1914

Krieg, Sozialismus und Christentum [I]

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KRIEG, SOZIALISMUS UND CHRISTENTUM [I]

1914

Die zerstreute Gemeinde Oftringen mit dem bei Zofingen gelegenen Ortsteil Küngoldingen ist der westliche Nachbarort von Safenwil. Das Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei verzeichnete für die «Sozialdemokratische Partei (Grütliverein)» Oftringen 1914 39 Mitglieder.1 Der Ortsverein wurde 1885 gegründet; zur Zeit von Barths Vortrag waren 13 Mitglieder im Militärdienst, sieben waren durch den Krieg arbeitslos.2

Mit dem Manuskript hat Barth einen Zeitungsbericht über seinen Vortrag aufbewahrt, der als Anhang abgedruckt wird (s. unten S. 94–96). Es handelt sich um einen Artikel aus dem sozialdemokratischen «Neuen Freien Aargauer», der eine Vorstellung über das Verhältnis zwischen dem Stichwortkonzept und Barths mündlichem Vortrag vermittelt. Vgl. auch Barths resümierende Bemerkungen zu seinem Vortrag in Bw.Th.I, S. 21 📖.

Krieg, Sozialismus und Christentum

Vortrag in der soz[ial]dem[okratischen] Partei Oftringen 6. XII 14
(Schulhaus Küngoldingen)

R. Rolland: Das Verhalten der beiden Geistesmächte: Chr[isten]­t[um] u[nd] Soz[ialismus] ist das schwerste Problem dieses Krieges.3

In der Tat: hier ist die Frage, die unser Interesse verdient. Nicht die polit[ischen] Schuld- und die militär[ischen] Erfolgsfragen. Von ­Nationalismus, Kapitalismus, Militarismus war nichts Besseres zu |87 erwarten. Aber das ist schwierig u. wichtig, daß u. warum diese Geistesmächte versagten u. was in Zukunft werden soll.[*]

I

War denn von Chrt. und Soz.  Anderes zu erwarten? Ja, das zeigen instinktive Äußerungen u. Empfindungen bei Kriegsausbruch u. jetzt. Das zeigt uns aber auch die Überlegung über das Wesen der beiden geist[igen] Mächte.

Chr[istentum]: Was Jesus in die Welt gebracht, der Geist seines Ev[an]g[eliums]: Gott dienen u. nicht dem Mammon [Mt. 6,24], daher Aufhebung der kapitalistischen Interessen, die zum Kr[ieg] führten. Gott unser aller Vater [vgl. Mt. 20,26 par.; 23,11 par.], daher kein Völkerhaß. Dienen u. nicht herrschen [vgl. Mt. 20,25 par.], daher kein Machtkampf. Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun [vgl. Mt. 5,28–42 par.], daher kein Militarismus. Wo diese Ordnungen gelten, da ist das R[eich] G[ottes], um das der Jünger Jesu betet [vgl. Mt. 6,10 par.], da ist also kein Krieg möglich. Für Jesus so selbstverständlich, daß er kein Wort gegen d[en] Krieg sagte!!

Soz[ialismus] Eine Gesellschaftsordnung, die aufgebaut ist auf die Wertschätzung des Menschen gegenüber dem toten Kapital, auf die solidarische Verpflichtung der Menschen gegeneinander, auf die Gerechtigkeit in ihren gegenseitigen Beziehungen. In alle diese Gedanken ist die Beseitigung des Krieges mit eingeschlossen

II

Nun stehen wir beiden enttäuscht gegenüber. In doppeltem Sinn: Sie waren nicht stark genug, um den Krieg zu verhindern, immer noch nicht! Das kann uns schließlich nicht wundern[.] Die Durchdringung der Welt mit einem andern Geist ist eine langsame Sache. Schwieriger |88 ist, daß Chrt. und Soz. nicht nur nicht gesiegt haben, sondern selbst erlegen sind.

a) Christen u[nd] Soz[ialisten] «müssen» mitwirken beim Kr. durch Militärdienst, Abstimmungen u. Steuernzahlen. Eine ungeheure Tatsache: Millionen haben ihre innersten Überzeugungen verleugnen «müssen» u. haben es getan, (In diesem Stande [?] sind übrigens die große Mehrzahl aller Beteiligten «Christen» u. «Soz.»!) nicht nur in den Parlamenten. Darin liegt zweifellos eine Schuld, wenngleich sie sich auf Viele verteilt.

