12. Dezember 1930

Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger Kirchentages zur Kirchenfrage

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RANDBEMERKUNGEN ZUR ERKLÄRUNG DES NÜRNBERGER
KIRCHENTAGES ZUR KIRCHENFRAGE

1930

Am 12. Dezember 1930 sprach Walther Wolff1, Präses der rheinischen Provinzialsynode, in Bonn zum Thema «Die Kirchenfrage nach der Nürnberger Erklärung». Der Vortrag war in Absprache mit der Bonner Evangelisch-Theologischen Fakultät zustande gekommen und fand vor dem Lehrkörper und der Studentenschaft in Barths Hörsaal statt. Wolff erläuterte die am 30. Juni 1930 verabschiedete manifestartige «Kundgebung des Deutschen Evangelischen Kirchentages zu Nürnberg», die als offizielle kirchliche Verlautbarung anlässlich der 400-Jahrfeier des Augsburger Bekenntnisses anzusehen war.2 Er hatte auf dem Kirchentag in Nürnberg einen vielbeachteten programmatischen Vortrag über «Recht und Kraft der deutschen Reformation zur Kirchenbildung» gehalten und dem Ausschuss angehört, der die «Kundgebung» des Kirchentages zu formulieren hatte.3 Beide Texte sind charakteristisch für die kirchliche Selbstvergewisserung des Protestantismus der Weimarer Republik, mit der sich Barth wenige Monate zuvor unter direkter Bezugnahme auf Wolff schon in Quousque tandem…?4 auseinandergesetzt hatte.

53 Barth kannte beide Texte. Die von ihm benutzte Broschüre trägt auf der Titelseite den gestempelten Widmungsvermerk: «Ergebenst überreicht vom Verfasser», was den Schluss zulässt, dass sie ihm (wie wohl auch den anderen Mitgliedern der Fakultät) von Präses Wolff zugeleitet worden war. Insbesondere die von Wolff erläuterte «Kundgebung» hat Barth mit zahlreichen Anstreichungen und Ergänzungen versehen. Vermutlich dienten sie seiner Vorbereitung auf Wolffs Vortrag5 und die sich anschließende Diskussion, jedoch sind einige Notizen erkennbar erst eine Reaktion auf diesen Vortrag, müssen also währenddessen niedergeschrieben worden sein.

Barth ergriff als erster Diskussionsredner das Wort. Es schloss sich eine erregte Debatte an. Rückblickend schrieb er an Karl ­Stoevesandt: «Von den neuen Menschen und Dingen in Bonn wäre viel zu erzählen und auch wieder nicht viel, weil es ja doch mit kleinen Veränderungen [...] überall dasselbe ist. Ein heftiger öffentlicher Zusammenprall mit dem großmächtigen Präses D. Wolff, den ich unlängst hatte, würde Sie auch bewegt haben.»6 Im gleichen Zusammenhang sprach Barth von seinen Vorbereitungen auf den Vortrag «Die Not der evangelischen Kirche»7.

Von Barths Diskussionsvotum existiert eine protokollartige Wiedergabe, bestehend aus drei engzeilig beschriebenen Blättern in Maschinenschrift. Sie geht auf das Stenogramm eines – unbekannten – Studenten zurück und ist dann von Charlotte von Kirschbaum abgeschrieben worden.8

Offensichtlich dienten Barths Zusätze zum Text der «Kundgebung» unmittelbar als Konzept für seinen Redebeitrag. Aus diesem Grund werden zuerst die «Kundgebung» als Faksimile aus Barths ­Exemplar – mit der Transkription von Barths handschriftlichen Zusätzen – und dann Wolffs vorbereitende Notizen für seine Rede dokumentiert. Schließlich folgt Barths Diskussionsvotum, das einschließ|54lich der einleitenden und abschließenden Bemerkungen des Protokollanten und der von ihm dokumentierten Zwischenrufe wiedergegeben und hier erstmals veröffentlicht wird.

