Die Theologie und die Mission in der Gegenwart
DIE THEOLOGIE UND DIE MISSION IN DER GEGENWART
1.
Bereits im Sommer 1931 war
Barth sagte umgehend zu: «Sie sollen diesmal nicht umsonst an mich herangetreten sein. Das Problem der Mission interessiert mich schon lange und angesichts der heute aktuell gewordenen Fragestellungen ganz besonders.» Er bevorzuge den 11. April. Als vorläufiges Thema – eine «prägnantere Bezeichnung» wollte er sich noch vorbehalten – gab er den Titel an, bei dem es dann doch geblieben ist: «Die Theologie und die Mission in der Gegenwart».6
157 Den Dank für
Wie wichtig Barth der Gegenstand dieses Vortrags war, wird daran ablesbar,
dass er sich bereits in den Weihnachtsferien 1931/32 in die damals aktuelle missionstheologische Literatur, die dann auch im Vortrag
angesprochen wurde, vertiefte. In einem Brief an
Auf der
In den folgenden Wochen gab es manchen Versuch zur Verständigung und zur
Beseitigung vermuteter Missverständnisse. Knak
schrieb gleich am 12. April einen entschuldigenden, erklärenden Brief, in dem er sein
Abweichen vom vereinbarten Thema mit der Überlänge von Barths Vortrag begründete, der statt
der erwarteten Stunde eindreiviertel Stunden gedauert hatte: «Und dann kam die
Zeitbedrängnis. In der mir bleibenden halben Stunde wollte ich versuchen, einiges von meinem
vorbereiteten Vortrag über das mir gestellte Thema zu sagen und einige von den
Missverständnissen über unser Tun und Treiben, die, wie ich spürte, bei den Hörern durch
einige Stellen Ihres Vortrags entstehen mussten, zu beseitigen. Eine wirkliche feste
Stellungnahme zu Ihrem Vortrag war mir unmöglich.»26 Es entspann sich ein längerer, |161 von Freimut wie gegenseitigem Respekt getragener Briefwechsel zwischen
2.
Da
Offensichtlich wurden Barths Darlegungen in
Vom Vortrag ist ein von Barth angefertigtes Manuskript erhalten
(KBA 10024). Er benutzte dazu ein liniertes Schreibheft im Oktav-Format; der Text füllt 41
engzeilig beschriebene Seiten und wurde dann noch während der Ferien auf dem
Der Text erschien erstmals in ZZ 10 (1932), S. 190–215
Die Theologie und die Mission in der Gegenwart
in
Wenn ich die heute an mich gestellte Anforderung recht verstehe, so besteht sie darin, eine Antwort zu versuchen auf die Frage, was die Arbeit der christlichen Mission in der Gegenwart von der Arbeit der Theologie erwarten und nicht erwarten darf. Dass die Männer der Mission einen Mann der Theologie einladen, in ihrer Mitte das Wort zu ergreifen, das weist schon an sich darauf hin, dass die Mission der Theologie mit Erwartungen gegenübersteht; und der Titel des angekündigten zweiten Vortrags sagt ja noch deutlicher, dass mana der Theologie hier geradezu «Aufgaben» zu stellen gedenkt.43 Warum sollte die Mission der Theologie nicht Aufgaben zu stellen haben? Aber es wird doch, bevor b-darüber gesprochen wird-b, ˹schon um allfällige Enttäuschungen zu vermeiden,˺ eine Überlegung darüber am Platze sein, welcherlei Aufgaben eine c-ihres Wesens und-c ihrer Verantwortung bewusste Theologie sich von der Mission stellen lassen kann, welche möglichen Erwartungen hier allenfalls in Betracht kommen. |165 Dieser Überlegung möchte ich – wie es sich gehört als Prolegomenon zu dem, was wir nachher hören werden – mit dem, was ich hier sagen darf, zu dienen versuchen.
Es wird der Klärung unserer Frage dienen, wenn wir mit einigen Begriffsund Verhältnisbestimmungen den Anfang machen.
Was ist Mission? Ein Handeln der Kirche will sie sicher sein, d-auch wenn das organisatorisch nur indirekt zum Ausdruck kommen sollte-d.44 Ein Handeln der Kirche, will sagen: ˹eine bestimmte Gestalte des Bekenntnisses zu Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus,˺ eine bestimmte Gestaltf desjenigen menschlichen Handelns, das sich selbst als Gehorsam gegen den Aufruf Jesu Christi als des Herrn verstehen möchte, ein Versuch, seinen Willen zu tun, das heißt, seine Botschaft auszurichten, die Botschaft von ihm als dem Herrn, das heißt von dem Schöpfer, Versöhner und Erlöser des Menschen. Dies, dass Jesus Christus in Wahrheit und Wirklichkeit dieser Herr ist, ist der Inhalt des Wortes Gottes, das heißt des Wortes, das 101 Gott g-zum Menschen-g spricht und dem die Kirche mit ihrem Handeln dienen möchte. Eben das möchte in der Kirche und mit der Kirche auchh die Mission. Die bestimmte Gestalti, in der gerade die Mission dem Worte Gottes dienen möchte, besteht aber darin, dass sie sich j-bei der Ausrichtung-j der Botschaft von Jesus Christus an diejenigen Men|166schen wendet, die sich selber noch nicht in der Kirche befinden, das heißt, die sich noch nicht zu Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus bekennen, die k-seine Stimme jedenfalls insofern-k noch nicht gehört haben und die ihm jedenfalls insofern noch nicht gehören, als ihre freilich auch ohne das feststehende Hörigkeit ihm gegenüber ˹noch nicht durch den auch an ihnen geschehenen Botschafterdienst der Kirche,˺ noch nicht durch ihre eigene Erkenntnis und noch nicht durch das den auch auf sie gerichteten Willen des Herrn bestätigende Zeichen der Taufe sichtbar geworden ist. Die unter dieseml «Noch nicht!» stehendenm Menschen sind die Heiden. Die Mission ist, sie möchte sein: die Kirche, die sich an die Heiden und insofern nach außen wendet. Dieses Außen ist freilich auch drinnen. Es ist ja gesorgt dafür, dass der Heide auch in der n-Kirche, also-n die Botschaft gehört, die Buße getan, die Taufe empfangen habend, weiterlebt. Insofern ist und bleibt die Kirche selbst Heidenkirche, Sünder- und Zöllnerkirche. Insofern ist alles Handeln der Kirche Mission, auch wo es nicht ausdrücklich so heißt. Insofern ist das, was ausdrücklich Mission heißt, nur eine Verlängerung dessen, was die Kirche mit der Ausrichtung der Botschaft von Jesus Christus an ihren eigenen, in Bezug auf Botschaft, Buße und Taufe immer wieder in das «Noch nicht!» zurückgeworfenen Gliedern tun möchte. Aber eben, diese