b) Christen u[nd] Soz[ialisten] halten aber auch innerlich den Kr. für eine Notwendigkeit. Sie halten die Ideale des Gottesreichs u. der neuen Gesellschaft für nicht anders realisierbar als innerhalb der bestehenden Nationen, mit Begleiterscheinung der nationalen Gegensätze. Nationaler Sozialismus bes[onders] in Deutschland u. Frankreich, aber auch bei uns. Nationales Chrt. bes. ausgesprochen in Deutschland. – Enttäuschung: diese innere Verbindung mit der bestehenden Welt ist viel stärker, als wir dachten. Leute wie Naumann5, Briand6, G. Müller7 haben Recht behalten – in relig[iöser] Beziehung |89 das Luthertum, das der Welt ihren Gang läßt u. dem Christen seine Aufgabe in dieser Welt zuweist unter Trost auf das Jenseits. – Vom Standpunkt der reinen Ideale aus auch das eine (u. zw.) schwere Schuld, an der wir gleichfalls fast alle teilnehmen.

c) Chr[isten] und Soz[ialisten] sind aber auch voll Kriegsbegeisterung[.] Der «heilige Krieg», Gott will es, Kriegsgebete8, Beurteilung der Feinde als Gottesfeinde. Haltung der christl[ichen] Blätter, Behörden, Persönlichkeiten. Kirche. Gemeinschaften. Missionsleute.9 |90 Erzbischof Amette.10 Dryander.11 Philippi12 – Soz. nicht besser! Haltung der deutschen u. französ[ischen] Parlamentsvertreter.13 Parteinahme des internationalen Bureaus.14 Stolz auf ihre Teilnahme und Belobigung nationalerseits. Haltung der soz[ial]dem[okratischen] Presse. – Hier schwerste Schuld!

91

III

Hüten wir uns

a) vor gedankenlosen Anklagen – gegen «die Christen», gegen z.B. die deutschen So[zial]dem[okraten], auch gegen unsere Parlamentsvertreter!! Was hätten denn wir an ihrer Stelle getan? Was würden wir tun? Wir sind die Chr. u. die Soz.!! Wir haben versagt gegenüber dem Kr.!15

b) vor gedankenlosem Weitermachen. Wir haben gesehen, daß die bisherige Art Chrt. und Soz. nicht nur nicht stark genug, sondern nicht die rechten waren (zeigt bes. II c!) Der Krieg muß uns ein Lehrmeister sein. Gott hat es dahin kommen lassen, nicht damit wir weiter wursteln, sondern damit wir umkehren u. etwas lernen sollen.

c) vor unnützen Phantasien, die uns nur Zeit u. Ernst verlieren lassen. Gedanke an ein plötzliches Wunder Gottes für den Frieden – falsche Vorstellung mancher Beter. Gedanke an Revolution oder plötzliches Waffenniederlegen. – Gewiß das Wunder etc.[,] sie müssen kommen, aber nicht wie in der laterna magica, sondern dadurch, daß wir mit unsern innersten besten Überzeugungen ernst machen.

IV

Wo fehlts denn u. was brauchen wir?

Wir brauchen einen radikalen Sozialismus, gründlich, vollständig und ernsthaft!

a) einen Soz., der an das Gerechtigkeitsgefühl, an das Göttl[iche] im Menschen appelliert, nicht an seine niedern Instinkte (Klassenhaß, Hunger, Vergnügungssucht)[.] Wir brauchen Menschen, die an eine zukünftige bessere Welt glauben rein aus Einsicht u. aus gutem Willen. Der rechte Sozialist lebt «allein durch den Glauben» [Röm. 3,28]. Andrer selbstsüchtiger Soz. bringt uns – wie Figura zeigt – nicht einen |92 Schritt weiter, sondern nur von Neuem in Inkonsequenz, Feigheit, Konzessionmacherei.

