Die Redaktion des «Centralblatts des Schweizerischen Zofingervereins»
plante für die Weihnachtsausgabe 1931 eine Artikelfolge, die sich mit der geistigen und
gesellschaftlichen Lage der Gegenwart beschäftigen sollte. Dabei sollte auch die Situation des
Christentums – insbesondere auf dem Hintergrund der zunehmenden Entchristlichung der modernen
Gesellschaft – bedacht werden.
In der Leitung der Zofingia war man bemüht, Barth
für diese Aufgabe zu gewinnen. So wurde er am 30. Oktober 1931
von Jean Lerch, dem verantwortlichen Redakteur des
Centralblattes, brieflich zur Mitarbeit eingeladen.1 Dabei spielte es natürlich
eine Rolle, dass Barth der Studentenverbindung Zofingia seit seiner Studienzeit
angehörte.2 Entscheidender aber dürfte das Ansehen gewesen sein, dessen sich
Barth aufgrund seiner exzeptionellen Stellung in der zeitgenössischen Theologie auch bei den
Zofingern erfreute. Aus Sorge, der vielbeschäftigte «Monsieur le Professeur» könne absagen,
sandte man ergänzende Bittschreiben: so am 16. November eine Studentengruppe der Genfer
Sektion3 und am darauffolgenden Tag Philippe Narbel, Präsident der «Section vaudoise», mit fünf weiteren Theologiestudenten der
Zofingia in Lausanne.4 In beiden Schreiben wurde ausdrücklich das
Interesse der studentischen Jugend in der Romandie an Barths
dialektischer Theologie hervorgehoben: «Votre
pensée trouve dans les milieux universitaires de la Suisse romande l’écho le plus
sympathique, parmi les jeunes.»5
142 Barth jedoch hatte Lerch schon
geantwortet, als ihn diese Briefe erreichten. Bereits am 13. November hatte er ihm zugesagt
und ihn, da die Leserschaft ja vorwiegend aus einem fachfremden Publikum bestand, um nähere
Angaben über den gewünschten Inhalt, Umfang und Abgabetermin des Artikels gebeten. Lerch
reagierte schon drei Tage später, da der Artikel – er dachte an eine Länge von 8 bis 15
Seiten – bereits am 2. Dezember in die Druckerei gehen musste. Hinsichtlich des Themas gab
Lerch einige Anregungen, etwa «Christianisme et humanisme» oder «Les formes du paganisme
intellectuel contemporain» oder «Christianisme d’hier, d’aujourd’hui et de demain» oder auch
«La jeunesse contemporaine et le christianisme».6 Auf
jeden Fall sollte sich der gewünschte Aufsatz mit den Problemen beschäftigen, «que pose au
christianisme l’état actuel et futur du monde».7 Am Morgen des
30. November schickte Barth den Artikel dann an die Redaktion,8 so dass er fristgerecht in den Druck gehen konnte.
Der eher beiläufig und improvisiert entstandene Text fand rasch erstaunliche
Aufmerksamkeit. Am 28. Dezember 1931 bat Jean Lerch um
Barths Zustimmung für eine französische Übersetzung: René Guisan9 wolle den Text in
der «Revue de théologie et de philosophie» publizieren.10 Hans Asmussen wollte ihn an die
«Niederdeutsche Kirchenzeitung» vermitteln,11 Georg Merz und Georg Merkel 12 baten Barth um die Druckerlaubnis für «Christentum
und Wirklichkeit».13
|143 Schließlich bemühte sich auch Willem A. Visser ’t Hooft um einen Abdruck im Periodikum des
Christlichen Studenten-Weltbundes:
«Zufällig kam mir vor einigen Tagen Ihr Aufsatz in dem Blatt der Zofinguer unter die Augen.