Verlängerung ist das Auszeichnende des missionarischen Handelns der Kirche. In der Mission wagt die Kirche dasselbe, was sie sonst in Form von Wiederholungen ˹wagt˺ – wahrlich in Form von Wiederholungen von Grund aus, wenn sie sich ˹selbst˺ recht versteht! – nunmehr in Form von Anfängen. Wir könnten sagen: wie radikal die Wiederholung ist, die o-die Kirche-o den Menschen als ihren eigenen Gliedern gegenüber wagt, die sie ihnen zumutet, das macht sie sich klar, indem sie gleichzeitig auch Anfänge mit Menschen wagt, die noch gar nicht ihre Glieder sind. Die Kirche der Heiden drinnen, ˹der Heidenchristen,˺ der Heiden, die schon gehört, schon Buße getan, schon die Taufe empfangen haben und doch in dem Allem immer noch und immer wieder |167 Heiden sind, der göttlichen Wiederholung ˹bedürftig˺ und also auch ˹bedürftig˺ der Wiederholung des Dienstes der Kirche, der erneuten Predigt, der wiederholten Buße, der Bestätigung der 102 empfangenen Taufep – diese Kirche greift in der Mission darin über sich selbst hinaus und bestätigt sich doch eben gerade darin als Heidenkirche, dass sie mit demselben Dienst, den sie an ihren Gliedern tun möchte, auch und gerade an die ˹sich˺ wendet, für die jenes «Noch nicht!» nicht nur das Fehlen der nötigen Wiederholung, sondern schon das Fehlen des nötigen Anfangs bedeutet. Indem die Kirche diese Solidarität ˹der Heiden drinnen mit den Heiden draußen, q-diese Solidarität-q der Welt, der Kreatur, des Volkes r-in der Kirche-r˺ mit aller Welt, mit aller Kreatur, mit allen Völkern nicht nur bekundet, sondern betätigt, möchte sie ernst machen mit ihrem Bekenntnis zu dem Herrn, der ˹der˺ Herr ist und dem auch der Mensch hörig ist jenseits alles menschlichen «Noch nicht!» und vor allem Dienst, den sie, die Kirche, bei der Proklamierung ˹und sichtbaren Anerkennung˺ seiner Herrschaft und s-der Hörigkeit des Menschen-s vielleicht leisten kann. Die Betätigung dieser menschlichen Solidarität t-im Sinneu des Bekenntnisses zu der Herrschaft, zu der Gottheit Jesu Christi-t ist das spezifisch missionarische Handeln der Kirche.
Was aber ist Theologie? Sicher will auch sie ein Handeln der Kirche sein, eine Gestaltv des Bekenntnisses zu Jesus Christus, ein Versuch, durch Ausrichtung der Botschaft von ihm seinen Willen zu tun. Aber gerade das Letztere gilt von ihr in einem andern Sinn als von der Mission. Theologie unterscheidet sich von der Mission, aber auch von der sonstigen nicht im engerenw Sinn missionarischen Verkündigung der Kirche dadurch, dass sie nicht sowohl selber Ausrichtung der Botschaft als vielmehr Besinnung über dieses Tun, Besinnung auf die |168 Richtigkeit dieser Ausrichtung ˹sein möchte˺. Theologie ist freilich nicht der Luxus einer von der Verkündigung der Kirche unabhängigen intellektuellen Anschauung ˹Gottes˺, einer Gnosis der Offenbarung. Theologie ist aber auch nicht selber Verkündigung, ˹etwa philosophisch x-oder historisch-x geläuterte Verkündigung,˺ etwa Verkündigung für die Gebildeten oder dergleichen. y-In diesem wie in jenem Fally wäre sie eine Dublette, deren Existenz letztlich, das heißt in Verantwortung gegenüber dem Sinn und Grund der Kirche, nicht zu rechtfertigen wäre und die an ihrer Überflüssigkeit zugrunde gehen müsste. Die Aufgabe der Theologie ist entstanden und entsteht an der völligen Unzulänglichkeit der nun einmal in menschliche Hände gelegten kirchlichen Verkündigung. z-Theologie ist ein Korrektiv.-z45 In der Theologie macht die Kirche sich selbst den wahrhaftig nötigen Einwand, ob sie denn die Botschaft von Jesus Christus recht auszurichten in der Lage sei, und stellt sie sich selbst 103 die wahrhaftig nötige Frage nach dem richtigen Gehalt dieses ihres Handelns. Die Aufgabe der Theologie ist entstanden und entsteht an der zu keiner Zeit und in keinem Stand der Kirche ausgeschlossenen Möglichkeit der innerkirchlichen Häresieaa. Ihr gegenüber auf reine Lehre zu dringen, ˹nach den Ursprüngen, nach der «katholischen Wahrheit» zu fragen,˺ nicht an Hand irgendeines selbst gewählten Maßstabes, sondern an Hand des immer neu zu entdeckenden ab-und zu verstehenden-ab Maßstabes der die Kirche begründenden Offenbarung, wie sie uns in ihrer prophetisch-apostolischen Bezeugung entgegentritt, das ist die theologische Forschungsaufgabe und die theologische Unterrichtsaufgabe. Weil die Kirche sich der Erkenntnis nicht entziehen kann, dass sie gerade hinsichtlich ihres ac-eigenen und-ac eigentlichsten Handelns der täglichen Buße, der Umkehr zu den Quellen, der Rei|169nigung bedarf, weil auch die Heiligkeit ihrer Verkündigung die Heiligkeit ad-einer Sünderkirche-ad ist, deren Existenz eine Frage und eine Aufgabe bedeutet, darum bringt sie eine Theologie hervor, darum braucht sie theologische Forscher und Lehrer, darum will sie, dass ihre Prediger nicht nur wohlgesinnte ˹und willenskräftige˺ religiöse Persönlichkeiten, sondern unter allen Umständen auch Theologen seien. Theologie muss sein, weil die Kirche sich in ihrem Handeln mit dem Handeln ihres Herrn nicht identifizieren ˹kann˺, sondern ihr Handeln durch das Handeln ihres Herrn richten und nach ihmae ausrichten lassen muss. Nicht als ob dieaf Theologie dieses Richten und Ausrichten selber schaffen könnte. Sie kann ihm nur dienen, wie auch die beste Predigt dem Lauf des Wortes Gottes nur dienen wollen kann. Aber wie das Wort Gottes den menschlichen Dienst der Predigt fordert, so auch den andern menschlichen ag-Dienst, den-ag Dienst der Selbstkritik und Selbstkorrektur ah-jenes ersten Dienstes, das dem Predigtamt zugeordnete theologische Lehramt, den Versuch, im Blick auf die Predigt nach der immer wieder verlierbaren und verlorenen Analogie des Glaubens immer aufs Neue zu fragen-ah. Dieser besondere Versuch kirchlichen Gehorsams ist die Theologie. Weil die Kirche keine Predigt will ohne den gleichzeitigen Versuch dieses Gehorsams, darum will sie, dass ihre Prediger unter allen Umständen auch Theologen seien.