b) einen Soz.,  der einfach durch seine Wahrheit siegen will, u. nichts von der Gewinnung der Macht erwartet. Der bisherige Soz. war viel zu sehr politischer Soz.: man wollte innerhalb der bestehenden Welt Einfluß u. Macht gewinnen, man wollte wieder durch unsozialist. Mittel (Presse zur «Massenaufklärung», Mehrheitsprinzip, Mitsprache in der Regierung, Pressierung gewisser Führer etc.) sozialistische Ziele erreichen. Dadurch beging man Unrecht, damit Recht daraus werde! Und damit komplizierte man sich mit der bürgerlichen Welt. Kein Wunder, daß dieser Soz. zusammenbrechen mußte. Glaubet an die Wahrheit u. wartet!

c) einen Soz. der nichts will, als Gesinnungen pflegen u. Persönlichkeiten erziehen.[**] Der Geist macht lebendig [2.Kor. 3,6]. Klarheit von innen heraus ist nötig, volle Übereinstimmung von Gedanken u. Taten. Alles sozialist. Stimmvieh u. alle soz. Großräte16 werden die neue Welt nicht bringen. Sie wird aber einfach da sein, wenn die sozialist. Gesinnung in uns stark genug ist. Erziehen wir uns selbst dazu und die Andern.

V

Aber dann ist ein Soz. sein etwas sehr Andres, als wir bisher gedacht? Gewiß:

  • Unzufriedenheit, Begehrlichkeit < selbstlose Gerechtigkeitsliebe
  • Ungeduld[iges] Verlangen nach sichtbaren Erfolgen < kindliches Vertrauen auf die Güte der Sache
  • Macht u. Kampfpolitik < Wehrlosigkeit und Warten können
  • Politik innerhalb der bisherigen Gesellschaft < Pflege der neuen Gesinnung im Einzelnen
  • Radikaler Sozialismus = radikales Christentum.

93 Nicht das kirchliche, offizielle oder bloß gefühlsmäßige Chrt., sondern das ernste gründliche Chrt. der Urzeit: Völliges Vertrauen auf Gott, völliges Ernstmachen mit dem Evg. der Liebe, völlige Scheidung von den Grundsätzen der Welt, darum Willigkeit zu leiden u. zu warten. Stark allein in der Hoffnung. – Im Evg. ist die Kraft zu einem solchen Leben, das als bloßes Programm undurchführbar ist. Ein wirklicher Sozialist muß Christ sein u. ein wirklicher Christ muß Sozialist sein.

VI

Was sollen wir thun? Keine Politik mehr? Austritt aus der Partei? Das war die Konsequenz der Anarchisten u. gewisser christl. Sekten. (Stimmen in Zürich!)17

a) Es ist nötig u. gut, daß es immer wieder Menschen giebt, die schon jetzt diese Konsequenz ziehen. (Antimilitaristen, unpolitische Idealisten[,] Sektierer) Unruhe in der Uhr, durch Hochhaltung des reinen Ideals, dem gegenüber alle Politik Mumpitz ist. Weissagung!

b) Ebenso nötig ist es aber, daß es andre giebt, die sich in die Welt hineinstellen, nicht um ihr gleich zu werden, sondern im Glauben an ihre Wandelbarkeit u. im Willen sie zu verwandeln. Sie werden Parteimenschen sein, aber nur im Äußersten ihres Wesens. Sie werden für die Partei arbeiten, aber nicht für ihre äußere Macht[,] sondern für ihren Inhalt.

Zu Beidem ist notwendig ein unüberwindlicher Glaube an die Sache (an Gott)

c) Jedenfalls u. vor Allem Andern: Pflege u. Erhaltung einer klaren u. ernsthaften christlich-sozialistischen Gesinnung zuerst bei sich, dann bei den Seinen u. im nächsten Kreise. Dann bekommt das Leben einen Wert. Dann rücken die höchsten fernen Ziele nahe.

Matth. 5,3–8 vorlesen.

