Das erste Gebot als theologisches Axiom
Vortrag, gehalten in Kopenhagen am 10. März
und in Aarhus am 12. März 1933
Man versteht unter einem Axiom einen Satz, der keines Beweises durch andere Satze fähig, der eines
solchen Beweises aber auch nicht bedürftig ist, weil er sich selbst beweist30 – einen Satz, der vielmehr |215
umfassend und kräftig genug ist, die letzte entscheidende Voraussetzung zum Beweis aller
anderen Sätze eines bestimmten wissenschaftlichen Bereiches zu bilden. Wenn es, wie der Titel
meines Vortrages behauptet, auch ein theologisches
Axiom gibt, so ist damit gesagt: auch die Theologie
beruht hinsichtlich des Beweises ihrer Sätze auf einer letzten entscheidenden Voraussetzung,
die als solche weder bewiesen werden kann noch bewiesen zu werden nötig hat, sondern die Alles
zu ihrem Beweise Nötige selber sagt. Sie ist so genau angebbar wie das Axiom oder wie die
Axiome irgendeiner anderen Wissenschaft. Die theologischen Sätze sind an ihr ebenso streng
gemessen wie die Sätze jeder anderen Wissenschaft an ihren Axiomen: jeder theologische Satz
steht unter der Frage, wie er sich zu dieser Voraussetzung aller theologischen Sätze verhält,
das heißt, ob und wie er von ihr aus beweisbar, haltbar und also rechtmäßig ist.
Aber freilich: wer von einem theologischen Axiom redet und wer nun gar die
bestimmte Angabe macht: das erste Gebot – das bekannte erste Gebot des Dekalogs – ist das theologische Axiom, dera muss sich |216 sofort darüber klar
sein, dass er dem Begriff eine Füllung und einen Sinn gibt, den er so jedenfalls nur in der
Theologie haben kann. Er wird im Geringsten nicht meinen dürfen, mit der Wahl dieses Begriffes
eine gemeinsame Plattform, einen «Anknüpfungspunkt»31 zu einem Gespräch mit
dem Logiker, dem Mathematiker, dem Physiker gefunden zu haben. Er wird sich nicht wundern
dürfen, diese seine Wahl vom Logiker, vom Mathematiker, vom Physiker her als einen unleidlichen
Missbrauch dieses Begriffes getadelt zu hören. Er wird ja schon, bevor dieser Einspruch
erfolgt ist, wissen, dass die theologische Voraussetzung, dass das erste Gebot eine Instanz
sui generis ist. Er wird ja den Begriff «Axiom» gewiss nicht darum zur Bezeichnung
jenerb Instanz wählen, weil 128 er
der Meinung wäre, dass diese Instanz unter diesen Begriff fiele, ˹nicht darum,˺ weil er diesem
Begriff eine ihm von Haus aus eigene Ähnlichkeit mit jenerc Instanz, eine immanente Analogie
zu ihr und also die Fähigkeit, diese Instanz zu begreifen, zuschreiben würde. Er wird ihn also
nicht etwa um seiner Eignung willen wählen. Nicht durch den Begriff
«Axiom», sondern ˹nur˺ an ihm, und zwar trotz ihm, ˹nur˺ durch einen Einbruch in seinen
allgemeinen Gebrauch, ja durch eine Umkehrung dieses Gebrauchs, sagen wir also ruhig: ˹nur˺
durch einen Missbrauch dieses Begriffs kann versucht werden, die theologische Voraussetzung
und ihre Bedeutung für die theologischen Sätze zu bezeichnen. Es verhält sich mit dem Begriff
des Axioms wie mit allen Elementen der mensch|217lichen Sprache,
einerlei, ob sie dem philosophischen oder einem andern
Bereich angehören: er hat an sich keine Analogie zu dem, was er im
theologischen Gebrauch bezeichnen soll. Nur darum kann es sich handeln, dass er sie, dass er
eine «Analogie des Glaubens» (Röm. 12,6) in
diesem Gebrauch vielleicht bekomme. Kraft dieser empfangenen, nicht kraft
einer immanenten Analogie mag er dann in der Tat zum
«Anknüpfungspunkt» eines
Gesprächs über die theologische Voraussetzung dienen. Gerade wenn das erste Gebot wirklich die theologische Voraussetzung sein sollte, ist mit
aller Bestimmtheit dies vorauszuschicken – vorauszunehmen als eine Folgerung, die sich
notwendig aus dieser Gleichsetzungd selbst ergibt und an der wir uns den Sinn dieser
Gleichsetzunge sofort ein
erstes Mal anschaulich machen: Was hier «Axiom» bedeutet, ist, ohne Rücksicht auf den allgemeinen Sinn dieses
Begriffes, von der ˹hier˺ damit bezeichneten Sache her zu bestimmen. Denn: «Du sollst keine
andern Götter neben mir haben!» [Ex. 20,3]
Die Theologie ist nicht in der Lage, den Eigen-Sinn der Sprache an irgendeinem Punkte endgültig zu respektieren. Sie kann sie als Herrin
unmöglich gelten lassen. Wir sagen also «Axiom», weil die Sprache uns in diesem Begriff eine
Gelegenheit bietet zu dem Versuch, zu sagen, was auch und gerade dieser Begriff an sich und in
seinem allgemeinen Gebrauch nicht sagen könnte: was es auf sich hat um die
schlechthin begründete und begründende theologische Voraussetzung. Und so steht es auch
umgekehrt: Wer das, was da zu sagen versucht wird, wirklich hören sollte, der würde es nicht
mittelsf dieses Begriffes in seinem
allgemeinen Gebrauch hören, sondern durchg Missbrauch dieses Begriffes würde ihm eine Gelegenheit geboten sein, zu
hören, was er mittelsh dieses Begriffes in
seinem allgemeinen Gebrauch unmöglich hören könnte.
129 Wir sprechen zuerst von der besonderen Füllung, von dem besonderen Sinn, den
der Begriff «Axiom» dann bekommt, wenn
wir die theologische Voraussetzung damit bezeichnen.
