13. Februar 1931

Die Not der evangelischen Kirche

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DIE NOT DER EVANGELISCHEN KIRCHE

1931

Am 18. August 1930 wandte sich der Studentenseelsorger der Universität Hamburg, Walther Hunzinger1, an Barth und lud ihn ein, eine Vortragsreihe im bevorstehenden Wintersemester 1930/31 «über Grundfragen evangelischen Christentums» mit einem Vortrag «über die Kirche» zu beschließen. Für die Formulierung des Themas sollte Barth volle Freiheit haben; Hunzinger regte aber an, dass Barth etwa zu «Sinn und Wirklichkeit der Kirche» sprechen könne, und schlug als Zeit «Mitte Februar» 1931 vor.2

Barth sagte mit einem gewissen Zögern zu. Als Thema benannte er «Die Not der evangelischen Kirche» und fügte erläuternd hinzu: «Alles Reden über die Kirche auf andern Linien würde gegenwärtig für mich keinen Sinn haben. Wenn Sie irgendwie enttäuscht sein sollten, weil Sie für Ihre Studenten etwas Positiveres in Aussicht genommen hatten, dann sagen Sie es mir ruhig. Ich trete gerne wieder zurück.»3 Als Datum des Vortrags käme wegen der Bonner Verpflichtungen nur ein Samstag in Frage. So verständigte man sich dann auf Samstag, den 14. Februar 1931.4

Die Einladung an den Ort, an dem dieser Vortrag das größte Aufsehen erregte, kam erst im Dezember: Eine Anfrage von Caius Fabricius5 zu einem Vortrag an der Schleiermacher-Hochschule Berlin wurde von Barth am 16. Dezember 1930 positiv beantwortet.6 Fa|65bricius war sofort damit einverstanden, dass Barth den für Hamburg geplanten Vortrag auch in Berlin halten würde.7 Die Entscheidung, auch noch in Bremen zu sprechen, fiel ganz kurzfristig – erst nachdem der Vortrag in Berlin gehalten war – Anfang Februar 1931.

1. Berlin, 31. Januar 1931

Nachdem mehrere Terminvarianten erwogen worden waren, einigten sich Barth und Fabricius auf Samstag, den 31. Januar 1931. Ort und Zeit des Vortrags mussten noch einmal umdisponiert werden, da sich ein unerwartet großes Interesse an Barths erstem offiziellen Auftreten in Berlin bemerkbar machte: «Ihr Vortrag erregt in Berlin ein solches Interesse, dass wir damit in die Aula der Universität gehen müssen, weil der bisher dafür vorgesehene Hörsaal nicht ausreicht. Der Vortrag ist nun in der Aula um 6 ein halb Uhr abends angesetzt. Ich halte es bei der starken Nachfrage für möglich, dass auch die Aula nicht ausreicht.» Für diesen Fall regte Fabricius eine Wiederholung des Vortrags am Sonntag oder Montag an. Außerdem suchte er Barth für ein Gespräch in einem «kleinen Kreis von Theologen und einige[n] führende[n] Männer[n] des wissenschaftlichen und kirchlichen Lebens» zu gewinnen.8 Barth musste aber die Dauer seiner Reise nach Berlin begrenzen; sowohl eine Wiederholung des Vortrags als auch zusätzliche, über das Persönliche hinausgehende Begegnungen waren ihm nicht willkommen.9 Sehr gerne folgte Barth der Einladung Günther Dehns10, bei ihm zu wohnen.11

Rückblickend beschrieb Barth den Verlauf des Berliner Vortrags, der «in verschiedenster Hinsicht eine merkwürdige Angelegenheit» |66 gewesen sei, so: «1400 Menschen waren – die Böswilligen sagten freilich nicht mit Unrecht ‹unter dem Fluidum der Sensation› – in der neuen Aula zusammengeströmt unter lebensgefährlichem Gedränge, und nun hatte ich 2 Stunden lang das Wort von einem Känzlein herunter, in dessen Hintergrund ein Fresko-Gemälde den eindringlich zur deutschen Nation redenden Fichte, umgeben von General Scharnhorst, Pfarrer Schleiermacher und dem ganzen übrigen Personal der Befreiungskriege, zeigte. Gewiss eine würdige, aber auch eine irgendwie komische Situation, weil der Kerl dahinten eben fortwährend auch redete und zwar ohne Zweifel etwas ganz Anderes als ich. Die Aufnahme des Vortrags durch das Publikum war sehr lebhaft, es ging oft fast volksversammlungsmäßig zu, mit Unterbrechungen durch Beifall und Widerspruch, es kam aber schließlich Alles zum glücklichen Ende, ohne dass es zu Ereignissen gekommen wäre, wie sie im heutigen Deutschland leider möglich sind.» Zu einer eigentlichen Diskussion kam es nach Barths Bericht nicht, «sondern nur zu einer privaten Aussprache im Neuwerkkreis von Günther Dehn».12

Barths Vortrag fand ein ungewöhnlich starkes und kritisches Echo.13 Die wohl prominenteste Erwiderung stammte von keinem Geringeren als Otto Dibelius,14 der den Vortrag gehört hatte. Bereits eine knappe Woche später, am Freitag dem 6. Februar 1931, sprach Dibelius – ebenfalls im Rahmen der Schleiermacher-Hochschule – über «Die Verantwortung der evangelischen Kirche in den Kämpfen der Gegenwart».15 |67 Obschon der Vortrag von Dibelius seit längerer Zeit geplant gewesen war,16 scheint der Veranstalter von Dibelius eine unmittelbare Replik auf Barths Darlegungen erwartet zu haben. Da sich Dibelius über weite Strecken kritisch mit Barth auseinandersetzte, konnten seine erst nach Barths Vortrag geschriebenen Ausführungen17 auch schwerlich anders gedeutet werden. Sie erschienen bereits wenige Tage18 später unter dem Titel «Die Verantwortung der Kirche. Eine Antwort an Karl Barth».19 Barth ergänzte deshalb das Druckmanuskript um das ausschließlich der Auseinandersetzung mit Dibelius gewidmete «Nachwort».20

Ein längerer, in versöhnlichem Ton endender Briefwechsel 21 mit Siegfried Knak, dem Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, beschäftigte sich mit den Reaktionen des Berliner Auditoriums auf ein|68zelne Äußerungen Barths und dem von Barth kritisierten «Bindestrich zwischen Christentum und Volkstum». Knak widersprach dieser Kritik aus missionstheologischen Gründen, warb auch um Verständnis für Dibelius und monierte im Besonderen, dass Barth durch einzelne seiner Äußerungen die «Mitglieder des Konsistoriums […] dem höhnischen Gelächter unreifer Jugend preisgegeben» und damit seinem «Ruf zur Selbstbesinnung», von Knak als «nötig und wirksam» bezeichnet, «selbst […] Eintrag» getan habe.22 Barth nahm diese Kritik durchaus an: «Wie sollte mir das nicht zu denken geben, was Sie über die Fragwürdigkeit des mir […] gespendeten Beifalls bemerken!», fügte aber hinzu: «Viel ‹Gelächter› hat es nach den mir zugekommenen Berichten auch anlässlich des 8 Tage später stattgefundenen Gegenvortrags des Herrn D. Dibelius gegeben. ‹Gelächter› ist nach den damaligen Berichten z. B. des ‹Reichsboten› vor einem Jahr in der Hauptsache auch die Antwort gewesen, die die preußische Generalsynode auf mein Quousque tandem gegeben hat. Ich will mich damit nicht entlasten. Aber ich darf annehmen, dass Sie bereit sind zu dem Zugeständnis, dass sich meine kirchlichen Gegner, was ‹Gelächter› betrifft, mindestens in derselben fragwürdigen Situation befinden wie ich.»23

2. Bremen, 13. Februar 1931

Während der Weihnachtsferien 1930 hatte Barth dem ihm nahestehenden Bremer Arzt Dr. Karl Stoevesandt24 von dem Vortrag in Hamburg berichtet und angeregt, im Anschluss daran am 15. Februar ein Treffen in Bremen zu arrangieren – für «ein paar Stunden Aussprache über die Zeitläufte».25 Stoevesandt ging begeistert auf den Vorschlag |69 ein und erwog zunächst, mit interessierten Teilnehmern aus dem Bremer Gesprächskreis Barths Vortrag in Hamburg zu hören und noch am späten Abend mit Barth nach Bremen zurückzufahren, um am folgenden Sonntag ausreichend Zeit zum Gespräch und zum Gedankenaustausch zur Verfügung zu haben.26

Als dann der Bremer Gesprächskreis am Abend des 1. Februar zusammenkam, entstand spontan der Gedanke, Barth schon für den Vorabend des Hamburger Termins nach Bremen einzuladen und ihn zu bitten, den Vortrag auch hier zu Gehör zu bringen. In dem von Karl Stoevesandt, dem Pfarrer Karl Refer27, dem Philosophen Hinrich Knittermeyer 28 und ihren Ehefrauen unterzeichneten Einladungsschreiben wurde Barth dringlich ersucht, «uns in Bremen auch Ihren Vortrag über die Not der evangelischen Kirche [zu] halten [...]. Es wäre herrlich und wäre der Bremischen Evangelischen Kirche arg nötig».29 Barth ging prompt auf diesen Wunsch ein. Der Vortrag wurde für Freitag, den 13. Februar, 20.30 Uhr in der Aula des Realgymnasiums in der Kaiser-Friedrich-Straße anberaumt.30 Über die Presse wurde die Bremer Öffentlichkeit auf Barths Kommen aufmerksam gemacht und zum Vortrag eingeladen. Man rechnete mit 500 bis 700 Hörern.31

Die Bahnfahrt nach Bremen bescherte Barth, obwohl der Zug pünktlich war, er vom Ehepaar Stoevesandt auf dem Bahnsteig abgeholt wurde und über den nur «kurzen Weg zum Ort der Handlung»32 sein Ziel termingerecht erreichte,33 eine unliebsame Überraschung: «Die Reise nach Bremen war dadurch ausgezeichnet, dass ich die verschiedensten Dinge aus meinen Rocktaschen verlor, die man nicht ver|70lieren sollte, z. B. einen zärtlich geliebten Tabaksbeutel mit Reißverschluss und eine weniger zärtlich geliebte Broschüre von Wobbermin gegen mich.»34

Das Echo auf Barths Darlegungen fiel weniger leidenschaftlich aus als in Berlin. Barth berichtete anschließend, die Unterschiede seien bemerkenswert gewesen: «Wo Berlin gejauchzt oder getobt hatte, da verzog Bremen kaum die Mundwinkel, wo man sich in Berlin wirklich mitten in der Arena der Zeit fühlte, da war man in Bremen, wenigstens dem äußeren Aspekt nach, durchaus noch immer in der gemäßigten Atmosphäre eines Bibliothek-Vortrages, wie er dort schon vor 100 Jahren gehalten wurde und in 100 Jahren immer noch gehalten werden wird.»35 Barth dürfte untertrieben haben: Auch die Bremer Hörerschaft war von seinen Ausführungen teils begeistert, teils zu weiteren Diskussionen provoziert, wie einem Dankbrief Karl Stoevesandts zu entnehmen ist.36 Die Bremer Kirchenzeitung würdigte Barths Vortrag einerseits als «ernstgemeinten Bußruf», vermisste aber andererseits «das liebevolle Verständnis für die besondere Aufgabe der Kirche».37 Unmittelbar nach Barths Vortrag fand sich der Bremer Gesprächskreis zu einer Diskussion im Hause Stoevesandt zusammen, wo Barth auch übernachtete. Am folgenden Morgen «ging es weiter in die noch größere Hansastadt Hamburg».38

3. Hamburg, 14. Februar 1931

Barth wurde um 12.52 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof von den Religionslehrerinnen Anna Maria Rohwedder und Elisabeth Schulz39 erwartet. Man hatte brieflich verabredet, dass Barth tagsüber bei beiden Frauen in deren Wohnung in Fuhlsbüttel zu Gast sein und am Nachmittag mit einem kleinen Kreis «von speziellen Freunden und Schülern» zusammentreffen sollte.40 An dem Gespräch nahm unter |71 anderem auch Hans Asmussen teil. Obwohl Barth wegen einer einsetzenden Grippe gesundheitlich bereits deutlich beeinträchtigt war, hielt er dann am Abend den Vortrag im Hauptgebäude der Universität, wiederum vor einem großen Auditorium. In Barths Rückblick hieß es: «Ich glaube, ich habe sogar infolge des immer mehr überhand nehmenden Fiebers besonders frei und nachdrücklich reden können, marschierte auf der Rednertribüne auf und ab wie ein richtiger Volkstribun [...], kurzum es gelang die Aufmerksamkeit 2 Stunden lang rege zu halten und endlich glücklich in den Hafen zu laufen. Aber dann schloss sich erst noch eine bis nach 1 Uhr dauernde Diskussion in einem Hotel an, zum Glück in dem Hotel, wo ich auch zu schlafen hatte.»41 Am nächsten Morgen reiste Barth – nunmehr ernstlich erkrankt – unverzüglich nach Bonn zurück. Aus der Grippe hatte sich eine komplikationsreiche Mittelohrentzündung entwickelt, die ihn für etwa zehn Tage ans Bett fesselte.42

Barths Darlegungen müssen die Zuhörer auch hier bewegt und zum Teil provoziert haben. Walther Hunzinger hob gegenüber Barth, den «ganz außerordentlich starke[n] Eindruck» hervor, «den Sie hier in Hamburg mit Ihrem Vortrag gemacht haben und zwar gerade auch auf leidenschaftliche Gegner».43 Barth selbst beschrieb den Verlauf der Diskussion so: «Wer ergriff da das Wort? Wahrhaftig Dr. Wilhelm Stapel, der Mann vom Deutschen Volkstum,44 und zwar gar nicht unfreundlich und uneinsichtig, sondern so, dass wir uns zum Schluss wirklich freundlich zuwinken konnten. Etwas weniger glücklich äußerte sich Freund Asmussen; ganz zum Schluss erhoben sich auch noch |72 die großen Hamburger Kirchentiere, Schöffel 45 und Beckmann46, mächtige Gestalten, denen man es ansieht, dass sie im Ernstfall noch die Halskrause tragen. Beide hielten äußerst kluge, freundliche, möglichst weit entgegenkommende Reden für und im letzten Grunde doch gegen mich, eine Menuettbewegung, die in ebenso freundlichen Worten zu beleuchten ich trotz weiter zunehmenden Fiebers gerade noch die Kraft und Geistesgegenwart hatte, so dass es dem Publikum nicht entgehen konnte, dass ich auf den mir so liebevoll gestrichenen Leim eben doch nicht gekrochen war.»47 Während Asmussen bedauerte, nicht geschickt genug in die Debatte eingegriffen zu haben und sich auch sonst enttäuscht über deren Verlauf zeigte,48 äußerte sich Wilhelm Stapel zu Barths Überraschung anerkennend. Zwar sei er, so Stapel, hinsichtlich des «Bindestrichs» anderer Auffassung als Barth und müsse als Lutheraner die reformierte Prägung von Barths Begriff des «Zeichens» kritisieren. Aber in allen seinen Anfragen sei «kein Zeichen von Antipathie oder Undank» gewesen, ganz im Gegenteil: «Denn ich merke, daß Ihr Wort hilft. Und Ihren Kampf gegen die Dibelisierung der Kirche halte ich für gut und notwendig.»49

Der Vortrag wurde in ZZ 9 (1931), S. 89–122 📖, veröffentlicht.

Ein Manuskript des Vortragstextes ist nicht erhalten. Eine maschinenschriftliche Fassung des dann abgedruckten Textes (KBA 10019; 46 Seiten, 2-zeilig, sowie eine Seite mit Fußnotentext) weist gelegentlich maschinenschriftliche Zusätze und handschriftliche Änderungen und Eintragungen auf. Sie werden hier ausgewiesen, wobei die zum ursprünglichen Typoskript hinzugefügten Passagen im Text durch ˹ ˺ markiert werden. Vom Nachwort existiert auch eine sechsseitige handschriftliche erste Fassung, die nach Barths Diktat noch vom Kranken|73bett aus von Charlotte von Kirschbaum angefertigt wurde.50 Die wenigen Abweichungen dieser Handschrift vom Druck und vom Typoskript werden ebenfalls ausgewiesen. Vor allem ein gegen Ende dieses Textes im Druck dann ausgelassener Passus gibt Aufschluss darüber, dass Barth zunächst noch schärfer auf Dibelius hatte reagieren wollen.51 Er schrieb dazu am 27. Februar 1932, als er «den oft erwähnten Vortrag nebst Nachwort und Fussnoten druckfertig» an Georg Merz schickte: «Es [das Nachwort] ist in der vorliegenden Fassung das Produkt einer mehrfachen, von Lollo nicht ohne Strenge geleiteten Sichtung. Was an Kraft, Nachdruck und Deutlichkeit darin stehen geblieben ist, bes. in al[inea] 5, ist bewusst stehen gelassen und muss nun auch stehen bleiben. Zu dem Zorn, den Dibelius verdient hat, steht das Alles noch in gar keinem Verhältnis.»52

Die Not der evangelischen Kirche

Vortrag, gehalten in Berlin am 31. Januar, in Bremen am 13. Februar
und in Hamburg am 14. Februar 1931

Die Not der evangelischen Kirche, von der hier gesprochen werden soll, ist eine doppelte. – Es gibt eine Not, die liegt schlechterdings im Wesen dessen, was evangelische Kirche heißt. Sie ist ihr also unveräußerlich. Wer sie nicht sieht, der sieht auch die evangelische Kirche nicht. Wer sie vermeiden oder umgehen will, der trennt sich von der evangelischen Kirche oder er arbeitet an ihrer Zerstörung. Denn genau hier – nicht anderswo, nicht neben, nicht hinter, nicht über, sondern in dieser Not wohnt die Verheißung, der Segen, die Herrlichkeit |74 der evangelischen Kirche. Ehrerbietig, dankbar, freudig, gehorsam Ja sagen zu dieser Kirche, sein Getauftsein in diese Kirche hinein erkennen und anerkennen, heißt Ja sagen zu dieser ihrer Not, Mitbetroffensein von ihr, Mitleiden und Mittragen an ihr. Nichts sonst? Nein – es dürfte gerade heute wieder einmal an der Zeit sein, daran zu erinnern, dass die Pforte schmal ist [vgl. Mt. 7,14] – nichts sonst. Die Art, wie dieser oder jener zu dieser Not der evangelischen Kirche sein Ja sagt, kann und mag verschieden sein. Es muss aber ein eindeutiges Ja und es darf nicht ein noch so verhülltes Nein sein. Er sagt sonst Nein auch zu der Verheißung dieser Kirche und damit zu ihr selber. Die Kirche ist freilich auch dann auch für ihn da. Er aber ist dann und so, in diesem Nein zur Not der evangelischen Kirche, in dieser Unbetroffenheit, in dieser Unwilligkeit, sie mitzuleiden und mitzutragen, für diese Kirche nicht da. Wogegen in dem Ja zu dieser Not der Kirche tatsächlich alles eingeschlossen ist, an was man wohl zunächst denken möchte, wenn man sich fragt, was ein Ja zur evangelischen Kirche etwa bedeuten möchte. Weil diese Not im Wesen dieser Sache gründet, weil diese Sache nie anders da ist, zu sehen und zu haben ist, als indem diese Not da ist, gesehen und aufgenommen wird, darum kann man von dieser Not der evangelischen Kirche theoretisch-theologisch reden. Man wird, in welcher Begriffssprache, Formulierung und Zuspitzung das im Einzelnen geschehen mag, zu allen Zeiten von ihr 90 reden müssen, solange es eine evangelische Kirche überhaupt gibt. Man wird von ihr als von der Not der ganzen, auch räumlich verstanden ganzen evangelischen Kirche ohne Unterschied des zufälligen Beobachtungskreises reden müssen. Ihre Feststellung und Beschreibung wird eine Belehrung über die Wirklichkeit dieser Kirche sein, die als solche im Einzelnen diskutiert werden kann, in ihrem entscheidenden Gehalt aber endlich und zuletzt hingenommen werden muss, ohne dass der, der hier belehren oder sich belehren lassen will, etwas dazu oder davon tun könnte. – Ganz anders verhält es sich mit einer zweiten Not der evangelischen Kirche. Sie ist die Not ihrer heutigen Existenz. Sie ist ihr also nicht wesensmäßig und darum nicht unabänderlich eigen. Ihr gegenüber kann nicht jenes verstehende und darum in Geduld sich beugende Ja am Platze sein. Ihr gegenüber ist Protest und Auflehnung am Platze. Gegen sie kann und muss seitens eines Jeden, der zur evangelischen Kirche Ja sagt, Nein gesagt und |75 diesem Nein entsprechend gedacht, geredet und gehandelt werden. Von dieser Not wird man so nur heute, ˹ein jeder nur auf seine Weise˺ und ˹nur˺ mit dem Vorbehalt der Beschränktheit des eigenen Beobachtungsgebietes reden können. Eben darum nur praktisch, d. h. nicht in Form von Belehrung, sondern nur in Form von Frage und Aufruf, auf Grund eigener Entscheidung und mit dem Appell an eine Entscheidung, die so oder so auch im Hörer fallen muss, ˹eine Entscheidung, die ein bestimmendes Für und Wider in sich schließen wird˺. In Bezug auf diese zweite Not der evangelischen Kirche könnten die Dinge eben anders stehen. Veränderung, d. h. Bekämpfung und Aufhebung der Not, ist hier eine Möglichkeit. – Ich möchte, bevor ich an das Thema dieser doppelten Not herantrete, ganz kurz im Voraus sagen, wie die eine und die andere Not der evangelischen Kirche unter sich zusammenhängen. Sie hängen so unter sich zusammen: die erste Not der evangelischen Kirche, also die in ihrem Wesen begründete, ist groß und schwer erträglich, aber heilsam und hoffnungsvoll, weil notwendig. Wenn das verkannt und wenn diese Not deshalb verleugnet, vermieden und beseitigt wird, dann ist eben das die zweite Not, die die der heutigen Existenz der evangelischen Kirche ist. Wir werden also zunächst theoretisch des Wesens der evangelischen Kirche, ihrer unveräußerlichen Not zu gedenken haben, um dann und von da aus praktisch die Frage und den Aufruf an uns ergehen zu lassen: Muss die Existenz der evangelischen Kirche immer noch und immer wieder der zweiten, der nicht notwendigen Not verfallen sein, sich ihrem 91 Wesen, der in ihrem Wesen begründeten Not, zu widersetzen, statt sich ihr gehorsam und dann sicher auch in der Freude des Gehorsams zu beugen?