1.
Anstreichungen und Notizen
[zu: «Die Kirche. Kundgebung des Deutschen Evangelischen Kirchentages»]

Notizen Barths

[S. 3, oben:]
Wolff: «Meinungsäusserung eines beachtenswerten Kreises … vielleicht doch hinausgehoben über individ[uelle] Stellungnahme»
«Für die ich persönlich keine Verantwortung trage»9
Tiefste Innerlichkeit – Erschütterung (letztere stundenlang)

[S. 4, links:]
Völker*)
vergessen?
inopportun?
absichtlich?

[S. 4, unten:]
*Der Du durch Mannigfaltigkeit der Zungen
die Völker der ganzen Welt versammelt hast
In Einigkeit des Glaubens10

56 [S. 5:]
Von der Kirche darf man, auch wenn, gerade wenn man zur Welt redet[,]
nicht so weltlich reden. Indem sie sich so kenntlich macht, macht sie sich für
alle feineren Ohren (drinnen und draussen) unkenntlich. Christl[iche] Worte genügen
nicht bei fehlender analogia fidei.

«Geschichtsbetrachtung»11

  1. Hier wird die Kirche nicht geglaubt u[nd] bekannt, sondern als daseiende Grösse behauptet. Von Glauben oft die Rede, aber immer als von einem vorhandenen Zustand [–] stark u[nd] rein genug? [–] und möglichen Tun. Ist die sichtbare K[irche] gemeint? Dann Illusion. Oder die unsichtbare? Dann Übermut. Warum kein Wort des Gebets?

  2. Hier ist keine Spur von Busse (Hören?)      Ärmlich!
    • a) Verhältnis zum Katholizismus
    • b) Unser Verhältnis zur Reformation («gerade Linie», S. 612)
    • c) Probleme der letzten Vergangenheit:
           Cäsaropapismus, Proletariat, Theologie
    • d) Gegenwart: das rechte Wort («Sie stellen sich … Gericht!»)
                   Sind wir «kirchlich»?13

Du sprichst: Ich bin reich u[nd] habe gar satt u[nd] bedarf nichts u[nd] weisst nicht, dass du bist elend u[nd] jämmerlich, arm, blind u[nd] bloss      Off. 2,1714 (Laodicea)

57 Aus Kirchlichkeit Protest gegen diese Kirchlichkeit15

2.
Die Kirchenfrage nach der Nürnberger Erklärung16
Theologische Fachschaft Bonn.      12. 12. 30

Stichpunkte von W. Wolff

Man braucht nicht um Interesse für die Kirchenfrage zu werben, sie noch als Frage aufzuwerfen. Sie ist gestellt.

Sie ist eine Lebensfrage, als solche, wenn man Leben nicht nur individuell nimmt, gewaltiger und anspruchsvoller als viele wissen. – Sie ist eine Frage für jeden Theologen – nicht nur eine theologische Frage. Das ist sie auch und heute erst recht. Sie ist hier auch noch eine Frage. Mit Ehrfurcht und ernsthaftem Nachdenken. Sie ist aber zugleich auch eine Frage für jeden Theologen, sofern er dieser \ einer17 Kirche dienen wird, einer Kirche, seiner Kirche, dieser deutschen evangelischen Kirche.

Ich werde nicht theologisch de ecclesia reden, das mögen sie anderswo hören. Ich rede auch nicht von meiner individuellen Meinung über die Kirchenfrage. Ich rede über sie an Hand eines Dokuments, das als Meinungsäußerung immerhin so Beachtung fordern darf.

Die Bedeutung der Erklärungen des Kirchentages.

Die Bedeutung dieser Erklärung. – Selbstbesinnung, ihr Lebens- und Tatwille, ihr Dienstwille. – Selbstbesinnung von ihrem hic et nunc aus. Selbstbesinnung, von ihrem eigentlichen Grund und Wesen aus. –

Diese Selbstbesinnung ist vollzogen worden. – Plenum und Ausschuß! Einmütig in dieser Selbstbesinnung! – Einmütig auch in dem, was aus dieser Selbstbesinnung heraus gesagt worden ist.

