Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger Kirchentages zur Kirchenfrage
RANDBEMERKUNGEN ZUR ERKLÄRUNG DES NÜRNBERGER
KIRCHENTAGES ZUR KIRCHENFRAGE
Am 12. Dezember 1930 sprach
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Barth ergriff als erster Diskussionsredner das Wort. Es schloss
sich eine erregte Debatte an. Rückblickend schrieb er an
Von Barths Diskussionsvotum existiert eine protokollartige
Wiedergabe, bestehend aus drei engzeilig beschriebenen Blättern in Maschinenschrift. Sie
geht auf das Stenogramm eines – unbekannten – Studenten zurück und ist dann von
Offensichtlich dienten Barths Zusätze zum Text der «Kundgebung» unmittelbar als Konzept für seinen Redebeitrag. Aus diesem Grund werden zuerst die «Kundgebung» als Faksimile aus Barths Exemplar – mit der Transkription von Barths handschriftlichen Zusätzen – und dann Wolffs vorbereitende Notizen für seine Rede dokumentiert. Schließlich folgt Barths Diskussionsvotum, das einschließ|54lich der einleitenden und abschließenden Bemerkungen des Protokollanten und der von ihm dokumentierten Zwischenrufe wiedergegeben und hier erstmals veröffentlicht wird.
1.
Anstreichungen und Notizen
[zu: «Die Kirche. Kundgebung des Deutschen Evangelischen
Kirchentages »]
[S. 3, oben:]
«Für die ich persönlich keine Verantwortung trage»9
Tiefste Innerlichkeit – Erschütterung (letztere stundenlang)
[S. 4, links:]
Völker*)
vergessen?
inopportun?
absichtlich?
[S. 4, unten:]
*Der Du durch Mannigfaltigkeit der Zungen
die Völker der ganzen Welt versammelt hast
In Einigkeit des Glaubens10
56 [S. 5:]
Von der Kirche darf man, auch wenn, gerade wenn man zur Welt redet[,]
nicht so weltlich reden. Indem sie sich so kenntlich macht, macht sie sich für
alle feineren Ohren (drinnen und draussen) unkenntlich.
Christl[iche] Worte genügen
nicht bei fehlender analogia fidei.
«Geschichtsbetrachtung»11
- Hier wird die Kirche nicht geglaubt u[nd] bekannt, sondern als daseiende Grösse behauptet. Von Glauben oft die Rede, aber immer als von einem vorhandenen Zustand [–] stark u[nd] rein genug? [–] und möglichen Tun. Ist die sichtbare K[irche] gemeint? Dann Illusion. Oder die unsichtbare? Dann Übermut. Warum kein Wort des Gebets?
- Hier ist keine Spur von Busse (Hören?) Ärmlich!
- a) Verhältnis zum Katholizismus
- b) Unser Verhältnis zur Reformation («gerade Linie», S. 612)
- c) Probleme der letzten Vergangenheit:
Cäsaropapismus, Proletariat, Theologie
Du sprichst: Ich bin reich u[nd] habe gar satt u[nd] bedarf nichts u[nd]
weisst nicht, dass du bist elend u[nd] jämmerlich, arm, blind u[nd] bloss
57 Aus Kirchlichkeit Protest gegen diese Kirchlichkeit15
Die Kirchenfrage nach der Nürnberger Erklärung16
Stichpunkte von
Man braucht nicht um Interesse für die Kirchenfrage zu werben, sie noch als Frage aufzuwerfen. Sie ist gestellt.
Sie ist eine Lebensfrage, als solche, wenn man Leben nicht nur individuell nimmt, gewaltiger und anspruchsvoller als viele wissen. – Sie ist eine Frage für jeden Theologen – nicht nur eine theologische Frage. Das ist sie auch und heute erst recht. Sie ist hier auch noch eine Frage. Mit Ehrfurcht und ernsthaftem Nachdenken. Sie ist aber zugleich auch eine Frage für jeden Theologen, sofern er dieser \ einer17 Kirche dienen wird, einer Kirche, seiner Kirche, dieser deutschen evangelischen Kirche.