Sie werden es mir nicht übel nehmen, wenn ich Ihnen sage, daß ich noch keinen Aufsatz von
Ihnen gesehen habe, worin Sie in einfacherer Weise über einige Hauptwahrheiten zur jetzigen
Lage des Christentums schreiben. So bin ich überzeugt, daß dieser Aufsatz besonders geeignet
wäre, um auch einmal unseren manchmal merkwürdig unkomplizierten Studenten etwas von Ihrer
Botschaft deutlich zu machen. Würden Sie mir erlauben, daß ich diesen Aufsatz ins Englische
übersetzen lasse und ihn in unserer Zeitschrift ‹The Student World› bringe?» Die
anschließende Bitte, für eine solche englische Übersetzung den Begriff «Amerikanismus» abzuändern, weil er zwar «in der
deutschen Sprache ein ziemlich eindeutiges Wort geworden» sei, «im Englischen aber […] gar
keine klare Bedeutung» habe, und «man es unseren amerikanischen Freunden nicht zumuten
[könne], daß sie diese Benutzung des Wortes einfach akzeptieren»,14 führte bei Barth zu einem
Missverständnis, das Aufschluss darüber bietet, wie er selbst sich im politischen
Zeitgeschehen in Deutschland wahrnahm.
Barth antwortete Visser ’t Hooft: «Ich wurde nämlich, als es sich um die Aufnahme des Aufsatzes in eine
dieser deutschen Zeitschriften handelte, gebeten, die Stelle über – den ‹Faszismus› abzuändern bzw. zu mildern. Ich habe
das strikte abgelehnt.»15 Visser ’t Hooft möge |144 verstehen, dass er auch in Beziehung auf
den «Amerikanismus» auf dem bestehen müsse, was er geschrieben habe. «Wenn ich in
Deutschland vernebeln
würde, dass ich den Nationalsozialismus für eine heidnische Religion halte, und in
Genf, dass dasselbe meine
Meinung sei vom amerikanischen Lebens- und Denkstil (wobei man in Deutschland gerne meine Worte über ‹Amerika› und in Genf
gerne meine Worte über Hitler etc. lesen
würde!!), so würde ich mich zwar an beiden Orten empfehlen, aber auch an beiden Orten mein
Salz dumm machen. Das geht eben nicht.»16 Er empfahl, den Brief «lieber gar nicht [zu] bringen» als
ohne die betreffende Stelle, denn: «Sehen Sie, ich muss hier in Deutschland bei meinem latenten Kampf gegen den deutschen
Nationalismus mit gutem Gewissen darauf verweisen
können, dass ich gerade auch im Ausland gegen den ‹Westen› ebenso scharf Front mache.»17
Visser ’t Hooft
korrigierte das Missverständnis umgehend, indem er klarstellte, dass es ihm lediglich darum
gegangen sei, für das mit dem Begriff «Amerikanismus» Gemeinte, das zwar in der übrigen Welt
selbstverständlich mit diesem Wort verbunden werde, im angelsächsischen Raum aber eben nicht,
eine auch dort verstehbare Umschreibung zu finden: es sei «ganz und gar nur eine Frage der
Übersetzung».18
Barths Aufsatz erschien zuerst in der Weihnachtsnummer des
«Centralblattes des Schweizerischen Zofingervereins», Jg. 72 (1931), S. 169–176
📖. Ein
Manuskript oder Typoskript ist nicht erhalten. Die zwischen senkrechten Strichen eingefügte
Originalpaginierung fußt auf dem Wiederabdruck in Th.Fr.u.A., S. 93–99
📖.
145
Fragen an das «Christentum»
Die Schriftleitung unseres Zentralblattes hat mich freundlichst eingeladen,
ein kurzes Wort zu sagen über «un sujet concernant les problèmes que posent au christianisme
l’état actuel et futur du monde».19 Vielleicht darf ich hoffen, dem, was man von mir erwartet, am besten zu
entsprechen, wenn ich einfach versuche, zu sagen, welches die Fragen sind, die ich heute (denn
von der Zukunft möchte ich lieber schweigen) dem «Christentum» gestellt sehe.