1. Die Geschichtsbetrachtung. – 2. Die gegenwärtige Aufgabe der Kirche.
3. Die Forderung der Kirche: Der Schlußsatz!

58 1. Die Geschichtsbetrachtung! – Der Anlaß nicht nur mit Augsburg. Es liegt in der Natur der Sache! Nicht Geschichtsphilosophie – sondern Geschichtsbetrachtung. – Die eigentlich treibenden Kräfte. Das eigentlich Wirkende. Die Gegenwart öffnet die Augen für die Vergangenheit. Alles strebt auf die Kirche zu! – Man hat das oft genug anders gesehen! – Entkirchlichung des Christentums. Die freie Persönlichkeit.

Wille zur Kirche, nicht unter dem Zwang staatsrechtlicher und kirchenrechtlicher Situationen. – Eine neue Glaubenserkenntnis. Mehr als fromme Subjektivität, mehr als Jüngerschaft, als Gemeinschaft. Die Totalität des Lebens erfaßt. –

Gipfelt in der These: Gottes Werk und Mittel, durch ihren Dienst an Wort und Sakrament! – Stufenweise aufgeführt.

Ich will das nicht weiter begründen!

Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. – Sie ist kümmerlich genug. Dennoch unersetzlicher Dienst.

2. Ihre gegenwärtige Aufgabe.

1 und 2 alte Aufgaben, aus ihrem Wesen heraus. – Neu geformt18!

3. Aufruf zur Kirchlichkeit!

Sie kann tot sein! – Was haben wir die tote Kirchlichkeit gescholten19. Jeder Aufruf ein Problem! –

Ein Ruf an Alle, an die Verantwortlichen in Kirche und Staat, an die Pfarrer erst recht. – Sind unsere theologischen Studenten kirchlich[?]   

3.
Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger
­Kirchentages
zur Kirchenfrage

von Karl Barth.

Vorbemerkung: Am 12. Dezember 1930 hielt der Präses der rheinischen Provinzialkirche, D. Wolff, einen interpretierenden Vortrag zu der im Titel genannten Erklärung. Als erster Diskussionsredner sprach K. Barth:

Nach einer Begründung seines Auftretens an diesem Ort (in seinem Hörsaal!) erklärt Barth von vornherein, das ganze in Frage stehende Dokument von A–Z ablehnen zu müssen. Dies soll im Folgenden begründet werden.