Eine entscheidende Linie herüber und hinüber zwischen Mission und Theologie wird sich
sofort ziehen lassen: Mission und Theologie haben
jedenfalls dies gemeinsam, dass sie beide Versuche kirchlichen Gehorsams
sind. Will sagen: die
Arbeit an diesen beiden Aufgaben, die missionarische und die theologische Arbeit, bedeuten,
wenn auch in ganz verschiedenem 104 Sinn und an ganz verschiedener Stelle,
dies und streng genommen nur dies, dass die Kirche den Befehl ihres Herrn vollstrecken möchte.
Beide sind freilich wie alle menschlichen |170 Werke auch Werke
menschlicher Motivation, Methode und Zielsetzung. Aber quer hindurch durch alle menschlichen
Motivationen, Methoden und Zielsetzungen möchten beide Werke des Glaubens und streng genommen
nur des Glaubens sein. Die Mission als Ausrichtung der Botschaft von Jesus Christus nun auch
an die Heiden draußen und die Theologie als Besinnung auf die Richtigkeit der Ausrichtung der
Botschaft drinnen und draußen setzen voraus die Kirche als Stätte, an der sich Gott
so offenbart, zu menschlichem Erkennen und Tun sich so bekennt, dass in seinem Namen und
Dienst und damit unter seinem Segen und in seiner Kraft gehandelt, gearbeitet werden ai-muss und kann-ai. Daraufhin, auf diese Voraussetzung hin und
streng genommen nur auf diese Voraussetzung hin wird Mission und Theologie gewagt. Alles, was
hier unvermeidlich mitläuft an anderen Voraussetzungen, soll hier dieser Voraussetzung
untergeordnet sein, soll hier aj-in keinem Sinn-aj eigenen letzten
Ernst haben dürfen. ˹Insofern sind sie beide wehrlose, ungesicherte Unternehmungen. Man kann die
Mission ebensowenig von einer allgemeinen Ethik wie die Theologie von einem allgemeinen
Wissenschaftsbegriff her begründen. Sie sind innerhalb der Grenzen der Humanität46 beide mit den Funktionen der Gesandtschaft eines fremden
Staates zu vergleichen. Als durch und durch menschliche Werke möchten sie˺ ak-doch ganz und gar-ak Werke des Glaubens sein. Sie sind Versuche kirchlichen Gehorsams. Wir haben aber im Blick auf
beide Anlass, das Wort «Versuch» stark zu unterstreichen. Einmal darum, weil
sich beide nach außen wirklich nicht mehr denn als Versuche in dieser Richtung darstellen
können. Man kann freilich verlangen, dass man das Wesen der Mission und der Theologie gerechterweise ˹mindestens zunächst nach ihrer
eigenen Meinung und Erklärung und also˺ nach dieser ihrer eigenen Intention˹, kirchlicher
Gehorsam zu sein,˺
beurteilen müsse. Aber gerade |171 diese ihre eigene Intention lässt
sich ja nicht so an den Tag legen, dass sie für jedermann eindeutig sichtbar, dass ein Urteil
andersartigen Inhalts über ihr Wesen einfach ausgeschlossen wäre. Mission könnte bekanntlich auch ein
Instrument religiöser oder zivilisatorischer Propaganda47 oder gar wirtschaftlich-politischer Machtwünsche48 sein und
Theologie eine Spielart, vielleicht sogar
eine besonders gefährliche Spielart eigenmächtiger Spekulation und intellektueller
Selbstsicherung und Selbstüberhebung. Welche Mission 105 und welche
Theologie könnten sich rühmen, ˹mit ihrem Tun˺ nicht in diesem Zwielicht zu stehen? Welche
Mission und welche Theologie vermöchte es, sich auch nur den Aspekt zu geben, der sie gegen
diesen oder jenen Verdacht solcher Art einigermaßenal schützen würde? Wo ihre wahre Intention sichtbar wirdam, wo sie also als an-Werke des Glaubens
kenntlich werden-an, da ist es sicher nicht ihr Verdienst, da
geschieht es gegen den Schein, den sie sich selbst ao-geben und zu geben
vermögen-ao, da hat etwas Anderes als sie selbst, ap-etwas Höheres-ap als ihre menschliche Werkgestalt für sie und durch sie gesprochen. Ihre
menschliche Werkgestalt als solche wird gewiss nicht mehr als eben ein Versuchaq kirchlichen Gehorsams sein und zu sein beanspruchen |172 können. Für solche Bescheidung spricht aber bestätigend auch ein
innerer Grund: wenn Mission und Theologie ˹nach ihrer eigenen Meinung und Erklärung˺ Werke des
Glaubens sein möchten, so sagen sie ja eben damit, dass sie die Rechtfertigung ihrer Existenz
nicht in sich selber zu tragen meinen, sondern aus der freien und freibleibenden Gnade Gottes
zu empfangen hoffen. Wie die Kirche überhaupt nie und nirgends darin als wirkliche Kirche
existiert, dass fromme, aufrichtige und eifrige Menschen eine Kirche haben und Kirche sein
wollen, sondern immer und überall darin, dass Gott in seiner freien Allmacht und
Barmherzigkeit Kirchear haben will, so ist es auch
nicht Sache menschlichen Gutmeinens und Gutmachens, sondern Sache göttlicher Absicht und
Bestätigung, wenn Mission und Theologie sind, was
sie sein möchten. Sind sie, was sie sein möchten: Werke des Glaubens, dann sind sie es auf dem
Felsengrunde der Erwählung ˹Gottes, der sein Wort
spricht zu seiner Zeit und dessen Geist weht, wo er will˺ [vgl.