I.

Dies ist unauslöschlich bezeichnend für das Wesen der evangelischen Kirche: dass sie die Kirche unter dem Kreuz ist. Ein bestimmter Teil von ihr ist einst im Besonderen so genannt worden.53 Aber der Name |76 gehört wie kein anderer der ganzen evangelischen Kirche. Wo sie nicht Kirche unter dem Kreuz ist, da ist sie nicht evangelische Kirche. Wo sie das nur teilweise sein will und daneben doch auch noch etwas Anderes, da ist sie nicht evangelische Kirche. Sie ist, was sie ist, entweder ganz oder gar nicht. Ihre Existenz ist entweder Bekenntnis oder Verleugnung dieses ihres Wesens. Tertium non datur.

Die evangelische Kirche ist nicht zufolge von irgend Jemandes Einsicht oder Erlebnis durch irgend Jemandes Willensentschluss gegründet worden. Sondern die evangelische Kirche war eines Tages da, als Irgendwelche – ihr Name und ihre Persönlichkeiten tun nichts zur Sache – ausgestoßen und verurteilt von der einen Kirche, die damals war, zu ihrem Entsetzen erkannten, dass mit ihnen gerade die Wirklichkeit von jener Kirche ausgestoßen und verurteilt war, die sie selbstverständlich für den Grund und die Wahrheit und das Heiligtum der Kirche gehalten hatten, dass also auf Grund jenes Urteils nach Gottes Zulassung, Willen und Ratschluss die Kirche selbst jetzt außerhalb der Kirche war. Es war ein Vorgang ganz entsprechend dem, wie einst der Apostel Paulus und die Seinen, das Gesetz und die Propheten in der Hand, von der israelitischen Volksgemeinde sich ausgeschlossen und auf sich selbst gestellt, Israel eines Tages außerhalb Israels sehen mussten. Mit dem Heiligtum zusammen ausgeschlossen, mussten auch jene Menschen des sechzehnten Jahrhunderts die eine wahre Kirche fortan da draußen suchen und finden, vor den Toren Jerusalems [vgl. Hebr. 13,12], abseits von der alten, der gewesenen Kirche, die ihnen darum, um der Verwerfung und des Verlustes ihres eigenen Heiligtums willen, nur noch Kirche des Scheins und Truges, die Kirche des Antichrist, sein konnte. Die Wirklichkeit, mit der zusammen ausgeschlossen sich jene Menschen eines Tages da draußen vorfanden, das Wesen der Kirche, das sie eines Tages wider ihr Wünschen und Wollen da draußen, außerhalb dessen, was auch ihnen bis dahin Kirche gewesen war, glauben und erkennen mussten, das ausgestoßene Heilig92tum, das nun automatisch da draußen Kirche begründete, war aber das Kreuz. Konkret: der unter Pontius Pilatus gekreuzigte Mensch Jesus Christus, der Gott selber ist, er als solcher |77 die Versöhnung des Menschen mit Gott und das Unterpfand seiner kommenden Erlösung, wie er ihnen mit zwingender Klarheit als der biblischen Schriften Kern und Stern begegnete. Als sie wussten und durch ihre Missachtung des Bannes der alten Kirche bewährten und bekannten: dieser gekreuzigte Jesus Christus des Alten und Neuen Testamentes ist mit uns draußen, da – alles andere ist unwesentlich – ˹da geschah die «Reformation», da˺ a-wurde die evangelische Kirche-a.

Die evangelische Kirche b-wurde und ist-b also konstituiert durch die Erkenntnis des Draußenseins des gekreuzigten Christus. Beides, sein Gekreuzigtsein und sein Draußensein, hatte für die Reformatoren ebenso wie einst für Paulus grundsätzliche Bedeutung.

Der gekreuzigte Christus ist der Gott, der sich in die tiefste Tiefe des Menschseins, der sich in den Tod des von der menschlichen Gesellschaft endgültig ausgestoßenen Verbrechers hinein erniedrigt hat. Dieses Opfer bringt Gott, um wirklich mit allen seinen Gütern und Gaben unser Gott zu sein. Er verhüllt sich ganz, um uns ganz kenntlich zu werden, um uns ganz zu gehören. So ist er zu erkennen, so ist er zu haben. Dass er so zu erkennen und zu haben ist, dass es je und je Menschen gibt, die ihn so erkennen und haben, dass es also Kirche gibt, das ist die unbegreifliche Kraft seiner Gottheit, seiner Auferstehung von den Toten, seines heiligen Geistes. Aber eben in seiner Gottheit, als der Auferstandene, als der Herr, der der Geist ist [vgl. 2.Kor. 3,17], wird er nicht anders erkannt und gehabt, ist er nicht anders das Haupt seiner Kirche, denn als der Gekreuzigte. Man kann an ihm als dem Gekreuzigten nicht vorbei und weiterkommen. Man kann nicht von da zu einem anderen, vermeintlich schöneren und besseren Punkt der Tagesordnung übergehen. Gottes Verhüllung ist Gottes Enthüllung. Gottes Barmherzigkeit, in der er diese wirkliche und radikale Herablassung vollzieht, ist Gottes Offenbarung und Wohltat. Gottes Niedrigkeit ist, solange die Zeit währt, der Ort der Herrlichkeit Gottes unter den Menschen. – Von zwei Seiten sahen sich die Reformatoren streng und kompromisslos an diesen Christus, an diesen Gott gewiesen: Einmal durch die Bibel Alten und Neuen Tes|78tamentes, die ihnen einen anderen Christus als diesen nicht zeigte, sodann durch die Selbsterkenntnis, die sich ihnen, nicht auf Grund einer Analyse der 93 menschlichen Situation, sondern von diesem Christus her aufdrängte: Wie sollte für uns eine andere, höhere, schönere, bessere Begegnung und Gemeinschaft mit Gott als diese, in der Tiefe des Verbrechertodes, zu denken sein? Eben da, in dieser Tiefe sind wir. Eben da, in dieser Tiefe, wo wir sind, findet uns dieser und nur dieser Christus. Also an diesen Christus gewiesen, fanden sie sich eines Tages draußen, und die Kirche, die sie aussperrte, bekannte und bekennt in aller Form, dass sie in der Tat um einen ganz anderen Christus weiß als diesen: umc einen Christus, der seinen Kreuzestod abgeworfen und hinter sich liegen hat wie ein altes Kleid, einen Christus, der ganz anders König ist als dort vor Pilatus, einen Christus von geradezu unheimlicher, von, wie man gerne sagt, kosmischer, zu deutsch weltlicher, Lebendigkeit und Gewalt, einen Christus als mächtig organisierendes Prinzip einer kontinuierlich sichtbaren, institutionsmäßig wirklichen Erhebung des Menschen in die Sphäre des Göttlichen, einen Christus nicht mehr der Niedrigkeit und Verborgenheit seiner Gottheit, sondern der direkt greifbaren, geschichtlich belegbaren, seelisch-leiblich erfahrbaren und mitteilbaren und sogar juristisch und politisch zu dokumentierenden Herrlichkeit. Jener, der gekreuzigte Christus, konnte, einmal in seiner Einzigkeit erkannt, nur draußen sein, gegenüber, abseits von der im römischen Papst repräsentierten Kirche mit ihrem ganz anderen Christus, wie ihn einst Paulus gegenüber, abseits von der Volksgemeinde Israels gesehen hatte.

Aber eben dieses «Draußen» hatte nun für die, die sich so eines Tages mit ihm draußen sahen, noch eine entscheidendere Bedeutung als diese sozusagen geschichtliche. Sie sahen den gekreuzigten Christus gegenüber, abseits von jeder Kirche, sofern sie sich angesichts seiner sagen mussten, dass jede Kirche unter allen Umständen in allen ihren Lebensäußerungen eine Kirche von Sündern, d. h. von Übertretern und Feinden Gottes ist. Das Gericht, unter dem sie die alte Kirche plötzlich stehen sahen, war zuerst und vor allem über sie selbst ergangen. Sie hatten sich selbst als die erkannt, die Gott eben nur in jener Barmherzigkeit und Selbsterniedrigung aufsuchen konnte, als |79 dem Tode verfallene Räuber an seiner Ehre, als solche, die Christus gekreuzigt haben. Und sie hatten das Heil, das sie in diesem Gekreuzigten fanden, erkannt als ein solches, das wirklich «aus Gnad und lauter Güte» hergekommen,54 ganz und gar nur hergekommen, in keiner Weise auch hergeholt ist vom Menschen und das nur darin und so das Heil ist für den Menschen, 94 dass es immer wieder herkommt zu ihm. Es kann angesichts des gekreuzigten Christus nicht in Betracht kommen irgend ein Greifen des Menschen nach seinem Heil, aber auch nicht irgend ein Übergehen seines Heils in sein eigenes Besitzen und Verfügen. Es kann nur herkommen zum Menschen, so gewiss es Gottes Gut und Gerechtsame und Wohltat ist und so gewiss der Mensch sich angesichts des gekreuzigten Christus immer aufs Neue auch auf den höchsten ihm erreichbaren Stufen als den erkennen muss, der Gott verworfen und damit den Anspruch und die Organe für das Heil verloren hat. ˹Es kann nur in der Vergebung bestehen.˺ Es ist vom Menschen aus nur das möglich, was eben durch das tatsächliche Herkommen des Heils aus Gnad und lauter Güte, ˹durch die Vergebung der Sünde˺ je und je in Menschen wirklich, unbegreiflich und unableitbar wirklich ist: der Glaube. Der Glaube ist die nur als Wirklichkeit (in keiner Weise als Möglichkeit) verständlich zu machende menschliche Anerkennung: es ist das Heil uns kommen her! ˹mir sind meine Sünden vergeben!˺, die Anerkennung der schlechterdings in Jesus Christus und nicht sonst für uns vorhandenen und wirksamen Wahrheit und Wohltat Gottes, vollzogen unter Leugnung jeder Gegenseitigkeit und jeder Kontinuität zwischen göttlichem und menschlichem Tun. So wurde hier der gekreuzigte Christus erkannt: als der freie Herr, nicht als das immanente Prinzip seiner Kirche, als das wirklich himmlische Haupt seines wirklich irdischen Leibes. So sahen sich die Reformatoren damals mit dem gekreuzigten Christus draußen gegenüberd der alten Kirche. Sie waren es mit Dem, der draußen ist gegenüber jeder Kirche, der gerade von seiner wahren Kirche als der von draußen zu uns als zu seinen Feinden Kommende zu glau|80ben, nicht aber und in keinem Sinn in der Kirche selbst als ein höheres Stück ihrer eigenen Wirklichkeit vorhanden und wirksam, anzuschauen und zu ergreifen, zu verwalten und zu genießen ist. So wanderte damals mit ihrem Heiligtum die Kirche selbst aus aus der Kirche, nicht zum ersten und vielleicht auch nicht zum letztenmal: so, dass sie da draußen, wo sie nun neu sich bildete, in keiner Weise eine neue Form der alten, der gewesenen Kirche, werden konnte. Sie musste als Kirche des gekreuzigten Christus die Kirche der Sünder, die Kirche ˹der Vergebung,˺ des Glaubens und der Hoffnung werden. Sie konnte und durfte dem Menschen in seiner Beziehung zu Gott außer Christus selbst und dem, was ihm von ihm her zukommt, nichts übrig lassen. Sie konnte und durfte nichts wissen von einer Offenbarung, die 95 etwas Anderes wäre als die freie gegenwärtige göttliche Tat der Offenbarung, nichts wissen von einer Gnade, die ein dem Menschen mitgeteiltes Etwas und nicht der freie Gott selber ist, nichts wissen von einem Glauben, der nicht die unbegreifliche, gegenwärtige Wirklichkeit des Gehorsams und der Liebe zu diesem freien Gott ist. Sie hat das Alles nicht so erfunden, ausgedacht und gewollt. Sondern für sie war es eben so. Zu dieser Konzentration und zu diesen unerhört einschneidenden Negationen nach allen Seiten war sie gezwungen als die unter das Kreuz gestellte Kirche.

Muss nun noch ausdrücklich und besonders von der Not der evangelischen Kirche geredet werden? Als Kirche in Not ist sie offenbar als Kirche unter dem Kreuz ˹schon˺ ins Dasein getreten. Suchen wir immerhin uns an einigen Punkten kurz anschaulich zu machen, was das bedeutet:

Evangelische Kirche muss wissen, dass es in jedem Augenblick in jeder Beziehung ihrer Entscheidung entnommen und der Entscheidung Gottes anheimgegeben ist, ob sie wirkliche Kirche ist, d. h. ob in ihrem Sein und Tun im Einzelnen und im Ganzen Begegnung und Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch und die dementsprechend geordnete Begegnung und Gemeinschaft zwischen Mensch und Mensch, ob also «communio sanctorum» in dem doppelten Sinn dieses Begriffs stattfindet oder nicht stattfindet. Sie muss, soviel an ihr liegt, verharren bei dem erniedrigten Christus. Sie hat ihn in sich selbst zu verklären, sie hat auf das Wunder der Ostern keinen Anspruch und keinen Griff. Dieses Wunder kann in ihr nur je und je Ereignis sein. Sie |81 kann sich selbst nur je und je glauben, ˹sie solle aber auch sich selbst je und je glauben˺ als die Stätte, wo Gott seine Herrlichkeit sichtbar offenbaren kann und will, d. h. aber sie kann nur darauf, ˹sie soll aber auch darauf ˺ ihre Zuversicht setzen, dass Gott sie je und je zur sichtbar wirklichen Kirche machen werde. ˹Sie ist Kirche, indem sie gehorcht, und sie gehorcht, indem sie glaubt, und sie glaubt, indem sie der unverdienten, freien, göttlichen Erwählung recht gibt, im Vornherein, auch für den Fall, dass Gott sie verwerfen würde.˺

Evangelische Kirche kann grundsätzlich nur Gott dienen. Gewiss am Menschen, aber darum nicht dem Menschen! Also vor allem auch nicht sich selbst. Sie hat in abstracto keine menschlichen Belange, keine menschlichen Ziele. Sie kann nicht Geltung, Einfluss, materielle oder geistige Macht an sich und für sich, sie kann das alles nur im Hinblick auf ihren Dienst und unter dem Vorbehalt der 96 ihrer Entscheidung entnommenen Offenbarung Gottes selbst haben wollen. Im selben Sinn gehen sie aber auch die menschlichen Belange überhaupt, von den niedrigsten bis zu den höchsten, als solche nichts an. Sie kann nicht schielen: mit dem einen Auge auf Gott, mit dem anderen auf irgendwelche menschliche Notwendigkeiten und Hochziele. Sie ist durchaus nicht in der Lage, diese mit jenem zusammenzusehen. Wie sollte sie auch? Sie kennt den Menschen auf der ganzen Linie als den, der Christus gekreuzigt hat und der nicht von seinem Reichtum, sondern von Gottes Barmherzigkeit lebt, nicht von dem, was ihm eigen und innerlich ist, sondern von dem, was äußerlich und fremd zu ihm kommt˹, nicht von seinen Taten, sondern davon, dass ihm seine Taten vergeben sind˺. Sie kann also nicht wollen, was dieser Mensch will, und wenn es das Beste und Edelste wäre. Sie kann Gott nicht in den Dienst des Menschen stellen. Sie kann dem Menschen nur tatsächlich dienen, ˹und so soll sie ihm dienen:˺ damitf, dass sie dem Versagen und Zerbrechen seines Willens den unendlichen Trost und aller Sicherheit und Endgültigkeit seines Willens die unendliche Beunruhigung durch den Willen Gottes verkündigt.

82 Evangelische Kirche kann aber auch Gott nur dienen wollen. Sie ist nicht das Reich Gottes. Sie ist nicht die Fortsetzung, Vergegenwärtigung, Verleiblichung, Versichtbarung der in Christus geschehenen Offenbarung und Versöhnung. Sie hat das Opfer Christi nicht zu wiederholen.55 Sie hat Christus in keiner Weise auf den Plan zu führen, darzustellen und wirksam zu machen. Sie hat das Heil weder mitzuteilen, noch fortzupflanzen, noch auszubreiten. Nicht als ob sie dieses ganze Geschehen leugnete, sie glaubt es vielmehr, sie leugnet aber, dass es in irgend einem Sinn ihr zuzuschreiben, von ihr zu vollziehen sei. Sie glaubt es als Gottes Werk. Und diesem Werke Gottes will sie dienen, mit dem ganzen Eifer, mit dem einer arbeitet, der dienen muss und will, aber auch mit der ganzen Zurückhaltung, mit der einer arbeitet, der in keinem Sinn Meister, sondern ganz und gar nur Handlanger ist, der weiß, dass er die Sache nicht machen, sondern nur verderben könnte. Sie kann mit ihrem Tun immer nur vortreten ˹– sie muss je und je vortreten mit ihrem Tun, wehe ihr, wenn sie es unterließe – aber nur˺ um alsbald wieder zurückzutreten, damit das Eigentliche, das geschehen muss, von Gott getan werde.

Evangelische Kirche kann ihre sichtbare Einheit grundsätzlich nur suchen, aber niemals gefunden zu haben meinen. Gott 97 schafft und offenbart zu allen Zeiten und an allen Orten ihre sichtbare Einheit, wann und wo es ihm gefällt. Was die Kirche selbst tun kann, wird Weg und Wanderung sein nach diesem Ziel, nicht mehr, nicht eigenmächtiges Bewirken und Behaupten ihrer sichtbaren Einheit. ˹ Die Aufrichtung von Zeichen ist ihre Aufgabe.˺ Sie wird ˹aber˺ über die Aufrichtung von Zeichen nach keiner Seite hinausgehen. Zeichen ist ihre Verkündigung, Zeichen ihre Anbetung, Zeichen ihr Sakrament, Zeichen das Zeugnis des Lebens ihrer Glieder sowohl wie das Zeugnis, das sie als Kirche der Gesellschaft gegenüber ablegt in dem, was man g-ihre innere und äußere Mission-g nennt. Zeichen ist sowohl ihre rechtliche Organisation wie ihr theologisches Bekenntnis. Angenommen ˹z. B.˺, es gelänge in ferner Zukunft in der Richtung über Stockholm |83 und Lausanne56 hinaus endlich und zuletzt so etwas wie eine evangelische Weltkirche, vielleicht sogar mit einem sehr annehmbaren evangelischen Weltbekenntnis und mit einer sehr respektablen ˹evangelischen˺ Weltkirchenleitung, so wäre am Tage nach diesem Erfolg die Frage nach der sichtbaren Einheit der evangelischen Kirche auch nicht um den kleinsten Grad weniger bitter ernst wie heute. Evangelische Kirche weiß ja: sie ist nur der irdische Leib ihres himmlischen Hauptes [vgl. Kol. 1,18; Eph. 1,22]. Wie sollte sie da etwas Anderes tun als Zeichen geben ihres Gehorsams? Zeichen, auch die höchsten und klarsten Zeichen haben es an sich, dass sie zweideutig sind, dass sie bewährt und auch im Fall ihrer Bewährung korrigiert und grundsätzlich überboten werden durch das Bezeichnete selber. Das hier Bezeichnete aber, Jesus Christus, steht nicht zu unserer Verfügung und wird nie zu unserer Verfügung stehen. Er verfügt vielmehr nach eigenem Ermessen über alle unsere Zeichen. Evangelische Kirche wird sich diese Beschränkung gefallen lassen müssen. Sie wird mit keinem Satz und mit keiner Gebärde ihre Zeichen mit dem Bezeichneten in Eins setzen57 und sie wird nun gerade mit letztem Ernst, aber mit dem Ernst des Glaubens, der sucht, was droben ist [vgl. Kol. 3,1f.], nach allen Seiten ihre Zeichen geben und wo und wann sie das nach Gottes Urteil im Gehorsam tut, wird sie die eine sichtbare Kirche sein.

