck im Periodikum des Christlichen Studenten-Weltbundes: «Zufällig kam mir vor einigen Tagen Ihr Aufsatz in dem Blatt der Zofinguer unter die Augen. Sie werden es mir nicht übel nehmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich noch keinen Aufsatz von Ihnen gesehen habe, worin Sie in einfacherer Weise über einige Hauptwahrheiten zur jetzigen Lage des Christentums schreiben. So bin ich überzeugt, daß dieser Aufsatz besonders geeignet wäre, um auch einmal unseren manchmal merkwürdig unkomplizierten Studenten etwas von Ihrer Botschaft deutlich zu machen. Würden Sie mir erlauben, daß ich diesen Aufsatz ins Englische übersetzen lasse und ihn in unserer Zeitschrift ‹The Student World› bringe?» Die anschließende Bitte, für eine solche englische Übersetzung den Begriff «Amerikanismus» abzuändern, weil er zwar «in der deutschen Sprache ein ziemlich eindeutiges Wort geworden» sei, «im Englischen aber […] gar keine klare Bedeutung» habe, und «man es unseren amerikanischen Freunden nicht zumuten [könne], daß sie diese Benutzung des Wortes einfach akzeptieren»,14 führte bei Barth zu einem Missverständnis, das Aufschluss darüber bietet, wie er selbst sich im politischen Zeitgeschehen in Deutschland wahrnahm.

Barth antwortete Visser ’t Hooft: «Ich wurde nämlich, als es sich um die Aufnahme des Aufsatzes in eine dieser deutschen Zeitschriften handelte, gebeten, die Stelle über – den ‹Faszismus› abzuändern bzw. zu mildern. Ich habe das strikte abgelehnt.»15 Visser ’t Hooft möge |144 verstehen, dass er auch in Beziehung auf den «Amerikanismus» auf dem bestehen müsse, was er geschrieben habe. «Wenn ich in Deutschland vernebeln würde, dass ich den Nationalsozialismus für eine heidnische Religion halte, und in Genf, dass dasselbe meine Meinung sei vom amerikanischen Lebens- und Denkstil (wobei man in Deutschland gerne meine Worte über ‹Amerika› und in Genf gerne meine Worte über Hitler etc. lesen würde!!), so würde ich mich zwar an beiden Orten empfehlen, aber auch an beiden Orten mein Salz dumm machen. Das geht eben nicht.»16 Er empfahl, den Brief «lieber gar nicht [zu] bringen» als ohne die betreffende Stelle, denn: «Sehen Sie, ich muss hier in Deutschland bei meinem latenten Kampf gegen den deutschen Nationalismus mit gutem Gewissen darauf verweisen können, dass ich gerade auch im Ausland gegen den ‹Westen› ebenso scharf Front mache.»17

Visser ’t Hooft korrigierte das Missverständnis umgehend, indem er klarstellte, dass es ihm lediglich darum gegangen sei, für das mit dem Begriff «Amerikanismus» Gemeinte, das zwar in der übrigen Welt selbstverständlich mit diesem Wort verbunden werde, im angelsächsischen Raum aber eben nicht, eine auch dort verstehbare Umschreibung zu finden: es sei «ganz und gar nur eine Frage der Übersetzung».18

Barths Aufsatz erschien zuerst in der Weihnachtsnummer des «Centralblattes des Schweizerischen Zofingervereins», Jg. 72 (1931), S. 169–176 📖. Ein Manuskript oder Typoskript ist nicht erhalten. Die zwischen senkrechten Strichen eingefügte Originalpaginierung fußt auf dem Wiederabdruck in Th.Fr.u.A., S. 93–99 📖.

145

Fragen an das «Christentum»

Die Schriftleitung unseres Zentralblattes hat mich freundlichst eingeladen, ein kurzes Wort zu sagen über «un sujet concernant les problèmes que posent au christianisme l’état actuel et futur du monde».19 Vielleicht darf ich hoffen, dem, was man von mir erwartet, am besten zu entsprechen, wenn ich einfach versuche, zu sagen, welches die Fragen sind, die ich heute (denn von der Zukunft möchte ich lieber schweigen) dem «Christentum» gestellt sehe.