94

Anhang: Pressebericht zum Vortrag

Neuer Freier Aargauer, Jg. 9, Beilage zu Nr. 287 vom 11.12.1914, S. [1] 📖

Oftringen. (....y) Der Vortrag des Herrn Pfarrer Barth aus Safenwil über «Krieg, Sozialismus und Christentum», vom letzten Sonntag im Schulhaus Küngoldingen war recht gut besucht. Auch ca. 30 Frauen und Töchter folgten der Einladung. Herr Pfarrer Barth entledigte sich seiner Aufgabe in fast zweistündigem fließenden Vortrage. Redner erklärt, die brennendste Frage sei wohl: Warum konnten Christentum und Sozialdemokratie den Krieg nicht verhindern? Christentum und Sozialdemokratie sind in den gefahrenvollen Tagen, da sie ihre Stimme gegen den furchtbaren Krieg hätten erheben sollen, in ihren Fundamenten zusammengestürzt. Beide haben eine große Schuld auf sich geladen. Weshalb Sozialdemokratie und Christentum den Krieg nicht verhindern konnten, findet Redner den einzigen Grund darin, daß beide nicht auf realem Boden standen. Wir müssen mehr innerliche als äußerliche Sozialisten sein. Ein Wahlsieg nützt der Sozialdemokratie oft rein gar nichts, unser Kampf gegen das Bürgertum, ja selbst die Eroberung der politischen Macht im Staate führt uns nicht zum Ziele, zur Erreichung des wahren Sozialismus. Dieser muß unbedingt in der Familie aufgebaut werden und immer größere Volkskreise erfassen. Mit der zunehmenden Durchdringung des sozialistischen Geistes in der Volksseele werden sich die wirtschaftlichen Gegensätze mildern und schließlich wird an Stelle des Unrechts und der Ausbeutung, Wahrheit, Gerechtigkeit und Volkssolidarität treten. Ein Krieg wird zur Unmöglichkeit. Viele Sozialdemokraten halten viel zu viel auf ihre Partei- und Gewerkschaftskassen, sie beten sie auch in gewissem Sinne an und doch sind diese Kassen nur ein Teil des Mammons. Viele agitieren unermüdlich bei Wahlen und Abstimmungen, für die Parteipresse, für Mitgliederzuwachs in der Partei und doch sind sie innerlich nicht wahre Sozialisten. An Stelle des heutigen unsozialistischen Sozialismus, der noch viel Selbstsucht und Egoismus in sich birgt, muß ein radikaler Sozialismus treten, der nur Nächstenliebe und Volkssolidarität kennt. Durch die Erfahrungen ist Redner den Anschauungen der Herren Naine und Graber18 näher getreten.

95 Aus Briefen von hervorragenden Theologen in Deutschland, mit denen Herr Pfarrer Barth auch während des Krieges in schriftlichem Verkehr steht, verliest Redner interessante Abschnitte, aus denen hervorgeht, daß selbst die Kirche den Krieg billigt und wie bekannt den Massenmord mit der Notwendigkeit der Abwehr entschuldigt.19 Aus deutsch-religiösen Zeitschriften verliest der Vortragende ferner gereimte Verse, die nur so von Blut und Leben, für Gott, Kaiser und Vaterland triefen.20 Aus der ganzen Lehre Christi geht klar hervor, daß der Krieg nichts von Gott Gewolltes ist. Die Worte des Vortragenden klangen daher aus, daß sich die Menschheit immer aufrichten muß zu höherem edlerem Triebe und dadurch zum wahren Sozialismus und wahren Christentum gelangen.

In der Diskussion meldeten sich die Genossen Hofer (Rothrist), Burri (Aarburg) und Heß (Oftringen) zum Wort. Aus ihren Voten geht hervor, daß der Zusammenschluß der Proletarier in Parteivereinen, Gewerkschaften und Genossenschaften notwendig sei. Diese werden sich mit dem Zeitlaufe veredeln, sie winden sich spindelartig höher und höher bis zu dem vom Vortragenden gezeichneten Punkte.

96 Der Vortrag war sehr lehrreich, er sei Herrn Pfarrer Barth auch an dieser Stelle bestens verdankt. Von einem tüchtigen Parteigenossen ist ein zweiter Vortrag in Aussicht genommen und wird dieser dann im Schulhaus Dorf stattfinden.