Die erste Frage dürfte die sein: ob das «Christentum» sieht und versteht, dass es heute
anders als gestern wieder einer ganzen Reihe von fremden Religionen gegenübergestellt ist? «Religion»20 ist nicht dasselbe wie
wissenschaftliche, politische, moralische oder ästhetische Weltanschauung. Eine Weltanschauung kann der Mensch sich wählen oder wohl gar selber
machen; er weiß ihre Bejahung säuberlich zu begründen und gerade darum ist sie eine von seiner
wirklichen Existenz (von seinem «Privatleben») wohl unterschiedene Angelegenheit, der
gegenüber er, letztlich und im Grunde anderswo zuhause, frei bleibt. Eine Religion dagegen ist eine Verkündigung und das Ergreifen und Bejahen einer
Verkündigung eines vom Menschen entdeckten Gottes und kommt als solche mit einer Macht über
ihn, die alles eigene Wählen oder gar Machen ausschließt, deren Bejahung er vollzieht, ohne
dafür Gründe angeben zu können und zu wollen, eine Verkündigung, die den Anspruch und die
Gewalt hat, vor allem und zuerst gerade seine eigene wirkliche Existenz (sein «Privatleben»)
mit Beschlag zu belegen, den ganzen Menschen zu ihrem Hörer und Gefangenen und zu ihrem neuen
Sendboten und Soldaten zu machen. Vor zwanzig Jahren ging es um Weltanschauungen.21 Heute geht es |146 um Religionen. Die Religionen, die die
christlichen Theologen schon damals im Blick auf ihr Verhältnis zum «Christentum» und auf dessen Geltung
ihm gegenüber studierten und diskutierten, waren entweder die vergangenen der alten Welt oder
die des nahen und fernen Ostens. Sie standen dem christlichen Geschichtsforscher, dem
christlichen Missionar drohend ge94nug gegenüber, aber wirklich nicht so,
dass sie dem «Christentum» als solchem, dass sie jedem Christen als Frage ins Bewusstsein
treten mussten. Das ist’s, was heute, vor allem durch das Auftreten ganz neuer Religionen, anders geworden ist. Der genuine (russische) Kommunismus mit seiner Idee von der
Herrschaft bzw. Alleinexistenz des «werktätigen Volkes» als des unbedingten, jedes Opfer
fordernden, jeden anderen Anspruch ausschließenden Maßes und Zieles aller Dinge ist –
grundverschieden von der im Ganzen so maßvollen Sache, die wir als «Sozialdemokratie» kannten und noch kennen – eine
Religion, wie sie vielleicht seit den Tagen des alten Islam dem Christentum gegenüber nicht wieder auf dem Plan gewesen ist. Der
internationale Faschismus mit seinem
«Rasse, Volk, Nation!» ist, was er ist, genau in dem, was ihn von einer Weltanschauung unterscheidet und als Religion charakterisiert: in seinem dogmatisch fixierten Wissen um diese eine, die
nationale Wirklichkeit, in seinem Appell an Gründe, die gar keine Gründe sind, in seinem
Auftreten als unqualifizierte Macht, in seiner für uns alle, die wir vor 20 Jahren uns
bildeten, so befremdlichen Unfreiheit und Ungeistigkeit. Wer nicht sieht, dass hier eine neue
oder uralte Naturreligion am Werke ist, der
wird mit seinem Zorn oder Gelächter über Gestalten wie Mussolini oder Hitler nur
