Krieg, Sozialismus und Christentum [I]
KRIEG, SOZIALISMUS UND CHRISTENTUM [I]
Die zerstreute Gemeinde
Mit dem Manuskript hat Barth einen Zeitungsbericht über seinen Vortrag aufbewahrt, der als Anhang abgedruckt wird (s. unten S. 94–96). Es handelt sich um einen Artikel aus dem sozialdemokratischen «
Krieg, Sozialismus und Christentum
(Schulhaus
In der Tat: hier ist die Frage, die unser Interesse verdient. Nicht die polit[ischen] Schuld- und die militär[ischen] Erfolgsfragen. Von Nationalismus, Kapitalismus, Militarismus war nichts Besseres zu |87 erwarten. Aber das ist schwierig u. wichtig, daß u. warum diese Geistesmächte versagten u. was in Zukunft werden soll.[*]
I
War denn von Chrt. und Soz. Anderes zu erwarten? Ja, das zeigen instinktive Äußerungen u. Empfindungen bei Kriegsausbruch u. jetzt. Das zeigt uns aber auch die Überlegung über das Wesen der beiden geist[igen] Mächte.
Chr[istentum]: Was Jesus in die Welt gebracht, der Geist seines Ev[an]g[eliums]: Gott dienen u. nicht dem Mammon [
Soz[ialismus] Eine Gesellschaftsordnung, die aufgebaut ist auf die Wertschätzung des Menschen gegenüber dem toten Kapital, auf die solidarische Verpflichtung der Menschen gegeneinander, auf die Gerechtigkeit in ihren gegenseitigen Beziehungen. In alle diese Gedanken ist die Beseitigung des Krieges mit eingeschlossen
II
Nun stehen wir beiden enttäuscht gegenüber. In doppeltem Sinn: Sie waren nicht stark genug, um den Krieg zu verhindern, immer noch nicht! Das kann uns schließlich nicht wundern[.] Die Durchdringung der Welt mit einem andern Geist ist eine langsame Sache. Schwieriger |88 ist, daß Chrt. und Soz. nicht nur nicht gesiegt haben, sondern selbst erlegen sind.
a) Christen u[nd] Soz[ialisten] «müssen» mitwirken beim Kr. durch Militärdienst, Abstimmungen u. Steuernzahlen. Eine ungeheure Tatsache: Millionen haben ihre innersten Überzeugungen verleugnen «müssen» u. haben es getan, (In diesem Stande [?] sind übrigens die große Mehrzahl aller Beteiligten «Christen» u. «Soz.»!) nicht nur in den Parlamenten. Darin liegt zweifellos eine Schuld, wenngleich sie sich auf Viele verteilt.
b) Christen u[nd] Soz[ialisten] halten aber auch innerlich den Kr. für eine Notwendigkeit. Sie halten die Ideale des Gottesreichs u. der neuen Gesellschaft für nicht anders realisierbar als innerhalb der bestehenden Nationen, mit Begleiterscheinung der nationalen Gegensätze. Nationaler Sozialismus bes[onders] in
c) Chr[isten] und Soz[ialisten] sind aber auch voll Kriegsbegeisterung[.] Der «heilige Krieg», Gott will es, Kriegsgebete8, Beurteilung der Feinde als Gottesfeinde. Haltung der christl[ichen] Blätter, Behörden, Persönlichkeiten. Kirche. Gemeinschaften. Missionsleute.9 |90 Erzbischof
III
Hüten wir uns
a) vor gedankenlosen Anklagen – gegen «die Christen», gegen z.B. die deutschen So[zial]dem[okraten], auch gegen unsere Parlamentsvertreter!! Was hätten denn wir an ihrer Stelle getan? Was würden wir tun? Wir sind die Chr. u. die Soz.!! Wir haben versagt gegenüber dem Kr.!15
b) vor gedankenlosem Weitermachen. Wir haben gesehen, daß die bisherige Art Chrt. und Soz. nicht nur nicht stark genug, sondern nicht die rechten waren (zeigt bes. II c!) Der Krieg muß uns ein Lehrmeister sein. Gott hat es dahin kommen lassen, nicht damit wir weiter wursteln, sondern damit wir umkehren u. etwas lernen sollen.
c) vor unnützen Phantasien, die uns nur Zeit u. Ernst verlieren lassen. Gedanke an ein plötzliches Wunder Gottes für den Frieden – falsche Vorstellung mancher Beter. Gedanke an Revolution oder plötzliches Waffenniederlegen. – Gewiß das Wunder etc.[,] sie müssen kommen, aber nicht wie in der laterna magica, sondern dadurch, daß wir mit unsern innersten besten Überzeugungen ernst machen.
