1931

Die Arbeit als Problem der theologischen Ethik

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DIE ARBEIT ALS PROBLEM
DER THEOLOGISCHEN ETHIK

1931

Barth war am 20. April 1931 von Heinrich Konen, dem damaligen Rektor der Universität, gebeten worden, im Rahmen der jährlichen Hauptversammlung der «Gesellschaft von Freunden und Förderern der Rheinischen Friedrich Wilhelms-Universität zu Bonn und der Landwirtschaftlichen Hochschule zu Bonn-Poppelsdorf» am 18. Juli 1931 in der neuen Aula der Universität Bonn einen der beiden vorgesehenen Vorträge zu übernehmen. Die Wahl war auf ihn gefallen, weil man sich bemühte, dafür «Kollegen zu gewinnen, deren Arbeitsrichtung und Person besonderes Interesse bei unseren Freunden findet». Und, so Konen weiter: «Ohne daß ich Gefahr laufe, in den Verdacht unnützer Komplimente zu geraten, darf ich sagen, daß die große Bewegung, die von Ihnen ausgeht, auch bei ferner Stehenden größte Aufmerksamkeit und Interesse gefunden hat.»1 Dass, wie Konen geschrieben hatte, Barth mit einer Zusage «auch denjenigen eine wesentliche Hilfe angedeihen lasse […], die sich bemühen, unter den Männern der Wirtschaft das Interesse für die Geisteswissenschaften zu beleben»,2 war vielleicht mitentscheidend dafür, dass Barth sich entschloss, zuzusagen und einen Vortrag mit diesem Thema zu halten.3 Es spielte aber sicherlich auch eine Rolle, dass er im Sommer- und Wintersemester 1930/31 in Bonn nochmals seine Münsteraner Ethik-Vorlesung4 gehalten hatte.

Die Nähe des Vortrags zu dieser Vorlesung wird jedoch nur noch in der groben Orientierung an deren Grundlinien erkennbar. Zwar übernahm Barth aus dem entsprechenden Abschnitt5 viele Belegstellen und vertrat keine prinzipiell abweichende Meinung, doch fügte er |124 auch sehr viel Neues ein, so dass man eher von einer Anknüpfung und Weiterführung als von einer Überarbeitung reden muss. Da zudem der in der Ethik-Vorlesung vorhandene Bezug zum Oberthema «Ordnungen» hier völlig fehlt, ist dieser Vortrag als eigenständiger Text zu betrachten.

Im Ablauf der Versammlung6 folgten die beiden angekündigten Vorträge – der andere Referent war Ernst Robert Curtius7 – auf die geschäftliche Sitzung der Gesellschaft, die um 10.00 Uhr begann. Danach fand man sich um 14.00 Uhr zu einem «Frühstück in der Mensa academica, Lennéstr. 26» ein. Etwas verärgert war Barth über die Ansetzung seines Vortrages an zweiter Stelle, obwohl er «angesichts des abstrakteren Charakters» seiner Ausführungen zuerst hatte sprechen wollen.8

Veröffentlicht wurde der Vortrag zunächst im Tagungsbericht der Veranstalter,9 dann auch in ThBl 10 (1931), Sp. 250–256 📖. Deren Herausgeber Karl Ludwig Schmidt hatte Barth sehr gedrängt, diesen Vortrag als Aufsatz in den «Theologischen Blättern» zu veröffentlichen, woraufhin Barth ihn, wie er Georg Merz berichtete, nicht ohne Ironie auf seine Verpflichtung gegenüber «Zwischen den Zeiten» hinwies: «Ich habe ihm deutlich gesagt, dass ich Lempp10 und dir gegenüber in dem Verhältnis eines Dienstmädchens mich befinde, das nicht nur sel|125ten, sondern überhaupt nie ‹Ausgang› bekommt und das darum nur vom Fenster seiner Mansarde aus zusehen darf, wie die Anderen ab- und zugehen.»11 Nach weiteren Verhandlungen zwischen Schmidt, Merz und Barth durfte der Abdruck schließlich erfolgen. Schmidt selbst korrigierte kleinere Fehler im Erstdruck und hat auch «einige kleine Unausgeglichenheiten beseitigt».12 Da diese Eingriffe offensichtlich aber auch Fehler in den Text eintrugen, wird in diesen Fällen der Erstdruck zugrunde gelegt und die Abweichung in ThBl im Apparat ausgewiesen. Eine hand- oder maschinenschriftliche Vorlage zu diesem Vortrag ist nicht erhalten.

Die zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügte Originalpaginierung ist die des Abdruckes in den «Theologischen Blättern».

Die Arbeit als Problem der theologischen Ethik

Vortrag, gehalten bei der 14. Hauptversammlung der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn und der Landwirtschaftlichen Hochschule zu Bonn-Poppelsdorf am 18. Juli 1931.

Die Arbeit kann uns in sehr verschiedener Weise zum wissenschaftlichen Problem werden. Wir können rein betrachtend und analysierend nach den physiologischen und psychologischen Bedingungen des Arbeitsprozesses fragen. Wir können fragen, inwiefern Arbeit dem einzelnen Menschen bekömmlich und der Gemeinschaft notwendig ist. Wir können nach ihrem Wert und nach ihrer Würde fragen. Wir können endlich nach ihrer Geschichte fragen. Sie wird aber dann zum Problem der Ethik, wenn wir fragen, inwiefern sie von uns gefordert ist. Und sie wird dann zum Problem der theologischen Ethik, wenn wir konkret, in der Voraussetzung, dass wir uns im Raume der christlichen Kirche befinden, danach fragen, inwiefern sie von der Instanz gefordert und vor der Instanz recht und wohl getan ist, die wir Gott nennen, inwiefern Arbeit nach dem bekannten Ausdruck «Got|126tesdienst» ist.1) Von dieser und nur von dieser Frage habe ich zu reden. Sie unterscheidet sich von jenen anderen Fragen dadurch, dass sie nur indirekt und uneigentlich beantwortet werden kann. Nicht als ob sie keine direkte und eigentliche Beantwortung fände. Theologische Ethik geht davon aus und kehrt dazu zurück, dass diese Frage ihre Antwort gefunden hat, findet und immer wieder finden wird in Gottes Gebot, das an den Menschen ergeht und an dem des Menschen Tun gemessen ist. Aber was Menschen dazu sagen können, das ist mit Gottes Gebot nicht identisch und insofern nicht direkt und eigentlich jene Antwort. Wenn ein Mensch dem anderen wirklich das Gebot Gottes gesagt hat, dann ist immer etwas das Können dieses Menschen schlechthin Übersteigendes, also etwas von keinem Menschen aufs Programm zu Nehmendes geschehen. Aufs Programm nehmen können wir nur das: die Frage nach dem Gebot Gottes nach allen Seiten ganz ernst nehmen. So fragen wir nach Gottes Gebot in Bezug auf das menschliche Tun, das wir Arbeit nennen.