danebengreifen können. Kennzeichen einer Religion hat aber auch ein drittes erst in unserer
Zeit zur vollen Entfaltung seines Wesens gelangtes Gebilde, weniger bewusst und aufdringlich
und dafür mannigfaltiger in seiner Erscheinung als jene beiden ersten, aber vielleicht gerade
darum nur um so wirksamer: der Amerikanismus, dessen Uniform heute schon alle fünf Erdteile tragen müssen, ob
sie es wollen oder nicht, der Amerikanismus mit seinen undiskutierbaren Göttern Gesundheit und
Behaglichkeit, denen in helläugigem |147 Egoismus, verbunden mit einer
brillanten Technik und gesalbt mit einer primitiven, aber unverwüstlich optimistischen Moralität, zu dienen ihren Gläubigen längst jenseits aller
Reflexion so selbstverständlich ist wie das Atmen.22 Es könnte wohl
sein, dass wir in dieser letzten die mächtigste von den drei genannten Religionen vor uns haben, weil keine von den andern so in sich selbst begründet ist,
keine so unmittelbar einzuleuchten vermag, keine so leicht und froh zu leben ist. Und nun ist
es sicher kein Zufall, dass eben in dieser unserer Zeit die bekannten historischen Religionen
des Ostens, uns zunächst und am auffallendsten der
Islam, neues Leben gewonnen zu haben scheinen, als
Religion (in der ganzen bindenden und letztlich rätselhaften Gewalt, die der Religion 95 eigen ist) ganz anders ernst genommen sein wollen, der christlichen Mission an verschiedenen Stellen ein fast unüberwindliches
Halt! entgegenrufen,23 in Form von wunderlichen |148 Mischformen (Anthroposophie!24) mitten im alten Bereich des «Christentums» eigene neue Wurzeln
schlagen – kurz, neben jenen neu entstandenen oder sichtbar gewordenen Religionen ebenfalls
wieder ernstlich auf den Plan getreten sind. – Die Frage, die dem «Christentum» heute zunächst
gestellt ist, scheint mir die zu sein: sieht und versteht es diesen Sachverhalt? Versteht es,
dass es durchaus nicht einer entgötterten Welt gegenübersteht (die Rede vom
«Säkularismus» der modernen
Welt25 dürfte auf einem
verhängnisvollen Missverständnis beruhen!), sondern: «Ich sehe euch, dass ihr in allen
Stücken gar sehr die Götter fürchtet.»1)
Versteht es, dass es heute kei|149neswegs mehr von so und so viel
diskutierbaren, im Grunde unverfänglichen und unverbindlichen, letztlich nicht ernsthaften
Weltanschauungen, sondern von so und so viel höchst
ponderablen Religionen umgeben ist, denen es antworten muss, wie
es als «Christentum» fremden Religionen, nicht aber, wie es vielleicht diesen und jenen ihm
nicht eben genehmen Weltanschauungen zu antworten hat.
Die zweite Frage wird dann die sein, ob das «Christentum» sich darüber klar ist, dass es von
diesen Fremdreligionen etwas Anderes als Kampf bis aufs Messer nicht zu erwarten hat? Von den
Weltanschauungen kann man das nicht sagen. Sie streiten gegen das «Christentum» erst und nur,
sofern sie verkappte Religionen sind. Und nun können die Religionen unter sich Toleranz üben.