59 Rundweg von A–Z in jedem Wort, denn die einzelnen Worte, die ich akzeptieren könnte, sind durch den Zusammenhang, in dem sie stehen, so anders geworden, dass auch sie alle von der Ablehnung betroffen werden. Zur Begründung will ich zunächst nur einige Sätze herausgreifen: z. B. 1. «Es war Gottes Fügung, dass die deutsche Reformation, gebunden an das Erleben und Erleiden des deutschen Volkes, in einzelnen Landeskirchen Gestalt gewann.»20 Ich beanstande die Formel «gebunden an das Erleben und Erleiden des deutschen Volkes etc. ...» Ist hier das deutsche Volk an die Reformation gebunden, oder umgekehrt? Offenbar das Letztere; dann ist aber hier die reformatorische Bewegung nicht als das verstanden, als was die Kirche sie verstehen muss, sondern sie ist historisch verstanden als ein Faktor in der Geschichte des deutschen Volkes; immerhin sind ja auch andere Völker an ihr beteiligt gewesen! 2. «... dass die Kirchen Gottes Werk und Mittel seien zum Bau der einen allgemeinen christlichen Kirche.»21 Gerade umgekehrt ist es; nicht die Einzelkirchen und Konfessionen bauen die allgemeine christliche Kirche, sondern sie alle setzen die eine christliche Kirche voraus. 3. «Gott hat der evangelischen Kirche die Kraft und damit das Recht zur Kirchenbildung gegeben.»22 Seit wann ist das ein Argument? Was könnte man in der Geschichte nicht auf diese Weise als göttlich begründen: Wo Kraft, da Recht? 4. «Die Kirche hat dem Volk einen unersetzlichen Dienst ausgerichtet, indem sie den Einzelnen und die Gemeinschaft unter den Segen des Gotteswortes gestellt hat.»23 Seit wann hat die Kirche diesen Segen in ihrer Macht, seit wann stellt sie aus eigenem Reichtum die Welt vor diesen Segen? 5. «Und dies 400 Jahre lang in guten und bösen Tagen ...»24 Was heißt das? Wollen wir hier der römischen Kirche mit ihren 2000 Jahren Konkurrenz bieten und sagen: Wir sind doch wenigstens auch schon 400 Jahre da? Auch hier wird wieder historisch geredet. 6. «... die Bindung der Gewissen an Gott, von der die Einzelnen und die Völker sich nur lösen können zu eigenem Unheil.»25 |60 Wie kommt man dazu, vorauszusetzen, dass die Bindung der Gewissen an Gott immer schon da sei, und deswegen nur eine Lösung in Frage kommen könne? 7. «... die spürbare und lebensvolle Gemeinschaft, die stärker ist als alles, was sich heute als Gemeinschaft bietet: Standesgruppen, Berufs-[,] politische und Weltanschauungsgruppen.»26 Warum sind bei diesen Dingen, die schwächer sein sollen als die Gemeinschaft, die die Kirche zu bieten hat, die Völker nicht genannt? Warum wird hier nicht betont, was später ja auch nur angedeutet wird, dass die Kirche eine über die Volksgrenzen hinausgreifende Einheit ist? Nur aus drei Gründen kann der Kirchentag das nicht erwähnt haben. Entweder er hat es vergessen (!) oder er hat es für inopportun gehalten das auszusprechen – damit würde er sich selbst richten; politisch mag das heute verständlich sein. Oder drittens, er hat es absichtlich unterlassen, d. h. er glaubt selbst nicht an diese übergreifende Gemeinschaft der Kirche.

Das alles waren nur die Präliminarien, deren Erwähnung man für kleinlich halten könnte; aber in ihnen steckt schon das Grundsätzliche, was ich gegen dieses Manifest habe und warum ich es hier öffentlich ablehnen muss:

Wer heute von Kirche reden will – und auch ich halte es für gut und nötig, dass von ihr geredet wird – der darf gerade dann, wenn er offenbar zur Welt reden will, nicht so weltlich reden von ihr, wie es hier geschieht. Nicht nur, dass hier historisch geredet wird; sondern indem die Kirche sich in dieser Weise kenntlich machen will, muss sie sich für alle feineren Ohren gerade unkenntlich machen. Dass alle die großen Worte Gott, Jesus Christus, Glaube etc. vorkommen, das mag diesem Manifest den Geschmack oder vielleicht auch das christliche Geschmäcklein geben (Ausdruck des Missfallens bei den Hörern!); aber es gibt ihm nicht christlichen Charakter. – Was mir hier durchgehend fehlt, ist das: Wenn hier von Kirche geredet wird, so geschieht das nicht so, dass die Kirche geglaubt und als geglaubte bekannt wird, sondern sie wird durchgehend als vorhandene und daseiende dargestellt. Dass von Glauben geredet wird, kann daran nichts ändern; denn immer ist von ihm die Rede als von einem bekannten und vorhandenen Zustand, der |61 in der Kirche vorausgesetzt wird als ein Tun ihrer Glieder. Auch wenn der Vortrag beteuert, dass der Glaube noch mangelhaft, noch nicht rein genug sei: da ist er jedenfalls! So sind die Sätze nicht Glaubenssätze: «Es ist Gottes Fügung», «Die Kirchen sind Gottes Werk und Mittel», «Die Kirchen haben einen Dienst ausgerichtet», «Die Kirche hat zu dienen» und am schlimmsten der letzte Satz: «Die Kirchen stellen sich unter das Gericht». Wie kommt man zu diesen Indikativen? Ist hier gemeint: die Kirche von ihrer sichtbaren Seite, etwa die rheinische Provinzialkirche oder die Kirche altpreußischer Union? Darf man von dieser Kirche in diesen Indikativen reden? Müssten uns da nicht die Worte im Halse stecken bleiben? Und wir dürfen doch nicht meinen, dass die gegenwärtige Welt, zu der das gesagt ist, geneigt ist, uns das abzunehmen! Und wenn die unsichtbare Kirche, die Kirche des Glaubens gemeint ist, ist es dann nicht Übermut, in dieser Ungebrochenheit diese Dinge hinzusetzen? Warum ist auch nicht ein Ton des Gebets zu finden? Das scheint man nicht für nötig gehalten zu haben! Dass Kirche nur da gefunden wird, wo die Offenbarung Gottes wirklich ist und wo der Mensch schreit nach dieser Offenbarung, das scheint man hier nicht zu wissen.

