Die Not der evangelischen Kirche
DIE NOT DER EVANGELISCHEN KIRCHE
Am 18. August 1930 wandte sich der
Studentenseelsorger der
Barth sagte mit einem gewissen Zögern zu. Als Thema benannte er «Die Not der evangelischen Kirche» und fügte erläuternd hinzu: «Alles Reden über die Kirche auf andern Linien würde gegenwärtig für mich keinen Sinn haben. Wenn Sie irgendwie enttäuscht sein sollten, weil Sie für Ihre Studenten etwas Positiveres in Aussicht genommen hatten, dann sagen Sie es mir ruhig. Ich trete gerne wieder zurück.»3 Als Datum des Vortrags käme wegen der Bonner Verpflichtungen nur ein Samstag in Frage. So verständigte man sich dann auf Samstag, den 14. Februar 1931.4
Die Einladung an den Ort, an dem dieser Vortrag das größte Aufsehen erregte,
kam erst im Dezember: Eine Anfrage von
1. Berlin , 31. Januar
1931
Nachdem mehrere Terminvarianten erwogen worden waren, einigten sich
Rückblickend beschrieb Barth den Verlauf des Berliner Vortrags, der «in
verschiedenster Hinsicht eine merkwürdige Angelegenheit» |66
gewesen sei, so: «1400 Menschen waren – die Böswilligen sagten freilich nicht mit Unrecht
‹unter dem Fluidum der Sensation› – in der neuen Aula zusammengeströmt unter
lebensgefährlichem Gedränge, und nun hatte ich 2 Stunden lang das Wort von einem Känzlein
herunter, in dessen Hintergrund ein Fresko-Gemälde den eindringlich zur deutschen Nation
redenden
Barths Vortrag fand ein ungewöhnlich starkes und kritisches Echo.13 Die wohl prominenteste Erwiderung
stammte von keinem Geringeren als
Ein längerer, in versöhnlichem Ton endender Briefwechsel 21 mit
2. Bremen , 13. Februar 1931
Während der Weihnachtsferien 1930 hatte
Als dann der Bremer Gesprächskreis am Abend des 1. Februar zusammenkam,
entstand spontan der Gedanke, Barth schon für den Vorabend des Hamburger Termins nach Bremen
einzuladen und ihn zu bitten, den Vortrag auch hier zu Gehör zu bringen. In dem von
Die Bahnfahrt nach Bremen bescherte Barth, obwohl der Zug pünktlich war, er
vom Ehepaar Stoevesandt auf dem Bahnsteig
abgeholt wurde und über den nur «kurzen Weg zum Ort der Handlung»32 sein Ziel termingerecht erreichte,33 eine unliebsame Überraschung: «Die Reise
nach Bremen war dadurch ausgezeichnet, dass ich die verschiedensten Dinge aus meinen
Rocktaschen verlor, die man nicht ver|70lieren sollte, z. B.
einen zärtlich geliebten Tabaksbeutel mit Reißverschluss und eine weniger zärtlich geliebte
Broschüre von
Das Echo auf
3. Hamburg , 14. Februar 1931
Barths Darlegungen müssen die Zuhörer auch hier bewegt und zum Teil provoziert
haben.
Der Vortrag wurde in ZZ 9 (1931), S. 89–122
Ein Manuskript des Vortragstextes ist nicht erhalten. Eine
maschinenschriftliche Fassung des dann abgedruckten Textes (KBA 10019; 46 Seiten, 2-zeilig,
sowie eine Seite mit Fußnotentext) weist gelegentlich maschinenschriftliche Zusätze und
handschriftliche Änderungen und Eintragungen auf. Sie werden hier ausgewiesen, wobei die zum
ursprünglichen Typoskript hinzugefügten Passagen im Text durch ˹ ˺ markiert werden. Vom
Nachwort existiert auch eine sechsseitige handschriftliche erste Fassung, die nach Barths
Diktat noch vom Kranken|73bett aus von
Die Not der evangelischen Kirche
und in
Die Not der evangelischen Kirche, von der hier gesprochen werden soll, ist eine doppelte. – Es gibt eine Not,
die liegt schlechterdings im Wesen dessen, was evangelische Kirche heißt. Sie ist ihr also unveräußerlich. Wer
sie nicht sieht, der sieht auch die evangelische Kirche nicht. Wer sie vermeiden oder umgehen
will, der trennt sich von der evangelischen Kirche oder er arbeitet an ihrer Zerstörung. Denn
genau hier – nicht anderswo, nicht neben, nicht hinter, nicht über, sondern in dieser Not
wohnt die Verheißung, der Segen, die Herrlichkeit |74 der
evangelischen Kirche. Ehrerbietig,
dankbar, freudig, gehorsam Ja sagen zu dieser Kirche, sein Getauftsein in diese Kirche hinein
erkennen und anerkennen, heißt Ja sagen zu dieser ihrer Not, Mitbetroffensein von ihr,
Mitleiden und Mittragen an ihr. Nichts sonst? Nein – es dürfte gerade heute wieder einmal an
der Zeit sein, daran zu erinnern, dass die Pforte schmal ist [vgl.
I.
Dies ist unauslöschlich bezeichnend für das Wesen der evangelischen Kirche: dass sie die Kirche unter dem Kreuz ist. Ein bestimmter Teil von ihr ist einst im Besonderen so genannt worden.53 Aber der Name |76 gehört wie kein anderer der ganzen evangelischen Kirche. Wo sie nicht Kirche unter dem Kreuz ist, da ist sie nicht evangelische Kirche. Wo sie das nur teilweise sein will und daneben doch auch noch etwas Anderes, da ist sie nicht evangelische Kirche. Sie ist, was sie ist, entweder ganz oder gar nicht. Ihre Existenz ist entweder Bekenntnis oder Verleugnung dieses ihres Wesens. Tertium non datur.
Die evangelische Kirche ist nicht zufolge von irgend Jemandes Einsicht oder Erlebnis durch
irgend Jemandes Willensentschluss gegründet worden. Sondern die evangelische Kirche war eines
Tages da, als Irgendwelche – ihr Name und ihre Persönlichkeiten tun nichts zur Sache –
ausgestoßen und verurteilt von der einen Kirche, die damals war, zu ihrem Entsetzen
erkannten, dass mit ihnen gerade die Wirklichkeit von jener Kirche ausgestoßen und verurteilt
war, die sie selbstverständlich für den Grund und die Wahrheit und das Heiligtum der Kirche
gehalten hatten, dass also auf Grund jenes Urteils nach Gottes Zulassung, Willen und
Ratschluss die Kirche selbst jetzt außerhalb der Kirche war. Es war ein Vorgang ganz
entsprechend dem, wie einst der Apostel
Die evangelische Kirche b-wurde und ist-b also
konstituiert durch die Erkenntnis des Draußenseins des gekreuzigten Christus. Beides, sein
Gekreuzigtsein und sein Draußensein, hatte für die Reformatoren ebenso wie einst für
Der gekreuzigte Christus ist der Gott, der sich in die tiefste Tiefe des Menschseins, der
sich in den Tod des von der menschlichen Gesellschaft endgültig ausgestoßenen Verbrechers
hinein erniedrigt hat. Dieses Opfer bringt Gott, um wirklich mit allen seinen Gütern und
Gaben unser Gott zu sein. Er verhüllt sich ganz, um uns ganz kenntlich zu werden, um uns ganz
zu gehören. So
ist er zu erkennen, so ist er zu haben. Dass er so zu erkennen und zu haben ist, dass es je und je Menschen gibt, die ihn
so erkennen und haben, dass es also Kirche gibt, das ist die unbegreifliche Kraft seiner
Gottheit, seiner Auferstehung von den Toten, seines
heiligen Geistes. Aber eben in seiner Gottheit, als der
Auferstandene, als der Herr, der der Geist ist [vgl.