106 Eben in dieser Gemeinsamkeit können und sollen sie sich nun aber auch je der Besonderheit bewusst sein, in der sie beide kirchlicher Gehorsam sein möchten. Steht es fest, dass Mission und Theologie Werke des Glaubens sein möchten, und steht es gerade darum fest, |173 dass das Gelingen in beiden Gnade, das menschliche Wollen aber wiederum in beiden einen Versuch bedeutet, dann entsteht Raum für die notwendige Verschiedenheit dieser Versuche. Das ist es ja, was das Leben der Kirche und das Leben in der Kirche überhaupt möglich macht: dass sie sich in allen ihren Gliedern und Funktionen aw-in Demut-aw als der irdische Leib ihres himmlischen Herrn erkennt. ax-Aus dieser Demut folgt die kirchliche Sachlichkeit.-ax Mission und Theologie bekommen Raum nebeneinander, je einen eigenen Raum, wenn sich beide ihrer Grenze zunächst in der allein genugsamen göttlichen Rechtfertigung bewusst werden. ay-Und innerhalb-ay dieser sie gemeinsam umschließenden Grenze kann und muss es dann auch Grenzen ihrer beiderseitigen Aufgaben geben.
Reden wir zunächst von gewissen Grenzziehungen, die dann unmöglichaz werden. Es wird dann unmöglich, die Mission (˹etwa noch mit der sogenannten innern Mission˺ ba-und den entsprechenden Funktionen der offiziellen Kirche zusammen) auf der einen-ba und die Theologie bb-auf der andern Seite-bb einander so gegenüber zu stellen: es vertrete die erste die christliche Liebe, die zweite den christlichen Glauben, oder: die erste das Werk, die zweite das Wort, oder: die erste das Leben, die zweite das Denken, ˹oder: die erste das Eilen, die zweite das Wartenbc,˺ oder gar: die erste die kirchliche Front, die zweite aber die mehr oder weniger treulich um Proviant und Munition besorgte Etappe.49 Diese gutgemeinten Unterscheidungen sind darum fatal, weil sie offen oder versteckt Wertschätzungen, Überlegenheitsansprüchebd enthalten, Andeutungen: dass eben doch hier und nicht dort oder doch hier mehr als dort das Eigentliche, Wesent|174liche˹, Entscheidende˺ geschehe, was in der Kirche geschehen sollte, wobei man ja bis ins Unendliche darüber streiten kann, ob man das vom Glauben oder von der Liebe, von der «Front» oder von der «Etappe» sagen will. Eben diese Wertschätzungen werden unmöglich, wenn es wirklich feststeht, dass das Geschehen des Eigentlichen, Wesentlichen und Entscheidenden, das in der Kirche geschehen sollte, be-weder durch missionarische, noch durch theologische, noch durch irgendeine andere menschliche-be Arbeit geschieht, sondern durch das barmherzigebf Wohlgefallen dessen, der diese und jene Arbeit für seinen Dienst fordert und als ihm erwiesenen 107 Dienst, als wirklichen Gehorsam annimmt, wo und wann er gnädig sein will. Steht dies fest, dann werden aus der Diskussion über und zwischen Mission und Theologiebg vor allem die Unterscheidungen verschwinden müssen, die darauf hinauslaufen, als gäbe es in der Kirche solche besonderen Bezirke, in welchen zwischen dem Wollen und Können des Menschen und dem Reiche Gottes sozusagen größere Durchbruchsmöglichkeitenbh bestünden als anderswo. ˹Leben ist nicht mehr als Denken, so gewiss Denken nicht mehr als Leben ist – beide Sätzebi wären Philosophumene, die jedenfallsbj in der Kirche Jesu Christi keine Geltung haben könnenbk.˺ Ist die Kirche als Subjekt der Mission wirklich die Kirche der immer noch und immer wieder höchst unbekehrten Heidenchristen und ist sie als Subjekt der Theologie wirklich die von der Häresiebl von allen Seiten jeden Augenblick höchst aktuell bedrohte Kirche, dann stehen der Missionar sowohl wie der Theologe auf Posten, bm-und zwar, menschlich geredet, auf verlorenen Posten-bm, nicht aber – weder der Eine noch der Andere – anbn Orten besonders mög|175lichen und wahrscheinlichen Sieges. Der Durchbruch, das Geschehen dessen, was in der Kirche geschehen sollte, wird dann weder von der Mission noch von der Theologie, sondern in schlichter Ausschließlichkeit von dem Herrn der Kirche (und von diesem nur, sofern es sein gnädiger Wille ist) erwartet.