Die erste Frage dürfte die sein: ob das «Christentum» sieht und versteht, dass es heute anders als gestern wieder einer ganzen Reihe von fremden Religionen gegenübergestellt ist? «Religion»20 ist nicht dasselbe wie wissenschaftliche, politische, moralische oder ästhetische Weltanschauung. Eine Weltanschauung kann der Mensch sich wählen oder wohl gar selber machen; er weiß ihre Bejahung säuberlich zu begründen und gerade darum ist sie eine von seiner wirklichen Existenz (von seinem «Privatleben») wohl unterschiedene Angelegenheit, der gegenüber er, letztlich und im Grunde anderswo zuhause, frei bleibt. Eine Religion dagegen ist eine Verkündigung und das Ergreifen und Bejahen einer Verkündigung eines vom Menschen entdeckten Gottes und kommt als solche mit einer Macht über ihn, die alles eigene Wählen oder gar Machen ausschließt, deren Bejahung er vollzieht, ohne dafür Gründe angeben zu können und zu wollen, eine Verkündigung, die den Anspruch und die Gewalt hat, vor allem und zuerst gerade seine eigene wirkliche Existenz (sein «Privatleben») mit Beschlag zu belegen, den ganzen Menschen zu ihrem Hörer und Gefangenen und zu ihrem neuen Sendboten und Soldaten zu machen. Vor zwanzig Jahren ging es um Weltanschauungen.21 Heute geht es |146 um Religionen. Die Religionen, die die christlichen Theologen schon damals im Blick auf ihr Verhältnis zum «Christentum» und auf dessen Geltung ihm gegenüber studierten und diskutierten, waren entweder die vergangenen der alten Welt oder die des nahen und fernen Ostens. Sie standen dem christlichen Geschichtsforscher, dem christlichen Missionar drohend ge94nug gegenüber, aber wirklich nicht so, dass sie dem «Christentum» als solchem, dass sie jedem Christen als Frage ins Bewusstsein treten mussten. Das ist’s, was heute, vor allem durch das Auftreten ganz neuer Religionen, anders geworden ist. Der genuine (russische) Kommunismus mit seiner Idee von der Herrschaft bzw. Alleinexistenz des «werktätigen Volkes» als des unbedingten, jedes Opfer fordernden, jeden anderen Anspruch ausschließenden Maßes und Zieles aller Dinge ist – grundverschieden von der im Ganzen so maßvollen Sache, die wir als «Sozialdemokratie» kannten und noch kennen – eine Religion, wie sie vielleicht seit den Tagen des alten Islam dem Christentum gegenüber nicht wieder auf dem Plan gewesen ist. Der internationale Faschismus mit seinem «Rasse, Volk, Nation!» ist, was er ist, genau in dem, was ihn von einer Weltanschauung unterscheidet und als Religion charakterisiert: in seinem dogmatisch fixierten Wissen um diese eine, die nationale Wirklichkeit, in seinem Appell an Gründe, die gar keine Gründe sind, in seinem Auftreten als unqualifizierte Macht, in seiner für uns alle, die wir vor 20 Jahren uns bildeten, so befremdlichen Unfreiheit und Ungeistigkeit. Wer nicht sieht, dass hier eine neue oder uralte Naturreligion am Werke ist, der wird mit seinem Zorn oder Gelächter über Gestalten wie Mussolini oder Hitler nur danebengreifen können. Kennzeichen einer Religion hat aber auch ein drittes erst in unserer Zeit zur vollen Entfaltung seines Wesens gelangtes Gebilde, weniger bewusst und aufdringlich und dafür mannigfaltiger in seiner Erscheinung als jene beiden ersten, aber vielleicht gerade darum nur um so wirksamer: der Amerikanismus, dessen Uniform heute schon alle fünf Erdteile tragen müssen, ob sie es wollen oder nicht, der Amerikanismus mit seinen undiskutierbaren Göttern Gesundheit und Behaglichkeit, denen in helläugigem |147 Egoismus, verbunden mit einer brillanten Technik und gesalbt mit einer primitiven, aber unverwüstlich optimistischen Moralität, zu dienen ihren Gläubigen längst jenseits aller Reflexion so selbstverständlich ist wie das Atmen.22 Es könnte wohl sein, dass wir in dieser letzten die mächtigste von den drei genannten Religionen vor uns haben, weil keine von den andern so in sich selbst begründet ist, keine so unmittelbar einzuleuchten vermag, keine so leicht und froh zu leben ist. Und nun ist es sicher kein Zufall, dass eben in dieser unserer Zeit die bekannten historischen Religionen des Ostens, uns zunächst und am auffallendsten der Islam, neues Leben gewonnen zu haben scheinen, als Religion (in der ganzen bindenden und letztlich rätselhaften Gewalt, die der Religion 95 eigen ist) ganz anders ernst genommen sein wollen, der christlichen Mission an verschiedenen Stellen ein fast unüberwindliches Halt! entgegenrufen,23 in Form von wunderlichen |148 Mischformen (Anthroposophie!24) mitten im alten Bereich des «Christentums» eigene neue Wurzeln schlagen – kurz, neben jenen neu entstandenen oder sichtbar gewordenen Religionen ebenfalls wieder ernstlich auf den Plan getreten sind. – Die Frage, die dem «Christentum» heute zunächst gestellt ist, scheint mir die zu sein: sieht und versteht es diesen Sachverhalt? Versteht es, dass es durchaus nicht einer entgötterten Welt gegenübersteht (die Rede vom «Säkularismus» der modernen Welt25 dürfte auf einem verhängnisvollen Missverständnis beruhen!), sondern: «Ich sehe euch, dass ihr in allen ­Stücken gar sehr die Götter fürchtet.»1) Versteht es, dass es heute kei|149neswegs mehr von so und so viel diskutierbaren, im Grunde unverfänglichen und unverbindlichen, letztlich nicht ernsthaften Weltanschauungen, sondern von so und so viel höchst ponderablen Religionen umgeben ist, denen es antworten muss, wie es als «Christentum» fremden Religionen, nicht aber, wie es vielleicht diesen und jenen ihm nicht eben genehmen Weltanschauungen zu antworten hat.