218 1. Das erste Gebot «steht geschrieben» [vgl. Mt. 2,5; Lk. 10,26; Act. 1,20
u. ö.] im 20. Kapitel des Buches Exodus. Es
ist dem theologischen Axiom
wesentlich, dass es «geschrieben steht», das heißt, dass es Bestandteil der Urkunde ist, auf die bezogen die Kirche in der Welt als
Kirche existiert. Die Kirche existiert, indem sie diese Urkunde als das alleinige Zeugnis von
Gottes alleiniger Offenbarung liest und verkündigt und wieder liest, verkündigt und liest und wieder
verkündigt. In dieser Lebensbewegung der Kirche
existiert auch die Theologie. Darum kann ihre Voraussetzung nur sein, was «geschrieben
steht»; darum können ihre Sätze grundsätzlich nur Auslegung sein. Wir schlagen, indem wir
hier und heute gerade das erste Gebot namhaft machen, eine
ganz bestimmte Stelle dieser Urkunde auf, weil wir in ihr das theologische Axiom besonders deutlich zu hören meinen. Wir könnten es
gewiss auch an andern Stellen hören. Wir könnten auch das Wort Joh. 1,14: «Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen
seine Herrlichkeit», wir könnten auch das Wort Matth. 11,28i: «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!», wir
könnten auch das Wort II. Kor. 5,19:
«Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber» als das theologische Axiom
angeben, weil alle diese Worte uns grundsätzlich nichts anderes zu hören geben als das erste
Gebot und weil im ersten Gebot nichts anderes gesagt ist, als was alle jene Worte an ihrem
Ort und in ihrer Weise auch sagen. Wenn wir Ohren hätten, zu hören [vgl. Mt. 11,15 u. ö.], würde uns gewiss jede Stelle
jener Urkunde von der einen theologischen Voraussetzung reden. Aber die Beziehung, in der die
Kirche existiert, ihre Beziehung zu jener Urkunde, wird doch wohl immer ihre Beziehung zu je
einer ganz bestimmten Stelle in dieser Urkunde, zu einem bestimmten «Text» sein müssen, der
jeweils heute und hier als pars pro toto zu ihr redet. Wir versuchen es heute und hier,
gerade diese Stelle, gerade das erste Gebot als theologisches Axiom zu uns reden zu lassen. – Es dürfte
nun deutlich sein, dass wir den allgemeinen Begriff des Axioms schon damit gesprengt haben, dass wir bei der Frage nach dem theologischen
Axiom gerade von der Kirche aus fragen und darum so
selbstverständlich gerade in jener Urkunde unsere Antwort finden. Den Axiomen im allgemeinen
Sinn des Begriffes dürfte es |219 gerade nicht wesentlich sein, dass
sie irgendwo und dass sie in einer bestimmten, den Charakter einer Autorität
130 besitzenden Urkunde
«geschrieben stehn». Ihnen dürfte es vielmehr wesentlich sein, dass sie, gleichgültig, ob und
wo sie auch geschrieben stehen mögen, jedenfalls auch direkt, unmittelbar, allgemein
auffindbar und gerade ohne formale Autorität einleuchtend sind. Das erste Gebot, das
theologische Axiom aber ˹ist nicht
direkt, nicht unmittelbar, nicht allgemein auffindbar, es˺ «steht geschrieben», und nur so
und darin ist es Axiom, dass es geschrieben steht: geschrieben für eine Kirche, für die es
Autorität hat und die schlechterdings darin und nur darin existiert, dass sie dieses
Geschriebene liest und verkündigt.
2. Das erste Gebot steht geschrieben als
Bericht über ein zeitliches Ereignis, nämlich als eine Anrede einer Person
an eine andere Person: «Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der Herr
dein Gott! Du sollst keine andern Götter neben mir haben!» [Ex. 20,1.2a.3] In solcher Anrede: Ich – du! tritt Gott auf den Plan, wird das
theologische Axiom aufgerichtet. Was immer wir über Gottes Ewigkeit zu wissen meinen – es wird uns, wenn wir hier verstehen wollen, nicht
veranlassen dürfen, von dem Ereignischarakter dieses Axioms auch nur ein Jota [vgl. Mt. 5,18] abzustreichen. Nicht von einer zeitlosen
Beziehung, sondern von einer in der Zeit sich abspielenden Geschichte zwischen Gott und Mensch ist hier die Rede. ˹Ein Denken sub specie aeterni32 hilft zwar hier gar nicht.˺ Dass das Wort Fleisch ward, dass Gott menschlich zum Menschen redet,
in der Seinsweise des Menschen j-also und-j in der Zeit,
das ist der Sinn schon des Buches Exodus. Nicht
indem wir die zeitlose Wahrheit dieses zeitlichen Ereignisses zu erhaschen suchen, sondern
indem wir diesem zeitlichen Ereignis als |220 Hörer des geschriebenen
ersten Gebotes gleichzeitig33
werden, verstehen wir das theologische Axiom. Wer sich in seiner Zeit dieselbe
zeitlich bestimmte Anrede Gottes gefallen lassen muss, die sich der Israelit am Sinai zu seiner Zeit wohl oder
übel gefallen lassen musste, der und nur der versteht das theologische Axiom. Man versteht es
auf keinen Fall als Zuschauer und Beurteiler dieses zeitlichen Ereignisses. – Vom Axiom im
allgemeinen Sinn des Begriffes wäre
offenbar zu sagen, dass seine Wahrheit und Geltung an eine solche Anrede,
an ein solches Ich–du, an ein solches zeitliches Ereignis auf keinen Fall gebunden ist. Sie
kann gar nicht durch eine Anrede von Person zu Person vermittelt werden, sondern sie wird
entweder unmittelbar oder gar nicht erkannt. Sie leuchtet durch sich selbst ein, und sie
leuchtet zeitlos ein, ganz unabhängig von dem Ereignis ihrer Erkenntnis. Das Ereignis, die
Geschichte, kann hier nur «Vehikel»
sein, wie das 18. Jahrhundert sagte.34
Überall, wo 131 angeblich letzte Wahrheit in dieser Weise ungebunden ist, abstrahierbar von den Personen und von der Zeit in sich selber ruhend, da haben wir
es, auch wenn sie sich als religiöse, als christliche Wahrheit ausgibt, mit Axiomen im
allgemeinen Sinne des Begriffes, nicht mit dem
theologischen Axiom zu tun. Das theologische Axiom
erkennt man daran, dass es nur in dem Augenblick35, dem zeitlichen Augenblick seiner Offenbarung von Per|221son zu Person ˹und also nur für ein durch diesen Augenblick bestimmtes und
gebundenes Denken˺ Wirklichkeit und Geltung besitzt. Es ist die Ewigkeit des Wortes, das sich, wie geschrieben steht, in
unser Fleisch und also in die Zeit verborgen hat und immer wieder verbirgt.