Wir beginnen bei dem primitiven Sachverhalt, dass wir alle jedenfalls auch darum arbeiten, um zu existieren, um uns durch unsere Arbeit, |127 d.h. durch mit besonderem Aufgebot der uns zur Verfügung stehenden Energien vollbrachte Leistungen, einen Platz an der Tafel des Lebens (im umfassendsten Sinn 251 dieses Bildes) zu sichern.2) Dass alle menschliche Arbeit in diesem vitalen Zusammenhang geschieht, das erinnert uns sofort heilsam daran, dass der Mensch in seiner Arbeit jedenfalls nicht so etwas wie ein kleiner oder gar großer Gott ist, dass «schöpferisches» Tun nicht neue Sache sein kann15.3) Fragen wir nun, inwiefern unsere Arbeit von dem von uns selbst verschiedenen Gott gefordert und vor ihm recht sein möchte, dann stoßen wir gerade auf dieser untersten Ebene möglicher Betrachtung auf die grundlegende Einsicht: Gibt es ein Gebot Gottes in Bezug auf unsere Arbeit, dann wird es sich, wie immer es lauten möge, auch und gerade auf unseren Lebensakt als solchen, auf unsere Existenz und auf unsere Sorge für unsere Existenz beziehen. Gerade in dem vitalen Zusammenhang, in dem wir arbeiten, gerade in dem primitiven Lebenswillen, der uns zur Arbeit treibt, sind wir nicht unsere eigenen Herren, sondern von Gottes Gebot getroffen und an ihm gemessen. Schon hier und gerade hier ist Gottesdienst gefordert. Wenn Arbeit zweifellos |128 auch einfach Kampf ums Dasein20 bedeutet, so lautet die theologische Frage: Was heißt Dasein und Kampf ums Dasein, wenn das Dasein sowohl wie der Kampf darum in Anspruch genommen sind und also bestimmt sind von dem, der schlechthin Herr ist, nämlich von dem Schöpfer unseres Daseins?

Muss es wirklich zweierlei sein, wenn4) die jungen Löwen vor ­Aufgang der Sonne nach Raub brüllen und ihre Speise suchen vor Gott und wenn dann der Mensch ausgeht an seine Arbeit und an sein Ackerwerk bis an den Abend? Wir empfinden den Gedanken, dass beides vielleicht wirklich einerlei sein, dass es also bei dem Zusammenhang von Arbeit und Lebensbedürfnis sein Bewenden haben könnte, als unbefriedigend. Auch der an ein rein biologisches Denken Gewöhnte würde sich wohl schwerlich ohne weiteres und eindeutig damit abfinden wollen. Warum eigentlich nicht? Es liegt nicht in der Natur der Sache, dass es unsere Arbeit entwürdigen müsste, sie schlicht im Zusammenhang mit unserem Lebensbedürfnis zu verstehen. Es liegt nicht in der Natur der Sache, wenn sich hier gewisse fatale Assoziationen einstellen: das Bild des Einbrechers, dessen Arbeit schließlich auch in diesem Zusammenhang steht, der Gedanke an all das Asoziale und als solches Hässliche und Furchtbare, das sich für uns mit dem Begriff des Kampfes ums Dasein verbindet, die Erinnerung daran, dass Lebensbedürfnis für uns und Millionen Andere immer auch Sorge, und Arbeit in diesem Zusammenhang immer auch Mühsal bedeutet, schließlich die Frage, ob denn nun je ein Mensch seinen Platz an der Tafel des Lebens, auf die es mit seiner Arbeit abgesehen war, in vollem Ernst gefunden hat oder ob der erstrebte Erfolg der menschlichen Arbeit nicht letztlich immer und überall illusorisch ist?5) Die «Natur der Sache», die 252 wir offenbar aus den |129 Augen verloren haben, wenn uns der schlichte Zusammenhang von Arbeit und Lebensbedürfnis nicht nur nicht genügt, sondern sogar eine Verlegenheit bedeutet – diese verlorene «Natur der Sache» würde wohl darin bestehen, dass unsere Existenz und dann auch unsere Sorge für unsere Existenz, unser Dasein und unser Kämpfen ums Dasein ganz anders, nämlich so, dass wir uns ihrer nicht zu schämen hätten, beschaffen wäre. «Naturalia» müssten nicht «turpia» sein.23 Theologisch genau gesagt: Wir müssten in Übereinstimmung stehen mit jenem schon unsere Existenz als solche treffenden und betreffen |130 den Gebot Gottes. Wir müssten dieses Gebot kennen als ein von uns gehaltenes und erfülltes. Dann, wenn wir mit unserem Schöpfer im Frieden stünden, dann brauchte uns wohl die Nachbarschaft unserer Arbeit mit dem Tun des Tieres kein Anstoß zu sein. Dann würden sich wohl jene fatalen Assoziationen von selbst nicht einstellen. Dann brauchten wir uns wohl nach einer befriedigenderen, weil höheren Begründung des Sinnes unserer Arbeit nicht erst umzusehen. Dass wir das tun müssen, das ist der Hinweis auf einen tiefen Unfrieden, in dem sich der Mensch befindet. Es ist der Hinweis30 darauf, dass wir das Gebot Gottes hinsichtlich unserer Arbeit in seinem einfachen Grundsinn nur als ein von uns nicht gehaltenes, sondern übertretenes und gebrochenes kennen.

Aber schreiten wir nun immerhin zu dieser befriedigenderen, weil höheren Erklärung des Sinnes unserer Arbeit. Es ist ja sicher wahr: der Mensch und der Löwe sind nicht ganz einerlei in ihrem Tun. Arbeiten im Unterschied zu dem, was auch das seinen Bedürfnissen nachgehende Tier tut, heißt an der Aufgabe stehen, die uns damit ohne ­Weiteres gegeben ist, dass wir als Menschen existieren. Als Mensch existieren heißt aber sicher – und wie man auch diese Dinge interpretieren möge – als Einer existieren in dem rätselhaften Dualismus von Leib und Seele, Natur und Geist, Objekt und Subjekt, äußerer und innerer Wirklichkeit. Das scheint die Verschiedenheit unserer Existenz von der des Engels und von der des Tieres zu sein.31 Darum scheint denn auch weder den Engeln noch den Tieren Arbeit im Sinne dessen, was wir als solche kennen, zugemutet zu sein. Was uns mit unserer Existenz zugemutet ist, das ist Humanität: Humanität aber heißt als Einer existieren in jenem Dualismus und also: Gestaltung der Natur durch den Geist und Erfüllung des Geistes mit Natur, Bewahrheitung der Wirklichkeit und Verwirklichung der Wahrheit, Subjektivierung des Objektes und Objektivierung des Subjektes, Beseelung des Leiblichen und Verleiblichung des Seelischen. Und das eben heißt |131 Arbeiten. Wo immer Menschen arbeiten, da verteidigen sie an einem Punkt der ungeheuren Front die Aufgabe der Humanität.6) Wir haben sie uns nicht selbst gegeben. Sie ist uns mit unserer Existenz als Menschen gegeben. Indem wir unsere menschlichen Kräfte zusammennehmen zu einem bestimmten Tun, indem wir arbeiten, treten wir von irgendeiner Seite in je ganz bestimmter Weise in das Licht dieser Aufgabe. Gibt es ein Gebot Gottes hinsichtlich unserer Arbeit und ist dieser gebietende Gott der Schöpfer eben unserer Existenz, dann müssen wir diese Aufgabe als sein Gebot verstehen. Wir sind dann also von Gott daran gemessen, ob unsere Arbeit als Arbeit an dieser Aufgabe, ob sie als Mitarbeit an der Sache der Menschheit zu verstehen ist. Wir werden uns des sekundären Charakters der so gestellten Frage wohl bewusst sein. Wenn unsere Arbeit in jenem schlichten Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen in Ordnung ginge, wenn wir das göttliche Gebot in seinem einfachen Grundsinn als von uns erfüllt kennen würden, so wäre diese zweite Frage überflüssig, weil in und mit der ersten schon gelöst. Aber eben weil dem nicht so ist, weil wir uns ja selbst von unserer Natürlichkeit etwas verlegen auf unsere Humanität zurückziehen mussten und wollten, muss auf dieser höheren Ebene die zweite Frage gegen uns aufstehen: Lässt sich unsere zunächst einfach auf unser Bedürfnis bezogene Arbeit wirklich als Mitarbeit an der uns aufgetragenen Sache der Menschheit verstehen? – Man wird die so gestellte Frage dann folgendermaßen spezifizieren müssen:

253 1. Die Aufgabe der Humanität gliedert sich konkret, entsprechend der Vielheit der Menschen im Raum und in der Zeit, in einen unübersehbaren, immer neu sich gestaltenden Kosmos von Zwecken. Nicht eines jeden Arbeit kann die jedes Anderen sein. Soll meine Arbeit Gehorsam sein, so muss sie notwendig gerade meine Arbeit sein. Soll sie Gehorsam gegen Gott sein, so muss ich von Gott gerade zu meiner Arbeit für meinen Zweck berufen sein.7) Gibt es Kriterien des Beru|132fenseins zu dieser und dieser Arbeit? Man hat von jeher zwei solche Kriterien geltend gemacht: einerseits das Individuum, das sich als solches durch Schicksal, Geburt, Charakter und Umgebung nun einmal an diesen und diesen Arbeitsplatz als in seinen «Stand» gestellt sieht und ihn darum auszufüllen hat, weil es sein «Stand» ist. Andererseits die Sozietät, die Gemeinschaft, in der sich der Einzelne vorfindet, die als solche der eigentliche Träger der Humanität ist und in Beziehung zu der (als Beitrag zum «gemeinen Nutzen») darum die Arbeit des Einzelnen den Sinn berufener Mitarbeit bekommt.8) Als nicht ein|133deutige Kriterien erweisen sich diese zwei Gesichtspunkte schon durch ihre gegenseitige Bedingtheit, durch die Unmöglichkeit, sie ohne Mehrbetonung des einen oder des anderen auf eine zusammenfassende Formel zu bringen, schließlich durch die Gewaltsamkeiten, zu denen man greifen muss, wenn man den einen oder den anderen nun wirklich zum beherrschenden Gesichtspunkt machen wollte. Wer vom Schicksal bzw. «Stand» des Individuums aus denkt, wird sich fragen lassen müssen, woher uns denn unser Schicksal, in dem wir unseren Beruf zu erkennen meinen, so gewiss ist? Wiederum bedürfte aber auch der Begriff des «gemeinen Nutzens» einer Interpretation von einer Authentie und Kompetenz, die man zwar an sich reißen könnte, aber darum doch nicht wirklich besitzen würde.9) Diese Gesichtspunkte können also nur dazu dienen, die grundlegende Frage nach unserem Beruf zu unserer Arbeit aufzudecken, sie, wie es sich gehört, immer wieder zu einer offenen Frage zu machen. Das Gebot Gottes, wie wir es gehört haben, hören und hören werden, gibt die Antwort. Wir können uns nur klar machen, dass uns auch das gesagt werden wird: Ob wir Berufene oder Unberufene sind in unserer Arbeit.

2. Setzen wir die Frage des Berufes nach ihrer individuellen 254 und sozialen Seite als beantwortet voraus, so ist weiter zu sagen: Die Aufgabe der Humanität bedeutet jedesmal, im Blick auf jeden besonderen Zweck, das Gebot einer ganz bestimmten Sachlichkeit, d. h. der |134 Erfüllung ganz bestimmter technischer Notwendigkeiten. Unsere Arbeit kann beiläufig auch den sachlichen Erfordernissen anderer Zweckgebiete gerecht zu werden suchen; sie ist aber vor allem und unbedingt nach ihrer eigenen, nach der ihr immanenten Sachlichkeit gefragt. Gibt es ein Gebot Gottes bezüglich unserer Arbeit, so werden wir uns – nicht nur einmal, sondern immer aufs Neue – als gefragt bekennen müssen nach der Ordentlichkeit und Sauberkeit unserer Arbeit im Unterschied zu aller Zerstreutheit, zu allem offenen oder heimlichen Dilettantismus, nach unserem Verhältnis zu der Spielregel, nach der, vor diese und diese Aufgabe gestellt, wir uns zu richten haben. Was gut ist auf dem Felde der Arbeit, das muss auch tüchtig sein. Aber freilich: Wenn Gottes Gebot darüber entscheidet, was gut ist, dann ist auch die Norm des Tüchtigen nicht so in unserer Hand, dass wir nicht jeden Tag aufs Neue aufs Grundsätzlichste nach ihr fragen müssten.