Der wirkliche Unterschied von Mission und Theologie ist ein Unterschied des Dienstes. Von Überlegenheitsansprüchenbo hin und her kann schon darum keine Rede sein, weil ihre Dienste sich auf zwei ganz verschiedenen Ebenen abspielen, unter sich unmöglich konkurrieren und also auch nicht wertend miteinander verglichen werden können. ˹Sinnvoll kann hier nur eine Frage sein: die Frage, ob und inwiefern sie einander dienen können.˺
In der Mission handelt es sich wie in
der Predigt, Seelsorge und Unterweisung, wie in der innern Mission
bp-und den anderen Funktionen-bp, in denen sich die Kirche
an ihre eigenen Glieder wendet, um den Dienst der Ausrichtung der christlichen Botschaft.
Wobei das Besondere der Mission gegenüber jenen andern Formen kirchlichen Handelns darin
liegt, dass die Kirche hier sozusagen reines Subjekt dieses Dienstes ist. Nicht auch
Objekt wie dort. In der Mission redet die Kirche nicht wiederum zur Kirche. Kein schon
gehörtes Wort, kein schon sich bezeugender Heiliger Geist
wird hier bei den Hörern der Botschaft vorausgesetzt. ˹Vorausgesetzt wird, dass sie Gott und
den Nächsten hassen50 und
falschen Göttern
108 dienen˺ bq-und dass für sie als solche Menschen
Christus gestorben und auferstanden ist-bq. Als Missionsbotschaft ist die christliche
Botschaft nicht Wiederholung, sondern Anfang. Sie geht ins Leere, br-sie
geschieht-br auf Hoffnung wider alle Hoffnung [vgl.
Und nun steht irgendwo neben der Mission als Versuch kirchlichen Gehorsams auch die Theologie, und wir möchten wissen, wie die Theologie der Mission zu dienen vermag, was die Mission von der Theologie zu erwarten und nicht zu erwarten hat.
Zweierlei darf hier gleich vorweggenommen werden:
1.cj Wenn es wahr ist, dass auch die Theologie nur ein Versuch kirchlichen Gehorsams, ein in der Kirche zu leistender Dienst ist, dann darf die Mission von der Theologie nur Menschenmögliches erwarten, nicht aber Dinge, die sie angemessenerweise nur von dem Herrn der Kirche erwarten kann und wirklich von ihm erwarten soll. Es ist zum Beispiel zu viel verlangt, wenn man von der Theologie erwartet, dass sie «der Kirche die Missionstat schenkenck», das heißt doch wohl, dass sie jenes Zutrauen der Kirche zu sich selbst und damit das Ereignis missionarischen Wagens cl-hervorbringen könne und solle-cl.54 Verbindet man ernsthafte Vorstellungen mit dem Begriff dieses Ereignisses, wie kann man es dann als ˹Hervorbringung und˺ Geschenk einer Theologie verstehen? Man darf aber von der Theologie auch das nicht verlangen, dass sie den Missionsbefehl so erkläre und formuliere, dass das Entstehen eines mächtigen sogenannten «Missions110willens» in der Kirche das greifbare Ergebnis ihrer Arbeit sei. Wiederum: ist dieser sogenannte Missionswille eine ernsthafte Angelegenheit, wie kann man ihn dann als Ergebnis theologischer Arbeit bestimmen und von da her erwarten wollen? Und weiter: die Mission |179 kann von der Theologie nicht erwarten, dass diese ihr irgendwelche Waffen oder Instrumente zur Verfügung zu stellen habe, mit Hilfe derer das Zutrauen zu sich selbst, das die Kirche in der Mission beweisen muss, weniger kühn, das Wagnis der Mission weniger unmöglich werden könnte. Sie kann den Missionar zum Beispiel nicht in den Besitz eines Beweises für die Absolutheit des Christentums55 setzen. Sie hat ihm nicht einmal so etwas wie ein System der christlichen Wahrheit und Sittlichkeit56 anzubieten. ˹Sie kann ihn auch nicht im Voraus belehren und insoferncm beruhigen hinsichtlich des «Anknüpfungspunktes», den das Wort Gottes bei seinen heidnischen Hörern finden werde und müsse.˺57 Und sie ist nicht in der Lage, ihm auch nur von ferne die für seinen Dienst so nötige Gewissheit des christlichen Glaubens58 in irgendeiner Form darreichen und vermitteln zu kön|180nen. Sie wird ihm vielmehr sagen müssen, dass er das Alles: den Beweis und das System ˹und den Anknüpfungspunktcn˺ und die Gewissheit beileibe nicht bei ihr ˹und überhaupt bei keiner menschlichen Instanz˺, sondern immer wieder bei Gott suchen soll. ˹Wenn Gott sich vielleicht auch einmal der Theologie bedienen will, um der Mission das zu geben, was nur er selber ihr geben kann co-und will-co, so ist das eine Sache für sich.˺ Die Theologie kann es aber nicht darauf absehen, Erwartungen dieser Art zu befriedigen. Sie kann es nicht, weil sie es nicht darf, weil sie sich aus der Stellung des Dienstes nicht verdrängen lassen darf. Befriedigung von Erwartungen dieser Art aber wäre nicht Dienst, sondern angemaßte Herrschaft. Wenncp der Ton ernst zu nehmen wäre, der in der Missionsliteratur manchmal vernehmlich wird: als ob die Befriedigung von Erwartungen dieser Art das Kriterium wäre, an dem messend die Mission befugt wäre, über Wert oder Unwert einer Theologie zu urteilen,59 so dürfte die Rückäußerung erlaubt sein, dass mindestens ein Kriterium, an dem die Theologie sich gemessen weiß, gerade darin besteht, dass sie cq-bei ihrem Sagen und Tun-cq ihre Grenzen wahrt gegenüber dem, was nur Gott sagen und tun kann. Wenn man auf Seiten der Mission bei solchen Erwartungen wirklich verharren wollte, so wäre wohl nicht genügend bedacht, dass doch auch die Mission selbstcr nur Dienst und nicht Herrschaft sein und darum gerade das Entscheidende, dessen sie bedarf: die Missionstat, den Missionswillen, die Missionskraft, immer wieder nur 111 von Gott erbitten, nicht aber˹, wie solche Erwartun|181gen der Theologie gegenüber zu verraten scheinen,˺ als einen menschlichen Besitz in Anspruch nehmen darf.