Die zweite Frage wird dann die sein, ob das «Christentum» sich darüber klar ist, dass es von diesen Fremdreligionen etwas Anderes als Kampf bis aufs Messer nicht zu erwarten hat? Von den Weltanschauungen kann man das nicht sagen. Sie streiten gegen das «Christentum» erst und nur, sofern sie verkappte Religionen sind. Und nun können die Religionen unter sich Toleranz üben. Bolschewismus und Islam, Faschismus und Amerikanismus können sich eines Tages gegenseitig finden und sicher jetzt schon viel voneinander lernen. Ein Hitlerianer kann Kommunist werden oder umgekehrt, ohne dass allzuviel anders wird: er hat Götter gewechselt, die man wirklich wechseln kann. Aber wenn die Religionen auf das «Christentum» stoßen, werden sie alle unerbittlich werden. Dem «Christentum» gegenüber haben sie alle ihre heiligsten Güter, nämlich gerade ihr Wesen als Religionen, zu verteidigen. Denn das «Christentum» stellt die Gottheit aller Götter und mit ihnen den Ernst aller Religiositäten in Frage. Es verkündigt ja nicht einen26 Gott, der sich schon durch seinen Namen als eine Gewalt der Natur oder des menschlichen Geistes und damit als einen Gott neben andern verrät, sondern den Gott. Wenn der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat [Ps. 121,2], wenn der Gott, vor dem der Mensch mit allen seinen natürlichen und geistigen Möglichkeiten ein verlorener 96 Sünder ist, sich offenbart hat, wie das «Christentum» bekennt, dann ist es zu Ende mit den absoluten Bindungen, von denen die Religionen leben. Das ist’s, was keine Religion dem «Christentum» verzeihen kann. Die einzig mögliche Beziehung, die die Religion als solche dem «Christentum» gegenüber haben kann, ist die der Kaiserreligion der ausgehenden Antike: die Christenverfolgung. Wenn etwas von dem Ernst des Kommunismus in Russland zeugt, so ist es das Entsprechende, das sich in den letzten Jahren dort ereignet hat.27 Aber es handelt sich nicht um die Aussicht auf blutige oder auch |150 unblutige «Verfolgung». Was das «Christentum» heute wissen müsste, das ist: dass es von allen Religionen her, wie sie auch heißen und wie sie auch vorgehen mögen, Gegnerschaft und nur Gegnerschaft zu erwarten hat. Und zwar darum, weil es selber ihr natürlicher Angreifer ist, weil es sie angreift, indem es da ist, weil es sie alle – das tut keine Religion der andern – indem es da ist, zur Kapitulation auf Gnade und Ungnade aufgefordert hat, weil zwischen ihm und ihnen von ihm selbst aus jede gemeinsame Basis, jede Diskussionsmöglichkeit und also Verständigungsmöglichkeit abgeschnitten ist. Man kann nur aus Vergesslichkeit, aus einem kleinen Missverständnis der einen oder der andern Seite Kommunist und Christ, Faschist und Christ, «Amerikaner» (europäischer Amerikaner!) und Christ sein. Das wissen die Anderen auch, auch wenn sie das Entweder-Oder so scharf nicht stellen wie etwa der genuine Kommunismus. Das «Christentum» aber müsste es genau wissen. Es müsste wissen, dass es in den es umgebenden Fremdreligionen, im Geist, im Prinzip, im Willen, im Dämon dieser Religionen schlechterdings Feinde vor sich hat, von denen es keine Toleranz zu erwarten hat, weil es ihnen auch keine gewähren kann.