Ich werde nicht theologisch de ecclesia reden, das mögen sie anderswo hören. Ich rede auch nicht von meiner individuellen Meinung über die Kirchenfrage. Ich rede über sie an Hand eines Dokuments, das als Meinungsäußerung immerhin so Beachtung fordern darf.
Die Bedeutung der Erklärungen des
Die Bedeutung dieser Erklärung. – Selbstbesinnung, ihr Lebens- und Tatwille, ihr Dienstwille. – Selbstbesinnung von ihrem hic et nunc aus. Selbstbesinnung, von ihrem eigentlichen Grund und Wesen aus. –
Diese Selbstbesinnung ist vollzogen worden. – Plenum und Ausschuß! Einmütig in dieser Selbstbesinnung! – Einmütig auch in dem, was aus dieser Selbstbesinnung heraus gesagt worden ist.
1. Die Geschichtsbetrachtung. – 2. Die gegenwärtige
Aufgabe der Kirche.
3. Die Forderung der Kirche: Der Schlußsatz!
58 1. Die Geschichtsbetrachtung! – Der Anlaß nicht nur mit Augsburg. Es liegt in der Natur der Sache! Nicht Geschichtsphilosophie – sondern Geschichtsbetrachtung. – Die eigentlich treibenden Kräfte. Das eigentlich Wirkende. Die Gegenwart öffnet die Augen für die Vergangenheit. Alles strebt auf die Kirche zu! – Man hat das oft genug anders gesehen! – Entkirchlichung des Christentums. Die freie Persönlichkeit.
Wille zur Kirche, nicht unter dem Zwang staatsrechtlicher und kirchenrechtlicher Situationen. – Eine neue Glaubenserkenntnis. Mehr als fromme Subjektivität, mehr als Jüngerschaft, als Gemeinschaft. Die Totalität des Lebens erfaßt. –
Gipfelt in der These: Gottes Werk und Mittel, durch ihren Dienst an Wort und Sakrament! – Stufenweise aufgeführt.
Ich will das nicht weiter begründen!
Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. – Sie ist kümmerlich genug. Dennoch unersetzlicher Dienst.
2. Ihre gegenwärtige Aufgabe.
1 und 2 alte Aufgaben, aus ihrem Wesen heraus. – Neu geformt18!
3. Aufruf zur Kirchlichkeit!
Sie kann tot sein! – Was haben wir die tote Kirchlichkeit gescholten19. Jeder Aufruf ein Problem! –
Ein Ruf an Alle, an die Verantwortlichen in Kirche und Staat, an die Pfarrer erst recht. – Sind unsere theologischen Studenten kirchlich[?]
3.
Randbemerkungen zur Erklärung des Nürnberger
Kirchentages zur Kirchenfrage
Kirchentages
Vorbemerkung: Am 12. Dezember 1930 hielt der Präses der rheinischen
Provinzialkirche, D.
Nach einer Begründung seines Auftretens an diesem Ort (in seinem Hörsaal!) erklärt Barth von vornherein, das ganze in Frage stehende Dokument von A–Z ablehnen zu müssen. Dies soll im Folgenden begründet werden.