3. Wir können das erste Gebot, wenn wir es
in dem biblischen Zusammenhang verstehen wollen, und wir können also das theologische Axiom wirklich nur als das, ˹als˺ was es
sich gibt, nämlich als Gebot, verstehen. Es ist wesentlich nicht nur eine
Mitteilung Gottes über sich selbst: etwa über seine Einzigkeit, etwa darüber, dass es neben
ihm keine Götter gebe.k Es
istl nicht bloß eine Offenbarung göttlicher Wahrheit. Sondern es ist
wesentlich ein Befehl Gottes an den von ihm einzeln angeredeten Menschen
˹in Israel˺. Gott bezeichnetm sich nicht nur als der Herr, sondern er benimmtn sich als solcher,
indem er fordert, gebietet, verbietet: «Du sollst keine andern Götter neben mir haben!» Man
darf auch von diesem göttlichen Sichbenehmen, von diesem faktischen Herrsein Gottes keinen
Augenblick abstrahieren. Das theologische Axiom ist wesentlich eine göttliche Stellungnahme.
Damit ist o-nun aber auch die Erkenntnis des theologischen Axioms durch den Menschen wesentlich als eine bestimmte
Stellungnahme qualifiziert-o. Hört er nicht, was ihm gesagt
wird, dann wird das nicht nur heißen, dass er sich irrt, sondern dass er ungehorsam ist. Hört
er, was ihm gesagt wird, so wird das nicht nur heißen, dass er richtig verstanden, sondern
dass er gehorcht habe. Es wird |222 zuerst und entscheidend das
heißen: Gehorsam oder Ungehorsam. Die ˹göttliche˺
Wahrheit, die ihm durch das Gebot freilich auch gesagt
wird, kommt – wenn sie zu ihm kommt – zu ihm durch eine göttliche Entscheidung und so oder so in einer darauf antwortenden menschlichen Entscheidung. – Auch das ist eine dem allgemeinen Begriff des Axioms fremde Bestimmung. Ein Axiom im allgemeinen Sinne des
Begriffes bedarf, um einleuchtend zu sein, p-keines göttlichen
Befehls-p, und ebensowenig wird seine
Erkenntnis oder Nichterkenntnis als Gehorsam oder Ungehorsam zu verstehen sein. Sondern es wartet irgendwo – in den Dingen selbst oder
in der menschlichen Vernunft? wir müssen 132 die Frage den Philosophen überlassen – es wartet irgendwo ˹im Bereich des
Menschen˺ darauf, vom Menschen entdeckt und gewürdigt zu werden. Je im Akt dieser
grundsätzlich jedem Menschen als solchem möglichen Würdigung bekommt und hat es ˹für uns˺
Geltung, ist es ἀξίωμαq. Seine Geltung ist also zugleich ein Triumph menschlicher Freiheitr. Die
Wahrheit des theologischen Axioms ˹aber˺ liegt im
göttlichen Bereich und darum ist auch seine Geltung ein Triumph göttlicher
Freiheit und eine Sache menschlichen Gehorsams oder Ungehorsamss. Indem ich die Geltung eines Axioms im
allgemeinen Sinne des Begriffes erkenne und anerkenne,
verwirkliche ich meine Menschenwürde. Ich selbst wage jetzt
diese und diese letzte Voraussetzung, stoße da und da vor zu den Grenzen der Humanität36. Anerkenne ich die Geltung des
theologischen Axioms, so anerkenne ich, nicht in
Verwirklichung, sondern in einer mir widerfahrenden Einschränkung meiner Menschenwürde, dass
ich selbst Gegenstand einer Voraussetzung bin. Dort bin ich Herr, hier habe ich einen Herrn. Wohl verstanden: Ich weiß ˹dann˺ nicht nur, dass es |223 einen Herrn gibt; ich kenne ihn ˹dann˺ nicht nur, sondern ich habe
ihn. Ich habe ihn, indem er befiehlt und indem ich gehorche. Ja, ich habe ihn auch dann, wenn
ich nicht gehorche. Ich habe ihn dann eben so, wie auch ein ungehorsamer Knecht seinen Herrn
hat [vgl. Mt. 24,48–51 par.].
Wollten wir das theologische Axiom anders haben als so, anders denn als einen ergehenden
Befehl, dem wir gehorsam oder ungehorsam sind, dann würden wir es nicht so haben, wie es
geschrieben steht. Wir würden dann gewiss nicht das theologische Axiom, sondern irgendein anderes Axiom haben.
4. Es ist eine wesentliche Eigentümlichkeit des ersten Gebotes, dass der, der dieses Gebot gibt und der sich der Herr
nennt, zu dem, dem er es gibt, in dem Verhältnis des Befreiers zum
Befreiten, des Erretters zum Erretteten steht. «Ich bin der Herr dein Gott,
der ich dich aus Ägyptenland, dem Diensthause, geführt habe.» [Ex. 20,2] Auch diese Vorgeschichte des Gebotes ist nicht etwa zufällig.
Auch von ihr kann nicht etwa abstrahiert werden. Wer der Gott ist, der im ersten Gebot
persönlich mit seinem Befehl auf den Plan tritt, das ergibt sich vielmehr entscheidend aus
dieser Vorgeschichte seines Befehlens. Er ist der Erlöser Israels [vgl. Jes. 49,7] und so jedes einzelnen Israeliten. Er hat
– int seiner Freiheit, aber ˹wir
müssen˺ nun deutlich ˹sagen˺: in der Freiheit seiner Barmherzigkeit – Israel erwählt unter den
Völkern [vgl. Dtn. 7,6; 10,15; 14,2]. Er hat einen Bund zwischen sich und
ihm aufgerichtet [vgl. Gen. 17,7], und er
hat diesen Bund seinerseits bereits gehalten und bewährt. Israel existiert kraft dieses von
seinem Gott aufgerichteten und schon gehaltenen Bundes. 133 Der Gott des
ersten Gebotes ist also der Gott des Menschen, den er in
diesem Gebot anredet, weil und indem er der mächtige und gnädige Gott Israels ist. Er ist, wie Calvin sagt, der «Deus ecclesiae» (Instit.