Ein weiterer grundlegender Punkt: Es ist trotz der Interpretation durch den Vortrag keine Spur von Buße zu finden. Gewiss, es wird zugegeben, die Kirche hat Mängel, es ist von Menschlichkeiten (Wolff: Allzumenschlichkeiten!) die Rede. Aber kommt die Erkenntnis, dass die Kirche nicht nur jetzt Buße zu tun hat, sondern in der Buße zu stehen hat, in einer Zeile dieses Manifestes vor? Die Kundgebung fängt an mit einer «Geschichtsbetrachtung»27. Wäre hier nicht Anlass gewesen, bei den Worten, dass wir die Erben der Reformation seien, sich die doch wahrhaftig ernsthafte Frage vor Augen zu stellen, dass die Reformation und die Spaltung, die sie bedeutete, ein gefährliches und fragwürdiges Unternehmen gewesen ist, wie sich wahrhaftig in diesen 400 Jahren gezeigt hat! Kann man mit dieser zuversichtlichen Ungebrochenheit einfach sagen: die Reformation ist Gottes Werk, wo doch die Entscheidung, dass damals mit dieser Trennung gefehlt wurde, haarscharf naheliegt und nur im Glauben verneint werden kann; aber |62 nicht in diesem positiven «Glauben», sondern im Glauben, der in der Finsternis glaubt. Und in welchem Verhältnis stehen wir denn zur Reformation? Sollte das nicht überlegt werden? Besteht denn wirklich, wie es Herr Präses Wolff in seinem Nürnberger Vortrag sagte, eine ungebrochene Linie von der augsburgischen Konfession zum Nürnberger Kirchentag??28