59 Rundweg von A–Z in jedem Wort, denn die einzelnen Worte, die ich akzeptieren könnte, sind durch den Zusammenhang, in dem sie stehen, so anders geworden, dass auch sie alle von der Ablehnung betroffen werden. Zur Begründung will ich zunächst nur einige Sätze herausgreifen: z. B. 1. «Es war Gottes Fügung, dass die deutsche Reformation, gebunden an das Erleben und Erleiden des deutschen Volkes, in einzelnen Landeskirchen Gestalt gewann.»20 Ich beanstande die Formel «gebunden an das Erleben und Erleiden des deutschen Volkes etc. ...» Ist hier das deutsche Volk an die Reformation gebunden, oder umgekehrt? Offenbar das Letztere; dann ist aber hier die reformatorische Bewegung nicht als das verstanden, als was die Kirche sie verstehen muss, sondern sie ist historisch verstanden als ein Faktor in der Geschichte des deutschen Volkes; immerhin sind ja auch andere Völker an ihr beteiligt gewesen! 2. «... dass die Kirchen Gottes Werk und Mittel seien zum Bau der einen allgemeinen christlichen Kirche.»21 Gerade umgekehrt ist es; nicht die Einzelkirchen und Konfessionen bauen die allgemeine christliche Kirche, sondern sie alle setzen die eine christliche Kirche voraus. 3. «Gott hat der evangelischen Kirche die Kraft und damit das Recht zur Kirchenbildung gegeben.»22 Seit wann ist das ein Argument? Was könnte man in der Geschichte nicht auf diese Weise als göttlich begründen: Wo Kraft, da Recht? 4. «Die Kirche hat dem Volk einen unersetzlichen Dienst ausgerichtet, indem sie den Einzelnen und die Gemeinschaft unter den Segen des Gotteswortes gestellt hat.»23 Seit wann hat die Kirche diesen Segen in ihrer Macht, seit wann stellt sie aus eigenem Reichtum die Welt vor diesen Segen? 5. «Und dies 400 Jahre lang in guten und bösen Tagen ...»24 Was heißt das? Wollen wir hier der römischen Kirche mit ihren 2000 Jahren Konkurrenz bieten und sagen: Wir sind doch wenigstens auch schon 400 Jahre da? Auch hier wird wieder historisch geredet. 6. «... die Bindung der Gewissen an Gott, von der die Einzelnen und die Völker sich nur lösen können zu eigenem Unheil.»25 |60 Wie kommt man dazu, vorauszusetzen, dass die Bindung der Gewissen an Gott immer schon da sei, und deswegen nur eine Lösung in Frage kommen könne? 7. «... die spürbare und lebensvolle Gemeinschaft, die stärker ist als alles, was sich heute als Gemeinschaft bietet: Standesgruppen, Berufs-[,] politische und Weltanschauungsgruppen.»26 Warum sind bei diesen Dingen, die schwächer sein sollen als die Gemeinschaft, die die Kirche zu bieten hat, die Völker nicht genannt? Warum wird hier nicht betont, was später ja auch nur angedeutet wird, dass die Kirche eine über die Volksgrenzen hinausgreifende Einheit ist? Nur aus drei Gründen kann der Kirchentag das nicht erwähnt haben. Entweder er hat es vergessen (!) oder er hat es für inopportun gehalten das auszusprechen – damit würde er sich selbst richten; politisch mag das heute verständlich sein. Oder drittens, er hat es absichtlich unterlassen, d. h. er glaubt selbst nicht an diese übergreifende Gemeinschaft der Kirche.
Das alles waren nur die Präliminarien, deren Erwähnung man für kleinlich halten könnte; aber in ihnen steckt schon das Grundsätzliche, was ich gegen dieses Manifest habe und warum ich es hier öffentlich ablehnen muss:
Wer heute von Kirche reden will – und auch ich halte es für gut und nötig, dass von ihr geredet wird – der darf gerade dann, wenn er offenbar zur Welt reden will, nicht so weltlich reden von ihr, wie es hier geschieht. Nicht nur, dass hier historisch geredet wird; sondern indem die Kirche sich in dieser Weise kenntlich machen will, muss sie sich für alle feineren Ohren gerade unkenntlich machen. Dass alle die großen Worte Gott, Jesus Christus, Glaube etc. vorkommen, das mag diesem Manifest den Geschmack oder vielleicht auch das christliche Geschmäcklein geben (Ausdruck des Missfallens bei den Hörern!); aber es gibt ihm nicht christlichen Charakter. – Was mir hier durchgehend fehlt, ist das: Wenn hier von Kirche geredet wird, so geschieht das nicht so, dass die Kirche geglaubt und als geglaubte bekannt wird, sondern sie wird durchgehend als vorhandene und daseiende dargestellt. Dass von Glauben geredet wird, kann daran nichts ändern; denn immer ist von ihm die Rede als von einem bekannten und vorhandenen Zustand, der |61 in der Kirche vorausgesetzt wird als ein Tun ihrer Glieder. Auch wenn der Vortrag beteuert, dass der Glaube noch mangelhaft, noch nicht rein genug sei: da ist er jedenfalls! So sind die Sätze nicht Glaubenssätze: «Es ist Gottes Fügung», «Die Kirchen sind Gottes Werk und Mittel», «Die Kirchen haben einen Dienst ausgerichtet», «Die Kirche hat zu dienen» und am schlimmsten der letzte Satz: «Die Kirchen stellen sich unter das Gericht». Wie kommt man zu diesen Indikativen? Ist hier gemeint: die Kirche von ihrer sichtbaren Seite, etwa die rheinische Provinzialkirche oder die Kirche altpreußischer Union? Darf man von dieser Kirche in diesen Indikativen reden? Müssten uns da nicht die Worte im Halse stecken bleiben? Und wir dürfen doch nicht meinen, dass die gegenwärtige Welt, zu der das gesagt ist, geneigt ist, uns das abzunehmen! Und wenn die unsichtbare Kirche, die Kirche des Glaubens gemeint ist, ist es dann nicht Übermut, in dieser Ungebrochenheit diese Dinge hinzusetzen? Warum ist auch nicht ein Ton des Gebets zu finden? Das scheint man nicht für nötig gehalten zu haben! Dass Kirche nur da gefunden wird, wo die Offenbarung Gottes wirklich ist und wo der Mensch schreit nach dieser Offenbarung, das scheint man hier nicht zu wissen.
Ein weiterer grundlegender Punkt: Es ist trotz der Interpretation durch den Vortrag keine
Spur von Buße zu finden. Gewiss, es
wird zugegeben, die Kirche hat Mängel, es ist von Menschlichkeiten (
Damit komme ich zum dritten Punkt: Kommt die Kirche denn wirklich aus einer Vergangenheit
her – man bedenke die letzten 100 Jahre! – wo sie nicht Anlass hätte, zurückblickend zu
sagen: Da sind Dinge geschehen, die zum mindesten problematisch sind? Wäre Augsburg nicht ein Anlass gewesen, das
auszusprechen? Ich nenne nur drei Dinge aus dem 19. Jahrhundert: 1. Ist es nicht so, dass die
Kirche im 19. Jahrhundert aufs schärfste vor das Problem des Cäsaropapismus – um einen vorsichtigen Ausdruck zu gebrauchen – gestellt war? 2. Wie
steht die Kirche angesichts der Entwicklung der sozialen Frage da? Hätte sie nicht, nachdem sie 1924, nachdem das Kind
ertrunken war, die Grube zudeckte,29 heute sagen müssen: wir sind zu spät
gekommen; das Kind ist tot. Und statt dessen wird geredet von der spürbaren und lebensvollen
Gemeinschaft! 3. Die Theologie des 19. Jahrhunderts!! Werden wir nicht schamrot, kann man an den wirklich geschehenen
Dingen so vorbeireden, wie es hier getan wird? 4. Die Gegenwart: wie stehen wir heute der
Welt gegenüber? Sind wir denn eine Kirche, die in die heutigen Kämpfe wirklich ein Wort, das
Wort Gottes zu sagen hat? Sind wir es oder sind wir es nicht? Mit bloßen Beteuerungen ist
hier nichts ausgerichtet! Wir können hier nur bekennen: Nein, wir sind es nicht. – Wir haben allen Anlass zu unseren Quellen zurückzukehren, wir haben doch nicht etwa alles schon! Es ist doch nicht so, dass die Kirche nur in die
Tasche |63 zu greifen braucht um auszuteilen. – Anscheinend stehen
wir uns heute in der Kirche gegenüber als zwei Generationen, die sich absolut nicht verstehen können (
Nach einem sensationellen Zwischenruf von Prof.