Sachfußnoten

1
Jahrbuch der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz 1914 (s. oben S. 9, Anm. 1), S. 61 📖.↩
2
A.a.O., S. 122 📖.↩
3
Nach dem Artikel «Au-dessus de la mêlée» von Romain Rolland (1866–1944) im Journal de Genève vom 22./23. September 1914 📖, in deutscher Übersetzung auszugsweise abgedruckt in: Stimmen von der Höhe. 3. Aus Frankreich, in: NW, Jg. 8 (1914), S. 426–429; dort S. 427 📖: «Aber die zwei sittlichen Mächte, deren Schwäche durch diese Kriegsseuche am meisten offenbar geworden ist, sind das Christentum und der Sozialismus.»↩
4
Damit bezieht Barth sich auf den Vortrag vom 1. Februar 1914 im Schulhaus Küngoldingen (Gemeinde Oftringen), vgl. V.u.kl.A. 1909-1914, S. 729–733 📖.↩
[*]
Viel dazu gelernt seit dem letzten Vortrag! Wir wollen Lernende sein!4↩
5
Friedrich Naumann (1860–1919) hatte den sozialdemokratischen Gedanken immer dem Gedanken national-staatlicher Macht und Souveränität untergeordnet. In seiner Zeitschrift «Die Hilfe», Jg. 20, Nr. 32 vom 6. August 1914, S. 510 📖, notierte Naumann unter der Überschrift «Deutsche Sozialdemokratie»: «Die Sozialdemokratie stellt sich mit beiden Füßen auf den Boden der Tatsachen und wird vaterländische Arbeiterbewegung. Sie bewilligt die Kriegsausgaben und arbeitet ohne allen Unterschied mit uns allen. Das haben wir von ihr immer erwartet, aber wir wurden deshalb Träumer genannt. Jetzt im Gewitter des europäischen Krieges erfüllen sich die nationalen Hoffnungen der deutschen Idealisten.» Vgl. oben S. 48–79.↩
6
Aristide Briand (1862–1932), sozialistischer Abgeordneter, seit 1906 wiederholt Minister und französischer Ministerpräsident, gehörte in seiner Jugend dem linken Flügel der sozialistischen Partei an. Als Premierminister betonte er später jedoch die nationale Einheit und Größe Frankreichs gegenüber allem Parteigeist. Im Jahr 1910 kam es zum Bruch mit der Sozialdemokratie, als er einen Eisenbahnerstreik aus Gründen der nationalen Sicherheit unterdrückte. In einem parlamentarischen Rededuell mit Jaurès, das weltweit Aufsehen erregte, wies Briand auf die Gefahr einer entwaffneten Ostgrenze zu Deutschland hin. In grundsätzlichem Gegensatz zur französischen Sozialdemokratie dachte Briand auf den Krieg mit Deutschland hin. Vgl. z.B. A. Kolb, Versuch über Briand, Berlin, 1929, S. 157–160 📖. ↩
7
Wahrscheinlich denkt Barth an Gustav Müller (1860–1921), sozialdemokratischer Nationalrat aus Bern. Dieser war zunächst Sekretär der Radikalen Partei des Kantons Bern. 1890 trat er zur Sozialdemokratie über und vertrat diese Partei von 1911 bis 1921 im Nationalrat. Müller, der in der schweizerischen Armee zuletzt den Rang eines Artillerie-Oberstleutnants innehatte, hielt den internationalen Pazifismus für noch nicht tragfähig und setzte sich für die Beibehaltung des Konzeptes der militärischen Landesverteidigung ein (vgl. unten S. 379, Anm. 124). Er unterschrieb nach dem Parteitag vom 9./10.6.1917 (vgl. unten S. 372–381), an welchem ein antimilitaristischer Kurs beschlossen wurde, die gegen dessen Ergebnis gerichtete «Erklärung der Neun». 1919 wurde er Parteipräsident der SPS. Nach dem Parteitag vom 2.2.1919 (vgl. unten S. 437–443), an welchem gegen ­Müllers Willen beschlossen wurde, nicht an der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Bern teilzunehmen, trat Müller zurück.↩
8
BN, Jg. 70, Nr. 396 vom 23.8.1914 (2. Blatt), S. [1] 📖: «Der Kaiser hat laut ‹Deutsch. Kur.› den Evang. Oberkirchenrat ermächtigt, anzuordnen, daß in allen öffentlichen Gottesdiensten während der Dauer des Krieges bei der Liturgie in das allgemeine Kirchengebet folgendes Kriegsgebet eingeführt werde: ‹Allmächtiger, barmherziger Gott! Herr der Heerscharen! Wir bitten Dich in Demut um Deinen allmächtigen Beistand für unser deutsches Vaterland. Segne die gesamte deutsche Kriegsmacht, führe uns zum Sieg, und gib uns Gnade, daß wir auch gegen unsere Feinde uns als Christen erweisen. Laß uns bald zu einem die Ehre und die Unabhängigkeit dauernd verbürgenden Frieden gelangen!›». Vgl. auch Bw. R., S. 97, Anm. 9 📖.↩
9
Barth denkt wahrscheinlich an den Aufruf An die evangelischen Christen im Auslande, der, unterzeichnet von 29 Freunden und Mitarbeitern der Mission, darunter A. von Harnack und W. Herrmann, Anfang September 1914 von der Deutschen Evangelischen Missionshilfe verbreitet wurde (abgedruckt in der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung, Jg. 47 [1914], Nr. 36 vom 4.9.1914, Sp. 842–844 📖). Dort heißt es u. a. Sp. 842: «Gerade weil dieser Krieg unserem Volke freventlich aufgezwungen ist, trifft er uns als ein einiges Volk […]. In heiliger Begeisterung, Kampf und Tod nicht scheuend, sind wir alle im Aufblick zu Gott einmütig und freudig bereit, auch unser Letztes für unser Land und unsere Freiheit einzusetzen.»↩
10