II 8,14
📖). Als solcher sagt er: Ich und du, als solcher nennt er sich den Herrn und verhält er
sich als Herr. Er war schon auf dem Plan in seiner Wundertat an einem elenden, verlorenen
Volk, an einem Volk, das es in keiner Weise verdient hatte, dieses Gottes Volk zu sein. Er hatte sich schon erwiesen, mit
Luther zu reden, als «der ein
ewiger Quellbrunn ist, der sich mit eitel Güte übergeußet und von dem alles, was gut ist und
heißet, ausfleußt» (WA. 30 I, 136,137). Dann und darauf hin tritt er
|224 mit seinem Gebot auf den Plan. Seine schon erwiesene Güte ist
die Kraft des Gebotes. Sein Gesetz steht keinen
Augenblick für sich und auf sich selbst. Es steht in und auf dem Evangelium von seiner geschehenen Hilfe im Tode, das als solches die Verheißung
neuer Hilfe ist. «Ich bin der Herr, dein Gott». Dein
Gott, das heißt der Gott, der als solcher schon an dir gehandelt hat, befiehlt: «Du sollst
keine andern Götter neben mir haben!» «Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat» (Ps. 103,2). Um dieses Nichtvergessen handelt es
sich beim Gehorsam, um dieses Vergessen beim
Ungehorsam gegen dieses Gebot. Gehorsam ist Dankbarkeit, Ungehorsam ist Undankbarkeit. Das
theologische Axiom lässt sich nicht lösen aus diesem
soteriologischen oder, sagen wir gleich konkret: aus diesem
christologischen Zusammenhang. Die Offenbarung
u-geschieht in-u der Versöhnung, inv dem von Gott aufgerichteten und gehaltenen Bund
zwischen ihm und den Menschen. Sie w-geschieht durch-w
Sündenvergebung, Rechtfertigung und Heiligung. Auch als
Offenbarung des Gesetzes! Jesus Christus ist der Sinn des Sinaigesetzes, sofern es Gottes Offenbarung ist. – Der allgemeine Begriff des Axioms versagt hier völlig. Was sollte die Geltung und
Erkenntnis eines logischen undx
mathematischen Axioms mit göttlicher Wahl, Bundesschließung,
Gnade, Sündenvergebung zu tun haben? Es ist sicher nicht darum und darin Axiom, dass Jesus
Christus gestorben und auferstanden ist. Ihm ist es vielmehr gerade wesentlich, keine
solche Vorgeschichte zu haben. Sondern in der ihm immanenten Kraft und Bedeutung, von Haus
ausy, z-unabhängig von-z Gottes Gnade oder Zorn und aa-ohne Beziehung
zu-aa des Menschen Heil oder Unheil, hat es immer und überall Geltung,
kann es in seiner |225 Geltung immer und überall erkannt werden. ˹Von
gewissen, angeblich der sittlich-politischen Geschichte zu Grunde liegenden Axiomen ist offenbar Ähnliches zu sagen. Man
nimmt sie in der heutigen Theologie mit 134 merkwürdigem Eifer als
«Schöpfungsordnungen» in Anspruch.38˺ Das theologische Axiom aber gilt und wird erkannt im «regnum gratiae»39 und eben darum in der Kirche, wo die Botschaft von diesem
Reich gehört, geglaubt und verkündigt wird. ˹Ein Axiom, das man abstrakt aus der Schöpfung meint
ablesen zu können, ist, was es auch sein mag, sicher nicht das Gebot Gottes, nicht theologisches Axiom. Das
theologische Axiom˺ istab das Wort, das Gott an die Sei|226nigen, an seine Erwählten und Berufenen richtet. «Subest locutioni
relatio» (Calvin l. c.40).
Das erste Gebot lautet: «Du
sollst keine andern Götter neben mir haben!» Was heißt das? Was heißt «andere Götter»?
Ein Gott ist nach Luthersac, die Meinung des biblischen Textes sehr genau treffender
Erklärung dasjenige, worauf ein Mensch sein Vertrauen setzt, dem er Glauben schenkt, von dem
er erwartet, dass esad ihm gebe, was er liebt, und ihn bewahre vor dem, was er
fürchtet.41 Ein Gott ist das, woran ein Mensch sein Herz hängt. Luther hat hinzugefügt,
dass ebensowohl Geld und Gut, Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre wie die
Abgötter des Heidentums und die Heiligen des Papsttums und nicht zuletzt des Menschen gute
Werke, seine eigenen sittlichen Leistungen in diesem Sinne wirklich Götter sein könnten.42 Immer da, wo das Herz eines Menschen, also immer da, wo der Grund seiner
letzten eigentlichen Zuversicht und Hoffnung, das «primum movens» seiner Lebensbewegung, aber
auch das Fundament seiner Lebensruhe ist, immer da ist auch in aller Wirklichkeit sein Gott.
Das Gebot sagt nämlich nicht, dass es keine andern Götter gebe neben dem, der da gebietet.
Oder vielmehr: es sagt das nur – und das ist etwas anderes – indem es verbietet, andere Götter neben Gottae zu haben. Es legt nicht dazu die Hand auf den
Israeliten, um ihn darüber aufzuklären, dass sein Gott der einzige Gott sei. Man darf die
Einzigkeit eines höchsten Prinzips aller Dinge, auch wenn dieses höchste Prinzip mit dem
Namen Gottes bezeichnet wird, jene Einzigkeit, über die der Mensch allenfalls aufgeklärt
werden kann, mit der Einzigkeit Gottes, wie sie hier offenbart wird, nicht verwechseln.
Gerade jenes Einzige, ob es nun das höchste Sein oder der absolute Geist oder auch Gott |227 genannt
werde, über das der Mensch allenfalls aufgeklärt werden kann, dürfte vielmehr zu den andern
Göttern gehören, af-die neben Gott zu haben durch das Gebot verboten
sind-af. Das Gebot sagt von ag-diesen andern Göttern-ag gar nicht einfach, dass
sie keine Wirklichkeit hätten. Es setzt bekanntlich vielmehr voraus, dass sie eine bestimmte
Wirklichkeit hätten, so gewiss es voraussetzt, dass es Völker 135 gibt, die
sie als Götter haben, die diesen Göttern ihr Herz
schenken. Wo das geschieht, da sind eben Götter. Das Gebot legt aber die
Hand auf den Israeliten, es isoliert ganz Israel als
solches gegenüber diesen Völkern mit der Forderung, diese andern Götter trotz ihrer Existenz
nicht etwa neben dem Gott Israels, dem «Deus ecclesiae», neben dem Ich, das den Israeliten
als du anredet, neben dem Gott, der Israel aus Ägypten geführt, auch als
Gott zu haben, also für Gott zu halten. Der Israelit soll sein Herz nicht zwischen seinem
Gott und jenen Göttern teilen. «Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!»
[Ex. 20,5a], wie es nachher heißt. Die
Offenbarung der Einzigkeit Gottes im ersten Gebot ist kein Theorem, sondern ein Sicherheben eines Gottes, des «Deus ecclesiae» mitten heraus aus der zunächst als unbestreitbar
wirklich anerkannten Vielheit der Götter, sein Griff nach bestimmten Menschen: Ich bin euer Gott, und weil ich es bin, kann und will nur ich allein es sein. In dieser herrischen, exklusiven Handlung an diesen Menschen,
in diesem einzigartigen Gebaren existiert dieser Gott und offenbart er sich als der einzige
Gott und alle andern Götter in ihrer ganzen vor seiner Offenbarung versinkenden Wirklichkeit
als Nichtse [vgl. Ps. 96,5; 1.Chr. 16,2643]. Und darin, dass ihm, ihm ganz allein, Furcht,
Liebe und Vertrauen entgegengebracht wird,44 darin und nur darin wird er als der einzige Gott und werden
neben ihm alle andern Götter trotz und in ihrer
Wirklichkeit als Nichtse erkannt von diesen Menschen.