Evangelische Kirche weiß: Das, wovon sie lebt (wenn sie lebt!) und was sie anzubieten hat (wenn sie etwas anzubieten hat!), ist Gottes Verheißung. Gottes in Christus erfüllte, d. h. aber vollständig und endgültig gewordene, abschließend ausgesprochene Zusage. Gott ha|84ben heißt für uns in der Zeit und nicht in der Ewigkeit lebende Menschen: seine Zusage haben und durch sie in 98 Anspruch genommen sein. ˹Diese Zusage ist der Besitz der evangelischen Kirche. Von ihr zeugt sie und muss sie zeugen.˺ Das Zugesagte selbst, den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft [Phil. 4,7], unsere Erlösung aus der Not des Streites zwischen der Gnade und dem Gericht, in denen beiden wir stehen, das Schauen und Besitzen dessen, was der Glaube nur glauben kann [vgl. 2.Kor. 5,7] – dieses Zugesagte hat die evangelische Kirche nicht und kann sie darum auch Niemandem anbieten. Sie kann darauf nur hoffen. Sie kann darum nur beten. Was sie dem Menschen zu seinem Trost, zu seiner Belehrung und Weisung sagen kann, das weist ausnahmslos als vorletztes Wort über sich selbst hinaus, das ist nicht wahr und gut, sondern das muss wahr und gut werden, indem Gott sich selbst hinter das stellt, was sie sagen kann. Was die Kirche hat, das ist die heilige Schrift: nicht als Quellpunkt eines immer mächtiger, immer lebendiger, immer tiefer durch die Geschichte gehenden Lebensstromes und wie diese naturalistischen Redensarten alle lautenh mögen, sondern ganz schlicht als das für alle Zeiten gleich unzugängliche und zugängliche, gleich karge und gleich unerschöpfliche Zeugnis von dem gekreuzigten Christus als von dem dunklen und gerade so uns angemessenen und taghellen Wort des Lebens, das im Glauben und nur im Glauben zu hören und zu tun ist. Etwas anderes als dieses Zeugnis hat sie nicht anzubieten, seine Kraft und seine Wirkung sind nicht in ihrer Macht und sind ihr nicht offenkundig.

Ich breche ab. Dass eine Kirche, die so dran ist, eine Kirche in Not ist, brauche ich wohl nicht besonders zu beweisen. Wer hier sehen und hören kann und sich sagen muss: dies ist meine Kirche, der steht schon mitten in dieser Not und vor der Entscheidung, die das für ihn bedeutet. Wenn er es nicht wissen sollte, dass wir Kirche in Not sind, so mag er es sich von den Katholiken sagen lassen, die uns von Anfang an bis auf diesen Tag, wenn sie freundlich mit uns redeten, ungefähr in jedem Satz zu verstehen gaben und immer wieder zu verstehen geben: «Ihr seid arme, geschlagene Leute in einer unmöglichen Situation. In einer solchen Kirche würden wir es eben nicht aushalten. Wir danken Gott |85 dafür, dass wir eine ganz andere, von solcher Not in allen Punkten freie Kirche haben, dieselbe alte Kirche, die jene unruhigen Geister vor vierhundert Jahren zu Unrecht verlassen haben und in der euren Frieden zu suchen und sicher zu finden wir euch herzlich einladen!» – Was fehlt der evangelischen Kirche? Ihr fehlt offenbar in jeder Hinsicht das greif99bar lösende Wort, die kontinuierliche göttliche Autorität, die von der Verheißung unterschiedene erfüllende Wirklichkeit, das abschließende Wissen, die eindeutige Weisung, die direkt überzeugende Herrlichkeit. Philosophisch gesprochen: ihr fehlt die Synthese. Dort, wo die Synthese kommen müsste, steht die evangelische Kirche in allen Punkten mit leeren Händen da,58 auf Gott selbst verwiesen und verweisend, und Gott selbst ist Christus in der Niedrigkeit, der uns in dieser Niedrigkeit festhält und gerade da und so in seiner Höhe mächtig ist, gesucht und gefunden werden will, Christus der Herr, der immer draußen steht und anklopft [vgl. Apk. 3,20], auch und gerade vor der Türe seiner wahren Kirche, von dem das Heil hergekommen ist und immer herkommen wird – wir aber sind Bettler, das ist wahr.59 Das fehlt der evangelischen Kirche, dass sie keine andere Synthese kennt als diese, die i-weder vorhandene, noch herzustellende, noch aufzuzeigende-i, die nur von Gott zu vollziehende Synthese˹, und dass sie nun doch und gerade so als Kirche, als |86 Gemeinschaft der Verkündigung und der Anbetung, der Versöhnung und der Hoffnung geglaubt werden, dass sie als solche als unsere höchste Gabe und Aufgabe verstanden werden soll˺. Dass ihr das fehlt, das eben ist ihre Not. Ich kenne die Auflehnung gegen diese Feststellung. «Eine durchausj trostlose Theologie!» ist mir neulich zugerufen worden1). Ich kann nur antworten: Der, der das gesagt hat, versteht unter Trost natürlich die Synthese. Und da hat er ganz recht: die Theologie der evangelischen ˹Kirche˺ ist in der Tat eine durchaus trostlose Theologie, trostlos, weil sie als Theologie der Kirche unter dem Kreuz nur Gott und sonst gar nichts zum Troste haben kann. Wer das Heimweh nach jenem anderen Trost nicht los werden kann – dass man ihn und alle die, die mit ihm auf ähnlichen Spuren sind, doch bitten dürfte, ihrem Gewissen zu folgen und aus der evangelischen Kirche dorthin zurückzukehren, wo es für dieses Bedürfnis wahrhaftig Befriedigung gibt! Es wäre der evangelischen Kirche besser, sie würde auf ein Zehntel oder Hundertstel ihres Bestandes zusammenschmelzen und k-dann und so-k wieder ein Licht werden für alles Volk, statt dass ihr Leben fortwährend gestört und zerstört wird von den Unzähligen, die sie, weil sie es in ihrer Not nicht aushalten, anders haben und offen oder heimlich anders machen möchten, als sie von Haus aus nun einmal allein sein kann. Aber in dem, was sie bewegt, haben diese Heimwehkranken ganz recht. Hier ist Kirche in Not. Sie müss100ten nur tiefer und ruhiger sehen, um sich über sich selbst und ihr Heimweh klarer zu werden: Hier ist Kirche von Haus aus, in ihrem Wesen in Not, in Not auf Grund dessen, was jene Menschen im 16. Jahrhundert einst mit unausweichlicher Dringlichkeit verhindert |87 hat, sich dem Spruch der alten Kirche zu unterziehen. Die Frage für uns kann schließlich nur die sein, ob jene unausweichliche Dringlichkeit für uns auch besteht, ob der gekreuzigte Christus des Alten und Neuen Testamentes da draußen, jeder Kirche gegenüber, als Kraft Gottes zum Heil für alle, die glauben [vgl. Röm. 1,16], uns ebenso freundlich und gebieterisch in den Weg gestellt ist. Dann wäre offenbar das Heimweh nach der Synthese, ob unterdrückt oder nicht unterdrückt – wir werden es wohl, solange wir Menschen sind, nie ganz unterdrücken können – gegenstandslos. ˹Wir wären dann gar nicht gefragt, ob es uns passt oder nicht passt, uns dieser Not zu unterziehen.˺ Es wäre dann die Not der evangelischen Kirche als notwendig, ˹und darum˺ als in ihrer ganzen Unerträglichkeit erträglich erkannt. Man stünde dann da und könnte nicht anders, wie man es Luther allzu oft nachgesagt hat,61 ohne zu wissen, was man damit sagte.

II.

So müsste die evangelische Kirche nach dem Gesagten existieren: als ein Ort mitten in der menschlichen Gesellschaft, ja sagen wir noch deutlicher: als eine menschliche Gesellschaft mitten unter und neben allen anderen menschlichen Gesellschaften, eine Gesellschaft, deren besondere Tätigkeit darin bestünde, dieser Situation, nämlich der Konfrontierung des Menschen mit dem gekreuzigten Christus als dem schlechthin ausschließlichen Gesetz und Urheber seines Heils standzuhalten, der übrigen Gesellschaft oder allen übrigen Gesellschaften gegenüber das, aber nichts sonst sein und bedeuten zu wollen: ein Zeichen, ein in anspruchslosem Gehorsam abgelegtes Zeugnis von dieser Situation. Wo und wenn und sofern die evangelische Kirche so existiert, hat es keine Not. Es hat also keine Not um ihre Existenz, wo und wenn und sofern ihr Existieren ein Anerkennen und Aufsichnehmen der Not ihres Wesens ist.

88 Die Not ihrer Existenz, jene zweite, ungute, nicht notwendige und nicht heilvolle Not der evangelischen Kirche tritt aber ein, wo und wenn und sofern sie sich faktisch des Evangeliums schämt [vgl. Röm. 1,16], dessen sie sich rühmt, wo und wenn und sofern sie die in ihrem Wesen begründete Not nicht anerkennt und nicht auf sich nimmt und also nicht ihrem Wesen entsprechend existieren will. Das kann nun auf zweier101lei Weise geschehen. Und dass es auf beide Weisen tatsächlich geschieht, das ist die heutige, die aktuelle Not, die hier protestierend – denn hier ist Protest am Platz, zur Sprache gebracht werden soll. Es handelt sich beide Male um ein Zurückweichen vor dem, was von der evangelischen Kirche wesensmäßig gefordert ist, und zwar in der Weise, dass das Zurückweichen nach der einen Seite [nach] dem nach der anderen notwendig ruft und umgekehrt: in der Weise also, dass man sich, einmal zurückgewichen, in einem circulus vitiosus befindet, so dass das Unheil von jedem nur vermehrt wird, der es etwa nur auf der einen Seite sucht und darum, und wäre es noch so geistvoll, energisch und fromm, auf die andere tritt. Nicht das Ausweichen dahin oder dorthin, sondern das Zurückweichen als solches ist das, was nicht geschehen sollte und dem gegenüber endlich zur Besinnung zu kommen der Kirche nottäte.

˹Bevor ich darauf eintrete, möchte ich nochmals daran erinnern, dass ich hier, wo es sich um die Feststellung und Beurteilung geschichtlicher Tatsachen handelt, nicht mit demselben Anspruch auf Allgemeingültigkeit reden kann wie vorhin. Ein Einzelner sieht, was ihm vor Augen ist [vgl. 1.Sam. 16,7], und versteht es, wie es ihm gegeben ist. Wagt er es dennoch, allgemein zu reden, so läuft er Gefahr, sich zu irren und ungerecht zu sein. Dieser Gefahr setze ich mich ganz bewusst aus. Es gibt Gefahren, auch ernste Gefahren, denen man unter Umständen nicht ausweichen darf. Es ist aber klar, dass ich angesichts des Bestehens dieser Gefahr letztlich hier nichts anderes anbieten wollen darf als Material zu eigener Prüfung und Entscheidung.˺

Es handelt sich auf der einen Seite um die Flucht vor der Sichtbarkeit der Kirche. – Indem sie existiert, istl sie ja notwendig sichtbar, ist sie vorhanden als eine bestimmte Gemeinschaft mit einer bestimmten |89 geschichtlichen Überlieferung und Prägung, mit einer bestimmten (buchstäblich bestimmten!) Organisation und mit einem bestimmten (buchstäblich bestimmten!) Bekenntnis, mit einer bestimmten Ordnung des Drinnen- und Draußenseins, des Gebens und Nehmens, des Redens und Hörens, der Weisung und des Sich-Richtens, mit bestimmter Arbeit, bestimmten Zielen, bestimmten äußeren Lebensnotwendigkeiten, vor allem auch: mit je und je bestimmten repräsentativen Personen. Die Kirche kann offenbar nicht existieren in der wirklichen Welt, in der wirklichen Gesellschaft, wie sie es soll, sie kann nicht Zeichen und Zeugnis sein, ohne dass sie sichtbar ist, und sie kann nicht sichtbar sein, ohne in der man102nigfachsten Weise bestimmt zu sein. Diese ihre Bestimmtheit ist aber auf der ganzen Linie eine menschliche Bestimmtheit. Und alles Menschliche ist immer allzumenschlich,62 fragwürdig und bedenklich nach allen Kanten. Das gilt in der Kirche nicht weniger, sondern – das empfindet auch der Fernstehende, auch der Gegner der Kirche ganz richtig und meistens mit schärferen Augen als die nächst Beteiligten: es gilt hier mehr als anderswo. Es braucht nicht viel Tiefsinn, um zu sehen, wie sehr hier Form und Sache auseinanderklaffen. Man denke: die göttliche Offenbarung und die Predigt vom soundsovielten Trinitatissonntag, die Kommunion zwischen Gott und Mensch und das Brot und der Wein des Abendmahls, das Heil für Zeit und Ewigkeit und der Herr Pastor der nächsten Kirchgemeinde, Gottes verborgene Weisheit und das Kollegheft oder Vortragsmanuskript des Theologieprofessors Soundso, die Autorität des heiligen Geistes und die Autorität, mit der die Kirche z. B. den Kanon heiliger Schrift zu bestimmen unternommen hat, Jesus in Gethsemane und der Reichstag zu Augsburg 1530 und die Confessio der evangelischen Fürsten, das nahe herbeigekommene Himmelreich und die preußische Generalsynode – wer möchte nicht lachen und weinen zugleich bei solchen Zusammenstellungen? Bedeuten sie nicht Lästerungen nach der einen und Vernichtungen nach der anderen Seite? Wo ist da die Synthese? Der Katholizismus kennt hier eine Synthese, die evangelische Kirche nicht; sie kennt nur die Synthese, die Gott vollzieht, die wir also nur glauben können. Und |90 dennoch und gerade so, also im Glauben an Gott, setzt sie überall, wo sie existiert, ein Zusammensein von Form und Sache, eine Beziehung zwischen dem menschlichen Zeichen und der göttlichen Wirklichkeit voraus. Dennoch und gerade so will und setzt sie sich selbst immer wieder in Sichtbarkeit, in Bestimmtheit, in jener ganzen Menschlichkeit und will so und als solche die verkörperte Bitte sein, die Bitte an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott [2.Kor. 5,20]! – Ist das erträglich?

Nein, das ist unerträglich! antworten uns Unzählige und gewiss nicht die Schlechtesten unserer Zeit- und Kirchgenossen: Nein, so lassen wir uns das Göttliche nicht vermenschlichen, das Unbedingte nicht dämonisieren, den Geist nicht verdinglichen.63 Sie alle, die hier protestieren, haben nämlich die Entdeckung gemacht, dass die Sichtbarkeit die Bestimmtheit, die Bestimmtheit die Menschlichkeit, die Menschlichkeit aber auf der ganzen Linie die Kleinheit, Torheit, Bosheit und Hässlichkeit der Kirche bedeutet. Gott aber oder das 103 Göttliche, so meinen sie zu wissen, ist groß, wahr, gut und schön. Also ist die Sichtbarkeit der Kirche als solche ein Ärgernis. Kirchliches Amt, kirchliche Ordnung und Sitte, kirchliches Bekenntnis, kirchliche Autorität gar – lauter Peinlichkeiten, auf die man mindestens innerlich nur mit einer nervösen Abwehrbewegung reagieren kann. Das Interesse an der Kirche geht nun ganz oder nahezu ganz auf in der Kritik an der Kirche. Es geht aber auch die Kritik an der Kirche ganz oder nahezu ganz auf in dem mehr oder weniger bestimmten Wunsch, sie möchte als Kirche am besten gar nicht sichtbar werden bzw. sanft einschlafen. Unsichtbare Kirche! Freie Kirche! ˹Kirche des Geistes!˺ das ist’s, was man eigentlich möchte. Kirche ohne bestimmtes Recht, |91 bestimmtes Amt, bestimmtes Bekenntnis, Kirche ohne diese störenden Menschlichkeiten! Kirche, die höchstens in gemeinsamen Gesinnungen, Stimmungen, Bestrebungen je und dann ins Dasein träte, aber ohne Bindungen, ohne Verpflichtungen, ohne andere Formen als solche, die jedermann jederzeit auch wieder abwerfen kann. Kirche, in der jedermann, ob redend oder hörend, nur den lieben Gott und sonst gar nichts über sich hat,64 Kirche, in der jedermann die Verantwortlichkeitsfrage letztlich ausschließlich mit sich selbst auszumachen hat! Kirche, in der es keine konkreten Zumutungen gibt! Diese Kirche will man, der sichtbaren Kirche widerspricht man oder man findet sich mit ihr ab, d. h. man widerspricht ihr insofern nicht, als man ihr vielleicht eine gewisse Notwendigkeit, eine erzieherische Bedeutung für Andere, z. B. für die Jugend oder für «das Volk», zuerkennt oder sofern man in ihr gelegentlich wohl auch selber einen Ausdruck, eine Darstellung jener wahren, der unsichtbaren Kirche zu erblicken oder sie dazu zu gestalten vermag. Aber man will sie nicht. Man sagt nicht Ja, sondern Nein zu ihr. Man versteht sie als ein notwendiges Übel. Man kennt und will etwas Anderes und Besseres. –

Kein Zweifel, Ungezählte, die sich irgendwie zur evangelischen Kirche bekennen, vielleicht sogar sehr bewusst und eifrig bekennen, denken und reden so. Man suche sie ja nicht nur unter den Intellektualisierten und Gleichgültigen des gebildeten Bürgertums. Man suche sie gerade unter den kirchlich Bewegten, unter den Pfarrern und Kirchenmännern selbst und nicht zuletzt auch unter den akademischen Theologen. Man suche sie gerade da, wo die Wogen des religiösen, geistigen und sittlichen Lebens der Kirche am höchsten gehen. Dann erst sieht man die Größe der Not, die hier droht und schon da ist. ˹Denn˺ was geschieht hier? Wohlverstanden, ich unter104stelle, dass man auch hier in subjektiver Ehrlichkeit zur evangelischen Kirche Ja zu sagen meint. Man sagt aber nicht Ja, sondern Nein zu ihrer Sichtbarkeit. Und damit geschieht es nun doch, dass man zum Wesen der evangelischen Kirche, zu m-ihr selbst-m, faktisch Nein sagt. Es ist |92 nicht gut, dass man sich das heute in der mannigfachsten Weise verbergen kann. Hier müsste es zu Klarheiten und zu Entscheidungen kommen. Denn das ist sicher: die Flucht vor der sichtbaren in die unsichtbare Kirche hat mit der Situation des mit dem gekreuzigten Christus konfrontierten Menschen nichts zu tun. Dieser Mensch kann diese Flucht nicht antreten. Von seiner Situation aus, wie sie für die evangelische Kirche konstitutiv ist, wüsste man erstens, dass die Aufrichtung des Zeichens und also die sichtbare Existenz der Kirche mitten in der Welt geboten und also notwendig ist, werde daraus, was da wolle. Dass die Zumutung, die Bindung und Verpflichtung, nun einmal besteht, und zwar konkret besteht, indem Gott selbst sein Heil in diese Welt hineingegeben hat. Von da aus wüsste man zweitens, dass gerade der Mensch in seiner ganzen Menschlichkeit, der geschichtliche Mensch in und mit der Problematik alles dessen, was sein Werk ist, zur Aufrichtung dieses Zeichens, zum Hören und Reden, Reden und Hören des Zeugnisses, zur Kirche aufgerufen ist, dass also alles, aber auch alles, was man gegen die Fragwürdigkeit der sichtbaren Kirche sagen kann, mit dem Wesen der Kirche selber schon gesagt ist. Was gibt es hier zu entdecken? Was zu verwundern? Sie ist die Kirche der Sünder von Hause aus. Und von da aus wüsste man drittens, dass die ganze menschliche Problematik, von der die Sichtbarkeit der Kirche in der Tat noch mehr umgeben ist als alle anderen menschlichen Sichtbarkeiten, an dem ihr gegebenen Gebot und auch an der ihr gegebenen Verheißung nichts ändern kann, dass vielmehr gerade das offene Zutagetreten ihrer Schwachheit und Anfechtbarkeit ein Präjudiz dafür ist, dass der Gott, der nun einmal in die Niedrigkeit eingegangen ist, hier gegenwärtig, hier zu verkündigen und zu hören ist. ˹Indem die Kirche die Vergebung verkündigt, stellt sie sich unter die Vergebung auch mit ihrem eigenen Sein und Tun.˺ Wer sich ärgert an dem hier aufbrechenden Gegensatz, der sehe zu, ob er sich nicht im Grunde an Christus ärgert: daran, dass es Gott gefallen hat, uns nun einmal so und nicht anders, in dieser Niedrigkeit, in dieser Verborgenheit der Synthese offenbar zu sein. Und wenn er vielleicht gerade das bestreitet und antwortet: Ganz anders als so, viel reicher, weiser, tiefer, schöner, durchaus synthetisch ist mir 105 mein Gott, der Gott der wahren unsichtbaren Kirche offenbar, dann sehe er noch einmal und nun erst recht zu, ob dieser sein Gott nicht ein ganz anderer Gott ist, mit |93 dessen Verehrung er eben den Glauben der evangelischen Kirche nicht verwechseln und vermischen sollte. Es hat ja von Anfang an einen solchen anderen Gott, ja viele solche anderen Götter gegeben, ein Pantheon des Großen, Wahren, Guten und Schönen,65 der offenkundigen Synthese ohne Niedrigkeit und konkrete Zumutung, ohne das Ärgernis des Menschlichen, Allzumenschlichen, eine erhabene Welt des Geistes˹, der Reinheit und der Liebe˺ über der Trivialität und Absurdität der menschlichen Wirklichkeit, Inseln der Seligen,n der Heiligen, der Freien und Vornehmen inmitten der Kümmerlichkeit, Bedingtheit und Dämonisiertheito des Lebens der p-viel zu Vielen-p. Dass die Tatsache dieses Geistes- und Geisterreiches vielleicht die Tatsache der furchtbarsten aller Illusionen ist, das mag hier auf sich beruhen. Ausgesprochen sei hier nur das Eine, dass die evangelische Kirche dieses herrliche Reich jedenfalls nicht ist. Evangelische Kirche steht von Haus aus in der Not, dass sie in Sichtbarkeit und also in Bestimmtheit und also in Menschlichkeit und also in keiner Weise als ein Reich der Heiligen und Freien, sondern höchst q-schwach, anfechtbar und vergebungsbedürftig-q existieren muss. Existieren muss! Wer sie nicht so haben will, der will sie gar nicht haben. Man kann sie nicht wollen, um alsbald bei der Erinnerung an Kirchenrecht und Dogma grundsätzlich bockig zu werden. Man kann nicht den Geist wollen und den Buchstaben grundsätzlich nicht wollen. Man kann nicht |94 Christus wollen und den ihn repräsentierenden Nächsten, die fatale Gemeinde seiner Gläubigen, den Pastor und das Konsistorium in ihrer Sünden offenkundiger Maienblüte,66 die menschliche Institution in ihrer ganzen Bedenklichkeit nicht wollen oder doch nicht respektieren, nicht ernst nehmen. Wo und wenn und sofern man es so meint halten zu können in der evangelischen Kirche, da ist sie in Not; denn da wird ihr Wesen verleugnet, ˹da macht man nicht ernst damit, dass ein sichtbares Tun von ihr gefordert und dass ihr Vergebung für die in ihrem sichtbaren Tun unvermeidlich mitlaufende Sünde verheißen ist. Die Kirche soll es nicht besser wissen und machen wollen als Gott in seiner wirklichen Offenbarung. Wo sie das will,˺ da weicht sie vor ihrerr notwendigen, ihrers heilvollen Not zurück, da zerstört sie sich selbst und wird reif zum Untergang. Und diese Not müsste nicht sein. Gegen sie kann und muss zur Abwehr aufgerufen werden, solange es noch Zeit ist. Abwehr würde aber 106 vor allem Einsicht bedeuten. Und der Anfang der Einsicht müsste der Mut zur Besinnung sein.