Bolschewismus und Islam, Faschismus und Amerikanismus können sich eines Tages gegenseitig finden und
sicher jetzt schon viel voneinander lernen. Ein Hitlerianer kann Kommunist werden oder
umgekehrt, ohne dass allzuviel anders wird: er hat Götter
gewechselt, die man wirklich wechseln kann. Aber wenn die Religionen auf das
«Christentum» stoßen, werden sie alle unerbittlich werden. Dem «Christentum» gegenüber haben
sie alle ihre heiligsten Güter, nämlich gerade ihr Wesen als Religionen, zu verteidigen. Denn
das «Christentum»
stellt die Gottheit aller Götter und mit ihnen den Ernst aller Religiositäten in Frage. Es
verkündigt ja nicht einen26 Gott, der sich
schon durch seinen Namen als eine Gewalt der Natur oder des menschlichen Geistes und damit als
einen Gott neben andern verrät, sondern den
Gott. Wenn der Gott,
der Himmel und Erde geschaffen hat [Ps. 121,2],
wenn der Gott, vor dem der Mensch mit allen seinen natürlichen und geistigen
Möglichkeiten ein verlorener 96 Sünder ist, sich offenbart hat, wie das
«Christentum» bekennt, dann ist es zu Ende mit den absoluten Bindungen, von denen die
Religionen leben. Das ist’s, was keine Religion dem
«Christentum» verzeihen kann. Die einzig mögliche Beziehung, die die Religion als solche dem
«Christentum» gegenüber haben kann, ist die der Kaiserreligion
der ausgehenden Antike: die Christenverfolgung. Wenn
etwas von dem Ernst des Kommunismus in Russland zeugt, so ist es das Entsprechende, das sich in den letzten
Jahren dort ereignet hat.27 Aber es handelt sich nicht um die Aussicht auf blutige oder auch |150 unblutige «Verfolgung». Was das «Christentum» heute wissen müsste,
das ist: dass es von allen Religionen her, wie sie auch heißen und wie sie auch vorgehen
mögen, Gegnerschaft und nur Gegnerschaft zu erwarten hat. Und zwar darum, weil es selber ihr
natürlicher Angreifer ist, weil es sie angreift, indem es da ist, weil es sie alle – das tut
keine Religion der andern – indem es da ist, zur Kapitulation auf Gnade und Ungnade
aufgefordert hat, weil zwischen ihm und ihnen von ihm selbst aus jede gemeinsame Basis, jede
Diskussionsmöglichkeit und also Verständigungsmöglichkeit abgeschnitten ist. Man kann nur aus
Vergesslichkeit, aus einem kleinen Missverständnis der einen oder der andern Seite Kommunist
und Christ, Faschist
und Christ, «Amerikaner» (europäischer Amerikaner!) und
Christ sein. Das wissen die Anderen auch, auch wenn sie das Entweder-Oder so scharf nicht
stellen wie etwa der genuine Kommunismus. Das
«Christentum» aber müsste es genau wissen. Es müsste wissen, dass es in den es umgebenden
Fremdreligionen, im Geist, im Prinzip, im Willen, im Dämon dieser Religionen schlechterdings Feinde vor sich hat, von denen es
keine Toleranz zu erwarten hat, weil es ihnen auch keine
gewähren kann.
Das führt uns auf die dritte Frage: Weiß das «Christentum», wie nahe ihm die Versuchung liegt, sich
durch einen kleinen Verrat an der eigenen Sache dem so drohenden Konflikt mit den fremden
Religionen zu entziehen? Weiß es, dass das nicht geschehen darf? Wir könnten es28 einfach fragen: weiß es, dass es unter keinen Umständen
mit den Wölfen heulen29 darf? Die Religionen
lassen nämlich mit sich reden, wenn man mit ihnen zu reden weiß, wenn man die paar wenigen
Weihrauchkörner, die sie zur Besiegelung des Verrats
verlangen,30 ihnen nicht geradezu versagt. Der Faschismus hat überall ein |151 «Christentum» gefunden, das
über die Gottheit «Rasse, Volk, Nation» mit ihm zu reden wusste. In Russland, wo die Dinge am schwierigsten liegen, scheint Entsprechendes doch auch
schon 97 möglich geworden zu sein.31 «Amerika» gar
hat ein «Christentum», das sich das gefallen ließ, völlig in sein System einzubauen gewusst.
Es wird sich bei solchem Verrat wirklich nur um ein paar Anpassungen und Konzessionen handeln.
Wie leicht ist das «Christentum» dahin umzudeuten, dass der «Arbeiterklasse» oder der «Nation»
oder auch einfach dem gesunden, zufriedenen, menschlichen Individuum nun doch ein Anteil an
der Würde des einen Gottes zugeschrieben wird. Wie leicht lässt sich Einiges im «Christentum»,
das seinen Angriff auf alle Religion sichtbar machen müsste, verschweigen oder verharmlosen.