3. Die Aufgabe der Humanität wird in concreto immer eine ganz bestimmte Beziehung zwischen den beiden so merkwürdig verbundenen und getrennten Elementen unserer Existenz sein. Die verschiedenen Arten menschlicher Arbeit unterscheiden sich wie nach ihrem Zweck und nach ihrer Sachlichkeit so auch nach ihrer Struktur hinsichtlich des in ihnen zur Darstellung kommenden Verhältnisses von Geist und Natur, Innerem und Äußerem. Und so sind wir, wenn wir damit rechnen, dass es ein göttliches Gebot hinsichtlich der Arbeit gibt, nicht nur nach Beruf und Tüchtigkeit gefragt, sondern auch nach dem inneren Sinn unserer Arbeit. Inwiefern dient sie in ihrer besonderen Proportionalität von innerem und äußerem Tun der Sache der Menschheit, dem Einswerden von beiden? Man redet von «ehrlicher» Arbeit und meint damit offenbar über Zweckhaftigkeit und Sachlichkeit hinaus ihre Sinnhaftigkeit. Sinnhaftigkeit muss dann aber im ganz Besonderen ihre Humanität bezeichnen. Wenn Arbeit Gehorsam gegen Gott ist, dann muss sie Sinn haben. Aber was macht sie sinnvoll? Was unterscheidet sie von einer sinnlosen, sinnentleerten Arbeit? Zwei äußerste Möglichkeiten lassen sich denken: eine Arbeit, die auf ihren Inhalt gesehen nur noch in Vergeistigung, Verinnerlichung, Beseelung, Bewahrheitung bestünde, und eine andere, die ganz Verwirklichung, Veräußerlichung, Verleiblichung, Naturwerdung wäre. Die theologische Ethik als Besinnung auf das Gebot Gottes würde nicht |135 wohl tun, wenn sie etwa innerhalb dieser Gegensätze Partei ergreifen oder auch einem gesunden Mittelweg zwischen beiden das Wort reden wollte. Sie wird, wenn ihr der Mensch als Träger des Geistes und seine Arbeit als geistiges Schaffen vor Augen steht, nicht vergessen, dass dieses Abstraktum eine Illusion ist, dass der arbeitende Mensch vielmehr in der Beziehung der Wahrheit auf die Wirklichkeit existiert, dass gerade der vorzugsweise innerlich Arbeitende, der sogenannte Geistesarbeiter allen Anlass hat, seiner tiefsten Solidarität mit den Millionen derer, deren Raum fast ganz der des Stoffes und seiner ­Bewegung ist, jeden Augenblick eingedenk zu sein.10) Sie wird, wenn ihr umgekehrt das tätige Leben so wichtig wird, wie dies seit der Reformation geschehen ist, nicht vergessen wollen, dass unser aller Leben nur zu einem geringen Bruchteil ein Leben in der Tat sein kann. Weiter: dass es Kranke gibt, denen mit dem Lobpreis der Berufstätigkeit als der eigentlichen Teilnahme am Reiche Gottes41 wenig geholfen wäre. Weiter: dass es Formen äußerer Arbeit gibt, die nach einer Ergänzung durch innere Arbeit geradezu schreien, und umgekehrt sol|136che, deren bester und wesentlichster Teil gerade unter Umständen geschieht, die der werktätige Bürger, Bauer und Arbeiter wohl für Müßiggang halten müsste. Gerade indem theologische Ethik die Aufgabe der Humanität als Gottes Gebot versteht, wird sie sich auf die Alternative: vita contemplativa oder vita activa nicht festlegen lassen. Es wäre aber hier wie anderswo ein allzu einfaches Verfahren, die Wahrheit nun ausgerechnet in der Mitte, also in einem harmonischen Ausgleich der beiden Extreme suchen zu wollen. Und hier geht es ja überhaupt nicht um ein Suchen der Wahrheit, sondern um die Bereitschaft für das Gebot Gottes. Das Gebot Gottes kann den Menschen zur Linken oder zur Rechten oder in der Mitte treffen. Wir haben ihm nicht vorzugreifen. Wir haben nur festzustellen, dass es jedenfalls auch diese Dimension hat, dass es so oder so auch in 255 diese Problematik eingreifen wird und dass uns also von ihm her auch diese Frage gestellt ist.

Wenn die Arbeit, d. h. nun also: die Sorge für unsere Bedürfnisse auf der unteren und die Aufgabe der Humanität auf der oberen Ebene der Betrachtung Gottes Gebot ist, dann ist eben damit gesagt, dass unser Arbeiten, wenn es Gehorsam gegen Gottes Gebot sein soll, eine Grenze haben muss und dass wir um diese seine Grenze wissen müssen. Die heilige Schrift Alten und Neuen Testaments spricht von einem «Tag des Herrn», einem Tag, an dem Leben in keinem Sinn Arbeiten, sondern durchaus und streng Ruhe bedeutet, und es ist bedeutsam für den Sinn dieses Begriffs, dass er ebensowohl den «Jüngsten Tag» als Grenze der Zeit des Menschen überhaupt wie den Sabbath als Grenze der sechs11) Arbeitstage der Woche bezeichnet und dass er in der urchristlichen Gemeinde in Verbindung dieses zwiefachen Sinnes als der Tag der Auferstehung des Herrn gefeiert worden |137 ist.44 Dieses Letzte ist das Entscheidende, was uns theologische Besinnung über unsere Arbeit sagen kann:12) Es gibt einen Sonntag.  Gehorsam und Ungehorsam auf dem Gebiet der Arbeit unterscheiden sich auch dadurch und zwar entscheidend und Alles umfassend dadurch, dass gehorsame Arbeit eine konkret und zeitausfüllend durch Ruhe unterbrochene Arbeit ist. Diese Unterbrechung der Arbeit durch Ruhe ist schon nach den Erklärungen des Alten Testaments ein «Zeichen», aber ein Zeichen, das etwas sagt und das als solches beachtet sein will: «Dass ihr erkennt, dass ich der Herr bin, der euch heiligt».13) Wir können uns nicht selbst heiligen, d. h. wir können uns das, was das Gebot Gottes uns rechtfertigend, segnend, wegweisend zu sagen hat, nicht selber sagen. Wir können uns nur bereit machen, es zu hören. Wir können es nur als an uns gerichtete Frage ernst zu nehmen versuchen. Wir können und sollen wohl arbeiten, aber wir können unsere Arbeit nicht gut machen und wir sollen sie auch nicht gut machen wollen. Wir können und sollen sie aber im Gedenken47 und in der Erwartung des Gebotes Gottes machen und machen wollen. Wir können und sollen unsere Arbeit nicht um der Arbeit willen tun.14) |138 Wir können und sollen sie um Gottes willen tun. Eben die Freiheit für Gott, die dazu von Gott selbst bei uns geschaffen werden muss, ist bezeichnet durch den Sabbath, durch die konkrete, zeitausfüllende Unterbrechung unserer Arbeit15), wie sie ursprünglich bezeichnet ist durch die große Unterbrechung des menschlichen Alltags in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Der Sonntag erinnert an die Offenbarung Gottes, an sein Wort, an seine allein alles Gute schaffende, Sünden vergebende Gnade. Er erinnert daran, dass die Befriedigung unserer Lebensbedürfnisse, aber auch die humane Zweckhaftigkeit, Sachlichkeit und Sinnhaftigkeit unserer Arbeit damit stehen und fallen, dass sie uns gegeben, nämlich von Gott gegeben werden, erinnert also daran, dass wir endlich und zuletzt nur darum beten, d. h. uns selbst mit unserem notwendigen 256 Tun der Güte und |139 Gewalt Gottes anbefehlen können.16) Der Sonntag erinnert uns52 aber auch, gerade auf dem Umweg der Erinnerung an Gott, an die Liebe und Bereitschaft, die wir über alle Arbeit hinaus unserem Nächsten als dem wirklich nächsten Repräsentanten Gottes selbst schuldig sind.17) Und der Sonntag erinnert schließlich daran, dass wir arbeitend |140 unterwegs sind nach einem Ziel, das als «Ruhe des Volkes Gottes»18) jenseits aller Arbeit liegt und gerade so, als das Ziel ewigen Lebens, das Diesseits der Arbeit möglich, weil zu einem Ort der Hoffnung macht.19) Wir würden gottlos arbeiten, wenn wir nicht grundsätzlich im Zeichen dieser Unterbrechung unserer Arbeit arbeiten würden. Wichtiger und dringender und sachgemäßer als Alles, was die Kirche heute zur Lösung oder Milderung der sozialen Frage, die ja weithin eben die Frage der Arbeit ist, sagen und tun möchte, wäre dies, dass sie es wieder lernte, dieses Zeichen zu deuten: Den äußeren und inneren20), den zeitlichen und ewigen Sabbath als das Ende alles Kampfes56 und als den Anfang aller Erlösung in unserer Arbeit.