Es handelt sich auf der anderen Seite um die Flucht in die Sichtbarkeit – nicht etwa der Kirche, gerade nicht der Kirche!, sondern ganz allgemein: in die Sichtbarkeit. – Die Zeiten sind verschieden. Man wird von unserer Zeit wohl sagen müssen, dass ihre größere Not auf dieser anderen Seite zu suchen ist.67 Die Reaktion gegen den vorhin geschil|95derten christlichen Idealismus mit seiner unsichtbaren Kirche ist ja heute längst auf dem Plan und in siegreichstem Fortschreiten. Wenn ich an die fast unumstrittene Herrschaft dieses Idealismus in meiner Studentenzeit denke und dann an die fast völlige Verständnislosigkeit, mit der ihm die erdrückende Mehrheit der heutigen Theologiestudenten gegenübersteht, so könnte ich wohl Jes. 14,12 zitieren: «Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!» Es wird wohl in den Gemeinden nicht viel anders stehen als an den Universitäten: ˹Abgesehen von dem einen trotz und einschließlich seines Redens von «Gestalt» und «Wirklichkeit» durchaus hierher gehörigen Paul Tillich68 ist˺ t-dieser christliche Idealismus und Liberalismus-t eine Angelegenheit einer bestimmten Gruppe älterer Herren geworden, die ihr Sprüchlein nun zu Ende sagen werden, wie sie es angefangen haben; aber die Unzähligen, in deren Namen sie das immer noch tun mögen, sind auf alle Fälle wie sie selber nicht eigentlich Menschen unserer, sondern der ehrenwerte Nachtrab einer vergangenen Zeit. Wenn ich mich trotzdem so eingehend mit dieser Konzeption als mit einer aktuellen Not beschäftigt habe, so geschah es darum – und das ist es, was man ihren Vertretern zum Troste sagen kann – weil sie sicher in vielleicht nicht zu ferner Zeit wieder aktuell werden wird. Und das wird darum geschehen, weil die Reaktion, durch die sie augenblicklich ins Hintertreffen gedrängt ist, in einer anderen, um nichts besseren |96 Flucht besteht, in einem neuen, um nichts besseren Zurückweichen vor der im Wesen der evangelischen Kirche begründeten Not. Wir sind heute in der evangelischen Kirche im Begriff, ebenso hemmungslos mit einem neu erstandenen Realismus69 zu segeln wie wir es vorher mit dem Idealismus taten. Das kann nicht gut kommen. Die Misslichkeit auch dieses Systems wird eines Tages offenkundig werden, und wenn dann aus irgend einer unerwarteten Ecke das Schlachthorn gegen die sichtbare und die Schalmei für die unsichtbare Kirche aufs Neue einigermaßen eindrucksvoll ertönen 107 wird, dann wird diese Contreu-Reaktion mit scheinbarem Recht auch wieder fruchtbaren Boden finden; alle geistvollen, frommen und energischen Leute werden dann der Meinung sein, es sei nun wirklich angebracht, wieder einmal auf diese Seite zu treten; die Häuser der Realisten von heute werden dann ebenso leer stehen wie heute die der Idealisten von gestern und die heute wohl geringfügigere Seite der Not der Kirche wird dann auch wieder ihr volles Gewicht haben. Es lohnt sich darum wohl, sie noch heute oder schon heute wieder ganz ernst zu nehmen. – Aber der anderen, der heute gefährlicher drohenden und wirksamen Seite dieser Not haben wir uns nun zuzuwenden.

Es steht heute so in der evangelischen Kirche, dass der Eifer, das Nachdenken und die Liebe der wirklich in der Gegenwart Lebenden, der Jugend und derjenigen unter den Älteren, die die Zeichen und den Zug der Zeit verstanden haben, gerade ihrer Sichtbarkeit gilt. Kein Wunder: die Erschütterungen der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten ja nichts weniger und nichts anderes als das Dasein der evangelischen Kirche ernstlich zum Problem gemacht. Wie eine Kirche ihres Daseins unter Umständen einfach fast restlos beraubt werden kann, ist uns gleichzeitig in Russland drohend genug vor Augen geführt worden.70 Sein oder Nichtsein wurde auch bei uns und für uns die Frage.71 |97 Es kam dazu, dass ein ganzes Volk in schwerster innerer und äußerer Bedrängnis nach einer lebendigen handelnden Kirche oder sagen wir: nach einer aktiven religiösen und moralischen Leitung förmlich zu schreien schien.72 Es kam dazu, dass gleichzeitig in der Philosophie das Problem der Form und der Gestalt auch und gerade im Blick auf die soziologische Wirklichkeit73 und in der Theologie das Problem des gottmenschlichen Du, der überlegenen Wirklichkeit der Geschichte als Grenze aller Ichhaftigkeit der Erkenntnis und des Willens wieder lebendig wurden.74 Es kam hinzu der allgemeine, gerade in dieser chaotischen Zeit so verständliche Ruf nach Ordnungen,75 nach |98 Zucht und Sachlichkeit, nach sturmfrei autoritativen Positionen, nach nüchterner Unterordnung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen und seinen Notwendigkeiten.76 Es kam hinzu, dass die ruhig siegreiche Art, wie die katholische Kirche in ihrer ungebrochenen Bejahung der Sichtbarkeit die Kriegs- und Revolutionszeit überstand, ihres Eindrucks auf besinnlichere sowohl wie auf weniger besinnliche Protestanten unmöglich verfehlen konnte.77 Es kam hinzu, dass das Wort «Schicksal» auf einmal wieder einen tiefen ernsthaften Klang zu bekommen begann78 bei Chri108sten, Juden und Heiden. Es kam hinzu, dass gerade in dieser zerrissenen Zeit auffallend Viele und Verschiedene allen Ernstes behaupteten, so oder so das Wunder der «Gemeinschaft» erlebt zu haben.79 Es kam noch etwas sehr Merkwürdiges |99 hinzu – die heute nahezu zur Ruhe gekommene Jugendbewegung war einst einer der vielen Propheten in dieser Hinsicht:80 die zum Teil höchst sittlich, zum Teil höchst unsittlich, die bald sportlich, bald hygienischv, bald erotisch, bald mystisch gemeinte Entdeckung und Bejahung des w-Leibes: als die eigentliche-w Erfüllung der menschlichen Lebenswirklichkeit, als Grenze und Tor zugleich, als Gabe und als Aufgabe verstanden. Wie eng oder weit ˹immer˺ die Zusammenhänge zwischen allen diesen Dingen unter sich und mit unserem Gegenstand sein mögen – in dieser unserer so gerichteten Zeit erwachte aufs Neue auch dies: der Wille zur Existenz, zur Sichtbarkeit, zur Bestimmtheit der evangelischen Kirche. «Der Protestantismus wird Kirche sein oder er wird nicht sein», ist uns zugerufen,81 und dass «das Jahrhun|100dert der Kirche» angebrochen sei, ist uns mitgeteilt worden,82 und die beiden Männer, von denen diese Worte stammen, meinten und meinen fraglos betont die sichtbare Kirche. Und nun läuft der Strom tatsächlich für einmal in dieser Richtung – wenigstens so weit das aus den offiziellen und offiziösen Reden der evangelischen Kirche, aus der Haltung und dem Inhalt ihrer Presse, aus den Kundgebungen ihrer Behörden und Kirchentage ersichtlich ist.

Es könnte nach allem vorhin über die entgegengesetzte Möglichkeit Gesagten durchaus recht und in der Ordnung sein, was da geschieht. Es könnte einfach ein ernsteres Erfassen der kirchlichen ­Aufgabe, ein nüchternes Sichbescheiden, ein gehorsames Sich-an-seinen-Ort-stellen sein, was da Ereignis ist. Die Wendung zur Sichtbarkeit könnte die schlichte Rückkehr zum Kreuze Christi und zum Glauben bedeuten. Ich wollte mich gerne davon überzeugen lassen, dass dem so ist, und wollte dann gerne mein gerade in dieser Richtung anklagendes «Quousque tandem ...?»83 zurücknehmen können. Was mich an beidem hindert, ist die Tatsache, dass eben die Rede der Kirche, aus der doch zu entnehmen ist, wie sie es meint mit dieser ihrer Wendung, nach wie vor und immer wieder so tönt, dass nach meiner Einsicht daraus zu entnehmen ist: Nun ist die evangelische Kirche erst recht in Not, ist von der Scylla weg der Charybdis in den Rachen gelaufen,84 noch einmal, nur nach der anderen Seite im Ausweichen |101 vor dem ihr durch ihr Wesen Gebotenen. – Ich möchte das, was hier zu sagen ist, in eine Reihe von Fragen zusammen109fassen, auf die ich angesichts der heutigen Zeitbewegung in der evangelischen Kirche keine Antwort finde.

1. Warum verwenden die kirchlichen Redner und Schriftsteller so kritiklos solche Stich- und Schlagworte, die wohl für das Problem der Existenz im Allgemeinen, aber gerade nicht für das Problem der Existenz der Kirche, der evangelischen Kirche, bezeichnend sein können? Ist es nicht schon an sich ein ernstes Problem, dass die Wendung nach rechts innerhalb der Kirche wieder einmal so genau zusammenfällt mit allerlei entsprechenden Weltbewegungen derselben Zeit? Und wenn man einwenden kann, dass dies doch z. B. auch in der Reformation der Fall gewesen sei, dürfte dann die Sorgfalt nicht lehrreich sein, mit der sich die Reformatoren in dem, was sie sagten, von dem, was die benachbarten Humanisten und Schwärmer auch zu sagen schienen, abzugrenzen wussten? Wo bleibt diese Sorgfalt heute? Handelt es sich denn bei der neu zu betonenden Sichtbarkeit der Kirche wirklich so einfach um Geschichte, Schicksal, ˹Wirklichkeit,˺ soziologische Notwendigkeit, Gemeinschaft, ˹Gestalt,˺ Ordnung, Gegebenheit, Leibhaftigkeit und wie die Schibboleths [vgl. Ri. 12,5f.] des neuen Realismus alle heißen mögen? Also um Sichtbarkeit im Allgemeinen und als solche? Wenn man hört und liest, was heute dazu gesagt wird, sollte man es wohl meinen. Aber was in der Kirche ˹im Zeichen˺ sichtbar werden soll, ist doch die Situation des mit dem gekreuzigten Christus konfrontierten Menschen, also das Gericht und die Gnade und die Hoffnung, die Verlorenheit des Menschen, die freie göttliche Erwählung und die Unbedingtheit des dem Menschen widerfahrenden Anspruchs, – das und nichts sonst. Wird das nicht verleugnet und verraten, wo man ununterbrochen jene allgemeinen Worte im Munde führt? Will man nicht vielleicht doch im Grunde eben das Allgemeine, das durch jene Worte bezeichnet ist? Hat man sich nicht vielleicht doch im Grunde einer ganz anderen Sichtbarkeit als der Sichtbarkeit der Kirche zugewendet?

2. Charakter müsse die evangelische Kirche wieder bekommen, Öffentlichkeitswillen, Tatwillen, wird uns gesagt.85 Schön, aber wel|102chen Charakter eigentlich? Was soll ˹denn˺ hier an die Öffentlichkeit? Was soll hier getan werden? «Eine evangelische Kirche wird nur, indem sie ständig von Jahr zu Jahr, von Zeit zu Zeit, von Fall zu Fall, von einem geschichtlichen Augenblick zum anderen, von einer Situation zur anderen, zu erhorchen sucht, wohin sie der heilige Ruf Gottes weist und an welche Arbeit er sie stellt»2), hat einer 110 unserer bekanntesten kirchlichen Führer geschrieben.86 Ich antworte: Wird sie wirklich in der jeweiligen Situation das Rechte «erhorchen», ohne zuvor Klarheit gewonnen zu haben über die in ihrem Wesen begründete Ausgangssituation, aus der sie in jede Zeit hineinzutreten hat, wenn sie das nämlich als evangelische Kirche und nicht als ein Irgendetwas tun will? Ich frage: Warum kümmert man sich offenbar nur um |103 die Existenz der Kirche als solche, um Charakter, Öffentlichkeit, Tat der Kirche an sich und gar nicht um das Was, dessen Existenz man will? Warum steckt so wenig oder auch gar keine rechtschaffene Theologie gerade hinter den wuchtigsten Existenzäußerungen der heutigen evangelischen Kirche? Warum kommen, wenn einmal etwas Theologisches sichtbar wird, alsbald – ich denke etwa an das Manifest des Nürnberger Kirchentages von 19303)88 – die übelsten Ladenhüter ausgerechnet des ˹theologischen˺ Idealismus an den Tag? Meint man wirklich, das Was, der Inhalt werde sich «von Fall zu Fall» schon finden? Wenn nun nur recht viel schöne und brauchbare Kanäle gebaut würden, so werde das Wasser, das diese Sache sinnvoll macht, irgendwoher wohl auch noch kommen? Meint man wirklich, man könne, treu und eifrig mit der Existenz der Kirche beschäftigt, die Frage nach ihrem Wesen (vielleicht aus Zeitmangel) den gern belächelten Theoretikern und Studierstubengelehrten überlassen?

3. «Die Kirche hat das Evangelium»89 pflegt man auf diese Frage nach dem Was lapidar und sicher zu antworten. Gut, aber wäre es |104 nicht angebracht, das etwas weniger lapidar und sicher zu sagen, wenn es wahr gesagt sein soll? Sollte die unangefochtene Getrostheit, mit der man sich auf diesen Indikativ bezieht und zurückbezieht, nicht ein Zeichen dafür sein, dass man nicht weiß, was man hier sagt? Was heißt denn «haben», wenn es sich um das Evangelium von Jesus Christus handelt? Doch wohl nicht: in der Tasche oder in einer Scheuer und auch nicht im Kopf oder in der Tiefe seines Gemütes oder Gewissens haben. Die evangelische Kirche macht sich viel Unruhe um die unzähligen Zeitgenossen, die das 111 Evangelium notorisch nicht von ihr hören wollen. Sie tut recht daran. Aber müsste sie sich nicht vor allem ganz anders dadurch beunruhigen lassen, dass sie mit ihrer Behauptung, das Evangelium zu haben, unzähligen Zeitgenossen einfach nicht glaubwürdig ist? Müsste sie es nicht vielleicht vor allem selbst ganz anders haben, um gehört zu werden, so nämlich, wie man das Evangelium von Jesus Christus allein haben kann: im Glauben und nicht im Schauen, im Gebet und nicht im Besitz, im Geist und nicht im Fleisch, auch nicht im geistreichen, frommen und energischen Fleisch? Kann und darf die Sichtbarkeit der Kirche unter dem Kreuz die Sichtbarkeit einer Schar in ihrer Geistlichkeit offenbar sehr reicher, mit vollen Händen aus einem wohlgefüllten Schatz austeilender Leute sein? Wo und wann und wie wird denn die Kirche der verlorenen, der geistlich bankrotten, der auf Barmherzigkeit angewiesenen und von Barmherzigkeit lebenden Leute sichtbar? Hätte die Kirche, zurückblickend auf ihre Geschichte im neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, nicht ganz konkreten Anlass, ehrlich als solche Kirche sichtbar zu werden? Es sind in dieser ihrer nächsten Vergangenheit verschiedene Dinge geschehen, in Erinnerung an die sie sich doch gewiss mindestens in Verlegenheit befinden müsste.90 Eine verlegene Kirche war es nun aber sicher nicht, die wir etwa an den Kirchentagen von Bethel, Königsberg und Nürnberg ihr Wort an die Öffentlichkeit richten hörten.91 Eine verlegene Kirche scheint mir |105 weder aus unseren evangelischen Sonntagsblättern, noch aus den Mitteilungen unserer kirchlichen Pressezentralen, noch – das vor allem nicht – aus der durchschnittlichen Predigt unserer Kirche zu sprechen. Wer hier zuhört und liest, der müsste den Eindruck haben, als ob es mit dem Vorhandensein von allerlei Lebenskräften und mit dem Zirkulieren von allerlei Lebensströmen, was die Kirche betrifft, aufs Beste bestellt sei, als ob der Fehler nur draußen in der immer gleichgültiger werdenden, immer mehr verwildernden und sich zerreißenden Welt zu suchen sei. Und das geht eben nicht. Genug ˹und übergenug˺ nun der Reformationsjubiläen!92 Wo ist eigentlich die Kirche, die selber in der Buße steht, die sie predigt, die von Luthers «Aus tiefer Not schrei ich zu dir»,93 das sie so trefflich anzupreisen weiß, Gebrauch macht? Die das «Dennoch bleibe ich stets an dir» [Ps. 73,23] so interpretiert, dass die Spitze des «Dennoch» sich vor allem und zuerst gegen den richtet, der das zu bekennen wagt?94 Damit es dann und so wieder glaubwürdig klänge? Wann und wo wird dieses Haben des Evangeliums wieder sichtbar werden?

112 4.4) Wenn die Kirche wirklich das Evangelium hätte, dann müsste dies sein: das Evangelium von der Vergebung, von der barmherzigen |106 Gegenwart Gottes eben in der rettungslosen Tiefe menschlicher Schuld und Not, von dem von Christus vollbrachten Tragen und Hinwegtragen der Sünde der Welt. Sichtbar werden müsste dann in der Kirche die Nicht-Zurechnung des Bösen, der radikale Unglaube an die Gottlosigkeit, die unbefangene Nicht-Anerkennung des Aufruhrs des Menschen, auch und gerade des modernen Menschen. Sichtbar werden müsste dann, dass sie diesen Menschen vor allem und in allem, was sie ihm vorzuhalten hat, was sie ihm sagen und geben zu können meint, worin sie ihn anders haben möchte, resolut, vorbehalts- und bedingungslos zu Gott rechnet. Wird nun etwa das sichtbar in der Kirche? Oder ist es nicht so, dass sie fast auf der ganzen Linie die Sünde des Menschen tatsächlich ernster nimmt als die Gnade Gottes, dass sie sie als unvergebene, statt als vergebene Sünde betrachtet und behandelt, dass sie in Wort und Haltung an Stelle der freien, an Unwürdige ergehenden Verheißung Ideale verkündigt, deren Erfüllung oder doch Nacheiferung uns des Friedens mit Gott erst würdig machen soll? Weiß sie überhaupt noch, dass das zweierlei ist: «All Sünd hast du getragen»95 und: die Aufmunterung zum Kampf um religiöse Erneuerung, sittliche Reinheit, persönliche Freiheit, völkische oder soziale Gemeinschaft? Ist ihre Verkündigung nicht gerade da, wo sie sich am eindringlichsten und ausdrücklichsten an die ihr scheinbar entgleitende Welt, an die Gebildeten, an die Arbeiter, an die Jugend wendet, kaum oder auch gar nicht verhüllte Gesetzespredigt? Und zwar nicht etwa Predigt des Gesetzes Gottes, sondern eines sehr menschlichen Gesetzes, gar nicht verschieden von dem, das Paulus und Luther in der Kirche nicht wieder gepredigt haben wollten? Das Gesetz Gottes könnte doch nur da verkündigt und geglaubt werden, wo zuvor das reine, d. h. bedingungslose, keinerlei Gegenseitigkeit vorsehende Evangelium verkündigt und geglaubt ist. Das Gericht über die Sünde und der Streit gegen sie könnte doch nur da ernst sein, wo die Gnade viel ernster genommen ist als alle Sünde. Wann wird einmal statt alles groben und feinen Gesetzesernstes dieser Ernst wieder sichtbar werden in der Kirche? Ist etwa gegenüber der bösen Welt, über die die Kirche so viel zu klagen weiß, dieser Ernst auch schon |107 bewiesen worden? Es gehört gewiss zur Not der evangelischen Kirche, 113 dass ihr dieser und nur dieser Ernst geboten und erlaubt, jener humorlose, lieblose und durchaus ungläubige Menschenernst aber verboten ist. Aber was wird aus ihr, was hilft ihr alle Sichtbarkeit, wenn diese nicht darin besteht, dass sie dieser Not standhält, wenn es nicht ihr Wesen als wirklich evangelische Kirche ist, was da sichtbar wird? Was hülfe es der Kirche, wenn sie die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an ihrer Seele [vgl. Mt. 16,26a], indem sie eine schlechte Kopie der römischen Kirche, der Kirche der Werkgerechtigkeit, ˹oder auch ein Gegenstück zu dem unfroh eifernden «Bunde der Gottlosen»96˺ würde?