Damit komme ich zum dritten Punkt: Kommt die Kirche denn wirklich aus einer Vergangenheit her – man bedenke die letzten 100 Jahre! – wo sie nicht Anlass hätte, zurückblickend zu sagen: Da sind Dinge geschehen, die zum mindesten problematisch sind? Wäre Augsburg nicht ein Anlass gewesen, das auszusprechen? Ich nenne nur drei Dinge aus dem 19. Jahrhundert: 1. Ist es nicht so, dass die Kirche im 19. Jahrhundert aufs schärfste vor das Problem des Cäsaropapismus – um einen vorsichtigen Ausdruck zu gebrauchen – gestellt war? 2. Wie steht die Kirche angesichts der Entwicklung der sozialen Frage da? Hätte sie nicht, nachdem sie 1924, nachdem das Kind ertrunken war, die Grube zudeckte,29 heute sagen müssen: wir sind zu spät gekommen; das Kind ist tot. Und statt dessen wird geredet von der spürbaren und lebensvollen Gemeinschaft! 3. Die Theologie des 19. Jahrhunderts!! Werden wir nicht schamrot, kann man an den wirklich geschehenen Dingen so vorbeireden, wie es hier getan wird? 4. Die Gegenwart: wie stehen wir heute der Welt gegenüber? Sind wir denn eine Kirche, die in die heutigen Kämpfe wirklich ein Wort, das Wort Gottes zu sagen hat? Sind wir es oder sind wir es nicht? Mit bloßen Beteuerungen ist hier nichts ausgerichtet! Wir können hier nur bekennen: Nein, wir sind es nicht. – Wir haben allen Anlass zu unseren Quellen zurückzukehren, wir haben doch nicht etwa alles schon! Es ist doch nicht so, dass die Kirche nur in die Tasche |63 zu greifen braucht um auszuteilen. – Anscheinend stehen wir uns heute in der Kirche gegenüber als zwei Generationen, die sich absolut nicht verstehen können (Wolff lehnt das «absolut» ab!). Doch, es ist so. Es stehen sich heute zwei Kirchen in der Kirche gegenüber, die offizielle und eine, die es nicht mehr ertragen kann, dass in der bisherigen Weise geredet wird. Der Herr Präses sprach von der tiefen Erschütterung, in der diese Nürnberger Erklärung im Ausschuss zustande kam. Ja, sogar von einer stundenlangen Erschütterung! Und in solcher tiefsten, stundenlangen, inneren Erschütterung kommt dann so etwas heraus!! Ich stehe hier nicht allein; draußen stehen die anderen, die nicht zur Kirche gehören; die verstehen das nicht mehr; für sie spreche ich hier; die können nur noch und ich mit ihnen Nein, Nein, Nein sagen zu dem Ganzen! Kirchlichkeit würde für mich mindestens auch bedeuten: schärfsten und radikalsten Protest gegen das, was uns hier vorgesetzt wird!

Nach einem sensationellen Zwischenruf von Prof. Schmidt-Japing30 sprachen in der Diskussion noch Prof. K. L. Schmidt, Schmidt-Japing, H. E. Weber31 und stud. theol. Heidler32. Der Dekan, Prof. Goeters, verabschiedet den Vortragenden, nachdem dieser in einem Schlusswort sich mit Prof. Barths Einwürfen auseinanderzusetzen versucht hatte.