2.cs Wenn es wahr ist, dass es innerhalb der durch die göttliche Rechtfertigung gezogenenct Grenze Raum gibt für verschiedenen Dienst, dann darf man auch innerhalb des Menschenmöglichen seitens der Mission nicht ungeduldig darüber werden, wenn die Theologie nun einmal Theologie und nicht selbercu Mission ist. ˹Theologie cv-als solche-cv kann nicht «in Mission einmünden».˺60 Theologische Arbeit hat nun einmal ihr eigenes Gesetz und ihren eigenen Weg. Ist sie ihnen getreu, so wird sie damit implizit und indirekt wie der Kirche überhaupt, so gewiss auch der Mission dienen. Und wenn sie in gewissen Wendungen ungewollt auch direkt missionarische Bedeutung bekommen sollte, so wird das gewiss immer ein Ereignis sein, dessen man sich cw-auf beiden Seiten-cw dankbar freuen kann. Es geht aber nicht an, die Arbeit der Theologie, wie Missionsfreunde es gelegentlich tun, ˹nur daraufhin anzusehen und cx-nur nach dem Gesichtspunkt-cx zu würdigen,˺ wie viel oder wie wenig dabei an direkten Erwähnungen, Bezugnahmen, Bejahungen oder, sagen wir ernsthafter: an direkter Mitarbeit für die Mission herausspringen möchte. Theologische Arbeit will wie jede rechte Wissenschaft um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht auf die praktische Tragweite und Brauchbarkeit ihrer Ergebnisse betriebency sein. Geradecz ihre wirkliche praktischeda Bedeu|182tung erschließt sich nur einer gewissen Selbstlosigkeit und Sachlichkeit, die nicht ernten will ohne gesät zu haben. ˹Wer ihr erst von dem Augenblick ab «dankbar»61 wird, wo er etwas mit ihr anfangen kann, das heißt wo sie ihm Wind in seine eigenen Segel und Wasser auf seine eigenen Mühlen gibt, der sollte ihr lieber nicht danken, denn ihm ist sie sicher nicht, was sie auchdb ihm sein könnte.˺ Auch den Missionar oder Missionsfreund darf man bitten, das, was er braucht, in der Theologie nicht gleichsam handgreiflich gebrauchsfertig vorfindendc zu wollen. Er wird sich schon auf das eigene Gesetz und den eigenen Weg der Theologie, die mit denendd der Mission nicht identisch sind, einlassen müssen, um hier ernsthaft und mit Erfolg mitzutun. Wenn in der Kirche wirklich niemand für sich die Sache des Herrn zu führen hat, dann muss es hier verschiedene Räume und einen gewissen gegenseitigen Respekt vor dieser Verschiedenheit geben.
Das Menschenmögliche, das man von der Theologie für die Mission erwarten darf, ergibt sich aus der Eigenart der theologischen Arbeit im 112 Unterschied zu der missionarischen ˹wie zu aller sonstigen kirchlichen Arbeit˺. de-Diese Eigenart-de ist zunächst dadurch bestimmt, dass die Kirche in der Theologie Subjekt und Objekt ist, dass in ihr die Kirche zur Kirche redet. Das gilt freilichdf auch von dem sonstigen Handeln der sogenannten Heimatkirche. Die Theologie unterscheidet sich aber von der Mission und von diesem sonstigen Handeln der Heimatkirche dadurch, dass sie voraussetzt: der Versuch der Kirche, ihrem Dienst der Verkündigung gerecht zu werden, ist im Gang, und dass sie sich nun an die in diesem Dienst handelnde Kirche wendet mit der Frage nach der Richtigkeit ihres Handelns. Nicht vom |183 Ort eines fremden Zuschauers aus und nicht mit einer unverantwortlichen Zuschauerfrage, sondern selbst als kirchlicher Dienst und Gehorsam, selbst als eine notwendige Funktion der Kirche, nun aber als die Funktion der Kirche, in welcher sie ihre Verkündigung prüft auf ihr Recht und ihren Grund, in welcher sie sie misst an dem Ursprung, auf den sie sich beruft, in welcher sie immer wieder zu hören versucht, um recht reden zu können. In der Theologie möchte sich die Kirche immer aufs Neue – und zu jeder Zeit in der gerade ihr angemessenen Verschärfung – sowohl der Notwendigkeit als auch der Unerhörtheit eines Handelns aus dem Glauben bewusst werden, der ˹Notwendigkeit, aber auch der˺ Bedrohlichkeit eines Wagnisses, wie dessendg, das ihr befohlen ist, der Notwendigkeit, aber auch der tiefen Bedenklichkeit des Selbstvertrauens, dessen sie zu diesem Wagnis bedürftig ist. In der Theologie möchte die Kirche der Kritik standhalten – oder vielmehr nichtdh standhalten, ˹vielmehr˺ der Kritik sich rückhaltlos ausliefern, nochmals: nicht irgendeiner fremden, von außen herangetragenen, sondern der aus ihrem eigensten Sein und Wesen von ihrem Herrn her notwendig hereinbrechenden Kritik ihres Handelns. Nur von daher kritisiert möchte sie handelnd weiterschreiten, ˹Zutrauen zu sich selbst haben und neu fassen,˺ im Zutrauen zu sich selbst wagen, was sie wagen muss. ˹Theologie ist die Aufmerksamkeit der Kirche auf den Grund und Gegenstand ihrer Verkündigung. Darum ist die Exegese der Heiligen Schrift (im weitesten Sinn des Begriffs Exegese verstanden) die eigentliche und zentrale Aufgabe der Theologie. Wenn die Kirche nicht ohne Theologie sein will, so bedeutet dies, dass sie um keinen Preis, treffe es sie, wie es wolle, dieser Aufmerksamkeit entraten will.˺ Braucht erst gesagt zu werden, dass die Kirche wie zu ihrem Handeln überhaupt, so nicht weniger auch zu diesem kritischen Handeln an sich selbst des Glaubens bedarf, des Glaubens, dass es unter allen Umständen und wider allen 113 Schein gut und heilsam ist, sich den Herrn der Kirche von allen Seiten in den Weg treten zu lassen, ihm nach allen Seiten die Ehre zu geben, sei es, dass er ein unerhörtes Tun von den Seinigen verlangt, sei es, dass er ihnen eine unverrückliche Zuversicht zu diesem Tun gibt, sei es ˹denn – und das |184 ist das objektiv göttliche Korrelat zu dem Menschenwerk der Theologie –˺ dass er eben dies ihr Tun in seiner Menschlichkeit in das tötende und lebendig machende Gericht seines Wortes nimmt. Wenn der Glaube der Kirche nicht auch zu diesem Letzten und insofern zur ˹Aufgabe der˺ theologischen Kritik als zu einer kirchlichen Aufgabe Ja sagen wollte, sodi würde er wohl nicht Glaube, sondern Unglaube sein.