5. Wird nun die Frage nach dem Wesen der Kirche nicht gestellt, sollen und wollen wir uns heute in frisch-fröhlicher Praxis nur noch mit ihrer Existenz als solcher beschäftigen, mit dem Geschirr und nicht mit der Suppe, wie mir ein in seiner Art sehr tüchtiger Pfarrer wörtlich zu sagen wagte,97 ist es dann zu vermeiden, kann es dann anders sein, als dass die Lebensfrage der Kirche zu einer Machtfrage, die Konkurrenz mit der römischen Kirche, für die die Machtfrage allerdings bezeichnend ist, zum entscheidenden Interesse wird? Man hat gegen die Vorhaltung, dass es der evangelischen Kirche in ihren |108 heute charakteristischen Bestrebungen um ihre eigene Macht gehe, protestiert mit der klassischen Formel: «Sie will nicht Macht haben, sondern sie will eine lebendige Potenz sein!»5). Nach welchem Latein mag das zweierlei sein? Auch mit dem schönen Wort «Lebensraum» hat man dieselbe Sache schon zu umschreiben versucht.98 Ist die Lage nicht wirklich einfach? Will die Kirche einerseits Macht oder also Potenz oder also Lebensraum haben, will sie aber andererseits nach dem Was und Wozu nicht weiter gefragt sein, hält sie das von ihrem Wesen aus sich erhebende Problem für eine den Theoretikern zu überlassende cura posterior oder für erledigt durch die Tatsache, dass sie ja das Evangelium habe, dann will sie eben die Macht oder die Potenz oder den Lebensraum an sich und als solche, die Sicherung gegenüber dem Staat, den Einfluss auf die Gesellschaft, die Schule und die Sitte, die Aufmerksamkeit und die Gefolgschaft der Masse, alles an sich und als solches. Und nun ist Macht zwar an sich weder gut noch böse. Nur das sollte klar sein, dass die Kirche unter dem Kreuz, die Kirche der Verheißung und des Glaubens Macht an sich, Macht auf den anderen Tag sozusagen, Macht zu irgend einer noch zu bestimmenden Verwendung nicht wollen und begehren kann. Nicht nur innerlich, sondern gerade auch 114 äußerlich kommt nur eine ganz bestimmte Macht für sie als begehrenswert in Frage, nur eine bestimmte Art also von Öffentlichkeitswillen, Tatwillen, Organisationswillen, Arbeitswillen. Fehlt diese Bestimmtheit, will man die Frage nach ihr ins stille Kämmerlein [vgl. Mt. 6,6] verweisen und soll Sichtbarkeit der Kirche eine Sichtbarkeit im Allgemeinen sein, dann ist eben damit das Wesen der evangelischen Kirche preisgegeben, und gerade ein wirklich prak|109tisch denkender Mensch sollte sich doch ernstlich überlegen, ob der Kampf um diese allgemeine Sichtbarkeit nicht letztlich gegenstandslos ist und ebensogut unterbleiben könnte. Es dürfte mit der Gegenstandslosigkeit dieses heute geführten Kampfes zusammenhängen, dass er faktisch – die kirchlichen Propagandisten sollten sich darüber keiner Täuschung hingeben – in einer weiteren Öffentlichkeit so gut wie kein Interesse findet, weder bei den Gebildeten, noch bei der Jugend, noch bei den Arbeitern. Als «Ich-Auch-Kirche», wie das böse Ministerwort lautet,100 können und werden wir auch und gerade dem römischen Nachbarn gegenüber nur schlecht abschneiden. Wäre es nicht an der Zeit und wäre es nicht schließlich auch praktischer und im besten Sinn realistischer, wenn die Kirche wieder anfinge, wirklich am Ersten nach dem Reiche Gottes zu trachten [vgl. Mt. 6,33]?

6. Hält man es für praktischer, dies nicht zu tun, wie soll es dann schließlich zu vermeiden sein, dass die versäumte Frage nach dem Inhalt, nach dem Was, nach dem Wesen der sichtbaren Kirche sich automatisch anderweitig beantwortet; wenn nun fremde Namen und Größen sich dort breit machen, wo nur ein Name und eine Größe wohnen dürften: im Zentrum des kirchlichen Lebens, um dessen Ausstrahlungen und Auswirkungen man heute so bemüht ist. ˹Täuschen wir uns nicht: dieses Fremde ist mit großer Gewalt und mit großer Selbstverständlichkeit auf dem Plan. Ich bin mir bewusst, etwas sehr Hartes auszusprechen, aber es kann nicht unterdrückt werden:˺ x-Nach meiner Kenntnis und Einsicht ist-x das, was in der durchschnittlichen Predigt unserer Kirche als Evangelium verkündigt wird, trotz aller Anrufungen der Bibel und trotz alles Lutherpathos eine mit et|110was Moral versetzte Mystik oder eine mit etwas Mystik versetzte Moral und nicht das Wort vom Kreuz [vgl. 1.Kor. 1,18], wie es die Reformatoren verstanden haben. Was der durchschnittliche Pfarrer heute zu sagen hat, das gilt dem guten und mit Hilfe Gottes hoffentlich immer besser werdenden und nicht dem verlorenen und nur in Christus geretteten Menschen, das gilt einem in uns und unter uns gegenwärtigen und durch uns zu schaffenden und zu 115 bauenden und nicht dem schlechthin zu uns kommenden Heil und Reich Gottes. ˹Es ist in biblischer Sprache – manchmal freilich auch in sehr anderer Sprache – ausgedrückt, eine Ideologie des gehobenen Mittelstandes, die hier zu Worte kommt. Der Wert oder Unwert, den diese Ideologie in sich selbst haben mag, steht hier nicht zur Diskussion. Es ist aber festzustellen, dass ihr Gehalt von dem der Lehre, auf der unsere Kirche beruht, schlechthin verschieden ist.˺ Und hier muss ich auf einen Punkt im Besonderen den Finger legen, auf die Gefahr hin, einigen ˹noch speziell˺ weh zu tun, denen man damit ans Lebendigste greift. Was soll man davon denken, dass die Assoziation und der Bindestrich zwischen Christentum und Volkstum, evangelisch und deutsch, nachgerade in der Weise in den eisernen Bestand der mündlichen und gedruckten Rede unserer Kirche aufgenommen worden ist,101 dass man |111 sagen muss: Das, dieser Bindestrich, ist heute das eigentliche Kriterium der ˹kirchlichen˺ Orthodoxie geworden. Erbauliche Ketzereien aller Art in Bezug auf Gott und Christus, vor allem die offensteny Verleugnungen der reformatorischen Rechtfertigungslehre, dürfen ruhig unterlaufen, ohne dass sich in den Gemeinden und bei den Behörden auch nur ein Hauch regt, wenn sie eben nur erbaulich sind. Aber wehe dem, der hier, in Sachen dieses z-in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfundenen-z Bindestriches von der allgemeinen Linie abweicht. Ich verlese folgenden Satz aus dem authentischen ˹Bericht˺ über einen unlängst stattgefundenen˹, von 35 000 Menschen102 besuchten˺ Provinzialkirchentag: «Die freudige Anteilnahme des ... Evangelischen Konsistoriums brachte dessen Präsident ... zum Ausdruck. Neben der Hingabe an die in diesen Tagen hell auflodernden vaterländischen Gefühle gelte es vor allem ein Gelöbnis zur restlosen Hingabe an die Kraft Jesu Christi»6). Wäre es nicht besser, keine sol|112chen 116 Kirchentage abzuhalten und vielleicht überhaupt Vieles nicht zu tun, wenn es ohne aa-diese unmögliche Rolle Jesu Christi neben den vaterländischen Gefühlen dabei-aa nicht abgehen kann? Meint |113 man denn auch nur dem Vaterland durch solche Kombinationen einen Dienst zu tun? Meint man wirklich, es gebe irgend eine nationale Not und Hoffnung, die die Kirche berechtige, in dieser Weise fremdes Feuer auf den Altar zu bringen [vgl. Ex. 30,9; Lev. 10,1]? ˹Sollte nicht schließlich auch und gerade einem ernsthaft nationalen Denken die Erwägung möglich und notwendig sein, dass das, was das deutsche Volk heute nötig hat, die Existenz einer evangelischen und gerade nicht einer deutsch-evangelischen Kirche ist?˺ Aber freilich, wie ab-sollte das Spiel mit dem fremden Feuer nicht notwendig sein-ab, wenn man die Sichtbarkeit der Kirche um ihrer selbst willen begehrt und die Frage nach dem Zentrum, nach der Substanz der Kirche, beharrlich offen lässt? Irgend etwas Fremdes, heute dieses, morgen vielleicht jenes, wird dann notwendig diesen leeren Raum ausfüllen müssen.

Das in diesen sechsac Fragen Bezeichnete ist es, was ich unter der Flucht in die Sichtbarkeit verstehe. Und was von der von uns geforderten Bejahung der sichtbaren Kirche eben wahrlich ein ganz Verschiedenes ist! Kann man diesen Vorgang anders verstehen, denn als ein neues Ausweichen vor der wesenhaften Not der evangelischen Kirche? Erfolgt nicht auch diese Flucht in die Sichtbarkeit von ganz anders woher als aus der Situation des mit dem gekreuzigten Christus konfrontierten Menschen? Wie die Kirche nicht unsichtbar bleiben kann, so kann sie so nicht sichtbar werden, kann sie mit dem Willen zu dieser Sichtbarkeit nur ihren eigenen Untergang vorbereiten.

117 Es ist mir Ernst, wenn ich eben zum zweiten Mal das Wort «Untergang» gebraucht habe. Eine Kirche, die nicht existieren will, und eine Kirche, die nicht ihrem Wesen entsprechend existieren will, ist vom Untergang bedroht. Vom inneren Untergang sicher und vom äußeren früher oder später ebenfalls sicher, so zäh sie inzwischen als geschichtliches Gebilde weiterleben mag. Noch scheint es, dass wir zur Besinnung Zeit haben, aber zur Besinnung ist es doch wohl immer höchste Zeit. Und darum dürfte es an der Zeit sein, die Dinge beim Namen zu nennen. Wer heute die Kirche lieb hat, der muss es ihr ruhig |114 aber laut und immer wieder zu verstehen geben: So nicht weiter, weder zur Linken noch zur Rechten!

Nachwort.

Acht Tage nach meinem Berliner Vortrag hielt dort D. Dr. Otto Dibelius, Generalsuperintendent der Kurmark, einen Gegenvortrag: «Die Verantwortung der Kirche. Eine Antwort an Karl Barth 📖», der wieder 4 Tage später bereits (im Kranzverlag, Berlin SW 68) im Druck erschien.105 So ist er meinem Vortrag auffällig und herausfordernd gegenübergestellt und zwingt mich zur Stellungnahme. Ich trete schon wegen der möglichen Sensation nur zögernd in diesen Streit. Stünde es doch in meiner Macht, die Hyänen des theologischen Schlachtfeldes wenigstens daran zu hindern, dieses Nachwort vorher und dann meinen Vortrag selbst womöglich gar nicht zu lesen! Aber wer will hier wehren? Dass man es mir nur glaube: ich erwarte selber nur wenig oder nichts Erfreuliches von ad-diesem Zusammenstoß-ad. Ein anderes Verhältnis als das eines tiefsten Befremdens kann ich ja zu der rasch gefundenen und gegebenen Antwort des Berliner Kirchenmannes wirklich nicht finden. Er hat ein Votum neben das meinige gestellt, dessen entscheidende Eigenschaft darin besteht, zu jenem – ae-ich weiß, was ich sage-ae – keine Beziehung zu haben. «Auseinandersetzung»106?! Um sich auseinanderzusetzen, müsste man wenigstens |115 antithetisch zuvor beieinander gewesen sein. D. Dibelius und ich sind, nach seinem Votum zu schließen, keinen Augenblick beieinander gewesen. Was soll ich nun Anderes zu seiner Schrift sagen, als dass ich eben auf diese ihre Beziehungslosigkeit zu der meinigen an einigen Punkten hinweise?

1. D. Dibelius stellt unseren Gegensatz durchgehend so dar, als ob er als Vertreter der Kirche, d. h. der christlichen Praxis und Liebe, mich als Vertreter der Theologie, d. h. einer christlichen Theorie, in die nötigen Schranken zu weisen habe.107 Das ist eine Ent118gegenstellung, die nach meiner Einsicht jede ernsthafte Unterhaltung unmöglich macht. Praxis und Theorie, Kirche und Theologie, Liebe und Erkenntnis, lassen sich nicht in dieser Abstraktion af-auseinanderhalten und gegenüberstellen-af. Ich stehe nicht dort, wo D. Dibelius mich stehen sieht, und ich kann auch nicht zugeben, dass er selber wirklich dort steht, wo er mir gegenüber zu stehen vorgibt. Ist das Amt des theologischen Lehrers etwa nicht genau in demselben strengen Sinn kirchliches Amt wie das des Kirchenführers? Und muss der Kirchenführer nicht genau in demselben strengen Sinn Theologe sein wie der Professor? Ist es nicht wahrlich auch Theorie, was D. Dibelius treibt, wenn er Wichern und Bodelschwingh zitiert108 (zitiert!) und seine |116 Lehre von Kirche, Obrigkeit, Liebe usw. ausbreitet?109 Und woher will er wissen, ob nicht auch und gerade mein für sein Empfinden so ganz theoretischer Protest gegen die neurealistische Kirchlichkeit Praxis, und zwar Praxis christlicher Liebe, ist? Meint er wirklich im Ernst, mir sei irgend eine Problematik oder Theorie Selbstzweck? Und meint er wirklich im Ernst, sich mir im Namen einer schlechterdings handelnden, von einem bestimmten zurückliegenden Punkt ab der Problematik und der Theorie nicht mehr bedürftigen Kirche entgegenstellen zu können? Ja, eben das scheint D. Dibelius im Ernst zu meinen. Aber wie soll dann sein Vortrag mit dem meinigen irgend etwas zu tun haben? Ich bin ja nicht der, auf den er offenkundig zielt, und ich kann es ihm keinen Augenblick glauben, dass er der ist, als der er sich mir gegenüber offenkundig geben möchte.

2. Es sind Darlegungen über das eigentümliche oder auch vikarierende Handeln und insofern über das Sichtbarsein der Kirche, der heutigen deutschen Kirche insbesondere, die den substanziellsten Teil des Vortrags von D. Dibelius (S. 10–27) bilden. Es steht vieles auf diesen Seiten, bei dem ich geschichtlich oder sachlich oder (und vor allem!) sprachlich nur schwer oder gar nicht mitgehen kann. Aber es scheint mir keinen Sinn zu haben, dass über einzelne Fragen aus diesem Gebiet zwischen D. Dibelius und mir auch nur ein Wort gewechselt wird. Denn wie es auch mit dem inneren und äußeren Recht seiner einzelnen Sätze in diesem Zusammenhang stehen mag, – ich kann kein Verhältnis zu seinem Ganzen finden. Zieht nicht dieser ganze Hauptteil seines Vortrags an meinem Vortrag, auf den er doch antworten will, vorbei wie der Zug des wilden Jägers110 an einem einsamen Weg|117weiser im Waldgebirge: begeistert behauptend, was ich nicht nur nicht bestritten, sondern wie jeder119mann nachlesen kann, selber behauptet hatte: das Gefordertsein der sichtbaren Existenz der Kirche – und ebenso begeistert ignorierend, was ich zur Diskussion stellen wollte: die Frage nach dem Verhältnis von Wesen und Existenz, von Sein und Handeln, also die Frage nach dem rechten legitimen Existieren und Handeln der Kirche, die Frage: Was heißt denn Evangelium? Was heißt denn Helfen? Worin besteht denn die von uns geforderte und erwartete Barmherzigkeit? Wofür soll denn gearbeitet und gekämpft werden? Ist denn das alles von der Bibel oder ist es von der Welt aus gesehen so klar, dass alles Fragen hier als ein verwerfliches Zaudern und Nörgeln abzuweisen wäre? So scheint es D. Dibelius zu meinen. Er macht es sich allzuleicht mit mir: zuerst bin ich ihm Einer, den man z. B. im Sperrdruck darüber belehren muss, dass es auch die Dogmatik, wenn sie von der Kirche redet, mit der sichtbaren Kirche zu tun habe (S. 20). Was soll mir diese Belehrung? Umso ungestörter kommt er dann an mir vorbei mit der Aufrichtung eines Tatenprogramms, das er ohne weitere Prüfung als die Summe der Verantwortungen der christlichen Kirche ausrufen zu können meint. Ich bin ihm nun gerade noch eine Figur, an deren Existenz er sich und seine Hörer und Leser in Form einer Warnung vor «Bedenklichkeiten und Zaghaftigkeiten» von ferne erinnert, während «wirkliche Liebe» lebt «von einem Mut, der Alles glaubt, Alles hofft und sehr Vieles überwindet»!! (S. 27).111 Was soll das Alles? Als «eine Antwort an Karl Barth» kann ich es jedenfalls nicht gelten lassen.

118 3. Ich hatte (vgl. oben, S. 109 [hier S. 101]) die Frage gestellt, warum die Sprecher der kirchlichen Führung dauernd von dem allgemeinen Formproblem statt von dem konkreten Problem der Sichtbarkeit der Kirche redeten. Was bekomme ich für eine Antwort? «Niemand, der die Geschichte kennt, kann nur einen Augenblick leugnen, daß die großen geistigen Bewegungen der Zeit durch die Kirche hindurchfluten und daß alle großen Wandlungen innerhalb der Kirche mit diesen Gesamtbewegungen zusammenhängen. Wer aber will uns verbieten, den Wirklichkeiten des lebendigen Gottes offen und unbefangen ins Auge zu sehen?» Die «inneren Bewegungen» der Kirche «restlos» (!) unter den Kategorien der Kulturgeschichte zu begreifen, dem seien die führenden Männer der Kirche «mit dem größten Ernste» abgeneigt (S. 28112). – Ist damit nun irgend etwas zu meiner Frage gesagt? Ich kann es nicht finden.

4. Ich hatte (vgl. oben, S. 109f. [hier S. 101–103]) u. a. anknüpfend an die Parole 120 vom «Öffentlichkeitswillen» der Kirche gefragt: Was denn die Kirche öffentlich werden lassen wolle? Die mir gewordene Antwort lautet: «Was den Willen zur Öffentlichkeit anlangt, so ergibt er sich aus der Verantwortung der Kirche für die Verkündigung des Evangeliums mit unentrinnbarer Notwendigkeit. Wenn jemand Willen zur Öffentlichkeit gehabt und diesen Willen in seinem Schrifttum betätigt hat, dann ist es Martin Luther gewesen. Eine Kirche, die sich darauf beschränkt, Predigten zu drucken und theologische Lehrbücher zu schreiben, ist von ihren elementaren Verantwortungen abgefallen» (S. 29113). Diese Antwort wäre sinnvoll, wenn ich entweder den kirchlichen Öffentlichkeitswillen an sich bekämpft oder Predigten und theologische Lehrbücher als die einzig möglichen Formen kirchlicher Öffentlichkeit angegeben hätte. Beides ist nicht geschehen. Ich habe aber nach dem Inhalt gefragt, der (sei es denn durch |119 Presse, Radio oder wie es die moderne Kirche immer für zweckmäßig hält) ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden soll. Und auf diese Frage habe ich keine Antwort bekommen.