Aber eben dieses «Draußen» hatte nun für die, die sich so eines Tages mit ihm draußen sahen, noch eine entscheidendere Bedeutung als diese sozusagen geschichtliche. Sie sahen den gekreuzigten Christus gegenüber, abseits von jeder Kirche, sofern sie sich angesichts seiner sagen mussten, dass jede Kirche unter allen Umständen in allen ihren Lebensäußerungen eine Kirche von Sündern, d. h. von Übertretern und Feinden Gottes ist. Das Gericht, unter dem sie die alte Kirche plötzlich stehen sahen, war zuerst und vor allem über sie selbst ergangen. Sie hatten sich selbst als die erkannt, die Gott eben nur in jener Barmherzigkeit und Selbsterniedrigung aufsuchen konnte, als |79 dem Tode verfallene Räuber an seiner Ehre, als solche, die Christus gekreuzigt haben. Und sie hatten das Heil, das sie in diesem Gekreuzigten fanden, erkannt als ein solches, das wirklich «aus Gnad und lauter Güte» hergekommen,54 ganz und gar nur hergekommen, in keiner Weise auch hergeholt ist vom Menschen und das nur darin und so das Heil ist für den Menschen, 94 dass es immer wieder herkommt zu ihm. Es kann angesichts des gekreuzigten Christus nicht in Betracht kommen irgend ein Greifen des Menschen nach seinem Heil, aber auch nicht irgend ein Übergehen seines Heils in sein eigenes Besitzen und Verfügen. Es kann nur herkommen zum Menschen, so gewiss es Gottes Gut und Gerechtsame und Wohltat ist und so gewiss der Mensch sich angesichts des gekreuzigten Christus immer aufs Neue auch auf den höchsten ihm erreichbaren Stufen als den erkennen muss, der Gott verworfen und damit den Anspruch und die Organe für das Heil verloren hat. ˹Es kann nur in der Vergebung bestehen.˺ Es ist vom Menschen aus nur das möglich, was eben durch das tatsächliche Herkommen des Heils aus Gnad und lauter Güte, ˹durch die Vergebung der Sünde˺ je und je in Menschen wirklich, unbegreiflich und unableitbar wirklich ist: der Glaube. Der Glaube ist die nur als Wirklichkeit (in keiner Weise als Möglichkeit) verständlich zu machende menschliche Anerkennung: es ist das Heil uns kommen her! ˹mir sind meine Sünden vergeben!˺, die Anerkennung der schlechterdings in Jesus Christus und nicht sonst für uns vorhandenen und wirksamen Wahrheit und Wohltat Gottes, vollzogen unter Leugnung jeder Gegenseitigkeit und jeder Kontinuität zwischen göttlichem und menschlichem Tun. So wurde hier der gekreuzigte Christus erkannt: als der freie Herr, nicht als das immanente Prinzip seiner Kirche, als das wirklich himmlische Haupt seines wirklich irdischen Leibes. So sahen sich die Reformatoren damals mit dem gekreuzigten Christus draußen gegenüberd der alten Kirche. Sie waren es mit Dem, der draußen ist gegenüber jeder Kirche, der gerade von seiner wahren Kirche als der von draußen zu uns als zu seinen Feinden Kommende zu glau|80ben, nicht aber und in keinem Sinn in der Kirche selbst als ein höheres Stück ihrer eigenen Wirklichkeit vorhanden und wirksam, anzuschauen und zu ergreifen, zu verwalten und zu genießen ist. So wanderte damals mit ihrem Heiligtum die Kirche selbst aus aus der Kirche, nicht zum ersten und vielleicht auch nicht zum letztenmal: so, dass sie da draußen, wo sie nun neu sich bildete, in keiner Weise eine neue Form der alten, der gewesenen Kirche, werden konnte. Sie musste als Kirche des gekreuzigten Christus die Kirche der Sünder, die Kirche ˹der Vergebung,˺ des Glaubens und der Hoffnung werden. Sie konnte und durfte dem Menschen in seiner Beziehung zu Gott außer Christus selbst und dem, was ihm von ihm her zukommt, nichts übrig lassen. Sie konnte und durfte nichts wissen von einer Offenbarung, die 95 etwas Anderes wäre als die freie gegenwärtige göttliche Tat der Offenbarung, nichts wissen von einer Gnade, die ein dem Menschen mitgeteiltes Etwas und nicht der freie Gott selber ist, nichts wissen von einem Glauben, der nicht die unbegreifliche, gegenwärtige Wirklichkeit des Gehorsams und der Liebe zu diesem freien Gott ist. Sie hat das Alles nicht so erfunden, ausgedacht und gewollt. Sondern für sie war es eben so. Zu dieser Konzentration und zu diesen unerhört einschneidenden Negationen nach allen Seiten war sie gezwungen als die unter das Kreuz gestellte Kirche.
Muss nun noch ausdrücklich und besonders von der Not der evangelischen Kirche geredet werden? Als Kirche in Not ist sie offenbar als Kirche unter dem Kreuz ˹schon˺ ins Dasein getreten. Suchen wir immerhin uns an einigen Punkten kurz anschaulich zu machen, was das bedeutet:
Evangelische Kirche muss wissen, dass es in jedem Augenblick in jeder Beziehung ihrer Entscheidung entnommen und der Entscheidung Gottes anheimgegeben ist, ob sie wirkliche Kirche ist, d. h. ob in ihrem Sein und Tun im Einzelnen und im Ganzen Begegnung und Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch und die dementsprechend geordnete Begegnung und Gemeinschaft zwischen Mensch und Mensch, ob also «communio sanctorum» in dem doppelten Sinn dieses Begriffs stattfindet oder nicht stattfindet. Sie muss, soviel an ihr liegt, verharren bei dem erniedrigten Christus. Sie hat ihn in sich selbst zu verklären, sie hat auf das Wunder der Ostern keinen Anspruch und keinen Griff. Dieses Wunder kann in ihr nur je und je Ereignis sein. Sie |81 kann sich selbst nur je und je glauben, ˹sie solle aber auch sich selbst je und je glauben˺ als die Stätte, wo Gott seine Herrlichkeit sichtbar offenbaren kann und will, d. h. aber sie kann nur darauf, ˹sie soll aber auch darauf ˺ ihre Zuversicht setzen, dass Gott sie je und je zur sichtbar wirklichen Kirche machen werde. ˹Sie ist Kirche, indem sie gehorcht, und sie gehorcht, indem sie glaubt, und sie glaubt, indem sie der unverdienten, freien, göttlichen Erwählung recht gibt, im Vornherein, auch für den Fall, dass Gott sie verwerfen würde.˺
Evangelische Kirche kann grundsätzlich nur Gott dienen. Gewiss am Menschen, aber darum nicht dem Menschen! Also vor allem auch nicht sich selbst. Sie hat in abstracto keine menschlichen Belange, keine menschlichen Ziele. Sie kann nicht Geltung, Einfluss, materielle oder geistige Macht an sich und für sich, sie kann das alles nur im Hinblick auf ihren Dienst und unter dem Vorbehalt der 96 ihrer Entscheidung entnommenen Offenbarung Gottes selbst haben wollen. Im selben Sinn gehen sie aber auch die menschlichen Belange überhaupt, von den niedrigsten bis zu den höchsten, als solche nichts an. Sie kann nicht schielen: mit dem einen Auge auf Gott, mit dem anderen auf irgendwelche menschliche Notwendigkeiten und Hochziele. Sie ist durchaus nicht in der Lage, diese mit jenem zusammenzusehen. Wie sollte sie auch? Sie kennt den Menschen auf der ganzen Linie als den, der Christus gekreuzigt hat und der nicht von seinem Reichtum, sondern von Gottes Barmherzigkeit lebt, nicht von dem, was ihm eigen und innerlich ist, sondern von dem, was äußerlich und fremd zu ihm kommt˹, nicht von seinen Taten, sondern davon, dass ihm seine Taten vergeben sind˺. Sie kann also nicht wollen, was dieser Mensch will, und wenn es das Beste und Edelste wäre. Sie kann Gott nicht in den Dienst des Menschen stellen. Sie kann dem Menschen nur tatsächlich dienen, ˹und so soll sie ihm dienen:˺ damitf, dass sie dem Versagen und Zerbrechen seines Willens den unendlichen Trost und aller Sicherheit und Endgültigkeit seines Willens die unendliche Beunruhigung durch den Willen Gottes verkündigt.