Das führt uns auf die dritte Frage: Weiß das «Christentum», wie nahe ihm die Versuchung liegt, sich durch einen kleinen Verrat an der eigenen Sache dem so drohenden Konflikt mit den fremden Religionen zu entziehen? Weiß es, dass das nicht geschehen darf? Wir könnten es28 einfach fragen: weiß es, dass es unter keinen Umständen mit den Wölfen heulen29 darf? Die Religionen lassen nämlich mit sich reden, wenn man mit ihnen zu reden weiß, wenn man die paar wenigen Weihrauchkörner, die sie zur Besiegelung des Verrats verlangen,30 ihnen nicht geradezu versagt. Der Faschismus hat überall ein |151 «Christentum» gefunden, das über die Gottheit «Rasse, Volk, Nation» mit ihm zu reden wusste. In Russland, wo die Dinge am schwierigsten liegen, scheint Entsprechendes doch auch schon 97 möglich geworden zu sein.31 «Amerika» gar hat ein «Christentum», das sich das gefallen ließ, völlig in sein System einzubauen gewusst. Es wird sich bei solchem Verrat wirklich nur um ein paar Anpassungen und Konzessionen handeln. Wie leicht ist das «Christentum» dahin umzudeuten, dass der «Arbeiterklasse» oder der «Nation» oder auch einfach dem gesunden, zufriedenen, menschlichen Individuum nun doch ein Anteil an der Würde des einen Gottes zugeschrieben wird. Wie leicht lässt sich Einiges im «Christentum», das seinen Angriff auf alle Religion sichtbar machen müsste, verschweigen oder verharmlosen. Wir haben es vor drei Jahren erlebt, dass eine internationale christliche Missionskonferenz ausgerechnet in Jerusalem nicht sowohl um das Verständnis des Evangeliums als vielmehr um die «Werte» (valeurs) der nicht-christlichen Religionen sich wochenlang bemühte.32 Wir haben es im Weltkrieg miterlebt, wie das «Christen|152tum» aller Länder sich mit dem Dogma der damals maßgebenden Religion abzufinden und zu vereinigen wusste.33 Dasselbe ist in früheren Jahrhunderten wieder und immer wieder geschehen. Weiß das «Christentum», dass solche Versuchung jetzt wieder und vielleicht mächtiger als je vor seiner Türe steht? Die christliche Botschaft müsste gerade in der Verwirrung und Not unserer Tage sehr rein, gänzlich unvermischt mit den Stimmen jener Religionen ertönen. Die Daseinsmöglichkeit der christlichen Kirche, die man durch jene Brückenschläge zu den anderen Religionen hin sichern möchte, könnte gerade damit stehen und fallen, dass man solches Brückenschlagen vorbehaltlos unterlässt, dass das «Christentum» mit seiner Botschaft von dem einen Gott und seiner Barmherzigkeit für den verlorenen Menschen durch alle Religionen, wie sie auch heißen mögen, und werde daraus, was da wolle, mitten hindurchgeht, ohne sich ihren Dämonen auch nur einen Finger breit anzupassen. Darf und kann das Christentum, die Religionen und sich selbst recht verstehend, etwas Anderes tun als den Angriff auf sie, der nun einmal in seinem Wesen liegt, fortsetzen? Darf und kann die Antwort des Christentums an die |153 Religionen eine andere sein als eben die Mission? Nicht die Propaganda, die für die menschlichen «Bedürfnisse» sorgt und nach ihnen sich richtet, sondern die Mission,34 die dem Menschen auf den Kopf zusagt, dass er seine noch so tiefen Bedürfnisse missversteht, indem er sie in jenen Religionen befriedigt, dass seine vermeintliche absolute Bindung an den «Gott» dieser und dieser Religion ein Rausch ist, den er ausschlafen kann und soll – die Mission, die dem Menschen sagt, was Gott offenbart hat und was er 98 darum hören muss, weil Gott es offenbart hat. Eines würde das «Christentum» damit jedenfalls beweisen: dass es selber glaubt, was die Religionen von sich unmöglich glauben können, dass seine Botschaft auf Offenbarung beruht und nicht auf einem menschlichen «Es ist mir so»35, und wäre es noch so tief und gewaltig. Über ein «Es ist mir so» kann man letztlich, und wenn sich die Religionen noch so sehr dagegen wehren, eben doch parlamentieren. Über offenbarte Wahrheit gibt es kein Parlamentieren. Warum parlamentiert das «Christentum», wenn es an eine offenbarte Wahrheit glaubt?