Léon-Adolphe Kardinal Amette (1850–1920) hielt am 13. September 1914 eine Predigt, auf die sich Barth in seiner Predigt vom 18. Oktober 1914 bezieht: «Nun steht der Kardinal Erzbischof Amette vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris, hält eine feurige Ansprache an das Volk, in der er zum Kampf gegen die Deutschen auffordert, und schließt mit den Worten: ‹Es lebe Gott, es lebe die Kirche, es lebe Frankreich!›» (Predigten 1914, hrsg. von U. und J. Fähler [Gesamtausgabe, Abt. I], Zürich 1974, S. 527 📖). Vgl. dazu BN, Jg. 70, Nr. 450 vom 22.9.1914 (2. Blatt), S. [1] 📖.↩
11
Ernst von Dryander (1843–1922), Oberhofprediger in Berlin. Vgl. Predigten 1914, S. 527f. 📖: «An den Oberhofprediger des Kaisers richtete ein bedeutender französischer Geistlicher die Bitte, sie möchten, gemeinsam unterzeichnet, eine Aufforderung zu menschlicher Kriegführung an die kämpfenden Heere richten. Der Hofprediger weigerte sich, seine Unterschrift zu geben, mit der Begründung, er wolle auch nicht im Entferntesten den Anschein erwecken, als ob die deutschen Soldaten eine solche Aufforderung nötig hätten […]. Wohl aber solle man den Franzosen, den Belgiern, den Russen gehörig zusprechen.» Die Initiative war von Pastor Charles-Edouard Babut aus Nîmes gekommen; vgl. Der freie Schweizer Arbeiter, Jg. 8, Nr. 2 vom 23.10.1914, S. [1f.] 📖; Nr. 3 vom 6.11.1914, S. [2]; Nr. 6 vom 11.12.1914, S. [1f.]; Nr. 7 vom 24.12.1914, S. [2f.]; ferner Mattmüller II, S. 208 📖.↩
12
Barth denkt hier an den hessischen Pfarrer und Dichter Fritz Philippi (1869–1933); s. unten S. 95, Anm. 20.↩
13
Am 4. August 1914 stimmten sowohl die deutschen wie die französischen sozialistischen Abgeordneten dem Verlangen ihrer Regierungen nach Kriegskrediten zu. Zum Verhalten der sozialistischen Parlamentarier zu Kriegsbeginn insgesamt vgl. J. Humbert-Droz, Der Krieg und die Internationale. Die Konferenzen von Zimmerwald und Kienthal, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1964, S. 38.48 📖.↩
14
Angesichts der Kriegsgefahr fand am 29. und 30. Juli 1914 eine dringende Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros, der Zentrale der 2. Internationale, in Brüssel mit Vertretern aller betroffenen Länder statt. Als Ergebnis wurden lediglich Arbeiterdemonstrationen gegen den Krieg und für eine schiedsgerichtliche Entscheidung des österreichisch-serbischen Konfliktes, ferner ein Einwirken der einzelnen Parteien auf ihre jeweiligen Regierungen empfohlen. Damit wurden die vom sozialistischen Friedenskongress 1912 in Basel ins Auge gefassten Pläne gemeinsamer internationaler Aktionen der Arbeiterschaft im Falle eines Krieges hinfällig.↩
15
Auch die schweizerische Sozialdemokratie gab nach Kriegsausbruch zunächst ihre oppositionelle Rolle auf. Die sozialdemokratische Fraktion stimmte am 3. August 1914 im Nationalrat geschlossen für die militärische Landesverteidigung und für ein Notverordnungsrecht des Bundesrates. Diese Haltung führte innerhalb der Partei schnell zu Spaltungstendenzen (vgl. H. Egger, Die Entstehung der Kommunistischen Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes der Schweiz, Zürich 1972, S. 49f. 📖)↩
[**]
Selbst erlöst sein, bevor man andere erlösen will u. kann!↩
16
So heißen die Abgeordneten der Parlamente in einigen Kantonen der Schweiz, u. a. im Aargau.↩
17
Besonders in Zürich kam es zu einer linken Radikalisierung vor allem der «Jungburschen» W. Münzenbergs (1889–1940) und zur Stärkung anarchistischer Kräfte um den Arbeiterarzt Fr. Brupbacher (1874–1944) herum; vgl. Mattmüller II, S. 89–164 📖; H. U. Jost, Linksradikalismus in der deutschen Schweiz 1914-1918, Bern 1973, bes. S. 66–120 📖.↩
18
Charles Naine (1874–1926), einflussreicher sozialdemokratischer Nationalrat aus Neuchâtel, Mitbegründer der Schweizerischen Antimilitaristischen Liga, Mitorganisator der Zimmerwalder Konferenz, die zur direkten Vorgeschichte der Spaltung der sozialistischen Bewegung in Sozialdemokraten und Kommunisten gehört. – Ernest-Paul Graber (1875–1956), sozialdemokratischer Antimilitarist, ebenfalls für den Kanton Neuchâtel in den Nationalrat gewählt (vgl. unten S. 375, Anm. 110). – Naine und Graber enthielten sich am 3. August 1914 bei der Abstimmung über Kriegsvollmachten für den Bundesrat der Stimme und leiteten damit eine tiefgreifende Diskussion der Militärfrage in der SPS ein. Vgl. unten Sozialdemokratie und Militärwesen, S. 354–381.↩
19
Laut Barths Brief an Helene Rade vom 20.12.1914 (Bw. R., S. 128 📖) teilte Barth Ausschnitte aus Wilhelm Herrmanns Brief an ihn vom 14.11.1914 (KBA 9314.147) mit, in dem es u. a. heißt: Wir sind «durch englische Lüge und russische Barbarei gezwungen», «das Blut unserer Söhne zum Kampf gegen diese schlimmsten Feinde der Menschheit herzugeben».↩
20
Laut Barths Brief an Helene Rade vom 20.12.1914 (Bw. R., S. 128 📖) las Barth zwei Gedichte von Fr. Philippi vor (ChW, Jg. 28 [1914], Sp. 869 und Sp. 823 📖):