5. Ich hatte (vgl. oben, S. 110f. [hier S. 103–105]) gefragt, ob die Kirche das Evangelium denn etwa anders haben und verkündigen könne als in der Buße? Mir aber wird geantwortet: Darüber könne ein grundsätzlicher Streit nicht sein, doch gehöre die Buße «in das Kämmerlein vor Gott».114 Wie «zermürbt und zerschlagen an Leib und Seele» auch die kirchlichen Führer oft von Synode und Kirchentag nach Hause zurückkehrten,115 was sie in tiefster Seele zu leiden hätten usw., davon hätten wir Anderen keine Ahnung. «Vor die Augen der Welt aber gehört etwas ganz Anderes», nämlich etwas ganz Anderes als die Buße!116 – Ich kann auch hier nur die große Hoffnungslosigkeit der Diskussionslage konstatieren. Habe ich mich denn auch nur mit einem Wort für irgend Jemandes Seelenzustände bei seiner Rückkehr von Synode und Kirchentag interessiert? Diese Schleuse kann und soll wirklich geschlossen bleiben! Man darf und muss aber fragen, ob die Sprache der Kirche (welches auch immer die seelische Verfassung der Sprechenden sein möge) die Sprache des Glaubens und also die Sprache der Buße ist, in der das Evangelium verkündigt werden kann. Oder ob sie nicht vielmehr in ihren allgemeinsten und gewichtigsten Äußerungen die ganz andere Sprache eines verhärteten Laodicenertums ist: «Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts!» [Apk. 3,17], die Sprache, in der das Evangelium nicht verkündigt werden kann. Ich muss hier sehr offen reden dürfen: Es ist nach meiner Einsicht kein Wort in dem Vortrag des Herrn D. Dibe121lius, das nicht durch und durch laodicenisch gedacht und gesprochen wäre. Mag er seiner Sache einen anderen besseren Namen geben als diesen, ich kann und will es ihm nicht wehren, aber möchte er wenigstens in der Weise stehen zu dieser seiner Sache, dass er den Gegensatz zwischen dem, was er, und dem, was ich will, gerade hier sehen und anerkennen wollte. Aber nein: «Im Ernst kann hier ein grundsätzlicher Streit überhaupt nicht sein.»117 Merkt er denn gar nicht, dass es Menschen |120 gibt, die sich der Verzweiflung an der deutschen evangelischen Kirche zu erwehren haben, weil sie das Wort von Christus fast nicht mehr, weil sie fast nur noch fremdes, feindseliges Heidenwort in ihr ag-hören können-ag? Warum? Wegen des Brodems von greulicherah Selbstzufriedenheit und Selbstsicherheit, der uns aus ihrer Predigt und Verkündigung fast auf der ganzen Linie ai-wie ein Giftgas-ai entgegenschlägt. Kein grundsätzlicher Streit? Sehr grundsätzlicher Streit, Herr Generalsuperintendent, aj-verlassen Sie sich darauf!-aj

6. Ich hatte gefragt (vgl. oben, S. 113f. [hier S. 107–109]), ob der Wille zur Sichtbarkeit der Kirche ohne die kritische Rückfrage nach dem Wesen der Kirche nicht notwendig gegenstands- und sinnloser Machtwille werden müsse. D. Dibelius antwortet: Wir wollen die Freiheit haben, das Evangelium zu treiben und im Interesse der Seelsorge Verhältnisse zu gestalten.118 «Wer in diesem Streben Frevel und Überheblichkeit sieht, dem können wir nicht helfen» (S. 30). – Es ist immer dasselbe: Habe ich denn bestritten, dass die Kirche Macht haben müsse? Habe ich das Streben danach Frevel und Überheblichkeit genannt? Ich habe aber gefragt, ob kirchliche Macht nicht, um sinn|121voll zu sein, eine ganz spezifische Macht sein müsse, und auf diese Frage habe ich keine Antwort bekommen.

7. Ich hatte gefragt (vgl. oben, S. 114f. [hier 109–111]), ob jener unkritische Wille zur Sichtbarkeit der Kirche nicht notwendig zum Einströmen fremder Gottheiten und Religionen führen müsse und hatte beispielsweise auf die allzu geläufige Kombination «deutsch-evangelisch» hingewiesen. Das Entscheidende, was mir darauf geantwortet wird, besteht (S. 30f.) in der Eröffnung, dass ich als Schweizer «das, was da in deutschen Herzen vorgeht, nicht in der Tiefe mitempfinden kann». «Über uns steht Martin Luthers Wort: Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen.»120 – – –

8. Der Vortrag von D. Dibelius schließt mit folgenden Worten: «Wir sind in einen Kampf gezwungen, wie er so folgenschwer nicht geführt worden ist, seit das Kreuz Jesu Christi auf deutschen Boden 122 getragen worden war. In diesem Kampf werden Entschuldigungszettel wegen theologischer Hemmungen nicht geschrieben. In diesen Kampf werden wir alle hineingefordert. Und wir führen ihn – dankbar dafür, daß Gott uns inmitten dieser Welt ohne Hoffnung und ohne Liebe unsere Kirche gegeben hat als die Gemeinschaft, in der wir |122 miteinander glauben und hoffen und in ungebrochener Freudigkeit dienen dürfen. Der Dank für dies Geschenk unseres Gottes ist es, der uns immer wieder aufs neue den Ruf erheben läßt, um den wir alle sammeln möchten, die mit uns dem Gekreuzigten dienen wollen: ecclesiam habemus! Wir haben eine Kirche!»121 – Ich habe dem nichts hinzuzufügen als den Wunsch, es möchte sich doch jeder Leser darüber klar werden, dass er sich zwischen D. Dibelius und mich nicht in eine ak-noch so kluge,-ak noch so vornehme, noch so christliche Mitte stellen kann. Hier versteht schlechterdings nur, wer ohne Wenn und Aber so oder so Partei nimmt und den Streit aufnimmt. Des unwahren Friedens ist es für einmal genug. Ich protestiere jedenfalls für mich selbst im Voraus gegen jedes Geschichtsbild, das mir eine andere Stellung zuweist als die des ganzen Protestes gegen das ganze, die Sprache von D. Dibelius redende Kirchentum. «Eccelesiam habemus» – Sie haben recht, Herr Generalsuperintendent, eben darum kann ich mich gegen die heute noch ungebrochene Herrschaft Ihres Geistes und Ihrer Art in der Kirche nur auflehnen. al-Ich hoffe auf einen anderen, neuen Tag der deutschen evangelischen Kirche.-al122

Originalfußnoten

1)
Berliner «Protestantenblatt» 11. Januar 1931. Sp. 28 📖60.↩
2)
Im Aufstieg neuer Zeit. Berichte, erstattet der 40. rheinischen Provinzial-Synode vom 13.– 24. September 1929. Neuwied 1929, S. 17. 📖87↩
3)
Es ist abgesehen von einer ganzen Reihe fataler Einzelheiten 1. das gänzliche Verkennen des Unterschiedes zwischen einem Glaubensbekenntnis und einer Geschichtsbetrachtung und 2. das gänzliche Fehlen des eschatologischen Horizontes und der aus seiner Erkenntnis fließenden Bekümmernis, was man diesem im Namen aller deutschen evangelischen Kirchen veröffentlichten Dokument theologisch nicht ernst genug zum Vorwurf machen kann.↩
4)
Dieses Alinea wurde erst nach dem Berliner Vortrag eingerückt, in welchem also hier nicht 6, sondern 5 Fragen vorgelegt wurden.↩
5)
Im Aufstieg neuer Zeit, S. 17. 📖99↩
6)
Dieses unter Weglassung der Orts- und Personennamen gegebene Zitat stammt aus der vom Evang. Pressverband für Rheinland in Essen herausgegebenen Broschüre: Kirche in Front. (!) Ein Bericht über den Dritten Rheinischen Evang. Kirchentag in Saarbrücken vom 27.– 30. September 1930, S. 18. 📖 – Als ich den Vortrag in Berlin, Bremen und Hamburg gehalten hatte, erhielt ich von Herrn Konsistorialpräsident D. Freiherr von der Goltz in Koblenz eine maschinenschriftliche Wiedergabe des Wortlautes seiner Saarbrückener Rede.103 Aus dieser geht hervor, dass der vom Evang. Pressverband gebotene Bericht eine grobe Entstellung dessen bedeutet, was Frhr. v. d. Goltz gesagt hatte. Das schändliche «Neben», das mich in jenem Bericht vor allem gereizt hatte, fehlt im Wortlaut der Rede, und ebenso ist die äußere und innere Gewichtsverteilung zwischen den beiden Momenten des Vaterländischen und des Christlichen 116 dort eine solche, dass ich ohne weiteres zugebe: ein Anlass, hier gerade diese Rede als fatales Beispiel anzuführen, war durch ihren ungedruckten und mir bis jetzt nicht bekannten Originaltext nicht geboten. Wohl aber war und ist er geboten durch das von der Kirchenleitung öffentlich nicht dementierte Elaborat des Pressverbandes, an das ich mich als an eine unter allen Umständen charakteristische kirchliche Eigenquelle gehalten habe ˹und noch halte˺. Es ist nun schon das zweite Mal104, dass ich die Erfahrung mache, dass eine evang. Pressestelle mit ihren Textdarbietungen noch selbständig Ärgernis anrichtet. Ich darf bitten, sie und nicht mich dafür verantwortlich zu machen. Im Übrigen ist die Frage, auf wen der unter Verweis auf diese Quelle ˹von mir˺ beanstandete Schaden zurückgeht, hier wie in dem mir vor einem Jahr so geräuschvoll vorgerückten Fall für das, worauf es mir bei diesen Zitaten ankommt, sehr gleichgültig: Irgend jemand mit irgend einer nicht geringen kirchlichen Verantwortlichkeit hat ˹damals und jetzt˺ so˹, wie ich zitierte,˺ geredet oder drucken lassen!↩

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Tskr. – im Zusammenhang mit der vorangehenden Ergänzung – korrigiert aus: «war die evangelische Kirche da».↩
b-b
Im Tskr. korrigiert aus: «wird».↩
c
Fehlt im Tskr.↩
d
Im Tskr. korrigiert aus: «aus».↩
e
Im Drucktext nicht hervorgehoben (in Übereinstimmung mit Barths handschriftlicher Korrektur des Typoskripts und in Angleichung an die folgende Formulierung durch die Hrsg. eingefügt).↩
f
Im Tskr. – im Zusammenhang mit der vorangehenden Ergänzung – korrigiert aus: «nämlich damit».↩
g-g
Im Tskr. korrigiert aus: «heute ihre soziale Arbeit».↩
h
Tskr.: «heißen».↩
i-i
Im Tskr. korrigiert aus: «nicht zu vollziehende».↩
j
Fehlt im Tskr.↩
k-k
Im Tskr. korrigiert aus: «damit».↩
l
Im Tskr. korrigiert aus: «wird».↩
m-m
Tskr.: «ihrem Selbst».↩
n
Im Tskr. folgt ursprünglich (dort dann gestrichen): «der Reinen,».↩
o
Im Tskr. korrigiert aus: «Dämonie».↩
p-p
Im Tskr. korrigiert aus: «Anderen».↩
q-q
Im Tskr. korrigiert aus: «schwach und anfechtbar».↩
r
Im Tskr. korrigiert aus: «der».↩
s
Im Tskr. korrigiert aus: «der».↩
t-t
Im Tskr. – im Zusammenhang mit der vorangehenden Ergänzung – korrigiert aus: «Dieser christliche Idealismus und Liberalismus ist».↩
u
Im Tskr. korrigiert aus: «Konter-».↩
v
Im Tskr. korrigiert aus: «sanitarisch».↩
w-w
Im Tskr. korrigiert aus: «Leibes als der eigentlichen».↩
x-x
Im Tskr. korrigiert aus: «Es ist ein öffentliches Geheimnis, dass».↩
y
Im Tskr. korrigiert aus: «übelsten».↩
z-z
Im Tskr. korrigiert aus: «bekanntlich sehr modernen».↩
aa-aa
Im Tskr. korrigiert aus: «dieses unmögliche ‹Jesus Christus neben den vaterländischen Gefühlen›».↩
ab-ab
Im Tskr. – im Zusammenhang mit der Einfügung des vorangehenden Satzes – korrigiert aus: «soll es nicht notwendig sein, dass das geschieht».↩
ac
Im Tskr. korrigiert aus: «fünf».↩
ad-ad
Im Nachwort-Mskr.: «dieser Begegnung».↩
ae-ae
Im Nachwort-Mskr.: «ich übersehe die Tragweite dieses Urteils».↩
af-af
Im Nachwort-Mskr.: «unterscheiden».↩
ag-ag
Im Nachwort-Mskr.: «zu hören meinen».↩
ah
Im Nachwort-Mskr. und im Tskr.: «verfluchter».↩
ai-ai
Fehlt im Nachwort-Mskr.↩
aj-aj
Nachwort-Mskr. und Tskr.: «Streit bis aufs Messer, verlassen Sie sich darauf! Sie lächeln? Lächeln Sie es immerhin, Ihr überlegenes, verzeihendes, gänzlich unangerührtes Kirchenfürsten-Lächeln, das gerade an dieser Stelle Ihres Vortrags als Antwort auf diese meine Frage so besonders freundlich sichtbar wurde.119 Aber verlangen Sie nicht von mir, dass dieses Lächeln mir etwas Anderes sage als dies: dass Sie und ich uns bis auf Weiteres nichts zu sagen haben.»↩
ak-ak
Fehlt im Nachwort-Mskr.↩
al-al
Fehlt im Nachwort-Mskr.↩