Aber damit sind wir schon bei einer letzten und schwersten Frage. Die heutige Lage, der Konflikt mit den neuen und alten Religionen, stellt das «Christentum» letztlich und vor allem vor die Frage, ob es sich denn selber verstanden hat? Ob seine Verkündigung denn im Unterschied zu der der Religionen die christliche Verkündigung wirklich ist? Ob es denn glaubt, und zwar recht glaubt, und dann auch recht sagt, was, indem es den Angriff nicht unterlässt, indem es den Religionen mit Mission antwortet, von ihm gesagt werden müsste? Wenn es sich selber recht verstanden hat, dann kann es ja gerade nicht bloß «Christentum», «Christianismus» sein wollen. Als -tum oder -ismus wäre es selbst eine Religion neben andern. Vielleicht nicht |154 einmal das, vielleicht bloß eine Weltanschauung und den Religionen dann an Kraft sicher unterlegen. Weiß das «Christentum», dass es mehr, dass es etwas Anderes ist, als alle Weltanschauungen und Religionen sein können? Weiß es, dass es die Kirche des einen Gottes ist, die Kirche Jesu Christi, die Kirche des Gottes, der sich über Verlorene erbarmt? – Wir können nur noch kurz zusammenfassen, was das bedeuten würde. Ein «Christentum», das sich selbst verstehen würde als Kirche, würde mitten in der redseligen Herrlichkeit der Religionen der Ort sein wollen, wo der Mensch hört und Gott redet. Darum geht es doch, wo Offenbarung ist: Alles muss da auf das rechte Hören und Wiederhören und Besserhören ankommen. Die Mission gegenüber den Religionen müsste anfangen mit dem Geständnis des «Christentums», dass es weiß, was die Verkündiger der Religionen nicht wissen, dass der Mensch im Dienste des einen wahren Gottes ein Armer ist, der Gott nicht entdeckt hat und nie entdecken wird, sondern immer nur dessen harren kann, dass Gott sich ihm entdecke. Wissend um diese Armut, müssten sich die Christen mit Kommunisten, Faschisten und allen andern Religiösen solidarisch wissen: verbunden in der gleichen Not, von der sie freilich wissen, 99 dass es in ihr nur eine Hoffnung gibt, und verbunden in demselben Fragen, auf das die Religionen zum Fluch der Menschen ihre unheimlichen, dämonischen, falschen Antworten geben. Wer an Gottes Offenbarung glaubt und also weiß, dass er hören und Gott reden muss, der ist eben dadurch sozusagen automatisch mit jedem Menschen verbunden: er wird auch in seiner Fremdreligion die gemeinsame Not und Frage, um die der Andere freilich nicht weiß, wiedererkennen. So verbunden mit ihm wird er mit Autorität zu ihm reden können. Hört die Kirche das Wort Gottes, dann ist sie Kirche und also sicher kein Verein, der Propaganda macht. Sie hat dann Mission, das heißt Sendung. Sie hat dann zu sagen, was man hören muss. Sie braucht dann nicht zu schweigen, weil sie es nicht darf. Sie darf dann auch Anstoß geben, weil sie es muss. Sie braucht dann um sich selbst nicht besorgt zu sein. Es wird dann aber, was sie den Menschen zur Linken und zur Rechten, ihnen zulieb oder zuleid, zu sagen hat, nicht ein menschliches Gesetz, sondern das Evangelium sein. Sie wird die Vergebung predigen und keinen anderen Gehorsam als den, der aus der Vergebung kommt. Sie wird dem System der Religionen kein christliches System entgegenhalten. Sie |155 wird nicht gegen sie streiten, wie die Religionen für sich selbst streiten. Sie wird, gerade indem sie mit Autorität redet, die Freiheit verkündigen: die Freiheit des Gewissens und die Freiheit für den Bruder, die dem Menschen durch die Religionen36 genommen ist und die nur der eine wahre Gott ihm wiedergeben kann. Und sie wird diese Freiheit nicht als Ideal verkündigen, sondern als weihnachtliches Geschenk: Ihr dürft euch von der Knechtschaft der Dämonen erlösen lassen, denn ihr seid schon erlöst. Also: sie wird die Gnade als Gnade predigen. – Tut das das «Christentum»? Ist das sein Ort, seine Art und seine Botschaft? Weiß es, dass es ist und will es sein: die Kirche Jesu Christi? Das dürfte die heute dringender als je gestellte Frage an das «Christentum» sein, und ich habe nur noch hinzuzufügen, dass sie jeder in dem Maß verstehen kann, als er sie als an sich selbst gerichtet versteht.37

Originalfußnoten

1)
ἄνδρες Ἀθηναῖοι, κατὰ πάντα ὡς δεισιδαιμονεστέρους ὑμᾶς θεωρῶ (Act. 17,22).↩