82 Evangelische Kirche kann aber auch Gott nur dienen wollen. Sie ist nicht das Reich Gottes. Sie ist nicht die Fortsetzung, Vergegenwärtigung, Verleiblichung, Versichtbarung der in Christus geschehenen Offenbarung und Versöhnung. Sie hat das Opfer Christi nicht zu wiederholen.55 Sie hat Christus in keiner Weise auf den Plan zu führen, darzustellen und wirksam zu machen. Sie hat das Heil weder mitzuteilen, noch fortzupflanzen, noch auszubreiten. Nicht als ob sie dieses ganze Geschehen leugnete, sie glaubt es vielmehr, sie leugnet aber, dass es in irgend einem Sinn ihr zuzuschreiben, von ihr zu vollziehen sei. Sie glaubt es als Gottes Werk. Und diesem Werke Gottes will sie dienen, mit dem ganzen Eifer, mit dem einer arbeitet, der dienen muss und will, aber auch mit der ganzen Zurückhaltung, mit der einer arbeitet, der in keinem Sinn Meister, sondern ganz und gar nur Handlanger ist, der weiß, dass er die Sache nicht machen, sondern nur verderben könnte. Sie kann mit ihrem Tun immer nur vortreten ˹– sie muss je und je vortreten mit ihrem Tun, wehe ihr, wenn sie es unterließe – aber nur˺ um alsbald wieder zurückzutreten, damit das Eigentliche, das geschehen muss, von Gott getan werde.
Evangelische Kirche kann ihre sichtbare Einheit grundsätzlich nur suchen, aber niemals gefunden zu haben meinen. Gott
97 schafft und offenbart zu allen Zeiten und an allen Orten ihre sichtbare
Einheit, wann und wo es ihm gefällt. Was die Kirche selbst tun kann, wird Weg und Wanderung
sein nach diesem Ziel, nicht mehr, nicht eigenmächtiges Bewirken und Behaupten ihrer
sichtbaren Einheit. ˹ Die Aufrichtung von Zeichen ist ihre Aufgabe.˺ Sie wird ˹aber˺ über die
Aufrichtung von Zeichen nach keiner Seite hinausgehen. Zeichen ist ihre Verkündigung, Zeichen ihre Anbetung, Zeichen ihr Sakrament, Zeichen
das Zeugnis des Lebens ihrer Glieder sowohl wie das Zeugnis, das sie als Kirche der
Gesellschaft gegenüber ablegt in dem, was man g-ihre innere und äußere
Mission-g nennt. Zeichen
ist sowohl ihre rechtliche Organisation wie ihr theologisches Bekenntnis. Angenommen ˹z. B.˺, es gelänge in ferner Zukunft in der Richtung über
Evangelische Kirche weiß: Das, wovon sie lebt (wenn sie lebt!) und was
sie anzubieten hat (wenn sie etwas anzubieten hat!), ist Gottes Verheißung. Gottes in Christus erfüllte,
d. h. aber vollständig und endgültig gewordene, abschließend ausgesprochene Zusage. Gott ha|84ben heißt für uns in der Zeit und nicht in der Ewigkeit lebende
Menschen: seine Zusage haben und durch sie in 98 Anspruch genommen sein.
˹Diese Zusage ist der Besitz der evangelischen Kirche. Von ihr zeugt sie
und muss sie zeugen.˺ Das Zugesagte selbst, den Frieden Gottes, der höher
ist als alle Vernunft [
Ich breche ab. Dass eine Kirche, die so dran ist, eine Kirche in Not ist, brauche ich wohl
nicht besonders zu beweisen. Wer hier sehen und hören kann und sich sagen muss: dies ist meine Kirche, der steht schon mitten in dieser Not und vor der Entscheidung, die das für ihn bedeutet. Wenn er es nicht
wissen sollte, dass wir Kirche in Not sind, so mag er es sich von den Katholiken sagen
lassen, die uns von Anfang an bis auf diesen Tag, wenn sie freundlich mit uns redeten,
ungefähr in jedem Satz zu verstehen gaben und immer wieder zu verstehen geben: «Ihr seid
arme, geschlagene Leute in einer unmöglichen Situation. In einer solchen Kirche würden wir es
eben nicht aushalten. Wir danken Gott |85 dafür, dass wir eine ganz
andere, von solcher Not in allen Punkten freie Kirche haben, dieselbe alte Kirche, die jene
unruhigen Geister vor vierhundert Jahren zu Unrecht verlassen haben und in der euren Frieden
zu suchen und sicher zu finden wir euch herzlich einladen!» – Was fehlt der evangelischen
Kirche? Ihr fehlt offenbar in jeder Hinsicht das greif99bar lösende Wort,
die kontinuierliche göttliche Autorität, die von der Verheißung unterschiedene erfüllende
Wirklichkeit, das abschließende Wissen, die eindeutige Weisung, die direkt überzeugende
Herrlichkeit. Philosophisch gesprochen: ihr fehlt die Synthese. Dort, wo
die Synthese kommen müsste, steht die evangelische Kirche in
allen Punkten mit leeren Händen da,58
auf Gott selbst verwiesen und verweisend, und Gott selbst ist Christus in der Niedrigkeit,
der uns in dieser Niedrigkeit festhält und gerade da und so in seiner Höhe mächtig ist,
gesucht und gefunden werden will, Christus der Herr, der immer draußen steht und anklopft
[vgl.
II.