Uns beschäftigt ein bestimmter kleiner Ausschnitt aus der Bedeutung diesesah Gebotes: seine Bedeutung für die Theologie. Theologie
|228 ist der mit den Mitteln des menschlichen Denkens und der
menschlichen Sprache unternommene Versuch einer wissenschaftlichen Klärung der Frage nach dem
Grund und Gesetz der Kirche und ihrer Verkündigung. So steht sie von Haus aus im Bereich der
Heiligen Schrift und damit des ersten Gebotes. Dort, wo in andern Wissenschaften die Axiome stehen, steht in der Theologie vor allem theologischen
Denken und Reden, an seiner Quelle oder Wurzel, begründend und kritisch, aber wie wir sahen:
ganz anders begründend und kritisch als alle andern Axiome, der Befehl: Du sollst keine
andern Götter neben mir haben! Theologisch verantwortlich denke und rede ich dann, wenn ich
mich bei dem, was ich als Theologe denke und rede, diesem Befehl gegenüber verantwortlich
weiß und wenn ich diese meine Verantwortlichkeit kenne als Verantwortlichkeit gegenüber einer
Instanz, von der es keinen Appell an eine andere höhere gibt, ai-weil
sie-ai selbst die letzte und höchste, die schlechthin entscheidende
Instanz ist. 136 «Du sollst keine andern Götter neben mir haben!» Nichts ist weniger
selbstverständlich als dies, dass gerade die Theologie wirklich keine andern Götter ˹hat˺ neben dem «Deus ecclesiae»! ˹Es ist ja heute so wenig selbstverständlich wie
am Sinai [vgl. Ex. 19,11.20] oder wie an dem Morgen, da Jesus Christus
auferstand von den Toten [vgl. Mt. 28,1 parr.]: dass dieser Gott sich erhebt und sich hören lässt: «Ich bin der Herr dein
Gott!» und die andern Götter zu Nichtsen macht und dass dieser Gott unser Herz so gefangen
nimmt, dass wir gerade ihn fürchten, ihn lieben, ihm vertrauen müssen.˺ Auch und gerade die Theologie ist ˹immer wieder˺
gefragt: wo sie nun eigentlich ihr Herz, ihre Anliegen, ihr Interesse habe, und ob ihr Herz
nicht etwa heimlich ein ˹zwischen diesem Gott und den andern Göttern˺ geteiltes Herz sein möchte. Sieaj ist zum Beispiel gefragt nach dem bei ihrer Arbeit vorausgesetzten
Begriff vom höchsten Gut oder vom höchsten Wert. Sie ist
gefragt nach der Quelle, aus der sie ihre Sätze ableitet. Sie ist gefragt nach dem Maßstab der Gewissheit, die sie ihren Sätzen beilegt. Sieak ist gefragt nach dem praktischen Motiv, nach der Absicht, in der sie gerade diese Sätze und
diese |229 gerade so und so bildet. Sie ist gefragt, wo sie
eigentlich herkommt und wo sie eigentlich hin will. Und auf allen Seiten werden andere
Götter, andere Gründe und Gegenstände der Furcht, der Liebe und des Vertrauensal neben dem «Deus
ecclesiae» auch und gerade für die Theologie sehr ernsthaft in Betracht kommen. Sollte die
Theologie wirklich an dem einen dünnen Faden hängen, den wir vorhin beschrieben
habenam: an dem geschriebenen
Bericht von dem zeitlichen Ereignis eines Befehls des in Jesus Christus barmherzigen Gottes? Alle Theologie meint und behauptet natürlich
«irgendwie» an Gott zu hängen. Aber wird dieseran und nur dieserao˹, der hier und so sich offenbarende Gott˺ der Gott sein, an dem sie
hängt? Sollte sie wirklich hier und nur hier den höchsten Wert, die Erkenntnisquelle, das
Gewissheitskriterium, ihr praktisches Motiv erkennen müssen? Man braucht die Frage bloß zu
stellen, um zu verstehen, dass in der Theologie zu allen Zeiten geseufzt und geklagt worden
ist über die schwer erträgliche Enge ihrer Situation, über die gefährliche Isolierung, in der
sie sich befinde, über die Bedenklichkeit, taub bleiben zu sollen ap-gegenüber den-ap Stimmen des bewegten, schönen und tiefen Lebens˹,
gegenüber der Fülle der andern, der allgemeinen Axiome˺
rings um sie her, die alle in ihrer Art zu rufen scheinen: «Introite nam et hic dii
sunt!»45 Sollte Gott nicht
größer und reicher sein als so? Sollte er durch Kirchenmauern, sollte er durch ein Buch,
sollte er durch die Ereignisse der Jahre 1–30, sollte er 137 durch die
Offenbarung und den Glauben des alten und des neuen Israel beschränkt sein? Arme Theologie,
die einen so kleinen Gott hat! Arme Theologie, die so ˹einem˺ auf die Spitze gestellten Kegel
gleichen muss! Wer kann uns hindern, so zu klagen und zu fragen? Wer kann uns hindern, hier
nach Abhilfe zu suchen? Das Wort «Gott» ist geduldig wie alle Worte. Es |230 steht uns gewiss frei, bei diesem Worte ˹polytheistisch˺ an dies und das und vielleicht auch monotheistischaq an alles zu denken, was uns wahr, groß und verehrungswürdig erscheinen mag. Und
es mag uns dann auchar freistehen,
eine entsprechende Theologie zu treiben: je nach Bedürfnis und Neigung ausgerichtet nach diesem Wert und sich nährend aus jener Quelle, die
Gewissheitsfrage so beantwortend und getrieben von jenen
praktischen Absichten. Der freie Mensch kann alles. Das ist’s, was die neuere protestantische
Theologie, die
Theologie seit der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert46 gut, nur zu gut begriffen hat. ˹Sie meinte besser
als jede frühere Theologie zu wissen, dass es doch wirklich recht schwer sei, der Philosophie, der Geschichts- und Naturwissenschaft und so
vielen anderen Errungenschaften der modernen Welt
gegenüber mit Gott und seinem Wort in jenem engen exklusiven Sinne des Begriffes so ganz
allein zu stehen. Und˺ sie meinte mehr als jede frühere Theologie rings um sie her
Möglichkeiten und Notwendigkeiten, Wahrheiten und Wirklichkeiten, «Anliegen» und Bedürfnisse entdeckt zu haben, so
beachtlich, so wichtig, so ernst, dass sie sich ihnen nicht entziehen, ˹dass sie ihnen ihr
Herz schenken,˺ dass sie sie faktischas als zweite, dritte, vierte Offenbarung neben der ersten
anerkennen zu müssen meinte. So sagte das 18. Jahrhundert: Offenbarung und
Vernunft.47 So sagte Schleiermacher:
Offenbarung und religiöses Bewusstsein.48 So sagten A. Ritschl und die |231 Seinen: Offenbarung und