Sachfußnoten

1
KBA 9331.579. – Jean Lerch (1909–1982) hatte im Auftrag des «Comité Central» der «Société Suisse de Zofingue» geschrieben.↩
2
Barth wurde am 8. November 1904 in die Berner Sektion des «Schweizerischen Zofingervereins» aufgenommen. Zu Barths studentischen Aktivitäten in der Zofingia vgl. V.u.kl.A. 1905–1909, S. 61–71 📖; jetzt ausführlich: P. Ehinger, Karl Barth als Berner Zofinger, in: Centralblatt des Schweizerischen Zofingervereins, Jg. 152 (2011/12), Heft 1, S. 64–69; Heft 2, S. 46–53; Heft 3, S. 56–65. 📖↩
3
KBA 9331.605.↩
4
KBA 9331.607. – Philippe Narbel (1910–1993) war von 1935 bis 1970 Pfarrer an verschiedenen Orten im Kanton Waadt.↩
5
Brief Narbels u. a. vom 17.11.1931 (KBA 9331.607).↩
6
Brief Lerchs an Barth vom 16.11.1931 (KBA 9331.606).↩
7
Ebd.↩
8
So Barth im Brief an Narbel vom 30.11.1931 (KBA 9231.379).↩
9
René Guisan (1874–1934), seit 1918 Professor für Neues Testament in Lausanne.↩
10
Vgl. Brief Lerchs an Barth vom 28.12.1931 (KBA 9331.707). - Die Veröffentlichung kam offenbar nicht zustande, stattdessen erschien eine von Roland Jeanneret angefertigte Übersetzung in «Le Semeur»: K. Barth, Questions au «Christianisme», in: Semeur 34 (1932), S. 253–266. 📖↩
11
Vgl. Brief Asmussens an Barth vom 11.1.1932 (KBA 9332.20). Diese Veröffentlichung ist jedoch nicht zustande gekommen.↩
12
Georg Merkel (1882–1968) war zu dieser Zeit Pfarrer in Nürnberg und Schriftleiter von «Christentum und Wirklichkeit».↩
13
Vgl. die Briefe von Merz vom 14.1.1932 (KBA 9332.25) und von Merkel vom 16.1.1932 (KBA 9332.30). Barth antwortete Merkel am 19.1.1932 zustimmend (KBA 9232.29); der Aufsatz erschien in: Christentum und Wirklichkeit, Jg. 10 (1932), S. 35–41. 📖↩
14
Brief Visser ’t Hoofts an Barth vom 1.2.1932 (KBA 9332.55; Bw.Visser ’t Hooft, S. 7f. 📖).↩
15
Brief vom 2.2.1932 (KBA 9232.51; Bw.Visser ’t Hooft, S. 10 📖). – Georg Merz war es gewesen, der im Blick auf die angestrebte Veröffentlichung in «Christentum und Wirklichkeit» angeregt hatte: «Wenn ich dazu etwas sagen sollte, so wäre vielleicht die Frage zu erheben, ob Du nicht dort, wo Du vom Faschismus sprichst, die begriffliche Ausprägung noch etwas schärfer fassen müsstest. So im Vorübergehen ist das Reden von einer unqualifizierten Macht nicht ohne weiteres zu verstehen und kann leicht als der gleiche unbegründete Vorwurf gefasst werden, wie Du bei der Bewegung selbst unbegründete Forderungen feststellst» (Brief vom 14.1.1932 [Anm. 13]). Barth antwortete: «[H]abe ich die Nazis im Auslande geistlos genannt, so will und werde ich auch in Deutschland zu dieser Kennzeichnung stehen.» Und er fügte eine Bemerkung an, die zeigt, dass die politische Lage und die möglichen Konsequenzen ihm sehr klar waren: «Das dritte Reich scheint doch mächtig zu kommen und ich bereite mich, der sicher interessanten Behandlung, die meiner dann wartet, gefasst entgegenzugehen» (Brief an Merz vom 19.1.1932 [KBA 9232.32]).↩
16
Brief Barths vom 2.2.1932 (Bw. Visser ’t Hooft, S. 10f. 📖).↩
17
A.a.O. (Bw.Visser ’t Hooft, S. 11 📖).↩
18
Brief vom 5.2.1932 (KBA 9332.63; Bw.Visser ’t Hooft, S. 12f. 📖). So kam diese Veröffentlichung dann doch zustande: K. Barth, Questions which «Christianity» must face, in: SW 25 (1932), S. 93–100. 📖↩
19
«Tout sujet concernant les problèmes que pose au christianisme l’état actuel et futur du monde sera le très bienvenu», hatte Jean Lerch in seinem Brief an Barth vom 16.11.1931 (Anm. 6) geschrieben und daran die in der Einleitung genannten Themenvorschläge angeschlossen.↩
20
Vgl. Chr.Dogm., S. 396–417 📖 (§ 18: «Die Gnade und die Religion»).↩
21
Gemeint sind hier vor allem der weltanschauliche Atheismus, Materialismus und Darwinismus vor dem Ersten Weltkrieg; vgl. V.u.kl.A. 1909–1914, S. 389–391 📖; ferner: A. W. Hunzinger, Das Christentum im Weltanschauungskampf der Gegenwart, Leipzig 1909 (19193) 📖; C. Stange, Christentum und moderne Weltanschauung, Leipzig 1911 📖; G. Wobbermin, Der christliche Gottesglaube in seinem Verhältnis zur heutigen Philosophie und Naturwissenschaft, Leipzig 1907 (19113). 📖↩
22