Sachfußnoten

1
Walther Hunzinger (1905–1972), Studium in Erlangen, Göttingen (dort auch bei Barth) und Marburg, 1929 in Hamburg an St. Jacobi ordiniert, 1931 Lic. theol. in Marburg, bis 1945 Pfarrer in Hamburg, danach in Wiesbaden.↩
2
Brief Hunzingers an Barth vom 18.8.1930 (KBA 9330.470).↩
3
Brief Barths an Hunzinger vom 8.9.1930 (KBA 9230.222).↩
4
Vgl. Schreiben Hunzingers an Barth vom 30.9. und 21.10.1930 (KBA 9330.523 u. KBA 9330.563).↩
5
Caius Fabricius (1884–1950), Direktor der Schleiermacher-Hochschule (1920 als Volkshochschule eröffnet), seit 1921 a.o. Prof. in Berlin, 1935–1943 Prof. für Systematische Theologie und allgemeine Religionswissenschaft in Breslau. Fabricius hatte sich nach vergeblichen Versuchen 1926 und 1927 am 13. Dezember 1930 (KBA 9330.664) bereits zum dritten Mal wegen eines Vortrags an Barth gewandt.↩
6
Brief Barths an Fabricius vom 16.12.1930 (KBA 9230.310).↩
7
Vgl. Brief von Fabricius an Barth vom 17.12.1930 (KBA 9330.674).↩
8
Brief von Fabricius an Barth vom 18.1.1931 (KBA 9331.41).↩
9
Vgl. Brief Barths an Fabricius vom 21.1.1931 (KBA 9231.41).↩
10
Günther Dehn (1882–1970), bis 1931 Pfarrer in Berlin, hatte gerade die (dann gescheiterte) Berufung nach Heidelberg angenommen (vgl. Brief Dehns an Barth vom 7.1.1931 [KBA 9331.15]); er nahm dann – im gleichen Jahr – eine Berufung nach Halle/S. auf die dortige Professur für Praktische Theologie an, wo er 1932 nach massiven Protesten nationalsozialistischer Studenten dienstenthoben wurde (sog. «Fall Dehn»; vgl. O.Br. 1909–1935, S. 170–207 📖).↩
11
Vgl. Brief Dehns an Barth vom 7.1.1931 (Anm. 10) und Barths Antwort vom 8.1.1931 (KBA 9231.19).↩
12
Rundbrief Barths an die Freunde vom 22.2.1931 (KBA 9231.62; Bw.Th. III, S. 93f.95 📖).↩
13
Barth selbst sprach von einer «kleinen Lawine von Papier» für seine «Drucksachen-Sammlung» (a.a.O.; Bw.Th III, S. 94 📖). In der entsprechenden Sammlung im KBA befinden sich über 20 gedruckte Reaktionen.↩
14
Die Ekklesiologie von Otto Dibelius war bereits in Barths Aufsatz Quousque tandem ...? (1929/1930) 📖 unübersehbar Gegenstand von Barths Kritik gewesen (vgl. oben S. 42, Anm. 66). Barth konnte seinen zu haltenden Vortrag als «eine zweite verbesserte und vermehrte Auflage» von Quousque tandem…? charakterisieren (Brief an Karl Stoevesandt vom 29.12.1930 [KBA 9230.328]).↩
15
So das Thema nach der Ankündigung im Programm der Schleiermacher-Hochschule, 32. Lehrgang, Januar–März 1931. Die Vorträge von Barth und Dibelius erschienen hier unter «I. Die Kirchenfrage der Gegenwart. Zwei Einzelvorträge» (ein Exemplar in: EZA Berlin, Best. 7/384).↩
16
Vgl. die vorherige Anmerkung.↩
17
Vgl. H. Fritz, Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie und Diktatur (AKIZ.B 27), Göttingen 1998, S. 367–371. 📖↩
18
In seinem Rundbrief vom 22.2.1931 (Anm. 12) sprach Barth von drei (Bw.Th. III, S. 94 📖), im Nachwort zum vorliegenden Text von vier Tagen (s. unten). Einen detaillierten Bericht über den Vortrag von Dibelius einschließlich aller kritischen Äußerungen ihm gegenüber erhielt Barth durch die zum Freundeskreis um ihn gehörende Gertrud Staewen (1894–1987, Sozialpädagogin, ab 1933 Sekretärin im Burckhardt-Haus Berlin-Dahlem); vgl. deren Brief vom 8.2.1931 (KBA 9331.79).↩
19
O. Dibelius, Die Verantwortung der Kirche. Eine Antwort an Karl Barth, Berlin 1931 📖. – Barth hatte von G. Staewen mit deren Brief vom 8.2.1931 ein Exemplar der Schrift erhalten, in das sie am Rand die Abweichungen der mündlichen Rede nach ihrer stenographischen Mitschrift eingetragen hatte. Für die Druckfassung hatte Dibelius die Kritik an Barth offensichtlich abgemildert.↩
20
Am 6.2.1931 hatte sich der Direktor des Christlichen Zeitschriftenvereins, Superintendent a. D. Hans Günther, an Barth mit der Bitte gewandt, seinen Vortrag für eine Gemeinschaftspublikation mit Dibelius zur Verfügung zu stellen (KBA 9331.77). Darauf ging Barth nicht ein, weil er sich an eine Vereinbarung mit seinem Verleger und dem Herausgeber von «Zwischen den Zeiten» gebunden sah und es nach allem, was er «über Form und Inhalt des Gegenvortrags von Generalsuperintendent Dibelius gehört» hatte, ausschließen musste, seinen Vortrag «gemeinsam mit dem seinigen zu veröffentlichen» (Brief an Günther vom 11.2.1931 [KBA 9231.58]).↩
21
Briefe Knaks vom 9.2., 10.3. und 22.3.1931 (KBA 9331.82, KBA 9331.159, KBA 9331.189); Briefe Barths vom 7.3., 13.3. und 28.3.1931 (KBA 9231.88, KBA 9231.101, KBA 9231.123).↩
22
Brief Knaks an Barth vom 9.2.1931 (KBA 9331.82).↩
23
Brief Barths an Knak vom 7.3.1931 (KBA 9231.88). Zur von Barth angeführten Reaktion auf Quousque tandem…? vgl. V.u.kl.A. 1925–1930, S. 524f. 📖↩
24
Mit K. Stoevesandt (1882–1977) war Barth seit 1922 freundschaftlich verbunden und hatte bereits mehrfach in dem «theologischen Nachmittag» bzw. «Lesekreis», zu deren Initiatoren Stoevesandt gehörte, vorgetragen; vgl. Bw. Stoevesandt, S. VIIf. 📖; V.u.kl.A. 1922–1925, S. 176–179 📖; V.u.kl.A. 1925–1930, S. 303–305. 📖↩
25
Brief Barths an Stoevesandt vom 29.12.1930 (Anm. 14).↩
26
Vgl. Briefe Stoevesandts an Barth vom 31.12.1930 (KBA 9330.711) und 1.2.1931 (KBA 9331.63).↩
27
Karl Refer (1883–1954), Pfarrer in Bremen.↩
28
Hinrich Knittermeyer (1891–1958), Philosoph, 1923–1945 Direktor der Staatsbibliothek Bremen.↩
29
Brief vom 1.2.1931, abends (KBA 9331.62).↩
30
Die späte Uhrzeit sollte es Barth ermöglichen, erst den Zug 13.59 Uhr ab Köln nehmen zu müssen, der um 20.02 Uhr Bremen erreichen sollte (vgl. ebd.).↩
31
Zwei Exemplare von Zeitungsannoncen in Bremer Tageszeitungen legte Karl Refer einem Schreiben an Barth vom 5.2.1931 bei (KBA 9331.72–74).↩
32
Brief Stoevesandts an Barth vom 3.2.1931 (KBA 9331.66).↩
33
Vgl. Rundbrief Barths vom 22.2.1931 (Anm. 12; Bw.Th. III, S. 96 📖).↩
34
Ebd.↩
35
Ebd.↩
36
Brief Stoevesandts an K. Barth am 19.2.1931 (KBA 9331.110).↩
37
Bremer Kirchenzeitung, Jg. 4, Nr. 2, 10.3.1931, S. 14. 📖↩
38
Rundbrief vom 22.2.1931 (Anm. 12; Bw.Th. III, S. 97 📖).↩
39
Beide hatten bei Barth in Münster studiert (vgl. Busch, S. 194 📖).↩
40
Rundbrief vom 22.2.1931 (Anm. 12; Bw.Th. III, S. 97 📖).↩
41
A.a.O.; Bw.Th. III, S. 98f. 📖↩
42
Dass sein Humor ihn auch da nicht verlassen hatte, zeigt sein vom Krankenbett aus diktierter Rundbrief, in dem Barth – eingedenk der schmerzhaften Prozedur, mit der ihm sein Arzt das Trommelfell perforiert hatte, um Eiter abzulassen – bemerkte: «Immerhin, ich bewege seither in mir den Gedanken und Wunsch, man solle dem Generalsuperintendenten Dibelius, der sicher auch viel Eiter im Kopfe hat, ebenfalls das Trommelfell perforieren. Es tut ja wirklich nur einen Augenblick ein bisschen weh […]» (a.a.O., Bw.Th. III, S. 100 📖).↩
43
Brief Hunzingers an Barth am 27.2.1931 (KBA 9331.129).↩
44
Wilhelm Stapel (1882–1954), evangelischer Publizist und Schriftsteller, war Herausgeber der nationalkonservativen Zeitschrift «Deutsches Volkstum».↩
45
Johann Simon Schöffel (1880–1959), seit 1922 Hauptpastor an St. Michaelis, seit 1929 Präsident der Hamburger Synode.↩
46
Heinz Jakob Hartwig Beckmann (1877–1939), seit 1920 Hauptpastor an St. Nikolai.↩
47
Rundbrief vom 22.2.1931 (Anm. 12; Bw.Th. III, S. 99 📖).↩
48
Vgl. Brief Asmussens an Barth vom 15.2.1931 (KBA 9331.93): «Sagen Sie, müssen Sie nun oft nach Ihren Vorträgen solche ‹tiefschürfenden› Ausführungen über sich ergehen lassen?»↩
49
Brief Stapels an Barth am 15.2.1931 (KBA 9331.92).↩
50
KBA 10020. Dass das Nachwort in dieser Weise zustande kam, lag am Drängen von Georg Merz und Albert Lempp; beide waren wegen des raschen Erscheinens der Gegenschrift von Dibelius sehr daran interessiert, dass Barths Aufsatz gleich im nächsten Heft von «Zwischen den Zeiten» (Heft 2, 1931, erschienen am 1. April 📖) abgedruckt werden konnte. Vgl. die Briefe von G. Merz vom 20.2.1931 (KBA 9331.111) und von A. Lempp vom 23.2.1931 (KBA 9331.121).↩
51
Siehe unten, Anm. aj–aj.↩
52
Brief an Merz vom 27.2.1931 (KBA 9231.66).↩
53
«Kirche unter dem Kreuz» war die Selbstbezeichnung der sich in der Verfolgung organisierenden reformierten Gemeinden am Niederrhein und in den angrenzenden Territorien. Vgl. den Titel der Beschlüsse der Synode von Emden 1571: «Acta Synodi ecclesiarum Belgicarum, quae sub cruce sunt […]» (BSKORK, S. 277 📖).↩
54
Vgl. den Liedanfang: «Es ist das Heil uns kommen her / von Gnad und lauter Güte» (EG 342; RG 274 🎵).↩
55
Anspielung auf die römisch-katholische Messopferlehre (vgl. DH 1740–1742.1751.1753f. 📖)↩
56
Gemeint sind die «Weltkonferenz für Praktisches Christentum» in Stockholm (1925) und die «Erste Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung» in Lausanne (1927). Vgl. Die Stockholmer Weltkirchenkonferenz. Vorgeschichte, Dienst und Arbeit der Weltkonferenz für praktisches Christentum, 19.– 30. August 1925. Amtlicher deutscher Bericht im Auftrag des Fortsetzungsausschusses erstellt, hrsg. von A. Deißmann, Berlin 1926 📖; Die Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung. Deutscher Amtlicher Bericht über die Weltkirchenkonferenz zu Lausanne 3. bis 21. August 1927, im Auftrag des Fortsetzungsausschusses hrsg. von H. Sasse, Berlin 1929. 📖↩
57
Zu den sakramentstheologischen Voraussetzungen dieser Aussage und dem mit ihr implizierten Zeichenverständnis vgl. bes. Barths 1929 geschriebenen Aufsatz Die Lehre von den Sakramenten, in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 393–441. 📖↩
58
In seinem Vortrag Der römische Katholizismus als Frage an die protestantische Kirche (1928), in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 303–343 📖, kommt Barth ebenfalls auf die der evangelischen Kirche fehlende Synthese zu sprechen, deren Abwesenheit sogar ein heimliches Heimweh nach katholischer Stabilität verursache: «Sollte das Heimweh nach der Synthese, nach dem Gleichgewicht, nach der Harmonie, das in der Lehre Schleiermachers seine theologische und in der Lehre Hegels seine philosophische Erfüllung gefunden hat, das Heimweh der heutigen protestantischen Kirche sein, warum kehrt sie dann nicht um dorthin, wo wir, wie wir ja neulich wieder gehört haben, mit offenen Armen empfangen werden» (a.a.O., S. 337). Barth meint die Enzyklika Mortalium animos. Über die Förderung der wahren Einheit der Religion Papst Pius’ XI. vom 6.1.1928, in: AAS 20 (1928), S. 5–16 (lat.) 📖; Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII., dt. Ausgabe besorgt von A. Rohrbasser, Freiburg/Schweiz 1953, S. 397–411. 📖↩
59
M. Luther, WA 48, 241 (Bibel- und Bucheinzeichnungen, Anhang III A 5) 📖: «Wir sind Bettler, Hoc est verum […]» (auch in: WA.TR 5, 168,35 [Nr. 5468] 📖).↩
60
Protestantenblatt Berlin, Jg. 64 (1931), Sp. 28 📖. Im redaktionell bearbeiteten «Rückblick auf Weihnachten oder wenigstens auf Weihnachtsaufsätze» (Sp. 27f.) gab es unter anderem eine äußerst kritische Glosse zu Barths am 23. Dezember 1930 in den «Münchner Neuesten Nachrichten» erschienener Betrachtung Verheißung, Zeit – Erfüllung (Predigten 1921–1935, S. 591–598 📖), die in dem Satz gipfelte: «Das ist eine durchaus trostlose Theologie [...].»↩
61
Anspielung auf die Worte, mit denen Luther auf dem Reichstag von Worms 1521 seine Widerrufsverweigerung abgeschlossen haben soll: «Ich kann nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir, Amen» (WA 7, 838,2–9 📖). Vgl. dazu K. Müller, Luthers Schlußworte in Worms 1521, in: Philothesia. Festschrift für P. Kleinert, hrsg. von A. Harnack u. a., Berlin 1907, S. 269–289. 📖↩
62
Vgl. den Titel der Schrift von Fr. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, Chemnitz 1878. 📖↩
63
Vgl. P. Tillich, Protestantische Gestaltung. Vortrag, gehalten vor der Theologenschaft in Münster i. W. im Januar 1929, in: ders., Religiöse Verwirklichung, Berlin 1930, S. 43–64 📖; auch in: ders., Schriften zur Theologie, Bd. 1: Der Protestantismus als Kritik und Gestaltung, hrsg. von R. Albrecht (Gesammelte Schriften, 7), Stuttgart 1962, S. 54–69 📖, hier bes. S. 60.69. Barth hatte diesen Vortrag in Münster gehört. Vgl. Bw.Th. II, S. 651. 📖 – An anderer Stelle schreibt Tillich: «Jede Offenbarung, in der der Offenbarungsträger durch sich selbst Unbedingtheit beansprucht, ist dämonisierte Offenbarung, denn Prinzip des Dämonischen ist Erhebung eines begrenzten Seienden zur Unbedingtheit, zur Würde des Unbedingt-Verborgenen […]» (ders., Art. «Offenbarung. V A. Religionsphilosophisch», in: RGG2 IV, Sp. 666f. 📖).↩
64
Ein wohl beabsichtigter Anklang an den viel zitierten Ausspruchs Bismarcks in seiner Reichtstagsrede vom 6. Februar 1888: «Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt» (vgl. Büchmann, S. 466f. 📖).↩
65
Anspielung auf die weit verbreitete, verkürzte Aufnahme zentraler Begriffe der Platonischen Ideenlehre zur näheren Beschreibung der göttlichen Sphäre. Vgl. etwa J. W. von Goethe, Epilog zu Schillers Glocke, Strophe 4 📖:
Denn er war unser! Mag das stolze Wort
Den lauten Schmerz, gewaltig übertönen!
Er mochte sich bei uns im sichern Port
Nach wildem Sturm zum Dauernden gewöhnen.
Indessen schritt sein Geist gewaltig fort
Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen,
Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.
↩
66
Vgl. W. Shakespeare, Hamlet (deutsch von A. W. von Schlegel), III, 3 📖:
Er überfiel in Wüstheit meinen Vater,
Voll Speis’, in seiner Sünden Maienblüte.
Vgl. V.u.kl.A. 1925–1930, S. 68. 📖↩
67
Bei der Arbeit an diesem Abschnitt hat Barth mehrfach zurückgegriffen auf: Kirche in Front. Ein Bericht über den Dritten Rheinischen Kirchentag in Saarbrücken vom 27. bis 30. September 1930, Evangelischer Preßverband für das Rheinland, Essen 1930 📖 (vgl. unten, Anm. 6]). – Der von den kirchlichen Verbänden und den evangelischen Gemeinden des Rheinlands getragene Kirchentag war als mehrtägige Großveranstaltung organisiert worden. Er stand unter dem Rahmenthema «Von der Kirche Not und der Kirche Verheißung». Im Bericht über die Eröffnungsfeier heißt es (a.a.O., S. 8f.): «Durch Straßen, deren Häuserfronten mit Fahnen und Wimpeln, mit Tannengrün und den Blüten der Spätsommerblumen überreich geschmückt waren, geleitet von ihren Führern, begleitet von den Marschweisen der Kapellen und Orchester, schritten die Zehntausende herbei. Sichtbare Gemeinden, sichtbare Kirche. […] Als der Abend nahte […], da hob des Tages gewaltigster Augenblick an: Aus den Sälen strömten die Menschen auf dem Rathausplatz […] zur öffentlichen Kundgebung zusammen: Masse, unübersehbare, achtunggebietende Masse. […] gesammelte Großgemeinde, Heerbann glaubender Menschen, in Feier geeinter, zur Tat bereiter Seelen. […] Machtvoll der Eindruck auf kritische Augen außenstehender Beobachter. Erschütternd der halbhunderttausendstimmige Gesang dieser überwältigenden Gemeinde!»↩
68
Vgl. P. Tillich, Religiöse Verwirklichung (Anm. 63), bes. S. 43ff. 📖: «Das Religiöse als gestaltendes Prinzip: Protestantische Gestaltung» und S. 65ff.: «Wirklichkeit und religiöse Verwirklichung: Über gläubigen Realismus».↩
69
Vgl.a.a.O., S. 66 📖, wo Tillich das Realismusproblem am Beispiel der Kunst verdeutlicht: «[...] der neue Realismus wendet sich in voller Hingabe an die äußere Form, um in ihr und mit ihr und durch sie die innere Mächtigkeit der Dinge zu schauen» (i. Orig. hervorgehoben).↩
70
Siehe oben, S. 29, Anm. 46.↩
71
Siehe oben, S. 17, Anm. 29.↩
72
Vgl. etwa C. Schweitzer, Neuentdeckung der Kirche, in: ders. (Hrsg.), Das religiöse Deutschland der Gegenwart, Bd. 1: Der christliche Kreis, Berlin 1929, S. 104–120, dort S. 106f. 📖: «Die Sehnsucht nach Kirche, so kann man sagen, wächst in dem Maße, als andere Gemeinschaftsformen zerbrechen. […] Zu diesem allen kommt, was hier nicht auszuführen ist, die bittere Erfahrung des Versagens des vorhandenen Menschenmaterials auf allen Gebieten des Lebenskampfes, die Vereinsamung, nicht zuletzt die eigene Not, welche unter uns die Sehnsucht und das Gebet nach Neubegründung, nach Gemeinschaft, nach Kirche hervorruft, welche tragfähig bleibt, wenn alles wankt und fällt.»↩
73
Gemeint ist die damals verbreitete Verbindung lebensphilosophischer und historistischer Traditionen mit Form- und Gestalt-Kategorien zur Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Vgl. etwa H. Driesch, Wirklichkeitslehre, Leipzig 1917 📖; O. Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, Bd. 1: Gestalt und Wirklichkeit, Wien 1918 📖; H. Herrigel, Das neue Denken, Berlin 1928 📖 (dazu: H. Knittermeyer, Wirklichkeit und drittes Reich, in: ZZ 8 [1930], S. 420–442 📖); E. Herrigel, Die metaphysische Form. Eine Auseinandersetzung mit Kant, Halbbd. 1: Der mundus sensibilis, Tübingen 1929, bes. S. 10. 📖 Vgl. auch H. Heller, Staatslehre, (Leiden 1934) Tübingen 19836, dort S. 82–86 📖 («Zweiter Abschnitt: Die gesellschaftliche Wirklichkeit, I.: Gesellschaftliche Wirklichkeit als menschliche Wirksamkeit»), und oben, Anm. 68.↩
74
Vgl. etwa Fr. Gogarten, Ich glaube an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über Glauben und Geschichte, Jena 1926, bes. S. 68–75.108–117 📖; E. Hirsch, Die idealistische Philosophie und das Christentum. Fünf Vorlesungen, in: ders., Die idealistische Philosophie und das Christentum. Gesammelte Aufsätze, Gütersloh 1926, S. 36–116, bes. S. 66–84 📖: «Dritte Vorlesung: Kritische Selbstbesinnung gegenüber der idealistischen Grundeinsicht».↩
75
Vgl. etwa E. Brunner, Von den Ordnungen Gottes, Bern 1929 📖; Fr. Gogarten, Die Schuld der Kirche gegen die Welt, Jena 1928, S. 10.35 📖; s. auch V.u.kl.A. 1925–1930, S. 470–475 📖. Vgl. zu den am Thema «Ordnungen» aufbrechenden Gegensätzen zwischen Barth, Brunner und Gogarten auch: Chr. Gestrich, Neuzeitliches Denken und die Spaltung der dialektischen Theologie. Zur Frage der natürlichen Theologie (BHTh 52), Tübingen 1977, S. 328–342. 📖↩
76
Vgl. etwa Schweitzer, Neuentdeckung (Anm. 72), S. 107f. 📖: «Unsere Zeit ist willig, auch die letzten Reste eines als brüchig erkannten Individualismus preiszugeben, wenn sie nur dagegen etwas ganz Echtes, Starkes, Dauerndes eintauschen kann.»↩
77
Vgl. a.a.O., S. 108 📖: «Immerhin hat das Vorhandensein und die Entwicklung der katholischen Kirche neben der evangelischen in Deutschland mit dazu beigetragen, dem evangelischen Kirchenvolk das Bedürfnis nach Kirche zu verstärken. Denn kirchliches Selbstbewußtsein ist nun einmal seit langem in der Schwesterkirche größer gewesen als bei uns. Die Beobachtung dessen, was drüben geschah und geschieht, wobei sich Bewunderung mit Beschämung und Beunruhigung zugleich mischt, hat fraglos mitgeholfen, unsere Kirche in die Besinnung auf sich selbst hineinzutreiben.»↩
78
Charakteristisch bei E. Hirsch, Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht, Göttingen 1920 (19253) 📖. – In einer Rede von Walther Wolff auf dem Kirchentag in Saarbrücken hieß es: «Evangelisch sein heißt immer etwas ganz Tiefes, Heimliches und Heiliges. Es heißt auch, ein Schicksal auf sich nehmen, unter Zucht und Gnade stehen. Evangelisch sein heißt, heute der Kirche Schicksal, ihren Beruf, ihren Dienst, ihre Last und ihre Not auf sich nehmen.» (Kirche in Front [Anm. 67], S. 23 📖) Bereits in seiner Eröffnungsansprache hatte Wolff «die Schicksalsverbundenheit der Kirche mit dem Erleben der Zeit» betont (a.a.O., S. 12).↩
79
Vgl. etwa a.a.O., S. 50 📖, den Bericht über die Großkundgebung des Saarbrücker Kirchentages am Abend des 28. September 1930 auf dem Rathausplatz: «Fünfunddreißigtausend Menschen stehen unter dem abendlichen ­Himmel, um ihre Kirche zu bekennen vor den Menschen. […] Funfunddreißigtausend fühlen sich als ein Meer der Gemeinschaft, und jeder dieser Fünfunddreißigtausend als ein Tropfen in diesem Meer, ohne den das Meer nichts ist und der ohne dieses Meer nicht ist. Jeder trägt diese Gemeinschaft: jeder wird von dieser Gemeinschaft getragen. Evangelischer Christ! Evangelische Kirche!» Vgl. auch O. Dibelius, Das Jahrhundert der Kirche. Geschichte, Betrachtung, Umschau und Ziele, Berlin 1926, S. 121ff. (Abschnitt: «Das Erlebnis der Schicksalsgemeinschaft»), hier S. 124f. 📖: «Schicksalsgemeinschaft! Schicksalsgemeinschaft der Menschheit und insbesondere Schicksalsgemeinschaft der Glieder eines Volkes – das ist das Zeichen, in dem wir alle stehen! Und diese Schicksalsgemeinschaft erstreckt sich nicht zum mindesten auf das geistige Leben.» Und, a.a.O., S. 130: «Warum Kirche? Weil die Schicksalsgemeinschaft der Menschen da ist! […] Im Namen dessen, den das Volk in seiner Schicksalsgemeinschaft jammert – wir müssen! Wir müssen Kirche sein!»↩
80