Kulturethosat.49 So sagten Troeltsch und die Seinen: Offenbarung
und
Religionsgeschichte.50 Und so sagt man heute von allen Seiten: Offenbarung und
Schöpfung,51 Offenbarung und
Uroffenbarung,52 Neues Testament
und menschliche Existenz,53
|232 das Gebot
und die Ordnungen.54 Die Freiheit zu solchen Entdeckungen und die Aufrichtigkeit, der
Scharfsinn und die Frömmigkeit, in der sie gemacht wurden und noch werden, sind nicht zu
bestreiten. Man kann sich auch nicht einfach mit dem ersten Gebot bewaffnen und feststellen, dass es in der neueren protestantischen Theologie
übertreten worden sei und noch werde. ˹Richter kann und wird hinsichtlich des ersten wie
hinsichtlich aller Gebote nur der Gesetzgeber selber
sein. Er allein weiß, ob der Mensch ihm sein Herz und ob er ihm sein 138
ganzes oder ein geteiltes Herz zu schenken bereit ist.˺ Man kann nur fragen. Sich selbst und die au-ganze moderne-au Theologie ˹des «und»˺ fragen, ob av-gegen jene Freiheit, gegen jenes «und»-av
angesichts der Verantwortlichkeit der Theologie voraw dem ersten Gebot nicht mindestens ein schweres Bedenken bestehen möchte. Ich sehe zum Stellen
dieser Frage folgende konkrete Anlässe:
1. Wenn die Theologie, wissend um ihre Verantwortlichkeit, es für nötig
hält, den Begriff der Offenbarung mittels des auf alle Fälle folgenschweren Wörtleins «und»
zu einer andern aus irgendeinem Grund für wichtig gehaltenen Instanz in Beziehung zu setzen,
dann wird sich diese Verantwortlichkeit dahin zeigen, dass sie in merklich erhöhtem Ernst
und Interesse von der Offenbarung und nur beiläufig und um der Offenbarung willen von jener
andern Instanz reden wird. In der merklich ungleichen Verteilung ihres Eifers und ihres
Pathos wird sie zeigen, wo sie ihr Herz, wo sie ihren Gott hat: dass sie ihn da hat, wo er
in seinem Gebot sich selber hingestellt hat. Es ist bei den Reformatoren, die bekanntlich
der Natur, dem Naturrecht und der |233 natürlichen Religion nicht jede Anerkennung versagt haben, ganz klar, wo
sie bei ihrer Frage nach dem Grund und Gesetz der Kirche ihr Herz und also ihren Gott
haben.55 Es
ist aber in der neueren protestantischen Theologie von Buddeus und Pfaff56 bis und mit Hirsch und Althaus, Gogarten und Brunner nicht klar, ob ihr Eifer und ihr Pathos nicht vielmehr jener
andern Instanz gilt. Wo wird sie gesprächig, zornig und freudig, nachdrücklich und
eindrücklich, diese Theologie? Wo schlägt sie ihre Entscheidungsschlachten? Wir hören sie
immer da am lautesten˹, eindringlichsten˺ und feierlichsten reden, wo sie auf die mit dem
Wörtlein «und» mit der Offenbarung in Beziehung gesetzten Dinge zu sprechen kommt. ˹Mit der
Apologie einer bestimmten kleinbürgerlichen Moral fing
es im 18. Jahrhundert an,57 mit der
Apologie von Volkstum, Sitte und Staat scheint es heute endigen oder
vielmehr noch nicht einmal endigen zu wollen.˺ Wäre es nicht umgekehrt am Platze, gerade da
tonlos und beiläufig zu reden? Zum Zeichen, dass wirklich keine «andern Götter» auf dem
Plane sind, dass das Herz ungeteilt bei dem einen Gott
ist?
2. Wenn die Theologie es, wissend um ihre Verantwortlichkeit gegenüber
dem ersten Gebot, in der Tat nicht
unterlassen kann, indem |234 sie von der Offenbarung redet, auch vom
Menschen, von Vernunft und Erfahrung, von Geschichte und geschöpflicher Existenz
˹und dann gewiss auch von Volkstum, Sitte und Staat˺ zu
reden, dann wird sich diese Verantwort139lichkeit darin zeigen, dass sie
jene andern Instanzen nach Maßgabe der Offenbarung und
nicht etwa die Offenbarung nach Maßgabe jener andern Instanzen interpretieren wird. Sie wird
nicht mit einem auf der Erde aufgestellten Scheinwerfer den Himmel abzuleuchten suchen,
sondern sie wird versuchen, die Erde im Lichte des Himmels zu sehen und zu verstehen. Ich
darf daran erinnern, wie wir esax
vorhin versucht haben, denay Begriff
des theologischen Axioms nicht etwa vom allgemeinen
Begriff des Axioms, sondern eben vom göttlichen Gebot
aus˹, in seiner uns schlechterdings vorgeschriebenen Struktur˺ zu bestimmen. Wieder kann man
bei den Reformatoren seiner Sache dahin sicher sein, dass sie trotz ihrer gelegentlich und
beiläufig betriebenen natürlichen Theologie «keine
andern Götter haben», das heißt an keiner wichtigen Stelle die Offenbarung durch die Vernunft und durch die Natur oder durch die Geschichte richten
lassen, sondern immer umgekehrt. Diese Sache ist es, deren man in der neueren
protestantischen Theologie nicht ebenso sicher ist. Was helfen die stärksten und ehrlichsten
Beteuerungen über die ausgezeichnete, ja einzigartige Bedeutung der ˹biblischen˺
Offenbarung, wenn az-diese Einzigartigkeit-az
schon durch die angewandte Methode derba Interpretation dieserbb Offenbarung fraglich gemacht wird? Hat diese Theologie nicht von
Anfang an aus dem Gebrauch der Vernunft zum Verständnis dieserbc Offenbarung eine Kontrolle dieserbd Offenbarung durch die Vernunft und schließlich aus der
Vernunft den Rahmen, das Schema gemacht, nach Maßgabe
dessen be-sie diese-be Offenbarung allein bf-als solche anerkennen sollte-bf? ˹War es bei |235
Kant nicht so, dass der Name
Gottes gerade nur noch das und beileibe nicht mehr sagen durfte, als er
auf Grund des Vorverständnissesbg: dass er auf alle Fälle eine Idee der
praktischen Vernunft sein müsse, sagen konnte?58˺ War es bei Schleiermacher nicht so,
dass er Christus schlechterdings von der selbständig entdeckten Instanz «Religion» aus meinte verstehen zu sollen?59 Sind es heute
nicht ebenfalls diebh selbständig ˹im Voraus˺ festzustellenden ˹und zu bestimmenden˺
Instanzen Uroffenbarung, Schöpfungsordnung, menschliche Existenz,
die im Ganzen und im Einzelnen das Konzept, den Grundriss, die Systematik für die
theologische Lehre des 2. und 3. Artikels abgeben sollen?