Die Kritik am «Amerikanismus» gehörte zum Repertoire kritischer Zeitanalysen: Visser ’t Hooft bemerkte in seinem Schreiben an Barth vom 5.2.1932 (Anm. 18), mit dem er Barths Missverständnis bezüglich seines Vorbehalts gegen eine Übernahme dieses Begriffs ins Englische ausräumte: «In Deutschland weiß ein jeder, was damit gemeint ist, und denkt man auch gar nicht nur an einen Lebensstil in einem Kontinent, sondern an etwas, was man überall finden kann, das aber wohl in sehr besonderer Weise in Amerika zuhause ist.» Es geht dabei – so Visser ’t Hooft – «nicht um ein europäisches Pharisäertum […], sondern um eine große Wirklichkeit, mit der wir überall in der Welt ringen, die aber die allerverheerendsten Wirkungen in Amerika ausübt.» – Paul Tillich sah im «technischen Realismus» des modernen Zeitalters einen Wesenszug verkörpert, «dessen ganze Kraft und Entleertheit als ‹Amerikanismus› auf uns eindringt» (P. Tillich, Religiöse Verwirklichung, Berlin 1930, S. 76 📖). Er merkte erläuternd an: «‹Amerikanismus› ist nicht Ausdruck des wirklichen Amerika, sondern der Wirkung bestimmter Seiten der amerikanischen Existenz auf das innerlich dem nicht gewachsene Europa. Wie etwa der Protest gegen den Europäismus seitens asiatischer Völker nicht Europa als solches meint, sondern die zerstörerische Wirkung bestimmter europäischer Elemente auf asiatischem Boden» (a.a.O., S. 281, Anm. 19). Vgl. auch: Art. «Amerikanismus», in: Der Große Brockhaus15 1, 1928, Sp. 390f. 📖; A. von Saldern, Überfremdungsängste. Gegen die Amerikanisierung der deutschen Kultur in den zwanziger Jahren, in: A. Lüdtke / I. Marßolek / A. von Saldern (Hrsg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 213–244. 📖↩
23
G. Simon, Art. «Islam: III. Christliche Islammission», in: RGG2 III, Sp. 425–429 📖, erklärt die «Muhammedanermission» mit «neueren katholischen Missionsschriftsteller[n] ‹für äußerst schwierig, gefährlich und deshalb sehr selten›» (a.a.O., Sp. 426), und berichtet: «Statistische Angaben über Bekehrungen sind unmöglich. Die Missionare lassen absichtlich die Übergetretenen in der Zahl der bekehrten Heiden und Juden oder der gewonnenen orientalischen Christen verschwinden; eine statistische Veröffentlichung würde den Fanatismus der moslemischen Massen hell auflodern lassen. Namensnennungen gefährden das Leben der jungen Christen» (a.a.O., Sp. 429). Vgl. auch C. P. Tiele / N. Söderblom, Tiele-Söderbloms Kompendium der Religionsgeschichte, Berlin 19316, S. 129–132. 📖↩
24
Von Rudolf Steiner (1861–1925) begründete, 1913 (Anthroposophische Gesellschaft) aus der Theosophie hervorgegangene Lebens- und Weltanschauung; vgl. A. F. Stolzenburg, Art. «Anthroposophie», in: RGG2 I, Sp. 368–375. 📖↩
25
«Säkularismus, in der englischen theologischen Sprache längst gebrauchter […] Ausdruck, ist durch die Weltmissionskonferenz von Jerusalem 1928 Zusammenfassung der von Gott gelösten Seinshaltung geworden, der wir jetzt in der ganzen Welt begegnen» (M. Schlunk, Art. «Säkularismus», in: RGG2 V, S. 37–39, Zitat S. 37 📖). Zur genannten Konferenz hatte der am Havorford College in Pennsylvania lehrende Rufus M. Jones den das Thema vorbereitenden Bericht verfasst: R. M. Jones, Secular Civilization and the Christian Task, in: Reports of the Jerusalem Meeting of the International Missionary Council, March 24th.–April 8th., 1928, Vol. I: The Christian Life and Message in Relation to Non-Christian Systems, London u. a. 1928, S. 284–338. 📖 Er beginnt mit dem Satz: «No student of the deeper problems of life can very well fail to see that the greatest rival of Christianity in the world to-day is not Mohammedanism, or Buddhism, or Hinduism, or Confucianism, but a world-wide secular way of life and interpretation of the nature of things» (a.a.O., S. 284). Das Interesse der Konferenz-Teilnehmer an diesem Thema war so groß, «that it was necessary to hold two meetings, and these were attended by nearly half the members of the Council» (The Christian Life and Message, S. 402 📖).↩
26
Im Erstdruck hervorgehoben.↩
27
Siehe oben, S. 29, Anm. 46.↩
28
Erstdruck: «auch»↩
29
Seit spätmittelhochdeutscher Zeit belegtes Sprichwort, das sich als Redensart im Sinne von «sich jeder Umgebung anpassen» verselbständigt hat; vgl. Röhrich V, S. 1742 📖.↩
30