Originalfußnoten

1)
Nach G. Rörer soll Luther in einer Predigt von 1534 gesagt haben: «Also könnte ein Mensch bei aller seiner Mühe und Arbeit alles Gutes haben, Freude im Herzen, und ein gut Gewissen, weil er weiß, daß sein Werk und Arbeit ein Gottesdienst ist, der Gott wohlgefället, es würde ihm auch nicht[s] sauer werden, wenn er sich also in seinen Dienst und Beruf schickete.» (E. A. 1. Aufl. 5, 101. 📖13) Sicher ist die Zusammenstellung bei Calvin: «Comme quand un homme travaille en son labeur pour gaigner sa vie ... ce n’est pas à dire qu’il nous fale separer cela du service de Dieu. Car quand un homme prendra peine à gaigner sa vie honnestement … en cela il n’y a nulle doute qu’il ne rende un service agreable à Dieu.» (Zu 1 Kor 10,31f., Corp. Ref. 49, 695. 📖14)↩
2)
Mit dieser nüchternen Feststellung, die durch Gen. 2,15–16, II Thess. 3,10 nahe genug gelegt ist, beginnt auch Thomas von Aquino seine Umschreibung der göttlichen «ordinatio» der Arbeit: Sie muss geschehen «ad victum quaerendum». (S. Theol. II,2 Qu. 187 c. 📖16) – Arbeit kann unter diesem Gesichtspunkt mit C. Stange (Die Ethik der Arbeit, ZsystTh 1927, S. 703ff. 📖17) definiert werden als «die mit Anstrengung verbundene Tätigkeit des Menschen, bei der er auf die [...] Gewinnung der für das [...] Leben notwendigen Güter bedacht ist».↩
3)
K. Holl (Ges. Aufs. z. Kgsch. I 1923, S. 261 f. 📖18) gibt als Meinung Luthers an: «Ist doch in ihrem höchsten Sinn verstanden alle Arbeit des Menschen nichts anderes als die Larve, unter der Gott selbst arbeitet» (von mir gesperrt). Die Stelle, die Holl als Beleg für diesen Satz angibt19, dürfte doch, in ihrem Zusammenhang gelesen, die Frage nahelegen, ob nicht mit dieser Wiedergabe eine Nuance in Luthers Text hineingetragen ist, die für Holls Denken bezeichnender ist als für das Luthers.↩
4)
Pslm 104, 21f.21↩
5)
Wir könnten fortfahren: Es liegt nicht in der Natur der Sache, wenn gleich in der22 biblischen Stelle, in der wir (nach Gen. 2,15–16) zum zweiten Mal auf den Zusammenhang von Arbeiten und Essen stoßen, von der Verfluchung des Ackers, von Dornen und Disteln, von dem mit der Bedürfnisbefriedigung für den Menschen verbundenen «Kummer» und «Schweiß des Angesichts» die Rede ist (Gen. 3,17–19). Es liegt nicht in der Natur der Sache, wenn Thomas von Aquino in der vorhin zitierten Aufzählung24 fortfährt: Die Arbeit sei auch nötig «ad tollendum otium, [...] ad concupiscentiae refrenationem, [...] ad ­eleemosynas faciendas». (Hier ist offenbar ein Weltbild vorausgesetzt, in dem das «ad victum quaerendum» allein nicht genügen würde, ja offenbar von Bedenklichkeiten umgeben ist!) Es liegt nicht in der Natur der Sache, wenn Luthers Auslegung schon der Stelle Gen 2, 15–16 (von 3, 17–19 nicht zu reden!) eine einzige nur durch einen gewissen Humor gemilderte Klage darüber ist, wie anders unsere Arbeit gegenüber der Adams im Paradies geworden sei (W. A. 42, 77, 15f. 📖25), wenn er unsere Situation 252 kurzweg charakterisieren kann mit den Worten: «Wir sein in Adam alle tzur erbeyt vorurteylt». (Sermon von den guten Werken 1520, W. A. 6, 271, 35 📖.26) Oder ein anderes Mal: «Nobis [...] labor est molestia» (Zu Gen 2, 3, W. A. 42, 62, 19.27) Und wenn auch Calvins Auslegung des ursprünglichen Arbeitsgebotes Gen. 2,15 unverhältnismäßig mehr von der dringend nötigen Disziplinierung des Menschen durch dieses Gebot als von der «oblectatio», die die Arbeit für den Einwohner des Paradieses bedeuten sollte, zu sagen weiß. (Corp. Ref. 23, 44 📖28, vgl. auch die Predigt über Deutn 5, 13–15, Corp. Ref. 26, 296.29)↩
6)
Man soll sie ruhig und ohne Scheu auch vor diesem viel missbrauchten und darum bedenklich gewordenen Begriff: die Aufgabe der Kultur32 nennen.↩
7)
Zur Geschichte dieses Begriffs vgl. M. Weber, Aufsätze zur Religionssoziologie I 1922, S. 63–83 📖33, und K. Holl, Die Geschichte des Wortes Beruf in Ges. Aufs. z. Kgsch. III 1928, S. 189–219 📖34.↩
8)
Luther argumentiert vorwiegend vom «Stand» des Individuums aus, klassisch zu Gal 6,4: «Ut, qui Magistratus, Pater familias, Servus, Praeceptor, discipulus etc. est, maneat in vocatione sua ac in ea probe et fideliter officium suum faciat, nihil solicitus de his, quae extra vocationem suam sunt. Hoc faciens habet gloriam in seipso, ut dicere possit: Summa qua potui fide et diligentia feci opus vocationis divinitus mihi mandatum, ideoque scio hoc opus in fide et obedientia Dei factum placere Deo ... Ut scilicet unusquisque sciat opus suum, in quocunque tandem pio vitae genere sit, esse divinum opus, quia est opus vocationis divinae, habens mandatum Dei.» (W. A. 40, II, S. 152, 39f. und S. 153, 27f. 📖35) Vgl. auch die bei K. Holl, Der Neubau der Sittlichkeit (Ges. Aufs. z. Kgsch. I 1923, S. 260–6336) 📖 gesammelten Lutherstellen. Calvin vertritt vorwiegend das zweite Kriterium: «Atqui scimus, hunc in finem conditos esse homines, ut se laboribus exerceant, nec ulla sacrificia magis placere Deo, quam dum in suam quisque vocationem intentus utiliter in commune bonum vivere studet.» (Zu Luk 10, 38, Corp. Ref. 45, 382. 📖37) «Quisquis enim hominum societatem industria sua iuvat, sive familiam regendo, sive publica sive privata negotia administrando, sive consulendo, sive docendo, et quacunque alia ratione, is inter otiosos numerandus non est.» (Zu II Thess 3, 10, Corp. Ref. 52, 213.38) Es ist bezeichnend für Luther und Calvin und für die beiden von ihnen vertretenen Gesichtspunkte, dass Luther, soweit ich sehe, nur das Bleiben in dem einmal ergriffenen Beruf zu empfehlen pflegte, während Calvin gerade bei der Auslegung von I Kor. 7,20 die Möglichkeit eines Berufswechsels ausdrücklich hervorgehoben hat. (Corp. Ref. 49, 415.39)↩
9)
August Bebel schrieb einmal: «Genau genommen ist aber ein Arbeiter, der Kloaken auspumpt, um die Menschen vor gesundheitsgefährlichen Miasmen zu schützen, ein sehr nützliches Glied der Gesellschaft, wohingegen ein Professor, der gefälschte Geschichte im Interesse der herrschenden Klassen lehrt, oder ein Theologe, der mit übernatürlichen transzendenten Lehren die Gehirne zu umnebeln sucht, äußerst schädliche Individuen sind.» (Die Frau und der Sozialismus, 136.–140. Tausend, 1913, S. 409f. 📖40) Man würde als Theologe gerne in Kauf nehmen, so rauh mit sich reden zu lassen, wenn man nur gleichzeitig erfahren dürfte, was etwa in diesem Zusammenhang «nützlich» und «schädlich» grundsätzlich bedeuten möchten.↩