Welches Gesetz wird uns heute als der «Pädagoge auf Christus» [Gal. 3,24] empfohlen? Das Gesetz vom Sinai? Das
Gesetz, das mit dem Evangelium von Hause aus eins ist? Das Gesetz, das zu Christus führt, weil auch es von Christus kommt? Oder
ein anderes, vielleicht aus der Verfassung der griechischen Polis oder eines Negerstammes
oder aus der 140 Ideologiebi des deutschen Mittelalters abgelesenes, vielleicht auch in freiem
Raisonnement über das Dasein und die Bestimmung des Menschen gewonnenes Gesetz? Wird es noch
das Evangelium sein, das nach ˹all˺ diesenbj
willkürlichbk vorgenommenen Schulmeistereien endlich und zuletzt ˹auch˺ zu
Worte kommt? Und |236 wenn das ˹trotz allerlei sehr glücklicher und
sehr dankenswerter Inkonsequenzen weithin˺ mindestens problematisch ist, muss man dann nicht
fragen, ob hier nicht doch so etwas wie «andere Götter» neben dem «Deus ecclesiae» zur
Diskussion zugelassen worden sein sollten?
3. Wenn die Theologie, wissend um ihre Verantwortlichkeit gegenüber dem
ersten Gebot, ˹die Offenbarung˺ in Beziehung sieht – und denkend und sprechend in
Beziehung setzt (in Beziehung setzen muss!) – zu Vernunft, Existenz,
Schöpfung oder wie die andere Instanz nun heißen mag,
dann wird sich diese Verantwortlichkeit auf alle Fälle bl-darin
zeigen-bl, dass es in dieser Beziehung, wie sie sie
auch sehen und verstehen möge, unter allen Umständen keine Möglichkeit der Vermischung oder
Vertauschung, keine Möglichkeit einer Identifizierung der beiden Begriffe geben wird.
Calvin hätte noch zehnmal
ausführlicher und nachdrücklicher vom «semen religionis» im Heiden
usw. sprechen können, als er es Instit. I,1–560 tatsächlich getan hat, wir könnten uns bei ihm
doch darauf verlassen, dass irgendeine Umkehrung zwischen diesem natürlichen «Unten» und dem
«Oben» der Gnade, der Prädestination, ˹des Wortes Gottes und des
Heiligen Geistes,˺ des Glaubens usw. bei ihm nicht vorkommen wird. Er hat eben an den
Möglichkeiten und Wirklichkeiten, die er auch dem gefallenen Menschen nicht absprechen will, tatsächlich «keine andern Götter»; ˹sein Herz hängt
nicht an ihnen; eine Apologie anderer Anliegen gegenüber dem der Kirche und darum eine andere Aufgabe der Theologie61 kommt bei ihm nicht in Betracht,˺
und darum bleiben ˹bei ihm˺ Rechtfertigung und Glaube an
ihrem, die Gaben des natürlichen Menschen ebenso streng an ihrem Ort. Und ich brauche nicht zu sagen, dass Luther hier selbstverständlich ebenso reinlich ist. In der
protestantischen Theologie von 1700 ab aber ist gerade hier alles ins Wanken und Schwanken
gekommen. Endigte die Diskussion des 18. Jahrhunderts nicht damit, dass die Wegscheiderbm 62 und Genossen, den großen |237
Kant verstehend oder auch
missverstehend, die Offenbarung fröhlich in der Vernunft aufgehen ließen, die Vernunft selber für die wahre
Offenbarung erklärten? Ist die Offenbarung bei Schleiermacher mehr als
eine Bestimmung des frommen Selbstbewusstseins, und ist sie bei den Theologen aus der Schule Hegels mehr als ein Teil
der Selbstbewegung des ab141soluten Geistes?63 Verschwindet sie bei Ritschl nicht in der Kultur
und bei Troeltsch und den
Seinen in der allgemeinen Religions- und Geistesgeschichte, bei Holl und Hirsch im Gewissen64 und bei Bultmann
bn-in einem bestimmt interpretierten-bn Dasein?
Ich muss auch gegenüber Brunner
und Gogarten fragen: Ist nun
eigentlich «Gott» mehr als ein anderes Wort für den Nächsten? Das Gebot mehr als ein anderes
Wort für die Ordnungen? Die Rechtfertigung mehr als ein
anderes Wort für das Leben in diesen Ordnungen? ˹Und
gegenüber Bultmann: Ob
Theologie und Anthropologie nun wirklich auswechselbare
Begriffe sein sollen?˺ Wo man in der Theologie mit dem ˹arbiträren˺ Begriff einer aus der
Schöpfung zu vernehmenden˹, das heißt mittelsbo irgendeiner mehr oder weniger klugen Exegese unserer Existenz zu
erkennenden˺ besonderen ersten |238
Offenbarung ernst gemacht hat, da hat das noch immer zur
Folge gehabt, dass die Offenbarung, von der das erste Gebot redet, zu einem Parergon, zu einem bloßen Schatten
wurde. ˹Ich weiß nicht, wie ich das, was in Gogartens Buch «Ich glaube an den dreieinigen Gott» aus dem 2. und 3.
Artikel und in Brunners Ethik aus der Rechtfertigung
wird,65 anders nennen soll.˺ Und es wäre doch wohl zu fragen, ob das möglich
wäre, wenn man nicht in jener angeblichen Schöpfungsoffenbarung, mag man lange beteuern, dass man sie selbstverständlich als
Offenbarung des einen einzigen Gottes verstehe, tatsächlich doch mächtige, herrschsüchtige,
ihrerseits exklusive «andere Götter»
auf den Plan gerufen und ihnen mindestens einen Teil seines «Herzens» geschenkt hätte. So
ist’s nicht gemeint! hören wir von allen Seiten. In der Tat antworten wir, so kann es ja in
der Theologie nicht gemeint sein. Aber warum redet man˹, warum schreibt man ganze gewichtige
Bücher˺ immer wieder so, als ob es eben doch so gemeint sei?