Der Kaiser

Du bist der Kaiser! ..
Von Gottes Gnaden bist dus ganz,
da dich dein kämpfend Volk gesegnet:
Heil dir im Siegerkranz!

Der Köpfe Haupt! ..
Du bist der Herzog des Weltenbrands.
Dich grüßt der sterbende Blick der Krieger:
Herrscher des Vaterlands!

Du bist so deutsch! ..
Die Schlachten brüllen vor dir sich heiser.
Wir beten, wie wir noch nie gebetet:
Gott, schütz uns den Kaiser!

Kriegslieder
                          6

Wir sind das Volk des Zorns geworden.
Wir denken nur noch an Krieg.
Wir beten als grimmiger Männerorden,
bluteingeschworen, um Sieg!

Wir üben Gottes allmächtigen Willen,
und seiner Gerechtigkeit Schrei
wolln wir an den Frevlern rächend erfüllen
voll heiliger Raserei.

Uns rufet Gott in mordende Schlachten.
Und stürzen drob Welten ein,
wir müßten selber uns gottlos achten,
soll Deutschland verloren sein.

Als Kriegs-Zuchtrute sind wir gebunden;
blitzflammend wir zucken empor ...
Als Rosengarten blühn unsere Wunden
fromm an dem himmlischen Tor.

Hab Dank, Herrgott! Dein zornig Wecken
tilgt unsere sündige Art.
Nun schlagen wir als dein eiserner Stecken
allen Feinden in den Bart!
↩