Wir haben es vor drei Jahren erlebt, dass eine internationale christliche Missionskonferenz
ausgerechnet in Jerusalem nicht sowohl
um das Verständnis des Evangeliums als vielmehr um die
«Werte» (valeurs) der nicht-christlichen Religionen sich wochenlang bemühte.32 Wir haben es im
Weltkrieg miterlebt, wie das «Christen|152tum»
aller Länder sich mit dem Dogma der damals maßgebenden Religion abzufinden und zu vereinigen
wusste.33 Dasselbe
ist in früheren Jahrhunderten wieder und immer wieder geschehen. Weiß das «Christentum», dass solche Versuchung
jetzt wieder und vielleicht mächtiger als je vor seiner Türe steht? Die christliche Botschaft
müsste gerade in der Verwirrung und Not unserer Tage sehr rein, gänzlich unvermischt mit den
Stimmen jener Religionen ertönen. Die Daseinsmöglichkeit der
christlichen Kirche, die man durch jene Brückenschläge zu den anderen Religionen hin sichern
möchte, könnte gerade damit stehen und fallen, dass man solches Brückenschlagen vorbehaltlos
unterlässt, dass das «Christentum» mit seiner Botschaft von dem einen Gott und seiner Barmherzigkeit für den verlorenen Menschen durch alle
Religionen, wie sie auch heißen mögen, und werde daraus, was da wolle, mitten hindurchgeht,
ohne sich ihren Dämonen auch nur einen Finger breit anzupassen. Darf und kann das Christentum,
die Religionen und sich selbst recht verstehend, etwas Anderes tun als den Angriff auf sie,
der nun einmal in seinem Wesen liegt, fortsetzen? Darf und kann die Antwort des Christentums
an die |153 Religionen eine andere sein als eben die Mission? Nicht
die Propaganda, die für die menschlichen «Bedürfnisse» sorgt und nach ihnen sich richtet,
sondern die Mission,34 die dem Menschen auf den Kopf zusagt, dass er seine noch
so tiefen Bedürfnisse missversteht, indem er sie in jenen Religionen befriedigt, dass seine
vermeintliche absolute Bindung an den «Gott» dieser und dieser Religion ein Rausch ist, den er
ausschlafen kann und soll – die Mission, die dem Menschen
sagt, was Gott offenbart hat und was er 98
darum hören muss, weil Gott es offenbart hat. Eines würde das
«Christentum» damit jedenfalls
beweisen: dass es selber glaubt, was die Religionen von sich unmöglich
glauben können, dass seine Botschaft auf Offenbarung beruht
und nicht auf einem menschlichen «Es ist mir so»35, und wäre es noch so tief und gewaltig. Über
ein «Es ist mir so» kann man letztlich, und wenn sich die Religionen noch so sehr dagegen wehren, eben doch parlamentieren. Über offenbarte
Wahrheit gibt es kein Parlamentieren. Warum parlamentiert das «Christentum», wenn es an eine
offenbarte Wahrheit glaubt?