So müsste die evangelische Kirche nach dem Gesagten existieren: als ein Ort mitten in der menschlichen Gesellschaft, ja sagen wir noch deutlicher: als eine menschliche Gesellschaft mitten unter und neben allen anderen menschlichen Gesellschaften, eine Gesellschaft, deren besondere Tätigkeit darin bestünde, dieser Situation, nämlich der Konfrontierung des Menschen mit dem gekreuzigten Christus als dem schlechthin ausschließlichen Gesetz und Urheber seines Heils standzuhalten, der übrigen Gesellschaft oder allen übrigen Gesellschaften gegenüber das, aber nichts sonst sein und bedeuten zu wollen: ein Zeichen, ein in anspruchslosem Gehorsam abgelegtes Zeugnis von dieser Situation. Wo und wenn und sofern die evangelische Kirche so existiert, hat es keine Not. Es hat also keine Not um ihre Existenz, wo und wenn und sofern ihr Existieren ein Anerkennen und Aufsichnehmen der Not ihres Wesens ist.
88 Die Not ihrer Existenz, jene zweite, ungute, nicht notwendige und nicht heilvolle Not der
evangelischen Kirche tritt aber ein, wo und wenn und sofern sie sich faktisch des Evangeliums schämt [vgl.
˹Bevor ich darauf eintrete, möchte ich nochmals daran erinnern, dass ich hier, wo es sich
um die Feststellung und Beurteilung geschichtlicher Tatsachen handelt, nicht mit demselben
Anspruch auf Allgemeingültigkeit reden kann wie vorhin. Ein Einzelner sieht, was ihm vor
Augen ist [vgl.
Es handelt sich auf der einen Seite um die Flucht vor der
Sichtbarkeit der Kirche. –
Indem sie existiert, istl sie ja
notwendig sichtbar, ist sie vorhanden als eine bestimmte Gemeinschaft mit einer bestimmten
|89 geschichtlichen Überlieferung und Prägung, mit einer bestimmten
(buchstäblich bestimmten!) Organisation und mit einem bestimmten (buchstäblich bestimmten!)
Bekenntnis, mit einer bestimmten Ordnung des Drinnen- und Draußenseins, des Gebens und
Nehmens, des Redens und Hörens, der Weisung und des Sich-Richtens, mit bestimmter Arbeit,
bestimmten Zielen, bestimmten äußeren Lebensnotwendigkeiten, vor allem auch: mit je und je
bestimmten repräsentativen Personen. Die Kirche kann offenbar nicht existieren in der
wirklichen Welt, in der wirklichen Gesellschaft, wie sie es soll, sie kann nicht Zeichen und
Zeugnis sein, ohne dass sie sichtbar ist, und sie kann nicht sichtbar sein, ohne in der man102nigfachsten Weise bestimmt zu sein. Diese ihre Bestimmtheit ist aber auf der ganzen Linie
eine menschliche Bestimmtheit. Und alles Menschliche ist immer allzumenschlich,62 fragwürdig und bedenklich nach allen Kanten. Das gilt
in der Kirche nicht weniger, sondern – das empfindet auch der Fernstehende, auch der Gegner
der Kirche ganz richtig und meistens mit schärferen Augen als die nächst Beteiligten: es gilt
hier mehr als anderswo. Es braucht nicht viel Tiefsinn, um zu sehen, wie sehr hier Form und
Sache auseinanderklaffen. Man denke: die göttliche Offenbarung und die Predigt vom
soundsovielten Trinitatissonntag, die Kommunion zwischen Gott und Mensch und das Brot und der
Wein des Abendmahls, das Heil für Zeit und Ewigkeit und der Herr Pastor der nächsten
Kirchgemeinde, Gottes verborgene Weisheit und das Kollegheft oder Vortragsmanuskript des
Theologieprofessors Soundso, die Autorität des heiligen Geistes und die Autorität, mit der
die Kirche z. B. den Kanon heiliger Schrift zu bestimmen unternommen hat, Jesus in
Nein, das ist unerträglich! antworten uns Unzählige und gewiss nicht die Schlechtesten unserer Zeit- und Kirchgenossen: Nein, so lassen wir uns das Göttliche nicht vermenschlichen, das Unbedingte nicht dämonisieren, den Geist nicht verdinglichen.63 Sie alle, die hier protestieren, haben nämlich die Entdeckung gemacht, dass die Sichtbarkeit die Bestimmtheit, die Bestimmtheit die Menschlichkeit, die Menschlichkeit aber auf der ganzen Linie die Kleinheit, Torheit, Bosheit und Hässlichkeit der Kirche bedeutet. Gott aber oder das 103 Göttliche, so meinen sie zu wissen, ist groß, wahr, gut und schön. Also ist die Sichtbarkeit der Kirche als solche ein Ärgernis. Kirchliches Amt, kirchliche Ordnung und Sitte, kirchliches Bekenntnis, kirchliche Autorität gar – lauter Peinlichkeiten, auf die man mindestens innerlich nur mit einer nervösen Abwehrbewegung reagieren kann. Das Interesse an der Kirche geht nun ganz oder nahezu ganz auf in der Kritik an der Kirche. Es geht aber auch die Kritik an der Kirche ganz oder nahezu ganz auf in dem mehr oder weniger bestimmten Wunsch, sie möchte als Kirche am besten gar nicht sichtbar werden bzw. sanft einschlafen. Unsichtbare Kirche! Freie Kirche! ˹Kirche des Geistes!˺ das ist’s, was man eigentlich möchte. Kirche ohne bestimmtes Recht, |91 bestimmtes Amt, bestimmtes Bekenntnis, Kirche ohne diese störenden Menschlichkeiten! Kirche, die höchstens in gemeinsamen Gesinnungen, Stimmungen, Bestrebungen je und dann ins Dasein träte, aber ohne Bindungen, ohne Verpflichtungen, ohne andere Formen als solche, die jedermann jederzeit auch wieder abwerfen kann. Kirche, in der jedermann, ob redend oder hörend, nur den lieben Gott und sonst gar nichts über sich hat,64 Kirche, in der jedermann die Verantwortlichkeitsfrage letztlich ausschließlich mit sich selbst auszumachen hat! Kirche, in der es keine konkreten Zumutungen gibt! Diese Kirche will man, der sichtbaren Kirche widerspricht man oder man findet sich mit ihr ab, d. h. man widerspricht ihr insofern nicht, als man ihr vielleicht eine gewisse Notwendigkeit, eine erzieherische Bedeutung für Andere, z. B. für die Jugend oder für «das Volk», zuerkennt oder sofern man in ihr gelegentlich wohl auch selber einen Ausdruck, eine Darstellung jener wahren, der unsichtbaren Kirche zu erblicken oder sie dazu zu gestalten vermag. Aber man will sie nicht. Man sagt nicht Ja, sondern Nein zu ihr. Man versteht sie als ein notwendiges Übel. Man kennt und will etwas Anderes und Besseres. –