10)
«Das Thorastudium ohne werktätige Arbeit wird am Ende nichtig und führt sogar zur Sünde» – «Derjenige, der von seiner Hände Arbeit lebt, steht höher als der Fromme» – «Die Handwerker brauchen, während sie mit ihrer Arbeit beschäftigt sind, nicht vor den Gelehrten aufzustehen», sagt talmudische Weisheit. (Die Lehren des Judentums nach den Quellen, hrsg. vom Verband deutscher Juden, Leipzig, I, S. 198f. 📖42)↩
11)
«Die hebräische Sprache hat für die Tage der Woche keine Namen geschaffen. Sie gelten nur als der erste, der zweite, der dritte usw. Tag der Woche. Sie sind nur Ziffern, bis der siebente Tag erreicht ist.» (Die Lehren des Judentums II, 164. 📖43)↩
12)
Es ist auffällig, dass in den beiden meines Wissens letzten Bearbeitungen unseres Themas, in dem schon zitierten Aufsatz von C. Stange 📖45 und in dem RGG-Artikel (2. Aufl.) «Arbeit» von G. Wünsch 📖46 diese Sache gar kein Gewicht bekommt.↩
13)
Ex. 31,13; [vgl.] Ezech. 20,12.↩
14)
Wie dies nach K. Holls erstaunlicher Interpretation (Ges. Aufs. z. Kgsch. I 1923, S. 262, 273, 474 📖48) Luthers Meinung gewesen wäre – sicher nicht gewesen ist! –. Es scheint mir eines der schwersten Bedenken gegen die Theologie A. Ritschls, in dessen Spuren hier Holl wohl geht, dass in ihr der Kampf gegen Metaphysik und Mystik so weit getrieben ist, dass es konsequenter Weise keinen Sonntag geben dürfte, sondern nur den ewigen Alltag von «Weltanschauung und Sittlichkeit»49. – Fr. Overbeck hat einmal gegenüber einem Ausspruch A. v. Harnacks, dass in der Wissenschaft «die Arbeit entscheide», sehr heidnisch, aber gegenüber einem allzu strengen Christentum doch sehr lehrreich und erfreulich geschrieben, «daß unter den Danaergeschenken, mit denen ausgestattet der Gelehrte auf die Welt kommt, und ohne welche er darin nicht zu existieren vermag, der Fleiß das unbedenklichste und am wenigsten fragwürdigste nicht ist. Diese Unerbittlichkeit des Fleißes verscheucht aus der Atmosphäre des Gelehrten alle übrigen Götter, während es sich doch eben, um die Gediegenheit der Arbeit sicherzustellen, ernstlich empfehlen dürfte, auch der Faulheit in einer Seitennische ein Altärchen zu errichten ... Nicht die Arbeit entscheidet, sondern ihre Qualität.» (Christentum und Kultur 1919, S. 204. 📖50)↩
15)
«Praeceptum [...] morale [...] est quantum ad hoc, quod homo deputet aliquod tempus vitae suae ad vacandum divinis.» (Thomas von Aquino, S. Theol. II, 2 Qu. 122 c. 📖51)↩
16)
«Er kund dir wol korn und fruchte geben on dein pflügen und pflantzen. Aber er wills nicht thun. So wil er auch nicht, das dir dein pflügen und pflantzen korn und fruchte geben, sondern du solt pflügen und pflantzen und darauff einen segen sprechen und beten also: Nu berat Gott, Nu gib korn und frucht, lieber herr. Unser pflügen und pflantzen werdens uns nicht geben. Es ist deine gabe. Gleich wie man die kindlin gewenet, das sie fasten und beten und jr kleiderlin des nachtes ausbreiten, das jn das Christkindlin odder Sanct Nicolas bescheren sol, Wo sie aber nicht beten, nichts bescheret odder eine rute und pferdopfel bescheret. – Was ist aber alle unser erbeit auff dem felde, im garten, jnn der stad, im hause, im streit, im regiern anders gegen Gott, denn ein solch kinderwerck, dadurch Gott seine gaben zu felde, zu hause und allenthalben geben wil? Es sind unsers herrn Gotts larven, darunter wil er verborgen sein und alles thun.» (Luther, Der 147. Psalm, 1532, W. A. 31, I, 435,36ff. 📖53) – «Et ainsi, quand un homme s’appliquera à quelque labeur, qu’il n’y aille point avec presomption: mais qu’il invoque Dieu, qu’il luy presente ses mains en offerte, pour dire, Seigneur, il te plaist que ie travaille: et bien, ie m’y en vay: mais ie say que ie ne profiteroye rien, sinon que tu me conduises, sinon que tu me donnes bonne issue. Que donc mon labeur prospere par ta pure bonté et gratuite … ces deux choses sont coniointes: Le Seigneur te benira, et neantmoins il veut que tu travailles … qu’il faut prendre ici le frein aux dents, et cependant faire cest honneur à Dieu, de dire, Seigneur, encores que nous ayons tout fait, cela ne seroit rien, sinon que ta pure grace dominast par dessus.» (Calvin, Zu Deutn 28,9, Corp. Ref. 28, 379. 📖54)↩
17)
«Nein, so müst jr den Sabbath nit deutten. Den Sabbath feyren heyst Gottes wort hören und dem nechsten helffen, wo mit man kann ... Was heist aber lieben? Es heyst nicht mit gedancken umgehen, Sondern von hertzen dem nechsten günstig sein und darnach mit dem wort trösten oder straffen, wo es von nöten ist, und mit der faust zugreyffen und also an leyb und seele helffen ... Solchs, spricht der Herr, gebeut dir Gott eben auff dem Sabbath, Ja, das mer ist, Hat er den Sabbath drumb eingesetzt, das du es lernen und hören solt und deinem nechsten freundtlich sein mit worten und hilfflich mit der faust, wo ers bedarff.» (Luther, Predigt über Mtth 14, 1–11 Hauspostille 1544, W. A. 52, 484, 28 und 285, 10 und 15. 📖55)↩
18)
Hebr. 4,9f.↩
19)
«Manifestabatur autem et tanquam de iis quae facta sunt, requietio Dei, hoc est regnum, in quo requiescens homo ille qui perseveraverit Deo adsistere participabit de mensa Dei.» (Irenäus, c.o.h. IV 16,1. 📖57) – «Dies enim septimus etiam nos ipsi erimus, quando eius fuerimus benedicitione et sanctificatione pleni atque refecti. Ibi vacantes videbimus quoniam ipse est Deus.» (Augustin, De civ. Dei XXII 30, 4. 📖58) – «Nam omnia, quae in Sabbato Deus voluit agi, sunt evidentia signa alterius vitae post hanc vitam. Quid enim necesse est, Deum per verbum suum nobiscum loqui, si non vivendum est in futura et aeterna vita? … Quia divina maiestas cum solo homine loquitur, et solus homo agnoscit et appraehendit Deum, necessario sequitur: esse aliam vitam post hanc vitam, ad quam consequendam nobis opus sit verbo et cognitione Dei … Hoc significat Sabbatum seu quies Dei in quo Deus nobiscum loquitur per verbum suum et nos vicissim cum eo per invocationem et fidem.» (Luther, Zu Gen 2,3, W. A. 42, 61, 4f. 📖59)↩
20)
«Si sanctificatio nostra propriae voluntatis mortificatione constat, iam se profert aptissima signi externi cum re ipsa interiori analogia. Quiescendum omnino est, ut Deus in nobis operetur; cedendum voluntate nostra, resignandum cor, abdicandae cunctae carnis cupiditates, denique feriandum est ab omnibus proprii ingenii muniis, ut Deum habentes in nobis operantem, in ipso acquiescamus.» (Calvin, Instit. II 8, 29. 📖60)↩