Aber damit sind wir schon bei einer letzten und schwersten Frage. Die heutige Lage, der
Konflikt mit den neuen und alten Religionen, stellt das «Christentum» letztlich und vor allem
vor die Frage, ob es sich denn selber verstanden hat? Ob seine Verkündigung denn im Unterschied zu der der Religionen die christliche Verkündigung
wirklich ist? Ob es denn glaubt, und zwar recht glaubt, und dann auch recht sagt, was, indem
es den Angriff nicht unterlässt, indem es den Religionen mit Mission antwortet, von ihm gesagt werden müsste? Wenn es sich selber recht verstanden
hat, dann kann es ja gerade nicht bloß «Christentum», «Christianismus» sein wollen. Als -tum oder -ismus wäre es selbst eine Religion neben
andern. Vielleicht nicht |154 einmal das, vielleicht
bloß eine Weltanschauung und den Religionen dann an Kraft sicher unterlegen. Weiß das
«Christentum», dass es mehr, dass es etwas Anderes ist, als alle Weltanschauungen
und
Religionen sein können? Weiß es, dass es die Kirche des einen
Gottes ist, die Kirche Jesu Christi, die Kirche des
Gottes, der sich über Verlorene erbarmt? – Wir
können nur noch kurz zusammenfassen, was das bedeuten würde. Ein «Christentum», das sich
selbst verstehen würde als Kirche, würde mitten in der redseligen Herrlichkeit der Religionen
der Ort sein wollen, wo der Mensch hört und Gott
redet. Darum geht es doch,
wo Offenbarung ist: Alles muss da auf das rechte Hören und
Wiederhören und Besserhören ankommen. Die Mission gegenüber den Religionen müsste anfangen mit
dem Geständnis des «Christentums», dass es weiß, was die Verkündiger der Religionen nicht
wissen, dass der Mensch im Dienste des einen wahren Gottes ein Armer ist, der Gott nicht
entdeckt hat und nie entdecken wird, sondern immer nur dessen harren kann, dass Gott sich ihm
entdecke. Wissend um diese Armut, müssten sich die Christen mit Kommunisten, Faschisten und
allen andern Religiösen solidarisch wissen: verbunden in der gleichen Not, von der sie freilich
wissen, 99 dass es in ihr nur eine Hoffnung gibt, und verbunden in demselben
Fragen, auf das die Religionen zum Fluch der Menschen ihre
unheimlichen, dämonischen, falschen Antworten geben. Wer an Gottes Offenbarung glaubt und also
weiß, dass er hören und Gott reden muss, der ist eben dadurch sozusagen automatisch mit jedem
Menschen verbunden: er wird auch in seiner Fremdreligion die gemeinsame Not und Frage, um die
der Andere freilich nicht weiß, wiedererkennen. So verbunden mit ihm wird er mit Autorität zu ihm reden können. Hört die
Kirche das Wort Gottes, dann ist sie Kirche und also
sicher kein Verein, der Propaganda macht. Sie hat dann
Mission, das heißt Sendung. Sie hat dann zu sagen, was
man hören muss. Sie braucht dann nicht zu schweigen, weil sie es nicht darf. Sie darf dann
auch Anstoß geben, weil sie es muss. Sie braucht dann um sich selbst nicht besorgt zu sein. Es
wird dann aber, was sie den Menschen zur Linken und zur Rechten, ihnen zulieb oder zuleid, zu
sagen hat, nicht ein menschliches Gesetz, sondern das Evangelium sein. Sie wird die Vergebung predigen und keinen anderen Gehorsam
als den, der aus der Vergebung kommt. Sie wird dem System der Religionen kein christliches
System entgegenhalten. Sie |155 wird nicht gegen sie streiten, wie die
Religionen für sich selbst streiten. Sie wird, gerade indem sie mit Autorität redet, die Freiheit verkündigen: die Freiheit des Gewissens
und die Freiheit für den Bruder, die dem Menschen durch die Religionen36 genommen ist und die nur der eine wahre Gott ihm wiedergeben
kann. Und sie wird diese Freiheit nicht als Ideal verkündigen, sondern als weihnachtliches
Geschenk: Ihr dürft euch von der
Knechtschaft der Dämonen erlösen lassen, denn ihr seid schon erlöst. Also:
sie wird die Gnade als Gnade predigen. – Tut das das «Christentum»? Ist das sein Ort, seine Art und seine
Botschaft? Weiß es, dass es ist und will es sein: die Kirche Jesu Christi? Das dürfte die heute dringender als je
gestellte Frage an das «Christentum» sein, und ich habe nur noch hinzuzufügen, dass sie jeder
in dem Maß verstehen kann, als er sie als an sich selbst gerichtet versteht.37