Kein Zweifel, Ungezählte, die sich irgendwie zur evangelischen Kirche bekennen, vielleicht sogar sehr bewusst und eifrig bekennen, denken und reden so. Man suche sie ja nicht nur unter den Intellektualisierten und Gleichgültigen des gebildeten Bürgertums. Man suche sie gerade unter den kirchlich Bewegten, unter den Pfarrern und Kirchenmännern selbst und nicht zuletzt auch unter den akademischen Theologen. Man suche sie gerade da, wo die Wogen des religiösen, geistigen und sittlichen Lebens der Kirche am höchsten gehen. Dann erst sieht man die Größe der Not, die hier droht und schon da ist. ˹Denn˺ was geschieht hier? Wohlverstanden, ich unter104stelle, dass man auch hier in subjektiver Ehrlichkeit zur evangelischen Kirche Ja zu sagen meint. Man sagt aber nicht Ja, sondern Nein zu ihrer Sichtbarkeit. Und damit geschieht es nun doch, dass man zum Wesen der evangelischen Kirche, zu m-ihr selbst-m, faktisch Nein sagt. Es ist |92 nicht gut, dass man sich das heute in der mannigfachsten Weise verbergen kann. Hier müsste es zu Klarheiten und zu Entscheidungen kommen. Denn das ist sicher: die Flucht vor der sichtbaren in die unsichtbare Kirche hat mit der Situation des mit dem gekreuzigten Christus konfrontierten Menschen nichts zu tun. Dieser Mensch kann diese Flucht nicht antreten. Von seiner Situation aus, wie sie für die evangelische Kirche konstitutiv ist, wüsste man erstens, dass die Aufrichtung des Zeichens und also die sichtbare Existenz der Kirche mitten in der Welt geboten und also notwendig ist, werde daraus, was da wolle. Dass die Zumutung, die Bindung und Verpflichtung, nun einmal besteht, und zwar konkret besteht, indem Gott selbst sein Heil in diese Welt hineingegeben hat. Von da aus wüsste man zweitens, dass gerade der Mensch in seiner ganzen Menschlichkeit, der geschichtliche Mensch in und mit der Problematik alles dessen, was sein Werk ist, zur Aufrichtung dieses Zeichens, zum Hören und Reden, Reden und Hören des Zeugnisses, zur Kirche aufgerufen ist, dass also alles, aber auch alles, was man gegen die Fragwürdigkeit der sichtbaren Kirche sagen kann, mit dem Wesen der Kirche selber schon gesagt ist. Was gibt es hier zu entdecken? Was zu verwundern? Sie ist die Kirche der Sünder von Hause aus. Und von da aus wüsste man drittens, dass die ganze menschliche Problematik, von der die Sichtbarkeit der Kirche in der Tat noch mehr umgeben ist als alle anderen menschlichen Sichtbarkeiten, an dem ihr gegebenen Gebot und auch an der ihr gegebenen Verheißung nichts ändern kann, dass vielmehr gerade das offene Zutagetreten ihrer Schwachheit und Anfechtbarkeit ein Präjudiz dafür ist, dass der Gott, der nun einmal in die Niedrigkeit eingegangen ist, hier gegenwärtig, hier zu verkündigen und zu hören ist. ˹Indem die Kirche die Vergebung verkündigt, stellt sie sich unter die Vergebung auch mit ihrem eigenen Sein und Tun.˺ Wer sich ärgert an dem hier aufbrechenden Gegensatz, der sehe zu, ob er sich nicht im Grunde an Christus ärgert: daran, dass es Gott gefallen hat, uns nun einmal so und nicht anders, in dieser Niedrigkeit, in dieser Verborgenheit der Synthese offenbar zu sein. Und wenn er vielleicht gerade das bestreitet und antwortet: Ganz anders als so, viel reicher, weiser, tiefer, schöner, durchaus synthetisch ist mir 105 mein Gott, der Gott der wahren unsichtbaren Kirche offenbar, dann sehe er noch einmal und nun erst recht zu, ob dieser sein Gott nicht ein ganz anderer Gott ist, mit |93 dessen Verehrung er eben den Glauben der evangelischen Kirche nicht verwechseln und vermischen sollte. Es hat ja von Anfang an einen solchen anderen Gott, ja viele solche anderen Götter gegeben, ein Pantheon des Großen, Wahren, Guten und Schönen,65 der offenkundigen Synthese ohne Niedrigkeit und konkrete Zumutung, ohne das Ärgernis des Menschlichen, Allzumenschlichen, eine erhabene Welt des Geistes˹, der Reinheit und der Liebe˺ über der Trivialität und Absurdität der menschlichen Wirklichkeit, Inseln der Seligen,n der Heiligen, der Freien und Vornehmen inmitten der Kümmerlichkeit, Bedingtheit und Dämonisiertheito des Lebens der p-viel zu Vielen-p. Dass die Tatsache dieses Geistes- und Geisterreiches vielleicht die Tatsache der furchtbarsten aller Illusionen ist, das mag hier auf sich beruhen. Ausgesprochen sei hier nur das Eine, dass die evangelische Kirche dieses herrliche Reich jedenfalls nicht ist. Evangelische Kirche steht von Haus aus in der Not, dass sie in Sichtbarkeit und also in Bestimmtheit und also in Menschlichkeit und also in keiner Weise als ein Reich der Heiligen und Freien, sondern höchst q-schwach, anfechtbar und vergebungsbedürftig-q existieren muss. Existieren muss! Wer sie nicht so haben will, der will sie gar nicht haben. Man kann sie nicht wollen, um alsbald bei der Erinnerung an Kirchenrecht und Dogma grundsätzlich bockig zu werden. Man kann nicht den Geist wollen und den Buchstaben grundsätzlich nicht wollen. Man kann nicht |94 Christus wollen und den ihn repräsentierenden Nächsten, die fatale Gemeinde seiner Gläubigen, den Pastor und das Konsistorium in ihrer Sünden offenkundiger Maienblüte,66 die menschliche Institution in ihrer ganzen Bedenklichkeit nicht wollen oder doch nicht respektieren, nicht ernst nehmen. Wo und wenn und sofern man es so meint halten zu können in der evangelischen Kirche, da ist sie in Not; denn da wird ihr Wesen verleugnet, ˹da macht man nicht ernst damit, dass ein sichtbares Tun von ihr gefordert und dass ihr Vergebung für die in ihrem sichtbaren Tun unvermeidlich mitlaufende Sünde verheißen ist. Die Kirche soll es nicht besser wissen und machen wollen als Gott in seiner wirklichen Offenbarung. Wo sie das will,˺ da weicht sie vor ihrerr notwendigen, ihrers heilvollen Not zurück, da zerstört sie sich selbst und wird reif zum Untergang. Und diese Not müsste nicht sein. Gegen sie kann und muss zur Abwehr aufgerufen werden, solange es noch Zeit ist. Abwehr würde aber 106 vor allem Einsicht bedeuten. Und der Anfang der Einsicht müsste der Mut zur Besinnung sein.