Sachfußnoten

1
Brief Konens an Barth vom 20.4.1931 (KBA 9331.251). Heinrich Konen (1874–1948), seit 1920 Ordinarius und Direktor des Physikalischen Instituts in Bonn, 1934 zwangsemeritiert, nach 1945 wieder Rektor der Bonner Universität, 1946/47 Kultusminister in Nordrhein-Westfalen.↩
2
Ebd.↩
3
Vgl. Brief an Konen vom 26.4.1931 (KBA 9231.136).↩
4
Ethik I 📖/II 📖.↩
5
Ethik I, S. 367–383. 📖↩
6
Das Programm findet sich im Bericht der Veranstalter, der jährlich nach der Versammlung erschien: Vierzehnte Hauptversammlung der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Rheinischen Friedrich Wilhelms-Universität zu Bonn und der Landwirtschaftlichen Hochschule zu Bonn-Poppelsdorf am 18. Juli 1931 in der neuen Aula der Universität zu Bonn, o. O., o. J., S. 10. 📖↩
7
Ernst Robert Curtius (1886–1956), seit 1929 Prof. für Romanistik in Bonn. Er sprach zum Thema «Vom spanischen Geistesleben der Gegenwart»; vgl. a.a.O., S. 45–56 📖.↩
8
Brief an Konen vom 27.6.1931 (KBA 9231.183). Von der Abänderung der anderslautenden Absprache mit Konen hatte Barth aus dem offiziellen Einladungsschreiben erfahren, den Grund dafür – Curtius weigerte sich offenbar, als Zweiter zu sprechen – sogar erst am 8. Juli aus dem Antwortschreiben Konens (das Schreiben ist nicht erhalten; vgl. den Brief Barths an Konen vom 11.7.1931, in dem er die «durch die bestimmte Auffassung von Herrn Curtius geschaffene Tatsache als solche» anerkannte [KBA 9231.196]).↩
9
Vierzehnte Hauptversammlung (Anm. 6), S. 57–67 📖.↩
10
Albert Lempp (1884–1943), Inhaber des Kaiser-Verlages von 1912 bis zu seinem Tode im Mai 1943.↩
11
Brief Barths an Merz vom 27.6.1931 (KBA 9231.186).↩
12
Brief Schmidts an Barth vom 16.8.1931 (KBA 9331.443).↩
13
Das Zitat findet sich in einer Predigt Luthers zu Mt. 6,24–34. Luther predigte über diesen Text jeweils am 15. Sonntag nach Trinitatis 1532 und 1534. Die in der ersten Auflage der Erlanger Ausgabe (1826ff.) dem Jahr 1534 zugeordnete Predigt (EA1 5, 97–106, Zitat 101 📖 [i. Orig. nicht hervorgehoben]) wurde in der zweiten Auflage (1862ff.) dem Jahr 1532 zugeordnet (EA2 6, 31–40, Zitat 35; vgl. WA 36, 323–327, der dem Zitat entsprechende Passus 325,12–14 📖).↩
14
J. Calvin, Dixieme Sermon sur l’Epitre aux Corinthiens (1.Kor. 10,31–11,1), CR 77 ( = Calvini opera 49), col. 695–710, Zitat col. 695 📖 (i. Orig. nicht hervorgehoben).↩
16
Thomas von Aquino, S.th. II/2 q. 187 a. 3c. 📖↩
17
C. Stange, Die Ethik der Arbeit, in: ZSTh 4 (1926/27), S. 703–743, Zitat S. 705 📖↩
15
Korrektur aus dem Erstdruck; «dass ‹schöpferisches› Tun nicht neue Sache sein kann» fehlt in ThBl.↩
18
K. Holl, Der Neubau der Sittlichkeit, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Bd. I: Luther, Tübingen 19232.3, S. 155–287, Zitat S. 261f. 📖↩
19
Holl nennt als Belegstelle WA 31/I, 436,7ff. 📖 (a.a.O., S. 262 📖).↩
20
Aus dem Titel von Ch. Darwin, On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, London 1859/61 📖 (dt.: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, oder die Erhaltung begünstigter Gattungen im Kampf ums Dasein, Halle 1891 📖) in den Sprachgebrauch übernommene Wendung; vgl. Büchmann, S. 284 📖.↩
21
Vgl. Ps. 104,21–23.↩
22
Korrektur aus dem Erstdruck; ThBl: «der zweiten».↩
24
Vgl. Anm. 2).↩
25
WA 42, 77f. 📖 zu Gen. 2,15; die Vorlesungen zu Gen. 2,16f. folgen WA 42, 79–87.↩
26
M. Luther, Von den guten Werken [1520], WA 6, 202–276, Zitat 271,35. 📖↩
27
WA 42, 60–62, Zitat 62,19. 📖↩
28
J. Calvin, Commentarium in Quinque Libros Mosis. Pars I (Genesis), CR 51 ( = Calvini opera 23), col. 1–622, Zitat col. 44. 📖↩
29
CR 54 ( = Calvini opera 26), col. 295–308, vgl. bes. col. 296. 📖↩
23
Anspielung auf die wohl auf Euripides zurückgehende Wendung «Naturalia non sunt turpia»; vgl. Büchmann, S. 314 📖.↩
30
Korrektur aus dem Erstdruck; in ThBl fehlt: «auf einen tiefen Unfrieden, in dem sich der Mensch befindet. Es ist der Hinweis». Die Auslassung dort dürfte auf einen Zeilensprung zurückzuführen sein.↩
31
Vgl. Ps. 8,6–8 nach der Zürcher Bibelübersetzung in den Ausgaben vor 1996.↩
32
Zum Thema «Kultur» vgl. ausführlicher: Ethik I, S. 367–369 📖; K. Barth, Die Kirche und die Kultur, in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 6–40. 📖↩
33
M. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tübingen 19222, S. 17–206. 📖 Dort S. 63–83 findet sich unter «I. Das Problem» der Abschnitt «3. Luthers Berufskonzeption. Aufgabe der Untersuchung».↩