Das Menschenmögliche, das ˹von der Theologie her˺ für das ˹übrige˺ kirchliche Handeln und
so auch für die Mission zu erwarten ist, wird demnach dies sein, dass die Theologie die
Verkündigung drinnen und draußen mit bestimmten Fragen
begleitet, die auf ihr
Verhältnis zu ihrem Grund und Gegenstand hinzielen, die sie gegenüber allem noch so
drängenden Ob? Wann? und Wie? an das Was? erinnern, um deswillen Verkündigungdj der Mühe
wert ist, die sie auf die enge Pforte [vgl.
Versuchen wir es zum Schluss, uns an vier beispielsweisedo ˹herausgegriffenen˺ dp-und natürlich nur andeutungsweise auszuführenden-dp Punkten aus der Problematik der Mission der Gegenwartdq klar zu machen, was es etwa 114 heißen könnte, wenn nun ˹speziell˺ die Mission sich von den Fragen der Theologie begleiten lassen wollte.
1. Die Mission hat immer dr-und so auch heute-dr Gewicht darauf gelegt, sich selbst und der
ganzen Kirche das sogenannte Missionsmotiv62 klar zu machen, das heißt sich selbst als eine wesensnotwendige
Funktion der Kirche, als eine unentbehrliche Lebensäußerung der Christenheit zu
rechtfertigen. Die in der heutigen, jedenfalls in der heutigen deutschen Mission in dieser
Hinsicht ˹im Ganzen˺ maßgebenden Gedanken sind, wenn ich recht sehe, aufs kürzeste
zusammengefasst etwa diese: Wir sind zur Mission
aufgerufen einmal durch die Tatsache, dass wir an unserem Glauben
ein Gut, einen Wert, ˹einen Reichtum˺ besitzen, ˹der an sich und als solcher zur Mitteilung
drängt,˺ dessen Mitteilung wir denen, die seiner bis jetzt entbehren, ds-als die glücklich Besitzenden-ds einfach schuldig sind.63 Sodann durch |186 die Tatsache, dass der
moderne Weltverkehr, die moderne Weltwirtschaft, die moderne Weltpolitik ˹immer deutlicher˺
eine Situation geschaffen haben, durch die uns jene Anderen, die der christlichen Kirche
einst Fernste sein mochten, faktisch ˹räumlich und moralisch˺ zu Nächsten geworden sind,
˹eine Situation,˺ durch die jene Mitteilung dt-aus einer freien
Möglichkeit zu einer selbstverständlichen-dt Pflicht der Kirche
geworden ist.64
Endlich und vor allem durch die Tatsache, dass das die Kirche und die Christenheit
konstituierende Evangelium, wie sein Name sagt, in seinem
Wesen Botschaft ist, die nicht ruhen, sondern laufen, nicht besessen und genossen, sondern
ausgerichtet sein will.65 – Die theologischen Fragen, die zu dieser
Sache und zu diesen Gedanken zu stellen wären, könnten etwa diese sein: Die Mission bedarf in
der Tat wie Alles, was die Kirche tut, der Rechtfertigung, das heißt der Angabe ihrer Motive,
und als das ausgesprochen Kühnste, was die Kirche tut, als jenes Hinausschreiten der Kirche
über sich selbst, gewiss auch ganz besonderer Rechtfertigung. Aber ist sie sich darüber klar,
dass auch und gerade sie sich letztlich nicht selbst rechtfertigen, sondern nur darauf hoffen
kann, als Akt des Gehorsams gerechtfertigt zu
sein, ohne dass sie auf eine Bürgschaft dieser Hoffnung die Hand legen
könnte, wie man auf jene Missionsmotive die Hand legen zu können und manchmaldu auch zu wollen scheint? Sind |187 nicht
alle Motivationen der Mission, die man von jeher angegeben hat, und sind nicht auch die heute
angegebenen an sich vortrefflichen Missionsmotive bloße Veranschaulichungen eines Motivs, das
man nicht angeben und voraussetzen kann, weil es ˹identisch ist mit dem˺ aktuellen Willen und
Befehl einer 115 Person, nämlich der göttlichen Person, des Herrn der
Kirche, ˹einem Willen und Befehl,˺ der sich in kein System von menschlichen Begriffen,
Gesichtspunkten und Gründen, und wären es die der erleuchtetsten Christen, einfangen lässt,
der ein freier Wille und Befehl ist, der immer neu, mit dem Mute, immer wieder von vorn
anzufangen, ˹aus der Heiligen Schrift abgelesen,˺
gehört und verstanden sein will˹, dessen Inhalt, dasdv
Vorwärts! Halt! oder Zurück!, dw-das er für uns bedeutet, uns, wenn wir
nicht eigenmächtig sein wollen, immer wieder offen und bereit finden muss-dw˺? Muss es nicht etwa auch dem treuesten Missionar, auch
dem überzeugtestendx Missionsfreund zu denken
geben, dass der Begriff «missio» in der alten Kirche ein Begriff aus der Trinitätslehre, nämlich die Bezeichnung für die göttlichen Selbstsendungen, die
Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes in die Welt gewesen
ist?66 Versteht es sich etwa von selbst, dass wir es anders halten dürfen? Ist
der ˹nun einmal nicht zu leugnende˺ Ursprung der modernen Mission bei den Jesuiten und bei den Pietisten,
das heißt dy-ihre Geburt-dy aus dem Geiste des ˹katholischen und
protestantischen˺ Barockchristentums67
|188 – auch wenn man aus dieserdz geschichtsphilosophischen Überlegungea die sachlichen Konsequenzen nicht ziehen darf und will, die
2. Mit der Frage nach dem rechten Missionsmotiv hängt eng zusammen die Frage nach dem rechten Aufruf
zur Mission. Die Mission tritt innerhalb der Kirche verständlicherweise vor allem in
Erscheinung in Form von Werbung für die Mission. Und diese Werbung
vollzieht sich, wenn ich wiederum recht sehe, heute wie in den Anfängen der Mission
entscheidend in Form des Missionsberichtes, das heißt der Darlegung der konkreten Notwendigkeit, der Hemmungen
und Förderungen, der Erfolge und Niederlagen der missionarischen Arbeit. Auch das wird so
sein müssen. – Aber auch dazu sind einige theologische Fragen zu stellen. Es ist offenbar
eine besondere Gnade und gar keine selbstverständliche Möglichkeit, wenn es dazu kommt, dass
(wie ich persönlich es etwa von den Büchern von
3. Die Missionsliteratur der Gegenwart ist bewegt von der Diskussion über
die rechte Fassung der Missionsaufgabe.