Es handelt sich auf der anderen Seite um die Flucht in die
Sichtbarkeit – nicht etwa der Kirche, gerade nicht der Kirche!, sondern ganz allgemein:
in die Sichtbarkeit. – Die Zeiten sind verschieden. Man wird von unserer Zeit wohl sagen
müssen, dass ihre größere Not auf dieser anderen Seite zu suchen ist.67
Die Reaktion gegen den vorhin geschil|95derten christlichen Idealismus mit seiner unsichtbaren Kirche ist ja heute längst auf dem Plan
und in siegreichstem Fortschreiten. Wenn ich an die fast unumstrittene Herrschaft dieses
Idealismus in meiner Studentenzeit denke und dann an die fast völlige Verständnislosigkeit,
mit der ihm die erdrückende Mehrheit der heutigen Theologiestudenten gegenübersteht, so
könnte ich wohl
Es steht heute so in der evangelischen Kirche, dass der Eifer, das Nachdenken und die Liebe
der wirklich in der Gegenwart Lebenden, der Jugend und derjenigen unter den Älteren, die die
Zeichen und den Zug der Zeit verstanden haben, gerade ihrer Sichtbarkeit
gilt. Kein Wunder: die
Erschütterungen der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten ja nichts weniger und nichts anderes
als das Dasein der evangelischen Kirche ernstlich zum Problem gemacht. Wie eine Kirche ihres
Daseins unter Umständen einfach fast restlos beraubt werden kann, ist uns gleichzeitig in
Es könnte nach allem vorhin über die entgegengesetzte Möglichkeit Gesagten durchaus recht und in der Ordnung sein, was da geschieht. Es könnte einfach ein ernsteres Erfassen der kirchlichen Aufgabe, ein nüchternes Sichbescheiden, ein gehorsames Sich-an-seinen-Ort-stellen sein, was da Ereignis ist. Die Wendung zur Sichtbarkeit könnte die schlichte Rückkehr zum Kreuze Christi und zum Glauben bedeuten. Ich wollte mich gerne davon überzeugen lassen, dass dem so ist, und wollte dann gerne mein gerade in dieser Richtung anklagendes «Quousque tandem ...?»83 zurücknehmen können. Was mich an beidem hindert, ist die Tatsache, dass eben die Rede der Kirche, aus der doch zu entnehmen ist, wie sie es meint mit dieser ihrer Wendung, nach wie vor und immer wieder so tönt, dass nach meiner Einsicht daraus zu entnehmen ist: Nun ist die evangelische Kirche erst recht in Not, ist von der Scylla weg der Charybdis in den Rachen gelaufen,84 noch einmal, nur nach der anderen Seite im Ausweichen |101 vor dem ihr durch ihr Wesen Gebotenen. – Ich möchte das, was hier zu sagen ist, in eine Reihe von Fragen zusammen109fassen, auf die ich angesichts der heutigen Zeitbewegung in der evangelischen Kirche keine Antwort finde.
1. Warum verwenden die kirchlichen Redner und Schriftsteller so kritiklos
solche Stich- und Schlagworte, die wohl für das Problem der Existenz im Allgemeinen, aber
gerade nicht für das Problem der Existenz der Kirche, der evangelischen Kirche, bezeichnend
sein können? Ist es nicht schon an sich ein ernstes Problem, dass die Wendung nach rechts
innerhalb der Kirche wieder einmal so genau zusammenfällt mit allerlei entsprechenden
Weltbewegungen derselben Zeit? Und wenn man einwenden kann, dass dies doch z. B. auch in der
Reformation der Fall gewesen sei, dürfte dann die
Sorgfalt nicht lehrreich sein, mit der sich die Reformatoren in dem, was sie sagten, von
dem, was die benachbarten Humanisten und Schwärmer auch zu sagen schienen, abzugrenzen wussten?
Wo bleibt diese Sorgfalt heute? Handelt es sich denn bei der neu zu betonenden Sichtbarkeit
der Kirche wirklich so einfach um
Geschichte, Schicksal, ˹Wirklichkeit,˺ soziologische Notwendigkeit, Gemeinschaft, ˹Gestalt,˺ Ordnung, Gegebenheit, Leibhaftigkeit und wie die
Schibboleths [vgl.
2. Charakter müsse die evangelische Kirche wieder bekommen, Öffentlichkeitswillen, Tatwillen, wird uns
gesagt.85 Schön, aber wel|102chen Charakter eigentlich? Was soll ˹denn˺ hier an die
Öffentlichkeit? Was soll hier getan werden? «Eine evangelische Kirche wird
nur, indem sie ständig von Jahr zu Jahr, von Zeit zu Zeit, von Fall zu Fall, von einem
geschichtlichen Augenblick zum anderen, von einer Situation zur anderen, zu erhorchen sucht,
wohin sie der heilige Ruf Gottes weist und an welche Arbeit er sie stellt»2), hat einer 110 unserer bekanntesten kirchlichen Führer geschrieben.86 Ich antworte: Wird sie wirklich in der jeweiligen Situation das
Rechte «erhorchen», ohne zuvor Klarheit gewonnen zu haben über die in ihrem Wesen begründete
Ausgangssituation, aus der sie in jede Zeit hineinzutreten hat, wenn sie das nämlich als
evangelische Kirche und nicht als ein Irgendetwas tun will? Ich frage: Warum kümmert man
sich offenbar nur um |103 die Existenz der Kirche als solche, um Charakter,
Öffentlichkeit, Tat der Kirche an sich und gar nicht um das Was, dessen Existenz man will?
Warum steckt so wenig oder auch gar keine rechtschaffene Theologie gerade hinter den
wuchtigsten Existenzäußerungen der heutigen evangelischen Kirche? Warum kommen, wenn einmal
etwas Theologisches sichtbar wird, alsbald – ich denke etwa an das Manifest des
3. «Die Kirche hat das Evangelium»89 pflegt man auf diese Frage nach dem Was
lapidar und sicher zu antworten. Gut, aber wäre es |104 nicht
angebracht, das etwas weniger lapidar und sicher zu sagen, wenn es wahr gesagt sein soll?
Sollte die unangefochtene Getrostheit, mit der man sich auf diesen Indikativ bezieht und
zurückbezieht, nicht ein Zeichen dafür sein, dass man nicht weiß, was man hier sagt? Was
heißt denn «haben», wenn es sich um das Evangelium von
Jesus Christus handelt? Doch wohl nicht: in der Tasche
oder in einer Scheuer und auch nicht im Kopf oder in der Tiefe seines Gemütes oder Gewissens
haben. Die evangelische Kirche macht sich viel Unruhe um die unzähligen Zeitgenossen, die
das 111 Evangelium notorisch nicht von ihr hören wollen. Sie tut recht
daran. Aber müsste sie sich nicht vor allem ganz anders dadurch beunruhigen lassen, dass sie
mit ihrer Behauptung, das Evangelium zu haben, unzähligen Zeitgenossen einfach nicht
glaubwürdig ist? Müsste sie es nicht vielleicht vor allem selbst ganz anders haben, um
gehört zu werden, so nämlich, wie man das Evangelium von Jesus Christus allein haben kann:
im Glauben und nicht im Schauen, im Gebet und nicht im Besitz, im Geist und nicht im
Fleisch, auch nicht im geistreichen, frommen und energischen Fleisch? Kann und darf die
Sichtbarkeit der Kirche unter dem Kreuz die Sichtbarkeit einer Schar in ihrer Geistlichkeit
offenbar sehr reicher, mit vollen Händen aus einem wohlgefüllten Schatz austeilender Leute
sein? Wo und wann und wie wird denn die Kirche der verlorenen, der geistlich bankrotten, der
auf Barmherzigkeit angewiesenen und von Barmherzigkeit lebenden Leute sichtbar? Hätte die