34
K. Holl, Die Geschichte des Wortes «Beruf», in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Bd. III: Der Westen, Tübingen 1928, S. 189–219. 📖↩
35
WA 40/II, 152,39–153,18 und 153,27–29. 📖↩
36
Holl, Neubau (Anm. 18), dort S. 260–263. 📖↩
37
CR 73 ( = Calvini opera 45), col. 381f., Zitat col. 382 📖 (Hervorhebung durch Barth).↩
38
CR 80 ( = Calvini opera 52), col. 213 📖 (Hervorhebung durch Barth).↩
39
«Non ergo necessitatem cuiquam imponit manendi in vitae genere semel suscepto […]» (CR 77 [ = Calvini opera 49], col. 415 📖).↩
40
Laut Eduard Bernstein erreichte bereits die 1909 erschienene 50. Auflage des Werkes «die Zahl 197 000 der herausgekommenen Exemplare» (Vorwort zu: A. Bebel, Die Frau und der Sozialismus, Jubiläumsausgabe, Berlin 1929, S. XV 📖; der von Barth zitierte Passus findet sich auch in dieser Ausgabe auf S. 409f.).↩
42
Die Lehren des Judentums nach den Quellen, hrsg. vom Verband der deutschen Juden, [Bd. 1], Erster und zweiter Teil, mit Einleitungen von L. Baeck u. a., 3., verbesserte Aufl., besorgt von Fr. Bamberger, Leipzig 1928, S. 198.199.200. 📖↩
41
Wohl eine Anspielung auf Albrecht Ritschl, über dessen diesbezügliche Anschauung Barth an anderer Stelle schreibt: «Der Inbegriff der dem Menschen gestellten Aufgabe und zugleich sein höchstes Gut, sein eigener Endzweck, ist das Reich Gottes, in dem die Liebe zum Nächsten betätigt wird [...]. Aber für das Reich Gottes kann man nicht außerhalb, sondern nur innerhalb der natürlich bedingten Gemeinschaften, vor Allem in der regelmäßigen Arbeitstätigkeit des sittlichen Berufes leben [...], so daß die Treue im Beruf zugleich die wahre Erfüllung des Vorbildes Christi ist» (Prot.Theol., S. 601 📖). Barth führt hier als Belegstellen an: A. Ritschl, Unterricht in der christlichen Religion, Bonn 1875 (Nachdr. Gütersloh 1966 [TKTG 3]; Studienausgabe [UTB 2311], hrsg. von Chr. Axt-Piscalar, Tübingen 2002), §§ 5f.27f.56. 📖↩
43
Die Lehren des Judentums nach den Quellen, hrsg. vom Verband der deutschen Juden, [Bd. 2], Dritter und vierter Teil, mit Einleitungen von L. Baeck u. a., 2., verbesserte Aufl., besorgt von Fr. Bamberger, Leipzig 1930, S. 165. 📖↩
44
Vgl. u. a. Apk. 1,10; 1.Thess. 5,2; Gen. 2,3; Ex. 20,8–11; Act. 20,7. Zur Zusammenschau beider Deutungsvarianten vgl. Hebr. 4,9f.↩
45
Siehe Anm. 17.↩
46
G. Wünsch, Art. «Arbeit», in: RGG2 I, Sp. 471–480. 📖↩
47
Korrektur aus dem Erstdruck; ThBl: «Gedanken».↩
48
Holl, Neubau (Anm. 18), S. 262.273 📖; ders., Die Kulturbedeutung der ­Reformation, in: ders., Gesammelte Aufsätze I (Anm. 18), S. 468–543, dort S. 474. 📖↩
49
Vgl. Prot.Theol., S. 602 📖: «Christentum ist Weltanschauung und Sittlichkeit, aber in keiner Weise unmittelbare Beziehung zu Gott. [...] Es dürfte nach Ritschl genau genommen keinen Sonntag geben und auch keine Ewigkeit, jedenfalls keine stille Ewigkeit, wie er denn in der Tat auch die Ewigkeit Gottes dahin definiert hat, sie sei die die Zeitschranke überwindende Stetigkeit des Willens Gottes zur Schöpfung und Erhaltung seiner Gemeinde».↩
50
Fr. Overbeck, Christentum und Kultur. Gedanken und Anmerkungen zur modernen Theologie, hrsg. von C. A. Bernoulli, Basel 1919 (= Darmstadt 1963), S. 204. 📖 Das Harnack-Zitat findet sich a.a.O., S. 203. Vgl. dazu A. von Harnack, Das Wesen des Christentums. Sechzehn Vorlesungen vor Studierenden aller Facultäten im Wintersemester 1899/1900 an der Universität Berlin gehalten, Leipzig 1902, S. 121 (Neuausgabe: A. von Harnack, Das Wesen des Christentums, hrsg. und komm. von Tr. Rendtorff, Gütersloh 1999, S. 190) 📖.↩
51
Vgl. Thomas von Aquino, S.th. II/2 q. 122 a. 4c. 📖↩
53
M. Luther, Der 147. Psalm, Lauda Jerusalem, ausgelegt (1532), WA 31/I, 430–456, Zitat 435,36–436,11. 📖↩
54
J. Calvin, Sermon sur le Deuteronome Chap. XXVIII. V. 9-14, CR 56 ( = Calvini opera 28), col. 371–382, Zitat col. 379f. 📖↩
52
Im Erstdruck fehlt «uns».↩
55
M. Luther, Am Sibenzehenden Sonntag nach der Trifeltigkeyt, Euangelion Matth. 14, [1–11], in: ders., Hauspostille (1544), WA 52, 484–488, Zitate 484,28–30; 485,10–13.15–18. 📖↩
57
Irenäus, Contra omnes haereses IV, 16,1, SC 100, 562. 📖↩
58
Augustinus, De civitatae Dei XXII, 30,4, CChr.SL 48, 865. 📖↩
59
WA 42, 60–62, Zitate 61,4–6.8–11.14f. 📖↩
60
OS III, 372,8–14 📖↩
56
Korrektur aus dem Erstdruck; ThBl: «Krampfes».↩