Bedeutet das rechte Hören des Evangeliums entscheidend
eine innere seelische Umwandlung des Menschen, besteht also die Missionsaufgabe˹, die
Ausrichtung der Botschaft,˺ entscheidend darin, den Heiden bei diesem inneren Anderswerden˹,
das der Missionar schon hinter sich, der Heide aber noch vor sich
hat,˺ dienlich zu sein? Oder ist das Wesen des Christwerdens zu suchen in der
Annahmefj einer neuen ˹moralischen˺ Lebensgestalt,
um deren Beschaffenheit ˹und Güte˺ der Missionar als Vertreter seiner europäischen
Heimatgemeinde weiß, der Heide aber noch nicht weiß, so dass die Aufgabe jenes darin
bestünde, diesen in das Leben in jener Gestalt˹, will sagen: in die christlich bestimmte
Kultur oder Zivilisation˺ über- und einzuführen? 119 Oder wird der ein Christ, der ˹zugleich innerlich und äußerlich˺ fk-heimfindet zu der-fk
Gotteskindschaft, zu der er schöpfungsmäßig durch die
Gestalt ˹gerade˺ seines bisherigen Lebens (in dessen Verwurzelung in seinen natürlichen,
geschichtlichen und soziologischen Zusammenhängen) bestimmt und unwissend schon auf dem Wege
ist und die nun im Hören des Evangeliums, in Christus, sozusagen ihr natürlich vorgesehenes Erwachen,
Aktuellwerden ˹und Aufgipfeln˺ erfahren würde, so dass die Missionsaufgabe darin bestünde,
den Heiden ˹– wozu der Missionar als Künder des Evangeliums
befähigt und verpflichtet wäre –˺ im tiefsten Sinne zu sich selbst fl-und eben damit zu Gott zu rufen-fl? Es ist die alte pietistischefm,
die viel verrufene anglo-amerikanischefn und |195 endlich die besonders
von
4. Wenn endlich ein Wort gesagt werden soll zu der Frage «Theologie und
Missionspredigt»89, so muss
besonders deutlich daran erinnert werden, dass in dem allen von der die Mission begleitenden Theologie die Rede ist, also nicht von einer Sache, die irgendwo in einer
fernen Studierstube von irgendjemand Anderem besorgt wird, sondern von einer Sache, die den
Missionar oder Missionsfreund selbst angeht, auf die er sich in irgendeinem Maße selbst
einzulassen willens ist. Wie die Theologie eines Anderen, des theologischen Lehrers zum
Beispiel, dem Prediger überhaupt in Bezug auf 123 den Inhalt seiner Predigt
nur dienlich sein kann, sofern sie ihn selbst zur theologischen Arbeit anregt, so wird es
auch nicht sie, sondern bestenfalls die durch sie angeregte Theologie des Missionars selbst
sein können, die ihm für den konkreten Inhalt seiner Predigt konkrete Wegleitung gibt. Alle
Predigt ˹und so auch die Missionspredigt˺ ist
Ereignis und Entscheidung, für die der
Prediger eine Verantwortung trägt, die ihm letztlich niemand abnehmen kann. Wie sollte ihm
zum Beispiel gv-der ahnungslose europäische Theologe vorsagen-gv können, wie weit er – im fernen Land
da drüben, ˹in der fremden Sprach- und Vorstellungswelt,˺ in einer Situation, die sich
gw-dem Urteil dessen, der sie nicht genau kennt, völlig-gw entzieht – in der Anwendung von Gleichnissen und Veranschaulichungen und
überhaupt in der pädagogisch-psychologischen Anpassung gehen oder nicht gehen darf? Wie
sollte gx-er ihm im Allgemeinen-gx sagen können,
was er etwa wagen darf und vielleicht muss |203 an Bezugnahmen auf
die natürlichegy, moralische und religiöse Existenz des
Heiden, wie er ihn vorfindet?
Ich bin am Ende. Es darf nochmals betonthx werden, dass gerade alleshy zuletzt Gesagte nur als Beispiel und Andeutung gemeint sein konnte. Das Schwergewicht dessen, was hz-hier beigetragen werden sollte-hz, lag am Anfang und in der Mitte desia Vortrags. Ich darf bitten, alles Gesagte von dort aus zu verstehen.
Und nun hat jemand von «Lähmung des Missionswillens» durch die Theologie, speziell durch eine bestimmte
Theologie der Gegenwart, ge126redet.98 Ich würde mich nicht wundern, wenn man
finden sollte, dass dieser Vorwurf durch diesenib Vortrag bestätigt sei. Ich nehme den Vorwurf auf und erinnere daran,
dass wir alle aus der Bibel von einem Mann wissen,
der gelähmt werden und sich Lähmung gefallen lassen musste, um als
Gelähmter obzusiegenic und id-den Namen Israel zu
bekommen-id [vgl.