Kirche, zurückblickend auf ihre Geschichte im neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts, nicht ganz konkreten Anlass, ehrlich als solche Kirche sichtbar zu werden? Es
sind in dieser ihrer nächsten Vergangenheit verschiedene Dinge geschehen, in Erinnerung an
die sie sich doch gewiss mindestens in Verlegenheit befinden müsste.90 Eine verlegene Kirche war es nun aber sicher
nicht, die wir etwa an den
112 4.4) Wenn die Kirche wirklich das Evangelium hätte, dann
müsste dies sein: das Evangelium von der Vergebung, von der barmherzigen |106
Gegenwart Gottes eben in der rettungslosen Tiefe
menschlicher Schuld und Not, von dem von Christus vollbrachten Tragen und Hinwegtragen der Sünde der
Welt. Sichtbar werden müsste dann in der Kirche die Nicht-Zurechnung des Bösen, der radikale Unglaube an die Gottlosigkeit, die unbefangene Nicht-Anerkennung des
Aufruhrs des Menschen, auch und gerade des modernen
Menschen. Sichtbar werden müsste dann, dass sie diesen Menschen vor allem und in allem, was
sie ihm vorzuhalten hat, was sie ihm sagen und geben zu können meint, worin sie ihn anders
haben möchte, resolut, vorbehalts- und bedingungslos zu Gott rechnet. Wird nun etwa das sichtbar in der Kirche? Oder ist es nicht so, dass sie fast auf der
ganzen Linie die Sünde des Menschen tatsächlich ernster
nimmt als die Gnade Gottes, dass sie sie als
unvergebene, statt als vergebene Sünde betrachtet und behandelt, dass sie in Wort und
Haltung an Stelle der freien, an Unwürdige ergehenden Verheißung Ideale verkündigt, deren
Erfüllung oder doch Nacheiferung uns des Friedens mit Gott erst würdig machen soll? Weiß sie
überhaupt noch, dass das zweierlei ist: «All Sünd hast du getragen»95 und: die
Aufmunterung zum Kampf um religiöse Erneuerung, sittliche Reinheit, persönliche Freiheit,
völkische oder soziale Gemeinschaft? Ist ihre Verkündigung nicht gerade da, wo sie sich am
eindringlichsten und ausdrücklichsten an die ihr scheinbar entgleitende Welt, an die
Gebildeten, an die Arbeiter, an die Jugend wendet, kaum oder auch gar nicht verhüllte Gesetzespredigt? Und zwar nicht etwa Predigt des Gesetzes
Gottes, sondern eines sehr menschlichen Gesetzes, gar nicht verschieden von dem, das
5. Wird nun die Frage nach dem Wesen der Kirche nicht gestellt, sollen
und wollen wir uns heute in frisch-fröhlicher Praxis nur noch mit ihrer Existenz als solcher
beschäftigen, mit dem Geschirr und nicht mit der Suppe, wie mir ein in seiner Art sehr
tüchtiger Pfarrer wörtlich zu sagen wagte,97 ist es dann zu vermeiden, kann es dann anders sein,
als dass die Lebensfrage der Kirche zu einer Machtfrage, die Konkurrenz mit der römischen
Kirche, für die die Machtfrage allerdings bezeichnend ist, zum entscheidenden Interesse
wird? Man hat gegen die Vorhaltung, dass es der evangelischen Kirche in ihren |108 heute charakteristischen Bestrebungen um ihre eigene Macht gehe,
protestiert mit der klassischen Formel: «Sie will nicht Macht haben, sondern sie will eine
lebendige Potenz sein!»5). Nach welchem Latein mag das zweierlei sein? Auch mit dem schönen
Wort «Lebensraum» hat man dieselbe Sache schon zu umschreiben versucht.98 Ist die
Lage nicht wirklich einfach? Will die Kirche einerseits Macht oder also Potenz oder also
Lebensraum haben, will sie aber andererseits nach dem Was und Wozu nicht weiter gefragt
sein, hält sie das von ihrem Wesen aus sich erhebende Problem für eine den Theoretikern zu
überlassende cura posterior oder für erledigt durch die Tatsache, dass sie ja das Evangelium habe, dann will sie eben die Macht oder die Potenz
oder den Lebensraum an sich und als solche, die Sicherung gegenüber dem Staat, den Einfluss auf die Gesellschaft, die Schule und die
Sitte, die Aufmerksamkeit und die Gefolgschaft der Masse, alles an sich und als solches. Und
nun ist Macht zwar an sich weder gut noch böse. Nur das sollte klar sein, dass die Kirche
unter dem Kreuz, die Kirche der Verheißung und
des Glaubens Macht an sich, Macht auf den anderen Tag sozusagen, Macht zu irgend einer noch
zu bestimmenden Verwendung nicht wollen und begehren kann. Nicht nur innerlich, sondern
gerade auch 114 äußerlich kommt nur eine ganz bestimmte Macht für sie als
begehrenswert in Frage, nur eine bestimmte Art also von Öffentlichkeitswillen, Tatwillen,
Organisationswillen, Arbeitswillen. Fehlt diese Bestimmtheit, will man die Frage nach ihr
ins stille Kämmerlein [vgl.
6. Hält man es für praktischer, dies nicht zu tun, wie soll es dann
schließlich zu vermeiden sein, dass die versäumte Frage nach dem Inhalt, nach dem Was, nach
dem Wesen der sichtbaren Kirche sich automatisch anderweitig beantwortet; wenn nun fremde
Namen und Größen sich dort breit machen, wo nur ein Name und eine Größe wohnen dürften: im
Zentrum des kirchlichen Lebens, um dessen Ausstrahlungen und Auswirkungen man heute so
bemüht ist. ˹Täuschen wir uns nicht: dieses Fremde ist mit großer Gewalt und mit großer
Selbstverständlichkeit auf dem Plan. Ich bin mir bewusst, etwas sehr Hartes auszusprechen,
aber es kann nicht unterdrückt werden:˺ x-Nach meiner Kenntnis und
Einsicht ist-x das, was in der durchschnittlichen
Predigt unserer Kirche als Evangelium verkündigt wird,
trotz aller Anrufungen der Bibel und trotz alles
Lutherpathos eine mit et|110was Moral versetzte Mystik oder eine mit etwas Mystik versetzte Moral und nicht
das Wort vom Kreuz [vgl.
Das in diesen sechsac Fragen Bezeichnete ist es, was ich unter der Flucht in die Sichtbarkeit verstehe. Und was von der von uns geforderten Bejahung der sichtbaren Kirche eben wahrlich ein ganz Verschiedenes ist! Kann man diesen Vorgang anders verstehen, denn als ein neues Ausweichen vor der wesenhaften Not der evangelischen Kirche? Erfolgt nicht auch diese Flucht in die Sichtbarkeit von ganz anders woher als aus der Situation des mit dem gekreuzigten Christus konfrontierten Menschen? Wie die Kirche nicht unsichtbar bleiben kann, so kann sie so nicht sichtbar werden, kann sie mit dem Willen zu dieser Sichtbarkeit nur ihren eigenen Untergang vorbereiten.
117 Es ist mir Ernst, wenn ich eben zum zweiten Mal das Wort «Untergang» gebraucht habe. Eine Kirche, die nicht existieren will, und eine Kirche, die nicht ihrem Wesen entsprechend existieren will, ist vom Untergang bedroht. Vom inneren Untergang sicher und vom äußeren früher oder später ebenfalls sicher, so zäh sie inzwischen als geschichtliches Gebilde weiterleben mag. Noch scheint es, dass wir zur Besinnung Zeit haben, aber zur Besinnung ist es doch wohl immer höchste Zeit. Und darum dürfte es an der Zeit sein, die Dinge beim Namen zu nennen. Wer heute die Kirche lieb hat, der muss es ihr ruhig |114 aber laut und immer wieder zu verstehen geben: So nicht weiter, weder zur Linken noch zur Rechten!