IV
Wo fehlts denn u. was brauchen wir?
Wir brauchen einen radikalen Sozialismus, gründlich, vollständig und ernsthaft!
a) einen Soz., der an das Gerechtigkeitsgefühl, an das Göttl[iche] im Menschen appelliert, nicht an seine niedern Instinkte (Klassenhaß, Hunger, Vergnügungssucht)[.] Wir brauchen Menschen, die an eine zukünftige bessere Welt glauben rein aus Einsicht u. aus gutem Willen. Der rechte Sozialist lebt «allein durch den Glauben» [
b) einen Soz., der einfach durch seine Wahrheit siegen will, u. nichts von der Gewinnung der Macht erwartet. Der bisherige Soz. war viel zu sehr politischer Soz.: man wollte innerhalb der bestehenden Welt Einfluß u. Macht gewinnen, man wollte wieder durch unsozialist. Mittel (Presse zur «Massenaufklärung», Mehrheitsprinzip, Mitsprache in der Regierung, Pressierung gewisser Führer etc.) sozialistische Ziele erreichen. Dadurch beging man Unrecht, damit Recht daraus werde! Und damit komplizierte man sich mit der bürgerlichen Welt. Kein Wunder, daß dieser Soz. zusammenbrechen mußte. Glaubet an die Wahrheit u. wartet!
c) einen Soz. der nichts will, als Gesinnungen pflegen u. Persönlichkeiten erziehen.[**] Der Geist macht lebendig [
V
Aber dann ist ein Soz. sein etwas sehr Andres, als wir bisher gedacht? Gewiß:
- Unzufriedenheit, Begehrlichkeit < selbstlose Gerechtigkeitsliebe
- Ungeduld[iges] Verlangen nach sichtbaren Erfolgen < kindliches Vertrauen auf die Güte der Sache
- Macht u. Kampfpolitik < Wehrlosigkeit und Warten können
- Politik innerhalb der bisherigen Gesellschaft < Pflege der neuen Gesinnung im Einzelnen
- Radikaler Sozialismus = radikales Christentum.
93 Nicht das kirchliche, offizielle oder bloß gefühlsmäßige Chrt., sondern das ernste gründliche Chrt. der Urzeit: Völliges Vertrauen auf Gott, völliges Ernstmachen mit dem Evg. der Liebe, völlige Scheidung von den Grundsätzen der Welt, darum Willigkeit zu leiden u. zu warten. Stark allein in der Hoffnung. – Im Evg. ist die Kraft zu einem solchen Leben, das als bloßes Programm undurchführbar ist. Ein wirklicher Sozialist muß Christ sein u. ein wirklicher Christ muß Sozialist sein.
VI
Was sollen wir thun? Keine Politik mehr? Austritt aus der Partei? Das war die Konsequenz der Anarchisten u. gewisser christl. Sekten. (Stimmen in
a) Es ist nötig u. gut, daß es immer wieder Menschen giebt, die schon jetzt diese Konsequenz ziehen. (Antimilitaristen, unpolitische Idealisten[,] Sektierer) Unruhe in der Uhr, durch Hochhaltung des reinen Ideals, dem gegenüber alle Politik Mumpitz ist. Weissagung!
b) Ebenso nötig ist es aber, daß es andre giebt, die sich in die Welt hineinstellen, nicht um ihr gleich zu werden, sondern im Glauben an ihre Wandelbarkeit u. im Willen sie zu verwandeln. Sie werden Parteimenschen sein, aber nur im Äußersten ihres Wesens. Sie werden für die Partei arbeiten, aber nicht für ihre äußere Macht[,] sondern für ihren Inhalt.
Zu Beidem ist notwendig ein unüberwindlicher Glaube an die Sache (an Gott)
c) Jedenfalls u. vor Allem Andern: Pflege u. Erhaltung einer klaren u. ernsthaften christlich-sozialistischen Gesinnung zuerst bei sich, dann bei den Seinen u. im nächsten Kreise. Dann bekommt das Leben einen Wert. Dann rücken die höchsten fernen Ziele nahe.
Anhang: Pressebericht zum Vortrag
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Aus Briefen von hervorragenden Theologen in
In der Diskussion meldeten sich die Genossen
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Der Vortrag war sehr lehrreich, er sei Herrn Pfarrer