In der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Decius (249–251) war das Weihrauchopfer ein Weg, dem gebotenen Opfer zu entsprechen, dessen Verweigerung die Todesstrafe nach sich zog. Innerhalb der ‹lapsi›, der Gefallenen, unterschied man daraufhin «1) sacrificati, die geopfert, 2) thurificati, die nur Weihrauch verbrannt, 3) libellicati, die sich, ohne geopfert zu haben, von bestochenen Beamten den Opferschein erkauft hatten» (K. Fr. Müller, Kirchengeschichte, Bd. 1 [Grundriss der Theologischen Wissenschaften, IV/1], Freiburg i. Br. 1892, S. 100 📖).↩
31
1923 hatte sich die von der Sowjetregierung unterstützte sog. «Lebendige Kirche» vom bis dahin regimekritischen Patriarchen Tichon, der zu dieser Zeit inhaftiert war, losgesagt und ihn zum Rücktritt aufgefordert; vgl. F. Haase, Art.: «Rußland. 1–5», in: RGG2 IV, Sp. 2165–2172, dort Sp. 2171. 📖 Vermutlich unter Druck, jedenfalls aber aus der Haft heraus hatte dann auch Patriarch Tichon sich «von seiner früheren gegenrevolutionären Tätigkeit» losgesagt und erklärt, «daß er ein Werkzeug in den Händen der Monarchisten gewesen sei» (ChW 37 [1923], Sp. 434 📖); Ausdruck dieser «politischen Unterwerfung unter die Kommunisten» (a.a.O., Sp. 560 📖) sei auch ein Schild in seinem Empfangszimmer gewesen, auf dem stand: «Konterrevolutionäre oder sowjetfeindliche Vorschläge werden nicht entgegengenommen» (a.a.O., Sp. 664). Unter Tichons Nachfolger Sergij schließlich erließ das Patriarchat 1927 eine Proklamation, in der es erklärte, «die Richtlinien absoluter Loyalität gegenüber der Sowjetregierung zu verfolgen». Denen, «die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen», wurde geboten, «entweder ihre politischen Sympathien zu Hause [zu] lassen und lediglich im Rahmen unseres gemeinsamen Glaubens tätig [zu] sein, oder aber aus der Kirche aus[zu]treten, damit ihrer Obstruktion ein Ende bereitet werde» (ChW 41 [1927], Sp. 829 📖).↩
32
Gemeint ist die in der Zeit vom 24. März bis 8. April 1928 in Jerusalem tagende zweite Weltmissionskonferenz (vgl. oben, Anm. 25), bei deren «erstem, dem prinzipiellsten Gegenstand […] – ‹Die christliche Botschaft im Verhältnis zu den nichtchristlichen Systemen› – […] es nicht glücklich [war], daß die angelsächsischen Vertreter – und sie machten ja die große Mehrheit aus – zum Ausgangspunkt der Behandlung die sogenannten geistlichen Werte (spiritual values) der verschiedenen Religionen machten. […] Die große Gefahr des religiösen Synkretismus wurde von vielen nicht deutlich erkannt» (KJ 56 [1929], S. 185 📖). Ähnlich H. Asmussen, Die Botschaft von Lausanne und Jerusalem als ein neues Bekenntnis der Kirchen, in: ZZ 8 (1930), S. 234–253, Zitat S. 246 📖: «Und das Bedeutsamste ist, daß Missionsmänner auf diese Fragestellung eingehen. Sie fragen nun ihrerseits nach den ‹spiritual values› der Heiden. […] In der Konsequenz der Jerusalemer Fragestellung liegt eine solche Forderung, für die mir aber jedes Verständnis abgeht. Christus ist nicht gekommen, um uns durch ‹spiritual values› zu bereichern, so daß die Werte das erste, Er aber das zweite wäre.» Vgl. die Erklärung des internationalen Missionsrates übe die christliche Botschaft ( 8. April 1928), in: Zur Sendung der Kirche. Material der ökumenischen Bewegung, hrsg. von H. J. Margull (TB 19), München 1963, S. 17–30, dort S. 17.26. 📖↩
33
Gemeint sind vor allem der «Mammonsdienst» (vgl. etwa Predigten 1915, S. 13–16.111f.116.262–271 📖) und die Kriegsbegeisterung auch unter den Christen aller beteiligten Länder (vgl. etwa V.u.kl.A. 1914–1921, S. 86–93.105–117.186–195 📖).↩
34
Zur Unterscheidung von Propaganda und Mission vgl. auch den wenige Monate später gehaltenen Vortrag Die Theologie und die Mission in der Gegenwart (s. unten, S. 156–208, bes. S. 190–194) 📖, zu dem es eine erste Anfrage bereits im Sommer 1931 gegeben hatte.↩
35
Zu dieser für Zinzendorf charakteristischen Wendung s. K. Barth, Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4, Fragmente aus dem Nachlaß, Vorlesungen 1959–1961, hrsg. von H.-A. Drewes / E. Jüngel (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 19792, S. 304f., Anm. 75 📖; vgl. auch Unterricht I, S. 301, Anm. 33. 📖↩
36
Erstdruck: «Religion».↩
37
Im Erstdruck steht unter dem Text links «Bonn, 1. Advent 1931», rechts: «Karl Barth, A[lt]-Z[ofinger]».↩