Sachfußnoten

1
Walther Wolff (1870–1931) gehörte damals zu den bedeutendsten Persönlichkeiten im kirchenleitenden Amt; er wurde 1919 zum Präses der rheinischen Provinzialsynode gewählt und war u. a. seit 1925 Vizepräsident der altpreußischen Generalsynode und seit 1924 Vizepräsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages.↩
2
Die Kirche. Kundgebung des Deutschen Evangelischen Kirchentages, in: Was uns die Kirche ist. Kundgebung des Deutschen Evangelischen Kirchentages zu Nürnberg, Juni 1930, Berlin-Steglitz o. J. [1930], S. 3–5 📖 (unten als Faksimile abgedruckt). Der Kirchentag fand vom 26. bis 30. Juni 1930 in Nürnberg statt. Zuvor hatten die Kirchenvertreter am 25. Juni in Augsburg das Augustana-Jubiläum gefeiert. Der Kirchentag ist dokumentiert in: Verhandlungen des dritten Deutschen Evangelischen Kirchentages 1930. Nürnberg 26. bis 30. Juni 1930, hrsg. vom Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß, Berlin o. J. [1930]. 📖↩
3
W. Wolff, Recht und Kraft der deutschen Reformation zur Kirchenbildung, in: Was uns die Kirche ist (Anm. 2), S. 6–20 📖. Vgl. auch Verhandlungen des dritten Deutschen Evangelischen Kirchentages (Anm. 2), S. 223–236 bzw. S. 302–314. 📖↩
4
V.u.kl.A. 1925–1930, S. 521–535. 📖↩
5
Vom Vortrag Wolffs sind handschriftliche Notizen erhalten (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, 8SL 010, 73 [Slg. Präses Walther Wolff]; s. unten), nach denen er vermutlich frei gesprochen hat.↩
6
Brief an K. Stoevesandt vom 29.12.1930 (KBA 9230.328).↩
7
Siehe unten, S. 64–122.↩
8
KBA 11034. Auf einem der Durchschläge vermerkte Ch. von Kirschbaum: «Nach Stenogr[amm] eines Studenten».↩
9
Beide als Zitat gekennzeichneten Aussagen finden in den Stichpunkten Wolffs zu seinem Vortrag ihre Entsprechung (s. unten), werden also während dieses Vortrags festgehalten worden sein.↩
10
Zitat aus der Antiphon «Veni sancte Spiritus, reple …» / «Komm, heiliger Geist, erfüll…» (Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, 1930, Anhang, S. 12f. [Liturgische Sätze III.: Hymnen und Strophen, Nr. 5] 📖).↩
11
Von Wolff in den – unten abgedruckten – Stichpunkten zu seinem Vortrag mehrfach gebrauchter Ausdruck.↩
12
Gemeint ist Wolff, Recht und Kraft der deutschen Reformation (Anm. 3), S. 6 📖: «Augsburg und Nürnberg 1930! Es geht eine gerade Linie ununterbrochen von dem Bekenntnis in Augsburg 1530 bis zu diesem Deutschen Evangelischen Kirchentag 1930 in Nürnberg.»↩
13
Von Wolff in Bezug auf die Theologiestudenten am Schluss seiner Stichpunkte notierte Frage.↩
14
Barth meint Apk. 3,17.↩
15
Vgl. Wolffs «Aufruf zur Kirchlichkeit» im letzten Absatz seiner Stichpunkte zum Vortrag.↩
16
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland.↩
17
«einer» nachträglich oberhalb der Zeile eingefügt.↩
18
Im Manuskript beginnt dieses Wort am Zeilenende; der deshalb nötige Trennstrich ist dort aber nur andeutungsweise zu erkennen.↩
19
Das Wort könnte auch als «zu schelten» gelesen werden.↩
20
Vgl. Die Kirche (Anm. 2), S. 3 📖.↩
21
Vgl. ebd. 📖↩
22
Vgl. ebd. 📖↩
23
Vgl. a.a.O., S. 4. 📖↩
24
Vgl. ebd. 📖↩
25
Vgl. ebd. 📖↩
26
Vgl. ebd. 📖↩
27
Diesen Begriff übernimmt Barth offensichtlich aus dem Vortrag Wolffs (vgl. oben, Anm. 11).↩
28
Siehe oben, Anm. 12.↩
29
Redewendung, die ein sinnloses Handeln beschreibt, weil das Unglück, das es zu verhindern gilt, bereits geschehen ist (vgl. Röhrich I, S. 272 📖). Gemeint ist der Kirchentag in Bethel, der sich schwerpunktmäßig mit der sozialen Notlage des deutschen Volkes befasst und als öffentliches kirchliches Wort eine «Soziale Kundgebung» verabschiedet hatte (vgl. Verhandlungen des ersten Deutschen Evangelischen Kirchentages 1924. Bethel-Bielefeld 14.–17.6.1924, hrsg. vom Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß, Berlin o. J. [1924], S. 85–103.108–122.215–243 📖).↩
30
Johann Wilhelm Schmidt-Japing (1886–1960), seit 1929 a.o. Prof. für Systematische Theologie in Bonn.↩
31
Hans Emil Weber (1882–1950), seit 1913 Prof. für Systematische Theologie in Bonn.↩
32
Vermutlich Fritz Heidler (1908–1988), späterer sächsischer Pfarrer und Kirchenrat, von 1961–1975 Leiter des Lutherischen Kirchenamtes der VELKDDR; er studierte Theologie in Tübingen, Bonn und Leipzig.↩