Acht Tage nach meinem Berliner Vortrag hielt dort D. Dr.
1. D. Dibelius stellt unseren Gegensatz durchgehend so dar, als ob er als
Vertreter der Kirche, d. h. der christlichen Praxis und Liebe, mich als Vertreter der
Theologie, d. h. einer christlichen Theorie, in die nötigen Schranken zu weisen habe.107 Das ist eine Ent118gegenstellung, die nach meiner Einsicht jede ernsthafte
Unterhaltung unmöglich macht. Praxis und Theorie, Kirche und Theologie, Liebe und
Erkenntnis, lassen sich nicht in dieser Abstraktion af-auseinanderhalten und gegenüberstellen-af. Ich stehe nicht
dort, wo D. Dibelius mich stehen sieht, und ich
kann auch nicht zugeben, dass er selber wirklich dort steht, wo er mir gegenüber zu stehen
vorgibt. Ist das Amt des theologischen Lehrers etwa nicht genau in demselben strengen Sinn
kirchliches Amt wie das des Kirchenführers? Und muss der Kirchenführer nicht genau in
demselben strengen Sinn Theologe sein wie der Professor? Ist es nicht wahrlich auch Theorie,
was D. Dibelius treibt, wenn er
2. Es sind Darlegungen über das eigentümliche oder auch vikarierende
Handeln und insofern über das Sichtbarsein der Kirche, der heutigen deutschen Kirche
insbesondere, die den substanziellsten Teil des Vortrags von D. Dibelius (S. 10–27) bilden.
Es steht vieles auf diesen Seiten, bei dem ich geschichtlich oder sachlich oder (und vor
allem!) sprachlich nur schwer oder gar nicht mitgehen kann. Aber es scheint mir keinen Sinn
zu haben, dass über einzelne Fragen aus diesem Gebiet zwischen D. Dibelius und mir auch nur ein Wort gewechselt wird. Denn
wie es auch mit dem inneren und äußeren Recht seiner einzelnen Sätze in diesem Zusammenhang
stehen mag, – ich kann kein Verhältnis zu seinem Ganzen finden. Zieht nicht dieser ganze
Hauptteil seines Vortrags an meinem Vortrag, auf den er doch antworten will, vorbei wie der
Zug des wilden Jägers110 an einem einsamen Weg|117weiser im Waldgebirge: begeistert behauptend, was ich nicht nur
nicht bestritten, sondern wie jeder119mann nachlesen kann, selber
behauptet hatte: das Gefordertsein der sichtbaren Existenz der Kirche – und ebenso
begeistert ignorierend, was ich zur Diskussion stellen wollte: die Frage nach dem Verhältnis
von Wesen und Existenz, von Sein und Handeln,
also die Frage nach dem rechten legitimen Existieren und Handeln der Kirche, die Frage: Was
heißt denn Evangelium? Was heißt denn Helfen? Worin
besteht denn die von uns geforderte und erwartete Barmherzigkeit? Wofür soll denn gearbeitet und gekämpft werden? Ist denn das alles
von der Bibel oder ist es von der Welt aus gesehen so klar, dass alles Fragen hier als ein
verwerfliches Zaudern und Nörgeln abzuweisen wäre? So scheint es D.
118 3. Ich hatte (vgl. oben, S. 109 [hier S. 101]) die Frage gestellt, warum die Sprecher der kirchlichen Führung dauernd von dem allgemeinen Formproblem statt von dem konkreten Problem der Sichtbarkeit der Kirche redeten. Was bekomme ich für eine Antwort? «Niemand, der die Geschichte kennt, kann nur einen Augenblick leugnen, daß die großen geistigen Bewegungen der Zeit durch die Kirche hindurchfluten und daß alle großen Wandlungen innerhalb der Kirche mit diesen Gesamtbewegungen zusammenhängen. Wer aber will uns verbieten, den Wirklichkeiten des lebendigen Gottes offen und unbefangen ins Auge zu sehen?» Die «inneren Bewegungen» der Kirche «restlos» (!) unter den Kategorien der Kulturgeschichte zu begreifen, dem seien die führenden Männer der Kirche «mit dem größten Ernste» abgeneigt (S. 28112). – Ist damit nun irgend etwas zu meiner Frage gesagt? Ich kann es nicht finden.
4. Ich hatte (vgl. oben, S. 109f. [hier
S. 101–103]) u. a. anknüpfend an die Parole 120 vom
«Öffentlichkeitswillen» der Kirche gefragt:
Was denn die Kirche öffentlich werden lassen wolle? Die mir gewordene
Antwort lautet: «Was den Willen zur Öffentlichkeit anlangt, so ergibt er sich aus der
Verantwortung der Kirche für die Verkündigung des Evangeliums mit unentrinnbarer
Notwendigkeit. Wenn jemand Willen zur Öffentlichkeit gehabt und diesen Willen in seinem
Schrifttum betätigt hat, dann ist es
5. Ich hatte (vgl. oben, S. 110f. [hier
S. 103–105]) gefragt, ob die Kirche das Evangelium denn
etwa anders haben und verkündigen könne als in der Buße? Mir aber wird geantwortet: Darüber könne ein grundsätzlicher Streit nicht
sein, doch gehöre die Buße «in das Kämmerlein vor Gott».114 Wie
«zermürbt und zerschlagen an Leib und Seele» auch die kirchlichen Führer oft von Synode und
Kirchentag nach Hause zurückkehrten,115 was sie
in tiefster Seele zu leiden hätten usw., davon hätten wir Anderen keine Ahnung. «Vor die
Augen der Welt aber gehört etwas ganz Anderes», nämlich etwas ganz Anderes als die
Buße!116 – Ich kann auch hier nur die große
Hoffnungslosigkeit der Diskussionslage konstatieren. Habe ich mich denn auch nur mit einem
Wort für irgend Jemandes Seelenzustände bei seiner Rückkehr von Synode und Kirchentag
interessiert? Diese Schleuse kann und soll wirklich geschlossen bleiben! Man darf und muss
aber fragen, ob die Sprache der Kirche (welches auch immer die seelische Verfassung der
Sprechenden sein möge) die Sprache des Glaubens und also die Sprache der Buße ist, in der
das Evangelium verkündigt werden kann. Oder ob sie nicht vielmehr in ihren
allgemeinsten und gewichtigsten Äußerungen die ganz andere Sprache eines verhärteten
Laodicenertums ist: «Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts!» [
6. Ich hatte gefragt (vgl. oben, S. 113f. [hier
S. 107–109]), ob der Wille zur Sichtbarkeit der Kirche ohne die kritische Rückfrage nach dem
Wesen der Kirche nicht notwendig gegenstands- und sinnloser Machtwille werden müsse. D.
7. Ich hatte gefragt (vgl. oben, S. 114f. [hier
109–111]), ob jener unkritische Wille zur Sichtbarkeit der Kirche nicht notwendig zum
Einströmen fremder Gottheiten und Religionen führen müsse und hatte beispielsweise auf die
allzu geläufige Kombination «deutsch-evangelisch» hingewiesen. Das Entscheidende, was mir
darauf geantwortet wird, besteht (S. 30f.) in der Eröffnung, dass ich als Schweizer «das, was da in deutschen Herzen
vorgeht, nicht in der Tiefe mitempfinden kann». «Über uns steht
8. Der Vortrag von D.