Vgl. H.-D. Wendland, Soziale Neugestaltung, in: Schweitzer, Das religiöse Deutschland I (Anm. 72), S. 527–542, dort S. 536 📖: Die Jugendbewegung «entdeckte das Du in seinem Menschsein jenseits all der sozialen Überformungen […] und fügte zugleich die einzelnen in das Ganze gemeinsamen Lebens, dessen Vorbild zunächst die Natur war […]. Aber die Jugendbewegung erlebte diese Einheit als eine mystische; sie war ihr ein einheitliches Lebensgefühl, vielfach auf Sympathie und Eros gegründet […].» Vgl. zur Geschichte und zu Grundzügen der Jugendbewegung: ders., Das religiöse Problem in der Jugendbewegung, in: a.a.O., S. 209–238 📖; W. Stählin, Fieber und Heil in der Jugendbewegung, Hamburg 19223 📖.↩
81
Der rheinische Präses Walther Wolff kann wohl als Urheber dieser Losung gelten, die er schon 1919 im Grußwort an die Synode nach seiner Wahl zum Präses verwendete (vgl. E. Mülhaupt, Rheinische Kirchengeschichte. Von den Anfängen bis 1945, Düsseldorf 1970, S. 371 📖). Vgl. auch W. Wolff, Recht und Kraft der deutschen Reformation zur Kirchenbildung, in: Was uns Kirche ist. Kundgebung des Deutschen Evangelischen Kirchentages zu Nürnberg, Juni 1930, Berlin-Steglitz o. J. [1930], S. 6–20, hier S. 17 📖: «Der deutsche Protestantismus wird Kirche sein, oder er wird nicht sein!» (i. Orig. gesperrt). Barth hatte sich u. a. mit diesem Text gerade im Dezember 1930 auseinandergesetzt (vgl. oben, S. 52–63). In ganz ähnlicher Form aufgenommen wurde das Zitat von J. W. Schmidt-Japing, Die Zukunft des Protestantismus, in: Kirche in Front (Anm. 67), S. 153–155, hier S. 155 📖 (i. Orig. gesperrt, eingeleitet mit «Dieser» statt «Der»).↩
82
Vgl. Dibelius, Jahrhundert (Anm. 79), S. 197 📖: «Die evangelische Kirche steht am Anfang ihres Jahrhunderts.»↩
83
V.u.kl.A. 1925–1930, S. 521–535. 📖↩
84
Vgl. Homer, Odyssee, XII, 85–110. 📖 Die Scylla, eine gefährliche Klippe, galt in der griechischen Sage als Seeungeheuer mit sechs Köpfen und zwölf Füßen, das die Seeleute von den Schiffen riss. Ihr gegenüber befindet sich die Charybdis, ein Verderben bringender Meeresstrudel, den man sich als Riesin dachte (vgl. Röhrich IV, S. 1454 📖).↩
85
Seine Abwehr einer Bekenntnisunion im Sinne der «Väter der Union» begründete Dibelius, Jahrhundert (Anm. 79), S. 217 📖, angesichts des Fehlens «der schützenden Umfriedung der Staatsgewalt» so: «Im Kampf der Geister, wie wir ihn heute haben, versagen alle höheren Einheiten. Nur das Bestimmte, nur das Charaktervolle hat die Verheißung des Sieges. Das Charaktervolle aber prägt sich aus im Kampf mit seinen Gegensätzen.» Dieselbe Formulierung benutzte er im Blick auf die «Aufgabe einer evangelischen Kirche deutscher Art innerhalb der ökumenischen Bewegung»: «nur das Charaktervolle hat Verheißung» (a.a.O., S. 256; das letzte Zitat ist in Barths persönlichem Exemplar unterstrichen). – Der «Öffentlichkeitswillen» war eine im Gefolge der nach 1918/19 befürchteten Zurückdrängung des Einflusses der Kirche latente Forderung und manifestierte sich u. a. in den hier mehrfach angesprochenen Kirchentagen (s. Anm. 67.91) und den auf ihnen verabschiedeten Kundgebungen. Vgl. KJ 55 (1928), S. 534ff. 📖: «Der Öffentlichkeitswille der Kirche. Pressearbeit und Apologetik», bes. S. 536: «Da kommt in der Kirche die Erkenntnis hoch, daß sie eine überaus gewaltige unausmeßbar große Verantwortung in unserer Zeit hat: die Stimme der göttlichen Wahrheit, des christlichen Gewissens, des Berufs und der Pflicht der Kinder Gottes, mit aller ihrer geschenkten Kraft zur Geltung zu bringen… Sie strebt hinaus in den öffentlichen Dienst, sie rüstet zum Aufbruch.» Vgl. auch G. Merz, Das evangelische Predigtamt und die moderne Gesellschaft, in: ZZ 8 (1930), S. 49–65, hier S. 62 📖: «Damit stehe ich schon bei der Frage unserer Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit. Von diesem Öffentlichkeitswillen wird heute an allen Orten gesprochen.» – Vom «Tatwillen» der Kirche sprach Walther Wolff in seinem von Barth gehörten Vortrag «Die Kirchenfrage nach der Nürnberger Erklärung» (s. oben, S. 57).↩
87
Im Orig. teils hervorgehoben.↩
86
Den Bericht, aus dem das Zitat stammt, erstattete Walther Wolff.↩
88
Die Kirche. Kundgebung des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in: Was uns Kirche ist (Anm. 81), S. 3–5. 📖 Zu Barths Auseinandersetzung mit diesem Manifest vgl. seine Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger Kirchentages zur Kirchenfrage (s. oben, S. 52–63).↩
89
Auf dem Saarbrücker Kirchentag formulierte etwa Superintendent Theodor Bungenberg (Inden) in seiner Ansprache: «Aber wir glauben an die Verheißung der Kirche. […] Wir haben das Evangelium Gottes und den Befehl des Heilandes: ‹Gehet hin und lehret alle Völker!›, eingefaßt von der Verheißung: ‹Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden› und ‹Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende› […]. Darauf stehen wir» (Kirche in Front [Anm. 67], S. 26f. 📖). Vgl. – am selben Ort – aus der Rede des Koblenzer Generalsuperintendenten Ernst Stoltenhoff: «Unsere Kirche hat das Wort. Das alles leuchtet als Verheißung über unserer Kirche, über ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft. Die Kirche und ihre Entwicklung hat so viel Verheißung, als das Wort, als das Evangelium von Jesus Christus in ihr gilt» (a.a.O., S. 33).↩
90
In seinen Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger Kirchentages zur Kirchenfrage 📖 nennt Barth konkrete Beispiele: das Problem des Cäsaropapismus, die Haltung der Kirche zur sozialen Frage und die Theologie des 19. Jahrhunderts (s. oben, S. 62).↩
91
Im Unterschied zum Kirchentag in Saarbrücken handelte es sich bei den Kirchentagen von Bethel (1924), Königsberg (1927) und Nürnberg (1930) um synodenartige Zusammenkünfte des 1922 gegründeten Deutschen Evangelischen Kirchenbundes. Die öffentlichen Verlautbarungen galten der sozialen Frage (1924), dem Dienst an Volk und Vaterland (1927) und dem Jubiläum der Confessio Augustana (1930). Vgl. D. Bormuth, Die Deutschen Evangelischen Kirchentage in der Weimarer Republik (KoGe 41), Stuttgart 2007, bes. S. 208ff. 📖↩
92
Seit 1917 hatte es – nicht nur, aber vor allem – in Deutschland zahlreiche 400-Jahr-Feiern zur Reformation einzelner Orte, Städte und Gebiete oder zum Gedenken an reformatorische Ereignisse gegeben, die ihren Höhepunkt 1930 im Jubiläumsjahr der Confessio Augustana fanden. Einen Überblick bietet KJ 56 (1929), S. 344–349. 📖 Barth hatte bereits in Quousque tandem…? scharfe Kritik an der Art solcher Feierlichkeiten geübt (vgl. V.u.kl.A. 1925–1930, S. 533f. 📖).↩
93
EG 299, Strophe 1; RG 83, Strophe 1. 🎵↩
94
Anspielung auf J. Schneider, Kirchliche Zeitlage, in: KJ 56 (1929), S. 314–422, hier S. 315f. 📖: «Gezeigt hat sich, daß der religiöse Gedanke doch tiefer in der deutschen Volksseele verwurzelt war, als nach außen hin in die Erscheinung trat. Das heilige ‹Dennoch› hat sich durchgesetzt.» Dieser Text Schneiders hatte Barth schon zur Abfassung von Quousque tandem …? veranlasst und ist dort seinen Ausführungen vorangestellt (V.u.kl.A. 1925–1930, S. 526–528 📖).↩
95
Liedzeile aus dem Agnus Dei (O Lamm Gottes, unschuldig): EG 190.1; RG 312. 🎵↩
96
Vgl. den Überblick über die Aktivitäten der «Gottlosen-Bewegung» von K. Böhme, Die Gottlosen-Bewegung, in: ChW 45 (1931), Sp. 562–566. 📖 Auf dem Saarbrücker Kirchentag hieß es: «Wir wissen, daß Rom seine Armeen in einer starken katholischen Front formiert, wir kennen den entschlossenen Aufmarsch der ‹Bataillone der Gottlosen› in der atheistischen Front, und wir wissen, daß wir noch weit davon entfernt sind, diesen beiden Fronten eine auch nur einigermaßen geschlossene evangelische Front gegenüberstellen zu können» (Kirche in Front [Anm. 67], S. 24 📖, Rede von Superintendent Wilhelm Weirich, Barmen).↩
97
Es handelt sich um den Münsteraner Pfarrer Ewald Dicke (1872–1958). Dicke beschwerte sich allerdings bei Barth, dass jener «das Bild vom Topf und der Suppe» nicht in seinem Sinne verwendet habe; er habe gerade zum Ausdruck bringen wollen, «daß wir den Inhalt unseres Dienstes nicht vermitteln können, wenn wir nicht eine Form haben, ein Gefäß, worin wir die Menschen zusammen bringen, denen wir zu dienen haben» (Brief Dickes an Barth vom 20.4.1931 [KBA 9331.252]). Barth entschuldigte sich: «Sie haben insofern recht [...], als ich rundweg zugeben muss, dass der bewusste Satz im Blick auf das anonyme Zitat nicht glücklich formuliert ist» (Brief Barths an Dicke vom 22.4.1931 [KBA 9231.133]).↩
99
Der von Barth zitierte Text ist in der Vorlage (Anm. 2]) hervorgehoben.↩
98
Auf dem Saarbrücker Kirchentag hatte der Vorsitzende des Sonderausschusses für Volksmission, der Saarbrücker Pfarrer Otto Wehr, davon gesprochen, dass die «Kirche im Urteil des Kirchenvolks», also «in ihrem eigensten Lebensraum» ebenfalls problematisiert werde (Kirche in Front [Anm. 67], S. 57 📖); Walther Wolff hatte im Anschluss an den zitierten Satz aus seinem Bericht an der rheinischen Provinzialsynode (Anm. 5]) ausgeführt: «Es ist kein Anlaß, gegen den Machtwillen der Kirche zu protestieren, sie will nur Recht und Raum für die gottgegebene Aufgabe der Kirche» (Im Aufstieg neuer Zeit [Anm. 2]], S. 17 📖).↩
100
Nicht ermittelt. Dass dieser Gedanke zeitgenössisch verbreitet war, zeigt aber auch Kurt Tucholsky alias I. Wrobel, Braut- und Sportunterricht, in: Die Weltbühne, Nr. 15, 8.4.1930, S. 540 📖: «Was an der Haltung beider Landeskirchen auffällt, ist ihre heraushängende Zunge. Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische. ‹Wir auch, wir auch!›, nicht mehr, wie vor Jahrhunderten: ‹Wir.› Sozialismus? Wir auch. Jugendbewegung? Wir auch. Sport? Wir auch. Diese Kirchen schaffen nichts, sie wandeln das von andern Geschaffene, das bei andern Entwickelte in Elemente um, die ihnen nutzbar sein können.»↩
101
Die nationale und Volkstums-Thematik spielte eine besondere Rolle auf dem Kirchentag in Königsberg, dessen Kundgebung als «Vaterländische Kundgebung» bezeichnet wurde. In ihr hieß es u. a.: «Wir sind Deutsche und wollen Deutsche sein. Unser Volkstum ist uns von Gott gegeben. Es hochzuhalten, ist Pflicht, zwiefache Pflicht in einer Lage wie der gegenwärtigen. Ein Weltbürgertum, dem das eigene Volk gleichgültig ist, lehnen wir ab» (Abdruck: KTGQ V, S. 55–57, hier S. 56 📖). Die Kundgebung, mit der die evangelische Kirche versuchte, trotz einer vorsichtigen Annäherung an den republikanischen Staat den Anschluss an die um sich greifende, der politischen Rechten nahestehende völkische Bewegung nicht zu verlieren, war maßgeblich beeinflusst von Paul Althaus, der auf dem Kirchentag auch den Grundsatzvortrag gehalten hatte: P. Althaus, Kirche und Volkstum, in: ders., Evangelium und Leben. Gesammelte Vorträge, Gütersloh 1927, S. 113–143. 📖 Vgl. auch Bormuth, Kirchentage (Anm. 91), S. 229ff. 📖; Scholder I, S. 140–144. 📖 Auf dem Saarbrücker Kirchentag etwa spielte der Zusammenhang «deutsch-evangelisch» eine besondere Rolle, wie im Kommentar zum Eröffnungsvortrag von W. Wolff deutlich wird: «Nur der Kritikaster und Nörgler will es nicht verstehen, daß deutsch sein und evangelisch sein so nah zusammenwohnen. Und nur der Grenzlanddeutsche kann wohl mit ganzer Ergriffenheit, die bei vielen bis zu Mannestränen ging, einen solchen Treueschwur erleben, der durch alle Worte unseres Präses hindurch leuchtete» (Kirche in Front [Anm. 67], S. 16f. 📖). Wolff hatte seinen Vortrag so geschlossen (a.a.O., S. 23): «Deutsch sein ist etwas Heimliches, Stilles, in der Seele Gesammeltes, Wahrhaftigkeit, Ernst, Zucht, Ehre, das heißt auch heute noch deutsch sein. Aber deutsch sein heißt heute auch deutsches Schicksal auf sich nehmen […]. Evangelisch sein heißt immer etwas ganz Tiefes, Heimliches und Heiliges. Es heißt, auch ein Schicksal auf sich nehmen, unter Zucht und Gnade stehen […].»↩
102
Die Angabe bezieht sich auf die Kundgebung am Sonntagabend; vgl. oben, Anm. 79.↩
103
Eduard Freiherr von der Goltz (1870–1939), Präsident des Evangelischen Konsistoriums der Rheinprovinz in Koblenz, zeigte sich trotz der bewussten Weglassungen von Ort und Namen in der von Barth zitierten Passage zunächst sichtlich verletzt. Einer der Berliner Zuhörer muss von der Goltz über Barths Äußerung informiert haben. Dieser wandte sich dann am 16. Februar 1931 brieflich an Barth, verwahrte sich gegen die Darstellung des von Barth unkritisch aufgenommenen Berichts und fügte eine Abschrift seiner Begrüßungsansprache bei (KBA 9331.94/KBA 9331.95). Barth antwortete umgehend am 18. Februar und drückte sein tiefes Bedauern über den Vorgang aus, der allerdings der falschen Berichterstattung des Pressverbandes zuzuschreiben sei. Unter anderem schlug er von der Goltz die Einfügung der klärenden Fußnote vor (KBA 9231.61). Von der Goltz ging darauf ein: «Ich bin damit einverstanden, dass die Genugtuung, die Sie mir anbieten, in der Form einer Anmerkung zu dem Druck Ihres Vortrages erfolgt, wenn in dieser unzweideutig zum Ausdruck kommt, dass nach dem Ihnen inzwischen bekannt gewordenen Wortlaut meiner Ansprache der Vorwurf einer Gleichstellung irdischer Dinge, insbesondere des nationalen Gedankens, mit ewigen Werten nicht aufrechterhalten werden kann» (Brief vom 21.2.1931 [KBA 9331.115]). Der Briefwechsel endete einigermaßen versöhnlich.↩
104
Anspielung Barths auf das von ihm eingangs von Quousque tandem …? abgedruckte Zitat Johannes Schneiders, das ebenfalls in der ihm vorliegenden Version des Evangelischen Pressedienstes nicht völlig korrekt wiedergegeben war; in diesem Fall war ihm das aber bekannt gewesen. Vgl. V.u.kl.A. 1925–1930, S. 521. 📖 ↩
105
Vgl. oben, Anm. 18 und 19.↩
106
Dibelius hatte seinen Vortrag laut Abdruck so eröffnet: «Was ich über die Verantwortung der evangelischen Kirche zu sagen habe, war als Ergänzung zu dem gedacht, was Karl Barth über die Not der evangelischen Kirche ausführen würde. Nicht als Antwort. Es ist zwar eine sehr bequeme Position, wenn man das letzte Wort hat. Aber es wäre nicht ritterlich, diese Position auszunutzen – zumal einem Mann gegenüber, dessen Bedeutung für die notwendige Selbstbesinnung der evangelischen Kirche ich sehr ernst zu würdigen weiß. […] Aber in etwas muß ich mir nun doch die Fragestellung vom Gegner vorschreiben lassen. Professor Barth hat fünf Fragen an die Kirche formuliert. Auf diese Fragen muß ich eine Antwort geben.» (Dibelius, Verantwortung [Anm. 19], S. 5 📖). Nach Auskunft von Gertrud Staewen aber hatte er mündlich Folgendes ausgeführt: «[…] aus 2 Gründen muß ich […] abschweifen von meinem Verfahren und mich doch mit Herrn Prof. Barth auseinandersetzen. Einmal der an mich gerichteten 5 Fragen wegen, die ich so gut beantworten möchte, wie es bei der fließenden und reichlich unbestimmten Form, in der Prof. B. sie stellte, möglich ist. Und dann des Vorwurfs der ‹kümmerlichen Theologie› wegen!!» (Brief vom 8.2.1931 [Anm. 18]; i. Orig. nicht hervorgehoben).↩
107
Vgl. etwa Dibelius, Verantwortung (Anm. 19), S. 9 📖: «Und was nun? Soll es in der Christenheit zwei Welten geben und dazwischen eine unüberbrückbare Kluft? Dort eine Theologie, deren Ernst unbestreitbar ist, die aber die Tat der Liebe lähmt und die sichtbare Kirche, in der wir das Werke der Liebe tun, zum Gegenstand der Problematik und der ewigen Bedenklichkeiten macht? – und hier eine Kirche, […] die mit einer solchen Theologie für ihren Kampf schlechterdings nichts anzufangen vermag?» Und, a.a.O., S. 12: «Die Liebe steht über der theologischen Theorie.»↩
108
A.a.O., S. 8 📖: «Die Kampfrufe werden lebendig, die in vergangenen Tagen von den Lippen solcher gekommen sind, die wahrhaftig im Gehorsam gegen den Herrn Christus gestanden haben: ‹Es tut eins not, daß die evangelische Kirche anerkenne: die Liebe gehört mir wie der Glaube! Wie der ganze Christus im lebendigen Gotteswort sich offenbart, so muß er auch in den Gottestaten sich bezeugen!› Das ist Wichern. ‹Nur nicht so langsam, sie sterben uns sonst darüber!› Das ist Bodelschwingh.»↩
109
Vgl. a.a.O., S. 10–27. 📖↩
110
Vermutlich eine Anspielung auf die vielfach überlieferte Sage vom «wilden Jäger», einem der «Wild- und Rheingrafen», dessen Zug in einer verbreiteten Version so beschrieben wird: «ein gewaltiger Jäger, aber nicht wie Nimrod vor dem Herrn, sondern so recht vor dem Teufel. Einen Tag und alle Tage ging es hinaus in die Forste, mit wildem, wüstem Gefolge. […] Da geschah es eines Sonntagmorgens, daß der Wild- und Rheingraf abermals vom hohen Stein mit dem Gefolge seiner Jagdknechte und Rüden herab zu Tale zog, mit Horrido und Hussassa, wie der Dichter singt, durch Felder und Saaten, nichts achtend, niederstampfend in den Boden junge Saat und reife Ähren» (L. Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Meersburg / Leipzig 1930, S. 71 📖).↩
111
Dibelius schloss seine Ausführungen über die Kirche mit den Hinweisen, dass der Kirche «unter allzu viel äußerer pflichtmäßiger Arbeit» einerseits nicht die Fähigkeit verloren gehen dürfe, «das Evangelium in voller ernster Sammlung zu verkündigen», sie aber andererseits auch nicht vergessen dürfe, «daß unter der Verantwortung auch Kräfte zuwachsen und daß wirkliche Liebe nicht von Bedenklichkeiten und Zaghaftigkeiten lebt, sondern von einem Mut, der alles glaubt, alles hofft und sehr vieles überwindet!» (Dibelius 📖).↩
112
Bei Dibelius heißt es a.a.O., S. 28 📖 im Anschluss an die zitierte Frage: «Das hat auch Luther in bezug auf die Humanisten nicht getan. Verhängnisvoll wird diese Einstellung erst dann, wenn sie zu dem Schlusse führt, daß die Kirche eine Kulturerscheinung sei wie andere auch und daß ihre inneren Bewegungen unter den Kategorien der Kulturgeschichte restlos begriffen werden können. Dagegen aber haben sich die führenden Männer unserer Kirche immer mit dem größten Ernst gewandt.»↩
113
A.a.O., S. 29 📖, schließt der erste zitierte Satz mit einem Ausrufezeichen.↩
114
Ebd. 📖↩
115
Vgl. a.a.O., S. 29f. 📖↩
116
Vgl. a.a.O., S. 29. 📖↩
117
Ebd. 📖↩
119
In ihrer Schilderung des Vortrages hatte Gertrud Staewen zu diesem Teil vermerkt: «Hier macht er sich ganz einfach lustig über ‹Haben als hätte man nicht›[,] sodaß seine Beifallsklatscher laut lachen. Dann kommt der schlimmste Teil des ganzen Vortrags: er wischt sich den Schweiß ab, ballt die Fäuste, schlägt aufs Pult und schreit (wörtlich) ‹Jawohl, Buße tun, aber Buße tun, wie Christen es tun, nämlich daß niemand was davon sieht. Ich rede sonst nicht gerne davon, aber wenn man gefordert wird, wie ich es von Barth werde, dann rede ich!! Ja, wie oft komme ich zermürbt und zerschunden an Leib und Seele von den schweren Kämpfen, die ich für die Kirche zu kämpfen habe, aber ich gehe damit nicht in die Öffentlichkeit, sondern in mein Kämmerlein!!!› (Otto der Große steht in der Denkmalsposition von ‹Hier stehe ich›… wie eine beleidigte Primadonna und wird auch dementsprechend bebeifallt!)» (Brief vom 8.2.1931 [Anm. 18]).↩
118
Wörtlich: «Wir wollen die Freiheit haben, Kirche zu sein, das Evangelium zu treiben, unabhängig von der Macht des Staates und der politischen Parteien. Dahin gehört die Frage des Staatsvertrages und was damit zusammenhängt. Wir wollen sodann Freiheit haben, Verhältnisse zu gestalten, soweit die Pflicht der Seelsorge an Kindern und Kranken, an Arbeitslosen und Alten, und an den mancherlei Ständen deutscher Nation das erfordert. Dahin gehört die soziale Arbeit der Kirche, die Arbeit der Inneren Mission, die Einwirkung auf die Gestaltung des Rechtes und dergleichen mehr» (Dibelius, Verantwortung [Anm. 19], S. 30 📖; darauf folgt der im Text zitierte Satz).↩
120
Dibelius bezog sich auf den Saarbrücker Kirchentag und auf die leidenschaftlich zum Ausdruck gebrachte Verbundenheit mit den dort lebenden Brüdern und Schwestern (vgl. a.a.O., S. 31f. 📖). Er fuhr dann fort: «Wir machen dem Deutsch-Schweizer keinen Vorwurf daraus, daß er das, was da in deutschen Herzen vorgeht, nicht in der Tiefe mitempfinden kann. Wir aber sind von Gott mit den Brüdern und Schwestern durch Schicksalsgemeinschaft verbunden. Ihrer Not gilt unsere ganze Liebe. Über uns steht Martin Luthers Wort: Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!» (a.a.O., S. 32).↩
121
A.a.O., S. 32. 📖↩
122
Vgl. Fritz (Anm. 17), S. 377, Anm. 85 📖, der gleich vier in diesem Satz Barths möglicherweise enthaltene Anspielungen auflistet: «(1) Den emphatischen Schlussabschnitt des Friedensbuches stellt Dibelius unter die Verheißung der Weihnachtsbotschaft: ‹Ein neuer Tag bricht an› (Friede auf Erden? [Frage, Erwägungen, Antwort, Berlin 1930], S. 241 📖). (2) Dibelius schrieb [...] seine wöchentlichen Sonntagsartikel in dem zum Scherl-Verlag und Hugenberg-Konzern gehörenden Berliner Blatt ‹Der Tag›. (3) Ist dieser Tag der eschatologische Tag des Zorns und des Gerichts: ‹dies illa, dies irae›? (4) Oder ist der erwartete ‹andere, neue Tag der deutschen evangelischen Kirche› nur das bescheiden verkleinerte Pendant zum bereits angebrochenen und großspurig daherkommenden ‹Jahrhundert der Kirche›?»↩