Die vom ersten Gebot alsbp dem
theologischen Axiom her nicht zu
umgehende Frage an die neuere protestantische Theologie ist aber darum
so unheimlich, bq-weil die-bq
Entwicklung dieser Theologie, wenn die gestellte Frage nach den «andern Göttern» nicht
bestimmt zu verneinen ist, bedeuten würde, dass diese Theologie ein freilich sehr viel
schwächeres und ungeschützteres Gegenbild zu der Theologie geworden ist,
von der sich die Reformatoren gerade unter Berufung auf das erste Gebot
geschieden haben. Die Reformation
wurde unvermeidlich, weil die Frage, ob nicht «andere Götter» im Leben und in der Lehre der
katholischen Kirche mitherrschen und mit anerkannt sein
möchten, dringlichbr und schwer wurde. Die katholische Kirche hat den «Deus ecclesiae»
wahrlich nicht preisgegeben. 142 Sie weiß auch um
Christus, auch um die Gnade, auch um den Glauben. Aber
sie ist groß in der Kunst, ihr Herz zwischen Gott und den Göt|239tern zu teilen. Sie weiß neben Christus noch um eine heilsnotwendige zweite Instanz, sie
weiß um ein jenem «Oben» in seinem Dasein und Sosein analoges, in seiner immanenten Struktur zu ihm hingeordnetes «Unten»: um den
Menschen mit seiner Fähigkeit, auf Grund der Gnade mit der Gnade zur Ehre Gottes und zu
seinem eigenen Heil zusammenzuwirken. Die Reformatoren sahen sich trotz der klugen und
vorsichtigen Art, mit der hier neben der Offenbarung eine andere Instanz geltend gemacht
wurde, durch das erste Gebot genötigt zu protestieren: Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’!66 Die Art, wie die neuere protestantische Theologie unter Anrufung
des Namens Gottes andere Instanzen neben der Offenbarung geltend gemacht hat, zeichnet sich
weder durch Klugheit noch durch Vorsicht aus. Sie bietet, verglichen mit ihrem augustinischen und thomistischen Gegenbild, handgreiflicheren Anlass zu der Frage, die damals
sogar zur Kirchenspaltung geführt hat. Aber nicht das ist’s, was sie uns unheimlich macht,
sondern die Frage, ob sie in der Lage ist, sich von dem augustinisch-thomistischen Gegenbild67
grundsätzlich zu unterscheiden, oder ob dieses ihr Gegenbild nicht etwa
geradezu ihr Urbild sein, ob sie etwa nichts anderes als eine etwas dürftige Variante des
katholischen Themas sein sollte. Ich sage nicht, dass dem so sei. Wer das sagen wollte, der
müsste von der Frage zum Protest oder vom innerkirchlich-theologischen zum
kirchentrennenden Protest übergehen. Die Frage freilichbs oder der innerkirchlich-theologische Protest muss – und muss heute in der völligen Verdunkelung der
theologischen Lage, die uns gerade die letzten Jahre˹, hauptsächlich in Form der
erschütternden Äußerungen von Bultmann, Brunner und Gogarten,˺ gebracht haben, nachdrücklicher als je angemeldet werden. Viele
Straßen führen nach Rom zurück!
Aber das soll unser letztes Wort nicht sein. Der im Blick auf das erste
Gebot als theologisches Axiom
unvermeidliche Streit gegen die na|240türliche Theologie ist ein Streit um den rechten Gehorsam in der Theologie. Der rechte Gehorsam, das
gute Werk in der Theologie muss in einem rechten theologischen Denken und Reden bestehen.
Recht und gut ist es dann, wenn es dem ersten Gebot entspricht und nicht widerspricht. Auch
die Theologie hat Anlass zu prüfen, «welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene
Gotteswille» (Röm. 12,2). Bei solcher
Prüfung kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Theologie heute – wir müssen heute 143 nach 400 und besonders nach 200 Jahren68 besser wissen als die Reformatoren, was es damit auf sich hat –
aller und jeder natürlichen Theologie den Abschied geben und es wagen sollte, in jener Enge,
in jener Isolierung, allein an dem Gott zu hängen, der sich in Jesus Christus offenbart hat. Warum? Weil ihr das und nur das
geboten, weil alles Andere Willkür ist, die zu jenem Gott nicht hin, sondern von ihm weg
führt. Das ist der einfache Sinn der These, die hier vertreten werden sollte. Aber auch die
Theologie wird tatsächlich nie durch das gerechtfertigt sein, was sie als Leistung rechten
Gehorsams, als Erfüllung des Gesetzes nach bestem Wissen und Gewissen ˹meint˺ denken und
sagen zu sollen. Keine Theologie! Jede Theologie hat auch «andere Götter» und sicher immer
da am meisten, wo man und wo sie selbst es am wenigsten merkt. Darum muss Rede und Gegenrede
stattfinden, darum muss Streit sein in der Theologie, damit es nirgends zu
einem Frieden komme mit den sicher überall mitherrschenden und mit anerkannten «andern
Göttern». Auch die aufs Strengste auf das erste Gebot
ausgerichtete Theologie wird allen Anlass haben, für einen vielleicht gerade vom ersten
Gebot ˹her˺ gerade gegen sie zu erhebenden Widerspruch offen zu bleiben. Auch sie wird nie
durch ihr Werk, sondern (wenn überhaupt) nur durch die Vergebung der Sünden gerechtfertigt
sein. Und darum kann der Streit in der Theologie, auch der gute notwendige Streit, auch der
schwere Streit gegen den Katholizismus, und auch der
schwerere Streit gegen die natürliche Theologie im
modernen Protestantismus doch nur mit vorletztem und ja
nicht mit absolutem Ernst und Zorn geführt werden. Wir durchschauen ja keine Theologie so,
dass wir bt-mit letzter Bestimmtheit-bt
behaupten könnten: sie hat «an|241dere Götter» neben dem «Deus
ecclesiae». Wir können uns nur gemeinsam an das erste Gebot erinnern. Wir können nur fragen,
wir können nur protestieren, wenn uns die Klarheit des Verhältnisses der Theologie zum
ersten Gebot wieder einmal gefährdet erscheint. Aber wenn wir alles gesagt haben, was
notwendig gesagt werden muss, wird auch das «Band des Friedens» (Eph. 4,3) sichtbar werden müssen, das Wissen um die
schlechthin überlegene Weisheit des Herrn der Kirche, die Verheißung:
«Siehe, ich bin bei euch alle Tage!» [Mt. 28,20], die wir, wenn wir sie auf uns selbst beziehen, auf andere nicht weniger als
auf uns selbst beziehen können. Nur in ˹gemeinsamer˺ Hoffnung kann der notwendige
theologische Streit recht geführt werden. Das mag diesmal das Letzte sein, was wir uns
gerade vom ersten Gebot her gesagt sein lassen
müssen.bu